Logo weiterlesen.de
Der nackte Mann

1

Als meine beste Freundin Isabell mir von Iwan erzählt hatte und vor allem von dessen Wohnung, war ich hocherfreut gewesen. Meine letzte Wohnung hatte die nervige Unart besessen, zu groß und zu teuer zu sein, während mein Bankkonto die nervige Unart besaß, mir immer nur rote Zahlen anzuzeigen.

Ich war, was man gemeinhin einen Lebemenschen nannte. Als solchen bezeichnete ich mich gerne. Der Duden schrieb, dabei handelte es sich um einen eleganten, reichen Mann, der im Luxus lebte und dem sinnlichen Genuss ergeben war. Elegant war ich durchaus, reich leider weniger und im Luxus lebte ich, soweit es mir möglich war. Aber das mit den sinnlichen Genüssen traf genau zu. Ich hatte noch nie einen guten Wein nicht zu schätzen gewusst oder ein hübsches Mädchen von der Bettkante gestoßen.

Zurück zu Iwan. Dieser Name ließ mich vermuten, dass es sich bei Iwan um einen doch recht stämmigen, korrekten Typen handeln müsste, der vielleicht zu viel Wodka trank. Aber die russischen Ahnen waren ein Irrtum gewesen, wie vieles ein Irrtum gewesen war, was ich über Iwan gedacht hatte, bevor ich ihn zum ersten Mal gesehen hatte. Und schuld daran war Isabell. Meine Freundin Isabell, die mir von Iwan immer vorgeschwärmt hatte. Iwan war so ehrlich, so aufrichtig, so zuverlässig, so sensibel, so verständnisvoll, so–

Da hätte es mir dann eigentlich dämmern müssen, dass kein heterosexueller Mann so toll sein konnte. Denn Iwan war schwul. Aber das erfuhr ich erst später. Wobei diese Erkenntnis tatsächlich die am wenigsten Schockierende war.

Ich hatte mit Iwan am Telefon gesprochen. Über die Wohnung, die Größe, die Miete. Über seine Sexualität hatten wir nicht gesprochen. Über meine auch nicht. Ich war nämlich polygam. Eine Frau alleine hatte mir noch nie gereicht, das war mir zu langweilig. Überhaupt war ich ein Kerl, der dauererregt war, aber dem weiblichen Geschlecht hatte ich schon immer äußerst schwer widerstehen können. Es war Iwans Schuld, dass ich Wochen später, nachdem ich bei ihm eingezogen war, an meiner Sexualität zweifelte. Und an meiner Polygamie. Aber dazu später.

Vorerst zurück zu Iwan, dem Exhibitionisten, der mich zu einem unfreiwilligen Voyeur gemacht hatte. Iwan liebte es nämlich, nackt durch die Wohnung zu rennen. Er mochte keine Kleidung. Die schränke ihn ein. Iwan hatte einen an der Klatsche, das war mir aber nicht sofort klar geworden.

 

Als ich zum ersten Mal an seine Wohnungstür geklopft hatte, meinen Koffer hatte ich schon bei mir gehabt, schließlich hatte Isabell mir vorgeschwärmt, Iwan wäre der beste Kerl der Welt, mit dem würde ich mich hundertprozentig gut verstehen, da könnte ich schon heute meine alte Wohnung kündigen, öffnete er mir… bekleidet. Damit hatte er mir dann erfolgreich vorgemacht, er wäre ein ganz normaler Mann. Zudem noch total sympathisch, unkompliziert, freundlich. Er hatte mir die Wohnung gezeigt, mir ein Bier angeboten, was ich sehr zu schätzen gewusst hatte und auch den Eindruck vermittelt hatte, er wäre ein ganz Harmloser, der mit einem Kumpel gerne ein Bier trank.

Er sah auch total harmlos aus, eigentlich. Kurze, braune Haare, eine durchschnittliche Figur, kein Bodybuilder, aber auch kein Zahnstocher. Sein Lächeln offenbarte eine schön gepflegte, perlweiße Zahnreihe. Seine Augen waren tiefblau und ich verstand sofort, warum Isabell mir derartig von ihm vorgeschwärmt hatte. Frauen wurden bei tiefblauen Augen immer schwach. Auch meinen Hundeblick hatte ich schon erfolgreich bei ihr eingesetzt, wenn ich sie um etwas bitten musste. Wie Geld zum Beispiel. Ich war ein verschwenderischer Kerl, leider. Und eine Frau um Geld bitten zu müssen, war nicht sehr gentlemanlike, aber schließlich war Isabell mein Kumpel und nicht eine Frau, die ich bezirzen musste. Isa kannte ich schon seit der Grundschule. Sie hatte mich immer für einen Hitzkopf gehalten und mit solchen Männern pflegte sie nicht ins Bett zu steigen. Schade. Schade für sie. Ich war im Bett nämlich ziemlich gut. Die Frauen brachte ich jedenfalls regelmäßig zum Stöhnen. Wobei ich vor allem in letzter Zeit kritischer mit mir geworden war. Die Frauen waren ja wahre Künstlerinnen darin, einen Orgasmus nur vorzutäuschen! Dass mein Selbstwert, der normalerweise der Größe des Mount Everest entsprach, mittlerweile auf die Größe des Mount Villingili geschrumpft war, der höchsten Erhebung auf den Malediven und dem offiziell kleinsten Berg der Welt, hatte auch so einiges mit Iwan zu tun. Ja, die Größe ist bei Männern leider immer ein Thema.

Iwans Wohnung machte den Eindruck, als sei er ein ganz Penibler. Die Wohnung war bis aufs letzte Staubkorn leergesaugt und die Bilder hingen alle dermaßen gerade an der Wand, dass es sicher einer Wasserwaage bedurft hatte, solch eine Glanzleistung zu vollbringen.

Nur ein Zimmer hatte mir der tolle Iwan nicht gezeigt: sein Schlafzimmer. Aber dafür hatte ich mich auch nicht interessiert. Dass ich genau in diesem Schlafzimmer mal landen würde und mir vor Lust die Seele aus dem Leib schreien würde, hatte ich damals nämlich noch nicht vermutet. 

Unser erstes Treffen war also sehr gut verlaufen: mein Schlafzimmer hatte mir sehr gut gefallen, sofort hatte ich meine Sachen ausgepackt. Ich hatte nämlich sofort einziehen können, da Iwans letzter Mitbewohner das Weite gesucht hatte. Warum, hatte er mir nicht erzählt. Jedenfalls nicht zu Anfang. Mittlerweile kannte ich die Antwort. Iwan war Sex auf zwei Beinen. Und auch sein letzter Mitbewohner war ein Hetero gewesen. Nur war dieser im Vergleich zu mir klug genug gewesen, noch rechtzeitig Reißaus zu nehmen. Ich hingegen war leider nicht so klug gewesen. Die Wohnung gefiel mir nämlich wirklich gut und nach einer gewissen Zeit gefiel mir auch der nackte Mann darin immer mehr. Ich gewöhnte mich an ihn wie an ein seltsames Stück des Mobiliars, welches im Flur stand: eine geschnitzte Holzfigur, die zwei Männer beim Geschlechtsakt zeigte, und die mir bei meiner ersten Wohnungsinspektion nicht aufgefallen war, weil Iwan ein Tuch darüber gelegt hatte. Überhaupt war ich Iwan in die Falle gegangen, wie eine dumme Maus, die planlos auf den Käse zu trottete. Kaum, dass ich den Mietvertrag unterschrieben hatte, zeigte er nämlich sein wahres Gesicht. Oder viel eher seinen blanken Hintern.

 

E

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Der nackte Mann" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen