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Der rote Freibeuter

1. Kapitel

Wer nur einigermaßen mit dem Gewühl und dem Leben einer Handelsstadt bekannt ist, wurde in dem stillen, geschäftslosen Newport den Platz nicht wiedererkennen, der in früheren Zeiten für einen der wichtigsten und besuchtesten Häfen an der ausgedehnten Küstenstrecke von Nordamerika galt. Newport auf Rhode Island scheint beim ersten Blick der von der Natur begünstigte Ort, der alles in sich vereinigt, was den Bedürfnissen des Seemanns entgegenkommen und seine Wünsche verwirklichen kann. Ein bequemer Hafen, ein ruhiges Becken, ein sicherer Ankerplatz, eine gute Reede mit einer klaren Abfahrt in die offene See. Im Besitz dieser Vorzüge war in den Augen unserer europäischen Vorfahren Newport der Platz, den sie zur Aufnahme großer Flotten und zur Bildung eines Stammes kühner und geschickter Matrosen bestimmt hatten.

Dies Bestreben ist nicht ganz ohne Erfolg geblieben; aber wie wenig ist die erste Erwartung in Erfüllung gegangen! In der Nähe des von der Natur anscheinend zu ihrem Liebling auserkorenen Ortes hat sich ein glücklicherer Rivale eingefunden, der alle Berechnungen kaufmännischen Scharfsinns zuschanden gemacht und zu den neunhundertneunundneunzig Beweisen, dass des Menschen Weisheit eitel Torheit sei, den tausendsten geliefert hat.

Es gibt nur wenig Städte von einigem Belang in unserem fast grenzenlosen Gebiet, in dem sich, seit einem halben Jahrhundert, alles so unverändert erhalten hätte, als in Newport. Bis zum Zeitpunkt, wo sich die ungeheuern Hilfsquellen des inneren Landes zu entwickeln anfingen, war die Provinz Rhode Island der Sammel- und Ruheplatz, dem die südlichen Pflanzer zuströmten, um sich vor der Hitze und den übrigen Ungemächlichkeiten ihres brennenden Landstrichs zu bergen. Sie zogen scharenweise dahin, die stärkenden Hauche der Seeluft einzuatmen. Damals noch derselben Regierung Untertan, ließen sich die Einwohner beider Karolinas und Jamaikas freundschaftlich in Newport nieder, teilten sich gegenseitig Gewohnheiten und Verfassungen mit und überließen sich der süßen Täuschung, die ihre Nachkommen vom dritten Geschlecht sich zurückzuwünschen anfangen.

Die einfachen, unerfahrenen Kinder der Puritaner nahmen aus dieser Verbindung Gutes und Böses an. Während sie der Umgang mit den feineren und vornehmeren Bewohnern der südlichen Kolonien abgeschliffener machte, weckte er in ihnen neue Begriffe von dem Unterschiede der Stände, wovon sie vorher wenig oder nichts ahnten, und die ihnen jetzt von den Ankömmlingen eingeimpft wurden.

So ward unter allen Provinzen Neu-Englands Rhode Island die erste, die sich von den Sitten und Meinungen ihrer schlichten Altvordern entfernte. Dadurch wurde dem strengen, rauen und unfreundlichen Benehmen der erste Stoß versetzt, das man früherhin als ein notwendiges Bindungsmittel der wahren Religion, als eine äußere Bürgschaft für die Gesundheit des innern Menschen ansah; dadurch wurde der erste merkbare Schritt veranlasst, der von den puritanischen Grundsätzen abführte, die der abstoßenden Außenseite das Wort redeten. Ein seltsames Zusammentreffen und Gemisch von Umständen und Eigenschaften machte die Kaufleute von Newport zugleich zu Sklavenhändlern und zu Gentlemen.

Wie aber auch der moralische Zustand der Einwohner im Jahre 1759 beschaffen sein mochte, so war doch Rhode Island nie reizender und verlockender als damals. Die schwellenden Hügelrücken der Insel waren mit hundertjährigen Wäldern bekränzt, die kleinen Täler mit dem frischen, lebendigen Grün des Nordens überzogen, die anspruchslosen, dabei reinlichen und bequemen Landhäuser lagen von schattigen Gebüschen und bunten Blumenbeeten umgürtet.

Die Schönheit und Fruchtbarkeit der Gegend hatte dem Eiland einen Namen erworben, der mehr ausdrückte, als man in früheren Zeiten darunter verstand. Die Einwohner nannten nämlich ihre Besitzungen den »Garten von Amerika«, und ihre Gäste, die Ankömmlinge aus den brennenden Ebenen des Südens, fanden sich nicht berufen, diese Benennung streitig zu machen. Der Name hat sich zum Teil fast bis auf unsere Zeiten erhalten und ist nicht eher verschwunden, bis der Reisende in den Stand gesetzt worden, die Tausende von weiten und lachenden Tälern zu durchwandeln, die vor fünfzig Jahren noch in dem undurchdringlichen Schatten der Wälder begraben lagen.

Das soeben von uns angeführte Datum bezeichnet eine Periode, die für die britischen Besitzungen in unserem Festlande vom höchsten Interesse war. Ein blutiger Rachekrieg, dessen Anfang Unglück und Niederlage gebracht hatte, war im Begriffe, glorreich zu enden. Frankreich hatte sein letztes Besitztum am Weltmeere eingebüßt, während die unermessliche Länderstrecke zwischen der Hudsonbai und den spanischen Provinzen der englischen Macht unterworfen war. Die Kolonien hatten einen großen Anteil an den Erfolgen des Mutterlandes gehabt.

Stolz und Freude über den glücklichen Ausgang ließen vergessen, was die törichten Vorurteile europäischer Anführer für Fehler begangen, für Verluste und Schande herbeigeführt hatten. Braddocks grobe Verstöße gegen die Kriegskunst, Laudons Gleichgültigkeit, Abercrombies Schwäche waren durch die Kraft Amhersts und Wolfes Genie ersetzt worden. In allen vier Weltteilen siegten die Waffen der Briten. Die loyalen Bewohner der Provinzen stimmten am lautesten in die Triumphe des Mutterlandes ein, überließen sich der reinsten Freude und schlossen gutwillig die Augen bei den kargen Beifallsbrocken, die ihnen zugeworfen wurden – denn auch hier zeigte sich das gewöhnliche Verfahren großer Völker, die nur mit Widerstreben einen kleinen Teil ihres Ruhmes an die gelangen lassen, die sie als Abhängige ansehen; dem Geizigen gleich, der gern alles für sich allein behielte, und desto habsüchtiger wird, je mehr ihm die Nachsicht einräumt.

Das System von Unterdrückung und Regellosigkeit, das eine Losreißung zur Folge hatte, die früher oder später erfolgen musste, hatte noch nicht angefangen. War das Mutterland auch nicht gerecht, so zeigte es sich doch gefällig. Gleich allen alten und großen Nationen, überließ es sich dem angenehmen, aber gefährlichen Genuss der Selbstbeschauung.

Die Dienste und Verdienste eines Volksteils, der von ihm unterschätzt wurde, hatten das Schicksal, bald vergessen zu werden; oder wenn man sich ihrer hier und da erinnerte, so war es, sie zu missdeuten, zu tadeln, zu schmähen. Die Herabsetzung nahm in dem Maße zu, als die Übereinstimmung der Gemüter abnahm; das Unrecht wurde immer fühlbarer, die eitle Torheit griff immer weiter um sich.

Männer, deren Beobachtungsgeist sich hätte besser unterrichten können und sollen, waren die Ersten, die, selbst in dem höchsten Rate der Nation, schamlos erklärten, ihnen sei der Charakter eines Volks unbekannt, das ihnen doch blutbefreundet war.

Selbstschätzung gab der Meinung der Toren Gewicht. Von einschläferndem Dünkel eingenommen, machten graue Krieger ihrem edeln Handwerk Schande, Prahlereien sich erlaubend, die man einem Stutzer, der kein Pulver gerochen, nicht unbestraft hätte hingehen lassen. So gab zum Beispiel ein Burgoyne in hochtrabendem Tone dem Unterhause das sinnlose Versprechen, mit einer Macht, die er zu bestimmen sich nicht scheute, von Quebec nach Boston vorzudringen; ein Versprechen, das er in der Folge hielt, indem er mit einer doppelt so starken Macht, kriegsgefangen von Boston nach Quebec zurückging. So hat England, vom Torheitsschwindel ergriffen, in der Folge seine hunderttausend Leben und seine hundert Millionen Pfund verschwendet.

Die Geschichte dieses denkwürdigen Kampfes ist jedem Amerikaner bis auf die kleinsten Umstände bekannt. Damit zufrieden, dass sein Land gesiegt, überlässt er es gern den Annalen der Welt, den ruhmvollen Ausgang in ihren Blättern aufzubewahren. Ihm genügt es, dass sein Land auf einer breiten, natürlichen Grundfeste ruht und nicht des Lobpreisens feiler Federn bedarf; für seinen innern Frieden sowie für seinen Charakter ist es hinreichend, zu fühlen, dass der Wohlstand der Republik nicht in der Herabwürdigung angrenzender Nationen gesucht werden darf.

Der Faden unserer Geschichte führt uns in jene ruhige Periode zurück, die den Stürmen der Revolution vorausging. In den ersten Tagen des Oktobermonats 1759 war Newport, wie jede andere Stadt von Amerika, mit dem doppelten Gefühle der Freude und des Schmerzes erfüllt. Mitten unter den Triumphen über seinen Sieg beweinten die Einwohner Wolfes Tod. Quebec, das Bollwerk von Kanada, der letzte feste Platz, den ein Volk noch inne hatte, das man seit der Kindheit gewohnt war, für den natürlichen Feind Englands anzusehen, war gefallen und hatte den Herrn gewechselt. Die loyale Anhänglichkeit an die Krone von England, die so lange an- und aushielt, bis das seltsame Prinzip, das ihr zum Grunde diente, nachgab und einstürzte, hatte den höchsten Punkt erreicht. Es gab in den Kolonien vielleicht nicht einen Einzigen, der nicht seine eigene Ehre mit dem eingebildeten Ruhme des Oberhauptes aus dem Hause Braunschweig gewissermaßen verflochten und vereint hätte.

Der Tag, an dem die Handlung unserer Geschichte beginnt, war feierlich dazu angesetzt worden, die Gefühle der guten Stadtbewohner sowohl, als des umliegenden Landvolks, über den Sieg laut und lebendig werden zu lassen, den die königlichen Waffen erfochten hatten.

Beim Anbruch dieses, wie in der Folge beim Anbruch vieler tausend ähnlicher Tage, wurde mit allen Glocken geläutet; der Kanonendonner rollte, die Volksmenge ergoss sich vom frühesten Morgen an durch die Straßen und legte in ihre Bewegungen den Eifer, der gewöhnlich die Freude begleitet, wenn sie zum allgemeinen Volksfeste wird.

Der zur Feier des Tages bestellte Redner hatte in einer Art prosaischen Trauergedichts zum Preise des verblichenen Helden seine ganze Beredsamkeit aufgeboten und eine Probe grenzenloser Loyalität dadurch abgelegt, dass er den Ruhm, den das Todesopfer des Generals Wolfe und vieler Tausende seiner Mitstreiter so teuer erkauft hatte, auf das alleruntertänigste dem Throne zu Füßen legte.

Zufrieden mit diesen Äußerungen ihrer Treupflicht, fingen die Einwohner an, sich allmählich wieder nach Hause zu begeben, als die Sonne sich den unermesslichen Gegenden zuneigte, die sich damals wie endlose, unbetretene Wildnisse im Westen erstreckten, jetzt aber mit den Erzeugnissen und dem Segen des Kunstfleißes üppig übersäet sind.

Die Landleute der Umgegend und jenseits der Meerenge waren auf ihren zum Teil weiten Rückweg bedacht, und zwar aus jenen klugen Gründen der Sparsamkeit, die diese Klasse arbeitender Menschen mitten in ihren Vergnügungen nie verlässt. Sie eilten nach Haus, aus Furcht, dass sie der herannahende Abend zu Kosten verleiten möchte, die mit dem eigentlichen Zweck ihres Ausflugs in die Stadt nichts gemein hatten.

Die Zeit, die sie auf das Fest verwendet, war abgelaufen; der Hausvater machte sich auf, mit den Seinen in die ruhig fließenden Kanäle der gewöhnlichen Geschäfte wieder einzutreten, damit die auf das außerordentliche Schauspiel verwandte Zeit eingeholt würde, die er sich schon halb und halb als verloren vorwarf.

Auch in der Stadt wurden Hammer, Axt und Säge schon wieder gehört und die Läden von mehr als einer Werkstatt halbgeöffnet, als wolle der Eigentümer zwischen seinem Gewissen und seinem Geschäft ein Abfinden treffen.

Die Inhaber der drei, damals in ganz Newport befindlichen Wirtshäuser standen vor ihren Türen und sahen auf die abgehenden Landleute mit Augen hin, die deutlich zu erkennen gaben, dass sie unter dem Landvölkchen, das mehr vom Einnehmen als vom Ausgeben hält, doch auf Gäste lauerten.

Eine gar kleine Anzahl lärmender, gedankenloser Seeleute, die zu den Schiffen im Hafen gehörten, zusamt einem halben Dutzend bekannter Zechkunden, war alles, was die Wirte mit ihren Winken erobern konnten, ihrem Anrufen und Anreden, ihren Erkundigungen nach dem Wohlsein der lieben Frauen und Kinder, und bei einigen geradezu mit ihren Einladungen, einzutreten und sich zu erfrischen.

Weltliche Sorge und ein steter, nur zuweilen schiefer Blick auf die Zukunft, bildete den Hauptcharakterzug des ganzen Volks, das damals auf dem Boden zerstreut lebte, der unter dem Namen von Neu-England bekannt war. Das große Ereignis des Tages blieb unvergessen, obschon man es für unnötig hielt, sich in der Wirtsstube bei der Flasche darüber zu besprechen und die edle Zeit im Müßiggange zu vergeuden.

Die Abgehenden, die in verschiedenen Richtungen den Weg ins Innere einschlugen, schlossen sich in kleine Gruppen. Unter sich in freimütigen Gesprächen die Gegenstände der Tagespolitik abhandelnd, berührten sie die großen Staatsereignisse und die Art und Weise, wie sie von den Männern vorgetragen wurden, denen der Auftrag zugefallen war, sie zu entwickeln; doch setzten sie keineswegs dabei die Achtung aus den Augen, die sie dem Rufe der Hauptpersonen schuldig waren.

Es wurde im Gegenteil allgemein zugegeben, dass die gehaltenen Gebete (zwar etwas im Konversationstone und historisch vorgetragen), durchaus fehlerfrei und eindringend gewesen waren. Es hatten wohl einige Lust, als Dissenters aufzutreten, unter andern die Klienten eines Advokaten, der einem der Redner entgegen war; allein das Resultat blieb, dass aus keines Mannes Munde eine so vortreffliche, kunstvolle Rede geflossen sei als die heutige.

In demselben Sinn und Geist fiel das Urteil der Zimmerleute aus, die an einem Schiffe arbeiteten, das im Hafen erbaut wurde und der Gegenstand der allgemeinen Bewunderung der Provinz war; ja, von dem mit voller Überzeugung behauptet wurde, dass es das seltenste Muster eines in allen Teilen und Verhältnissen durchaus vollkommenen Meisterwerks der Schiffsbaukunst sei.

