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Der schöne Schein der Wahrheit

Wolf von Lojewski

DER SCHÖNE SCHEIN
DER WAHRHEIT

Politiker, Journalisten
und der Umgang mit den Medien

Inhalt

  1. Die Medien sind wir
  2. Der schönste Beruf der Welt
  3. Wie werde ich Moderator?
  4. Vom Hasen und vom Igel
  5. Stars und Prominente
  6. Einsatz in Krieg und Katastrophen
  7. Das Karussell der Krisen
  8. Leben mit dem Zensor
  9. Warum sind wir nicht happy?
  10. Her mit dem Kriterien-Katalog!
  11. Blöd is beautyful
  12. Mit dem Strom und gegen den Strom
  13. Der Herr Bundeskanzler schläft
  14. Bruder Martins Geschichte
  15. Eine Welt ohne Journalisten
  16. Zwischen Jütland und Aleppo
  17. Die Kunst zu fragen
  18. Recherche und der schöne Schein
  19. Wie der Bulle pisst
  20. Die Macht der Medien oder: Eine enttäuschte Liebe
  21. Leben im Internet
  22. Wahrheit A und Wahrheit B
  23. Globale Spieler und lokale Helden
  24. Das achte Gebot
  25. Auf der Suche nach der Heimat
  26. Personen- und Sachregister

Ach, wer kann in unsern Tagen

denn noch wagen, nein! zu sagen,

der mit kindlichem Gemüt

morgens in die Zeitung sieht?

Wilhelm Busch, Der heilige Antonius von Padua (1870)

Die Medien sind wir

Nehmen wir mal an, die Geschichte sei frei erfunden. Sie geistert in meinem Kopf herum – als Warnung, dass man im Umgang mit Leuten wie mir nicht vorsichtig genug sein kann. Sie geht so: Der päpstliche Gesandte besucht Chicago, der Anlass ist eher protokollarischer Art. Keine Sensationen zu erwarten, keine Emotionen, keine Skandale, kein kirchlicher Streit, nichts, das im harten Wettbewerb der Chicagoer Zeitungen Aussicht hätte, Schlagzeilen zu machen… Da brüllt einer der auf dem Flughafen wartenden Reporter dem ehrwürdigen Gast die respektlose Frage zu: »Eminenz, werden Sie in Chicago auch einen Nachtclub besuchen?«

Der Nuntius zögert, doch dann besinnt er sich auf seine langjährige Erfahrung im Entschärfen delikater Situationen, droht ein wenig neckisch mit dem Zeigefinger und ruft in einer Mischung aus frommer Naivität und väterlicher Strenge in Richtung der lauten Schar: »Mein Sohn, gibt es denn bei euch auch Nachtclubs?« Am nächsten Morgen die Schlagzeile im Lokalteil der Chicago Daily News: »Gibt es bei euch auch Nachtclubs? – Das war die erste Frage des päpstlichen Nuntius nach seiner Landung in Chicago!«

Vorfälle dieser Art würde man heute als Kommunikationsdefizit bezeichnen. Politiker, Wirtschaftsführer und bedeutende Zeitgenossen aller Art stellen immer wieder mit Verbitterung fest, dass ihre Ideen und wunderbaren Programme auf eine vertrackte Art die Öffentlichkeit nicht so erreichen, wie sie es eigentlich verdienten. Auf dem Wege zum Zuschauer, Hörer oder Leser werden sie entstellt und zerrupft. Kaum dass sie gedruckt oder gesendet sind, wird das Urteil der üblichen Kritiker und politischen Gegner eingeholt, selbst Parteifreunde lassen sich hinreißen, Mäkliges in die Debatte einzuwerfen, und so dreht sich das Karussell der Krisen, ein neuer Hoffnungsstrahl verblasst, und nirgendwo ist eine Lösung in Sicht. Jene, für die die Politiker sich so plagen – eine verwirrte, undankbare Öffentlichkeit –, rufen schließlich nach Rücktritt oder wählen die unglücklichen Erretter ab.

So stellt sich die Frage, wie sich solche Niederlagen vermeiden lassen und wie man klugerweise mit jener launischen Meute umgehen sollte, die sich »die Medien« nennt. Um die Antwort gleich vorwegzunehmen: Da gibt es allerlei nützliche Rezepte, aber keine Garantie, dass sie im Einzelfall auch funktionieren.

Zugegeben, wir Journalisten sind auf dem Wege zu strahlenden Horizonten den Politikern selten eine Hilfe, sondern eher Experten im Kritisieren, im Herausfinden von Skandalen, Schwächen und Widersprüchen. Aber wahrscheinlich ist es gerade das, was die Öffentlichkeit von uns erwartet. Wären die Leser, Zuhörer, Zuschauer und die Internet-Gemeinde stets auf der Suche nach dem Harmonischen und Guten, hätte all unser Treiben doch keinen Sinn. Schlimmer noch für die Medienbranche: Wir hätten keinen Markt! Die Zeitungen würden Politikerreden in ganzer Länge drucken und brauchten keinen mehr, der darin kürzt und redigiert und dann in langen Kommentaren alles viel besser weiß. Die Fernsehsender würden jeglichen Schund und Skandal, jede Grausamkeit und sexuelle Verirrung aus ihren Programmen streichen und von morgens bis abends Gottesdienste, frohe Lieder und Bundestagsdebatten übertragen. Automatisch müsste sich dann auch die Politik dem neuen Trend anpassen: kein Streit, kein böser Vorwurf gegen das andere Lager, CSU-Abgeordnete und die Linken reichen sich die Hand, die Grünen spenden artig Beifall, wenn jemand von der FDP das Rednerpult betritt…

Machen wir uns nichts vor: Die Medien sind wir! Wir als Zuschauer, Hörer und Leser, und wir als Journalisten und Programmdirektoren. Hätten wir, das Publikum, einen anderen Geschmack oder ein sanfteres Gemüt, es würde niemand wagen, uns von morgens bis abends mit Unheil und Katastrophen und dem Treiben von Terroristen, Diktatoren und Kinderschändern zu überhäufen. Zeitungen und Fernsehschirm wären vollgepackt mit Geschichten von Menschen und Institutionen, die der Gesellschaft ein Vorbild sind.

