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Der stille Sammler

Über die Autorin

Becky Masterman arbeitet seit vielen Jahren in einem amerikanischen Verlag, der auf forensische Fachliteratur spezialisiert ist. Ihr Debüt, DER STILLE SAMMLER, wurde begeistert besprochen und hielt sich wochenlang auf der Spiegel-Bestsellerliste. Becky Masterman lebt mit ihrem Mann in Tuscon, Arizona.

Becky Masterman

Der stille Sammler

Thriller

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch
von Axel Merz

BASTEI ENTERTAINMENT

Prolog

Gerald Peasil saß in seinem Van auf der Golder Ranch Road Bridge und begutachtete seine nächste Freundin, während der Motor leise im Leerlauf brummte. Sein Ellbogen lehnte im offenen Fenster, das Gesicht auf dem Unterarm. Das Gefühl, wie seine Lippen leicht auf den Härchen hin und her glitten, erregte ihn, ebenso der salzig-saure Geruch seiner Haut. Er hatte es nicht eilig, sich der Braut vorzustellen. Die Vorfreude auf das Kennenlernen war Teil des Nervenkitzels.

Die kleine Frau stocherte zwischen den Felsen im ausgetrockneten Flussbett herum. Sie war zu beschäftigt, als dass sie Gerald bemerkt hätte. Er betrachtete sie. Das Foto der Braut war vielversprechender gewesen: Ein paar graue Haarsträhnen lugten unter ihrem khakifarbenen Hut aus Segeltuch hervor, und sie stützte sich auf einen Gehstock, wenn sie sich nach vorn beugte, um einen Stein zu untersuchen. Aber sie war schlank und zierlich und hielt sich so gerade, dass sie fast noch als scharf durchgegangen wäre.

Die Vorstellung einer scharfen Oma machte Gerald ein bisschen Angst, aber egal. Wahrscheinlich war es eine halbe Ewigkeit her, seit jemand der Tussi Aufmerksamkeit geschenkt hatte, und über die Zuwendung eines jüngeren Mannes würde sie sich ganz sicher freuen. Gerald schob die freie Hand unter seine dünne Nylon-Trainingsshorts, spielte an sich herum und dachte an seine Mutter. Sie hatte ihn immer hart angefasst, um ihn davon abzubringen, an sich herumzufummeln – bis er groß und stark genug gewesen war, um Mom ihre teure Amway-Bratpfanne vor den Busen zu schmettern. Dad fand das lustig und hatte ihn bloß ermahnt, sich einen Gegner zu suchen, der so groß war wie er selbst. Jedenfalls, von da an war es gefährlich, Gerald zu sagen, er solle nicht an sich herumspielen. Wer diesen Fehler beging, lief Gefahr, die eigenen Zähne zu schlucken.

Gerald ließ den Van langsam von der Brücke rollen und bog nach links ab, den steilen Hügel hinunter bis zur Böschung über dem trockenen Flussbett. Wieder hielt er an und blickte die weite sandige Fläche hinauf und hinunter.

Die Augustsonne brannte vom Himmel, aber es war keine trockene Hitze. Stattdessen zeigte der Boden die Farbe von nassem Beton. In den Tagen zuvor hatte der Sommermonsun heftige Unwetter auf die Wüste niedergehen lassen, und im staubigen Sand waren dunkle Rinnsale, wo der Untergrund mit Regenwasser gesättigt war. Wenn in den Catalina Mountains, dem Quellgebiet, noch so ein Unwetter tobte wie letzte Nacht, würde der Fluss sich in einen reißenden Strom verwandeln.

Doch im Augenblick konnte man durch das trockene Flussbett laufen, so wie die geile Alte jetzt. Während Gerald sie beobachtete, verschwand sie aus seinem Blickfeld. Er machte sich deshalb keine Gedanken. Schließlich konnte die Frau ihn auch nicht sehen, und das verschaffte ihm alle Zeit, sich zu überlegen, was er als Nächstes tun sollte. Und danach, und danach.

Und danach.

Gerald ließ den Wagen weiterrollen und bog auf den unbefestigten Weg ein, der bis ganz hinunter zum Fluss führte. Er hielt genau dort, wo der feste Untergrund endete und der weiche Flusssand begann. Dann wendete er den Van, indem er dreimal vor- und zurücksetzte, bis er in Richtung Hügel schauen konnte und die Hecktüren des Vans zum Fluss zeigten, was das Beladen vereinfachte. Außerdem konnte er einen schnellen Abgang machen, sollten er und die Braut unerwartet Gesellschaft bekommen.

Gerald zerbrach sich nicht den Kopf darüber, ob die Frau den Motor hörte oder nicht. Ein zweiter unbefestigter Fahrweg am Flussufer zeigte ihm, dass hin und wieder andere Fahrzeuge hier entlangfuhren, also würde die Frau beim Geräusch seines Wagens bestimmt nicht erschrecken. Wahrscheinlich war sie ohnehin schwerhörig. Bei diesem Gedanken stieß Gerald ein leises belustigtes Schnaufen aus.

Er riss den Handbremshebel hoch, stieg aus und überprüfte, ob der blaue Plastik-Duschvorhang ordentlich im Heck ausgebreitet lag und die Fesselbänder leicht erreichbar waren. Eine Zange war aus ihrem Fach in der Seitenwand gerutscht. Gerald legte sie zurück. Ein Platz für jedes Ding, und jedes Ding an seinen Platz.

Als er mit den Vorbereitungen fertig war, zog er eine Rolle Gewebeband aus einer kleinen Kiste und riss ein zwanzig Zentimeter langes Stück ab, das er sich auf die Vorderseite seines ärmellosen T-Shirts klebte, sodass es griffbereit war, wenn er es brauchte. Dann schloss er die Hecktüren des Vans bis auf einen kleinen Spalt.

Er schaute sich ein letztes Mal um und ließ den Blick prüfend über beide Ufer des trockenen Flussbetts schweifen. Alles paletti. Ein paar Fertighäuser am Hang, sonst nichts. Eine absolut geile Stelle, wie aus einem maßgefertigten feuchten Traum. Kein großes Tamtam, wie es sonst manchmal nötig war, um eine Braut in den Van zu bugsieren. Gerald befingerte das rechteckige Stück Folie, das er an einer Schnur um den Hals trug, und schob es unter sein T-Shirt.

Seine Flipflops rutschten weg, als er auf dem feinen Kies der Böschung zum Flussbett hinunterstieg, aber er fing sich. Er schob sich eine fettige Haarsträhne hinters Ohr und zog seine Sachen noch einmal glatt, bis er sich ansehnlich genug fühlte, um sich seinem Date zu nähern.

Die Frau schien ihn nicht zu bemerken, während sie mit ihren dicken Gartenhandschuhen einen Stein nach dem anderen hochhob, umdrehte, musterte und entweder wegwarf oder in einen staubigen olivgrünen Rucksack packte, der auf einem Felsblock lag. Es war ein gutes Zeichen, dass sie ihn ignorierte. Wenn sie einen nicht anschauten, hatten sie meistens Angst. Und Angst war immer ein gutes Zeichen.

Gerald beobachtete, wie sie sich vornüberbeugte und mit nur einer Hand einen Stein aufhob, der gut und gerne zweieinhalb Kilo wog. Sie machte sogar ein paar Armbeugen damit. Hm, vielleicht war sie doch nicht so alt?

Dann war er nahe genug heran, dass er es sehen konnte. Ja, sie war die, nach der er gesucht hatte, und sie war reif. Nettes Gesicht – gezeichnet von der Trockenheit der Wüste, aber nicht runzlig, sondern weich und ebenmäßig. Gerald sog unwillkürlich die Luft ein, als er sich vorstellte, mit der Zunge die Linien dieses Gesichts nachzuziehen. Sommersprossen bedeckten jenen Teil ihres Dekolletees, der über dem Halsausschnitt des T-Shirts zu sehen war. Sie wirkte so zierlich, so zart, dass er sich fragte, ob ihre Hüftknochen vielleicht schon brachen, wenn er ihr die Beine spreizte. Bei dem Gedanken an berstende Knochen bekam er einen gewaltigen Ständer.

Die Frau nahm ihren Hut ab und wischte sich übers Gesicht. Die Haare, die von der Brücke aus grau ausgesehen hatten, leuchteten weiß im Licht der Morgensonne.

Die Reflexion des Sonnenlichts rief Gerald in Erinnerung, wie verdammt heiß es war. Vierzig Grad mindestens, vielleicht noch mehr. Und schwüler als gewöhnlich. Man konnte beinahe spüren, wie der Dampf aus dem feuchten Sand aufstieg. Sein Schädel juckte, und er kratzte sich die Kopfhaut, pulte dann die weißen fettigen Schuppen unter den Fingernägeln hervor, während er sich seinen Weg über den Sand des Flussbetts suchte, der in der Hitze rasch härter wurde.

Ein Rinnsal aus Schweiß lief an den Innenseiten seiner Oberschenkel hinunter, passend zum feuchten Schimmer auf der Haut der Frau, wo der Halsausschnitt ihres T-Shirts ein V zwischen den weichen Polstern ihrer Brüste bildete. Zehn Grad weniger hätten die Sache viel angenehmer gemacht. Die meisten Kollegen, die Geralds Vorlieben teilten, verrichteten ihre Arbeit nachts, doch wenn man auf ältere Damen stand, musste man die Gelegenheit beim Schopf packen, wo immer sie sich bot, denn die meisten von ihnen standen mit den Hühnern auf und gingen bei Einbruch der Dunkelheit ins Bett.

Für einen Moment rissen Geralds Erinnerungen ihn fort von diesem Flussbett, an andere Orte und zu anderen Bräuten. Als er dann abrupt ins Hier und Jetzt zurückkehrte, stellte er zu seinem Erstaunen fest, dass die Frau ihn betrachtete. Kein freundliches »Hi«, kein Lächeln, nur ein kühles Mustern, mit unbewegtem Blick. Die Hand, die den Stein hielt, war in der Bewegung erstarrt.

Sie stand so regungslos da, dass es Gerald beinahe unheimlich wurde. Eine Zeit lang spielte er sogar mit dem Gedanken, die ganze Sache abzublasen. Dann aber rief er sich in Erinnerung, dass hier mehr auf dem Spiel stand als bloße Befriedigung.

