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Der kuriose Fall des Spring Heeled Jack

Über den Autor

Mark Hodder erschuf und betreut die BLADIANA-Website (www.sextonblake.co.uk), die er Sexton Blake zu Ehren entworfen hat, um den Detektivcharakter wiederaufleben zu lassen, um den sich in der Geschichte des englischen Verlagswesens die meisten Veröffentlichungen ranken. Als ehemaliger BBC-Autor, Redakteur, Journalist und Web-Produzent ist Hodder in allen neuen und alten Medien zu Hause und verbrachte die meiste Zeit seines Arbeitslebens in London, bis er 2008 nach Valencia, Spanien auswanderte, um die Hektik hinter sich zu lassen und Romane zu schreiben. Am häufigsten trifft man ihn dort mit einem Laptop auf dem Schoß unter einer Palme an. Mark Hodder hat ein Studium der Kulturwissenschaften abgeschlossen und liebt britische Geschichte (vor allem die Zeit zwischen 1850 und 1950), gutes Essen, die neusten technischen Spielereien, Kultfernsehen (es lebe ITC!), Tom Waits und ein ganzes Sammelsurium verschiedenster Seltsamkeiten.

MARK HODDER

präsentiert
Burton & Swinburne in:

Der kuriose Fall des
SPRING HEELED
JACK

Sternchen

Aus dem Englischen
von Kristina Koblischke

BASTEI ENTERTAINMENT

Für meinen Vater

MICHAEL JOHN HODDER

Sternchen

Teil1.jpg

In dem ein Agent berufen und mehr als ein Rätsel untersucht wird

Ein bekannter Fehler ist besser als eine unbekannte Wahrheit.

ARABISCHES SPRICHWORT

Kap01.jpg

Das Nachspiel von Afrika

Alles, was dir das Leben in den Weg legt,

ist eine Gelegenheit.

Ganz gleich, wie schwierig.

Ganz gleich, wie verstörend.

Ganz gleich, wie undurchschaubar.

Ganz gleich, wie du es wertest.

Eine Gelegenheit.

LIBERTIN-PROPAGANDA

Bei Gott! Er hat sich umgebracht!«

Sir Richard Francis Burton taumelte zurück und ließ sich auf seinen Stuhl fallen. Die Nachricht, die Arthur Findlay ihm überreicht hatte, flatterte zu Boden. Die anderen Männer wandten sich ab, setzten sich, begutachteten ihre Fingernägel und zupften an ihren Hemdkragen; kurz: Sie taten alles, um den Blick auf ihren ergriffenen Kollegen zu vermeiden.

Von ihrem Platz auf der Schwelle zum Ankleideraum, verborgen durch die halb geschlossene Tür, konnte Isabel Arundell sehen, dass sich die sonst so dunklen und eindringlichen Augen ihres Geliebten vor Entsetzen geweitet hatten. Verwundbarkeit sprach aus ihnen. Seine Kieferknochen mahlten, als versuche er verzweifelt, etwas Unverdauliches zu zerkauen und hinunterzuschlucken. Sie sehnte sich danach, zu ihm zu eilen, um ihm Trost zu spenden und zu erfragen, welche Botschaft ihn so getroffen hatte; doch vor der kleinen Versammlung wäre ein solches Verhalten unschicklich gewesen und hätte Richard zudem in Verlegenheit gebracht. Im Vergleich zu den anderen verlor er nie den Boden unter den Füßen, ganz gleich wie düster die Lage war. Allein Isabel war sich seiner Empfindsamkeit bewusst; und niemals wollte sie Grund dafür sein, diese vor anderen zu entblößen.

Viele Leute – zumeist diejenigen, die ihn »Dick, den Schläger« nannten – betrachteten Burtons martialisch gutes Aussehen als Manifestation seiner inneren Stärke. Dass er an sich zweifelte, hätten sie sich niemals vorstellen können. Doch nun, da sie ihn so erschüttert sahen, kam ihnen vielleicht doch in den Sinn, dass er nicht ganz der Teufel war, der er zu sein schien, trotz des scharfen Oberlippen- und gespaltenen Kinnbartes.

Es war schwierig, an einer solch mächtigen Fassade vorbeizuschauen.

Das Komitee hatte sich gerade erst um den Tisch versammelt, doch nach einem kurzen Blick auf Burtons qualvollen Gesichtsausdruck traf Sir Roderick Murchinson, Präsident der Royal Geographical Society, eine Entscheidung.

»Wir wollen einen Moment unterbrechen«, murmelte er.

Burton stand auf und hob protestierend die Hand.

»Bitte, Gentlemen«, flüsterte er heiser, »setzen Sie die Versammlung fort. Die vorgesehene Diskussion wird zwar, das versteht sich von selbst, abgesagt werden müssen, doch wenn Sie mir eine halbe Stunde einräumen, könnte ich vielleicht meine Notizen durchgehen und einen kurzen Vortrag über das Indus-Tal vorbereiten, um das Publikum nicht zu enttäuschen.«

»Das ist außerordentlich entgegenkommend, Sir Richard«, erwiderte eines der Komiteemitglieder, Sir James Alexander. »Aber wahrhaftig, dies muss ein schrecklicher Schlag für Sie sein. Sollten Sie es vorziehen …«

»Gestatten Sie mir nur dreißig Minuten zur Vorbereitung. Die Leute haben schließlich Eintritt bezahlt.«

»Nun gut. Wir danken Ihnen.«

Burton wandte sich ab und ging unsicheren Schrittes zur Tür, trat hindurch, schloss sie hinter sich und stand vor Isabel. Er schwankte leicht.

Mit einer Körpergröße von einsneunundsiebzig bedauerte er persönlich den fehlenden Zentimeter, der ihn zum Einsachtzig-Mann gemacht hätte, doch auf andere wirkte er, seinen breiten Schultern, dem Umfang seiner Brust, der schlanken und doch muskulösen Gestalt sowie seinem überwältigendes Charisma zum Dank, wie ein Riese, selbst neben viel größeren Männern.

Das kurze schwarze Haar trug er nach hinten gekämmt. Seine Haut war dunkel und wettergegerbt, was seinen kantigen Gesichtszügen etwas Arabisches verlieh. Betont wurde dieser Eindruck noch durch die markanten Wangenknochen, die Haut darüber von Narben entstellt. Auf der linken Wange prangte eine kleinere, aber über die rechte zog sich eine lange, tiefe und gezackte Narbe, die sein unteres Augenlid leicht nach unten zog. Es waren die Ein- und Austrittswunden eines somalischen Speers, der ihm während einer verhängnisvollen Expedition nach Berbera, am Horn von Afrika, das Gesicht durchbohrt hatte.

Für Isabel waren diese Narben Zeugnis einer verwegenen und furchtlosen Seele. Burton war in jeder Hinsicht der Mann ihrer Träume. Er war eine wilde, leidenschaftliche und romantische Person, ganz im Gegensatz zu den biederen und gefühlskalten Männern, die sich auf dem gesellschaftlichen Parkett Londons tummelten. Ihre Eltern hielten ihn für unpassend, doch Isabel wusste, für sie konnte es keinen anderen geben.

Er fiel in ihre Arme.

»Was quält dich so, Dick?«, keuchte sie und hielt ihn an den Schultern fest. »Was ist geschehen?«

»John hat sich erschossen!«

»Nein!«, rief sie aus. »Er ist tot?«

Burton trat zurück und wischte sich mit einem Ärmel über die Augen. »Noch nicht. Aber die Kugel hat seinen Schädel durchschlagen. Isabel, ich muss einen Vortrag ausarbeiten. Kann ich auf dich vertrauen? Kannst du herausfinden, wohin man ihn gebracht hat? Ich muss ihn sehen. Ich muss meinen Frieden mit ihm machen, bevor …«

»Natürlich, Liebster. Natürlich! Ich werde mich sofort erkundigen. Aber musst du denn auftreten? Niemand würde es dir vorwerfen, wenn du deinen Vortrag zurückzögest.«

»Ich trete auf. Wir treffen uns später im Hotel.«

»Wie du wünschst.«

Sie küsste ihn auf die Wange und ließ ihn stehen, lief ein paar Schritte über den eleganten, mit Marmor gefliesten Flur und verschwand nach einem kurzen Blick zurück durch die Tür zum Auditorium. Als diese aufschwang und sich wieder schloss, vernahm Burton das ungeduldige Murren des Publikums. Es ertönten sogar einige Buhrufe. Sie hatten lange genug gewartet; sie wollten Blut, wollten ihn sehen, Burton, wie er den Mann demütigte und erniedrigte, den er einst für einen Bruder gehalten hatte: John Hanning Speke.

»Ich werde eine Durchsage machen«, murmelte eine Stimme hinter ihm. Er wandte sich um und sah, dass Murchison, der das Komitee verlassen hatte, neben ihm stand. Schweißperlen standen auf der Glatze des Präsidenten. Sein schmales Gesicht war blass und voller Sorge.

»Ist es … ist es meine Schuld, Sir Roderick?«, fragte Burton mit belegter Stimme.

Murchison runzelte die Stirn.

»Ist es Ihr Fehler, dass Sie Wert auf äußerste Exaktheit legen, während laut der Berechnungen, die John Speke der Society vorgelegt hat, der Nil über neunzig Meilen aufwärts fließt? Ist es Ihr Fehler, dass Sie ein gewandter und souveräner Redner sind, während Speke kaum zwei Worte aneinanderreihen kann? Ist es Ihr Fehler, dass Unruhestifter ihn manipuliert und gegen Sie aufgebracht haben? Nein, Richard, es ist nicht Ihre Schuld.«

Burton dachte einen Moment über die Worte des Mannes nach, dann sagte er: »So sprechen Sie von ihm, und doch haben Sie ihn unterstützt. Sie haben seine zweite Expedition finanziert und mir die meine verwehrt.«

»Weil er recht hatte. Trotz seiner schlampigen Messungen und seiner Mutmaßungen und Spekulationen hat das Komitee es als wahrscheinlich erachtet, dass der See, den er entdeckt hat, tatsächlich der Ursprung des Nils ist. Die einfache Wahrheit dieser Angelegenheit ist, Richard, dass er ihn gefunden hat, und Sie, tut mir leid, es zu sagen, nicht. Ich habe den Mann nie sehr gemocht, möge Gott sich seiner Seele erbarmen, doch das Schicksal hat ihm den Vorzug gegeben und nicht Ihnen.«

Murchison trat beiseite, als die Mitglieder des Komitees den Ankleideraum in Richtung des Vortagssaals verließen.

»Entschuldigen Sie, Richard. Ich muss gehen.«

Murchison schloss sich seinen Kollegen an.