Alle Versuche mit den sogenannten »guten Nachrichten« sind jedoch nach kurzer Verzückung wieder im allgemeinen Desinteresse versickert. Und so muss man die Presse und all die Medien, die aus ihr hervorgegangen sind, auch nicht als Beifallskulisse der Demokratie ansehen, sondern eher als ihren Prüfstand und Härtetest, der vor allem das Schlingern und Rattern und alle ungewöhnlichen Geräusche im öffentlichen Raum mit Alarm registriert. Schon als junger Reporter hatte ich schnell die Fähigkeit entwickelt, in Pressekonferenzen und auf Feierstunden all die pathetischen Passagen der Ministerreden entspannt an mir vorbeiwehen zu lassen. Aber wenn einer plötzlich etwas Neues und Überraschendes sagte oder etwas, das auch nur in leisesten Tönen anders klang als die Lehrsätze und Parolen seiner Partei, seines Regierungschefs oder Fraktionsvorsitzenden, dann meldete sich so eine Art Autopilot, und ich war hellwach.

Aber zurück zu der Frage, wie man denn nun als Politiker oder Wirtschaftsführer im Zeitalter der Kommunikation mit Leuten wie mir am besten auskommt. Manager nehmen Lehrgänge in diesem Fach, und gelegentlich wird mir angeboten, vor einem solchen Publikum Dozent zu sein. Dies habe ich stets dankend abgelehnt, denn meinen Rat hätten sie ja doch nicht angenommen: »Sagen Sie einfach nur die Wahrheit – kurz und in klaren, verständlichen Sätzen! Und wenn Sie etwas nicht wissen oder Ihrer Sache nicht sicher sind, dann geben Sie es zu!«

Ich höre schon die Antwort, ein solcher Ratschlag sei naiv. Im Umgang mit der Wahrheit gebe es eine Menge zu bedenken: den Zorn des Ministers, die Enttäuschung der Aktionäre, die Unruhe in der Belegschaft, in der Partei oder in der Öffentlichkeit, den Umsatz, die nächsten Wahlen, die Karriere, das Wohl der Familie und tausend andere übergeordnete Werte und Gefahren. Daraus lernen wir, dass für Menschen, die Verantwortung tragen, vieles einfach wichtiger ist als die Wahrheit. Und so müssen wir damit leben, dass es eben schwierig bleibt mit uns Journalisten und der Kommunikation.

Und noch ein Hinweis – gleichsam eine Gebrauchsanweisung für die folgenden Kapitel. Es gibt immer mehr Frauen in unserem Beruf, eine positive Entwicklung. Denn während man bei Baggerführern oder Möbelpackern noch nach Argumenten fahnden könnte, weshalb Männer für diese Arbeit eine größere Eignung haben, fallen mir solche Bedenken für den Journalistenberuf nicht ein. Eine solche Erkenntnis verlangt natürlich nach Konsequenzen – auch vom Autor eines Buches. Gesellschaftliche Realität und präziser Umgang mit der Sprache fordern beispielsweise Formulierungen wie diese: »Das Verhältnis des Politikers/der Politikerin zu Journalisten und Journalistinnen ist manchmal etwas verklemmt, weil jeder/jede aus ihrer/seiner besonderen Interessenlage heraus in stetiger Versuchung ist, den anderen/die andere zu manipulieren.« Meiner Faulheit kämen solche Sätze durchaus entgegen, das Buch würde mit geringerem Aufwand erheblich an Umfang gewinnen. Ich will stattdessen ein Gleichnis – etwas Juristisches, Politisches und Praktisches – heranziehen: die alte »Schleswig-Holsteinische Schokoladen-Verordnung«.

Es geschah kurz nach der Währungsreform, und ein noch junger Landtag machte seine ersten tastenden Gehversuche auf dem Weg zurück in die Demokratie. Seit kurzem erst gab es wieder Schokolade. Es erscholl der Ruf an die Obrigkeit nach Kriterien. Wie viel Zucker im Verhältnis zum viel leichteren und teureren Kakao? Mehlzusatz gestattet oder nicht? Aromen ja oder nein, und wenn ja, welche? Das Problem muss wohl kurz vor einem Weihnachtsfest auf den schleswig-holsteinischen Landtag zugerollt sein, die Schokoladen-Weihnachtsmänner waren bereits im Anmarsch.

Als endlich alles geklärt und korrekt verordnet war, ist jemandem gerade noch rechtzeitig eingefallen, dass man aus Schokolade ja noch mehr formen kann als nur Weihnachtsmänner und dass der Gesetzgeber spätestens zu Ostern wieder an die Arbeit müsse. So setzte man eine Schlussklausel in diese denkwürdige Verordnung, die uns im nun Folgenden ein Leuchtfeuer sein soll zur absoluten und uneingeschränkten Gleichstellung von Journalistinnen und Journalisten und Politikerinnen und Politikern, Männern und Frauen: »Weihnachtsmann im Sinne des Gesetzes ist auch der Osterhase!«

Der schönste Beruf der Welt

Fliegen, fliegen, fliegen… Die Nacht war kurz. Wie spät mag es jetzt wohl am Zielort in Adelaide sein? Die Außentemperatur beträgt laut Bordcomputer minus vierzig Grad. Die vierstrahlige Maschine schwebt in zehn Kilometern Höhe nach Südosten. Auf dem kleinen Bildschirm vor mir leuchtet eine Weltkarte in Grün, Blau und rötlichem Braun. Ein kleines Flugzeugsymbol ruckelt sanft Stück für Stück vorwärts. Die indische Hauptstadt Delhi haben wir links liegen lassen und steuern jetzt auf den Golf von Bengalen zu. Das rötliche Braun muss der Himalaya sein. Etwa acht Stunden sind wir schon unterwegs, und wir haben noch nicht einmal die Hälfte der Strecke nach Australien hinter uns.

Die chinesische Stewardess gibt sich alle Mühe, ihre Gäste mit Namen anzusprechen. Bei meinem ist das eine besondere Herausforderung. Wir haben es geübt, und nun kommt sie in regelmäßigen Abständen vorbei, um ihre Fortschritte überprüfen zu lassen. All die verknautschten, im Halbschlaf versunkenen Gesichter um uns herum blinzeln erheitert unter ihren Decken hervor, dankbar für jede Abwechslung auf der langen Reise.

