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Vampir Valentins Abenteuer

Abenteuer auf der Pirateninsel

 

auch als Taschenbuch ISBN: 978-3-946506-02-7, € 9,50

und Hörbuch ISBN: 978-3-00-033693-5, € 12,95

 

© Antje Hansen Psst Hörmal Verlag, Köln

www.psst-hoermal.de

 

Abenteuer auf der Pirateninsel. Altersempfehlung 5-11 Jahre

Das erste Buch über Vampir Valentin, Hexe Emma und den Geheimbund: Bürgermeister Blumenkohl, Kaufhausbesitzerin Frau Schnütgen und Polizeiinspektor Grünschnabel haben die Nase gestrichen voll. Ein vorwitziger Blutsauger treibt sich nachts in ihrer Stadt herum und erschreckt die Leute. Sie stellen ihm eine Falle, an der er sich die Zähne ausbeißt, erkennen aber sofort: Der vermeintlich gefährliche Vampir ist nur ein elfjähriger Junge, der vor über 200 Jahren von der Vampirmücke gestochen wurde, – die heute glücklicherweise ausgestorben ist. Zahnarzt Pimpf wird aus dem Bett geklingelt, um Valentins abgebrochene Zähne zu reparieren. Aber was nun? Ein Vampir in der Stadt! – Kann das gut gehen?

Klar! Und als dann auch noch Hexe Emma auftaucht, beginnt für den neu gegründeten Geheimbund ein spannendes Abenteuer.

 

Kapitel 1 - Seltsame Dinge gehen auf Burg Donnersbach vor

Inmitten eines dunklen Tannenwaldes erhebt sich ein kleiner Hügel, auf dem eine verlassene Burgruine steht. Ein Geröllhaufen versperrt den Weg zu dem vermoderten Burgtor, das nur noch an einer rostigen Türangel hängt. Beim kleinsten Windhauch schlägt es gespenstisch an die alten Mauern. Vier mit Zinnen bewerte Türme ragen über die Baumwipfel.

Wanderer verirren sich nie in diesen finsteren Teil des Waldes, und nur wenige Vögel nisten in dem alten Gemäuer. Manchmal trampelt eine Wildschweinrotte auf der Suche nach Nahrung durch den nahen Drachenwald.

Ein Eichhörnchenpaar hat es sich auf der knorrigen Kiefer im Burghof gemütlich gemacht. Jedes Jahr im Frühling zieht es dort seine Jungen groß. Sie haben ihr Nest mit der Rosshaarfüllung des uralten Burgsofas gepolstert.

Es ist sehr still und sehr einsam auf der verfallenen Burg. Zumindest tagsüber. Nachts kann man ziemlich unheimliche Dinge beobachten. Wenn man sich traut! Denn pünktlich um Mitternacht wird auf dem höchsten der vier Burgtürme eine blutrote Fahne mit schwarzer Fledermaus darauf gehisst. Schauerliches Gejammer und Geheul schallt dann über die Burgzinnen. Und kurze Zeit später flattert etwas Schwarzes lautlos davon.

Da du ein kluges Kind bist, hast du bestimmt längst erraten, wer in der alten Burgruine haust, oder?

Natürlich! Ein Vampir.

Genauer gesagt: der kleine Vampir Valentin von Donnersbach. Vampir Valentin lebt seit 275 Jahren auf der Burg derer von Donnersbach und wurde nur durch einen ziemlich dummen Zufall ein Vampir. Er wurde von der berüchtigten Vampirmücke gestochen. Dem letzten lebenden Exemplar dieser Art, das glücklicherweise ausgestorben ist.

Da das Unglück mit dem Vampirmückenstich passierte, als Valentin gerade seinen elften Geburtstag feierte, geistert er jetzt seit genau 264 Jahren um die Burg Donnersbach herum und versetzt die Bewohner der umliegenden Dörfer und der nahen Stadt in Angst und Schrecken. Doch nach 264 Jahren Vampirspuk haben die Leute die Nase gestrichen voll von Valentin und auch schon eine gute Idee, wie sie der verflixten Spukerei ein Ende bereiten können. Denn wer möchte schon ständig von einem Vampir gebissen werden? Niemand! Richtig. Deshalb haben sie eine steinharte Überraschung für ihn auf Lager!