Der Redner, von dem ich hier spreche, war das gewöhnliche Orakel der Nachbarschaft, so oft ihn irgendein großes Ereignis, wie zum Beispiel das heutige, antrieb, sich zusammenzunehmen. Er galt im Vergleich mit anderen für den allertiefsten, kenntnisreichsten Geist, sodass sogar von ihm behauptet wurde, er habe mehr als einen europäischen Gelehrten in Erstaunen gesetzt, der es gewagt hätte, sich mit ihm im Felde der alten Literatur zu messen. Sein Ruf gewann gleich der Hitze an Intensität, je enger die Grenzen waren, die ihn umschlossen. Dabei verstand sich niemand besser als er darauf, seine hohen Gaben ausschließlich zu seinem Vorteil anzuwenden.

Nur ein einziges Mal verließ ihn die Klugheit. Der Himmel weiß, wie es kam, genug, er war nicht auf seiner Hut und tat einen Schritt, der ihm einen Teil des erworbenen Rufes raubte; er ließ es nämlich zu, dass einer seiner beredsamen Ausflüge in Druck gegeben wurde, oder, wie sich sein witziger, aber nicht so hochstehender Nebenmann, der zweite Rechtsgelehrte des Orts, ausdrückte: Er gab es zu, dass die Presse einen seiner flüchtigen Versuche festhielt.

So wenig man aber weiß, welchen Eindruck die Schrift im Auslande gemacht hat, so sehr trug sie dazu bei, seinen Ruf in der Umgegend zu vergrößern. Von nun an stand er vor seinen Bewunderern in aller Pracht und Würde der »gegossenen Lettern«, und machte es der erbärmlichen Brut ...

Die Tierchen, die durch hungriges Benagen

Der körperlichen Teile des Genies

Ihr Leben fristen

... unmöglich, einen Ruf zu untergraben, der in dem Glauben so manchen Sprengels so tief eingewurzelt war. Die kleine Schrift wurde fleißig in die benachbarten Provinzen verteilt, in Teegesellschaften gepriesen, in öffentlichen Blättern von einem geistverwandten Freunde hoch erhoben – die gleiche Schreibart verriet den Lobredner – und von einem frommen Gläubigen, vielleicht aus reinem Eifer, vielleicht aus näherer Teilnahme, dem nächsten Schiffe an Bord mitgegeben, das nach Hause segelte (denn so nannte man damals England). Sie lag in einem Umschlage, der keine schlechtere Überschrift führte, als: »An Se. Königliche Majestät von England«.

Es ist nie bekannt worden, was sie auf den geraden Sinn des dogmatischen Deutschen, der damals den Thron des Konquestors einnahm, für eine Wirkung gemacht hat, obschon die in das Geheimnis der Übersendung Eingeweihten lange vergebens auf die ausgezeichnete Belohnung warteten, deren sich ein so seltenes Erzeugnis des menschlichen Verstandes gewärtigen konnte.

Dieser hohen, wohltätigen Geistesgaben ungeachtet, beschränkte sich der Mann nun wieder, als sei er seiner Talente unbewusst, auf die Arbeiten seines gewöhnlichen Berufs, die mit der Beschäftigung eines – Schreibers die schlagendste Ähnlichkeit hatten; so sehr war ihm von der Natur, die ihn so trefflich ausstattete, die Eigenschaft der Selbstschätzung versagt worden, was umso mehr wundernehmen musste, da ihn außer diesen Kraftäußerungen seines Geistes, der Fleiß und die Pünktlichkeit, womit er seiner kostbaren und unwiederbringlichen Augenblicke wahrnahm, zu weit höheren Ansprüchen zu berechtigen schien. Nur ein kritischer Beobachter könnte vielleicht in der erzwungenen Demut seines Äußern Spuren seines Triumphs über Quebecs Fall gefunden haben.

Wir überlassen diesen Günstling der Natur, dieses Schoßkind des Glücks sich selbst und wenden uns von ihm zu einem ganz andern Individuum in einem sehr verschiedenen Stadtviertel.

Der Schauplatz ist nichts mehr und nichts weniger, als eine Schneiderwerkstätte. Hier sehen wir den Mann, der nicht verschmäht, sich in höchsteigener geschäftiger Person den geringsten Forderungen seines Berufs zu unterziehen. Die demütige Hütte, die er seine Wohnung nannte, lag unweit des Wassers, ganz am Ende der Stadt, und setzte ihn in den Stand, das heitere innere Becken nicht nur zu überschauen, sondern durch eine Wasseröffnung zwischen zwei Inseln den Anblick des äußern Hafens zu genießen, der sich hier wie ein Landsee ausdehnte. Eine schmale, unbesuchte Kaje erstreckte sich vor dem Hause und bewies durch ihren Verfall sowohl als durch den wenigen Verkehr, dass dieser Teil des Hafens nicht zu den lebhaftesten und betriebsamsten gehörte.

Der Nachmittag glich einem Frühlingsmorgen. Der Kühlwind riffelte leicht das Becken. Sein Gesäusel und seine Kühle machen bekanntlich den amerikanischen Herbst so angenehm. Der fleißige Nadelheld genoss den schönen Abend in seiner ganzen Fülle. Er saß auf seinem Werktisch am offenen Fenster, besser mit sich zufrieden, als mancher, der sein Glück darin sucht, im höchsten Staate unter einem Baldachin von Sammet und Gold zu sitzen.

Draußen vor dem kleinen Hause stand in der Stellung eines Lungerers ein langer, tölpischer, dabei starker, wohlgewachsener Landmann; mit der Schulter lehnte er sich an die Wand, als wäre es für seine Beine eine zu schwere Last, allein die ganze Masse ohne fremde Hilfe zu tragen. Er wartete darauf, dass ein Kleidungsstück fertig würde, woran der Meister emsig nähte, und womit er am nächsten Sonntag in seinem Dorfe Staat machen wollte.

Um die Zeit zu verkürzen, und wohl auch zum Teil, weil der Mann mit der Nadel von Natur gern sprach, vergingen wenige Minuten, ohne dass ihm oder dem andern nicht ein Wort entfallen wäre. Der Schneider befand sich schon in den abnehmenden Lebensjahren, und seine Außenseite ließ erkennen, dass ihn Mangel an Geschick oder an Glück in die Notwendigkeit versetzt habe, sich kümmerlich durch die Welt zu winden, und dass er nur durch äußersten Fleiß und die strengsten Entbehrungen der bittern Armut entgangen sei. Sein müßiger Zuschauer hingegen war ein junger Mann und gehörte zu einer Klasse, bei der ein neuer Rock und ein Paar neue Beinkleider Epoche im Leben machen.

»Ja«, rief der unermüdete Kleidermacher aus, und begleitete dieses Ja mit einem Seufzer, der ebenso gut für die Bestätigung seines innern Wohlgefühls als für einen Beweis seines körperlichen Missbehagens gelten konnte. »Ja, gewiss und wahrhaftig, Pardon, stärkere Worte sind selten einem Manne von den Lippen geflossen, als es die waren, die der Squire am heutigen Tage hören ließ. Als er von den Ebenen Vater Abrahams sprach und vom Rauch und dem Donner der Schlacht, ja Pardon, da regte sich so was in mir, da fühlte ich in meinem Innern, ich weiß nicht was, sodass ich wahrhaftig glaube, ich würde das Herz gehabt haben, Nadel und Fingerhut von mir zu werfen und mich aufzumachen, um ins Feld, in die Schlacht zu ziehen, Ruhm zu ernten und für des Königs Sache zu fechten.«

Der junge Mann, dem der Taufname oder, wie es jetzt allgemein in Neu-England heißt, die Zugabe (given name) Pardon von seinen frommen Paten beigelegt worden war, damit ihm seine künftigen Hoffnungen immer demütig vor Augen lägen, drehte in diesem Augenblicke den Kopf nach dem heldenmütigen Schneider mit einem Ausdruck drolliger Laune im Auge, der bewies, dass ihn die Natur in der Austeilung des Humors nicht stiefmütterlich bedacht habe, obschon sie dabei mehr auf Maß als Feinheit gesehen.

»Hört, Nachbar Homespun, da gibt's für einen Mann, der Ambition hat, eine prächtige Gelegenheit, sich hervorzutun, seit Se. Majestät Dero besten General verloren hat.«

»Ja doch, ja,« erwiderte der Nadelfädler, der als Knabe oder Jüngling den Hauptfehler begangen hatte, zu einem ganz verkehrten Handwerk zu greifen, »eine herrliche Aussicht für einen, der fünfundzwanzig zählte; aber ach! – der größte Teil meiner Tage ist dahin, und ich muss meine übrigen Paar Jahre hier, wie Ihr seht, zwischen Zeug und Futter zubringen ... Wer hat Euch das Tuch gefärbt, Pardy? Schöne, echte Farbe! Ich hab wer weiß wie lange kein solches unter der Nadel gehabt.«

»Glaub's wohl! Ich lobe mir die Alte, die verstehts Färben wie's Weben. Gewiss und wahrhaftig, Nachbar Homespun, wenn Ihr dem Zeuge nur das rechte Ansehen gebt, dass es sitzt wie angegossen, so soll auf der Insel keiner so glatt und drell einhergehen, als meiner Mutter Sohn! – Aber, um wieder drauf zu kommen, könnt Ihr auch eben kein General sein, Männchen, so könnt Ihr Euch wenigstens damit trösten, dass es mit dem Bataillieren aus ist, und es nicht mehr ohne Euch losgeht. Sagt man doch allgemein, dass sich die Franzmänner nicht länger halten können und dass wir Friede bekommen müssen, weil wir keinen Feind mehr vor uns haben.«

»Desto besser, Freundchen, desto besser; denn wer so viel von Kriegen und Kriegsnöten erlebt hat wie ich, weiß den Segen des Friedens zu schätzen – ja, zu schätzen.«

»Also seid Ihr nicht so ganz unerfahren in der Lebensart, wozu Ihr soeben Lust hattet?«

»Ich? Nichts weniger. Ich bin, wie Ihr mich seht, durch fünf blutige Kriege gegangen und habe Gott zu danken, der mir aus allen fünfen geholfen hat ohne Wunde – nicht mal so groß wie ein Nadelstich. Fünf lange, blutige Kriege, sag ich und setze hinzu: fünf glorreiche bin ich durchgegangen – frisch und gesund wie ein Fisch.«

»Das muss eine gefährliche Zeit für Euch gewesen sein, Nachbar. Doch erinnere ich mich nur zweier Kriege mit den Franzosen.«

»O, Ihr seid ja nur ein Kiekindiewelt im Vergleich zu einem wie ich, der über sein Schock Jahre hinaus ist. Zählt mir mal nach. Erstlich dieser Krieg, der – gottlob! – das Ansehen hat, bald beendet zu werden; der Himmel, der alles mit Weisheit regiert, sei dafür gedankt und gepriesen! Dann, zweitens, der Vorgang von Fünfundvierzig, als der unerschrockene Warren unsere Küsten auf und nieder fuhr; eine Geißel für die Feinde Sr. Majestät, und eine Salvegarde für alle loyale Untertanen. Dann, drittens, gab's einen Strauß in Germanien, von dem wir in den Zeitungen lasen, und viele, viele blutige Schlachten, in denen die Menschen fielen und weggemäht wurden wie das Wiesengras unter Eurer Sense. Das macht drei« – er schob seine Brille in die Höhe und zählte mit seinem Fingerhut an den Fingern der andern Hand.

»Numero vier war die Rebellion von Fünfzehn, von der ich eben nicht viel gesehen zu haben mich rühmen kann, da ich nur erst ein junger Knabe war, und zum fünften und letzten rechne ich das entsetzliche Gerücht, das durch alle Provinzen ging, dass sich die Schwarzen und Indianer in Masse aufgewiegelt und zusammengerottet hätten, um uns allen guten Christenseelen in einer Minute das Lebenslicht auszublasen.«

»Ei, seht doch, Nachbar«, versetzte der verwunderte Landmann, »ich habe Euch von jeher für einen eingezogenen, stillen und friedlichen Mann gehalten, und hätte es mir nie im Traume einfallen lassen, dass Ihr Euch in so vielen Kriegshändeln herumgetummelt!«

»Pardon, ich bin kein Prahler, sonst hätt ich die Liste verlängern und noch andere, wichtige Händel reinbringen können. Da war zum Beispiel nicht länger als Anno zweiunddreißig im Osten ein gefährlicher Krieg um den persischen Thron. Ihr habt ohne Zweifel von den Gesetzen und der Regierungsform der Perser und Meder gelesen. Nu gut, um den Besitz dieses Thrones, von dem jene unveräußerlichen Gesetze ausgingen, handelte es sich in einem furchtbaren Kampfe, worin Blut floss wie Wasser. Doch, da es kein Christenblut war, so mag ich diesen Krieg nicht zu meinen eigenen Erfahrungen zählen. Nur hätte ich wohl mit gutem Fug und Recht den Porteous-Tumult erwähnen können, weil er in einem Teile des Landes stattfand, das mein Vaterland ist.«

»Ihr müsst doch weit rumgekommen sein, guter Freund, und Euch überall genau umgesehen haben, da Ihr so manches erlebt und mitgemacht, und immer Eure heile Haut davongetragen habt.«

»Ja, ja, ich will's gestehen, Pardy, ich hab ein gut Stück der Welt mit meinen beiden Fußellen gemessen. Zweimal bin ich zu Lande nach Boston gewesen, und einmal gar zu Wasser durch den Great-Sound von Long Island bis York gefahren. Das Letzte besonders war ein schweres, gefährliches Stück Arbeit, wenn man die Länge des Weges betrachtet, und vollends, wenn man bedenkt, dass man durch eine Stelle muss, deren Namen an den Eingang ins Tal Tophet erinnert.«

»Wie oft hab ich nicht von Hell-Gate dem Höllentor gehört? Ja noch mehr, ich hab einen Mann von hier persönlich gekannt, der zweimal durch das Loch gemusst – stellt Euch vor! Einmal, wie er nach York ging, und das andere Mal, als er zurückkam.«

»Nu, der wird's satt haben, des bin ich gewiss. Hat er Euch erzählt von dem großen Topf, der kocht und brodelt, als brennten alle tausend Beelzebubs Feuer unter ihm? Und von dem Schweinsrücken, über den das Wasser hinschießt, als stürzte es sich den großen Wasserfall im Westen herab? Zu unserem großen Glück hatten wir erfahrene Seeleute und waren lauter beherzte Passagiere; so kamen wir denn diesmal mit einem blauen Auge davon, denn so viel kann ich Euch sagen – und ich kümmere mich nichts drum, wer's hört – es gehört eine tüchtige Portion Courage dazu, in so ne schreckliche Straße mit offenen Augen einzulaufen.

Wir gebrauchten Vorsicht, warfen in einiger Entfernung bei ein paar Inseln diesseits der gefährlichen Stelle unsere Anker aus und schickten die Pinasse mit dem Kapitän und zwei stämmigen, mannhaften Matrosen zum Rekognoszieren aus, damit sie alles genau untersuchen und berichten möchten, ob der Schlund in friedlichem Stande sei oder nicht. Und da sich alles erwünscht befand, so ging's nu mutig weiter; wir Passagiere wurden ans Land gesetzt, das Schiff ging zu Wasser durch, und mit Gottes Hilfe lief beides glücklich ab.

