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Der normale Wahnsinn

MATT BEAUMONT

DER
NORMALE
WAHN-
SINN

ROMAN

Übersetzung aus
dem Englischen von
Christina Neuhaus

BASTEI ENTERTAINMAENT-Logo

BASTEI ENTERTAINMENT

MONTAG

Kate: Was geht hier eigentlich vor? Er schläft neben mir – die Unschuld in Person, nur einen halben Meter von mir entfernt, und doch scheint es, als befände er sich auf einem anderen Planeten. Da lebt man nun fast zehn Jahre mit einem Mann zusammen, nur um eines Nachts zu erkennen, dass man fast gar nichts über ihn weiß, dass in seinem Kopf eine Welt zu existieren scheint, in der man nicht mal gelegentlich zu Gast ist. Ob so was früher oder später allen Paaren widerfährt? Man kommt zusammen, erfährt seine Schuhgröße, seine Lieblingsband, seine Vorlieben und Abneigungen – unterm Strich genug, um ihn sympathisch zu finden. Dann heiratet man, und es legt sich ein Schalter um. Stillstand.

Ob es ihm wohl genauso geht? Ob er mich, abgesehen von der Tatsache, wie ich meinen Kaffee mag und dass ich Gewalt in Filmen nicht ausstehen kann, womöglich so gut wie gar nicht kennt? Nein, für so was hab ich jetzt keine Zeit. Nicht um zwei Uhr morgens. In sieben Stunden muss ich meinen Vorgesetzten in der Kanzlei gegenüber so tun, als hätte ich den neuesten Entwurf für das aktuelle Arbeitsschutzgesetz ganz allein verfasst. »Der Arbeitsvertrag: Vertragsverletzungen und Gehaltskürzungen (PL810) …« Warum um Gottes willen tue ich mir diesen Mist um zwei Uhr morgens an? Cameron ist aufgewacht und weint. Der arme kleine Krümel. Ich werde mal besser nach ihm sehen und … Nein! Dafür hab ich jetzt keine Zeit! Wahrscheinlich will er nur sein Häschen. Soll sich doch Christie darum kümmern; dafür wird sie schließlich bezahlt. Los jetzt, Kate, der Arbeitsvertrag!

Ach, Marco, was zum Teufel geht bloß in deinem attraktiven Köpfchen vor?

Marco: Ich stehe vor dem Laden … Alles ist genau wie im richtigen Leben, nur irgendwie noch schöner … neuer … pinkfarbener … wohlriechender … brennende Kerzen und liebenswerte, hübsche Objekte, wohin man sieht … Es ist ein Schrein … Ein Schrein für sie … Und da ist sie auch schon. Wo sie immer ist … hinter der Ladentheke. Genau wie im richtigen Leben, nur irgendwie noch schöner … Sie ruft mich … Marco … Sie kennt meinen Namen! Ich frage mich, ob sie tatsächlich weiß, wie ich heiße … Im richtigen Leben, meine ich … Das wäre toll … Aber das hier ist ein Traum, oder? Ich frage mich, was sie gerade tut. Im richtigen Leben, meine ich …

Ali: Ich schnappe mir das Kopfkissen und hebe es hoch. Jetzt schwebt es nur noch wenige Zentimeter über seinem Kopf. Ich werde es tun. Ich werde es tun.

Im Kino sieht das immer so leicht aus. Man presst ihnen das Kissen fest aufs Gesicht und wartet einfach ab, bis aller Widerstand erlahmt. In den einschlägigen Hollywoodschinken schaffen die so was regelmäßig unter zehn Sekunden. Im richtigen Leben zieht sich die Sache vermutlich ein bisschen länger hin. Aber ich weiß, ich könnte es tun. Natürlich ist er stärker als ich, aber mit dem Überraschungseffekt auf meiner Seite und meinem vollen Gewicht auf seinem Brustkorb – ich habe etwas zugenommen in letzter Zeit – könnte ich ihn sicher erledigen, oder nicht? Dann wäre er im Schlaf dahingeschieden. Was für ein gnadenvolles Ende. Im Grunde tue ich ihm sogar einen Gefallen damit. Will denn nicht jeder von uns in seinem eigenen Bett sterben? Ich zumindest würde es mir wünschen.

Er schnarcht immer noch. Ohrenbetäubend.

In Wahrheit ist es gar nicht soooo laut. Doch im Verlauf der letzten drei Stunden scheint dieses entsetzliche Geräusch immer weiter angeschwollen zu sein. Als ob es in meinem Kopf durch eine Art Verstärker gejagt würde. Das Getöse klingt wie U2 live; in einem richtig großen Stadion; auf einer gigantischen Freilichtbühne irgendwo in Texas. Nein, nicht wie U2. Die sind mir eigentlich egal. Bono mag ein nerviger kleiner Penner sein, aber ich könnte die Musik von U2 wahrscheinlich an die drei Stunden ertragen, ohne durchzudrehen. Gibt’s noch ’ne nervtötendere Band? Vielleicht Status Quo oder so.

Er schnarcht immer noch.

Immer noch und immer wieder.

Wieder und wieder.

Jedes Mal, wenn er ausatmet, versteift sich mein Körper in Anbetracht des Unausweichlichen, in perverser Erwartung des durchdringenden, röchelnden Luftholens. Und jedes Mal gibt es dazwischen diese trügerische Pause von einigen Sekunden. Eine Pause, die keinen Aufschub oder gar das Ende dieser Tortur signalisiert, sondern die Anspannung nur noch vergrößert. Im Grunde so eine Art Davina-McCall-Trick. Wann immer sie verkündet: »Und der Dritte, der das Big-Brother-Haus verlassen wird, ist …«, kann man sicher sein, dass eine Werbeunterbrechung folgt. Die machen das natürlich, um die Spannung zu erhöhen, doch bei mir weckt so was unweigerlich Mordlust.

Ich hasse Davina McCall.

Ich hasse meinen Mann.

Und am liebsten würde ich sie beide umbringen.

Aus irgendeinem unerfindlichen Grund dauert diese Prä-Schnarchpause länger als sonst. Wie lange genau? Gute zehn Sekunden schon. Hat es am Ende aufgehört? Hat er am Ende tatsächlich aufgehört mit diesem verdammten Schnarchen? Kann ich jetzt endlich meine Augen schließen und schlafen …

Nein, es geht wieder los. Sogar noch lauter, noch animalischer als zuvor. Als ob ihn die kleine Verschnaufpause mit neuer Energie erfüllt hätte. Ich starre auf den Wecker. Es ist 2.47 Uhr, wie mir das flackernde Digitaldisplay verrät. Vor drei Stunden und sechs Minuten sind wir zu Bett gegangen. Vor drei Stunden und fünf Minuten ist Paul eingeschlafen. Und vor drei Stunden und vier Minuten habe ich das Kissen zum ersten Mal über sein Gesicht gehalten. Ein wenig vorschnell, mögen Sie jetzt vielleicht denken, aber ich mache das alles ja nicht zum ersten Mal durch. Und es ist nicht das erste Mal, dass mich Mordgedanken umtreiben.

Vor ein paar Wochen hab ich mich über Arsen informiert. Sie wissen schon, winzige Dosen, die man zusammen mit Salz, Pfeffer und Kräutern unters Essen mischt, bis es im Laufe der Zeit seine tödliche Wirkung entfaltet und auch nach dem Ableben im Körper nicht nachgewiesen werden kann. Mit siebzehn hab ich Blumen der Nacht gelesen. Alles, was man über Arsen wissen sollte, steht da drin. Alles, bis auf die Tatsache, wo man das verdammte Zeug kaufen kann. Als ich den Begriff »Arsen« im Tesco-Onlineshop eingab, kam doch tatsächlich die Frage zurück: »Suchen Sie vielleicht Ariel?« »Nein, du idiotische Suchmaschine!«, schrie ich dem Monitor entgegen. »Ich meine gottverdammt noch mal nicht Ariel!« Okay, ich hatte einen miesen Tag damals. Um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen, hab ich dann ein paar Becher Walnusspudding in meinen virtuellen Einkaufskorb gepackt. Und just in diesem Moment stürzte der Computer ab. Ein verdammt mieser Tag war das damals.

Doch wo beschafft sich eine junge Frau von heute eine tödliche Menge Arsen? Offensichtlich nicht in Großbritanniens größter Supermarktkette. Doch wenn nicht dort, wo dann? Konnte man nicht noch zu Dickens’ Zeiten zur kleinen Apotheke an der Ecke schlendern und sich ungeniert seine Tagesration Gift abholen, so wie man sich heutzutage bei Boots sein Aspirin besorgt? Ich sag Ihnen, ich bin ganz einer Meinung mit denen, die Tesco dafür verantwortlich machen, dass unsere Einkaufsstraßen immer mehr aussterben. Tescos Geschäftsführer steht ganz oben auf meiner Abschussliste. Noch über Davina, doch weit hinter meinem Ehemann. Der – nur für den Fall, dass es Sie interessiert – noch immer schnarcht.

Inzwischen ist es 3.16 Uhr.

Ich halte das nicht mehr länger aus. In nur wenigen Stunden muss ich mich auf den Weg zur Arbeit machen. Verdammt, ich hab einen Laden zu führen, Kunden zu bedienen …

Kunden? Welche Kunden? Wenn ich ehrlich bin, dann ist mein Geschäft so tot, wie ich es mir für meinen Ehemann wünschen würde. Von mir aus geben wir Tesco die Schuld daran. An manchen Tagen kann ich meine Kunden an einer Hand abzählen. Dann arrangieren Michele und ich wieder und wieder die Auslagen um, als wären es die Liegestühle an Deck der Titanic.

Ach ja, einen Stalker haben wir auch. Aber der kauft nie was. Nicht ein Mal ist er in den Laden gekommen. Stattdessen sitzt er an einem der Tische vor dem Starbucks auf der anderen Straßenseite und starrt zu uns herüber. Einmal, manchmal sogar zweimal täglich ist er dort – egal, bei welchem Wetter. Er ist im Besitz einer Regenjacke. Michele meint, er wäre an mir interessiert, doch wenn man achtzehn Jahre alt und gertenschlank ist sowie einen kurzen Rock für jede Gelegenheit im Schrank hängen hat, dann ist man nun mal weitaus geeigneter zum Objekt der Begierde als ich. Nein, der Typ ist definitiv hinter Michele her. Ich frage mich nur, warum er sie nicht einfach mal anspricht? Das letzte Mal, als wir über Beziehungen sprachen, war sie Single, und der Typ vor dem Starbucks sieht wirklich gut aus. Tatsächlich könnte man ihn einen schönen Mann nennen. Vielleicht ein bisschen zu alt für Michele, aber wer könnte solchen Augen widerstehen? Ich habe sie zwar nur aus der Ferne bewundern dürfen, aber sie funkeln wie saphirfarbene Laser. Würde mich nicht überraschen, wenn man sie noch aus dem Weltall sehen könnte.