Wie in den vorangegangenen 264 Jahren auch, schlummert der kleine Vampir Valentin in der stickigen Gruft unter einem der vier Burgtürme, bis zwölfmal ein scheppernder Gong ertönt. Die Burguhr schlägt Mitternacht.

Wie von Geisterhand öffnet sich der Marmordeckel des Sarges ein Stückchen. Dann hört man ein lautes Gähnen, gefolgt von einem Rumms.

„Autsch! Verflixt!“, flucht er gereizt. „Ich sollte dieses bescheuerte Teil endlich reparieren. Jeden Tag das Gleiche mit der doofen Kiste.“ Ein schmaler weißer Arm erscheint über dem Sargrand. „Beim Aufwachen stoße ich mir den Kopf, und morgens muss ich mich wieder in diese enge Sardinenbüchse reinquetschen. So ein Mist!“ Schlecht gelaunt drückt Valentin den Sargdeckel auf und schwingt sich heraus.

Da steht er, der kleine Vampir Valentin von Donners-bach, und nun erkennst du auch, warum er kleiner Vampir genannt wird: Er ist mickrig, dünn und ganz schön blass. Kein bisschen unheimlich! Dafür sieht er ziemlich müde aus. Kein Wunder, nach 264 Jahren Spukerei. Er hat schwarze strubbelige Haare, eine Stupsnase und hellblaue Augen.

Noch einmal recken und strecken, gähnen, Schlafanzug aus- und Vampiranzug anziehen. Weißes Hemd (um ehrlich zu sein, eher schmuddelig grau als weiß), schwarze Hose und schwarzer Umhang (innen blutrotes Seidenfutter), schwarze Lackschuhe. Jetzt noch die spitzen Vampireckzähne mit Dr. Vampis bestem Zahnputzgel putzten, die rote Vampirflagge auf der höchsten Turmspitze hissen und Jacke, Schal und Handschuhe anziehen, denn draußen ist es verflucht kalt.

 

 

„Los geht’s! Ich habe Hunger!“ Valentins Magen knurrt. Schnell den Fledermaus-Verwandlungszauber aufsagen: „Ehne mehne meck, Valentin ist weg. Ehne mehne muh, ‘ne Fledermaus bist du!“

Funken sprühen und feiner roter Rauch steigt an der Stelle auf, wo der Vampir eben noch stand. Jetzt sitzt dort eine Fledermaus, die ihre schwarzen Flügel ausbreitet und lautlos über die dunklen Turmzinnen in die Nacht hinausgleitet.

„Jippie! Auf zum Blut saugen und Schabernack treiben!“

Bei Vollmond und sternenklarem Nachthimmel dreht Valentin eine Runde über dem Burgturm. Er flattert über die wogenden Baumwipfel des dunklen Tannenwaldes und hat ein munteres Liedchen auf den Lippen. Valentin freut sich schon auf was Leckeres.

„Ja, ja, so rot, rot, rot ist der Blutorangensaft, Blutorangensaft, Blutorangensaft!“

Wie schon viele hundert Male vorher, landet er im Glockenturm des alten Doms auf der steinernen Fensterbrüstung. Ein kurzes Augenzwinkern, und aus Fledermaus Valentin wird wieder Valentin, der Vampir. Er huscht die steile Wendeltreppe hinunter. Als er unten ankommt, ist ihm schlecht. Er kichert: „Nicht schlimm. Das ist wie Karussell fahren auf der Kirmes. Da gehört ein ordentlicher Drehwurm schließlich auch dazu, sonst ist es nur der halbe Spaß.“

Fröstelnd steht Valentin am Fuß des Glockenturms und blickt vorsichtig um einen Mauervorsprung. „Niemand unterwegs? Alles stockfinster? Das ist ja wie ausgestorben.“ Etwas unheimlich ist ihm zumute. „Brr, ist das kalt heute Nacht. Hm, in welche Richtung? Links, rechts, geradeaus?“

Valentin kennt sich natürlich aus. 264 Jahre Vampirleben, im Jahr 365-mal spuken – da kommt einiges zusammen. Und während er überlegt, ob er in Richtung Marktplatz oder Fußgängerzone gehen soll, schnappt die Falle langsam zu.

Erinnerst du dich? Die Stadtbewohner wollten Valentin eine steinharte Überraschung bereiten. Ihm für alle Zeiten das Handwerk legen. Ihn austricksen.