»Tagchen!«, sagte er zu der Braut. Er verspürte den beinahe unerträglichen Drang, an seinen Eiern herumzuspielen, aber er wusste natürlich, dass so etwas auf eine neue Bekanntschaft ziemlich abstoßend wirken konnte.

»Hallo«, sagte sie. Der Klang ihrer Stimme ließ seinen Penis wieder anschwellen. Es war eine eigenartige Stimme, nicht hoch und dünn wie bei den meisten alten Wachteln, sondern klangvoll und kräftig. Sie starrte auf seinen Schritt und bemerkte seine Latte, die sich durch die Shorts abzeichnete. Zu seinem Entzücken sah Gerald, wie sie den Kopf hochriss und leicht zu zittern anfing.

Wie geil, dachte er. Wer weiß, wie lange sie keinen Ständer mehr gesehen hat. Vielleicht ist sie selbst ganz scharf, das alte Luder.

»Alles klar hier unten?«, fragte er und scharrte lässig mit den Gummisohlen seiner Flipflops im Sand, um zu zeigen, dass er völlig entspannt war. Die Frau musste wieder ruhiger werden, bis er nahe genug an sie herankam. Nur keine Panik.

Ihre Blicke huschten verstohlen an ihm vorbei – rechts, links, wieder rechts – und suchten mit der verzweifelten Inbrunst eines Gebets die Mesquitebäume an den Ufern des Flussbetts ab. Sie setzte zum Reden an, hustete und sagte krächzend: »Ja, danke.« Nervös scharrte sie mit dem Gehstock im Sand.

»Verdammt heiß heute, was? Und obendrein ist Mittag«, sagte Gerald. »Sie könnten dehydriert sein, bevor Sie’s merken, und niemand ist in der Nähe.« Mit diesen Worten machte er einen weiteren Schritt vor, nicht direkt auf sie zu, sondern ein wenig nach rechts – wie ein Kojote, der leicht zur Seite weicht, während sein Instinkt daran arbeitet, wie er sich seiner Beute am besten nähern kann.

Die Braut bestritt gar nicht erst, dass sie allein war. »Ich habe Wasser dabei«, sagte sie und deutete auf den Rucksack, der auf dem Felsblock lag. Als sie ein Motorgeräusch hörte, drehte sie den Kopf und schaute zur Brücke und auf das einsame Auto, das darüberfuhr. Mit einem flehenden Ausdruck blickte sie dem Wagen hinterher, bis er verschwunden war, machte aber nicht den Versuch, die Aufmerksamkeit des Fahrers zu erregen.

Seltsam, dass die meisten von ihnen nicht um Hilfe schreien, ging es Gerald durch den Kopf. Als wären sie lieber tot als in der peinlichen Situation, sich geirrt zu haben.

Die Frau drehte sich wieder zu ihm um. Sie wirkte erschrocken, als hätte sie Angst, zu lange weggeschaut zu haben. »Ich möchte weiter nach Steinen suchen. Bitte.«

»Was ist mit den Steinen?«, fragte Gerald kopfschüttelnd und machte wieder einen Schritt auf sie zu, dieses Mal leicht nach links versetzt.

»Ach, nichts. Ich interessiere mich bloß dafür.«

»Sind Sie eine … wie nennt man das gleich?«

»Geologin?«

Wieder stand die Frau regungslos da, wie erstarrt. Gerald konnte sich beinahe vorstellen, wo sich ihre Zunge befand, nachdem das »N« verklungen war.

Wieder ein Schritt näher, diesmal nach rechts. »Ja, genau«, sagte Gerald. »Geologin.«

»Nein. Bitte, lassen Sie mich …« Sie stockte mitten im Satz, als hätte sie Angst, ihre schlimmsten Befürchtungen könnten Wirklichkeit werden, wenn sie Gerald anbettelte, oder als würden die Worte ihre Verwundbarkeit allzu deutlich machen.

»’nen schönen Stein haben Sie da.« Gerald hatte sich immer näher an die Frau herangeschoben, während sie geredet hatten, rechts und links, wie die kleinen Rinnsale im Sand, links und rechts, damit sie es nicht vorzeitig mit der Angst zu tun bekam und stiften ging. Manchmal konnten selbst die älteren Bräute einen ganz schönen Sprint hinlegen, und es war viel zu heiß, um hinter ihr herzurennen.

Doch die hier stand wie angewurzelt da, aufgeschreckt und unentschlossen zugleich, und hielt ihren Gehstock gepackt. Sie ließ Gerald bis auf einen Meter herankommen. Ihre Regungslosigkeit verunsicherte ihn. Dann erinnerte er sich, gelesen zu haben, dass Menschen vor Angst wie gelähmt sein konnten. Ja, die hier machte ganz den Eindruck. Vielleicht ließ sie sich einfach auf den Arm nehmen wie eine Schaufensterpuppe und zum Van tragen. Gerald stieß ein schnaufendes Lachen aus. Eine lustige Vorstellung. Das musste er ihr nachher, bevor er sich näher mit ihr beschäftigte, unbedingt erzählen.

Die Hand der Frau, die den Stein hielt, bewegte sich unvermittelt. Sie packte den Brocken fester.

»Der sieht schwer aus«, sagte Gerald. »Warten Sie, ich helfe Ihnen.«

»Nein.« Sie dehnte das Wort, dass es wie eine Bitte klang.

Dann war Gerald nah genug. Schnell wie ein Blitz überwand er die Distanz zwischen ihnen und schmetterte ihr den Felsbrocken aus der Hand, sodass sie ihm das Ding nicht auf den Fuß werfen konnte. Dann glitt er zwei schnelle Schritte zurück, um zu sehen, wie sie reagierte.

Sie reagierte überhaupt nicht. Sie rührte sich nicht einmal.

Scheiße, bekam die Alte denn gar keine Angst? Wenn sie keinen Schiss hatte, machte die Sache keinen Spaß. War sie nicht mehr ganz richtig in der Birne? Von wegen Altersschwachsinn und so?

Gerald leckte sich die Lippen. Er hatte noch nie eine Schwachsinnige gehabt. Vielleicht musste seine Botschaft direkter sein, unmissverständlicher. Okay, konnte sie haben. Er zupfte an der Schnur um seinen Hals und zog das in Plastik eingepackte Kondom hervor. Nicht, dass er es gebraucht hätte – es würde keine Beweise geben. Das Kondom sollte die Bräute nur glauben machen, er würde ihnen nichts tun.

Die Frau musterte das kleine Päckchen, das nun über seinem T-Shirt hing.

Vielleicht begriff sie jetzt.

Ihre Augen weiteten sich.

»Warum …?«, fragte sie.

Ah, endlich spiegelte sich Angst auf ihrem Gesicht. Gerald wusste, dass diese Angst sie jetzt nicht mehr loslassen würde.

Jetzt!

Er grunzte, als er nach vorn sprang, ihr Handgelenk packte und ihr den Arm auf den Rücken drehte. Mit der anderen Hand riss er das Klebeband von seinem Hemd und presste es ihr auf den Mund.

Die Frau schlug mit ihrem Gehstock nach ihm. Eigentlich war es mehr ein Holzstab, wie man ihn im Baumarkt kaufen konnte, leicht wie Balsa. Als der Stock Geralds Hüfte traf, spürte er es kaum. Er hielt sie fest gepackt.

Jetzt kam der gefährlichste Teil: die fünfzig Meter zum Van. Wenn ein Wagen über die Brücke fuhr und der Fahrer zufällig nach unten schaute, würde er sehen, wie die Alte sich wehrte. Doch sie war klein und schwächer, als Gerald angenommen hatte. Seltsam, wo sie den Stein doch mit Leichtigkeit hochgehoben hatte. Na, egal. Jetzt konnte sie nur noch zappeln und strampeln, und das tat sie nach Leibeskräften. Gerald trat ihr in die Kniekehlen, sodass ihre Beine nachgaben; das machte den Rest des Weges einfacher.

Ein kräftiger Stoß mit dem Knie in ihre Kehrseite, dann war sie im Lieferwagen und lag mit rollenden Augen auf dem ausgebreiteten Duschvorhang. Gerald sah, dass sie das getrocknete Blut unter dem Vorhang bemerkte. Das Klebeband hinderte sie am Schreien, während sie versuchte, sich an der Rückwand ganz klein zu machen, was Gerald die Gelegenheit verschaffte, die Türen des Wagens zu schließen und seine Beute einzusperren, bevor er mit ihr zu seinem Unterschlupf nach San Manuel fuhr, fünfundvierzig Minuten in nördlicher Richtung.

Nun, da sie beide im Wagen waren, sicher und ungestört, nahm Gerald sich einen Moment Zeit, die Braut eingehender zu betrachten. Noch immer duckte sie sich verängstigt an die Rückwand. Offenbar saß der Schock bei ihr so tief, dass sie gar nicht ihre freien Hände bemerkte, mit denen sie das Klebeband vom Mund hätte reißen können. Ihr Hut war im Flussbett liegen geblieben. Ihre Haare, von denen Gerald anfangs nur die Spitzen unter der Krempe erspäht hatte, fielen in üppigen weißen Locken bis fast auf ihre Schultern.

Eine Zeit lang war ihr keuchender Atem das einzige Geräusch im Van. Irgendwie war es ihr gelungen, den Stock festzuhalten. Nun hielt sie ihn auf Gerald gerichtet, ohne zu ahnen, dass das Ding ungefähr so bedrohlich wirkte wie ein Essstäbchen. Er streckte die Hand danach aus, die Handfläche nach oben gerichtet, und blickte ihr dabei in die Augen.

»Gib mir den Stock. Komm schon, Süße. Gib mir den Stock. Ich tu dir nicht weh. Ich wollte nur, dass wir beide aus der Sonne sind. Damit wir ein bisschen über Steine plaudern können.« Er stieß ein schnaubendes Lachen aus, packte den Stock und sog scharf die Luft ein, als ein sengender Schmerz seine Hand durchzuckte. Er ließ den Stock los und starrte verwundert auf einen tiefen Schnitt, der von der Spitze seines Zeigefingers bis zum Handgelenk verlief. Blut sickerte aus der Wunde. Scheiße, wie war das denn passiert? Dann erst sah er, dass es kein einfacher Stock war, den die Braut in der Hand hielt. Es war ein Stock mit einer spitzen, abgeschrägten Klinge am Ende, ähnlich wie ein Teppichmesser.

