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Der kleine Inselladen: Teil 1 – Neubeginn am Meer

Über Fenna Janssen

Fenna Janssen wurde in Lübeck geboren und wuchs in Hamburg auf. Viele Jahre war sie als Journalistin für diverse Zeitungen tätig. Inzwischen arbeitet sie erfolgreich als Autorin und bleibt auch in ihren Büchern ihrer norddeutschen Heimat treu.

Informationen zum Buch

Spitzenköchin Jette eilt auf die Nordseeinsel Spiekeroog, um ihrer Großmutter beizustehen. Dort ist sie entsetzt über den Zustand von Großmutters altem Tante-Emma-Laden. Als sie dann noch auf Benno trifft, wird es kompliziert.

Er war einst ihre erst große Liebe. Jette muss sich fragen, ob sie noch Gefühle für ihn hegt.

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1. Kapitel

»Hallo Schatz«, sagte Jette und wischte sich mit einem Geschirrtuch über die Stirn. »Ist ein schlechter Moment.«

»Das ist es bei dir ja meistens.« Roberts Stimme klang leicht verzerrt durch das Smartphone, was jedoch auch am Brodeln, Köcheln und Dampfen um sie herum liegen mochte. »Aber diesmal kann es nicht warten. Ich werde befördert!«

Vor Schreck ließ Jette ihr schärfstes Messer auf das Schneidebrett fallen. Das Stück Thunfischfilet, das sie in dünne Scheiben schnitt, wurde in der Mitte aufgespießt, und als das Messer zur Seite kippte, klaffte ein Loch darin. Den konnte sie jetzt nicht mehr gebrauchen. Seufzend legte Jette das Filet beiseite.

Ihr passierte nur höchst selten ein Ungeschick in der Küche, und das wurde im italienischen Sternerestaurant »La Luna« auch nicht anders erwartet. In dem gut besuchten Lokal, nur einen Steinwurf entfernt vom Englischen Garten in München, arbeiteten nur absolute Spitzenköche, und Jette von Straten war stolz darauf, dass sie seit drei Jahren zur Mannschaft gehörte. Ihr Chef Pasquale Battelli hatte sie von Anfang an gefördert, aber wenn sie noch mehr von dem kostbaren japanischen Thunfisch verdarb, würde sie bald unten durch sein. So jovial Pasquale sich gern den Gästen gegenüber gab, so fröhlich er in seiner TV-Kochshow wirkte – Mitarbeiter, die Fehler machten, wurden bei ihm schneller gefeuert als sie einen schwarzen Trüffel kleinhobeln konnten.

»Bist du noch dran?«, fragte Robert mit jenem Hauch von Gereiztheit, der seit einiger Zeit einfach nicht mehr aus seiner Stimme verschwinden wollte.

»Entschuldigung, ja.« Jette überlegte, ob sie gefahrlos den Pistazienmantel für die Thunfischscheiben vorbereiten konnte, während sie telefonierte. Aber dann beschloss sie, lieber schnell das Gespräch mit Robert zu führen und sich dann wieder mit voller Konzentration ihrer Arbeit zu widmen.

Wenn Pasquale sie mit dem Smartphone in der Hand erwischte, war ohnehin die Hölle los.

»Du wirst befördert«, presste Jette hevor. Ihr Herz geriet aus dem Takt, und sie musste sich mit der freien Hand an der Kante der Arbeitsfläche festhalten.

Plötzlich war er da, der Moment, vor dem sie sich seit mehr als einem Jahr fürchtete. Seit dem Tag, an dem Robert in einem ungewohnten Anfall von Abenteuerlust seine Stellung bei der Stadtsparkasse in München aufgegeben hatte, um für eine Privatbank aus Monaco zu arbeiten.

