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Der kleine Blumenladen zum Glück / Sommer im kleinen Blumenladen

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Der kleine Blumenladen zum Glück
  7. Widmung
  8. Prolog
  9. Kapitel Eins
  10. Kapitel Zwei
  11. Kapitel Drei
  12. Kapitel Vier
  13. Kapitel Fünf
  14. Kapitel Sechs
  15. Kapitel Sieben
  16. Kapitel Acht
  17. Kapitel Neun
  18. Kapitel Zehn
  19. Kapitel Elf
  20. Kapitel Zwölf
  21. Kapitel Dreizehn
  22. Kapitel Vierzehn
  23. Kapitel Fünfzehn
  24. Kapitel Sechzehn
  25. Kapitel Siebzehn
  26. Kapitel Achtzehn
  27. Kapitel Neunzehn
  28. Kapitel Zwanzig
  29. Kapitel Einundzwanzig
  30. Kapitel Zweiundzwanzig
  31. Kapitel Dreiundzwanzig
  32. Kapitel Vierundzwanzig
  33. Kapitel Fünfundzwanzig
  34. Kapitel Sechsundzwanzig
  35. Kapitel Siebenundzwanzig
  36. Kapitel Achtundzwanzig
  37. Kapitel Neunundzwanzig
  38. Kapitel Dreißig
  39. Kapitel Einunddreißig
  40. Kapitel Zweiunddreißig
  41. Kapitel Dreiunddreißig
  42. Kapitel Vierunddreißig
  43. Epilog
  44. Danksagung
  45. Sommer im kleinen Blumenladen
  46. Widmung
  47. Prolog
  48. Kapitel Eins
  49. Kapitel Zwei
  50. Kapitel Drei
  51. Kapitel Vier
  52. Kapitel Fünf
  53. Kapitel Sechs
  54. Kapitel Sieben
  55. Kapitel Acht
  56. Kapitel Neun
  57. Kapitel Zehn
  58. Kapitel Elf
  59. Kapitel Zwölf
  60. Kapitel Dreizehn
  61. Kapitel Vierzehn
  62. Kapitel Fünfzehn
  63. Kapitel Sechzehn
  64. Kapitel Siebzehn
  65. Kapitel Achtzehn
  66. Kapitel Neunzehn
  67. Kapitel Zwanzig
  68. Kapitel Einundzwanzig
  69. Kapitel Zweiundzwanzig
  70. Kapitel Dreiundzwanzig
  71. Kapitel Vierundzwanzig
  72. Kapitel Fünfundzwanzig
  73. Kapitel Sechsundzwanzig
  74. Kapitel Siebenundzwanzig
  75. Epilog
  76. Danksagung

Über dieses Buch

Der kleine Blumenladen zum Glück
Manchmal muss man alles hinter sich lassen, um sein wahres Glück zu finden.

Elly Jordan hat sich einen Traum erfüllt: Noch vor zwei Jahren stand die junge Frau vor den Scherben ihres Lebens, als sie ihren Mann mit einer anderen im Bett erwischte. Von heute auf morgen brach sie alle Zelte ab. Nun ist Elly Inhaberin einer exquisiten Blumenhandlung in St. Louis, täglich umgeben von den schönsten Blumenbouquets, herrlich duftenden Freesien und farbenfrohen Tulpen. Da schlägt sie sich gerne mit Brautzillas und deren hysterischen Müttern herum. Sie ist aufgeblüht, und abgesehen von ihrem unerzogenen Schäferhund und ihrer patzigen Angestellten ist ihr Leben ziemlich perfekt. Und dann ist da noch Ellys neuer Nachbar, ein unverschämt gutaussehender Musiker, der ein Auge auf ihre Kurven geworfen hat. Doch gerade als sie denkt, dass sie ihre Vergangenheit hinter sich gelassen hat, findet sie heraus, dass hinter ihrem lukrativsten Hochzeitsauftrag mehr steckt, als ihr lieb ist …

Eine irrwitzige romantische Komödie voll Herz, Humor und Blumen.

Dieses Buch ist bereits in einer früheren Ausgabe unter dem Titel »Erst die Liebe, dann das Vergnügen« erschienen.

Sommer im kleinen Blumenladen

Hochzeitsfloristin Elly Jordan hat ein turbulentes Jahr hinter sich: Erst durfte sie die Hochzeit ihres Exmannes mit seiner ehemaligen Affäre, wegen der sie sich getrennt hatten, ausstatten. Dann hat sie auch noch mit dem heißesten Musiker von St. Louis Schluss gemacht. Seitdem sind drei Monate vergangen und Elly ist bestens auf die kommende Hochzeitssaison vorbereitet, denn die verspricht die beste in ihrem ganzen Leben zu werden. Beruflich läuft es sogar so gut, dass sie darüber nachdenkt, noch ein edles Blumengeschäft zu eröffnen. Sie steht kurz davor, den Auftrag für die Promihochzeit des Jahres an Land zu ziehen, als ein unerwarteter Besucher in ihr Leben tritt …

Dieses Buch ist bereits in einer früheren Ausgabe unter dem Titel »Wer nicht liebt, der nicht gewinnt« erschienen.

eBooks von beHEARTBEAT - Herzklopfen garantiert.

Über die Autorin

Colleen Oakes schreibt Jugend- und Erwachsenenbücher. Sie lebt mit Mann und Sohn im Norden von Denver. Wenn sie nicht gerade damit beschäftigt ist neue Bücher zu schreiben, geht sie gerne schwimmen oder auf Reisen.

Besuchen Sie Colleen auf ihrer Homepage: www.colleenoakes.com.

Colleen Oakes

Der kleine
Blumenladen
zum
Glück


Sommer
im kleinen
Blumenladen

Aus dem amerikanischen Englisch
von Isabell Lorenz

Der kleine Blumenladen zum Glück

 

Für meine Eltern Ronald und Tricia McCulley,
die ihre Kinder stets ermutigten,
sich in alle nur möglichen Richtungen zu entwickeln,
ganz gleich, wie seltsam sie sein mochten.

Prolog

Georgia, zwei Jahre zuvor. Tagesanbruch.

Der frühe Morgen widerte Elly an.

Das immerhin ist normal.

Ihr Lenkrad roch nach saurer Milch und verfaulten Freesien.

Igitt! Das ist nicht normal.

Durch die schmutzige Windschutzscheibe sah sie die schleichenden Finger der Morgenröte Besitz vom Horizont ergreifen. Helle Sonnenstrahlen näherten sich langsam ihrem Auto, brachen durch das schmuddelige Glas und verwandelten ihre dunklen Ledersitze in blendende Spiegel von Licht, das ihren geschwollenen Augen wehtat.

Elly verabscheute die Morgendämmerung. Die zirpenden Insekten, den dunstigen Frühnebel. Dabei drehte sich ihr der Magen um. Und ausnahmsweise einmal hatte der Gedanke an Essen für sie nichts Verführerisches. Sie presste die Stirn an das stinkende Lenkrad und stöhnte. Einen Tag war es erst her, einen einzigen grottenschlechten, lausigen Tag, seit sich ihr ganzes Leben aufgelöst hatte. Und jetzt saß sie in ihrem Auto und hatte einen Nervenzusammenbruch.

Schon jetzt war es unerträglich heiß. Die gleißende Sonne Georgias reckte sich verstohlen über die Nesselbäume, die ungerührt standhielten, während eine leichte Brise an ihrem Laub rüttelte. Ellys Augen brannten von der Sonne und von den hysterischen Tränen, die sie in der Nacht zuvor vergossen hatte. Jetzt waren sie dankbar für die Luftfeuchtigkeit. Zwölf Stunden am Stück hatte Elly geweint, hatte eine ganze Flasche Wein getrunken und ein Bild zerstört. Und nun saß sie hier, in ihrem Auto, und schwitzte.

Etwas Stärkeres als Wut erfüllte sie, etwas Beklagenswerteres als Traurigkeit. Elly atmete aus, spürte den Atem aus ihren Lungen stolpern, ganz dünn nach dem stundenlangen Heulen. Sie verabscheute ihr trauriges kleines Leben. Verabscheute, was sie am gestrigen Tag geworden war. Verabscheute den Mann, der ihr Ehemann war. Ihr Ehemann gewesen war. Wieder stöhnte sie. Sie verabscheute die aufgezwungene Erkenntnis, dass alles, was sie von ihrem Leben geglaubt hatte, eine Lüge war.

Aber im Moment verabscheute sie noch mehr, dass sie schwitzte. So oft schwitzte sie.

Seufzend drehte sie den Schlüssel im Anlasser, und der spielzeuggroße Motor ihres Toyota Tercel heulte auf. Nach dem Ansturm sengender Hitze wehte ihr jetzt kühle Luft ins Gesicht und trocknete die Mischung aus Schweiß und Tränen auf ihren Wangen. Die Hitze wich zurück, und sie konnte etwas klarer denken.

Sie betrachtete das Gepäck auf dem Rücksitz. Ein riesiger Koffer mit orangefarbenen und blauen Bändern am Griff, ein paar Plastiktüten mit Haarpflegeprodukten und Make-up, eine Kühltasche mit Äpfeln und Sandwiches. Eine blöde Wahl, wenn sie jetzt darüber nachdachte. Und dann noch ihr spitzenbesetztes Hochzeitskleid, das zerknautscht in der Ecke lag. Elly schürzte die Lippen, schnellte herum und ließ den Kopf wieder aufs Lenkrad sinken. Darüber wollte sie nicht nachdenken. Nicht jetzt. Später würde sie sich einen Therapeuten suchen, mit dem sie über das Kleid reden könnte.

