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Der raffinierte Mr. Scratch

Michael Poore

DER RAFFINIERTE

MR. SCRATCH

Roman

Übersetzung aus dem

amerikanischen Englisch

von Axel Merz

BASTEI ENTERTAINMENT

1

Die

wunderbare,

wunderbar grausame

Show

Dayton, Ohio 2005

John Scratch sah aus wie der Teufel.

Sagten jedenfalls seine Fans. Und der Prominews-Channel.

John stieg aus seiner Limousine und zog den Reißverschluss seiner Hose zu.

Als die Wagentür sich hinter ihm schloss, erhaschten die Kameras einen flüchtigen Blick auf ein Paar langer nackter Beine auf dem Lederpolster der Rückbank.

Kameraleute wimmelten um John Scratch herum, als er in einer schäbigen Vorstadtsiedlung die Straße überquerte und über den ungemähten Rasen zu einem heruntergekommenen Haus ging. Sein schwarzer Pferdeschwanz glänzte im Scheinwerferlicht.

Die Kameras filmten unablässig, als er an der Tür klingelte und wartete.

Sechzig Millionen Fernsehzuschauer, die das Geschehen live verfolgten, warteten mit ihm, wobei sie Snacks knabberten und Bier tranken. Sie kannten John Scratch aus dem Fernsehen, der Boulevardpresse und den Promi-Blogs.

»Wäre der Teufel hier auf Erden, wäre diese Show genau sein Ding«, sagte einer der Zuschauer, die sich vor dem Haus versammelt hatten.

»Aber der Mann macht einen so netten Eindruck!«, erwiderte ein anderer.

»Bist du high? Man kann unmöglich nett sein und diese Show machen.«

»Er sieht italienisch aus.«

»Nee. Wie ein Argentinier.«

»Du hast doch gar keine Ahnung, wie ein Argentinier aussieht. Abgesehen davon, er ist Amerikaner.«

»Woher weißt du das?«

Schulterzucken. »Jeder weiß, dass der Teufel Amerikaner ist.«

***

Die Tür ging auf, und vor John Scratch standen die Gäste des heutigen Abends.

Es waren jedes Mal andere und trotzdem stets die gleichen. Sie mochten reich sein oder arm – stets waren sie überrascht von den Kameras und den Scheinwerfern. Außerdem schienen sie Angst zu haben vor John Scratch, den sie natürlich sofort erkannten, weil sie seine Show gesehen hatten, so wie jeder andere.

Seine wundervolle, grausame Show.

Die heutigen Gäste waren ein Mann und seine Ehefrau, beide in den Dreißigern. Der Mann trug ein Unterhemd, hatte einen strechenden Blick und das mürrische, abgespannte Gesicht eines Menschen, der sich schon früh im Leben aufgegeben hatte, vielleicht schon an der High School. Die Frau trug ein Sweatshirt und ungefähr ein Pfund Augen-Make-up. Sie sah aus wie eine von denen, die gerne hinter dem Rücken über andere Leute redeten.

John Scratch war gekommen, um den beiden ein Angebot zu machen. Darum ging es in seiner Fernsehshow.

Er bot ihnen fünf Millionen Dollar, wenn sie weit weg zogen und einander nie wiedersahen.

Zuerst lachten beide.

Aber nur kurz.

Dann erschien auf ihren Gesichtern ein nachdenklicher Ausdruck.

»Ich würde es nicht machen«, sagte einer der sechzig Millionen Zuschauer, die vor dem Fernseher saßen.

»Ich sofort«, sagte ein anderer.

»Dann stimmt was nicht mit dir.«

»Nein, mit dir stimmt was nicht.«

Auf dem Bildschirm redeten der Mann und die Frau zuerst miteinander, dann einer nach dem anderen.

Sie kämpften. Sie stritten. Sie schrien sich an.

Die Frau akzeptierte das Angebot schließlich, der Mann nicht. Mit rotem Gesicht packte er die Frau beim Ellbogen und sagte etwas zu ihr, das die Mikrofone jedoch nicht aufschnappten. Als die Frau sich losriss und zurückstolperte, wollte der Mann sich auf John Scratch stürzen und musste festgehalten werden.

Sofort wurde Werbung eingeblendet. Scratch und sein Aufnahmeteam zogen sich auf die andere Straßenseite zurück.

John Scratch war fast bei seiner Limousine angekommen, als die Zuschauer auf der Straße plötzlich zu rufen anfingen. Ihre Stimmen klangen verängstigt.

Jemand bahnte sich einen Weg zwischen ihnen hindurch in John Scratchs Richtung. Bodyguards und Kameraleute stolperten und gingen zu Boden.

Es war ein Berg von einem Mann mit Skimaske und Handschuhen und einer großen Pistole in beiden Händen.

John Scratch schaute nicht auf die Pistole, er blickte nur in die Augen des großen Mannes. Ein Ausdruck von Zorn lag darin, aber auch Furcht. Es waren Augen wie die jenes Paares, das Scratch soeben auseinandergebracht hatte.

Aber die Augen des riesigen Mannes kannte er.

Scratch schien sich zu entspannen.

Er blickte zu dem großen Mann auf wie zu einem Freund. »Alles wird gut«, sagte er.

Der Mann hob die Pistole und feuerte sechsmal auf John Scratch.

Bang Bang Bang Bang Bang Bang

Es sah auf den Fernsehschirmen sehr dramatisch aus, wie sich die Tür der Limousine hinter John Scratch öffnete und der Wagen ihn verschlang.

Niemand sah, was aus dem großen Mann mit der Maske wurde.

Die Limousine raste zum nächsten Krankenhaus.

»O Gott, Johnny!«, rief Scratchs Begleiterin auf dem Rücksitz, die Musikerin Jenna Steele, ein ehemaliger Kinderstar, der sich zur Skandalnudel gewandelt hatte.

»Gib mir die verdammten Servietten«, sagte Scratch und spuckte Blut. »Ich will das Leder nicht schmutzig machen.«

John Scratch war schon öfters niedergeschossen worden. Er hatte schon so ziemlich alles erlebt, die unmöglichsten Dinge.

Weil er tatsächlich der Teufel war. Der Leibhaftige. Der nun mit Jenna Steele, einer Tüte mexikanischem Marihuana und sechs Kugeln im Leib in einer Limousine saß.

Außerdem war er Amerikaner. Was das betraf, lagen seine Fans richtig mit ihrer Vermutung.

John Scratch war schon sehr lange Amerikaner.

2

Das Dorf

Providence Bay, 1623

Eigentlich hatte der Teufel kein Amerikaner sein wollen.

Jedenfalls keiner von der neuen Sorte, den Weißen aus Europa mit ihren Schiffen und Bibeln, die sich »Engländer« nannten. Der Teufel zog die Waldbewohner vor. Er hatte beim Volk der Gelben Erde gelebt, hatte mit dem Volk der Großen Bäuche gejagt, hatte mit dem Maisvolk Ackerbau und mit dem Volk der Lauten Stimme Handel getrieben.

Am glücklichsten war er beim Volk vom Fallenden Wasser gewesen, tief im Süden, in ihrer Welt mit den endlosen Wäldern und den riesigen Flüssen – ein wahrer Garten Eden, sogar für den Teufel.

Dann waren die riesigen Holzschiffe aufgetaucht wie Häuser auf dem Wasser. Weiße Männer waren an Land gekommen und hatten ein Fort gebaut, das sie Jamestown genannt hatten. Der Teufel war nach Norden gezogen, um sich von ihnen fernzuhalten, und hatte sich dem Morgenvolk angeschlossen, das in der Nähe des Meeres lebte, dort, wo die Sonne das Land berührt.

Doch auch dort erschienen irgendwann die großen Schiffe. Noch ehe der Teufel »Hölle und Verdammnis!« sagen konnte, waren die weißen Männer an Land gegangen und hatten erst ein Fort gebaut, dann ein Dorf.

Der Teufel beobachtete sie aus dem Wald heraus, rauchte Mäuse in seiner Maiskolbenpfeife und kratzte sich den hölzernen Kopf.

Mit der Zeit erkannte er, dass die Weißen einen Plan zu haben schienen, und der sah so aus: An Land kommen, ein Fort bauen und darin verhungern.

Mit so einem Volk kann es nicht weit her sein, dachte der Teufel bei sich. Wie dumm sie sind.

Die Weißen von Jamestown waren ebenfalls dumm gewesen. Sie hatten nach Gold gegraben, anstatt Getreide und Gemüse anzubauen.

»Diese Leute sind dämlich«, bemerkten die überlebenden Krieger vom Morgenvolk, nachdem sie das Fort angriffen hatten und von den Weißen zusammengeschossen worden waren. »Aber sie haben fabelhafte Waffen.«

»Sie müssen verschwinden«, sagte der Teufel.

***

Die Engländer, die im Norden an Land gegangen waren, nannten sich »Pilger«. Sie hatten schneller gelernt als der Pöbel von Jamestown. Bis zum dritten Frühling wussten sie, wie man Pflanzen anbaute und die Ernte lagerte, sodass sie ihnen über den Winter half. Außerdem lernten sie, die einst dichten Wälder so gründlich zu lichten, dass sie auf die Indianer schießen konnten.

Der Pöbel von Jamestown hingegen war allergisch gegen Arbeit gewesen.

Bei dem Gedanken an Jamestown kam dem Teufel Pocahontas in den Sinn.

Er versuchte angestrengt, nicht an sie zu denken.

***

Eines Nachts bemalte sich der Teufel mit schwarzer Kriegsfarbe und schlich aus den Wäldern den Hügel hinauf auf die vom mitternächtlichen Tau glitzernde Rinderweide, bis er mitten unter den schlafenden Kühen stand.

Er weckte sie mit einem leisen, verführerischen: »Muuuh!«

»Muuuh«, antworteten die Kühe und trotteten herbei, um sich den Rücken kratzen zu lassen.