Wir hatten aber alle Ursache, uns zu freuen, dass wir uns vor der Abfahrt den Gebeten unserer Gemeine empfohlen hatten: Sie waren, wie Ihr seht, höheren Orts gnädiglich erhört worden.«

»Wie? Ihr umginget das Höllentor zu Fuß?«, fragte der aufhorchende Landmann.

»Freilich! Es wäre ja ein sündlicher, lästerlicher Trotz, ein unheiliges Versuchen der Vorsehung gewesen, wenn wir anders gehandelt hätten. Was hatten wir für Pflicht und Beruf, uns der Gefahr auszusetzen, und das Opfer unsers Lebens zu bringen? Doch jene Gefahr ist nun, wie gesagt, glücklich vorüber, und so vertraue ich denn auch zu Gott, dieser blutige Krieg, an dem wir beide teilgenommen haben, werde ebenfalls glücklich vorübergehen, und hoffe, Seine geheiligte Majestät werden Zeit und Raum gewinnen, sein königliches Augenmerk auf die Seeräuber zu richten, die die Küsten beunruhigen und verheeren, und werde einigen seiner besten Seekapitäns Befehl geben, die Schurken mit eben dem Maße zu messen, womit sie sich erfrechen, andere zu messen.

Was würde es in meinen alten Tagen eine Freude für mich sein, wenn ich den berüchtigten, schon so lange vergeblich gehetzten Red-Rover in diesen Hafen einlaufen sähe, von einem königlichen Kreuzer ins Schlepptau genommen!«

»Ist denn der wirklich so ein abscheulicher Bube?«

»Er? O, sein Piratenschiff steckt voll lauter er's. Bis zum letzten Schiffsjungen sind sie, einer wie der andere, blutdürstige heillose Räuber und Mörder. Lieber Pardy, es ist herzbrechend und eine Not, bloß mitanzuhören, was diese Canaillen auf der hohen See Sr. Majestät für Unheil und Gräuel anrichten.«

»Ich habe oft von diesem Red-Rover erzählen hören«, versetzte der Landmann, »doch nur im Allgemeinen; von den näheren Umständen hab ich bis jetzt noch nichts erfahren.«

»Wie solltest du auch, junger Mann vom Lande? Woher kämen die Nachrichten von dem, was in offener See vorgeht, bis zu deinen Ohren. So was ist nur für unsereinen, der in einem so besuchten Hafen lebt ...

Aber mir ist bange, Pardon, du wirst spät nach Hause kommen«, setzte er hinzu, indem er zugleich auf gewisse Striche sah, die er auf das Fensterbrett gezogen, um mit deren Hilfe den Stand der Sonne bemerken zu können. »Es geht stark auf fünfe, und Ihr habt doppelt so viel Meilen zu gehen, ehe Ihr an die nächste Grenze von Eures Vaters Meierei gelangt.«

»Ei was! Der Weg ist eben, und die Leute ehrlich«, erwiderte der Pachtersohn, dem es einerlei war, ob er erst um Mitternacht ankomme, wenn er nur der Überbringer von Nachrichten aus der Stadt sein und vor allem von einem bedeutenden Seeraub erzählen konnte; denn er wusste wohl, dass ein ganzer Haufe auf ihn mit der Frage einstürmen würde: Was bringst du Neues? »Und ist er wirklich so furchtbar als man sagt? Sucht man ihn wirklich auf?«

»Ihn aufsuchen? Ihn? Wird Tophet von einem betenden Christen aufgesucht? Glaubt mir, auf dem mächtigen See-Element gibt es wenige, sollten sie auch so tapfere Kriegsmänner sein als Josua gewesen, der große jüdische Feldhauptmann, die nicht tausendmal lieber Land, als die Bramsegel dieses verwünschten Piraten sehen! Menschen fechten des Ruhmes wegen. Das könnt Ihr mir glauben, Pardon, mir, der ich so viele Kriege erlebt habe; aber niemand findet Vergnügen daran, es mit einem Feinde aufzunehmen, der beim ersten Schuss eine blutige Flagge aufzieht, und fertig und bereit ist, beide Teile in die Luft zu sprengen, wenn er findet, dass Satans Hand nicht mehr stark genug ist, ihm zu helfen.«

»Ist der Kerl so desperat«, sagte der junge Mann, indem er sich stolz in die Brust warf und seine mächtigen Glieder reckte, »so begreif ich nicht, warum die Insel und die Pflanzer nicht ein Küstenfahrzeug ausrüsten, ihn aufzubringen, damit er mal lerne, wie ein ehrlicher Galgen aussieht? Lasst nur heute oder morgen in unserer Nachbarschaft die Trommel rühren und die Botschaft ausrufen, und ich will meinen Hals verwetten, dass sie wenigstens einen Freiwilligen mitnehmen wird.«

»So sprecht Ihr, weil Ihr kein Pulver gerochen habt! Wozu würden aller Welt Dreschflegel und Heugabeln dienen, gegen Leute, die sich dem Teufel verschrieben haben? Wie oft ist der Räuber nicht von königlichen Kreuzern bei Nachtzeit oder bei Sonnenuntergang gesehen worden? Wie oft glaubten sie schon, ihn umzingelt und die Diebe im Netz zu haben? Wie oft hielten sie sie schon in Gedanken im Folterstock! – Wenn aber der Morgen graute – husch! – war die Prise verschwunden, auf einem oder dem andern Wege.«

»Sind denn die Kerle solche Bluthunde, dass man sie die Roten nennt?«

»Den Namen haben sie von ihrem Anführer«, erwiderte mit wichtiger Miene der ehrwürdige Kleidermacher, dessen Kamm zu schwellen anfing, je weiter er in der Mitteilung seiner interessanten Legende vorrückte. »Es ist sein Name und auch seines Schiffes Name; wenigstens hat niemand, der mal einen Fuß darauf gesetzt hat, es wieder verlassen, um zu sagen, ob es einen bessern oder schlechtern führe; niemand, das will sagen, kein ehrlicher Seemann oder braver Passagier.

Das Schiff hat übrigens, wie man sagt, die Größe einer Kriegsjacht, auch die Gestalt, auch die Ausrüstung; es ist wie durch Wunder mancher tapfern Fregatte entkommen, ja einmal, Pardon – so zischelt man sich ins Ohr, denn kein loyaler Untertan würde es wagen, den Skandal laut nachzusprechen – einmal lag es eine ganze Stunde unter den Batterien eines Linienschiffs von fünfzig Kanonen und schien dann vor aller Augen wie ein Klumpen Blei in den Grund zu sinken.

Wer im Augenblick, wo alles voller Freude war, sich die Hand schüttelte, sich Glück wünschte, dass die Buben nun Wasser die Fülle zu trinken bekämen, lief ein Westindier in den Hafen ein, den der Seeräuber am Morgen nach der Nacht, wo jedermann glaubte, dass er mit der ganzen Equipage in die Ewigkeit übergegangen sei – rein ausgeplündert hatte. Und was das Tollste dabei war, Freund, ist, dass, während das durchschossene Kriegsschiff kielholen musste, um sich auszubessern und die Lecke zu stopfen, das Raubschiff die Küste auf und nieder spazierte, so heil und ganz wie es war, als es die Werkleute vom Stapel lausen ließen.«

»Nu, das ist unerhört!«, rief der Landmann, auf den die Geschichte anfing, einen tiefen Eindruck zu machen. »Wie sieht denn das Schiff sonst wohl aus? Hat's ne gefällige Gestalt? Ein angenehmes Äußere? Oder ist es überhaupt ausgemacht, ob es ein – lebendes wirkliches Schiff sei?«

»Man ist verschiedener Meinung. Einige sagen ja; einige sagen nein. Aber ich bin mit jemandem bekannt, der eine Woche mit einem Matrosen gearbeitet hat, der mal bei einem Kühlwind nicht weiter als hundert Schritt weggesegelt ist. Sein und der Equipage Glück war's, dass des Herrn Hand so mächtig auf dem Meere war und dass der Rover alle Hände voll mit sich und seinem Schiff zu tun hatte, um nicht zu sinken.

Der Bekannte meines Freundes konnte den günstigen Moment benutzen, Schiff und Kapitän in vollen Augenschein zu nehmen, ohne was dabei zu wagen. Er hat ausgesagt, der Pirat sei ein Mann, noch halbmal so dick als der lange Prediger jenseits des Wassers; sein Haar habe die Farbe der Sonne im Nebel, und Augen habe er, in die kein Mensch ein zweites Mal gucken möchte.

Er hat ihn so klar und deutlich gesehen, wie ich Euch in diesem Augenblick; denn der Schurke hing in der Takelage seines Schiffs und winkte mit einer Hand, so groß wie eine Rocktaschpatte, dem ehrlichen Kauffahrer zu, auszuweichen, damit beide Schiffe nicht aneinander stoßen und sich übersegeln möchten.«

»Das nenn ich mir einen verwegenen Segler, diesen Kauffahrer! Dem unbarmherzigen Schurken so nahe auf den Leib zu kommen.«

»Bedenkt doch nur, Pardon, es war wider seinen Willen; und die Nacht war so finster, dass man ...«

»So finster, sagt Ihr?«, unterbrach jener, der trotz seinem Hange zur Leichtgläubigkeit von der Neigung des Neu-Engländers, verfängliche Fragen zu stellen, nicht frei war. »Wie konnte er denn alles so deutlich sehen und es nachher beschreiben?«

»Das weiß kein Mensch«, sagte der Schneider. »'s schadet aber nicht; genug, er sah es, und sah es gerade so, wie er es beschrieb, alles haarklein, wie ich es Euch wiedererzählt habe. Noch mehr; er merkte sich das Schiff genau, damit er es wiedererkenne, wenn es ihm ein Ungefähr oder die göttliche Vorsehung wieder mal in den Weg führen sollte. Es war ein langes, schwarzes Schiff, ging flach im Wasser wie die Schnecke im Grase, hatte ein verzweifelt boshaftes Ansehen und eine ganz verrückte Bauart. Dann versichert auch noch die ganze Welt, es scheine die Wolken zu übersegeln und sich wenig um den Wind zu kümmern, sodass man hinsichtlich seiner Geschwindigkeit um kein Jota besser daran ist, als mit seiner Ehrlichkeit ...

Wenn ich es recht bedenke, alles zusammennehme, so hat das Schiff etwas von dem Fahrzeug dort, von dem Guineafahrer, der – weiß der Himmel warum? – seit voriger Woche im äußern Hafen liegt.«

Das alte Weib von Schneider hatte beim Erzählen köstliche Augenblicke verloren; diese suchte er nun durch fleißigeres Nähen wieder einzuholen und begleitete jeden Stich und jede Bewegung der Nadel mit korrespondierendem Rucken mit dem Kopfe und den Schultern.

Währenddessen drehte sich der Bauer, der seinen dicken Kopf mit einer Last von wunderbaren Nachrichten dergestalt angefüllt hatte, dass er sie kaum nach Hause zu tragen vermochte, nach der Gegend, wohin jener mit dem Finger wies, um sich nun noch das Einzige, was ihm fehle, das Bild des Schiffs, zu verschaffen, das er, als Kupferstich zu der Schneiderrelation, seinem Gedächtnisse einprägen wollte.

Hierdurch, und durch die gleichzeitige Beschäftigung beider Parteien, entstand eine Pause. Der Schneider brach sie zuerst dadurch, dass er den Faden abknipste, denn das Kleidungsstück war soeben fertig geworden.

Jetzt warf er alles von sich, Rock, Nadel, Fingerhut, schob seine Brille an die Stirn hinauf, stützte seine Arme auf die Knie, sodass er einer Pagode glich und seine Glieder untereinander ein wahres Labyrinth bildeten, und rückte den Vorderleib soweit zum Fenster hinaus, dass er ebenfalls das Schiff, worauf er seinen Kompagnon aufmerksam gemacht hatte, in vollen Augenschein nehmen konnte.

»Wisst Ihr wohl, Pardon«, sagte er zu gleicher Zeit, »dass sich über dieses Schiff da bei mir seltsame Gedanken und furchtbare Ahnungen entsponnen haben? Die Leute nennen es ein Sklavenschiff und sagen, es nehme Holz und Wasser ein; und da liegt es schon ganzer acht Tage, und in all dieser Zeit ist kein Stück Holz, dicker als ein Ruder, an Bord gebracht worden, und ich wollte wohl wetten, dass es zehn Tropfen Jamaikarum für einen Tropfen Quellwasser eingenommen hat.

Und dann, seht nur nach, wo es vor Anker liegt; seht, wie es nur von einer einzigen Kanone der Batterie bestrichen werden kann. Wär es ein gewöhnliches Handelsschiff, das Schutz sucht, es würde sich natürlich eine Stelle gewählt haben, wo ein Pirat, der sich in den Hafen hineinwagen und sich daranmachen möchte, es unter dem vollen Feuer der Batterie finden würde.«

»Lieber, guter Alter«, bemerkte der junge Landmann, »Ihr habt ein bewundernswürdiges Auge. Ich für mein Teil hätte mir Dergleichen nicht ausgedacht, wenn auch das Schiff dicht vor der Batterieinsel läge.«

»So ist's, Pardon. Gewohnheit und lange Erfahrung machen uns zu Menschen. Ich verstehe mich etwas auf Batterien, da ich so manchen Krieg gesehen und sogar einen Feldzug von acht Tagen im Fort selbst mitgemacht habe, als es hieß, die Franzosen wollten von Louisburg aus Kreuzer längs den Küsten senden. Da kam es denn, dass ich gerade vor jener Kanone Schildwache stand, und so hab ich nicht ein- sondern wohl zwanzigmal ihren Lauf entlangvisiert, um den Fleck aufzufinden, den die Kugel treffen würde, wenn der Fall eintreten sollte, was Gott verhüte! dass die Kanone wirklich geladen und abgeschossen werden müsste.«

»Aber wer sind jene Leute dort?«, fragte Pardon mit jener Art träger Neugierde, die durch die erzählten Wunder ein wenig aus ihrem Schlummer gebracht war. »Sind es Matrosen vom Sklavenschiff oder sind es Newporter, die nichts zu tun haben, als die Straßen auf und ab zu gehen?«

»Jene dort?«, rief der Schneider aus. »Gewiss und wahrhaftig, das sind Fremde, und es tut in diesen unruhigen Zeiten not, ein wachsames Auge auf sie zu haben. – Hier, Nab, nimm mir das Stück ab; bügle die Nähte, hörst du, faules Stück Fleisch! Nachbar Hopkins ist eilig, seine Zeit ist edel, er ist nicht wie du, deren Zunge geläufig ist wie die eines Advokaten in der Gerichtsstube. Nur die Ellbogen und die Armknochen nicht gespart, Dirne; du hast da ein feines Musselin aus Indien unter dem Bügeleisen, das ist ein Zeug, womit man Wände ausfüttern könnte. – Ja, ja, Pardy, Eurer Mutter Gewebe bricht Nadel und Zwirn, und macht dem Näher doppelte Arbeit.«

Mit diesen Worten übergab er das soweit vollendete Stück einem linkischen schmollenden Mädchen, das mit einer Nachbarsklatsche in lebhaftem Gespräch begriffen war und das angenehme Geschäft mit einem verdrießlichen vertauschen musste.

Er selbst schob seine kleine, hinkende Person – denn er hatte das Unglück gehabt, mit einem kürzeren Fuß auf die Welt zu kommen – vom Fenster weg, zur Tür hinaus, in die freie Luft.

2. Kapitel

Der Fremden waren drei; denn: »Fremde sind's!«, wisperte der gute Homespun seinem Begleiter ins Ohr, und Homespun war ein Mann, der nicht nur die Namen kannte, sondern meistenteils die geheime Geschichte aller Männer und Frauen, zehn Meilen ab von seiner Residenz. »Fremde sind's, und überdies«, setzte er hinzu, »Fremde von geheimnisvoller, drohender Art.«

Der eine von ihnen und bei Weitem der, dessen Äußeres am meisten hervorstach, war ein junger Mann, dem man ungefähr sechs- bis siebenundzwanzig Jahre geben konnte. Dass dieser Teil seines Lebens nicht bei Tage in beständigem Sonnenschein, bei Nacht nicht in ungestörter Ruhe verflossen, verrieten die Lagen von brauner Farbe, die sich über seine Züge schichtweise und in einer so deutlichen Folge von Nuancen verbreitet hatten, dass seine ehemals weiße Haut allmählich in dunkle Olivenfarbe übergegangen war, durch die das Blut in Fülle der Gesundheit noch immer hervorschimmerte.

Seine Züge waren eher männlich und edel, als sich durch genaues Ebenmaß auszeichnend, seine Nase mehr stolz und kühn hervorragend als regelmäßig gebaut, seine Augenbrauen, buschig, bogenmäßig gekrümmt, gaben seiner Stirn und dem obern Teile des Gesichts einen entschiedenen Ausdruck geistigen Vermögens, der den amerikanischen Physiognomien so eigentümlich geworden ist.

Der Mund zeigte Festigkeit und Mannheit, und da ihn der Fremde zufällig, als sich der neugierige Schneider an ihn heranschlich, zu einem bedeutenden Lächeln verzog und ein paar Worte in sich murmelte, zeigten sich zwei Reihen schöner Zähne, deren Weiße durch die braune Umgebung noch gehoben wurde. Das pechschwarze Haar floss in wilden, starken Locken auf die Schultern herab; die Augen waren nicht größer als gewöhnlich, grau, und obschon von verschiedenem Ausdruck und wandelbar, doch eher zur Milde als zur Strenge geneigt.

Die ganze Gestalt des jungen Mannes hielt das Mittel, das Tätigkeit mit Kraft verbindet, das glückliche Mittel zwischen richtigem Ebenmaß und leichter Gefälligkeit.

Gegen diese körperlichen Eigenschaften und Vorzüge stand die Kleidung des Fremden einigermaßen im Nachteil; sie war reinlich und geschmackvoll, und wiewohl ganz die schlichte, einfache eines gemeinen Seemanns, doch von der Art, dass sie den bedächtigen Arbeiter in Steifleinen stutzig machte, und er zweifelte, ob er den Mann wohl anreden dürfe, dessen Auge wie bezaubert auf das Sklavenschiff im äußern Hafen geheftet schien.

Ein Zucken der Oberlippe und ein zweites seltsames Lächeln und Gemurmel, in das sich ein ernsteres Gefühl zu mischen schien, übte einen entschiedenen Einfluss auf den unschlüssigen Geist unseres Schneiderleins. Er wagte es nicht, den in sich vertieften Fremdling zu stören, der sich an das Pfahlwerk, wo er stand, anlehnte und nicht die leiseste Ahnung hatte, dass jemand in der Nähe war und ihn beobachtete.

Dieser Jemand wendete sich schnell von ihm zu den beiden anderen.

Von diesen beiden war der eine ein Weißer, der andere ein Neger. Beide waren über das Mittelalter hinaus; beiden sah man es an, dass sie des Lebens Last und Hitze getragen, der Strenge des Klimas und den Stürmen der See ausgesetzt gewesen. Ihre Tracht war die einfache, verschossene, abgenutzte, beteerte Tracht der gemeinen Matrosen; sie verrieten beim ersten Blick ihren Stand und Verkehr.

Der Erste war eine kurze, dicke, stämmige Gestalt, teils von der Natur, teils durch lange Anstrengung vorzüglich mit breiten, muskeligen Schultern und starken, sehnigen Armen begabt, als wären gleichsam die unteren Teile nur dazu bestimmt, den oberen zur Unterlage und zur Erleichterung ihrer Bewegungen und Kraftäußerungen zu dienen. Der Kopf stand im Verhältnis zu den oberen Gliedern, die Stirn rund, fast ganz mit Haaren bedeckt, die Augen klein, starr, bisweilen wild, bisweilen stumpf, die Nase aufgestülpt, dick, gemeiner Art, der Mund breit und gefräßig, die Zähne kurz, rein, vollkommen gesund, das Kinn breit, männlich, voll Ausdruck.

Dieser so sonderbar gestaltete Mensch hatte seinen Sitz auf einem leeren Fasse genommen; mit übereinandergeschlagenen Armen saß er da, ebenfalls das Sklavenschiff betrachtend und ab und zu seinem Gefährten, dem Schwarzen, Bemerkungen mitteilend, die ihm seine Beobachtungen und seine nicht geringe Erfahrung eingaben.

Der Neger nahm einen niedrigeren Posten ein, der sich besser für seine untergeordneten Verhältnisse und Neigungen schickte. An Gestalt und besonderer Einteilung der körperlichen Kraft glichen sich beide, nur dass der Schwarze einen höhern Wuchs und mehr Ebenmaß in den Gliedern besaß. Die Natur hatte zwar seinen Zügen die charakteristischen Merkmale seiner Abstammung eingeprägt, aber nicht in jenem abstoßenden Maße, womit sie manchen aus seinem Volke auf die widrigste Art bezeichnet hat.

Sein Gesicht war mehr ausgearbeitet als gewöhnlich; sein Auge mild, der Freude leicht empfänglich, und wie das seines Gefährten bisweilen humoristisch. Sein Haupthaar fing an zu grauen, seine Haut hatte die glänzende Pechfarbe verloren, die sie in seiner Jugend auszeichnete; alle seine Glieder und Bewegungen bekundeten den Mann, dessen Körper durch unaufhörliches Arbeiten hart und steif geworden war.

Er saß auf einem niedrigen Steine und schien seine ganze Aufmerksamkeit auf kleine runde Kiesel zu richten, die er in die Luft warf und mit großer Geschicklichkeit wieder mit derselben Hand auffing; ein Zeitvertreib, der zugleich die natürliche Richtung seines Gemüts, sich an Kleinigkeiten zu vergnügen, und die Abwesenheit höherer Gefühle verriet, die die Folge einer gebildeteren Erziehung sind, obschon er auch geeignet war, die physischen Kräfte des Negers anschaulich zu machen.

Um sein triviales Spiel desto ungehinderter und mit mehr Bequemlichkeit treiben zu können, hatte er den Ärmel seiner groben Jacke bis zum Ellbogen aufgestreift und zeigte einen entblößten Arm, der als Modell zu einem Herkulesarm hätte dienen können.

Beide hier beschriebene Personen hatten gewiss nichts so Imponierendes an sich, dass sie ein von Neugier so geplagtes Wesen, wie unser ehrlicher Schneider war, hätten abhalten können, näher an sie zu rücken. Gleichwohl hütete er sich, seinem Gelüste sogleich Luft zu machen und geradezu auf sie loszusteuern; im Gegenteil wollte er die Sache so einleiten, dass sein Begleiter, der Landmann, einen hohen Begriff von seiner Kunst bekäme, in ein Geheimnis einzudringen.

Er fing damit an, ihm ein geheimes Zeichen von Behutsamkeit und Einverständnis zu geben; dann näherte er sich dem Fremdenpaar von hinten mit leisem Tritt und auf den Zehen, damit er Gelegenheit hätte, Heimliches aufzufangen, was diesem und jenem der unachtsamen Seeleute in ihrer Unterredung entschlüpfen könnte.

Sein Aufpassen führte ihn jedoch zu keinem wichtigen Resultat; nur diente es dazu, ihn in dem Verdacht zu bestärken, den er schon gegen diese Leute geschöpft hatte, denn in jedem Laut, der über ihre Lippen kam, glaubte er neue offenbare Beweise zu hören, dass sie nichts Geringeres als Landesverräter sein müssten.

Die Worte, die sie sprachen, waren freilich nicht so beschaffen, dass sie den Argwohn des guten Mannes hätten vermehren können; und obschon es in seinen Augen ausgemacht war, dass sie Verrat und Hochverrat enthielten, so konnte er doch nicht umhin, sich selbst zu gestehen, dass ihre Reden so künstlich gesetzt seien, dass sich durchaus, selbst von einem scharfsinnigen Späher wie er, nichts zu ihren Ungunsten herausbringen ließe.

»Sieh mal die schöne Binnenbucht an, Guinea«, bemerkte der Weiße, seinen Tabak im Munde rollend und zum ersten Mal die Augen vom Schiffe abwendend, »ist sie nicht ein Plätzchen, in dem man gerne sein Schiff untergebracht sehen möchte, wenn man ohne Krücken vor einem Legerwall liegt? Ich bin doch auch ein Stück von einem Seemann, kann aber die Philosophie jenes Burschen nicht klein kriegen, der sein Schiff draußen liegen hat, wenn er's in einer halben Stunde hier im Mühlenteich einbringen könnte. Wozu lässt er seine Böte so unnütz arbeiten? Meinst du nicht auch so, schwarzer Sip? Heißt das nicht aus schönem Wetter schlechtes machen?«

Der Neger hatte nämlich in der Taufe den Namen Scipio Africanus – abgekürzt Sip – erhalten; eine Art von Witz, der zur Zeit, als Amerika noch in Provinzen zerfiel, weit mehr Mode war, als seitdem es in Staaten geteilt ist, und die niedrigen Dienerklassen mit Namen, wenigstens mit Beinamen belegte, die mit den Philosophen, Helden, Dichtern und Kaisern des alten Roms seltsam kontrastierten. Ihm, dem afrikanischen Scipio aus Guinea, war es im Grunde einerlei, ob das Schiff in offener See oder im Hafen lag, sodass er, ohne sein Kinderspiel zu unterbrechen, mit großer Gleichgültigkeit zur Antwort gab:

»Er mag denken, das Binnenwasser ist nem Mars verschlossen.«

»Ich sage dir, Guinea«, erwiderte jener in hartem, nachdrücklichem Tone, »der Kerl draußen ist ein Strohmann. Würde sich ein Mensch, der nur ein Lot Grütze im Kopfe hätte und mit einem Schiff umzugehen wüsste, auf der Reede abäschern, wenn er sein Gefäß, Steuer und Spiegel, in das schöne Becken bringen könnte?«

»Reede? Reede?«, wiederholte der Schwarze mit dem Triumph der Unwissenheit, der es einmal gelingt, den Widerpart auf einem kleinen Irrtum zu ertappen. »Reede? Was versteht Ihr unter Reede?« Der andere hatte nämlich den Außenhafen von Newport mit dem stürmischen Ankerplatze der Reede verwechselt; dieses griff unser Scipio mit jener Gier auf, womit Leute seiner Art auf Nebendinge achten, wenn sie die Hauptsache nicht anfechten können. »Ich hab nie, solange ich lebe, einen Ankergrund mit Land herum Reede nennen hören.«

»Hört, Meister Goldküste«, murmelte der Weiße, mit drohender Kopfbewegung seinem Gegner zunickend, ohne ihn mit einem Blicke zu beehren, »wenn Ihr Lust habt, im nächsten Monat Eure Haut ganz zu behalten, so rate ich Euch wohlmeinend, die Schlacken Eures Witzes bei Euch zu tragen, und darauf bedacht zu sein, wie und wann Ihr sie von Euch gebt. Antworte mir, Sip, und das gleich! Ist ein Hafen ein Hafen? Und ist die offene See die offene See?«

Die beiden Fragen waren von der Art, dass Scipio mit allem seinem Naturwitze nichts dagegen aufbringen konnte. Er nahm also die klügste Partei; er berührte keine von beiden, und begnügte sich, schweigend und mit großer Selbstgefälligkeit den Kopf zu schütteln, wobei er innerlich über den Triumph, den er davongetragen zu haben glaubte, so herzlich lachte, als ob er keine Sorge kennte und nicht lange Jahre der geduldige Gegenstand von Misshandlung und Demütigung gewesen wäre.

»Ei, sieh doch«, brummte der Weiße, der inzwischen seine vorige Stellung eingenommen und die Arme wieder übereinandergeschlagen, die sich, als wollten sie die ausgestoßene Drohung unterstützen, schon etwas geöffnet hatten. »Jetzt, da du statt zu antworten, den Wind aus deiner Kehle pfeifen lässt wie ein Volk Uferkrähen, jetzt denkst du wohl, groß recht zu behalten! Der Herr und Erschaffer der Welt hat den Neger zum unvernünftigen Tiere gemacht; und ein erfahrener Seemann wie ich, der beide Kaps umsegelt und sich alles Gelände zwischen Fundy und Hoorn hat vorüber gehen lassen, kann sich die Mühe und den Atem ersparen, einen deines Gelichters in die Schule zu nehmen.

So viel sage ich dir, Scipio, weil doch einmal Scipio der Name ist, den du in unsern Schiffsbüchern führst, obschon ich einen Monatssold gegen einen hölzernen Bootshaken verwette, dass dein Vater zu Hause Quashee und deine Mutter Quasheiba heißt – so viel sag ich dir, Herr Scipio Africa mit der afrikanischen Farbe, dass jener Schuft in dem Außenraume des hiesigen Newportschen Seehafens sich auf keinen Ankerplatz versteht, sonst hätte er seinen Kat-Anker hoffentlich hier rum in einer Linie mit der Südspitze des kleinen Eilandes fallen lassen, das Schiff nachgeholt und es mit guten Hanftauen und eisernen Schlammhaken befestigt.

