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Der lockende Ruf der grünen Insel

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. Danksagungen
  6. 1. Kapitel
  7. 2. Kapitel
  8. 3. Kapitel
  9. 4. Kapitel
  10. 5. Kapitel
  11. 6. Kapitel
  12. 7. Kapitel
  13. 8. Kapitel
  14. 9. Kapitel
  15. 10. Kapitel
  16. 11. Kapitel
  17. 12. Kapitel
  18. 13. Kapitel
  19. 14. Kapitel
  20. 15. Kapitel
  21. 16. Kapitel
  22. 17. Kapitel
  23. 18. Kapitel
  24. 19. Kapitel
  25. 20. Kapitel
  26. 21. Kapitel
  27. 22. Kapitel
  28. 23. Kapitel
  29. 24. Kapitel
  30. 25. Kapitel
  31. 26. Kapitel
  32. 27. Kapitel
  33. 28. Kapitel
  34. 29. Kapitel
  35. 30. Kapitel
  36. 31. Kapitel
  37. 32. Kapitel
  38. 33. Kapitel
  39. 34. Kapitel
  40. 35. Kapitel
  41. 36. Kapitel
  42. 37. Kapitel
  43. 38. Kapitel
  44. 39. Kapitel
  45. 40. Kapitel
  46. 41. Kapitel
  47. 42. Kapitel
  48. 43. Kapitel
  49. 44. Kapitel
  50. Epilog
  51. Über die Autorin

Erin Quinn

DER LOCKENDE
RUF DER
GRÜNEN INSEL

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von
Ulrike Moreno

Für meine schönen, intelligenten und

nahezu perfekten Töchter Hailey und Taylor.

Ihr seid die Sonne meines Lebens.

Danksagungen

Ein Buch schreibt sich nicht selbst, und einen Roman in die Hände von Lesern zu bringen ist ein kollektives Bemühen. Kate Seaver, meiner Redakteurin bei Berkley, möchte ich dafür danken, dass sie sich in Haunting Beauty verliebte und mir half, es in die Bücherregale zu bringen. Es war ein Vergnügen, mit ihr zu arbeiten.

Wie immer, muss ich auch meiner Autorenkollegin, besten Kritikerin der Welt und lieben Freundin Lynn Coulter danken. Ohne dich könnte ich diese Reise nicht machen.

Ich müsste gehängt und gevierteilt werden, würde ich vergessen, meine Mittäterinnen zu erwähnen (fragt bitte nicht, bei welchen Taten, weil wir das nie verraten werden), die mich bei meinen Bemühungen unterstützten, mir zuhörten, wenn ich weinte, und sich freuten, wenn ich erfolgreich war. Eure Unterstützung und Freundschaft sind von unschätzbarem Wert für mich (in alphabetischer Reihenfolge): Jennifer Ashley, Sylvia Day, Calista Fox, Wendy Hood, Kathryne Kennedy, Sherry Knauss, Mary Leo, Cathy McDavid, Mackenzie McKade, Cassie Ryan und Susan Squires. Und ein ganz besonderes Dankeschön an Diana Gabaldon dafür, dass sie sich trotz eines halsbrecherischen Terminplans die Zeit genommen hat, Haunting Beauty zu lesen und dem Roman eine wunderbare Referenz zu geben. Auch Howard Carron vom Maricopa Library District muss gedankt werden für all die Unterstützung, die er hiesigen Autoren gewährt - besonders mir. Er war wunderbar, und ich bin sehr froh darüber, dass ich ihm begegnet bin.

Judi Barker, Rebecca Goude, Betty Grady und Julie Mahler haben alle erste Entwürfe von Haunting Beauty gelesen und mir wertvolles Feedback gegeben - vielen Dank euch allen! Ceaira Grady, meiner Nichte und größtem Fan, möchte ich meine Dankbarkeit für all ihre Ermutigung zum Ausdruck bringen - die wichtiger ist, als du ahnst. Vielen Dank auch an Kevin Graham von Intel, der mir geholfen hat, die Mächte des Universums einzusetzen, und an Caroline Curran für ihren wertvollen Beitrag über alles Irische.

Und in der Reihenfolge zuletzt, aber keineswegs in der Bedeutung, danke ich meinem wundervollen Ehemann Rick, der mir eine große Stütze ist. Zwanzig Jahre mit ihm, die sich »nur« wie ein ganzes Leben anfühlen. Aber Scherz beiseite, ich liebe dich noch genauso wie an dem Tag, als ich dir mein Jawort gab.

Ich habe wirklich großes Glück gehabt, solch großartige Menschen in meinem Leben zu haben.

1. Kapitel

Der Mann kam kurz vor Tagesanbruch.

Danni war gerade eben aus ihrem zerwühlten Bettzeug aufgefahren, ohne zu wissen, was sie aus dem Schlaf gerissen hatte. Die tintenschwarze Dunkelheit draußen presste sich an ihre Fenster wie ein eigenständiges, gespenstisches Gebilde, das sich einschleichen und das ganze Haus einnehmen wollte. Mit einem mulmigen Gefühl im Magen stieg Danni aus dem Bett und ging in die Küche, um Kaffee zu kochen.

Und in dem Moment bemerkte sie, wie sich die Luft veränderte.

Wie sie sich in eine kalte, stumme Kraft verwandelte, die ihr dennoch in den Ohren dröhnte und das unangenehme Gefühl in ihrem Magen noch verstärkte. Wie eine unterschwellige Erinnerung war die vertraute und beängstigende Empfindung plötzlich wieder da und machte sich in ihrem Kopf und Körper breit. Danni kannte das Gefühl und fürchtete es, und obwohl sie keine Ahnung hatte, was die Veränderung der Luft bewirkte, wusste sie noch sehr genau, wie es sich anfühlte.

Sie fuhr herum und sah, dass der Fremde wartend hinter ihr stand. Mit seinem hochgewachsenen, breitschultrigen und durchtrainierten Körper lehnte er an ihrem Küchenschrank, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt für ihn, in ihrem Haus zu sein. Als wäre er tatsächlich hier in ihrer Küche.

Dunkle Brauen und lange schwarze Wimpern betonten die ungewöhnliche Färbung seiner Augen, die irgendwo zwischen Grün und Grau changierte. Augen, die Danni an eine aufgewühlte See erinnerten mit ihrem unerbittlichen, prüfenden Blick. Seine gerade Nase harmonierte sehr gut mit den vollen Lippen und dem eckigen, markanten Kinn. Und trotzdem hatten seine Züge etwas Raues, Schroffes, das ihre Vollkommenheit beeinträchtigte und sie männlicher und anziehender machte als bloße maskuline Schönheit. Er trug einen schwarzen Ledermantel über einem weißen Hemd und Jeans, die sich von schmalen Hüften zu langen Beinen hin verjüngten. Der Mann war nicht nur groß und breitschultrig, sondern auch in jeder anderen Hinsicht eine sehr beeindruckende Erscheinung.

Und dieser Mann beobachtete und musterte sie mit der gleichen konzentrierten Aufmerksamkeit wie sie ihn. Danni fühlte sich ein bisschen unsicher in ihrem verwaschenen T-Shirt mit dem Rettet die Kinder-Aufdruck und den pinkfarbenen Boxershorts - was jedoch völlig lächerlich war, da er ja nicht wirklich hier war.

Doch das zu wissen änderte leider überhaupt nichts daran, dass ihr Magen sich vor Unsicherheit und Furcht zusammenkrampfte.

Danni verschüttete sogar ihren Kaffee, als sie ihre Tasse abstellte - weil sie ihr sonst aus der Hand gefallen wäre. Der Mann, der das offenbar als Billigung seiner Anwesenheit auslegte, entspannte sich und begann sich zu bewegen. Manchmal war das so, erinnerte sich Danni. Mitunter schienen die Erscheinungen sie wie Reiseleiter auf einen gruseligen Ausflug mitzunehmen - während ihnen in anderen Visionen nicht einmal bewusst zu sein schien, dass sie Dannis Realität verschwinden ließen und sie zwangen, einen Blick in eine andere zu tun.

In ihrer Kindheit waren diese Besuche - die Visionen - häufige und aufregende Erlebnisse gewesen. Das jähe Umschlagen der Luft hatte sich für sie damals wie Fliegen angefühlt. Aber sie hatte seitdem schon so lange keine Visionen mehr gehabt, dass sie sie fast vollständig vergessen hatte. Nein, berichtigte sie sich, vergessen hatte sie die Visionen nicht - sie hatte diese Erfahrungen bloß aus ihrem Gedächtnis gelöscht, weil nur Verrückte Dinge und Menschen wahrnahmen, die es gar nicht wirklich gab.

Aber jetzt geschah es wieder. Warum? Warum ausgerechnet jetzt - nach all den Jahren?

Der Mann trat einen Schritt zurück und machte ihr ein Zeichen, ihm zu folgen, während hinter seinen breiten Schultern die vertrauten Küchenwände schon verschwanden und, wie ein vor ihren Augen entstehendes Gemälde, eine raue, urwüchsige Landschaft an ihrer Stelle erschien.

Das Bild hatte verschwommene Konturen und eine körnige Textur, und dennoch wirkte es nicht weniger lebendig und real als dieser Mann vor ihr.

Zu real.

Ein schier endloser, bunter Teppich von lebhaften Grüntönen, erdigen Braun- und dunklen Graunuancen erstreckte sich vor ihr, und stirnrunzelnd versuchte sie, diese Landschaft irgendwo einzuordnen. Kannte sie den Ort? Hatte sie ihn schon einmal gesehen? Von den hellen Kacheln auf ihrem Küchenboden trat der Mann auf durchnässtes Gras, in dem er Fußabdrücke hätte hinterlassen müssen, was aber natürlich nicht der Fall war. Seine Schritte waren ebenso unwirklich wie seine Gegenwart, und nur äußerst widerstrebend folgte Danni ihm.

Es fühlte sich so an, als gingen sie ein Stück, obwohl Danni sehr wohl bewusst war, dass sie ihre Küche nie verlassen hatten. Trotzdem spürte sie die frostige Erde unter ihren Füßen, den eisigen Wind in ihrem Gesicht und den feuchten Dunst in ihren Haaren, deren Kälte durch ihre dünne Kleidung bis in ihre Knochen drang. Alles Empfindungen, die stark, real und sehr beklemmend waren.

Durch ein Tal folgte sie dem Mann zu einem ihr unbekannten Ziel. Der Himmel über ihnen grollte und überzog sich mit düsteren grauen Schattierungen von Stahl und Schiefer, die sogar die üppigen smaragdgrünen Wiesen verdunkelten und die Luft mit eisiger Feuchtigkeit erfüllten. Der scharfe Wind brachte den Geruch von Meersalz mit, als er die Äste der Erlen schüttelte und mit dem langen Ledermantel und dem kurz geschnittenen Haar des Fremden spielte. Irgendwo in der Nähe konnte Danni das Rauschen und Aufbranden von Wellen hören.

Wo bringst du mich hin?

Als hätte sie die Frage laut gestellt, blieb der Fremde stehen und blickte sich nach ihr um. Etwas Sehnsüchtiges, Verlangendes lag in seinen Augen, als er sie schweigend ansah, und Dannis Herz schlug noch schneller von dem Echo, das es tief in ihrem Innersten erzeugte. Wer war dieser Mann? Und warum hatte sie das Gefühl, als müsste sie ihn kennen?