Nervös schaute Elly auf die Uhr. Sie wusste, was sie tun sollte. Sie sollte zur Arbeit fahren. Sie sollte mit ihrem Boss Jeff reden, der sich ständig in der Magengegend am Oberhemd zupfte. Sie sollte ihre beste Freundin Cassie anrufen und sie überreden blauzumachen. Zusammen würden sie weinen. Nein, Elly würde weinen. Und sie würden wieder und wieder über diesen Moment reden, diesen schrecklichen Moment. Die Treppenstufen knarren. Eine Hand umklammert weiße Laken. Der Moment, in dem ich meinen Mann daliegen sehe, er und eine andere, ineinander verschlungen. Verzückt starrt er diese andere an. Cassie und sie würden Eiskrem essen, bis sie sich vor lauter verausgabten Gefühlen und Milchzucker nicht mehr rühren könnten.

Cassie würde so tun, als hätte sein Seitensprung sie überrascht. Sie würde darauf beharren, dass Elly zum Haus zurückstürmte und von ihm verlangte, er solle verschwinden. Elly unterdrückte ein Schluchzen. Das Haus verlangen. Treue verlangen. Liebe verlangen und auf einem Friedhof ganz hinten in ihrem Bewusstsein begraben, was geschehen war. Nie wieder davon sprechen.

Ja, das hörte sich toll an. Aber ehe diese Auseinandersetzung stattfinden könnte, müsste sie den Kopf vom Lenkrad lösen. Und dazu schien ihr Hals im Moment nicht in der Lage zu sein. Sie konnte sich nicht mehr rühren. Jetzt nicht und nie wieder.

Als sie eine Tür zuschlagen hörte, riss sie den Kopf hoch. Ihre Nachbarin Jen brachte ihren Sohn zur Schule. Jen schien verwirrt darüber, dass Elly reglos in ihrem Auto saß, trotzdem winkte sie freudig. Elly verdrehte die Augen und hob kraftlos die Hand. Voller Selbstmitleid empfand sie nichts als Hass auf Jen, die eigentlich ein netter Mensch war. Ja, tu nur so, als wäre nichts passiert. Tu nur so, als hättest du mich nicht bis zum Sonnenaufgang wie eine Todesfee kreischen und heulen hören. Tu nur so, als wäre es total normal, wenn ich um sechs Uhr morgens in meinem Auto sitze, mit einer Kühltasche voller Roastbeef und mit Selbstmordgedanken.

Jens weizenblonder kleiner Sohn kletterte auf den Rücksitz des Autos, und fürsorglich schnallte seine Mutter ihn an.

Tränen, von denen Elly gar nicht gewusst hatte, dass sie noch in ihr waren, überfielen sie ganz plötzlich. Ihr blieb keine Zeit, sich dagegen zu wappnen. Ein Jaulen, ein unweibliches, unattraktives Heulen entschlüpfte ihrem Mund, und sie überließ sich der Flut der Tränen. Kummer breitete sich vor ihr aus wie ein Ozean.

Ihre perfekte Zukunft, ihr imaginäres Kind, ein kleiner Junge, der fröhlich auf seinen Autositz kletterte, war nicht mehr. Diese Zukunft lag nicht in diesem Haus, das sie für genau diesen Zweck gebaut hatte. Diese Zukunft gab es nicht mit diesem Mann, dem sie so sehr vertraut hatte, mit diesem Mann, der ihre Träume Wirklichkeit werden lassen sollte. Ihre Zukunft gab es auch nicht in dem Büro, in dem sie jahrelang gearbeitet hatte, in dem sie fröhlich mit Freundinnen über die Liebe ihres Lebens getratscht hatte. Diese Zukunft gab es nicht in dem Park, wo sie sich schon mit dem Kind im Buggy gesehen hatte, ihren Künstler-Ehemann an ihrer Seite. Ihr Leben, wie sie es sich erträumt hatte, war gestern implodiert. Die Scherben waren nach innen geschossen, in ihren Körper hinein, in dem Moment, als sie die beiden zusammen gesehen hatte. Dieses Leben war zerbrochen, ehe sie begriffen hatte, was passiert war.

Wie kam es, dass eine so wundervoll erdachte, so perfekt ausgeführte Liebesgeschichte so voller Fehler, so zerbrechlich sein konnte? Wie konnten, durch einen einzigen Akt, zwei Jahre Ehe bis auf den Grund niederbrennen und nur Ruß und Asche zurücklassen?

Die Zukunft, die sie sich vorgestellt hatte, war für immer verschwunden. Sie ließ sich nicht mehr reparieren.

Er hat nicht mich auserwählt.

Später würde sie übertreiben, den Leuten erzählen, es sei innere Stärke gewesen oder ihre große Überzeugung, die sie ins Unbekannte vorangetrieben hatte. Eine solche Kraft, eine solche Überzeugung hatte sie nicht. Was sie hatte, war die Verzweiflung über eine fehlende Zukunft vor sich und die völlige Vernichtung eines Traums hinter sich.

Elly schloss die Augen und hämmerte mit dem Hinterkopf gegen die Kopfstütze. Wieder sah sie die zwei vor sich. Sein Gesicht verzückt vor Freude, die grünen Augen, mit denen er die Frau auf ihm anstrahlte. Schweißperlen, die ihr das nackte Rückgrat hinunterliefen. Die feuerrote Mähne, die sich über ihren Rücken ergoss.

Wieder wollten die Tränen fallen.

Verbeiß sie dir!

Mit diesem Gedanken fällte sie die Entscheidung, drehte den Schlüssel. Immer weiter zerbrach ihr das Herz in scharfe, gezackte Scherben. Elly legte in ihrem spürbar rüttelnden Wagen den ersten Gang ein und wendete in der Sackgasse. Sie lenkte das Auto auf die Straße, die durch ihre perfekte Wohngegend führte. Dann bog sie nach Nordwesten ab und fuhr Richtung Autobahn. Sie suchte ihren Lieblingssender heraus und drehte das Radio auf volle Lautstärke. Die flüsternden Stimmen in ihrem Kopf wollte sie nicht hören. Und dann fuhr sie und fuhr und fuhr. Die seicht dahinplätschernde Musik vermischte sich mit ihren ruckartigen Schluchzern. Elly fuhr, bis die Sonne vor ihr unterging.

Sie weigerte sich zurückzuschauen.

Kapitel Eins

Clayton, Missouri. Gegenwart.
Weit nach Tagesanbruch, diesmal also zu einer zivilen Morgenstunde.

Posies, eine hochklassige Blumenhandlung im wohlhabenden Vorort Clayton, Missouri, Ecke Wydown Street, gehörte einer gewissen Elly Jordan, die das Geschäft auch führte. Wenn sie um sieben Uhr zur Stimme eines unausstehlichen Radiomoderators aufwachte und den Kopf träge aus dem Kissen hob, galt neuerdings ihr erster Gedanke der Arbeit.

So war das jetzt immer. Sie lebte und atmete für Posies. Manchmal schien es, als würde sich alles, was sie dachte oder tat, um ihren Laden drehen. Eigentlich ziemlich mitleiderregend. Nun gut, nach dem Weckruf legte sie sich normalerweise noch etwa eine Stunde zurück ins Bett. Aber irgendwann stieg sie schließlich aus ihrer sauberen kleinen Wohnung die Treppe ins Geschäft hinunter, den Schlaf noch in ihren hellblauen Augen und mit klatschenden Flipflops. Und wenn sie Licht machte, hatte sie meist noch einen getoasteten Frühstückskuchen zwischen den Zähnen.

Unweigerlich ging ihr jedes Mal das Herz auf, wenn sie sich im Geschäft umsah und sich klarmachte, dass all das ihr gehörte. Einen Moment lang genoss sie dann die warme Luft, die durch die Fenster hereinwehte, und versuchte, in einen friedlichen, Zen-ähnlichen Zustand zu kommen. Das klappte nie. Also zuckte Elly amüsiert mit den Schultern und begann trotzdem mit der morgendlichen Routine. Zuerst wurde kurz durchgeputzt. Die Fenster, der Arbeitstisch und die Eingangstür wurden abgewischt, und alles wurde an seinen Platz geräumt. Sie zog die Vorhänge etwas weiter zurück und zupfte sie forsch in Form. Dann hob sie übrig gebliebene Stängel oder fallen gelassene Blätter vom Teppichboden auf.

An diesem Morgen überzeugte sie sich außerdem davon, dass der Temperaturregler noch richtig eingestellt war, nachdem sie die Nacht tief und fest durchgeschlafen hatte. Dann schnappte sich Elly ein kleines Arrangement orangefarbener Ranunkeln und trottete zur Vordertür hinaus. Erst jetzt war sie bereit, der Welt außerhalb der Wärme und Sicherheit ihres Geschäfts gegenüberzutreten.

Sie ging ein Stück die Straße hoch und betrat Adas Café. Brita, die überzogene Barista, begrüßte sie mit mehr Sonnenschein, als Elly handhaben konnte.

»Guten Morgen, Elly!«, zwitscherte sie.

Statt einer Erwiderung nickte Elly müde und unterdrückte ein Augenrollen. Vor zehn Uhr morgens war sie einfach kein Mensch. Sie stellte die Blumen auf die Theke, wobei sie beinahe einen dampfenden Latte macchiato umwarf. Im Austausch nahm sie die Vase mit den verwelkenden Ehrenpreisblüten und Kornblumen und klemmte sie sich unter den Arm. Auf ihrer Bluse prangte ein Kaffeefleck.

Die Barista sah zu ihr herüber. »Ach, Elly! Du bist einfach zu komisch! Jeden Tag, wenn du hier reinkommst, wirfst du entweder was um oder hast einen Fleck auf der Bluse! Wie bei so einem kleinen Kind. Einfach hinreißend.«

Elly seufzte.

»Dir auch einen guten Morgen, Brita.«

Die Barista schenkte ihr ein strahlendes Lächeln. »Heiße Schokolade heute?«

Elly nickte. »Ja, bitte. Genau wie gestern … Genau wie jeden Tag.«

Amnesie, dachte Elly.

Brita strahlte sie an. »Diese Blumen sind ja sooo bezaubernd. Ich guck die so gerne an. Du musst deinen Job wirklich lieben

Elly wand sich innerlich vor Unbehagen.

»Ja, das tue ich. Aber es sind ja schließlich nicht bloß Blumen, und …«

Das Glöckchen am Eingang bimmelte, und Brita warf sich in Positur, um den Neuankömmling zu begrüßen.