»Warten Sie!«, rief Burton und eilte ihnen nach. »Ich sollte auch dabei sein.«

»Das brauchen Sie nicht.«

»Ich möchte es aber.«

»Also gut. Kommen Sie.«

Sie betraten das zum Bersten gefüllte Auditorium und bestiegen unter zynischen Jubelrufen des Publikums die Bühne. Colonel William Sykes, der die Veranstaltung ausrichtete, stand bereits am Podium und versuchte erfolglos, die größten Unruhestifter der aufgeregten Menge zu beruhigen. Es waren die vielen Journalisten – einschließlich des mysteriösen jungen Amerikaners Henry Morton Stanley –, welche die Absicht zu haben schienen, das Ereignis so berichtenswert wie möglich zu gestalten. Doktor Livingstone saß hinter Sykes, in seinem Gesicht spiegelte sich Ärger. Clement Markham, der ebenfalls auf der Bühne saß, kaute nervös an den Nägeln. Burton ließ sich auf den Stuhl neben ihm fallen, zog ein kleines Notizbuch und einen Bleistift hervor und begann zu schreiben.

Sir James Alexander, Arthur Findlay und die anderen Geografen nahmen ihre Plätze auf der Bühne ein.

Die Menge schrie und johlte.

»Wird auch Zeit! Habt ihr euch verlaufen?«, rief jemand voll Häme. Grölende Zustimmung folgte dem Spott.

Murchison flüsterte dem Colonel etwas zu. Sykes nickte und zog sich zurück, um sich den anderen anzuschließen.

Der Präsident trat vor, klopfte mit den Knöcheln auf die hölzerne Ablage des Rednerpults und blickte mit versteinerter Miene in die erwartungsvollen Gesichter. Das Publikum beruhigte sich langsam, bis es, abgesehen von gelegentlichem Husten, verstummte.

Sir Roderick Murchison sprach: »Die Geschehnisse haben sich verzögert, und dafür muss ich mich entschuldigen – doch wenn ich Ihnen den Grund nenne, werden Sie mir verzeihen. Wir, das Komitee, sind zutiefst erschüttert über ein entsetzliches Unglück, das …«

Er hielt inne, nahm sich nach einem kurzen Räuspern aber wieder zusammen.

»… das Captain Speke widerfahren ist. Ein Unglück, das er, es schmerzt mich zu berichten, gewiss mit dem Leben bezahlen wird.«

Rufe der Bestürzung und des Entsetzens wurden laut.

Murchison breitete die Hände aus und rief: »Bitte! Bitte!«

Langsam erstarb der Lärm.

»Wir verfügen zur jetzigen Zeit nur über wenige Informationen«, fuhr er fort, »bis auf einen Brief von Lieutenant Spekes Bruder, der unlängst von einem Boten überbracht wurde. Danach hat sich der Lieutenant gestern Nachmittag einer Jagdgesellschaft auf dem Anwesen der Fullers bei Neston Park angeschlossen. Um sechzehn Uhr, als er gerade dabei war, eine Mauer zu überwinden, löste sich ein Schuss aus seinem Gewehr und verletzte ihn schwer am Kopf.«

»Hat er sich selbst erschossen, Sir?«, rief eine Stimme aus dem hinteren Teil des Saales.

»Sie meinen absichtlich? Darauf deutet nichts hin!«

»Captain Burton«, rief ein anderer. »Haben Sie abgedrückt?«

»Wie können Sie es wagen, Sir!«, donnerte Murchison. »Das ist vollkommen unvertretbar! So etwas werde ich nicht tolerieren!«

Wie ein nicht enden wollender Kugelhagel schossen die Fragen aus der Menge, eine ganze Reihe von ihnen an Burton gerichtet.

Der berühmte Entdecker riss eine Seite aus seinem Notizbuch, reichte sie Clement Markham, beugte sich zu ihm hinüber und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Markham warf einen schnellen Blick auf das Papier, erhob sich, trat an Murchisons Seite und sprach ihn mit verhaltener Stimme an.

Murchison nickte.

»Meine Damen und Herren«, verkündete er. »Sie sind in die Bath Assembly Rooms gekommen, um einer Diskussion zwischen Captain Sir Richard Burton und Lieutenant John Speke über die Frage nach dem Ursprung des Nils beizuwohnen. Ich verstehe natürlich, dass Sie Sir Richards Stellungnahme auf diesen schrecklichen Unfall hören wollen, der seinen Kollegen ereilte, doch wie Sie sicher vermuten können, ist dieser tief getroffen und sieht sich derzeit außerstande zu sprechen. Er hat jedoch eine kurze Stellungnahme verfasst, die Mr Clement Markham nun verlesen wird.«

Murchinson entfernte sich vom Rednerpult, und Markham nahm seinen Platz ein.

Mit ruhiger, fester Stimme verlas er Burtons Notiz: »Der Mann, den ich einst Bruder nannte, liegt heute schwer verwundet danieder. Die Meinungsverschiedenheiten, die bekanntermaßen seit seiner Rückkehr aus Afrika zwischen uns bestanden, machen es mir umso mehr zur Pflicht, mein aufrichtiges Gefühl der Bewunderung für seine Person und sein Unterfangen sowie meine tiefe Bestürzung darüber, dass ihn dieses Schicksal ereilt hat, öffentlich auszudrücken. Welchem Glauben Sie auch immer anhängen mögen, ich bitte Sie, für ihn zu beten.«

Markham kehrte zu seinem Stuhl zurück.

Im Auditorium herrschte vollkommene Stille.

»Wir werden die Veranstaltung nun dreißig Minuten unterbrechen«, erklärte Murchinson, »dann wird Sir Richard eine von ihm verfasste Abhandlung über das Indus-Tal verlesen. Dürfte ich Sie in der Zwischenzeit respektvoll um Geduld bitten, während wir das Nachmittagsprogramm neu ausrichten? Vielen Dank.«

Er führte die kleine Gruppe aus Entdeckern und Geografen aus dem Auditorium, und nach einigen hastig vorgebrachten gedämpften Worten mit Burton entfernten sie sich wieder in Richtung des Ankleideraums.

Mit gelähmtem Geist und übervollem Herzen wandte sich Sir Richard Francis Burton in die entgegengesetzte Richtung, bis er einen der Lesesäle erreichte. Glücklicherweise war er unbesetzt. Er trat ein, schloss die Tür und lehnte sich dagegen. Dann fing er an zu weinen.

Sternchen

»Es tut mir leid. Ich kann nicht fortfahren.«

Es war das leiseste Flüstern. Er hatte fünfundzwanzig Minuten gesprochen, kaum gewusst, was er sagte, mit matter, zitternder Stimme mechanisch aus seinen Tagebüchern vorgelesen. Seine Worte waren immer langsamer geworden und schließlich ganz verstummt.

Als er aufblickte, sah er, dass Hunderte Augenpaare auf ihn gerichtet waren. Mitleid sprach aus ihnen.

Er holte tief Luft.

»Es tut mir leid«, sagte er lauter. »Es wird heute keine Diskussion geben.«

Er wandte dem Publikum den Rücken zu und verließ die Bühne, verschloss die Ohren vor den Fragerufen und dem höflichen Applaus, drängte sich an Findlay und Livingstone vorbei und rannte beinahe in die Empfangshalle. Er bat das Garderobenfräulein um Mantel, Zylinder und Stock und eilte, nachdem er alles entgegengenommen hatte, durch die Eingangstür hinaus und die Stufen zur Straße hinunter.

Mittag war gerade erst vorüber. Dunkle Wolken zogen über den Himmel, die kürzliche Schönwetterperiode war vorüber, die Temperatur fiel.

Er winkte ein Hansom heran.

»Wohin, Sir?«, fragte der Fahrer.

»Das Royal Hotel.«

»Wie Sie wünschen. Steigen Sie ein.«

Burton bestieg das Abteil und ließ sich auf dem hölzernen Sitz nieder. Auf dem Fußboden lagen überall Zigarrenstummel. Er fühlte sich benommen und nahm nichts von seiner Umgebung wahr, während das Gefährt rumpelnd über die Pflastersteine fuhr.

Er versuchte, Bilder von Speke heraufzubeschwören, dem Speke der Vergangenheit, als der junge Lieutenant noch ein geschätzter Gefährte gewesen war, kein erbitterter Feind. Doch seine Erinnerung verweigerte ihm den Dienst und nahm ihn stattdessen mit zu dem Ereignis, mit dem die Fehde der Männer ihren Ursprung genommen hatte: der Überfall in Berbera sechs Jahre zuvor.

Sternchen

Berbera, am östlichsten Zipfel Afrikas, 19. April 1855. Seit einigen Tagen erhellten Gewitter flackernd den Horizont. Die Luft war schwer und feucht.

Lieutenant Burtons Reisegesellschaft hatte ihr Lager auf einer felsigen Anhöhe aufgeschlagen, etwa eine dreiviertel Meile außerhalb der Stadt, nahe dem Strand. Lieutenant Stroyans Zelt lag knapp zwölf Meter rechts des Rowties, das Burton mit Lieutenant Herne teilte. Das von Lieutenant Speke lag etwa gleich weit entfernt zur Linken, durch die Expeditionsvorräte und die Ausrüstung, die man unter einer Zeltplane in Sicherheit gebracht hatte, von den anderen getrennt.

In der Nähe standen sechsundfünfzig Kamele, fünf angebundene Pferde und zwei Maultiere. Neben den vier Engländern waren noch achtunddreißig weitere Männer vor Ort, Abbane, Wachen, Diener und Kameltreiber, allesamt bewaffnet.

Aufgrund der bevorstehenden Regenzeit war der Ort seit der vergangenen Woche wie leer gefegt. Eine arabische Karawane hatte in Berbera ausgeharrt, doch nachdem Burton sich geweigert hatte, ihnen eine Eskorte aus der Stadt hinaus anzubieten – er zog es vor, stattdessen auf ein Vorratsschiff aus Aden zu warten, dessen Ankunft erwartet wurde – war sie schließlich alleine aufgebrochen.

Jetzt lag Stille über Berbera.

Die Expeditionsteilnehmer hatten sich für die Nacht zurückgezogen. Burton hatte drei zusätzliche Wachen aufgestellt, denn die somalischen Stämme aus dem Küstengebiet drohten bereits seit einigen Tagen mit einem Angriff. Sie glaubten, die Briten seien entweder hier, um den lukrativen Sklavenhandel zu unterbinden oder Anspruch auf den kleinen Handelsposten zu erheben.

Um halb drei Uhr morgens wurde Burton von Rufen und Schüssen aus dem Schlaf gerissen.

