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Der letzte erste Kuss

Zu diesem Buch

Als Elle Winthrop an ihrem ersten Tag am College von Luke McAdams zu Boden gerempelt wird (angeblich aus Versehen), ahnt sie nicht, dass das der Beginn der Freundschaft ihres Lebens ist. Zwei Jahre später gibt es keinen Menschen, der sie besser kennt, keinen, bei dem sie mehr sie selbst sein kann. Das funktioniert allerdings nur, weil die beiden sich gegenseitig ein Versprechen abgenommen haben: Wir werden niemals miteinander schlafen! Denn sie wissen, dass dies das Ende ihrer Freundschaft bedeuten würde. Aber als Elles Schwester sich verlobt und sie bittet, ihre Brautjungfer zu sein, wird plötzlich alles kompliziert. Ihre gesamte Familie glaubt, dass Luke ihr fester Freund ist, und besteht darauf, ihn kennenzulernen. Trotz Elles Protest folgt Luke ihr nach Alabama und spielt das Spiel mit. Doch mit jeder Berührung verwischt die Grenze zwischen Freundschaft und Mehr – bis ein atemberaubender Kuss alles für immer verändert. Aber für die beiden steht zu viel auf dem Spiel. Sie wollen ihre Freundschaft unter keinen Umständen gefährden. Doch was passiert, wenn sie dem heißen Prickeln zwischen ihnen nicht länger widerstehen können …?

Für Nadine,
die mich seit Jahren nach dieser Geschichte fragt.
Jetzt hast du endlich deinen Seestern.

Playlist

Jessie Ware – Wildest Moments

Little Mix – Down & Dirty

Charlie Puth – One Call Away

Jessie J – Nobody’s Perfect

Lynyrd Skynyrd – Sweet Home Alabama

Halestorm – Bad Romance

Macklemore & Ryan Lewis feat. Ray Dalton – Can’t Hold Us

Taylor Swift – 22

Demi Lovato – Fix A Heart

Imagine Dragons feat. Kendrick Lamar – Radioactive

Ryan Star – Start A Fire

Family of the Year – Hero

Jason Derulo – The Other Side

Parov Stelar – The Princess

Lily Allen – Fuck You

Christina Aguilera – Just A Fool

Ryan Star – Right Now

Rachel Platten – Stand By You

Jack Garratt – Surprise Yourself

Paloma Faith – Only Love Can Hurt Like This

Fort Lean – Easily

OneRepublic – Let’s Hurt Tonight

Alex Da Kid, X Ambassadors, Elle King,
Wiz Khalifa – Not Easy

The Fray – Changing Tides

Halestorm – Here’s To Us

Kapitel 1

Elle

»Wenn du nicht sofort diese verdammte Tür aufmachst, werde ich dir wehtun, Luke!«

Zum wiederholten Mal hämmerte ich so hart gegen das Holz, als wären Zombies hinter mir her und diese Wohnung meine letzte Zuflucht. Beim Gedanken daran schnaubte ich innerlich. Als ob ich in diesem Fall ausgerechnet bei Luke und den Jungs Schutz suchen würde … Sicher nicht. Schon gar nicht mit einem Kater und nach nur zwei Stunden Schlaf, weil ich unfreiwillig geweckt worden war. Das ließ mich mein Körper jetzt spüren, denn jedes Klopfen gegen die Tür hallte in meinem Kopf nach.

Trotzdem trommelte ich weiter mit den Fäusten gegen die Tür, kurz davor, dem blöden Ding einen Tritt zu verpassen. Ein orangefarbener Papierkürbis mit Gruselgesicht segelte von der Pinnwand neben mir zu Boden. Gleich würden die ersten Leute die Köpfe aus ihren Zimmern herausstrecken und fragen, warum ich einen solchen Aufstand machte. Vielleicht war das Szenario mit den wütenden Zombies doch nicht so abwegig. Nur dass ich in diesem Fall der Zombie war, der gleich jemanden fressen würde.

Schritte waren aus dem Inneren zu hören.

Na, endlich.

Wenige Sekunden später wurde die Tür geöffnet.

Ich drängte mich an Luke vorbei in die Wohnung, bevor er ein Wort sagen konnte. Dann wirbelte ich zu ihm herum.

»Hallo, Arschloch«, begrüßte ich meinen besten Freund. »Wie war das mit unserer Vereinbarung, dass du keine meiner Freundinnen flachlegst?«

»Dir auch einen guten Morgen, Sonnenschein.« Gähnend drückte Luke die Tür zu und lehnte sich dagegen. Dann musterte er mich mit halb gesenkten Lidern und zog eine Augenbraue hoch. Als wäre mein schnell zusammengestelltes Outfit aus T-Shirt, Jeans und Stiefeln etwas Besonderes.

Tatsächlich war er derjenige, der hier einen halbnackten Auftritt in schwarzen Shorts hinlegte, die so eng waren, dass sie keinen Raum für Fantasie ließen. Dazu der sonnengebräunte Oberkörper mit den trainierten Muskeln, die mir nur zu deutlich vor Augen führten, dass er sein Sportstipendium nicht nur wegen seines charmanten Lächelns bekommen hatte. Hastig riss ich meinen Blick los und richtete ihn wieder auf Lukes Gesicht.

Sein straßenköterblondes Haar war zerzaust und fiel ihm in die Augen, die trotz Müdigkeit in einem so intensiven Blau strahlten, dass ich ihn allein dafür am liebsten getreten hätte. Es sollte verboten sein, schon am frühen Morgen so gut auszusehen. Er hatte sich noch nicht rasiert, und seine Stimme klang so schwer und schläfrig, als wäre er gerade erst aufgestanden.

Seinem losen Mundwerk tat das leider keinen Abbruch. »Ich hätte nicht gedacht, dass du mich schon so schnell vermisst, Elle.«

»Das hättest du wohl gerne.«

Gerade als ich zu einer Tirade ansetzen wollte, die er so schnell nicht vergessen würde, hörte ich ein leises Maunzen. Eine dreifarbige Katze schlich in gebührendem Abstand zu Luke in meine Richtung und blickte mich erwartungsvoll an. Sofort schmolz die Wut in mir ein bisschen.

»Hallo, Mister Cuddles.« Ich ging in die Hocke und hob die Katze hoch. Wie auf Kommando begann sie zu schnurren, und ich spürte das Rattern unter meinen Fingern in ihrem dichten Fell.

Luke schnaubte abfällig. »War ja klar. Ich bin hier der Einzige, der immer noch regelmäßig gebissen wird.«

Eigentlich mochte Mister Cuddles so gut wie jeden. Abgesehen von Luke. Offiziell waren Haustiere in unserem Wohnheim nicht erlaubt, aber die Umstände von Lukes Mitbewohner Dylan waren so besonders, dass die Wohnheimleitung Gnade walten ließ und Dylan erlaubte, seine Katze zu behalten. Wahrscheinlich weil Mrs Peterson, die Leiterin höchstpersönlich, selbst eine Schwäche für die flauschigen Tiere hatte.

»Sie hat eben eine gute Menschenkenntnis.«

Zum ersten Mal ließ ich meinen Blick durch die Wohnung wandern. Was die Aufteilung anging, war sie identisch mit der WG im Stock direkt darüber, die ich mir mit Tate und seit diesem Semester auch mit Mackenzie, einer rothaarigen Theater- und Musikwissenschaftsstudentin, teilte.

Ich verlagerte Mister Cuddles auf meinem Arm, ging am Sofa vorbei zum Fenster und zog die Rollläden hoch. Luke stöhnte gequält auf, als die ersten Sonnenstrahlen ins Zimmer fielen. Gut so. »Wo steckt Dylan?«

Seufzend rieb er sich über die Augen. »Wahrscheinlich bei der Arbeit in der Tierklinik. Schade, dass er sein Katzenvieh nicht mitnehmen kann.«

»Hör nicht auf ihn, Mister Cuddles«, murmelte ich und drückte der Katze einen Kuss auf den Kopf. »Er ist nur neidisch, weil du von allen Frauen geliebt wirst und er nicht.«

Ein Maunzen unterstrich meine Worte, dann begann die Katze zu zappeln, und ich ließ sie wieder auf den Boden. Sie tappte zurück in Dylans Zimmer, wo sich ihr Schlafplatz befand, und ich hätte schwören können, dass sie Luke dabei einen verächtlichen Blick über die Schulter zuwarf.

Seit Dylan mit der Katze hier eingezogen war, weil sein früherer Mitbewohner ein Sauberkeitsfanatiker war und ihn hatte rausschmeißen wollen, herrschte eine Art Hassliebe zwischen Luke und Mister Cuddles. Die im Übrigen nur so hieß, weil man sie als Kätzchen für einen Kerl gehalten hatte. Den Fehler würde bei ihrem Temperament heute niemand mehr machen, und Luke bekam oft eine ganze Menge davon zu spüren. Für gewöhnlich hatte ich Mitleid mit ihm, aber nicht heute. Nicht, nachdem man mich nach einer viel zu kurzen Nacht um halb sieben aus dem Bett geworfen hatte. An einem Samstag. Und wofür?

»Okay, Casanova.« Ich stemmte die Hände in die Hüften und fixierte ihn mit dem durchdringendsten Blick, den ich um diese Uhrzeit trotz Kopfschmerzen aufbringen konnte. »Wir hatten einen Deal. Du vögelst nicht mit meinen Freunden, ich nicht mit deinen. Schon vergessen?«

Luke öffnete den Mund, um zu antworten, aber ich kam gerade erst in Fahrt.

»Rate mal, wer vor einer Stunde an meine Tür geklopft hat.«

»Offensichtlich nicht der Sensenmann«, erwiderte er trocken.

»Ha. Das hättest du wohl gern! Es war Amanda. Du erinnerst dich doch noch an Amanda, oder? Ungefähr so groß wie ich, braune Locken, blaue Augen, immer gut drauf – aber hey! Heute nicht. Denn heute hat sie sich die Augen wegen des Idioten ausgeweint, der sie flachgelegt hat und dann mitten in der Nacht verschwunden ist. Klingelt da was?«

Luke blinzelte, dann hob er langsam die Hand und deutete auf mich. »Was hast du da eigentlich an?«

»Was?« Ich sah an mir hinunter. Nachdem ich Amanda eine gefühlte Ewigkeit lang mit Taschentüchern versorgt und mir angehört hatte, was für ein Scheißtyp Luke doch war, hatte ich das erstbeste Oberteil aus dem Schrank gezogen. Den Print auf dem weißen T-Shirt nahm ich erst jetzt richtig wahr: Ein Anime-Panda starrte mit großen Kulleraugen in die Welt. Unter ihm stand der Schriftzug: Dead cute. Ich hob den Kopf und funkelte Luke an. »Versuch ja nicht, das Thema zu wechseln.«

»Sorry, Elle.« Sein Grinsen strafte seine Worte Lügen. »Aber in diesem Teil siehst du aus, als wärst du zwölf.«

»Wie bitte?« Ich schnappte nach Luft, zwang meine Empörung jedoch zurück. Dieser unmögliche Kerl wusste genau, welche Knöpfe er bei mir drücken musste, aber diesmal würde er damit keinen Erfolg haben. Diese Sache war ernst. »Hör auf, so zu grinsen!«, fauchte ich. »Wenigstens konnte ich ihn letzte Nacht in der Hose behalten – ganz im Gegensatz zu dir.«

»Ihn?« Luke sah an mir hinunter. Seine Mundwinkel bebten. »Gibt es da etwas, das du mir sagen möchtest?«

Ich knurrte nur.

»Schon gut, schon gut.« Beschwichtigend hob er die Hände. »Willst du einen Kaffee, oh wunderbare, beste, schönste Elle?«

»Spar dir das Süßholzraspeln, du …«

Whoa, Moment mal. Hatte er gerade das magische Wort mit K gesagt? Auf einmal war ich hellwach und vergaß sogar das dumpfe Pochen in meinem Hinterkopf.