Australien! Die ersten Reisenden waren britische Strafgefangene, die man am anderen Ende der Welt ans Ufer kippte, um die Gefängniskosten zu sparen. Vier Monate dauerte die Überfahrt, und von denen, die das wilde Geschaukel eingepfercht im engen Bauch des Schiffes überlebten, war mit Gewissheit anzunehmen, dass sie niemals wiederkehren würden. Die ersten Nicht-Engländer, die sich im frühen 19. Jahrhundert freiwillig auf die lange Reise machten, kamen aus Brandenburg und Schlesien und weigerten sich, ihrem König in Glaubensfragen zu folgen. Auch für sie war es ein Abschied für immer.

Gemessen am Reisekomfort jener Zeit ist das sanfte Geschaukel durch eine milchige Wolkenlandschaft heute ein Genuss. Wir leben in einer rasend modernen, von Unsicherheit und Ängsten geprägten und dennoch überaus spannenden Zeit. Und die interessanteste Art, diese Welt zu erleben, ist für mich zweifellos der Journalistenberuf.

Techniker, Chemiker und Mediziner dringen bei ihren Forschungen in immer intimere Bereiche der Schöpfung vor, um die Baupläne des Lebens und des Universums zu entschlüsseln. Und Journalisten und Politiker müssen versuchen, mit dem schwindelerregend Neuen in der Welt Schritt zu halten, den Nutzen zu erkennen, die Gefahren abzuwägen. Beide verbindet das Talent, von allem etwas, aber von wenigem viel zu verstehen. Und während der Politiker herausgefordert ist, für all die faszinierenden oder auch gefährlichen Entdeckungen der Wissenschaft Weichen zu stellen, Entscheidungen zu treffen, sie zu fördern oder zu verbieten, so ist es Auftrag des Journalisten, hier eine Art Übersetzer zu sein, ein Experte, dessen Horizont im Einzelfall begrenzt sein mag, der aber das Prinzipielle an einer Sache so weit überschauen sollte, dass es ihm gelingt, bei seinem Publikum Neugier, Interesse oder auch Zweifel zu wecken.

Langstreckenflüge sind immer dazu angetan, Gedanken über das Große und Ganze anzustellen. Man sieht vielleicht noch einen Film, liest, klappert auf dem Laptop herum, döst, trinkt und isst alles Mögliche durcheinander, um schließlich müde und philosophisch gestimmt in den Sessel zu sinken. In solchem Schweben über Meeren und Kontinenten, kilometerhoch über den Eiswüsten von Grönland, packte mich gar einmal das Verlangen, einen Roman zu schreiben: über große Ideale und bittere Enttäuschung, über Schicksale und Krisen, an denen der Journalist vorüberzieht, angelockt vom Glück oder Unglück anderer, persönlich nur für kurze Zeit hineingezogen, mehr Zuschauer und professioneller Betrachter als persönlich Beteiligter am Leben… Jeder Reiz und jeder Gedanke werden schon bald vom nächsten überdeckt. Man ist immer unterwegs, immer auf dem Sprung und jederzeit bereit, vor ein Publikum zu treten – ein Medium, das Signale auffängt und weitergibt in der Hoffnung, dass sie irgendjemand versteht.

Nun also unterwegs nach Australien. Immer schon wollte ich einmal dorthin. Stopover in Singapur, der Drehscheibe zwischen den Kontinenten. Jedes Mal, wenn man als Reisender in den kleinen Stadtstaat kommt, gibt es ein paar Wolkenkratzer mehr. Wo einst zu Kolonialzeiten abenteuerliche Kulisse war, ist es heute sauber und ordentlich. Alle Spuren früherer Sünde und Exotik sind zubetoniert und weggescheuert. Straßenüber- und unterführungen sind mit Palmen und tropischen Blumen bepflanzt, nirgendwo gibt es Abfall oder Schmierereien. Rauchern wird man hier nicht mehr begegnen, Kaugummi gibt es in den Läden nicht mehr zu kaufen. Wer böswillig die Straße verschmutzt, muss mit einer behördlich verordneten Prügelstrafe rechnen, auf Drogenhandel steht die Todesstrafe.

Singapur brodelt von jungen Menschen – strebsam, höflich, einkaufswütig. Die Orchard Road, die zu Somerset Maughams und Rudyard Kiplings Zeiten tatsächlich noch ein Obstgarten gewesen sein mag, ist heute eine Schlucht aus Shopping-Arkaden. Der Europäer läuft durch diese geschäftige Kulisse wie der Zauberlehrling, der darüber staunt, mit welcher Wucht Asien den Pulsschlag der Wirtschaft erhöht. Lernen, arbeiten, einkaufen – das ist der Takt des Lebens.

Zurück zum Flughafen, einsteigen in die Düsen- und Zeitmaschine, Tür zu und noch mal sieben Stunden Schaukeln und Gleiten. Dann wird die Klappe sich wieder öffnen, und wir sind endlich am Ziel…

Beim Blick aus dem Fenster sieht der Flugreisende Wasser. Und plötzlich eine Küste und üppiges Grün, aber nur für ein paar Augenblicke. Dann leuchtet es von unten steingrau und rot. Eine menschliche Siedlung ist nirgends auszumachen. Keine Wolken mehr, jedenfalls nicht zwischen März und Oktober. Nur Sonne, blauer Himmel und darunter dieses unendliche Rot und Grau. Etwa fünfzehn Mal so groß wie Deutschland ist der Kontinent, und dennoch leben bei uns viermal mehr Menschen als in ganz Australien.

Den übermüdeten, aber nun doch erwartungsfroh einschwebenden Europäer beschleicht die Frage: Was hat Gott, als er die Welt erschuf, für Pläne mit Australien gehabt? Sind ihm gegen Ende der Schöpfung die Materialien ausgegangen und nur noch Wüste und Eukalyptussträucher übrig geblieben, die irgendwo zu entsorgen waren? Oder wollte er vielleicht ein abstraktes Kunstwerk schaffen? Australien ist so völlig anders als der Rest der Welt: üppig blühend an den Rändern und innen von bizarrer Schönheit, trocken, heiß und leer.