»Hi! Willkommen in Adas Café!«

Elly war noch mitten im Satz und stellte plötzlich fest, dass sie kein Gegenüber mehr hatte. Sie konnte es nicht ausstehen, wenn sie so allein gelassen stehen blieb. Peinlich. Sie seufzte und sah sich in dem Café um. Dutzende Paare saßen da und genossen ihr Morgengetränk. Genau hier hatte Elly zwei Jahre zuvor ihre neue beste Freundin kennengelernt. Und genau hier hatte sie beschlossen zu bleiben. Sie atmete das üppige Aroma gerösteter Kaffeebohnen ein. Und sofort sah sie sich wieder zwei Jahre früher vor sich, an dem Tag, der ihr Leben verändert hatte. Dem Tag, an dem sie Kim kennengelernt hatte.

Genau zwei Tage nach ihrer übertrieben dramatischen Flucht aus Georgia war Elly in St. Louis angekommen – die Augen vom Weinen und Fahren geschwollen, die Haare eine Pferdeschwanzkatastrophe und innerlich völlig gebrochen. Irgendwie hatte sie den Weg in ein elegantes Café gefunden und eine heiße Schokolade mit extra Schlagsahne bestellt. Nervös hatte sie sich umgesehen. Sie wollte nur noch zurück in ihr Auto und so lange fahren, bis sie zusammenbrach. Eine hinreißende Blondine hinter der Theke starrte sie an. Verwirrung stand ihr ins hübsche Gesicht geschrieben.

»Extra Schlagsahne? Wirklich? Sie wissen schon, dass da sowieso schon Schlagsahne dabei ist, oder? Das sind gleich hundert Kalorien mehr.«

Gereizt stieß Elly den Atem aus und hörte hinter sich ein unterdrücktes Lachen. In ihrer verrückten Gemütslage würde sie jeden Streit gewinnen, und so wirbelte sie herum und fand sich einer der atemberaubendsten Frauen gegenüber, die sie je gesehen hatte.

Elly wich die Luft aus den Lungen. Langes karamellbraunes Haar mit goldenen Reflexen ergoss sich über gebräunte Schultern mit Sommersprossen. Augen so blaugrün wie Strandglas und mit dichten mahagonifarbenen Wimpern blickten aus einem makellosen Gesicht ohne Make-up. Sie war so groß und schlank wie Elly klein und, nun ja, gewissermaßen rund. Von derartiger Schönheit sofort eingeschüchtert wirbelte Elly wieder herum und spießte das Mädchen hinter der Theke mit Blicken auf.

»Haben Sie ein Problem damit? Haben Sie Probleme mit Leuten, die sich eine Extraportion Schlagsahne bestellen?«

Das Mädchen schien bestürzt.

»Nein, nein, Ma’am. Schon gut.«

Sie sah Elly mit genau dem Mitleid an, das den Rundlichen und den Schmutzfinken vorbehalten war. Elly wollte schon zum Angriff übergehen, als sie eine kühle Hand auf der Schulter spürte.

Die schöne Frau flüsterte ihr ins Ohr. »Machen Sie sich nichts draus. Das hat mit Ihnen überhaupt nichts zu tun. Ich bin jeden Tag hier, und Madame Einstein hinter der Theke kriegt immer wieder meine Bestellung durcheinander – und zwar jeden … einzelnen … Tag.«

Ellys Ärger schmolz dahin. Zum ersten Mal seit achtundvierzig Stunden lächelte sie.

Schließlich bekam sie ihre heiße Schokolade und tatsächlich auch einen Haufen gefährlich schwankende Extrasahne. Sie setzte sich an einen kleinen Tisch am Fenster. Verblüfft sah sie zu, wie sich die strahlend schöne Frau auf den Stuhl ihr gegenüber setzte, als wären sie alte Freundinnen.

»Hi, ich bin Kim«, erklärte die Fremde und streckte den Arm über den Tisch. Elly schüttelte ihr die Hand. »Ich kann diesen Laden nicht ausstehen, aber ich bin abhängig. Wenn ich nicht jeden Tag meinen Latte bekomme, leide ich wie ein Tier.«

Elly musterte ihr Gegenüber.

Schweigend rührte Kim in ihrem Getränk und war offenbar völlig unbeeindruckt davon, wie seltsam dieser Austausch war. Plötzlich lächelte sie. »Woher kommen Sie? Sie sehen aus, als hätten Sie einen ganz schön weiten Weg hinter sich.«

Als hätte man Elly daran erinnern müssen, wie sie aussah … oder wie sie sich fühlte. Hier saß sie nun also, ungewaschen, wahrscheinlich müffelnd und in grauer Jogginghose und einem knappen schwarzen Hemdchen mit einem aufgedruckten Kürbis. Die Wimperntusche hatte sich schon längst von ihren Augen verabschiedet, ihre Haare waren fettig. Ihre Flucht im Auto hatte Elly erwischt wie ein Ziegel mitten ins Gesicht.

»Ähm …« Sie brach ab und konnte nur mit Mühe die Tränen im Zaum halten. Dass dieser Moment kommen würde, war ihr klar gewesen. Lüge ich über meine Vergangenheit? Fange ich ganz von vorn an? So tun, als wäre nichts passiert? Sie machte den Mund auf, wollte schwindeln, aber stattdessen sprudelte die Wahrheit aus ihr heraus.

»Ich bin schon seit Tagen unterwegs. Ganz ehrlich, ich weiß nicht mal, welchen Wochentag wir heute haben. Mein Mann … er …« Die Tränen begannen zu fließen. Mist! »Er ist …« Sie wedelte mit der Hand, ganz aufgewühlt, brachte es nicht heraus. »Ich kann nicht drüber reden. Ich bin noch nicht so weit. Ich weiß nicht mal, was ich hier mache. Ich bin einfach weg aus Georgia. Weg von meinem Haus, meinem Job, meinen Freunden. Und jetzt bin ich hier. Keine Ahnung, was ich machen soll. Vielleicht fahre ich weiter bis nach Kalifornien oder nach Washington oder einfach über eine Klippe. Keine Ahnung.« Ein gepresstes Schluchzen brach aus ihr heraus. »Ich kann nicht mal an das denken, was ich hinter mir gelassen habe. Ich hab gedacht, wenn ich wegfahre, könnte ich vielleicht so tun, als wäre das alles gar nicht passiert. Aber mittlerweile glaube ich, das war die denkbar dümmste Entscheidung. Und dass ich nie mehr in Ordnung bringen kann, was er zerbrochen hat. Und das, was er zerbrochen hat … tja, das war ich.«

Elly bedeckte die Augen mit den Handflächen und schüttelte den Kopf. »Tut mir leid. Ich muss Ihnen ziemlich geistesgestört vorkommen.«

Als Kim antwortete, hörte Elly ein Lächeln aus ihrer Stimme heraus. »Ein bisschen. Aber bitte, erzählen Sie weiter!«

Elly war viel zu nervös, um aufzuschauen. Sie hielt den Kopf gesenkt.

»Ich bin … Nein, ich war … Sekretärin bei einem großen Speditionsdienstleister. Ich war gut in meinem Job. Persönliche Assistentin des Vorstandsvorsitzenden. Ohne mich wäre er mit ziemlicher Sicherheit nicht klargekommen. Das Gehalt war gut, ich hatte sogar bezahlten Urlaub. Ich hab auf ein hübsches kleines Haus in so einem Vorort gespart, das perfekte Plätzchen. Ich dachte, ich hätte alles, was ich wollte. Dann hab ich Aaron …« Das erste Mal seit Tagen erwähnte sie seinen Namen. Er blieb ihr in der Kehle stecken wie ein Zitronendrops. »… Aaron kennengelernt. Und er war total anders.«

Er war wie ein Licht. Ein Licht, das bis zu diesem Augenblick in mir gefehlt hat, ohne dass ich es gewusst hätte, dachte sie.

Kim nickte wissend.

»Ich hab mich verliebt, so schnell, so heftig. Ich konnte nicht mal mehr atmen. Und ich dachte, wenn ich diesen Mann nicht heirate, sterbe ich. Also hab ich ihn geheiratet. Er hat mich die Liebe zur Kunst und zu gutem Essen gelehrt. Aber vor allem habe ich ihn geliebt. Es war wie so eine große Liebesgeschichte, die man im Kino sieht. Er hat Sachen für mich gemacht. Er hat mich ermutigt, das Haus zu kaufen, und wir waren so … glücklich. Ich bin richtig übergesprudelt vor lauter Lebensfreude, ich fand es so unglaublich. Meine Freundinnen haben wohl etwas anderes gesehen. Er war immer so beschäftigt mit seiner Kunst. Und seine Erfolge, seine Probleme haben ihn so … gefühlsbetont gemacht. Jetzt komme ich mir strohdumm vor, aber …«

Kims Gesichtsausdruck wurde weicher. Sie beendete den Satz für Elly. »Sie fanden das sexy.«

Elly wurde das Herz schwer. »Ja, stimmt. Aber das war noch nicht alles. Ich fand es so wunderbar, Teil des Ausdrucks seiner Kreativität zu sein. Ich war Teil seiner Leidenschaft. Mein Job war so langweilig. Und ich war dankbar, dass er mir eine Flucht davor ermöglicht hat. Wir haben geheiratet. Er war vernarrt in meine Mutter, hat ihren Tod nicht so leicht verwunden.« Elly spürte, wie ihre Wut sich über den Tisch ergoss, bis hinaus auf die Straße. »Er war allein in seiner Kunst verwurzelt. Ich weiß, er hat mich geliebt. Also wieso hat er dann …? Ich meine, wie konnte er das tun?« Elly hielt inne. »Tut mir leid. Ich bin fix und fertig. Das war das erste Mal, dass ich mit jemandem darüber gesprochen habe. Ich fühle mich ganz schrecklich. Sie sind so ein netter Mensch. Tut mir leid, dass ich diesen ganzen Ballast auf Ihnen abgeladen habe. Sie können ruhig gehen. Ich würde das verstehen.«

Kim kniff die Augen zusammen. »Sind Sie verrückt geworden? Das ist das Aufregendste, was ich seit Langem gehört habe. Sie haben einfach alles stehen und liegen gelassen und sind aus Ihrem Leben davongefahren. Sie haben getan, woran viele von uns bloß gedacht haben, und das Gott weiß wie oft.« Kim berührte Ellys Handrücken. »Nicht, dass es unbedingt gut gewesen wäre. Es ist bloß … mutig. Die Leute hier«, erklärte sie und machte eine ausladende Geste, »sind ziemlich langweilig. Sie stecken fest in ihrem Oberschichtleben, gehen jeden Morgen Kaffee trinken, reden über Politik und sind immer alle derselben Meinung. Sie geben zu viel Geld für die Schulen ihrer Kinder aus und gehen zum Schönheitschirurgen. Sie sind der ehrlichste Mensch, der mir seit einer Ewigkeit über den Weg gelaufen ist.«

Elly lächelte zaghaft.