Die nächtlichen Straßen der Stadt sind menschenleer. Kein Autofahrer, kein Fahrradfahrer. Nicht ein einziger Fußgänger ist unterwegs. Sämtliche Straßenlaternen sind ausgeschaltet. In den dunklen Fenstern der Häuser glitzert das silberne Mondlicht.

„Was ist denn hier los? Wo sind die alle? Verdammt! Ich habe Hunger!“

Ganz leicht und sanft erklingt plötzlich eine Melodie. Mit einem Schlag erstrahlt das Gebäude gegenüber dem Dom in einem Lichtermeer. Die Türen öffnen sich. In der hell erleuchteten Eingangshalle stehen Männer, Frauen und Kinder. Schlanke Gestalten in wunderschönen Abendkleidern und Anzügen mit bezauberndem Lächeln auf den Gesichtern.

„Na endlich! Da sind sie!“, flüstert Valentin entzückt. „Ganz viele sogar. Und wie hübsch sie sich angezogen haben! Das wird ein Festschmaus. Lecker!“

Ohne nachzudenken, jagt er über den Domplatz, rennt in das Gebäude. Schnell muss er sein. Einen erwischen, bevor die Leute schreiend vor ihm davonlaufen. Aber niemand rührt sich. Niemand rennt weg. Alle lächeln ihn freundlich an.

„Meine Glücksnacht!“ Valentin wuschelt aufgeregt durch seinen schwarzen Haarschopf. „Ich habe freie Auswahl! Wen nehme ich? Diese süße goldlockige Dame in dem rosa Kleid oder … nein … doch lieber die Dunkelhaarige mit dem niedlichen Hut! Wer die Wahl hat ... Quatsch! Ich beiß einfach beide!“

Er muss sich recken, um den schlanken Hals der blonden Frau zu erreichen. Der Vampir schlägt seine spitzen Zähne hinein, dabei läuft ihm das Wasser im Mund zusammen. Endlich gibt es Frühstück.

Doch er hat sich verrechnet. „Aua, aua, aua! – Wie hart ist die denn?“ Wimmernd hält sich Valentin die Hand vor den Mund. „Ein Stein ist nichts dagegen! – Oh nein! Meine schönen Vampirzähne! Beide abgebrochen! Gemeinheit! Autsch! Tut das weh!“

Du hast sicher längst erraten, mit welchem Trick die Stadtbewohner Vampir Valentin hereingelegt haben, stimmt‘s?

Genau! Die schön angezogenen Leute sind natürlich keine Menschen, sondern die Schaufensterpuppen eines Kaufhauses. Die Stadtbewohner haben Valentin mit den Puppen angelockt, und in seiner Gier ist er ihnen in die Falle gegangen.

Aber was nun? Valentin hat wirklich schlimme Zahnschmerzen.

Kapitel 2 - Die abgebrochenen Zähne

„Endlich haben wir ihn erwischt, diesen fiesen Blutsauger!“, freut sich Bürgermeister Blumenkohl.

Der rundliche ältere Herr mit krausem Blondhaar und Schnurrbart schiebt den Vorhang der Umkleidekabine zur Seite. Zusammen mit seinen beiden Komplizen, dem Polizeiinspektor Grünschnabel und der Kaufhausbesitzerin Schnütgen, hatte er sich dort versteckt.  

„Ihr ward das? Boah, wie gemein von euch!“, faucht Valentin empört. „Schaut, was ihr angerichtet habt: Meine schönen Vampirzähne sind abgebrochen! Autsch! Das tut verdammt weh! Wie soll ich denn damit jemals wieder Blut saugen? Könnt ihr mir das mal verraten? Ihr seid schuld, wenn ich nun verhungere! Aber dann … dann werdet ihr mich ganz doll vermissen! – Ach, wo ist er denn nur, der Vampir Valentin von Donnersbach, der uns immer so schön gebissen hat, werdet ihr euch fragen. – Jawohl! Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt!“ Erschöpft beendet Valentin seine Schimpftirade, während er die Übeltäter zornig anfunkelt. Tränen tropfen auf sein angeschmuddeltes Hemd.

„Hm, … da muss ein … Zahnarzt ran! Pimpf könnte uns dabei eventuell … äh … behilflich sein“, überlegt Bürgermeister Blumenkohl zerknirscht.

„Aber nur, wenn der da verspricht, niemanden mehr zu erschrecken und zu beißen!“, wird er von Inspektor Grünschnabel unterbrochen.