3.27 Uhr. Für die Akten: Um 3.27 Uhr in der Früh gesellt sich zur akustischen Folter noch der Tatbestand der Beleidigung, indem Paul einen fahren lässt. Ein lang anhaltender, hemmungsloser Furz. Dieser widerliche, kranke Bastard.

Töten, töten, töten!

Wieder nähere ich mich mit dem Kissen seinem Gesicht. Eine daunenweiche Tatwaffe. Oder vielmehr »der letzte Ausweg«, wie man es eines Tages vielleicht nennen würde. Ja, ich werde es tun. Er hat mir ja keine andere Wahl gelassen. Jeder halbwegs faire Richter würde das genauso sehen.

»Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass die Angeklagte nur auf eine jahrelang andauernde, erbarmungslose Schikane reagiert hat. Paul Heath, bei Tage ein talentierter und gewissenhafter Journalist, mutierte Nacht für Nacht zum wohl niederträchtigsten Exemplar, das sich unter Ehepartnern finden lässt: dem gemeinen Schnarcher. Über einen Zeitraum von zehn Jahren Ehe und an mindestens sieben Stunden in der Nacht hat Heath rücksichtslos ein- und in böswilliger Absicht wieder ausgeatmet. Angesichts dieser fortwährenden Provokation blieb Ihnen, Alison Heath, am Ende nur noch eine Möglichkeit, und die Gesellschaft ist Ihnen zu großem Dank verpflichtet, dass Sie diese schließlich auch ergriffen haben. Vielleicht werden es sich andere von seinem Schlag von nun an zweimal überlegen, bevor sie ihre unschuldigen Ehepartner vermittels ihres enervierenden Atemausstoßes in den Wahnsinn treiben. Alison Heath, Sie sind hiermit freigesprochen und … Wie bitte? Ja, natürlich, Sie dürfen Ihr Kopfkissen wieder mitnehmen.«

Möglich, dass ich nicht ganz so einfach davonkommen werde. Vielleicht sind dazu ein oder zwei Revisionsverfahren nötig. Doch eins ist sicher: Ich würde mit diesem Befreiungsschlag praktisch über Nacht berühmt werden. Und zum Gegenstand zahlreicher feministischer Artikel im Guardian. Mal ehrlich, wäre das nicht gut fürs Geschäft? Schaulustige, möglicherweise ganze Busladungen, würden sich vor meinem Laden darum prügeln, einen Blick auf die Frau werfen zu dürfen, die dem »Schnarcher« den Garaus gemacht hat – und vielleicht kauft der eine oder andere bei dieser Gelegenheit ein Frotteehandtuch oder ein paar Duftkerzen … Mit Hilfe dieses Kissens könnte ich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: meiner Pein ein Ende bereiten und das Geschäft wieder ankurbeln. Und eine der Fliegen wäre damit buchstäblich für immer aus der Welt …

Genau, Ali, senke das Kissen auf sein Gesicht herab … Noch ein Stückchen … Nur noch ein paar Zentimeter … Mist. Jetzt rollt er sich auf die Seite. Die Wurzel allen Übels, seine Nase, hat sich soeben in sein eigenes Kissen gebohrt. Unmöglich, ihm jetzt noch meins aufs Gesicht zu pressen. Unbegreiflicherweise ist das Schnarchen sogar noch lauter geworden. Ich ziehe Paul die Bettdecke über den Kopf und stehe auf. Ich glaube, ich werde mir erst mal einen Kaffee machen. Einen ganzen Eimer von dem Gebräu, und ich werde einschlafen können, dessen bin ich mir sicher.

Bus

Ali: Ich habe mich letztendlich in einen unserer leer stehenden Räume zurückgezogen. Wir wohnen ja nur zur zweit in einem Haus mit vier Schlafzimmern, also hatte ich die freie Auswahl. Warum richte ich mich eigentlich nicht dauerhaft dort ein? Eine berechtigte Frage. Ich bin noch nicht aus unserem ehelichen Schlafzimmer ausgezogen, weil, nun, weil wir ja schließlich verheiratet sind, oder nicht? In guten wie in schlechten Zeiten, so heißt es doch. Okay, manchmal erscheint es mir idiotisch, dass ich mich Nacht für Nacht neben dem wohl nervtötendsten Schnarcher aller Zeiten vor Wut zusammenkrümme, aber welches ordentlich verheiratete Ehepaar hat denn bitte getrennte Schlafzimmer? Die Queen und Prinz Philip? Okay, Plädoyer abgeschlossen. Denn abgesehen von der Tatsache, dass ich Paul hasse und ihm den Tod wünsche, liebe ich ihn auch.

»Saft?«, frage ich, als er in die Küche kommt.

Er nickt und reibt sich die Augen. Der Bastard hat tatsächlich Schlaf in den Augen!

Ich gieße ihm ein Glas Saft ein.

»Wow, ich hab geschlafen wie ein Toter«, sagt er. »Und du?«

Ich gähne. Unbeabsichtigt. Doch wenn es mich in diesem Moment nicht übermannt hätte, hätte ich ein Gähnen vorgetäuscht, dessen können Sie sicher sein.

»Sorry«, sagt er.

Und damit ist das Thema für ihn erledigt, Leute. Sorry. Das war’s. Aber wie ich bereits erwähnte, ich mache das alles keineswegs zum ersten Mal durch.

»Toast?«, frage ich.

»Lieber Bran-Flakes. Ich glaub, ich hab Verstopfung. Fühl mich wie ein Abwasserkanal in Bombay. Nichts geht mehr.«

Als ob es nicht schon schlimm genug wäre, die halbe Nacht hindurch Pauls Körperfunktionen lauschen zu müssen, begrüßt er mich am Morgen danach auch noch mit einem Zustandsbericht über das, was man auf keinen Fall hören möchte. Wenn Sie mich fragen: Das Problem von Paaren, die mehr als zehn Jahre verheiratet sind, ist nicht, dass sie nicht mehr miteinander reden. Nein, diese Beziehungen leiden eindeutig unter einem Zuviel an Kommunikation! Inzwischen habe ich das Gefühl, meinen Ehemann buchstäblich in- und auswendig zu kennen, und ich wünschte, dem wäre nicht so. Am Anfang einer Beziehung, da steht Intimität noch für zärtliche Küsse und andere Turteleien, ein Jahrzehnt später hingegen für die schamlose Beschreibung der eigenen, mehr oder weniger intakten Darmtätigkeit.

»Du siehst müde aus, Ali«, sagt er.

Ach? Müde ist gar kein Ausdruck, Baby.

»Warum legst du dich nicht noch ein bisschen hin? Lass doch Michele den Laden öffnen.«

»Kommt überhaupt nicht in Frage. Nicht nach dem, was das letzte Mal passiert ist.«

Das letzte Mal, dass ich den Laden hab aufschließen lassen, hat sie es versäumt, zuvor die Alarmanlage abzustellen. Des Weiteren konnte sie sich nicht mehr an den Deaktivierungscode erinnern. Geschlagene zehn Minuten wurde die Nachbarschaft durch kreischende Weltuntergangssirenen malträtiert, bis endlich die Polizei eintraf. Was gut war. Denn während Michele ihre Pflicht getan hatte – also wie ein aufgescheuchtes Huhn im Kreis gerannt war –, hatte sich irgendein Penner in den Laden geschlichen und den Karton mit den Cashmeredecken mitgehen lassen, der einladend neben der Tür gestanden hatte. Was in wenigen Worten der Grund dafür ist, warum Michele nie wieder meinen Laden wird aufschließen dürfen.

»Die schafft das schon«, versichert mir Paul. »Hattest du ihr den Code nicht auf den Oberarm tätowiert?«

»Ich hatte ihn ihr extra auf ihre U-Bahn-Chipkarte geschrieben, aber die hat sie verloren. Keine Sorge, mir geht’s prima. Ich werde mich jetzt kurz unter die Dusche stellen, und dann bin ich auch schon so gut wie weg.«

Ali: Die Dusche hat mich in den trügerischen Zustand des Wachseins versetzt, und die Erschöpfung weicht sonnigem Optimismus. Bis auf Weiteres.

Ich starre in meinen Kleiderschrank und frage mich, was ich heute anziehen soll. Als Paul von hinten seinen Arm um meine Taille legt, zucke ich erschrocken zusammen.

»Gibt’s dafür einen besonderen Anlass?«, fragt er, und seine Nasenspitze berührt mein Ohr.

»Was meinst du?«

»Na ja, du trägst keine Unterwäsche.«

»Aber ja.«

»Nein, du trägst Dessous. An einem ganz normalen Arbeitstag.«

French Knickers und ein Camisole aus spitzenbesetzter Seide. Normalerweise führe ich in meinem Laden kein großes Sortiment an Leibwäsche, aber als dieser Vertreter mir damals seine Kollektion zeigte, konnte ich einfach nicht widerstehen. Ich gab eine Standard-Bestellung auf, und innerhalb von zwei Wochen war alles ausverkauft. Glücklicherweise hatte ich mir beim Eintreffen der Lieferung ein Set gesichert. Das war vor zwei Monaten, und seitdem lag das Ensemble unberührt in einer meiner Schubladen. Um ehrlich zu sein, ich bin es leid, noch länger auf eine besondere Gelegenheit zu warten, deshalb trage ich es eben heute. An einem ganz normalen Arbeitstag.

»Ziemlich heiß«, raunt er mir ins Ohr. »Weißt du, wenn ich nicht diesen Artikel zu Ende schreiben müsste, dann …« Ich spüre, wie sich sein harter Schwanz gegen den dünnen Seidenstoff drückt, und es macht mich an. Ja, ich bin hin- und hergerissen. Das ist der Mann, den ich noch vor wenigen Stunden eigenhändig umbringen wollte und dessen allmorgendlicher Bericht über seine Peristaltik mich mehr als kaltlässt. Und es ist der Mann, von dem ich mich am liebsten hier und jetzt, gegen den Kleiderschrank gepresst, nehmen lassen würde. Ich hasse ihn, ich liebe ihn, ich hasse ihn, ich …

Es liegt nicht an ihm. Es liegt an mir. Bei Licht betrachtet hat er nichts getan, was meine Launenhaftigkeit rechtfertigen würde. Ist es denn so schwierig, mit mir zusammenzuleben? Okay, manchmal finde ich mich wirklich unausstehlich.