Mittlerweile hatten sie den Rand eines über die See hinausragenden Abhangs erreicht, von dem ein gefährlich schmaler Fußweg in die Tiefe führte. Während Danni noch hoffte, dass der Mann einen anderen Weg einschlagen würde, begann er schon, den steilen Hang hinabzusteigen. Seine langen Beine bewältigten den Abstieg mühelos, aber Danni hatte alle Mühe, mit ihm Schritt zu halten, und war sich beinahe sicher, dass sie ein tödlicher Sturz erwartete - was immer das auch in ihrer derzeitigen Situation bedeuten mochte. Denn würde es überhaupt real sein, wenn sie in einer Vision der Tod ereilte?

Das Donnern der Brandung unter ihnen wurde lauter, und nun konnte Danni auch den salzigen Geruch des Meeres wahrnehmen. Sie hatte das Gefühl, dass sich etwas sehr Hohes, Großes links von ihr erhob, wusste aber nicht, ob es real oder nur eingebildet war, und konnte sich auch nicht danach umdrehen.

Die immer wieder aus dem Abhang herausragenden Felsen zwangen sie, sich beim Abstieg vorsichtig um sie herumzuschlängeln. Von der Anstrengung war ihr schon ganz warm geworden, und unter ihnen konnte sie nun auch noch andere Geräusche hören. Die Stimme einer Frau … Danni blieb stehen und lauschte der erregten Stimme. Sie klang verzweifelt, flehend. Aber da waren auch noch andere Stimmen … Sie hörte einen Mann sprechen, vielleicht sogar zwei. Und Kinder. Kinder, die furchtsam und verängstigt klangen.

Dannis Blut raste so schnell durch ihre Adern, dass ihr übel wurde. Der ängstliche, flehende Tonfall dieser jungen Stimmen, die sie vernahm, versetzte sie schlagartig in ihre Vergangenheit zurück. Zu ihren Nächten in dem Gemeinschaftsschlafzimmer des Kinderheims, wo immer irgendjemand ängstlich gewesen war und geweint hatte.

Ernst und konzentriert setzte der Mann den Abstieg fort, mit spielender Leichtigkeit, soweit Danni das beurteilen konnte, auch wenn sich hin und wieder kleine Steine unter seinen Füßen lösten, die polternd den Abhang hinunterfielen. Danni blieb jedoch wie angewurzelt stehen, wo sie war, und lauschte den erregten, aber undeutlichen Worten unter ihr. Was auch immer dort unten vorging, war nichts Gutes, und Dannis sämtliche Instinkte bestürmten sie, den Weg nicht fortzusetzen.

Plötzlich ertönte ein lauter Knall - das Krachen eines Schusses, dem entsetzte Schreie folgten. Danni fuhr zusammen und konnte spüren, wie ihre Hände feucht wurden vor Angst. Sie wollte dem Fremden nicht länger folgen, wollte hinaus aus dieser Vision und zurück in ihre Küche, wo sie sicher war. Krampfhaft ballte sie die Fäuste und nahm ihre ganze Willenskraft zusammen, um der Vision Einhalt zu gebieten, sich ihr zu widersetzen, sie nicht mehr an sich heranzulassen.

Der Mann vor ihr verhielt den Schritt und sah sich um. Es schien fast so, als wüsste er, was sie dachte. Seine Augen verdunkelten sich vor Mitgefühl, aber auch Enttäuschung lag darin, die er nicht ganz verbergen konnte. Danni spürte sie genauso deutlich, wie sie sie sah. Dann nickte er ihr zu. Geh weiter, schien er damit sagen zu wollen. Aber es war keine verurteilende oder befehlende Geste, sondern eine, die ihr die Erlaubnis gab, sich umzudrehen und zurückzugehen.

Der steile Abhang, der düstere Himmel … der Fremde, der seinen bezwingenden Blick auf sie gerichtet hielt … Für einen Moment begann dies alles zu verschwimmen, und darunter konnte Danni ihre warme, anheimelnde Küche sehen. Sie brauchte wirklich nur den entscheidenden Schritt zu tun und aus dem Bild und der Vision heraustreten.

In der Tiefe unter ihnen hörte sie jedoch das Weinen der Kinder und das unzusammenhängende, fieberhafte Flehen der Frau. Danni spürte ihre Verzweiflung, ihre Angst. Die große Not, in der sie war …

Der Mann machte sich wieder an den Abstieg, mit größerer Dringlichkeit sogar als vorher. Danni kniff die Augen zusammen und atmete tief ein. Da sie wusste, dass sie einer solchen Verzweiflung nicht den Rücken zukehren konnte, blockierte sie im Geist den Weg zu ihrer Küche und schloss die Tür zu Sicherheit und Vernunft. Wieder einmal folgte sie dem Fremden, ja, bemühte sich sogar, ihn einzuholen, als er in der über dem Tal hängenden Düsternis verschwand.

Muscheln und Steine bedeckten den schmalen Durchgang zwischen mächtigen Felsbrocken und der aufgepeitschten See. Der Boden knirschte unangenehm unter Dannis Füßen, als sie dem Mann zu einem Eingang am Fuß der steil aufragenden Felswand folgte. Mit schmalen Augen spähte Danni durch die aufkommende Dämmerung und den dichten, über den Boden wabernden Nebel, unter dem sie ihre eigenen Füße nicht mehr sah.

Sie konnte so gut wie gar nichts erkennen, bis sie neben dem Fremden stand. Dann, als hätten sich ihr Gehör und ihre Sicht von einer Sekunde auf die andere geschärft, nahm sie eine wahre Explosion von surrealen Farben und Texturen wahr, und der Ursprung der gehörten Stimmen trat mit schockierender Klarheit aus seiner bisherigen Verschwommenheit hervor.

Danni stand plötzlich in einer Höhle mit einem etwas tiefer liegenden Gezeitenwasserloch in ihrer Mitte, auf dessen anderer Seite sie im Schein einer Laterne Menschen stehen sah. Das gedämpfte Licht, das auf makabre Weise ihre Gesichtszüge verzerrte, ließ sie aussehen, als trügen sie Masken. Eine Frau und zwei Kinder standen dicht beieinander, während ein Mann noch gerade innerhalb des Lichtscheins auf dem Boden kniete und etwas in den Armen hielt, das Danni nicht erkennen konnte.

Sie wollte näher herangehen, um die Gesichter der Leute zu sehen, aber irgendetwas veranlasste sie, neben dem Fremden zu verharren und reglos die sich vor ihren Augen abspielende Szene zu verfolgen.

Die Kinder, die sie weinen gehört hatte, klammerten sich jetzt an die Beine der Frau, als wollten sie buchstäblich mit ihr verschmelzen. Die beiden waren ein Junge und ein Mädchen, deren Alter Danni auf vier oder fünf schätzte. Die Frau sagte wieder etwas mit dieser schrillen, furchtsamen Stimme, und jemand, der in der Dunkelheit um sie herum nicht zu erkennen war, antwortete. Die Stimme war tief und definitiv männlich, aber Danni konnte ihren Besitzer weder sehen noch verstehen, was er sagte.

Der Mann, dem Danni aus ihrer Küche in diese … andere Realität gefolgt war, ging jetzt langsam auf die Frau zu. Als er sie erreicht hatte, blickte er sich zu Danni um - und hob die Jacke und Bluse der Frau an, unter denen die leichte Wölbung einer frühen Schwangerschaft zu sehen war … und Prellungen! Große, dunkle Prellungen an ihren Rippen und an ihrem Bauch, eine schaurige Mischung aus schwarzen, blauen, gelben und scheußlich grünen Flecken. Alte und neue Spuren, die einander überlagerten.

Erschrocken fuhr die Frau mit großen, furchtsamen Augen herum und blickte zu der Stelle hinüber, wo Danni für einen langen, atemlosen Moment wie vom Donner gerührt stand. Sie konnte den Blick der Frau ganz deutlich spüren, als er ihr Gesicht berührte.

Sie kann mich sehen …

Aber das war unmöglich, da sie ja nicht wirklich dort war. Keiner von ihnen war es. Das Ganze war doch nur eine Vision … eine Halluzination … oder nicht?

Während Danni nach dem Anlass ihres Unbehagens suchte, hörte die Frau nicht auf, sie anzustarren. Danni sah das Erschauern, das die andere durchlief und nicht einmal vor ihren Händen haltmachte, die ihre Kinder hielten. Ein Déjà-vu-Gefühl erfasste Danni, und dieses Empfinden, schon vorher einmal hier gewesen zu sein, war ebenso real, wie es unmöglich war. Sie kannte weder diesen Ort noch diese Frau noch die Kinder …

Aber ihre innere Abwehr stieß auf Zweifel. Sie sah den Jungen an, der still neben seiner Mutter stand, dann das kleine Mädchen, das sie an der anderen Hand hielt. Das Gesicht der Kleinen war tränenüberströmt, ihre Augen waren groß und grau, ihr Haar goldbraun. Ihr wissender Blick schien bis in die tiefsten Winkel von Dannis Seele einzudringen.

Es war fast so, als hätte eine riesige Faust die Zeit durchstoßen und Danni aus ihrem Körper herausgerissen. Dieses Mädchen war keine Fremde, aber es war auch keine Bekannte oder Freundin. Wie die Vision war die Kleine … etwas Unmögliches. Sie war Danni - Danni als kleines Mädchen.

Sie sah sich selbst … sich selbst vor zwanzig Jahren.

Danni überlief es heiß und kalt von Gefühlen, die sie in diesem Augenblick, der keinen Platz und keinen Bestand hatte in der Welt, die sie kannte, weder erfassen noch verarbeiten konnte. Deshalb richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Frau, deren Gesicht ihr plötzlich sehr vertraut war, als sie sich daran erinnerte, wie es sich angefühlt hatte, ihre Arme um sie zu legen und von ihr umarmt zu werden.

Denn diese Frau war ihre Mutter.

Der noch immer nicht zu sehende Mann sagte etwas in einem scharfen, bösen Ton, der die Aufmerksamkeit ihrer Mutter sofort wieder ablenkte.

»Nein!«, schrie Danni und stürzte vor, um zu versuchen, ihre Mutter wieder herumzudrehen. Sie zu berühren, zu umarmen und sie anzuflehen, sie, ihre Tochter, wieder wahrzunehmen. Doch was auch immer sie für einen Moment verbunden hatte, war verflogen. Das kleine Mädchen begann, untröstlich zu weinen, und der Mann, der neben der Frau und den Kindern auf dem Boden kniete, richtete sich auf unsicheren Beinen auf. Sogar in dem schwachen Licht der Höhle konnte Danni sehen, dass sein Gesicht nass von Tränen war, geschwollen und gerötet und von Schmerz und Trauer schwer gezeichnet.

Aus irgendeinem vergessenen Winkel ihres Bewusstseins begann eine Erkenntnis aufzusteigen. Es war kein Déjà-vu, was sie hier sah - sie war schon einmal hier gewesen. Doch bevor sie sich die verschwommene Erinnerung deutlicher machen konnte, war sie schon wieder verflogen.