Er sah das Blut, bevor er den Schmerz spürte, und er spürte den Schmerz, bevor Wut in ihm aufstieg.

Die Frau riss sich das Klebeband halb von den Lippen und verzog die Seite des Mundes, die nun freilag, zu einer Grimasse.

*

Ihre Gedanken rasten.

In dem winzigen Augenblick, als sie beobachtete, wie der Schmerz sein Bewusstsein überschwemmte, wie er die Absurdität des Angriffs durch eine Frau verarbeitete, die eben noch paralysiert war von Angst, wie Wut ihn erfasste, während er seinen Gegenangriff einleitete, überschlugen sich ihre Gedanken.

Das getrocknete Blut auf dem Boden des Vans verriet ihr, dass sie nicht die Erste war. Irgendwo hatte er Leichen versteckt. Es war zwar von Vorteil, dass sie sich in dieser Situation nicht an die Fesseln legaler Mittel wie Verhör und Verteidigung gebunden fühlte, doch der Bursche war kräftiger als erwartet, und es war eine ganze Weile her, dass sie sich auf diese Weise bewegt hatte. Sie war nicht mehr so reaktionsschnell wie früher und auch nicht mehr so kräftig. Außerdem war sie ein wenig aus der Übung, und die Beengtheit im Van schränkte ihre Möglichkeiten mehr ein, als sie erwartet hatte. Sie hätte nicht zulassen dürfen, dass er sie in den Wagen zerrte. Das hatte sie falsch eingeschätzt.

Vielleicht hatte sie es zu weit kommen lassen, aber jetzt war keine Zeit mehr, darüber nachzudenken. Ihre geschulten Instinkte und das jahrelange Training übernahmen die Kontrolle und bereiteten jeden Muskel ihres Körpers auf einen Kampf vor, denn eine Flucht war unmöglich.

1.

Zehn Tage zuvor …

Manchmal habe ich bedauert, so viele Frauen gewesen zu sein.

Es waren sehr viele. Tochter, Schwester, starke Frau, schwache Frau, sitzen gelassene Geliebte, coole Heldin, Killerin, weiblicher Cop und Huren unterschiedlichster Art. Jede dieser Rollen habe ich mit Authentizität zu spielen versucht. Natürlich musste ich manchmal lügen und Dinge für mich behalten, aber das ist nicht weiter schwer. Das Problem ist nur, dass beides zur Gewohnheit werden kann, beinahe zur Sucht, die schwer zu überwinden ist, selbst wenn es um die Menschen geht, die einem am nächsten stehen. »Vertraue keiner Frau, die dir verrät, wie alt sie ist«, heißt es. »Wenn sie ihr Alter nicht für sich behalten kann, dann auch nicht dein Geheimnis.«

Ich bin neunundfünfzig.

Als ich zum FBI gegangen bin, gab es noch nicht so viele weibliche Special Agents, und das Bureau machte sich das zunutze. Eine eins sechzig große Blondine mit mädchenhaftem Cheerleader-Body kam dem FBI bei bestimmten Ermittlungen sehr gelegen; deshalb waren sie in meinem Fall bereit, bei der Körpergröße ein Auge zuzudrücken. Ich habe vor allem als verdeckte Ermittlerin gearbeitet, hauptsächlich als Köder für Menschenhändler und Triebtäter, die die Staatsgrenzen oder die Grenze der USA überquerten. Ich habe es mit Abschaum zu tun gehabt, von dem Sie in Ihren schlimmsten Träumen nicht glauben würden, dass es ihn gibt, und oft wundere ich mich, dass ich noch lebe.

Neun Jahre lang habe ich undercover gearbeitet. Das sind ungefähr fünf Jahre mehr als üblich. Meist ist ein Agent nach drei, vier Jahren ausgebrannt oder hat seine Familie verloren. Ich hätte den Job noch länger machen können, weil ich nie geheiratet hatte und kinderlos war. Leider passierte mir dann der Unfall, und mir mussten mehrere Wirbel zusammengeschraubt werden. Aber es hätte schlimmer kommen können. Sie hätten das Pferd mal sehen sollen.

Die Operation hatte zur Folge, dass ich die körperlichen Erfordernisse meines Jobs nicht mehr erfüllen konnte: über Dächer klettern, Messerstichen ausweichen, einen Lapdance machen, solche Sachen. Ich hätte mich dienstunfähig schreiben lassen können, hatte aber keine Ahnung, wie das Leben außerhalb des FBI aussah, also verbrachte ich den zweiten Teil meiner Karriere mit Ermittlungen. Dann ging ich in den Ruhestand.

Das heißt … nein. Das ist nicht die ganze Wahrheit.

Gegen Ende meiner Zeit beim FBI hatte ich zunehmend Schwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen. Vor ungefähr sechs Jahren, nachdem ich einen jungen Grünschnabel im Einsatz verloren hatte, erschoss ich einen unbewaffneten Täter in der Nähe von Turnerville, Georgia. Anders, als man es im Fernsehen oder im Kino zu sehen bekommt, greifen FBI Agents selten zum letzten Mittel, dem Einsatz tödlicher Gewalt. Das bringt dem Bureau zu viele Scherereien. Denken Sie nur daran, was in Waco oder Ruby Ridge passiert ist, da war die Kacke am Dampfen. Was FBI Agents betrifft, genießen sie längst nicht mehr uneingeschränktes Vertrauen. Vor Gericht wird das gern von der Verteidigung benutzt, indem man uns als bösartig oder skrupellos darstellt – und dazu fähig, Beweise zu fälschen oder die Tatsachen zu verdrehen, bis sie passen.

Jedenfalls, was diese Sache in Turnerville angeht, zog der Vorfall eine Ermittlung durch unsere Abteilung für innere Angelegenheiten nach sich. Ergebnis: Selbstmord vermittels Cop. Die zivilrechtliche Klage der Hinterbliebenen des von mir erschossenen Mannes zog sich lange hin und war kostspielig. Das ist noch so eine Sache, die man in Filmen nicht zu sehen bekommt – dass mancher Serienkiller eine große nette Familie hinterlässt, einschließlich einer humpelnden Schwester, die behinderte Kinder unterrichtet und Stein und Bein schwört, dass ihr verkommener Drecksack von Bruder der gütigste Mensch war, der je über diese Erde gewandelt ist.

Die Familie des von mir erschossenen Mannes jedenfalls behauptete steif und fest, ich hätte ihn nur deshalb getötet, weil ich befürchtet hätte, es würde nicht zu einer gerichtlichen Verurteilung ihres lieben Anverwandten kommen, dass ich ihn aber unbedingt bestraft sehen wollte. Die Familie verlor den Prozess, aber die Geschichte hinterließ einen üblen Nachgeschmack. Zu diesem Zeitpunkt war meine Karriere bereits zu Ende, und ich wurde in das unbedeutende Tucson Field Office versetzt – in eine Gegend, von der jeder sagte, sie sei wunderschön. Mir kam es dort vor wie in Sibirien, nur in heiß. Ich hasste dieses FBI-Büro, ich hasste meinen dortigen Chef, und er hasste mich. Ich hielt nur knapp siebzehn Monate durch, bevor ich meine Pensionierung beantragte – worauf sie von Anfang an gehofft hatten.

Das ist die ganze Wahrheit. Größtenteils.

Ungefähr ein Jahr lang gab ich mir wirklich Mühe mit meinem Ruhestand. Ich trat einem Buchclub bei, doch die anderen Frauen schnitten mich, als sie herausfanden, dass ich die Bücher nie las. Ich versuchte es mit Yoga, auf den Rat eines Therapeuten hin, der meinte, es würde gegen meine »Wutzustände« helfen, aber die Bikram-Lehrerin warf mich raus, nachdem ich in einem tropisch heißen Raum bei gefühlten siebzig Grad Celsius Wasser getrunken hatte, obwohl ich nicht durfte. Die Frau flippte richtig aus. Dabei sollte doch ich diejenige mit »Wutzuständen« gewesen sein. Namaste, von wegen.

Ich ging weiterhin jeden zweiten Tag ins Fitnessstudio, um wenigstens die Form zu halten, die immer ziemlich gut gewesen war. Schließlich hatte ich in meinem Beruf oft improvisieren und flexibel reagieren müssen. Damals hatte ich sogar ein Spezialkräftetraining von einem Navy Seal namens Baxter erhalten. Baxter ist sein Vorname, an den Nachnamen erinnere ich mich nicht. Wir waren uns sehr nahegekommen, und für einen ausgebildeten Killer war Baxter ein kluger Busche gewesen. Wann immer ich an »Black Ops Baxter« denke, höre ich ihn derbe Witze darüber machen, wie ich die Waffen einer Frau tatsächlich als Waffen einsetzen könne. Baxter ist inzwischen tot, leider.

Wenn ich so darüber nachdenke, geht es mir wie dem Jungen in dem Film, dessen Titel mir gerade nicht einfällt. Vielleicht kenne ich mehr tote Leute als lebendige.

Zurück zu meiner Pensionierung. Es fühlte sich an, als wäre ich noch immer verdeckte Ermittlerin, die nur vorübergehend in die Rolle einer alternden Frau aus dem Südwesten geschlüpft ist. Würde jemand mich fragen, womit ich mein Geld verdiene, würde ich antworten: »Ich untersuche Urheberrechtsverletzungen.« Das brächte die Unterhaltung garantiert zum Verstummen. Jeder hat irgendwann mal ein Video kopiert.

Ich verstehe mich noch immer gut darauf, in jeder nur denkbaren Umgebung zu verschwinden und mit dem Hintergrund zu verschmelzen, und ich bin froh, dass mir so mühelos gelingt, was andere Frauen in meinem Alter fürchten.

So, jetzt kennen Sie mich ein bisschen. Jetzt wissen Sie ein wenig von dem, was ich vor meinen Nachbarn verberge, vor meinem geliebten neuen Ehemann und manchmal sogar vor mir selbst. Niemand mag eine Frau, die weiß, wie man mit bloßen Händen tötet.

