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Der neunte Buddha

Inhaltsübersicht

ERSTER TEIL

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Kalimpong

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ZWEITER TEIL

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DRITTER TEIL

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In der Mongolei

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Urga

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Hexham

»… zwanzig Jahrhunderte steinernen Schlafes Zum Alptraum erweckt vom Stoß einer schwankenden Wiege …«

W. B. Yeats, Das zweite Kommen

1

Hexham, England, Dezember 1920

In der Nacht war Schnee gefallen – silberweißes Sinnbild einer anderen Welt, einer Reinheit, wie sie in den Tiefen der Menschheit gescheitert und verlorengegangen war. Über Causey Hill lag eine Nebelbank wie ein gefrorenes Leichentuch. Das schräge, schwache Licht des Advents versank in der kalten Dämmerung, verlosch in Erwartung des Mysteriums, das kommen sollte. In Hütten und Palästen waren die Lichter der Weihnacht mit Frost geschmückt und von Ruß geschwärzt. Auf Dorfplätzen, über die sich Dunkelheit senkte, bildete sich Eis auf den neuerrichteten Gedenksteinen für die zehn Millionen Toten.

Nacht und das Warten auf sie, eine große, sich ungehindert ausbreitende Finsternis, die den ganzen Winter lang um die Wohnstätten heulen und raunen sollte, der schleichende Angriff des Mysteriums auf das verhärtete, verstummte Herz einer nicht erlösten und nicht verzeihenden Welt. Gott und die Erwartung der Ankunft Gottes. Der Herr über Licht und Schatten würde kommen wie immer, geboren in der Kälte des ausklingenden Jahres. Der Friedefürst würde herabsteigen in eine Welt, gerade erst erwacht aus dem Alptraum eines Gemetzels, in dem ganze Armeen von Unschuldigen den Tod gefunden hatten, eines Aderlasses, der selbst Herodes in den Schatten gestellt hätte. In eine Welt, gnadenloser als je zuvor.

In der anheimelnden, von Kerzen erleuchteten Kirche St. Mary’s strebte die Abendmesse ihrem Höhepunkt zu. Wegen des schlechten Wetters hatte man entschieden, für jene, die die Kirche am Morgen nicht hatten erreichen können, an diesem Tag eine zweite Messe abzuhalten. Im Halbdunkel entfaltete die uralte Liturgie ihr Mysterium. Das violette Gewand des Priesters am Altar verstärkte das Halbdunkel, seine Stimme steigerte noch die Stille. Den Kelch in der linken Hand, schlug er mit der rechten das Kreuz.

Benedixit, deditque discipulis suis, dicens: Accipite, et bibite ex eo omnes.

Er erhob den Kelch – Wein zum Blut Christi verwandelt.

Hic est enim Calix Sanguinis mei – Das ist der Kelch meines Blutes …

Christopher Wylam saß in der letzten Reihe der Kirchgänger, erhob sich und setzte sich mit ihnen, sprach gemeinsam mit ihnen die Antworten, betete den Rosenkranz und sog den Weihrauch ein. Sein Sohn William saß neben ihm, ahmte mit seinen kleinen Fingern die Bewegungen des Vaters nach und sprach die Antworten mit, wenn er sie wusste. William war zehn, wirkte aber älter, als ahnte er, was das Leben noch für ihn bereithalten sollte.

Der Vater war dem Sohn ein Rätsel. Bis vor vierzehn Monaten war Christopher für ihn kaum mehr als ein Name gewesen. William erinnerte sich an die Fotografien im Zimmer seiner Mutter in Carfax, dem Haus am Rande von Hexham, wo sie bei seiner Tante Harriet und deren Kindern Roger, Charles und Annabel wohnten. Den Mann auf den verblichenen Aufnahmen konnte er nie mit der Schattengestalt zusammenbringen, die seiner Mutter und ihm im Alter von drei Jahren traurig nachgewinkt hatte, als ihr Zug langsam aus dem Bahnhof von Delhi rollte.

Die Erinnerung an diese Stadt war nahezu verblasst. Nur manchmal tauchten Bilder auf wie aus einem Traum: eine alte Ayah – Kinderfrau –, die sich über ihn beugte und ihn leise in den Schlaf sang, ein Spielzeugelefant auf Rädern, den er an einer Schnur hinter sich her zog, oder das wallende weiße Moskitonetz über seinem Kinderbett in der Hitze der Nacht.

Christopher war nur in Williams Welt zurückgekehrt, um sie zu zerstören: ein Fremder in merkwürdiger Kleidung, der ihn für sich einforderte. Der Junge erinnerte sich gut an die hektische Betriebsamkeit, die seine Mutter entfaltete, als die Rückkehr des Vaters näher kam: wie sich ihre Wangen mit roten Flecken bedeckten, wie ihre eingefallenen Augen glänzten, wenn sie an seine bevorstehende Ankunft dachte. William hatte sich einen Soldaten vorgestellt, der endlich aus dem Krieg heimkehrte – in Uniform und mit Medaillen an der Brust, die in der Sonne blinkten. »Bye, Baby Bunting, Papa aus dem Haus zur Jagd ging«, hatte seine Mutter abends an seinem Bett gesungen, als er klein war, um dem vaterlosen Jungen die Angst vor der Dunkelheit zu vertreiben. »Bringt ein Hasenfellchen heim, hüllt Baby Bunting darin ein.« Aber dann hatte ihn ein stiller Mann in Zivilkleidung am Tor begrüßt, der keine Heldengeschichten erzählen konnte und keine Medaillen mitbrachte, die sein Sohn hätte putzen können.

William war tief enttäuscht. Und von seinen Cousins konnte er keinen Trost erwarten. Ihr Vater, Williams Onkel Adam, war drei Jahre zuvor an der Somme gefallen. Seine Fotografien mit einem schwarzen Trauerflor standen, für jedermann sichtbar, auf den Kaminsimsen überall im Haus. Seine Medaillen waren in der Diele auf Samtkissen ausgestellt, und links vom Altar in St. Mary’s hatte man sogar eine Gedenktafel für ihn angebracht.

Roger und Charles machten William das Leben zur Hölle. Sie spotteten über seinen Vater, der, so meinten sie, überhaupt kein Soldat gewesen war. Und wenn, dann hatte er bestimmt den ganzen Krieg an einem Schreibtisch in Indien verbracht. Das klang, als hätte er den Wehrdienst verweigert. Einmal legten sie William eine Gänsefeder mit dem handgeschriebenen Schild »Für deinen Vater« aufs Bett, wie es Feiglinge verdienen.

All das war für einen neunjährigen Jungen schon schwer genug. Aber kaum war der Vater zurück, da nahm seine Mutter den letzten Kampf gegen die Krankheit auf, die bereits seit achtzehn Monaten an ihr nagte. »Das Endstadium«, nannten es die Leute, wenn sie glaubten, William höre nicht zu. Und die Art, wie sie seinem Blick auswichen, sagte ihm, dass sie das Schlimmste befürchteten. In Erwartung von Christophers Rückkehr hatte die Mutter in den vergangenen sechs Monaten all ihre Kraft zusammengenommen. Er konnte es in ihren Augen lesen, wenn er zu ihr in das kalte Schlafzimmer ging – dieses heftige Verlangen, das sie antrieb und zugleich auszehrte.

Zwei Monate nach Christophers Ankunft, kurz vor Weihnachten, da alle Welt, festlich gestimmt, die Geburt neuen Lebens in einer alten Welt erwartete, schlief Williams Mutter friedlich ein.

Obwohl der Junge wusste, dass es ungerecht war, machte er seinen Vater für ihren Tod verantwortlich. Und Christopher selbst trug ein Schuldgefühl mit sich herum, das den Sohn nur in seinem unausgesprochenen Vorwurf bestärkte. Die Wahrheit war, dass er mit dem Jungen nicht zurechtkam und mit dem Tod seiner Frau nicht fertig wurde. Rationale Erklärungen gab es dafür nicht. In dem strengen Winter, der nun folgte, lief er stundenlang über öde, gefrorene Felder, um seine Schuldgefühle loszuwerden oder zumindest für eine Weile zum Schweigen zu bringen. Es blieb bei der schmerzhaften Distanz zwischen ihm und dem Jungen.

Der Frühling vertrieb den Frost aus dem Boden. Auf Elizabeths Grab erblühten die ersten Blumen, aber Vater und Sohn waren sich nicht nähergekommen. Man entschied, dass William im Herbst ins Internat nach Winchester gehen sollte. Doch dann war mit einem Mal alles anders. Eines Tages, als Christopher seine Schwester Harriet in Hexham besuchte, schlich sich William heimlich in das Zimmer des Vaters und öffnete dessen Schreibtisch. Was er wohl dort suchte? Er wusste es selber nicht. Im Grunde genommen seinen Vater. Und in einem gewissen Sinne fand er ihn auch.

In einer Schublade oben rechts stieß er unter einem Stapel von Papieren auf ein rotes Kästchen. Den Deckel zierte das königliche Wappen, und darin lag eine Medaille in Form eines Kreuzes. William erkannte es sofort: Es war das Victoriakreuz, die höchste militärische Auszeichnung des Landes. Er hatte während des Krieges einmal ein Bild in einer Zeitschrift gesehen. Ein Umschlag unter dem Kästchen enthielt einen Brief aus dem Buckingham-Palast, der Major Christopher Wylam in den höchsten Tönen für »außerordentlichen Mut im Dienste von König und Vaterland« pries.

Tagelang war William zwischen Begeisterung über diesen Fund und Schuldgefühlen über die dabei angewandten Mittel hin und her gerissen. Am Sonntag nach dem Gottesdienst beichtete er seinem Vater, denn sein Drang nach einer Erklärung war inzwischen viel stärker als die Furcht vor möglicher Strafe. An diesem Nachmittag sprachen die beiden zum ersten Mal in Christophers Arbeitszimmer miteinander, bis das Feuer im Kamin erloschen war.

Christopher erklärte dem Jungen, Krieg sei mehr als Feldschlachten mit Panzern und Flugzeugen. Der Krieg, den er in Indien führen musste, sei eine einsame, kranke, heimtückische Angelegenheit gewesen. Und was er William gesagt habe, müsse ein großes Geheimnis zwischen ihnen beiden bleiben.

Von diesem Tag an kamen sie einander näher. Zumindest teilten sie ihre Trauer, soweit das möglich war. Sie kamen überein, William werde zunächst ein weiteres Jahr in Carfax bleiben, wonach zu entscheiden war, ob er überhaupt eine auswärtige Schule besuchen sollte. Als der Sommer begann, wuchsen Rosen auf Elizabeths Grab.

Die Weihnachtsmesse war beim Vaterunser angelangt. Der Priester sprach das bekannte Gebet laut vor, es ging ihm glatt von den Lippen. Die Worte musste er schon Tausende Male in seinem Leben hergesagt haben. Der junge Mann von Anfang Dreißig hatte im Krieg als Feldgeistlicher gedient. Christopher fragte sich, woran er beim Gebet wohl dachte. An Christus, der da hing, Hände und Füße an den hölzernen Rahmen seines Gott geweihten Lebens genagelt? An den Ernst seiner täglichen Verrichtungen? An seine Rolle als Priester, bestimmt, zu verbinden und zu trennen, zu verfluchen und zu segnen? Oder hatte er das bevorstehende Festessen im Kopf – Steckrüben und Fleischpastete, dazu gebratene Kartoffeln, die in dicker Soße schwammen?

Ein aufmerksamer Betrachter konnte auf den ersten Blick erkennen, dass der Engländer Christopher Wylam wenig Zeit in England verbracht hatte. Er schien sich in den dicken Wintersachen gar nicht wohl zu fühlen, und seine Haut hatte viel von der Färbung bewahrt, die man nur in wärmerem Klima erwirbt. Das blonde Haar war von der Sonne gebleicht und aus der hohen, traurigen Stirn gekämmt. In seinen Augenwinkeln zeigten sich bereits Fältchen, feingeätzte Linien, die auf die Schläfen zuliefen wie die Fäden eines Spinnennetzes. Unter schweren Lidern schauten dunkelblaue Augen hervor, deren Blick von einer Tiefe und Klarheit war, dass er andere Menschen überraschen konnte. Vielleicht lag es nur am Kerzenlicht in der Kirche, aber man konnte spüren, dass die Vorgänge um ihn herum ihn wenig berührten und er andere, ferne Bilder vor sich sah.

Er blickte sich um in dem kleinen Raum. Zur Abendmesse waren nicht viele Menschen gekommen. Männer, Frauen und unruhige Kinder füllten die ersten Reihen. Einige, weil sie wirklich glaubten, andere aus Gewohnheit oder Pflichtgefühl. Er selbst war wegen William gekommen, vielleicht aber auch als Buße dafür, dass er Elizabeth alleingelassen hatte. Der Priester hatte die Hostie gebrochen und den Leib Christi gegessen. Er hob den Kelch und trank den geweihten Wein, das Blut Gottes, das Blut Christi, das Blut der Welt, das rote Blut der Erlösung.

Christopher versuchte sich vorzustellen, wie der Wein wohl schmecken mochte. Als ihm einfiel, dass es sich um verwandeltes Blut handelte, spürte er einen sauren Geschmack in seiner Kehle aufsteigen. Pater Middleton hatte über die Ankunft Christi gepredigt und dafür gebetet, dass der Weihnachtsfriede das ganze kommende Jahr anhalten möge. Aber Christopher konnte das bleiche Gotteskind der Weihnacht nicht willkommen heißen. Keine Freude erfüllte sein Herz an diesem Abend, nur dumpfer Groll, der gegen Gott und dessen trügerisches Jubelfest aufbegehrte.

Tiefes Schweigen breitete sich aus, als der Priester ein Stück der Hostie vor der Gemeinde hochhielt.

»Ecce Agnus Dei – sehet das Lamm Gottes«, sprach er. »Qui tollit peccata mundi - das hinwegnimmt die Sünde der Welt.«

Eines nach dem anderen erhoben sich die Mitglieder der Gemeinde und schritten zum Altar, alle von Sünden bedrückt, außer den Kindern. Christopher stand auf und folgte William zu der Reihe der wartenden Sünder. Ein alter Mann kniete nieder, öffnete den Mund und streckte seine Zunge ein wenig heraus, um den Leib des Herrn zu empfangen.

Corpus Domini nostri …

So viele Sünden, dachte Christopher bei sich, als er den silbernen Hostienteller im Kerzenlicht blinken sah. Die Hostie berührte die Zunge des alten Mannes. Lässliche Sünden, die sieben Todsünden. Sünden des Tuns und des Lassens, die Sünden von Hochmut, Lust und Völlerei, Sünden des Fleisches, des Geistes und des Glaubens. Sünden der Augen, der Ohren und des Herzens.

… Jesu Christi …

Christopher kniete nieder und öffnete den Mund. Er spürte, wie die Oblate seine Lippen berührte – trocken, trist und ohne jeden Geschmack.

… custodiat animam tuam in vitam aeternam. Amen.

Als Elizabeth starb, war etwas von ihm mit ihr gegangen. Vor der Messe hatten er und William ihr Grab aufgesucht, einen kleinen schneebedeckten Hügel unter so vielen anderen hinter der Kirche. Sie gehörte nun wieder der Mutter Erde. Das Begräbnis fiel ihm ein, der Frost, der steinhart gefrorene Boden, gegen den Spaten nichts ausrichten konnten, die schwarzen Pferde, deren Atem nackt und verlassen in der dünnen Winterluft hing.

Er sah seine Frau vor sich, wie sie in den letzten zwei Monaten gewesen war: kreidebleich, dann wieder hochrot vom Fieber, in sich gekehrt, das Gesicht zur Wand gedreht im Wissen um den nahen Tod. An ihrem Dahinscheiden war nichts Romantisches, nichts Erhabenes oder Himmlisches gewesen. Nur eine junge Frau, gequält von Schmerzen, nur Blut und Schleim und dann der Verfall. Als sie gestorben war, kamen Männer, die ihre Kleider und die Möbel ihres Schlafzimmers verbrannten. Sie kratzten sogar die Wände ab, als verberge sich dort eine Krankheit bringende, tödliche Kraft. Elizabeth war nur 31 Jahre alt geworden.

Zwei Monate lang hatte er an ihrem Bett gesessen und ihre Hand gehalten. In dieser Zeit hatte er begriffen, dass sie einander fremd geworden waren. Sie starb in seinen Armen, aber eine Krankenschwester hätte es auch getan. Zwischen ihnen lag mehr als ein Krieg. In ihrer Welt war Liebe so schwer zu erlangen wie Vergebung.

Elf Jahre zuvor hatten sie sich auf dem ersten Ball der Wintersaison in Delhi kennengelernt. Sie war mit der »Fischfangflotte« – dem jährlichen Aufgebot heiratsfähiger junger Damen auf der Suche nach einem Ehemann – gekommen und bald darauf Mrs. Wylam geworden. Er hatte sie nicht geliebt – die Mädchen dieser Flotte erwarteten keine Liebe –, aber er hatte gelernt, für sie zu sorgen.

Christopher nahm wieder in seiner Bankreihe Platz. Der Priester am Altar reinigte den Kelch und stimmte den liturgischen Wechselgesang an: »Ecce Virgo concipiet et pariet filium. – Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, sie wird einen Sohn gebären.«

In einem Monat sollte Christopher Vierzig werden, aber er fühlte sich älter. Seine Generation – was der Krieg davon übrig gelassen hatte – war schon alt: junge Greise, die ein zerfallendes Imperium regieren und die Wunden des Krieges heilen sollten. Ihn schauderte bei dem Gedanken. Es würde wieder Krieg in Europa geben. Noch vor einem Jahr hätte ihn die Vorstellung kalt gelassen. Aber jetzt hatte er einen Sohn, um dessen Leben er fürchten musste.

Wie bei so vielen, die in den Schützengräben von Frankreich und Belgien gekämpft hatten, waren auch Christophers Geist und Körper intakt. Aber sein eigener Krieg, dieser düstere, geheime, schmutzige Krieg, über den er nicht einmal sprechen durfte, hatte ihn verändert. Er war zurückgekommen mit einem unversehrten Körper, aber einer zerstörten Seele voller Kälte und Einsamkeit. Der Staub Indiens würgte ihn, füllte Nase, Hals und Brust mit trockenen, bitteren Gerüchen.

Dass Elizabeth so bald nach seiner Rückkehr gestorben war, hatte all diese Veränderungen einfrieren, erstarren, versteinern lassen. Das zeigte sich in den offenbaren Dingen, die Krieg und Tod nun einmal mit sich bringen – in Verbitterung, Freudlosigkeit, dem Erkalten der Gefühle, bodenloser Trauer und der tiefen Erkenntnis der Sinnlosigkeit alles Tuns. Aber dann fand er in sich auch andere Empfindungen, die ihn überraschten: den Gauben daran, dass es hinter all dem trügerischen Schein noch menschliche Werte gab, Mitleid mit den Menschen, die er getötet hatte, und mit sich selbst in seiner früheren Erbarmungslosigkeit, Geduld, das Unabänderliche zu akzeptieren. Manchmal träumte er von hohen weißen Bergen und kühlen, spiegelblanken Seen. Er verbrachte viel Zeit mit William.

Der Priester machte die letzte Schriftlesung, die abschließenden Gebete wurden gesprochen, die letzten Töne verklangen. Die Messe war zu Ende. Christopher nahm William bei der Hand und führte ihn aus der festlich geschmückten Kirche in die Dunkelheit hinaus. Es war der 4. Advent, aber er konnte kaum glauben, dass Gott jemals wieder auf die Erde herabsteigen werde.

Den Wagen, der am Straßenrand vor ihnen im Schatten wartete, bemerkten sie nicht.

2

»Christopher!«

Als er sich umwandte, sah er eine Gestalt, die aus der Seitentür der Kirche getreten war. Pater Middleton kam, noch im Priesterrock, auf sie zu.

»Guten Abend, Pater. Was kann ich für Sie tun?«

»Ich möchte mit Ihnen sprechen, Christopher. Wenn Sie erlauben, begleite ich Sie ein Stück.«

Der Priester fröstelte ein wenig in der Kälte. Sein Ornat war eher ein spirituelles als ein materielles Kleidungsstück. Aber er war ein starker Mann, der gern zeigte, dass er den Elementen trotzen konnte, wenn es darauf ankam. Christopher mochte ihn. Nach Elizabeths Tod hatte er ihn mit demonstrativer Pietät verschont und ihm sehr geholfen, weil er das Gerede von den glücklichen Seelen im Paradies vermied.

»Lassen Sie uns in der Kirche sprechen«, schlug Christopher vor. »Sie frieren doch hier draußen.«

Pater Middleton schüttelte heftig den Kopf.

»Unsinn, Christopher. Das bringt mich nicht um. Sie haben ein gutes Stück Weg vor sich. Ich komme mit bis zur Sele, dann lasse ich Sie in Ruhe und kehre an mein Feuerchen zurück.«

Christopher nickte, und sie gingen weiter. Er spürte die kleine warme, zarte Hand des Sohnes in der seinen. Der gefrorene Schnee knirschte unter seinen Füßen, und außerhalb des Scheins der flackernden Gaslaternen wurde der Nebel dichter. Die Anwesenheit des Priesters machte ihn ein wenig befangen. Im Dunkeln hinter ihnen wurde eine Autotür geöffnet und wieder geschlossen.

»Ich bin schon seit einiger Zeit der Meinung,« sagte der Priester, »dass es an der Zeit ist, unseren Kriegstoten ein dauerhaftes Denkmal zu setzen. Ich habe an eine kleine, der Jungfrau gewidmete Kapelle gedacht. Nichts Pompöses. Nur einen ruhigen Ort vorn in der Kirche. Wo eine Witwe ihre Kerze anzünden und in Ruhe beten kann.«

In der Dunkelheit waren gedämpfte Schritte zu hören, die die Straße überquerten und sich ihnen näherten. Zu anderer Zeit und an anderem Ort wäre Christopher jetzt aufmerksam geworden. Aber es war Sonntag, und man befand sich in England. Die langen Monate der Untätigkeit hatten seinen Instinkt für Gefahr eingeschläfert. Die tiefe Finsternis um sich herum empfand er beinahe als etwas Festes, das sich gegen ihn presste.

»Was kann ich dafür tun, Pater? Geht es um eine Spende? Ich leiste gern einen Beitrag.«

»Natürlich. Ich bin für alles dankbar, was Sie dafür geben wollen. Aber ich habe mir überlegt, ob ich Sie bitten kann, mehr zu tun. Sie sind ein Mann des Militärs. Ich habe gehört …« – er zögerte einen Augenblick –, »… dass Sie ausgezeichnet wurden.«

Sie näherten sich dem Flüsschen Sele. Eine einsame Laterne kämpfte gegen das Dunkel an. Ihr gelber Schein lag auf dem festgetretenen Schnee. Christopher starrte in die schwarze Nacht hinaus. Wer hatte es dem Priester wohl gesagt? Nicht William, davon war er überzeugt. Bei dem Jungen war das Geheimnis sicher. Vielleicht Harriet …

»Ja«, sagte er. In der klaren Luft vermischte sich sein Atemhauch weiß und träge mit dem des Priesters wie Milch mit Wasser.

»Ich möchte eine Stiftung gründen«, fuhr Pater Middleton fort. »Seit Major Ridley tot ist, sind Sie der Hausherr auf Carfax. Natürlich ist da noch Ihre Schwester. Aber ich hätte gern einen Mann, einen Soldaten als Erstunterzeichner des Aufrufs.«

»Ich bin nie Soldat gewesen.«

»Stimmt. Aber Sie sind hochdekoriert. Und das aus gutem Grund. Ich stelle keine Fragen. Und Sie haben einen militärischen Rang.«

»Pater, ich bin nicht sicher …«

Die Schritte waren jetzt ganz nah. Zwei Männer, die in dem trüben Licht aschfahl wirkten, traten aus dem Schatten heraus. Sie trugen dicke Mäntel und hatten flache Pelzmützen tief in die Stirn gezogen. Der erste hatte ein schmales, griesgrämiges Gesicht und übernächtigte Augen. Sein Begleiter war schwergewichtiger, hatte grobe Züge und ein stoppliges Kinn.