Entsetzen stand jetzt in den Augen ihrer Mutter und verriet sich in der Art, wie ihr Blick zwischen der körperlosen Stimme und dem Mann an ihrer Seite hin- und herglitt, der jetzt die Hände hochnahm und sie - in einem allgemein bekannten Zeichen der Ergebung - mit den Handflächen nach oben über seinen Kopf hielt.

Doch der Wortwechsel zwischen der Frau und ihrem unsichtbaren Gegner wurde lauter, bis die feindseligen Worte überall von den Höhlenwänden widerhallten. Die in der Luft liegende Spannung verstärkte sich wie der Druck einer sich zusammenziehenden Drahtschlinge, die jeden Augenblick die Haut durchtrennen würde. Warum nur konnte Danni nicht verstehen, was gesprochen wurde?

Plötzlich hallte ein lauter Knall von den Höhlenwänden wider, und Dannis Schreie vermischten sich mit denen ihrer Mutter und der Kinder. Ein Schuss, dachte sie. Das war ein Schuss. Und während ihr Verstand noch das Geräusch bestimmte, reagierte ihr Körper bereits auf den scharfen Schmerz, der sie durchfuhr. Es war, als hätte sich eine Kugel in ihr Herz gegraben. Sie blickte an sich herab und erwartete, Blut zu entdecken - das Leben selbst aus sich herausströmen zu sehen. Aber da war nichts, absolut nichts, was diesen jähen, scharfen Schmerz erklären würde. In Schock und Panik blickte sie sich um und sah die zusammengesunkene Gestalt bei dem Grüppchen angsterfüllter Menschen. Und erst da begriff sie, was der Mann bei ihrem Hereinkommen in seinen Armen gehalten hatte. Es war ein Leichnam, eine reglose menschliche Gestalt.

Irgendwie gelang es Danni, sich zu dem Fremden umzudrehen, der sie hierher gebracht hatte. Er beobachtete sie mit solch ausdrucksloser Miene, dass seine Gegenwart weder tröstlich noch bedrohlich wirkte. Als sie ihn ansah, fühlte Danni sich jedoch wie gefesselt von seinem Blick und konnte weder wegsehen noch sich wieder dem vor ihr entfaltenden Drama zuwenden. Die Stimmen ihrer Mutter und der Kinder wurden schwächer und nahmen Dannis scharfen Schmerz mit sich. Sie verblassten - alles um Danni herum begann zu verblassen und sich aufzulösen.

Sie wollte sich an ihrer Mutter festklammern wie das Kind, das sie einst gewesen war, doch sie konnte weder dem rätselhaften Blick des Fremden, der sie begleitete, entkommen noch ihre Beine dazu bringen, ihr zu gehorchen.

Wieder verdüsterte eine aufwirbelnde Mischung aus Grau- und Brauntönen die Luft, die Danni an einen gigantischen Gott denken ließ, der auf einer ebenso gigantischen Glasscheibe Sandkunstwerke schuf. Das Licht wechselte von Halbdunkel zu grauem Nebel, und schon waren sie wieder draußen im Freien, wo der Wind das Gefühl der frischen Luft und bitteren Kälte noch verstärkte. Sie waren wie zu Anfang allein, sie und der Fremde. Von dem Schmerz der Schusswunde war nichts mehr zu spüren, doch nun war Dannis Herz voller Trauer über den Verlust der Mutter. Schon wieder. Schon wieder hatte sie Danni im Stich gelassen.

Der Mann, der sich neben ihr in Bewegung setzte, ließ ihr jedoch keine Zeit zu trauern. Er hatte eine Mission. Über dem Gesehenen hatte Danni ganz vergessen, dass er seine eigenen Gründe hatte, hier zu sein.

Sie waren wieder in dem Tal, und Danni folgte ihm, als er mit großen Schritten voranging, eine dunkle, hochgewachsene Gestalt in einer aus düsteren Farbnuancen porträtierten Welt. Ihre gemeinsamen Momente näherten sich ihrem Ende, das spürte Danni und nahm es auch in der knisternden Atmosphäre um sie herum wahr. Bald würde die Luft wieder umschlagen, und dann war die Vision beendet.

Danni folgte dem Mann zu einem frisch aufgeworfenen Erdhügel inmitten des üppigen grünen Weidelandes. Still und schweigend stand sie dort neben dem Fremden und wartete, wobei sie schon wieder das Gefühl hatte, dass irgendetwas Hohes, Großes seinen Schatten auf sie warf. Aber sie war nicht imstande, sich umzudrehen, um zu sehen, was es war.

Sie hatten neben einem flachen, offenbar gerade erst ausgehobenen und nicht gekennzeichneten Grab innegehalten. Der würzige Geruch der frisch umgegrabenen Erde vermischte sich mit dem nach Salz und Fisch, der von der See aufstieg. Danni konnte ihre Wellen gegen die Felsen unter ihnen schlagen hören.

Ein Ausdruck untröstlichen Bedauerns zeichnete das Gesicht des Fremden, als er die offene Grube inmitten der Oase üppigen Grüns anstarrte. Von neuer Furcht ergriffen, schluckte Danni hart. Das Grab war ein Unheil verkündendes Symbol in dieser Vision. Oder war es real? Der schlammige Boden zu ihren Füßen schien sie geradezu zu rufen und sie mit dem Versprechen süßer, unwiderstehlicher Belohnungen zu sich heranzulocken.

Danni beugte sich langsam vor und blickte in das Loch. Zwei Leichen lagen auf dem Boden, als wären sie achtlos dort hineingeworfen worden. Der eine war ein halbwüchsiger Junge, und Danni glaubte, sich dunkel zu erinnern, dass er der Leichnam war, den sie schon in der Höhle gesehen hatte. Er war schlaksig und flachbrüstig, seine Beine lagen in einer unnatürlich abgespreizten Haltung unter ihm, und sein Gesicht war abgewandt. Neben ihm befand sich die Leiche einer Frau, die Leggings und ein viel zu großes T-Shirt trug - ein Outfit, wie es in den Achtzigerjahren modern gewesen war. Ihr langes goldbraunes Haar lag über ihren Schultern und der Brust des Jungen. Die eine Hälfte ihres Gesichts war nicht zu sehen, doch die andere …

Danni schrak entsetzt zurück vor dem, was ihr Verstand nicht anerkennen wollte, ihre Augen ihr jedoch als Wahrheit offenbarten. Wieder einmal stand sie vor sich selbst, nur sah sie diesmal nicht das kleine Mädchen, sondern die Frau, die sie inzwischen war. Denn der andere Leichnam in dem Grab war Dannis.

Nein, nein, nein! Das ist unmöglich …

Der Mann neben ihr starrte einen weiteren gedankenvollen Moment in das Grab, und dann blickte er zu der fernen, aufgewühlten See hinaus. Danni konnte spüren, wie sein Zorn und Kummer wuchsen und sich vermischten, bis sie in ihm brannten wie der ihnen ins Gesicht peitschende Wind. Sie konnte fühlen, wie ihn die Macht dieses Gefühls verzehrte und ihn an einen Punkt herantrieb, der ebenso gefährlich war wie das ins Meer herabstürzende Kliff.

Dann richtete er diese verzweifelten Augen plötzlich auf sie und streckte die Hand aus, als würde ihm gerade zum ersten Mal bewusst, dass er sie vielleicht berühren konnte. Und in einer Mischung aus Furcht und Erwartung wartete Danni auf den Kontakt.

Erscheinungen konnten nichts berühren, nichts verspüren …

Als der Fremde ihr dann aber mit dem Handrücken über die Wange strich, war ihre kalte Haut wie elektrisiert von seiner Wärme. Verwundert starrte sie ihn an und sah in dem schimmernden Silber und Grün seiner Augen ihr eigenes Erstaunen reflektiert.

Dann berührte er sie abermals, indem er seine Hand unter ihr Kinn legte … und schließlich sogar mit beiden Händen ihr Gesicht umfasste. Mit seinen ein wenig rauen, warmen und unbestreitbar realen Händen. Verwundert starrte Danni ihn an und hielt den Atem an, als sein Blick zu ihrem Mund hinunterglitt.

Wie von selbst bewegten sich ihre Hände zu seiner breiten Brust, legten sich auf die ausgeprägten Muskeln dort und nahmen ihre Bewegung unter seinem tiefen Atemzug und das schnelle Schlagen seines Herzens unter ihren Fingern wahr. Dannis Furcht verlor sich in der jähen Hitze, die ihr Innerstes in Flammen setzte und eine schier unerträgliche Sehnsucht in ihr weckte. Sie wartete, als der Mann den Kopf senkte und seine Lippen noch näher an die ihren brachte. Aber die Luft veränderte sich schon - das konnte Danni deutlich spüren. Während seine Lippen ihren noch ganz nahe waren und sein Atem wie ein heißes, verführerisches Wispern, das sie nicht wirklich verstehen konnte, über ihre Haut strich, begann er bereits zu verblassen.

Danni versuchte, ihn aufzuhalten, versuchte sogar, die Luft daran zu hindern, ihr den Fremden wegzunehmen. Doch der Mann, das Grab, der stahlgraue Himmel … sie alle lösten sich innerhalb von Sekunden zu einem nur leicht über der Erde dahintreibenden Nebel auf - unter dem Dannis Küche auf ihre Heimkehr wartete.

Mit einem jähen, unangenehm scharfen Ruck wurde sie dorthin zurückversetzt, wo alles angefangen hatte. Kraftlos sank sie gegen die Anrichte und atmete in großen Zügen die erfreulich warme Luft in ihrer Küche ein. Ihre Tasse stand noch dort, wo sie sie zurückgelassen hatte, der Kaffee war nicht einmal abgekühlt, obwohl Stunden vergangen zu sein schienen. Und da Danni weder das Zittern in ihren Beinen unterbinden noch ihr wild pochendes Herz beruhigen konnte, ließ sie sich auf den kalten Kachelboden sinken und rollte sich zusammen wie ein kleines Kind.

Sie verstand nicht, was die Vision bedeutete, wer der Mann darin war, warum sie ihn gesehen hatte oder warum er ihr die Mutter gezeigt hatte, an die sie sich fast nicht mehr erinnerte. Eines wusste sie jedoch: Der Fremde mit den seltsam grünlich grauen Augen suchte sie, Danni. Und es war nur eine Frage der Zeit, bis er sie finden würde.

2. Kapitel

Sean Ballagh blieb auf dem Gehweg vor dem Haus der Frau stehen und versuchte, sich des immer stärker werdenden Unbehagens zu erwehren, das von überallher auf ihn einzustürmen schien. Er blickte über die Schulter und spürte die lautlosen Schritte eines unsichtbaren Feindes - der pure Einbildung oder auch beängstigend real sein könnte. Doch was es war, ließ sich nicht entscheiden.

Nichts rührte sich außer einer leichten Brise und den langen morgendlichen Schatten. Tief am Horizont warfen die ersten Sonnenstrahlen einen goldenen Dunstschleier über eine unendlich weite, blaue Fläche, und hinter einer dünnen Schicht filigraner weißer Wolken gesellten sich prachtvolle Amethyst- und Rubintöne dazu. Der Sonnenaufgang war atemberaubend schön, aber er vermochte weder Seans innere Anspannung noch das ungute Gefühl zu lindern, das ihn schon die ganze Zeit verfolgte. Seit Jahren hatte er nach der Frau gesucht, die sich Danni Jones nannte, und jetzt, da er sie endlich gefunden hatte, befürchtete Sean, dass er zu spät gekommen war.

