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Der schöne fremde Spanier

Penny Roberts

Der schöne fremde Spanier

1. KAPITEL

Werfen Sie eine Münze in den Brunnen von San Antonio, und Ihre Wünsche werden in Erfüllung gehen.

Die Worte der freundlichen älteren Dame, die auf dem Weg von London nach Ibiza im Flugzeug neben ihr gesessen hatte, gingen Allison Deline noch immer durch den Kopf, als sie, ihren Reisetrolley hinter sich herziehend, die Plaza von San Antonio überquerte. Anscheinend war ihre bedrückte Stimmung so offensichtlich gewesen, dass die Frau sich einfach genötigt gefühlt hatte, sie irgendwie aufzumuntern. Dass sie tatsächlich an so etwas glaubte, konnte Allison sich jedenfalls nicht vorstellen – wie sollte ein ins Wasser geworfenes Geldstück auch Glück bringen können? Das war doch reiner Aberglaube.

Dennoch ließ sie ihre freie linke Hand jetzt, als sie sich dem besagten Springbrunnen näherte, unwillkürlich in ihre Handtasche gleiten, in der sich auch ihr Portemonnaie befand.

Doch als sie das kühle Leder unter ihren Finger spürte, zögerte sie.

Hör auf, dich wie ein kleines Mädchen zu benehmen. Du bist fünfundzwanzig – zu alt also, um ständig irgendwelchen Träumereien nachzuhängen. Werde endlich erwachsen!

Seufzend fuhr sie sich durchs Haar. Und was jetzt? Sie kannte sich hier nicht aus, wusste lediglich, dass sich das Café Áncora, in dem sie verabredet war, irgendwo in der Nähe der Plaza befinden musste. Erst als sie vorhin aus dem Taxi gestiegen war, das sie vom Flughafen hierhergebracht hatte, war ihr klar geworden, dass es rund um den Platz mindestens zwei Dutzend Lokale dieser Art gab. Aber zum Glück blieb ihr noch etwas über eine Stunde Zeit, das richtige zu finden.

Und dann würde sie den Mann treffen, wegen dessen sie die Reise nach Ibiza überhaupt auf sich genommen hatte.

Seit ihrer Abreise in England quälte sie immer wieder ein und dieselbe Frage: War es richtig gewesen, dass sie sich so kurz entschlossen auf den Weg nach Ibiza gemacht hatte? Spontaneität gehörte nicht gerade zu ihren besonderen Stärken und …

Sie schüttelte den Kopf, wie um die Zweifel abzuwerfen, und ließ im Gehen den Blick über den Platz schweifen, der, wie sie wusste, das eigentliche Zentrum der Stadt darstellte. Hier gab es hohe Palmen, die Schatten spendeten, üppig blühende tropische Blumen in großen Kübeln und eben auch zahlreiche Cafés, die mit ihren bunten Sonnenschirmen die mediterrane Atmosphäre unterstrichen.

Allison erreichte den Springbrunnen, stellte ihren Trolley ab und nahm nun doch ihr Portemonnaie aus der Handtasche. Vielleicht war an den Worten ihrer Sitznachbarin ja tatsächlich etwas dran, und …

Unsinn! wies sie sich selbst zurecht. So etwas gibt es nicht. Und selbst wenn doch – dann wärst du wahrscheinlich die einzige Person auf der Welt, bei der es nicht funktionieren würde! Wann hattest du in deinem Leben denn schon einmal richtig Glück?

Einen Augenblick lang verfing sich ihr Blick beinahe sehnsüchtig in dem kristallklaren Wasser des Brunnens, das in einer hohen Fontäne in die Höhe schoss und von einem quadratischen Becken, dessen breite Ränder die meisten Touristen als Sitzgelegenheit nutzten, aufgefangen wurde. Einige Spritzer trafen ihr Gesicht, und sofort verspürte sie den beinahe übermächtigen Wunsch, einfach die Schuhe auszuziehen und mit den Füßen in das kühle Nass zu steigen.