Er schlug die Augen auf und starrte an die Decke seines Zeltes. Orangefarbene Blitze zuckten über den Stoff.

Er setzte sich auf.

El Balyuz, der vorstehende Abban, stürzte herein.

»Sie greifen an!«, rief der Mann, und ein Ausdruck des Erstaunens huschte über sein dunkles Gesicht, als könne er den eigenen Worten nicht glauben. »Eure Waffe, Effendi!«

Er reichte Burton einen Revolver.

Der Entdecker schob die Decken zurück und stand auf, legte die Pistole auf den Kartentisch und schlüpfte in seine Hose. Dann schob er sich die Hosenträger über die Schultern und griff nach der Waffe.

»Schon wieder dieses verdammte Theater!« Er grinste hinüber zu Herne, der ebenfalls aufgewacht war, sich hastig angezogen und nach seinem Colt gegriffen hatte. »Ist alles nur Getue, aber wir sollten sie nicht zu übermütig werden lassen. Verlassen Sie das Zelt hinten raus, abseits des Lagerfeuers, und sehen Sie nach, wie viele es sind. Schießen Sie ihnen ein paar Kugeln über die Köpfe, wenn es nötig ist. Die hauen bald wieder ab.«

»Recht haben Sie«, knurrte Herne und schob sich durch die Zeltbahnen am hinteren Ende des Rowties.

Burton überprüfte seine Waffe und erstarrte.

»Um Himmels willen, Balyuz, warum haben Sie mir eine ungeladene Pistole gegeben? Holen Sie meinen Säbel!«

Er schob sich den Colt in den Hosenbund und riss dem Araber die Klinge aus der Hand.

»Speke!«, brüllte er. »Stroyan!«

Fast unmittelbar darauf wurde die Plane vor dem Zelteingang beiseitegeschoben, und Speke stolperte herein. Er war ein großer, dünner, blasser Mann mit wässrigen Augen, hellem braunen Haar und einem langen, buschigen Bart. Gewöhnlich trug er einen milden und leicht befangenen Ausdruck zur Schau, aber in diesem Moment war sein Blick wild.

»Die haben mir das Zelt über dem Kopf zerlegt! Ich wäre beinah erschlagen worden! Kommt es zur Schießerei?«

»Ich denke wohl«, sagte Burton, der langsam erkannte, dass die Lage vielleicht doch ernster war, als er anfangs gedacht hatte. »Machen Sie schnell und bewaffnen Sie sich, wir müssen das Lager verteidigen!«

Sie warteten einen Augenblick, überprüften ihre Ausrüstung und lauschten dem Treiben der Männer draußen.

Hinter ihnen ertönte eine Stimme: »Da ist eine ganze Meute dieser armseligen Kerle, und unsere verdammten Wachen haben die Beine in die Hände genommen!« Es war Herne, der von seinem Erkundungsgang zurückkam. »Ich habe ein paar Mal aufs Geratewohl in die Horde hineingeschossen, aber dann habe ich mich in den Zeltschnüren verfangen. Ein fetter Somali ist mit einer verdammten Riesenkeule auf mich losgegangen. Ich hab dem Bastard eine Kugel verpasst. Stroyan ist entweder bewusstlos oder erledigt, ich bin nicht an ihn herangekommen.«

Etwas schlug gegen eine Seite des Zeltes. Dann noch einmal. Plötzlich ließ eine Lawine von Schlägen die Zeltwand erschüttern, während sich ringsum Kriegsgeschrei erhob. Die Angreifer schwärmten heran wie Hornissen. Speere wurden durch die Zeltöffnung geschleudert. Dolche rissen den Stoff auf.

»Bismillah!«, fluchte Burton. »Wir werden uns zu den Vorräten durchkämpfen und uns mehr Schusswaffen besorgen müssen! Herne, an der hinteren Zeltstange sind Speere festgebunden, holen Sie sie!«

»Jawohl, Sir!«, erwiderte Herne und lief wieder in den hinteren Teil des Rowties. Beinahe auf der Stelle kam er zurück und rief: »Sie brechen durch die Zeltwand!«

Burton fluchte lautstark.

»Wenn dieses verfluchte Ding zusammenbricht, sind wir ihnen ausgeliefert. Raus! Kommen Sie schon! Jetzt!«

Er stürzte durch die Öffnung an der Vorderseite des Rowties und in die Nacht hinaus.

Etwa zwanzig Eingeborene standen ihm gegenüber. Weitere rannten im Lager umher, verjagten die Kamele und plünderten die Vorräte. Mit einem Schrei sprang Burton nach vorn und ging mit dem Säbel auf die Angreifer los.

War das Lieutenant Stroyan, der dort drüben im Schatten lag? Es war schwer zu sagen. Burton schlug sich mit dem Säbel einen Weg zu der bäuchlings daliegenden Gestalt und verzog das Gesicht, als Knüppel und Speerschäfte auf ihn einprasselten, ihm Prellungen zufügten und ins Fleisch schnitten, bis er blutete.

Er warf einen kurzen Blick zurück, um zu sehen, wie es den anderen erging, und sah wie Speke mit offenem Mund und panischem Blick zurück in den Zelteingang trat.

»Nicht zurück!«, brüllte Burton. »Sonst glauben die, wir geben auf!«

Speke sah ihn mit einem Ausdruck blanker Bestürzung an, und genau hier, inmitten des Kampfes, endete ihre Freundschaft, denn John Hanning Speke wusste, dass man ihn als Feigling enttarnt hatte.

Ein Knüppel traf Burton an der Schulter, und er riss den Blick von seinem englischen Freund los, während er herumfuhr und mit der Klinge nach dem Gegner schlug. Er wurde hin und her geworfen. Ein Paar Hände stießen ihm immer wieder in den Rücken, er wirbelte verärgert herum und hob den Säbel, nur um im allerletzten Augenblick El Balyuz zu erkennen.

Sein Arm hielt mitten in der Bewegung inne.

In seinem Kopf explodierte der Schmerz.

Etwas Schweres zog ihn zur Seite, und er brach auf dem steinigen Boden zusammen.

Benommen hob er eine Hand. Ein mit Widerhaken versehener Speer hatte sein Gesicht durchbohrt, indem er durch die linke Wange eingedrungen und durch die rechte wieder ausgetreten war. Dabei hatte er ein paar Backenzähne ausgeschlagen, seine Zunge aufgeschlitzt und seinen Gaumen zertrümmert.

Er kämpfte mit aller Macht dagegen an, das Bewusstsein zu verlieren.

Jemand begann, ihn aus dem Schlachtgetümmel herauszuziehen.

Dann fiel er in Ohnmacht.

Speke, den die Enthüllung seines beschämenden Charakterfehlers in Wut versetzt hatte, warf sich vom Eingang des Rowties in den Kampf, hob seinen Dean and Adams Revolver, setzte dem Mann, der Burton niedergestreckt hatte, den Lauf auf die Brust und drückte ab.

Die Waffe blockierte.

»Verflucht!«, schrie Speke.

Der Eingeborene, ein mächtiger Krieger, blickte auf ihn herab, lächelte und traf ihn mit einem harten Faustschlag über dem Herzen.

Speke ging keuchend in die Knie.

Der Somali beugte sich zu ihm herunter, zerrte ihn an den Haaren nach hinten und packte ihm mit der anderen Hand grob in den Schritt. Einen Moment lang erlag der Engländer der entsetzlichen Überzeugung, der Angreifer wolle ihn entmannen. Doch der Stammeskrieger suchte nur nach Dolchen, die Speke nach arabischer Tradition unter seiner Kleidung versteckt hatte.

Speke wurde auf den Rücken geworfen und an Händen und Füßen gefesselt, die Stricke grausam festgezurrt. Mit einem Ruck wurde er hochgezogen und aus dem Lager geschleift, das die Eingeborenen jetzt plünderten und niederrissen.

Lieutenant Burton kam wieder zu sich und erkannte, dass er von El Balyuz in Richtung Strand gezogen wurde. Er kam so weit zu sich, um seinen Retter aufzuhalten und ihm mit wilden Gesten und ein paar in den Sand gemalten Schriftzeichen zu befehlen, das kleine Boot zu holen, das die Expeditionsteilnehmer im Hafen vertäut hatten, und es zur Mündung eines nahe gelegenen Flusses zu bringen.

El Balyuz nickte und rannte davon.

Burton lag auf dem Rücken und starrte zur Milchstraße hinauf.

›Ich will leben!‹, dachte er.

Etwa eine Minute verging. Er hob eine Hand ans Gesicht und berührte die mit Widerhaken versehene Spitze des Speers. Die einzige Möglichkeit, ihn zu entfernen, war, den Schaft in seiner gesamten Länge durch den Mund und seine Wangen zu schieben. Er packte fest zu, zog und sank erneut in die bodenlose Schwärze der Bewusstlosigkeit.

Sternchen

Zur selben Zeit an einem anderen Ort wurde Speke von seinen Entführern verhöhnt und bespuckt. Mit ihren Säbeln zerschnitten sie die Luft dicht vor seinem Gesicht. Er stand aufrecht und ertrug es, den Blick abgewandt, die Zähne zusammengebissen, in Erwartung des nahenden Todes, und er fragte sich, was Richard Burton über ihn sagen würde, wenn er den Vorfall am Ende dieser langen Nacht berichten würde.

Nicht zurück! Sonst glauben die, wir geben auf!

Der Vorwurf hatte ihn schmerzlich getroffen, und wenn Burton die Sache zu Protokoll gab, wäre Speke auf immer als Feigling gebrandmarkt. Verdammt sei dieser eingebildete Lump!

Einer seiner Entführer rammte ihm fast beiläufig einen Speer in die Seite. Der Lieutenant schrie vor Schmerz auf, dann fiel er nach hinten, als die Spitze ihn erneut traf, diesmal in die Schulter.

›Das ist das Ende‹, sagte er sich.

Er kämpfte sich wieder auf die Beine und lenkte den Speer, als er auf sein Herz zufuhr, mit beiden Händen um. Die Spitze riss das Fleisch über seinen Fingerknöcheln bis auf den Knochen auf.

Der Somali trat zurück.

Speke richtete sich auf und sah ihn an.

»Zur Hölle mit dir«, sagte er. »Ich werde nicht als Feigling sterben!«

Mit einem gewaltigen Satz sprang der Krieger nach vorne und rammte den Speer in Spekes linken Oberschenkel. Der Entdecker fühlte die Metallspitze über den Knochen kratzen.