Für einen Moment kam ihm der Gedanke, ein überraschender Besuch so früh am Morgen könnte vielleicht nicht die klügste Vorgehensweise sein. Er wusste, dass die Frau zu Hause war und in etwa einer Stunde zur Arbeit fahren würde. Aber er war ein Fremder, und vielleicht würde sie ihm ja nicht einmal die Tür öffnen. Er erinnerte sich, wie komisch Amerikaner in solchen Dingen waren, vor allem in einer großen Stadt wie Phoenix, Arizona. Ein Teil von ihm hoffte sogar, dass die Frau ihn nicht hereinließ. Vielleicht würde sie ihn gleich wieder nach Irland zurückschicken, ohne sich auch nur ein Wort seiner Geschichte anzuhören. Aber dazu hätte es eines Glücks bedurft, das Sean Ballagh noch nie gehabt hatte.

Versonnen klopfte er auf die Tasche mit der kleinen Schmuckschachtel, die seine Großmutter ihm vor seiner Abreise aus Ballyfionúir in die Hand gedrückt hatte. Sie hatte ihm aufgetragen, sie der jungen Frau zu geben, wenn er sie fand. »Das hier wird sie nicht verleugnen können«, hatte sie mit einem wissenden Blick hinzugefügt. Der eigentlich ganz leichte Gegenstand fühlte sich unverhältnismäßig schwer in seiner Tasche an.

Sean holte tief Luft, als wieder Zweifel in ihm hochkamen. Es war nicht falsch, was seine Großmutter von ihm verlangte, aber richtig war es auch nicht.

»Du bist nur ein verdammter Feigling«, murmelte er vor sich hin, doch wie von den morgendlichen Schatten, die ihn umgaben, sah er sich von einem Gefühl der Unausweichlichkeit bedrängt. Er würde seine Rolle spielen, die des Boten, der frohe Neuigkeiten bringt - auch wenn sein Herkommen in Wahrheit absolut kein Grund zur Freude war.

Danni Jones lebte in einem gemütlich aussehenden Cottage, das irgendwie ganz fehl am Platz wirkte in dieser öden Wüstenlandschaft. Ein Stückchen Rasen schmiegte sich an einen mit unebenen Steinen gepflasterten Weg, der zu der Haustür führte. Mit gelben, blauen, pink- und orangefarbenen Blumen bepflanzte Fässer brachten Farbe in den Vorgarten, genau wie die leuchtend roten Vogelfutterkästen, die - in sicherer Höhe und außer Reichweite der ungewöhnlich großen gelben Katze, die ihn von der Eingangsstufe her beäugte - unter dem weiß getünchten Vordach hingen.

Als er darauf zuging, rannte die Katze fauchend weg und verschwand in einer Hecke um die Ecke. Eine schmiedeeiserne Tür mit kunstvollen Öffnungen in Form von Blumen und Vögeln bedeckte den Eingang. Es war eine sogenannte Sicherheitstür, wie Sean wusste, obwohl dort, wo er herkam, solche Türen ungefähr genauso ungewöhnlich und fremd wie Dürreperioden waren. Das kunstvolle Muster schuf ausreichend große Öffnungen zu der Jalousie hin, die als Moskitogitter diente, während es gleichzeitig eine solide Barriere zwischen Tür und Eingangsstufe bildete.

Mit einem Widerstreben, das er nicht verspüren wollte, drückte Sean Ballagh auf die Klingel. Als sie durch das Haus schallte, wurde fast augenblicklich das aufgebrachte Kläffen eines Hundes laut, und Sekunden später schob sich eine braune Schnauze durch die Jalousie, und das dazugehörige Tier, das Sean noch nicht erkennen konnte, bleckte knurrend die Zähne. Ein gutes Stück darüber hob sich eine weitere Lamelle und verriet ihm, dass er nicht nur von einem Vierbeiner in Augenschein genommen wurde. Dann schloss sich die Lamelle wieder, und einen Augenblick darauf war auch die Hundeschnauze nicht mehr zu sehen.

Die Sicherheitstür wurde jedoch nicht geöffnet, obwohl Sean spüren konnte, dass die Frau hinter der Jalousie stand. Nach kurzem Warten rief er sie. »Miss Jones? Mein Name ist Sean Ballagh, und ich bringe Nachrichten von Cáthan MacGrath aus Ballyfionúir in Irland.«

Die Lüge fühlte sich wie Kreide auf seiner Zunge an, aber Sean ließ ihr ein, wie er hoffte, aufrichtiges Lächeln folgen, für den Fall, dass die Frau ihn sehen konnte. Aus dem Haus hörte er ein leises Schlurfen und dann gar nichts mehr. Voller Unbehagen wartete er und kam sich wie ein ausgemachter Schwindler vor mit seinem aufgesetzten, falschen Grinsen im Gesicht. Deshalb ließ er es verblassen und schließlich sogar ganz verschwinden.

Als er schon fast sicher war, dass sie ihn ignorieren würde, hörte er sie sagen: »Sie müssen mich verwechseln. Ich habe noch nie etwas von einem Mr. Cáthan Sowieso gehört.«

»Das ist schade«, antwortete er und senkte die Stimme, damit sie sich anstrengen musste, um ihn zu verstehen, und die Tür vielleicht ja doch noch öffnete. »Er ist nämlich Ihr Vater.«

Endlose Minuten schienen wie in Zeitlupe dahinzukriechen, doch dann sah er sie näher treten. Wider Willen triumphierte Sean im Stillen. Auf der anderen Seite des Moskitoschutzes konnte er nun die Silhouette einer weiblichen Gestalt ausmachen.

»Was haben Sie gesagt?«, fragte sie.

Er trat vor und versuchte, ihr Gesicht zu sehen, aber der Hund warf sich mit einem solch lauten Krachen gegen die Tür, dass Sean zurücksprang. In unverhohlenem Entsetzen starrte er das kleine Tier an, das knurrend und angriffslustig die Zähne bleckte. Die Frau bückte sich, um das Biest an seinem Halsband wegzuziehen. Dabei erhielt Sean einen kurzen Blick auf ein blasses Gesicht, langes goldbraunes Haar und einen hellblauen Pullover, bevor die Frau sich wieder in die dunkle Diele ihres Hauses zurückzog.

Aber dieser kurze Blick genügte. Sie war die Frau, die er gesucht hatte.

»Ich sagte, es ist schade, dass Sie nicht wissen, wie Ihr eigener Vater heißt.«

Eine fast unmerkliche Pause entstand, dann erwiderte sie: »Ich habe keinen Vater. Und auch keine anderen Angehörigen mehr.«

»Oh, da irren Sie sich aber.«

Sean öffnete den großen braunen Umschlag, den er mitgebracht hatte, und nahm den Schnappschuss heraus. Einen Moment lang starrte er selbst das Foto an, bevor er es an den Moskitoschutz hielt. Der Hund knurrte wieder, aber die Frau war interessiert genug, um näher zu treten.

Und gerade da stieg die Sonne ein wenig höher und fing sie ein in einem Strahl, der das Moskitonetz durchdrang und ein zartes Gesicht mit großen grauen Augen beleuchtete. Sean starrte sie an, wie vom Donner gerührt von dem Gefühl, das ihn durchfuhr. Sie erschien ihm sehr vertraut - und nicht nur, weil er sie gekannt hatte, als sie noch Kinder gewesen waren und sie in Irland gelebt hatte. Es war weit mehr als das. Der Anblick ihres hübschen Gesichts und dieser ausdrucksvollen Augen rief ein Gefühl in ihm hervor, das tiefer ging als nur Vertrautheit. Es war kein angenehmes, aber trotzdem irgendwie vertrautes Gefühl, das ihn vollkommen durcheinanderbrachte.

Während sie mit einem Arm den giftigen kleinen Hund festhielt, hing der andere herab, und Sean konnte sehen, wie nervös sie ihre Finger öffnete und krümmte. Sie warf ihm einen zurückhaltenden Blick zu und ertappte ihn dabei, wie er sie mit offenem Mund anstarrte und sich erst zwingen musste, ihn zu schließen.

Es lag etwas Ratloses in ihrem Gesichtsausdruck - als hätte sie das gleiche irritierende Gefühl des Wiedererkennens gehabt wie er. Als wüsste sie, wer er war und was er wirklich wollte. Als wäre sie über ihn im Bilde. Der Gedanke beunruhigte Sean noch lange, nachdem sie ihre Aufmerksamkeit schon der Fotografie, die er ihr zeigte, zugewandt hatte.

Wie gebannt starrte sie das Bild zunächst nur an, aber dann hob sie eine Hand, um es durch den Moskitoschutz zu berühren. »Woher haben Sie das?«, murmelte sie.

»Es wurde in Irland aufgenommen - in Ballyfionúir, wo Sie herkommen und ich lebe.« Er zögerte für den Bruchteil einer Sekunde, bevor er leise hinzufügte: »Das Foto zeigt Ihre Familie.«

Ein leiser Laut entrang sich ihr, und in einer liebevollen, aber zugleich auch ablehnenden Geste legte sie ihre Hand über das Bild.

Sean unterdrückte seine Gewissensbisse und fragte: »Könnte ich Sie ein paar Minuten sprechen, Miss Jones? Ohne die Tür zwischen uns vielleicht?«

Durch den Moskitoschutz spürte er ihren forschenden Blick auf sich, und eine Vielzahl widerstreitender Wünsche und Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Sie hatte etwas Zerbrechliches an sich, womit er nicht gerechnet hatte. Etwas Wehrloses, trotz ihres sehr geraden Rückens und des festen Blicks. Er wollte sie nicht täuschen, und er wollte sie schon gar nicht in die Hölle hineinziehen, zu der ihr Leben werden würde.

»Wer sind Sie?«, fragte sie.

»Sean Ballagh, wie ich bereits sagte. Ich wurde aus Irland hergeschickt, um Sie zu suchen. Auf Wunsch Ihrer Familie.«

»Können Sie sich ausweisen?«

Er nickte und zog seinen Pass heraus, um ihn neben das Foto an der Tür zu halten. Das Bild darin war so alt und körnig, dass sie es lange betrachtete und mit seinem heutigen Aussehen zu vergleichen schien. Und wieder flackerte ein Anflug von Erkennen in ihren Augen auf, als sie ihn so prüfend musterte. Sie war fünf und er gerade erst ein Teenager gewesen, als sie sich zuletzt gesehen hatten. Es war unwahrscheinlich, dass sie sich überhaupt an ihn erinnerte, geschweige denn den schlaksigen Jungen von damals mit dem Mann in Einklang brachte, der er heute war - und trotzdem wurde er das Gefühl nicht los, dass es so war.

»Sie sind sehr jung auf diesem Foto«, bemerkte sie stirnrunzelnd. »Wie alt ist es?«

»Alt«, erwiderte er. »Ich muss ein neues machen lassen.«

Schließlich nickte sie, dann hörte er, wie der Riegel zurückgeschoben wurde, und sie öffnete die Sicherheitstür. Der Hund in ihren Armen zappelte wie verrückt, aber irgendwie schaffte sie es, ihn festzuhalten.