Beim Landeanflug auf Adelaide im Süden kommt mir der Häuserbrei dort unten wie eine Stadt in Amerika vor. Der Empfang ist freundlich, der Passbeamte kennt meine Daten schon aus dem Internet, die Sonne strahlt, der Taxifahrer ist als Kind aus Griechenland gekommen und erzählt voller Stolz, dass seine Landsleute hier in Adelaide die größte Einwanderergruppe stellen. Die zweitgrößte seien die Deutschen. Und der nächste gebürtige Grieche, der mir über den Weg läuft, erklärt mir das Lebensgefühl in seiner neuen Heimat so: »Wenn du arbeitest, lebst du hier wie ein König. Und wenn du nicht arbeitest auch!«

Ganz so ist es natürlich nicht. Wer einmal – und sei es nur kurz – seine Nase in das »wahre« Australien steckt, der entdeckt dort freies, aber auch hartes und gefährliches Leben. Er wird »Städte« kennen lernen, die zehn, höchstens zwanzig Einwohner haben, und die nächste Siedlung ist etwa zweihundert Kilometer entfernt. Zentrum solcher Inseln der Zivilisation ist jeweils der Pub. T-Shirts, Mützen und Büstenhalter zieren diese Kneipen. Und Tausende von Visitenkarten, die Zeugnis ablegen: »Auch ich war in Mataranka oder William Creek!«

Die großen Highways sollte man hier tunlichst nicht verlassen. An jedem Tresen in jedem Pub kursieren Geschichten von Touristen, die irgendwo auf staubiger Piste eine Panne hatten, und niemand kam vorbei. Als man sie fand, lagen sie verdurstet unter irgendwelchen Büschen. Die Hitze im Outback kann gnadenlos sein, die Einsamkeit geradezu außerirdisch, Sonnenauf- und Sonnenuntergänge sind überwältigend. Man kann auch mit dem Zug quer durch das Buschland und die Wüsten reisen, in zwei Tagen und zwei Nächten von Süd- nach Nordaustralien oder umgekehrt.

Du schaust aus dem Fenster, und draußen immer das gleiche Bild: Wüste, Büsche, Termitenhügel… Du fängst an zu grübeln über Geborgenheit und Abenteuerlust, über Zivilisation und Natur, über die Weite des Universums und über dich selbst. Schon in der Schule wurde uns eingetrichtert, dass die Erde eine Kugel sei. So theoretisch im Klassenraum nimmt man das ja noch gutmütig hin. Doch hier, am anderen Ende der Welt, erfordert es einen festen Glauben an die kosmischen Gesetze, um sich vorzustellen, dass die Lieben daheim in Europa in diesem Augenblick verkehrt herum an der Decke hängen. Offenbar fordern unsere Instinkte eine klare Orientierung, wo oben und wo unten ist, und suchen einen festen Halt.

Spätestens an dieser Stelle wird dem Journalisten wieder einmal bewusst, wie interessant, wie schön sein Beruf ist, wie vollgepackt mit Eindrücken und Erlebnissen, die eigentlich für mehrere Leben reichen. Vielleicht sollte man ja nicht zu sehr über einen Planeten ins Schwärmen geraten, der so viel Unrecht und Grausamkeit, Gleichgültigkeit und zerstörerische Kraft unter seinen Bewohnern duldet. Der Journalist kommt immer wieder in Situationen, in denen er solch düstere Gedanken unterdrücken oder beiseite schieben muss. Er will sich einreden und unverdrossen daran glauben, dass jeder Missstand zu beseitigen sei, wenn es ihm oder einem seiner Kollegen wieder einmal gelingen sollte, einen Skandal aufzudecken. Denn das ist ja das Glaubensbekenntnis dieses Berufes: Information schafft öffentliches Bewusstsein, rüttelt auf und weckt die guten Kräfte in uns Menschen.

Die Erfahrung spricht natürlich dagegen. Ich habe während vieler Jahrzehnte über Skandale und Kriege, über Leid und Unrecht berichtet. Doch dass die Welt durch meine Berichte, Reportagen oder Moderationen erkennbar besser geworden wäre, kann ich nicht behaupten. Verbrechen und Katastrophen wiederholen sich; ein Krieg geht zu Ende, und der nächste beginnt; immer neue Regierungen versprechen soziale Gerechtigkeit, eine blühende Wirtschaft und für jeden einen Arbeitsplatz. Am Ende kommt meist etwas dazwischen. Mal sind es die weltweite Wirtschaftsschwäche und die schlechten Rahmenbedingungen, mal ist der politische Gegner schuld, mal ist ein Glück wie die deutsche Einheit nur schwer zu verkraften. Und jedes Mal ist es die Presse, die alles durcheinander bringt und mit ihrem Pessimismus und Gemäkel die Stimmung verdirbt.

Etwas getröstet hat mich jüngst die Begegnung mit Schwester Agnes. Sie lebt im Konvent Mariannhill in der Nähe der südafrikanischen Stadt Durban. In ihrem Kloster ist sie zuständig für »Kommunikation«, den Kontakt mit der Außenwelt im weitesten Sinn. Schwester Agnes ist klein, gedrungen, dynamisch, etwa im gleichen schon etwas gehobenen Alter wie ihre Mutter Oberin, aber nicht so feingliedrig und blass, hat eine kräftige Stimme und einen klaren Blick, die Antennen sind voller Mitgefühl auf eine deprimierende Außenwelt gerichtet.

Das Leid, das sie am Rande der großen afrikanischen Hafenstadt täglich zu lindern sucht, ist mit unseren Sorgen nicht zu vergleichen. Es würde die Kräfte und die Weisheit nicht nur afrikanischer Regierungen übersteigen, ein solches Meer von Armut trockenzulegen. Die Kriminalitätsrate ist hoch; junge Männer haben nach dem Ende der Rassentrennung hohe Erwartungen, die der Arbeitsmarkt nicht erfüllen kann; die Familienstrukturen in den sogenannten Townships sind nicht so stark, um die soziale Misere aufzufangen. Was immer es an Vorschlägen gibt, Südafrikas Wohlstand und Bodenschätze gerechter zu verteilen – alle haben ihre Schwächen. Es sind die Frauen in den Ghettos, die das Leben irgendwie aufrechterhalten. Und dass der ärmste Kontinent auch noch mit besonderer Heftigkeit von der Seuche Aids heimgesucht wurde, ist selbst theologisch schwer zu erklären. Das Kloster hilft, wo es kann. Die Schwestern schaffen Wohnraum für Familien, unterhalten Arbeitsprogramme, bringen den Kindern Lesen und Schreiben bei. Und mit den Erwachsenen versuchen sie das auch.