„Richtig! Niemanden mehr erschrecken! Oder beißen … außer Wurstblut! … Äh, nein, was red ich … Blutwurst! Probier doch mal Blutwurst … von Metzgermeister Schlimmbach! … Sehr lecker“, stottert der Bürgermeister. Er hat ein schlechtes Gewissen.

Frau Schnütgen wirft einen mitfühlenden Blick auf den verheulten Vampir. „Wir wollten dir nicht wehtun. Nur ein bisschen austricksen … Und wir dachten, dass du ohne die Zähne …“ Verlegen fügt sie hinzu: „Dass du Zahnschmerzen bekommen hast, ist natürlich Pech, aber verhungern? Nein, das sollst du nicht! Zahnarzt Pimpf ist sehr nett, er kann dir bestimmt helfen.“

„Was hat der Bürgermeister eben gesagt? Blutwurst?“ Valentin wischt sich die Tränen von der Wange. „Blutwurst hört sich gut an.“ Dann stampft er mit einem Fuß auf. „Aber Zahnarzt hört sich überhaupt nicht gut an! Den könnt ihr euch in den Kirschbaum hängen!“

„Na, na, na! Benimm dich! Du hast hier überhaupt nichts zu melden! Sei froh, dass wir dich nicht sofort aus der Stadt jagen! Wenn ich bedenke, was du in der letzten Zeit hier getrieben hast! Genauso machen wir es!“ Inspektor Grünschnabel wirft Valentin einen scharfen Blick zu.

Frau Schnütgen meint: „Pimpf liegt bestimmt im Bett und schläft. Wie jeder normale Mensch um diese Uhrzeit. – Da muss eine Thermoskanne Kaffee her! Und uns wird eine heiße Stärkung nach all der Aufregung auch guttun.“

Valentins Magen knurrt. „Kaffee mit Blutwurst? Das könnte meine neue Leib- und Königsspeise werden!“

„Für Kaffee bist du viel zu klein. Du bekommst heißen Kaka…“

„Blutorangensaft!“, fällt Valentin Frau Schnütgen ins Wort. Er strahlt.

„Dann eben Blutorangensaft. – Und dein Hemd gehört in die Wäsche. Das steht ja vor Dreck. Hast du niemanden, der ein wenig auf dich achtet?“

„Nee, niemand! – Aber ich habe erst vor 35 Jahren ein sauberes Hemd angezogen“, erwidert Valentin grinsend.

Frau Schnütgen verdreht die Augen und eilt in die Kaufhausküche. „Könnte mir bitte einer der Herren helfen?“ Dem Bürgermeister drückt sie einen Korb in die Hand, und der Inspektor erhält die Anweisung, in der Lebensmittelabteilung nach Blutorangensaft und Blutwurst zu suchen.

Die ganze Stadt liegt in tiefe Dunkelheit und Schlaf gehüllt. Der Mond ist von Wolken verdeckt.

„Inspektor Grünschnabel, haben Sie eine Taschenlampe dabei?“, fragt Bürgermeister Blumenkohl. 

„Selbstverständlich! Die gehört zur Standardausrüstung der Polizei“, erwidert der Inspektor. Er kramt eine Lampe aus der Tasche seiner Polizeiuniform und knipst sie an.

„Danke! Und rufen Sie doch bitte in der Zentrale an, damit die Straßenbeleuchtung wieder eingeschaltet wird. Man erkennt ja die Hand vor Augen nicht“, meint der Bürgermeister.

Bis zum Haus von Zahnarzt Pimpf sind es nur wenige Minuten. Vor einem gepflegten Fachwerkhaus bleibt Inspektor Grünschnabel stehen und leuchtet auf das Klingelschild neben der Eingangstür.

„Wir sind da. Soll ich …?“

„Vielleicht warten wir noch ein wenig“, sagt Valentin zitternd. „Ich war schon mal beim Zahnarzt. Vor ungefähr hundertfünfzig Jahren. Der hatte eine rostige Zange, mit der er den Leuten Zähne gezogen hat. – Ich will nicht! Tut auch gar nicht mehr weh!“

„Was für ein Quatsch!“, sagt Frau Schnütgen und drückt unbeirrt auf die Türklingel. „Rostige Zange? Solche Zahnärzte sind ausgestorben wie die Dinosaurier.“ Sie lacht: „Heutzutage arbeiten die Zahnärzte mit netten, blitzsauberen Geräten, einem Sessel, auf dem die Patienten gemütlich hoch- und runtergefahren werden und Spritzen, damit …“

„Spritzen?“, kreischt Valentin entsetzt und will sich aus dem Staub machen.