Aber statt ihrem Wunsch nachzugeben, setzte sie sich ebenfalls auf den Rand des Brunnens und zog ihren Koffer, in dem sich nur das Nötigste befand, zu sich heran. Dann beobachtete sie das rege Treiben auf der Plaza.

Unter Palmen saßen braun gebrannte Menschen auf den Terrassen der kleinen Cafés und Restaurants, tranken und aßen, lachten und unterhielten sich. Es herrschte eine ausgelassene Stimmung, und die Sonne stand strahlend am makellos blauen Himmel.

Unwillkürlich musste Allison daran denken, was sie an diesen Ort geführt hatte. Sie war auf der Suche nach einer ganz bestimmten Person. Nach dem Mann, der der einzige Mensch auf der Welt war, der ihr jetzt noch helfen konnte und den sie nie zuvor gesehen hatte.

Ihrem Vater.

Entschlossen öffnete sie die Geldbörse und nahm eine Münze daraus hervor. Dann schloss sie fest die Augen.

Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass Cristóbal Ramírez mich als seine Tochter akzeptiert und bereit ist, mir zu helfen!

Noch einmal atmete sie tief durch – und warf das Geldstück über die Schulter hinweg in den Brunnen. Dann blieb sie noch einen Moment lang so sitzen, die Augen weiter geschlossen.

„… ist aber ganz schön leichtsinnig, Señorita.“

Die Stimme eines Mannes, der sie auf Spanisch ansprach, riss Allison aus ihren Gedanken. Irritiert öffnete sie die Augen – und erstarrte, als sie den Fremden vor sich sah, der sie interessiert musterte.

Ihr Herz setzte einen Schlag lang aus, nur um dann umso heftiger zu klopfen. Was für ein ungemein attraktiver Mann! Groß, braun gebrannt, mit breiten Schultern und einer athletischen Figur. Sein dunkles Haar trug er kurz geschnitten, sein Gesicht wies männlich-markante Züge auf. Am faszinierendsten aber waren seine Augen, dunkel und glutvoll.

Hatte sie, als sie die Münze in den Brunnen warf, am Ende einen Fehler gemacht und sich unbewusst einen Traummann für sich herbeigewünscht? Wenn ja, dann war sie inzwischen durchaus geneigt, an die Wirkung des Wunderbrunnens zu glauben.

Sie musste sich förmlich zwingen, sich vom Anblick des Spaniers loszureißen und stattdessen über den Teil seines Satzes nachzudenken, den sie verstanden hatte.

„Wie bitte?“, fragte sie ebenfalls auf Spanisch, das sie als zweite Fremdsprache an der Schule gelernt hatte und noch immer einigermaßen beherrschte.

Wortlos beugte er sich zu ihr hinab, und Allison konnte nur auf die schlanken sehnigen Finger starren, die sich jetzt auf ihre Hand legten, in der sie ihr Portemonnaie hielt. Die Berührung kam so unerwartet, dass sofort ein wohliges Kribbeln durch ihren Körper rieselte.

„Ich meine Ihre Geldbörse“, sagte er und zog die Hand zurück. „Sie sollten sie nicht so zur Schau stellen. Ibiza gilt zwar gemeinhin als sicheres Pflaster, aber überall dort, wo sich Touristen aufhalten, sind Taschendiebe nicht fern. Das weiß jeder“, sagte er in arrogantem Tonfall.

„Was Sie nicht sagen!“ Allison stutzte. Obwohl das eigentlich gar nicht ihre Art war und sie wusste, dass sie unhöflich erscheinen musste, konnte sie sich nicht zurückhalten. So gut der Fremde auch aussehen mochte, so sehr störte sie sich an seiner überheblichen Art. „Und wie kommen Sie dann auf die Idee, ausgerechnet mich darüber aufklären zu müssen?“

„Ihr gedankenloses Verhalten zwingt mich dazu.“

„Mein gedankenloses Verhalten?“

Er hob die Schultern. „Nun, wie würden Sie es bezeichnen, wenn jemand mitten am Tag auf einer so belebten Plaza Siesta hält und dabei sein Geld derart offen präsentiert, dass er Diebe damit förmlich einlädt …“

„Siesta? Aber ich habe nicht geschlafen!“, protestierte sie empört.