Nu aber«, fuhr er in einem Tone fort, der klar bewies, dass dieser Vorfall nur eines von den vielen kleinen Scharmützeln gewesen war, die sie miteinander ausgefochten hatten und auf die stets eine freundliche Windstille gefolgt war – »nu aber, Sip, strenge deinen Vernunftkasten an, und achte auf das, was ich dir sagen will:

Der Mensch da hat jenen Ankerplatz gewählt, entweder mit oder ohne Grund. Ich hoffe, eins von beiden wirst du mir zugeben. Ohne Grund? So ist's auf Geratewohl geschehen, und ich hab nichts weiter zu sagen; mit Grund? So hätt er auf jeden Fall besser getan, wenn er, wie ich dir gesagt habe, hier rum und keinen Faden näher oder weiter geankert hätte, aber nicht da, wo das Schiff jetzt liegt; das war nicht schwerer, als eine Handvoll Federn in des Kapitäns Kopfkissen stecken. Hast du nu was Kluges einzuwenden und dem Manne einen andern Grund unterzulegen, so bin ich bereit, dir als ein vernünftiger Mensch zuzuhören, und als einer, der, wie er sich zum Philosophen gebildet, die gewöhnlichen Sitten der Gesellschaft nicht abgelegt hat.«

»Angenommen, dass sich ein frischer Wind hier aus Nordwest erhebt«, hob der Schwarze an und streckte zugleich den Arm nach der Gegend des Kompassstriches aus, die er andeuten wollte, »und ein Schiff will in der Eile in See gehen, muss es sich nicht weit genug halten, um durch das Wetter zu kommen? Ha, knackt mir mal diese Nuss auf, Misser Dick! Ihr seid ein grundgelehrter Seemann, aber Ihr habt ebenso wenig ein Schiff dem Winde in die Zähne segeln gesehen, als einen Affen sprechen gehört.«

»Der Schwarze hat recht!«, rief der dritte Seemann aus, der dem Streite zugehört hatte, so sehr man hätte glauben sollen, er sei mit etwas ganz anderem beschäftigt gewesen. »Der Sklavenhändler hat sein Schiff in dem äußern Hafen gelassen, weil er weiß, dass sich in dieser Jahreszeit der Wind meistenteils westwärts hält; und dann seht Ihr überdies, dass er seine leichten Spieren oben nach dem Topp rauf hält; und doch gibt die Art und Weise, wie seine Segel beschlagen sind, deutlich zu erkennen, er liege fest. Könnt Ihr nicht rausbringen, gute Freunde, ob er ein zweites Anker unter sich hat, oder bloß an einem liegt?«

»Der Mann muss ein Narr sein«, erwiderte der Weiße, ohne zu bedenken, dass es bei Seeleuten auch andere Gründe geben kann, als die bloßen Regeln der Schifffahrt, »ein Narr, dass er sich und sein Schiff ohne einen Wurfanker, ja selbst ohne einen Kedsche anzulegen, einer solchen Strömung von Ebbe und Flut überlässt. Dass er sich überhaupt wenig aufs Ankern versteht, will ich ihm allenfalls schriftlich geben; aber man muss den Verstand verloren haben, wenn alles so hoch hinaufgerollt und beschlagen ist, das Schiff, Steuerbord und Backbord, einem einzigen Tau zu vertrauen, wie jenes stößige Pferd, das wir auf unserem Landwege von Boston mit einem langen Halfter an einen Baum gebunden antrafen.«

»Sieh da«, fiel der Neger ein, sein glänzend Auge immer auf das Schiff gerichtet und sein Steinchenspiel immer fortsetzend, »sieh da! Sie haben den Wurfanker runtergelassen und alle übrigen Anker gestaut. Ich denke, man klemmt das Ruder ganz an Backbord, Misser Harry, und nimmt die Strömung unter seinen Bug. Glaubt Ihr nicht, er könne dann Trab und Galopp davongehen? Ei, ich möchte den Misser Dick ein Pferd reiten sehen, das an einen Baum gebunden wäre!«

Der Einfall machte den Neger selbst lachen und den Kopf schütteln, als sähe er im Geiste dem Ritt zu, den ihm seine Fantasie zeigte. Er lachte herzlich, während sein weißer Gefährte wieder schwer und heftig gegen ihn loszog. Auf diesen halb witzigen, halb groben Streit schien der dritte Mann nicht zu achten; dagegen waren seine Blicke auf das Schiff gefesselt, das für ihn ein Gegenstand des größten Interesses zu sein schien. Auch er schüttelte das Haupt, nur ernster als der Schwarze; und als ob sich in diesem Augenblick seine Zweifel lösten oder als hätte er nur das Ende des Ausbruchs der Negerfreude abwarten wollen, rief er aus:

»Recht, Scipio, du hast recht, Junge. Das Schiff reitet ganz auf seinem Wurfanker; alles ist in Bereitschaft zum baldigen Aufbruch. In zehn Minuten würde es sich außer dem Feuer der Batterie bringen, wofern es nur über eine Mütze voll Wind schalten könnte.«

»Sir, Sie scheinen ein guter Richter in dergleichen Dingen zu sein«, ließ sich eine unbekannte Stimme hinter ihnen vernehmen.

Der junge Mann drehte sich schnell auf dem Absatze um, und erst jetzt merkte er, dass sie drei nicht mehr allein waren.

Doch war er nicht der Einzige, den die Erscheinung stutzig machte; denn dieser unvermutete Zuwachs der Gesellschaft nahm den geschwätzigen Schneider ebenso sehr wunder, wo nicht noch mehr, als irgendeinen von der Gruppe, die er so angelegentlich behorcht und beobachtet hatte, dass ihm für das Bemerken eines neuen Ankömmlings kein Raum übrig geblieben war.

Dieser Ankömmling war ein Mann zwischen dreißig und vierzig; Miene und Gestalt waren nicht wenig dazu geeignet, die schon so angeregte Neugier des guten, ehrlichen Homespun noch mehr anzufachen. Winzig von Person, sah man ihm Leichtigkeit und selbst ein Maß von Kraft an, das mit seiner Figur von nicht ganz mittlerer Größe in auffallendem Gegensatz stand. Seine Haut wäre weiß wie ein Frauenteint gewesen, hätte nicht ein Dunkelrot, das die unteren Gesichtszüge überzogen und besonders an seiner schönen Habichtsnase sichtbar war, allen Verdacht von Weiblichkeit beseitigt. Sein Haar war wie seine Farbe, schön und rollte längs den Schläfen in vollen blonden Ringeln herab. Mund und Kinn waren fein gebildet; nur dass sich am ersten ein Zug von Spottliebe zeigte, und an beiden ein entschiedener Charakter von Lüsternheit und Wollust. Das Auge blau und voll, und obschon meistenteils ruhig und sogar sanft, doch zuweilen unstet und wild.

Er trug einen hohen konischen Hut halb auf einem Ohre, der seinen Zügen einen leichten Anstrich von Ausschweifung gab, einen hellgrünen Reitfrack, rehlederne Beinkleider, Stulpenstiefeln und Sporen. In der Hand hielt er eine dünne Reitgerte, mit der er, als er zuerst entdeckt wurde, mit einem Schein von großer Gleichgültigkeit über die Entdeckung durch die Luft hieb.

»Sie scheinen, Sir, wie ich sagte, ein guter Richter in dergleichen Dingen zu sein«, wiederholte er, als er die erste Beschauung und Augenuntersuchung des jungen Mannes überstanden hatte und etwas ungeduldig zu werden anfing. »Sie sprechen darüber wie ein Mann, der es fühlt, dass er ein Recht hat, seine Meinung zu sagen.«

»Wie? Finden Sie darin was Merkwürdiges, dass unsereiner in dem Beruf, in dem er erzogen worden ist, und in dem Geschäft, das er lebenslang betrieben hat, nicht unwissend sei?«

»Hm! Das eben nicht. Nur etwas merkwürdig find ich es allerdings, dass jemand, dessen Geschäft ein bloßes Handwerk ist, diesem Treiben das ehrenvolle Beiwort Gewerbe beilegt. Wir ausgelernte Mitglieder der Rechtsgenossenschaft, und ehemalige Zöglinge der Alma-Mater-Universität, bedienen uns keines höhern Ausdrucks.«

»Nu, so nennen Sie es meinethalben Handwerk; denn ein Seemann möchte nicht gern mit Herren von Ihrer Kunst und Ihrem Gewerbe etwas gemein haben«, erwiderte der junge Schiffer, sich zugleich von dem Ankömmling wegwendend und sein Missbehagen über ihn nicht verbergend.

»In dem steckt edles Metall!«, murmelte der Grünrock; und was er halblaut dachte, gab er durch Ausdruck und Lächeln zu erkennen. Dann setzte er hinzu:

»Freund, lassen Sie ein leichtes, unbedachtes Wort uns nicht trennen. Ich gestehe meine Unwissenheit in allem ein, was das Seeformular betrifft, und würde mir Vergnügen von einem in seinem Gewerbe so geschickten Manne wie Sie lernen. Wie mich dünkt, ließen Sie über die Art der Beankerung jenes Schiffes etwas fallen, und über die verschiedene Lage der unteren und oberen Teile.«

»Der unteren und oberen?«, rief der junge Mann aus, jenen, der die Frage getan, mit einem Blicke von oben bis unten messend, der der vorigen Miene nichts nachgab.

»Der unteren und oberen«, wiederholte der andere.

»Ich sprach nur von der netten Einrichtung oben, kann aber in solcher Ferne nicht über die unteren Teile urteilen.«

»Dann hab ich mich geirrt und bitte um Verzeihung, bitte Nachsicht mit jemandem zu haben, der in Sachen, die das Marinegeschäft betreffen, ein Neuling ist. Wie ich schon die Ehre gehabt habe zu sagen, ich bin nichts mehr und nichts weniger als ein demütiger Anwalt, im Dienste Seiner Majestät in einer besonderen Sendung begriffen. Wäre es nicht ein gar so erbärmliches Wortspiel, so würde ich hinzusetzen: Ich bin für jetzt – kein Richter.«

»Es ist kein Zweifel«, erwiderte der Schiffer, »dass Sie nicht bald zu dieser Würde und Auszeichnung gelangen werden, wofern nur die Minister Seiner Majestät sich einen Begriff von ›bescheidenem Verdienst‹ machen können; es wäre denn, dass Sie frühzeitig ...«

Hier hielt er inne, biss in die Lippe, machte eine stolze Verneigung mit dem Kopfe und ging nun langsam und in Begleitung der beiden Schiffer, die mit ihm das Fahrzeug ins Auge gefasst hatten und ein ebenso entschiedenes Wesen annahmen, auf der Kaje spazieren. Der Mann in Grün beobachtete die Bewegung der drei mit ruhigem und dem Anschein nach sich an dem Anblick werdenden Auge, schlug mit der Gerte gegen den Stiefel und schien dann nachdenkend zu werden, wie einer, der gern den Faden eines Gesprächs wieder anknüpfen möchte.

»Frühzeitig – gehenkt würden«, murmelte er zuletzt, als wollte er den Satz, den jener unvollendet gelassen, ergänzen. »Drollig genug, dass so ein Mensch sich herausnimmt, mir eine so hohe Beförderung vorauszusagen!«

Er schickte sich augenscheinlich an, dem abgehenden Kleeblatte zu folgen, als er eine Hand fühlte, die sich ohne Umstände aus seinen Arm legte. Nun blieb er stehen.

»Ein Wort ins Ohr, Sir«, sagte der geschäftige Schneider und gab dabei mit einem bedeutenden Zeichen zu erkennen, er habe Sachen von Wichtigkeit mitzuteilen. »Nur ein einziges Wort, Sir, da Sie sich in Seiner Majestät besondern Diensten befinden.

Nachbar Pardon«, setzte er mit vornehmer Gönnermiene hinzu, »die Sonne ist im Sinken; Ihr habt noch weit bis nach Hause und keine Zeit zu verlieren. Mein Mädchen wird Euch das Kleid geben. Gott behüte Euch. Sagt von allem, was Ihr gesehen und gehört habt, nichts, bis ich Euch noch vorher gesprochen habe. Zwei Männern, die in einem Kriege, wie der gegenwärtige, so manche Erfahrung gemacht haben, darf es nicht an der gehörigen Behutsamkeit fehlen. Lebt Wohl, guter Freund! Empfehlt mich dem werten Pachter, Euerm Vater! Bringt meinen freundschaftlichen Gruß Eurer Mutter, der guten Wirtin. Noch mal, lebt wohl, ehrlicher Junge, lebt wohl!«

Als sich aus diese Weise Homespun seines gaffenden und staunenden Begleiters entledigt hatte, sah er ihm noch mit wichtigerem Blicke nach, bis jener die Kaje hinunter war, und nun erst wandte er sich wieder zum Grünrock.

Dieser war mittlerweile ruhig stehen geblieben, ohne die geringste Gemütsbewegung zu äußern; er wartete daraus, dass der Schneider, den er Zeit genug gehabt hatte zu betrachten, und den er, wie man zu sagen pflegt, schon ziemlich auf den ersten Blick weg hatte, seinen Vortrag fortsetzen möchte.

Dies geschah mit großer Behutsamkeit von Seiten des Fragenden, der sichergehen wollte, ehe er sich dem Fremden anvertraute:

»Sie sagen also, Sir, dass Sie in Diensten Seiner Majestät stehen?«

»Ich sage noch mehr: Ich bin sein Vertrauter.«

»Zu viel Ehre für mich, mit einem Manne, der so hoch steht, mich in ein Gespräch einzulassen. Ich fühle die Gnade in allen Gliedern«, versetzte der Lahme, indem er mit der Hand über die spärlichen Haare fuhr und sich tief zur Erde neigte, »ein großes Glück ... eine so gnädige Erlaubnis ... es ist die höchste Auszeichnung ...«

»Sei es, was es will, Freund, genug, ich nehme es auf mich, Euch im Namen Seiner Majestät willkommen zu heißen.«

»Eine so große Herablassung würde mir das ganze Herz aufschließen, und sollte auch Verrat und sonstiger Unrat darin verborgen sein. Ich fühle mich so glücklich, so geehrt, mein geehrtester Herr, eine Gelegenheit ... diese Gelegenheit zu finden, meinen brennenden Eifer für den König einem Manne vorzulegen, der nicht ermangeln wird, meine devotesten Bemühungen Seiner Majestät zu Ohren zu bringen.«

»Sprecht frei«, unterbrach ihn der grüne Fremdling mit einer Miene fürstlicher Herablassung, worin jeder andere, den nicht seine eigene, knospentreibende Ehre beschäftigt hätte, entdeckt haben würde, dass er lästig zu werden beginne, »sprecht ohne Rückhalt, Freund, wie wir es bei Hofe gewohnt sind.«

Hierauf mit der Gerte gegen den Stiefelschaft schlagend und sich auf dem Absätze drehend, murmelte er mit gleichgültigem Blick in die Zähne: »Wenn der Kerl diesen Brocken hinabwürgt, so ist er noch dümmer als seine Gänse!«

»Ich will sprechen, Sir; ich will – ich sehe es als eine Gnade und Barmherzigkeit an, wenn ein so vornehmer Herr mir sein Ohr leiht. Sie sehen doch, Sir, jenes große Schiff im äußern Hafen dieser loyalen Seestadt.«

»O ja; das Schiff scheint überhaupt die Aufmerksamkeit der würdigen Einwohner sehr zu beschäftigen.«

»Ew. Herrlichkeit haben hierin den Scharfsinn meiner guten Mitbürger etwas zu sehr überschätzt. Das Schiff liegt hier schon mehrere Tage, ohne dass ich über den Charakter und die Tendenz oder Absicht dieses Schiffes von einem sterblichen Wesen ein sterblich Wort hätte äußern hören, als – von mir selbst.«

»Ei! Ei!«, murmelte der Fremde, in den Griff seiner Reitgerte beißend und seine blitzenden Augen fest auf das Gesicht des meckernden Mannes heftend, während dieser, über die Wichtigkeit seiner Entdeckung buchstäblich anschwoll. »Und worin bestehen denn Eure Vermutungen?«

»Ich kann mich irren, Sir, und Gott wird mir's verzeihen, wenn ich's tue; aber so viel – nicht mehr und nicht weniger – denke ich mir über die Sache: Jenes Schiff da und das Volk daraus gilt bei den Einwohnern von Newport für ehrliche, unschuldige Sklavenhändlerequipage. Als solche werden die Leute hier angesehen und gern zugelassen, das Schiff nämlich zu einem guten, sichern Ankerplatz, die Mannschaft in die Tavernen und Kramläden.