Er dreht mich zu sich um und schiebt seine Hand unter das Camisole. Aber er geht dabei zu heftig zu Werke. Einer der dünnen Träger reißt, ein dreieckiges Stück Seide klappt auf und entblößt eine meiner Brüste.

»Ach, Scheiße«, sagt er. »Sorry.«

Ich fühle einen wohl bekannten Ärger in mir aufsteigen – dazu braucht es dieser Tage nicht viel. Aber ich bin immer noch hin- und hergerissen – fast so wie mein brandneues Camisole.

Ich hasse dich, ich liebe dich, ich hasse dich …

Die Lust, die sich noch vor wenigen Sekunden auf seinem Gesicht abgezeichnet hat, ist einem Ausdruck von Furcht gewichen, während er darauf wartet, dass ich explodiere.

ich liebe dich, ich hasse dich, ich liebe dich, ich hasse dich, ich liebe dich.

»Kein Problem. Ich bringe das später wieder in Ordnung«, sage ich, und der Ausdruck von Furcht wandelt sich in Erschrecken. Wenn es etwas gibt, was erschreckender ist als mein Temperament, dann ist es meine Unberechenbarkeit. »Wo waren wir gerade stehen geblieben?«

»Musst du nicht ins Geschäft?«, fragt er vorsichtig.

»Warum? Wegen der fünf Kunden, die ich heute haben werde?«

Ich schiebe ihn energisch Richtung Bett.

Da klingelt das Telefon.

»Lass den Anrufbeantworter rangehen«, murmele ich gegen seine Brust gepresst.

Siobhan: ›Ali und Paul sind gerade telefonisch nicht erreichbar. Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht nach dem Signalton …‹ Piep.

»Hi, Ali, hier ist Siobhan. Wollte nur rasch anfragen, ob ihr beiden am Samstag nicht zum Abendessen zu uns kommen wollt? Ich weiß, das ist ein bisschen kurzfristig, aber wenn ihr Lust hättet, würden wir uns freuen. Ruf doch mal kurz zurück … Ich bin den ganzen Tag zu Hause … Okay, dann bis später. Bye!«

Ich lege wieder auf.

»Und? Kommen die beiden?«, ruft Dom aus der Küche.

»Keine Ahnung. Hab ihnen ’ne Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen.«

»Hoffentlich haben sie keine Zeit«, sagt er und erscheint im Wintergarten.

»Ach, hör doch auf. Du und Paul, ihr versteht euch doch bestens. Und Ali ist auch eine sehr liebe Frau.«

»Ja, aber …« Er sieht mich vielsagend an. »Und eine ziemlich launische Zicke, oder etwa nicht?«

Jetzt sehe ich ihn vielsagend an.

»Ich meine, gibt sie dir nicht auch ständig das Gefühl … dich irgendwie schuldig fühlen zu müssen?«, führt er weiter aus.

»Nein«, rufe ich empört aus. »Warum auch?« Wann immer ich lüge, ist Empörung das Mittel der Wahl.

»Ach, komm. Du und ich plus vier Kinder, und dann Ali und Paul plus nichts.«

»Sei nicht albern, Dom. Sie ist unglaublich stark. Was immer sie auch durchmacht, sie lebt ihr Leben, glaub mir. Das Letzte, was sie wollte, wäre, wenn wir sie mit Samthandschuhen anfassen und unsere Kinder vor ihr verstecken würden.«

»Schon, aber … Mir wäre es trotzdem lieber, wir würden die beiden in einem dieser Schickimicki-Restaurants treffen. Du weißt schon, in einem dieser Läden, wo man der Meinung ist, dass Kinder schädlich fürs Geschäft sind. So wie Ratten und Kakerlaken.«

»Und was sollen wir mit dem hier machen?« Ich nicke in Richtung Baby Josh, der an mich geklammert an meinem Hals hängt. Obwohl er noch sehr klein ist, würde ihn selbst der unaufmerksamste Restaurantbesitzer nie und nimmer mit einer Gucci-Handtasche verwechseln.

»Wer kommt denn sonst noch am Samstag?«, fragt Dom.

»Ich dachte, ich lade auch Kate und Marco ein.«

Bei der Erwähnung der beiden Namen zuckt mein Mann merklich zusammen.

»Was?« Wieder liegt Empörung in meiner Stimme.

»Nichts«, sagt er. »Ich frage mich nur, ob es eine so gute Idee ist, die Frau, die keine Kinder kriegen kann, neben die Frau zu setzen, die denkt, dass das Kinderkriegen einen nahezu irreversiblen Karriereknick bedeutet.«

»So schlimm ist Kate nun auch wieder nicht«, protestiere ich. »Sie hat ’ne Menge Stress zurzeit, weißt du. Ihr Job verlangt ihr ziemlich viel ab.«

»Und warum hängt sie ihn dann nicht an den Nagel?«

»Und wovon sollen die beiden dann leben? Etwa von Marcos Einkommen?«

»Ach ja, Marco. Er ist … irgendwie komisch, oder?«

Dem kann ich nicht widersprechen. »Aber er hat wunderschöne Augen«, erwidere ich.

»Die Augen eines Serienkillers«, sagt er, bevor er wieder zurück in die Küche zu Laura und Brendan geht, die offensichtlich gerade das Gratis-Spielzeug in der Cornflakespackung gefunden haben. Ich pfeife auf das Geschrei und rufe Kate an.

Marco: Das Telefon klingelt, doch ich ignoriere es.

»Marco, nimm mal ab«, schreit Kate aus dem Flur. »Ich bin schon ziemlich spät dran!«

Ich ignoriere auch sie.

»Marco!«

»Ich telefoniere gerade auf der anderen Leitung!«, gebe ich zurück. Ich schnappe mir das Geschäftstelefon von meinem Schreibtisch und presse es an mein Ohr – für alle Fälle.

»Christie … Christie!«, ruft Kate. »Das Telefon!«

Keine Antwort. Ich hab gehört, wie unser Kindermädchen vor ein paar Minuten mit Cameron das Haus verlassen hat. Aber das erzähle ich Kate nicht. Immerhin telefoniere ich ja gerade auf der anderen Leitung … Ich höre, wie ihre Absätze verärgert über die Fliesen klackern. Ich höre ihr kurz angebundenes »Hallo?«, als sie den Anruf entgegennimmt. Und dann: »Siobhan, hallo. Sorry, bin gerade auf dem Sprung. Wie immer … Nein, kein Problem, ein paar Minuten Zeit hab ich noch … Dinner am Samstagabend? Diesen Samstagabend …?«

Ich zucke zusammen. Dinner bei Siobhan. Das bedeutet auch Dinner bei Dominic. Dom ist Standup-Comedian. Hat vor einigen Jahren sogar fast mal einen Preis in Edinburgh gewonnen. Ich war noch nie bei einem seiner Auftritte, aber ich habe gehört, er soll recht witzig sein. Andererseits war er noch nie sonderlich witzig, wenn ich ihn getroffen habe. Er meint, das liege daran, dass er dann außer Dienst sei. Er meint auch, ein Erdkundelehrer würde seiner Familie nach dem Unterricht schließlich auch nicht einen Vortrag über den Ostafrikanischen Grabenbruch halten. Eigentlich ein nicht unkomischer Vergleich, mit dem er sich meiner Meinung nach aber selbst in den Fuß geschossen hat.

Der langen Rede kurzer Sinn: Ich fühle mich in Dominics Gesellschaft einfach nicht wohl. Obwohl er kein bisschen witzig ist, wann immer ich ihn treffe, weiß ich, dass er es ist. Das Problem dabei ist, dass ich es nicht bin – ich habe nicht den geringsten Sinn für Humor. Und bevor ich dann irgendwas unglaublich Peinliches, unglaublich Unwitziges sage, sage ich lieber gar nichts. Was dazu führt, dass Kate mich vorwurfsvoll anstarrt. Was wiederum dazu führt, dass ich mich noch unwohler fühle. Was dazu führt, dass Kate mich noch vorwurfsvoller anstarrt, und so weiter.

»… Ja, wir kommen gern«, sagt Kate. »Acht Uhr, prima. Soll ich was mitbringen …? Gut, also nur was zu trinken … Ja, wir freuen uns auch … Bye.«

Sie beendet das Gespräch, und ich beginne, in mein Telefon zu sprechen: »Okay … Ja, gut … In ein paar Tagen, schätze ich …« Ich hebe eine Hand, als Kate um die Ecke meines Arbeitszimmers lugt. »… mailen Sie mir doch einfach die JPGs, und ich rufe Sie dann zurück … Prima, bis später. Bye.« Ich lege mein Telefon auf den Tisch.

»Das war Siobhan«, verkündet Kate. »Hat uns für Samstagabend eingeladen.«

»Oh«, sage ich.

»Ist doch okay, oder?«

»Tja, ich –«

»Also ich muss mich jetzt sputen. Bin ziemlich spät dran. Mit wem hast du eigentlich telefoniert?«

»Ach, nur mit einem Kun …«

Doch sie ist schon weg. Hinaus zur Vordertür. Ich schaue aus dem Fenster und sehe, wie sie über die Auffahrt eilt und dabei die Funkschlüssel ihres Autos schüttelt. Sehe, wie sie ihre Aktentasche auf den Beifahrersitz wirft, den Wagen anlässt und verschwindet.

Ich entspanne mich.

Kate trägt heute einen kreidegrauen Anzug – Hose und Jackett in klassisch geradem Schnitt – zu schwarzen Schuhen. Eine beängstigende Kombination, wenn Sie mich fragen, obwohl ich glaube, dass sie dieses Outfit gewählt hat, weil sie diejenige ist, die Angst hat. Ich verstehe Kate nicht. Ich verfüge nur über wenige Anhaltspunkte, die dazu angetan wären, ihre Persönlichkeit zu beleuchten. Eigentlich nur über diesen einen: diese Power-Dressing-Sache. Ich weiß, sie trifft heute Morgen die Partner ihrer Kanzlei. Die halbe Nacht hat sie sich auf das Meeting vorbereitet. Während ich neben ihr lag. Und mich über sie geärgert habe.