»Scheiße!« Der Schock ließ ihn husten, aus Reflex umfasste er den Speerschaft. Er und der Afrikaner kämpften darum; der eine versuchte, ihn zu bekommen, der andere, ihn zu behalten. Der Somali ließ plötzlich den Schaft los und zog ein Schlagholz aus dem Gürtel. Er zielte auf Spekes rechten Arm und ließ die Waffe auf sein Opfer niedersausen. Mit einem entsetzlichen Knacken schlug das Schlagholz auf. Speke ließ den Speer los und sackte keuchend vor Schmerz auf die Knie.

Sein Angreifer ging davon, dreht sich wieder um, rannte auf ihn zu und trieb den Speer der Länge nach durch den rechten Oberschenkel des Engländers und in den Boden darunter.

Speke schrie wie von Sinnen.

Der Instinkt übernahm die Kontrolle.

Sein Bewusstsein schien auf seltsame Art und Weise vom Körper getrennt, als er seinen Händen zusah, wie sie die Waffe packten, sie aus dem Boden und aus seinem Schenkel herauszogen und auf die Erde fallen ließen. Dann warf er sich seinem Angreifer entgegen, die gefesselten Hände fuhren nach oben und trafen den Mann hart ins Gesicht.

Der Krieger wankte, eine Hand vor sein Gesicht haltend, während das Blut aus seiner Nase schoss.

Halb laufend, halb springend taumelte Speke davon, wobei sich sein losgelöster Geist fragte, wie er mit solch entsetzlichen Wunden noch aufrecht stehen konnte.

›Wo ist der Schmerz?‹, grübelte er ohne zu merken, dass sein Körper vor Schmerzen in Flammen stand.

Er humpelte barfuß über scharfkantige Felsen, einen Abhang hinunter und auf den steinigen Strand zu. Dann begann er zu rennen. Die Fetzen von Kleidung, die er noch am Leibe trug, wirbelten in der Luft um ihn herum.

Der Somali hob den Speer auf und setzte ihm nach, schleuderte die Waffe, verfehlte sein Opfer und gab auf.

Andere Stammeskrieger stürzten sich auf den Engländer, doch Speke wich ihnen aus und lief weiter. Er hängte seine Verfolger ab, und als er sah, dass sie die Jagd aufgegeben hatten, ließ er sich auf einen Felsen fallen und zerbiss den Strick, der um seine Hände gebunden war.

Schock und Blutverlust hatten ihn geschwächt, doch er wusste, dass er seine Gefährten finden musste, also lief er weiter, bis er im Morgengrauen Berbera erreichte. Hier entdeckte ihn ein Suchtrupp unter der Führung von Lieutenant Herne, und die Männer trugen ihn zum Boot an der Mündung des schmalen Flusses. Er war drei Meilen gerannt, und elf Wunden klafften in seinem Fleisch, einschließlich der zwei, welche die Muskeln seiner Oberschenkel durchbohrt hatten.

Sie legten ihn auf eine Bank, und er hob den Kopf und sah den Mann an, der ihm gegenüber saß. Es war Burton, das Gesicht bandagiert; Blut befleckte das Leinen über seinen Wangen.

Ihre Blicke trafen sich.

»Ich bin kein verdammter Feigling«, flüsterte Speke.

Sternchen

Der Kampf hätte sie zu Brüdern machen sollen. Sie taten beide, als wäre es so – und weniger als zwei Jahre darauf begaben sie sich gemeinsam auf eine der größten Expeditionen der britischen Geschichte, ein gefahrvoller Marsch nach Zentralafrika, um nach der Quelle des Nils zu suchen.

Seite an Seite durchstanden sie äußerste Bedingungen, während sie in ein Gebiet vordrangen, das kein weißer Mann je erblickt hatte, und oft genug wandelten sie dabei gefährlich nah an der Grenze zum Reich der Toten. Eine Infektion ließ Burton vorübergehend erblinden und machte ihn bewegungsunfähig. Speke wurde auf einem Ohr dauerhaft taub, nachdem er versucht hatte, ein Insekt mit dem Taschenmesser daraus hervorzuholen. Sie litten beide an Malaria, Ruhr und entstellenden Geschwüren.

Doch sie zogen weiter.

Und Spekes Abneigung schwelte.

Er hatte eine eigene Version des Vorfalls in Berbera konstruiert, begründet auf dem wichtigsten Teil der Ereignisse, nämlich der Tatsache, dass ein geworfener Stein gegen seine Kniescheibe geprallt war, was ihn dazu veranlasst hatte, zurück in den Eingang des Rowties zu treten. Burton hatte sich in eben jenem Moment umgedreht, gesehen, wie der Stein von Spekes Knie abprallte und den Schritt nach hinten als die Reaktion erkannt, die sie in Wahrheit gewesen war. Nicht einen Augenblick lang hatte er - das jedenfalls sagte sich Speke immer wieder - am Mut seines Gefährten gezweifelt.

Speke wusste, dass Burton den Stein gesehen haben musste, und trotz leise aufkeimender Zweifel entschloss er sich, die Angelegenheit zu vergessen. Geschichte, so stellte er fest, war das, was man hinterher daraus machte.

Sie erreichten die Großen Seen.

Burton erkundete ein ausgedehntes Gewässer, das die einheimischen Stämme »Tanganyika« nannten und welches südlich der Berge des Mondes lag. Anhand seiner geografischen Studien hatte er errechnet, dass dies der Ursprung des Nils sein könnte, auch wenn er selbst zu krank war, um das nördlichste Ufer zu bereisen, von dem aus der große Fluss seinen Lauf nehmen sollte.

Speke ließ seinen »Bruder« im Fieberwahn zurück, zog nach Nordosten und stieß auf die Ufer eines gewaltigen Sees, den er hochmütig nach dem britischen Monarchen benannte, auch wenn die Stämme, die an seinen Ufern lebten, bereits einen Namen für ihn hatten: »Nyanza«.

Er versuchte, das Gewässer zu umkreisen, verlor den See aus dem Blick, fand ihn weiter nördlich wieder – oder war es das Ufer eines zweiten Sees? –, nahm stümperhafte, unzulängliche Messungen vor und kehrte mit der Behauptung zu Burton, dem Leiter der Expedition, zurück, er habe allein und ohne den Hauch eines Zweifels den wahren Ursprung des großen Stroms gefunden.

Sie erlangten wieder ein Mindestmaß an Gesundheit und nahmen den langen Fußmarsch zurück nach Sansibar auf sich, wo Burton einem Anfall von Verzweiflung erlag, da er sich die Schuld an dem, gemessen an seinen hohen Ansprüchen, wenig eindeutigen Beweismaterial gab.

John Speke, weniger wissenschaftlich, weniger pflichtbewusst, weniger diszipliniert, segelte vor Burton nach England zurück und geriet auf der Reise unter den Einfluss eines Mannes namens Laurence Oliphant, ein elender Poseur und Wichtigtuer, der sich einen weißen Panther als Haustier hielt. Oliphant nährte Spekes Groll gegen Burton, verwandelte ihn in Boshaftigkeit und verführte ihn dazu, die Entdeckung für sich zu beanspruchen. Ganz gleich, ob es die Expedition eines anderen Mannes gewesen war, Speke hatte das größte geografische Rätsel des gesamten Zeitalters gelöst!

John Spekes letzte Worte zu Burton hatten gelautet: »Auf Wiedersehen, alter Freund. Du kannst dir ganz sicher sein, dass ich die Royal Geographical Society nicht aufsuchen werde, bis du wieder vornean stehst und wir gemeinsam auftreten können. Darüber mach dir keinerlei Gedanken.«

An dem Tag, an dem Speke in England vom Schiff ging, suchte er unverzüglich die Royal Geographical Society auf und erklärte Sir Roderick Murchison, die Nilfrage sei gelöst.

Die Gesellschaft spaltete sich. Einige der Mitglieder unterstützten Burton, andere standen zu Speke. Unruhestifter griffen ein, um sicherzustellen, dass was eine wissenschaftliche Debatte hätte sein sollen, schnell zu einer persönlichen Fehde ausartete, auch wenn sich Burton, der in Aden gerade wieder zu vollständiger Gesundheit kam, dessen kaum bewusst war.

Weil er leicht beeinflussbar war, wurde Speke übermütig. Er begann, Kritik an Burtons Charakter zu üben - ein gefährlicher Schritt für einen Mann, der glaubte, dass sein Gegenspieler Zeuge seiner Feigheit geworden war.

Burton erreichte die Nachricht, man wolle ihm die Ritterwürde verleihen und er solle sofort nach England zurückkehren. Er tat es und trat an Land, um sich inmitten eines Mahlstroms wiederzufinden. Selbst als der persönliche Repräsentant des Monarchen mit dem Schwert seine Schultern berührte und ihn Sir Richard Francis Burton taufte, waren die Gedanken des berühmten Entdeckers bei John Speke, und er fragte sich, warum ihn der Mann derart anging.

Während der nächsten Wochen verteidigte sich Burton, widerstand aber der Versuchung, zum Gegenschlag auszuholen. Das Leben ist launisch, dachte er, und nicht immer gewinnt der rechte Mann.

Lieutenant Speke, das wurde langsam offensichtlich, hatte einen Zufallstreffer gelandet: Der Nyanza-See war wahrscheinlich der Ursprung des Nils.

Murchison wusste, schließlich hatte Burton auch schon früher darauf hingewiesen, dass Spekes Studien und Berechnungen voller Fehler waren. Tatsächlich waren sie sogar regelrecht amateurhaft und in keinster Weise als wissenschaftlicher Beweis zulässig. Nichtsdestotrotz verbarg sich in ihnen unter Umständen das winzige Körnchen einer möglichen Wahrheit. Und dieses Körnchen genügte der Society, um eine zweite Expedition zu finanzieren.

John Speke kehrte nach Afrika zurück, diesmal mit einem jungen loyalen und meinungsfreien Soldaten namens James Grant. Er erkundete den Nyanza, schaffte es allerdings nicht, ihn zu umsegeln, fand deswegen nicht den Austrittspunkt des Nils, stellte ungenaue Messungen an und kehrte mit einer weiteren Liste bloßer Vermutungen zurück, die Burton mit eisiger Effizienz Stück für Stück auseinandernahm.

Eine Konfrontation der beiden Männer von Angesicht zu Angesicht schien unvermeidlich.

Sie wurde freudig arrangiert von Oliphant, der sich mittlerweile auf mysteriöse Art und Weise aus dem Licht der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte – den Gerüchten zufolge in eine Opiumhöhle –, um einem unsichtbaren Puppenspieler gleich die Fäden zu ziehen.