Er hob eine Braue und lächelte abschätzend. „Sie hatten die Augen geschlossen.“

„Nur einen Moment lang. Ich wollte lediglich kurz …“ Verblüfft über sich selbst hielt sie inne. Warum verteidigte sie sich eigentlich? Sie war diesem Mann – einem Fremden – keinerlei Rechenschaft schuldig! „Bitte entschuldigen Sie mich, ich habe einen dringenden Termin und bin ohnehin schon sehr spät dran.“

Hastig verstaute sie ihr Portemonnaie wieder in ihrer Handtasche, stand auf und umfasste den Griff ihres Trolleys. „Also dann – adios!“

Mit diesen Worten nickte sie dem Spanier noch einmal zu und ging dann einfach los, ohne ihn noch eines Blickes zu würdigen, was ihr zu ihrem eigenen Erstaunen seltsam schwerfiel.

Adios, Señorita“, vernahm sie seine dunkle, jetzt leicht amüsiert klingende Stimme hinter sich. „Ach, übrigens, das Café Áncora liegt genau in der entgegengesetzten Richtung.“

Allison verharrte mitten im Schritt. Einen Moment lang hielt sie die Luft an, dann drehte sie sich langsam um. „Woher wissen Sie, wo ich hinwill?“, fragte sie irritiert. „Und wer …“ Sie stockte, als ihr klar wurde, mit wem sie es zu tun haben musste. Entsetzt riss sie die Augen auf. „Sind Sie etwa … Ich meine …“

„Ich bin Sebastián López, der Manager von Cristóbal Ramírez“, stellte er sich vor, wobei er nun ins Englische wechselte. „Wir sind verabredet.“

Sie sieht aus wie eine Fee aus dem Märchen.

Sebastián wunderte sich über sich selbst. Eigentlich war es gar nicht seine Absicht gewesen, die Engländerin bereits hier auf dem Platz anzusprechen, aber wie sie so dasaß, mit einem verträumten Lächeln auf den Lippen am Rand des Brunnens, hatte es ihn einfach übermannt.

Jetzt stand sie ihm gegenüber, und er konnte sie in voller Größe bewundern: Sie war nicht klein, doch er überragte sie trotzdem um knapp zwanzig Zentimeter, sodass sie zu ihm aufschauen musste. Entweder lag es daran, oder sie war generell leicht einzuschüchtern, denn als er sie jetzt forschend betrachtete, senkte sie verlegen den Blick.

Trotzdem erkannte er, dass er eine echte Schönheit vor sich hatte. Ihr seidiges schwarzes Haar, das ihr bis auf die Schultern fiel, glänzte im Sonnenschein. Ein fransiger Pony, der bis über die Brauen reichte, beschattete ihre großen jadegrünen Augen, und ihre sanft geschwungenen Lippen luden zum Küssen ein.

Zum Küssen? Er wunderte sich über seine seltsamen Gedankengänge. Sie zu küssen war gewiss das Letzte, was er im Sinn hatte.

Nach einer Weile des Schweigens räusperte sie sich. „Sie … haben auf meinen Brief geantwortet“, stellte sie unsicher fest. „Und mit mir das Treffen mit meinem Vater vereinbart.“

Er runzelte die Stirn. Glaubte sie etwa, sie würde jetzt gleich ihren Vater … Nein, das war absurd. Davon hatte nichts in seinem Antwortschreiben gestanden. Sie konnte unmöglich so naiv sein, anzunehmen, dass Cristóbal sich in einem kleinen Café in aller Öffentlichkeit mit ihr treffen würde. Er war noch immer ein Star, auch wenn es mit seiner Schauspielkarriere in den letzten Jahren stetig bergab ging.