Was dann passierte, dauerte nur ein paar Sekunden, aber es sollte sich Christopher fürs ganze Leben tief ins Gedächtnis graben. Auf ein Zeichen des Dünnen stürzten beide Männer auf sie zu. An Entkommen war nicht zu denken. Christopher wurde zu Boden geworfen. Sofort war der dünne Mann über ihm und drückte ihn in den Schnee, so dass er kaum noch Luft bekam.

Er hörte einen unterdrückten Schrei. Als er seinen Kopf mit großer Mühe drehen konnte, sah er, dass der kräftige Mann William von hinten gepackt hielt und den Jungen durch den Schnee mit sich zerrte. Der trat um sich und versuchte sich loszureißen, aber gegen die Kraft des Erwachsenen konnte er nichts ausrichten.

Christopher stemmte sich hoch und bekam den rechten Arm frei. Er wollte den Mann bei der Gurgel packen und so von sich abwerfen. Der entwand sich ihm jedoch, fuhr in die Manteltasche und zog eine große Pistole hervor. Christopher erstarrte, als er die Mündung an seinem Kopf spürte.

»Ich habe Anweisung, Sie nicht zu verletzen«, sagte der dünne Mann. Die Stimme war sanft, und er sprach mit einem ausländischen Akzent, den Christopher nicht zu orten vermochte. »Doch ich kann nicht immer befehlsgemäß handeln und habe schon viele Menschen getötet. Ich möchte ohne Probleme wieder von hier verschwinden. Verstehen Sie? Also halten Sie still und lassen Sie uns tun, was wir tun müssen. Dem Jungen wird nichts geschehen. Das verspreche ich Ihnen.«

William wehrte sich heftig gegen seinen Entführer.

»Hilf mir, Vater! Hilf mir!«, schrie er verzweifelt.

Der dünne Mann entsicherte die Pistole und presste sie fest gegen Christophers Schläfe. Unter sich spürte er den kalten Schnee und einen Stein, der sich ihm gnadenlos ins Kreuz bohrte.

Pater Middleton hatte er ganz vergessen. Der Priester, von der Heftigkeit des Überfalls überrascht, stand mit erhobenem Arm mitten auf der Straße. Ob er damit einen Schlag gegen sich selbst abwehren oder die Angreifer segnen wollte, war nicht zu erkennen. Als der Junge aufschrie, fuhr er zusammen und stürzte über den glatten Schnee vorwärts.

Da William nach wie vor Widerstand leistete, kam der untersetzte Mann kaum voran. Bei der Glätte hätte der Junge ihn beinahe umgeworfen. Den einen Arm hatte er um dessen Hals geschlungen, während er mit dem anderen bemüht war, die wild um sich schlagenden Arme des Kindes festzuhalten.

Mit einem dumpfen Schrei stürzte der Priester herbei und versuchte den Mann zu packen. Die ruhige Stimme, die noch vor wenigen Minuten die Messe zelebriert hatte, heulte nun auf vor Angst und Wut. Er zerrte den Mann von dem Jungen fort. Beide rutschten über den eisigen Boden und suchten nach Halt. Der Angreifer fiel hin und riss den Priester mit.

»Lauf, William, lauf!«, rief Pater Middleton. »Lauf, so schnell du kannst!«

William zögerte einen Moment, wandte sich dann aber um und rannte in Richtung Stadt, wo er Hilfe zu finden hoffte. Der Priester suchte den Kidnapper mit einem geschickten Griff zu überwältigen. Er hatte einmal Rugby gespielt, aber der Mann unter ihm war stärker als er und hatte den Schreck des Sturzes bereits überwunden. Der Priester bekam den Mann bei der Kehle zu fassen und würgte ihn heftig. Doch diesem gelang es, ihm mit aller Wucht das Knie in die Leistengegend zu rammen.

Pater Middleton stöhnte auf und krümmte sich vor Schmerz. Das nutzte der Mann aus, um sich ihm zu entwinden. Als er auf die Füße kommen wollte, hatte sich der Priester wieder in der Gewalt, packte ihn von unten und riss ihn zu Boden.

Da blitzte etwas im trüben Laternenlicht auf. Als der Priester sich herumwarf, um den Mann am Boden festzuhalten, hatte der bereits ein Messer gezogen und hielt es in der erhobenen Faust. Die Klinge glänzte noch einmal im Licht auf und fuhr dann in die Brust des Priesters. Pater Middleton wollte ihr ausweichen, aber der Schwung seiner Bewegung ließ sie bis ins Heft eindringen. Er fiel über den Mann, und sein Blut spritzte in dessen Gesicht.

»Jesus!«, schrie er auf und wand sich vor Schmerz. Er versuchte noch das Messer beim Griff zu packen, doch seine Hand hatte bereits alle Kraft verloren. Blutbeschmiert fiel sie auf die Brust herab. Mit letzter Kraft schlug er das Kreuz über seinem Herzen. Sein Arm sank herab, die Beine zuckten noch ein wenig, dann lag er still.

Christopher wollte trotz der Pistolenmündung an der Schläfe aufstehen. Aber eine Hand legte sich schwer auf seine Schulter und drückte ihn zu Boden.

»Ihr Bastarde!«, brüllte er. »Ihr Mörderbande!« Der Mann mit der Pistole lockerte seinen Griff nicht. Auch die Mündung der Waffe blieb, wo sie war. Im Haus auf der anderen Straßenseite ging Licht an. Dann wurde ein Fenster geöffnet.

»Was ist denn da los?«, rief jemand.

»Holt die Polizei!«, schrie Christopher. Der dünne Mann versetzte ihm einen harten Schlag gegen den Kopf und hielt ihm den Mund zu.

Er sah, wie der Dicke sein Messer an der Robe des Priesters abwischte und aufstand. Seine Miene war völlig bewegungslos, von Bedauern keine Spur. Er hatte den Geistlichen getötet, als sei er ein Schaf oder ein Schwein, und sich auch nicht mehr dabei gedacht. Gar zu gern hätte Christopher ihm den Garaus gemacht. Wenigstens William war ihnen entkommen. Was auch immer mit ihm selbst geschehen mochte, der Junge war in Sicherheit.

Schritte ertönten. Jemand lief die Straße entlang. Offenbar hatte man die Schreie gehört. Endlich kam Hilfe.

Ein Mann trat aus dem Schatten. Er trug Mantel und Mütze von gleicher Art wie die ersten beiden, aber von besserem Schnitt und Material. Vor ihm, die Hände gefesselt und ein Tuch vor den Mund gebunden, ging William.

Es folgte ein rascher Wortwechsel in einer Sprache, die Christopher nicht erkennen konnte. Wahrscheinlich war es Russisch, aber der Mann sagte so wenig, dass er nicht sicher war. Er öffnete schon den Mund, um William Mut zu machen, ihm zuzurufen, dass er ihn finden und retten werde, komme, was da wolle. Aber bevor er auch nur ein Wort über die Lippen brachte, hob der Mann die Pistole und versetzte ihm einen Schlag gegen die Schläfe. Die Welt stürzte auf ihn zu und wich ebenso rasch wieder zurück.

Christopher verlor nicht ganz das Bewusstsein. Er spürte Schnee in seinem Mund und begriff, dass man ihn in die Bauchlage gerollt hatte. Als er sich aufzurichten versuchte, hörte er, wie Autotüren zuschlugen und ein Motor ansprang. Aus der Dunkelheit drangen Stimmen an sein Ohr. Lichter tanzten vor seinen Augen, er sah das rote Blut auf dem Schnee und die schwarzen Umrisse von Männern und Frauen, die ihn umstanden und schweigend anstarrten. Dann heulte der Motor laut auf, die Scheinwerfer eines großen Wagens bohrten sich durch die Dunkelheit bis zu ihm. Sekunden später waren sie fort. Nur er lag da und schluchzte hemmungslos in den Schnee.

3

Die Uhr am Turm der Abteikirche schlug sechsmal. Es war Dienstagabend. Der Marktplatz, noch vor kurzem voller Menschen, die für die bevorstehenden Feiertage Gänse und Truthähne einkauften, lag verlassen da. Schneeflocken fielen, die sich zart und hell vom fahlen Licht einer Straßenlaterne abhoben.

Christopher wurde langsam kalt. Winterpole hätte inzwischen längst da sein müssen. Am Telefon hatte er gesagt, er nehme den Vormittagszug von King’s Cross nach Newcastle und werde den Rest des Weges bis Hexham mit dem Wagen fahren. Selbst bei einer kurzen Mittagspause unterwegs hätte er bereits vor zwei Stunden eintreffen müssen.

Der Überfall und Williams Entführung waren nun zwei Tage her, aber die Polizei tappte nach wie vor im Dunkeln. Ein Inspektor hatte Christopher stundenlang scharf ins Verhör genommen. Er hatte ihm Fragen gestellt, die niemand beantworten konnte, das wussten sie beide. Scotland Yard war benachrichtigt und ein Befehl zur Überwachung aller Häfen war ausgegeben worden. Aber drei Ausländer mit einem Jungen in einem großen Wagen waren nirgendwo aufgetaucht. Auch die Kidnapper meldeten sich nicht. Keine Botschaft, kein Telefonanruf, keine Lösegeldforderung. Es war, als hätten sie sich in Luft aufgelöst.

Christopher schritt hin und her, um sich warm zu halten. Hinter ihm hingen die farbigen Glasfenster der Abteikirche schwerelos in der Finsternis – schwach erleuchtete Zeichen einer anderen Zeit. Leiser Gesang drang an sein Ohr: Der Vespergottesdienst war fast vorüber.

Die kalte Nachtluft wehte ihm alle Gerüche Englands zu. Ob sie wirklich vorhanden waren oder er sie sich nur einbildete, kümmerte ihn nicht. Er nahm den Geruch der toten Blätter unter dem Schnee auf dem Eis der Sele wahr, darunter den Duft zahlloser Sommertage, den Geruch von Leder, Harz und glattem Weidenholz, von Gras, das die Füße der Kricketspieler niedergetreten hatten, von akkurat geschnittenem grünem Rasen und von nackter Erde, aus der Regenwürmer krochen.

Da näherte sich von Priestpopple Motorengeräusch in Richtung Battle Hill. Er hörte, wie der Wagen in die Beaumont Street einbog und in Richtung Abteikirche fuhr. Wenig später tauchten die Scheinwerfer auf. Das Fahrzeug hielt an der Ecke ihm gegenüber, der Fahrer löschte das Licht und stellte den Motor ab. Endlich war Winterpole da. Winterpole und alles, wofür er stand. Fröstelnd ging Christopher über die Straße. Eine offene Autotür erwartete ihn.

Die Gaslaterne in der Nähe gab gerade so viel Licht, dass Christopher bestätigt fand, was er bereits vermutete: Winterpole hatte sich seit ihrer letzten Begegnung äußerlich kaum verändert. Vielleicht war er an den Schläfen etwas grauer geworden und presste seine Lippen ein wenig fester zusammen. Wie immer musste Christopher als Erstes an einen Leichenbestatter denken. Winterpole war stets in Schwarz gekleidet, als trage er Trauer. Um wen oder was er trauerte, blieb sein Geheimnis.

Als Christopher in den Wagen stieg und die Tür hinter sich schloss, sah er ganz kurz Winterpoles Augen. Wer nur hatte vor langer Zeit bemerkt, dass sie Puppenaugen glichen? Sie waren glänzend und von einem perfekten Blau, strahlten aber nicht mehr Leben aus als zwei Stückchen Kobaltglas. Splitter in der Haut, gehärtet von den Jahren. Gerüchten nach hatte man ihn nur ein einziges Mal lächeln sehen, und zwar als seine Mutter nach langer Krankheit verstorben war. Er war zu einem Rugby-Match nicht pünktlich erschienen. »Sorry, ich habe mich verspätet, ich habe gerade meine Mutter unter die Erde gebracht«, soll er mit einem Lächeln gesagt haben.