Tiere liebten oder hassten den Teufel. Kühe liebten ihn. Sie liebten ihn so sehr, dass die Pilger es als schockierend empfunden hätten, was nun geschah: Eine Kuh nach der anderen drehte ihm ihr Hinterteil zu. Und der Teufel besorgte es ihnen, einer nach der anderen.

Er war ein großzügiger Liebhaber, der keine Unterschiede machte. So war er immer schon gewesen. Palestine, der alte Bulle, kam herbeigestürmt, um zu protestieren – und hielt inne, als er den Teufel erkannte. Sofort machte er kehrt und stürmte davon, um vom Teufel nicht mit einer seiner Kühe verwechselt zu werden.

Am nächsten Morgen wurden die Kühe hinter dem Stall gemolken. Pilgerfrauen und Kinder, ausnahmslos in Schwarz gekleidet, kauerten wie Krähen neben den Tieren. Die Milch floss in hölzerne Eimer und dampfte in der morgendlichen Frische, als die Eimer nach drinnen getragen wurden.

Der Teufel machte es den Pilgern nach und wurde zur Krähe. Er schlief auf dem Dachboden über der Esse des Schmieds und beobachtete das Geschehen mit finsteren Blicken, während er wieder einmal versuchte, nicht an Pocahontas zu denken.

Die Pilger taten, was sie immer taten. Einige von ihnen schulterten ihre Donnerbüchsen und gingen zum Jagen in die Wälder. Andere kümmerten sich um die Gärten. Ihre Anführer versammelten sich am Bachlauf und stritten darüber, ob sie eine Mühle und ein Wasserrad bauen sollten und ob es eine Sünde sei, Beeren in den Haferschleim zu mischen.

»Es kann doch nicht alles Sünde sein, Elder Mather«, sagte einer von ihnen.

»Das Leben an sich ist Sünde, Miles«, erwiderte der Angesprochene, der Geistliche unter den Pilgern. »Die Ursünde.«

»Quatsch!«, sagte jemand.

Ein anderer ermahnte ihn: »Pass auf deine Worte auf, John!«

Miles erklärte, sie müssten das Fort verstärken, ehe sie über Wasserräder und ähnlich luxuriöse Dinge nachdenken könnten.

John entgegnete: »Wenn eine Mühle und ein Wasserrad Luxus sind, ist Essen auch ein Luxus.«

Worauf Miles erwiderte: »Nicht von den Indianern gegessen zu werden, wenn wir nicht auf der Hut sind, ist erst recht ein Luxus!«

Derweil erklang aus den Häusern ringsum ein Gemurmel der Unzufriedenheit, und eine nach der anderen traten die Frauen hinaus in die kleine Gasse zwischen ihren Häusern.

William, Miles, John und die anderen Ältesten kamen herbei, um nachzusehen, was los war.

»Die Butter kommt nicht«, sagte Jenny Mather, die Frau des Geistlichen.

Die anderen Frauen bestätigten Jennys Worte. Wie sehr sie auch mit dem Paddel im Butterfass rührten, es wollten sich weder Butter noch Buttermilch bilden.

»Ihr rührt zu schnell«, vermutete John.

Johns Frau erwiderte, dass sie seit dreißig Jahren Butter rühre und sehr genau wisse, wie schnell oder langsam sie rühren müsse.

»Es ist zu warm«, gab Miles zu bedenken, wurde aber ignoriert.

»Vielleicht hat irgendwas die Kühe erschreckt«, sagte Elder Mather.

»Der Wind?«, schlug jemand vor.

»Wölfe!«, sagte ein anderer.

Die Frauen seufzten und wandten sich anderen Hausarbeiten zu.

»Erschreckt, wie?«, murmelte Jenny Mather, die grüne Augen hatte wie eine Katze. Sie bedachte die Weide und den Wald dahinter mit einem langen, forschenden Blick, dann ging sie ins Haus, um Wolle zu spinnen.

***

Am nächsten Tag kam keine Butter. Am übernächsten auch nicht.

Es war ein schwerer Schlag für diese neuen Amerikaner. Butter war eine ihrer wenigen Annehmlichkeiten.

Der Teufel streifte seine besten Leggings aus Eichhörnchenhaut über und begab sich ins Fort, um Felle zu verkaufen. Die Pilger zogen es vor, mit Indianern zu handeln, die getauft worden waren und die sie »Betende Indianer« nannten. Also hatten sich viele vom Morgenvolk – einschließlich dem Teufel – taufen lassen, um mit den Pilgern ins Geschäft zu kommen.

»Wer ist da?«, wollte der Wachposten am Tor wissen.

»Ein Bruder in Christus«, sagte der Teufel, und der Wachposten ließ ihn ein.

Während der Teufel seinen Geschäften nachging, spielte er leise auf seiner Fiedel, Old Ripsaw, und musterte das Dorf mit verstohlenen Blicken. Die Pilger machten einen bedrückten Eindruck, als hätte irgendetwas ihnen die Petersilie verhagelt.

Gut.

Der Hufschmied, der gekommen war, um ein kleines Beil gegen einen Sack voller Fuchspelze zu tauschen, war von Natur aus ein stiller Bursche, aber heute war er praktisch stumm. Er war mit den Gedanken ganz woanders, sodass er es dem Teufel leicht machte, ihn um zwei Felle zu betrügen.

»Was ist los?«, fragte er Giles Dorrit, einen Angler und Fischer. »Gibt es schlechtes Wetter?«

»Die Butter kommt nicht«, grollte Giles. »Und dieses Biberfell hat ein Loch!«

Der Teufel erklärte ihm, Biber hätten von Natur aus Löcher im Pelz, um unter Wasser atmen zu können. Giles zuckte die Schultern und bezahlte den vollen Preis in getrockneten Makrelen.

Nachdem Giles gegangen war, dachte der Teufel über die Geschichte mit der Butter nach. Kühe, die keine Butter gaben, konnten nur eines bedeuten: Das Böse war auf dem Vormarsch.

Nur noch ein paar Monate, und die Pilger sind verschwunden, überlegte er und kniete nieder, um seine Waren und seinen Profit einzusammeln, als plötzlich ein Schatten auf ihn fiel. Er hob den Blick und schaute in Jenny Mathers katzengrüne Augen.

»Ja, die Butter«, sagte Jenny. »Würdest du die Kühe in Frieden lassen, hätten wir bald wieder welche.«

Es war eine unbequeme Tatsache, dass manche Menschen die Gabe besaßen, die merkwürdigsten Dinge zu durchschauen und manchmal sogar den Teufel zu erkennen.

»Würdet ihr alles auf eure Schiffe laden und zurück nach England segeln«, antwortete er und erhob sich, »müsstet ihr euch keine Gedanken um mich oder die Kühe machen.«

Er musterte Jenny, eine ansehnliche Frau, von oben bis unten entlang seiner hölzernen Nase und verspürte ein mächtiges Jucken überall auf der Haut.

Als Jenny sagte: »Wenn du die Kühe in Frieden lässt, küsse ich dich«, hörte er sich antworten: »Abgemacht!«

Sie schlüpften in den Räucherschuppen, wo fünfzehn Schinken und ein Ochse an den Balken baumelten, und Jenny küsste den Teufel lange und innig.

Natürlich er hatte darauf spekuliert, dass es weiterging, nachdem sie erst angefangen hatten. Entsprechend enttäuscht war er, als Jenny sich von ihm löste und verschwand, ohne ihn auch nur noch einmal an sich zu drücken.

Trotzdem. Der Teufel mochte lügen und betrügen, doch eine Abmachung war eine Abmachung.

Er würde die Kühe fortan in Ruhe lassen.

Die Butter kam wieder. Niedergeschlagenheit und Aberglaube schwanden, und die Dinge waren mehr oder weniger wie zuvor.

Der Teufel beobachtete alles von einem Apfelbaum herunter, enttäuscht über sich selbst, während er kleine Vögel in seine Pfeife stopfte und wütend paffte.

***

Der Frühling wurde zum Sommer. Das Fort wuchs und gedieh. Die Bäume fielen vor den Äxten der Pilger, und die Jäger unternahmen tiefere Streifzüge in die Wälder als je zuvor.

Die Pilger hatten Krankheiten mit ins Land gebracht, von denen die Indianer dahingerafft wurden. Ganz Stämme starben aus.

Der Teufel beschloss einmal mehr, die Engländer loszuwerden.

Diesmal fiel sein Auge auf die Kinder.

Eines Nachts trat er in die Träume der Kleinen und flüsterte zu ihnen. Dann kauerte er sich hinter das Hühnerhaus, um auf den Morgen zu warten.

Als die Dämmerung kam, gingen die Jäger auf Beutezug, während die Ältesten sich am Brunnen versammelten und debattierten, ob sie einen Waffenschmied aus England kommen lassen sollten.

»Auf den Wildwechseln der Hirsche sind Spuren von Indianern«, sagte John, der einen Mann kannte, der einen Mann kannte, der in Virginia bei lebendigem Leibe gehäutet worden war.

»Die Indianer sind tot«, spie Miles hervor. »Die meisten jedenfalls.«

»Aber die noch leben sind verzweifelt und voller Angst. Vielleicht rotten sie sich zusammen, um uns anzugreifen«, gab Elder Mather zu bedenken. »Indianer gibt es immer, ob viele oder nicht, und das wirft nun mal die Frage nach einem Waffenschmied auf.«

Viele Pilger wurden sogar in ihren Träumen von den Indianern heimgesucht. Die Rothäute verbargen sich in den Schränken und unter den Betten. Sie waren an allem schuld, angefangen bei stumpfen Rasiermessern bis hin zu Spinnen im Feuerholz.

Während die Ältesten sich besprachen, tauchten in der Gasse zwischen den Häusern Kinder auf.

Die Ältesten verstummten verwundert, denn die Kinder – dreißig? vierzig? – kamen in einer Marschkolonne, als wären sie Soldaten. Es schienen sämtliche Kinder der Siedlung zu sein, angefangen bei Molly Fellberry mit ihren dreizehn Jahren bis hin zur kleinen Abigail Fetters, noch keine zwei Jahre alt.