Er etablierte die Bath Assembly Rooms als Veranstaltungsort und setzte den 16. September 1861 als Datum fest. Um Burton zur Teilnahme zu ermuntern, machte er öffentlich bekannt, Speke hätte gesagt: »Wenn Burton sich traut, in Bath auf der Rednertribüne aufzutauchen, haue ich ihm eine rein!«

Und Burton war darauf hereingefallen. »Jetzt reicht’s! Bei Gott, dann soll er mir doch eine reinhauen!«

Sternchen

Das Hansom fuhr vor dem Royal Hotel vor und Burtons Geist kehrte wieder zurück in die Gegenwart. Als er das Taxi verließ, stand ein Gedanke an oberster Stelle: Eines Tages würde Laurence Oliphant dafür bezahlen.

Er betrat das Hotel. Der Empfangschef gab ihm ein Zeichen; eine Nachricht von Isabel erwartete ihn.

Er griff nach der Mitteilung und las:

Man hat John nach London gebracht. Bin auf dem Weg zu den Fullers, um herauszufinden, wohin genau.

Burton biss die Zähne zusammen. Diese törichte Frau! Dachte sie, Spekes Familie würde sie willkommen heißen? Glaubte sie wirklich, sie würden ihr auch nur irgendetwas über seinen Zustand oder Aufenthaltsort verraten? So sehr er sie auch liebte, Isabels Ungeduld und ihr mangelndes Feingefühl ärgerten ihn ein ums andere Mal. Sie war der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen, stürmte immer auf ihr Ziel zu, ohne in Erwägung zu ziehen, was ihr im Weg stehen könnte; immer vollständig davon überzeugt, dass das, was sie wollte, richtig war, ganz gleich, was andere denken mochten.

Er schrieb eine knappe Antwort:

Bin nach London aufgebrochen. Begleiche die Rechnung, pack deine Sachen und folge mir.

Er sah auf zum Empfangschef des Hotels.

»Bitte überreicht dies Miss Arundell, wenn sie zurückkehrt. Haben Sie einen Bradshaw?«

»Herkömmliche oder atmosphärische Eisenbahn, Sir?«

»Atmosphärisch.«

»Jawohl, Sir.«

Er reichte ihm den Fahrplan. Der nächste Zug fuhr in fünfzig Minuten. Zeit genug, seine Habseligkeiten in den Koffer zu werfen und zum Bahnhof zu fahren.

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Die Gestalt in der Gasse

Die Eugeniker nennen ihre schmutzigen Experimente mittlerweile »Genetik«, nach dem altgriechischen »Genesis«, was »Ursprung« bedeutet. Dies geschieht als Reaktion auf die Arbeit Gregor Mendels, eines Augustiner-Priesters. Eines Priesters! Kann es einen größeren Pharisäer geben, als einen Priester, der sich in die Schöpfung einmischt?

RICHARD MONCKTON MILNES

Die Fahrt nach London verlief zügig und ruhig.

Isambard Kingdom Brunels atmosphärisches Eisenbahnsystem war ein voller Triumph. Es nutzte Breitspur-Schienen, in deren Mitte ein Rohr von fünfzehn Zoll Durchmesser verlief. Entlang der Oberseite des Rohres klaffte ein zwei Zoll breiter Spalt, verschlossen von einem Klappventil aus Ochsenleder. Unter dem Vorderwagen jedes Zuges hing ein hantelförmiger Kolben, der genau ins Rohr passte. Dieser war durch eine schmale Deichsel, die aus dem Spalt hervorragte, mit dem Waggon verbunden. An der Deichsel war eine kleine, mit Rädern ausgestattete Vorrichtung angebracht, welche die Lederklappe auf der Vorderseite öffnete und gleichzeitig auf der Hinterseite verschloss und ölte. Alle drei Meilen saugte eine Station an den Schienen vor dem Zug die Luft aus dem Rohr und pumpte sie hinter ihm wieder hinein. Dieser Unterschied im Luftdruck war es, der die Waggons mit sagenhafter Geschwindigkeit die Schienen entlangschießen ließ.

Als Brunel das System erfunden hatte, war er auf ein unerwartetes Problem gestoßen: Ratten liebten Ochsenleder. Um das Problem zu beheben, hatte er sich an seinen Eugeniker-Kollegen Francis Galton gewandt, und der Wissenschaftler hatte die Lösung in Form einer besonderen Zuchtlinie von Ochsen präsentiert, deren Haut für die Nager sowohl abstoßend als auch giftig war.

Das pneumatische Schienensystem durchlief Großbritannien mittlerweile in seiner ganzen Länge und Breite und wurde im gesamten Empire ausgebaut, allem voran in Indien und Südafrika.

Eine ähnliche Antriebsmethode war für die Londoner U-Bahn geplant, doch dieses Projekt hatte man aufgrund des Todes Brunels vor zwei Jahren aufgeschoben.

Burton erreichte sein Haus am Montagu Place Nr. 14 um achtzehn Uhr dreißig, mittlerweile hing dichter Nebel in den Straßen der Stadt. Als er das schmiedeeiserne Tor öffnete und zur Eingangstür trat, hörte er wie in der Ferne ein Zeitungsjunge rief: »Speke erschießt sich! Nildebatte in Aufruhr! Lesen Sie alles!«

Er seufzte und wartete, dass der junge Bengel näher kam. Er erkannte den leichten irischen Akzent; es war Oscar, ein Flüchtling der nicht enden wollenden Hungersnot der grünen Insel, auf seiner gewohnten Runde. Der Bursche besaß ein außerordentliches Talent mit Worten umzugehen, das Burton durchaus zu schätzen wusste.

Der Junge schwenkte in seine Richtung, sah ihn an und grinste. Er war ein kleiner und etwas plumper Kerl, ungefähr acht Jahre alt, mit verschlafen dreinblickenden Augen und einem frechen Lächeln, das nur durch die schiefen verfärbten Zähne an Schönheit einbüßte. Er trug sein Haar zu lang und war nie ohne seinen zerbeulten Zylinder und eine Blume im Knopfloch unterwegs.

»Hallo, Captain! Sie legen es wohl darauf an, mal wieder in die Schlagzeilen zu kommen.«

»Das ist nicht zum Lachen, Quips«, erwiderte Burton und benutzte den Spitznamen, den er dem Zeitungsjungen einige Wochen zuvor gegeben hatte. »Komm kurz mit in die Diele, ich will mit dir sprechen. Ich nehme an, die Journalisten geben mir die Schuld?«

Oscar stellte sich neben den Entdecker und wartete, während dieser nach seinen Schlüsseln kramte.

»Nun ja, Captain, über den modernen Journalismus kann man auch viel Gutes sagen. Indem er uns die Meinung der Ungebildeten verkauft, lässt er uns die Ignoranz der Gesellschaft nie vergessen.«

»Ignoranz ist das richtige Wort«, stimmte Burton zu. Er öffnete die Tür und führte den Jungen hinein. »Wenn man sich an den Reaktionen in Bath orientieren kann, nehme ich wohl an, die mild Gestimmten behaupten, Speke hätte sich selbst erschossen, die weniger mild Gestimmten, ich hätte es getan.«

Oscar legte seinen Stapel Zeitungen auf die Fußmatte.

»Da haben Sie nicht unrecht, Sir. Aber was sagen Sie?«

»Dass gegenwärtig niemand weiß, was geschehen ist, außer denen, die dabei waren. Dass es möglicherweise überhaupt nicht dazu gekommen wäre, wenn ich mir ein wenig mehr Mühe gegeben hätte, den Graben, der sich zwischen Speke und mir aufgetan hat, zu überbrücken, wenn ich vielleicht nur ein bisschen empfänglicher für seine inneren Dämonen gewesen wäre.«

»Ah, Dämonen, ja?«, rief der Junge mit seiner hohen, nasalen Stimme. »Und was ist mit Ihren eigenen? Ermutigen sie Sie nicht, sich dem Luxus der Selbstbezichtigung hinzugeben?«

»Luxus!«

»Selbstverständlich. Wenn wir uns selbst die Schuld geben, haben wir das Gefühl, kein anderer hätte das Recht, uns zu beschuldigen. Welch Luxus das doch ist!«

Burton knurrte. Er stellte seinen Gehstock in einen Elefantenfuß-Schirmständer, legte den Zylinder auf der Hutablage ab und zog den Mantel aus.

»Du bist ein schrecklich intelligenter Gassenjunge, Quips.«

Oscar kicherte. »Das stimmt. Ich bin so schlau, dass ich manchmal kein Wort von dem verstehe, was ich sage!«

Burton hob eine kleine Klingel vom Tisch in der Diele und läutete nach seiner Haushälterin.

»Aber stimmt es denn nicht, Captain Burton«, fuhr der Junge fort, »dass Sie Speke stets nur gebeten haben, wissenschaftliche Belege für seine Behauptungen zu präsentieren?«

»Vollkommen. Ich habe seine Methoden angegriffen, aber niemals ihn, auch wenn er mir nicht dieselbe Höflichkeit zuteilwerden ließ.«

Das Erscheinen Mrs Iris Angells, die, obgleich Burtons Vermieterin, ebenfalls seine Haushälterin war, unterbrach die beiden. Sie war eine weißhaarige alte Dame mit ausladenden Hüften, freundlichem Gesicht, eckigem Kinn und strahlend blauen herzlichen Augen.

»Ich hoffe, Sie haben sich die Füße abgewischt, Master Oscar!«

»Saubere Schuhe sind das Maß eines Gentlemans, Mrs Angell«, erwiderte der Junge höflich.

»Wohl gesprochen. In meiner Küche steht eine frischgebackene Eierpastete mit Speck. Darf ich Ihnen ein Stück davon anbieten?«

»Außerordentlich gern!«

Die alte Dame sah Burton an, der nickte. Dann ging sie wieder die Stufen hinunter in ihr Reich im Keller.

»Sie wollen also Informationen, Captain?«, fragte Oscar.