»Du weißt genau, dass ich welchen will. Aber das heißt nicht, dass ich mit dir fertig bin.«

Sein tiefes Glucksen ging beinahe im Mahlen der Kaffeemaschine unter. Für eine Kochnische in einer Studentenbude war sie bei den Jungs überraschend gut ausgestattet. Das lag vor allem an Luke, der als einziger der drei Bewohner kochen konnte – und es auch noch gern tat. Auf den Regalen stapelten sich Teller, Tassen und Töpfe, unter der Arbeitsfläche standen ein Kasten Bier und ein unendlicher Vorrat an Energydrinks, die nicht mehr in den kleinen Kühlschrank gepasst hatten. Über den beiden Kochplatten hing ein Regalbrett, auf dem diverse Gläser und kleine Dosen balancierten, angefangen bei Salz und Pfeffer bis hin zu Gewürzen, deren Namen ich nicht mal aussprechen konnte.

Luke holte Eier und Speck aus dem Kühlschrank, griff nach einer Pfanne und begann wie selbstverständlich damit, Frühstück zu machen. Ich schnaubte leise. Es gab genau drei Dinge, die jeder auf dem Campus über Lucas McAdams wusste:

Erstens: Er gehörte zu den besten Läufern im Cross-Country-Team.

Zweitens: Er war ein guter Koch, selbst wenn es sich dabei um etwas so Simples wie Rührei mit Bacon handelte.

Und drittens: Er war ein hoffnungsloser Casanova. Es grenzte an ein Wunder, dass er noch nicht das ganze College durchgevögelt hatte.

Nur noch gespielt widerstrebend setzte ich mich auf einen der Hocker an der Kochinsel und schob das Zeug, das sich darauf stapelte, beiseite. Ausgedruckte Unterlagen für eine Hausarbeit von Luke, eine auf der Wirtschaftsseite zusammengefaltete Zeitung – die gehörte eindeutig Trevor – und ein vollgepackter Stundenplan. Hm. Der war entweder ebenfalls von Trevor oder von Dylan. Da direkt darauf ein Kassenzettel lag, der hauptsächlich Katzenfutter enthielt, tippte ich auf Dylan.

Wie aus dem Nichts tauchte eine XXL-Tasse vor mir auf. Der Geruch von frisch gerösteten Bohnen drang mir in die Nase und ich verfluchte Luke im Stillen. Ohne zu probieren, wusste ich, dass er den Kaffee genau so zubereitet hatte, wie ich ihn mochte: mit einem Schuss Milch und unendlich viel Zucker.

Lukes Augen funkelten erwartungsvoll, als ich nach der Tasse griff und einen Schluck trank. Fast hätte ich die Augen geschlossen und genießerisch geseufzt, aber diese Genugtuung wollte ich ihm nicht geben. Zumindest jetzt noch nicht, auch wenn es mir zunehmend schwerer fiel, ihm weiterhin böse zu sein.

Und endlich schien auch Luke einzulenken, denn er räusperte sich leise, während er das Rührei in der Pfanne bearbeitete. »Es tut mir leid, okay? Ich wusste nicht, dass ihr befreundet seid.«

»Waren wir noch nicht, und daraus wird jetzt wohl auch nichts mehr. Aber sie ist noch immer in unserem Literaturkurs, du Trottel«, erinnerte ich ihn und streckte mich, um an die Besteckschublade zu kommen, ohne dafür aufstehen zu müssen. Dabei wackelte der Hocker gefährlich, aber beim zweiten Versuch schaffte ich es. »Ich muss eine Hausarbeit mit ihr schreiben und das wäre wesentlich angenehmer, wenn wir Freundinnen wären. Was meinst du, wie das jetzt werden wird, hm?« Ich lehnte mich zurück und deutete mit dem Messer in der Hand auf ihn. »Wenn ich mir jetzt bei jedem unserer Treffen anhören muss, was für ein Arsch du bist, weil du den kleinen Luke nicht zurückhalten konntest, wirst du leiden. Kapiert?«

Er warf mir einen amüsierten Blick zu. »Du kannst ihn nur als klein bezeichnen, weil du ihn noch nie in Aktion erlebt hast, Schätzchen.«

»Wow, letzte Nacht hat nichts dazu beigetragen, dein Ego zu stutzen, Mr I’m Sexy And I Know It

Luke sagte nichts dazu, aber sein Grinsen war Antwort genug. Der Mistkerl bereute es kein bisschen. Kein Wunder, er hatte seinen Spaß gehabt, während ich die Konsequenzen in Form einer jammernden Verflossenen ausbaden musste. Wieder mal. Dabei hatten wir doch genau das vermeiden wollen, als wir diese Vereinbarung vor etwas mehr als zwei Jahren getroffen hatten.

Luke stellte einen Teller mit Rührei und Speck vor mich hin, dann nahm er sich seinen eigenen und setzte sich neben mich. Es war unser morgendliches Ritual, wann immer unsere Stundenpläne es zuließen. Einmal hatte ich versucht, selbst zu kochen, aber das war in einer Katastrophe geendet, und da wir sowieso keine vernünftige Kaffeemaschine in unserer Wohnung hatten – Lukes Worte, nicht meine –, fand ich mich immer wieder morgens in seiner WG ein, während Luke Kaffee und Frühstück zubereitete.

»War es sehr schlimm?« Er schaffte es tatsächlich, ein winziges bisschen reumütig zu klingen.

Ich wusste nicht, ob ich lachen oder ihn treten sollte. »Tate hat sie zumindest nicht sofort umgebracht, nachdem sie uns alle geweckt hat«, murmelte ich und schob mir eine Gabel voll Rührei in den Mund. Wenn es jemanden gab, der morgens ohne Kaffee noch schlechter gelaunt war als ich, dann war es meine beste Freundin. Erstaunlich, dass sie Amanda nicht eigenhändig rausgeworfen hatte.

»Hey.« Luke stieß mich mit der Schulter an. »Tut mir leid, Elle.«

Irgendwie war es ein Glück, dass seine Augen nicht braun waren, sonst hätte er den Hundeblick längst perfektioniert. Doch so blitzte es immer noch frech im intensiven Blau auf, was mich daran erinnerte, dass ich es hier nicht mit einem harmlosen Welpen zu tun hatte. Eher mit einem ausgewachsenen Straßenköter, der alles besprang, was nicht bei drei auf den Bäumen war.

»Schon gut«, murmelte ich. »Wenn sie sich während unserer Hausarbeit über dich beschwert, nehme ich es einfach mit dem Handy auf und spiele es dir vor. Nachts. In Dauerschleife.«

Er verschluckte sich an seinem Bissen und musste husten. »Verdammt, du bist böse.«

Ich lächelte nur und trank einen großen Schluck von meinem Kaffee. Mmmh. Nur bei Starbucks war der Kaffee besser als bei Luke. Sollte es mit seiner Karriere im Sportbusiness nicht klappen, könnte er immer noch mit einem eigenen Café oder einem Diner durchstarten.

Nachdenklich betrachtete ich ihn von der Seite. »Warum bist du eigentlich einfach so verschwunden?«

Nicht, dass es etwas Neues für ihn wäre. Luke hatte nicht nur den Ruf eines Playboys, sondern auch den, am Morgen danach sang- und klanglos abzuhauen. Am besten noch, bevor seine Bettpartnerin aufwachte.

»Ich musste zum Training«, erwiderte er schulterzuckend.

Ich zog eine Braue in die Höhe. »Mitten in der Nacht? An einem Samstag? Verkatert?«

»Ich laufe eben gern nachts oder frühmorgens. Außerdem bin ich nie verkatert, Süße.«

»Das glaubst auch nur du. Was war mit Patrick Benfords Hausparty letztes Jahr im November? Du warst so voll, dass Trevor und ich dich praktisch nach Hause tragen mussten.«

»Schade, dass ich mich nicht mehr erinnern kann. Aber das war ein Kater im ganzen Semester. Ein einziger, was man von dir nicht gerade behaupten kann.«

Dann wachte ich eben öfter verkatert auf als mein bester Freund, auch wenn er mehr trank und öfter feiern ging. Und wennschon. Wenn man bedachte, dass uns das erst zusammengeführt hatte, sollten wir beide dankbar dafür sein. Ich war es jedenfalls.

Auf meiner ersten Collegeparty hatte ich so viel unterschiedliches Zeug in mich hineingeschüttet, dass ich nicht mal mehr gerade stehen konnte. Luke kannte ich damals nur flüchtig, trotzdem hatte er mich mit Tates Hilfe zurück ins Wohnheim gebracht und ins Bett verfrachtet. Und obwohl er sicher weit Besseres zu tun gehabt hatte, war Luke die ganze Nacht über bei mir geblieben und hatte mir das Haar hochgehalten, wenn ich mich übergeben musste. Am nächsten Morgen war er losgezogen, hatte unseren Kühlschrank aufgefüllt und Tate und mir ein Katerfrühstück zubereitet.

Luke mochte sich gegenüber den Frauen, mit denen er Sex hatte, wie ein Arschloch verhalten, aber wenn man ihn zum Freund hatte, konnte man sicher sein, dass er im Zweifelsfall immer da sein würde. Und letzten Endes zählte nur das für mich.

»Übrigens weiß ich bis heute nicht, wer mich nach Benfords Party bis auf die Boxershorts ausgezogen und zugedeckt hat.«

Ich verschluckte mich beinahe an meinem Kaffee. »Trevor.«

»Bullshit.« Wieder stieß Luke mich mit der Schulter an. »Er hätte mich mit dem Gesicht nach unten auf dem Fußboden pennen lassen. Und Dylan hätte nachgetreten, wenn er in der Nähe gewesen wäre.«

»Ganz bestimmt«, erwiderte ich ironisch.

Dylan Westbrook mochte vieles sein, gewalttätig war er jedoch mit Sicherheit nicht. Der Kerl war ein Pazifist, wie er im Buche stand. Dazu hatte er einen Helferkomplex so groß wie ein Footballfeld und hätte Luke sogar dann geholfen, als er ihn noch gehasst hatte. Zum Glück waren diese Zeiten vorbei. Jetzt mussten Tate und ich auch nicht mehr darauf achten, die zwei bloß nicht allein in einem Zimmer zu lassen.

Irgendwo rumste etwas. Luke und ich sahen uns an, dann schauten wir zu der einzigen geschlossenen Zimmertür. Das Geräusch wiederholte sich nicht, dafür war ein gedämpftes Kichern zu hören. Eindeutig weiblich.

»Klingt, als hätte Trev Gesellschaft«, murmelte ich und nahm mir noch etwas vom Rührei.

Luke zog eine Grimasse. »Bin ich froh, dass ich die Nacht über nicht da war.«

»Awww … Sind dir die Ohrstöpsel ausgegangen, Liebling?«

Er kam nicht mehr dazu, etwas darauf zu erwidern, da in diesem Moment die Tür zu Trevors Zimmer aufging. Heraus kam eine hübsche rothaarige Frau in einem etwas zerknitterten schwarzen Kleid. Als sie uns bemerkte, nahmen ihre Wangen die gleiche Farbe wie ihr Haar an. Luke hob grüßend die Hand, als wäre das ein alltäglicher Anblick für ihn, und ich warf der Fremden ein Lächeln zu. Sie wirkte jung, vermutlich ein Freshman, die nichts davon ahnte, dass sie in die Höhle des Löwen spaziert war. Oder vielmehr der Löwen, denn Trevor war nur wenig besser als Luke, was seinen Verschleiß an Frauen betraf. Aber wenigstens war er wählerischer.

Trevor folgte ihr. Im Gegensatz zu Luke war er bereits vollständig angezogen – Jeans, legeres Hemd, blankpolierte Schuhe. In dem Aufzug wirkte er sogar mit dem dunklen Bart ganz wie der Business- und Managementstudent. Trevor begrüßte uns mit einem knappen Nicken, dann führte er seine … Freundin zur Tür, um sich dort von ihr zu verabschieden. Eines musste man ihm und Luke lassen – die Mädchen, die sie um den Finger wickelten, waren allesamt bildhübsch. Wenn ich mich nicht irrte, trat eine von Lukes alten Flammen, die noch Monate nach ihrer einzigen gemeinsamen Nacht wie eine Klette an ihm geklebt hatte, jetzt sogar bei der neuesten Staffel von America’s Next Topmodel an. Wie hieß sie noch gleich? Lizzy? Lilly? Egal. Hoffentlich flog sie beim entscheidenden Catwalk auf die Nase.

Trevor kehrte allein zurück, warf einen Blick auf unser Frühstück und steuerte die Kaffeemaschine an. »Was hat er diesmal angestellt?«

»Mit Amanda Leeroy geschlafen. Aus unserem Literaturkurs.«

Trevor betrachtete mich einen Moment lang nachdenklich. »Die Hübsche mit den Locken?«

Ich nickte. »Sie hat um halb sieben gegen unsere Tür gehämmert.«

»Autsch. Lebt sie noch?«

»Oh, ich habe sie am Leben gelassen. Für alles, was passiert ist, nachdem ich gegangen bin, übernehme ich keine Verantwortung.« Aber ich würde Tate ein gutes Alibi liefern.

»Ich bin überrascht, dass du Luke am Leben gelassen hast.« Trevor prostete mir mit seiner Tasse zu und trank einen Schluck von seinem Kaffee. »Du wirst doch wohl nicht weich, Elle?«

Ich betrachtete Luke einen Moment lang von der Seite und zuckte dann mit den Schultern. »Vielleicht brauche ich ihn noch. Und falls nicht, kann ich ihm später immer noch die Eier abschneiden.«

»Hey!«, protestierte er neben mir, doch seine Stimme ging im Refrain von Down & Dirty von Little Mix unter, der aus meinem Handy schallte.

Überrascht zog ich das Smartphone aus meiner hinteren Hosentasche und starrte auf das Display. Der Klingelton war bereits ein eindeutiges Indiz, aber das Foto meiner Schwester vertrieb jegliche Zweifel. Sadie.

Mein Magen zog sich vor Schreck zusammen. Ich drehte mich auf dem Hocker um, bis ich den Jungs den Rücken zuwandte, erst dann ging ich ran. »Wer ist tot?«

»Was?«, ertönte Sadies überraschte Stimme. Sie klang noch genauso wie früher, obwohl unser letztes Gespräch eine Ewigkeit her war. »Warum soll jemand tot sein?«

Plötzlich spürte ich etwas Warmes in meinem Rücken, und der vertraute Geruch nach Sonne und Meer stieg mir in die Nase. Lukes Stimme war dicht an meinem Ohr. »Du hast diesen Klingelton für deine Schwester eingestellt? Erzähl mir alles.«

Ich rammte ihm meinen Ellenbogen in die Rippen, und er zuckte zurück. Darauf, dass ich für alle meine wichtigen Kontakte einen passenden Song auswählte, musste er gar nicht erst herumreiten. Nicht, wenn ich seinen Klingelton alle paar Monate änderte, nachdem sich Luke eine neue Aktion wie heute Morgen geleistet hatte.

»Wer war das?«, fragte Sadie am anderen Ende der Leitung. Dafür, dass sie ein Jahr älter war als ich, klang sie viel zu sehr wie eine neugierige kleine Schwester.

»Niemand.« Ich räusperte mich. »Und irgendjemand muss tot sein, weil ich mir keinen anderen Grund vorstellen kann, warum du anrufst.«

Sie prustete los. Jedes andere Mitglied unserer Familie hätte bei dieser Aussage empört nach Luft geschnappt oder missbilligend die Brauen hochgezogen, wie Mom es immer zu tun pflegte, aber Sadie und ich waren schon immer auf einer Wellenlänge gewesen, ganz besonders, was den trockenen Humor anging.

»Das gilt aber auch für dich, Schwesterchen«, konterte sie. »Du hast ewig nichts mehr von dir hören lassen.«

»Ich weiß … Tut mir leid.« Sofort meldete sich mein schlechtes Gewissen, und ich biss mir auf die Unterlippe. »In den Sommerferien war ich mit Freunden unterwegs, und während des Semesters habe ich eine Million Kurse.«

Was in Anbetracht der Hausaufgaben, die wir so manches Mal aufgedrückt bekamen, nicht mal übertrieben war.

»Schon gut. Und du kannst ganz beruhigt sein: Ich rufe nicht an, weil jemand gestorben ist. Im Gegenteil.«

Ich setzte mich abrupt auf. Vergessen waren die Jungs, die jedes Wort dieses Gesprächs mit anhören konnten. »Du bist schwanger?«

»Was? Nein! Gott …« Sadie kicherte, als wäre diese Vorstellung völlig absurd. »Aber ich bin verlobt.«

Hätte ich noch meine Kaffeetasse in der Hand gehalten, hätte ich sie in dieser Sekunde fallen lassen. Sadie war verlobt? Bis zu diesem Moment hatte ich nicht einmal gewusst, dass sie einen Freund hatte. Und jetzt wollte sich meine gerade mal ein Jahr ältere Schwester für den Rest ihres Lebens an einen Mann binden? Waren Mom und Brianna als Beispiele dafür, wie das enden konnte, etwa nicht abschreckend genug?

»Elle …?« Sadie klang besorgt.

Ich blinzelte. »Herzlichen Glückwunsch«, brachte ich heraus und zwang etwas Fröhlichkeit in meine Stimme. Für einen Moment bereute ich es, mich nicht für Theaterwissenschaften als mein Hauptfach entschieden zu haben, sondern für Journalismus. Dann würde ich jetzt vielleicht etwas glaubhafter klingen.

»Danke.« Sie zögerte. »Die Einladung zur Verlobungsfeier hast du doch bekommen, oder? Ich habe nichts von dir gehört, aber wir würden uns wirklich sehr freuen, wenn du auch kommst.«

Ich schluckte. In einer Schublade meines Schreibtisches lag ein Umschlag mit Prägung und meiner Adresse in geschwungener Schrift auf hochwertigem Papier. Ich hatte ihn schon vor Wochen erhalten, aber nicht geöffnet, da ich ihn nur für eine von Moms formellen Einladungen zu irgendeiner Party oder Charityveranstaltung hielt. Nichts, bei dem meine Familie mich tatsächlich dabeihaben wollte. Doch jetzt wusste ich es besser.

Und obwohl ich es bereits ahnte, musste ich die nächste Frage einfach stellen. Vielleicht, weil ich eine Masochistin war. »Wo findet sie statt?«

»Bei Mom und Dad. Es wird eine Gartenparty.«

Inzwischen hämmerte mein Herz so sehr, dass es wehtat und das bisschen Rührei mit Speck, das ich gegessen hatte, lag mir schwer im Magen.

Zurück nach Hause. Konnte ich das wirklich tun? Konnte ich zurück in das Haus gehen, in dem man mich nie wieder hatte sehen wollen? Sadie wusste nichts davon, und wenn, dann kannte sie nur Moms verzerrte Version der Wahrheit. Ich hatte ihr nie gesagt, was an jenem Abend wirklich geschehen war, weil ich keinen Keil zwischen sie und unsere Eltern treiben wollte. Und erst viel später war mir klargeworden, dass mein Schweigen und die lange Abwesenheit dieselbe Wirkung auf Sadie und mich gehabt hatte. Wir telefonierten nicht mehr miteinander, erzählten uns nicht mehr alles wie früher. Ich hatte schon seit einer ganzen Weile das Gefühl, als würde sie mir entgleiten, und jetzt nicht zu ihrer Verlobungsfeier zu kommen, würde das Band zwischen uns endgültig zerreißen lassen.

»Möchtest du …«, sie hielt kurz inne, nur um mit festerer Stimme fortzufahren: »Ich würde mich riesig freuen, wenn du eine meiner Brautjungfern wärst, Elle.«

Sie klang so hoffnungsvoll, und ich war nicht kaltherzig genug, um ihr eine Absage zu erteilen. Auch wenn das unweigerlich bedeutete, nach Hause zurückzukehren und mich meiner Mutter stellen zu müssen.

»Sehr gerne«, brachte ich heiser hervor. »Und ja, natürlich komme ich zur Feier.«

»Wirklich? Oh, das ist super! Ich freue mich ja so! Dann reserviere ich zwei Plätze für dich und deinen Freund. Ich kann es gar nicht erwarten, Luke endlich kennenzulernen.«

»Luke?«, wiederholte ich verwirrt. Im selben Moment nahm ich eine Bewegung aus dem Augenwinkel wahr. Luke hatte seinen Namen gehört und sah fragend zu mir rüber.

Oh, verdammt.

Im ersten Semester hatte ich ihn als Ausrede benutzt, um Sadie nicht die Wahrheit darüber sagen zu müssen, warum ich an Thanksgiving und Weihnachten nicht mehr nach Hause kam. Ich hätte wissen müssen, dass mich diese Lüge eines Tages einholen und mir in den Hintern beißen würde.

»Oh … ähm … also … d-das ist nicht nötig«, stammelte ich. »Wir sind … nicht mehr zusammen.« Noch während ich die Worte aussprach, schlug ich mir mit der Faust lautlos gegen die Stirn. Nicht mehr zusammen? Echt jetzt? Etwas Besseres konnte mir nicht einfallen?

»Was? Oh nein.« Sadie klang ehrlich bestürzt. »Das tut mir so leid für dich, Elle. Aber wenn du vielleicht jemand anderen mitbringen möch…«

»Nein, schon gut. Wir sehen uns nächstes Wochenende, ja?« Besser, ich würgte sie jetzt ab, bevor sie ihr Mitleid über meine imaginäre Trennung über mir ausschütten konnte. Sadie war schon immer so verdammt empathisch gewesen.

»Na gut, aber wenn du reden willst, bin ich für dich da.« Sie klang so ehrlich, so mitfühlend, dass sich mein Magen schmerzhaft verkrampfte. »Ich freue mich schon auf nächstes Wochenende. Bis dann!«

Nachdem sie aufgelegt hatte, starrte ich so lange auf das Display, bis es dunkel wurde. Erst dann fiel mir auf, dass ich unbewusst den Atem angehalten hatte, und schnappte hastig nach Luft.

Eine Verlobung. Wusste sie überhaupt, worauf sie sich da einließ? In unserer Familie nahm man den Bund fürs Leben wörtlich. Eine Scheidung hatte es in den letzten vier Generationen nicht mehr gegeben, und damals auch nur, weil Ururgroßtante Tori den Verstand verloren hatte und weggesperrt worden war. Ein dunkler Fleck in unserem Stammbaum, über den niemand sprach. Wahrscheinlich genauso wenig wie über mich.

Ich drehte mich wieder auf dem Hocker um – und blickte geradewegs in Lukes Gesicht. Von Trevor war keine Spur mehr zu sehen. Anders als Luke hatte er sich höflich zurückgezogen, während ich telefonierte.

Fragend hob er die Brauen. »Willst du mir vielleicht irgendetwas sagen?«

»Nein.« Ich schob das Handy zurück in meine Hosentasche und griff nach meiner Gabel. Der Appetit war mir vergangen, aber das hieß nicht, dass ich mir ein Frühstück bei Luke entgehen ließ. Nicht einmal dann, wenn es nur noch lauwarm war und ich es herunterwürgen musste.

»Wir haben uns also getrennt, ja?« Lukes Mundwinkel zuckten verdächtig. »Ich wusste nicht mal, dass wir ein Paar waren.«

Ich verdrehte die Augen. »Es ist kompliziert.«

»Oh, ist das unser neuer Beziehungsstatus bei Facebook? Es ist kompliziert

Statt einer Antwort pikste ich ihm mit der Gabel in den Arm.

»Autsch.« Gespielt verzog er das Gesicht vor Schmerz und rieb sich über die Stelle. »Eindeutig kompliziert.«

Gegen meinen Willen musste ich lachen und vergaß für einen kurzen Moment sogar diesen Anruf und was er für mich bedeutete. »Als ob ich mich je auf jemanden wie dich einlassen würde.«

»Oh, insgeheim träumst du davon.« Gut gelaunt trank er seinen Kaffee aus. »Du weißt es, ich weiß es, und der Rest der Welt weiß es auch.«

»Kennt dein Ego überhaupt keine Grenzen?«

»Nein.« Er grinste. »Sollte es?«

Kapitel 2

Luke

Nachdenklich starrte ich auf die Tür, nachdem sie hinter Elle zugefallen war. Natürlich tapste ausgerechnet jetzt diese blöde Katze aus Dylans Zimmer und fauchte mich an, als wäre es meine Schuld, dass Elle weg war. Von wegen. Sie hatte die Flucht ergriffen, bevor ich sie mit irgendwelchen Fragen löchern konnte. Dabei hatte ich das nicht einmal vorgehabt. Wenn sie mich als ihren Freund ausgeben wollte – nur zu. Damit hatte ich kein Problem. Irritierend war eher die Tatsache, dass sie mich ihrer Schwester gegenüber als ihren Exfreund ausgegeben hatte. Wozu diese Scharade?

Trevor kam aus seinem Zimmer, die Laptoptasche umgehängt und ein paar Bücher unter den Arm geklemmt. Typisch. Dieser Kerl ging sogar an einem Samstag in die Bibliothek, um dort zu lernen.

»Bis später, Mann.«

»Hey«, rief ich, bevor er sich aus dem Staub machen konnte. »Denk an heute Abend! Maze killt uns, wenn wir nicht aufkreuzen.«

»Ich weiß.« Die Tür fiel ein zweites Mal zu, und ich blieb allein in der WG zurück.

Allein mit dieser Katze, die mich beäugte, als wollte sie mir gleich die Augen auskratzen. Ich starrte zurück. »Ich war vor dir hier, Kumpel. Gewöhn dich besser dran.«

Jetzt redete ich schon mit dem Fellvieh. Großartig.

Ohne mich eines Blickes zu würdigen, sprang Mister Cuddles aufs Sofa und streckte sich dort aus, als würde ihr die ganze Wohnung gehören. Kopfschüttelnd räumte ich das Geschirr weg. Wenigstens hatte Elle aufgegessen und ihren Kaffee ausgetrunken, sonst hätte ich mir ernste Sorgen um sie machen müssen.

Mit den Händen in Schaum und heißem Wasser sah ich zu dem Kalender über der Spüle. Mason hatte ihn uns Anfang des Semesters überlassen, nachdem seine neue Mitbewohnerin Emery damit gedroht hatte, ihm nachts wichtige Körperteile abzuschneiden, wenn er den Kalender in ihrem gemeinsamen Zimmer aufhängte. Keine Ahnung, was sie hatte. Miss Oktober sah ziemlich heiß aus in ihrem knappen Bikini.

Ich ließ meinen Blick zum Ende des Monats wandern. Noch vor Halloween stand ein wichtiger Termin an: die C-USA Championships in Charlotte, North Carolina. Das Achttausendmeterrennen würde mörderisch werden. Trotzdem kribbelte meine Haut allein beim Gedanken daran. Würde ich nicht gerade das Geschirr zum Abtropfen aufstellen, wäre ich schon längst losgerannt. Die vierzig Minuten Joggen vor dem Morgengrauen waren eindeutig zu wenig gewesen, um mich auszupowern.

Auch wenn Elle es mir nicht abkaufte, benutzte ich mein Training nicht als Ausrede, um nach einem One-Night-Stand möglichst früh die Biege zu machen. Ich ging wirklich Laufen. Dass ich dadurch dem unangenehmen Morgen danach ausweichen konnte, war nur ein positiver Nebeneffekt. Sex war einfach. Unpersönlich. Mit jemandem im selben Bett zu schlafen war dagegen viel zu … intim.

Die Tür ging erneut auf, und diese mordlüsterne Katze sprang vom Sofa und rannte auf den Neuankömmling zu.

»Wow, hey. Guten Morgen.«

Als ich mich umdrehte, hielt Dylan das dreifarbige Fellbündel im Arm, das natürlich sofort losschnurrte.

»Gott sei Dank.« Ich warf das Geschirrtuch auf die Anrichte. »Eine Minute länger, und wir wären uns an die Gurgel gegangen.«

»Ach, komm.« Amüsiert setzte Dylan die Katze auf den Boden und richtete sich auf. »Ihr braucht nur ein bisschen Zeit, um euch aneinander zu gewöhnen.«

»Du meinst, die zwei Wochen und zehn Kratzer reichen nicht?«, erwiderte ich trocken.

»Waren es nicht neun?«

»Zehn.« Ich hob den Arm, damit Dylan die lange rote Linie sehen konnte, die auf meinem Unterarm prangte.

»Autsch.« Er verzog das Gesicht. »Hast du das schon desinfiziert?«

»Danke für den Tipp, Doc.«

Er grinste. »Sag Bescheid, wenn es sich entzündet.«

Ich rollte mit den Augen, konnte mein eigenes Grinsen aber nicht unterdrücken. Es tat gut, wieder normal miteinander umgehen zu können. Nach der Sache mit seiner Ex in unserem letzten Highschooljahr, die uns beide belogen und ihren Spaß mit uns gehabt hatte, war es eigentlich ein Wunder, dass wir wieder miteinander redeten, ganz zu schweigen davon, dass Dylan jetzt auch noch in unsere WG gezogen war.

Kopfschüttelnd sah ich ihm nach, wie er mit Mister Cuddles im Schlepptau in sein Zimmer ging. Ich folgte seinem Beispiel, betrat mein eigenes Zimmer, hob eine Sporthose vom Boden auf und zog sie an. Sie hatte auf der zerfledderten Ausgabe von Romeo und Julia gelegen, die ich für meinen Literaturkurs lesen musste und einem älteren Semester günstig abgekauft hatte. Irgendwo musste auch noch mein Handy sein.

Ich fand es unter meinem Bett, zusammen mit den Klamotten von letzter Nacht. Der Akku war fast leer, trotzdem tippte ich eine schnelle Nachricht an Elle:

Godfreys Party heute Abend? Masons Band spielt.

Keiner von uns mochte den kleinen Mistkerl, aber Mason zuliebe würden wir geschlossen hingehen. Und wenigstens so lange bleiben, um uns das Konzert anzuhören.

Ich steckte das Handy ans Ladekabel, schnappte mir ein T-Shirt aus dem Schrank und zog meine Laufschuhe an.

Die nächsten zwei Stunden lief ich durch den Park in der Nähe vom Campus, danach folgten Dehnübungen, Kühlpacks für meine Muskeln und eine langen Dusche. Gegen Mittag hatte Elle sich noch immer nicht gemeldet, aber da ich auch nichts Gegenteiliges gehört hatte, ging ich davon aus, dass die Abendplanung stand. Trevor würde später dazustoßen, Dylan war wieder bei der Arbeit und Mason mit seiner Band schon vor Ort. Blieben also nur die Mädels und ich.

Ich klopfte ein Stockwerk über unserer WG gegen die Tür. Als sich nach einer halben Minute nichts tat, hämmerte ich erneut gegen das Holz. Diesmal lauter. Ich könnte auch einfach reingehen, da ich mir ziemlich sicher war, dass die Tür nicht abgeschlossen war, aber ich wollte kein Arsch sein. Mason hatte das einmal getan und Tate mit irgendeinem Typen halb nackt auf dem Sofa erwischt. Ein Anblick, den ich mir lieber ersparen wollte.

Endlich wurde die Tür aufgerissen, aber es war nicht Elle, die auftauchte, sondern Tate. In ihrem dunkelbraunen Haar mit den knallroten Strähnchen steckte ein Kugelschreiber, sie hatte eine Lesebrille auf der Nase und hielt ein Tablet in der Hand.

»Was?«, fauchte sie.

Ich konnte nicht anders, ich musste lachen. Wenn man Tate seit der Highschool kannte und mehr als nur eine peinliche Episode aus dieser Zeit miterlebt hatte, wirkte sie nur halb so furchterregend – wenn überhaupt.

Ihre grünen Augen verengten sich zu Schlitzen.

Oh, oh. Gefahr im Anmarsch.

»Hey, ich komme in Frieden. Wir wollten zu Godfreys Party, schon vergessen?«

»Und das konntest du nicht texten, weil …?«

»Ich wusste, dass ihr sowieso noch nicht fertig seid.« Ich warf ihr mein charmantestes Lächeln zu und schob mich an ihr vorbei in die Wohnung. »Außerdem hab ich Elle schon heute Morgen geschrieben. Nimm’s mir nicht übel, Tate, aber was ist eigentlich mit euch Kriminologie- und Managementleuten los? Trevor hängt auch schon den ganzen Tag in der Bibliothek rum.«

»Wir haben ein Leben außerhalb von Partys und den Betten anderer Leute?«, schlug sie vor und drückte die Tür hinter mir zu.

»Autsch.« Ich zog eine Grimasse und musterte sie von oben bis unten. Sie trug ein T-Shirt, das ihr zu groß war, und eine karierte Stoffhose. Eindeutig kein Partyoutfit. »Dann kommst du also nicht mit?«

»Das habe ich nicht gesagt.« Tate zog sich den Stift aus den Haaren und warf ihn zusammen mit dem Tablet auf das Sofa im Gemeinschaftswohnzimmer. »Aber ich gehe nur Maze zuliebe hin. Ich kann Godfrey nicht ausstehen.«

Was vermutlich daran lag, dass er Tate im letzten Semester ziemlich aufdringlich angemacht hatte. Es hatte ein paar deutliche Worte von Trevor und mir gebraucht, bis der Wichser kapiert hatte, was Nein bedeutete. Wobei … dass Tate vor versammelter Mannschaft verkündet hatte, wie klein sein Schwanz wirklich war, könnte auch geholfen haben.

»Wo ist Elle?«, fragte ich, während ich mich umsah. Die Wohnung der Mädchen war wesentlich aufgeräumter als unsere, obwohl auch hier Zeug herumlag: Klamotten, Bücher, eine leere Kaffeetasse und Tates Malutensilien in der Ecke.

»Noch im Bad.«

Ich bemerkte Tates prüfenden Blick und hob fragend die Brauen.

»Ausgerechnet Amanda Leeroy?« Sie schüttelte den Kopf. »Ehrlich, Kumpel, damit hast du niemandem einen Gefallen getan.«

»Spar dir die Ansprache, Elle hat mir deswegen schon den Arsch aufgerissen.« Ächzend ließ ich mich aufs Sofa fallen und streckte die Beine aus.

»Zu Recht. Das war nicht gerade deine klügste Entscheidung.« Tate schnalzte missbilligend mit der Zunge. »Außerdem hast du wieder mal meine Chance auf ein bisschen Extrageld zerstört.«

Als Antwort auf Tates Schmollmund rollte ich nur übertrieben mit den Augen. Eine derart dämliche Wette hatte nur Mason einfallen können. Vielleicht hätte es mich wirklich aufregen sollen, aber um ehrlich zu sein, fand ich es irgendwie witzig, dass die Leute tatsächlich Geld darauf setzten, ob und wann Elle und ich miteinander im Bett landeten.

Ja klar. Als ob das je passieren würde.

Was sicher nicht an mangelnden Versuchen meinerseits lag, denn als wir uns kennengelernt hatten, war genau das mein Ziel gewesen. Wieso auch nicht? Wir waren beide neu am College, aber im Gegensatz zu mir war sie auch neu in der Stadt gewesen. Hübsch, clever und mit dieser Hammerausstrahlung, die mich sofort in ihren Bann gezogen hatte. Bis ich Elle auf ihrer ersten Collegeparty wiedergesehen und mit Tates Hilfe nach Hause gebracht hatte. Irgendwie zerstörte es die sexuelle Anziehungskraft, wenn man jemandem beim Kotzen die Haare aus dem Gesicht hielt. Oder gemeinsam am nächsten Tag bis spätabends alle Teile von Resident Evil anschaute und die Überlebenden im Kampf gegen die Infizierten anfeuerte. Was wir seither noch öfter bei Action- und Horrorfilmen gemacht hatten. Und bevor ich es gemerkt hatte, waren wir schon zu gut befreundet gewesen, als dass noch etwas zwischen uns hätte laufen können.

»Du willst deine zwanzig Dollar zurückhaben, was?«

»Vielleicht.« Sie gab sich keine Mühe, ihr Grinsen zu verbergen. Von Schuldgefühlen keine Spur. Doch dann wurde sie plötzlich ernst. »War heute Morgen irgendwas, als Elle bei euch war?«

Ich runzelte die Stirn. »Wieso?«

»Ich weiß nicht. Sie hat heute kaum ein Wort gesagt und wirkt irgendwie abwesend.« Sie zuckte mit den Schultern. »Wahrscheinlich hat sie einfach nur genauso wenig Lust auf diese Party wie der Rest von uns.«

»Stimmt. Aber die Musik soll gut sein, hab ich gehört.« Elles Stimme ließ mich aufsehen.

»Und der Alkohol.« Tate eilte an ihr vorbei ins Badezimmer, aber ich beachtete sie kaum. Meine ganze Aufmerksamkeit war auf Elle fokussiert.

Sie trug einen dünnen dunkelroten Pullover, der ihre linke Schulter frei ließ und locker herabfiel. Hatte ich gerade eben noch daran gedacht, dass ich sie nicht mehr heiß finden konnte? Eine glatte Lüge. Denn ihr Outfit war nicht das Einzige, was meinen Blick auf sich zog, sondern vor allem ihre Beine, die in einer hautengen Jeans steckten. Der Sommer war vielleicht vorbei, aber dieser Anblick brachte einen Mann eindeutig ins Schwitzen. Natürlich trug sie keine High Heels dazu wie so viele andere Mädchen, sondern braune Stiefeletten mit breitem Absatz. In diesen Sachen hätte sie ebenso gut in den Hörsaal gehen können – oder auf eine Party.

Elle setzte sich neben mich aufs Sofa. Und während ich noch damit beschäftigt war, meine trockene Kehle zu befeuchten, spürte ich auf einmal ihre Finger an meinem Kinn. Sie hob es an, bis ich ihr wieder ins Gesicht sah.

»Ich bin übrigens hier oben.« In ihren dunkel geschminkten Augen glitzerte es belustigt.

Ich hatte ewig gebraucht, um herauszufinden, welche Augenfarbe sie hatte. Inzwischen wusste ich, dass es eine Mischung aus Grau und Grün war. Je nach Stimmung dominierte mal die eine, mal die andere Farbe.

»Was denn?«, erwiderte ich ohne Reue. Trotz ihrer Worte beendete ich meine Musterung ganz in Ruhe. Von Elles Gesicht mit den vollen Lippen zu der kleinen Narbe an ihrer rechten Schläfe bis hin zu ihrem Haar, das honigblond schimmerte und ihr in Wellen über die Schultern fiel. Andere Frauen wären unter meinem Blick errötet, aber nicht Elle. Unwillkürlich fragte ich mich, was es wohl brauchte, um ihr die Röte ins Gesicht zu treiben. »Darf ich nicht mal das Outfit meines Herzblatts bewundern?«

»Ich bin nicht dein Herzblatt.«

»Da habe ich heute Morgen aber was ganz anderes gehört.«

Es sollte nur ein Scherz sein, dennoch legte sich für einen flüchtigen Moment ein Schatten über ihr Gesicht. Ganz so, als hätte ich mit der Bemerkung einen Nerv getroffen.

Shit.

»Elle?«

Sie schüttelte den Kopf und stand im selben Moment auf, in dem Tate aus dem Badezimmer kam. Dann griff sie nach ihrer Jacke. »Kommst du dann, wenn du damit fertig bist, mich mit den Augen auszuziehen?«

»Jederzeit, Baby.«

Sie hatte hoffentlich nicht gedacht, dass ich mir diese Steilvorlage entgehen ließ?

»Oh mein Gott!« Elle lachte ungläubig auf und ich kam nicht umhin, ein kleines bisschen stolz auf mich zu sein. Das Lachen stand ihr wesentlich besser als dieser grüblerische Gesichtsausdruck. »Hast du das gerade wirklich gesagt?«

Ich grinste. Meine große Klappe hatte mich öfter in Schwierigkeiten gebracht als ich zählen konnte, aber Elle wusste, wie sie mich zu nehmen hatte.

»Tust du mir einen Gefallen?« Ohne meine Antwort abzuwarten, griff sie nach meiner Hand und zog mich hoch. »Schraub das Testosteron runter, McAdams. Wenigstens bis wir auf der Party sind.«

Godfreys Party erfüllte alle Klischees, die es über Studentenpartys gab. Sie fand in einem Verbindungshaus statt, die Musik war schon von der Straße aus zu hören, die bereits komplett zugeparkt war, und auf der Veranda tummelten sich die Grüppchen, um zu rauchen, zu trinken und zu feiern. Der Erste kotzte schon hinter einen Busch.

»Hey, Mann.« Jeffrey Godfrey stand auf der Veranda und begrüßte mich per Handschlag. Er warf Elle ein breites Lächeln zu, dann musterte er Tate in ihrer hautengen Lederhose. Es überraschte mich, dass er nicht anfing, zu sabbern. »Hallo, Sexy …«

»Fick dich.« Sie stolzierte an ihm vorbei, ohne ihm einen einzigen Blick zuzuwerfen.

Grinsend folgten wir ihr hinein. Im Haus war es laut und stickig. Es roch nach Bier, Schweiß und einer viel zu süßen Mischung aus verschiedenen Parfüms. Ich war mir ziemlich sicher, auch eine Spur Gras zu riechen. Nachdem eine von Godfreys Partys letztes Jahr von der Polizei aufgelöst worden war und in einem der oberen Schlafzimmer Koks gefunden wurde, überraschte mich nichts mehr bei dem Kerl.

Im Zimmer rechts von uns legte ein Mädchen gerade eine beeindruckende Tanzeinlage auf dem Billardtisch hin. Auf die Sofas im gegenüberliegenden Zimmer hatten sich die Jungs der Verbindung gequetscht, manche von ihnen mit einer Frau auf dem Schoß, während vor ihnen eine Schießerei über den großen Flachbildfernseher flimmerte. Verdammt, das war der aktuelle Teil von Call of Duty. Meine Finger zuckten. Am liebsten hätte ich alles stehen und liegen gelassen, um mitzumachen.

»Hey Leute.« Von irgendwoher tauchte Mason auf und begrüßte die Mädels mit einer kurzen Umarmung und mich per Handschlag. Obwohl er einen Auftritt vor so vielen Leuten vor sich hatte, zeigte er nicht das geringste Anzeichen von Lampenfieber. Mit den kurzgeschorenen Haaren, die er seit seiner Zeit bei der Army beibehalten hatte, dem Lippenpiercing und dem Arm voller Tattoos strahlte er mehr Selbstbewusstsein aus, als gut für ihn war. »Wo steckt der Rest der Gang?«

Elle stellte sich auf die Zehenspitzen und sah sich suchend um. Bei ihren eins sechsundsechzig halfen allerdings auch die hohen Schuhe nicht allzu viel.

»Soll ich dich hochheben, damit du etwas sehen kannst, Stöpsel?«, bot ich ihr, ganz der Gentleman, an.

»Stöpsel?!« Sie warf mir einen vernichtenden Blick zu. »Nicht jeder kann so ein Gorilla sein wie du.«

Ich lachte auf, dann wandte ich mich wieder an Mason. »Dylan muss arbeiten, aber er meint, er kennt eure Songs ja eh alle von deinem Übungsgejaule in Emerys Zimmer.«

»Und Emery hat dieses Wochenende ihr Fotoseminar drüben in Charleston«, ergänzte Elle.

Mason schnaubte. »Diese Verräter.«

»Was ist mit Trevor?«, fragte Tate in die Runde.

»Wahrscheinlich in der Bibliothek eingepennt«, erwiderte ich trocken. Dieser Typ verbrachte eindeutig zu viel Zeit dort.

»Okay.« Mason hob die Hand, als ihm jemand von der provisorisch errichteten Bühne her ein Zeichen gab. »Gleich geht’s los.«

»Hals- und Beinbruch!«, rief ich ihm nach.

Mason war bereits in der Menge untergetaucht, drehte sich aber noch mal um und reckte den Daumen in die Höhe.

»Ich brauche was zu trinken«, verkündete Elle. »Sonst noch jemand?«

Tate schüttelte den Kopf. So wie ich sie kannte, würde sie sowieso gleich wie von Zauberhand einen Becher in der Hand halten, den ihr irgendeiner ihrer Bekannten gab.

»Ich komme mit«, verkündete ich und bahnte uns einen Weg in Richtung Küche. Bei so vielen Menschen kamen wir nur langsam voran. Unsere Kommilitonen versammelten sich im Flur, als würde es etwas umsonst geben.

Auf dem Weg in die Küche traf ich zwei Jungs vom Cross Country, grüßte Brent Michaels, den Quarterback unserer Footballmannschaft, wich einem ehemaligen One-Night-Stand aus und schaffte es irgendwie, mich vor allen Gesprächen zu drücken.

Die Küche im Verbindungshaus war so riesig wie die meiner Großtante DeeDee und nicht zu vergleichen mit der kleinen Ecke in unserer WG. Sollte ich mich je einer Bruderschaft anschließen, wäre das wohl der Hauptgrund.

Hier drinnen war es genauso überfüllt wie im restlichen Haus. Die Musik war etwas leiser, dafür hallten Stimmen und Gelächter von den gekachelten Wänden wider. Wir fanden gleich drei gekühlte Bierfässer an der Stelle, wo sich die meisten Leute tummelten. Ich nahm zwei rote Plastikbecher vom Stapel, füllte den ersten mit Bier, bis der Schaum beinahe überquoll und gab ihn Elle. Dann goss ich mir selbst ein.

Als ich fertig war, hatte Elle ihren Becher bereits geleert. Ich runzelte die Stirn.

»Was ist?«, fragte sie, während sie ihren Becher wieder auffüllte.

»Nichts.« Ich schüttelte langsam den Kopf. »Ganz schön durstig, was?«

Sie zuckte die Schultern. »Komm runter, McAdams. Es ist nur Bier.«

Kein Scheiß. Doch als ich ihr nachsah, wie sie sich mit ihrem vollen Becher an den Leuten vorbeischlängelte, wurde ich dieses blöde Gefühl nicht los. Denn ich wusste, was sie da tat. Diesen nüchternen, beinahe gleichgültigen Gesichtsausdruck kannte ich nur zu gut, allerdings nicht von Elle, sondern von mir selbst. Und genau das machte mir Sorgen. Meine beste Freundin war nicht der Typ, der sich auf einer Party volllaufen ließ, um vor ihren Gedanken und Gefühlen wegzulaufen.

Ich schon.

Mit meinem eigenen Getränk in der Hand folgte ich ihr zurück ins Wohnzimmer. Die Jungs spielten noch immer Call of Duty, aber sie hatten den Ton inzwischen leiser gedreht. Auch die Musik dröhnte weniger laut und hörte plötzlich mitten im Refrain ganz auf. Dann trat Godfrey auf die Bühne. Es war ein Wunder, dass der Kerl nicht in seinem Haargel und dem schmierigen Lächeln ausrutschte. Soweit mir bekannt war, gab es niemanden, der Godfrey richtig leiden konnte, aber der Typ wusste, wie man eine Party schmiss, über die noch Wochen später geredet wurde.

Ich sah mich in der Menge um und entdeckte Tates dunklen Haarschopf mit den knallroten Strähnchen darin. Als ich näherkam, bemerkte ich auch Elle neben ihr.

»Da bist du ja endlich!«, rief Tate und wedelte mit der Hand. An ihrem Handgelenk klimperten inzwischen ein halbes Dutzend Leuchtstäbe.

Godfrey verließ die Bühne, und die Band begann mit dem ersten Song. Hazel sang sich die Seele aus dem Leib, und die Menge tobte.

Beim zweiten Lied legte Mason ein Solo an der Gitarre hin, und gleich mehrere Frauen fingen an, loszukreischen. Ich zog eine Grimasse.

»Sei kein Spielverderber.« Tate stieß mir den Ellbogen in die Rippen. Trotz des Biers in der Hand ging sie ganz in der Musik auf und tanzte begeistert mit.

Ich verzog die Lippen. Dieses Rumgehopse war nicht mein Ding, aber das Mädchen wusste eindeutig, wie man Spaß hatte. Kaum zu glauben, dass sie in der Highschool eine stille graue Maus gewesen war.

Ich sah mich nach Elle um. Normalerweise feuerte sie Mason und seine Band so leidenschaftlich an, als wären wir bei einem Footballspiel, oder tanzte zumindest mit Tate. Aber heute schien sie nicht ganz bei der Sache zu sein. Sie schaute Richtung Bühne, bewegte sich aber nicht. Dafür wanderte der Becher immer wieder an ihren Mund, bis sie ihn innerhalb kürzester Zeit ausgetrunken hatte.

Ich versuchte wirklich, mir keine Sorgen zu machen. Scheiße, ich wollte mir keine Sorgen machen.

Elle war ein großes Mädchen. Sie wusste, wie viel sie vertrug, und konnte dank des Selbstverteidigungskurses, den sie jedes Semester neu belegte, gut auf sich selbst aufpassen. Aber mir entgingen die kleinen Falten auf ihrer Stirn genauso wenig wie die Anspannung zwischen ihren Schulterblättern. In Gedanken schien sie meilenweit weg zu sein.

Wieder musste ich an den Anruf von heute Morgen denken. In den zwei Jahren, die wir uns nun schon kannten, hatten wir so gut wie nie über unsere Familien gesprochen. Wir tänzelten um das Thema herum, als könnte es Feuer fangen und uns verbrennen, wenn wir uns zu intensiv damit beschäftigten. Aber ich wusste, dass sie seit ihrem ersten Tag am College nicht mehr zu Hause gewesen war, genau wie Elle wusste, dass ich nicht über meine Eltern sprach.

Und jetzt hatte der Anruf ihrer Schwester sie nicht nur an ihre eigene Familie erinnert, sie wollte auch noch zurück nach Hause fahren und schien nicht besonders glücklich darüber zu sein.

Jemand rempelte mich von der Seite an und kippte mir dadurch die Hälfte meines noch fast vollen Biers über die Hand. Als ich mich umschaute, entdeckte ich Trevor direkt hinter mir. Irgendwie hatte er es doch noch auf die Party und sogar rechtzeitig zu Masons Konzert geschafft.

»Was ist los mit dir?«, brüllte er mir ins Ohr, damit ich ihn trotz der Musik verstand. »Keine Frau an deiner Seite?«

Ich tat überrascht und zeige ihm den Mittelfinger. Normalerweise machte mir mein Ruf als Player nichts aus – aber die immer gleichen Sprüche wurden langsam alt. Außerdem interessierte mich heute Abend nur eine einzige Frau, und das ausnahmsweise nicht, um sie ins Bett zu kriegen, sondern weil mir ihr Verhalten Sorgen bereitete.

Ich sah zurück zu Elle, aber sie stand nicht mehr dort, wo sie noch vor zwei Sekunden gewesen war. Was zum Teufel? Suchend sah ich mich um, konnte sie aber nirgendwo entdecken. Normalerweise genoss Elle Partys, tanzte, feierte, lachte und ging als eine der Letzten nach Hause. Aber sie lief nicht in Gedanken verloren herum und schüttete ein Bier nach dem anderen in sich hinein.

»Irgendwas stimmt nicht mit Elle.« Ich hatte es nicht bewusst laut ausgesprochen, doch dann bemerkte ich Trevors fragenden Blick. »Ich werde das Gefühl nicht los, dass sie mir aus dem Weg geht«, fügte ich erklärend hinzu.

»Ihr seid Freunde«, erwiderte Trevor schlicht. »Freunde können einem tierisch auf den Sack gehen, aber wenn sie sich wegen irgendwas Sorgen machen, liegen sie damit für gewöhnlich richtig.«

Ich folgte seinem Blick zu Tate, die am anderen Ende des Raumes mit Jackson aus dem Footballteam stand. Zwischen den beiden gab es schon seit ein paar Wochen ein ständiges On und Off, fast genauso schlimm wie bei Mason und seiner Ex oder Nicht-mehr-Ex Jenny. Niemand wusste so genau, was da eigentlich zwischen ihnen lief. Jetzt legte Jackson seinen Arm um Tates Schulter, redete auf sie ein und hielt ihr seinen Becher hin.

Ihr wievielter Drink war das bereits? Ich hatte keine Ahnung, weil ich zu sehr damit beschäftigt gewesen war, mir wegen Elle Gedanken zu machen. Aber Trevor würde sich um Tate kümmern. Das tat er immer. Vor allem dann, wenn sie seine Ritterlichkeit gar nicht wollte.

Als hätte er meine Gedanken gehört, drückte er jetzt dem nächstbesten Freshman seinen Becher in die Hand und schob sich an ein paar Hipstern vorbei zu Tate. Meistens endete es in einer Explosion, wenn die beiden Hitzköpfe aufeinandertrafen. Den Spitznamen TNT hatten sie sich mehr als verdient.

Ich zögerte kurz, folgte Trevor dann jedoch mit einem Seufzen.

»Tate«, sagte er gefährlich leise, als ich gerade bei ihnen ankam.

Ihre Mundwinkel verzogen sich zu einem spöttischen Lächeln. »Trevor«, erwiderte sie in der gleichen Tonlage.

»Denkst du nicht, du hattest schon genug davon?« Ohne Jackson die geringste Aufmerksamkeit zu schenken, deutete er auf den Drink in ihrer Hand.

Statt einer Antwort führte sie den Becher an die Lippen, legte den Kopf in den Nacken und trank, was auch immer darin war, auf ex aus. So schnell, dass die Leute um sie herum zu jubeln begannen. Nur Trevor wirkte so, als wollte er jemanden erwürgen.

»Lass die Nummer mit dem Ritter in strahlender Rüstung.« Tate drückte ihm den leeren Becher gegen die Brust. »Das steht dir nicht.«

»Würde ich ja, wenn du mich nicht immer dazu zwingen würdest, diese Nummer abzuziehen.«

»Wie bitte?« Sie lachte höhnisch auf. »Ich zwinge dich zu gar nichts. Höchstens dazu, dich jetzt vom Acker zu machen, bevor ich eigenhändig dafür sorge.«

Ich verschluckte mich beinahe an meinem Bier. Es war fast schon komisch, mit anzusehen, wie Jackson sich einmischen wollte – vermutlich, um Tate zu helfen – und sie ihm mit einer Handbewegung bedeutete, die Klappe zu halten. Sie sah nicht mal in seine Richtung. Ihre Augen blitzten vor Wut, während sie Trevor mit ihren Blicken aufspießte.

Der ließ sich nicht davon einschüchtern, sondern machte einen Schritt auf Tate zu. »Willst du wirklich eine Szene riskieren?«

Sie wurde blass, wich aber nicht vor ihm zurück, sondern reckte das Kinn vor. »Das wagst du nicht.«

»Ich habe dich schon mal von einer Party getragen …«

»Wenn du auch nur daran denkst …«

»Leute«, unterbrach ich sie, bevor mein Mitbewohner seine Drohung wahr machen konnte, und wandte mich an Tate. »Hast du Elle gesehen?«

Tate nahm ihren mörderischen Blick keine Sekunde lang von Trevor. »In der Küche.«

»Danke.« Ich nickte den beiden zu. »Lasst euch am Leben.« Ich schob mich vorbei und ließ sie bei Jackson zurück, der das Spektakel stumm mitverfolgte. Ich war keine drei Schritte weit gekommen, als Tate damit begann, Trevor Beleidigungen an den Kopf zu werfen. Einige davon waren sogar mir neu.

Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, aus dem Wohnzimmer zu kommen, weil sich mit dem Auftritt der Band die ganze Party hier versammelt hatte. Ich hob grüßend die Hand, wenn jemand meinen Namen rief, blieb aber nicht stehen, um ein paar Worte mit der betreffenden Person zu wechseln. Schon gar nicht, als Amanda Leeroy plötzlich vor mir auftauchte.

»Luke!« Sie legte mir eine Hand auf den Arm und hinderte mich so daran, möglichst schnell an ihr vorbeizukommen.

Ich wappnete mich für das, was jetzt kam. An diesem Abend trug sie ein kurzes Kleid, das ihre langen Beine betonte, und mir fiel wieder ein, warum ich mit ihr geflirtet hatte. Ja, ich war oberflächlich, was solche Dinge anging, aber ich war schließlich weder tot noch blind.

Amandas Locken wippten auf und ab, während sie mich ein Stück zur Seite zog und sich dann mit einem strahlenden Lächeln zu mir umdrehte. Irgendwie hatte ich mit etwas Anderem gerechnet. Zum Beispiel, dass sie mir alle möglichen Geschlechtskrankheiten an den Hals wünschte. Aber Amanda schien völlig gelassen zu sein, so gar nicht wie die Furie, als die Elle sie heute früh beschrieben hatte.

»Wir hatten noch gar keine Chance zu reden«, sagte sie so laut, dass ein paar neugierige Blicke in unsere Richtung wanderten.

»Worüber willst du reden?« Meine Stimme war vollkommen neutral, geradezu monoton, und sie zuckte kurz zusammen, bevor sie sich wieder fing und erneut dieses Lächeln anknipste, was mir jetzt bei Weitem nicht mehr so attraktiv vorkam wie noch vor vierundzwanzig Stunden.

Und aus genau diesem Grund machte ich mich morgens aus dem Staub. Diese Diskussionen, diese Vorwürfe und anklagenden Blicke brauchte kein Mensch. Sie hatte genau gewusst, worauf sie sich bei mir einließ: auf ein paar Stunden Spaß. Nicht mehr, nicht weniger. Ich blieb ja nicht mal lange genug bei den Frauen, um Gefahr zu laufen, dass ich hinterher einschlief.

»Na ja, über letzte Nacht und … und …«

Lieber Gott, bitte lass sie nicht uns sagen. Bitte lass sie nicht …

»… über uns.«

Ich schloss die Augen und atmete tief durch. Hätte ich gewusst, dass sie etwas mit Elle zu tun hatte, wäre ich nie mit ihr ins Bett gegangen. Die Tatsache, dass sie sich jetzt auch noch als Klette herausstellte, machte die Sache nicht besser. Und woher kam überhaupt dieser plötzliche Sinneswandel? Heute Morgen schien sie mich ja noch für das größte Arschloch auf dem Campus gehalten zu haben.

Ich seufzte innerlich. Warum mussten Frauen ständig etwas in Dinge hineininterpretieren, wo es nichts hineinzuinterpretieren gab? Man hatte keinen One-Night-Stand mit einer Person und plötzlich wurde die große Liebe daraus. Das war Bullshit. Solche Dinge passierten nur in den Büchern, die Elle so gerne las, oder in schlechten Filmen, aber sicher nicht im echten Leben und nicht mal in den Dramen, die wir für unseren Literaturkurs lesen mussten. Shakespeare hatte gewusst, was er da schrieb. Zum Schluss waren alle Beteiligten unglücklich oder tot.

»Es gibt kein uns, Amanda.« Ich versuchte, mitfühlend zu klingen, obwohl mir dazu die Geduld fehlte. Wie alt war diese Frau? Zwanzig? Einundzwanzig? Sie war eindeutig kein naives Mädchen mehr, das gerade frisch aufs College gekommen war. Sie sollte es besser wissen.

»Aber du hast gesagt …«

»Ich habe gar nichts gesagt und dir auch nichts versprochen.«

Wenn ich eine Sache mit Sicherheit wusste, dann, dass ich keine Versprechungen machte, die ich nicht halten konnte. Schon gar nicht im angetrunkenen Zustand. Vielleicht hatte sie selbst irgendetwas gesagt oder mein Schweigen als Zustimmung gewertet, aber das war nicht mein Problem, sondern ihres.

»Wenn du mich jetzt entschuldigst …« Ich schob mich an ihr vorbei.

Sie rief mir etwas hinterher, das in den Gesprächen und der Musik unterging. Ich reagierte nicht darauf. Ich wollte wirklich nicht der Kerl sein, der reihenweise Herzen brach. Darum war es mir nie gegangen. Ich wollte nur meinen Spaß, und die Frauen, mit denen ich mich einließ, wussten das auch. Alles, was über ein bisschen Bettgymnastik hinausging, war einfach nicht drin.

Endlich schaffte ich es in die Küche, doch auch hier war von Elle nichts zu sehen. Hatte sie die Party mit irgendeinem Typen verlassen? Ein bitteres Gefühl breitete sich in meinem Magen aus. Das war neu. Ich hatte nie ein Problem mit den Kerlen gehabt, mit denen Elle sich die Zeit vertrieb. Sie hatte gerne Sex. Daran war nichts Verwerfliches. Aber heute war es anders. Heute stimmte etwas nicht mit ihr, und ich würde nicht zulassen, dass irgendein Drecksack das ausnutzte. Dafür waren Freunde schließlich da. Sie passten aufeinander auf.

Als ich auf die Veranda hinter dem Haus trat, legte sich der Lärm ein wenig. Das Hämmern der Musik nahm ab und das Stimmengewirr wurde weniger, trotzdem summte es noch immer in meinen Ohren. Rechts und links von mir standen Leute in Grüppchen herum, die meisten von ihnen mit einer Zigarette in der einen und einem Smartphone in der anderen Hand. Der Geruch von Rauch, Bier und Gras hing schwer in der Luft.

Ein Lachen drang an meine Ohren. Mein Herzschlag beschleunigte sich. Ich kannte dieses Lachen, hätte es überall wiedererkannt. Es war warm und … vertraut.

Ich ging die Stufen hinunter, die in den Garten führten. Entgegen aller Vorurteile über Studentenverbindungen war er erstaunlich gepflegt. Der Rasen war gemäht, und am Geländer rankte sich Grünzeug entlang.

Ich folgte dem Lachen und entdeckte Elle nur ein paar Meter weiter, wo sie an einem Baumstamm lehnte. Vor ihr stand ein Kerl, der etwas aus einem Flachmann in einen Becher schüttete und ihn Elle dann gab. Sie trank ohne zu zögern daraus, während sich der Typ mit dem Unterarm über ihrem Kopf am Stamm abstützte. Zuerst konnte ich sein Gesicht nicht erkennen, und als ich näher kam, begriff ich auch, warum. Der Kerl sprach nicht mit Elle, sondern war vollauf damit beschäftigt, ihren Hals zu küssen.

Ich wusste, wie es sich anfühlte, wenn mir jemand eine Faust in den Bauch rammte. Was ich bisher nicht gewusst hatte, war, dass ich das Gleiche auch ohne Gewalteinwirkung empfinden konnte. Denn genauso fühlte es sich an, Elle mit diesem Drecksack zu sehen. Ich war sicher kein Engel, aber wenigstens musste ich meine One-Night-Stands nicht abfüllen, um sie gefügig zu machen.

»Hey!«, rief ich und stapfte zu den beiden hinüber.

Der Mistkerl hob den Kopf und starrte mich stirnrunzelnd an. Er schien mich nicht mal bemerkt zu haben, bis ich neben ihm stehen blieb. Jetzt erkannte ich ihn auch. Neil Derting. Erstaunlich, dass seine Augen ausnahmsweise nicht blutunterlaufen waren, wie man es sonst von dem groß gewachsenen Kerl mit den dunklen Haaren kannte. Tatsächlich war er noch besser dafür bekannt, dass man jeden Stoff bei ihm kaufen konnte. Ob es nur ein bisschen Gras oder das harte Zeug war, spielte keine Rolle. Wer sich abschießen wollte, ging zu Derting.

Ich ballte die Hände zu Fäusten. Was zur Hölle wollte Elle mit diesem Kerl?

»Was soll das, Mann?«

Fuck, der Typ lallte sogar schon. Erstaunlich, dass er in diesem Zustand noch einen hochkriegen wollte.

Ich ignorierte ihn und wandte mich an Elle. »Können wir kurz reden?«

Sie blinzelte, als wüsste sie nicht, was hier gespielt wurde. Kein Wunder. Ich hatte mich nie zuvor eingemischt.

Zu meiner Erleichterung nickte sie. Entweder war sie zu überrascht oder zu betrunken, um zu protestieren. Oder es war ihr egal, weil ihr der Typ ohnehin nichts bedeutete. Gott, ich betete, dass es Letzteres war.

Wortlos griff ich nach ihrer Hand und zog sie mit mir, ohne auf die Proteste ihres neuen Freunds einzugehen. Wahrscheinlich würde der Kerl nach ein paar Schritten sowieso über seine eigenen Füße stolpern und im nächsten Gebüsch landen.

Einen Moment lang überlegte ich, wo wir hingehen konnten, um etwas Ruhe zu haben. Im Haus war es zu laut und zu voll, um auch nur ein Wort zu verstehen, ohne sich anschreien zu müssen, und wir waren nicht mit dem Wagen hergekommen, also fiel auch diese Option aus. Kurzentschlossen zog ich sie um das Gebäude herum, weg von den Rauchern auf der Veranda und weg von diesem Wichser, der an ihrem Hals herumgenuckelt hatte.

»Luke.« Elle stolperte und geriet für einen Moment ins Straucheln, fing sich aber wieder und lehnte sich gegen die Hauswand. »Was soll der Aufstand?«

»Lass mich dich kurz ansehen.« Ich stellte mich dicht vor sie und legte meine Hand an ihre Wange. Mit dem Daumen strich ich über ihre Haut, während ich ihr prüfend in die Augen sah.

»Ich habe nichts eingeworfen.« Elle erwiderte meinen Blick, ohne zu zögern. Ihre Pupillen waren zwar etwas geweitet, aber daran konnten sowohl Alkohol als auch Müdigkeit schuld sein.

»Hast du eigentlich eine Ahnung, wer der Typ war?«

Sie seufzte. »Ich bin ein bisschen beschwipst, aber nicht total bescheuert.«

»Ach, wirklich?« Meine Worte klangen vorwurfsvoller als beabsichtigt. »Er hätte dir sonst was ins Bier mischen können, und du hättest es nicht mal gemerkt.«

Mein Blick fiel auf ihren Hals. Trotz der Dunkelheit erkannte ich das Mal auf ihrer Haut. Wieder meldete sich die Wut in meinem Bauch.

»Der Kerl ist der letzte Abschaum«, knurrte ich. »Was zum Teufel wolltest du mit ihm?«

Sie schwieg, doch in ihren Augen war ein solcher Tumult zu lesen, dass sich unwillkürlich etwas in meiner Brust zusammenzog. Bis zu diesem Moment hatte ich nicht mal gemerkt, dass ich noch einen kleines bisschen Hoffnung gehabt hatte. Hoffnung darauf, dass ich falsch lag. Dass Elles Stimmung heute Abend nichts mit dem Anruf von ihrer Schwester zu tun hatte. Doch jetzt wurde ich eines Besseren belehrt und hasste mich dafür, überhaupt zugelassen zu haben, dass ich sie lange genug aus den Augen verlor, damit sich Derting an sie ranmachen konnte.

»Es ist wegen heute Morgen, oder?« Meine Worte waren mehr eine Feststellung als eine Frage, und Elle gab sich keine Mühe, sie zu beantworten. Wir wussten beide, dass ich recht hatte. »Wegen des Anrufs.«

»Ich will nicht darüber reden.«

Natürlich nicht. Alles andere hätte mich auch überrascht.

»Bist du mir deshalb den ganzen Abend über aus dem Weg gegangen?«

»Ja.« In ihren Augen funkelte es herausfordernd.

Trotz der Wut in meinem Bauch zuckten meine Mundwinkel. »Biest.«

»Nervensäge«, konterte sie.

»Heimlichtuerin.«

Elle beugte sich vor, bis sich unsere Nasenspitzen fast berührten. »Arsch.«

»Au, das hat gesessen.« Gespielt getroffen legte ich mir die Hand aufs Herz. »Wie viele davon hattest du schon, hm?« Ich nahm ihr den Plastikbecher ab und schnüffelte daran. Wodka. Ich warf den Becher samt Inhalt neben uns ins Gras.

»Nicht viele. Drei. Vielleicht auch vier.« Sie zuckte mit den Schultern.

Unter normalen Umständen hätte ich mir deswegen keine Sorgen gemacht. Wir wussten beide sehr genau, wie viel sie vertrug – und von Bier war das eine Menge. Doch bei härterem Zeug wie Wodka genügte schon ein einziger Drink, und wir konnten Elle nach Hause schleppen. Ich wollte nicht mal daran denken, was passiert wäre, wenn ich nicht rechtzeitig hier rausgekommen wäre. Oder wenn Derting ihr tatsächlich irgendwas untergemischt hätte.

»Was ist los mit dir?«, fragte ich so leise, dass meine Stimme beinahe in der Musik unterging, die aus den offenen Fenstern herausschallte.

»Nichts.«

»Das sieht aber nicht nach nichts aus«, widersprach ich.

Elle schüttelte nur den Kopf. Diese verdammte Sturheit würde ihr eines Tages noch das Genick brechen.

»Ich weiß, dass es etwas mit dem Anruf zu tun hat«, versuchte ich es erneut. »Also mit deiner Familie. Die, über die du nie ein Wort verlierst.«

»Du doch auch nicht über deine.«

Verdammt. Spätestens jetzt war klar, dass sie nicht so viel getrunken hatte wie ich befürchtet hatte. Ein Teil von mir war erleichtert. Der andere wollte sie am liebsten über die Schulter werfen und zurück ins Wohnheim bringen, damit sie mir endlich verriet, was ihr so viel Kummer bereitete.

Das Verhältnis zu ihrer Familie schien nicht das Beste zu sein. Man musste kein Genie sein, um so viel mitzukriegen, da sie nie mit ihnen telefonierte und in den Ferien und an den Feiertagen auch nicht nach Hause fuhr. Aber den Grund dafür kannte ich nicht. Sie hatte ihn mir nie verraten. Und auch wenn ich bisher irgendwie froh darum gewesen war, weil das bedeutete, dass ich ihr im Gegenzug nicht meine eigene traurige Geschichte erzählen musste, machte mich dieser Umstand jetzt wütend. Ich war ihr bester Freund, verdammt noch mal. Ich sollte nicht raten müssen, was nicht mit ihr stimmte. Ich sollte es wissen.