»Lass das, Bean«, tadelte sie ihn.

Aus der Nähe konnte Sean erkennen, dass Bean nicht nur ein Hund sein konnte. Irgendwo in seinem Stammbaum musste es auch einmal einen Dachs gegeben haben. Das sich windende, wild die Zähne fletschende Tier hatte eine lange Nase, spitze Ohren und einen winzigen Stummelschwanz. Irgendwo trug er wohl auch die Gene eines Terriers und womöglich sogar Rottweilers in sich, so unbegreiflich diese Vorstellung auch war.

»Sie glaubt immer, sie müsse mich beschützen«, sagte Danni und legte Bean die Finger um die Schnauze, um das aufgebrachte Tier zum Schweigen zu bringen. »Ich habe sie gerettet, als sie noch ein Welpe war, und sie hat niemand anderen als mich. In der Regel mag sie andere Leute aber auch gar nicht.«

»Das hatte ich mir schon fast gedacht«, sagte Sean und setzte das unaufrichtige Lächeln wieder auf.

Nachdem sie sich entschlossen hatte, die Tür zu öffnen, trat sie zurück und bedeutete ihm mit einer Handbewegung einzutreten. Sean musste sich jedoch zwingen, einen Schritt nach vorn zu machen und ihr Zuhause zu betreten.

Drinnen folgte er ihr durch ein sonniges Wohnzimmer mit einer Wand voller Bücherregale, einem gemütlich aussehenden Sofa und Sessel und einem kleinen Fernsehgerät in einer Ecke. Durch einen bogenförmigen Durchgang führte sie ihn in eine helle, mit hübschen Kacheln ausgelegte Küche. Mit etwas unsicherer Miene blieb sie für einen Moment dort stehen, bevor sie sich wieder fasste und auf einen Stuhl zeigte.

»Setzen Sie sich doch! Möchten Sie eine Tasse Tee?«

Sean nickte, ohne den Blick von dem kleinen Biest in ihren Armen abzuwenden, das sie jetzt mit einer strengen Ermahnung auf den Boden setzte und sich anschickte, das Wasser für den Tee zu kochen. Der Hund hockte zu ihren Füßen, folgte ihr bei jeder Bewegung, die sie machte, und setzte sich dann wieder hin, wobei er Sean die ganze Zeit nicht aus den Augen ließ. Hätte er Danni etwas Böses antun wollen, würde er es sich angesichts des feindseligen Hundeblicks wahrscheinlich anders überlegt haben. Als Danni fertig war, setzte sie sich ihm gegenüber und griff nach dem Foto, das er auf den Tisch gelegt hatte.

Sean sah ihr prüfend ins Gesicht, während sie das Bild anstarrte und mit einem zitternden schlanken Zeigefinger zuerst die Umrisse ihrer Mutter und dann die ihres Vaters nachstrich. An was erinnerte sie sich?

»Ich kann nicht glauben, dass das meine Eltern sind«, murmelte sie. Sie sprach mit einer Unschlüssigkeit, als erwartete sie, dass er ihr das Foto wegnehmen und lachen würde.

»So ist es aber, das schwöre ich.« Er zeigte auf das kleine Mädchen, das vor ihrer Mutter stand. »Das sind Sie«, sagte er. »Und der Junge neben Ihnen ist Ihr Bruder.«

Eine eigenartige Mischung von Gefühlen spiegelte sich in ihren grauen Augen wider: Hoffnung und Schmerz, Zorn und Freude; eine Trauer, an die all die anderen Gefühle gebunden zu sein schienen.

»Mein Bruder«, wiederholte sie mit belegter Stimme und schüttelte den Kopf. »All diese Jahre …«

»Wir haben Sie lange Zeit gesucht.« Sean räusperte sich und sah das Foto an. »Ihr Familienname ist MacGrath«, informierte er sie. »Sie sind in Irland geboren. In Ballyfionúir, um genau zu sein.«

»Bally …«

»Ballyfionúir. Das ist ein Ort auf der Insel Fennore, die vor der Südküste des irländischen Festlands liegt.«

Er nahm noch etwas anderes aus dem mitgebrachten Umschlag und legte es vor sie hin. Es war eine Fotokopie einer Geburtsanzeige in einer Zeitung. Zwei Neugeborene wurden darin benannt: Dáirinn Edel und ein Junge namens Rory Finnegan. Beide waren am ersten Oktober 1984 zur Welt gekommen, und die Namen ihrer Eltern waren Fiona und Cáthan MacGrath.

»Der Name des Mädchens wird wie Doorin ausgesprochen. Und es ist Ihr Name«, sagte Sean, als sie keine Frage stellte.

»Ich kann das nicht glauben«, murmelte sie wieder.

»Aber es ist die Wahrheit.«

Daraufhin erhob sie ihren Blick zu ihm und schaute ihn mit großen, kummervollen und verwirrten Augen an. Er hatte sich eine ganze Palette von Reaktionen vorgestellt, die sein Besuch ihr entlocken könnte, die von Skepsis bis zu freudiger Erregung reichten. Aber er hatte nicht mit diesem nicht zu übersehenden Schmerz gerechnet, der jetzt in ihren Augen stand und ihn beschämte.

»Mr. Ballagh …«

»Nennen Sie mich Sean! Schließlich sind wir ja quasi Verwandte.«

Ihre Augen wurden noch größer und nahmen einen Ausdruck der Bestürzung an. »Verwandte? Aber Sie sind doch nicht mein Bruder, oder?«

»Nein, nein«, erwiderte er schnell, weil ihm der Gedanke ebenso zuwider war wie ihr anscheinend. Er hielt jedoch nicht inne, um sich nach dem Grund zu fragen. »Nichts dergleichen. Wir sind nur entfernt verwandt. Zu entfernt, um überhaupt noch festzustellen zu können, wie genau.«

»Gut.« Und dann, als ihr bewusst wurde, was sie gesagt hatte, errötete sie heiß.

Sean beobachtete, wie Röte von ihrem schlanken Hals zu ihren Wangen aufstieg und sogar ihre zierlichen, kleinen Ohren überzog. Sie sah überhaupt sehr klein und verwundbar aus in ihrem viel zu großen hellblauen Pullover, was etwas durch und durch Männliches und Beschützerisches in ihm erwachen ließ. Auch damit hatte er nicht gerechnet. Aber wie sie war er sehr froh darüber, dass er nicht ihr Bruder war.

Danni betrachtete das Foto erneut. »Das macht doch keinen Sinn«, sagte sie. »Wenn das meine Familie ist, warum bin ich dann in den letzten zwanzig Jahren ganz allein gewesen? Wo waren sie in all der Zeit?«

»Ich hatte gehofft, das könnten Sie mir sagen.«

Sie gab einen Laut von sich, der wie ein Lachen klang, aber keine Spur von Humor enthielt. »Tut mir leid, dass ich Sie enttäuschen muss. Ich weiß nur, dass meine Mutter mich eines Tages in einer Kindertagesstätte anmeldete und mich dann nie mehr abgeholt hat. Niemand erschien überhaupt je wieder, um mich zu holen. Kein Vater und auch kein Bruder, die mich vielleicht vermissten. Absolut niemand.«

»Ihre Mutter hatte Sie in einer Kindertagesstätte angemeldet?«, fragte er schärfer als beabsichtigt und außerstande, die Zweifel aus seiner Stimme fernzuhalten. »Wo war das?«

»Sie nannte sich die Cactus Wren Preschool«, erwiderte Danni. »Daran erinnere ich mich noch.«

»Ich meinte, ob es hier war? In Amerika?«

Sie nickte und runzelte verwirrt die Stirn. »Ja, wieso?«

»Wieso?«, wiederholte Sean die Frage leise, als die Erklärung, die er ebenso fürchtete, wie er sie glauben wollte, an die Oberfläche hochzubrodeln drohte. Weil sie nämlich bedeutete, dass Dannis Mutter Irland verlassen hatte. Und noch am Leben gewesen sein musste, um das tun zu können.

Schließlich räusperte er sich und sagte ruhig: »Ihre Mutter verschwand vor zwanzig Jahren mit Ihnen und Ihrem Bruder. Was aus ihr und den Kindern geworden ist in all den Jahren, ist das große Rätsel und Drama unserer Stadt. Bis vor Kurzem hielten wir Sie für tot. Sie alle.«

Danni starrte ihn an und versuchte, seine Worte zu begreifen. Er erwiderte ruhig ihren Blick, denn das zumindest war die Wahrheit. Unter dem offenen Gesicht, das er ihr zeigte, verbarg sich jedoch ein Wirbel widerstreitender Gefühle, der in ihm tobte und ihm keine Ruhe ließ.

Ich weiß nur, dass meine Mutter mich eines Tages in einer Kindertagesstätte anmeldete und mich nie wieder abgeholt hat.

Hier, in den Vereinigten Staaten. Nicht einmal in Irland.

»Und niemand dort weiß, was aus uns geworden ist?«, fragte sie.

»Es gab natürlich Gerüchte. Die gibt's ja immer, nicht? Die Leute reden gern, besonders in Ballyfionúir. Und es gibt immer irgendetwas über die Familie MacGrath zu sagen.«

»Warum?«

»Tja, ich könnte Ihnen jetzt Anekdoten über Ihre und meine Familie erzählen, doch die heben wir uns besser für ein andermal auf, denke ich. Wir MacGrath und Ballaghs haben in der Tat eine Geschichte, und wo es eine Vergangenheit gibt, da existiert auch immer der eine oder andere durchaus fragliche Bericht. Und sicher ließen sich auch so manche finden, die behaupten würden, dass der Leumund keiner der beiden Familien je ganz makellos sein wird.«

»Sind Sie einer von denen, die das sagen würden?«

»Ich? Ich bin nichts weiter als ein Bote.«

Der Blick, den sie ihm zuwarf, verriet Zweifel. Sie war klug genug zu wissen, dass er mehr als nur ein simpler Bote war.

»Ich verstehe immer noch nicht, wie meine Mutter und zwei Kinder einfach so verschwinden konnten, ohne dass jemand sie sah oder wusste, wohin sie wollten. Wie könnte sie das zustande gebracht haben?«

»Es gab Gerede darüber, dass sie Hilfe hatte, Gerede über den Liebhaber, den sie möglicherweise hatte. Gerede, dass sie sich und ihre Kinder umgebracht hat. Und noch mehr Gerede, dass sie von jemand anderem getötet worden ist. Und nicht nur sie, sondern auch ihre Kinder. Die Leute denken sogar jetzt noch, dass ihr alle irgendwo auf dem Meeresboden ruht. Ist es das, was Sie wissen wollten?«

»Na ja, Menschen verschwinden nicht ohne Grund.«

»Nein, das tun sie wohl nicht.«

Sie starrte ihn an, als spürte sie irgendwie, dass mehr hinter seiner simplen Antwort steckte, als es den Anschein hatte.

»Und nichts von alldem wurde je bewiesen?«, beharrte sie.