„Wie haben Sie mich eigentlich erkannt?“, fragte sie jetzt und riss ihn damit aus seinen Gedanken.

„Das Foto, das Sie Ihrem Brief beigelegt haben“, erklärte er. „Damit war es nicht weiter schwer, Sie zu identifizieren.“

Sie warf ihm einen skeptischen Blick zu. „Unter all den Menschen, und das, wo Sie nicht einmal Ausschau nach mir gehalten haben? Wirklich erstaunlich.“

„Reiner Zufall“, erwiderte er knapp, doch das entsprach nicht der Wahrheit. Nichts an ihrer Begegnung war Zufall. Er folgte Allison Deline nämlich bereits seit ihrer Ankunft am Flughafen, und das aus gutem Grund: Er wollte einen ersten Eindruck von ihr gewinnen. Von der Frau, die nach fünfundzwanzig Jahren plötzlich auftauchte und behauptete, Cristóbal Ramírez’ Tochter zu sein.

Nur deshalb hatte er sie nach Ibiza eingeladen. Um herauszufinden, was für ein Mensch sie war – und vor allem, weil er verhindern wollte, dass sie sich mit ihrer Geschichte an die Presse wandte, wenn Cristóbal nicht auf ihr Schreiben reagierte.

Ihm war gleich aufgefallen, wie nervös sie wirkte, als sie in die Eingangshalle des Flughafens trat. Das mochte an der Aussicht liegen, bald zum ersten Mal auf ihren Vater zu treffen.

Viel wahrscheinlicher erschien Sebastián allerdings eine andere Möglichkeit. Denn mit Frauen, die es auf das Geld anderer Leute abgesehen hatten, kannte er sich zu bestens aus. Er brauchte nur an seine eigene Mutter zu denken …

Doch ehe er ein Urteil über Cristóbals vermeintliche Tochter fällte, wollte er sie zunächst einmal besser kennenlernen. Und dazu würde er schon bald ausreichend Gelegenheit haben – vielleicht mehr, als ihm selbst lieb war.

„Kommen Sie, gehen wir zum Café“, schlug er vor. „Dann können wir uns in Ruhe unterhalten.“

„Wartet mein Vater denn dort auf uns?“, fragte sie, und der hoffnungsvolle Klang ihrer Stimme stand im jähen Kontrast zum furchtsamen Blick ihrer herrlich grünen Augen.

„Darüber sprechen wir, wenn wir da sind.“ Irritiert über sich selbst verzog Sebastián die Lippen. Früher oder später musste er ihr ohnehin sagen, dass sie vergeblich auf Cristóbals Erscheinen hoffte. Er wusste selbst nicht, warum er den Moment noch länger hinauszögern wollte. Denn eines stand fest: Er würde Allison Deline keinesfalls in die Nähe ihres – angeblichen – Vaters lassen, bevor er alles über sie wusste.

Und wenn sie darauf hoffte, ihn mit ihrer süß-unschuldigen Art um den Finger wickeln zu können, dann täuschte sie sich gewaltig.

Allisons Herz klopfte wie verrückt, während sie Sebastián López über die mit Palmen gesäumte Promenade zu dem Café folgte, in dem sich schon bald ihre weitere Zukunft entscheiden würde.

Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, was für ein Mann ihr Vater wohl war. Sie kannte ihn bisher nur aus Filmen und Zeitungsberichten. Ein früher international gefeierter Star, der nun nach einigen ruhigen Jahren ein Comeback versuchte. Nie wäre sie darauf gekommen, dass ausgerechnet Cristóbal Ramírez der Mann sein sollte, der ihre schwangere Mutter verlassen hatte. Es fühlte sich mehr als seltsam an, und sie hatte es noch immer nicht ganz verinnerlicht.

Erst vor wenigen Monaten, kurz vor dem Tod ihrer Mutter, war die Wahrheit ans Licht gekommen. Seitdem rang sie nun schon mit sich, ob sie mit Cristóbal Ramírez Kontakt aufnehmen sollte. Nicht, dass sie sich nicht ihr halbes Leben lang nach dem Vater, den sie nie gehabt hatte, gesehnt hätte. Nein, sie fürchtete sich schlicht und einfach vor seiner Reaktion. Dieser Mann war ein völlig Fremder für sie, auch wenn er biologisch gesehen neben ihrer Mutter ihr engster Blutsverwandter war. Alles, was sie von ihm wusste, stammte aus irgendwelchen Boulevardzeitschriften, und sie bezweifelte, dass sie von selbst den Mut aufgebracht hätte, den ersten Schritt zu machen. Dass sie nun hier saß, verdankte sie vor allem der Hartnäckigkeit ihrer Freundin Tara, mit der sie im Kindergarten zusammenarbeitete, und der Tatsache, dass sie nicht wusste, wie es sonst weitergehen sollte.

Es stimmte schon, was Tara sagte: Sie trug eine Verantwortung, der sie sich nicht entziehen durfte. Von dem Treffen mit Cristóbal Ramírez hing mehr ab als nur ihr persönliches Glück. Es gab Menschen, die sich darauf verließen, dass sie alles in ihrer Macht Stehende unternahm, um die Dinge wieder in Ordnung zu bringen. Und auch wenn es ihr nicht gefiel, ironischerweise war ihr Vater der einzige Mensch auf der Welt, der ihr dabei helfen konnte.

Wenn Cristóbal Ramírez sie abwies, wusste sie nicht mehr, was sie tun sollte. Er war ihre letzte Hoffnung, und sie konnte nur sehr schlecht einschätzen, wie ihre Chancen standen. Würde ihr Vater sich überhaupt veranlasst sehen, sie zu unterstützen? Wenn es stimmte, was ihre Mutter auf dem Sterbebett behauptet hatte …

Nein, darüber wollte sie jetzt lieber nicht nachdenken. Sie war auch so schon nervös genug, obwohl das, wie sie sich eingestehen musste, auch ein wenig mit Sebastián López zu tun hatte. Der Spanier sah nicht nur unverschämt gut aus, er war auch sehr dominant. Und das schüchterte sie mehr ein, als ihr lieb war.

Sie mochte diese Seite an sich selbst nicht besonders. Warum kann ich nicht ein bisschen selbstbewusster und mutiger sein, so wie Tara?

Ihre Freundin unterschied sich von ihr so deutlich wie der Tag von der Nacht. Tara liebte das Abenteuer, war gut aussehend, witzig und schlagfertig. Sie selbst hingegen besaß eine zurückhaltende Art, ging Konfrontationen gerne aus dem Weg, und besonders selbstsicher auftretende Männer schüchterten sie ein. Sie hatte gelernt, damit zu leben. Aber ausgerechnet heute wünschte sie sich, ein klein wenig mehr so zu sein wie Tara.

„Wir sind da“, verkündete Sebastián und führte sie auf die Terrasse eines Cafés, wo er ihr unter einem bunt gemusterten Sonnenschirm einen Stuhl zurechtrückte. „Setzen wir uns.“

Suchend blickte Allison sich um, doch ihren Vater konnte sie zu ihrer Enttäuschung nirgendwo entdecken. Bestimmt kam er noch nach, immerhin waren sie recht früh dran, und er war ein viel beschäftigter Mann.

„Sie sind also extra nach Ibiza gereist, um Cristóbal kennenzulernen“, stellte Sebastián fest, nachdem er – natürlich ohne sie zu fragen – Cappuccino für sie beide bestellt hatte. Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und musterte sie forschend. Allison kam es vor, als versuchte er, bis auf den Grund ihrer Seele durchzudringen. Rasch schaute sie weg, als ihre Blicke sich trafen.

„Wann wird mein Vater hier sein?“, wollte sie wissen. Sie hoffte, dass sie nicht mehr allzu lange warten musste. Allein mit diesem fremden Mann hier im Café zu sitzen machte sie zunehmend nervös.