Sie dürfen aber nicht etwa glauben, dass ein Einziger von ihnen einen einzigen Rock habe bei mir ausbessern oder gar anfertigen lassen; nein, Sir, das ganze Geschäft geht durch die Hände oder besser zu sagen durch die Finger eines jungen Anfängers im Metier, namens Tape. Der versteht es, auf alle Weisen Kunden an sich zu locken. Er spricht schlecht von seinen Mitmeistern hinter ihrem Rücken, springt mit ihrem guten Namen herum, verschleudert seine Arbeit; kurz ... – Gewiss und wahrhaftig, ich habe auf dem ganzen Fahrzeuge noch keine Jacke für den kleinsten Schiffsjungen gemacht.«

»Da könnt Ihr von Glück sagen, Freund«, erwiderte der grüne Mann, »dass Ihr mit den Buben nichts zu schaffen habt. Doch Ihr habt vergessen, mir zu sagen, worin die Beschwerde besteht, die ich dem Könige vortragen soll.«

»Ich komme sogleich auf den Hauptpunkt. Ew. Herrlichkeit müssen wissen, dass ich ein Mann bin, der viel gesehen und viel gelitten hat in Seiner Majestät Diensten. Fünf grausamen, blutigen Kriegen hab ich beigewohnt, eine Menge anderer Abenteuer und Erfahrungen ungerechnet, denn es ist die Pflicht eines jeden guten Untertans, zu dulden und zu schweigen.«

»Dies alles, ich versprech es Euch, soll dem Könige zu beiden Ohren kommen. Und nun, würdiger Freund, macht Eurem Herzen Luft und teilt mir Euren Argwohn frei und unumwunden mit.«

»Dank, ehrenwerter Sir, tausend Dank! So viel Güte gegen mich darf nie vergessen werden; obschon nicht von mir gesagt werden kann, dass die Ungeduld, zu der versprochenen Gnade zu gelangen, mich bewogen, mein Geheimnis leichtsinnig und widerrechtlich aufzudecken. Ew. Gnaden müssen also wissen, dass gestern, um diese Stunde, als ich allein auf meinem Werktische saß und über dieses und jenes nachdachte – unter andern auch und hauptsächlich darüber, dass mein Nachbar und Brotneider alle neue Ankömmlinge mir vor der Nase wegschnappt – ja, Sir, der Kopf arbeitet, wenn die Hände nichts zu tun haben –, als ich nun so dasaß, wie ich mit wenig Worten gesagt, und nachdachte über dieses und jenes, über die Mühseligkeit des Lebens, über meine Erfahrungen im Kriege – denn Sie müssen wissen, Sir, außer den Händeln im Lande der Perser und Meder, außer dem Porteousauflauf in Edinbro', hab ich in fünf grausamen, blutigen Kriegen ...«

»O, ich sehe es schon Eurer Nase an, dass Ihr gedient habt«, unterbrach ihn sein Zuhörer, der nur mit Mühe verbarg, dass ihm die Geduld zu reißen anfing, »allein, da mir jeder Augenblick kostbar ist, so wünschte ich genauer zu vernehmen, was Ihr über das Schiff vorzubringen habt.«

»Man behält, Sir, einen militärischen Überblick, wenn man unzählbare Kriege durchlebt hat, sodass ich, zu unserem beiderseitigen Nutz und Frommen, zu dem Teile meines Geheimnisses kommen kann, das die Natur und den Charakter des Schiffes vorzüglich berührt. Hier saß ich also, wie gesagt, darüber nachdenkend, wie die Verdacht erregende Schiffsmannschaft von meinem Nachbar, dem Zungendrescher Tape, betrogen worden – denn, Sir, so viel muss ich noch im Vorbeigehen erinnern, der Tape ist ein desperates Klatschmaul und dabei ein Gelbschnabel, der aufs Höchste einen Krieg gesehen hat – wie ich nun so nachdachte, dass er mir meine Kunden wie die Fliegen wegfängt, und da bekanntlich ein Gedanke der Vater eines andern ist, so kam durch eine natürliche Schlussfolge – wie sich unser frommer Pfarrer wöchentlich in seinen erbaulichen und gelehrten Reden der Schlussfolgen bedient – Folgendes in mir auf:

Wären jene Schiffer ehrliche, gewissenhafte Sklavenhändler, würden sie wohl einen arbeitsamen Handwerksmann und Familienvater übergehen und ihr wohlverdientes Geld einem gemeinen Schwätzer in den Rachen schieben? Eine neue Schlussfolge hatte zur Folge, dass ich folgerte: Nein, unmöglich!

Ich war mit diesem folgerechten Satze vollkommen zufrieden, und folglich lege ich jedem, der mir zuhören will, die Frage vor: Sind es keine Sklavenhändler, was sind es denn für Leute? Eine Frage, von der selbst der König in seiner hohen Weisheit zugeben würde, dass sie leichter auszuweisen, als zu beantworten sei.

Nu schloss ich weiter: Ist das Schiff kein ehrliches Sklavenschiff, oder etwa ein königlicher Kreuzer, so ist es ja handgreiflich, und ein Kind muss einsehen, dass es nichts anderes sein kann, als das Schiff des heillosen Piraten, des Red-Rover.«

»Des Red-Rover?«, rief der Fremde aus, mit einem so natürlichen Ausdruck von Überraschung, dass dadurch seine schon dahinsterbende Aufmerksamkeit auf des Schneiders Gewäsch plötzlich und mächtig wieder auflebte. »Ja, Freund, das wär in der Tat eine Entdeckung, die sich der Mühe verlohnte! Aber wie kommt Ihr darauf?«

»Aus mehreren Gründen, die ich nacheinander aufzählen will. Erstens ist es ein bewaffnetes Schiff, Sir. Zweitens ist es kein gesetzlicher Kreuzer, denn dies würde allgemein, und mir vor allen, bekannt sein, da hier so leicht keines von des Königs Schiffen anlegt, bei dem ich mir nicht ein paar Dreier verdienen sollte.

Mein dritter Beweis ist das raubsüchtige und rohe Betragen der Wenigen vom Schiffsvolke, die ans Land gekommen sind; und zum Vierten und Letzten, was hinlänglich bewiesen ist, kann füglich als substantiell bestehend angenommen werden. Hier haben also Ew. Gnaden, was ich billig die Vordersätze meiner Schlussfolge hätte nennen sollen, und ich bitte untertänig, sie der königlichen Prüfung Seiner Majestät vorzulegen.«

Der Anwalt im grünen Rocke horchte auf die etwas verwirrte und verdrehte Folgereihe von Homespuns Gründen mit großer Aufmerksamkeit, obschon die Ordnung, in der sie der eifrige Schneider vortrug, nicht eben gemacht schien, ihnen größeres Gewicht zu geben. Sein durchdringendes Auge rollte schnell abwechselnd vom Schiffe auf den Redner; und es vergingen einige Augenblicke, ehe er es für gut fand, ihm Antwort zu geben.

Die sorglose Munterkeit, mit der er sich anfangs eingeführt, und die ihn bisher beim Reden nicht verlassen hatte, wich von ihm und wurde durch ein nachdenkendes und zurückhaltendes Wesen ersetzt, das hinreichend bewies, dass er sich, so leicht und flüchtig er auch von Natur zu sein schien, gleichwohl ebenso gut in ernsthafte Gedanken vertiefen könne.

Doch ebenso schnell, als er sie angenommen, legte er die ernstsinnende Miene ab, nahm eine andere an, in der Ironie und Aufrichtigkeit in seltener Verbindung standen, und, die Hand auf des gespannten Kleidermachers Schulter legend, erwiderte er:

»Freund, Ihr habt mir über einen wichtigen Gegenstand Aufschlüsse gegeben, die Euch als einen treuen, loyalen Diener des Königs bezeichnen. Ich weiß, und wir wissen alle, dass ein hoher Preis auf den Kopf des geringsten Mitgenossen und Begleiters des roten Freibeuters gesetzt ist und dass eine reiche, ja, ich möchte sagen, eine glänzende Belohnung den erwartet, den sein Glück zum Werkzeug bestimmt, durch das der ganze Bund der verruchten Bösewichter in die Hände der Gerechtigkeit geliefert wird. Ich bin überzeugt, dass ein vorzügliches Zeichen der königlichen Gnade auf eine Entdeckung dieser Art folgen werde. Da ist schon zum Beispiel ein gewisser Fipps gewesen, ein Mann von geringer Abkunft, den der König zum Ritter gemacht hat ...«

»Wie? Zum Ritter?«, wiederholte der Schneider, vor Bewunderung und Respekt außer sich.

»Zum Ritter«, wiederholte langsam und kalt der grüne Mann, »zum ehrenhaften, ritterlichen Ritter. Wie ist Euer Taufname?«

»Meine Zugabe, mein Given name, gnädiger und huldvoller Herr, ist Hektor.«

»Und Euer Haus- und Familienname, der alte Name Eures Stammes?«

»Ist jederzeit Homespun gewesen.«

»Nun, Sir Hektor Homespun wird ebenso wohl klingen als ein anderer. Aber, lieber Freund, um Euch Euern Lohn nicht entgehen zu lassen, müsst Ihr besonnen und verschwiegen sein. Ich bewundere Euern Scharfsinn und gebe mich Eurer Logik gefangen, Ihr habt den Grund Eurer Vermutungen so klar auseinandergesetzt, dass ich ebenso wenig daran zweifle, jenes Schiff sei das des berüchtigten Piraten, den man den roten nennt, als dass Ihr nächstens Sporen tragen und Sir Hektor genannt werdet. Beides hat sich zugleich in meinem Kopfe festgesetzt, aber wir müssen behutsam und klug zu Werke gehen. Nicht wahr, ich kann mich darauf verlassen, dass noch kein anderer von Euch Licht und Aufklärung in der Sache erhalten hat?«

»Keine Gottesseele. Tape selbst würde auftreten und schwören, dass die ganze Equipage aus gewissenhaften Sklavenhändlern besteht.«

»Desto besser. Erst müssen wir der Sache auf den Grund kommen; dann folgt die Belohnung von selbst. Trefft mich diesen Abend elf Uhr an jener niederen Stelle, wo die Landzunge nach dem äußeren Hafen ausläuft. Von da aus wollen wir unsere Beobachtung anstellen, und sobald sie der Erfolg gekrönt hat und jeder Zweifel verschwunden ist, soll von der Massachusettsbai bis zu den Niederlassungen von Oglethorpe die Entdeckung laut ausposaunt werden. Bis dahin lasst uns scheiden, denn es ist der Klugheit nicht gemäß, dass wir länger in Unterredung betroffen werden. Denkt an dreierlei, lieber künftiger Ritter, an Schweigen, an Pünktlichkeit und an die Gunst des Königs. Dies seien unsere Losungsworte.«

»Adieu, hochgeehrtester Herr«, antwortete der Schneider und bückte sich wieder bis auf die Erde, während jener kaum an dem Hut rückte.

»Adieu, Sir Hektor«, rief ihm der Grünrock zu, mit freundlichem Kopfnicken, wohlwollendem Lächeln und leichter Bewegung mit der winkenden Hand. Hierauf ging er langsam die Kaje entlang, vor dem Hause der Familie Homespun vorbei, und verschwand.

Das Haupt dieses alten Stammes stand eine Weile unbeweglich da, wie so mancher Vorgänger und Nachfolger, dergestalt über sein Glück entzückt, und dergestalt verblendet in seiner Torheit, dass, obschon sein physisches Auge die Rechte von der Linken unterscheiden konnte, seine geistigen Sehnerven, von den Wolken des Ehrgeizes umhüllt, durchaus verfinstert und erblindet waren.

3. Kapitel

Sobald sich der grüne Fremde vom leichtgläubigen Schneider getrennt hatte, verlor er sein angenommenes Wesen, und gewann ein natürlicheres und gesetzteres. Doch schien es bald, als sei auch dieses eine zweite Maske, wenigstens ein ungewohntes, lästiges Joch, das er abzuschütteln suchte, denn nach einer Minute klopfte er schon wieder mit der Reitgerte gegen den Stiefel und trat in die Hauptstraße des Orts mit leichtem Gange und umherschweifenden Blicken ein.

Seinem Schnellblick, so sehr er von einem Gegenstande auf den andern übersprang, entgingen wenige der Vorübergehenden; und selbst die Eile, womit er um sich schaute und alles zu umfassen schien, ließ erkennen, dass sein Geist ebenso tätig und regsam war wie sein Auge.

Ein Fremder in diesem Aufzuge, und dem man es auf den ersten Blick ansehen musste, dass er ein Fremder war, konnte der Aufmerksamkeit der wachsamen Gastwirte unmöglich entgehen. Allein er entzog sich den Scharrfüßen und Höflichkeiten der beiden Vornehmsten, und ließ sich – seltsam genug! – vom dritten in sein Haus komplimentieren, das die gewöhnliche Herberge des Hafengesindels war.

Als er in die Gaststube dieser Taverne eintrat (denn sie führte diesen edleren Namen, obschon sie im Mutterlande kaum auf den einer Bierschenke hätte Anspruch machen dürfen), fand er das Zimmer mit den gewöhnlichen Trinkkunden vollgepfropft.

Das Erscheinen eines Gastes, der sich an Gestalt und Kleidung über die Klasse der täglichen Besucher des Hauses erhob, brachte eine augenblickliche Unterbrechung hervor; doch hörte die Pause bald auf, als sich der Neueingetretene auf eine Bank geworfen und den Wirt mit seinen Wünschen und Bedürfnissen bekannt gemacht hatte.

Dieser holte das Verlangte, setzte es dem Fremden vor, und machte ihm, und zugleich denen, die ihm zunächst saßen, eine Art von Entschuldigung, dass ein Mann, am andern äußersten Ende des langen, schmalen Tisches, nicht allein das Monopol der Rede, sondern auch die Aufmerksamkeit aller Gäste durch das Versprechen an sich gerissen, ihnen etwas ganz Ungeheures erzählen zu wollen.

Der würdige Zögling und Aufwärter des Bacchus setzte hinzu, sich besonders an den Grünen wendend:

»Squire, der Mann dort im Winkel ist der Bootsmann des Sklavenschiffes im äußern Hafen, ein Mann, der sich den Seewind manches Jahr um die Nase wehen ließ, und so viel Gefechte und Wunder erlebt hat, dass er einen dicken Quartanten damit anfüllen könnte. Man nennt ihn hier nur den alten Boreas; sein wahrer Name ist aber Jack Nightingale Ist der Toddy nach des Squires Geschmack?«

Der Fremde beantwortete die zweite Frage mit einer schmatzenden Lippenbewegung, einer leichten Verneigung und dem Absetzen des kaum berührten Glases auf den Tisch. Zugleich drehte er den Kopf nach der soeben beschriebenen Person hin, die, nach der Art, wie sie deklamierte, zu urteilen, für einen zweiten »Redner des Tages« gelten konnte.

Eine Gestalt, weit über sechs Fuß hoch: Ein fürchterlicher Backenbart, der die gute Halbscheid seines grimmigen Aussehens versteckte; eine Schmarre, die als Zeuge eines schlecht geheilten Hiebes auftrat, der einst diese Halbscheid in zwei Vierteile zu spalten gedroht hatte; der Gliederbau im Verhältnis, das Ganze gehoben durch die Seemannstracht und durch eine lange, schmutzige, silberne Kette und eine kleine Pfeife von demselben Metall.