»Touché.« Seufzend ließ ich von ihr ab und trat einen Schritt zurück.

Elle starrte mich einen Moment lang an, dann verdrehte sie die Augen. »Meine Schwester hat sich verlobt und mich zu ihrer Verlobungsparty eingeladen. Ins Haus meiner Eltern. Das ist alles, okay?«

Für jeden anderen wäre das keine große Sache gewesen. Für das Mädchen, das seit zwei Jahren nicht mehr zu Hause gewesen war, schon. Egal, wie sehr sie es herunterspielte, es ging ihr nicht gut damit. Aber ich konnte sie auch nicht zwingen, mit mir zu reden, wenn sie es nicht wollte. Ich konnte nur versuchen, für sie da zu sein.

Meine Zweifel schienen mir ins Gesicht geschrieben zu sein, denn Elle tätschelte mir beruhigend den Arm, bevor sie sich von der Wand abstieß. »Ich fahre nur nach Hause, Luke. Nicht in die Hölle.«

Irgendwie war ich mir da nicht so sicher.

Kapitel 3

Elle

Es war merkwürdig, wieder zu Hause zu sein. Ganz besonders dann, wenn dieser Ort diese Bezeichnung schon seit Jahren nicht mehr verdiente. Das Wohnheim auf dem Campus war mein Zuhause. Die WG, die ich mir seit dem ersten Tag mit Tate und seit diesem Semester auch mit Mackenzie teilte, war mein Zuhause. Aber ganz sicher nicht diese riesige, beleuchtete Villa, die sich jetzt vor mir auftürmte. Selbst in der Dunkelheit erstrahlte sie in einem so reinen Weiß, als könnten Wind und Wetter dem Familiensitz der Winthrops nichts anhaben. Doch ich wusste es besser. Der schöne Schein war alles für meine Mutter. Sie achtete mit Argusaugen darauf, dass die Fassade regelmäßig gereinigt und erneuert wurde, damit das Gebäude weiterhin das repräsentierte, wofür unsere Familie seit Generationen stand: Wohlstand und Macht.

Ich drückte die Tür des Mietwagens so behutsam zu, als könnte das kleinste Geräusch den Drachen wecken, der im Inneren des Hauses schlummerte. Was unnötig war, denn das Plätschern des Springbrunnens in der Mitte der Einfahrt übertönte ohnehin jedes Geräusch. Trotzdem kamen mir meine Schritte unnatürlich laut vor, als ich die Stufen ansteuerte, die zur Veranda führten. Sie umschloss das ganze Haus und wurde von breiten Marmorsäulen eingegrenzt, die den Balkon im ersten Stock trugen.

Vor der Eingangstür mit den Schnitzereien blieb ich stehen und wischte mir die Handflächen an meiner Jeans ab. Ja, ich war in Jeans hergekommen statt in einem maßgeschneiderten Kleid, wie man es von einer Winthrop erwarten würde. Dazu trug ich Stiefel und ein schwarzes Shirt mit der Aufschrift: We are all mad here. Als ich es heute Morgen angezogen hatte, war es mir irgendwie passend erschienen. Doch jetzt, da ich tatsächlich vor dem Haus meiner Eltern stand, war ich mir da nicht mehr so sicher. Mom würde sich ohne Zweifel persönlich angegriffen fühlen, aber das würde sie bei jedem Outfit, das keine vierstellige Summe gekostet hatte. Ich biss mir auf die Unterlippe und versuchte mein schlechtes Gewissen zu vertreiben. Jetzt war es ohnehin zu spät, um mich noch mal umzuziehen.

Ich atmete tief durch, dann zog ich einen einzelnen Schlüssel aus meinem Rucksack und schob ihn ins Schlüsselloch. Vielleicht war es bezeichnend, dass ich ihn nicht mit meinen restlichen Schlüsseln an einem Bund trug, aber ich hatte ihn seit kurz nach meinem Highschoolabschluss nicht mehr gebraucht. Wenn es nach mir ging, würde ich ihn auch heute nicht benötigen, aber Sadie zuliebe war ich hergekommen.

Nein, das war nicht die ganze Wahrheit. Ich war nicht nur für Sadie hier, sondern auch für meine Schwestern Libby und Brianna, für Dad und sogar für Mom. Ich war für meine Familie hier. Und vielleicht, nur vielleicht könnte dieser Besuch ein Neuanfang für uns alle sein. Ein neues Kapitel in unserem Leben, wenn wir die Vergangenheit ruhen lassen konnten.

Es klickte. Ich gönnte mir kein Zögern, um meinen Entschluss zu überdenken oder einen Rückzieher zu machen, sondern öffnete die schwere Holztür. Es war, als würde ich eine andere Welt betreten. Draußen war es selbst jetzt, mitten im Oktober, abends noch angenehm mild, während mich hier drinnen klimatisierte Luft und eine kühle Einrichtung erwarteten.

Wie ich es in Erinnerung hatte, war kein einziges Staubkorn zu sehen. Ich war mir ziemlich sicher, dass man auf dem grauen Marmorboden ohne Weiteres eine Herz-OP durchführen könnte. Ich stellte meinen Rucksack neben der Garderobe ab, obwohl ich wusste, dass es Mom wahnsinnig machen würde, wenn sie ihn dort entdeckte. Aber wo sollte ich ihn sonst lassen? Auf den cremefarbenen Sofas im Wohnzimmer, auf denen fast nie jemand saß, weil sie nur der Dekoration dienten? Unter einem der gerahmten Bilder, die zusammengenommen Millionen wert waren? Am Fuße der breiten Treppe, die in die erste Etage hinaufführte? In meinem Zimmer? Ich wusste nicht mal, ob es überhaupt noch existierte oder ob sie es inzwischen ausgeräumt und ein weiteres Gästezimmer daraus gemacht hatten.

Wieder wischte ich mir die Handflächen an meiner Jeans ab und räusperte mich, um den Kloß in meinem Hals loszuwerden. Es gab keinen Grund, nervös zu sein. Das hier war meine Familie. Ich hatte es achtzehn Jahre lang in diesem Haus ausgehalten, bevor ich ausgezogen war. Nicht ganz freiwillig, aber spielte das heute wirklich noch eine Rolle? Mir gefiel, wohin es mich verschlagen hatte. Ich mochte mein Leben am College, ich mochte meine Freunde und was ich studierte. Genau genommen hatten mir meine Eltern also einen Gefallen damit getan, als sie mich rausgeworfen hatten.

Leider schien das mein Magen anders zu sehen, denn mit jedem weiteren Schritt zog er sich etwas mehr zusammen. Ich durchquerte das Wohnzimmer, das noch genauso aussah wie früher, außer dass andere Bilder an den Wänden hingen, dann den Familienraum mit Kamin, einer breiten Bar und einem abgeschlossenen Waffenschrank voller Jagdgewehre, bis ich mich der offenen Terrassentür näherte. Kleine Lichter erhellten das Geländer und den Garten. Ich hörte die ruhige Stimme meines Vaters, dicht gefolgt von Sadies Lachen, was einen Teil meiner Anspannung verschwinden ließ. Ein letztes Mal atmete ich tief durch und wappnete mich innerlich, dann trat ich auf die Terrasse hinaus.

Das Grün des riesigen Gartens breitete sich wie ein Teppich vor mir aus, in dem jeder Grashalm perfekt getrimmt war. Links und rechts neben der Terrasse standen zu Kugeln zurechtgestutzte Buchsbäume, und obwohl es Herbst war und die Bäume sich bereits bunt verfärbten, lagen kein einziges Blatt und kein einziger Apfel im Gras.

Bei meinem Erscheinen waren die Gespräche verstummt, und als ich mich umdrehte, starrten mich mehrere Augenpaare an. Mein Vater saß am Kopfende des langen Tisches. Sein braunes Haar war noch immer so voll, wie ich es in Erinnerung hatte, aber an den Schläfen ergraut, was ihm einen distinguierten Eindruck verlieh. Die Falten auf seiner Stirn und rund um seine Augen waren tiefer geworden, doch abgesehen davon hatte er sich überhaupt nicht verändert.

»Elle …«

Den Spitznamen aus seinem Mund zu hören, ließ den Kloß von meinem Hals in meinen Brustkorb rutschen. Auf einmal fiel es mir schwer, zu atmen. Nicht, weil ich Angst hatte, sondern weil mehr Wärme in diesem einen Wort lag, als ich je für möglich gehalten hätte.

»Hi, Daddy …«

Er stellte sein Glas ab und stand auf. Mit großen Schritten kam er auf mich zu und schloss mich in eine Bärenumarmung. Mit meinen ein Meter sechsundsechzig war ich wirklich kein Winzling – egal, was Luke darüber dachte –, aber in den Armen meines Vaters hatte ich das Gefühl, wieder ein kleines Mädchen zu sein. Der vertraute Geruch von Pfefferminz, Seife und Zigarren stieg mir in die Nase und blieb selbst dann noch haften, als er sich von mir löste und mich auf Armeslänge von sich schob.

»Lass dich anschauen.« Er betrachtete mich von oben bis unten. »Du siehst …«

»Heruntergekommen aus«, unterbrach ihn eine schneidende Stimme.

Ich zuckte zusammen.

Meine Mutter machte sich nicht die Mühe, aufzustehen, um mich zu begrüßen. Sie lehnte sich in ihrem Korbsessel zurück und musterte mich aus kalten grauen Augen. »Das liegt sicher an der langen Anreise. Und an diesem Aufzug …« Missbilligend schüttelte sie den Kopf. »Wo hast du nur diese Sachen her, Gabrielle? Von Walmart?«

Im Ernst? Ich war zum ersten Mal seit zwei Jahren wieder hier und das war das Erste, was sie zu mir sagte? Im Gegensatz zu meinem Vater wirkte sie keinen Tag älter, was mit Sicherheit an ihrer gesunden Ernährung und dem Sport lag. Oder an den regelmäßigen Botoxbehandlungen, die sie natürlich niemals in der Öffentlichkeit zugeben würde. Es war ein Wunder, dass sie überhaupt die Stirn runzeln konnte, um mich finster anzustarren.

»Und wenn es so wäre?«

Sie kniff die Augen zusammen. Oh, oh. Böse Falten im Anmarsch.

»Elle …«, tadelte mein Vater sanft.

Es war nicht der leise Vorwurf in seiner Stimme, der mich wieder zur Vernunft brachte, sondern die Enttäuschung darin. Mein Leben lang hatte ich Moms Spitzen über mich ergehen lassen, ohne ihr zu widersprechen, hatte mich anzupassen versucht und war doch immer wieder daran gescheitert. Und nach dem Skandal mit meinem Artikel … Nun, ich studierte nicht ohne Grund knapp sechshundert Meilen von diesem Haus entfernt.

»Oh Elle, ich bin so froh, dass du da bist.« Sadie war ebenfalls aufgestanden und schob sich an Dad vorbei.

Ich schlang die Arme um sie und atmete den vertrauten Duft nach Sommerblumen ein. Sadie war ein Stück kleiner und zierlicher als ich. Mit ihrer schokobraunen Mähne kam sie ganz nach Dad, aber die Augenfarbe, das spitze Kinn und die elegante Halslinie hatte sie von Mom geerbt. Genau wie unsere ältere Schwester Libby, während Brianna als jüngere Version unserer Mutter durchgehen würde. Mit meinem mittelblonden Haar, das weder richtig hell noch richtig dunkel war, und der normalen statt gertenschlanken, zierlichen Figur meiner Mutter ...

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