»Es tut mir leid, dass ich Sie so lange in der Kälte habe warten lassen«, sagte Winterpole, als Christopher es sich auf dem weichen Sitz bequem gemacht hatte. »Ich habe mich beeilt, so gut es ging. Die Züge sind pünktlich, aber die Straße nach Hexham ist schlecht. Ich hatte Glück, dass ich überhaupt durchgekommen bin.«

Christopher wischte einen Halbmond von der beschlagenen Scheibe und schaute hinaus. In der Abteikirche gingen die Lichter aus, und die letzten Gottesdienstbesucher machten sich schweigend auf den Heimweg. Seit Sonntag hockten die Leute beisammen.

»Ja«, murmelte Christopher. »Sie hatten Glück.«

Major Simon Winterpole leitete die Abteilung Russland und Ferner Osten des Britischen Militärgeheimdienstes. Seit der Revolution der Bolschewiken von 1917 war er einer der einflussreichsten Männer im Lande, der die britische Außenpolitik gegenüber Weltgegenden, von denen die meisten Minister kaum je gehört hatten, diskret, aber mit festem Griff steuerte. Schon vor dem Krieg hatten er und Christopher sich regelmäßig getroffen, um über die Aktivitäten des russischen Geheimdienstes an der Nordgrenze Indiens zu sprechen.

»Wie lange ist es her, Christopher?«, fragte Winterpole.

»Was meinen Sie?«

»Seit wir das letzte Mal miteinander geredet haben.«

Christopher brauchte nicht lange nachzudenken. An diese letzte Begegnung erinnerte er sich sehr genau.

»Fünf Jahre«, sagte er. »Das war Ende 1915. Nach dem Verschwörungs-Prozess in Benares sind Sie nach Delhi gekommen.«

»Richtig. Jetzt fällt es mir wieder ein. Seitdem ist viel passiert.«

Christopher antwortete nicht. Es ging ihm gegen den Strich, sich hier im Dunkeln zu treffen, als ob sie etwas zu verbergen hätten. Als ob sie ein heimliches Paar wären. Aber Winterpole hatte darauf bestanden. Anders als Christopher liebte er das Geheime an seinem Beruf, die kleinen Rituale, die ihn und seine Kollegen von gewöhnlichen Menschen unterschieden.

»Und wie lange ist es jetzt her, dass Sie den Dienst verlassen haben?«, fuhr Winterpole fort.

»Ein Jahr«, antwortete Christopher. »Ein gutes Jahr. Damals hatte ich Sie erwartet. Sie oder jemanden Ihres Ranges. Aber niemand kam. Nur ein Brief, unterschrieben von einem gewissen Philpott. Darin war vom Gesetz über Staatsgeheimnisse die Rede. Und von meiner Pension.«

»Wir glaubten, Sie brauchten Zeit«, sagte Winterpole.

»Zeit? Wofür?«

»Um die Dinge zu überdenken. Um Abstand zu gewinnen.«

»Was gab es da zu überdenken? Ich hatte mich entschieden.«

»Dehradun.1 Den Krieg als solchen. Den Tod Ihrer Frau. Was Ihnen wichtig war. Was Ihnen heute wichtig ist.«

In Dehradun waren mehrere von Christophers besten Agenten aufgeflogen – wegen eines bürokratischen Fehlers im Delhier Büro seines Geheimdienstes, dem er unterstellt war. Obwohl ihn keine Schuld traf, fühlte er sich immer noch für ihren Tod verantwortlich.

»Ich war überrascht«, sagte Christopher schließlich.

»Überrascht?«

»Dass Sie mich so leicht haben gehen lassen. Dass nur dieser Brief kam. Der Brief von Philpott, wer immer das sein mag.«

Winterpole zog ein silbernes Zigarettenetui aus der Tasche und ließ es aufschnappen. Er bot Christopher eine Zigarette an, aber der lehnte ab. Mit einer eleganten Bewegung nahm er eine für sich selbst heraus, klappte das Etui zu und steckte sich das Stäbchen zwischen die Lippen. Er unterbrach kurz seinen Redefluss, um es anzuzünden. Den Geruch kannte Christopher aus alten Tagen. Das Streichholz flammte auf und erlosch.

»Wie kann ich Ihnen helfen, Christopher?«, fragte Winterpole. »Sie haben mitgeteilt, Ihr Junge sei entführt worden. Das zu hören, tut mir leid. Und wenn ich richtig verstehe, ist dabei jemand getötet worden – ein Priester. Hat die Polizei inzwischen etwas herausbekommen?«

Christopher schüttelte den Kopf.

»Das wissen Sie doch.«

»Und Sie haben keine Vorstellung, wer das gewesen sein kann?«

»Ich hoffe, dass Sie es mir sagen.«

Ein angespanntes Schweigen folgte. Winterpole zog an seiner Zigarette und ließ den Rauch langsam aus den Mundwinkeln strömen. Ein parfümierter Geruch breitete sich im Wagen aus.

»Ich? Woher soll ich etwas darüber wissen?«

»Sie haben sich doch nicht auf den weiten Weg von London bis hierher gemacht, um mir zu erzählen, dass Sie nichts wissen. Dafür hätte ein Telegramm genügt. Ein Anruf. Oder ein Bote.«

Darauf sagte Winterpole nichts. Er sah zu, wie die Schneeflocken auf die Windschutzscheibe sanken.

»Ich will Ihnen genau schildern, was geschehen ist«, sagte Christopher schließlich. Ausführlich beschrieb er den Vorfall vom Sonntagabend. Als er geendet hatte, wandte er sich Winterpole zu.

»Ich bin kein reicher Mann«, sagte er. »Es hat auch keine Lösegeldforderung gegeben. Die Männer, die meinen Sohn entführt und Pater Middleton getötet haben, waren Russen, dafür wette ich meinen Kopf. Wenn das zutrifft, dann muss es eine Verbindung zu Ihnen geben. Ob es sich nun um Weiße, Rote oder Leute einer anderen Farbe handelt, sie können nicht in diesem Lande sein, ohne dass Sie etwas davon wissen. Und wenn Sie involviert sind, wird die Verbindung zu mir verständlich.«

»Ich bin nicht involviert, Christopher, das versichere ich Ihnen.«

»Tut mir leid«, erwiderte Christopher. »Vielleicht ist ›involviert‹ nicht das richtige Wort. Hätte ich ›verwickelt‹ sagen sollen? Oder ist ›informiert‹ zutreffender?«

Winterpole schwieg eine Weile. So viel hing davon ab, wie er sich ausdrückte. In diesem Geschäft war die Wahl des richtigen Wortes oft wichtiger als die Wahl der richtigen Waffe. Das Leben eines Menschen konnte davon abhängen. Oder mehrerer Menschen. Winterpole sah sich als General, wenn auch seine Truppen gering an Zahl waren und leicht verschlissen. Er schob sie hin und her wie winzige Schachfiguren auf einem riesigen geneigten Brett, wie kleine Bauern aus Glas, die auf der schiefen Ebene verzweifelt nach Halt suchten: eine Armee von Glasfiguren, zerbrechlich, verraten und träumend.

»Ich denke«, sagte er schließlich gedehnt, »dass ich Ihnen vielleicht helfen kann. Und dass Sie mir helfen können.«

»Sie meinen, das ist der Preis, den ich zahlen muss, wenn ich William lebend wiedersehen will?«

Darauf antwortete Winterpole nicht. Nachdenklich zog er an seiner Zigarette. Dann kurbelte er das Fenster herunter und warf sie halb geraucht hinaus. Langsam schloss er das Fenster wieder. Im Wagen war es plötzlich kalt.

»Sagen Sie mir bitte«, kam es nun von Winterpole, »haben Sie je von einem Mann namens Samjatin gehört? Nikolai Samjatin?«

4

»Samjatin«, hub Winterpole an, »ist wahrscheinlich der gefährlichste Agent der Bolschewiken, der gegenwärtig im Fernen Osten operiert. Er ist eine wichtige Figur in der Komintern, der Kommunistischen Internationale, die die Partei im März letzten Jahres gegründet hat, um die Vorbereitung der Weltrevolution zu koordinieren. In Moskau ist er Trotzkis Graue Eminenz. Im Osten handelt er fast völlig selbständig. Man kann mit Bestimmtheit sagen, dass es ohne Samjatin keine bolschewistische Politik in der Region gäbe. Um ehrlich zu sein: Ohne ihn könnte ich nachts ruhiger schlafen.«

Und ohne Simon Winterpole, dachte Christopher bei sich, könnten viele andere Leute besser schlafen.

»Was hat das, was Sie mir da erzählen, mit mir oder dem Verschwinden meines Sohnes zu tun?«, fragte er. »Ich kenne diesen Nikolai Samjatin nicht. Ich habe nie von ihm gehört und er bestimmt auch nicht von mir.«

Winterpole warf Christopher einen Blick zu.

»Da wäre ich mir nicht so sicher«, warf er ein.

Etwas an Winterpoles Tonfall ließ Christopher aufhorchen. Wie ein Schwimmer, der zum ersten Mal spürt, wie eine verborgene Strömung ihn nach unten ziehen will, hatte er plötzlich das Gefühl, von seiner Vergangenheit eingeholt zu werden. Er wollte aufschreien, sich dagegen wehren, in Wellen zu ertrinken, die er vielleicht selbst aufgewühlt hatte, aber seine Glieder waren verkrampft und seine Kehle heiser von der kalten Nachtluft.

»Fahren Sie fort«, sagte er nur.

»Samjatin ist zur Hälfte Russe, zur Hälfte Burjate. Sein Vater war Graf Pjotr Samjatin, ein reicher Grundbesitzer aus Tscheremchowo, das liegt nördlich vom Baikalsee. Seine Mutter war eine Burjatin, die auf dem Gut seines Vaters arbeitete. Beide leben nicht mehr. Nikolai wurde um 1886 geboren. Er muss also um die vierunddreißig Jahre alt sein.

Als Kind stand ihm eine kleine Geldsumme zur Verfügung, die ausreichte, um in Irkutsk zu erwerben, was man damals für Bildung hielt. Aber ihm wurde bald klar, dass er aus dem Erbe seines Vaters keine Kopeke zu erwarten hatte. Bereits mit sechzehn war er aktives Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands in der Region, der Vorläuferin der Kommunistischen Partei. Mit kaum zwanzig ging er nach Moskau. Als die russische Revolution ausbrach, war er um die dreißig Jahre alt. Der Rat der Volkskommissare, die erste Regierung der Sowjets, schickte ihn nach Transbaikalien, wo er helfen sollte, die neue Ordnung zu errichten. Von nun an ging es mit ihm steil bergauf. In Moskau akzeptierten ihn die Russen, weil er der rebellische Spross einer Adelsfamilie war, der für das Volk eintrat. Und in Transbaikalien ging er als Junge aus der Gegend durch, der es zu etwas gebracht hatte. Der einstige Nachteil, die gemischte Herkunft, wurde nun sein Ticket zur Macht.

Während des ganzen Bürgerkrieges ist er in Transbaikalien Moskaus Nummer eins. Mit Lenin, Trotzki und Sinowjew spricht er über ein Reich, das nicht nur Sibirien umfassen soll – eine Volksrepublik bis hin zu den Küsten des Pazifiks. China, die Mongolei, die Mandschurei und Tibet könnten dazugehören. Die Bolschewiken sehen, dass Europa ein hoffnungsloser Fall ist und es für die nächsten fünfzig oder gar hundert Jahre auch bleiben wird. Aber sie wollen träumen. So träumen sie eben vom Osten. Und da steht Samjatin bereit wie ein Hypnotiseur und flüstert ihnen ein, dass er ihren Traum wahrmachen kann.«

Winterpole hielt einen Moment inne und starrte in die Dunkelheit hinter den Autoscheiben hinaus, als könnte er sehen, wie sich dort eine zweite Finsternis zusammenbraute, die geduldig wartete, bis ihre Zeit kam. Er erschauerte.