Ohne durch das Eintreten eines Mannes aus einer anscheinend höhern Klasse im Geringsten aus der Fassung gekommen zu sein, fuhr dieser Sohn des Ozeans in seiner angefangenen Erzählung fort, mit einer Stimme, die ihm die Natur als Gegensatz und Verspottung seines musikalischen Namens gegeben zu haben schien; denn wirklich hatten seine Laute eine so schlagende Ähnlichkeit mit dem tiefen Gebrülle eines Stiers, dass ein gewohntes Ohr erfordert wurde, sie in Worte zu übersetzen. Seinen gebräunten Arm mit der geschlossenen Faust ausstreckend, und den Norden des Seekompasses mit dem Daumen bezeichnend, fuhr er fort:

»Wohl! Angenommen, die Guineaküste liege hier: toter Wind von der Küste, seht ihr, nichts als Bö und gebrochener Wind, wie wenn eine Katze prustet oder wenn der alte Graubart, der ihn in seinem Schlauche für uns aufbewahrt, bisweilen den Pfropfen durch die Finger fahren lässt, und dann gleich wieder die Schnur doppelt um die Öffnung des Sacks herumschlägt – Ihr wisst doch, was ein Sack ist, Bruder?«

Mit dieser abgebrochenen Frage wandte er sich an den schafsköpfigen Landmann, der dem Leser schon bekannt ist, und, sein neues Kleidungsstück unter dem Arme, mit offenem Munde dasaß, die Wundererzählung verschlingend, um sie, zusammen mit den Brocken, die ihm der Schneider mitgeteilt hatte, seinen Freunden und Gevattern vom Lande brühheiß zu hinterbringen.

Ein allgemeines lautes Gelächter erfolgte auf Kosten des horchenden Pardon. Nightingale warf einen vielsagenden Blick auf zwei oder drei von seiner Bekanntschaft, und die Gelegenheit benutzend, »einen hinter die Halsbinde zu gießen« – wie er sich witzig ausdrückte – goss er ein Nösel Rum mit Wasser hinunter und fuhr im Predigtton in seiner Erzählung fort:

»Und die Zeit wird kommen, Bruder, wo Ihr lernen werdet, was eine Rundschnur ist, wenn Ihr nicht ehrlich bleibt. Eines Menschen Hals ist dazu gemacht, dass er den Kopf über Wasser halte, nicht dass er wie eine alte, windschiefe Luke aus den Fugen gereckt wird. Deswegen macht Eure Rechnung beizeiten und folgt dem Bleilot des Gewissens, auf dass Ihr nicht auf die Untiefen der Versuchung geratet.«

Hierauf seinen Tabak im Munde rollend, blickte er um sich wie einer, der sich einer moralischen Verbindlichkeit entledigt hatte, und fuhr fort:

»Nu weiter. Dort liegt das Land, und wie gesagt, von hier kam der Wind Ost zu Süd, vielleicht auch Ost zu Süd Halbsüd. Bisweilen blies er stark, bisweilen ließ er nach, dass sich die Segel an der Takelage und den Spieren zerrieben, als wäre ein Segelholz nicht mehr wert wie eines reichen Mannes Segen.

Mir waren die Ansichten des Wetters gar nicht angenehm; ich sah voraus, es wird was anders geben als eine ruhige Wache. Ich blieb also auf den Beinen, um mich instand zu setzen, meine Meinung von mir zu geben, wenn etwa danach gefragt würde.

Ihr müsst aber wissen, Brüder, dass infolge meiner Begriffe von Religion und Lebensverhalten ein Mensch zu nichts gut ist, wenn es ihm am gehörigen Maß der Sittlichkeit fehlt; deswegen wird man nie von mir sagen können, dass ich an des Kapitäns Back den Löffel eintunke, wenn ich nicht von ihm eingeladen werde, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil mein Tischlein vorne und das seinige hinten steht.

Ich will nicht entscheiden, an welchem Schiffsende sich der bessere Mann befindet; dieses ist ein Punkt, worüber verschiedene Leute verschiedener Meinungen sind, obschon die meisten, denen ein Urteil in der Sache zusteht, in ihren Ansichten so ziemlich einig sind.

Nu, wie gesagt, ich blieb auf den Beinen, um mich in den Stand zu setzen, meine Meinung von mir zu geben, wenn ich danach gefragt würde. Und siehe da, alles ereignete sich, wie ich es vorhersah.

›Mister Nightingale‹, sagte unser Kapitän, denn er ist ein Gentleman und vergisst sich nie im Punkte der Schicklichkeit am Deck, oder wenn jemand von der Mannschaft zugegen ist; ›Mister Nightingale‹, sagte er, ›was haltet Ihr von jenem Wolkenlappen dort in Nordwest‹, sagte er.

›Wohl, Sir‹, antwortete ich dreist, denn ich bleibe niemand ne Antwort schuldig, wenn man mich anredet, wie sich's schickt. ›Wohl, Sir!‹, sagte ich. ›Mit Ew. Gnaden Erlaubnis‹ – eine bloße Redensart, eine Schnurre, denn der Kapitän war gegen mich, an Erfahrungen und Jahren ein Kiekindiewelt; aber ich streue nie heiße Asche oder sonst was Warmes gegen den Wind, ›mit Ew. Gnaden Erlaubnis, meine Meinung wäre, die drei Toppsegel zu beschlagen und den Klüver zu stauchen. Wir haben keine Eile, aus dem einfachen Grunde: Wo Guinea heute Abend liegt, wird es morgen Früh auch liegen. Und um das Schiff bei gebrochenem Winde im Schick zu halten, haben wir das Schönfahrsegel ...‹«

»Euer Schönfahrsegel hättet Ihr ebenfalls beschlagen sollen«, ließ sich von hinten her eine Stimme vernehmen, ebenso entscheidend, nur etwas weniger brüllend, als die des wortführenden Bootsmannes.

»Was für ein Ignorant sagt das?«, fragte Nightingale im stolzen Ton, als wenn eine so grobe und dreiste Unterbrechung seinen ganzen innern Zorn rege gemacht hätte.

»Kein Ignorant; ein Mann, der Afrika vom Kap Bon bis zum Vorgebirge der Guten Hoffnung, und das mehr als einmal beschifft hat, und eine weiße Bö von einem bunten Regenbogen zu unterscheiden versteht.«

So sprach Dick Fid der Weiße, der mit seinem Begleiter, dem Neger Scipio, eingetreten war, und seine kleine, untersetzte Person dem wütenden Bootsmann, der sich durch den dichten Haufen, der ihn umgab, kraft seiner massiven Schultern Platz gemacht hatte, stämmig entgegenstellte und hinzusetzte:

»Ja, ja, Bruder, ein Mann bin ich, unwissend oder vielwissend, gleichviel, der es nie seinem Kapitän raten würde, so viel Hintersegel auf dem Schiffe zu behalten, wenn Gefahr wäre, dass es backwärts vom Winde gepackt würde.«

Auf die kühne Aufstellung einer Meinung, die allen Umstehenden so verwegen vorkam, erfolgte ein allgemeines lautes Gemurmel.

Aufgemuntert durch dieses unverdächtige Zeugnis seiner größern Popularität, blieb Nightingales derbe ausfallende Antwort nicht aus. Zugleich fiel ein schreiendes Konzert aus den höheren und kreischenden Stimmen der Gesellschaft ein, das mit dem tieferen Bass abwechselte, in die die – Hauptsänger ihre beiderseitigen Meinungen durch Gründe und Gegengründe verfochten.

Eine Zeitlang war es unmöglich, nur einen Teil der Streiterörterung aufzufassen, so groß war die Verwirrung der Stimmen; zugleich fehlte es nicht an Symptomen von beiden Seiten, den Wortstreit in einen handgreiflichen zu verwandeln.

Schon hatte Fid seinen starken Gliederbau der kolossalen Gestalt seines Gegners, des Bootsmannes, entgegengestemmt; schon fielen vier athletische Arme dies- und jenseits gegeneinander aus, gleich indianischen Knotenstöcken, aus Massen von Knochen, Gelenken und Sehnen bestehend, die alles, was ihnen entgegen zu kommen wagen würde, zu zerschmettern drohten

Jedoch, als das allgemeine Geschrei allmählich abnahm, fing man an, die Hauptgegner anzuhören; und diese, damit zufrieden, dass man ihren rhetorischen Kräften Aufmerksamkeit schenken wollte, ließen von der feindlichen Stellung ab und verließen sich auf ein noch siegreicheres, aber weniger furchtbares Glied als ihre braungebrannten Arme.

»Ihr seid ein verwegener Seemann, Bruder«, fing Nightingale an, als er seinen Sitz wieder eingenommen hatte, »und wenn Reden so viel wäre als Handeln, so würdet Ihr bald dem Schiffe eine Zunge leihen. Ich aber, der ich Flotten von Zwei- oder Dreideckern gesehen habe, und das von allen Nationen – jedoch mit Ausnahme Eurer Mohawks, deren Kreuzern ich nie begegnet zu sein gestehen muss – ich, der diese Flotten habe liegen sehen, schnigge wie die Seemöwen mit ihren eingereisten Schönfahrsegeln, ich verstehe mich auf den Lauf des Schiffes und auf jede Wendung.«

»Ich werde Euch in alle Ewigkeit nicht zugeben, dass man ein Boot mit Hilfe der Hinterrahesegel halten muss«, erwiderte Dick. »Ich will zugeben, dass Ihr ihm die Stagsegel gebt, ohne dass es unrecht sei; aber kein echter Seemann, der sein Handwerk versteht, wird nur einen Sack voll Wind zwischen den großen Mast und die Bordwandtaue durchlassen. Aber Worte sind wie der Donner, der oberhalb rollt, ohne je eine Barkuse hinabzugleiten; lasst uns daher die Frage einem Dritten vorlegen, der das Wasser kennt, und was vom Schiff und Schiffsleben versteht.«

»Wäre der älteste Flottenadmiral Sr. Majestät hier zugegen, er würde bald entschieden haben, wer von uns beiden recht und wer unrecht hat. Hört, Brüder, wenn es einen unter euch allen gibt, der auf der See erzogen ist, so stehe er auf und spreche, damit die Sache mal zum Spruch komme, und nicht wie ein Splitzeisen zwischen einem Brassenblock und einer beschmierten Rahe festsitzt.«

»Hier denn«, rief Fid, »hier ist der Mann.« Zugleich streckte er den Arm aus, ergriff Scipio beim Kragen, zog und schob ihn ohne viele Umstände mitten in den Kreis, der sich um die beiden Streiter gebildet hatte. »Hier ist ein Mann für Euch, der noch eine Reise mehr zwischen Amerika und Afrika gemacht hat als ich, und zwar aus dem Grunde, weil er daselbst geboren ist. – Nu pass auf, Sip, und antworte wie einer, der vom Tauwerk herabruft: Unter welches Segel würdest du, an deines Landes Küste, ein Schiff bringen, wenn es Gefahr liefe, einen Windstoß aushalten zu müssen?«

»Unter gar keins; ich würde es lenzen.«

»Aber hör mich doch an; wenn du sicher gehen wolltest, würdest du das Schiff unter ein Schönfahrsegel bringen, oder bloß das Vorsegel gebrauchen?«

»Darauf weiß ja jeder Narr die Antwort«, brummte Scipio verdrießlich, weil ihm die Katechismusfragen lästig zu werden anfingen. »Wenn Ihr die Vorsegel weglasst, wie wollt Ihr es mit dem großen Segel machen? Gebt mir Antwort, Mister Dick!«

»Meine Herren«, sagte Nightingale, mit Gravität rund um sich blickend, »ich überlasse es Ihnen zu entscheiden, ob es sich schickt, einen Neger auf eine so ganz ungewöhnliche Weise auftreten zu lassen, damit er einem Weißen seine Meinung in die Zähne werfe?«

Dieses Appellieren an die verletzte Würde der Gesellschaft wurde mit allgemeinem Gemurmel beantwortet.

Scipio, der sich bereit hielt, seine auf Erfahrung gestützte Meinung zu behaupten, und sie ohne Zweifel gegen jedermann durchgesetzt haben würde, hatte nicht das Herz, sich der Äußerung zu widersetzen, dass es ihm nicht zukomme, mitzusprechen. Ohne ein Wort zu seinen Gunsten oder zu seiner Entschuldigung zu sprechen, schlug er die Arme übereinander und verließ das Haus mit der Nachgiebigkeit und Unterwürfigkeit eines Menschen, der an Unterdrückung gewöhnt, sich zum Widerstand zu schwach und demütig fühlt.

Nicht so sein Gefährte Fid, der sich mit einem Male von ihm verlassen und seines Zeugnisses beraubt sah. Er schwieg zu diesem unerwarteten Abzug nicht, remonstrierte und protestierte laut dagegen; als er aber fand, dass es zu nichts half, tat er einen herzhaften Fluch, stopfte sich ein paar Zoll Tabak in den Mund und folgte dem Kompagnon, nachdem er seinen Gegner nochmals fest ins Auge gefasst und ihm zugerufen hatte:

»Wenn sein Kamerad nur eine schmucke Haut hätte, würde er von beiden der Weiseste sein!«

Der Triumph des Bootsmannes war nun vollständig und seine Freude darüber unmäßig.

»Gentlemen«, sagte er hierauf, mit zunehmender Selbstzufriedenheit die bunte Gesellschaft anredend, die um ihn stand, »ihr seht, dass Vernunft einem Schiffe gleicht, das aus beiden Seiten von Leesegeln niedergehalten wird, dem geraden Kielwasser folgend und den Mast schonend. Aber ich mag mich nicht rühmen, weiß auch nicht, wer der Mensch ist, der sich eben davongemacht hat, um seine Ehre in Zeiten zu wahren – nur so viel sag ich, dass der Mann zwischen Boston und Westindien noch zu finden ist, der sich besser als ich drauf versteht, ein Schiff gehen oder stehen zu machen, vorausgesetzt, dass ...«

Hier stockte mit einem Male der tiefe Bass Nightingales, sein Auge starrte, er stand wie bezaubert da, weil ihn der Blitzblick des grünen Mannes traf, dessen Gestalt und Züge plötzlich unter den gemeinen Gesichtern der Menge hervorragten.

»Mag sein«, fuhr jetzt der Bootsmann fort, die Worte halb verschluckend aus Bestürzung, dass er sich einem so niederschmetternden Auge gegenübersah, »mag sein, dass dieser Herr einige Seekenntnis hat und den vorliegenden Streit entscheiden kann.«

»Wir studieren auf der Universität nicht die Seetaktik«. erwiderte der andere kurz abgebrochen, »obschon ich nach meiner geringen Kenntnis gestehe, dass ich für das Lenzen bin.«

Er sprach dieses letzte Wort mit einem Nachdruck aus, der auf den Gedanken bringen konnte, er wolle einen Scherz, ein Wortspiel machen; umso mehr, da er gleich darauf seine Zeche auf den Tisch warf, sich lenzte und Nightingalen das Feld räumte.

Nach einer kurzen Pause setzte dieser seine Erzählung fort; nur, sei's aus Ermüdung, sei's aus einer andern Ursache, weniger entschieden als vorher und auffallend abgekürzt.

Kaum war sie zu Ende und sein Grogkrug leer, als er dem Ufer zuwankte, wo bald nachher ein Boot anlegte, um ihn nach dem Schiffe zu bringen, das, wie wir gesehen, das beständige Augenmerk des guten Homespun geblieben war.

Unterdessen hatte der grüne Fremdling seinen Gang durch die Hauptstraße des Ortes fortgesetzt. Fid war seinem beschämten Begleiter Scipio nachgeeilt, nicht ohne verächtliche Bemerkungen über des Bootsmanns Seekenntnisse vor sich in den Bart zu murmeln. Als er den Schwarzen eingeholt hatte, änderte er den Angriff und fiel mit Vorwürfen über ihn her.