Ich fahre meinen Computer hoch. Habe heute nicht viel zu tun. Nichts, um genau zu sein. Ich sollte ein paar Kunden anrufen und ein bisschen akquirieren. Sie wenigstens anmailen. Aber daraus wird vermutlich nichts. Das Hintergrundbild auf meinem Monitor ist ein Foto von Cameron und Kate. Es wurde am Strand aufgenommen. Die beiden lächeln, während sie im Sand liegen. Ein süßes Bild. Ich werde es dennoch austauschen. Ich sichte meinen Fotoordner, um meinem Bildschirm ein neues Design zu verpassen.

Endlich finde ich das Bild. Es zeigt den Eingang zu einem Geschäft. Aber ich kann sie durch die Fensterscheibe hindurch erkennen. Sie trägt einen lockeren grünen Pullover und einen weiten, bestickten Rock, der bis knapp unter die Knie reicht. Und sie wirkt kein bisschen beängstigend auf mich.

Es ist das Bild meines ganz persönlichen Himmels.

Ali: Ich erreiche den Laden zwanzig Minuten zu spät. Michele wartet schon, während sie in ihr Handy spricht. Neben ihr auf dem Bürgersteig liegen vier Zigarettenkippen. Als ich bei ihr bin, beendet sie ihr Telefonat und tritt die fünfte mit dem Schuh aus. Dennoch hüllt mich eine nikotingeschwängerte Dunstwolke ein. Nach unserem ersten Termin im Krankenhaus haben Paul und ich mit dem Rauchen aufgehört. »Ihre Chancen werden sich erheblich erhöhen, wenn Sie das Rauchen einstellen«, ließ uns der medizinische Berater wissen. Er hat sich geirrt. Trotzdem haben wir nicht wieder damit angefangen. Und doch liebe ich den Geruch einer qualmenden Zigarette. Aus nostalgischen Gründen, wie ich vermute. So wie ich noch immer den Geruch von Moschus mag. Ich war vierzehn, als ich mit dem Rauchen anfing. Gleichzeitig habe ich begonnen, mich mit Moschus förmlich zu übergießen. Meine Teenagerjahre waren die besten meines Lebens (in meiner Erinnerung daran verblassen sowohl die explosionsartige Akne als auch der lähmende Minderwertigkeitskomplex und der Siebenjährige Krieg mit meiner Mutter), und ich liebe es, wenn mich ein bestimmter Duft oder ein Song wieder in diese Zeit zurückversetzen. Ich frage mich, woran sich Michele erinnern wird, wenn sie mal in meinem Alter ist. Neben Zigarettenqualm riecht sie zumeist nach McDonald’s-Fritten und Hugo Boss. Okay, das beantwortet meine Frage.

»Tut mir leid, dass ich so spät komme«, sage ich. »Bist wahrscheinlich schon total durchgefroren.«

»Nein, mir geht’s gut«, sagt sie fröhlich. »Was war denn los?«

»Oh … Paul hat … hatte seine Autoschlüssel verschlampt. Musste ihm helfen, sie zu suchen.«

Das beschreibt keineswegs, nicht mal ansatzweise den Sex, den wir hatten. Der gut war, ja, dafür, dass es eine ungeplante Nummer war, grandios. Doch während ich mich noch im Post-Orgasmusrausch räkelte, fragte ich mich auch dieses Mal, was ich mich danach immer frage: Hat er? Hat er mich diesmal wohl geschwängert? Die kleine idiotische, rosarote Seifenblase zerplatzte, als ich mein ruiniertes Camisole auf dem Boden erblickte. Dieser ungeschickte Trottel. Warum konnte er nicht besser aufpassen? Okay, so einen Träger kann man wieder annähen, aber … Er kann manchmal einfach so tierisch nerven. Ich wollte ihn deswegen ein bisschen zusammenstauchen, aber er stand schon unter der Dusche und sang. Und als er zurück ins Schlafzimmer kam, hatte ich mich wieder beruhigt. Und dann haben wir’s wieder getan. Er hat mich einfach über die Frisierkommode gelegt und mir das Ding hart in den Arsch gerammt …

Ha, ha, ich weiß, Sie würden einiges darum geben, jetzt eine ausführliche Schilderung von Sexpraktiken zu erhalten, neben der sich Die 120 Tage von Sodom lesen wie ein Kinderbuch. Glauben Sie mir, ich auch. Denn was Paul mir in den Hintern gerammt hat, war eine Nadel. Eine Spritze, um genau zu sein. Eine Spritze, die Clomifen in Salzlösung enthielt. Falls Sie sich jetzt wundern: Clomifen ist ein ovulationsauslösendes Mittel. Das heißt, die Eierstöcke werden nach der Verabreichung dazu angeregt, viele, viele kleine Eizellen zur Reifung zu bringen.

Sie sehen, ich bin weit entfernt vom hemmungslosen Sex-Luder. Bin vielmehr eine ausgemachte In-vitro-Schlampe.

Tatsächlich hat die IVF in den letzten fünf Jahren mein Leben bestimmt. Und Pauls natürlich auch, so fair muss man sein. Das wäre dann unser wievielter Versuch? Ehrlich, ich hab aufgehört zu zählen. Jedenfalls haben wir unendlich viele Anläufe unternommen. Und jedes Mal stirbt die Hoffnung ein bisschen mehr. Blauäugiger Optimismus verwandelt sich über Realismus zu Zynismus hin zu Verbitterung. Der Prozess geht so schleichend vonstatten, dass man es gar nicht richtig bemerkt.

Wenn man sich ins Zeug legt, kann man sich alle drei Monate einer IVF-Behandlung unterziehen. Paul und ich haben uns allerdings schon eine ganze Weile nicht mehr ins Zeug gelegt. Uns geht allmählich die Puste aus. Um genau zu sein, mir. Paul fügt sich einfach meinen Wünschen, was sehr lieb von ihm ist, auf Dauer aber auch ganz schön nerven kann. Manchmal sehne ich mich danach, dass er sich einfach mal zu mir setzt und mir ruhig, aber bestimmt sagt, wie er sich dabei fühlt. Aber nein, wann immer der Versuch, ein Baby zu machen, ansteht, ergreife ich die Initiative. Um ehrlich zu sein, ich weiß nicht, wie lange ich das noch durchhalte. Ich möchte einfach nur noch, dass es aufhört. Dass die Verbitterung endlich so etwas wie einer unwiderruflichen Resignation weicht.

Vielleicht wäre ich dann auch nicht mehr so launisch. Traurig vielleicht, aber um Gottes willen bitte nicht mehr so launisch.

»Lauf mal rüber ins Starbucks und hol uns was zum Frühstück«, sage ich und drücke Michele einen Zehner in die Hand. Dann fische ich die Schlüssel aus meiner Handtasche und schließe den Laden auf.

Meinen Laden. Den Himmel. Ja, so heißt er.

Ich wollte ein Kind, aber als nichts daraus wurde, habe ich mir stattdessen diesen Laden angeschafft. Früher war hier mal ein Café. Wo man Gewürzbrot-Männlein mit Augen aus Smarties kaufen konnte, und in dem sich eine Ecke mit Spielsachen für Kleinkinder befand. N10 ist ein Mütter-Viertel, müssen Sie wissen, und der Vorbesitzer kannte seine Pappenheimer nur zu gut. Als er den Shop dann an mich verkaufte, waren die Muttis aus der Gegend ziemlich aufgebracht. Die haben sich benommen wie Junkies, die man aus ihrem Crack-Hausflur vertrieben hat. Und während ich den Laden auf Vordermann brachte, beobachteten mich die Muttis argwöhnisch, während sie draußen ihre Kinderwagen vorbeischoben. Nach der Eröffnung beruhigten sich die Gemüter dann wieder ein wenig. Immerhin habe ich auch Crack für Muttis im Angebot: Kerzen, Badeöl und bestickte Geldbörsen, ledergebundene Notizbücher, handgefertigten Schmuck und bisweilen auch Dessous … Mein Laden ist wunderschön. Himmlisch im wahrsten Sinne des Wortes. Im Grunde ist es ein Shop nur für mich. Ich bin jemand, der – wenn er nicht bekommt, was er will – findet, dass ein überteuertes Schaumbad den Schmerz darüber durchaus zu lindern vermag. Und ich erkannte, dass ich nicht die einzige Frau bin, die so denkt. Nicht notwendigerweise nur Frauen, die keine Kinder bekommen können, sondern auch solche, die eines schnellen, vorzugsweise wohl riechenden Trostes bedürfen, wann immer das Leben es nicht so gut mit ihnen meint. Und ich hatte Recht. Der Himmel entpuppte sich als voller Erfolg, Gott sei Dank. Obwohl es in letzter Zeit beängstigend leer hier ist. Nur eine kleine Flaute, wie ich hoffe, bevor der Vor-Weihnachts-Wahnsinn losbricht.

Während ich die elektronische Kasse in Betrieb nehme, erscheint Michele mit Kaffee und Gebäck. Ich schnappe mir die Brötchentüte und tauche förmlich darin ein. Hab ich einen Hunger! Keine Ahnung, warum. Ich hatte ja eigentlich schon zu Hause gefrühstückt. Liegt vermutlich am Sex. Ich beiße in mein buttriges Croissant und drücke Michele fest an mich.

»Warum denn das?«, japst sie und macht einen kleinen Schritt zurück.

»Nur ein kleines Dankeschön – für die Croissants«, erkläre ich. Ich kann ihr ja schlecht erzählen, dass ich noch eine nostalgische Nase voll abgestandenem Zigarettenqualm brauchte.

Michele: Ich begreife sie nicht. Als sie heute zu spät kam, hätte ich wetten können, dass sie ’ne scheiß Laune hat. Dass sie ’nen Riesenstreit mit Paul hatte oder so. Und als sie dann kam und mich rauchen sah, dachte ich nur: verdammter Mist! Sie hasst es, wenn ich rauche, und dann diese Blicke, die sie mir deswegen immer zuwirft. Wenn ich mal für ’ne Zigarette vor die Tür gehe, stelle ich mich immer so, dass sie mich nicht sehen kann. Und jetzt diese Umarmung. Für ein Croissant. Das sie bezahlt hat. Mann, ich kapiere es einfach nicht.

»Mit wem hast du denn telefoniert, als ich kam?«, fragt sie mich.

»Nur mit Nikki«, sage ich.

»Wie geht’s ihr denn?«

Das klingt jetzt erst mal ziemlich neugierig, oder? Ali erkundigt sich immer nach meinen Freundinnen, obwohl sie die meisten von ihnen nicht mal kennt, aber mir ist’s egal. Vielleicht ist sie ja einfach nur interessiert an meinem Leben. Ich finde das ziemlich nett von ihr. Ich meine, sie ist ja schon über vierzig oder so und verglichen mit mir ’ne gestandene Frau, also warum sollte sie sich für mich interessieren?