»Ganz Ballyfionúir war deswegen in Aufruhr und auf Blut aus. Und so suchten sie sich das leichteste Ziel für ihre Wut - irgendeinen armen Kerl, der das Pech hatte, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Er brachte sich um, bevor sie ein Geständnis aus ihm herausprügeln konnten. Was nur gut war, sagten alle.«

»Aber Sie glauben nicht an seine Schuld?«

»Was spielt es für eine Rolle, was ich glaube?«, versetzte er. »Schuldig, unschuldig - das ist alles relativ, nicht wahr? Vor einem Monat hätte ich noch geantwortet, natürlich war er es. Aber nun … ich meine, da sind Sie, Danni, und offensichtlich sehr lebendig. Wer kann denn jetzt noch sagen, dass dieser arme Kerl sich irgendwas zuschulden kommen ließ?«

»Da ist etwas dran«, stimmte sie mit besorgter Miene zu.

»Wann haben Sie Ihre Mutter zum letzten Mal gesehen, Danni?«, fragte er, während er sich zu ihr vorbeugte. »Wann hat sie Sie verlassen?«

Das schrille Pfeifen des Teekessels ließ beide zusammenfahren. Danni stand auf, und Sean fielen die anmutigen Bewegungen auf, mit denen sie das kochende Wasser über die Teebeutel goss und Geschirr auf einem Tablett anrichtete. Er bemerkte, dass sie feinstes Porzellan benutzte, das sehr alt und sehr empfindlich aussah. Die einzelnen Stücke passten nicht zusammen, so als hätte sie jedes einzelne seines einzigartigen Musters wegen ausgesucht statt als Teil eines Services. Sean vermutete, dass sie die Stücke, wie ihren Hund, woher auch immer gerettet und zu einer neuen Familie zusammengesetzt hatte.

Sie kam zum Tisch zurück und schenkte schweigend ein, während er ungeduldig auf ihre Antwort auf seine Frage wartete. Wann hatte sie ihre Mutter, Fia MacGrath, das letzte Mal gesehen?

Nur mühsam gelang es ihm, zu schweigen und stillzusitzen, während sie den Tee servierte, was sie wie ein elegantes Ritual ausführte. Sie hatte schlanke Finger mit kurzen Nägeln, die völlig schmucklos waren bis auf einen Silberring an ihrem Mittelfinger, der das Symbol für Yin und Yang in seiner Mitte trug. Ihre Handgelenke waren schmal und feminin, ihre helle Haut ganz glatt und makellos. Ihr Haar fiel ihr in dichten, schimmernden Wellen in scheinbar tausend Schattierungen aus Gold und Bernstein, Rotbraun und Karamellfarben auf die Schultern. Wie der Sonnenaufgang spottete seine Schönheit jeglicher Beschreibung.

Plötzlich blickte sie auf und ertappte Sean dabei, wie er sie anstarrte. Zu ihren Füßen knurrte der kleine Hund.

»Es war Mittwoch, der fünfundzwanzigste Oktober 1989. Ich war vier oder fünf«, sagte sie, um seine Frage zu beantworten, als sie sich wieder setzte. »Ich weiß es nicht genau. Als meine Mutter nicht zurückkam, um mich abzuholen, stellte man fest, dass die Papiere, die sie für die Tagesstätte ausgefüllt hatte, alle falsch waren. Die Adresse, der Name, alles, was darauf stand. Sie nahmen daher an, dass auch mein Geburtsdatum ein falsches war.« Danni sah sich die Zeitungsanzeige noch einmal an. »Wenn das hier stimmt, dann war ich damals fünf.«

»Am fünfundzwanzigsten Oktober«, wiederholte Sean versonnen. Konnte dieses Datum in irgendeiner Weise von Bedeutung sein?

»Ich weiß nicht, warum sie gerade diesen Tag aussuchte«, sagte Danni, die offenbar erraten hatte, was er dachte. »Falls sie einen Grund hatte, haben zwanzig Jahre des Nachdenkens darüber ihr Verhalten nicht verständlicher für mich gemacht. Wann verschwand sie aus Irland?«

»Etwa drei Wochen vorher.«

»Drei Wochen? Und was hat sie dann in all der Zeit gemacht?«

Sean schüttelte den Kopf, als er ihren Zorn und ihre Verbitterung darüber spürte, dass ein so schmerzliches Ereignis sich in einer so willkürlichen Zeitspanne zugetragen haben sollte. Am liebsten hätte er Dannis Hand berührt und sie getröstet, doch das wäre eine Art von Heuchelei, zu der er sich nicht durchringen konnte.

»Ich weiß sogar noch weniger als Sie«, erwiderte er daher. »Ich dachte, Sie könnten mir das beantworten … Sie und Ihr Bruder«, setzte er leise, wie für sich selbst, hinzu.

In ihren Augen glitzerten Tränen, und sie senkte schnell die Lider, um sie vor ihm zu verbergen. »Ich wusste nicht mal mehr, dass ich einen Bruder hatte«, erwiderte sie leise. »Ich glaube, als ich noch klein war, habe ich viel über ihn gesprochen. Aber alle nahmen an, ich hätte ihn nur erfunden, und nach einer Weile dachte ich dann wahrscheinlich auch, sie hätten recht.«

Verdammt! Wo war Rory? Was hatte Fia mit Dannis Bruder gemacht? Hatten beide Kinder die Reise nach Amerika mit ihr angetreten? Oder hatte Rory es nicht lebend aus Irland herausgeschafft? Hatten sie ihn zuerst erwischt?

»Wie können Sie sich so sicher sein?«, fragte Danni plötzlich. »Was macht Sie so sicher, dass diese Frau hier meine Mutter ist? Dass diese Menschen meine Angehörigen sind?«

»Abgesehen von der Ähnlichkeit?«

»Die könnte auch Zufall sein.«

Der Einwand war von ihr durchaus ernst gemeint, und dennoch glaubte sie es nicht. Das konnte Sean an ihrem Tonfall hören, der zwischen Sehnsucht und Verletztheit schwankte. Da war viel Rätselhaftes und Düsteres an seiner Geschichte - und zu viel des Gleichen auch an ihrer -, als dass sie über die Nachricht einer plötzlich wieder aufgetauchten verlorenen Familie erfreut sein könnte. Aber er konnte die Sehnsucht in ihr spüren und wusste instinktiv, dass sie ihr Leben lang auf jemanden gewartet hatte, der zu ihrer Tür hereinkam und ihr sagte, dass sie nicht allein war.

»Es ist kein Zufall, Danni«, zwang er sich, trotz seines schlechten Gewissens zu erwidern. »Was ich sage, ist die Wahrheit. Haben Sie nicht ein Muttermal hier?«

Er nahm ihre linke Hand und drehte sie, während er sanft ihren Pulloverärmel hinaufschob, um die helle Haut auf der anderen Seite freizulegen. Dort, direkt unter ihrer Armbeuge, war das pinkfarbene, wie eine Rose geformte kleine Muster, das er suchte. Seine Großmutter hatte ihm versichert, dass es dort sein würde, aber ein Teil von ihm hatte daran gezweifelt. Weil er ein Dummkopf war, wie sich mal wieder zeigte.

Als Danni den Kopf senkte und das Muttermal ansah, schien der angenehme, saubere Duft ihres Haares ihn mit einer unvorhergesehenen, intimen Wärme zu umhüllen. Und als er mit dem Daumen über das kleine Geburtsmal strich, schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, dass ihre Haut sich wie heiße Seide anfühlte. Sie zuckte ein bisschen zusammen, als wäre auch ihr das Elektrisierende der Berührung nicht entgangen. Und da beide sich über ihren Arm beugten, waren ihre Gesichter sich plötzlich ganz nah.

»Es ist ein Familienmerkmal«, murmelte er, während er ihr tief in die Augen schaute. Sie erwiderte den Blick, zögernd nur und sich der elektrisierenden Energie zwischen ihnen anscheinend ebenso bewusst wie er.

Ein jäher Wunsch erfasste ihn, sich noch weiter vorzubeugen, seinen Mund auf den aufgeregt flatternden Puls an ihrem Hals zu drücken und seine Hände unter den blauen Pullover und über die sanften Rundungen darunter gleiten zu lassen. Für einen Moment dachte er sogar ernsthaft daran, es zu tun, und eine prickelnde Hitze durchströmte ihn bei dem Gedanken. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal so fasziniert von einer Frau gewesen war. Sie errötete wieder; wahrscheinlich waren seine Gedanken in der Hitze seines Blickes zu erkennen. Ein Teil von ihm war froh darüber. Denn so falsch und unangebracht seine Faszination für sie auch war, wollte er sie doch näher kennenlernen. Aber dazu musste sie das gleiche Interesse auch für ihn empfinden.

Nervös entzog sie ihm ihren Arm und zog ihren Ärmel hinunter, um die pinkfarbene Rose zu verbergen. »Zehn Prozent aller Babys werden mit Muttermalen geboren«, sagte sie kühl, doch die Atemlosigkeit in ihrer Stimme ließ ihre innere Anspannung erkennen.

»Nicht mit einem solchen Muttermal.«

Sean beobachtete die wechselnden Emotionen, die auf ihrem Gesicht erschienen. Hoffnung, Ungläubigkeit und die gleiche herzbewegende Qual, die er vorher schon bei ihr gesehen hatte. Sie trank einen Schluck Tee und bewegte sich nervös unter seiner interessierten Musterung.

»Trifft das wirklich alles zu, was Sie da sagen? Und Sie - sind Sie real?«

»Das bin ich.«

Sie nickte und fragte dann: »Also … lebt mein Vater noch?«

»Ja. Er lebt und wohnt in Ballyfionúir.«

»Und weiß er, dass Sie mich gefunden haben?«

»Noch nicht. Ich wollte zuerst ganz sicher sein.«

»Und sind Sie das jetzt?«

»Vollkommen.« Er schwieg einen Moment, um seine Gedanken von dem angenehmen Duft ihrer Haut wieder zu der unaufschiebbaren Angelegenheit zurückzubringen, um derentwegen er gekommen war. Schließlich war er hier aus einem Grund, der absolut nichts damit zu tun hatte, dass Dannis Haar wie Feuer in der durch das Fenster hereinfallenden Sonne glitzerte, oder mit seinem Wunsch, es zu berühren. »Gibt es irgendwelche Dinge aus Ihrer Kindheit, an die Sie sich erinnern?«, erkundigte er sich freundlich. »Wie Irland beispielsweise oder die Nacht, in der Sie es verließen?«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich erinnere mich an gar nichts mehr, was vor dem Verschwinden meiner Mutter war. Nachdem sie mich in jenem Kindergarten abgesetzt hatte, meine ich.«

»Nun, dann lassen Sie mich Ihnen etwas erzählen. Sie kommen aus einer sehr alten Familie, Danni, und von einem Ort, der voller Überlieferungen ist. Sie liegen in der Luft, im Wasser, überall. Da Sie hier in Amerika leben, können Sie vermutlich nicht verstehen, was das mit sich bringt, doch auf der Isle of Fennore kommen Dinge vor, die nirgendwo anders auf der Welt geschehen.«

Ihre Lippen verzogen sich zu einem erstaunten Lächeln. »Ich komme aus einer alten Familie?«

Sean nickte. »Man nimmt an, dass Ihre Vorfahren - und meine übrigens auch - Druiden waren. Furcht einflößende Menschen, die Kräfte besaßen, die bei gewöhnlichen Männern oder Frauen nicht zu finden sind.«

Danni lächelte noch ein wenig breiter. »Meine Vorfahren waren Übermenschen?«

Sean erwiderte das Lächeln zwar, aber seine Augen erreichte es nicht. »Dann haben Sie es selbst noch nie gemerkt? Niemals etwas gewusst, bevor es tatsächlich geschah? Noch nie gespürt, dass Sie etwas Besonderes waren?«

Ihr Lächeln verblasste, und sie senkte den Blick auf ihren Tee. »Nein. Ich habe mich niemals als etwas Besonderes empfunden.« Sie erhob sich und brachte ihre Tasse zum Ausguss, um sie abzuspülen, und obwohl sie sich sehr gerade und das Kinn erhoben hielt, konnte Sean fast spüren, wie die alten Wunden wieder in ihr aufbrachen. »Das hört sich ja an, als wäre Ihre Insel ein magischer Ort«, bemerkte sie leichthin und drehte sich mit einem Lächeln, dessen Heiterkeit Sean einen scharfen Stich versetzte, zu ihm um. Er wusste, wie schwer es ihr fiel, ihn so anzulächeln.