»Ich muss wissen, wo Lieutenant Speke hingebracht wurde. Ich weiß, dass man ihn von Bath nach London transportiert hat – aber in welches Hospital? Kannst du das herausfinden?«

»Natürlich! Ich gebe es an die Jungs weiter. Binnen einer Stunde sollte ich eine Antwort für Sie haben.«

»Ausgezeichnet. Miss Arundell holt ebenfalls Erkundigungen ein, doch ich nehme an, ihr Vorgehen wird nichts als Schwierigkeiten verursachen.«

»Wie das, Captain?«

»Sie hat die Spekes aufgesucht, um ihr Beileid auszusprechen.«

Oscar zuckte zusammen. »Um Himmels willen! Es ist nichts vernichtender als eine Frau auf wohltätiger Mission. Ich hoffe um Ihretwillen, dass Mr Stanley nichts davon erfährt.«

Burton seufzte. »Bismillah! Den habe ich ganz vergessen!«

Henry Morton Stanley, ein Journalist, war kürzlich aus Amerika in London eingetroffen. Sein Hintergrund war etwas nebulös, Spuren eines walisischen Akzentes deuteten darauf hin, dass er nicht der echte Yankee war, der er zu sein behauptete; und es gab Gerüchte, er trüge einen falschen Namen. Doch was immer auch die Wahrheit über ihn sein mochte, als Zeitungsreporter machte er viel Furore, und er hatte ein besonderes Interesse an den verschiedenen von der Royal Geographical Society organisierten Expeditionen entwickelt. Aus freundschaftlicher Verbundenheit Doktor Livingstone gegenüber hatte Stanley in der Nildebatte Partei für Spekes ergriffen und über Burton einige weniger schmeichelhafte Artikel im Empire veröffentlicht – einschließlich einer Schmährede, die Burton beschuldigte, einen Jungen ermordet zu haben, der ihn dabei beobachtet hatte, wie er auf seiner berühmten Pilgerreise nach Mekka nach europäischer Manier urinierte. Wie Burton schnell zu bedenken gegeben hatte, waren seine Verkleidung, sein Geschick im Umgang mit der Sprache und seine akribische Einhaltung der Sitten und Gebräuche des fremden Landes überzeugend genug gewesen, um die anderen Pilger über viele Monate im Glauben zu halten, er sei ein Araber. Daher sei es undenkbar, dass er sich bei einem solch grundlegenden Fehler, wie im Stehen zu pinkeln, hätte erwischen lassen. Abgesehen von der Kleinigkeit, dass ein Mord an einem Jungen zweifellos zu seiner Enttarnung als Hochstapler und einer standesrechtlichen Hinrichtung geführt hätte.

Stanley hatte auch Isabel in der Presse angegriffen, indem er sie ob ihres Mangels an Taktgefühl und ihres übermäßig eigenwilligen Charakters diffamierte. Burton kam nicht umhin darüber nachzudenken, dass sie an diesem entscheidenden Punkt seiner Karriere zu einer Belastung wurde; eine Situation, die Stanley vor einer Weile erkannt hatte und an der er sich jetzt weidete.

»Lecker!«, rief Oscar aus.

Mrs Angell war mit einem großzügigen Stück Pastete wieder aufgetaucht. Sie reichte es dem Jungen.

»Es ist nichts Besonderes, aber ich hoffe, es füllt das bodenlose Loch, das du Magen nennst«, sagte sie.

»Ich habe den denkbar einfachsten Geschmack, Mrs Angell«, erklärte der Zeitungsjunge. »Ich bin immer zufrieden, wenn ich das Beste bekomme!«

Burton zerzauste dem Jungen das Haar.

»Dann ab mit dir, Quips. Wenn du wiederkommst, wartet noch ein Stück auf dich.«

Oscar stieß einen Seufzer der Zufriedenheit aus, hob seine Zeitungen auf und flitzte durch die Tür, die Burton für ihn aufhielt.

Als er die Eingangstür schloss, sah der Entdecker seine Vermieterin an.

»Sie haben die Neuigkeiten gehört?«

»Ja, Sir. Gott schütze ihn. Es muss ein entsetzlicher Schock für Sie gewesen sein.

»Er hasste mich.«

»Nehmen Sie mir meine Worte nicht übel, Sir, aber ich denke, er war fehlgeleitet.«

»Dem widerspreche ich nicht. Haben die Reporter schon die Tür eingeschlagen?«

»Nein, Sir, sie denken wahrscheinlich, Sie seien noch in Bath.«

»Gut. Wenn sie kommen, kippen Sie ihnen einen Eimer Schmutzwasser über. Keine Besucher bitte, Mrs Angell. Ich will niemanden sehen, bis der junge Oscar wiederkommt.«

»Wie Sie wünschen. Kann ich Ihnen etwas zu essen bringen?«

Burton begann, die Treppe hinaufzusteigen.

»Ja, bitte. Und eine Kanne Kaffee.«

»Jawohl, Sir.«

Die alte Dame sah ihm nach, als er den Treppenabsatz erreichte, sich nach rechts wandte und in seinem Arbeitszimmer verschwand. Sie schürzte die Lippen. Sie kannte Burton gut genug, um zu erkennen, welche Stimmung sich da zusammenbraute.

»Kaffee, ja sicher!«, murmelte sie, als sie in die Küche hinabstieg. »Der hat eine Flasche Brandy vernichtet, bevor der Abend vorüber ist!«

Sternchen

Burton hatte sich in der Tat ein großzügiges Glas Brandy eingeschenkt und hing jetzt in seinem alten ledernen Lehnstuhl am Kamin, seine Füße ruhten auf dem Kamingitter. In der einen Hand hielt er das Glas, in der anderen einen Brief. Er kam aus der Downing Street Nr. 10 und lautete:

Bitte melden Sie sich bei Ihrer Rückkehr nach London unverzüglich im Amtssitz des Premierministers.

Er nippte an seinem Getränk und genoss das wärmende Feuer, das sich in seinem Bauch ausbreitete. Er war müde, aber nicht schläfrig und fühlte das schwere Gewicht der Depression an seinem Verstand zerren.

Er lehnte den Kopf zurück und konzentrierte sich mit halb geschlossenen Augen ganz auf sein Gehör. Es war ein Sufi-Trick, den er auf dem Weg nach Mekka gelernt hatte. Die Sehkraft war der dominante Sinn, gab man einem anderen den Vorrang und ließ den Geist wandern, tauchten oft Gedanken, Erkenntnisse und bislang unbemerkte Verbindungen aus den sonst unzugänglichen Tiefen auf.

Er hörte das Bücherregal leise knacken, als dessen Holz sich an die veränderte Temperatur des frühen Abends anpasste; es war das einzige Geräusch, das aus dem Innern seines Arbeitszimmers stammte, abgesehen von seinem eigenen Atem und dem Ticken der Uhr auf dem Kaminsims. Von der Welt vor den beiden Schiebefenstern drang jedoch die gedämpfte Kakofonie der britischen Hauptstadt herein: Stimmen, die von unten auf dem Bürgersteig zu ihm heraufkamen, das Rattern und Tuckern der Velozipedmotoren, der Ruf eines Straßenhändlers, das abgehackte Fluggeräusch eines Rotorstuhls, der über die Szenerie hinwegflog, ein bellender Hund, ein weinendes Kind, das Poltern und Zischen der Dampf-Pferde, das klappernde Hufgetrappel der echten Rösser, das heisere Lachen der Prostituierten.

Er hörte Schritte auf der Treppe.

Eine Frage stieg in ihm auf: »Was soll ich jetzt tun?«

Ein leises Klopfen an der Tür.

»Herein.«

Mrs Angell trat mit einem Tablett in der Hand ein, auf dem sich ein Teller mit aufgeschnittenem Braten, Käse und ein Stück Brot befanden. Dazu eine Tasse mit Untertasse, eine Zuckerdose und eine Kanne Kaffee. Sie durchquerte den Raum und stellte das Tablett auf dem Beistelltisch neben Burtons Sessel ab.

»Es ist ungewöhnlich kalt für die Jahreszeit, Sir, soll ich den Kamin anfeuern?«

»Schon in Ordnung, das mache ich. Würden Sie einen Brief für mich aufsetzen?«

»Selbstverständlich.«

Die Haushälterin, die häufig kleine Schreibarbeiten für ihn übernahm, ließ sich an einem der drei Schreibtische des Raumes nieder, platzierte einen weißen Bogen Papier auf der ledernen Unterlage und griff nach einer Feder. Vorsichtig tauchte sie die Spitze ins Tintenfass und schrieb nach Burtons Diktat:

Befinde mich in meinem Haus in London. Erwarte weitere Instruktionen. Burton.

»Schicken Sie einen Läufer damit in die Downing Street Nr. 10, bitte.«

Die alte Dame sah überrascht auf.

»Wohin?«

»Downing Street Nr. 10. Unverzüglich, bitte.«

»Jawohl, Sir.«

Sie verließ das Zimmer mit der Notiz in der Hand. Einige Augenblicke später hörte er, wie sie an der Eingangstür drei Pfiffe mit einer Pfeife ausstieß. Innerhalb einer halben Minute würde ein Hund an der Schwelle erscheinen – aller Wahrscheinlichkeit nach ein Windhund –, und Mrs Angell würde ihm, nachdem sie ihn gefüttert hatte, den Brief in den Fang legen und den Bestimmungsort nennen. Ein bestätigendes Schwanzwedeln, und der Läufer wäre auf und davon, auf direktem Weg in die Downing Street.

Sie waren Bestandteil eines noch recht neuen Kommunikationssystems, diese bewundernswerten Hunde, die erste von der britischen Öffentlichkeit akzeptierte praktische Anwendung der Eugenik. Alle Hunde kamen mit dem Wissen um jede Adresse innerhalb eines 50-Meilen-Radius um ihren Geburtsort zur Welt und waren in der Lage, innerhalb dieses Bereichs Briefe zuzustellen – sie bellten und kratzten so lange an der Tür des Empfängers, bis der Brief entgegengenommen wurde. Nach jedem Auftrag trabte der Läufer durch die Straßen, bis er erneut drei Pfiffe vernahm.

Die andere Hälfte des Systems bestand aus Botensittichen. Diese beeindruckenden Imitatoren beförderten gesprochene Nachrichten. Man musste nur ein Postamt aufsuchen und einem der Vögel eine Nachricht mit Empfänger und Adresse diktieren, und sofort flog das Tier zum entsprechenden Ohrenpaar.

Ein Problem gab es allerdings, eine Sache, mit der sich die Eugeniker bereits von Anfang an herumschlagen mussten – ganz gleich, welche Modifikation sie an einer Spezies durchführten, jedes Mal schien es zu einem unerwünschten Nebeneffekt zu kommen.

Die Sittiche jedenfalls verfluchten, beschimpften und beleidigten jeden, den sie trafen. So sah sich der Empfänger der Dienstleistung unweigerlich mit einer Nachricht konfrontiert, die großzügig mit Beleidigungen gespickt war, die nicht vom Absender stammten. Nichts, so schien es, konnte getan werden, um diesen Fehler zu korrigieren. Ursprünglich hatte man gehofft, jeder Haushalt besäße bald seinen eigenen Sittich, aber es hatte sich schnell herausgestellt, dass niemand das ständige Gefluche im eigenen Haus ertragen konnte. Also war die Post eingesprungen, und mittlerweile besaß jede Niederlassung eine ganze Voliere dieser Vögel.