Es war etwas beunruhigend Erwachsenes an ihnen. Die Ältesten bemerkten ein Wissen und eine Reife in den Augen der Kinder, die sie niemals hätten besitzen dürfen. Und wie sie sich bewegten, ohne ein Geräusch zu machen, hatte etwas Unwirkliches, beinahe Übersinnliches.

Die merkwürdige Kolonne bog am Palisadentor links ab und verschwand schweigend aus dem Fort, einer nach dem anderen.

Die Ältesten folgten ihnen, wiederum gefolgt von einer Anzahl Frauen sowie einigen Fischern. Sie entdeckten die Kinder auf der anderen Seite des Weidezauns, wo sie auf die Wälder unterhalb des Hügels starrten, in zwei ordentlichen Reihen aufgestellt wie ein Chor. Die Erwachsenen beobachteten die Kinder eine Zeit lang, dann nickten sie einander zu und stapften los, um die Kinder zu ergreifen, als diese unvermittelt wie aus einem Mund zu sprechen begannen.

Sie beschrieben eine Zukunft, als hätten sie diese im Traum gesehen. Dabei deuteten sie auf die Wälder, die im Westen lagen – genau wie die Zukunft, von der sie redeten.

Die Kinder prophezeiten, die Indianer würden an Mumps, Pocken, Zahnfäule und anderen Krankheiten sterben, die die Weißen mitgebracht hatten. Sie erzählten, wie die neue Nation ihren Anfang genau hier in dieser kleinen frommen Gemeinde nahm und sich ausbreitete, wurzelnd in Blut, Gold und Sklaverei.

Es würde einen Wettstreit der Trottel geben, die man »Rednecks« nannte und die eine Art nationales Maskottchen waren. Es würde Schulen geben, Fabriken, Gefängnisse und Städte – alles im Überfluss. Es würde eine Maschine geben, die zu den Menschen redete und ihnen bewegte Bilder zeigte, und die Menschen würden tun, was immer diese Maschine sagte.

Weiter konnten die Kinder nicht in die Zukunft schauen. Stattdessen wandten sie sich an ihre Mütter und Väter und erzählten ihnen, dass einige Leute in der Gemeinde sich des Öfteren mit anderen Personen vom jeweils anderen Geschlecht, die nicht ihre Ehemänner und Ehefrauen waren, heimlich in Schuppen und Ställen trafen, um miteinander zu …

Nie zuvor hatte man eine Meute Erwachsener gesehen, die sich so blitzartig auf ihre Sprösslinge stürzte, sie schnappte und in die Häuser zerrte.

***

Von seinem Wigwam am Waldrand aus beobachtete der Teufel, wie die Dorfbewohner sich zurückzogen. Er hoffte, dass die Pilger zurück nach England segeln würden, falls die Kinder nicht verstummten.

Als die Dämmerung hereinbrach, kam Jenny Mather über die Wiese zu des Teufels Wigwam und blieb vor dem Eingang stehen. Ihr Schatten und ihre Umrisse sahen der schönen Pocahontas so ähnlich, dass es Sehnsucht in ihm weckte.

Jenny band ihre Haube los und schüttelte die langen dunklen Haare, bevor sie ihm anbot, ihn zu vögeln, bis ihm Hören und Sehen verging, wenn er nur den Spruch aufhob, mit dem er die Kinder belegt hatte.

Der Teufel vernahm es mit Freuden und erklärt sich einverstanden.

Und dann trieb er es mit Jenny Mather. Sie machten Dinge unter der Sonne – und später unter dem Mond –, die sämtliche Lebewesen in der Umgebung in Verlegenheit brachten.

Als sie schließlich entkräftet nach Hause taumelten, kramte der Teufel unter seinen wenigen Siebensachen – Fellen und Knochen, Pfeilspitzen und Samen und seiner Pfeife –, bis seine hölzernen Finger sich um eine faustgroße Glaskugel schlossen.

Er blickte hinein. Die Kugel war so klar wie ein Regentropfen. Oder doch nicht? Waren dort Schatten und Trübungen im Innern? Je länger er auf die Kugel starrte, desto mehr veränderte sie sich. Schließlich zeigte sie dem Teufel die gleiche Zukunft wie zuvor den Kindern.

»Warum sieht die Zukunft immer so verteufelt schwarz aus?«, wunderte er sich laut und legte die Kugel weg. Er hatte keine Lust, sich Dinge anzusehen, die er noch nicht begreifen konnte.

***

Der Herbst kam und mit ihm der Mond des Jägers. Die ersten Stürme kamen; Meer und Himmel wurden grau. Der Teufel trieb sich auf den Wildfährten herum und nahm an den Erntefesten des Morgenvolks, des Fischervolks und des Volks der Lauten Stimmen teil.

Und er dachte an sie.

Er musste damit aufhören. Die Zeit blieb nicht stehen. Niemand wusste das besser als er.

Die Dörfer des Waldvolks waren kleiner als früher, und es gab immer weniger davon.

»Watani-ay tougash misoughioughi«, sagte ein alter Indianerhäuptling zu ihm. »Das ist die Hustenkrankheit.«

»Ni quoi quoi ai watha«, sagte ein anderer. »Die Alten scheißen sich tot.«

Es waren starke Menschen, und sie starben an Kinderkrankheiten.

Der Teufel erinnerte sich wieder, wie wütend er auf die Pilger war. Wenn welche von ihnen starben, kamen sogleich neue aus Übersee, um sie zu ersetzen. Wenn die Menschen des Waldvolks starben, wurden zwar Kinder geboren, um die Lücken zu schließen, doch nun starben diese Kinder ebenfalls.

Als der Winter kam, schlossen die Pilger sich wie erwartet in ihren Häusern ein, in denen sie froren, hungerten und starben. Der Friedhof quoll über. Selbst die Kühe starben, was den Teufel besonders traurig stimmte.

Diese Leute waren nicht geeignet, eine Nation zu gründen.

Der Teufel beschloss, einen Krieg zwischen den Roten und Weißen anzustiften, obwohl Pocahontas das Kämpfen hasste. Das Volk vom Fallenden Wasser hatte bereits gegen die Pilger gekämpft, unten in Jamestown.

Also zog der Teufel durch die Walddörfer und sprach mit den Bewohnern. »Ihr solltet etwas gegen diese weißen Kasper unternehmen, solange ihr noch Krieger zum Kämpfen habt«, rief er sie auf.

Seine Worte fielen auf fruchtbaren Boden.

***

Die Pilgerväter hatten sich im Gemeindesaal versammelt. Sie waren vor einem wütenden arktischen Sturm geflüchtet und erzählten sich nun Schauergeschichten.

»In Jamestown hatten die Leute so schrecklichen Hunger, dass sie die Toten ausgegraben und gegessen haben«, sagte John und hustete.

»Unsinn!«, schniefte Miles. »Es waren nur die frischen Toten, die gegessen wurden!«

Elder Mather wollte etwas beitragen, doch es ging in einem heftigen Niesen unter. Ehe er sich davon erholt hatte, wurden sie von der Alarmglocke unterbrochen, deren wildes Geläut das Heulen des Sturmes übertönte.

»Indianer!«, röchelten und husteten die Pilger und rannten nach draußen, um nachzusehen.

Und tatsächlich, es waren Indianer. Wie der Sturm kamen sie aus der Dunkelheit, schossen ihre Pfeile ab, schleuderten Kriegsbeile und verschwanden wieder. Die Pilger sahen kaum, wohin sie schießen mussten.

Bumm!

Die Musketen und Donnerbüchsen auf dem Palisadenzaun spien Feuer und Blei, gefolgt von Schreien und schmerzerfülltem Stöhnen.

Ein Pilger fiel über die Palisaden nach draußen, einen Pfeil in der Kehle. Ein anderer starb an der Grippe, während er die Drehbasse nachlud.

Jenny Mather, eine Laterne in der Hand, führte die Frauen und Kinder durch die Gasse beim Brunnen in das Versammlungshaus, wo sie gemeinsam husteten, zitterten und beteten.

Draußen war der Wind zu hören – und immer weniger Schüsse, dafür mehr und mehr Indianergeheul.

***

Der Teufel gehörte zu den ersten Kriegern, die die Palisaden überwanden.

Er setzte die Kartoffelmiete in Brand und wollte gerade in den Brunnen pinkeln, als im Schneegestöber eine dunkle Gestalt mit einer Wollkapuze erschien. In ihren grünen Augen spiegelte sich das flackernde Licht der Fackel, die der Teufel in der Hand hielt.

Jenny Mather sah verängstigt aus, doch sie war gekommen, um zu tun, was getan werden musste: Sie bot dem Teufel ihre Seele im Tausch für ihr Leben an.

Der Teufel hatte eine ausgesprochene Schwäche für Seelen.

Ohne groß nachzudenken, griff er unter Jennys Kapuze und zwang ihre Kiefer auseinander. Etwas, das wie eine Spottdrossel aussah, flatterte aus ihrem Mund und ließ sich auf dem Finger des Teufels nieder.

Der Teufel bewunderte die Federn und die scharfen kleinen Augen, dann ließ er das Ding zurück in Jennys Mund.

»Abgemacht«, sagte er und entblößte seine langen weißen Zähne.

Die Krieger kletterten über die Palisaden zurück und verschmolzen mit dem Sturm und den winterlichen Wäldern, und der Teufel verwandelte sich in einen hübschen roten Fuchs und rannte Pfeife rauchend hinterher.

***

Von nun an bekämpfte er die Pilger nicht mehr.

Weitere Schiffe kamen, und entlang der Küste entstanden neue Forts. Die Pilger bauten eine Straße, und ein neues Dorf wuchs in den Wäldern heran, ein paar Meilen vom Meer entfernt. Bald darauf entstand ein weiteres Dorf, dann noch eins. In einem harten Winter starben viele Pilger, aber es kamen ständig neue nach.