Wie ich bereits sagte, meine Pensionierung lief nicht besonders gut, mit Ausnahme eines Kurses über Buddhismus an der Uni, den ich ebenfalls auf den Rat meines Therapeuten hin besuchte. Dort lernte ich den Professa kennen. Von da an brauchte ich den Therapeuten nicht mehr.

Die gegenseitige Anziehung war mehr oder weniger augenblicklich. Während der erste Stunde beobachtete ich den leidenschaftlichen Dr. Carlo DiForenza, der während seines Vortrags vor der Klasse hin und her strich wie ein gefangener Tiger, der gerade den Dalai-Lama gefressen hat. Mitten in Carlos Überblick über die zyklische Natur des Karma meldete sich eines der Mädchen. Sie trug ein trägerloses Schlauchtop, das sie aussehen ließ, als würde sie aus diesem Fummel herausgequetscht wie Zahnpasta aus einer Tube. Sie drückte die Ellbogen zusammen, als wollte sie diesen Effekt noch verstärken, und sagte naiv: »Sie meinen, wie in ›Wohin du auch gehst, da bist du‹?«

Der Professa blieb stehen und blickte blinzelnd aus dem Fenster, ohne sich zu der Studentin umzudrehen. Ein Tiger, gestört von einer Mücke.

»Das mag zwar auf dem blöden Autoaufkleber stehen«, sagte ich in gedehntem Südweststaatendialekt, »aber es ist nicht ganz die Wahrheit.«

Diesmal drehte Carlo sich zur Klasse um und nahm mich aufs Korn. Sein Grinsen schoss mir in die Lenden. »Nur weiter«, forderte er mich auf.

»Meiner Erfahrung nach braucht man ungefähr ein Jahr, um zu sich selbst aufzuschließen, also muss man sich nie Gedanken machen, solange man in Bewegung bleibt.«

Er fing wieder an zu blinzeln. Ich rechnete mit einer herablassenden Erwiderung, dann aber kehrte das Grinsen zurück. »Wer sind Sie?«, fragte er, mit Betonung auf »sind«.

»Ich heiße Brigid Quinn.«

»Wir sollten uns bei einem Abendessen über dieses Thema unterhalten, Brigid.«

Die meisten Studenten kicherten. Schlauchtop grinste nicht. Sie blickte verärgert drein, weil sie von einer älteren Frau ausgestochen worden war.

»Ich glaube nicht, dass das angemessen wäre, mitten im Semester«, sagte ich.

»Zum Teufel damit«, erwiderte er. »Nach diesem Semester gehe ich in den Ruhestand.« Er war damals viel aggressiver mir gegenüber, und ich war viel aufrichtiger zu ihm – bis ich mich bei unserem ersten Date in ihn verliebte. Ich komme später darauf zu sprechen, wenn ich mich stark genug fühle.

Noch im gleichen Jahr heiratete ich Carlo DiForenza und zog aus meinem Apartment in sein Haus im Norden der Stadt. Dieses Haus, mit Ausblick auf die Catalina Mountains, war von Carlos verstorbener Frau Jane im Stil meiner verrückten Tante Josephine eingerichtet worden, was so viel heißt wie: rot gefranste Lampenschirme und unechte belgische Tapisserien mit Darstellungen von Einhörnern. Im großen Garten hinter dem Haus saß eine lebensgroße Figur des heiligen Franziskus auf einer Bank. Aber das alles war in Ordnung. Ich hatte noch nie ein Haus oder eine Wohnung eingerichtet, und es passte wie eine vorgefertigte Überziehhülle zu der Sorte Mensch, die ich von nun an sein wollte.

Zum Haus gehörten zwei Möpse, eine Art Kreuzung zwischen Peter Lorre und einer Bratwurst. Jane hatte Carlo die Hunde fünf Jahre zuvor geschenkt, kurz vor ihrem Krebstod. Sie hatte sich überlegt, dass es seinem Leben nach ihrem Dahinscheiden einen Sinn geben würde, wenn er sich um die Hunde kümmert. Wir waren fest entschlossen, die noch ausstehenden Namen für die beiden zu finden.

Das Beste von allem aber war Carlo.

Unsere Eheschließung war so schnell erfolgt, dass ich meine Mutter eine ihrer Plattitüden flüstern hören konnte: »Heirate in Eile, dann kannst du es in Ruhe bereuen.« Aber ich wusste, was ich wollte. Was genau ich hatte, war mir allerdings nicht ganz klar. Carlo kannte mich kaum, aber für mich war das okay, denn ich hatte nie ein anderes Leben kennengelernt. Man könnte jetzt einwenden, das sei nicht die Grundlage für eine gute Beziehung, aber ich hatte meine Lektion begriffen: Lass Gewalt und Tod hinter dir, und lerne, die perfekte Ehefrau zu sein.

Jawohl, die perfekte Ehefrau. Das wollte ich von nun an sein.

Auch Carlo brauchte seine Zeit. Er lernte, sich nicht von hinten an mich heranzuschleichen und mich zu umarmen. Er lernte, die Hand immer nur leicht an meine Wange zu legen, sodass ich mich dagegenlehnte, anstatt zu versteifen. Und er versuchte nie, die Gründe für meine instinktiven Kampf-oder-Flucht-Reaktionen aus mir herauszupressen. Ich weiß warum: Er war zu dem Schluss gekommen, dass es besser sei, diese Gründe nicht zu kennen.

Allmählich wurde ich entspannter. Ich lernte, Carlo zu vertrauen, und das Leben war großartig – bis auf jene Augenblicke in schwärzester Nacht, wenn ich hochschrak, von Entsetzen gepackt, und wenn mein Herz raste vor Angst, dass Carlo mich verlassen könnte und dass ich alles verlöre, was ich endlich gefunden hatte.

In jenem ersten Jahr liebten wir uns, gingen mit den Möpsen spazieren, bekochten uns mit Sushi und indischem Essen, schauten uns Filme an (ich fand zu meinem Erstaunen Gefallen an Independent-Produktionen, Carlo an Actionfilmen) und sammelten Steine.

Das Steinesammeln mochte ich ganz besonders. Steine sind nicht nur hübsch, sie verändern sich auch nicht und sterben einem nicht weg. Meine Lieblingsstelle für das Steinesammeln war ein abgelegenes trockenes Flussbett ungefähr einen Kilometer von unserem Haus entfernt, unter einer Brücke, die zur Golder Ranch Road gehört. Der alljährliche Sommermonsun, der der Wüste binnen kürzester Zeit den gesamten Jahresniederschlag von fast achtundzwanzig Zentimetern brachte, spülte die Steine von den umliegenden Bergen hinunter ins Flussbett.

An jenem Tag Anfang August war ich allein zu der Stelle gewandert, hatte meinen Rucksack mit zehn Kilo Steinen gefüllt, die ungewöhnlich und bunt aussahen, und war den Berg hinauf zurückgestapft, ein bisschen benommen von der extremen Hitze, aber froh über die Trainingseinheit.

Bald kam unser Garten am östlichen Rand der Black Horse Ranch in Sicht. Wir waren eine moderne Absonderlichkeit, umgeben von den echten Wüstenbewohnern. Leuten mit Pferden. Leuten, die in ihren Anhängern Meth kochten. Wenn es regnete, konnte man Pferdedung riechen, und gelegentlich flog einer der Wohnwagen in die Luft.

Falls sich das zynisch anhört – es war nicht so gemeint. Nachdem ich den größten Teil meines Lebens in der Stadt verbracht hatte, liebte ich diese ländliche Gegend, so wie man einen schmuddeligen alten Onkel liebt, der fesselnde Geschichten aus dem Krieg erzählt. Ich liebte den Geruch nach Pferdedung und das gelegentliche Schreien eines Esels, wenn der Wind ganz still war, und ich liebte das Knallen der Schüsse, das vom Pima Pistol Club herüberwehte und mich an alte Zeiten erinnerte.

Am meisten aber liebte ich Carlo. Er war groß wie Lincoln, redete mit leichtem italienischem Akzent, besaß eine römische Hakennase, schwermütige Al-Pacino-Augen und ein Böse-Jungen-Grinsen, das den Ausdruck seiner Augen gleich wieder Lügen strafte.

Während ich den Rucksack in die Küche schleppte und die Steine ins Spülbecken schüttete, um sie abzuwaschen, war Carlo damit beschäftigt, aus Wasser und erdbeerfarbenem Pulver Nektar für die Kolibris anzurühren. Ohne mich zu fragen, hatte er den Futterapparat in die weiße Dornakazie im Vorgarten gehängt, sodass ich das Spiel der Kolibris von meinem Arbeitszimmer aus beobachten konnte.

Der Anblick, wie Carlo mir zuliebe auf die Leiter stieg, um den Futterapparat anzubringen, ließ mein Herz … nun ja, »vor Liebe überquellen« mag wie eine abgedroschene Phrase klingen, aber es traf den Nagel auf den Kopf.

Ich weiß, das ist eine ungewöhnlich starke emotionale Reaktion auf einen Mann, der nichts weiter tut, als einen Vogelfutterautomaten anzubringen. Aber wer nicht Tag für Tag mit einer unerträglichen Anspannung in der Brust gelebt hat, so wie ich, bis die Gefahr dann endlich Vergangenheit ist, wird nie richtig zu schätzen wissen, wie wundervoll es ist, ein ruhiges Leben zu führen.

Jetzt lebte ich also friedlich mit einem liebevollen Mann zusammen, der so einfühlsam war, dass er Kolibris fütterte, um mir eine Freude zu machen. Hört sich das schwülstig an? Und wenn schon. Scheiß drauf.

»Was hast du da Schönes?«, fragte er, während er den Nektar mithilfe eines Trichters in den transparenten Plastikcontainer goss. Seine tiefe Stimme und das Funkeln in seinen Augen machten die Frage zu etwas eindeutig Zweideutigem.

»Bloß ein paar hübsche Steine, Professa. Du musst mir schon selbst sagen, was ich Schönes habe.«

Ich drehte mich zum Spülbecken mit den Steinen um, wusch einen nach dem anderen ab und legte sie nass auf die Theke aus Granit, wo sie darauf warteten, von Carlo in Augenschein genommen zu werden.