»Sie sollten mitkommen und sie sich ansehen«, sagte er.

Das war die Einleitung, die er brauchte, und trotzdem zögerte er noch, bevor er wieder in seinen Umschlag griff, um den letzten Gegenstand herauszunehmen. Es war ein mit einem Gummiband zusammengehaltenes Päckchen Papiere. Das oberste Blatt enthielt einen Flugplan mit einem Logo, das ein Schiff und ein Flugzeug darstellte, die aus einer Wolkenbank hervorbrachen. Ganz oben auf der Seite stand Dannis Name. Sean hatte die Tickets nicht kaufen wollen, bevor er Danni kennenlernte, aber seine Großmutter hatte sie schon besorgt und darauf bestanden, dass er sie mitnahm. Sie hatte auf alldem bestanden. Und bis jetzt hatte sie auch mit allem recht gehabt.

Sean schob Danni das Päckchen zu und wartete darauf, dass sie es an sich nahm. Sie hob die Papiere neugierig auf und betrachtete sie einen Moment lang stirnrunzelnd, bevor sich ihre Augen vor Erstaunen weiteten.

»Flugscheine? Mit meinem Namen darauf? Flugtickets nach Irland? Und … das ist ja nur ein Hinflug! Für Freitag. Diesen Freitag.«

»Ich dachte, Sie würden so bald wie möglich reisen wollen«, sagte Sean. »Und da ich nicht wusste, wie lange Sie bleiben möchten, hielt ich es für praktischer, den Rückflug später erst zu buchen. Wir haben nicht vor, Sie in Irland festzuhalten«, scherzte er. »Es sei denn, Sie wollen es, natürlich.«

»Was ich will …« Von ihren Gefühlen überwältigt, unterbrach sie sich. Wie ein Kind, das nach etwas greift, das ihm Sicherheit vermittelt, bückte sie sich, hob ihren komischen Hund auf und drückte ihn ganz fest an ihre Brust. Das Tier blickte mit hingebungsvoller Zuneigung in den Augen zu ihr auf, als sie es streichelte und dabei selbst ein bisschen wie ein in die Ecke gedrängtes Tier aussah, das verzweifelt einen Ausweg sucht. Sean verstand diese Reaktion genauso wenig, wie er ihre anderen verstanden hatte.

»Haben Sie einen Pass?«, fragte er.

»Ja, aber …«

»Aber was? Ist es nicht das, was Sie sich immer gewünscht haben, Danni? Wissen, wer Sie sind und woher Sie kommen?«

Sie hob den Kopf und starrte ihn aus großen Augen an, die ihm einen perfekten Einblick in ihre Seele boten. Sie war schön, diese Seele, rein und hoffnungsvoll und sehr verletzlich. Sean verfluchte sich im Stillen, ohne seinen Blick jedoch von Danni abzuwenden. Das Schmuckkästchen in seiner Tasche schien zu pochen und zu fordern, dass er es herausnahm und es ihr jetzt übergab. Dies war der richtige Moment, das wusste er. Doch da es ihm noch zu sehr wie Verrat vorkam, konnte er sich noch nicht dazu überwinden.

Und deshalb unterdrückte er seine Schamgefühle und sagte einfach nur: »Es wird Zeit, dass du nach Hause kommst, Dáirinn MacGrath. Was von deiner Familie noch geblieben ist, das braucht dich jetzt.«

3. Kapitel

Danni schloss die Tür hinter Sean und lehnte sich dagegen, um auf das Geräusch eines abfahrenden Wagens zu lauschen und sicher sein zu können, dass er wirklich fort war. Aber sie hörte nichts dergleichen. Schon halb in der Erwartung, ihn noch draußen auf ihrer Veranda stehen zu sehen, warf sie durch einen Schlitz in der Jalousie einen Blick hinaus. Sie sah Sean nicht, hatte aber trotzdem das Gefühl, die Tür öffnen und nachsehen zu müssen. Doch nichts als das Rascheln der Blätter in den Bäumen und das Zwitschern der Vögel erwartete sie draußen. Irritiert von dem nicht nachlassenden Eindruck seiner Nähe, schloss sie die Tür wieder und verriegelte sie von innen.

Diesmal war er real gewesen. Danni tat einen unsicheren Atemzug. Sehr real.

Und obwohl ein Teil von ihr ihn erwartet hatte, sich ebenso sehr auf sein Erscheinen gefreut wie es gefürchtet hatte, konnte sie es immer noch nicht glauben.

In natura war er sogar noch bezwingender gewesen als in der Vision. Sie hatte sich seiner Anziehungskraft nicht entziehen können, obwohl sofort Alarmglocken in ihrem Kopf geschrillt hatten und sie auch die fantastische Geschichte, die er ihr aufgetischt hatte, sehr stark in Zweifel zog. Denn da war etwas an Sean Ballagh, das ihr nicht echt vorkam. Und auch seine Botschaft hatte etwas Hintergründiges, das sie nicht hatte entschlüsseln können. Sie hatte aber das deutliche Gefühl gehabt, dass das, was er unausgesprochen gelassen hatte, wichtiger sein könnte als das, was er gesagt hatte.

Für einen Moment verblasste die Sonne, und Danni dachte an ihre Vision und die Höhle, in der sie ihre Mutter mit einem Mann hatte streiten sehen, der im Dunkeln nicht zu sehen gewesen war. War diese Vision eine Erinnerung an die Nacht, in der ihre Mutter, sie und ihr Bruder verschwunden waren? War ihr deshalb alles so … lebendig vorgekommen? Und was war mit dem Grab, diesem gähnenden braunen Loch in einem Meer aus Grün? Oder ihrem eigenen Körper, der zusammengekrümmt neben dem eines halbwüchsigen Jungen lag? Was konnte das zu bedeuten haben?

Zermürbt von all ihren widersprüchlichen Gefühlen und Gedanken, ging sie in die Küche zurück und steckte das Foto, den Zeitungsausschnitt und die Tickets wieder in den Umschlag. Es war schon kurz vor neun, und sie hätte sich längst auf den Weg zur Arbeit machen müssen. Heute war sie an der Reihe, das Antiquitätengeschäft zu öffnen, das sie und Yvonne Hearne betrieben, die Frau, die ihre Pflegemutter, Freundin und auch Arbeitgeberin war.

Schnell räumte sie Seans Teegeschirr weg und stellte es in die Spüle zu ihrem. Er hatte seinen Tee nicht einmal angerührt. Wahrscheinlich hätte er lieber Kaffee getrunken. Das würde sie sich merken müssen.

Es war dieser Gedanke - vielleicht mehr als jeder andere -, der sie innehalten ließ. Sie würde es sich merken müssen, weil sie ihn wiedersehen würde. Weil sie mit ihm nach Irland fliegen würde. Um ihre Familie kennenzulernen … eine Familie, an die sie keinerlei Erinnerung mehr hatte.

Wie kam es dann, dass sie sich an das Gefühl des Fliegens erinnerte, das sie als Kind erfahren hatte, wenn die Luft umschlug und sich eine Vision einstellte, sie sich aber - egal, wie sehr sie sich auch bemühte - weder an ihre Eltern noch an ihren Bruder oder ihr Leben vor Arizona erinnern konnte? Sie hatte zu Anfang nicht einmal ihre eigene Mutter erkannt, als sie sie heute Morgen in ihrer Vision gesehen hatte. Danni war fünf gewesen, als ihre Mum sie damals in den Kindergarten gebracht und nie wieder abgeholt hatte. Das müsste doch alt genug sein, um sich an irgendetwas aus ihrem Leben davor zu erinnern. Aber sie hatte keine Erinnerungen daran. Nicht einmal die Spur einer Erinnerung.

In den Jahren nach dem Verschwinden ihrer Mutter hatte Danni viel psychologische Beratung und intensive Therapien erhalten. In den ersten sechs Monaten, nachdem ihre Mum sie im Stich gelassen hatte, hatte Danni kein Wort mehr gesprochen. Die Psychologen und Berater schrieben es ihren traumatischen Lebensumständen zu, kamen zu dem Schluss, sie müsse missbraucht worden sein, bevor sie »ausgesetzt« worden war, und vermuteten, dass sie ein Opfer von sehr viel mehr als nur Zurückweisung gewesen war. Im Laufe der Jahre war Danni zu dem Schluss gekommen, dass sie wohl recht hatten. Was sonst würde eine Fünfjährige dazu veranlassen, ein halbes Jahr kein Wort zu äußern?

Sie hatte nie etwas darüber erfahren, woher sie kam und wer sie war, und diese leeren Seiten in ihrem Kopf waren schließlich zu ihrer Vergangenheit geworden. Sie hatte gelernt, damit zu leben. Aber der kurze Einblick, wer sie sein könnte, den Sean ihr gewährt hatte, hatte diese Illusion zerstört. Sie hatte eine Geschichte, ein Leben vor der Cactus Wren Preschool.

Sie würde bestimmt nicht unberücksichtigt lassen, was sie in der Vision gesehen hatte - den Schrecken in der Höhle oder die Leichen in dem Grab -, doch sie würde auch nicht ihre Entscheidungen darauf gründen, weil sie noch gar nicht wusste, was das alles zu bedeuten hatte. Der Tod war schließlich etwas Metaphorisches, nicht wahr? Der Vorläufer der Wiedergeburt in jeder Fabel, die sie je gelesen hatte. Und außerdem stimmte es, was Sean gesagt hatte. Ihre Familie zu finden, zu erfahren, wer sie war - das war es, was sie sich ihr Leben lang gewünscht hatte. Nichts anderes war wirklich wichtig.

Danni erreichte Older than Dirt Antiques ein paar Minuten später als gewöhnlich und war froh, dass noch kein Kunde draußen wartete. Schnell schloss sie die Türen auf, schaltete die Alarmanlage ab und öffnete die Jalousien. Helles Sonnenlicht fiel durch die mit UV-Schutz versehenen Fenster herein. Es war die »Saison der blauen Haare« - die Jahreszeit, in der Unmengen von Greisen vor dem Winter nach Süden in die milderen Klimazonen flohen - und die beste Zeit für das Antiquitätengeschäft. Die Verkäufe in den nächsten Monaten würden sie und Yvonne über den langen, heißen Sommer bringen, in dem ihre einzigen Kunden Einheimische waren, denen die infernalisch hohen Temperaturen nichts ausmachten.