Sebastián seufzte. „Darauf wollte ich erst später zu sprechen kommen, aber wenn Sie darauf bestehen: Cristóbal wird nicht kommen.“

Allison atmete scharf ein. „Was sagen Sie da? Aber … warum nicht? Ich dachte …“ Sie straffte die Schultern. „Was soll das?“, verlangte sie zu wissen und bemühte sich nun, ihrer Stimme einen festen Klang zu verleihen. „Ich bin extra nach Ibiza geflogen, um …“

„Sie haben also wirklich geglaubt, dass Ihr Vater sich in aller Öffentlichkeit mit Ihnen treffen würde?“, fiel Sebastián ihr ungerührt ins Wort. Langsam schüttelte er den Kopf. „So naiv können Sie doch gar nicht sein! Cristóbal ist ein bekannter Schauspieler, die Presse würde sich sofort auf die Geschichte stürzen.“

„Die Presse ist mir egal, ich will nur …“

„Cristóbal ist die Presse aber keineswegs gleichgültig, und damit mir als seinem Manager auch nicht.“

Allison atmete tief durch und kämpfte die Tränen zurück, die ihr in die Augen gestiegen waren. Sebastiáns Worte trafen sie. Vor allem, weil sie ihm im Grunde ihres Herzens recht geben musste. Vielleicht war es tatsächlich naiv gewesen, anzunehmen, dass ihr Vater einfach so zu einem Treffen kam. „Und was bedeutet das jetzt?“, fragte sie. „Will er mich denn gar nicht kennenlernen?“

„Sagen wir so: Im Moment ist das ganz einfach nicht machbar. Während der Dreharbeiten kann Cristóbal keine Ablenkungen gebrauchen.“

„Aber warum haben Sie mich dann überhaupt hierherbestellt? Das, was Sie mir eben gesagt haben, hätten Sie mir auch schriftlich mitteilen können. Dann wäre ich gar nicht erst angereist.“

„Das hätte ich sicherlich tun können. Aber ich habe es nicht getan, weil ich Ihnen anbiete, vorerst mit mir vorliebzunehmen.“

„Mit Ihnen?“ Allison verstand kein Wort. „Was meinen Sie denn damit?“

„Ganz einfach: Sie wohnen so lange bei mir, bis ich bereit bin, Sie mit Ihrem Vater bekannt zu machen.“

Allison glaubte, sich verhört zu haben. Was bildete sich dieser unverschämte Kerl eigentlich ein? Sie schüttelte den Kopf. „Nein“, widersprach sie energisch. „Das werde ich ganz gewiss nicht tun. Außerdem: Was soll das überhaupt heißen? Wann wären Sie denn bereit dazu?“

„Sobald Sie vierzehn Tage auf meinem Anwesen verbracht und mir dadurch die Möglichkeit gegeben haben, Sie kennenzulernen.“ Er beugte sich zu ihr vor. „Verstehen Sie mich nicht falsch: Mir ist egal, wie Sie sich entscheiden. Wenn Sie jetzt aufstehen und gehen würden, könnte ich sehr gut damit leben. Ich hätte Sie vergessen, ehe Sie aus meinem Blickfeld verschwunden wären.“ Er machte eine Pause. „Sie sind es, die ein Anliegen hat. Sie möchten Ihren Vater sehen. Gut. Aber ich bin nicht nur Cristóbals Manager, sondern auch sein engster Vertrauter. Und bevor ich hundertprozentig sicher sein kann, dass Sie es gut mit ihm meinen, werde ich ganz sicher kein Treffen arrangieren. Genau deshalb verlange ich, dass Sie die nächsten zwei Wochen an meiner Seite verbringen. Wenn Sie mich in dieser Zeit davon überzeugen können, dass Sie vertrauenswürdig sind, werden Sie schon bald Ihren Vater kennenlernen.“ Er lehnte sich wieder zurück. „Sie sehen also, es liegt ganz bei Ihnen.“