Das Abspülen verstärkte die lebendigen Farben, ein weiches Rot wie Blut, ein blasses Gelb wie von Vanilleeis, grüne runde Sprenkel wie bei einem Dinosaurierei, Silber, durchsetzt mit schwarzen Punkten, wie ein Negativ des Nachthimmels. Wir schlugen im Farbatlas über Mineralien in den südwestlichen Vereinigten Staaten nach, um herauszufinden, was wir vor uns liegen hatten.

Carlo war ebenso wenig Geologe wie ich. Bevor er Professor für Philosophie geworden war – und vor seiner Ehe mit Jane –, war er eine Zeit lang katholischer Priester gewesen. Father Carlo DiForenza konnte einem die Grundlagen der linguistischen Philosophie genauso gut erklären wie die Prinzipien der vergleichenden Religionswissenschaften – und so einleuchtend, dass selbst eine Miesmuschel es begriffen hätte.

Jedenfalls, Carlo und ich saßen Seite an Seite auf den Hockern an der Frühstückstheke. Ich beobachtete, wie er seinen hageren Oberkörper über die Steine beugte, ähnlich einer Giraffe, die ihre Jungen beschützt. Dann glitten seine schlanken Finger über meine Fundstücke, während er eines nach dem anderen gebührend bewunderte.

»Puddingstein«, sagte er und deutete auf eine Abbildung im Buch. »Siehst du die Quarzeinschlüsse? Ergussgestein. Die ungeheure Hitze hat den Granit schmelzen lassen. Dann sind die Bestandteile in die flüssige Substanz eingedrungen und haben sich vermischt. Anschließend ist die Temperatur sprunghaft gefallen, und die verschiedenen Elemente sind in deutlich unterscheidbare Teile erstarrt. Wundervoll, Brigid. Hey, du hast ja sogar welche mit Kupfereinschlüssen gefunden!«

Ich rutschte auf dem Hocker ein wenig näher und beugte mich vor. Hitze, flüssige Substanzen, Eindringen, Erguss … Carlo redete über Milliarden Jahre geologischer Aktivitäten wie über Sex. Außerdem machte es mich an, ihm dabei zuzusehen, wie er die Steine streichelte.

Die Geo-Erotik zeigte bei uns beiden Wirkung. Vom Streicheln der Steine ging es über zum Streicheln der Hände, die die Steine streichelten, und dann fing ich an, Carlos Finger zu lecken, und er murmelte: »Bella, Bella.« So nannte er mich, wenn er scharf wurde, aber das war mir egal. Hauptsache, er nannte mich nicht Jane. Außerdem spürte ich, dass er diesmal mich damit meinte. So ist das eben, wenn man einen großen Teil seines Lebens bereits hinter sich hat. Man macht sich nichts mehr vor.

Es war ihm egal, dass ich noch nicht geduscht hatte. Wir glitten von den Hockern und landeten auf einer von Janes unechten Perserbrücken. Türkische Brücken. Orientalische. Was auch immer. Wir küssten uns. Die Möpse schauten uns mit ihren Glupschaugen zu, doch Liebemachen auf dem Boden besaß nicht mehr ganz den Charme von früher. Also gingen wir ins Schlafzimmer und schoben Janes pinkfarbene Satinüberdecke mit dem blauen Saum beiseite.

Der Sex war spektakulär – keine Bange, ich ergehe mich nicht in Einzelheiten. Sie sind möglicherweise jünger als ich und wollen jetzt nicht unbedingt hören, wie jemand Liebe macht, der locker eine Generation älter ist als Sie. Die Vorstellung könnte peinlich sein, vulgär oder einfach nur komisch.

Aber Carlo und ich waren nichts von alledem.

Während er hinterher in dankbarer Zufriedenheit döste, dankte ich ihm still und aus tiefster Seele dafür, dass er mich an seiner normalen Welt teilhaben ließ. Dafür, dass er mir mein neues Selbst gegeben hatte, ein so ganz anderes Selbst als das irgendeiner der Frauen, die ich bis dahin gewesen war.

Aber Dankbarkeit für die Gegenwart rief unausweichlich Erinnerungen an eine Vergangenheit wach, in der ich meine Lektionen gelernt hatte. Erinnerungen an Paul, zum Beispiel, den sanften Paul mit dem Cello, dem Trüffelöl und den beiden engelhaften Vorschulkindern. Paul, der trotz aufrichtigen Bemühens von mir abgestoßen war. »Verstehst du, Brigid?«, hörte ich ihn in meinen Gedanken sagen. »Du starrst in den Abgrund der Verderbtheit, und irgendwann starrt sie zurück. Du hast so lange in diesem Abgrund gelebt, dass du ihm nie mehr entkommen kannst. Ich habe zu viel Angst, dort mit dir zu leben. Ich muss meine Kinder schützen – vor dir.«

Paul war der letzte Mann, zu dem ich ehrlich gewesen war. Zumindest habe ich es versucht. Das ist zweiundzwanzig Jahre her. Manchmal frage ich mich noch heute, was mich geritten hat, das Tatortfoto auf der Küchentheke liegen zu lassen.

Aber wie hätte ich wissen sollen, dass die Kinder es finden?

2.

Paul hatte recht gehabt – die Vergangenheit stirbt nicht einfach. Verdammt, sie schrumpft nicht mal.

Ungefähr eine Woche nach der Stein-Sex-Episode lag ich auf einem der dick gepolsterten Kissen von Janes glänzend braunem Brokatsofa und trank Kaffee aus einem Grand-Canyon-Souvenirbecher, den sie und Carlo von einem ihrer Urlaube mitgebracht hatten, während ich mir einzureden versuchte, dass es nicht allzu schwierig sein konnte, etwas zu backen, einen Kuchen zum Beispiel. Während ich eines von Janes Kochbüchern durchblätterte, stieg mir ihr Duft in die Nase – Honig und Mehl –, und ich fragte mich, ob sie mich wohl für gut genug befand. Nicht zum ersten Mal musste ich der Versuchung widerstehen, mich an meinen Computer zu setzen, jane@otherworld.com einzutippen und sie zu fragen.

Die Türglocke riss mich mit Mozarts Kleiner Nachtmusik aus meinen Gedanken, und ich zuckte zusammen. Ich hasse Musik, kam aber nicht dahinter, wie man die Türglocke anders einstellen konnte.

Auf der Schwelle stand Max Coyote. Deputy Sheriff Max Coyote, in dessen Adern das Blut eines Indianers vom Stamm der Pasqua Yaqui und einer Anthropologin der Columbia University floss. Wir hatten gemeinsam an einer Reihe von Fällen gearbeitet, als ich noch beim FBI gewesen war. Im Gegensatz zu vielen anderen Mitabeitern der Gesetzesbehörden war Max nicht der Meinung, wir FBI Agents seien totale Arschlöcher, und er war mit ein Grund, warum ich überhaupt hier draußen in der Wüste blieb. Wir hatten uns angefreundet. Ich hatte ihm sogar mal von Paul erzählt, als ich ein paar Crown Royals zu viel intus hatte.

Die Hunde sprangen hoch und bellten. »Hey, Jungs, es ist nur Onkel Max«, sagte ich, als ich die Fliegentür öffnete.

»Ist Carlo da?«, fragte Max, als er hereinkam und sich auf jene selbstverständliche Art und Weise umschaute, wie man es bei Leuten tut, die man gut genug kennt und bei denen es in Ordnung ist, neugierig zu sein.

»Er ist bei Walgreen’s und sieht sich die Preise für Gin an. Und du? Bist du zum Pokern oder zum Philosophieren hergekommen?«

Max und Carlo hatten sich bei einer Hausparty kennengelernt und von Anfang an blendend verstanden. Inzwischen waren sie gute Freunde. Einmal im Monat trafen sie sich, redeten über Philosophie und spielten Poker. Max war ein abgezockter Spieler. Carlo verlor immer wieder sein letztes Hemd.

Max antwortete nicht sofort auf meine Frage. Stattdessen bückte er sich und kraulte jeden der beiden dankbaren Möpse zwischen den Glupschaugen, bevor er eines der für meinen Geschmack zu sehr glänzenden roten Kissen zur Seite schob, die den Rücken des Sofas säumten, und sich setzte. Er war oft genug im Haus gewesen, dass er sich nicht mehr über Janes Pfauenfedern in der orientalischen Vase lustig machte; stattdessen nahm er das Kochbuch, in dem ich gelesen hatte, und schnüffelte an dem Fleck über dem Brotpuddingrezept.

»Wie kommst du mit dem Kochen voran?«, wollte er wissen. Das war gar nicht seine Art. Sonst kam er immer gleich zur Sache.

»Ich lasse mich immer noch von Zutaten wie Crème fraîche entmutigen«, erwiderte ich, nahm ihm das Buch aus den Händen und legte es auf den Wohnzimmertisch. »Was ist los? Was ist das für eine Hinhaltetaktik? Raus mit der Sprache.«

Er stieß einen Seufzer aus und blickte traurig drein, eigentlich sein üblicher Gesichtsausdruck, deshalb machte ich mir im ersten Moment keine Gedanken. Doch weil ich aus einer Welt kam, in der Neuigkeiten meist schlecht waren, hakte ich nach: »Warum wolltest du wissen, wo Carlo ist?«

Wieder ignorierte er meine Frage; stattdessen legte er jedem der beiden Möpse, die links und rechts von ihm lagen, eine Hand auf den Kopf. Ich hatte das eigenartige Gefühl, dass er die Hunde als Deckung benutzen würde, sollte ich irgendetwas nach ihm werfen.

»Wir haben einen Serienkiller in U-Haft«, sagte er schließlich.