»Na ja, die meckert an allem und jedem rum wie immer«, sage ich ihr. »Dauernd erzählt sie mir, dass sie keine Zeit mehr für sich hat, dass sie zu wenig Schlaf kriegt, das übliche Blablabla. Wenn man sie so hört, könnte man fast glauben, sie wäre die erste Frau, die je ein Kind gekriegt hat, und dabei war’s sogar ihre freie Entscheidung …« Erschrocken halte ich inne. Mist, hab ich’s jetzt verbockt, oder was? Wie blöd von mir. Warum musste ich diese Baby-Sache überhaupt erwähnen? Ali versucht’s ja schon seit Jahren. Und dann wird Nikki schwanger nach nur einer Nummer oder so, und alles, was sie den lieben langen Tag tut, ist jammern. Und ich blöde Kuh muss Ali das auch noch auf die Nase binden. Jetzt wird sie den ganzen Tag über wieder ’ne scheiß Laune haben, und ich dumme Nuss hab’s auch wirklich nicht besser verdient.

Sie isst ihr Croissant und schaut mich an. Ich versuche zu lächeln, aber irgendwie krieg ich’s nicht hin. Und dann sagt sie: »Wenn sie so genervt ist, richte ihr doch aus, dass ich ihr das Baby abkaufe. Für achttausend Mäuse sind wir im Geschäft – das ist der Preis für zwei IVF-Behandlungen.«

Ich hab ’nen Kloß im Hals und schweige.

»War nur ein Witz«, sagt sie. Und dann lächelt sie, und ich denke, es ist ein ehrlich gemeintes Lächeln. »Tut mir leid für Nikki«, fährt sie fort. »Niemand sollte in ihrem Alter schon mit einem Baby belastet sein. Das ist doch nicht fair, oder? Diejenigen, die keins wollen, kriegen eins aufgebürdet, und die, die sich nichts sehnlicher wünschen, warten vergeblich. Mutter Natur, wie? Um ehrlich zu sein, ich glaube, Mutter Natur ist ein niederträchtiges altes Aas.«

Sie lächelt immer noch, aber das kann sich jeden Moment ändern. Ich weiß, wovon ich rede. Nervös sehe ich zu, wie sie ihr Croissant zu Ende isst. Dann sagt sie: »Kannst du noch mal rasch rübergehen und mir noch eins holen? Eins mit Schokoladenfüllung? Ich bin fast am Verhungern. Keine Ahnung, was heute in mich gefahren ist.«

Ich weiß es auch nicht. Aber als ich schon fast aus der Tür raus bin, ruft sie hinter mir her: »Und wenn dein Stalker wieder da ist, sag ihm, er soll herkommen und was kaufen. Wir brauchen Umsatz.«

Das ist nicht mein Stalker, sondern ihrer. Da bin ich mir ganz sicher. Sie passen zusammen. Er ist ein Freak. Und wenn er tatsächlich wieder im Starbucks sitzt, werde ich den Teufel tun und mit ihm sprechen. Sie hat das sowieso nicht ernst gemeint, oder doch? Wer weiß, sie ist schon irgendwie komisch drauf heute.

Ich kaufe das Schokocroissant und setze mich draußen an einen der Tische. Es ist der Platz, an dem der Stalker immer sitzt. Ich will Nikki ’ne SMS schicken. Hab irgendwie ein schlechtes Gewissen. War vorhin am Telefon ein bisschen pampig zu ihr, und als Ali eben meinte, dass sie ihr leidtut, da hab ich mich mies gefühlt. Klar, ihr Gejammer nervt, aber leid tut sie mir eben auch. Seit Lulu auf der Welt ist, war Nikki nicht mehr aus. Seit drei Monaten also. Ich schreibe ihr ’ne SMS und sage ihr, dass wir heute Abend was zusammen unternehmen werden. Und dass ich meine Mum frage, ob sie so lange auf Lulu aufpasst. Mum wird das bestimmt gern machen. Denke ich.

Arme Nikki. Da wird sie gleich so mir nix, dir nix schwanger. Wie blöde. Okay, ich war auch schon ziemlich oft blöde in diesem Punkt, aber ich hatte Glück, nehme ich an. Doch wenn mir so was mal passieren würde, ich würd’s auf keinen Fall behalten. Na ja, bei diesem Thema muss ich vorsichtig sein. Kann ja schlecht was über Abtreibung in die Welt hinausposaunen, oder? Wenigstens nicht in Anwesenheit von Ali … wenn Sie verstehen.

Nikki schickt mir sofort ’ne SMS zurück. KANN HEUT ABEND NICHT. LU IST ERKÄLTET. Was ist los mit ihr? Ich meine nicht mit Lulu, das weiß ich ja jetzt. Ich meine Nikki. Da gibt man ihr ’ne Chance für ’ne kleine Auszeit, und sie stößt einen so vor den Kopf. Ist übrigens nicht das erste Mal, dass so was passiert. Bekloppte Kuh. Trotzdem tut sie mir immer noch leid. Werd ihr ein kleines Geschenk kaufen, um ihr ’ne Freude zu machen. Das bring ich ihr dann später vorbei. Vielleicht eins von diesen Portemonnaies, die wir gestern reingekriegt haben. Süße kleine Dinger mit flauschigen rosa Federn.

Der Himmel ist voll mit tollen Sachen. Irgendwie ’ne kleine Entschädigung dafür, dass ich ’nen richtigen Schizo-Boss hab. Aber ich mag Ali, damit man mich jetzt nicht missversteht. Sie hat mir vor sechs Monaten praktisch das Leben gerettet. Da hatte ich gerade ihren Laden entdeckt. Diese ganzen tollen Sachen. So was hatte ich vorher noch nie gesehen. Wo ich wohne, gibt’s nur Ramschläden und Grillbuden. Ist mir peinlich, das zuzugeben, aber ich hatte vor, in Alis Laden was mitgehen zu lassen. Diese grünen Lederhandschuhe, um genau zu sein. Wollte sie meiner Bewährungshelferin schenken. Die hatte sich für mich nämlich richtig den Arsch aufgerissen, und ich wollte mich dafür bedanken. Ich hab Ali durchs Schaufenster gesehen. Sie war allein im Laden, weshalb ich die Handschuhe nicht so ohne Weiteres einstecken konnte. Und dann sah ich das kleine Schild: »Aushilfe gesucht« und dachte, wow, in so einem Laden würd ich wirklich gern arbeiten.

Ich dachte nicht, dass sie mich nehmen würde, wenn ich ehrlich bin. Ich dachte, die will bestimmt jemanden mit besten Zeugnissen. Aber dann war sie richtig nett zu mir. Sie hat mir ’ne Chance gegeben in ’ner Zeit, wo das nicht allzu viele Leute getan hätten, und das rechne ich ihr hoch an. Spitzenmäßig, mein erster richtiger Job! Meine Bewährungshelferin ist fast ausgeflippt vor Freude. Ich denke, über die Handschuhe hätte sie sich nicht halb so sehr gefreut.

Mein Handy klingelt. Auf dem Display steht »Ali«. Ich sehe auf. Ich kann sie neben dem Ständer mit den handgemalten Grußkarten stehen und mit den Händen fuchteln sehen. Ich gehe ans Telefon. »Sorry, hab nur rasch eine geraucht«, sage ich ihr.

»Kein Problem, aber jetzt beeil dich, sonst fress ich gleich diese Taube da auf.«

Ich sehe sie. Ein ziemlich abgemagertes Vieh, das gerade auf eines der geparkten Autos scheißt. Ein funkelndes Cabrio. Ich weiß nur zu gut, woher Tauben kommen. »Bitte iss sie nicht«, sage ich. »Bin schon unterwegs.«

Ich trete meine Fluppe aus, stehe auf und stoße direkt mit ihm zusammen.

»Haste ’n bisschen Kleingeld übrig, Süße?«, fragt er.

Ich hab zwar noch das Wechselgeld von Alis Zehner in der Tasche, aber das kann ich ihm nicht geben. »Sorry, nein«, sage ich und biete ihm stattdessen ’ne Zigarette an. Er nimmt sich gleich zwei, steckt sich eine in den Mund und die andere hinters Ohr. Sagt nicht mal danke, der Penner. Ich sehe ihn davonschlurfen auf der Suche nach anderen, die er anbetteln kann. Er tut mir leid, eigentlich. Sehe ihn oft hier rumlungern, was irgendwie komisch ist. Obdachlose findet man in dieser Gegend eigentlich eher selten. Ali steht jetzt direkt hinterm Schaufenster und kratzt verzweifelt mit ihren Fingernägeln übers Glas, als ob sie kurz vorm Verhungern wäre. Besser, ich beeil mich.

Er heißt Steve: Was für ’ne geizige alte Schlampe. Klar, hatte die Geld dabei. Hab’s doch in ihrer Tasche klimpern hören. Stattdessen nur zwei erbärmliche Kippen. Und dann dieser miese Blick, den sie mir zugeworfen hat. Mit welchem Recht wirft sie mir diesen miesen Blick zu? Und was zum Teufel ist sie eigentlich? Schwarz? Weiß? Die sollte sich mal entscheiden. Diese Mischlinge sind sowieso die Schlimmsten. Keine Sau will sie. Ah, da kommt schon die Nächste. ’ne junge Weiße diesmal, mit Kinderwagen.

»Haste ’n bisschen Kleingeld übrig, Süße?«

Keine Reaktion. Hast wohl die Schnauze voll davon, ständig von Typen wie mir angelabert zu werden, was? Hey, was glaubst du, wie leid ich es bin, diesen scheiß Spruch immer und immer wieder runterrasseln zu müssen? Ist halt ein verdammter Job wie jeder andere auch. Immer der gleiche Scheiß. Muss man durch, ob man will oder nicht.

Sie hört mich nicht. Der kleine Scheißer im Kinderwagen schreit. Ich frag noch mal, lauter diesmal: »Haste ’n bisschen Kleingeld für mich?« Das Balg schreit sich die Seele aus’m Leib. Wie’s scheint, hat die Tussi gerade ’nen Riesenstress. Und ihre Handtasche steht offen. Jetzt sieh sich das mal einer an! Das Portemonnaie liegt direkt oben. Diese Dumpfbacke hat’s wirklich nicht besser verdient. Also los, an die Arbeit. Und schwupps ist das Ding in meiner Tasche. Jetzt nichts wie weg. Schnell, aber nicht hetzen. Blick nach unten. Weiter bis um die Ecke. Blick über die Schulter. Jemand hinter mir her? Natürlich nicht. Kann das Balg selbst hier noch kreischen hören. Verdammte Scheiße, das war ja einfach.