Einige, die bisher am Meer gelebt hatten, zogen in eines der neuen Dörfer in den Wäldern. Auch John und seine Frau sowie Miles und mehrere andere luden ihre Kinder und ihre Siebensachen auf Ochsenkarren und machten sich auf den Weg hinunter nach New Coventry, New Lincoln, New Stafford-upon-Welpole und anderen amerikanischen Ortschaften. Manchmal kamen sie an verlassenen Indianerdörfern vorbei, doch sie bemerkten es nicht einmal.

Sie bemerkten auch nicht den Pilger, den sie überholten. Er war ein Farmer oder Händler, der in seiner Pfeife ein übel riechendes Kraut rauchte. Niemand wäre auf den Gedanken gekommen, dass der vermeintliche Pilger aus Holz war, es sei denn, sie hätten ihn berührt.

Er ging langsam und ließ die Pilger passieren, bis der letzte Wagen an ihm vorbei war. Unter der Heckplane saßen zwei Kinder und stritten sich, welches von beiden als Erstes krank werden und sterben würde.

Sie verstummten, als sie den Fremden erblickten. Er lächelte ihnen zu, und sie lächelten zurück. Dann streckte er die Hände aus und zauberte Münzen aus ihren Ohren.

»Wie schön die glänzen!«, jauchzten die Kinder.

»Das ist Gold.« Der Teufel zwinkerte. »Steckt die Münzen ein und gebt gut darauf acht. Bewacht sie mit eurem Leben. Vermehrt sie, wenn ihr könnt. Braver Junge. Braves Mädchen.«

Er reichte ihnen die Münzen wie ein Farmer, der einen Setzling pflanzt.

3

Der Tod von

Dan Paul Overfield

Kansas, 1969

Der Himmel über Kansas hatte die riesigen Büffelherden über die endlosen Prärien streifen und sterben sehen. Er hatte gesehen, wie die Pferdekulturen kamen und vergingen. Er hatte die Planwagen der Siedler durch die Meere aus Präriegras ziehen sehen, bis sie verschwunden waren. Er hatte die Zeit der Großen Depression gesehen mit ihrem Elend und ihren halb verhungerten Menschen, bis auch diese Epoche der Vergangenheit angehörte.

Heute zogen sich Highways zwischen Strommasten und Funktürmen hin. Neben einem dieser Highways parkten drei VW-Busse, angemalt wie Zirkuswagen. Einer rot, einer grün mit psychedelischen Mustern, der dritte schwarz und spacig wie aus dem Weltraum. Um die Busse herum war ein Dorf aus Zelten, Laternen und Lagerfeuern entstanden. Und in diesem improvisierten Dorf lag der sagenhafteste Gitarrist der Welt im Sterben.

Die Zeitschrift Rolling Stone hatte ihn so genannt, damals in San Francisco. Sein richtiger Name lautete Dan Paul Overfield. Die Leute in dem Zeltdorf waren seine Roadies, und die Jungs gehörten seiner Band an. Es war die große Zeit der Hippies, und sie waren noch jung genug zu glauben, dass »Peace and Love« zum Leben reichten.

Dan Paul Overfield lag flach auf dem Rücken in einem Zelt. Er weigerte sich, ein Krankenhaus aufzusuchen, und das machte den Kids Angst. Sie wussten nicht, was sie tun sollten, doch was immer getan werden musste, sie wollten es richtig machen. Schließlich würde der Rolling Stone dem sagenhaftesten Gitarristen der Welt mit großer Wahrscheinlichkeit seinen Tribut zollen, und sie alle wollten als tatkräftige, beherzte Typen dastehen.

Das sternenübersäte Firmament war kein Trost. Es erinnerte sie vielmehr daran, wie fern sie von Zuhause waren – wobei Zuhause mindestens so viele verschiedene Ecken der Welt meinte, wie es Sternbilder gab.

Memory, die Sängerin, war groß und hübsch. Sie wurde Memory genannt, weil sie unter Amnesie litt und sich an nichts aus ihrer Kindheit und frühen Jugend erinnern konnte. Sie schätzte, dass sie um die zwanzig war, und die Ärzte hätten sie zu gerne studiert – hätte Memory sie gelassen.

Mark »Fish« Fisher, der Drummer, stammte aus Kalifornien. In seinen Augen lag ein verschlagener Ausdruck. Das wusste er auch; deshalb trug er rund um die Uhr eine Sonnenbrille.

Zachary Bull Horse, der Bassist aus Arizona, war zu neun Zehnteln Apache. Zachary war ein großer Bursche, und man konnte jetzt schon sehen, dass er mit zunehmendem Alter dick und fett werden würde.

Die drei saßen um Dan Paul herum, der aussah, wie Gott vielleicht mit dreißig ausgesehen hatte. Das Hemd aufgerissen, halb schlafend.

Alles hätte großartig sein können für ihn und seine Band (die Dan Paul Overfield Band), wäre nicht sein schwaches Herz gewesen.

»Es kann jeden Tag aussetzen«, hatte er ihnen vor einem Jahr eröffnet, als sie zum ersten Mal für Geld gespielt hatten. »Jede Sekunde.«

Sie hatten ihm geglaubt, doch es war ihnen unwirklich erschienen – bis zum heutigen Tag, als sie am Straßenrand haltgemacht hatten, um in Kansas zu campieren. Dan Paul hatte wie üblich ein Feuer gemacht und gekocht. Plötzlich war er umgekippt, einfach so. Er konnte von Glück sagen, dass er nicht ins Feuer gefallen war.

»Legt ihn in den roten Bus!«, hatte Memory gekreischt. »Der ist bis jetzt noch nie stehen geblieben! Wo war die letzte Stadt, durch die wir gekommen sind? Ist es weiter als bis zur nächsten?«

»Scheiße, wenn ich das wüsste«, grollte Fish. »Hat jemand ’ne Karte?«

Zachary, der Riese, nahm Dan Paul auf die Arme und wollte ihn zum roten Bus tragen.

»Leg mich in mein Zelt«, sagte Dan Paul.

Also hatte Zachary ihn in sein Zelt gelegt, und sie hatten sich um ihn herum versammelt. Memory hatte ihm das Hemd aufgerissen, weil es ihr richtig und vernünftig erschienen war.

Nun saß sie mit untergeschlagenen Beinen da, Dan Pauls Kopf im Schoß, massierte seine Schläfen und summte leise.

Zachary saß zu seiner Linken wie ein riesiger Apachen-Buddha.

Fish steckte mit Kopf und Schultern im Zelt und verharrte über Dan Pauls Füßen.

»Warum willst du nicht ins Krankenhaus?«, wollte er wissen.

Dan Paul flüsterte mit schwacher Stimme eine Antwort.

»Er sagt, es ist zu spät«, sagte Memory.

Dan Paul flüsterte noch etwas.

Er wollte, dass sie sangen.

»Jesses«, murmelte Fish.

Memory dachte über den richtigen Song nach.

Dan Paul hatte all ihre Lieder geschrieben. Der Rolling Stone in San Francisco hatte wissen wollen, worum es in seinen Songs ging.

Er hatte geantwortet, dass er das Leben genieße, doch seine Pumpe könne jeden Moment stehen bleiben. »Und deswegen«, hatte er hinzugefügt, »schreibe ich romantische Lagerfeuer-Songs über den Tod.«

Und das stimmte. Ihre Lieder, selbst die traurigen, hatten einen fröhlichen Klang. Sie waren leicht zu singen und leicht zu merken. Man konnte zu ihnen tanzen. Und sie handelten vom Tod, jedes einzelne. Die Radiosender und Plattenläden fraßen sie förmlich. In weniger als einem Jahr hatte die Band ihren Weg bis zum Ruhm ersungen und erspielt.

Bevor sie an diesem Tag einen Song anstimmten, zog Fish einen großen fetten Joint hervor. Sie reichten ihn reihum, genau wie sie es vor Konzerten immer taten.

Dann fing Memory zu singen an. Das Lied hieß Down in the Hole.

Zachary und Fish stimmten in Memorys Gesang ein. Dan Paul hatte sie das mehrstimmige Singen üben lassen, bis es ihnen in Fleisch und Blut übergegangen war. Deshalb klang es sehr schön, selbst jetzt, obwohl ihre Stimmen vor Trauer zu brechen drohten.

There’s a hole in Russell’s Farm

Bigger than a baby or a lucky charm

Smaller than a granny in a rocking chair

Everything he loses ends up or down there

Russell lost his cow

He took more milk than the cow allowed

How much does it take to fill a bottomless bowl?

The cow jumped the moon and came down in the hole

Russell lost his barn

Crows built a nest in the fire alarm

Ashes, ashes all fall down

Ashes in the hole, but the smoke made town

Russell lost his wife

Sixteen beers and a sugarcane knife

Red is the color of his true love’s hair

Look down the hole and see her slumbering there

Russell lost his way

Between the state pen and his gettin’-out day

Between the moon and the night, the rain and the wind

Can a man down a hole find his way up again?

In einer perfekten Welt hätten sie jetzt auf Dan Paul geblickt und festgestellt, dass er friedlich entschlummert war, während sie gesungen hatten.

Stattdessen kam genau in diesem Augenblick ein Roadie namens Osgood ins Zelt gekrochen, ohne darauf zu achten, wohin er trampelte, um zu verkünden, dass ein paar von ihren Leuten sich in den Wäldern versteckt hatten, für den Fall, dass die Cops vorbeikämen.

»Auuu«, stöhnte Dan Paul. »Ozzy, Bruder, du stehst auf meinem Bein.«

Es waren seine letzten Worte.

***

Leise ging die Nachricht von einem Zelt zum anderen, in die Wälder, zum Kochfeuer, zu den VW-Bussen und wieder zurück.

Einige der zugedröhnten Roadies suchten mit schläfrigen Blicken die Milchstraße ab, auf der Suche nach Dans fröhlicher Seele auf dem Weg in die Unendlichkeit.

»Was jetzt?«, schmollte Fish. »Wir sind die Dan Paul Overfield Band ohne Dan Paul. Das ist nicht fair.«

Wütend trat er nach dem Gestrüpp draußen vor dem Zelt.