Ich war so lange in dem Job gewesen, dass solche Worte noch immer einen angenehmen Nachhall in meinem Innern erzeugten. »Gute Arbeit. Wer ist es?«

Max redete vorsichtig, wie ein Schauspieler, der seinen Text noch lernt. »Ein Trucker namens Floyd Lynch. Die Border Patrol hat ihn vor zwei Wochen aufgegabelt, dreißig Kilometer nördlich der Grenze auf der Route 19. Er war mit einer Ladung Video-Pokerautomaten unterwegs nach Las Vegas. Eine Routinekontrolle. Aber diesmal war zufällig ein Leichensuchhund am Kontrollpunkt, der sofort Laut gab. In dem Lastwagen wurde eine Frauenleiche gefunden.«

»Im Auflieger?«

»Nein, der Auflieger mit der Ladung war sauber. Die Leiche war in der Kabine hinter dem Fahrerhaus.«

»Ist das FBI verständigt?«

Max nickte. »Ja. Und das Sheriff’s Department.«

»Hat man die Frauenleiche identifiziert?«

»Noch nicht. Lynch behauptet, sie wäre eine Illegale gewesen.«

Der Grenzschutz setzt Hunde ein, um Fremde aufzuspüren, die es nicht über die Grenze schaffen. Mein Verstand raste, als ich zu ergründen versuchte, warum Max mir das alles erzählte, doch nach außen hin blieb ich ruhig und setzte ihn nicht unter Druck. »Ja, jetzt fällt es mir wieder ein«, sagte ich beiläufig. »Ich habe im Fernsehen einen Bericht gesehen. Die Sache ging ganz schnell über die Bühne.«

»Dafür hat das FBI gesorgt.«

»Aber es war erst vor zwei Wochen.«

»Das FBI hat das Verhör übernommen.«

»Hat der Mann Vorstrafen?«

»Nada. Nichts. Nicht mal einen Strafzettel.«

»Magst du eine Cola?« Ich durchquerte das weitläufige Zimmer, ging in die offene Küche und nahm zwei Dosen aus dem Kühlschrank, ohne Max’ Antwort abzuwarten. »Ich nehme an«, fuhr ich fort, »du bist hergekommen, weil das Opfer irgendwie mit mir zu tun hat, stimmt’s?«

Er öffnete den Mund, zögerte – und wich meiner Frage aus. »Man konnte nicht viel erkennen«, sagte er. »Der Leichnam war mumifiziert.«

»Das wird ja immer merkwürdiger. Hat er gestunken?«

»Nein.«

Ich nickte und notierte mir in Gedanken, mehr Sellerie zu kaufen, bevor ich die Kühlschranktür wieder schloss. »Hat dieser Trucker den Mord gestanden?«

»Anfangs nicht. Er sagte, er habe den Leichnam am Straßenrand gefunden. Die Tote sei schäbig gekleidet gewesen, und sie habe keine Schuhe angehabt. Vermutlich eine Illegale, die es nicht durch die Wüste geschafft hat. Er sagte, er habe sie lediglich benutzt.«

»Benutzt? Du meinst, er hat mit der Leiche …?«

»Ja.«

»Widerlich.«

Aber nichts von alledem erklärte, warum Max so lange brauchte, um mir die Geschichte zu erzählen, geschweige denn, warum er sie überhaupt erzählte. Das alles hätte er mir auch bei einem Telefonanruf verklickern können. Weshalb der Besuch? Ich spürte das altbekannte, gefürchtete Gefühl der Unruhe in meiner Brust.

Ich reichte Max eine der Coladosen und öffnete meine eigene, konnte mich aber noch immer nicht überwinden, mich zu setzen. »Bis jetzt hört sich das nicht nach einem Serienkiller an«, sagte ich. »Ihr habt nur ein Opfer, und dieser Lynch streitet ab, die Frau getötet zu haben.«

Ich brauchte Max nicht zu sagen, dass es höchstens zu einer Verurteilung wegen einer minderschweren Straftat reichte, der Schändung einer Leiche, was eine kurze Gefängnisstrafe nach sich ziehen würde.

»Okay, Max«, sagte ich, »aber was hat das alles mit mir zu tun?« Ich nahm einen Schluck aus der Dose.

»Als die Techniker den Lastwagen unter die Lupe nahmen, fanden sie ein verstecktes Fach mit Notiz- und Tagebüchern.« Max hielt inne und wog seine Worte dann noch sorgfältiger ab als bisher, falls das überhaupt möglich war. »Und Postkarten.«

Ich verschüttete Cola auf Janes Läufer, so heftig zuckte ich zusammen. »Waren sie adressiert?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein.«

»Viele Leute kaufen Postkarten«, sagte ich schulterzuckend. »Selbst Trucker.«

Max atmete tief durch. »Die Tagebücher handeln von den Route-66-Morden.«

Die Route-66-Morde. Der größte Fall von Sexualmorden in meiner Laufbahn – und der einzige, den ich nicht hatte lösen können. Der Fall, bei dem ich einen jungen weiblichen Agent verloren hatte, Jessica Robertson, das letzte bekannte Opfer des Killers und das einzige, dessen Leiche man nie gefunden hatte.

Ich wollte die naheliegende Frage nicht stellen, auf deren Beantwortung ich seit sieben Jahren wartete. Also sagte ich stattdessen: »Dieser Trucker … wie hieß er noch gleich?«

»Floyd Lynch.«

»Dieser Lynch könnte ein Trittbrettfahrer sein. Oder ein Fan.« Sogar Serienkiller haben Fans. Die übelste Art von Fangemeinde.

»Nein«, sagte Max. »Die Tagebücher deuten eindeutig auf Lynch als Täter hin. Außerdem wusste er eine Menge. Die Namen der Opfer …«

»Die kamen in den Nachrichten. Wie sahen die Tagebuchaufzeichnungen aus?«

»Sehr detailliert. ›Ich schnitt ihr die Achillessehnen durch, damit sie nicht weglaufen konnte, ich vergewaltigte sie, ich erwürgte sie langsam, ich spürte, wie ihr Kehlkopf brach …‹«

»Das kam auch in den Nachrichten«, unterbrach ich ihn erneut. »Außerdem könnte der Kerl fantasiert haben. Vielleicht hat er die Geschichte zu seiner eigenen gemacht.«

»›… Ich schnitt ihr das rechte Ohr ab …‹«

Das war allerdings nicht in den Nachrichten gekommen. Damit war mein Erklärungsversuch gescheitert. Niemand außer den Ermittlungsbehörden wusste von den Trophäen, die der Killer genommen hatte. Niemand hatte je das Ohr eines Opfers gefunden.

»Das haben wir zurückgehalten«, musste ich einräumen.

»Ich weiß.« Max wurde nervös, veränderte ständig seine Sitzhaltung und räusperte sich mehrmals. Seine Stimme wurde leise, fast besänftigend, als käme jetzt eine besonders schreckliche Mitteilung. Ich hasse es, wenn Leute das tun. »Als die Techniker dem Gerichtsmediziner George Manriquez erzählt haben …«

»Ich kenne Manriquez.«

»… als sie ihm von den Tagebüchern erzählten, besorgte er sich die Unterlagen über den Fall und versuchte einen Zusammenhang mit der mumifizierten Leiche aus dem Lastwagen zu finden. Es ist ihm gelungen. Trotz der Mumifizierung konnte er ein eingedrücktes Zungenbein, eine durchtrennte Achillessehne und ein abgeschnittenes rechtes Ohr diagnostizieren. Es war alles da. Der gesamte Modus Operandi.«

»Die Mumie im Truck …«, murmelte ich.

Max nickte. »Genau wie die anderen Route-66-Opfer.«

Ich zitterte am ganzen Körper, als ich die entscheidende Frage stellte. »Ist sie es? Ist sie die Mumie, Max?«

Seine Antwort war Erleichterung und Enttäuschung zugleich. »Nein, die Tote ist nicht Jessica Robertson. Jedenfalls nicht diesem Drecksack Lynch zufolge.«

»Oh«, machte ich. Es war ein leises, verschüchtertes Nichts von einem Oh. Wir hatten so dicht davorgestanden, Jessica nach all der Zeit zu finden, und nun war sie es doch nicht.

Mit wackligen Beinen ging ich zu dem Lehnsessel gegenüber der Couch und ließ mich hineinsinken, als meine Knie endgültig nachgaben.

»Aber Lynch sagt, er kann uns zu ihr führen«, fuhr Max fort, hastiger als zuvor.

Ich traute meinen Ohren nicht. »Er hat gestanden? Einfach so?«

»Nicht einfach so. Sie haben einen Deal mit ihm gemacht. Er bleibt am Leben, wenn er sie zu Jessica Robertson führt.«

»Der Mistkerl hat einen Handel geschlossen?« In meinem Innern begann irgendetwas zu vibrieren, was ich lange nicht gespürt hatte. Wie eine gespannte Saite. Wut schoss in mir hoch. »Wo ist Jessicas Leiche?«, fragte ich. Ich war bereit. Von mir aus konnten wir sofort aufbrechen.

»Angeblich in einem vergessenen Autowrack an der alten Passstraße über den Mount Lemmon.«

»Wurde ihr Vater schon informiert?«

Nachdem Max seinen Auftrag erfüllt und festgestellt hatte, dass ich nicht ausgeflippt war, entspannte er sich. Er hörte auf, herumzuzappeln, und ließ sich tiefer in die dick gepolsterte Couch sinken. »Nein. Wir wollen erst herausfinden, ob Lynch die Wahrheit sagt. Aber dich wollten wir jetzt schon informieren. Wegen deiner Beteiligung an dem Fall damals. Ich habe mit Laura Coleman gesprochen, dem zuständigen Special Agent. Kennst du sie?«

»Ich bin ihr während meiner Zeit im Tucson Field Office hin und wieder begegnet. Ich dachte, sie ist beim Betrugsdezernat.«

»Nicht mehr. Sie ist zum Morddezernat gewechselt, nachdem du aufgehört hattest. Jedenfalls, Coleman hielt es für angebracht, dich zu informieren. Außerdem hat sie David Weiss hinzugezogen, den Profiler.«

»Weiss wurde bereits informiert?«

Meine Stimme schien wieder schrill geworden zu sein, denn Max mühte sich aus den Kissen, setzte sich gerade hin und sagte besänftigend: »Ja. Schließlich war er damals der zuständige Profiler. Deshalb kommt er heute Abend mit dem Flieger her, um Lynch auf Zurechnungsfähigkeit zu untersuchen. Dann sind wir abgesichert, und der Hurensohn kriegt lebenslänglich ohne Aussicht auf Bewährung.«

»Ich will mitkommen, wenn Lynch euch zu der Stelle führt, an der er Jessicas Leiche zurückgelassen hat«, sagte ich.

