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Der letzte erste Blick

Zu diesem Buch

Endlich frei! Emery Lance kann es nicht erwarten, ihr Studium in West Virginia zu beginnen. Hier kennt niemand ihre Geschichte. Niemand weiß, was zu Hause geschehen ist. Dafür nimmt sie auch in Kauf, dass die Situation im Wohnheim alles andere als ideal ist. Nicht nur treibt ihr Mitbewohner sie regelmäßig in den Wahnsinn (gut, vielleicht hätte sie ihm nicht gleich am ersten Tag die Nase brechen sollen), sein bester Freund Dylan Westbrook bringt ihr Herz mit einem einzigen Blick zum Rasen. Dabei gehört Dylan genau zu der Sorte Mann, von der Emery sich eigentlich unbedingt fernhalten wollte: zu gut aussehend, zu nett, zu lustig. Mal ganz davon abgesehen, dass er ihr bei jeder sich bietenden Gelegenheit irgendwelche Streiche spielt. Emery weiß, dass sie eigentlich alles versuchen müsste, um Dylan aus dem Weg zu gehen. Aber das ist leichter gesagt als getan. Denn plötzlich scheint er überall zu sein. Je mehr Zeit die beiden miteinander verbringen und je besser sie sich kennenlernen, desto näher kommen sie sich. Doch Emery ahnt nicht, dass Dylan etwas vor ihr verbirgt. Dass es einen Grund gibt, warum er ihre Nähe sucht. Und plötzlich ist es nicht mehr nur ihre Vergangenheit, die droht, ihr Herz für immer zu zerbrechen …

Für Yvonne

Playlist

Taylor Swift – I Knew You Were Trouble

Imagine Dragons – I’m So Sorry

Daya – Hide Away

Gentleman – You Remember

Fine Young Cannibals – She Drives Me Crazy

James Blunt – Bonfire Heart

John Denver – Take Me Home, Country Roads

Fun. feat. Janelle Monáe – We Are Young

Taylor Swift – Wildest Dreams

Ed Sheeran – Kiss Me

Maroon 5 – Animals

Taylor Swift – Style

Rihanna feat. Calvin Harris – We Found Love

Imagine Dragons – Dream

Taylor Swift – Out Of The Woods

Ht Bristol, Vincent Steele, Nine One One & Charlie Bannister – Bring Me Back To Life

Jaymes Young – I’ll Be Good

Sia – Big Girls Cry

Mika – Happy Ending

Rachel Platten – Fight Song

Taylor Swift – This Love

Mika – Kick Ass

Kapitel 1

Emery

»Es ist nicht gerade die feine Art, das erste Semester damit zu beginnen, jemandem die Nase zu brechen, Miss Lance.« Die Frau hinter dem Schreibtisch zog ihre randlose Brille ein Stück hinunter und warf mir einen tadelnden Blick zu. »Da stimmen Sie mir doch zu, nicht wahr?«

Nein, nicht wirklich. Genau genommen hätte es keine bessere Art gegeben, den ersten Tag meines neuen Lebens zu beginnen, als Mason Lewis eine reinzuhauen. Wobei ich ihm auch mein Knie in die Eier hätte rammen können. Das hätte diesem Vormittag die Krone aufgesetzt. Nachdenklich kratzte ich an dem verblassten Froschaufkleber auf meiner Umhängetasche. Ich hätte mir eine neue besorgen sollen, bevor ich hergekommen war, aber ich konnte mich einfach nicht von dem alten Ding trennen.

Ein Räuspern ließ mich aufblicken. Mrs Peterson sah mich auffordernd an. Oh, erwartete sie tatsächlich eine Antwort auf ihre rhetorische Frage?

Ich setzte ein Lächeln auf, das meine Highschoollehrer nie überzeugt hatte, doch vielleicht hatte ich hier mehr Glück. »Aber natürlich«, presste ich in der süßesten Stimme hervor, die ich aufbringen konnte.

»Schön.« Mrs Peterson öffnete eine Akte, auf der mein Name in großen schwarzen Buchstaben stand: Emery Lance. »Ihrer alten Schule zufolge ist dies nicht der erste Vorfall, bei dem Sie handgreiflich geworden sind.«

Verdammte Axt. Ich sank etwas tiefer in meinen Sessel. Da rutschte einem einmal die Hand aus, und schon landete es in der Schulakte. Dabei war das nur passiert, weil Stephen Merrick mich in der Mensa befummelt hatte.

Neben mir erklang ein Geräusch, das eine Mischung aus Schniefen und Schnauben war. Mason Lewis saß vornübergebeugt und versuchte sein Nasenbluten mit Toilettenpapier zu stoppen. Wenn er nicht gerade aussah wie ein abgeschlachtetes Schwein, war er ganz attraktiv. Millimeterkurzes Haar, groß, breitschultrig, tätowiert und mit einer offenen Sweatweste. Er war der Typ Mann, mit dem ich mich gut verstehen würde – müsste ich mir kein Zimmer mit ihm teilen.

Wer hatte sich das überhaupt ausgedacht? Klar gab es gemischte Wohnheime, sogar Badezimmer, die sich Jungs und Mädchen teilten. Aber wer steckte denn ein Mädchen zu einem wildfremden Kerl in ein Zimmer und zwang sie, für den Rest des Semesters zusammenzuwohnen? War doch klar, dass es dabei zu Unstimmigkeiten kam. Oder zu blutigen Auseinandersetzungen wie in unserem Fall.

»Mister Lewis hier soll Sie auf unangemessene Weise berührt haben«, sprach Mrs Peterson weiter. »Ist das korrekt?«

Auf unangemessene Weise? Nannte man das heutzutage so? Ich richtete mich wieder auf. »Er hat mir an den Hintern gegrapscht.«

»Gestreift!« Mason warf mir einen wütenden Blick zu. »Ich habe sie höchstens gestreift. Und es war unabsichtlich!«

»Ja, klar.« Ich drehte mich so zu ihm um, dass wir uns direkt in die Augen sehen konnten. Volle Konfrontation, kein Wegducken und Hinnehmen. Nie wieder. »Deine Hand hat sich nur zufällig zu meinem Hintern verirrt. Genauso zufällig, wie meine Faust deine Nase getroffen hat. Ach nein, höchstens gestreift.«

»Das genügt.« Mrs Peterson hob beide Hände wie ein Schiedsrichter und bedachte uns mit einem strafenden Blick. »An der Blackhill University dulden wir keine Gewalt. Nur in einer friedvollen, sicheren Umgebung können unsere Studenten ihr ganzes Potenzial entfalten und all das Wissen aufnehmen, das wir ihnen vermitteln. Es ist daher von größter Wichtigkeit …«

Ich klinkte mich in Gedanken aus und betrachtete meine geröteten Fingerknöchel. Inzwischen brannten sie, als hätte jemand Entwicklerflüssigkeit aus dem Fotolabor darauf geschüttet.

Ich konnte es kaum erwarten, endlich hier rauszukommen, mein neues Zimmer zu beziehen und meine Hand zu kühlen. Wäre da nicht dieser kleine Zwischenfall, der mich hierher gebracht hatte.

»Betrachten Sie dies als Verwarnung, Miss Lance«, beendete Mrs Peterson ihre Rede und faltete die manikürten Finger auf dem Schreibtisch.

»Das ist alles?«, rief Mason ungläubig. Der silberne Ring in seiner Unterlippe bebte. »Eine Verwarnung? Diese Furie hätte mich fast umgebracht!«

Angesichts des ganzen Blutes, das seit mehreren Minuten aus seiner Nase strömte, könnte das sogar stimmen. Ich erkannte meinen neuen Mitbewohner kaum wieder. Sein Gesicht war zur Hälfte unter Toilettenpapier verborgen, über seine Wange zog sich eine verschmierte rote Spur, und auch auf seinem gebräunten Unterarm waren dunkelrote Flecken zu sehen. Alles in allem könnte der Kerl einem Zombiefilm entsprungen sein. Sein tiefes Grollen würde dazu passen.

»Oh, bitte.« Mrs Peterson wedelte ungeduldig mit der Hand. »Sie haben eine angeknackste Nase, keinen Schädelbruch. Und hören Sie endlich auf, meinen Teppich vollzubluten.«

Ich presste die Lippen aufeinander, um mir mein Lachen zu verkneifen, aber mir entkam trotzdem ein glucksender Laut. Zwei Augenpaare richteten sich auf mich. Das eine forschend, das andere wütend.

Ich neigte den Kopf, bis mir mein eisblondes Haar vors Gesicht fiel und mein Grinsen verbarg. »Entschuldigung«, murmelte ich und tat, als würde ich meine pinkfarbenen Haarspitzen betrachten.

Damit schien sich Mrs Peterson zufriedenzugeben, obwohl Mason mich noch immer musterte, als wollte er mich eigenhändig aus dem Fenster werfen. Pech für ihn, dass sich das Büro der Hausverwaltung im Erdgeschoss befand.

»Bevor ich Sie beide entlasse, muss ich Ihnen noch eine Frage stellen.« Mrs Petersons ernster Blick wanderte zu mir.

Oh, oh. Ich kannte diesen Gesichtsausdruck. Ein Prickeln breitete sich in meinem Nacken aus, wie Ameisen, deren dünne Beinchen über meine Haut krabbelten. Ich unterdrückte den Impuls, mich zu schütteln, und setzte mich stattdessen auf. Schultern zurück, Rücken gerade, Kinn hoch erhoben. Zeig ihnen nicht, wie sehr sie dir zusetzen.

»Hat Mister Lewis Sie sexuell belästigt?«

»Was?«, schnappte er neben mir. Seine Fassungslosigkeit war nicht gespielt, genauso wenig wie das Entsetzen in seiner Miene. »So etwas würde ich nie tun!«

Es überraschte mich selbst am meisten, aber ich glaubte ihm. Mason war nicht wie die Jungs an meiner Highschool, die mir im letzten Jahr das Gefühl gegeben hatten, eine billige Schlampe zu sein. Das hier war nicht Montana. Ich war weit weg von zu Hause. Nur weil Mason und ich einen schlechten Start gehabt hatten, bedeutete das nicht, dass ich ihn für einen Sexualstraftäter hielt. Oder ihn mit meiner Aussage in den Augen der Welt zu einem machen wollte. Wenn es jemanden gab, der wusste, wie zerstörerisch Gerüchte sein konnten, dann ich.

»Nein«, antwortete ich ehrlich. »Es war ein Missverständnis«. Das sich hoffentlich geklärt hatte, nachdem ich ihm eine runtergehauen hatte.

Mrs Peterson fixierte uns einige Sekunden lang schweigend, dann schloss sie die Akten auf ihrem Tisch. »Gut. In dem Fall ist alles geklärt. Sie dürfen gehen.«

»Was ist mit dem Zimmer?«, fragte ich sofort. »Auch wenn es ein Missverständnis war, würde ich gern ein anderes zugewiesen bekommen.«

»Ich bin stark dafür«, brummte Mason und riss die letzten Blätter von der Klopapierrolle in seinen Händen, um sie gegen seine Nase zu pressen.

»Tut mir leid.« Scheinbar mitfühlend zog Mrs Peterson die Schultern hoch. »Das ist eine ungewöhnliche Situation, und ich bin sicher, bei der Einteilung ist jemandem ein Fehler unterlaufen. Aber eine Umsiedlung in ein anderes Zimmer oder Wohnheim ist zu diesem Zeitpunkt leider unmöglich, da zum Semesterbeginn nichts mehr frei ist. Sofern sich keiner von Ihnen eine Wohnung außerhalb vom Campus suchen möchte, müssen Sie fürs Erste miteinander auskommen.«

Wie bitte? Das war alles? Ich starrte die Frau hinter dem Schreibtisch an. Sie hatte gut reden, sie musste sich kein Zimmer mit irgendeinem Idioten teilen, dessen Hand sich aus Versehen zu ihrem Hintern verirrte.

»In ein paar Wochen kann das natürlich anders aussehen«, redete Mrs Peterson unbeirrt weiter. »Ich habe mir Ihre Handynummern und E-Mail-Adressen notiert und werde Sie informieren, sobald etwas frei wird.«

Als wäre damit die Welt wieder in Ordnung, stand Mrs Peterson auf, schüttelte uns die Hände und scheuchte uns aus ihrem Büro. Im Gang bog Mason sofort nach rechts ab und steuerte die Männertoilette an. Vermutlich, um sich eine neue Rolle Klopapier zu besorgen.

Ich blieb allein in dem kühlen Flur zurück. An einem College, das ich nicht kannte, in einer fremden Stadt in einem Bundesstaat, in dem ich nie zuvor gewesen war. Mit dem zweifelhaften Talent, mir gleich am ersten Tag Feinde zu machen. Großartig.

Schwüle Luft schlug mir entgegen, als ich aus dem Verwaltungsgebäude ins Freie trat. Es war Mitte August und deutlich wärmer als zu Hause in Missoula. Ich vermisste die schneebedeckten Berge in der Ferne, die ich jeden Tag und jede Nacht meines Lebens gesehen hatte. Mit einem Kopfschütteln wischte ich das aufkeimende Gefühl von Heimweh beiseite. Ich hatte mich bewusst dafür entschieden, so weit von zu Hause entfernt zu studieren, und würde sicher nicht beim ersten Zwischenfall einknicken. Nicht einmal, wenn ich einen Vermerk in meiner Akte bekam, noch bevor das Semester richtig begonnen hatte.

Langsam setzte ich mich in Bewegung. An diesem Samstagvormittag entdeckte ich nur vereinzelt andere Menschen auf dem Campus, aber mir gefiel die Stille. Ich war gut darin, allein zu sein. Das Einzige, was mir in diesem Moment fehlte, war meine Kamera, um die Eindrücke um mich herum einzufangen und für immer festzuhalten. Die Leute auf den Grünflächen wirkten so entspannt, während sie sich sonnten, ein Buch lasen oder in kleinen Gruppen zusammensaßen. Mit den Bäumen, die sie umgaben, und den roten Backsteingebäuden, die dazwischen aufblitzten, hatte das Bild etwas Überirdisches. Wie ein kleines Fleckchen Idylle fernab des Alltags.

Leider lag meine Kamera zusammen mit meiner Reisetasche auf dem Bett in Masons Zimmer. Korrigiere: in unserem Zimmer.

Wie auf Kommando vibrierte das Handy in meiner Tasche mit einer neuen Nachricht. Ich zog es hervor und entsperrte den Bildschirm mit einer Wischbewegung.

Na, schon jemandem das Leben schwer gemacht?

Zum ersten Mal an diesem Tag musste ich lächeln. Die Anspannung, die mich überkommen hatte, seit ich mein neues Zimmer betreten und Mason Lewis dort vorgefunden hatte, fiel von mir ab. Ich blieb mitten auf dem gepflasterten Weg stehen und tippte eine Antwort.

Mein neuer Mitbewohner hat eine blutige Nase. Zählt das?

Keine fünf Sekunden später vibrierte mein Handy erneut.

Er? Hat er dich angemacht? Ich würde ja zurückfahren und ihn für dich verprügeln, aber das kannst du anscheinend sehr gut allein, Schwesterchen.

Kein Smiley begleitete die Nachricht, aber ich erkannte Robs Sarkasmus trotzdem. Anders als unsere Eltern fand er meine Idee gut, weit weg von zu Hause zu studieren. Vor knapp einer Stunde hatten wir uns voneinander verabschiedet, nachdem er mich hier abgesetzt hatte. Seit wir beide den Führerschein hatten, machten wir jeden Sommer einen mehrtägigen Roadtrip. Diesmal waren wir von Montana nach West Virginia gefahren, wo ich am Montag mein Studium beginnen würde. Dass er sich jetzt schon meldete, um nachzufragen, wie es mir ging, war untypisch, aber nicht überraschend nach allem, was in den vergangenen Monaten vorgefallen war.

Du hast deine Pflichten als großer Bruder fürs Erste erfüllt. Trotzdem danke für das Angebot. Komm gut heim & grüß Bree von mir!

Damit packte ich mein Handy wieder ein, denn auch ohne nachzusehen wusste ich, dass die Nachricht von Rob die einzige war, die ich erhalten hatte. Und ich war dankbar dafür. Mit der neuen Nummer waren die Tage der zahllosen anonymen Meldungen und Hassnachrichten endlich vorbei. Nur meine Familie und Robs Freundin Bree wussten, wie sie mich erreichen konnten.

Ich setzte mich wieder in Bewegung und orientierte mich dabei an den beiden Backsteingebäuden, die hoch in den Himmel ragten. Mit jedem Schritt schlug meine Tasche gegen meine Hüfte, wie eine penetrante Erinnerung daran, dass das Ganze eine dämliche Aktion gewesen war. Nicht die, Mason die Nase zu brechen, denn das hatte er verdient. Aber hierherzukommen war möglicherweise nicht meine klügste Entscheidung gewesen.

Ich kannte niemanden. Anders als meine Kommilitonen, die in dieser Gegend aufgewachsen waren oder bereits Anschluss gefunden hatten, hatte ich die Einführungswoche, die in Wirklichkeit nur aus wenigen Tagen bestand, verpasst und war erst heute hier eingetroffen. Darum auch das letzte freie Bett im Wohnheim und dieser blutige Start mit Mason.

Egal. Es konnte nur besser werden. Außerdem war ich nicht hergekommen, um neue Fake-Freunde zu finden, die mich bei der erstbesten Gelegenheit fallen ließen, sondern um meinen Abschluss zu machen. Genau darauf würde ich mich konzentrieren: lernen, meine Prüfungen so gut wie möglich bestehen und die weltbesten Fotos schießen.

Ich ging am Gebäude für die öffentliche Sicherheit vorbei und überquerte die Straße. Vor mir erhob sich das erste von vier Wohnheimen, die gemeinsam eine Art grünen Innenhof bildeten. Hier war deutlich mehr los als bei der Verwaltung oder den einzelnen Fakultäten. Die meisten Erstsemester hatten ihre Zimmer bereits vor einigen Tagen bezogen, erst heute war der Einzugstag für die höheren Semester. Während ich über den Platz marschierte, entdeckte ich volle Kisten und Wäschekörbe und beobachtete, wie Mädchen einander kreischend um den Hals fielen und Jungs sich lässig per Handschlag begrüßten.

Eine zierliche Rothaarige zerrte einen überdimensionalen Rollkoffer hinter sich her und schleppte gleichzeitig eine unförmige Reisetasche. Selbst aus der Entfernung konnte ich erkennen, dass ihr die Tasche gleich runterfallen würde. Der Riemen rutschte von ihrer Schulter, und die Tasche krachte zu Boden. Das Klirren war bis hierher zu hören, genau wie ihr entsetzter Aufschrei.

Automatisch machte ich einen Schritt auf sie zu, um ihr zu Hilfe zu eilen, aber jemand anderes kam mir zuvor.

Wie aus dem Nichts tauchte ein großer Kerl mit kurzen braunen Haaren auf, redete mit dem Mädchen und hob ihre Reisetasche auf. Mit einem charmanten Lächeln entwand er auch den Koffergriff aus ihrer Hand. Das Mädchen wirkte erleichtert, wenn auch etwas verblüfft. Sie deutete auf eines der vier Gebäude, und Mr Unbekannt folgte ihr samt Gepäck in diese Richtung.

Einen Moment lang sah ich den beiden nach, dann zwang ich mich dazu, weiterzugehen. Es war nichts Besonderes gewesen. Nur eine nette Geste. Etwas Alltägliches. Doch nach meinem letzten Highschooljahr waren mir selbst diese selbstverständlichen Zeichen von Hilfsbereitschaft fremd geworden. Was sagte das über mich aus?

Ich beschleunigte meine Schritte, um endlich in mein neues Zimmer zu kommen und die Ruhe zu genießen, bevor Mason wieder reinplatzte. Doch dann trat mir plötzlich ein braunhaariges Mädchen in den Weg. Ich bremste abrupt ab. »Whoa, hey. Pass doch auf!«

»Hi!« Sie hatte sich ihr rot-schwarzes College-Shirt über dem Bauchnabel zusammengeknotet und strahlte mich trotz meiner schroffen Worte an. »Du bist ein Freshman, richtig?«

»Ähm.« Ich blinzelte irritiert. War das so offensichtlich?

»Perfekt. Hier.« Von irgendwoher zauberte sie einen bunten Flyer hervor und drückte ihn mir in die Hand. »Heute Abend findet die erste große Campusparty statt. Komm vorbei.«

Ich war noch immer überrumpelt, aber das schien das Mädchen nicht weiter zu stören. Sie griff nach meiner Hand und schüttelte sie eifrig. Ein scharfes Brennen zog sich durch meine Fingerknöchel, und ich zuckte zurück, doch das unangenehme Pochen blieb.

»Oh Gott, alles in Ordnung? Was ist mit deiner Hand?«

Ich wusste nicht, ob ihr Entsetzen echt oder nur gespielt war. Meiner Fähigkeit, andere Menschen einzuschätzen, vertraute ich schon lange nicht mehr.

»Nichts. Alles okay«, murmelte ich in dem Versuch, die Sache herunterzuspielen. Eine Partyeinladung? Ging in Ordnung. Das hier war schließlich ein College. Aber einem Mädchen, das ich gerade mal eine Minute kannte, von meiner Begegnung mit Mason zu erzählen? Definitiv nicht.

Sie schien nicht überzeugt zu sein, nickte jedoch und strahlte mich wieder an. »Dann sehen wir uns auf der Party.« Diesmal wirkte ihr Lächeln weniger aufgesetzt, sondern ruhiger. Ehrlicher. Aber was wusste ich schon?

Als ich weiterging, hörte ich noch, wie sie eine andere arme Seele mit exakt denselben Worten ansprach. Ich sollte den Flyer in den nächsten Papierkorb werfen … Stattdessen faltete ich ihn zusammen und schob ihn in meine hintere Hosentasche. Nur für den Fall, dass ich später doch noch Lust auf Gesellschaft verspüren sollte.

Ich betrat den Eingangsbereich meines Wohnheims durch eine breite Glastür. Beim ersten Mal war ich zu abgelenkt gewesen, um meine Umgebung wahrzunehmen. Als ich jetzt die Frau hinter dem langen Schreibtisch bemerkte, zog ich instinktiv die Schultern hoch. Sie trug einen Dutt und eine schmale Brille an einer Kette. Ihr gepunktetes Kleid wirkte wie aus den Fünfzigern, aber ihre Finger flogen überraschend schnell über die Tastatur. Ich hatte ihren Namen längst wieder vergessen, aber ich wusste, dass sie für Recht und Ordnung in diesem Wohnheim zuständig war. Schließlich war sie es gewesen, die Mason und mich zur Hausverwaltung geschleift hatte. Aber sie schien auch für die Organisation verantwortlich zu sein, denn bereits bei meiner Ankunft hatte sie mir eine Karte vom Campus und einen Gebäudeplan in die Hand gedrückt. Überflüssig, denn in diesem Haus konnte man sich wirklich nicht verlaufen.

Links von uns befanden sich die ersten Studentenzimmer, rechts der Computerraum, der Waschraum und ein Aufenthaltsraum mit Sofas und Sesseln, einem Fernseher sowie Billard- und Kickertisch. Aus dieser Richtung drangen helles Lachen, Anfeuerungsrufe und Schimpfworte, untermalt von Popmusik. Ich wandte mich ab und ging an der Empfangstheke vorbei, durchquerte einen schmalen Flur und nahm die Treppenstufen nach oben.

Mein Zimmer befand sich im zweiten Stock direkt neben dem Treppenhaus. Vor der Tür hielt ich einen Moment lang inne und starrte auf die kleinen Namenskärtchen daneben. M. Lewis. E. Lance. R. Bowers. A. Bowers.

Mein Blick blieb an den letzten beiden Namen hängen. Geschwister? Oder ein Pärchen, das direkt nach seinem Highschoolabschluss geheiratet hatte, um das Vorrecht zu nutzen, im Wohnheim zusammenwohnen zu dürfen?

Wer sie auch waren, ich konnte nur hoffen, dass ich mit den beiden einen besseren Start haben würde als mit Mason.

Ich zog meine Schlüsselkarte durch den Schlitz und öffnete die Tür zu meinem neuen Zuhause. Gemeinsam mit den Bowers teilten Mason und ich uns ein kleines Bad und ein Wohnzimmer. Eine Küche schien es in der Wohneinheit nicht zu geben, dafür standen ein Minikühlschrank und eine Mikrowelle in einer Ecke des Wohnzimmers. Vielleicht hätte ich doch den Wasserkocher mitnehmen sollen, den Mom mir hatte andrehen wollen.

Erst als ich die Tür zu meinem Zimmer geöffnet und festgestellt hatte, dass ich allein war, bemerkte ich, dass ich unbewusst die Luft angehalten hatte. Jetzt entwich sie mir in einem tiefen Seufzen. Meine Reisetasche lag noch immer auf dem Einzelbett, wo ich sie zurückgelassen hatte. Daneben die Laptop- und die Kamerataschen. Mehr hatte ich nicht mitgebracht und, bis auf ein paar wenige Kleidungsstücke, auch noch nicht ausgepackt.

Ich strich mir das Haar hinter die Ohren und zog die kleinere der beiden Kamerataschen zu mir heran. An meinem zwölften Geburtstag hatte Dad mir eine Polaroidkamera geschenkt. Vorher hatte ich mich nie groß für Fotografie interessiert, aber seit ich die Kamera das erste Mal in den Händen gehalten hatte, sah man mich kaum noch ohne. Als ich Dad Jahre später fragte, warum er sie mir geschenkt hatte, lächelte er nur und erklärte mir, dass ich ein gutes Auge besäße. Er als Architekt würde das wissen.

Mit den Fingern strich ich über das quietschgrüne Ding, das bereits zahlreiche Kratzer aufwies und eine kleine Delle rechts unten hatte, seit es mir bei einem Ausflug in den Bergen runtergefallen war. Trotzdem konnte ich mich nicht davon trennen, genauso wenig wie von den Bildern, die diese Kamera hervorbrachte. Manchmal kam es mir wie Zauberei vor. Ich war nur diejenige, die im richtigen Moment auf den Auslöser drückte.

Ich drehte mich um und stand nach zwei Schritten schon in der Mitte des Zimmers. Auf dem hellen Teppich waren deutlich mehrere kleine Blutstropfen zu sehen – eine Erinnerung an meine erste Begegnung mit meinem neuen Mitbewohner. Es mochte makaber sein, aber ich machte trotzdem ein Foto davon. Die Kamera summte, als sie mir das Bild ausgab. Ich schüttelte es, bis es klar wurde, dann zog ich eine Grimasse. »Willkommen an der Blackhill University«, murmelte ich.

»Ich glaube, das sollte mein Spruch sein«, ertönte eine tiefe Stimme von der Tür her.

Ich wirbelte herum, bereits eine scharfe Erwiderung parat, doch dann erstarben die Worte auf meinen Lippen. In der offenen Tür stand nicht Mason, sondern ein Fremder. Oder … fast Fremder. Wenn ich nicht völlig danebenlag, war das derselbe Kerl, der der Rothaarigen vorhin mit ihrem Gepäck geholfen hatte. Ich musterte ihn aus zusammengekniffenen Augen.

Eigentlich war ich nicht der Typ Mädchen, der auf ein schönes Gesicht hereinfiel. Nicht mehr. Aber – verdammt – dieser Kerl sah gut aus. Nicht auf eine frisch-aus-dem-Modelmagazin-entsprungene Art und Weise, denn dafür war sein Gesicht zu kantig. Er hatte eine starke Kieferpartie, die in einem krassen Kontrast zu seinen vollen Lippen stand.

Meine Fingerspitzen prickelten mit dem Drang, ein Foto von ihm zu schießen, um diese Gegensätze festzuhalten.

Wissend zog er die Mundwinkel in die Höhe. Scheiße. Man musste kein Genie sein, um zu bemerken, dass ich ihn anstarrte. Normalerweise würde ich ihm spätestens jetzt den passenden Konter auf seinen Spruch liefern, aber er starrte mich genauso an. So eindringlich, als hätte er alle Zeit der Welt und würde das auch ausnutzen.

Sein Blick tastete mich auf eine Weise ab, die die Raumtemperatur um ein paar Grad in die Höhe trieb. Als er wieder bei meinen Augen ankam, hatte ich das Gefühl, kaum noch Luft zu bekommen. Unwillkürlich zog sich mein Bauch zusammen. Wie zum Teufel konnte ein Fremder eine solche Wirkung auf mich haben? Auf die Entfernung war seine Augenfarbe nicht auszumachen, aber sie war deutlich heller als seine tief liegenden Brauen, die Bartstoppeln in seinem Gesicht und die kurzen braunen Haare.

Er kam einen Schritt näher. Wie in Zeitlupe breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus – und in seinen Augen leuchtete Erkenntnis auf. »Du bist das Mädchen, das Maze die Nase blutig geschlagen hat.«

Kapitel 2

Dylan

»Und du bist der Kerl, der anscheinend noch nie was von Privatsphäre gehört hat«, fauchte sie.

Shit. Das war der erste Gedanke, der in meinem Kopf auftauchte, als ich sie sah. Nicht scharf oder hübsch oder irgendein anderes nettes Adjektiv, sondern einfach nur Shit. Im selben Moment hätte jemand Taylor Swifts I Knew You Were Trouble anspielen können, und es hätte perfekt zur Situation gepasst. Denn dieses Mädchen bedeutete eindeutig Ärger.

Ich hatte mit vielen Antworten auf meinen Kommentar gerechnet, auch mit eisigem Schweigen. Was ich nicht erwartet hatte, nachdem ich die Nachricht von Mason bekommen und mich auf den Weg zu seinem Zimmer gemacht hatte, war seine neue Mitbewohnerin.

Im ersten Moment hatte sie ertappt gewirkt, beinahe so, als hätte ich sie bei etwas Verbotenem erwischt. Doch das kurze Aufblitzen von Verletzlichkeit in ihrem Gesicht war inzwischen verschwunden. Sie stand breitbeinig da, in einem bedruckten weißen Top, einer schwarzen Hose und pinkfarbenen Chucks. Dieselbe Farbe wie der untere Teil ihrer langen Haare. Sie wirkte zierlich, war aber nicht so klein wie erwartet, als ich das Zimmer betrat und näher kam. Vielleicht lagen zehn, zwölf Zentimeter zwischen uns. Mehr nicht.

Jetzt hatte sie sich zu ihrer vollen Größe aufgerichtet und die Hände in die Hüften gestemmt, als wollte sie mich eigenhändig rauswerfen. Angesichts ihrer geröteten Fingerknöchel und der Nachricht meines besten Freundes konnte ich mir das sogar lebhaft vorstellen. Ihre Fingernägel waren abwechselnd grün und pink lackiert, und sie trug einen Ring an ihrem Zeigefinger. Bei ihrem Auftreten und ihrem Aussehen hätte mich ein Totenkopf oder etwas in der Richtung nicht weiter überrascht, aber es war ein Gänseblümchen, das sich um ihren Finger wand.

»Ich bin Dylan«, sagte ich und zwang mich dazu, ihr wieder in die Augen zu sehen. Was nicht schwer war – sie waren dunkel geschminkt und von einem satten Blau, und ich ertappte mich dabei, wie ich einen weiteren Schritt auf sie zu machte, nur um ihre Augen aus der Nähe zu betrachten.

Sie zog die schmalen Brauen in die Höhe und reckte das Kinn vor. »Betrittst du immer die Zimmer fremder Mädchen, Dylan?«

»Nein«, erwiderte ich lächelnd. Aus irgendeinem Grund gefiel mir ihre angriffslustige Art. »Aber in diesem Fall mache ich eine Ausnahme.«

»Raus.« Mit der unverletzten Hand deutete sie an mir vorbei Richtung Tür.

Höchste Zeit, ein paar Dinge zu klären. Ich räusperte mich, weil meine Stimme plötzlich heiser klang. »Ich bin ein Kumpel von Mason, und das hier war eigentlich für ihn gedacht.« Wie zum Beweis hielt ich das Kühlpack in die Höhe, das meine Finger inzwischen schockgefroren hatte. »Aber ich schätze, du brauchst es dringender als er.«

Misstrauisch sah sie zwischen mir und der blauen Gelpackung hin und her, als wüsste sie nicht, was sie davon halten sollte. Ich nahm ihr die Entscheidung ab, indem ich nach ihrer rechten Hand griff und die Kühlkompresse vorsichtig auf ihre geröteten Fingerknöchel legte. Sie atmete scharf ein, zog ihre Hand jedoch nicht zurück.

»Sieh es als Friedensangebot, nachdem ich einfach das Zimmer eines fremden Mädchens betreten habe.« Ich zwinkerte ihr zu, doch sie starrte mich nur an, als könnte sie nicht fassen, was ich gerade tat. Dabei war es nur ein Kühlpack, kein Heiratsantrag.

»Ich brauche kein Friedensangebot«, sagte sie endlich, aber ihre Stimme klang längst nicht mehr so abgeklärt wie kurz zuvor. »Du hast schließlich keinen Krieg angefangen.«

Noch nicht. Der Gedanke tauchte so plötzlich in meinem Kopf auf, dass ich selbst überrascht war. Normalerweise weckten Mädchen nicht so schnell meine Aufmerksamkeit, schon gar nicht mit einem einzigen Blick aus misstrauischen blauen Augen. Ich hatte genug um die Ohren, um mich nicht kopfüber in etwas zu stürzen, das nur in einer Katastrophe enden konnte. Doch Masons neue Mitbewohnerin hatte etwas an sich, das einen Nerv bei mir traf. Ich kannte sie erst seit wenigen Minuten, und trotzdem hatte sie mir schon ihre aggressive, ihre misstrauische und, sicher nicht ganz freiwillig, auch ihre verletzliche Seite gezeigt. Ein wenig erinnerte sie mich an den ausgesetzten Hund, den ich letzte Woche vor der Tierklinik gefunden hatte. Er hatte wie verrückt gebellt, die Zähne gefletscht und mich angeknurrt. Aber hinter seiner Aggression lag nichts weiter als Angst.

»Danke.« Sie räusperte sich und befreite ihre Hand aus meinem Griff, behielt die Kühlkompresse aber bei sich. Gut so. Ihre Knöchel würden sonst noch mehr anschwellen und tagelang wehtun.

»Kein Problem. Maze kommt auch ohne aus.«

Ein kurzes Lächeln huschte über ihre Züge, dann war es wieder verschwunden, und sie wandte sich ab. Mit zwei Schritten war sie bei ihrem Bett und öffnete die Reisetasche mit einem leisen Surren. Daneben lag eine Polaroidkamera, wie ich sie noch von meiner Mom kannte. Fotografierte sie etwa mit dem Ding?

»Wenn du auf Mason warten willst …«, sie warf mir einen bedeutungsschweren Blick zu, »… kannst du das draußen tun.«

Da war sie wieder, die angriffslustige Seite an ihr, die mich förmlich dazu anstachelte, ihrer Bitte nicht nachzukommen. Ihrer Bitte? Wem wollte ich hier etwas vormachen? Das war ein klarer Befehl gewesen.

Statt ihm Folge zu leisten, ließ ich mich auf Masons Bett fallen, streckte die Beine aus und überkreuzte sie an den Knöcheln. Ein Glück, dass heutzutage alle rissige Jeans trugen. Dann fiel wenigstens niemandem auf, wie viele Jahrhunderte meine schon alt war.

»Ich warte lieber hier.«

Sie hielt mitten in der Bewegung inne, einen Kleiderstapel auf dem Arm. »Du weißt, dass ich dich rauswerfen lassen kann? Diese Fünfziger-Jahre-Frau unten in der Lobby wird sicher gern das Sicherheitspersonal rufen.«

»Mrs Glennard?« Ich musste mich zusammenreißen, um nicht laut aufzulachen. »Ganz bestimmt sogar.« Sie hasste mich, seit Maze und ich ihr Auto letztes Jahr an Halloween umdekoriert hatten.

Ich beobachtete, wie sie ihre Sachen in dem kleinen Schrank neben dem Schreibtisch verstaute. Dieser Raum war kaum größer als mein Einzelzimmer, wenn man ehrlich war, eher ein Schuhkarton. Das schien das Mädchen nicht weiter zu stören, genauso wenig wie das bisschen Ablagefläche. Wahllos stapelte sie ihre Klamotten aufeinander, ohne auf Farben, Stoffmuster oder sonst etwas zu achten, das anderen Frauen normalerweise so wichtig war. Interessant.

Seufzend blieb sie neben ihrer Reisetasche stehen, die Hände schon wieder in den Hüften. »Hör mal, ich will wirklich nicht unhöflich sein, aber ich bin gerade erst angekommen und wäre gern allein.«

Ich runzelte die Stirn. »Da hast du dir aber die falsche Wohnung ausgesucht.«

»Ich habe sie mir nicht ausgesucht, sie wurde mir zugeteilt.«

»Hast du Maze deshalb eine runtergehauen? Weil du dachtest, er wäre ein Perversling, der plötzlich in deinem Zimmer steht?« Also nicht viel anders als ich. Sehr beruhigend.

Sie warf mir einen vernichtenden Blick zu. »Er hat es verdient. Mehr sage ich nicht dazu.«

»Schon klar.« Abwehrend hob ich die Hände. »Du wirkst auf mich nur nicht wie jemand, der zuerst zuschlägt und danach Fragen stellt.«

»Der erste Eindruck kann täuschen.«

»Offensichtlich.«

Sie warf Socken und Unterwäsche in eine Schublade, dann wirbelte sie zu mir herum. »Willst du etwas Bestimmtes? Oder warum sitzt du immer noch hier herum?«

Mein Blick glitt einmal an ihr hinauf und hinunter. »Möchtest du eine ehrliche Antwort darauf?« Ich sah ihr wieder in die Augen. »Oder eine, die deinem Ego schmeichelt?«

»Die ehrliche. Ich will immer die ehrliche Antwort.«

Sie tat es schon wieder. Sie überraschte mich mit ihrer Reaktion und dem abgeklärten Ausdruck in ihrem Gesicht. Nach zwei Jahren an diesem College wusste ich, wie die typischen Erstsemester aussahen. Sie kamen mit glänzenden Augen und dem Glauben, die Welt im Sturm erobern zu können, hierher, weil die Realität sie noch nicht eingeholt hatte. Dieses Mädchen schien den Realitätscheck bereits hinter sich zu haben, und soweit ich das beurteilen konnte, war sie hart auf dem Boden der Tatsachen angekommen.

»Du bist heiß.«

Ein Kissen traf mich mitten im Gesicht.

»Ich wollte die ehrliche Antwort!«, rief sie.

Grinsend hob ich das Kissen auf und warf es zurück auf ihr Bett. »Das war die ehrliche Antwort. Was hast du erwartet? Ich bin ein Kerl und außerdem nicht blind.«

Bildete ich mir das ein, oder nahmen ihre Wangen die gleiche Farbe an wie ihre pinken Chucks? Bevor ich sichergehen konnte, kehrte sie mir erneut den Rücken zu.

»Westbrook!« Mason betrat das Zimmer mit einer finsteren Miene. »Machst du etwa die Tussi an, die mir jede Chance auf eine Karriere als Superstar versaut hat?«

»Hallo? Die Tussi steht genau hier!«

Ich versteckte mein Lachen hinter einem Husten. Dieses Mädchen brauchte keine Hilfe vom Sicherheitspersonal, um uns beide rauszuschmeißen, wenn sie es darauf anlegte.

»Ich weiß.« Ohne sie eines Blickes zu würdigen, schnappte sich Mason das Kühlpack von ihrem Bett und drückte es sich gegen die geschwollene Nase. »Die Frage ging an meinen Kumpel hier.«

Statt einer Antwort deutete ich auf seine kratzbürstige neue Mitbewohnerin. »Wie heißt sie?«

»Emery Lance.« Mason setzte sich mit einem tiefen Seufzen neben mich. Aufgrund der Kühlpackung klang seine Stimme undeutlich und nasal. »Auch bekannt als der Teufel aus Montana.«

»Montana, huh?«, wiederholte ich nachdenklich. »Ganz schön weit weg von zu Hause.«

»Sie hätte dort bleiben sollen.«

»Ich kann euch hören, Jungs.«

»Womit habe ich das verdient?« Theatralisch ließ Mason sich zurück in die Kissen fallen und rieb sich über die Stirn.

»Keine Ahnung, Mann. Aber mir gefällt diese neue Entwicklung.«

Mason grunzte. »Wärst du nicht im letzten Moment abgesprungen, hätte ich jetzt keine Nase in der Größe von Texas.«

Jedes bisschen Belustigung verflog. »Du weißt, wieso das mit dem Zimmer nicht geklappt hat.«

Von Mason bekam ich nur ein Brummen zu hören, dafür hob Emery den Kopf. Inzwischen hatte sie es sich im Schneidersitz auf ihrem Bett gemütlich gemacht, den aufgeklappten Laptop auf ihrem Schoß. »Warum nicht?«

Mason holte schon Luft, um zu antworten, hielt dann jedoch inne, als ich ihm einen drohenden Blick zuwarf. Die Wahrheit konnte ich Emery nicht erzählen. Für meinen Geschmack wussten ohnehin schon zu viele Leute davon. Also zuckte ich nur mit den Schultern und tischte ihr eine Ausrede auf. »Schlafstörung. Ich bin der schlechteste Mitbewohner, den du dir vorstellen kannst. Vor allem nachts.«

Sie kniff die Augen zusammen, als wüsste sie nicht so recht, ob sie mir das glauben konnte oder nicht. Irgendwie erwartete ich einen bissigen Kommentar darauf, stattdessen schwieg sie und wandte sich wieder ihrem Laptop zu. Vermutlich schrieb sie ihrem Freund zu Hause in Montana und klagte ihm ihr Leid.

Mit einem Ächzen hievte Mason sich hoch. »Heute Abend ist Party bei Luke und den anderen.«

War ja klar, dass er mich daran erinnerte, nachdem ich mir alle Mühe gegeben hatte, die ganzen WhatsApp-Benachrichtigungen zu ignorieren. Statt ihm zu antworten, sah ich wieder zu Emery. »Du solltest mitkommen. Das ist besser als die Erstsemesterpartys auf dem Campus.«

Misstrauisch zog sie die Brauen zusammen. »Gehst du hin?«

Bis eben hätte ich mit Nein geantwortet. Ich hatte weder Zeit noch Lust auf diese Veranstaltung. Aber wenn sie mich auf diese Weise musterte? Einer Herausforderung hatte ich noch nie widerstehen können. »Jetzt schon.«

»Super. Dann weiß ich genau, wie ich den Abend verbringen werde.« Um ihre Worte zu unterstreichen, schob sie den Laptop von ihren Beinen, zog ein Buch aus ihrer Reisetasche und legte sich damit der Länge nach hin. Frech. Und verflucht sexy.

»Sekunde mal.« Mason blieb auf dem Weg zur Tür stehen und drehte sich langsam zu uns um. »Wenn ich dich mit der Party nerve, lehnst du ab, aber wenn eine heiße Braut da ist, willst du plötzlich hingehen?«

Meine Aufmerksamkeit lag weiterhin auf Emery. Sie mochte zierlich sein, hatte jedoch genug Kurven, um einen Mann seinen eigenen Namen vergessen zu lassen. »Sieht ganz danach aus«, murmelte ich abgelenkt.

»Die heiße Braut kann euch noch immer hören …«

Das war mein Stichwort. Ich stand auf, aber statt Mason zu folgen und das Zimmer zu verlassen, blieb ich neben Emerys Bett stehen. Sie rührte sich nicht, ignorierte mich komplett und schien völlig von ihrem Buch gefesselt zu sein.

Als ob.

Ohne Vorwarnung beugte ich mich zu ihr hinunter und brachte meinen Mund nahe an ihr Ohr. »Fünfter Stock, zweite Tür links«, raunte ich. »Komm ab acht vorbei.«

Jeder Muskel in Emerys Körper schien sich anzuspannen, aber sie sprang nicht auf. Stattdessen drehte sie den Kopf, bis sie mir in die Augen sehen konnte – und ihre Lippen viel zu dicht vor meinen waren. Ihr Zögern war das einzige Zeichen dafür, dass die plötzliche Nähe sie ebenso wenig kalt ließ wie mich. Das und ihre Pupillen, die auf einmal so viel größer und dunkler wirkten.

»Du brauchst noch immer Nachhilfe in Sachen Privatsphäre, was?« In ihre Stimme hatte sich ein heiserer Unterton geschlichen, der ihre Abfuhr Lügen strafte.

Ich lächelte nur und richtete mich wieder auf. Meinetwegen konnte sie das letzte Wort behalten. Für den Moment.

Ich folgte Mason nach draußen und zog die Tür hinter mir zu. Inzwischen hatte er sich aufs Sofa im Wohnzimmer gelegt und drückte sich das Kühlpack gegen die Nase. Ich blieb neben ihm stehen.

»Brauchst du einen Arzt? Ein Krankenhaus? Die Notaufnahme?«

»Nein«, knurrte er undeutlich.

»Eine sexy Krankenschwester, die dich gesund pflegt?«

»Fick dich, Mann.«

Ich grinste. »Wie hast du dir das überhaupt eingebrockt?«

Über den Rand des Kühlpacks starrte er mich wütend an. »Warum glaubt jeder, es wäre meine Schuld?«

»Weil wir dich kennen. Also?« Ich ließ mich ihm schräg gegenüber in einen Sessel fallen.

Er gab einen undeutlichen Laut von sich und legte den Kopf wieder in den Nacken. »Ich konnte meine Klappe nicht halten und habe aus Versehen ihren Hintern mit meiner Hand gestreift.«

Zweifelnd zog ich die Brauen in die Höhe.

»Okay, okay. Es war ein Klaps auf ihren Hintern. Aber nur ganz kurz.«

Ja, klar. Kopfschüttelnd stand ich auf. »Mein Mitleid für dich ist gerade auf den Nullpunkt gesunken.« Und meine Bewunderung für Emery war deutlich gestiegen. Dieses Mädchen ließ sich eindeutig nichts gefallen. Mason würde noch seine helle Freude an seiner Mitbewohnerin haben.

»Kommst du trotzdem zur Party?«, rief er, als ich schon an der Tür war.

»Klar«, gab ich zurück. Es war die erste Feier des Semesters. Wenn ich mich auf dieser blicken ließ, konnte ich die restlichen getrost ausfallen lassen. Außerdem war der Gedanke, Masons neue Mitbewohnerin wiederzusehen, verlockender, als er sein sollte.

Emery

Mein Herz raste, als hätte ich jedes bisschen gesunden Menschenverstand verloren und wäre mit meinem Bruder joggen gegangen. Freiwillig. Es raste auch dann noch, als sich die Tür hinter Dylan und Mason schloss. Ich hörte ihre Stimmen nur noch gedämpft aus dem Wohnzimmer, aber nicht laut genug, um ein Wort zu verstehen. Musste ich auch nicht. Es war auch so klar, dass ich eines ihrer Gesprächsthemen sein würde.

Ich klappte das Buch zu, in dem ich keinen einzigen Satz gelesen hatte, und setzte mich auf. Mit einem Mal wünschte ich mir so heftig meine beste Freundin herbei, dass sich mein Magen vor Schmerz zusammenzog. Amy war noch immer die erste Person, die mir einfiel, um über so etwas wie meinen ersten Tag am College zu sprechen. Nur leider redete sie nicht mehr mit mir.

Ich starrte auf mein Smartphone. Keine neuen Nachrichten. Keine verpassten Anrufe.

Manchmal bereute ich es, mein Facebook-Profil deaktiviert und meine Accounts bei Twitter, Instagram, Tumblr und allen anderen Social-Media-Seiten gelöscht zu haben. Nicht, dass ich besonders scharf auf die Hassnachrichten von ehemaligen Mitschülerinnen, die zweideutigen Kommentare der Jungs meiner alten Schule oder die Beschwerdemails entsetzter Eltern wäre. Aber der Kontakt zu meinem alten Leben fehlte mir mehr, als ich für möglich gehalten hatte. Besonders der zu Amy.

Sie war meine beste Freundin gewesen, seit wir auf dem Spielplatz zusammen Matschkuchen gebacken hatten. Amy und Emery. Emery und Amy. So unterschiedlich wir waren, war sie doch immer an meiner Seite gewesen. Wir waren zusammen aufgewachsen, hatten gemeinsam für Boybands geschwärmt, beinahe gleichzeitig unsere erste Periode bekommen und die jeweils andere vorausgeschickt, wenn eine von uns auf einen Jungen stand.

Bis zu jenem Tag, an dem alles den Bach runtergegangen war und sie mich ebenso fallen gelassen hatte wie alle anderen. Im Schulflur hatte sie mich nicht einmal mehr angesehen und mich gemieden, als hätte ich eine ansteckende Krankheit. Bei der Erinnerung daran begannen meine Augen zu brennen.

Früher hatte ich geglaubt, dass Freundschaft und Liebe ewig hielten. Dass sie alles überstehen konnten. Doch inzwischen wusste ich, dass es nur eine Person gab, auf die ich mich immer und überall verlassen konnte: ich selbst.

Das Vibrieren in meiner Hand riss mich aus meinen Gedanken. Für einen kurzen Moment hoffte ich, dass es Amy war. Dass sie meine Eltern oder Rob nach meiner neuen Nummer gefragt hatte, weil sie mich ebenso sehr vermisste wie ich sie. Aber es war nicht ihre Nummer, die ich auf dem Display las, sondern der Name meiner Mutter.

»Hi Mom«, begrüßte ich sie und legte so viel Fröhlichkeit wie möglich in meine Stimme. Diese Frau besaß einen siebten Sinn, wenn es um die Probleme ihrer Kinder ging.

»Hallo Liebes. Hast du dich schon eingelebt? Dein Bruder hat geschrieben, dass er dich sicher abgeliefert hat.«

Typisch Rob. Immer der vorbildliche Sohn.

»Ja, alles bestens.« Ich ließ meinen Blick durch das Zimmer wandern. Bisher hatte ich keine Zeit gehabt, auf Details zu achten, weil ich zu sehr damit beschäftigt gewesen war, Mason eine reinzuhauen und mich anschließend mit seinem Freund herumzuärgern. Dylan. Ich ignorierte das kleine Kribbeln an Stellen in meinem Körper, wo es nichts zu suchen hatte. Ich war nicht hergekommen, um mich vom Charme irgendeines Kerls einlullen zu lassen. Noch dazu eines Kerls, der Mädchen ihre schweren Koffer hinterhertrug. Diesen Fehler hatte ich schon einmal gemacht und teuer dafür bezahlt.

»Wie ist deine neue Mitbewohnerin?«, fragte Mom weiter. »Hast du sie schon kennengelernt?«

Ich zog eine Grimasse. »Sie ist ein Er, und ja, wir haben uns schon kennengelernt.« Es gab keinen Grund zu lügen, wenn meine Mutter die Wahrheit ohnehin rausfinden würde.

»Was hast du angestellt?«

So wie jetzt. Statt sich darüber zu wundern, dass ich mir das Zimmer mit einem Jungen teilte, wollte sie sofort wissen, was ich ausgefressen hatte.

»Gar nichts«, behauptete ich. An der Wand neben Masons Bett hingen Bandposter. Imagine Dragons, Queen, Halestorm, Fall Out Boy und ein paar weitere, von denen ich noch nie etwas gehört hatte. Am Fußende lehnte ein Gitarrenkoffer. »Ich habe ihm vielleicht … unter Umständen … ein bisschen die Nase gebrochen.«

»Emery Lance! Du hast was getan?«

Beinahe hätte ich gelacht, aber nur, weil ich den Humor in der aufgebrachten Stimme meiner Mutter wahrnahm.

»Er hat mir auf den Hintern gehauen. Nach nicht mal fünf Minuten. Was hätte ich sonst tun sollen?«

»Ihm eine Ohrfeige geben?« Ich konnte förmlich vor mir sehen, wie sie den Kopf schüttelte, das Smartphone in der einen Hand, den Pinsel in der anderen. »Ich dachte, dieser Kurs im Kickboxen wäre zum Aggressionsabbau gewesen und nicht dafür, einem armen Studenten die Nase zu brechen.«

»Hätte ich einen meiner Kicks eingesetzt, hätte er jetzt einen Hodenbruch.«

»Emery!« Diesmal konnte Mom ihr Lachen nicht verbergen. Es schallte hell und klar durch die Leitung. »Ich meine es ernst.«

Todernst. War deutlich zu hören. Meine Mundwinkel wanderten nach oben. »Wie läuft es zu Hause?«

»Gut. Dein Vater musste wieder mal ins Büro, und ich nutze die Zeit ohne ihn, um mein Bild zu beenden. Dummerweise hatte mein Modell heute keine Zeit, also muss ich ein bisschen tricksen. Der Käufer wartet schon.«

Wenn man Mom einen Pinsel in die Hand drückte, konnte sie alles auf Leinwand bannen, was man sich nur vorstellen konnte. Sie behauptete immer, ich hätte meine Leidenschaft für die Fotografie von ihr geerbt, weil wir denselben Blick für Details hatten. Da sie sich momentan auf Aktmalerei spezialisiert hatte, war ich mir nicht sicher, ob ich diese Gemeinsamkeit gut fand.

»Zurück zu dir, junge Dame. Hast du dich bei deinem Mitbewohner entschuldigt?«

»Mom!«

»Du musst zumindest für dieses Semester mit dieser Person zusammenleben. Ihr solltet nicht gleich am ersten Tag einen Krieg anzetteln.«

Seufzend lehnte ich mich zurück und starrte an die Zimmerdecke. Ein paar dunklere Flecken zogen sich durch das Weiß. Ich wollte lieber nicht wissen, was innerhalb dieser vier Wände schon alles passiert war.

»Okay, okay. Ich entschuldige mich bei ihm. Wenn er es auch tut.«

»Gut.« Ein zufriedener Unterton lag in ihrer Stimme. »Und jetzt erzähl mir mehr. Wie ist das College? Hast du schon ein paar neue Leute kennengelernt? Was hast du heute noch vor?«

Gegen meinen Willen tauchte das Bild von Dylan vor meinem inneren Auge auf. Aber obwohl ich wusste, dass ich Mom alles erzählen konnte, erwähnte ich ihn nicht.

»Ich bin auf eine Party eingeladen, aber ich weiß nicht, ob ich hingehen soll.«

»Geh hin. Lass dich nicht von deinem alten Leben davon abhalten, dein neues zu genießen und Freundschaften zu schließen.«

»Solltest du nicht in die Rolle der strengen Mutter schlüpfen und mich vor all den Gefahren warnen?«, gab ich zurück. »Wir reden immerhin von einer Collegeparty. Mit Alkohol, Drogen, Sex, Tattoos. Vielleicht lasse ich mir betrunken ein Piercing stechen. Durch den Nippel.«

»Fantastische Idee«, rief sie übertrieben begeistert. »Liebes, du weißt, dass ich dir vertraue. Dein Vater und ich haben keine Idiotin großgezogen. Aber ich hoffe, du bestehst wenigstens auf Kondome.«

»Oh mein Gott, Mom!« Ich setzte mich ruckartig auf. »Das Bienchen-und-Blümchen-Gespräch haben wir schon durch. Mehrmals. Ich verhüte.«

»Dann sehe ich keinen Grund, warum du nicht hingehen solltest. Viel Spaß!«

Man könnte meinen, nach ihrer eigenen wilden Zeit im College wäre Mom strenger, was ihre Kinder anging. Zumal sie in ihrem vorletzten Semester mit Rob schwanger geworden war. Stattdessen hatte sie uns beiseite genommen, sobald wir alt genug gewesen waren, uns über alles aufgeklärt und uns unsere eigenen Erfahrungen machen lassen. Dass sie mir selbst jetzt noch vertraute, obwohl ich es so verbockt hatte, schnürte mir die Kehle zu.

»Danke«, brachte ich hervor und musste mich räuspern, damit meine Stimme nicht mehr so belegt klang. »Ich melde mich bei dir, wenn ich ausgenüchtert bin und meinen One-Night-Stand aus dem Bett gekickt habe.«

Sie lachte. »Das ist mein Mädchen. Bis dann!«

Damit legte sie auf und ließ einen Hauch Wehmut zurück. Es war die richtige Entscheidung gewesen, auf ein College am anderen Ende des Landes zu gehen. Ich war froh, möglichst viel Abstand zwischen all die Leute aus meiner alten Highschool und mich gebracht zu haben. Allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, dass mir meine Familie jetzt schon so sehr fehlen würde.

Als ich das Handy sinken ließ und zur Tür blickte, stand Mason dort. Die Arme vor der Brust verschränkt, die Brauen hochgezogen, ein anzügliches Lächeln auf den Lippen, weil er mehr als genug von dem Telefonat mit angehört hatte.

»Also, wenn du noch jemanden für deinen geplanten One-Night-Stand suchst …«

Ich warf ein Kissen nach ihm. Oh nein, ich würde mich definitiv nicht bei ihm entschuldigen.

Kapitel 3

Dylan

»Westbrook.« Luke McAdams stand neben der Tür zu der Wohnung, die er sich mit zwei weiteren Leuten teilte, und hielt mir die Hand hin. Trotz der sommerlichen Temperaturen draußen trug er ein schwarzes Schweißband ums Handgelenk. Typisch Luke – immer der Sportler, sogar außerhalb der Saison.

Ich zögerte nur einen Sekundenbruchteil, bevor ich einschlug. »McAdams. Lange nicht gesehen.« Meine Antwort klang kühler als beabsichtigt, aber inzwischen war das schon irgendwie normal zwischen uns geworden.

Luke nickte, schwieg jedoch. In der Regel beschränkten sich unsere Gespräche auf einen kurzen Austausch von Floskeln, und heute war glücklicherweise keine Ausnahme davon.

Ich ging weiter, während Luke sich den nächsten Neuankömmlingen widmete. Im Wohnzimmer hatten sich bereits einige Kommilitonen versammelt. Ich erkannte ein paar vertraute Gesichter aus dem letzten Semester wieder, aber es waren auch fremde darunter. Offenbar war ich nicht der Einzige, der Erstsemester zu dieser inoffiziellen Party eingeladen hatte.

Ohne Vorwarnung schlang jemand einen Arm um mich und zog mich so schnell zu sich hinunter, dass ich kaum reagieren konnte. Nach einem festen Schmatzer auf meine Wange war ich wieder frei und konnte die Angreiferin identifizieren. Tate Masterson. In ihre dunkelbraune Mähne hatten sich einige neue, knallrote Strähnchen geschlichen, ansonsten war sie noch dasselbe Mädchen, das ich seit meiner Schulzeit kannte.

»Wow.« Ich rieb mir über die Wange, die jetzt sicher einen verschmierten roten Kussmund trug. »Womit habe ich das verdient?«

»Gar nicht.« Lässig zuckte sie mit den Schultern und drückte mir eine Bierdose in die Hand. »Aber vielleicht hat mir so ein durchgeknallter Veterinärmedizinstudent in den Sommerferien gefehlt. Ein bisschen. Möglicherweise. Nein, eigentlich nicht.«

Von wegen. Ich machte einen drohenden Schritt auf sie zu, doch sie schien meinen Plan bereits geahnt zu haben und wich sofort aus.

»Wag es ja nicht!«, zischte sie. Jeder wusste, wie sehr sie öffentliche Zuneigungsbekundungen hasste, wenn sie selbst das Opfer davon wurde. Was nur ein weiterer Grund war, sie damit zu ärgern.

Ich drückte mein Bier der nächstbesten Person in die Hand, dann ging ich langsam auf sie zu. Ausgerechnet Tate vor mir zurückweichen zu sehen, war das Ganze mehr als wert. Als sie mit dem Rücken gegen die Wand stieß, packte ich sie kurzerhand und zog sie in eine Bärenumarmung. Von wegen ich hätte ihr nicht gefehlt.

Lachend strampelte sie mit den Beinen, als ich sie ein Stück hochhob, und trommelte mit den Fäusten gegen meine Schultern, während sie mir gleichzeitig die übelsten Krankheiten an den Hals wünschte. Ich grinste nur und setzte sie wieder ab. Inzwischen hatten ein paar Leute unsere Begrüßung bemerkt. Ich verzog das Gesicht, als ich ihre neugierigen Blicke auf mir spürte. So ungern Tate sich in aller Öffentlichkeit umarmen und anfassen ließ, so ungern stand ich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Aber für diese kleine Racheaktion hatte es sich gelohnt.

Gespielt eingeschnappt boxte sie mir gegen den Oberarm. »Ich hab dich eindeutig nicht vermisst. Du kannst gleich wieder dorthin verschwinden, wo du hergekommen bist.«

Grinsend zog ich sie zu einem der Sofas und ließ mich mit ihr im Schlepptau darauf fallen, dann nahm ich ihre Beine und legte sie in meinen Schoß. Wenn es eine Frau gab, die man als meine beste Freundin bezeichnen könnte, war sie es. Dabei waren wir so unterschiedlich wie Tag und Nacht und ständig anderer Meinung. Unsere Gemeinsamkeiten könnte ich problemlos an einer Hand abzählen, ohne alle Finger zu gebrauchen. Trotzdem kam ich besser mit ihr klar als mit den meisten anderen Leuten. Vielleicht auch, weil Tate es nie persönlich nahm, wenn ich Verabredungen kurzfristig absagen musste oder Stunden brauchte, um auf Nachrichten zu antworten, da ich bei der Arbeit feststeckte.

»Nachdem du mich blamiert hast, kannst du mir auch ein neues Bier holen.« Mit ihrem Halbstiefel kickte sie gegen meinen Oberschenkel.

»Oh, sind wir über die Ferien etwas sensibel geworden?«, neckte ich sie, ohne mich vom Fleck zu rühren.

»Los! Oder ich plaudere dein kleines Geheimnis im Campusradio aus.« Die Spitze ihres Schuhs bohrte sich zum wiederholten Mal in meine Jeans.

»Hat Elle sich verquatscht?«

»Was denkst du denn?« Tates Lächeln bekam etwas Diabolisches. »Wir teilen uns schließlich eine Wohnung. Außerdem könnte dieses Mädchen nicht mal dann ein Geheimnis für sich behalten, wenn ihr Leben davon abhinge.«

Ich schnaubte und schob ihre Beine beiseite, um aufzustehen. »Irgendwann werdet ihr es bereuen, mich damit erpresst zu haben. Meine Rache wird grausam sein.«

Anzüglich zog sie die Brauen in die Höhe. »Davon träume ich jede Nacht, Westbrook.«

Ich lachte nur. So war Tate. Sie schaffte es, wirklich alles auf Sex zu reduzieren. Sogar unsere Freundschaft. Tatsächlich waren wir mal miteinander im Bett gelandet. Im ersten Semester. Betrunken. Keiner von uns konnte sich noch an irgendwelche Details erinnern, aber der Morgen danach war mehr als seltsam gewesen. Nichts, was einer von uns je wiederholen wollte.

Kopfschüttelnd machte ich mich auf den Weg. Inzwischen war es deutlich voller geworden, und die Party hatte sich vom gemeinschaftlich genutzten Aufenthaltsraum auf die dazugehörigen Zimmer ausgedehnt. Wahrscheinlich sogar in den Flur. Ich holte mir ein kühles Bier aus dem Geheimvorrat in Trevors Zimmer und blieb im Türrahmen stehen, um mir einen Überblick zu verschaffen. Nein, solche Feiern waren eindeutig nicht mein Ding. Wenn es nach mir ging, blieb ich lieber in der Rolle des stillen Beobachters am Rande des Geschehens.

Irgendjemand hatte den Fernseher eingeschaltet, und ein paar Jungs saßen davor und verfolgten lautstark ein Footballspiel. Irgendwo müsste auch Mason sein, aber während mein Blick über die Anwesenden wanderte, wurde mir bewusst, dass nicht er es war, nach dem ich Ausschau hielt.

Ich entdeckte den hellblonden Haarschopf zwischen den Feiernden. Mein Blick glitt weiter, über den pinkfarbenen unteren Teil ihres Haars, die schmalen Schultern und das grüne Top, das die Hälfte ihres Rückens freiließ. Dazu trug sie eine verflucht enge Jeans und – natürlich – Chucks, diesmal in derselben Farbe wie ihr Oberteil. Emery Lance war tatsächlich gekommen. Wie von selbst wanderten meine Mundwinkel nach oben.

Ich hob die Dose an meine Lippen und trank einen Schluck, ohne sie aus den Augen zu lassen. Inzwischen hatte sie sich einen Weg zu den Getränken gebahnt und bückte sich danach.

»Wer ist die Kleine dort?« Wie aus dem Nichts tauchte Luke neben mir auf.

Unwillkürlich versteifte ich mich. »Emery Lance. Die neue Mitbewohnerin von Maze.«

»Ohne Scheiß?« Luke stieß einen leisen Pfiff aus. »Ich sollte Trevor rausschmeißen, vielleicht habe ich dann auch so viel Glück mit meinem nächsten Mitbewohner.«

»Davon wäre dein aktuelles Mädchen für die Nacht sicher nicht so begeistert«, kommentierte ich trocken.

»Leider wahr.« Er wandte sich mir zu. Nur wenn wir direkt nebeneinander standen wie jetzt, fiel auf, dass er einen halben Kopf größer war als ich. Früher hatte man uns immer für Brüder gehalten. Damals. Bevor diese Sache alles zerstört hatte. Genau die schien es auch zu sein, die Luke nun zögern ließ. »Was dagegen, wenn ich sie mir näher ansehe? Oder hast du schon Anspruch auf sie erhoben?«

In gewisser Weise hatte ich das tatsächlich, stellte ich überrascht fest. Aber das bedeutete nicht, dass ich es mir entgehen ließ, mit anzusehen, wie Emery unserem Sonnyboy hier einen Korb gab. Ganz besonders, wenn es genauso blutig enden würde wie bei Mason.

»Nur zu. Versuch dein Glück.«

Das dürfte interessant werden.

Emery

Selbst wenn ich nicht gewusst hätte, wo diese inoffizielle Party stattfinden sollte, hätte ich den Weg dorthin problemlos gefunden. Das Hämmern der Bässe ließ das Treppengeländer vibrieren, und als ich im fünften Stockwerk ankam, konnte ich auch das Lied identifizieren. I’m So Sorry von Imagine Dragons. Definitiv mein Musikgeschmack. Ich zupfte ein letztes Mal an meinem dunkelgrünen Neckholdertop herum und atmete tief durch.

Die Tür zur Wohnung war offen, und im Flur hatten sich bereits ein paar Leute versammelt. Sie standen in Grüppchen zusammen, redeten, lachten und nippten an Dosen oder Plastikbechern, die sicher nicht nur mit Limo und Wasser gefüllt waren. Ich war überrascht, dass die Wohnheimleitung das zuließ, andererseits wusste sie mit Sicherheit nichts von dem Alkohol, der hier fleißig an Unter-einundzwanzig-Jährige verteilt wurde. Nicht, dass ich mich daran stören würde.

An der Tür begrüßte mich ein Kerl mit braunem Lockenkopf, indem er mir einen dieser Plastikbecher in die Hand drückte. Ich roch nicht mal daran, sondern stellte ihn bei der nächstbesten Gelegenheit auf einem Tisch ab. Inzwischen standen dort so viele Becher, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis jemand Bierpong damit spielen würde.

Der Wohnbereich war etwa so groß wie bei uns, und es tummelten sich deutlich zu viele Menschen auf so engem Raum. Trotzdem entdeckte ich Mason am anderen Ende. Er stand neben einer jungen Frau mit leicht gelockten blonden Haaren. Sie sagte irgendetwas, das ihn zum Lachen brachte. Gleich darauf verzog er das Gesicht und fasste sich an seine Nase, die inzwischen einem von Moms Farbkästen ähnelte. Rot und blau und grün und lila. Ich biss mir auf die Unterlippe, um nicht zu grinsen. Reue? Schuldgefühle? Keine Spur. Der Kerl hatte es nicht anders verdient.

Das hier war nicht die erste Collegeparty, die ich besuchte, dafür die erste, auf der ich tatsächlich sein durfte. Es gab ein paar Regeln, die überall galten, egal, ob es sich um eine College- oder eine Highschoolparty handelte. Dort, wo sich die meisten Menschen tummelten, gab es entweder eine Schlägerei oder den meisten Alkohol. Ich fand letzteren in Form eines Dosenstapels neben dem Kühlschrank. Wenn Rob mich jetzt sehen könnte, würde er mir den Hals umdrehen. Allerdings war mein großer Bruder nicht da und ich darauf aus, den Rat unserer Mutter zu befolgen und Spaß zu haben.

Ich nahm mir eine Bierdose, öffnete sie und trank einen großen Schluck. Der bittere Geschmack legte sich auf meine Zunge, und ich verzog das Gesicht. Igitt. Es gab nichts Schlimmeres als billiges Bier – abgesehen von lauwarmem billigen Bier vielleicht. Trotzdem nahm ich einen weiteren Schluck. Vielleicht gewöhnte man sich daran, wenn man genug davon trank. Oder die Geschmacksnerven starben einfach ab.

»Hey.« Ein großer Kerl blieb vor mir stehen und musterte mich von oben bis unten. Breite Schultern, lange Beine, muskulöse Arme. Schweißbänder um beide Handgelenke. Eindeutig ein Sportler. Als er bei meinen Augen ankam, breitete sich ein Lächeln auf seinem attraktiven Gesicht mit dem Dreitagebart aus. »Ich kenne dich.«

Ich zog eine Braue in die Höhe. »Hast du mit dieser Masche wirklich Erfolg bei Frauen?«

Sein Lächeln weitete sich zu einem Grinsen aus. »Ständig. Aber ausnahmsweise meine ich es ernst. Ich habe dich schon mal irgendwo gesehen.«

»Bezweifle ich. Ich bin neu hier.«

»Ein Freshman also.« Ein Funkeln trat in seine blauen Augen. Schöne Augen, mit dunklen Brauen darüber und straßenköterblondem Haar, das mal wieder einen Schnitt vertragen konnte. Er runzelte die Stirn, als würde er nachdenken, und ich erkannte, dass der konzentrierte Blick, mit dem er mich studierte, keine Anmache war. Zumindest nicht nur. »Jetzt hab ich’s!«, rief er plötzlich. »University of Montana. Vor ein paar Monaten warst du auf der Siegesfeier des Leichtathletikteams.«

»Stimmt.« Ich blinzelte überrascht. »Ich habe meinen Bruder besucht. Was ist deine Ausrede?«

»Wieso Ausrede?« Er kam einen Schritt näher und stützte sich mit einer Hand locker an der Wand neben mir ab. Ich hatte nicht mal gemerkt, dass er mich so weit zurückgedrängt hatte. Clever. »Unsere Colleges sind bei der Leichtathletikmeisterschaft gegeneinander angetreten.«

»Sag bloß, du bist ein Läufer?«

»Hier nennen wir das Cross Country, aber ja, ich bin ein Läufer.« Er rückte etwas ab und hielt mir seine Hand hin. »Luke McAdams.«

»Emery Lance.« Ich schüttelte seine Hand und ließ sie gleich darauf wieder los.

»Lance …« Er zog die Silbe in die Länge, dann schnalzte er mit der Zunge. »Wie Robert Lance? Ich glaube, dein Bruder hat mich beim Achthundert-Meter-Rennen geschlagen.«

»Falsch.« Diesmal war ich diejenige, die grinste. »Er hat dir den Arsch aufgerissen.«

Statt beleidigt zu sein, lachte Luke laut auf und prostete mir mit seiner Bierdose zu. »Verdammt richtig.«

Ich trank einen Schluck von meinem eigenen Bier und ließ meinen Blick über die Feiernden wandern. Inzwischen war das Wohnzimmer völlig überfüllt. Vor lauter Köpfen erkannte ich keine Menschen mehr.

»Was verschlägt dich von Montana nach West Virginia?«

Da war sie. Die unausweichliche Frage. Ich hielt den Atem an und wappnete mich innerlich.

»Ärger daheim?« Lukes Blick war eine Spur nachdenklicher geworden. »Ein Stipendium? Ein mieser Exfreund?«

Ich gab mein Bestes, keine Regung zu zeigen, doch bei seinem letzten Vorschlag versteifte ich mich unwillkürlich. Die kleinen Fältchen um seine Augen vertieften sich.

»Verstehe …«, murmelte er, aber in Wirklichkeit verstand er überhaupt nichts. Und ich wollte auch nicht, dass er es versuchte. Ich hatte die Dinge, die zu Hause geschehen waren, hinter mir gelassen. Für immer.

»Luke!« Eine helle Stimme übertönte die Musik. Gleich darauf erschien eine junge Frau neben uns. Es war dieselbe, die ich vorhin bei Mason gesehen hatte. »Ich muss mir deine neue Freundin kurz ausleihen.«

Bevor ich überhaupt begriff, was geschah, schnappte sie sich mein Handgelenk und zog mich von Luke weg. Spielerisch winkte sie ihm zum Abschied zu, dann verschluckte uns die Menge und spuckte uns erst am anderen Ende des Zimmers wieder aus.

»Alles in Ordnung?«, fragte sie und ließ mich los.

Ich blinzelte überrascht. War das ihr Ernst? Das letzte Mal, dass mir jemand aus einer unangenehmen Situation herausgeholfen hatte, war … Es war so lange her, dass ich mich nicht mal mehr daran erinnern konnte. Und hier kam mir eine Fremde zur Hilfe? Einfach so? Warum?

»Ich hatte die Sache unter Kontrolle«, behauptete ich.

»Oh, ich weiß.« Sie lächelte gut gelaunt. »Ich konnte sehen, wie du dein Knie angewinkelt hast, um es ihm zwischen die Beine zu rammen. Nicht, dass er es nicht verdient hätte, aber ich kann trotzdem nicht zulassen, dass du meinen besten Freund kastrierst. Zumindest nicht vor seinem Abschluss.«

»Deinen besten Freund?«

Ich musterte die Frau von oben bis unten. Sie war nur ein paar Zentimeter kleiner als ich und hatte eine goldblonde Mähne wie aus einer Shampoowerbung. Dazu einen vollen Schmollmund und eine schmale Taille. Eindeutig hübsch. Ich hätte sie eher für Lukes oder Masons feste Freundin gehalten, statt nur die beste Freundin.

»Richtig. Ich bin Elle Winthrop«, stellte sie sich vor.

»Emery Lance.«

»Sekunde …« Sie betrachtete mich einen Moment lang, dann riss sie die Augen auf und gluckste ungläubig. »Du bist Masons neue Mitbewohnerin, oder? Die ihm …«

»… die Nase korrigiert hat, genau«, beendete ich ihren Satz und seufzte tief. »Fantastisch. Das Semester hat offiziell noch nicht mal begonnen, und ich habe schon meinen Ruf weg.«

»Das ist ein kleines College. Hier passiert das schnell«, erwiderte Elle amüsiert. »Hat er es denn verdient?«

Danke! Endlich fragte mich das mal jemand.

»Und ob!«

»Tja, in dem Fall: Gut gemacht, Schwester.« Elle grinste mich an und ließ dann ihren Blick durch den Raum schweifen, bis sie offenbar gefunden hatte, wonach sie suchte. »Oh, oh. Sieht so aus, als hätte Maze für heute noch nicht genug.«

Ich schaute in die Richtung, in die sie deutete, konnte meinen neuen Mitbewohner aber nirgendwo entdecken. Dafür kreuzte mein Blick den von jemand anderem. Dylan. Einen winzigen Moment lang sah ich nur ihn, wie er auf diesem Sofa saß, das Bier in der einen Hand, die andere auf der Rückenlehne. Ich wusste noch immer nicht, welche Farbe seine Augen hatten, aber in diesem Moment waren sie dunkel. Und … hitzig.

Ich biss mir auf die Unterlippe und zuckte zusammen, als Elle meinen Arm antippte. Ich riss meinen Blick von Dylan los und wandte mich ihr zu, nur um einen teils fragenden, teils belustigten Ausdruck in ihrem Gesicht zu sehen. Zum Glück erwähnte sie meinen kurzen Moment geistiger Umnachtung mit keinem Wort.

Möglichst unauffällig schaute ich zu Dylan zurück. Inzwischen saß er nicht mehr allein auf dem Sofa. Eine Brünette mit knallroten Strähnchen in den Haaren hatte sich zu ihm gesellt. Sie war dunkel gekleidet und rockte den Grunge-Look. Er sagte etwas, woraufhin sie ihm auf den Oberschenkel schlug und laut lachte. Seine Freundin? Falls ja, hätte er es noch mehr als Mason verdient, dass ihm jemand eine reinhaute. Denn wenn das wirklich seine Freundin war, warum sah er mich dann so an?

Bevor ich den Gedanken weiterverfolgen konnte, tauchte Mason in meinem Blickfeld auf. Die Party war noch nicht allzu lange im Gange, trotzdem schwankte er bei jedem Schritt gefährlich.

»Autsch.« Neben mir schüttelte Elle den Kopf. »Ich hoffe, er hat nicht irgendwo seine Ex gesehen, die dem nächstbesten Kerl ihre Zunge in den Hals steckt. Jenny hat ihn gar nicht verdient.« Im gleichen Atemzug verzog sie das Gesicht. »Das hast du nicht von mir, hörst du?«

Ein liebeskranker Mitbewohner? Das hatte mir gerade noch gefehlt. Ich wollte mich abwenden und ihn sein Ding machen lassen. Wir mussten uns schon ein Zimmer teilen, da mussten wir uns nicht auch noch auf Partys miteinander abgeben. Doch in diesem Moment geriet er ins Straucheln und fiel in Richtung Couchtisch. Vor meinem inneren Auge passierte das Unglück bereits, aber die Realität sah anders aus. Kurz bevor Masons Gesicht Bekanntschaft mit der Tischkante machen konnte, war Dylan aufgesprungen, packte ihn von hinten und zog ihn wieder auf die Beine. Ich schob mich an den Leuten vorbei und eilte zu den beiden.

»Was ist mit ihm?« Erst als ich die Worte hörte, wurde mir bewusst, dass ich sie laut ausgesprochen hatte. Ich musste Mason nicht mögen, um besorgt um ihn zu sein. Und vielleicht meldete sich doch noch mein schlechtes Gewissen. Seine Nase sah wirklich ziemlich übel aus.

»Er hat mich vorhin nach Schmerztabletten gefragt«, sagte Elle hinter mir. »Aber ich habe nicht damit gerechnet, dass er sie mit Bier runterspülen würde.« Inzwischen hatten sich einige Leute um uns versammelt, um das Schauspiel zu begaffen.

»Dieser Idiot.« Trotz seiner harschen Worte legte Dylan sich Masons Arm auf die Schultern und hievte ihn hoch, als er wieder in sich zusammenzusacken drohte.

Ich übernahm seine andere Seite und stützte ihn dort. Den überraschten Blick von Dylan ignorierte ich. »Ich schätze, die Party ist für ihn zu Ende.«

Er nickte grimmig und deutete Richtung Tür. Ich stellte keine Fragen, sondern half ihm dabei, meinen halb bewusstlosen Mitbewohner an den Partygästen vorbei und aus der Wohnung zu schleifen. Elle hatte recht gehabt. Einen neuen Ruf erhielt man schneller als gedacht. Und der von Mason hatte sich gerade deutlich verschlechtert.

Die hämmernden Bässe der Musik folgten uns bis zum Fahrstuhl. »Ich schaffe das schon«, behauptete ich und blies mir eine Haarsträhne aus der Stirn.

Dylan drückte auf den Fahrstuhlknopf, bevor er mich stirnrunzelnd von der Seite ansah. »Du willst ihn allein nach unten schleppen? Ernsthaft?«

Die Ungläubigkeit schwang so deutlich in seiner Stimme mit, dass ich unwillkürlich die Zähne zusammenbiss. »Ich weiß, wie man mit Betrunkenen umgeht.«

Danke, Brad. Danke für drei wundervolle Jahre, in denen ich mich um deinen betrunkenen Hintern kümmern durfte.

Ein Schatten huschte über Dylans Gesicht, aber nach einem kurzen Blinzeln war dieser seltsame Ausdruck wieder verschwunden. Hatte ich es mir nur eingebildet?

»Ich passe schon auf, dass er nicht draufgeht.«

»Keine Chance.« Ein Muskel zuckte in seinem Kiefer, aber statt Mason loszulassen, half Dylan mir dabei, ihn in den Aufzug zu zerren. »Ich helfe dir.«

Okay, nach den heutigen Ereignissen hätte ich mir an seiner Stelle auch nicht geglaubt, dass ich Mason sicher zurück in sein Zimmer brachte. Vielleicht hatte ich unter gewissen Umständen ein kleines Aggressionsproblem, was mein neuer Mitbewohner heute am eigenen Leib erfahren hatte. Aber das hieß nicht, dass ich eine Psychopathin war, die ihn gleich aus dem Fenster schubsen und seelenruhig dabei zuschauen würde, wie er fünf Stockwerke tief fiel.

Als sich die metallenen Türen hinter uns schlossen, hätte ich beinahe geseufzt. So viel zu meiner ersten Collegeparty.

Stille senkte sich auf uns, gleichzeitig wuchs aber auch die Spannung in der engen Kabine. Ich konnte Dylans Blick auf mir fühlen, erwiderte ihn aber nicht, sondern starrte auf die roten Zahlen der Anzeige, bis endlich die richtige erschien.

Die Aufzugtüren öffneten sich mit einem Pling, und wir setzten uns in Bewegung. Masons Füße scharrten über den Teppichboden im Flur. Er gab undeutliche Laute von sich, verhielt sich sonst aber ruhig. Wenigstens hatte ich keinen Mitbewohner erwischt, der aggressiv oder wehleidig wurde, wenn er betrunken war. Wie Brad.

Ich schob die Erinnerung beiseite, bevor sie Gestalt annehmen konnte. An der Tür zu unserer Wohnung angekommen, überließ ich es Dylan, seinen Kumpel aufrecht zu halten, während ich nach der Schlüsselkarte suchte. Sie musste doch hier irgendwo sein …

Ich klopfte all meine Taschen ab, während mich ein tiefes Summen dazu begleitete. Erstaunlich, dass Mason in seinem Zustand keinen richtigen Satz zustande brachte, aber die Töne traf. Für einen kurzen Moment blieb mein Blick am Tattoo auf seinem linken Arm hängen. Ein riesiger schwarzer Violinschlüssel, dazu Noten und Zeilen eines oder mehrerer Songs. So genau konnte ich das nicht erkennen.

»Beeil dich«, drängte Dylan. Seine Stirn war vor Anstrengung gerunzelt. »Wenn die Wohnheimleitung uns erwischt, kriegt nicht nur Maze Ärger.«

Wie aufs Stichwort begann Mason voller Inbrunst zu singen. Die Melodie stimmte, aber der Text war ein verwaschenes Genuschel. Er sang etwas über Liebe und Fehler und jaulte dabei laut genug, um Tote aufzuwecken.

»Hab sie!« Ich zog die Schlüsselkarte aus meiner hinteren Hosentasche und öffnete die Tür. Dann griff ich wieder um Masons Mitte und half Dylan dabei, ihn in die Wohnung zu schleifen.

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