Doch Frau Schnütgen erwischt ihn gerade noch an seinem Vampirumhang. „Spritzen, damit es nicht wehtut! Du brauchst keine Angst haben!“, flüstert sie sie ihm ins Ohr.

In diesem Augenblick geht die Tür auf.

„Was ist denn das für ein Krach, mitten in der Nacht?“, schimpft Zahnarzt Pimpf. Verschlafen reibt er sich die Augen. „Ach, Herr Bürgermeister, Sie sind es. – Haben Sie den Vampir geschnappt?“

„Tja, geschnappt schon. Aber wir haben da ein kleines Problem.“ Bürgermeister Blumenkohl schiebt Valentin zur Tür. „Schauen Sie selbst, Herr Doktor, es handelt sich bei dem Vampir um einen kleinen Jungen. Er hat sich an den Schaufensterpuppen beide Vampirzähne abgebrochen und hat Schmerzen. Er braucht Ihre Hilfe.“

„Wie bitte?“ Doktor Pimpf setzt überrascht seine Brille auf die Nase und mustert Valentin.

„Hallo? Klein? Kleiner Junge? Ich? Der große Vampir Valentin aus dem Geschlecht der Donnersbacher? Frechheit!“  Vor Empörung und Zahnweh laufen Valentin erneut Tränen über die Wangen.

Frau Schnütgen schüttelt nachsichtig den Kopf und findet: „Jetzt ist es aber genug, mein Kleiner. Alle wollen dir nur helfen.“ An Zahnarzt Pimpf gewandt sagt sie: „Der kann doch nicht viel älter als zehn oder elf sein.“

 

„264 dreiviertel Vampirjahre, um genau zu sein!“, erwidert Valentin würdevoll. Dann heult er: „Aua, aua, aua! Das tut weh!“

„Herr Doktor, können wir bitte hineingehen? Der Vampir hat Schmerzen, und ich friere in der Eiseskälte langsam fest.“ Frau Schnütgen wird ungeduldig.

Sie folgen Zahnarzt Pimpf die Treppe hinauf zur Praxis in den ersten Stock.     

„Dann wollen wir uns das einmal genauer anschauen, junger Mann. Nimm Platz und mach den Mund weit auf. Genau! So ist es sehr gut“, sagt der Doktor. Er runzelt die Stirn. „Auweia! Schlimm!“

Valentin versinkt fast in dem großen Behandlungssessel. „Wie schlimm ist es denn?“, haucht er.

Zahnarzt Pimpf schaut ihn mitleidig an. „Ziemlich schlimm. Die Eckzähne müssen gezogen werden.“

„Macht nichts“, meint Bürgermeister Blumenkohl. „Wir haben uns darauf geeinigt, dass bei dem Vampir in Zukunft nur noch Blutwurst und heißer Blutorangensaft auf dem Speiseplan stehen. Also ziehen Sie, Doktor.“

„Hm, nur noch Blutwurst, sagen Sie? Wenn das so ist, dann könnte ich die Zähne auch abschleifen und ihm zwei hübsche Goldkronen machen“, gibt Zahnarzt Pimpf zu bedenken.

Valentin strahlt: „Goldkronen? Die will ich!“

„Auf keinen Fall! Das kommt überhaupt nicht in Frage!“ Inspektor Grünschnabel ist entsetzt. „Damit du weitermachen kannst wie bisher, was! Nein, nein! Keine Goldkronen!“

„Und wenn ich euch verspreche, … euch das große … das allergrößte aller Vampirehrenworte gebe, dass ich nur noch Blutwurst esse und Blutorangensaft trinke und nur noch so ein kleines bisschen zum Vergnügen herumgeistere, ohne zu beißen? Darf ich dann die Goldkronen haben, ja? Bitte!“, schmeichelt Valentin aufgeregt.

Es entbrennt eine hitzige Diskussion, bei der alle durcheinanderreden.

Inspektor Grünschnabel ruft ärgerlich: „Keiner von uns weiß, was das Ehrenwort dieses Vampirs wert ist! Vielleicht hat er es in hundert Jahren wieder vergessen, und alles geht von vorne los …“

„Ja, wo kommen wir denn dahin, wenn ein Ehrenwort angezweifelt wird“, fällt ihm Zahnarzt Pimpf aufgeregt ins Wort.