Im Falle der Läufer bestand der Nachteil einzig in ihrem überwältigenden Appetit. Obwohl sie nur aus Haut und Knochen bestanden, benötigten die Hunde an jeder Adresse, die sie aufsuchten, eine beachtliche Mahlzeit. Und so sahen sich die Menschen, die den an sich kostenlosen Dienst in Anspruch nahmen, nicht selten mit der Tatsache konfrontiert, dass sie eine beträchtliche Summe in Hundefutter investieren mussten.

Burton hörte, wie die Eingangstür ins Schloss fiel. Sein Brief war unterwegs.

Er nahm einen weiteren Schluck Brandy und griff nach einem Stumpen – er hatte eine Vorliebe für starken, billigen Tabak.

›Dahomey erkunden?‹, dachte er, in Gedanken noch immer bei der Frage, was er jetzt tun sollte, nun da die Nilfrage nicht mehr in seinem Hoheitsgebiet lag. Denn auch wenn eine weitere Expedition nötig war, um die Angelegenheit ein für alle Mal zu klären, so wusste er, dass Murchison nicht ihn mit der Leitung betrauen würde. Bereits jetzt hatten sich in Bezug auf die Debatte, die Speke und er geführt hatten, in der Royal Geographical Society zwei Lager gebildet; zweifellos würde der Präsident die Expedition einem neutralen Geografen überantworten.

Also Dahomey? Bereits seit einiger Zeit plante er, eine Expedition in jene dunkle und gefährliche Region Westafrikas anzuführen, doch jetzt würde es schwierig werden, die Gelder dafür zusammenzubekommen.

Vielleicht ein privater Sponsor? Vielleicht ein Verlagshaus?

Ah, ja, da waren auch noch die Bücher. Schon lange wollte er eine maßgebende Übersetzung von Tausend und eine Nacht anfertigen, vielleicht war jetzt der Zeitpunkt gekommen, dieses ehrgeizige Projekt in Angriff zu nehmen. Zumindest sollte er Vikram und der Vampir fertigstellen, die gesammelten Erzählungen hinduistischer Teufelei, die sich derzeit, gespickt mit einigen halb garen Anmerkungen, auf einem seiner drei Schreibtische stapelten.

Bücher schreiben, sich bedeckt halten, warten, bis es seinen Gegnern zu langweilig wurde.

Isabel heiraten?

Er betrachtete sein leeres Glas, blies Zigarrenrauch hinein, hielt den Stumpen zwischen den Zähnen fest und griff nach der Karaffe, um sich Brandy nachzuschenken.

Über ein Jahr lang hatte er sich berufen gefühlt, Isabel Arundell zu heiraten, jetzt plötzlich war er sich nicht mehr so sicher. Er liebte sie, das war gewiss, doch er ärgerte sich auch über sie. Er liebte ihre Stärke und ihren Pragmatismus, doch ihn störten ihre anmaßende Persönlichkeit und die Tendenz, in seinem Namen zu handeln, ohne zuvor mit ihm zu sprechen; er liebte die Tatsache, dass sie sein Interesse an allem Exotischen und Erotischen tolerierte, aber hasste ihren engstirnigen Katholizismus. Charles Darwin hatte Gott getötet, doch sie und ihre Familie hingen, wie so viele andere, diesem religiösem Irrglauben noch immer an.

Er machte sich daran, seiner wachsenden Frustration mit einem weiteren Glas Hochprozentigem Herr zu werden. Und noch einem. Und noch etwas mehr.

Um acht Uhr klopfte es an der Tür, Mrs Angell erschien und bedachte den betrunkenen Entdecker mit einem missbilligenden Blick.

»Haben Sie den Kaffee überhaupt angerührt?«, fragte sie.

»Nein, und ich habe es auch nicht vor«, erwiderte er. »Was wollen Sie?«

»Der Junge ist zurück.«

»Quips? Schicken Sie ihn hoch.«

»Besser nicht, Sir. Sie sind nicht in dem Zustand, ein Kind zu empfangen.«

»Schicken Sie ihn hoch, verdammt!«

»Nein.«

Burton hievte sich aus dem Sessel und stand schwankend im Raum, in seinen Augen loderte der Zorn.

»Sie tun jetzt verdammt noch mal, was man Ihnen befiehlt, Frau!«

»Nein, Sir, das tue ich nicht. Nicht, wenn der Befehl von einem unflätigen Trunkenbold kommt. Und denken Sie daran, auch wenn ich Ihre Angestellte bin, sind Sie immer noch mein Mieter, und es steht mir frei, unser Arrangement zu beenden, wann immer ich es für angebracht halte. Der Junge wird mir Bericht erstatten, und ich werde Ihnen die Nachricht unverzüglich übermitteln.«

Sie trat zurück in den Flur und schloss die Tür hinter sich.

Burton lief ein paar Schritte auf die Tür zu, überlegte es sich anders und bleib auf wackligen Beinen mitten im Raum stehen. Er sah sich um und betrachtete die Bücherregale voller Werke über Geografie, Religion, Sprachen, erotische Kunst, Esoterik und Ethnologie, sah die Schwerter, die über dem Kamin angebracht waren, die Boxhandschuhe, die an einer Ecke der Kamineinfassung hingen, die Pistolen und Speere, welche die Nischen zu beiden Seiten des Kaminsimses zierten, ließ seinen Blick über die Bilder an den Wänden schweifen, einschließlich jenes von Edward, seines geistig behinderten jüngeren Bruders, der seit drei Jahren im Irrenhaus von Surrey County lebte – das Ergebnis eines Vorfalles vor fünf Jahren, bei dem er in Ceylon halb zu Tode geprügelt worden war, als buddhistische Dorfeinwohner Anstoß an seiner Elefantenjagd genommen hatten. Er starrte auf die drei großen Schreibtische voller Papierstapel, seine halb geschriebenen Bücher, Karten und Schaubilder, die vielen Souvenirs seiner Reisen, die Götzenbilder und Schnitzereien, Hukas und Gebetsteppiche, den Krimskrams und Tand, die Tür gegenüber der Fenster, die in das kleine Umkleidezimmer führte, in dem er seine verschiedenen Verkleidungen aufbewahrte; und schließlich fiel sein Blick auf die dunklen Fenster und sein Spiegelbild in der Scheibe.

Wieder tauchte die Frage in seinem Kopf auf und er sprach sie laut aus: »Was zum Teufel soll ich tun?«

Die Tür ging auf, Mrs Angell trat ein, die Miene ernst, die Stimme kalt, und sagte: »Master Oscar lässt Ihnen ausrichten, dass Mr Speke sich im Penfold Private Sanatorium aufhält.«

Burton nickte knapp.

Die betagte Dame wollte wieder gehen.

»Mrs Angell«, rief er.

Sie blieb stehen und drehte sich zu ihm um.

»Meine Ausdrucksweise war vollkommen ungerechtfertigt«, brummte er befangen. »Meine Wut ebenso. Bitte nehmen Sie meine Entschuldigung an.«

Sie sah ihn einen Moment lang an.

»Nun gut. Aber in diesem Haus ist kein Platz für Ihre Dämonen, haben Sie das verstanden? Entweder Sie setzen sie vor die Tür, oder Sie bleiben selbst draußen – dauerhaft!«

»Einverstanden. Haben Sie Quips noch ein Stück Pastete gegeben?«

Die alte Dame lächelte nachsichtig.

»Ja, und einen Apfel und ein Karamellbonbon.«

»Vielen Dank. Dann werde ich jetzt meine Dämonen vor die Tür setzen, ganz wie Sie empfohlen haben.«

»Aber passen Sie auf, dass sie Sie nicht in Schwierigkeiten bringen.«

»Ich werde mich bemühen, Mrs Angell.«

Sie nickte und verließ den Raum.

Burton dachte einen Augenblick lang nach. Es war bereits zu spät am Abend, um das Hospital aufzusuchen, das würde also bis zum Morgen warten müssen. Und wenn Speke die Nacht nicht überlebte, dann sollte es eben so sein. Es war jedoch nie zu spät, dem Cannibal Club einen Besuch abzustatten. Ein paar Drinks mit seinen Freunden der Libertins würden ihm helfen, sich wieder besser zu fühlen, und vielleicht wäre ja auch Algernon Swinburne da. Burton kannte den vielversprechenden Dichter noch nicht lange, aber er genoss seine Gesellschaft außerordentlich.

Der Entschluss stand fest, er zog sich um, nahm noch einen Schluck Brandy und wollte gerade das Zimmer verlassen, als es plötzlich ans Fenster klopfte. Unsicheren Schrittes ging Burton hinüber und erblickte einen bunten Sittich auf dem Fenstersims.

Er schob das Fenster nach oben. Eine Nebelwolke wallte ins Zimmer. Der Sittich glotzte ihn an.

»Nachricht aus dem Büro des verfluchten Premierministers«, krakeelte er. »Sie werden gebeten, diesen Dummschwätzer von Lord Palmerston aufzusuchen, Downing Street Nr. 10, morgen früh neun Uhr. Bitte bestätigen, Arschgesicht. Ende der Nachricht.«

Burtons Augenbrauen, die sonst in einem scheinbar ewig währenden Stirnrunzeln tief über den Augen lagen, schossen nach oben. Der Premierminister wollte ihn persönlich treffen? Warum?

»Antwort. Anfang der Nachricht. Termin bestätigt. Ich werde da sein. Ende der Nachricht. Los!«

»Verpiss dich!«, kreischte der Sittich und erhob sich vom Fenstersims in die Luft.

Burton schloss das Fenster.

Er würde sich mit Lord Palmerston treffen.

Verfluchte Hölle.

Sternchen

Der Cannibal Club befand sich in den Räumen über Bartolonis italienischem Restaurant am Leicester Square.

Dort traf Burton auf den rätselhaften und eher düsteren Richard Monckton Milnes in Begleitung des zierlichen Algernon Swinburne und auf Captain Henry Murray, Doktor James Hunt, Sir Edward Brabrooke, Thomas Bendyshe und Charles Bradlaugh – allesamt Radaubrüder.

»Burton!«, rief Milnes, als der Entdecker eintrat. »Glückwunsch!«

»Wofür?«

»Dass du diesen Rüpel Speke erschossen hast! Bestimmt hast doch du die Kugel abgefeuert? Bitte, sag, dass es so war!«

Burton ließ sich auf einen Stuhl fallen und zündete sich eine Zigarre an.

»War es nicht.«

»Ach, was für ein Unglück!«, rief Milnes aus. »Ich hatte so gehofft, du könntest mir erzählen, wie es sich anfühlt, einen Mann zu töten. Einen weißen Mann, meine ich!«

»Aber ja, natürlich«, fiel Bradlaugh ein. »Du hast doch diesen kleinen Araberjungen auf dem Weg nach Mekka erschossen, oder nicht?«

Henry Murray reichte Burton einen Drink.