Zachary wollte erwidern, Fish solle lieber an sich selbst als an Dan Paul denken, doch der Drummer hatte nur laut ausgesprochen, was alle dachten.

Eine Zeit lang redeten die drei über Dan Paul und darüber, wie schrecklich sie ihn vermissen würden, wie sehr sie seine Songs geliebt und wie gerne sie sie gesungen hatten.

Als es ihnen in Ordnung schien, darüber zu reden, besprachen sie, was sie mit Dan Pauls Leichnam machen sollten.

»Es wäre sein Wunsch, dass wir ihn gleich hier an Ort und Stelle begraben«, sagte Zachary. »Unter dem Sternenhimmel, mit ein paar Abschiedsworten.«

»Das können wir nicht machen«, entgegnete Memory. »Es würde verdächtig erscheinen.«

Einige der Roadies hätten eigentlich in Vietnam sein sollen. Sie konnten es sich nicht leisten, Verdacht zu erregen.

Schließlich fassten sie den Entschluss, den Toten in die nächste Stadt zu fahren und herauszufinden, was das örtliche Bestattungsunternehmen dazu sagte. Sie waren nicht gerade pleite. Sie konnten sich eine billige, legale Beerdigung leisten.

Memory schlenderte hundert Meter den Highway hinunter, während Zachary den toten Dan Paul in ein Laken wickelte. Sie setzte sich auf ein Geländer über einem kleinen Bach, in dem sich funkelnd das Licht der Sterne spiegelte.

Fish hatte recht. Bubble Records nahm ihre Lieder auf und brachte sie zu den Sendern. Bubble Records hatte ihnen die drei gebrauchten VW-Busse organisiert und Geld für Benzin. Sie hatten eine Einladung zu einem Auftritt auf einem riesigen Open-Air-Festival, das auf irgendeiner Farm im Staat New York stattfinden sollte. Sie hatten ganz dicht davor gestanden, alles zu erreichen, wovon sie je geträumt hatten.

Zum ersten Mal spürte Memory, wie verzweifelt sie sich wünschte, dass wahr wurde, wovon sie träumte.

Aber was genau war es eigentlich? Ruhm? Wollte nicht jeder berühmt sein? Wenigstens hin und wieder?

Sicher. Aber das hier fühlte sich anders an. Es war kein bloßes Wollen. Es war ein tiefes Verlangen, eine vielleicht unerfüllbare Sehnsucht, so wie der Wunsch nach Berühmtheit, wenn die Fans in Wahrheit nur ein Ersatz waren für Sex, Liebe oder Erfolg an der Highschool.

Für Memory war es möglicherweise ein Ersatz für die fehlenden Erinnerungen. Ihr Versuch, dafür zu sorgen, dass der Rest von ihr nicht ebenfalls verschwand.

Aber was spielte das alles überhaupt noch für eine Rolle? Dan Paul war tot. Ihre magische Bohnenstange war gefallen.

Memory spürte, wie sich der Ruhm aus ihrer Zukunft verabschiedete und wie der Rest von ihr zusammen mit ihm verblasste.

»Scheiße«, sang sie. Ein einzelnes, trauriges Wort.

***

Es war Zachary, der den Teufel ins Spiel brachte.

Nach dem Abendessen hatten sie mit den anderen Bewohnern des Camps zusammengesessen und über Dan Paul geredet, und was für ein netter Kerl er gewesen sei. Anschließend hatte jeder für eine Weile sein eigenes Ding gemacht.

Inzwischen war Mitternacht. Geisterstunde. Die Zeit, die am besten geeignet war, über unheimliche Dinge zu reden. Eine stille, geheimnisvolle Zeit.

Vielleicht hätten sie nie über den Teufel gesprochen, wenn sie alle getanzt und gesungen oder sich wieder Geschichten erzählt hätten, oder wenn der Lärm vögelnder Menschen zum wiederholten Mal so laut geworden wäre, dass die anderen applaudiert hätten. Oder wenn es geregnet hätte.

Stattdessen zogen Wolken auf, hinter denen die Sterne verschwanden, als hätte jemand einen Vorhang zugezogen. Hier und da glommen Joints oder Zigaretten in der Dunkelheit, einige beim Feuer, andere an der Straße, einige unter den Bäumen.

Zachary und Memory teilten sich einen Teller mit kalten Bohnen, als Fish sich zu ihnen hockte. Er sagte kein Wort. Es war auch notwendig, dass eine Zeit lang niemand redete, um den Weg für die eigenen Gedanken frei zu lassen.

Schließlich meldete sich Zachary zu Wort. »Ihr wisst, was man über Robert Johnson erzählt.«

»M-hmmm«, sagte Fish.

»Was denn?«, fragte Memory.

»Dass er dem Teufel begegnet sei, als er an einem Scheideweg stand. Er habe ihm seine Seele verkauft, um ein großer Star zu werden.«

»Willst du damit sagen, wir sollen runter zur Straßenkreuzung laufen, damit auch wir dort vielleicht dem Teufel begegnen?«, fragte Memory und lachte.

Zachary zuckte nur die Schultern.

Memory sah von Fish zu Zachary und wieder zu Fish.

»Unsinn«, sagte Fish. »Das ist nur ein Werbegag der Produzenten, um mehr Platten zu verkaufen. Jedes Mal, wenn jemand auftaucht, der wirklich gut ist – besonders wenn er Gitarre spielt –, erfinden sie irgendeine bescheuerte Story, von wegen, er hätte seine Seele verkauft, oder seine Gitarre wäre in der Hölle angefertigt worden. Es heißt, Howling Wolf sei auf einen Friedhof gegangen und habe sich die Gitarre von einem Toten stimmen lassen. Erinnert ihr euch, was sie über Dan Paul erzählt haben?«

Memory schaute ihn fragend an.

»Das war vor deiner Zeit«, sagte Zachary zu ihr.

»Dan war ein ganz gewöhnlicher Folksänger«, erzählte Fish. »Er reiste durchs Land und spielte in Bars. Dann hörte er von diesem anderen Gitarristen namens Two-John Spode, der angeblich ein Gitarrenduell mit dem Teufel gewonnen und seinen eigenen Tod in der Gitarre eingesperrt hatte. Also ging Dan Paul runter nach Louisiana und fand Two-John Spode im Sumpf. Er versuchte ihn zu überreden, mit seiner Hilfe eine Band zu gründen. Das war lange bevor Dan Paul uns fand. Sie veranstalteten einen Gitarrenwettstreit untereinander. Falls Dan Paul gewann, würde Two-John mit ihm kommen, und falls Two-John gewann, würde er Dan Pauls Gitarre behalten. Two-John gewann den Wettstreit, doch er war so beeindruckt, dass er Dan Paul seine Gitarre ließ. Und was noch viel wichtiger war: Er packte seinen Tod in Dans Gitarre. Deshalb konnte Dan spielen wie zwei oder drei Gitarristen gleichzeitig, denn Two-Johns Tod schlug die Saiten von der anderen Seite an.«

Zachary räusperte sich und sagte: »Ich stimme dafür, dass wir die Gitarre mit ihm begraben.«

Kein Widerspruch regte sich.

»Was hältst du von der Geschichte, Fish?«, fragte Memory.

»Sie ist ein Märchen«, antwortete Fish. »Erfunden von der Plattenindustrie.«

»Habt ihr je gesehen, dass er die Saiten von seiner Gitarre genommen hätte?«, fragte Zachary.

Eine Eule rief, und sie alle erschauerten.

In jener Nacht redeten sie nicht mehr über die Plattenindustrie oder den Teufel oder irgendwelche anderen Dinge. Sie gingen in ihre Zelte, schlüpften unter ihre Decken und schliefen, mit Ausnahme von Fish. Ein Groupie, das ihn mochte, kroch unter seine Decke, und sie blieben die ganze Nacht wach.

4

Die ungewöhnliche

Konstitution

des Teufels

Dayton, Ohio, 2005

Die Leute im Krankenhaus mussten John Scratch daran erinnern, dass er niedergeschossen worden war.

Auf dem Weg dorthin hatte er in der Limousine das Bewusstsein verloren. Als die Sanitäter ihn heraushoben, wachte er auf.

»W-was ist?«, fragte er desorientiert.

»Sie wurden niedergeschossen, Mr. Scratch«, informierten sie ihn. »Aber wir helfen Ihnen, Sir. Sir?«

Er hatte schon wieder das Bewusstsein verloren.

Als er das nächste Mal erwachte, lag er auf einer Trage. Ärzte und Sanitäter schoben ihn hastig durch einen hell erleuchteten Korridor. Sein Körper war mit Schläuchen und Kabeln verbunden. Alle sahen sehr besorgt aus.

Jenna Steele war nicht unter ihnen. Sie war gegangen, um sich die Haare machen zu lassen, bevor sie vor der Kamera erschien.

Die Ärzte und Sanitäter kamen an einem Wartebereich vorbei, wo ein Fernseher an der Wand hing, und Scratch sah sich selbst auf dem Bildschirm. Sah sich auf der Trage liegen. Er drehte den Kopf, spähte nach hinten und erblickte – auf dem Kopf stehend – einen Kameramann mit Videokamera, der ihm überallhin folgte.

»Was hat das zu bedeuten?«, wollte er wissen.

»Was hat das zu bedeuten?«, fragte sein Bild auf dem Fernsehschirm.

»Sie wurden niedergeschossen«, sagte jemand zu ihm, und vom Fernseher kam das Echo.

Scratch verlor erneut das Bewusstsein.

***

Er erwachte während der Operation (der Teufel besaß eine ungewöhnliche Konstitution und hatte obendrein einen leichten Schlaf).