So, mal nachsehen, was sie so dabeihatte. Jackpot! Ich glaub’s nicht. Was haben wir denn hier? ’nen Hunderter. Und noch ’nen Fünfziger! Was macht ’n Gör wie die bloß mit so viel Geld? Hm, was hat sie denn noch so dabei gehabt? Fotos, Kreditkarten. Die Karten kann ich losschlagen und dabei noch ein bisschen Extra-Geld machen. Okay, Kreditkarten in die Tasche, Geld in die Hand, Portemonnaie in den Abfall. Jetzt kann ich mir endlich ’n paar neue Schuhe kaufen. Meine alten haben’s so langsam hinter sich. Aber erst mal in den Schnapsladen. Normalerweise schmeißen die mich da immer gleich wieder raus, aber ich denke, auf  ’nen Zwanziger werden die auch nicht spucken.

Christie: Dreijährige sind ja so was von ätzend. Ich hasse sie. Und ich hasse diese Idioten, die mir mitleidige oder gar boshafte Blicke zuwerfen. Hey, das Balg gehört mir nicht, kapiert? Beschwert euch bei den Eltern. Ich arbeite nur für die.

Er schreit immer noch, und jetzt fängt’s auch noch an zu regnen.

»Cameron, was hast du denn?« Ich ziehe das Plastikverdeck über den Buggy. »Sag doch mal, was ist denn los?«

Blöde Frage. Er ist erst drei, das ist los! Mehr braucht er nicht, um völlig durchzudrehen. Sein Gesicht ist puterrot, sein Körper hart wie ein Brett, und dann macht er auch noch diese Geräusche. Diese kleinen Japser und Röchler, die bedeuten, dass er sich jeden Moment verschlucken und seine winzigen Eingeweide auskotzen wird. Inzwischen schüttet es wie aus Eimern. Ich löse Camerons Haltegurt, hole ihn aus dem Buggy und nehme ihn auf den Arm. Er schreit noch immer, doch ich wiege ihn ein bisschen, während ich mit der freien Hand die Pakete von der Reinigung und die Einkaufstüten von Marks & Spencer in den Kinderwagen schmeiße. Ich lege einen Zahn zu und renne zum Auto. Auto ist eigentlich untertrieben, das Ding ist eher ein Panzer, der am Ende des Broadway parkt.

Auf dem Weg hört Cameron zu schreien auf. So schnell, wie er damit angefangen hat, ist es auch wieder vorbei. Jetzt lacht er. Er mag es, wenn ich renne, und plötzlich gluckst er vor Freude. Trotzdem werde ich nass bis auf die Knochen, meine Beine tun weh, und der Buggy droht jeden Moment umzukippen. Dann würden meine Einkäufe und die Sachen aus der Reinigung im Dreck liegen. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich so eine Wut auf Cameron habe. Denn eigentlich hasse ich ihn gar nicht. Nicht im Moment jedenfalls, wo er wieder lieb ist.

Aber irgendwie ist der Kleine schon etwas … schwierig. Nett ausgedrückt. Als ich mich für den Job beworben habe, war er nicht so. Nehme an, seine Mutter hatte ihn mit Kinder-Valium ruhiggestellt, bevor ich kam. Und ich vermute, sie hat sich selbst auch ein paar verabreicht, weil sie an diesem Tag ausgesprochen ruhig und entspannt wirkte.

Denn in Wahrheit ist Kate Lister alles andere als entspannt. Gleich am ersten Arbeitstag hab ich auch die Kameras entdeckt. Eine in Camerons Schlafzimmer, eine im Spielzimmer und eine im Wohnzimmer. Die Dinger sehen auf den ersten Blick so aus wie diese Infrarot-Warnmelder von Alarmanlagen. Aber ich bin ein Kindermädchen mit Erfahrung und wusste gleich, was los war. Ich und Cameron waren die Darsteller in Kates ganz privater Reality-TV-Show. Eine falsche Bewegung, und das war’s dann mit dem Job.

Ja, klar, sie hat das bloß gemacht, weil sie nur das Beste für ihren kleinen Jungen wollte. Ich war die Fremde. Hätte meine ausgezeichneten Referenzen ja auch gefälscht haben können. Sie wollte nur sichergehen, dass ich ihn nicht in seinem Bettchen festbinde oder ihn mit verbotenen Süßigkeiten füttere. Und doch ergibt das alles keinen Sinn. Immerhin ist Marco doch den ganzen Tag zu Hause. Könnte er nicht ein Auge auf seinen Sohn haben?

Gerade kommt mir ein Gedanke. Vielleicht hat sie das Überwachungssystem ja installiert, um ihrem Mann nachzuspionieren? Wer weiß. Marco ist schon ein bisschen … merkwürdig. Und das ist noch nett ausgedrückt.

Wie dem auch sei, die Kameras sind inzwischen wieder verschwunden. Hab den Test wohl bestanden. Und so eine Art von Überwachung ist ja auch nicht gerade billig. Kate hätte das System nicht länger als nötig im Einsatz gehalten. Wenn’s um Geld geht, ist sie sehr … vorsichtig. Nett ausgedrückt.

Endlich hab ich den Panzer erreicht. Ein riesiger schwarzer Mercedes ML500 SE. Geländewagen erinnern mich immer an meine Heimat. Endlose Fahrten durch die Wildnis – ursprüngliche Landschaften, tödliche Schlangen, gefährliche Krokodile. Daheim in Australien sind solche Autos ziemlich nützlich und auch ziemlich weit verbreitet. Genau wie in Nordlondon. Allerdings trifft man hier kaum Krokodile an. Aber die Karre ist weiß Gott kein Grund, sich zu beschweren. Ich bin einundzwanzig Jahre und darf einen 50000 Pfund teuren Mercedes fahren, was will man mehr.

Ich setze Cameron in seinen Kindersitz, lade die Einkäufe in den Kofferraum und klappe den Buggy zusammen. Da höre ich sie rufen, und mein Herz sinkt.

»Christie! Christie, warte mal!«

Ich drehe mich um und sehe Tanya, die auf mich zuläuft. Ihr offener Mantel flattert im Wind, und Harley in seinem Buggy ohne Verdeck schreit wie am Spieß. Bin offensichtlich nicht die Einzige, die vom Wetter überrascht worden ist.

»Gut, dass ich dich treffe«, sagt sie, als sie bei mir angekommen ist. »Könntest du uns wohl ein Stück mitnehmen?«

Am liebsten würde ich sie zur Hölle schicken. Zumindest jedoch zur nächsten Bushaltestelle.

»Klar«, sage ich stattdessen. »Pack Harley auf den Rücksitz, ich verstau derweil deinen Buggy.«

Keine Sorge, auch ein zweiter Buggy findet locker Platz in diesem Wagen. In einem Panzer wie diesem könnte man mühelos eine ganze Armee von Nannys, deren Schützlinge und sämtliche Kinderwagen unterbringen. Ich schließe den Kofferraum und klettere auf den Fahrersitz. Tanya sitzt schon auf dem Beifahrersitz und durchnässt die teuren Ledersitze.

»Wir waren auf dem Weg in den Park«, sagt sie. »Dachte eigentlich, heute wäre es sonnig. Ich hasse dieses verfickte Land und sein beschissenes Wetter!«

Ich werfe ihr einen tadelnden Blick zu. Wir sind an eine ordinäre Ausdrucksweise gewöhnt – immerhin sind wir Australierinnen. Aber doch bitte nicht vor den Kindern.

»Keine Panik«, meint Tanya. »Hab Harley trainiert, mich nicht bei Mutti zu verpetzen.«

Irgendwie ist Tanya heute Morgen ziemlich aufgedreht. »Das war echt ’ne tolle Nacht, Christie«, fährt sie fort. »Du hättest auch kommen sollen. Mir dröhnen immer noch die Ohren, Mann.«

Kann ich mir gut vorstellen.

»Wo seid ihr denn hingegangen?«, frage ich.

»Ins 93 Feet East. Du weißt schon, der Laden auf der Brick Lane. Hammergeile Musik! Und echt abgefahrenen Stoff hatten die da. War gerade rechtzeitig wieder zu Hause, um Harl seine Brekkies zu geben, nicht wahr, Harl?«

»Cool«, sage ich.

»Du hättest auch kommen sollen. Nächstes Mal, okay?«

»Okay«, sage ich.

»Cool«, sagt sie.

Wir wissen beide, dass das nie passieren wird. Aber gute Miene zum bösen Spiel zu machen ist im Fall von Tanya irgendwie einfacher, als aufrichtig zu sein. Ihre Szene ist nicht meine, Punkt. Tanya kam von Australien nach England und war auf der Suche nach irgendwas, das sie dann auch ziemlich schnell fand. Und was sie fand, war Australien. Und so hängt sie nach Feierabend ausschließlich mit anderen Aussies rum – Nannys, Barkeeper, Kellnerinnen, die üblichen Verdächtigen eben. Und die veranstalten hier genau das Gleiche, was sie schon zu Hause gemacht haben. Sich so oft es geht zuknallen, Party machen und nur gerade so viel arbeiten, dass man das auch in Zukunft tun kann. Und ich? Ich für meinen Teil hab noch nicht gefunden, wonach ich suche. Ich weiß nur, dass, wenn ich dasselbe gewollt hätte wie Tanya, ich mir die Überfahrt nach Europa hätte sparen und in Melbourne hätte bleiben können.

»Wow, jetzt sieh dir das mal an!«, ruft sie aus und starrt durch die Windschutzscheibe nach draußen, während ich mich mit dem Panzer in den Verkehr einfädle. Draußen schüttet es inzwischen wie aus Kübeln. Okay, das ist einigermaßen beeindruckend, aber für die zugekiffte Tanya scheint es auszusehen, als ob die Karre praktisch unter Wasser stünde. Wahrscheinlich sieht sie schon die ersten Fische am Fenster vorbeischwimmen.