Der Bürgermeister zwirbelt an seinem Schnurrbart und rauft sich das krause Blondhaar. Valentin zappelt auf dem Behandlungsstuhl herum und hört mit großen Augen dem Streit zu.

„Ruhe!“, ruft Frau Schnütgen entschlossen. „Ich sage euch: Dieser Junge ist ein ehrenwerter Vampir. Ich vertraue auf sein Wort!“ Sie funkelt Valentin an. „Und er bekommt es mit mir zu tun, wenn er vergessen sollte, was er uns versprochen hat.“

„Gut!“, sagt Bürgermeister Blumenkohl nach einigem Zögern. „Schleifen Sie, und fertigen Sie zwei goldene Zahnkronen an, Doktor. Ich übernehme die Verantwortung.“

Kapitel 3 - Gummibärchen und Pizza

„Ich krieg zwei Kronen, aus purem Gold zwei Kronen! Juhu!“ Jubelnd hopst Valentin durch den Behandlungs-raum. „Dann habe ich bald einen echten Goldschatz im Mund! Toll!“ Valentin umarmt Bürgermeister Blumenkohl und Frau Schnütgen.

Aber die Freude ist leider nur von kurzer Dauer, denn Zahnarzt Pimpf zieht die Spritze auf und sagt: „Setz dich bitte und mach den Mund auf. Gleich kommt ein kleiner Piks. Aber keine Sorge, er tut nicht weh. Und danach spürst du nichts mehr!“

Nach einer kurzen Wartezeit nimmt der Doktor einen zierlichen Bohrer zur Hand. Er nickt Valentin aufmunternd zu und beginnt mit dem Abschleifen der Zähne.

Verwundert hält er inne. „Bemerkenswert! Wussten Sie, dass Vampirzähne aus Elfenbein bestehen? Eine Sensation!“

„Weiß doch jeder“, nuschelt Valentin. „Mach weiter Doktor, damit wir bald fertig sind.“

Nur noch das durchdringende Kreischen des Bohrers ist zu hören. Als Zahnarzt Pimpf fertig ist, sagt er: „Jetzt mache ich den Abdruck.“

„Was für einen Abdruck?“, fragt Valentin neugierig.

Pimpf schiebt ihm einen rosafarbenen Knödel in den Mund. „Da beißt du jetzt drauf. Deine Zähne drücken sich darin ab, und ich sehe genau, wie groß die Kronen werden müssen.“

Beißen? Darin ist der kleine Vampir Spezialist. Außerdem knurrt sein Magen immer noch. Hungrig beißt er in die rosa Kunststoffmasse und verzieht das Gesicht. Lecker ist anders.

„Guck nicht so. Das muss während der nächsten fünf Minuten in deinem Mund bleiben.“ Zahnarzt Pimpf gähnt verstohlen und meint: „Einen Kaffee könnte ich jetzt gut gebrauchen.“

„Kommt sofort!“ Frau Schnütgen sucht im Picknickkorb nach der Thermoskanne und reicht eine Tasse mit dampfend heißem Kaffee zu Zahnarzt Pimpf herüber.

Nachdenklich schiebt der Doktor seine Brille auf die Stirn. „Also, dass mal ein waschechter Vampir auf meinem Behandlungsstuhl sitzt, … nein … das hätte ich mir niemals …“ Er leert die Tasse mit einem Schluck. „Es geht weiter.“ Vorsichtig entfernt Zahnarzt Pimpf den hart gewordenen Kunststoff und eilt in seine Zahnwerkstatt.

„Sag mal, Valentin, wie machst du das eigentlich, dich nachts heimlich in die Stadt zu schleichen?“, erkundigt sich Polizeiinspektor Grünschnabel interessiert und schenkt drei Tassen Kaffee ein. Eine reicht er Frau Schnütgen, die zweite ist für Bürgermeister Blumenkohl. „Saft?“, fragt er.  

Valentin nickt und erhält eine Tasse mit heißem Blutorangensaft.

„Dich hat noch nie jemand dabei beobachtet. Gibt es einen Geheimgang oder so was Ähnliches?“

„Geheimgang? Nee, du!“ Valentin lacht: „Ich bin doch ein Vampir! –  Na? Und? Was können Vampire?“ 

Ratloses Schweigen.

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