Als wir die weitläufige Anlage besichtigt haben – hier und da mit einem unsicheren Blick auf die vielen Stacheldrahtzäune –, nimmt Schwester Agnes uns beim Abschied zur Seite, um uns eine Botschaft nach Europa mitzugeben. Neckisch zupft sie mich am Ärmel und fragt: »Wenn ich einmal sterbe und dem lieben Gott gegenübertrete – was glauben Sie, wird seine erste Frage sein?« Etwas Gescheites fällt mir nicht ein, und so gebe ich zu bedenken, dass ich doch Journalist sei und wohl eher Fragen an ihn hätte als er an mich. Gott wisse doch sowieso schon alles.

Doch Schwester Agnes gibt nicht nach. »Also gut«, versuche ich mein Glück, »er wird wahrscheinlich fragen: ›Hast du auch immer fest an mich geglaubt? Warst du demütig und gehorsam?‹« – »Ach wo!«, ruft lachend die Frau, die täglich so viel Elend sieht. »Er wird fragen: ›Hat dir das Leben Spaß gemacht?‹ – Und ich werde aus vollem Herzen antworten: ›Ja!‹«

Wie werde ich Moderator?

Wissen Sie«, klagte mir eines Tages ein netter Herr auf dem Golfplatz sein Leid, »mit meiner Tochter ist es nicht ganz leicht. Sie sieht gut aus, ist sehr intelligent, aber sie kann sich einfach nicht entscheiden, was sie einmal werden möchte. Als wir neulich wieder einmal darüber sprachen, meinte sie, so was wie Moderatorin im Fernsehen könnte sie eventuell interessieren. Sie kennen sich doch da ein wenig aus: Wie wird man das? Wie kommt man da ran? Bei wem müsste sie sich vorstellen oder bewerben?«

Wir sprachen dann über dieses und jenes Detail. Eine Lehre oder so etwas Ähnliches werde ihr gewiss etwas langweilig werden, meinte mein Golfpartner. Sie habe zwar studiert, aber auch an der Universität sei es für sie schwierig gewesen, sich für eine bestimmte Richtung zu entscheiden. Mir seien diese Gefühle nicht ganz fremd, munterte ich ihn auf, ich hätte seinerzeit nach Schule und Militärzeit auch nicht gerade aus Leidenschaft die Juristerei gewählt. Es sei eben ein Studienfach, das nach dem Staatsexamen in viele Bereiche des Lebens führen könne – so wie der Journalistenberuf auch. Im Wesentlichen sei es der steten Ermahnung meiner Eltern zuzuschreiben, dass ich das Studium tatsächlich zu Ende brachte.

Mein Mitspieler, der dem Golfball viel energischer seinen Willen aufzwingen konnte als ich, schloss im Umgang mit seiner Tochter diese Einflussmöglichkeit aus. In einer Beziehung sei ich allerdings besser dran gewesen als seine Tochter, warf ich tröstend ein: Der Entschluss, Journalist zu werden, habe bei mir seit dem sechsten oder siebten Lebensjahr felsenfest gestanden. Die Sache mit dem Moderieren sei dann später aus heiterem Himmel auf mich zugeflogen. Jemand, der im Regionalprogramm des Norddeutschen Rundfunks ein wöchentliches Magazin leitete und präsentierte, habe sich vor der Kamera nicht recht wohl gefühlt und mich gefragt, ob ich ihm diesen Teil der Arbeit abnehmen wolle, was ich dann aus Neugier getan habe. So sei ich zum ersten Mal in diese Zauberkiste geraten, und später habe sich eins aus dem anderen ergeben: »Weltspiegel«, »extra drei«, »Tagesthemen«, »heute journal«, »Abenteuer Wissen«…

Ganz entmutigt habe ich den besorgten Vater nicht, aber ich konnte ihm auf seine konkrete Frage einfach keine klare Antwort geben. Mir, dem über Jahrzehnte praktizierenden Moderator, wurde auf dieser Golfrunde zum ersten Mal bewusst, dass ich keine Ahnung hatte, wie man auf ordentlichem Wege diesen Beruf ergreift und wer beispielsweise beim ZDF oder bei der ARD der Zuständige für die Anstellung oder doch wenigstens das gelegentliche Vorsprechen von Moderatoren sein könnte. Ich mochte ihm nicht einmal in Aussicht stellen, dass ich mich erkundigen würde, denn es beschlich mich die Ahnung, dass es diese Instanz wahrscheinlich gar nicht gibt.

Personalchefs mischen sich üblicherweise in solche Entscheidungen nicht ein, sie handeln allenfalls die Verträge aus, wenn andere längst ihre Wahl getroffen haben. Das ist beim Fernsehen nicht anders als in anderen Branchen. Wer die eigentlichen Entscheidungsträger sind, kann von Sendung zu Sendung unterschiedlich sein, und die Kriterien, nach denen sie über Moderatorenkarrieren entscheiden, sind in keiner Vorschrift niedergelegt. Mein Eindruck ist, dass die Sender sich ihre Talente meist gegenseitig wegklauen. Ich bin auf solchen Raubzügen auch schon im Einsatz gewesen: Mal fängt man tatsächlich einen Fisch, mal nutzt der oder die Umworbene das lockende Angebot nur dazu, um beim bisherigen Arbeitgeber mehr Geld oder gewisse Karrierezusagen herauszuschlagen.

Also beschloss ich meine Berufsberatung auf dem Golfplatz mit der These, Moderatorinnen oder Moderatoren müssten im Regelfall bereits erfolgreiche oder doch vielversprechende Moderatoren oder Moderatorinnen sein, um Moderator oder Moderatorin zu werden. Und wo man das lerne, wenn man es vorher noch nicht ausgeübt habe, sei mir nach all den Jahren immer noch schleierhaft. Im Grunde, so fasste ich tapfer zusammen, seien es Schicksale wie die des Schusters Voigt in Zuckmayers »Hauptmann von Köpenick«: Der beantragte einen Ausweis, aber weil er nach seiner Entlassung aus der Strafanstalt keinen Ausweis hatte, stellten ihm die Behörden keinen neuen aus. Hätte er einen gehabt, hätte er einen bekommen… Nicht ganz zu Unrecht verwirrte dies meinen Partner.