»O Gott!«, rief einer der Chirurgen. »Was ist mit diesem Typen?«

»Wissen Sie nicht, wer das ist?«, fragte eine der OP-Schwestern. »Das ist der Mann aus der Fernsehshow, wo sie einem diese Angebote machen, zum Beispiel …«

»Ich weiß, wer er ist! Jemand soll ihm noch ’ne Ladung verpassen!«

Fernsehkameras lugten über die Schultern und unter den Armen der Ärzte und Schwestern hindurch. Die Operation war als Pay-per-View für fünfzig Mäuse im Bezahlfernsehen zu sehen.

Instinktiv grinste der Teufel in die Kameras, dann versank er wieder in tiefem Schlaf.

Die Zuschauerzahl schoss in die Höhe, als die Ärzte die ersten zwei Kugeln in John Scratchs Leber fanden. Die Gebühr stieg auf sechzig Dollar, Tendenz weiter steigend. Irgendwann war das Maximum erreicht. Es würde allenfalls dann noch eine Steigerung geben, wenn es den Anschein hatte, dass Scratch starb. Dann würde die Übertragung alle Dimensionen sprengen.

Als fünf Minuten später Jenna Steele in Go-Go-Boots, perfekter Frisur und Kaugummi kauend hereinplatzte, sprengte die Zuschauerzahl tatsächlich sämtliche Rekorde.

Die Kameras wandten sich von dem um sein Leben kämpfenden John Scratch auf dem Operationstisch ab und schwirrten um Jenna herum wie ein Mottenschwarm um das Licht.

Sie schien ein wenig angetrunken zu sein. Das war sie häufig. Ihre Musik war eine Milliarden-Dollar-Teen-Pop-Industrie, ganz gleich, was sie machte. Letzten Monat im Zoo hatte sie vor laufenden Kameras in aller Öffentlichkeit ihre Bluse geöffnet und so getan, als würde sie John Scratch die Brust geben. Das schockierte Publikum hatte zehn Millionen Dollar gezahlt, um ihr dabei zuzuschauen.

Die Zahlen gingen erneut in die Höhe – diesmal aber nur ein klein wenig –, als Johns Versicherungsagent in den Operationssaal gestürzt kam, behandschuht und im blauen Anzug, dem Erkennungszeichen seiner Firma.

»Nehmen Sie Ihre Hände da weg!«, befahl der Agent. »Das ist nicht versichert.«

»Das ist seine Leber«, protestierte der Doc.

»Dann müssen Sie hier unterschreiben«, sagte der Agent, und er und der Arzt machten eine fünfminütige Pause für den bürokratischen Schreibkram. Währenddessen wachte der Teufel wieder auf. Er stöhnte vor Schmerz und japste.

»Was …?«

»Man hat dich niedergeschossen, Baby«, gurrte Jenna Steele.

Der Teufel bedachte sie mit einem merkwürdigen Blick.

»Was machst du denn hier?«, wollte er von ihr wissen.

Eigentlich hatte er sich von ihr trennen wollen, und nun erschien ihm der Zeitpunkt gut geeignet, um mit ihr Schluss zu machen. Doch bevor er etwas sagen konnte, übermannte ihn von Neuem der Schlaf.

Jenna Steele versuchte eine Kaugummiblase zu machen und spuckte den Gummi versehentlich einer Schwester ins Haar. Dort saß er nun wie ein winziger pinkfarbener Dutt.

Die Kameras fraßen ihn förmlich auf.

»Niedlich«, sagten sechzig Millionen Zuschauer.

5

Beherzte Katzen

an der Kreuzung

Kansas, 1969

Dan Paul zu beerdigen war leichter als erwartet. Am Morgen nach seinem Tod fuhr die Band im Konvoi in die nächste Stadt auf der Karte, orderte einen billigen Sarg, keine Einbalsamierung, und sang um sein frisches Grab herum seine Songs. Auf dem Weg aus der Stadt hielt Fish beim Postamt und schickte Telegramme an das Studio und die Agenten, die sie für die verschiedensten Gigs gebucht hatten.

Wir halten uns an den Zeitplan, stand in den Telegrammen. Mit oder ohne Dan Paul.

Dann stiegen sie in ihre geräumigen, bunten VW-Busse und fuhren gen Osten. Die sterbliche Hülle des besten Gitarristen der Welt blieb hinter ihnen zurück, um unter Fremden zu verwesen.

Die drei Musiker fuhren durch die Nacht und lauschten ihrem eigenen Hit Down in the Hole, der im Radio lief.

Dann verlas der Moderator eine Meldung, nach der Dan Paul Overfield, der vielleicht zum besten Gitarristen aller Zeiten hätte werden können, unterwegs auf der Straße gestorben sei, und wie traurig das alles wäre. Er sagte kein Wort über die überlebende Restband auf ihrem Weg ins nördliche Hinterland von New York.

Memory war müde, aber nicht schläfrig. Sie beobachtete den Highway, der sich in die Nacht erstreckte, und dachte darüber nach, was ein einziger Tag doch alles verändern konnte.

Es war ein schwerer Tag für Memory. Zum ersten Mal in ihrer kurzen Erinnerung schien etwas lange Zeit zurückzuliegen, und das stimmte sie traurig. Sie dachte an die Menschenmengen, vor denen sie gespielt hatten, und die Menschenmengen, vor den sie erst noch spielen wollten – Menschenmengen vor der Bühne, Menschenmengen in Clubs und zahllose Menschen, die sie im Radio bewunderten, vielleicht sogar im Fernsehen.

Dann dachte sie darüber nach, dass Berühmtheiten anderen Leuten vielleicht gar nicht so überlegen waren. Dass sie im Gegenteil sogar ein bisschen unterlegen waren, weil sie ein Loch in sich hatten, so riesig, dass nur die Aufmerksamkeit von Tausenden, Hunderttausenden, ja Millionen es stopfen konnte. Memory wollte, dass unzählige Menschen an sie dachten, sie ständig im Blick behielten, sodass sie sich nicht in Dunst auflösen konnte wie ihre Vergangenheit.

Sie kämpfte gegen die Tränen an, als der Bus – der rote Bus, der bis jetzt noch nicht kaputtgegangen war – plötzlich einen Satz machte. Irgendetwas knarrte wie eine alte Tür.

»Das Getriebe«, stöhnte Zachary hinter dem Steuer.

»Die Aufhängung«, widersprach einer der Roadies hinten im Bus mit vollem Mund.

Das Knarren hörte auf, und der VW-Bus rollte weiter, jedenfalls für den Augenblick.

»Er braucht neue Stoßdämpfer«, meinte der Roadie. »Oder er wird eines Tages über einen Buckel springen und sich überschlagen.«

»Die Karre braucht allen möglichen Scheiß«, sagte Fish gähnend und setzte sich auf. »Und nichts von alledem können wir uns leisten.«

»Ruf im Studio an«, schlug Zachary vor.

»Ruf doch selber an!«, entgegnete Fish und trat gegen die Rücklehne von Zacharys Sitz. »Die versuchen wahrscheinlich schon längere Zeit, uns zu erreichen und uns zu sagen, dass wir unsere Verträge zerreißen sollen und wieder nach Hause können.«

»Hör auf zu treten!«, sagte Zachary.

»Scheiße!«, rief Fish, verschränkte die Arme und schlug die Beine übereinander, bis er aussah wie ein launisches, übermüdetes, aufgedrehtes Balg. »Vielleicht sollten wir sie wirklich anrufen. Die Geschichte hinter uns bringen.«

»Du weißt doch gar nicht …«, begann Zachary.

»Was weiß ich nicht? Wer hat schon Interesse an einem Vertrag mit einer Band, deren einziger halbwegs bekannter Musiker tot ist? Wir hätten diese Unterhaltung gestern Nacht zu Ende führen sollen, aber wir haben uns in die Hose geschissen. Es ist vorbei, Leute. Ihr wisst es, und ich weiß es. Warum also fahren wir noch durch die Gegend und verschleudern Benzin, das wir uns nicht leisten können?«

Der Motor gab ein puffendes Geräusch von sich.

»Dampf«, sagte Zachary.

»Dampf«, pflichtete der Roadie ihm bei. »Kriegen wir unseren Lohn?«

»Klar«, sagte Memory. »Auf die eine oder andere Weise.«

»Womit willst du sie denn bezahlen, nachdem das Studio uns gesagt hat, dass wir die Busse vorbeibringen und das restliche Benzingeld abliefern sollen?«, fragte Fish.

Memory erwiderte nichts.

Zachary schwieg ebenfalls. Er war zu sehr damit beschäftigt, über seine eigene Zukunft nachzudenken, falls die Band auseinanderging. Anstatt berühmt und einflussreich zu werden und vielleicht die Chance zu bekommen, die Welt zu verändern, konnte er allenfalls noch einen Job als Türsteher ergattern. Viele Apachen waren Türsteher, wegen ihrer Größe. Genau das, wovon er immer geträumt hatte. Ein glorreiches Leben voller Betrunkener, Blut und mieser Stimmung.

Fish gingen ähnliche Gedanken durch den Kopf. In ihm schwelte es. Alles hatte danach ausgesehen, als würden sie Berge von Geld verdienen, vielleicht schon nächstes Jahr. Das war nun schlagartig vorbei, und das machte ihn wütend. Er mochte Geld. Leute behandelten einen anders, wenn man welches hatte. Geld war ein Magnet, der Mädchen anzog. Und ein Magnet für noch mehr Geld.

Memory blickte aus dem Fenster und dachte an all die Jahre, an die sie sich nicht erinnern konnte. Es war, als versuchte man über die Zeit vor der eigenen Geburt nachzudenken. Wenn man vor vielen Menschen sang, konnte jederzeit irgendjemand in der Menge sein, der sie wiedererkannte, der ihren richtigen Namen rief und ihr sagte, wer sie war. Aber das war nun vorbei.

Und was war ein Mensch ohne Erinnerung? Er hatte nichts außer dem Jetzt, nur diesen kleinen Flecken Glatteis zwischen dem Gestern und dem Morgen.

Der Schmerz wurde zu stark, als dass Memory ihn noch länger schweigend ertragen konnte.

»Wir dürfen nicht zulassen, dass alles einfach so vorbei ist«, sagte sie mit schwankender Stimme.