»Du weißt ganz genau, dass ich das nicht getan habe«, knurrte er. »Dieser Bastard Stanley schreibt nichts als niederträchtigen Unsinn!«

»Komm schon, Richard«, rief Swinburne mit seiner nervösen fisteligen Stimme, »Hör auf zu protestieren! Stimmt es denn nicht, dass Mord eine der ehernen Grenzen ist, die wir überwinden müssen, um zu erkennen, dass wir selbst wirklich am Leben sind?«

Der berühmte Entdecker seufzte und schüttelte den Kopf. Swinburne war jung – gerade mal vierundzwanzig – und besaß eine intuitive Intelligenz, die den älteren Mann ansprach; aber er war äußerst naiv.

»Unsinnn, Algy! Lass nicht zu, dass dich diese Libertins hier mit ihren fehlgeleiteten Vorstellungen und ihrer erschreckend schlechten Logik in ihren Bann ziehen. Sie sind unverbesserlich entartet, vor allem unser lieber Milnes hier.«

»Hah!«, rief Bendyshe von der anderen Seite des Raumes herüber. »So entartet ist Swinburne allemal! Hat eine Vorliebe für Schmerzen, weißt du? Steht auf den Kuss der Peitsche, stimmt’s?«

Swinburne kicherte, zuckte zusammen und schnipste mit den Fingern. Wie immer waren seine Bewegungen schnell, ruckartig, exzentrisch, als leide er an Veitstanz.

»Stimmt. Ich bin ein Anhänger de Sades.«

»Ein weitverbreitetes Leiden«, merkte Burton an. »Ich besuchte einmal ein Bordell in Karachi, wisst ihr – im Forschungsauftrag von Napier natürlich …«

Die Versammlung brach in höhnisches Schnauben und Gelächter aus.

»… und dort habe ich gesehen, wie man einen Mann bis zur Besinnungslosigkeit auspeitschte. Er hat es genossen!«

»Köstlich!«, erschauderte Swinburne.

»Mag sein, wenn einem der Sinn danach steht«, stimmte Burton zu. »Aber jemanden auszupeitschen ist eine Sache, Mord eine ganz andere!«

Milnes setzte sich neben Burton und beugte sich zu ihm.

»Aber Richard«, sagte er. »Fragst du dich nie, welch ein Gefühl der Freiheit es sein muss, wenn man einen Mord begeht? Es ist schließlich das größte Tabu, oder nicht? Brich es, und du befreist dich von den Fesseln der Zivilisation!«

»Ich bin kein großer Freund der falschen Vergnügungen und heimtückischen Verdrängung der Zivilisation«, erwiderte Burton. »Und meiner Meinung nach muss Mrs Grundy mal ordentlich durchgevögelt werden; aber wie sehr ich die englische Kultur und Gesellschaft auch verfluche, Mord ist eine Angelegenheit, die tiefer geht, als beides.«

Swinburne quietschte vor Begeisterung. »Ordentlich durchgevögelt! Bravo, Richard!«

Milnes nickte. »So ist es, falsche Vergnügen und heimtückische Verdrängung. Vergnügungen, die versklaven, Verdrängung, die wertet. Wo bleibt die Freiheit, frage ich?«

»Ich weiß es nicht«, antwortete Burton. »Wie kann man eine so unendliche Vorstellung wie die der Freiheit überhaupt erfassen?«

»Indem man die Natur betrachtet, mein lieber Junge! Die Natur mit ihren blutigen Zähnen und Klauen! Ein Tier tötet das andere; befindet man es für schuldig? Nein! Es bleibt frei, zu tun, was es will – und, soviel ist gewiss – wieder zu töten! Wie de Sade selbst sagte: ›Die Natur hat keine zwei Stimmen, wissen Sie, von denen die eine den ganzen Tag lang verurteilt, was die andere befiehlt.‹«

Burton leerte sein Glas in einem Zug.

»Sicher, Darwin hat gezeigt, dass die Natur ein grausamer und absolut gnadenloser Prozess ist, doch du scheinst eines zu vergessen, Milnes. Das Tier, das tötet, fällt in den meisten Fällen wieder einem anderen Tier zum Opfer, genauso wie der Mörder in einem angeblich zivilisierten Land für sein Verbrechen gehängt wird.«

»Dann proklamierst du ein natürliches Gesetz des Rechts, in das wir hineingeboren werden und von dem wir uns niemals befreien können? Ein Gesetz, das für alle Kulturen gilt, ganz gleich auf welcher Stufe der Entwicklung sie stehen?«

James Hunt, der vorüberging, um sich einem Gespräch zwischen Bradlaugh und Brabrook auf der anderen Seite des Raumes anzuschließen, blieb gerade lange genug stehen, um Burtons Glas wieder aufzufüllen.

»Ja, ich glaube, ein solchen Gesetz existiert. Mich spricht die hinduistische Vorstellung von Karma mehr an als die katholische Absurdität der Erbsünde.«

»Wie geht es Isabel?«, unterbrach Bendyshe, der sich zu ihnen gesellte.

Burton ignorierte den Seitenhieb und fuhr fort: »Wenigstens bietet das Karma ein Gegengewicht – eine Strafe oder Belohnung, wenn man so will – für Taten, die wir wirklich begehen, und Gedanken, die wir wirklich denken, statt uns für die angebliche Sünde unserer Existenz an sich oder für ein Vergehen an einem zur Gänze konstruierten Diktat sogenannter Moral zu bestrafen. Es handelt sich eher um eine Funktion der Natur als um das Urteil eines unbewiesenen Gottes.«

»Um Himmels willen! Stanley hatte recht, als er schrieb, du seist ein Heide«, machte sich Bendyshe über ihn lustig. »Burton schließt sich Darwin an und sagt, es gibt keinen Gott.«

»Genau genommen hat Darwin so etwas nie behauptet. Es waren andere, die seiner Entstehung der Arten diese Interpretation auferlegt haben.«

»›Es gibt keinen Gott, die Natur ist sich selbst genug; in keinster Weise hat sie Bedarf an einem Autor‹«, zitierte Swinburne. »Wieder de Sade.«

»In vielen Belangen finde ich ihn amüsant«, kommentierte Burton. »Doch in diesem Falle stimme ich de Sade von ganzem Herzen zu. Je mehr ich die Religionen studiere, desto stärker bin ich überzeugt, dass der Mensch niemals etwas anderes verehrt hat, als sich selbst.«

Er zitierte sein eigenes Gedicht:

»Der Mensch verehrt sich selbst: Sein Gott ist er;

im Seelenkampf, die Sterblichkeit zu überwinden,

formt er das Abbild der eignen Vollendung

und sucht, sich dort zu finden.«

Milnes zog an seiner Zigarre und blies einen Rauchring, der sich träge in die Luft erhob. Er sah zu, wie sich die Form langsam auflöste und sagte: »Aber diese Karma-Kiste, Richard … Was du hier vorschlägst, ist doch, dass auf die eine oder andere Art und durch irgendeinen vollkommen natürlichen Vorgang jeder Mörder Vergeltung erfährt. Also hältst du auch des Menschen Urteil – die Todesstrafe – für natürlich?«

»Wir sind Wesen der Natur, oder nicht?«

»Nun ja«, unterbrach ihn Bendyshe, »bei Swinburne bin ich mir da manchmal nicht so sicher.«

Nicht ganz zu unrecht, dachte Burton, denn Swinburne besaß ein äußerst unnatürliches Aussehen. Mit einer Größe von knapp einssechzig war er äußerst klein gewachsen. Seine Glieder waren zart und zierlich, mit hängenden Schultern und einem ausgesprochen langen Hals, auf dem ein riesiger Kopf saß, den ein zerzauster Schopf karottenroten Haares, das in alle Richtungen stand, noch größer wirken ließ. Sein Mund war weich und mädchenhaft, die Augen groß, von blassem Grün und verträumt. Nur wenige Dichter sahen so sehr nach einem Dichter aus wie Algernon Charles Swinburne.

»Aber davon einmal abgesehen«, sagte Bendyshe, »was, wenn der Mörder dem Henker entkommt?«

»Schuldgefühle«, erklärte Burton. »Allmählicher, aber unausweichlicher Zerfall des Charakters. Eine degenerative Krankheit des Geistes. Vielleicht sogar Verfall in Wahnsinn und Selbstzerstörung.«

»Oder vielleicht«, schlug Swinburne vor, »ein Hang zu kriminellem Umgang, bis schließlich der Mörder selbst unausweichlich zum Mordopfer wird.«

»Wahre Worte«, stimmte der berühmte Entdecker zu.

»Interessant«, gab Milnes nachdenklich zurück. »Aber wir wissen doch alle, dass Morde entweder im Affekt oder mit klarem Vorsatz begangen werden. Letzteres im Falle eines Individuums, das sich sozusagen bereits in einem fortgeschrittenen Zustand geistigen Verfalls befindet. Was aber, wenn ein intelligenter Mensch, der die Tat einzig aus wissenschaftlicher Neugier begeht, einen Mord plant und verübt? Was, wenn es nur geschähe, um die Grenzen zu überschreiten, die uns befehlen, es nicht zu tun?«

»Ein leeres Motiv«, warf Burton ein.

»Ganz und gar nicht, mein Junge!«, rief Milnes aus. »Es ist ein ganz hervorragendes Motiv! Schließlich würde der Mann, der eine solche Tat begeht, seine unsterbliche Seele für die Wissenschaft riskieren!«

»Zweifellos würde er sich besinnen und von dem Experiment ablassen«, sagte Burton, langsam etwas undeutlich, »denn ist diese Grenze einmal überschritten, gibt es kein Zurück. Die Gründe seiner Entscheidung lägen jedoch eher in selbstbestimmten und weniger in von der Gesellschaft diktierten Verhaltensgrundsätzen oder gar der Vorstellung einer unsterblichen Seele, denn schließlich handelt es sich, ihr sagtet es, um einen intelligenten Menschen.«

»Seltsam«, sagte Henry Murray, der bis zu diesem Moment schweigend zugehört hatte. »Ich dachte, dass du diesem Experiment von uns allen mit größter Wahrscheinlichkeit zustimmen würdest.«

»Man sollte meinen Ruf eben nicht allzu wörtlich nehmen.«

»Wirklich? Eigentlich gefällt es mir ganz gut, den Teufel in unserer Runde zu haben«, grinste Swinburne.

Sir Richard Francis Burton betrachtete den beeinflussbaren jungen Dichter nachdenklich und fragte sich, wie er ihn wohl aus Schwierigkeiten heraushalten konnte.