»Vor etwa einem Jahr«, fuhr er fort, »ist Samjatin verschwunden. Ständig schickten mir meine Leute Berichte darüber, was er tat. Plötzlich war er weg. Anfangs wollte man ihn hier und da noch gesehen haben, aber stets stellte es sich als Irrtum heraus. Die inneren Säuberungen hatten bereits begonnen, daher glaubte ich zunächst, er sei ein Opfer seiner vormaligen Freunde im Kreml geworden. Der kommende Mann in Russland ist Stalin, und der will den Sozialismus in seinem Lande aufbauen. Vielleicht hatte man Samjatin geopfert, damit andere nicht zu sehr von der Weltrevolution träumten.

Aber die Zeit verging, und Samjatins Name tauchte nirgendwo auf. Da wusste ich, dass er noch am Leben sein musste. Sie prangern ihre Opfer öffentlich an, denn es nützt ihnen nichts, sie nur bei Nacht und Nebel umzubringen. Ihr Tod ist eine Art Sühne, und ihre Sünden müssen öffentlich gebrandmarkt werden. Zur Abschreckung für andere.

Plötzlich, vor vier Monaten, ist er eindeutig wieder gesichtet worden. Darauf kann ich mich verlassen, denn die Nachricht kam von einem meiner besten Leute.« Winterpole stockte einen Augenblick. »Er hielt sich in Westtibet beim Berg Kailash in der Nähe eines Klosters namens Phensung Gompa auf. Er war allein und schien bereits längere Zeit unterwegs zu sein. In Tibet, Christopher. Nikolai Samjatin. Zuerst wollte ich es gar nicht glauben. Aber mein Mann hat Fotos gemacht. Darauf ist er zweifelsfrei zu erkennen. Er ist dort gewesen. Können Sie mir folgen?«

Christopher nickte. Was Winterpole da sagte, ergab einen Sinn. Tibet hatte zu Christophers Bereich gehört, es war eines seiner Spezialgebiete gewesen. Der Agent, der die Fotos geschickt hatte, konnte durchaus von ihm angeworben und ausgebildet worden sein. Er folgte Winterpoles Blick in die Dunkelheit hinaus. Mehr als zuvor spürte er, dass die Strömung ihn nach unten zog. Nur noch seine schmalen Hände ragten aus dem Wasser, er schmeckte Salz auf seinen Lippen und spürte den scharfen Wind vom Land, der ihn aufs offene Meer hinaustrieb.

»Sie waren doch 1912 am Kailash, nicht wahr, Christopher?«, stellte Winterpole fest.

»Ja«, kam es dumpf von Christopher.

»Was haben Sie dort gemacht?«

»Ich habe nach Agenten gesucht. Nach russischen Agenten. Wir hatten einen zuverlässigen Bericht erhalten. Dem sollte ich nachgehen.«

»Und was haben Sie herausbekommen?«

Christopher zuckte die Schultern.

»Nichts«, erwiderte er. »Ich habe mich einen Monat lang am Kailash und in der Gegend um den See Mansarowar herumgetrieben. Die Landschaft ist den Tibetern heilig. Ich habe mehrere Klöster besucht und mit Pilgern gesprochen. Wenn Russen dort waren, dann müssen sie unsichtbar gewesen sein.«

Er sah, dass Winterpole den Kopf schüttelte.

»Nicht unsichtbar«, sagte er. »Tot.«

Christopher wurde plötzlich bewusst, dass er mit einer Hand den Griff der Autotür auf seiner Seite umklammerte. Ertrinkende lassen nicht los, das ist eine unwiderlegbare Tatsache. Seine Finger krampften sich fest um das kalte Metall.

»Es waren zwei«, fuhr Winterpole fort. »Maiski und Skrypnik. Maiski war Jude, der Sohn eines Uhrmachers aus einem Schtetl. Ich bin ihm einmal in Petersburg begegnet. Ein kleiner Mann mit schlechten Zähnen. Sie hatten einen dritten bei sich, einen mongolischen Führer. Er fand sich nach ihrem Tod wohlbehalten in Russland ein und lieferte seine Informationen ab. Der Tibetexperte in Moskau war damals Badmajew. Er sprach ausführlich mit dem Mann und schrieb dann einen Bericht.

Offiziell waren Maiski und Skrypnik als Forscher nach Tibet gereist. So kam es, dass mit einem umfangreichen wissenschaftlichen Apparat versehene Versionen des Berichts von ihrer Expedition auch in die entsprechenden Institutionen gelangten – das Institut für Ostsprachen beim Außenministerium, die Ostsektion der Archäologischen Gesellschaft und die Akademie der Wissenschaften. Sogar in Zeitschriften erschienen mehrere Artikel. Einige habe ich gelesen.«

Winterpole verstummte und drehte gedankenverloren am Lenkrad. Niemand ging über die Straße. Es war Dienstagabend und kalt, die Kinder waren bereits im Bett und sahen im Traum den Weihnachtsmann oder den großen Pudding, den sie gegessen hatten.

»Der eigentliche Bericht, die unbearbeitete Version, wurde in einer Akte des Geheimdienstarchivs abgelegt und geriet prompt in Vergessenheit. Der Mongole verschwand. Ziemlich sicher wurde er getötet, weil er zu viel wusste.«

»Was wusste er denn?«

»Nur Geduld, Christopher. Darauf komme ich noch. Ich denke, Badmajew wollte auf Grund des Berichts etwas unternehmen. Aber zunächst brauchte er dafür Geld und die Unterstützung der richtigen Leute. Allerdings schrieb man das Jahr 1913, und für eine Unternehmung in Tibet war die Lage alles andere als günstig. So blieb die Akte, wo sie war, und staubte langsam ein. Ich hatte natürlich keine Ahnung, dass es sie überhaupt gab. Niemand wusste davon.

Von allem, was ich Ihnen gerade erzählt habe, erhielt ich erst in diesem Jahr Kenntnis, nachdem mir der Bericht über Samjatins Auftauchen am Berg Kailash zugesandt worden war. Die Information stellte sich als verlässlich heraus. Ihr lagen Fotos bei, das sagte ich bereits. Das überzeugte mich, dass Samjatin tatsächlich dort gewesen war. Ich fragte mich natürlich, was einen Mann wie Nikolai Samjatin an einen so gottverlassenen Ort geführt haben mag. Einen Mann, der eindeutig auf dem Weg nach oben ist. Der Zugang zu den Korridoren der Macht hat.

Da fiel mir ein, dass Sie 1912 in dieser Gegend gewesen waren und dort nach russischen Agenten gesucht hatten. Vielleicht, so dachte ich mir, hatten Sie sich geirrt und russische Agenten waren wirklich dort gewesen, zumindest einer. Wenn das so war, so überlegte ich, dann musste es irgendwo einen Bericht darüber geben … Nikolai Samjatin hatte ihn wahrscheinlich gefunden und gelesen.«

Winterpole streckte seine Hand aus und wischte die frisch beschlagene Scheibe wieder frei. Draußen fielen noch immer dichte Flocken. Sie schwebten vor der Straßenlaterne herunter, fern und farblos wie Schatten von einem anderen Stern.

»Ich wies meinen besten Agenten in Moskau an, nach dem Bericht zu suchen. Nach einer Woche hatte er ihn gefunden. Genauer gesagt, die Akte, in der er gelegen hatte. Der Bericht selbst war verschwunden. Samjatin hatte ihn entweder mitgenommen oder vernichtet. Das war nicht mehr festzustellen. Badmajew hatte jedoch noch ein zweites Papier angefertigt. Dabei handelte es sich um eine Zusammenfassung, die der Zar persönlich zur Kenntnis erhielt. Sie ist kaum eine Seite lang und für unsere Zwecke wenig ergiebig. Aber eines geht daraus klar hervor: Maiski und Skrypnik wurden nach Tibet geschickt, um nach etwas zu suchen. Und was immer es war, sie haben es gefunden.

Außerdem ließ das Papier darauf schließen, dass ihre Entdeckung nicht zusammen mit dem mongolischen Führer nach Russland gelangt war. Sie war in Tibet geblieben. Badmajews Zusammenfassung endete mit der Bitte nach weiteren Finanzmitteln, um eine Expedition auszurüsten, die sie nach Russland holen sollte. Dann aber brach in Europa der Krieg aus, und die Expedition kam nie zustande. Bis zu diesem Jahr. Bis Nikolai Samjatin sich selbst mit dieser Sache beauftragte.«

Irgendwo waren laute Schritte auf hartem Untergrund zu hören und verklangen. In einem Haus auf der anderen Straßenseite ging ein Licht an und verlosch wieder. Ein Hund bellte und beruhigte sich bald. Die Nacht trat in ihre Rechte ein.

»Was hat all das mit mir oder meinem Sohn zu tun?«, fragte Christopher noch einmal.

Winterpole presste seine Stirn gegen das kalte Metall des Lenkrades und atmete langsam aus.

»Ich weiß es nicht«, sagte er dann. »Bei Gott, ich wünschte, ich wüsste es, aber leider … Ich sage die Wahrheit, das schwöre ich.«

»Aber warum …«

»… reden wir über all diese Dinge? Weil ich sicher bin, Christopher, dass da ein Zusammenhang besteht, obwohl ich es Ihnen nicht erklären kann. Bislang weiß ich nur, dass Sie vor acht Jahren am Kailash waren. Und dass Nikolai Samjatin dort vor vier Monaten gesichtet worden ist.«

»Und deswegen haben Sie sich auf den langen Weg zu mir gemacht? Mein Sohn ist entführt worden, und Sie kommen hierher und erzählen mir etwas von irgendwelchen Zufällen? Geschichten von einem Mann, den ich nie gesehen und von dem ich nie gehört habe?«

Winterpole antwortete nicht sofort. Die Schneeflocken draußen tanzten weiter, als er sich dem Kern der Sache näherte. Sie alle bewegten sich in einem Tanz – er, Christopher Wylam, irgendwo weit weg Christophers Sohn und ein Mann namens Samjatin. Sie alle waren gefangen in einem Totentanz, drehten sich ohne Ende in der stummen Finsternis wie die Figuren einer altertümlichen Uhr.

»Da gibt es noch etwas«, sagte Winterpole schließlich in leisem, fast gleichmütigem Ton.

»Fahren Sie fort.«

»Letzten Monat«, berichtete er, »ist ein tibetischer Mönch in Kalimpong in Nordindien eingetroffen. Er war dem Tode nahe. Er hatte den Weg über die Hochgebirgspässe bei sehr schlechtem Wetter genommen. Auf irgendeine Weise – wie, wissen wir nicht genau – muss es ihm gelungen sein, einem Mann namens Mishig eine Nachricht zuzuspielen. Das ist der mongolische Handelsagent in Kalimpong, der auch als Agent für die Russen arbeitet. Vor der Revolution stand er im Dienste des Zaren. Jetzt spielt er den Laufburschen für die Bolschewiken … und fühlt sich dabei genauso wohl. Er informiert sie darüber, wer nach Tibet reist und wer von dort kommt. Keine hochwichtigen Dinge zumeist, aber zuweilen findet sich eine Perle darunter. Sie haben ihn mit einem kleinen Funkgerät ausgerüstet, das er für die Verbindung zu seinem Führungsoffizier in Kalkutta benutzt. Den kennen wir allerdings noch nicht.

Wir wissen nur, dass der Mann in Kalkutta Nachrichten nach Moskau und nach Europa weitergibt, aber nicht, auf welchem Wege. Vorläufig fangen wir alle Funksprüche ab, die zwischen Mishig und Kalkutta hin und her gehen.«

Winterpole unterbrach seinen Bericht und atmete tief durch.

»Am 10. November ist uns ein Funkspruch von Mishig nach Kalkutta ins Netz gegangen, der als ›dringend‹ gekennzeichnet und mit einem anderen Code verschlüsselt war als bisher. Er war mit Sima, dem russischen Wort für ›Winter‹ unterzeichnet. Das ist der offizielle Deckname von Nikolai Samjatin.«

Winterpole verstummte wieder. Christopher spürte, dass er zögerte, auf den Punkt zu kommen.