Es wäre schwierig gewesen, drei Menschen zu finden, die sich schlimmer betrogen fühlten und denen mehr nach Heulen zumute gewesen wäre als Memory, Zachary und Fish. Denn sie vermissten Dan Paul und das, was er aus ihnen gemacht hatte. Nichts zerbricht das Herz schneller als die Berührung durch etwas Kostbares, Leuchtendes, Wunderbares, das einem vor der Nase weggenommen wird, bevor man die Chance hat, es festzuhalten.

»Memory …«, begann Zach, verstummte dann aber und betrachtete stumm ihr Spiegelbild auf der Windschutzscheibe. Er wusste nicht, was er ihr Tröstendes sagen sollte. Es war still. Nur die Stoßdämpfer quietschten.

Fish beugte sich vor, zog einen halb gerauchten Joint aus der Hemdentasche und steckte ihn an. Dann nahm er einen tiefen Zug und reichte ihn weiter an Zachary. Zachary paffte nur daran. »Wir sind nicht stoned genug für diese Unterhaltung«, sagte er und inhalierte. »Kommt, wir fahren zur Weggabelung.«

»Du machst Witze«, sagte Memory und winkte ab, als Zachary ihr den Joint geben wollte. »Was willst du da? Was hast du vor?«

»Jede Geschichte, die ich jemals über den Teufel gehört habe, fing mit einer Weggabelung an«, antwortete Zachary.

»Und was willst du machen, wenn wir dort sind?«, fragte Fish. »Einen magischen Indianertanz oder so was, oder sprichst du eine Zauberformel?«

»Ich glaube, man muss nur hinkommen. Den Teufel zu finden ist nicht schwer.«

Memory warf die Hände hoch. Fish nahm einen weiteren Zug vom Joint. Zachary kaute auf der Lippe.

»Wann?«, fragte Memory.

Zachary zuckte die breiten Schultern.

»Jetzt«, sagte er.

Memory änderte ihre Meinung, was den Joint anging.

***

Im Gegensatz zur Polizei ist der Teufel immer ganz in der Nähe, wenn man ihn braucht.

Diesmal jedoch nicht.

Diesmal war er im Urlaub.

Er hatte ein gutes Jahr gehabt. Ein gutes Jahrzehnt. Er hatte seine Lieblingsnation unnachgiebig angetrieben, und die Kugel rollte.

Sie steckten mitten in einem hässlichen Dschungelkrieg drüben in Vietnam. Krieg bedeutete neue Erfindungen und Geld. Außerdem gab es zu Hause ebenfalls einen Krieg – Menschen forderten Gerechtigkeit und Gleichberechtigung.

Sie waren auf dem Mond gewesen, gerade erst! Von nun an wusste jeder Mensch auf der Welt, dass es ein amerikanischer Mond war, wenn er zu ihm hochschaute.

Außerdem war eine Art Revolution im Gange. Junge Menschen, die sich »Hippies« nannten und darauf bestanden, »sie selbst« zu sein.

Ja, Amerika kochte. Die Menschen hier unten auf der Erde entwickelten sich. Und wenn Menschen erst imstande waren, alleine zu denken, und wenn sie zum Mond fliegen konnten – wozu brauchten sie dann noch einen Gott?

Der Teufel stand mitten im Magischen Königreich, in Disneyland, gekleidet in Bermudas und Pepitahemd, einen Strohhut auf dem Kopf, und sah aus wie ein Versicherungsvertreter. Alle amerikanischen Männer sahen im Urlaub so aus.

Wenn Amerikaner arbeiten, dachte der Teufel und rückte seine Sonnenbrille zurecht, bauen sie Straßen und Autos. Im Urlaub hingegen besuchen sie alberne Parks wie den hier, wo sie für alles und jedes zu viel bezahlen und in langen Schlangen anstehen müssen.

Vierhundert Jahre, und er hatte die Amerikaner immer noch nicht durchschaut.

Minnie Mouse und Goofy kamen aus entgegengesetzten Richtungen heran. Der Teufel ließ einen Fünfzig-Dollar-Schein fallen und setzte sich auf eine Bank in der Nähe, in der Hoffnung, dass sie sich um den Geldschein stritten.

Aber den Gefallen taten sie ihm nicht. Goofy hob den Schein auf und gab ihn beim Fundbüro ab.

Der Teufel holte sich ein Sirup-Eis, machte sich auf den Weg zum Parkplatz und suchte seinen Wagen, eine mitternachtsblaue Lincoln-Limousine mit offenem Verdeck, die an einem schicksalhaften Novembertag 1963 durch Dallas, Texas, gerollt war.

Manchmal starrten die Leute den Wagen an und fragten sich, warum zum Teufel er ihnen so vertraut erschien. Diejenigen, die lange genug darüber nachdachten oder sich angestrengt genug den Kopf zermarterten und in ihren Erinnerungen kramten, waren meist entsetzt. Manchmal schossen sie Fotos.

Auf allen diesen Bildern lächelte der Teufel. Er war stolz auf sein Auto.

***

Es kostete ihn zwei Stunden, bis er den Verkehr von L. A. hinter sich gelassen hatte. Er wandte sich nach Osten, in Richtung Mojave und Death Valley, und schaltete das Radio ein. Sein Strohhut segelte beinahe davon, als er jenseits der Ausfahrt von Barstow Gas gab. Mit langer, geschickter Klaue fing er den Hut wieder ein, legte ihn auf den Beifahrersitz und machte es sich für eine lange Fahrt bequem. Vielleicht die ganze Nacht hindurch.

Die Straßen, über die der Teufel fuhr, waren nicht immer auf den Karten zu finden. Fremdartige Kräfte und Realitäten umgaben ihn. Manchmal war es auf der Straße des Teufels Tag, wenn Nacht hätte sein müssen. Ziemlich oft teilten sich Sonne und Mond den Himmel oder verdeckten einander.

Im Radio lief ein Song, der sich wie ein Lied am Lagerfeuer anhörte. Ein Ohrwurm! Der Teufel drehte das Radio lauter. Es war eine fröhliche Nummer mit dem Titel Cruel April – grausamer April – und handelte von Leuten, die im Frühling exekutiert worden waren.

Der Gitarrist beherrschte sein Instrument wie im Traum. Es klang wie mindestens drei Gitarren, die sich miteinander unterhielten. Die Stimme der Sängerin hatte ein schwaches Echo, als würde sie von ihrem eigenen Geist begleitet.

Clark Freeman, gas chamber! Such a pretty day!

Winter’s dying! Dandelion! Cyanide spray!

Es war ein Song ganz nach dem Geschmack des Teufels. Er trommelte mit den langen Fingernägeln auf dem Lenkrad und bog vom Highway ab. Ein Stück voraus war eine Kreuzung inmitten von Maisfeldern. Langsam drifteten Nebelschwaden durch den Mais und waberten über die Straßen. Auf der Bankette zur Rechten parkte ein bunter VW-Bus. Vor dem Bus saßen drei junge Hippies im Kreis und hielten sich an den Händen. Zwei Jungen und ein Mädchen.

Der Teufel parkte seinen Wagen auf der anderen Straßenseite und stieg aus. Jetzt sah er nicht mehr aus wie ein Tourist, sondern wie ein alter Hippie. Langhaarig und gebräunt mit einem Fu-Man-Chu-Bart, John-Lennon-Brille, offenem Hemd, Jeans und Stiefeln.

Die Kids erwarteten bestimmt, dass er Hörner hatte, also trug er welche.

»Ich mag diesen Gaskammer-Song«, sagte er, während er die Straße überquerte und die Wagenschlüssel einsteckte.

Drei Augenpaare starrten ihn an.

Die Kids waren wie versteinert. Genau wie er es sich gedacht hatte.

»Gebt mir Bescheid, wenn ihr so weit seid und reden wollt«, sagte er. Dann trat er mitten auf die Kreuzung, errichtete aus dem Nichts ein Lagerfeuer und röstete einen Marshmallow über den Flammen.

Verdammt. Diese Dinger fingen immer wieder Feuer, egal wie vorsichtig er war.

Er schälte die geschwärzte Schicht herunter und schnappte den Marshmallow mit langer Greifzunge, vorsichtig, damit nichts in seinem Bart kleben blieb.

»Hey«, sagte das Mädchen, das neben ihm erschienen war.

»Selber hey«, sagte er.

»Ist das echt?«, fragte sie.

»Ihr seid um Mitternacht zur Kreuzung gekommen. Was habt ihr denn gedacht, was passiert?«

»Wir hätten nicht damit gerechnet, dass überhaupt etwas passiert«, antwortete das Mädchen. »Ich glaube nicht, dass einer von uns wirklich an den Teufel geglaubt hat.«

»Und jetzt?«

»Ich weiß nicht. Glauben wir jetzt an den Teufel, Zachary?«

Einer der Jungen, ein Indianer, hatte sich zu ihnen gesellt.

Bevor Zachary antworten konnte, war der zweite Junge zum Wagen des Teufels gegangen und davor stehen geblieben.

»Hey!«, rief er erstaunt. »Das ist ja irre! Das ist Kennedys Limousine, stimmt’s? Aus Dallas? Heilige Scheiße!«

Der Teufel nickte stolz.

Fish kam zu den anderen ans Feuer. Zachary sagte zu ihm: »Er hat ein Feuer aus dem Nichts gemacht.«

»Ich krieg langsam Angst«, sagte das Mädchen.

»Machen wir eine Spritztour«, schlug der Teufel vor.

Er hielt Memory die Beifahrertür auf. Zachary saß auf einem Notsitz hinter dem Teufel. Fish saß ganz hinten.

»Hey, genau hier hat er gesessen!«, sprudelte es aus Fish hervor. »Hier ist er gestorben, Mann!«

Sie glitten durch den Nebel. Felder und Bäume huschten vorbei. Der Wind zerzauste ihnen die Haare. Nebel durchnässte ihre Kleidung.

»Was wollt ihr?«, fragte der Teufel.