Der Vormittag verging schnell. Elly offenbarte Kim weit mehr von sich als je einer ihrer Freundinnen in Georgia. Und Kim erzählte ihr Geschichten, die Elly die Röte ins Gesicht trieben und sie zum Lachen brachten über die Nachbarn – die Bewohner von Clayton, diesem schicken, kleinen, fremden Vorort. Elly gönnte sich drei Tassen heiße Schokolade und Kim zwei weitere Latte macchiato, begleitet von Kürbisbrot. Als die Mittagszeit heranrollte, hatte sich Ellys Ehrgeiz, ins Vergessen zu fahren, verflüchtigt. Die Erschöpfung hatte sich ihr bis ins Mark gegraben.

»Also. Wie geht es denn jetzt weiter mit dir?«, fragte Kim.

»Keine Ahnung … Ich war unterwegs Richtung Westen. Ich dachte, da ist es bestimmt hübsch.« Elly zuckte zusammen, so dämlich klang das. Dann reckte sie die Arme über den Kopf. »Wahrscheinlich suche ich mir einfach ein Hotel, bleibe über Nacht und fahre morgen weiter.«

Rasend schnell feuerte Kim weitere Fragen auf sie ab. »Da gibt es also niemanden, zu dem du fahren kannst? Wie sieht denn dein Plan aus? Kennst du irgendwen da im Westen?«

»Keine Menschenseele. Ich dachte einfach, ich fahre, bis ich irgendwo ankomme, wo es mir gefällt.«

»Tja, wie wäre es denn mit hier?«, fragte Kim.

»Hier? Wo sind wir denn hier?«, fragte Elly zurück.

Kim grinste. »Du bist in Clayton, Missouri. Land der Hitze und der Blumen.«

»Hier?« Elly musterte die gut angezogenen Leute, die an dem glänzenden Marmortresen ihre überteuerten Getränke schlürften. »Tja … irgendwie passe ich hier wohl nicht so richtig hin«, seufzte sie. Ihr draller Körper, der die mondäne Hauptstraße hinunterwatschelte … Das sah sie einfach nicht.

»Na ja, ich irgendwie auch nicht.« Nachdenklich schaute Kim sich um.

Wie wahr, dachte Elly. Kim passte wirklich nicht hierher. Sie war angezogen wie ein Hippie. Sie trug ein hellblaues Kleid, dessen Nähte auf der Außenseite verliefen, eine teuer wirkende türkisfarbene Kette und schwarz-weiße Espadrilles. Für diesen piekfeinen Vorort ziemlich großstädtisch. Trotzdem, Elly war klar, dass schöne Menschen wie Kim überall hineinzupassen schienen. Das war so natürlich wie Lächeln. Sogar jetzt spürte sie die Blicke der Männer, die zu ihrem Tisch herüberschauten. Ein gut aussehender, wenn auch fülliger Mann mit Schürze hatte zu ihrem Tisch gestarrt, seit sie sich gesetzt hatten. Dabei hatte er erfolglos versucht, sich hinter seiner Zeitung zu verstecken.

»Was soll ich denn hier machen? Ganz ehrlich, wahrscheinlich muss ich nach Hause fahren und … darum betteln, dass ich meinen Job wiederkriege.« Sie stellte sich vor, wie sie ihrem Chef gegenübertreten müsste, der ihr ungebetene Ratschläge erteilen und einen Geschenkgutschein von Macy’s überreichen würde. Bei der Vorstellung wogte Übelkeit durch ihren Magen.

Kim runzelte die Stirn und sah ihr direkt in die Augen. »Wieso solltest du das tun? Schließlich bist du aus gutem Grund weggegangen. Du bist doch nicht zwei Tage geradeaus gefahren, bloß um jetzt wieder kehrtzumachen. Was immer du zurückgelassen hast, es hat sich nicht geändert, bloß weil du nicht mehr da bist. Wenn du jetzt wieder angekrochen kommst, landest du genau bei dem, wovor du weggelaufen bist.«

Kim schwieg einen Moment. Dann fuhr sie fort. »Und wenn das jemand weiß, dann ich. Ich hab schon so einige Männer verlassen und bin wieder zurückgegangen. Bloß dass ich dann in genau derselben Situation war und wieder fort bin. Die Zeit, die ich damit vergeudet habe, bekomme ich nie zurück. Und wenn ich daran denke, werde ich ganz depressiv. Vor allem jetzt, wo ich mit einem wunderbaren Mann verheiratet bin.« Kim hatte sich in Schwung geredet und wurde von Minute zu Minute lauter. Wild fuchtelte sie mit den Händen herum. Elly wäre am liebsten im Boden versunken.

»Dein Herz ist gebrochen, Elly. Das sehe ich in deinem Gesicht, und ich höre es in deiner Stimme. Und ich weiß ja, wir kennen uns überhaupt nicht, aber ich hab da so ein Gefühl, als würdest du hierher gehören … genau hierher, in dieses alberne Café.«

Sie kicherte, aber dann wurde sie ernst. »Heute Morgen bin ich aufgewacht und habe gespürt, dass etwas Wichtiges passieren würde. Ich hab gesehen, wie du diese Barista angefaucht hast. Und auf einmal hab ich gespürt, dass du Teil meines Lebens werden würdest. Ein absolut seltsames Gefühl. Ich bin nicht der Mensch, der normalerweise an Zeichen glaubt. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass ich heute Vormittag aus einem ganz bestimmten Grund hier bin. Und dieser Grund bist du.« Kim hielt inne und griff nach Ellys Hand. »Ich finde, du solltest bleiben.«

Elly war ganz überwältigt von Müdigkeit und der Eindringlichkeit des Augenblicks. Sie blinzelte die Tränen weg, hob den Kopf und schaute an Kim vorbei. Durch die Fenster strömte das Licht herein. Auf einmal war sie wieder in ihrem Auto. Die Sonne ging auf. Elly saß vor ihrem Haus und versuchte zu atmen. Sie ging die Treppe hinauf, hinein in ihr Haus, hörte zwei Stimmen, gedämpft durch die Tür …

Sie würde nicht dorthin zurückgehen. Sie konnte nicht zurückgehen. Nicht jetzt. Und vielleicht, wenn sie nur lange genug wartete, würde er ihr hinterherkommen. Bis dahin wären ihre seelischen Wunden sicher verheilt.

»Also … wie hieß das hier noch mal?«

»Clayton, Missouri. St. Louis.«

Elly lächelte und wiederholte den Namen. »Clayton. Na schön!«

Und so hatte sie beschlossen zu bleiben. Und das war auf den Tag genau zwei Jahre her.

Rasch stellte Elly ihr Bewusstsein wieder auf die Gegenwart in Adas Café ein. Mit der freien Hand schnappte sie sich ihr Getränk, schenkte der Barista ein Lächeln und ging ins Posies zurück. Sie schob ihren altmodischen goldenen Schlüssel in das ausladende Messingschloss und öffnete die Tür. Als die Türglocke bimmelte, kam Cadbury, ihr englischer Schäferhund, von oben heruntergetrottet. Er beschnupperte ihre Füße, als sie die Tür mit der Hüfte zustieß und dann die Stereoanlage einschaltete. Mit einem hohen Winseln beschwerte Cadbury sich, als sie ihn ignorierte, weil sie ihren Kakao abstellen wollte.

»Jetzt ist es aber gut. Ich bin ja wieder da. Und die letzten acht Stunden haben wir schließlich auch gemeinsam verbracht. Weißt du nicht mehr? Als du mich in den Magen getreten hast?« Cadbury leckte ihr den Ellenbogen. »Ach, Herzchen«, sagte sie und kraulte ihn hinter den Ohren. »Du bist wirklich der schlimmste Hund auf der ganzen Welt.«

»Guten Morgen!«, ertönte eine melodiöse Stimme irgendwo aus dem hinteren Teil des Ladens. Die Lippen halb zu einem Lächeln verzogen, setzte Elly die heiße Schokolade ab. Ihre treue Angestellte war schon hier und arbeitete hart für die Hochzeit am nächsten Tag. Elly ging ins Hinterzimmer, wo Dutzende Eimer unzählige Blumen bis zu ihrer Weiterverarbeitung beherbergten. Elly stieg über einen Haufen welkender Blätter und Zweige und sah zu ihrer stellvertretenden Geschäftsführerin hinüber.

»Wir befinden uns in der Kategorie ›Kein Grünzeug‹. Keine große Überraschung.« Kim stand da, einen dekorativen Rosenzweig in der halb ausgestreckten Hand, dessen taubenetzte cremefarbene Blütenblätter sich an den Spitzen zu hellem Rosa verfärbten. »Was denn? Ist doch so.«

Elly seufzte. »Du steckst jede Braut in die Kategorie ›Kein Grünzeug‹. Für anspruchsvolle Frauen fehlt dir einfach das kleine Quäntchen Toleranz.«

»Wohl kaum. Sonst wäre ich ja sicher nicht mit dir befreundet, oder? Ich meine ja bloß, dass sie mir heute Vormittag schon zwei E-Mails geschickt und angefragt hat, ob ihre Rosen so richtig voll erblüht oder gerade eben erst voll erblüht sind. Und damit ist sie definitiv in der Kein-Grünzeug-Kategorie der Bräute«, erwiderte Kim.

