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Der magische Elfenbund – Zarias Sehnsucht

Über die Autorin

Victoria Hanley wurde in Kalifornien geboren. Ihre Fantasyromane wurden in zehn Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. Zurzeit lebt sie am Fuß der Rocky Mountains, wo sich Elfen, Feen, Trolle und Gnome Gute Nacht sagen.

Victoria Hanley

Titelbild

Aus dem amerikanischen Englisch
von Ann Lecker-Chewiwi

BASTEI ENTERTAINMENT

Kapitel

Das Klopfen an meiner Tür war knapp und präzise – ein Klopfen voller Autorität.

Ich beachtete es nicht und konzentrierte mich auf die goldene Teetasse meiner Mutter. Es war ihre Lieblingstasse gewesen, aber sie hatte sie seit über fünf Jahren nicht mehr angerührt. Ich drehte sie in meiner Hand und bewunderte traurig ihre schlichte Eleganz.

Draußen vor meinem Fenster war die Sonne von Elfenland untergegangen und hatte den Himmel in ein lilafarbenes Licht getaucht, in das sich ein immer dunkler werdendes Blau mischte. So ein friedvoller Anblick. Wenn ich doch nur ein wenig von diesem Frieden in mir spüren könnte.

»Öffne die Tür, Kind!«, rief jemand.

Kind. Offenbar vergaßen mächtige Elfen jedes Mal, wenn sie mich belügen wollten, dass ich Zaria hieß, und nannten mich stattdessen Kind. Auch wenn ich erst vierzehn war, war ich kein Kind. Ganz und gar nicht.

Das Klopfen wurde lauter.

Ich seufzte und stellte die Tasse zurück an ihren Stammplatz, ganz hinten im Zinnschrank. Mein Blick fiel auf das untere Regal, auf dem eine hohe indigoblaue Glasflasche stand. Sie war mit einem feinen, dunkel glänzenden Pulver gefüllt, das von einer unbekannten und so furchterregenden Magie durchdrungen war, dass ich die Flasche noch nie geöffnet hatte.

Erneutes Klopfen. Ich schloss den Schrank mit einem Klicken und glitt zur Tür.

Magistria Magnetit, Oberstes Mitglied des Hohen Rates von Elfenland, schwebte wenige Zentimeter über dem kleinen, mit Steinen gepflasterten Hof vor meinem Haus. Ihre schwarzen Flügel hoben sich von ihrer blendend weißen Haut ab. Um den Hals trug sie einen Rubin Oberons, Symbol ihrer Macht, der in der Dämmerung glitzerte.

Sie war in Begleitung der Ratsmitglieder Wolframit und Zirkon, die ebenfalls Rubine Oberons trugen; ihre waren jedoch in schwere Armbänder eingefasst. Ich mochte sie beide nicht und war mir sicher, dass sie mich auch nicht mochten. Zirkon lächelte nicht, als er mich sah, obwohl sein Sohn Meteor einer meiner besten Freunde war. Er starrte mich einfach nur aus grünen Augen an, die so tief lagen, dass man den Eindruck hatte, sie steckten in ihren Höhlen fest. Wolframits Nase zuckte, als versuche er, ein Problem aufzuspüren.

»Guten Abend, meine Liebe«, sagte die Magistria.

Jetzt war ich ihre Liebe.

Obwohl ich sie nicht hereinbat, glitten sie und Wolframit auf mich zu. Seine Nase stieß als Erstes gegen die magische Schranke, mit der ich mein Haus umgeben hatte. Er prallte im gleichen Augenblick rücklings mit Zirkon zusammen, als eine Flügelspitze der Magistria mit meinem Zauber in Berührung kam. Die stämmige Elfe zuckte zusammen.

»Zaria, ein Schutzzauber gegen uns?«, fragte sie.

Ach. Sie konnte sich also doch an meinen Namen erinnern.

Ich antwortete nicht. Es bestand kein Grund, sie darüber aufzuklären, dass mein Haus dank meines Zaubers jedem den Zutritt verwehrte, der mir nicht wohlgesinnt war. Es überraschte mich nicht, dass die anwesenden Ratsmitglieder nicht hereinkommen konnten.

Zirkon berührte den Rand meines Zaubers mit der Spitze seines Zauberstabs. Sein Gesicht zeigte keine Gefühlsregung, doch er wich zurück. »Was ist das für ein Zauber?«

Ich schwieg.

Magistria Magnetit seufzte. »Das ist eine schwierige Zeit für dich, Zaria. Du bist gewiss sehr bekümmert.«

Bekümmert. Das beschrieb nur zum Teil, wie ich mich fühlte. Noch zutreffender wäre rasend vor Wut.

»Ganz gleich, welchen Zauber du benutzt hast, du solltest ohne die Anleitung eines Mentors keine Magie ausüben«, fuhr die Magistria fort.

Bei dem Wort »Mentor« funkelte ich sie böse an.

»Zaria.« Wolframits Granataugen sahen aus wie Perlen, die ihm jeden Moment aus dem Gesicht zu fallen drohten. »Du darfst nicht zulassen, dass deine Verbitterung die Oberhand gewinnt. Wir möchten dir helfen.«

Ich blickte ihn fest an. »Sie glauben, ich bin verbittert?«

Seine Nase zuckte ununterbrochen. »Du lebst seit Tagen allein in dem Haus, in dem dein Vormund gestorben ist. Und wie es scheint, hast du irgendeinen merkwürdigen Zauber angewandt, um andere von dir fernzuhalten. Das sieht dir nicht ähnlich, Kind.«

»Ach, nein?« Was weißt du schon von mir?

»In den Berichten deines Vormunds stand, du wärst ruhig und gehorsam«, erklärte die Magistria.

»Beryl«, stieß ich wütend hervor. »Ihr Name war Beryl Danburit.«

Sie blinzelte. »Natürlich, Beryl Danburits Berichte über dich …«

»Waren positiv. Ja. Und was hat mir das eingebracht? Man hat mir eine Mentorin zugeteilt, die versucht hat, meinen Zauberstab zu stehlen. Ich wurde zur Verbrecherin erklärt. Man hat mich gejagt.« Und ohne meine eigenen Zauberkräfte wäre ich jetzt tot, durch Troll-Magie ausgelöscht.

»Das war ein Irrtum«, erwiderte die Magistria kühl. »Wir waren verzaubert, wie du sehr wohl weißt.«

Ich presste die Lippen aufeinander, um sie nicht anzuschreien. Sie hatte recht: Der gesamte Hohe Rat hatte unter einem Zauber meiner ehemaligen Mentorin Lily Morganit gestanden, einer bösen Elfe, wie sie Elfenland noch nie zuvor gesehen hatte.

Ich wartete darauf, dass sie mir erklärten, warum sie hier waren.

Wolframit durchbrach die bedrückende Stille. »Du bist zu einem Treffen geladen, Zaria. Morgen Vormittag im Turmzimmer des Elfenordens der Magie in Oberon-Stadt.«

»Warum dort?«

»Du weißt bestimmt«, sagte die Magistria kaum lauter als ein Flüstern, »dass Lily Morganit eine ständige Bedrohung darstellt. Sie ist mächtig genug, um jegliche Zauber zu brechen, die sie von dir fernhalten sollen.«

Ich bezweifelte, dass der Rat irgendwelche Zauber angewandt hatte, um mich vor Lily zu beschützen oder zu irgendeinem anderen Zweck. Eben deshalb hatte ich meine eigenen Schutzzauber geschaffen.

»Sie könnte jetzt hier sein«, fuhr die Magistria fort. »Uns unsichtbar belauschen. Aber im Turmzimmer sind jegliche Zauber nutzlos.«

»Wer kommt sonst noch zu diesem Treffen?«, wollte ich wissen.

»Niemand außer den hier Anwesenden«, erwiderte sie.

Ihr Lächeln gefiel mir nicht, und ich wollte mich nicht mit ihnen an einem Ort treffen, an dem Magie wirkungslos war.

Ich richtete mich zu meiner vollen Größe auf. Ich bin keine hochgewachsene Elfe – mein Anblick ist alles andere als furchterregend. Von meinen violetten Flügeln einmal abgesehen bin ich ziemlich farblos; meine Haut und mein Haar sind gräulich lavendelfarben. Zum Glück haben meine Augen die gleiche Farbe wie meine Flügel, was mich davor rettet, ganz und gar langweilig auszusehen. Meine eintönige Erscheinung ist für eine Elfe sehr ungewöhnlich, aber es macht mir nichts aus; durch meine unauffällige Färbung kann ich mühelos mit dem Hintergrund verschmelzen, wo ich mich am liebsten aufhalte. Nicht dass es mir in letzter Zeit wirklich gelungen wäre, im Hintergrund zu bleiben. Das hatte ich allein dem Hohen Rat zu verdanken.

»Ich werde mich nur mit Ihnen treffen, wenn meine Freunde dabei sein dürfen«, erklärte ich.

Die Magistria entfaltete ihre schwarzen Flügel, wodurch sie noch größer wirkte. Sie zog ihre dunklen Augenbrauen hoch. »Wie kannst du es wagen.«

Vor einem Monat wäre ich jedem Befehl eines Ratsmitglieds sofort gefolgt. Ich wäre von jeglicher Aufforderung des Hohen Rates geblendet gewesen, hätte alles getan, um ihren Anordnungen Folge zu leisten.

Aber jetzt zog ich meinen schmalen Zauberstab aus meinem Kleid.

Meine Besucher wichen zurück.

Kapitel

Die Gesichter von Magistria Magnetit und Ratsmitglied Zirkon waren wie versteinert. Nur Wolframit zwang sich zu einem Lächeln.

»Zaria«, sagte er, »wir müssen wichtige Dinge besprechen, die sowohl dich als auch Elfenland betreffen.« Ich traute meinen Augen nicht, als er sich vor mir verbeugte. »Wir bitten dich, zu diesem Treffen zu kommen.«

Die Magistria und Zirkon verbeugten sich nicht. Beide schuldeten mir eine umfassende Entschuldigung, was sie jedoch nie zugeben würden.

Ich hätte ihnen allen am liebsten den Rücken zugekehrt, aber sie regierten Elfenland. Sie konnten mir das Leben noch schwerer machen, als es bereits war.

Ich wandte mich an Ratsmitglied Wolframit: »Ich werde nur an Ihrem Treffen teilnehmen, wenn meine Freunde dabei sein dürfen.«

»Welche Freunde?«, fuhr mich die Magistria an. Als ob sie es nicht wüsste.

»Leona Blutstein. Meteor Zirkon. Andalonus Kupfer.«

Die Magistria spitzte die Lippen. »Dieses Treffen betrifft dich

»Und Elfenland«, erinnerte ich sie. »Somit betrifft es auch meine Freunde.«

Wolframit beugte sich zur Magistria. »Leonas Anwesenheit könnte hilfreich sein.« Er nickte Zirkon zu. »Und Meteors natürlich auch. Andernfalls müssen wir uns einzeln mit ihnen treffen.«

»Also gut.« Die Magistria runzelte ungehalten die Stirn. »Leona und Meteor können auch kommen.«

»Und Andalonus«, beharrte ich.

»Meine Liebe, du musst einsehen, dass Andalonus schwach ist. Ein gewöhnlicher Roter der Stufe 4!« Sie zuckte mit den Schultern. »Kaum ein angemessener Freund für eine violette Elfe wie dich.«

Ich schäumte vor Wut. Magische Kräfte waren das Einzige, was diese Ratsmitglieder schätzten. Nicht Mut. Nicht Güte. Und ganz bestimmt nicht Liebe. Denn Andalonus besaß all diese Eigenschaften, und dennoch verachteten sie ihn, weil er nur über wenig Magie verfügte.

»Er ist alles andere als gewöhnlich«, wandte ich ein.

»Er ist ein roter Elf«, gab die Magistria zurück. »Und wird nie mehr sein.«

Meine Flügel zitterten. »Wenn Sie möchten, dass ich zu Ihrem Treffen komme, müssen Sie Andalonus auch einladen.«

Sie schüttelte den Kopf. »Es ziemt sich nicht.«

Ich wandte mich ab und begann, die Tür zu schließen.

Ich hörte Wolframit flüstern. »Welchen Schaden kann er schon anrichten? Lassen Sie ihr doch ihren Willen.«

Ich wartete.

»Zwei Stunden nach Tagesanbruch, Zaria«, fauchte die Magistria. »Wir werden deine Freunde einladen.«

Als sie weg waren, streifte ich durchs Haus und kämpfte gegen die Verzweiflung an, die sich über meine Flügel breitete. Am Ende blieb ich neben dem Kupferofen, den ich seit Beryls Tod nicht mehr angezündet hatte, in der Luft stehen. Ich hatte mich nicht einmal dazu durchringen können, den Kessel aufzusetzen und mir ohne sie eine Tasse Tee zu kochen. Beryl und ich hatten so oft zusammen Tee gekocht.

Eine Frage quälte mich unentwegt. Wenn ich bei ihrem letzten Versuch, mit mir zu reden, auf sie gehört hätte, wäre sie dann noch am Leben?

Ich öffnete den Zinnschrank und starrte die indigoblaue Flasche an. Sie schien mit tausend Augenpaaren zurückzustarren. Mehrere Male streckte ich die Hand nach ihr aus, zog sie jedoch jedes Mal wieder zurück.

Ich schloss den Schrank und glitt zu dem Hochsitz, auf dem ich den Großteil meiner Zeit verbracht hatte. Lustlos schüttelte ich die abgewetzten Kissen auf und ließ mich auf sie fallen. Ihre Weichheit konnte mich jedoch nicht trösten.

Vielleicht hätte ich meine Trauer durch die leeren Räume herausschreien sollen. Aber ich konnte mir keine Tränen erlauben. Wenn ich erst einmal anfing zu weinen, würde mich der reißende Strom zermalmen wie ein Platzregen ein brüchiges Blatt.

Deshalb lag ich zusammengekauert in meinen Flügeln und atmete erst ein, dann zwei Mal tief durch.