Da wir aber schon einmal bei dem Thema sind, wollen wir noch etwas bei diesen übernatürlichen Wesen verweilen, die Abend für Abend zu Millionen von Menschen in die Wohnstuben schweben. Die einen schauen uns als strenge Erzieher vom Fernsehschirm entgegen und verkünden in politischen Angelegenheiten die einzig korrekte Sicht. Andere schmeicheln sich bei uns ein und überschlagen sich vor Nettigkeit. Wieder andere bedienen ein spezielles Segment unserer edleren und leider auch unserer schäbigeren Instinkte: Sie werden urkomisch, sobald das Rotlicht über der Kamera aufleuchtet, oder präsentieren uns Menschen, denen ein Missgeschick passiert, und strotzen dann vor Häme und gnadenloser Schadenfreude. Wieder andere kommen ganz ungewöhnlich einfühlsam und sensibel daher. Aber auf keinen Fall zu vergessen sind jene, die weniger mit ihrer eigenen Rolle beschäftigt sind, sondern einfach nur versuchen, beim Zuschauer Interesse für die Themen, Berichte oder Gäste ihrer Sendung zu wecken. Kein Wunder, dass mir in dieser Rubrik vor allem die Moderatoren des »heute journals« im ZDF einfallen: Claus Kleber und Marietta Slomka. Eines Tages wird bestimmt noch der »heute«-Moderator Steffen Seibert in diese Riege aufrücken. Und schließlich ist mir der spröde Charme der »Tagesschau« ein fester Halt im Wirbelsturm der Aktualitäten.

Den einen mag die Kamera, den anderen mag sie nicht. Studium, Fachkenntnis, jahrelanges Training – alles, was man in Lehrbüchern vorschreiben oder empfehlen könnte, kann im Einzelfall von Nutzen sein oder eben auch nicht. Nach meinem Abitur oder juristischen Staatsexamen hat mich nie jemand gefragt, bevor er mich vor eine Kamera ließ. Ein wenig Munterkeit oder gar Intelligenz kann gewiss nicht schaden. Doch nicht einmal Schönheit ist eine zwingende Voraussetzung, denn Schönheit kann auch steril und langweilig wirken. Und so lässt sich für alle Arten und Farben der Programme nur eines zuverlässig sagen: Die eine moderiert und der andere nicht. Es gibt Talente, die sind einfach sympathisch – »gut drauf« –, und sie fallen jedem von uns gleich beim ersten Erscheinen angenehm auf. Seit einiger Zeit sind die Sender jedoch in Versuchung, diese Lieblinge des Publikums so gnadenlos von einer Sendung in die nächste zu hetzen, dass man dieser einst so frischen Gesichter irgendwann leid und überdrüssig wird.

Was ursprünglich einmal spontaner Humor und Schlagfertigkeit waren, wird allerdings inzwischen mehr und mehr durch Pointenschreiber und professionelle Witzelieferanten unterfüttert. Der Star-Moderator eilt wie ein vielbeschäftigter Zahnarzt von Behandlungszimmer zu Behandlungszimmer, greift vorher mal kurz in die Patientenakte und erkennt mit routiniertem Blick: Wen haben wir da auf dem Stuhl, und worum geht’s denn hier? Einige schaffen es, uns an einem einzigen Tag von verschiedenen Orten und zu völlig unterschiedlichen Programmen einen guten Abend zu wünschen.

Alles in allem: »Moderator« ist keine klar definierte Laufbahn, und daher ist es auch nicht verwunderlich, dass es die entsprechenden Berufsanforderungen und eine zuständige Prüf- und Anheuerstelle nicht gibt. Vielleicht wird ja aus jener jungen Dame, deren Vater sich auf dem Golfplatz um ihre Zukunft sorgte, am Ende doch eine Moderatorin. Was sie vor allem braucht, ist Glück. So viele könnten es, aber sie konnten es noch keinem beweisen. Viele schaffen es, sich eines Tages doch auf den Bildschirm zu drängen, schüchtern sollten sie nicht sein. Irgendwo ist irgendwann einmal ein Hauptdarsteller indisponiert, und jemand ruft dem, der immer mit hungrigen Augen hinter den Kulissen stand, zu: »Okay, das ist jetzt deine Chance!« Die Flut der Angebote steigt, und vieles, was sich heute Fernsehsender nennt, braucht die entsprechenden Talente. In den USA hat es Meinungsumfragen über Traumberufe gegeben, und »Moderator« beziehungsweise »Moderatorin« gehörte ganz selbstverständlich in die Rubrik. Die meistgenannte Begründung leuchtet ein: »I want to be famous!« – Ich will berühmt werden!

Für den Journalisten lauert hier eine Gefahr. Es ist ja schwer vorstellbar, dass jemand ausgerechnet diesen Beruf ergreift, um den Rest seiner Tage in einem Studio zu verbringen. Journalist wird man aus Abenteuerlust, Neugier und aus Freude am ständigen Wechsel. Vielleicht ist es Gerechtigkeitssinn, die Leidenschaft, Skandale aufzuklären, und eine Portion Eitelkeit ist sicherlich auch dabei. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu meint, es sei typisch für unseren Beruf, dass man dort viele unruhige Geister finde, Unzufriedene, stets leicht Empörte.

Das alles kann natürlich auch beim Moderieren ausgelebt oder durchlitten werden. Im Nachrichtenstudio ist der »Anker« – wie die Amerikaner die Tätigkeit desjenigen nennen, der durch eine Sendung führt – mit aller Welt zusammengeschaltet: Moskau, Peking, Afghanistan oder dem Irak. Und überall machen Politiker etwas falsch, was dem Moderator reichlich Anlass bietet, besorgt zu sein und Tadel auszusprechen. Mehrmals in meiner Zeit beim »heute journal« ergab sich die Möglichkeit, live mit Astronauten oder Kosmonauten im Weltraum verbunden zu sein, die zum Zeitpunkt unserer Sendung mit ihrem Raumschiff auf der Mainz zugewandten Seite die Erde umkreisten. Es ist faszinierend, es ist blitzschnell und hochinteressant. Und dennoch: Es bleibt Innendienst.

Ein Erlebnis hat mir dies besonders deutlich gemacht. Es war in Washington in den späten achtziger Jahren. Acht Jahre zuvor hatte ich die wohlige Wärme eines Redaktionsleitersessels beim »Weltspiegel« und eines Moderatorenhockers bei den »Tagesthemen« verlassen, weil ich der etwas großspurigen Ansicht war, in der deutschen Politik ereigne sich nichts Neues und Interessantes mehr, alles wiederhole sich. Was in der heimischen Politik zu begreifen sei, hätte ich inzwischen begriffen. Es zog mich nach England und fünf Jahre später zum zweiten Mal in die USA. Aber plötzlich bröckelte die Mauer in Berlin, und es geschah, womit ich nie im Traum gerechnet hatte: Ausgerechnet daheim passierte das atemberaubend Neue, speziell in Deutschland veränderte sich die Welt! Und da Journalisten sich auch gern gegenseitig interviewen, wenn gerade kein anderer Experte greifbar ist, hatte mich der Nachrichtensender CNN ins Washingtoner Studio geholt, um seinen Zuschauern in aller Welt Deutschland und die Deutschen zu erklären. Im Prinzip verstand ich ja selbst nicht, was da plötzlich in der DDR geschah, aber das hat wohl noch keinen »Experten« abgeschreckt, vor eine Kamera zu treten.

Das Washingtoner CNN-Studio, aus dem in jenen Tagen im Wechsel mit Atlanta, New York und London gesendet wurde, lag in der Nähe des Kapitols auf einem recht schmalen Streifen zwischen zwei großen Straßen. Das mehrgeschossige Gebäude schob sich fast bis an die Fahrbahnkante. Es befand sich also im Zentrum eines großstädtischen Gebrodels und dennoch in schroffer Einsamkeit, ein Klotz aus Glas und Stahl, eines der ödesten Bürogebäude, das man sich vorstellen kann. Zu Fuß war es jedenfalls oberirdisch nicht zu erreichen. Man fuhr von einer der beiden Avenues aus in die Tiefgarage und von dort mit dem Fahrstuhl in die oberen Stockwerke.

Als sich die Fahrstuhltür öffnete, landete ich in einem kahlen, grob verputzten, weiß getünchten Aufenthaltsraum, links die Feuertreppe, rechts ein Getränkeautomat, ein Plastiktischchen und ein paar Stühle. Hier wartete bereits ein schon etwas älterer Herr, ein Gesicht, das ich aus Hotelfernsehern in Washington, Peking, Hamburg, London und überall auf der Welt kannte. Einsam saß dieser CNN-Moderator, der Dirigent und Lenker, Symbol einer unruhigen, faszinierenden, durch Wirtschaft und Politik, vor allem aber durch CNN zusammengeschalteten Welt in diesem Treppenhausmilieu und freute sich, dass er endlich einmal wieder einen Menschen traf, mit dem er sich unterhalten konnte. »Wir sind erst in fünfzehn Minuten dran«, begrüßte er mich, und so plauderten wir über Deutschland, über die Kneipenszene in Washington und über das Neueste aus der Politik. Die Sonne schien matt durch die verspiegelten Scheiben, unter uns quälten sich zu beiden Seiten des Gebäudes die Autoschlangen bis zur nächsten Ampel vor.

Es war ein freundliches, kollegiales Stillleben der friedlichsten Art. Nach zehn oder zwölf Minuten warfen wir unsere Kaffeebecher in einen Plastikeimer und gingen durch zwei Metalltüren in ein kleines Studio. Hinter einer Glasscheibe tauchten die Gesichter zweier Techniker auf, eine Stimme aus dem Lautsprecher kündigte an: »Sixty seconds and you’re on air…«. Der Moderator nahm Haltung an, räusperte sich und sagte zu mir: »Erst eine kurze Meldung, dann stelle ich Sie vor!« Schwer zu glauben, dass wir in sechzig Sekunden auf den Fernsehschirmen in der ganzen Welt aufleuchten würden, zumindest in den Hotelzimmern. In China und Indien würde es Nacht sein, in Europa Abend, in Australien und Japan wahrscheinlich schon Morgen am nächsten Tag: zwei Männer im Nirgendwo, ein Gespräch über Politik, Teil der unendlichen News.

Als die zehn Minuten um waren, verabschiedete ich mich in die Freiheit. Er musste bleiben, noch Stunden absitzen und alle dreißig oder sechzig Minuten dasselbe Menü, leicht aufgewärmt, erneut servieren. Ein aufregendes, aber irgendwie auch erlebnisarmes Schicksal…

Vom Hasen und vom Igel

Politiker sind nun einmal zwanghaft gute Menschen. Journalisten auch. Das verbindet sie, das befähigt sie auf eine besonders intensive Art, einander zu verstehen oder sich wechselseitig das Leben sauer zu machen. Wir Journalisten sind in diesem Rennen allerdings klar im Vorteil, manchmal so sehr, dass einem unsere Politiker schon leid tun können. Die Armen müssen oft auf mehreren Bühnen gleichzeitig spielen: hier die Wähler, da die Partei; hier die ehernen politischen Glaubenssätze, dort die lästige Realität… Und überall lauern Journalisten auf Patzer und Widersprüche. Es ist wie im Märchen vom Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel.

So sind die Reden unserer politischen Helden auch meist etwas geschraubt und verklemmt und voller vager Formulierungen. Man ahnt wohl, was sie sagen wollen, aber sie sagen es selten mit jener Klarheit und Überzeugungskraft, die instinktiv Vertrauen weckt. Oder natürlich auch Widerspruch. Im Grunde ist die politische Debatte ein Austausch gestanzter Formeln – eine Art zu reden, die dem normalen Sprachgebrauch etwas entrückt ist. Manchmal spüren wir: Da möchte jemand etwas Mutiges, Originelles sagen, aber so richtig traut er sich auch wieder nicht. Und einige sind nun mal einfach keine großen Redner. Ihre Sätze werden immer länger und verschlungener. Die Stimme hebt sich nach jedem Satz, der Zuhörer spürt fast die Angst davor, endlich einen Punkt zu setzen.

Im Grunde sind die meisten Argumente schon hundertfach ausgetauscht. Der Redner kennt alle Einwände seiner Gegner und versucht, sie in seine Wortschwaden einzuwickeln und im Voraus zu ersticken. Dies macht die Botschaft natürlich nicht klarer. Das gefährlichere Publikum sind denn auch oft nicht die Widersacher und Gegenspieler der anderen Parteien, sondern die eigenen »politischen Freunde«. Meist ist auf einen besonderen Flügel oder Zirkel Rücksicht zu nehmen, dem der Volksvertreter den sicheren Listenplatz oder seinen Stellenwert in der öffentlichen Diskussion verdankt. Und immer, wenn wieder mal einer versucht, die Hürde gleichzeitig links und rechts zu nehmen, brauchen wir Journalisten nur dazustehen und abzuwarten, bis er strauchelt.

Besonders dankbar ist auch diese Rolle nicht. Es kann auf Dauer sogar frustrierend sein, sich immer wieder Fragen auszudenken, wenn man die Antworten eigentlich schon kennt. Der Journalist weiß ja, wen er warum und zu welchem Thema interviewt. Und wenn es für einen bestimmten Experten in einer bestimmten Situation unklug wäre, sich darauf festzulegen, wie viel wohl zwei plus zwei sein könnte, dann mag der pfiffige Interviewer sich noch so sehr ins Zeug legen – er wird die »vier« aus seinem Gesprächspartner nicht herauskitzeln.

Ich stelle mir das Verhältnis von Presse und Politik immer wie ein Schachspiel vor. Die meisten Figuren können nur in vorgegebenen Bahnen über das Spielfeld ziehen: der Turm waagerecht und senkrecht, der Läufer schräg, der Kurs des Springers ein zierliches Gehüpfe, der König – in steter Gefahr, in die Enge getrieben zu werden – darf nie weiter als ein Feld pro Zug in jede Richtung schreiten. Nur die Dame hat die Freiheit, schwungvoll über das ganze Brett zu tanzen. Wie schön wäre es, wenn das auch die Leidenschaft von uns Journalisten wäre. Was hält uns zurück, völlig locker und jedem neuen Gedanken gegenüber aufgeschlossen in einen solchen Schlagabtausch zu gehen?

Wahrscheinlich sind auch wir bei diesem und jenem Thema schon zu steif vor Expertentum. Psychologisch einleuchtend wäre es ja: Wer nicht zu den Reichen und Mächtigen im Lande zählt, der möchte doch wenigstens klug sein. Und das ist die Falle. Eine gewisse Portion Naivität könnte da manchmal weiterhelfen, denn wer mit seinen Fragen zu sehr darum bemüht ist, seinem Gegenüber und dem Publikum zu signalisieren, wie schlau und wie sehr auf der Höhe des aktuellen politischen Denkens er ist, der hat kaum eine Chance, in einer festgefahrenen, wenn nicht gar verkorksten Debatte Neues hervorzulocken. Jeden Verweis auf innerparteiliche Widersprüche, Flügelkämpfe und Intrigen beispielsweise wird ein politischer Profi wahrscheinlich durch noch weit Schlaueres und für das Publikum noch schwerer Verständliches parieren können. Wir müssen nun einmal davon ausgehen, dass der Politiker alle Manöver und Machtkonstellationen und auch die neuesten Gerüchte in seinem Biotop besser kennt als der Journalist. Solche Interviews erlösen daher das Publikum nicht aus seiner Ratlosigkeit, sondern vergrößern oft nur die Verwirrung.

Dass wir Frager bei solchem Zeremoniell nicht immer leidenschaftslos sind, darf man beklagen. Aber schließlich sind solche unterschiedlichen Weltanschauungen philosophisch und staatsrechtlich durchaus gewollt. Sosehr wir es uns auch wünschen mögen: Das Fundament der Pressefreiheit ist ja nicht die Forderung nach objektiver Information. Im Gegenteil: Ganze Zeitungen dürfen nicht nur, sie sollen sogar zu politischen Fragen feste, wenn nicht gar verbohrte Positionen haben. Die große Zahl der Publikationen, so lehrt es die dahinterstehende Philosophie, werde jedes Ungleichgewicht schon wieder ausbalancieren. In Rundfunk- oder Fernsehredaktionen – den öffentlich-rechtlichen jedenfalls  – setzt man auf die sogenannte »Binnenpluralität« und versucht, im Stellenplan der Sender die üblichen politischen Denkrichtungen fein säuberlich über die Programmfelder zu verteilen. Mit Blick auf das gesamte Spektrum der Medien kann man es auch so ausdrücken: In einer Demokratie suchen wir Lösungen, wenn nicht gar die Wahrheit, im publizistisch gerechten Ausgleich von Vorurteilen.

Natürlich hat dieses Konzept eine Schwäche: Es setzt voraus, alle Ideen, die klugen wie die törichten, seien im Prinzip längst im Umlauf. Sie müssten nur in Wahlkämpfen, Talkshows und an den Stammtischen, in Berichten und Kommentaren unverdrossen hin- und hergeschoben werden. Und wer dem anderen zuhört oder sich gar von ihm überzeugen lässt, bringt eher Unordnung in das System. In meinen stürmischen, aber alles in allem sehr schönen Jahren beim NDR hatte ich es beispielsweise mit dem Intendanten Friedrich-Wilhelm Räuker zu tun, der mit Hingabe und fast schon wieder rührender Treuherzigkeit von der Mission erfüllt war, politische Ansichten und das dazugehörige Personal auf seinem Stellenplan »auszutarieren«. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Ich war in seinem Planspiel durchaus kein Märtyrer. Zwar hielt er mich bei der Besetzung bestimmter Posten schlicht für ungeeignet, dafür gab es dann aber andere interessante Positionen, die riefen geradezu nach einem wie mir. Denn ich war aus Begeisterung für Willy Brandt in die SPD eingetreten, und somit war für meinen Intendanten das Spektrum meiner politischen Gedanken ein für alle Mal ausgeleuchtet und begrenzt. Nichts war diesem etwas poltrigen, aber dann auch wieder leutseligen Medienkommissar suspekter als die Behauptung, es gebe einen unabhängigen Journalismus. Hinter derartigen Floskeln vermutete er einen Trick der Linken, die damit sein wohlgeordnetes Proporzgefüge durcheinander bringen wollten. Da war der Sozialdemokrat Herbert Wehner in seinem Urteil schon flexibler: Er pflegte politisch Unzuverlässige wie mich rundweg als »freischwebende Arschlöcher« zu bezeichnen.

Die Zeiten waren durchaus ungestüm, eine neue Generation von Journalisten erprobte ihre Kräfte. Inzwischen haben sich die Rituale eingependelt, die öffentliche Arena ist nicht mehr ganz so streng durchgestylt wie damals. Weder Spiegel noch Bild haben heute noch starre Schablonen für Helden oder Bösewichte. Fernsehmagazine, deren politische Ausrichtung der Zuschauer damals schon an Bart, Schlips oder Pullover des Moderators ausmachen konnte, sind heute schwerer kalkulierbar. Nicht gar so strenge Gesichter blicken uns auf dem Bildschirm entgegen.

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