Erneut spürte Allison, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen, doch sie drängte sie tapfer zurück. Keinesfalls wollte sie sich die Blöße geben und vor diesem Mann weinen. „Und wenn ich mich einfach beim Filmstudio erkundige, in welchem Hotel mein Vater abgestiegen ist“, fragte sie herausfordernd. „Was dann?“

„Dann würde ich mich nur in meiner Vermutung bestätigt sehen, dass Sie keine guten Absichten verfolgen“, erwiderte er ruhig. „Ihr Vater kann Aufregung im Moment nicht gebrauchen, seine gesamte Karriere hängt von diesem Filmprojekt ab. Außerdem, glauben Sie im Ernst, dass einer der Filmbosse Ihnen diese Auskunft geben würde?“

Allison schluckte, als ihr die Bedeutung seiner Worte langsam klar wurde. „Soll das etwa heißen, er weiß gar nicht, dass ich mich gemeldet habe?“

„Doch … doch, natürlich“, wich Sebastián aus. „Aber das Lesen eines Briefes ist immer noch etwas anderes, als plötzlich einem Menschen gegenüberzustehen, den man nie zuvor gesehen hat und dem man dennoch so verbunden ist. Seine Nerven sind augenblicklich ohnehin nicht die stärksten, und eine Konfrontation mit Ihnen, nach all den Jahren, könnte ihn endgültig aus der Bahn werfen. Wollen Sie das wirklich?“

Allison senkte den Blick. Das Letzte, was sie wollte, war, ihrem Vater Schaden zuzufügen. Alles, was sie sich wünschte, waren Antworten auf ihre vielen Fragen und ein Mensch, der bereit war, ihr zu helfen. Wie es aussah, blieb ihr also keine andere Wahl, als auf Sebastián López’ Forderung einzugehen, auch wenn sie keine Ahnung hatte, worauf sie sich da einließ.

„Also gut“, sagte sie und atmete tief durch. „Ich tue, was Sie verlangen.“

Sichtlich zufrieden faltete er die Hände, und Allison warf ihm einen schüchternen Blick zu. Ein prickelnder Schauer überlief sie.

Es irritierte sie, dass Sebastián eine solche Wirkung auf sie ausübte. Sie hatte geglaubt, nach allem, was in der Vergangenheit passiert war, immun gegen die Verlockungen des anderen Geschlechts zu sein. Zumindest hatte sie sich schon vor langer Zeit geschworen, niemals eine Familie zu gründen. Auf keinen Fall wollte sie das Risiko eingehen, ein Kind in die Welt zu setzen, das womöglich eine ähnliche Kindheit erfahren würde wie sie selbst.

Und jetzt das. Unwillkürlich fragte sie sich, ob es ein Fehler gewesen war, auf Sebastiáns Bedingung einzugehen. Wie sollte sie es bloß aushalten, zwei Wochen mit diesem attraktiven Mann unter einem Dach zu verbringen?

Doch darüber wollte sie jetzt lieber nicht so genau nachdenken.

Die schneeweiße Villa hob sich schimmernd wie eine Perle gegen den strahlend blauen Sommerhimmel ab. Das moderne Gebäude mit den großen Fensterfronten lag auf einem Hügel direkt an den Klippen. Eine große Terrasse ragte knapp einen halben Meter über die Abbruchkante hinaus, zwanzig Meter tiefer kämpfte das Meer schäumend gegen die schroffe Felsküste an.

Staunend saß Allison neben Sebastián auf dem Beifahrersitz des schnittigen Sportwagens, der den gewundenen Weg zur Villa hinauffuhr. Sie hatte mit vielem gerechnet – damit jedoch nicht!

„Dieses Haus muss ein Vermögen gekostet haben!“ Erst als Sebastián sie mit einem seltsamen Blick bedachte, merkte Allison, dass sie ihren Gedanken laut ausgesprochen hatte. Ihre Wangen wurden heiß. „Ich meine nicht …

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