»Stell dir vor«, hatte er damals gesagt. »Mit etwas Glück könnte ich eines Tages im Fürstentum leben, wenn dort bei der Bank eine Stelle frei wird. Wäre das nicht herrlich? Keine verregneten Sommer und keine kalten Winter mehr, nur noch Sonne, schöne Menschen und leckere französische Küche.«

Jette mochte das Münchener Wetter eigentlich ganz gern, obwohl ihr manchmal der frische Wind über der Nordsee fehlte, ebenso wie der endlose Himmel ihrer flachen Heimat. Besonders an die Berge hatte sie sich noch immer nicht gewöhnt. Es war schwierig, wenn der Blick ständig gegen einen Gipfel knallte, anstatt frei in die Ferne zu schweifen. Die Leute hier fand sie eigentlich nicht besonders hässlich, nur der bayerische Dialekt bereitete ihr auch nach zehn Jahren noch immer Schwierigkeiten. Und die gehobene italienische Küche war ihr allemal lieber als französische Froschschenkel oder ähnliches Zeug. Da war sie stellvertretend für ihren Chef ganz italienisch-patriotisch. Aber sie hütete sich, ihre Meinung laut kund zu tun. Schließlich liebte sie Robert, und außerdem war eine Versetzung nach Monaco ja doch mehr als unwahrscheinlich, das jedenfalls sagte sie sich beides täglich aufs Neue.

Irrtum. Nun hatte sie den Salat. »Mit Stückchen von kalten Froschschenkeln an Vinaigrette, bestimmt.«

»Was hast du gesagt?« Roberts Stimme klang um einiges gereizter.

»Äh – nichts.« Sie wusste, jetzt wäre Jubel angebracht gewesen, aber sie hatte plötzlich einen Kloß im Hals. Jetzt mach mal halblang, versuchte Jette sich zu beruhigen. Eine Beförderung hatte gar nichts zu bedeuten. Bestimmt musste Robert noch viele Sprossen auf der Karriereleiter erklimmen, bevor er an eine Versetzung ins sonnige Montecarlo überhaupt denken konnte.

Eine dumpfe Ahnung jedoch sagte ihr, dass die Dinge anders lagen, dass Robert womöglich schon bald wegziehen würde. Weg von München, weg von ihr. Sie versuchte, zu ergründen, was sie dabei empfand, aber außer einer diffusen Angst vor einsamen Nächten fand sie vorerst nichts.

»Jette, hallo? Bist du noch dran? Was sagst du denn dazu?«

»Das ist toll!« Sie stellte auf Lautsprecherfunktion und legte das Smartphone auf einen sauberen Teller. Dann schnappte sie sich einen langen Holzlöffel und rührte in dem großen Topf mit Nudelsoße für das zweite Gericht, für das sie an diesem vorletzten Montagabend im April zuständig war: Tagliolini mit Pfifferlingen, Petersilie und Kalbsjus. Die Soße konnte nicht warten.

»Du freust dich ja gar nicht.« Robert klang richtig sauer.

Jette sah auf und bemerkte, wie Marie, ihre Kollegin und beste Freundin, mit dem Daumen über die eigene Kehle fuhr.

Upps! Gefahr im Anflug. Schätzungsweise in Gestalt von Pasquale.

»Doch, und wie!«, sagte sie schnell zu Robert. »Ich freue mich sehr für dich.«

»Hörst dich aber nicht so an.«

»Schatz, mein Chef kommt. Und wenn ich nicht in den nächsten zwanzig Sekunden meinen Job verlieren will, muss ich auflegen. Wir reden morgen, okay?«

Der frühe Vormittag war die einzige Zeit des Tages, in der sie einigermaßen entspannt zusammen sein konnten. Obwohl Jette von einer langen Nacht im »La Luna« oft noch übermüdet war, zwang sie sich, jeden Morgen um sieben aufzustehen, um mit Robert anderthalb Stunden zu verbringen, bevor er in die Bank musste.

Wenn er abends heimkam, war sie schon längst wieder bei der Arbeit.

Wie eine Beziehung auf Dauer so funktionieren konnte, war ihnen inzwischen beiden ein Rätsel, aber Jette ahnte, Robert wollte es lieber nicht wahrhaben, genauso wenig wie sie selbst.

Tja, dachte sie jetzt. Der sucht lieber das Weite.

»Bis morgen«, sagte sie noch und konnte regelrecht hören, wie ihr Freund beleidigt die Mundwinkel herabzog. Schließlich kannte sie ihn seit drei Jahren und wusste ziemlich genau, wie er tickte. Abgesehen von seinen fürstlichen Flausen war Robert das Paradebeispiel eines strebsamen und ernsthaften Norddeutschen. Auch ein bisschen dröge, wie man im Norden sagte, was nicht nur trocken bedeutete, sondern auch: ein wenig langweilig und nicht gerade humorvoll. Aber seine absolute Zuverlässigkeit machten diese kleinen Fehler Jettes Meinung nach zu hundert Prozent wieder wett. Sie hatte mit ihm das große Los gezogen, und Zweifel waren nicht geduldet. Mit Anfang dreißig und nach einigen Fehlversuchen musste eine Frau schließlich wissen, wohin sie gehörte. Und Robert war schnell beleidigt. Ein Sensibelchen eben. Da musste sie aufpassen.