Elly brummelte vor sich hin. Wahrscheinlich hat sie recht.

Zwei Sorten von Bräuten kamen ins Posies, ihr hochelegantes Floristikatelier. Grünzeug-Bräute waren umgängliche, in sich ruhende Mädchen vom Typ Gänseblümchen. Bräute der Kategorie »Kein Grünzeug« waren gegen Chrysanthemen, gegen Blattgrün, gegen alles.

Kim fuhr fort mit ihrer Litanei. »Wenn es nach denen ginge, würden wir allesamt Brautsträuße aus weißen Rosen mit perlmuttfarbenen Akzenten tragen. Alles umwickelt mit Weiß, und definitiv KEIN Grünzeug. Nichts, was das Bouquet irgendwie verschönern könnte.«

Die rufen auch achtmal am Tag an, um weitschweifige Diskussionen über die Ansteckblumen loszutreten, dachte Elly. Ganz schön viel Arbeit hatte man mit denen, aber Elly mochte sie trotzdem. Die meisten. Sie überlegte kurz. Na ja, ein paar.

Triumphierend und mit elegantem Schwung löste Kim auch den Rest der Blätter von der Rose und stopfte sie in den Eimer. »Dann gib du dich doch mit ihr ab!« Sie schaute zu Elly hinüber. »Mensch, du schwitzt ja mächtig.«

Elly nickte und wischte sich mit dem Ärmel übers Gesicht. »Danke! Nett, dass du mir das sagst.«

Kim, bemerkte Elly, leuchtete wie immer einfach von innen heraus. Ihre makellose Haut mit den vielen Sommersprossen strahlte Licht und Wärme aus. Im Geiste versetzte Elly ihr einen Stoß. »Na wenigstens hab ich keine Tulpenerde in den Haaren.«

In diesem Moment schlenderte Patzella, ihre andere Angestellte, in den Atelierbereich, schnappte sich ein paar Margeriten aus Ellys Eimer und verschwand wieder.

»Oh, bitte sehr, gern geschehen«, rief Elly ihr hinterher.

Patzella steckte den Kopf um die Ecke. »Gern geschehen? Was ist gern geschehen? Dass du mich meinen Job machen lässt? Soll ich mich dafür jetzt bedanken? Pff!«

Am zweiten Arbeitstag der jungen Dame hatte Kim ihr den Spitznamen »Patzella« verpasst. Und patzig war sie, also war es dabei geblieben.

Patzella marschierte nach hinten. Durch das hauchdünne T-Shirt blitzte ihr leuchtend pinker BH.

Kim verdrehte die Augen und formte tonlos mit den Lippen die Worte »Krise mit dem Freund«.

Entnervt schüttelte Elly den Kopf und ging in ihr kleines Büro, wo sie sich auf ihren ausladenden Chefsessel fallen ließ. Das feuchte blonde Haar klebte ihr im Gesicht. Es war erst April, aber schon jetzt fühlte es sich an wie der heißeste Monat, den sie je erlebt hatte. Im Hinterzimmer des Geschäfts gab es keine Klimaanlage. Ventilatoren bliesen Luft in jede nur erdenkliche Richtung. Deshalb sah ihre Frisur auch wie nach einer wilden Knutscherei aus … auch wenn jeder weiß, dass so was hier nun wirklich nicht passiert. Doch trotz der herumgewirbelten Luft sickerte ihr die Hitze unter die Haut wie eine dampfende Körperlotion. Abkühlung war einfach nicht möglich. In einem Rinnsal tröpfelte ihr der Schweiß zwischen den Brüsten hinunter. Na klasse! Busenschweiß. Es fühlte sich an, als würde sie sich in einer warmen, lebendigen Gebärmutter bewegen.

Wie oft hatte Kim gedroht, sie würde kündigen, sollte Elly nicht endlich eine Klimaanlage fürs Hinterzimmer anschaffen. Aber das waren leere Drohungen. Kim würde definitiv nicht weggehen. Dafür liebte sie die Blumen zu sehr. Genau wie Elly. Elly liebte Blumen und ihr Geschäft – ihr kleines Stückchen Himmelreich.

Der vordere Teil des Ladens war pastellgelb gestrichen, mit altweißen Akzenten, ein bisschen wie Tortendekoration aus dem Spritzbeutel. Wilder Wein schlängelte sich an Standregalen herunter, in denen sich zahllose Bücher und Magazine über Hochzeiten und Blumen aneinanderreihten. Die Sprache der Blumen, Ausgefallene Brautbouquets, Martha Stewart Weddings und andere. Ihr dunkler Kirschholzschreibtisch war aufgeräumt und übersichtlich. Darauf stand nichts weiter als ein Foto ihrer Mutter, ein Computer – eine komplizierte Maschine, die sie kaum verstand – und eine große Porzellantasse mit dem Aufdruck »Love« auf der Seite, in der ein paar Stifte steckten. Elly verzog das Gesicht über das, was hier unbestreitbar fehlte, aber die Tasse war eines der wenigen Dinge, die sie aus Georgia mitgebracht hatte. Einen besonderen Grund dafür gab es nicht. Sie liebte einfach ihre Love-Tasse. Auf ihrem Schreibtisch stand alles am rechten Fleck. Alles war schlicht und ordentlich. Und so mühelos es auch aussah, musste sie doch hart dafür arbeiten, dass es so blieb.

Rechts vom Schreibtisch gab es ein riesiges Fenster mit hölzernen Läden. Es ging auf einen winzigen Hof, der an die Wydown Street grenzte. Elly und Kim hatten sich die größte Mühe gegeben, die öde, unkrautüberwucherte Fläche zu verschönern. In den Ecken hatten sie Blumenlandschaften angelegt, hatten Rosenbüsche auf ein Podest aus Ziegelsteinen gepflanzt, wo man sitzen konnte, und weiße Lampions in die Bäume gehängt. Trotzdem wirkte immer noch alles ein bisschen … hässlich. Es würde immer ein bisschen hässlich sein, aber Elly mochte es trotzdem.

Seufzend nahm sie einen Schluck aus ihrer Wasserflasche. Sie genoss es, wie ihr die kühle Flüssigkeit die Kehle hinunterlief – allerdings leider in die Luftröhre. Keuchend rang Elly nach Atem. Gerade wenn sie sich mal sexy fühlte, geriet alles aus den Fugen. Na ja, was soll’s, hat ja sowieso keiner gesehen. Sie zuckte mit den Schultern. Wenigstens ihr Geschäft war schön. Bis unter die Decke angebrachte Halterungen für Bindebänder zierten die Wände und präsentierten einen pastellfarbenen Regenbogen von Satin. Zwei Kühler summten den ganzen Tag und verliehen allen anstehenden Projekten den unbedingt nötigen Aspekt der Dringlichkeit.

Das Atelier Posies hatte täglich eine große Bandbreite von Laufkundschaft, angefangen von älteren Damen, die in den prachtvollen Villen entlang der Straße lebten, bis hin zu verlegenen Schülern der Highschool, die eine einzelne Rose für ihre Freundin kauften. Diese Jungs waren Ellys Lieblingskunden. Davon abgesehen kamen meist Bräute. Ach, die endlos vielen Bräute!

Sie kamen herein, das Gesicht gerötet vor Aufregung über die bevorstehende Hochzeit. Sie hatten Mütter, Schwestern und Freundinnen im Schlepptau. Und sie alle hielten verschiedenste Bücher über Hochzeiten und Zeitschriftenausschnitte umklammert.

Elly pflegte ihre Kundinnen an der Tür in Empfang zu nehmen und bat sie dann, an ihrem Tisch Platz zu nehmen. Im Anschluss erging sie sich in Ausführungen über so reizende Dinge, dass die Kundinnen immer ein wenig benommen zurückblieben. Elly hatte einen großen Glastisch. Unter der Tischplatte lagen die Dankschreiben von Dutzenden von Bräuten, alle voller Hochachtung und Überschwang. Im Lauf von zwei Jahren hatte es gerade einmal eine Handvoll Bräute gegeben, denen ihre Blumen nicht gefielen – »zu erdig« war die immer gleiche Klage. Aber die überwiegende Mehrheit der bei Posies ausgestatteten Bräute liebte ihre Blumen und konnte das Geschäft gar nicht schnell genug weiterempfehlen.

Jeden Tag verbrachte Elly ein paar Minuten damit, gedankenverloren mit den Fingern über die Briefe zu fahren. Meine Bräute, meine Mädchen. Oft wurde sie für ihre Kundinnen mehr als nur die Floristin … Freundin, Vertraute, geschätzte Hochzeitsratgeberin. Diesen Teil der Arbeit liebte Elly neben der Planung am meisten. So gern wirkte sie ihre organische Magie, schuf und bündelte reine Schönheit – die der Braut bei der Überreichung regelmäßig ein entzücktes Luftschnappen entlockte. Ständig dachte sich Elly neue Kombinationen aus. Stundenlang konnte sie dasitzen und Blumensorten und Farben notieren. Auch heute trat sie genau dazu ans Schaufenster und ließ ihre Gedanken schweifen.

Das schrille Klingeln des Telefons riss Elly aus ihrer freesienverzückten Trance. Schnell trank sie einen Schluck Wasser, um sich die Kehle zu befeuchten, und nahm den Hörer ab.

»Vielen Dank für Ihren Anruf bei Posies! Sie sprechen mit Elly.« Und so verging der Tag. Beratungen, Blumenbestellungen, Abwicklung der Aufträge, Gespräche mit Kim, lautstarke Zurechtweisungen von Patzella … Alles ein fröhliches Durcheinander von Arbeit und Vergnügen.