Bevor Max antworten konnte, hörte ich, wie sich das Garagentor öffnete. Die beiden Möpse flitzten los, um ihr Herrchen zu begrüßen. Carlos tiefe, ahnungslose Stimme eilte ihm in unsere offene Küche voraus. »Honey, der Tanqueray war zehn Dollar teurer als in Sam’s Club, deswegen habe ich nur ein paar andere Dinge besorgt, Hundekuchen für die Möpse und eine Salami.« Als er ins Zimmer kam und Max und mich sah, blieb er verwundert stehen. Wir starrten zurück, als wären wir bei dem Versuch überrascht worden, etwas zu verheimlichen. In gewisser Weise stimmte das ja auch.

»Walgreen’s verkauft Salami?«, fragte ich.

»Hallo, Max«, sagte Carlo.

»Hi, Carlo.«

»Stimmt was nicht?«, fragte Carlo.

Max öffnete den Mund zu einer Erwiderung, doch ich kam ihm zuvor, indem ich Carlo zuliebe auf normal zurückschaltete.

»Alles bestens, Schatz«, sagte ich. »Max ist vorbeigekommen, weil er mal wieder eine Runde Poker und ein Gespräch über Philosophie braucht.«

3.

Vor Jessicas Ermordung hatte es fünf weitere Route-66-Morde gegeben. Die Opfer waren allesamt junge Frauen im Alter von achtzehn bis dreiundzwanzig Jahren. Ihre nackten Leichen hatten in entwürdigenden Haltungen entlang oder ein Stück abseits der State Road 40 gelegen, der einstigen Route 66. Viele Reisende wollten sich das Abenteuer nicht entgehen lassen, per Anhalter die berühmte Strecke von Chicago nach L.A. zu befahren – die dem Appalachian Trail ähnelt, nur dass sie asphaltiert ist –, und sei es nur, um später damit prahlen zu können. Die Mädchen, die dort ermordet worden waren, hatten nie die Chance gehabt, mit ihrer Leistung anzugeben.

Der Killer trieb sein Unwesen zwischen Amarillo, Texas, und Flagstaff, Arizona, und tötete in jedem Sommer nur ein einziges Opfer. Es war praktisch seine Urlaubsbeschäftigung.

Es war jedes Mal der gleiche Täter, weil er eine ganz charakteristische Vorgehensweise hatte. Er schnitt seinen Opfern die Achillessehnen durch, um sie am Entkommen zu hindern, vergewaltigte sie (mit Kondom, keine DNA), erwürgte sie langsam und schnitt ihnen post mortem das rechte Ohr ab – als Souvenir, das ihm beim späteren Nacherleben der Geschichte half.

Anschließend entledigte er sich an einer anderen Straße und in einer anderen Nacht der Leiche, manchmal nur ein kleines Stück, manchmal mehr als hundertfünfzig Kilometer von der mutmaßlichen Stelle entfernt, wo er sich das Mädchen geschnappt hatte, und stets so, dass wir die Leiche finden mussten. Einige dieser Details verschwiegen wir den Medien, um Nachahmer oder ein falsches Geständnis erkennen zu können, falls jemand für die Sünden eines anderen büßen oder den zweifelhaften Ruhm des Täters einheimsen wollte, ohne dessen blutige Arbeit zu verrichten.

Tatsächlich hatte es ein paar Nachahmer und falsche Bekenner gegeben. Sie hatten einen großen Teil der Fakten gekannt, aber nicht alle. Deshalb hatte ich Max die vielen Fragen über Lynch gestellt. Kein anderer hatte uns vorher etwas von den abgeschnittenen Ohren erzählt.

Der Wagen, den der Killer benutzt hatte, war jedes Mal unter einem anderen Namen gemietet und weit weg vom Leichnam stehen gelassen worden. Am Blut auf der Beifahrerseite und auf den Rücksitzen konnte man in sämtlichen Fällen erkennen, dass das Fahrzeug der primäre Tatort gewesen war, wo der Killer dem Opfer die Sehnen durchtrennt, es vergewaltigt, ermordet und ihm das Ohr abgeschnitten hatte.

Der Fall wurde zur Besessenheit für mich, wie häufig bei Serienmorden. Nach dem zweiten Mord konnte ich kaum noch an etwas anderes denken, und jedes Jahr erwartete ich den Sommer mit einer Mischung aus Angst, dass dieser Irre ein weiteres Opfer fand, und Hoffnung, dass er endlich gefasst wurde.

Man kann so viel über professionelle Distanziertheit reden, wie man will – man wird nie richtig begreifen, was Besessenheit ist, solange es nicht einen der eigenen Leute erwischt. Der Tod ist immer etwas Abstraktes, bis es jemanden trifft, den man gekannt hat.

Zusätzlich zu dem steifen Rücken, der meine Undercover-Karriere beendet hatte, war ich damals zu alt gewesen, um eine überzeugende Anhalterin abzugeben. Doch Jessica, frisch von der Academy und so klein wie ich, konnte als vierzehnjährige Ausreißerin durchgehen. Ich bildete sie höchstpersönlich aus, unterstützt von David Weiss, dem Profiler. Jessica lernte von uns, wie man einen potenziellen Vergewaltiger erkennt und sich gegen ihn verteidigt.

In jenem Sommer redete ich mir ein, dass sie bereit sei, mit den bösen Jungs fertig zu werden. Hatte ich sie überschätzt? Oder war ich so besessen von dem Gedanken, den Route-66-Killer zu schnappen, dass ich darüber ihre Sicherheit vergaß?

Jedenfalls bezahlte Jessica meinen Irrtum mit dem Leben.

*

Absurderweise überraschte ich mich am nächsten Morgen im Badezimmer damit, dass ich Lippenstift auftrug.

Ich hatte Carlo erzählt, ich würde auf Max’ Einladung hin einen Ausflug machen. Als um halb sieben in der Frühe drei offiziell aussehende Regierungsfahrzeuge vor unserem Haus hielten, musterte Carlo mich verständlicherweise mit fragenden Blicken.

Ich nahm meinen Wanderstock und meine Südwester-Umhängetasche, die groß genug war, um einen Mexikaner darin über die Grenze zu schmuggeln, wenngleich sie in der Regel dazu diente, Wasserflaschen zu transportieren. Dann gab ich Carlo ein Küsschen und ging die Auffahrt hinunter, um meine ehemaligen Kollegen zu begrüßen.

Auf der Beifahrerseite des mittleren Wagens, einem Geländefahrzeug, stieg eine groß gewachsene junge Frau aus und entfaltete sich wie eine Gottesanbeterin. Trotz der jetzt schon sengenden Sonne trug sie den dunklen Standardanzug des FBI und stellte sich mit festem Händedruck und einem Blick vor, der einem den Eindruck vermittelt, dass sie irgendetwas weiß, von dem man selbst noch keine Ahnung hat.

»Ich bin Agent Laura Coleman und für den Fall zuständig«, sagte sie. »Sehr erfreut, Sie wieder bei uns zu sehen, Agent Quinn.« Es war nett von ihr, mich Agent zu nennen, obwohl ich ausgemustert worden war. Während ich ihren Gruß erwiderte, betrachtete sie meinen Wanderstock. Dann zog sie ihr Jackett aus, wahrscheinlich, weil ich mich für legere Kleidung entschieden hatte – helle Khakihose und eine kurzärmelige Baumwollbluse – und weil die Temperatur bereits über dreißig Grad geklettert war, und stieg wieder in den Wagen.

Das Fahrzeug hinter uns gehörte zur Spurensicherung. Im Wagen vor uns saß Floyd Lynch, der Tatverdächtige. Ich weiß, ich hätte es nicht tun sollen, doch bevor ich zu Coleman in den Geländewagen stieg, ging ich dorthin. Hinter dem Steuer saß ein US Marshal. Das Beifahrerfenster glitt nach unten, als ich näher kam, und eine Hand streckte sich mir entgegen.

»Royal Hughes, Pflichtverteidiger«, sagte der Besitzer der Hand.

»Dachte ich mir. Ich bin Brigid Quinn.«

Hughes lächelte ein dem Anlass entsprechendes, zahnweißes Lächeln. »Ich weiß«, sagte er.

Ein richtiges Schätzchen.

Im Fond, hinter einer Sicherheitsscheibe, in Handschellen und leuchtend orangefarbener Gefängnismontur, saß Floyd Lynch. Schlanker, aber schlaffer Körper, lockige braune Haare, nach innen gebogener Nasenrücken und eine kleine Bolschewikenbrille. Ende dreißig, verlebt. Eher Buchhalter als Serienkiller, aber so ist das immer bei diesen Drecksäcken. Das heißt, bis auf die gefühllosen Reptilienaugen, deren Wirkung kein noch so jungenhafter Charme überspielen kann, wenn man weiß, wonach man suchen muss. Er sah mich an, während ich ihn durch die Scheibe musterte, als wäre er eine Schlange in einem Zoo, genauso neugierig auf mich wie ich auf ihn. Dann verzog er den Mund zu einer Grimasse und nickte mir flüchtig zu, bevor er den Kopf abwandte. Ich war versucht, gegen die Scheibe zu hämmern, doch ich spürte, wie die beiden Männer auf den Vordersitzen wegen meiner Nähe leicht nervös wurden, also hielt ich mich zurück.

Floyd Lynch. Der Hurensohn hatte acht Frauen ermordet, einschließlich der Frau, deren Mumie in seinem Lastwagen gefunden worden war. Er hatte seine Opfer gefoltert und vergewaltigt, hatte ihnen in die Augen gestarrt und sie langsam erwürgt, während sie inständig gehofft hatten, vielleicht doch noch mit dem Leben davonzukommen. Jetzt würde er uns den Tatort zeigen, an dem er sein letztes Opfer getötet hatte. Und als Dank für diese großherzige Geste würde es keine gerechte Vergeltung geben für all das Leid, das er den Opfern und ihren Angehörigen zugefügt hatte. Er würde Jessica Robertson ein letztes Mal benutzen, diesmal als Ticket aus der Todeszelle. Dieser Mistkerl nahm Jessica gewissermaßen zwei Mal das Leben. Der Gedanke machte mich halb wahnsinnig.