»Was stand in dem Funkspruch?«, fragte er.

»Verstehen Sie bitte, Christopher«, sagte Winterpole in ruhigem Ton, »dass es von jetzt an kein Zurück mehr gibt. Wenn ich Ihnen das sage, dann werden Sie keine Ruhe mehr finden. Noch kann ich die Sache für mich behalten und Sie da rauslassen. Es ist Ihre Entscheidung.«

»Sagen Sie es mir. Ich muss es wissen.« Christopher spürte, wie sein Magen sich zu einem Knoten zusammenzog. Draußen tanzten noch immer die Schneeflocken.

»Er hat um Informationen gebeten«, sagte Winterpole. »Informationen über einen Engländer namens Christopher John Wylam, der für den britischen Geheimdienst in Indien gearbeitet hat. Und über seinen Sohn. Einen Jungen namens William.«

Jetzt hatte die unsichtbare Meeresströmung Christopher fest im Griff, und er fühlte, wie sie ihn nach unten zog. Verzweifelt wehrte er sich mit wilden Armschlägen dagegen, dass das Sonnenlicht langsam verschwand. Er sagte nichts.

»Drei Wochen später«, fuhr der andere erbarmungslos fort, da er nun einmal begonnen hatte, »fingen wir einen Funkspruch aus Kalkutta an Mishig ab. Darin hieß es, man habe Sie in einem Ort namens Hexham in England ausfindig gemacht. Der Absender bat um weitere Instruktionen.«

Winterpole hielt inne.

»Ich fürchte, an diesem Punkt sind die Dinge etwas außer Kontrolle geraten«, fuhr er dann fort. »Wir glaubten, Mishig werde noch am selben Tag antworten. Er sandte fast täglich zu einer bestimmten Zeit Funksprüche. Aber dieser eine kam nicht. Statt dessen nahm Mishig den nächsten Zug von Siliguri nach Kalkutta. Wir sind sicher, dass er die Instruktionen dem Mann in Kalkutta persönlich überbracht hat. Ob mündlich oder schriftlich, spielt keine Rolle. Das war vor sechs Tagen.«

Christopher starrte Winterpole an.

»Sie haben das gewusst und mich nicht gewarnt? Sie wussten, dass etwas passieren kann, aber Sie haben es für sich behalten?«

»Verstehen Sie doch, Christopher. Wir mussten herausbekommen, was Samjatin vorhatte. Er sollte seine Nase herausstecken. Ich befürchtete, Sie könnten versuchen, das zu verhindern, wenn Sie es vorher gewusst hätten. Es tut mir leid.«

»Die hätten meinen Sohn töten können! Vielleicht ist er bereits tot. Und sie haben Pater Middleton umgebracht. Wofür?«

»Das müssen wir herausbekommen, Christopher. Was Samjatin in Tibet tut. Was er mit Ihrem Sohn vorhat. Ich möchte, dass Sie nach Indien reisen, nach Kalimpong. Und, wenn nötig, nach Tibet. Ich denke, dorthin wird Ihr Sohn gebracht.«

»Ich weiß«, erwiderte Christopher. Er wandte seinen Blick von Winterpole ab. Draußen sanken die Schatten der Nacht auf graugefleckten Schwingen durch die von Schnee gefüllte Luft herab. »Ich weiß«, sagte er. Für ihn fiel kein Schnee mehr. Er sah nur noch Finsternis ringsum.

5

Nedong-Pass, Südtibet, Januar 1921

Ihm war kalt. An diesem Morgen fiel noch mehr Schnee, blendend weißer Schnee, der Gesicht und Hände peitschte. Er deckte alles zu – den Weg, die Felsen und die Fußspuren, die sie hinterließen. Es war unmöglich zu sagen, ob sie noch auf dem Pass waren oder nicht. Er meinte, sie könnten sich bereits verirrt haben. Tobchen hatte Angst, das sah er deutlich. Einmal wäre das Pony auf einem Felsvorsprung über einem tiefen Abgrund um ein Haar ausgeglitten. Seitdem ließ Tobchen ihn zu Fuß gehen und führte das Tier am steif gefrorenen Zügel. Der alte Mann schritt voran, sprach unablässig Mantras und ließ hektisch seine Gebetsmühle kreisen.

Als Mittag vorüber war, folgte auf das Schneetreiben ein scharfer Wind. Man glaubte, er könne einem Mann das Fleisch von den Knochen reißen, zu solchen Böen steigerte er sich jeden Nachmittag. Tags zuvor waren sie einer Gruppe Reisender begegnet, die Masken trugen, dunkle Ledermasken, bemalt mit den Gesichtszügen von Dämonen. Tief erschrocken hatte er gerufen: »Tobchen, Tobchen, wer sind diese Leute? Warum haben sie sich so hergerichtet?«

Der alte Mann hatte zurückgeschaut und etwas geantwortet. Der Wind verwehte seine Worte, und er musste warten, bis der Junge ihn eingeholt hatte.

»Seien Sie unbesorgt, Herr. Das sind Reisende. Sie tragen Masken, um ihre Gesichter vor dem Wind zu schützen. Und sie bemalen sie auf diese Weise, um die Dämonen abzuschrecken.«

Die Männer waren ohne ein Wort an ihnen vorbeigezogen, schweigend und gleichmütig, gehetzt vom Wind, dunkle Gestalten, die er gnadenlos ins Leere trieb. Er und Tobchen mussten weiter allein mit den Elementen kämpfen.

Als die Sonne unterging, machten sie Rast. Der alte Mann fand irgendwo getrockneten Yakdung und zündete ein Feuer an. Wie immer gab es Tee und Tsampa, geröstetes Gerstenmehl, aber Samdup beklagte sich nicht. Und wenn, dann hätte Tobchen es überhört. Er war zwar ein Trulku, ein buddhistischer Meister und Reinkarnation eines früheren Meisters, aber dennoch ein Kind, das Tobchen mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Strenge behandelte, die keine Disziplinlosigkeit duldete. Er befürchtete, der alte Mann werde bald erschöpft sein. Und er fragte sich, wie lang ihre Reise wohl noch dauern werde.

»Wie weit ist es noch bis Gharoling?«, erkundigte er sich.

Der alte Mönch blickte auf, den Teebecher mit halb erfrorenen Fingern umklammert.

»Bald sind wir da, Herr, bald.«

»Wie bald, Tobchen? Morgen?«

Der Lama schüttelte den Kopf.

»Morgen noch nicht«, antwortete er. »Aber mit Hilfe Ihrer Gebete und der Gnade unseres Herrn Chenrezi wird es nicht mehr lange dauern.«

»Vielleicht übermorgen?«, beharrte der Junge.

»Trinken Sie Ihren Tee, Herr, und stellen Sie nicht so viele Fragen. Wenn Sie fertig sind, zünde ich eine Lampe an, und wir studieren gemeinsam den Kangyur2. Ihre Bildung darf nicht leiden, nur weil Sie auf Reisen sind.«

Der Junge verstummte und schlürfte seinen Tee. Von Zeit zu Zeit nahm er sich ein Kügelchen Tsampa, der einzigen wirklichen Nahrung bei dieser kargen Mahlzeit. Der Wind blies immer noch stark, aber sie hatten sich im Schutze einer Felsnase niedergelassen, wo sie ihn nur noch heulen hörten. Der Himmel war von schweren Wolken bedeckt.

»Warum gehen wir überhaupt nach Gharoling, Tobchen?«, fragte Samdup.

»Das habe ich Ihnen doch schon gesagt. Um Geshe Chyongla Rinpoche zu besuchen. Rinpoche ist ein großer Lehrer, ein größerer als ich. Es ist Zeit für Sie, die Sutren zu studieren. Dann werden Sie bereit sein, an das Studium der Tantren zu gehen. Sie müssen beide beherrschen, um Ihre Bestimmung zu erfüllen.«

»Aber in Dorje-la Gompa3 gibt es auch Lehrer.«

»Ja, und sogar sehr gute. Doch keiner ist so groß wie Chyongla Rinpoche. Erinnern Sie sich, als wir das Lama Nachupa gemeinsam studiert haben, was dort über die Pflichten des Schülers gegenüber seinem Guru geschrieben steht?«

»Ja, ich erinnere mich.«

»Jetzt ist es für Sie Zeit, alle diese Ratschläge in die Praxis umzusetzen. Sie sind nicht zu uns gekommen, um zu lernen. Sie sind gekommen, um sich auf all das zu besinnen, was Sie in früheren Leben schon einmal wussten. Rinpoche wird Sie darin unterweisen, wie das zu erreichen ist.«

Beide schwiegen eine Weile. Der Schneefall hatte wieder eingesetzt. Es würde eine kalte Nacht werden. Die Stimme des Jungen klang schwach in der Dunkelheit.

»Gab es Gefahr in Dorje-la Gompa?«

Der alte Mönch erstarrte innerlich.

»Warum glauben Sie, Herr, dass es Gefahr gegeben hat?«

»Ich habe sie gespürt. Als der Fremde gekommen ist. Ich spüre sie immer noch. Habe ich recht?«

Nach einem Moment des Zögerns antwortete der alte Mann: »Sie haben sich nicht geirrt, Herr. Es war Gefahr im Verzug.« Und nach einer Weile: »Große Gefahr.«

»Für mich?«

»Ja. Für Sie.«

»Das heißt, wir fliehen nach Gharoling? Sind wir deshalb nachts aufgebrochen?«

Der alte Mann seufzte schwer.

»Ja. In Gharoling sind wir sicher. Chyongla Rinpoche versteht die Zusammenhänge. Wenn … wenn mir etwas zustoßen sollte, Herr, dann gehen Sie allein weiter nach Gharoling. Man erwartet Sie dort. Versuchen Sie nicht, nach Dorje-la zurückzukehren. Gehen Sie nur nach Gharoling. Vertrauen Sie niemandem außer Chyongla Rinpoche und denen, die er Ihnen empfiehlt.«

Wieder schwiegen beide. Der Junge musste erst einmal verdauen, was er da gehört hatte. Diese Welt war ein schlimmerer Ort, als er geglaubt hatte. Dann unterbrach seine Stimme erneut die Gedanken des alten Mannes.

»Ist es mein anderer Körper?«, fragte er. »Ist er für dies alles verantwortlich?«

Tobchen schüttelte den Kopf.

»Nein, Herr. Ich bin sicher, er weiß nichts von Ihnen. Zumindest glaube ich das. Wenn die Zeit gekommen ist, wird man es ihm sagen.«

»Würde er versuchen, mich zu töten, wenn er es wüsste?«

Der Lama antwortete nicht sofort. So viele Inkarnationen, dachte er bei sich. Zuerst waren sie Kinder, dann wuchsen sie auf, alterten und starben. Und wurden wiedergeboren. Ein endloser Kreis.

»Ja«, sagte er. »Das glaube ich. Ich denke, er würde Sie töten lassen.«

Kalimpong

6

Kalimpong, Nordindien, Januar 1921

Kalimpong döste in der blassen Januarsonne. Es träumte von Wolle und Baumwolle, von farbenfrohen Kaschmirschals, von Seide, Geweihsprossen und Moschus aus China, von Zucker, Glas und billigen Kerzen aus Indien, von langen Karawanen, die das Chumbi-Tal aus Tibet herunterkamen, von Händlern, die ihre Waren in Jutesäcken aus den Ebenen Indiens herantransportierten. Aber über den Hochgebirgspässen im Norden fiel Schnee, eine weiße, federleichte Pracht, die wie der Stoff, aus dem die Träume sind, auf Felsen, kalt wie Grabstätten, herniedersank. Bereits seit zwei Wochen wagte niemand, den Nathu-la-Pass zu überqueren. Als die letzte Karawane aus dem tibetischen Gyantse eingetroffen war, hatte sich der Handel in Kalimpong wieder belebt. Aber das war jetzt vorbei, und der kleine Handelsplatz wartete dringend auf Nachricht, dass die große Lieferung aus Lhasa zumindest unterwegs war.