Als gegen fünf Uhr die Hektik vorüber war, drehte Elly das Schild an der Eingangstür auf »Geschlossen« und beobachtete die Berufstätigen, die auf dem Weg nach Hause zu ihrem prachtvollen Leben in ihren prachtvollen Häusern vorbeifuhren. Mit einem friedvollen Seufzen lehnte sie den Kopf an die kühle Glasscheibe. Nie hätte Elly sich träumen lassen, dass sie einmal an diesem Punkt sein könnte. Nie hätte sie sich träumen lassen, dass sie ihr eigenes Geschäft haben würde, ihr eigenes Leben. Nicht nach der Atomsexbombe, die ihr Leben in Georgia vernichtet hatte. Der Neuanfang war schmerzlich, herzzerreißend, aber auch aufregend gewesen. Ich bin neugeboren. Ich bin gesegnet. Ich bin … echt hungrig. Pizza?

Mit plötzlich wieder großem Nachdruck schaltete Elly die Lichter aus, warf einen letzten Blick in den stillen Laden und schnalzte mit der Zunge, um Cadbury zu rufen. Dann ging sie hoch zu ihrer Wohnung. Sie schloss die Tür auf und genoss die kühle Luft der Klimaanlage. Schließlich legte sie die Schürze ab, zog sich die Hose aus und bündelte ihre Haare mit einer Spange zum Pferdeschwanz. Schnell verdrückte sie ihre selbst gemachte Pizza und ließ sich neben Cadbury auf dem Sofa nieder. Ein paar Fernsehwiederholungen später ging sie hinauf aufs Dach.

Das Dach ihres Gebäudes befand sich unmittelbar über ihrer Wohnung und war ein hundert Quadratmeter großes Paradies mit Kautschukbodenbelag. Dort standen Pflanzen in Übertöpfen, und es gab gerade genug Platz für zwei Zweisitzersofas für den Außenbereich, beide in einem schönen Terrakotta bezogen und mit pinken Kissen, in die man sich kuscheln konnte. Liebend gern kam Elly hier herauf, um nachzudenken, ein Nickerchen zu machen oder zu weinen. Entspannt in die Kissen zurückgelehnt, starrte sie nach oben, fasziniert vom Nachthimmel. Dabei gab sie sich alle Mühe, nicht an ihre Vergangenheit zu denken und sich keine Sorgen wegen der Hochzeit am nächsten Tag zu machen. Leider stieß sie mit dem Ellenbogen ans Sofa und verschüttete Rotwein über ihre nackten Beine. Sie warf die Decke zurück.

»Mist!«, schrie sie laut, und sofort fühlte sie sich nackt.

Sie sah sich um und beruhigte sich. Sie war die Einzige hier oben, die Einzige mit einer Dachterrasse, die Einzige ohne Hosen. Sie musste sich keine Sorgen machen, dass jemand sie in Unterwäsche Wein trinken sah. Und auch dabei, wie sie kurz vorher eine ganze kleine Pizza allein verschlungen hatte, war niemand Zeuge gewesen.

Ich bin allein. Immer bin ich allein. Der Gedanke erschütterte Elly. Sie lehnte sich auf dem Sofa zurück und stützte den Kopf an die Rückenlehne. Zwei lange Jahre war es her, dass sie von ihm fortgefahren war. Von ihm, dem Mann, dessen Namen sie nicht einmal mehr denken wollte. Kim hatte recht gehabt. Clayton war … okay. Ich bin okay. Elly verweilte bei dem Gedanken. Ich bin doch okay, oder? Allmählich zählte sie sehnsüchtig die Stunden, bis sie wieder zur Arbeit gehen konnte. Denn in der Nacht erwachte tief in ihr die Einsamkeit. Ein bohrender Finger presste sich ihr ans Herz und hielt ihr unbarmherzig vor, dass irgendetwas fehlte.

Kapitel Zwei

»Ich fasse es einfach nicht, dass du BIS GERADE EBEN kein Wort davon gesagt hast, dass sie einen zusätzlichen Brautjungfernstrauß bestellt hat. War dir denn nicht klar, wie wichtig das ist?« Elly schmiss die Tür des Kühlers zu und funkelte Patzella wütend an.

Das Mädchen strich sich die Haare aus den Augen und zog sich die Hose hoch, die den lavendelfarbenen Stringtanga kaum bedeckte.

»Hör mal. Tut mir echt leid. Die E-Mail kam vor einer Woche, und ich hab vergessen, das in den Vertrag zu übernehmen. Ich hab Scheiße gebaut. Ist mir schon klar.«

Elly verdrehte die Augen. »Entschuldigungen bringen uns nicht weiter. Mach’s beim nächsten Mal einfach richtig! Okay?«

Patzella nickte schmollend.

»Na schön! Hol mir ein paar von denen hier!« Schnell stellte Elly den Brautjungfernstrauß zusammen: Hellrosa Teerosen setzten sich ab von blassgrünen Hortensien, gelben Minicalla und cremefarbenen Edelwicken. Als die perfekte lockere Kuppel zusammengestellt war, band Elly sorgsam tropische Blätter unter die schwebenden Blüten und steckte sie mit Perlen fest. Sie schnappte sich ein birnengelbes Satinband und umwickelte das Bouquet, wickelte und wickelte immer weiter, bis alles fest und sicher saß. Schließlich ließ sie den Strauß in eine Vase fallen und wirbelte gerade rechtzeitig herum, um ihre launische junge Mitarbeiterin beim SMS-Schreiben zu erwischen.

»Los, an die Arbeit! Der Lieferwagen muss beladen werden!«, fauchte sie.

Patzella schlurfte gemächlich zur Tür hinaus.

Elly seufzte. Hochzeitsauslieferungen waren, egal wie gut geplant und organisiert, immer stressig. Gott steh mir bei, dachte sie, schnappte sich ihren Laufzettel und zwei Körbe für die Blumenmädchen vom Tisch und hastete zum Lieferwagen. Dort angekommen prüfte sie gemeinsam mit ihrer hormongesteuerten Angestellten die in Auftrag gegebene Lieferung.

»Ein Brautstrauß?«

»Check.«

»Vier Brautjungfernsträuße … und der zusätzliche, den du vergessen hattest?« Elly zog die Augenbrauen hoch.

»Check.«

»Ansteckblumen?«

»Check.«

»Zwanzig kleine Sträuße für die Tischdekoration?«

»Check.«

»Dann können wir also fahren?«

Patzella nickte. Sie warf Elly einen Blick zu. »Warum schwitzt du eigentlich so?«

Weil ich ein dickes Weib bin, dachte Elly. Sie ignorierte die Frage, wischte sich aber mit der Hand über die feuchte Stirn. Grundgütiger! Ich bin noch nicht mal vom Parkplatz runter und schon klatschnass. Ist es wirklich erst das erste Maiwochenende? Elly kletterte in den Wagen und schlug schwungvoll die Tür hinter sich zu.

»Und vergiss ja nicht die Abholung für die Meskes nachher um vier«, instruierte sie das Mädchen. »Ich komme nach der Hochzeit dazu.«

Patzella nickte und ging ins Geschäft zurück. Aus dem Unterhöschen, das sich als Shorts zu tarnen versuchte, schauten ihre Pobacken hervor. Darüber werde ich mit ihr reden müssen. Aber Elly wusste, dass sie es doch nicht tun würde.

Sie lenkte den Lieferwagen auf die Straße und fuhr Richtung Interstate 40. Die Klimaanlage blies ihr ins sommersprossige Gesicht. Die Hochzeit heute fand im Missouri Botanic Garden statt. Das war zwar schön und romantisch, aber Elly lieferte nur höchst ungern dorthin. Erstens war der Platz für die Trauzeremonie gefühlte hundert Meilen vom Eingang weg. Bei dem Gedanken schnaubte Elly verächtlich. Und zweitens war es im Afrikateil des Parks so heiß wie im Unterholz des echten afrikanischen Buschs. Und sie würde alles allein auf ihrer kleinen Transportkarre dorthin befördern müssen. Elly drehte das Radio lauter und versuchte, die bevorstehende traumatische Erfahrung zu verdrängen.

Als sie am Tor eintraf, wurde sie zunächst zum falschen Eingang durchgewinkt. Dort entluden die Leute vom Catering weiße Servierwagen und Platten mit gefrorenen Shrimps. Sie fuhr herum, bis sie den richtigen Eingang fand, der immer noch weit entfernt vom Ort der Trauung war.

Elly hob die erste Blumenbox heraus, in der die Bouquets für die Damen ruhten, trug sie über den Parkplatz und ins Brautzimmer. Die Braut war zum Glück noch nicht da, also holte sie die Vasen aus der Box und gönnte sich eine Minute, um die schlichte Schönheit der Arrangements zu bewundern. Der Brautstrauß bestand aus weißen Orchideen, Bischofskraut, weißen Minicalla und weißen Rosen, dazwischen als Farbakzent grüne Beeren. Abgesetzt von dem hellen Rosa, dem Grün und dem Gelb wirkten die weißen Blüten in ihrer Kristallvase umso strahlender.

Schnaufend ging Elly zum Lieferwagen zurück, warf die Box ganz nach hinten und wollte sich die Ansteckblumen der Herren greifen. Sehr zu ihrer Erleichterung standen die attraktiven jungen Männer in ihren Kakianzügen tatsächlich ganz in der Nähe der Vorhalle zum Gartenhaus.

»Ähm, ’tschuldigung. Entschuldigung mal bitte?«

Die Männer beachteten sie nicht.

»Sie da!« Elly deutete auf den Bräutigam, der sich gerade einen Schluck aus einem Flachmann gönnte.

Leicht verärgert schauten die Männer auf.

»Ich muss Ihnen die anmachen.«

Die Jungs kicherten. Auf einmal fühlte sich Elly ganz klein.

»Bitte ziehen Sie Ihr Jackett an, und kommen Sie zu mir herüber.«

Der Bräutigam schlenderte zu Elly und musterte sie mit blutunterlaufenen Augen. Sie schnappte sich sein Knopflochgesteck aus Teerosen und hielt es an das Jackett.