Ich wollte Lynch tot sehen, wollte ihn für jedes seiner Opfer verrecken sehen, langsam und qualvoll, so wie Jessica und die anderen Frauen gestorben waren. Doch unser kleiner Ausflug diente dazu, Lynch stattdessen eine lebenslange Freiheitsstrafe zu verschaffen.

Man sah ihm an, dass er mit diesem Deal mehr als zufrieden war. Ich stellte mir vor, wie ich die Pistole an die Scheibe hielt und abdrückte und wie sein Gesicht in einer Explosion aus Blut und Knochen auseinanderflog. Was das anging, hatte ich eine lebhafte Fantasie. Der Gedanke linderte meine ohnmächtige Wut über die Ungerechtigkeit unseres Justizsystems, aber das gab sich rasch wieder.

Max streckte den Kopf aus dem Seitenfenster und winkte. »Komm schon, Brigid, es wird heiß in der Kiste!«

Ich ging zurück zum Geländewagen und stieg ein. Auf dem Rücksitz neben mir saß Sigmund. In Wirklichkeit hieß er Dr. David Weiss. Wir schauten uns an. Ich weiß nicht, was er sah, doch in den fünf Jahren, seit ich das Washingtoner Bureau verlassen hatte, war er alt geworden. Sein Bart war grau meliert, er hatte einen Bauch bekommen und brauchte mindestens eine Hemdengröße mehr. Sigmund stand für das Beste und Schlimmste während meiner Zeit beim FBI, und von allen Menschen, die ich kannte, kam er einem Freund am nächsten.

In meinem Innern herrschte ein Wirrwarr aus Gefühlen bei dem Gedanken daran, was uns an diesem Tag bevorstand. Ich hätte Sigmund am liebsten umarmt und gedrückt, doch die Umstände und unsere Mitfahrer waren nicht dazu angetan; deshalb schnallte ich mich an und sagte nur leise: »Nett, dich mal wieder zu sehen, Sig.«

Seine Augen funkelten wie aus einer Entfernung von einer Million Lichtjahren – auf jene Art, die in mir immer die Vorstellung erweckte, er wäre ein Außerirdischer, der aus irgendeinem Grund einen Narren an den Menschen gefressen hatte. Ich sah ihm an, dass er wusste, was in mir vorging; deshalb war er genauso wie ich darauf bedacht, keine Freundschaft oder gar Zuneigung zu zeigen. Ich hätte es nicht ertragen.

»Hallo, Stinger«, sagte er nur, und schon der Klang meines alten Spitznamens brachte mich dazu, den Blick von ihm zu nehmen. Ich beugte mich zu Max auf dem Fahrersitz vor.

»Wo ist Three-Piece?«, fragte ich.

»Keine Kameras«, antwortete Max.

Der Chef des FBI-Büros in Tucson, Special Agent in Charge Roger Morrison, wurde von uns nur »Three-Piece« genannt, »Dreiteiler«, weil er bis weit in die Neunziger stets einen Anzug mit Weste getragen hatte. Offensichtlich war es nicht bis zu ihm vorgedrungen, dass Westen und Schulterpolster aus der Mode gekommen waren. Max’ Antwort bezog sich auf Morrisons Talent, Zelluloid förmlich riechen zu können und immer nur dann aufzutauchen, wenn Nachrichtenteams mit Kameras vor Ort waren.

Ich saß hinter Special Agent Laura Coleman; deshalb konnte ich nicht sehen, wie sie auf unsere forschen Bemerkungen über ihren Chef reagierte.

Max schob den Wählhebel vor, und unsere makabre kleine Karawane setzte sich in Richtung Catalina Mountains in Bewegung.

4.

Von dort, wo wir wohnen, ist es eine Fahrt von anderthalb Stunden hinauf zum Mount Lemmon, wenn man die gut asphaltierte Straße auf der Südseite nimmt. Unser Fahrtziel an der alten, von Schlaglöchern übersäten Nebenstraße, die von Norden her kam, war nicht so schnell zu erreichen. Während der Fahrt über die Route 79 und den Samaniego Ridge schwieg Laura Coleman. Ich empfing keine übellaunigen Schwingungen – sie war bloß angespannt. Sigmund schwieg ebenfalls, doch es war ein behagliches Schweigen, während er gelassen aus dem Fenster schaute und die herbe Schönheit der kargen Hochebene in sich aufnahm.

Auch ich blickte nach draußen und betrachtete die Wüstenpflanzen, die draußen vorüberzogen: Mesquitebäume und Feigenkakteen, blühende Kugelkakteen mit rosa leuchtenden, faustgroßen Blüten, weißköpfige Riesenkakteen und grünblättrige Jakobsstäbe mit roten Peitschenblüten. Noch vor einem Jahr hätte ich keinen dieser Pflanzennamen gewusst, doch Carlo hatte mir zum letzten Geburtstag einen Pflanzenführer von Arizona und ein Fernglas geschenkt.

Ich versuchte, ein bisschen Smalltalk mit Max und Laura Coleman zu machen, war aber nicht sonderlich erfolgreich, also lenkte ich das Gespräch auf den Tatort, den wir uns gleich anschauen würden.

»Hast du den Wagen, von dem Lynch redet, schon mal gesehen?«, wollte ich von Max wissen.

Im Unterschied zu uns anderen ist Max ein Einheimischer. Er nickte. »Ja. Auf der High School war es eine Art Initiationsritus bei uns, nachts dort raufzusteigen«, berichtete er. »Niemand wusste, wann oder wie der Wagen dorthin gekommen war. Anscheinend ist er irgendwann mal über die Böschung gerollt und dreißig Meter tiefer im Arroyo gelandet, ohne sich dabei zu überschlagen. Der Fahrer wurde nie gefunden. Wir saßen um das Wrack herum, tranken Bier, rauchten Dope und erzählten uns Gespenstergeschichten über den Fahrer, der zurückkommen würde, um seinen Wagen zu holen.«

»Hat nie jemand einen Blick hineingeworfen?«, fragte ich.

»Doch, natürlich. Wir haben sogar drin gesessen. Aber das ist zwanzig Jahre her. Die Kids heute fahren nicht mehr da rauf. Die interessieren sich mehr für Computerspiele. Könnte mir gut vorstellen, dass seit zehn, fünfzehn Jahren keiner mehr einen Blick in das Wrack geworfen hat.«

»Wer war der Fahrzeughalter?«

»An den Namen kann ich mich nicht erinnern, aber ich weiß noch, dass er nicht aus Arizona kam. Und wie gesagt, er wurde nie gefunden, weder tot noch lebendig. Die Sache ist allen in der Gegend hier ein Rätsel.«

Die Straße wurde holprig. Laura Coleman wollte irgendetwas über Floyd Lynch sagen, verstummte aber aus Angst, sich bei der Rüttelei auf die Zunge zu beißen. Was mich anging, wünschte ich mir, ich wäre noch mal zur Toilette gegangen, bevor ich das Haus verlassen hatte.

Auf der Fahrt zum Pass hinauf schwiegen wir alle mehr oder weniger verbissen, während es draußen allmählich milder wurde, weil wir an Höhe gewannen. Bald lösten Kiefern die dürrefeste Vegetation im Tal ab.

Nach ungefähr zwei Dritteln des Weges bis zum Gipfel deutete Laura Coleman nach vorn zum führenden Wagen, in dem Lynch die gefesselten Hände gehoben hatte und gestikulierte. »Er gibt uns Zeichen«, sagte sie. »Sieht aus, als wären wir am Ziel.«

Wenig später hatten wir hintereinander am schmalen rechten Straßenrand gehalten.

Die Techniker von der Spurensicherung machten sich als Erste an die Arbeit. Sie waren die personifizierte Effizienz. Sie nahmen kleine Koffer und zwei Leichensäcke aus dem Van, dazu lange Seile, um die Tote aus dem Arroyo zu bergen. Wir anderen blickten angespannt zu ihnen hinunter und warteten. Lynch erzählte Coleman unterdessen von einem achtarmigen Riesenkaktus und einem Felsvorsprung, an denen er sich orientiert habe, um diese Stelle wiederzufinden.

Max stellte Sigmund und mich dem US Marshal Axel Phillips vor, einem Burschen mit Cowboystiefeln und Schrotflinte. Phillips grüßte höflich, ohne uns die Hand zu geben. Man konnte sehen, dass er sich ganz auf Lynch und seinen Job konzentrierte. Als die Techniker mit ihrer Ausrüstung zu uns kamen, erkannte ich einen älteren Mann wieder, den ich früher schon mal bei einem Fall gesehen hatte. Er hieß Benny Cassell und hatte einen Assistenten namens Ray bei sich. Wir bekamen grünes Licht, in den Arroyo hinunterzusteigen.

Der Weg war steil. Ich war froh, dass ich meinen Stock dabeihatte. So war ich in der Lage, Max’ dargebotene Hand freundlich, aber entschieden abzulehnen, als ich auf einem Stein ausrutschte.

Lynch fragte Phillips, ob der ihm die Handschellen abnehmen könne. Der Marshal schüttelte nur den Kopf und hob die Schrotflinte drohend ein Stück höher. Ich war sicher, er würde Lynch über den Haufen schießen, sollte es erforderlich werden. Beinahe hoffte ich, dass sich ein Schuss löste und den Hurensohn in die Hölle beförderte.

Max ging als Erster, gefolgt von Lynch, der wild mit den Ellbogen ruderte, um das Gleichgewicht zu halten. Als Dritter kam Marshal Phillips, gefolgt von Benny und Ray. Dann kamen Laura Coleman und ich, alle mehr oder weniger in einer Linie. Sigmund bildete den Schluss, als wollte er uns alle zugleich im Auge behalten.

Schließlich erreichten wir das geheimnisvolle Wrack des Wagens, der vor mindestens dreißig Jahren über die Klippe gerauscht war. Phillips erzählte die gleiche Geschichte wie Max – dass er schon lange von dem Wrack gewusst habe. Jeder, der in dieser Gegend aufgewachsen und mehr als einmal hier oben gewesen sei, wisse davon, sagte er.

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