Christopher Wylam sog tief die klare Luft ein. In Kalimpong ging es ihm besser. Das Städtchen war kaum mehr als eine Handelsstation am Rande des Empires, ein Umschlagplatz für Händler, die aus Tibet mit Wolle und Yakschwänzen kamen, die sie für billige Bedarfsgüter und kostspieligere Stoffe einzutauschen gedachten. Aber Kalimpong lag auch am Rande eines Mysteriums. Hier konnte Christopher bereits den Schnee und das Eis des Himalajas spüren. Auf der Zunge hatte er einen Geschmack, den er aus Kindertagen kannte, vertraut und exotisch zugleich, die Erinnerung an stille Reisen im Dämmerlicht fallenden Schnees.

Er brauchte nur den Blick zu heben, und schon sah er in der Ferne die stummen Berge hinter grünen Vorgebirgen stehen. Sie ragten auf wie Bollwerke, die den Zugang zu dem riesigen Hochland von Tibet versperrten, einem verbotenen Königreich, sorgfältig gehütet von seinen Schutzgöttern. Oder, prosaischer ausgedrückt, von bewaffneten tibetischen Grenzwächtern.

Als Christopher von seinem Pony stieg, erinnerten ihn die Gewürze und Gerüche des Basars sofort lebhaft an seinen Vater. Hier war er mit ihm herumgegangen, gefolgt von ihrem Büroangestellten Jit Bahadur. Und hinter ihnen seine Mutter ganz in Weiß in einer offenen Sänfte, die auf den Schultern von vier tadellos gekleideten Dienern ruhte. Das war in den Tagen, als sein Vater als britischer Resident am Hofe des lokalen Herrschers Mahfuz Sultan amtierte.

Arthur Wylam war ein wichtiger Mann gewesen. Der Vizekönig selbst hatte ihn ernannt. Die Wylams waren Anglo-Inder, das heißt Nachkommen eines englischen Vaters und einer indischen Mutter, seit drei Generationen. Christophers Großvater William war mit der britischen Ostindien-Gesellschaft unmittelbar vor dem Sepoy-Aufstand ins Land gekommen und später als Friedensrichter des Indian Civil Service in Secunderabad geblieben. Der kleine Christopher war mit Geschichten über die großen Beamtenfamilien – die Rivett-Carnacs, die Maynes und die Ogilvies – aufgewachsen. Ständig wurde ihm vorgehalten, es sei seine Pflicht, wie auch später die seines Sohnes, den Namen der Wylams in diesem illustren Kreis zu verewigen.

Kalimpong hatte sich kaum verändert. Die Hauptstraße, eine Ansammlung winziger Läden, war wie eh und je erfüllt von den Schreien der fliegenden Händler und Maultiertreiber. Hier drängten sich bengalische Kaufleute neben kleinwüchsigen nepalesischen Sherpas und finster dreinblickenden Nomaden aus Tibets Ostprovinz Cham. Die hübschen Frauen aus Bhutan mit ihrem auffallend kurzen Haarschnitt zogen die Blicke der jungen niederen tibetischen Mönche, Trapas genannt, auf sich, die zum ersten Mal zum Buddha Gaya pilgerten. Aufgeweckte Chinesen feilschten mit schlauen Marwari-Händlern und hatten davon meist Gewinn. Auf einem flachen Stein in der Mitte des Basars saß ein blinder Bettler – seine Augen eine triefende Wunde, seine Finger ein permanentes Flehen. Christopher ließ eine Münze in seine Hand fallen, und der alte Mann zeigte ein zahnloses Lächeln.

Christophers Vater hatte das geschäftige, anarchische Kalimpong dem steifen Darjeeling, dem britischen Verwaltungszentrum fünfundzwanzig Kilometer weiter westlich, immer vorgezogen. Wie oft hatte er Christopher erklärt, wenn er in Indien leben wolle, müsse er lernen, ein Inder zu sein. Seine eigene Kaste, die Brahmanen, die vom Himmel gesandten Beamten des Verwaltungs- und Regierungsapparates, hatte Arthur Wylam stets verachtet, weil er sie für abgehoben und voreingenommen hielt.

Die nervtötende Rangliste, die Klubs mit ihren lächerlichen Vorschriften für Etikette und Protokoll, die wirksame Rassentrennung, die selbst hochgeborene und gebildete Inder zu Fremden im eigenen Lande machte – all das hatte bei ihm mit der Zeit nur noch Zorn ausgelöst. Seine Liebe für die Menschen Indiens, für ihre Sprachen, ihre Sitten, ihre Religionen, ihre Torheit und Weisheit hatten ihn zu einem beredten und erfolgreichen Vermittler zwischen der Regierung Indiens und den verschiedenen einheimischen Herrschern gemacht, an deren Höfen er tätig war. Aber seine Verachtung für alle Konventionen in einer Gesellschaft, die davon durchdrungen war wie ein alter Schrank vom Holzwurm, hatte ihm auch Feinde eingebracht.

Christopher stellte sein Pony in einer Ausspanne ein und begab sich mit seinem Gepäck zu einem kleinen Rasthaus, das eine alte Bhutanesin in der Nähe von McBride’s Wolllager betrieb. Dort roch es übel, es war laut und wimmelte von den kleinen aggressiven Kalimpong-Fliegen, deren Urgroßeltern in einem besonders widerlichen Schaffell aus dem tibetischen Shigatse eingewandert sein mussten. Aber es war ein Ort, wo niemand viel fragen würde, woher ein Mann kam und was er in dieser Stadt wollte.

Er hätte auch im Gästehaus der Regierung absteigen können, einem kleinen Dak-Bungalow am Stadtrand, mit Kübelpflanzen, Dienern und eisgekühlten Getränken. Aber dann hätte er sich in Kalkutta anmelden und als Regierungsbeamter reisen müssen. Das war das Letzte, was Christopher und Winterpole wollten. Für die Regierung Indiens war Christopher Wylam ein Privatmann, der diese bergige Gegend besuchte, um Kindheitserinnerungen aufzufrischen und über den Tod seiner Frau hinwegzukommen. Sollte es Ärger geben und sollten Fragen gestellt werden, dann existierte ein Mr. Wylam offiziell überhaupt nicht.

Als Christopher von seinem Raum die Treppe herunterkam, fand er das Rasthaus in hellem Aufruhr. Eine Gruppe Nepalesen war nach einer Reise von fast drei Wochen aus Kathmandu eingetroffen. Sie suchten Arbeit auf den Teeplantagen um Darjeeling. Es waren etwa ein Dutzend arme Männer in zerschlissenen Kleidern, Bauern, auf deren Feldern im letzten Jahr kaum Gerste gereift war, weshalb sie den Winter über nicht genug zu essen hatten. Das Rasthaus war ihnen von einem nepalesischen Händler empfohlen worden, dem sie unterwegs begegnet waren. Aber jetzt musste ihnen die forsche kleine Wirtin erklären, dass sie für so viele Leute keinen Platz hatte.

Es sah nicht so aus, als könnte die Szene wirklich außer Kontrolle geraten. Solche Händel gingen selten über Wortgefechte oder ein harmloses Stoßen und Schubsen hinaus. Christopher taten die Männer leid. Früher hatte er zuweilen mit Bauern wie diesen zusammengelebt und war viel in Nepal herumgekommen. Er verstand, was sie zu dieser Jahreszeit dazu trieb, Heim und Familie zu verlassen und sich auf einen so gefährlichen und beschwerlichen Weg zu machen, stets ihre kleine Habe auf dem Rücken.

Der Kontrast zu seiner eigenen Reise nach Indien konnte größer nicht sein. Winterpole hatte für Christopher arrangiert, dass er mit einem Handley-Page-Doppeldecker über Ägypten, Irak und Persien fliegen konnte. Während diese Männer sich durch Schnee und Eis gekämpft, Stürme und ständige Gefahren überwunden hatten, war er wie ein Vogel über die Welt geflogen, wobei Enge und ein wenig Kälte die schlimmsten Unbequemlichkeiten waren.

Er wollte schon eingreifen, beherrschte sich aber im letzten Moment. Seine Ausbildung siegte über den Instinkt. Denn eine eherne Regel seines Gewerbes lautete, nie aufzufallen und sich stets im Hintergrund zu halten. Er war als armer englischer Handelsmann aus Kalkutta nach Kalimpong gekommen, den das Glück verlassen hatte und der fernab vom Ort seines Misserfolges eine neue Chance suchte. Auf einen solchen Mann würde niemand achten, denn von seiner Sorte gab es genug in den billigen Herbergen der großen Städte und in den Absteigen der Grenzlandbasare.

Christopher wandte sich von den streitenden Bauern ab und begab sich in den großen Gemeinschaftsraum. Er war der Mittelpunkt des Rasthauses, wo die Gäste tagsüber ihr Essen kochten und sich nachts diejenigen ohne eigenes Zimmer zur Ruhe betteten.

Der Raum war dunkel und schmierig, es roch nach Schweiß und altem Essen. In den Ecken waren Wollballen und Jutesäcke mit Reis oder Gerste aufgeschichtet. An einer Wand kochten ein alter Mann und eine Frau etwas auf einem kleinen eisernen Dreifuß. Neben ihnen versuchte jemand, unter einer fleckigen Decke zu schlafen. Eine große Fliege, die es zu dieser Jahreszeit gar nicht mehr geben durfte, flog laut summend im Raum umher, ohne etwas von Interesse zu finden. Durch das halboffene Fenster war die Stimme eines Mädchens zu hören. Einfach, aber hingebungsvoll, mit verträumter, entrückter Stimme sang es ein bengalisches Lied über Krishna:

Bondhur bangshi baje bujhi bipine

Shamer bangshi baje bujhi bipine

Ich höre die Flöte meines Geliebten im Walde spielen.

Ich höre die Flöte des Dunklen Herrn im Walde spielen.

Christopher versuchte, sich das Mädchen vorzustellen. Sicher hatte es dunkle Augen, kleine Brüste und das Haar zu festen langen Zöpfen geflochten wie auf den Bildern von Radha, die in so vielen Häusern an der Wand hingen. Einen Augenblick lang fragte er sich, wer sie sein mochte, die da draußen in der Gasse sang, als wollte ihr das Herz brechen. Dann entzog er sich dem Zauber der Stimme und rief nach der Bedienung. Ein Junge lief herbei.

»Ja, Sahib? Was wünschen Sie?«

»Tee. Ich möchte Tee.«

Ystrang

»Nein, nicht dieses verdammte Zeug! Milden Tee, indischen. Und einen Chota peg dazu.«

»Whisky haben wir hier nicht, Sahib. Tut mir leid.«

»Dann hol welchen, Abdul, verdammt noch mal! Hier, nimm!« Er drückte dem Jungen eine schmierige Rupie in die Hand. »Los, beweg dich! Juldi, juldi

Der Junge stürzte davon, und Christopher lehnte sich gegen die Wand. Er hasste die Rolle, die er hier zu spielen hatte. Aber er spielte sie, weil sie ihn unverdächtig machte. Das störte ihn mehr als alles andere, dass man unverdächtig war, wenn man sich ungehobelt gab … Dass er mit Höflichkeit gegenüber einem Landesbewohner sofort aufgefallen wäre.

Die Fliege summte immer noch, und das Mädchen sang weiter, während es seiner Hausarbeit nachging. Seit seiner Ankunft aus Kalkutta hatte Christopher zum ersten Mal Zeit, in Ruhe über alles nachzudenken. Die Reise war eine einzige Hetzerei gewesen: die überstürzten Vorbereitungen, der eilige, unbeholfene Abschied, die holprigen Flüge von einer Zwischenlandung zur anderen rund um den Globus, die Eisenbahnfahrt von Kalkutta nach Siliguri im glühend heißen Waggon ohne jeden Schlaf und schließlich der Ritt auf dem Pony bis nach Kalimpong. Keine Zeit, um sich bewusst zu werden, was er da eigentlich tat. Nur Landschaften, die an ihm vorbeirasten: Wasser, Sand und stille grüne Täler, in denen die Zeit stillzustehen schien. Dazu die wachsende Erkenntnis dessen, worauf er sich eingelassen hatte. Ein dicker Klumpen Angst in seiner Brust, der immer härter und größer wurde, je näher er seinem Ziel kam.