»Stechen Sie mich bloß nicht«, witzelte er und lehnte sich zurück.

Mit weit geöffneten Augen sah Elly zu ihm hoch. »Wissen Sie, das höre ich heute wirklich zum ALLERERSTEN Mal. Sie sind ja ein richtiger Scherzkeks!«

Elly hielt den Kopf schief. Solche Kerle konnte sie nicht ausstehen. Es waren genau diese Typen, die sie auf der Highschool wegen ihres Gewichts gehänselt hatten. Genau die Typen, die ihren eigenen Hochzeitstag nicht ernst nahmen. Die Typen, die Seitensprünge für selbstverständlich hielten.

Elly zog die Augenbrauen hoch. »Außerdem sollten Sie so kurz vor der Trauung keinen Alkohol trinken. Ihre Braut hat ein volles Jahr mit der Planung dieses Tages zugebracht. Da sollten Sie wirklich nicht betrunken sein. Die Zeremonie ist heilig.«

Das Lächeln des Bräutigams verblasste. Seine Trauzeugen starrten sie mit weit offenen Mündern an.

»Na dann!«, sagte sie nervös und tänzelte zurück zum Wagen. Also, ihr Mundwerk war manchmal wirklich ein Problem.

Elly gönnte sich einen Schluck Wasser. Dann machte sie sich daran, die Tischarrangements auf einen kleinen Karren zu laden. Die großen trompetenförmigen Glasvasen nahm sie zuerst, dann die kleinen runden Gläser mit elegant umwickeltem Liliengrün und rosafarbenen Lotusblüten. Das war die erste Ladung. Sie schob den Karren und seine empfindliche Fracht über holprigen Kies, durch den Japanischen, dann durch den Viktorianischen Garten.

Zwanzig verschwitzte Minuten später kam sie zurückgelaufen, um die zweite Fuhre der Tischdekoration zu holen. Hinten im Lieferwagen befanden sich noch Klarglasgefäße, üppig gefüllt mit überhängenden Fuchsschwanzblüten, fuchsienfarbenen Teerosen, grünen Calla, gelben Dahlien und rosafarbenen Gerbera.

Die Transportkarre war bis zum letzten Platz gefüllt mit Blumen. Zwei Arrangements musste Elly gegen die Hüfte gestemmt vorwärtsbugsieren. Und so machte sie sich erneut auf den Weg in den Afrikanischen Garten. Mitten in diesem Teil des Parks wiegten sich die Seitenteile eines prachtvollen weißen Festzelts im Wind.

Elly setzte die Tischdekorationen ab und gönnte sich einen Moment zum Luftholen. Dann machte sie sich an den Aufbau. Bauchige Gläser und Lotusblüten wurden an der Bar, am Buffet und am Tisch des Brautpaars aufgestellt. Dazwischen verteilte sie zarte weiße Windlichter. Danach waren die trompetenförmigen Vasen an der Reihe, die sie auf die fuchsienfarbenen Tischdecken setzte. Um die Vasen legte sie einzelne grüne Orchideen.

Allmählich entspannte sich Elly ein wenig und konnte das Dekorieren für diesen wunderschönen Anlass genießen. Da hörte sie eine vertraute schrille Stimme durch den Garten schallen.

»Wieso sind meine Erdbeeren mit ROSA Streuseln versehen? Wir wollten gelbe! Das haben wir GESTERN vertraglich festgelegt und Ihnen zugesandt!«

Ach du meine Güte!, dachte Elly. Die Hochzeitsplanerin ist eingetroffen. In neonrosa High Heels mit Leopardenmuster kam sie über den Rasen geschritten: Lizette Kobul, die Eigentümerin von Kobul Creations, einer der größeren Firmen für Hochzeitsplanung in St. Louis. Bräute liebten Lizette, weil sie ein Auge für Details sowie hochrangige Verbindungen hatte – und weil sie die Planung mit militärischer Herangehensweise in Angriff nahm. Allgemein gehasst wurde sie dagegen von den meisten Leuten, mit denen sie Geschäfte machte. Denn die behandelte sie wenig freundlich. Sie brüllte Befehle, machte die Leute nieder und gab Kommentare von sich, die von Verachtung für die unteren Gesellschaftsschichten nur so trieften. Unaufhörlich bedrängte sie Elly, den Posies-Bräuten Kobul Creations zu empfehlen. Aber Elly hatte ein tief sitzendes Bedürfnis, NICHT mit dieser Verrückten zusammenzuarbeiten.

Schenk mir Kraft, Herr, dachte Elly. Bitte schenk mir die Kraft, dass ich diese Person nicht ermorde!

»Ellllleeee Jordan? Sind Sie das?«, kreischte Lizette und schirmte geziert die Augen mit der Hand vor der Sonne ab. »An diesem prachtvollen runden Hintern hätte ich das gleich erkennen müssen.«

Dieses aufgesetzt vornehme Getue einer Südstaatenlady ging Elly jedes Mal auf die Nerven. Von einer Freundin aus der Hochzeitskonditorei hatte sie gehört, dass Lizette in Wirklichkeit aus Rhode Island stammte. Im Grunde wusste keiner, weshalb sie sich dieses Getue zugelegt hatte. Elly drehte sich um und wischte sich die Hände ab.

»Hallo, Lizette. Wie geht es Ihnen?«

»Ach, prächtig. Wirklich prächtig. Diese Leute sind alles Idioten, und meine Braut flippt aus. Aber mir geht es prächtig. Und wie geht es Ihnen? Die Blumen sind wunderschön, wie immer.« Sie befingerte eine der grünen Orchideen. »Ich hatte Leslie gesagt, sie sollte sich für Kleegrün entscheiden. Aber sie hat auf Limette bestanden … nach dem Treffen mit Ihnen. Ach, na ja, hübsch ist es wohl. Aber richtig schön wäre Kleegrün gewesen. Oder was meinen Sie?«

Sie schenkte Elly ein süffisantes Lächeln. »Die Tischdekoration ist ja zauberhaft. Bei der Hochzeit vergangene Woche hatten wir so etwas in der Art von Clayton Flowers. Das war unglaublich. Einfach unglaublich.«

Elly spürte die Wut in sich aufsteigen. Aber sie schluckte alles hinunter und hielt sich dazu an, die versteckten Kränkungen zu ignorieren.

»Die waren mit Sicherheit wunderschön. Clayton Flowers leistet großartige Arbeit.«

Lizette nickte und musterte Elly argwöhnisch. »Wissen Sie, Herzchen, ich frage mich immer noch, wie Sie sich so schnell mit Ihrem Geschäft einen Namen machen konnten. Beinahe von einem Tag auf den anderen ergingen sich alle in Lobeshymnen über Posies. Und dann auf einmal haben Sie ganze Wagenladungen von Hochzeiten mit Ihren …«, sie malte Anführungszeichen in die Luft, »… Ihren ›Gartendekor‹-Feiern und Ihren toskanischen Vasen, und ich begegne Ihnen andauernd. Juchhuuu!«

Als Lizette sich zur Seite wandte, verdrehte Elly verstohlen die Augen. Sie wappnete sich.

»Tja. Wir hatten großes Glück, und wir lieben unsere Bräute. Jetzt sollte ich mich aber wirklich wieder ans Dekorieren machen. Sie haben doch bestimmt auch Leute, die Sie … in Reih und Glied bringen müssen.«

Lizette musterte die Tischdekorationen. »In der Tat. Ich werde Leslie wohl fragen, ob sie die Orchideen wirklich auf die Seiten verteilt haben will oder nicht doch nur in der Mitte. Sonst wirkt es so … versprengt.«

Lizette lächelte süffisant und fauchte ihre Assistentin an, eine nervös wirkende rehäugige Brünette, die sofort zu ihr gelaufen kam. »ASHLEE! Wieso stehst du in der Gegend herum wie ein tumber Stock? Frag Leslie nach diesen Orchideen! Aber in fünf Minuten bist du wieder hier. Und bring diese Erdbeeren in die Küche zurück. Sag den Leuten, wenn sie es nicht schaffen, die Streusel in der richtigen Farbe hinzubekommen, sollen sie irgendwo Burger braten gehen, aber nicht das Catering für meine Hochzeitsfeiern übernehmen. Verstanden?«

Kurz stellte Elly sich vor, was für ein Triumph es wäre, der Hochzeitsplanerin ins Gesicht zu schlagen. Stattdessen drehte sie sich um und machte mit den Blumen weiter.

Lizette zwitscherte ihr ins Ohr: »Also dann. Tja … nett, mit Ihnen zu plaudern, Elly. Immer nur weiter so. Ach, diese Kerzen stehen ein bisschen zu dicht zusammen. Meinen Sie nicht?« Dann wirbelte sie auf ihren hochhackigen Schuhen herum und stolzierte aus dem Zelt – nicht jedoch, ohne auf dem Weg nach draußen einen Kellner anzufauchen, weil er Kaugummi kaute.

Elly holte tief Luft und beglückwünschte sich dazu, dass sie Lizette nicht geschlagen hatte. Dann widmete sie sich wieder der Arbeit und verschönerte das Zelt mit ihren Blumen.

Eine halbe Stunde später trat sie zurück und bewunderte ihr Werk. Der weiße Pavillon, ursprünglich nur schmucklose Zeltbahn, war in einen üppigen Garten verwandelt. Rosa, grün und gelb überall, ein leuchtendes Fest der Farben. Die Blumen hatten aus einem langweiligen Veranstaltungsort für eine Trauung ein Gartenparadies gemacht. Diesen Moment liebte Elly, diesen Moment, in dem sie Öde in Schönheit verwandelte, in dem tristes Leben vor ihren Augen erblühte.

Aus dem Augenwinkel sah Elly ein Blumenornament etwas zu lose im Wind flattern. Eins noch, dann hab ich’s geschafft. Die Hängeampel befand sich in der hintersten Ecke des Zelts, über dem bereits aufgebauten beeindruckenden Büfett. Essen. Mmmh … Essen. Elly schaute sich um. Die Kellner und Caterer verteilten gerade die Gläser auf den Tischen. Von Hochzeitsnazi Lizette war weit und breit nichts zu sehen.