Hinter mir fängt Cameron wieder an zu quengeln. Nicht lange, und er wird wieder hysterisch werden. Tanya nimmt eine Rolle Smarties und schüttelt sie in Richtung Harley. »Teil dir die mit dem kleinen Cam«, sagt sie zu ihrem Schützling und reicht ihm die Dose. Smarties stehen auf der verbotenen Liste – quasi das Vorschulequivalent zu dem Zeug, das Tanya sich letzte Nacht reingepfiffen hat. Aber wenn es hilft, die beiden ruhigzustellen, bis wir wieder zu Hause sind, will ich mich nicht beschweren.

Aus den Augenwinkeln sehe ich den Weinladen und trete auf die Bremse.

»Was ist denn los?«, japst Tanya, nachdem sie von ihrem Sicherheitsgurt wieder zurück in den Sitz katapultiert wurde.

»Kate will, dass ich Wein mitbringe«, erkläre ich ihr, während ich den Wagen einparke.

»Jetzt? Kann das nicht warten?«

»Ist ein Sonderangebot. Heute ist der letzte Tag.« Typisch Kate. Sie verdient weiß Gott nicht schlecht, und doch durchforstet sie die Zeitungen auf der Suche nach allen möglichen Schnäppchen. »Ich beeile mich«, sage ich, schnappe mir meine Tasche und springe aus dem Wagen. »Hab ein Auge auf die Politessen, okay?«

Ich haste über die Straße, vorbei an den Autos und Pfützen auf dem Bürgersteig und eile zum Laden. Im Eingang stoße ich mit einem Typen zusammen, der gerade mit einer Pulle Teacher’s herauskommt. Die Flasche entgleitet ihm, doch er fängt sie auf, als hinge sein Leben davon ab. »Mann, pass doch auf, du blöde –«

Er starrt mich böse an, und ich werfe ihm einen entschuldigenden Blick zu. Er wirkt wie ein Penner. Ich glaube, ich hab ihn schon mal hier in der Gegend gesehen. Frage mich, woher er wohl das Geld für den Scotch hat? Er drückt sich an mir vorbei. »Sorry …«, sage ich, doch meine Worte gehen im Regen unter.

Ich betrete den Laden und mache mich auf die Suche nach Kates Wein. Ah, da ist er ja. Ein Beaujolais für 7,99 Pfund die Flasche, der auf 3,42 heruntergesetzt wurde. Wie gewünscht nehme ich sechs Flaschen und trage sie zur Kasse. Der Verkäufer wickelt den Wein in Papier ein (das Kate aufheben und zum Einpacken von Geschenken verwenden wird). In meiner regennassen Tasche suche ich nach der Geldbörse. »Sonst noch was?«, fragt der Verkäufer. Ich schüttle den Kopf und suche immer noch nach meinem Portemonnaie. Das Display der Kasse zeigt 20,52 Pfund. Ich leere meine Tasche auf dem Tresen. Alles da: Hausschlüssel, iPod, Juicy Fruits, Lippenstift, Tempos, Kuli, Handy … aber kein Portemonnaie.

»Scheiße«, murmle ich.

Der Verkäufer sieht mich schweigend an.

»Fuck.« Diesmal nicht gemurmelt. Und dann: »Fuck, fuck, fuck.«

»Wollen Sie, dass ich den Wein für Sie zurücklege?«, fragt der Verkäufer. Er ist offenbar angepisst, dass er jetzt sechs Bögen Papier für nichts verschwendet hat.

»Sorry«, sage ich, während sich meine Gedanken überschlagen. Ich fege meine Sachen wieder zurück in die Tasche. Wo hab ich’s nur verloren? Hatte das Portemonnaie doch noch bei M&S … Hatte es auch noch in der Reinigung. Irgendwo auf dem Weg hierher muss es weggekommen sein. Mist, das ist ja wohl der schlimmste Wochenstart aller Zeiten. »Sorry«, wiederhole ich sinnloserweise und wende mich zum Gehen. An der Tür angekommen, sehe ich, dass der schlimmste Wochenstart aller Zeiten durchaus noch zu toppen ist. Eine männliche Politesse steht vor dem Mercedes und tippt das Kennzeichen in eine kleine Maschine. Aus Erfahrung weiß ich, dass es, sobald die erste Nummer eingegeben wurde, keinen Weg mehr zurück gibt. Trotzdem sprinte ich durch den Regen auf den Typen zu.

Als ich die andere Straßenseite erreicht habe, druckt er schon das Knöllchen aus und stopft es in einen Umschlag aus Plastikfolie.

»Bitte«, flehe ich. »Ich hab hier doch nur zwei Minuten geparkt. Nicht mal zwei Minuten …«

Der Hilfspolizist deutet wortlos auf das »Parken verboten«-Schild am Laternenpfahl.

»Bitte, haben Sie doch ein Einsehen. Ich hab gerade eben auch noch mein Portemonnaie verloren …«

Er zuckt die Achseln und schiebt das Ticket unter den Scheibenwischer. Dann dreht er sich um und sucht sich das nächste Opfer.

»Bastard«, rufe ich ihm hinterher. Er wendet sich nicht mal um. Ich reiße das Ticket von der Scheibe und steige ins Auto. Im Wageninnern boykottiert der hämmernde Sound von Kiss jeden Versuch, mal durchzuatmen. Mit geschlossenen Augen bewegt Tanya ihren Kopf ruckartig zum Beat. Ich sehe nach hinten. Cameron ist fast eingeschlafen. Muss wohl schon die ganze Zeit über ziemlich müde gewesen sein. Harley schmiert unterdessen eine bunte Masse aus halbgekauten Smarties in die Sitze. Das reicht. Ich haue mit der flachen Hand auf den Einschaltknopf des Radios, und Tanya erwacht aus ihrer Trance.

»Hi, bist aber schnell wieder zurück«, sagt sie. »Hast du den Alk gekriegt?«

Vorwurfsvoll werfe ich ihr das Knöllchen in den Schoß.

»Scheiße, hab ich was verpasst? Hab die Politesse gar nicht gesehen. War wohl ziemlich weggetreten. Mann, ich liebe diesen scheiß Song.« Sie starrt aus dem Fenster und entdeckt den Hilfspolizisten, der die Straße entlanggeht. »Scheiß Nigger«, schnaubt sie. »Wahrscheinlich aus Nigeria oder so. Die meisten von denen sind ziemlich … na, du weißt schon.«

»Du hättest während meiner Abwesenheit ein Auge drauf haben sollen, Tanya«, zische ich. »Du weißt doch, dass die das hier in der Gegend ziemlich eng sehen mit dem Falschparken.«

»Reg dich ab, Mann. Ist doch nicht dein Problem. Camerons Mami wird’s doch bezahlen. Du hast doch nur ihren Alk besorgen wollen.«

Ich schweige. Es ist sinnlos, ihr erklären zu wollen, dass Camerons verdammte Mutti das Knöllchen eben nicht bezahlen wird. Sie wird’s mir vom Lohn abziehen. Wie auch die 150 Pfund, die in meinem Portemonnaie waren. Das war nämlich ihr Geld – der ganze Rest vom Haushaltsgeld für diese Woche, um genau zu sein. Zum Glück hab ich’s vorher noch zum Supermarkt und zur Reinigung geschafft, sonst wäre der Schaden für mich untragbar geworden. Es ist auch nicht der Verlust des Geldes, der mich nervt. Oder dass die blöde Visa-Karte weg ist. Die war sowieso bis zum Anschlag überzogen. Nein, es ist wegen des Fotos, das hinter der Kreditkarte gesteckt hat: ich und mein Bruder, als er noch gesund und sonnengebräunt war. Ein halbes Jahr später war sein Körper dann mit Schwären übersät gewesen, und er wog nur noch 42 Kilo. Gesund und sonnengebräunt, so wollte ich meinen Bruder in Erinnerung behalten, doch nun kann ich es nicht mehr. Mein Gesicht ist nass, und es liegt nicht nur am Regen.

Ich starte den Wagen und lege den Gang ein. Beim Blick in den Rückspiegel sehe ich, wie der Hilfspolizist das Auto hinter mir aufschreibt. Ich hab große Lust, zurückzusetzen und ihm mit dem Panzer beide Beine zu brechen. Aber das wird mir Shaun auch nicht wieder zurückbringen, weshalb ich mich schweigend in den Verkehr einordne.

362: Irgendeine Entschuldigung haben sie ja immer. Ich hab doch nur für zwei Minuten hier geparkt. Ich hab doch nur hier angehalten, weil ich mich verfahren hab. Bitte, ich hab doch mein Portemonnaie verloren. Ich musste ganz dringend das Rezept für meine Mutter in der Apotheke einlösen. Sie hat’s mit dem Herzen, wissen Sie. Alle hier scheinen’s irgendwie mit dem Herzen zu haben! Diese Leute schrecken wirklich vor nichts zurück. Die junge Frau von eben hat mich sogar Bastard genannt. Sie kennt doch die Regeln. Und die sind ziemlich einfach. Und wenn jemand, der noch so jung ist wie sie, einen so teuren Mercedes fahren kann, dann dürfte sie eine kleine Strafe doch nicht sonderlich aus der Bahn werfen. Sind immer die in den teuersten Autos, die sich einen Scheiß um die Regeln scheren. Man hat mich schon Schlimmeres genannt als Bastard. Meistens kommt was Rassistisches – natürlich, und manchmal werden sie auch gewalttätig. Letztes Jahr hat einer mit ’nem Radkreuz nach mir geschlagen. Hätte mich ohne Weiteres töten können mit dem Ding. Der Mann fuhr ’nen nagelneuen 7er-BMW. Der hätte eigentlich geradewegs in den Knast wandern sollen, aber der Richter hatte ein Einsehen, weil der Mann rumgejammert hat, dass seine Firma den Bach runtergehen würde, wenn er ins Gefängnis käme. So kam er mit ’ner Geldstrafe davon. Der hätte mich ohne Weiteres töten können, und dann kauft er sich frei. Die britische Justiz, sage ich nur. Angeblich soll die ja weltberühmt sein, wie man so hört.

Ich gehe weiter den Broadway entlang. Wegen des Regens sind heute viele mit dem Auto unterwegs, und ich hab ’ne Menge Arbeit. Jaguar … Toyota … Ford … Ford … Skoda … Nissan … Vauxhall … Renault … Ford … Doch vor den Augen der Straßenverkehrsbehörde sind sie alle gleich.

Ich komme an einem Laden namens Himmel vorbei. Ich als Christ finde den Namen ziemlich geschmacklos und dumm. Soll so etwa der wahre Himmel aussehen? Werde ich mich nach meinem Tod zwischen Duftkerzen und paillettenbesetzten Handtaschen wiederfinden? Ich hoffe wirklich, er hat was Besseres im Angebot als das hier.