»Wie konntest du einen so einfachen Punkt fahren lassen?«, fuhr er ihn an. »Es ist ja so klar wie die Sonne am Himmel, dass der Schoner doch schneller fortkommen würde, mit dem Wind von beiden Seiten, als vom Winde geklemmt.«

Der grüne Mann folgte dem vor ihm herschlendernden Paare; es mochte ihm nun ihr Betragen in der Schenke aufgefallen sein oder aus bloßer Laune. Sie schlugen sich um das Wasser hin, bestiegen eine Anhöhe, die beiden eine Strecke voraus, der Grüne in einiger Entfernung von ihnen, bis dieser sie, beim Umbiegen um eine Straßen- oder vielmehr Feldstraßenecke aus dem Gesicht verlor, denn schon war man aus Stadt und Vorstadt herausgekommen.

Jetzt verdoppelte der Rechtsgelehrte (wofür er sich ausgegeben hatte) seine Schritte, und war froh, als er nach einigen Minuten beide Ehrenmänner an einem Zaune sitzend wiederfand. Hier hielten sie ein frugales Mahl aus dem Inhalt eines kleinen Kobers, den der Weiße bisher unter dem Arm getragen hatte, und wovon er seinem Kompagnon freigebig zukommen ließ. – Scipio hatte seine Stelle nahe genug eingenommen, zum Beweise, dass der Friede gemacht war, doch etwas mehr im Hintergrund aus Anerkenntnis des höhern Ranges, den der andere seiner weißen Farbe verdankte. Der Fremde näherte sich ihnen und sprach:

»Da ihr mit dem Kober so gastfrei umgeht, so möchte vielleicht euer dritter Mann ohne Abendessen zu Bette gehen müssen.«

»Wer prait?«, rief Dick, von seinem Knochen mit einem Ausdrucke aufsehend, der dem Blicke eines Bullenbeißers glich, wenn man ihn bei einer ähnlichen Beschäftigung stören würde.

»Ich wünschte nur«, erwiderte jener im Kavaliertone, »Euch freundschaftlich zu erinnern, dass sich noch ein dritter Speisekandidat vorfindet.«

»Wollt Ihr eine Schnitte? Da nehmt, Bruder«, sagte der Seemann, mit Matrosenfreigebigkeit den Kober hinreichend, sobald er zu merken glaubte, dass es darauf abgesehen sei.

»Nicht doch, Ihr versteht mich unrecht; hattet Ihr nicht auf der Kaje einen dritten Kompagnon?«

»Ja, so! Der ist dort in der Abfahrt, wo Ihr das Stück von einer Feuerbake seht, die schlecht genug verteiet ist, man müsste denn gewollt haben, dass sie den Ochsengespannen und inländischen Händlern den Kanal zeigen solle. Dort, dort, Gentleman, wo Ihr den Steinhaufen seht, der alle Augenblicke, scheint's, runterrollen will.«

Der Fremde sah in die angegebene Richtung hin und sah den jungen Seemann, nach dem er sich erkundigt hatte, nicht weit am Fuße eines alten verfallenen Turmes stehen, dem, vom Zahne der Zeit zerfressen, alle Augenblick der Einsturz drohte. Den beiden Schiffern eine Handvoll Münze zuwerfend, wünschte er ihnen eine gesegnete Mahlzeit und sprang über den Zaun, in der Absicht, ebenfalls die Ruine zu betrachten.

»Der Bursche«, sagte Dick, indem er mit seiner Kinnladenbewegung innehielt und dem Abgehenden einen freundlicheren Blick nachschickte, als der beim ersten Empfang gewesen war, »der Bursche ist freigebig mit seinen Kupferpfennigen; da sie aber da, wo er sie gesät, nicht wurzeln würden, so heb sie auf, Sip, und stecke sie mir in die Tasche. Das nenn ich – traun! – einen raschen, freien Handel, Afrika; so sind sie aber alle, die Gesetzhändler. Ihre Pence werfen sie dem Teufel in den Rachen; dafür wissen sie auch mehr zu bekommen, wenn Ebbe in ihrer Lade ist.«

An der Ruine selbst war nicht viel, was das Beschauen einem Manne lohnen konnte, der seinen Versicherungen zufolge, Gelegenheit gehabt hatte, weit imposantere Überbleibsel der alten Zeit, jenseits des Ozeans, in Augenschein zu nehmen. Es war ein kleiner, runder Turm; er stand auf rohen Pfeilern, die durch Bogen unter sich verbunden waren, und mag in der Kindheit des Landes zu einer Schutzwehr erbaut worden sein, obschon es weit wahrscheinlicher ist, dass er zu anderm als kriegerischem Gebrauch gedient habe. Dieses kleine Gebäude mit seiner sonderbaren Gestalt, seinem verfallenen Zustand und Baumaterial ist auf einmal, fünfzig Jahre und darüber seit jener Zeit ein Gegenstand der Untersuchungen einer sehr gelehrten Klasse von Männern – der amerikanischen Altertumsforscher – geworden.

Als der grüne Mann den Ort erreicht hatte, gab er seinem Stiefel mit der Reitgerte einen kräftigen Schlag, um die Aufmerksamkeit des vertieften Seemanns auf sich zu ziehen, und bemerkte dann mit freiem, leichten Wesen:

»Wie malerisch liegt diese Ruine? Wie schön würde sie sich im Prospekt ausnehmen, wenn man sie, mit Efeu bewachsen, durch eine Waldöffnung erblickte? Doch ich muss um Verzeihung bitten; Herren von Ihrem Gewerbe haben mit Wäldern und verwitterten Steinen wenig zu tun. Dort (mit dem Finger auf die hohen Masten des Schiffes im äußern Hafen zeigend), dort ist der Turm, den Sie lieben; ein Wrack ist Ihre Ruine!«

»Sie scheinen, Sir«, antwortete jener kalt, »mit unserem Geschmack vertraut.«

»So ist es aus Instinkt; denn gewiss, ich habe bis jetzt wenig Gelegenheit gehabt, durch Umgang mit Männern vom ... Gewerbe in diesem Fach Kenntnisse zu sammeln, und ich darf nicht hoffen, dass ich in gegenwärtigem Augenblicke glücklicher sein werde. Doch lassen Sie uns frei sein, Freunde werden und ein freundliches Wort miteinander reden. Was für ein Vergnügen finden Sie an diesem Steinklumpen? Wie kann er Sie nur einen Augenblick von der Betrachtung jenes schönen, netten, wohlausstaffierten Schiffes abhalten?«

»Nu, wenn ich, ein Seemann ohne Anstellung, ein Schiff betrachten wollte, das mir gefiele, selbst in der Absicht, Dienste darauf zu nehmen, würde Sie das so befremden?«

»Der Kapitän müsste ein ganzer Narr sein, der einen Mann wie Sie abwiese! Aber Sie scheinen für eine der niedrigen Berths zu gebildet und wohlerzogen.«

»Berths?«, wiederholte der andere stutzend und die Augen scharf auf den Grünen richtend.

»Berths oder Births. Dies ist ja wohl in der Schiffersprache das Wort für Stelle, Lage, Stellung? Ist's nicht so? Wir Rechtsgelehrte verstehen uns wenig aufs Seewörterbuch; aber ich sollte meinen, ich hätte den dorischen Dialekt getroffen. Sind Sie auch der Meinung?«

»Das Wort ist in der Tat noch nicht obsolet, und als Figur ist es in dem Sinne, worin Sie es nehmen, korrekt.«

»Obsolet?«, wiederholte der Mann in Grün mit eben der Miene, womit jener sein Berths aufgefasst hatte; »das ist wohl der Name eines Schiffteils? Sie verstehen vielleicht unter Figur die Figur am Spiegel, und unter Obsolet das lange Boot?«

Der junge Seemann lachte, und als hätte dieser Scherz die Schranke seiner Zurückhaltung durchbrochen, schien es, als verliere sein Benehmen von nun an und im übrigen Teile der Unterredung viel von dem anfänglichen kalten Zwange.

»Es ist geradeso klar,« sagte er, »dass Sie die Schiffsplanken, als dass ich die Schulbänke gedrückt habe. Da wir nun beide so glücklich gewesen sind, so lassen Sie uns ehrlich zu Werke gehen und aufhören, in Parabeln zu reden. Und, um den Anfang zu machen, frage ich Sie, was Sie von dieser Ruine halten, der Absicht und dem Gebrauche nach, als sie noch in gutem Stande war.«

»Um dieses besser zu beurteilen und beantworten zu können«, erwiderte der Grüne, »ist es notwendig, sie genauer zu untersuchen, und vor allem, sie zu besteigen.«

Zugleich kletterte er auf einer vorgefundenen morschen Leiter bis zum Fußboden über dem Bogengewölbe, durch das eine offene Falltür führte. Sein Kompagnon nahm Anstand, zu folgen; als er aber sah, dass jener oben auf der Leiter auf ihn wartete, ihm zuwinkte und ihm die Öffnung zeigte, sprang er nach und erreichte die Höhe mit einer Behändigkeit und Schnelle, die ihm bei seiner Lebensart geläufig war.

»Hier sind wir!«, rief der grüne Mann, sich nach den nackten Wänden umsehend, die aus so kleinen, ungleichen Steinen aufgebaut waren, dass sie dem Gebäude ein hinfälliges, gefährliches Ansehen gaben. »Wir haben gute eichene Planken zum Deck, wie Ihr sagen würdet, und den Himmel zum Roof ... so nennen wir aus der Universität den Oberteil des Hauses. Nu lasst uns aber sprechen von Dingen der niedern Welt. Hm! Hm! ... Hab ich doch vergessen, wie Ihr Euch gewöhnlich nennt.«

»Das hängt von Verhältnissen ab. So wie die Lagen und Umstände verschieden waren, war es auch meine Benennung. Wollt Ihr mich aber Wilder nennen, so werde ich auf den Namen hören und antworten.«

»Wilder! Ein guter Name; doch dünkt mich, würdet Ihr nichts dabei verlieren, wenn Ihr Euch Wildfang nenntet. Ihr jungen Schiffsburschen steht im Rufe, zuweilen in euern Launen wild umherzuschweifen. Wie manches zärtliche Herz habt ihr in schattigen Lauben über euern Flattersinn seufzen und brechen lassen, während ihr das salzige Wasser des Ozeans durchpflügtet ... Ist das nicht der Ausdruck, durchpflügen?«

Nachdenkend, dabei aber sichtbar empfindlich über die Art von Katechismusexamen, erwiderte der junge Mann:

»Nur wenige haben über mich geseufzt ... Doch lasst uns die Untersuchung des alten Turmes fortsetzen. Was dünkt Euch seine Bestimmung gewesen zu sein?«

»Wozu er jetzt dient, ist deutlich; wozu er früher gedient hat, ist auch nicht schwer zu erraten. Gegenwärtig schließt er, wie wir sehen, zwei leichte Herzen ein, und, wo ich nicht irre, zugleich zwei leichte Köpfe, die nicht schwer an Weisheit geladen haben. Früherhin waren dieses hier Kornböden und die Bewohner kleine Tierchen, ebenso leichtfüßig, als wir leichtsinnig an Kopf und Herz – mit einem Wort und auf gut Englisch: Es war eine Mühle.«

»Andere wollen behaupten, es sei eine Feste gewesen.«

»Hm! Zur Notdurft hätte man den Ort dazu gebrauchen können«, versetzte der Grüne, ihn schnell und aufmerksam betrachtend, »aber so viel ist gewiss, eine Mühle ist es gewesen, so gern man ihm einen edleren Ursprung beilegen möchte. Die dem Winde günstige Lage, die Pfeiler, die das Ungeziefer von unten abhalten sollen, Gestalt, luftiger Bau, innere Einrichtung, alles dient zum Beweise. Whirr... irr... irr, Klatter ... atter ... atter ... atter: Mich dünkt, ich höre noch den alten Lärm der Flügel und Räder ... Pst! Still! Ich höre noch jetzt eine Art von Geklapper!«

Mit diesen Worten sprang er an eine der Öffnungen hinan, die dem Gebäude ehedem zu Luftlöchern oder Fenstern gedient hatten, und steckte den Kopf durch, zog ihn nach einer halben Minute zurück und winkte seinem Gefährten, sich still zu verhalten.

Dieser verstand und befolgte das Zeichen, und bald vernahmen sie in kleiner Entfernung weibliche Stimmen. Sowie die Redenden näher kamen, stiegen die Laute von unten den Turm gerade hinauf zu den Ohren der beiden, die sich, alles Geräusch vermeidend, ein Plätzchen aufsuchten, wo sie, selbst ungesehen, sehen und horchen und sich am Horchen belustigen konnten.

4. Kapitel

Die Gesellschaft unten bestand aus vier Personen, lauter Frauen. Die eine war eine Lady im sinkenden Alter, die andere über die Mitte der Jahre hinaus, die Dritte auf der Schwelle der Tür, die man »Leben« nennt, insofern sie der Übergang zu den gesellschaftlichen Verhältnissen der Welt ist, die Vierte war eine Negerin, die einige fünfundzwanzig Jahreswechsel gesehen haben mochte. Sie schloss sich den Übrigen zwar in einem untergeordneten Verhältnisse an, denn Zeit und Umstände hatten sie in die dienende Klasse gebracht, allein sie genoss Vertrauen und Achtung von Seiten der Herrschaft.

Die ersten verständlichen Worte der alten Lady an die junge waren folgende:

»Und nun, liebstes Kind, da ich dir die Weisung gegeben habe, die die Umstände und dein eigenes vortreffliches Herz nötig gemacht haben, will ich dieses unfreundliche Geschäft mit einem angenehmeren vertauschen. Du wirst deinen Vater von der Fortdauer meiner Zuneigung versichern und ihn an sein Versprechen erinnern, dich noch einmal zu mir zu schicken, ehe wir uns auf immer trennen.«

Die Anrede war, wie gesagt, an das jüngste Mädchen gerichtet und wurde, wie zu vermuten war, ebenso zärtlich und aufrichtig aufgenommen wie gehalten. Die junge Person schlug die Augen auf, worin Tränen glänzten, die sie vergeblich zu unterdrücken bemüht war, und antwortete mit einer Stimme, deren Töne in den Ohren der beiden Lauschenden melodisch genug klangen.

»Liebste Tante, es ist unnötig, mich an ein Versprechen zu erinnern, woran mich mein eigener Vorteil so dringend mahnt. Ich hoffe Sie sogar öfter zu besuchen, als Ihnen vielleicht lieb ist; und wenn mein Vater nicht nächstes Frühjahr mit mir herüberkommt, so wird es gewiss nicht an meinen inständigen Bitten liegen.«

»Unsre gute Frau Wyllys wird uns beistehen«, erwiderte die Tante, sich gegen die ältere Frau mit einem Gesicht voll Freundlichkeit und Anstand neigend, das den eingeführten Formen der damaligen Zeit, wenn ein Oberer einen Untergebenen anredete, eigen und angemessen war. »Sie ist durch ihre treuen Dienste völlig zu dem Einfluss berechtigt, den sie über den General Grayson übt.«

»O, sie ist zu allem berechtigt, was Liebe und Herz geben kann!«, rief die Nichte mit einer Hast und einem Ernste, der dazu dienen sollte, die zu förmliche Höflichkeit der Tante durch die Wärme ihrer eigenen Ausdrücke zu heben. »Mein Vater wird ihr schwerlich etwas versagen!«

»Sind wir auch gewiss, dass sich Mistress Wyllys zu uns schlägt?«, fragte die Tante, ohne sich durch die lebhafteren Gefühle der Nichte von ihrem angenommenen Gange ableiten zu lassen. »Mit einem so mächtigen Alliierten wird unser Bund unüberwindlich sein!«

»Ich bin so ganz der Meinung, dass die gesunde Luft dieser heilbringenden Insel meinem jungen Fräulein ...

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