Hinten im Fond setzte Fish zu einer Antwort an, doch der Teufel unterbrach ihn, bevor er etwas sagen konnte.

»Denkt drüber nach, auch wenn ihr schon nachgedacht habt. Dann denkt noch etwas mehr darüber nach. Und dann sagt es mir.«

»Wir alle?«, fragte das Mädchen. »Oder jeder Einzelne von uns?«

»Das ist eure Entscheidung«, sagte der Teufel. »Aber seid vorsichtig.«

Sie schwiegen eine Zeit lang.

Sie kamen durch eine Ortschaft mit einem riesigen Gerichtsgebäude aus großen Kalksteinblöcken. Die Kuppel trug eine große, von innen beleuchtete Uhr. Neben dem Gerichtsgebäude verliefen Eisenbahnschienen.

Der Teufel hielt bei den Schienen. Augenblicke später senkten sich die Schranken, begleitet von Läuten und flackernden Blinklichtern, und aus der Dunkelheit rumpelte ein Zug heran.

Der Teufel hatte eine Schwäche für Züge.

Die Schranken gingen wieder hoch, und der Teufel fuhr an. Die Limousine glitt aus der Ortschaft und passierte ein Getreidesilo und einen toten Baum.

»Ich will berühmt werden«, sagte das Mädchen. »Das wollte ich von Anfang an. Wir hatten es beinahe geschafft, und jetzt will ich es auch ohne Dan Paul schaffen. Weißt du, was ich meine? Es ist wie …«

Der Teufel hob eine Hand und brachte sie zum Schweigen. »Ich habe verstanden«, sagte er.

Die Limousine durchquerte eine Wolke von Glühwürmchen. Sie zerplatzten auf der Windschutzscheibe wie winzige grüne Blitze.

Fish meldete sich zu Wort.

»Ich will Geld«, sagte er. »Ich habe lange nachgedacht. Wenn alles gesagt und getan ist, ist letztendlich das Geld der Grund dafür, warum ich so viel und hart geübt habe und ins Musikgeschäft wollte. Wenn ich an Platten denke, an Auftritte und Konzerte, denke ich immer auch an die Kohle.«

»Ich verstehe«, sagte der Teufel.

Sie kamen an einem Greyhound-Bus vorbei.

Zachary sagte kein Wort, bis sie zurück an der Kreuzung waren. »Ich will die Welt verändern«, verkündete er schließlich.

»Wir alle verändern die Welt, jeder von uns«, erwiderte der Teufel.

»Ich meine im Großen und Ganzen, auf grundsätzliche Art und Weise.«

»Bist du sicher?«

Zachary war sicher.

»Ist ja irre«, sagte der Teufel.

***

Sie grillten Würstchen am Lagerfeuer, während der Teufel erklärte, wie der Deal funktionierte.

»Ich bin von heute an gewissermaßen der Wirt eurer Seelen«, sagte er zu ihnen. »Sie gehören mir, und sie tun, was ich von ihnen verlange. Es wird euch verändern. Vielleicht nur ein wenig, wahrscheinlich viel. Jeder ist anders. Aber seid nicht überrascht, wenn ihr euch von heute an impulsiver, gieriger, verrückter fühlt …«

»Mehr wie du«, sagte Fish.

Der Teufel nickte.

»Und wir bekommen dafür …?«, fragte Memory.

»Ihr werdet schlauer. Schneller. Talentierter. Ihr habt mehr Glück. Und ich leiste selbstverständlich gewisse Dienste, wie jeder gute Wirt. Ich öffne euch Türen, bewege die Dinge zu euren Gunsten. Ich sorge dafür, dass ihr bekommt, wonach ihr gefragt habt. In der Zwischenzeit verändert ihr die Welt. Ihr macht sie schneller und schlanker.«

Die Stimme des Teufels war lauter geworden, während er sprach. In seinen Augen brannte ein Feuer. Das Licht der Sterne schimmerte auf seinen spitzen, scharfen Zähnen. Er musterte Memory von oben bis unten auf eine Weise, die gentlemanlike und gar nicht gentlemanlike zugleich war.

»Attraktiver werdet ihr auch«, fügte er hinzu.

»Und wenn wir sterben, was passiert dann?«, wollte Zachary wissen. »Kommen wir dann in die Hölle oder was?«

»Es gibt keine Hölle«, spottete der Teufel. »Warum sollte es so etwas geben? Gott ist kein Ungeheuer. Er ist bloß ein bisschen selbstsüchtig. Wenn ihr sterbt, seid ihr nicht mehr von Nutzen für mich, und ich kann euch nicht mehr nützen. Eure Seele macht dann, was jede andere Seele macht.«

»Und das wäre?«, fragte Memory mit großen Augen.

Der Teufel zuckte die Schultern.

»Vielleicht fahrt ihr in den Himmel. Beispielsweise.«

»Es gibt keine Hölle, aber einen Himmel?«, fragte Fish zweifelnd.

»Der Himmel ergibt Sinn«, sagte der Teufel. »Der Himmel ist gewissermaßen der Motor des Universums. Er ist Gott, die Engel, Licht, Energie, Raum, Zeit und der ganze Mist. Auch lebende Seelen sind Teil des Himmels. Er zieht sie an wie die Schwerkraft. Man könnte sich Gott und den Himmel als Naturgesetze vorstellen, nur dass der Himmel wach ist und ein Bewusstsein hat und sich für etwas Besseres hält als die Natur. Was dumm und versnobt ist …«

Wieder stieg seine Stimme an, und seine Augen brannten. Die Kids musterten ihn besorgt.

Der Teufel holte tief Luft. »Wie dem auch sei«, fuhr er fort. »Es ergibt einfach keinen Sinn, bis in alle Ewigkeit zu leiden. Es hätte keinen Zweck. Also kommt ihr vielleicht in den Himmel. Vielleicht bleibt ihr auch in der Gegend und werdet wiedergeboren. Vielleicht löst ihr euch einfach auf und werdet zu Pflanzennahrung. Es ist bei jedem anders. Eure Seele tut das, was ihr von ihr erwartet.«

»Und wenn man erwartet, dass sie leidet«, sagte Fish, »dann leidet sie.«

Der Teufel musterte ihn aus zusammengekniffenen Augen.

»Du bist ein kleines Arschloch, habe ich recht?«, fragte er dann. »Ich will dir was sagen. Euch allen. Soweit es mich betrifft, seid ihr alle hergekommen, um die Welt zu einem hübscheren, besseren und klügeren Ort zu machen. Doch wenn ihr die Welt verdummt und in Angst und Schrecken versetzt, zerreiße ich unseren Kontrakt und verbrenne euch wie einen beschissenen Marshmallow, ist das klar? Also nehmt euch in Acht, habt ihr verstanden?«

Sie nickten, schluckten mühsam. Sie hatten verstanden.

»Dann ist es abgemacht«, sagte der Teufel.

Schweigen senkte sich herab.

»Äh …«, begann Memory nach einer Weile. »Unterschreiben wir mit unserem Blut, oder tanzen wir nackt um das Lagerfeuer dort oder so was?«

»Möchtest du das?«, fragte der Teufel. Er hätte nichts dagegen gehabt, Memory nackt zu sehen.

»Eigentlich bin ich ziemlich müde«, sagte sie.

Der Teufel schüttelte den Kopf.

»Der Vertrag ist bereits geschlossen«, sagte er. »Wenn ihr aussteigen wollt, sagt es jetzt. Es ist die einzige Chance, die ihr habt.«

Die Kids wanden sich nervös, doch keiner sagte etwas.

Der Teufel zeigte ihnen ihre Seelen, was eine besondere Freude war.

Memorys Seele war ein Schmetterling.

Zacharys Seele war ein Stein, ein wunderschöner Stein, durchscheinend und glänzend und wie ein perfektes Ei geformt.

Fishs Seele war ein Fisch. Der Fisch streckte den Kopf zwischen seinen Lippen hervor, schnappte einmal nach Luft und verschwand wieder. Fish bekam ihn nicht richtig zu sehen, aber das war ihm egal.

»Ihr kriegt, wonach ihr verlangt habt«, sagte der Teufel. »Vielleicht mehr, aber nicht weniger. Und jetzt setzt euren VW-Bus vor meinen Wagen.«

Die Kids blickten einander verwirrt an, doch Zachary ging und setzte den VW-Bus um.

Der Teufel holte eine Menge Werkzeuge aus seinem Wagen.

»Eine zerlegbare Abschleppstange«, erklärte er.

Zachary fuhr heran, während der Teufel hämmernd und fluchend auf dem Boden zwischen den beiden Fahrzeugen herumrutschte.

»Du kommst mit uns?«, fragte Memory.

»Ist das ein Problem für dich?«

Sie kaute auf der Unterlippe. War es ein Problem?

»Nein«, sagte sie. »Es ist nur …«

»Du bist nicht sicher, wohin ihr fahrt oder was euch erwartet, wenn ihr ankommt.«

»Genau. Und ich weiß nicht, was ich unserer Crew sagen soll, die im Howard Johnson’s in Springfield auf uns wartet.«

»Sag ihnen meinetwegen, ich bin der Leibhaftige. Ist mir scheißegal.«

»Du musst nicht gleich so ungehobelt sein.«

Er seufzte.

»Tut mir leid. Ich hab mir auf den Daumen gehauen, und es tut weh. Außerdem war heute ein langer Tag, und Disneyland war Stress pur.«

Oh.

»Brauchst du irgendwas?«, fragte Memory.

»Nein, Süße. Danke. Bin gleich fertig.«

***

Eine Stunde später bogen sie in den Parkplatz des Howard Johnson’s ein. Zachary blendete die Lichter auf, und die Crew versammelte sich um sie herum, während der Teufel einparkte.

Memory schob die Tür auf und wandte sich an die Versammlung.

»Demokratie!«, rief sie. »Wer stimmt dafür, dass wir hier übernachten?«

Ein paar Hände gingen in die Höhe.

Der Teufel spähte über Memorys Schulter nach draußen.

»U

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