Yvonne würde heute später kommen, und Danni freute sich ebenso darauf, ihr alles zu erzählen, wie sie sich davor fürchtete. Mit sechzehn war Danni als Pflegekind zu Yvonne gegeben worden. Nach elf Jahren in staatlicher Obhut, elf Jahre, in denen sie von einer Pflegefamilie zur anderen abgeschoben worden war, kam Danni natürlich auch zu Yvonne mit der Erwartung, dass sie bald wieder fortgeschickt werden würde. Denn mit ihr stimmte etwas nicht, irgendetwas, das es ihr unmöglich machte, sich je irgendwo einzugliedern. Zumindest hatte sie angefangen, das zu glauben, als eine Familie nach der anderen sie wieder der staatlichen Obhut übergeben hatte. Für Danni bestand daher kein Grund anzunehmen, dass Yvonne Hearne mehr als nur eine weitere in einer langen Reihe von Enttäuschungen sein würde.

Doch wie sich herausstellte, war Yvonne ganz anders als all die anderen Pflegeeltern. Sie hatte sechs Kinder großgezogen, drei Ehemänner und zwei ihrer eigenen Söhne überlebt, und sie schien zu wissen, was Danni empfand, bevor sie es selbst merkte. Und aus welchem Grund auch immer verstanden sie sich und mochten einander.

Von Yvonne lernte Danni etwas über Vertrauen und Verantwortung. Und von ihr lernte sie auch die hohe Kunst der Schatzsuche. Mit der Zeit hatte Danni begonnen, das Antiquitätengeschäft und ganz besonders die Herausforderung zu lieben, die fehlenden Teile einer zusammengehörenden Garnitur zu finden. Ein Psychiater würde vermutlich sagen, Dannis Interesse für fehlende Teile sei auf ihr Gefühl zurückzuführen, dass diese Stücke so wie sie waren - verstreute Teile eines Ganzen, das getrennt, verloren und allein gewesen war, aufgegeben von Familien, die kein Interesse mehr an ihnen hatten. Wann immer Danni den fehlenden Stuhl zu einer Esstischgarnitur fand oder die letzte Untertasse eines Teeservices retten konnte, war es für sie, als setzte sie ein kleines Stückchen von sich selbst zusammen. Das mochte dumm und ein bisschen verrückt klingen, doch so war es nun einmal für sie.

Yvonne würde sich für sie freuen, wenn sie die Neuigkeiten hörte, aber sie würde sich auch Sorgen machen. Und wer könnte ihr das verübeln? Immerhin zog Danni ernsthaft in Betracht, auf das bloße Wort eines Mannes hin, der buchstäblich aus dem Nichts erschienen war, um die halbe Welt zu fliegen. Sie berührte ihren Arm an der Stelle, an der sie das Muttermal hatte, und dachte zum tausendsten Mal an Sean und die elektrisierenden Empfindungen, die sie heiß durchrieselt hatten, als er mit dem Daumen über dieses Muttermal gefahren war. Und an seinen Blick, mit dem er sie in diesem Moment angesehen hatte … Er hatte von dem Muttermal gewusst, hatte ein Foto ihrer Familie dabeigehabt, und ein Flugticket hatte er auch bereits besorgt. Wenn er nicht real war, hätte er sich doch wohl nicht die Mühe gemacht, die Tickets zu besorgen und sie zu bezahlen, oder?

Danni machte sich schnell an die Arbeit, brachte das Kassenbuch vom Vortag auf den neuesten Stand und bereitete alles für den heutigen Geschäftstag vor. Aber obwohl sie sich auf ihre Pflichten zu konzentrieren versuchte, ließ sie doch immer wieder in ihrem Kopf Revue passieren, was Sean ihr gesagt hatte. Sie hatte einen Vater, der sie in all diesen Jahren gesucht hatte. Sie hatte Menschen, die auf irgendeiner Fantasieinsel lebten, wo auf die eine oder andere Weise alle miteinander verwandt waren. Es war unglaublich und wundervoll zugleich.

Während sie sich noch einmal alles in Erinnerung rief, was Sean ihr erzählt hatte, schlich auch er sich wieder in ihre Gedanken, und sie ertappte sich dabei, wie sie in die Ferne starrte, an seine Augen dachte, an seine tiefe, etwas raue Stimme … an seinen angenehmen Duft - nach Seife, Regen und Hitze, vermischt mit etwas aufreizend Männlichem und sehr Erregendem. Denn sogar während er ihr seine unglaublichen Neuigkeiten mitgeteilt hatte, war sie völlig abgelenkt von diesem verführerischen Duft gewesen.

Endlich beendete sie ihre ersten Aufgaben des Tages und holte ihren Laptop aus dem Büro in den Laden, wo sie alles im Auge behalten konnte, während sie ein paar Recherchen anstellte. Auf dem Stuhl hinter der Ladentheke sitzend, baute sie eine Internetverbindung auf und öffnete ein Google-Fenster. Für einen Moment starrte sie die Suchzeile an und gab dann Dáirinn MacGrath ein. Dazu gab es null Ergebnisse. Sie versuchte es erneut, diesmal mit ein wenig mehr Erfolg, als sie den Namen ihrer Mutter eingab, doch eine rasche Überprüfung der Informationen verriet ihr nicht mehr, als Sean ihr schon erzählt hatte. Was eigentlich nicht überraschend war. Immerhin war ihre Mutter vor über zwanzig Jahren verschwunden, bevor das Internet das A und O der Informationssuche geworden war.

Während Danni überlegte, was sie als nächsten Suchbegriff eingeben sollte, begann sie, ein merkwürdiges Kribbeln an ihrem Rücken und im Nacken zu verspüren. Erstaunt blickte sie auf, nahm aus dem Augenwinkel eine Bewegung am Schaufenster wahr und fuhr fast aus der Haut, als sie sich umdrehte. Es war Sean, der auf der anderen Seite der Fensterscheibe stand und zu ihr hereinschaute. Sofort wieder in Bann geschlagen von der markanten Schönheit seiner Züge und dem bezwingenden Ausdruck seiner Augen, konnte sie ihn für einen Moment nur sprachlos anstarren.

Er trug verwaschene Jeans und ein kragenloses weißes Hemd, das sich vorne mit drei Knöpfen öffnen ließ und seine breiten Schultern und schmalen Hüften betonte. Er war nicht massig wie ein Bodybuilder, sondern sehr viel eleganter und geschmeidiger. Irgendwie erinnerte er sie an einen Krieger aus alten Zeiten, an jemanden, dessen Existenz sowohl von seiner Beweglichkeit als auch von seiner Kraft abhing. Zum hundertsten Mal vielleicht schon dachte sie an den Moment in der Vision, in dem sie kurz davor gewesen waren, einander zu küssen.

Gott, wie erbärmlich von ihr!

Er hatte etwas bei sich, ein kleines grünes Kästchen, sah sie, das er in seinen Händen hin und her bewegte, während er zu ihr hereinschaute. Danni hatte das Gefühl, dass er sich dessen gar nicht mal bewusst war. Mit einem etwas unsicheren Lächeln winkte sie ihm zu hereinzukommen, aber er rührte sich nicht, ja, er erwiderte nicht einmal ihren Gruß. Woran dachte er? Was veranlasste ihn zu diesem düsteren, nachdenklichen Gesichtsausdruck?

Danni verließ ihren Platz hinter der Theke und ging zur Tür. Als sie aber hinaustrat und zu ihm hinüberschaute, war er nicht mehr da.

Sie trat einen weiteren Schritt ins Freie und ließ ihren Blick über den Bürgersteig und die Straße gleiten. Kein Auto bog aus dem Parkstreifen, keine Hecklichter leuchteten in der Ferne auf. Und niemand entfernte sich zu Fuß vom Laden.

Die Erkenntnis traf sie hart. Hatte sie sich nur eingebildet, ihn zu sehen? Sein Bild aus ihrer Fantasie heraufbeschworen? Oder war er so irreal gewesen wie vorher schon in der Vision? Konnte sich die Luft verändert haben, ohne dass sie es bemerkt hatte?

Erschüttert ging sie wieder ins Geschäft zurück und blickte noch einmal über ihre Schulter und aus dem Fenster, als sie sich vor ihrem Laptop niederließ. Sean stand definitiv nicht mehr da draußen, aber jetzt war sie sich auch nicht mehr sicher, ob er überhaupt je da gewesen war.

Er war real, als er vor meiner Tür stand, versuchte sie, sich zu beruhigen. Sie hatte den Umschlag, den er ihr dagelassen hatte, als Beweis dafür. Danni zog ihn aus ihrer Handtasche und leerte seinen Inhalt auf die Theke aus. Alles echt, sagte sie sich im Stillen und fühlte sich schon besser, als sie den Flugplan nahm, den Sean ihr gegeben hatte, die Schreibweise noch einmal nachprüfte und Ballyfionúir, Irland, in die Suchmaschine auf ihrem Computer eingab. Ein Jackpot von Links erschien auf ihrem Monitor.

Sie begann, sich durch die Liste hindurchzuarbeiten, fand Tourismusinformationen über Irland im Allgemeinen - Fotos, Hotels und Restaurantführer, aber nicht viel über Ballyfionúir allein. Auf einer Website befand sich eine Karte, die die zerklüfteten Konturen Südirlands zeigte. Eine winzige Insel lag wie der Punkt am Ende eines Ausrufezeichens direkt vor der Küste. Isle of Fennore stand darüber, und ein schwarzer Pfeil, der auf einen Stern am östlichsten Rand der Insel zeigte, kennzeichnete den Ort als Ballyfionúir. Unter der Karte standen ein paar Angaben darüber.

Die Insel Fennore war eine Mischung aus grünen Tälern und felsigen Gebieten, umgeben von der ungestümen See, die die Haupteinnahmequelle der Bewohner dieser Insel war. Eine verschwenderische Fülle von Fisch gedieh in den geschützten Buchten der Südküsten der Insel, wo unter anderem auch einige der besten Lachse der Region gefunden werden konnten.

Die Menschen, die auf der Isle of Fennore lebten, hielten sich in allem, was sie taten, an die alten Sitten - so sehr sogar, dass Versuche, eine Brücke über die tückische See zwischen der Insel und dem Festland zu errichten, auf unnachgiebigen Widerstand gestoßen war. Die Inselbewohner wollten nicht, dass Fremde jederzeit hinüberkommen konnten, und es kümmerte sie auch nicht, dass sie sich damit selbst der Möglichkeit beraubten, einen solch praktischen Übergang zu nutzen. Sie weigerten sich auch, größeren Schiffen oder Fähren das Anlegen in ihrem Hafen zu erlauben, und verließen sich ausschließlich auf eine von Einheimischen geführte Fähre, wenn sich einmal die Notwendigkeit für sie ergab, die Insel zu verlassen. Danni erhielt den Eindruck, dass hier nichts Geringeres als eine echte Krise als Notwendigkeit bewertet wurde.

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