Ali: »Was dieser Hilfssheriff hier wohl sucht?«, murmele ich.

»Vielleicht ein kleines Täschchen für die ganzen Knöllchen?«, meint Michele.

»Wenn er nur reinkommen und eine kaufen würde.«

»Das wird schon wieder, Ali.«

»Meinst du?«

»Klar doch.«

Ich hoffe, sie hat Recht. Mit einer IVF für viertausend Pfund pro Behandlung muss der Laden einfach wieder ans Laufen kommen. Doch nein, das wird diesmal mein letzter Versuch. Ich hab mich endgültig dazu durchgerungen. Noch sieben Tage je eine Spritze, dann zwei Tage warten, bevor die Eizellen, die befruchtet wurden, wieder eingesetzt werden, und dann noch mal zehn Tage, bis ich dann feststelle, dass ich wieder nicht schwanger geworden bin. Noch neunzehn Tage also, und es ist endgültig vorbei. Ich werde niemals Mutter werden, und ich denke, es ist an der Zeit, dass ich mich damit abfinde.

»Er ist wieder da«, sagt Michele.

»Wer?«

»Dein Stalker.«

»Nein, dein Stalker, meine Liebe.«

»Egal. Jedenfalls sitzt er wieder an seinem kleinen Tisch. Und dabei regnet es in Strömen.«

Marco: Ich muss völlig verrückt sein. Nicht wegen des Wetters. Ich mag Regen. Mag das Geräusch, das er macht, wenn er auf die Kapuze meiner Jacke tropft. Nein, ich muss verrückt sein, weil ich immer wieder hierher zurückkomme. Nur um einen kurzen Blick auf jemanden zu werfen, mit dem ich doch nie reden werde. Hab schon mal daran gedacht, einfach in den Laden zu gehen und mich da ein wenig umzusehen. Oder sogar was zu kaufen, damit es nicht so auffällt. Ich könnte was für Kate aussuchen. Aber ich bin mir sicher, dass sie in diesem Fall sofort merken würde, was mit mir los ist. Wahrscheinlich würde ich eine Art unsichtbares Signal aussenden, das sie dann empfängt, und dann wäre die Situation ziemlich schnell ziemlich peinlich. Ich kenne mich doch.

Also bleibe ich hier sitzen und trinke meinen Kaffee. Hier fühle ich mich sicher. Bin nur ein Kunde. Und ich kann sie von hier aus sehen. Sie ist im Laden. Ganz hinten, weshalb ich sie nur undeutlich erkennen kann. Die andere ist vorn und füllt das Grußkarten-Karussell auf. Ich wünschte, die beiden würden die Plätze tauschen.

SAMSTAG

Marco: »Und bitte, überlasse nicht wieder mir die ganze Arbeit heute Abend«, sagt Kate.

»Was meinst du damit?«, frage ich.

»Ich meine, du wirst doch auch mal den Mund aufmachen und was sagen … bitte

Heute Abend trägt sie einen schwarzen Cashmere-Pullover, einen kurzen Jeansrock und hohe Absätze. Hohe Absätze sind bei Kate quasi Pflicht. Der Rock ist kurz, hatte ich das schon erwähnt? Sie hat hübsche Beine, aber … Wenn sie mich mal nach meiner Meinung fragen würde, würde ich ihr sagen, dass sie es in diesem Punkt ein bisschen übertreibt. Aber so ist Kate nun mal. 

Es war nicht immer so, müssen Sie wissen. Kate, die Druck macht, und ich … der sich immer weiter zurückzieht. Nein, es war weiß Gott nicht immer so. Es ist nur … Man wacht eines Morgens auf, und da ist sie … ihr neues Ich. Und man selbst hat sich auch verändert. Und dann fragt man sich, wann zum Teufel diese Verwandlung eigentlich vonstattengegangen ist.

»Du kennst mich doch, Kate«, sage ich. »Ich werde zahm sein wie ein Lämmchen.«

»Was sagtest du, Liebling?«, hakt sie nach. Ich muss die Antwort wohl hingenuschelt haben. Das mache ich oft. Sie wendet sich wieder ihrem Schminktisch zu und nimmt ihre Wimperntusche zur Hand. »Du bist ein wunderbarer Mann, Marco«, sagt sie, während sie sich auf das Verschönern ihrer Augen konzentriert. »Aber du musst schon den Mund aufmachen, wenn du willst, dass irgendjemand das auch bemerkt.«

Ich sitze auf der Bettkante. Sie sieht mich aus dem Spiegel an.

»Ich erwarte ja nicht, dass du Hof hältst. Nur dass du dich ein bisschen … na ja, ins Gespräch einbringst.«

»Ich –«

Ich unterbreche mich, weil Christie in der Schlafzimmertür aufgetaucht ist. »Ich denke, Cameron brütet irgendwas aus«, verkündet sie.

»Warum macht er das bloß immer?«, sagt Kate, und ich bemerke, wie sie sich verspannt. »Wann immer wir mal was unternehmen wollen, passiert so was. Was hat er denn jetzt schon wieder?«

»Er wirkt fiebrig«, erklärt Christie. »Wahrscheinlich hat er sich nur erkältet, aber ich denke, wir sollten ihn heute Abend nicht dem Babysitter überlassen. Ich meine, es ist ja das erste Mal, dass sie auf ihn aufpasst.«

Kate rammt das Mascara-Bürstchen zurück in die Hülse, als ob das alles die Schuld der Wimperntusche wäre.

Da fällt mir eine Lösung ein. »Ich könnte heute Abend bei ihm bleiben«, schlage ich vor.

Aus dramatisch geschwärzten Augen starrt Kate mich unheilvoll an.

Hätte mir denken können, dass ich damit nicht durchkommen würde.

»Kein Problem«, meint Christie. »Ich kann hierbleiben. Wollte sowieso nur ins Kino heute Abend.«

»Sind Sie sicher?«, fragt Kate.

»Ja, klar. Ich wollte mir diesen Film mit Charlize Theron ansehen, aber das kann ich jederzeit nachholen.«

»Ja also, wenn’s Ihnen nichts ausmacht, dann …«

Christie nickt.

»… danke, Christie. Ich mache das wieder gut.«

Es klingelt an der Tür.

»Das ist der Babysitter«, sagt Kate. »Marco, geh doch mal hin und sag ihr, dass wir sie nun doch nicht brauchen. Wenn sie rumzickt, gibt ihr einfach ’nen Fünfer. Aber nicht mehr. Ich gehe jetzt besser mal nach Cam sehen. So ein Mist. Ich wollte mir doch noch die Haare glätten.«

Christie: Marco geht nach unten, und Kate verschwindet in Camerons Zimmer. Normalerweise würde ich nicht so ohne Weiteres meinen Samstagabend opfern, aber ich hab immer noch ein schlechtes Gewissen wegen des verlorenen Geldes. Hab Kate nichts davon erzählt. Hab stattdessen meine Ersparnisse angegriffen, von denen die Listers jetzt seit letztem Montag leben. Wenn ich die Sache gestanden hätte, hätte ich das Geld ja auch aus eigener Tasche ersetzen müssen. Wozu also unnötig Stress heraufbeschwören.

Ich höre, wie Marco dem Babysitter eine Entschuldigung entgegennuschelt. Sie heißt Jenka und ist Tschechin. Normalerweise arbeitet sie auf der anderen Straßenseite bei einer Nachbarsfamilie. Wenigstens hatte sie es nicht weit. Was sie nicht davon abhalten wird, sich über Kate aufzuregen. Ich weiß, dass Jenka ihr Babysitter-Job gründlich zum Hals raushängt. Sie bleibt nur noch so lange in England, bis sie das Geld für ihre Nasen-OP zusammen hat. Dann fährt sie wieder zurück nach Hause. Offenbar kriegt sie die Operation da drüben deutlich billiger.

Cameron fängt an zu weinen, und Kate versucht, ihn zu beruhigen, aber sie klingt ungeduldig, und das Weinen wird lauter. Ich könnte eingreifen, ihn zur Ruhe bringen, aber ich bin ja außer Dienst – zumindest, bis die beiden weg sind. Ich gehe in die Küche und hole mir eine Cola. Der Kühlschrank ist riesig, und ich darf mich mehr oder weniger frei aus ihm bedienen. Davon abgesehen ist er diese Woche ohnehin auf meine Kosten gefüllt worden. Ich gebe ein bisschen Eis ins Glas und höre das Klimpern, höre, wie Camerons Weinen noch verzweifelter wird. Ob ich doch mal nach oben gehen soll?

Marco: Der Babysitter ist wieder weg, und ich schließe die Haustür. Sie hat’s eigentlich ganz gut aufgenommen. Nettes Mädchen. Allerdings hat sie ’ne riesige Nase. Man muss das Ding einfach anstarren, ob man will oder nicht. Hab ihr zehn Pfund gegeben. Ich bleibe eine Weile im Flur stehen und höre Cameron, der noch immer weint. Wenn Christie doch nur zu ihm raufgehen würde. Ich kann sie in der Küche stehen und ihre Cola trinken sehen, als ob sie das alles nichts anginge. Na ja, sie hat ja um diese Zeit auch schon frei. Ich warte noch ein bisschen im Flur und frage mich, was ich jetzt machen soll. Ich schaue auf die Uhr. Wir hätten schon längst weg sein sollen. Nicht, dass ich es nicht erwarten könnte aufzubrechen. Aber wenn wir allzu spät dort ankommen oder am Ende gar nicht hingehen, dann wird Kate das ganze Wochenende mies drauf sein. Vielleicht sogar länger.

Ich frage mich, was sie gerade macht. Nein, nicht Kate. Hab sie ja immer nur während der Arbeit beobachtet, doch selbst da wirkte sie rundum fürsorglich. Ich stelle sie mir im Kreise ihrer Kinder vor. Stelle mir vor, wie sie ihnen das Haar kämmt, ihnen Kakao kocht und Gutenacht-Geschichten vorliest …

Was sie wohl gerade macht?

Ali: Paul parkt unweit von Siobhans und Dominics Haus. Er stellt den Motor ab und sieht mich an. Ich lächle.

»Sicher, dass du es durchstehen wirst«, fragt er schließlich. Ich hab die Frage schon erwartet.

»Ja, warum denn nicht?«, schnappe ich, und ich weiß, er hat diese Antwort schon erwartet.

Warum um Himmels willen sollte ich nicht gern zum Abendessen bei meiner besten Freundin gehen wollen? Nur weil sie vier Kinder hat?

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