Sie hatten sich in einer Schwabinger Kneipe an einem Stammtisch kennengelernt, der den griffigen Namen »Fischköpfe im Lederhosenland« trug, wo sich norddeutsche Zuwanderer einmal im Monat über ihren Kulturschock auslassen konnten. Und Robert Stelling war mit seiner mittleren Größe und dem raspelkurzen schwarzen Haar zwar nicht das Ebenbild eines Hanseaten, aber er sprach mit plattdeutschem Einschlag, er lachte über dieselben Witze wie Jette und schwärmte von einer leckeren panierten Nordseescholle.

Jette hatte zu der Zeit unter einem lang anhaltenden Anfall von Heimweh gelitten. Weniger nach Hamburg, wo sie aufgewachsen und zur Schule gegangen war, sondern nach der Nordseeinsel Spiekeroog, wo ihre heißgeliebte Oma Tilde lebte und wo sie als Kind in den Ferien so glücklich gewesen war, wie sie es in der feinen Villa ihrer Eltern in Hamburg-Blankenese niemals hatte sein können. Die Insel, das wusste sie, seit sie in München lebte, war ihre wahre Heimat. Wenn jemand sie aufforderte, doch mal von zu Hause zu erzählen, erwähnte sie selten ihre Eltern oder Hamburg, konnte sich dafür stundenlang über Spiekeroog auslassen, über das Wattenmeer und die Salzwiesen, über die Lachmöwen und die Brandgänse, über die Fischer und die Geschäftsleute, die den Touristen das Geld aus der Tasche ziehen konnten, wie einst die Strandräuber dem Meer seine Schätze abgerungen hatten.

Aber vor allem erzählte sie von Tilde, dieser starken Frau, die vor fünfzig Jahren ihrer großen Liebe Hinnerk Eriksen auf die Insel gefolgt und für immer geblieben war. Selbst nach dem viel zu frühen Tod ihres Mannes. Aus dem Nichts hatte sie einen kleinen Laden aufgebaut, in dem es von Angelhaken über Dosenpfirsiche bis hin zu Lockenwicklern so ziemlich alles zu kaufen gab, was man sich nur vorstellen konnte. Sie hatte ihre Tochter Martha allein großgezogen und ihr die Liebe zur Insel täglich eingetrichtert.

Bloß war sie damit gescheitert. Martha hatte es gar nicht abwarten können, von dort wegzukommen. Nach Hamburg, in die große weite Welt. Erst bei ihrer Enkelin war Tildes Heimatverbundenheit auf fruchtbaren Boden gestoßen. Und wenn es nach Jette gegangen wäre, dann wäre sie für immer dort geblieben. Jedenfalls bis sie so fünfzehn, sechzehn war. Später zog es auch sie fort, doch seitdem, seit mehr als zwanzig Jahren, hatte sie immer dieses seltsame Gefühl, dass etwas fehlte, dass sie nicht vollständig war. Zugleich konnte sie sich ein Leben auf der Insel schon längst nicht mehr vorstellen. Alles erschien ihr dort so klein, so eng. Jette musste sich eingestehen, dass sie sich inzwischen zu weit von Spiekeroog entfernt hatte. Diese Entfernung maß sich nicht nur in Kilometern, sondern auch in Lebenserfahrung, in Gewohnheiten.

In Tildes kleinem Inselladen hatte Jette schon als Kind gern hinter dem Tresen gestanden, auf einem Hocker, weil sie so klein war und auch nie wirklich groß werden sollte. Sie hatte die gutmütigen Sprüche der Kundinnen ertragen, die sich über diese lütte Deern mit den dunklen Augen und braunen Haaren wunderten, die in einer Familie von großen, blonden Menschen aus der Art geschlagen war. Und dann hatte sie Mehl abgewogen, Eier gezählt und Zucker in dreieckige braune Tütchen gefüllt.

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