William war ständig in seinen Gedanken. Er versuchte zu begreifen, wie seine Entführung in Samjatins Pläne passen konnte, was immer diese sein mochten. Außer seiner Reise zum Kailash auf der Suche nach russischen Agenten konnte er keine Verbindung von sich selbst zu diesem Mann erkennen. War William vielleicht nur ein Köder, um Christopher aus Gründen, die für ihn noch im Dunkeln lagen, mit dem Russen zusammenzubringen? Aber das erschien ihm zu weit hergeholt und auch wieder zu plump. Nicht zum ersten Mal kam ihm der Gedanke, dass Winterpole ihm vielleicht nicht die ganze Geschichte erzählt hatte oder das Gesagte weitgehend frei erfunden war.

Der Junge erschien mit einem Tablett. Darauf eine billige, angeschlagene Teekanne, eine gesprungene Tasse und ein kleines Glas mit whiskyfarbener Flüssigkeit, in der Christopher alles andere als Whisky vermutete. Der Boy setzte das Tablett auf einem niederen Holztisch in der Nähe ab und schenkte in die schmierige Tasse Tee ein. Er war stark, so wie Europäer nach Meinung der Inder ihren Tee mögen. Christopher zuckte die Achseln. Bald würde er tibetischen Tee mit Butter und Salz trinken müssen. Warum also über Darjeelings beste Sorte die Nase rümpfen?

»Es ist ja so still geworden«, sagte er. »Sind die Nepalesen wieder weg?«

»Ja, Sahib. Keine netten Leute. Sehr arm. Kein Platz hier für sie.«

»Aber wo sollen sie hin?«

Der Junge zuckte die Schultern. Was kümmerte ihn, wo die hingingen? Er hatte sie bereits abgehakt wie jeden, der ihm keinen sofortigen Nutzen brachte. Er wandte sich zum Gehen.

»Einen Moment noch«, sagte Christopher. »Kannst du mir sagen, wie ich zu den Knox Homes, dem Waisenhaus, komme?«

Ein Schatten schien über das Gesicht des Jungen zu huschen, aber schon lächelte er wieder. Wenn auch nicht sehr überzeugend.

»Das Waisenhaus, Sahib? Was können Sie im Waisenhaus zu tun haben? Da gibt es doch nichts, Sahib, nur Kinder.«

»Hör mal zu, Abdul. Ich habe dich nach dem Weg gefragt, nicht nach deinem Rat. Also, wie finde ich da hin?«

Wieder dieser merkwürdige Blick. Dann ließ der Junge nachlässig fallen: »Ganz einfach, Sahib. Haben Sie den Kirchturm gesehen?«

Christopher nickte. Das war der markanteste Punkt von ganz Kalimpong.

»Das Waisenhaus ist ein roter Bau neben der Kirche. Ein großes Gebäude mit vielen Fenstern. Es fällt Ihnen sofort auf, Sahib, wenn Sie vor der Kirche stehen. Ist das alles, Sahib?«

Christopher nickte abwesend, und der Junge wandte sich erneut zum Gehen. An der Tür, halb im blassen Sonnenlicht und halb im Schatten, wandte er sich noch einmal um.

»Sind Sie ein Christ, Sahib?«

Christopher fand die Frage merkwürdig. Denn wie für den Durchschnittseuropäer alle Inder entweder Hindus oder Moslems sind, meint auch fast jeder Inder, alle Weißen seien Christen.

»Das weiß ich nicht so genau«, erwiderte Christopher und fragte sich sofort, ob das wohl die richtige Antwort war. »Was meinst du?«

»Keine Ahnung, Sahib. Sie sehen nicht aus wie ein Missionar.«

»Sprichst du von dem Waisenhaus?«

»Ja, Sahib.«

Christopher schüttelte den Kopf.

»Nein«, sagte er dann. »Ich bin kein Missionar.«

»Aber Sie wollen zu den Knox Homes.«

»In der Tat. Gehen denn nur Missionare dorthin?«

Jetzt war es an dem Jungen, den Kopf zu schütteln.

»Das glaube ich nicht, Sahib. Da gehen alle möglichen Leute hin. Es ist ein sehr wichtiger Ort. Und zum Waisenhaus gehen wichtige Leute.« Wieder dieser seltsame Blick.

»Und du meinst, ich sehe nicht wichtig genug oder nicht christlich genug aus? Meinst du das?«

Der Junge zuckte die Achseln. Er spürte, dass er zu weit gegangen war. Es brachte nie etwas, einen Europäer zu verärgern.

»Ich weiß nicht, Sahib. Es geht mich auch nichts an. Verzeihen Sie, Sahib.«

Er wandte sich um und schlüpfte hinaus.

»Boy!«, rief Christopher ihm nach.

Der Junge schaute noch einmal zur Tür herein.

»Wie heißt du?«

»Abdul«, antwortete er. Er spuckte das Wort förmlich aus, als hätte es einen schlechten Geschmack.

»Das kann nicht sein. Du bist kein Moslem. Und wenn du einer wärst – Abdul ist kein richtiger Name. Das weiß sogar ich. Also?«

»Lhaten, Sahib.«

»Laten?« Christopher sprach den Namen absichtlich falsch aus. »Sehr gut, Laten. Wenn ich dich brauche, rufe ich.«

»Danke, Sahib.«

Lhaten streifte Christopher mit einem letzten verwunderten Blick, bevor er verschwand.

Christopher schlürfte seinen Tee. Er schmeckte widerlich. Er setzte die Tasse ab und stürzte den Chota peg hinunter. Der war auch nicht viel besser. Draußen hatte das Mädchen aufgehört zu singen. Die Geräusche von Mensch und Tier auf dem Basar wurden schwächer. Über Kalimpong senkte sich nachmittägliche Stille. Christopher setzte das leere Whiskyglas ab und seufzte tief auf. Jetzt war er angekommen.

7

Mishig, der mongolische Handelsvertreter, der den Funkspruch nach Kalkutta abgesetzt hatte, war verschwunden. Nach Auskunft von George Frazer, seinem britischen Amtskollegen, war er noch einmal in Kalimpong gewesen, hatte es dann aber vor zehn Tagen ohne Vorankündigung wieder verlassen. Frazer berichtete Christopher, was er über den Mönch wusste, der die ursprüngliche Nachricht aus Tibet gebracht hatte.

Dessen Name war Tsewong. Er war offenbar über den Nathu-la-Pass und durch Sikkim aus dem Gebirge gekommen, bevor er am Rande von Kalimpong vor Erschöpfung zusammenbrach. Dort hatte ihn nach Frazers Informationen am 14. Dezember ein zufällig vorbeikommender Bauer mit hohem Fieber, schon im Delirium und dem Tode nah, aufgefunden.

Er hatte ihn mit seinem Wagen zu dem Waisenhaus gebracht, wo Reverend John Carpenter und dessen Frau sich um ihn kümmerten, bis der Arzt der Mission von einem Besuch in einem nahegelegenen Dorf zurückkehrte. Der war dagegen gewesen, Tsewong ins Krankenhaus der Presbyterianer zu verlegen, und hatte die ganze Nacht bei ihm gewacht. Am Morgen war der Mönch tot, offenbar ohne noch etwas Verständliches von sich gegeben zu haben.

Bevor der Leichnam dem tibetischen Vertreter übergeben wurde, der sich um seine Verbrennung kümmern wollte, hatte der Doktor die Taschen des Mannes durchsucht, genauer gesagt, den Beutel in den Falten seines Gewandes, wo tibetische Männer ihre persönlichen Habseligkeiten mit sich führen.

Dort fand er neben solchen für einen Lama typischen Dingen wie einem hölzernen Teebecher (der auch als Gefäß für den Verzehr von Tsampa diente), der traditionellen metallenen Wasserflasche, die am Gürtel getragen wird, auch einen Rosenkranz mit 108 Perlen aus gelbem Holz, ein kleines Talisman-Behältnis und ein paar Kräuter sowie einen Brief in ausgezeichnetem, korrektem Englisch. Darin wurde jeder, »den dies betreffen mag«, darum gebeten, seinem Besitzer, Tsewong Gyaltsen, jegliche Unterstützung zuteilwerden zu lassen, da er als Abgesandter eines tibetischen religiösen Würdenträgers reise, der nur als »Dorje Lama« bezeichnet war.

Im selben Umschlag lag noch ein weiteres Blatt. Es enthielt ganze fünf Zeilen, die aber auf Tibetisch abgefasst waren, das der Arzt nicht verstand. Er hatte es für besser gehalten, die beiden Papiere nicht zusammen mit dem Leichnam und den anderen persönlichen Gegenständen an den tibetischen Vertreter zu übergeben. Stattdessen hatte er sie Frazer gezeigt, der die tibetischen Zeilen von einem seiner Angestellten übersetzen ließ. Es handelte sich lediglich um Hinweise, wie der mongolische Handelsagent Mishig zu finden war.

Eine Frage ließ Christopher nicht los, als er auf dem Weg, den Lhaten ihm beschrieben hatte, zu dem Waisenhaus ging: Wenn der Mönch Tsewong bereits mit dem Tode rang, als er Kalimpong erreichte und in der Tat am nächsten Morgen in den Knox Homes gestorben war, wie in aller Welt war es ihm dann gelungen, Samjatins Nachricht Mishig zuzuleiten? Hatte das ein anderer für ihn getan? Und wenn ja, wer?

Das Waisenhaus wie auch die Kirche, neben der es stand, machte den Eindruck, als sei es wie der Palast in »Aladins Wunderlampe« aus dem schottischen Hochland an diesen Ort versetzt worden. Hier in Kalimpong präsentierte sich der Christengott nicht nur als offene Herausforderung an die endlose Zahl von Schutzgöttern hoch oben in den Bergen, sondern der schottische Presbyterianismus zugleich als Barriere gegen die zweifelhaften Sitten der bisher nicht erlösten Massen der Ebenen Indiens.

Während ganz Kalimpong die kalte Wintersonne genoss, die die strahlend weißen Berge im Norden zu reflektieren schienen, lagen die Knox Homes und der Weg dorthin in schattigem Halbdunkel, als ob die Steine der mächtigen Gebäude nichts als graue, melancholische Farbtöne hereinließen. Der Weg war von dichten dunkelgrünen Zypressen gesäumt, die den Eindruck erweckten, als seien sie direkt einem Gemälde von Böcklin entsprungen. Alles hier war in Schatten getaucht, nicht nur von ihm berührt, sondern geradezu von ihm durchtränkt und geplagt. Reverend Carpenter hatte wohl mehr als den Christengott und den Presbyterianismus nach Kalimpong gebracht.

Der Pfad führte direkt zu einer kurzen Treppe, die vor einer schweren hölzernen Tür endete. Jetzt gab es kein Ausweichen mehr. Christopher, Katholik und Engländer, und noch mit dem Reisestaub in den Kleidern, hob den schweren Türklopfer aus Messing und kündigte sich den Bewahrern des Christentums drinnen mit lautem Geräusch an.

Die Tür öffnete ein indisches Mädchen von etwa fünfzehn Jahren, gekleidet, wie es wohl in den Knox Homes üblich war. Sie trug ein dunkelgraues Gewand, das in der Taille von einem schwarzen Ledergürtel zusammengehalten wurde. In Gesicht und Haltung war nicht die Spur von Freundlichkeit zu entdecken. Der schwache schottische Akzent brachte Christopher auf den Gedanken, dass in ihrer Seele wohl mehr als eine Spur von calvinistischer Härte zu finden war.

»Würdest du bitte Reverend Carpenter mitteilen, dass Mr. Wylam, den Mr. Frazer angekündigt hat, in Kalimpong eingetroffen ist und ihn so rasch wie möglich sprechen möchte.«

Das Mädchen musterte ihn von oben bis unten, und was sie sah, gefiel ihr offenbar gar nicht. In diesem Hause wurde man zu Sauberkeit, Gottesfurcht und Keuschheit angehalten. Der unrasierte Mann vor ihr machte wohl den Eindruck, dass es ihm an all dem mangelte.

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