Elly streckte eine Hand nach den Kerzen und den Orchideen aus und tat so, als wollte sie noch etwas umstellen. Mit der anderen Hand schnappte sie sich etwas Käse vom Tablett und stopfte ihn sich in den Mund. Manchego. Er war köstlich, so salzig und würzig. Elly gönnte sich einen Moment, um den Käse zu genießen und ihn sich auf der Zunge zergehen zu lassen, bevor sie die Leiter hochkletterte, um die Blumenampel zu sichern.

Schnell hatte sie auch das erledigt und lehnte sich auf der Leiter zurück, die etwas nach rechts kippelte. Elly reagierte mit einem etwas zu heftigen Hüftschwung in die andere Richtung und musste seitlich von der Leiter herunterspringen. Auf dem Weg nach unten stieß sie mit dem Hintern an die Tafel mit dem Essen. Sie landete auf den Knien, Auge in Auge mit dem Tisch. Die Käseplatte war nur Zentimeter von ihrem Kopf entfernt. Panik durchflutete sie, bis zu ihr durchdrang, dass die Tafel und alle Speisen darauf unversehrt waren. Ihr brannte das Gesicht vor Verlegenheit. Wie ist das denn bloß passiert? Oh nein, oh nein, oh nein … Durch ihre Tränen sah sie, wie zwei Leute vom Catering auf sie zugelaufen kamen. Hastig rappelte sie sich auf.

»Mir geht’s prima, Leute. Wirklich prima. Diese Leiter ist … unheimlich. Na ja. Aber mir geht’s prima. Danke für Ihre Fürsorglichkeit!« Die Leute starrten sie an. Genau in dem Moment spürte sie eine merkwürdige Wärme hinten auf der Hose.

Nein, nein, nein … hab ich mir in die Hose gemacht? HAB ICH MIR IN DIE HOSE GEMACHT??? Elly wirbelte herum. Es gelang ihr nicht, die Rückseite ihrer Hose zu erspähen. Sie wischte mit den Händen darüber. An ihren Fingern war etwas Braunes zu sehen.

Töte mich! Bitte! Töte mich auf der Stelle! O lieber Gott, fahr hernieder mit deiner mächtigen Hand …

Sie hob die Finger an die Nase. Schokolade. Das war Schokolade, was sie da roch. Sie tupfte sich etwas davon auf die Zunge. Ja. Definitiv Schokolade. In diesem Moment schaute sie auf und sah, wie eine kleine Gruppe entsetzter Kellner sie mit weit offenem Mund anstarrte. Sofort begriff sie, wie das alles aussehen musste. Sie hielt die Hand hoch und winkte verlegen.

»Ist bloß Schokolade. Keine Kacke. Ich hab mir nicht in die Hose gemacht! Bloß Schokolade. Ich muss gegen den Schokobrunnen gestoßen sein … kein Drama.«

Zwei niedliche Mädchen vom Catering rissen die Augen weit auf, schauten sich an und begannen miteinander zu flüstern. Der DJ schüttelte verärgert den Kopf. Elly brannte das Gesicht. Auf einmal war sie wieder in Georgia. Sie saß in ihrem Auto, den Kopf aufs Lenkrad gestützt. In ihrem Bauch tat sich ein Riesenloch auf, und sie ließ all die negativen Gefühle in sich hineinströmen. Auf einmal wurde Elly die Schürze eng um die Taille, ihre Beine schienen in der Caprihose noch dicker zu werden, die Haare klebten ihr an der Stirn.

Was mache ich hier bloß? Wieso hab ich nur gedacht, ich könnte das alles schaffen? Verschwunden war die hübsche, kecke Floristin. Und ungebeten hob die Frau in ihr das Haupt, die von so vielen zurückgewiesen worden war – zurückgewiesen von dem Mann, der sie doch eigentlich lieben sollte. Und sie hatte Schokolade auf der Hose, die an der Seitennaht auch noch aufgeplatzt war. Der Raum verschwamm vor ihren Augen, war nur noch ein leuchtender Strudel aus Rosa und Grün.

Tja, da wären wir mal wieder, dachte Elly und presste die Handflächen gegen die Augen. Da spürte sie eine leichte Berührung an der Schulter. Sie schaute auf. Ein älterer Herr lächelte auf sie herab. Sein fedriges weißes Haar stand in alle Richtungen ab. Seine Brille sah aus wie die von Willy Wonka aus Charlie und die Schokoladenfabrik, und er lächelte mitten in ihre Verlegenheit hinein.

»Was zum Teufel glotzt ihr denn so?«, blaffte er die gaffende Menge an. »Die Frau könnte ein Papierhandtuch brauchen! Sie da, ja, Sie mit dem Ohrring«, er wedelte mit der Hand in Richtung des punkigen DJs, »jetzt stehen Sie doch nicht so blöd da und halten Maulaffen feil. Besorgen Sie lieber ein paar Papierhandtücher!«

Der DJ brummelte etwas Unverständliches und schlich davon. Der Rest der Menge zerstreute sich leise murmelnd. Elly drehte sich zu dem Mann um, der sie vor einem sehr öffentlichen Zusammenbruch bewahrt hatte.

»Danke! Vielen, vielen Dank!« Sie hielt inne. Dann fragte sie: »Wie schlimm ist es denn?« Langsam drehte sie sich um und zeigte dem Fremden ihr schokoladenbeflecktes Hinterteil.

Das breite Lächeln des Mannes ging von einem Ohr zum anderen. »Tja, um ehrlich zu sein, sehen Sie schon so aus, als wäre Ihnen ein kleines Malheur passiert. Ein Malheur mit einem Campingklo.«

Elly lächelte. Dann kicherte sie. Und dann platzte ein schallendes Lachen aus ihrer Körpermitte und breitete sich immer weiter aus. Und ehe es Elly so recht klar wurde, liefen ihr vor Lachen die Tränen übers Gesicht. Sie hielt sich an der Schulter des älteren Herrn fest und lehnte sich an ihn, an diesen Fremden – und lachte.

Auch der ältere Herr lachte. »Hier, Herzchen, schauen Sie in den Spiegel!« Er schnappte sich einen vergoldeten Spiegel von einem der Tische.

Elly zuckte zusammen. Über den rückwärtigen Teil ihrer Caprihose breitete sich ein tellergroßer dunkler Schokoladenfleck aus. Der Fleck schimmerte im Sonnenlicht.

»Oh ja. Das ist wirklich sehr schlimm.«

Der Mann deutete auf sie. »Vielleicht könnten Sie Ihre Schürze hinten umbinden?«

Ellys Gesicht leuchtete auf. Gott sei Dank! Schwungvoll zog sie die Schürze nach hinten und bedeckte den Fleck. Sie schob sich die Ponyfransen aus der Stirn.

»Ich glaube, so geht es ganz prima. Sie haben mir heute das Leben gerettet!«

Der ältere Herr lächelte und nickte. »Nichts zu danken, Herzchen. Ich bin wegen der Hochzeit hier. Ich arbeite mit dem Vater des Bräutigams zusammen.« Großväterlich tätschelte er ihr den Kopf. »Das war definitiv der Höhepunkt meines Tages. Ich verabscheue diese Leute und ihre lächerlichen Partys.«

Und nachdem er das gesagt hatte, schlenderte ihr Schutzengel im Anzug in den Sonnenuntergang davon, gestützt von seinem Rollator.

Elly kümmerte sich um die verbleibenden Aufgaben, ohne die dicke braune Masse zu beachten, die ihr am Hintern klebte. Schnell sammelte sie ihren Abfall zusammen und lud ihn auf die Transportkarre. Noch ein prüfender Blick auf jedes einzelne Tischarrangement, hier ein Blütenblatt zurechtgezupft, da eine Hortensie umgesetzt, dann war sie fertig.

Jetzt gab es nur noch eine Sache zu erledigen: Sie musste die Braut sehen. Sie schob ihre Karre auf den Kies des Gartens hinaus und gestattete sich einen raschen letzten Blick zurück ins Zelt. Es sah sensationell aus. Ein Paradies erschaffen durch die Arbeit von Hunderten von Menschen … und mit sehr viel Geld von Daddy.

Als Elly beim Gartenhaus ankam, überprüfte sie noch einmal den Sitz der Schürze, damit der Stoff auch ja den dicken Kuhfladen auf ihrer Hose bedeckte. Dann tauchte sie ein ins Ankleidezimmer der Braut. Es sah aus, als wäre ein Brautmodengeschäft explodiert. Auf dem Boden lagen rosa High Heels und BHs verstreut. Etliche Brautjungfern, alle in blassgrünen Kleidern, plapperten aufgeregt durcheinander und vernebelten die Luft mit Haarspray. Elly bezweifelte, dass überhaupt etwas davon tatsächlich auf den Frisuren landete. Diese Frisuren waren so straff, dass sie die Augenwinkel der Mädchen hochzogen und ihnen diesen wilden, verrückten Brautjungfernlook verliehen.

Die Mutter der Braut stand beim Spiegel und veranstaltete ein großes Getue um ihre Tochter. Gerade schimpfte sie: »Ich hab denen gesagt, wir wollen die Pekannuss-Buttercreme nicht auf allen Schichten, bloß oben. Und ich schaue mir unseren Vertrag an, und da steht: ›Pekannuss-Buttercreme auf der zweiten Hälfte‹. Ist das zu fassen? Ich hoffe bloß, die Creme ist heute nicht auf der ersten Schicht …«

Leslie, die schüchterne Braut, schaute mit jeder Minute erschrockener drein, während ihre Mutter ihr an den Haaren zerrte. Elly hatte Mitleid mit ihr.

»Hi, Leslie! Ich wollte nur mal schnell gratulieren und Ihnen alles Gute wünschen.«

Leslie sprang aus ihrem Stuhl auf und warf Elly die Arme um den Hals.

»Ich danke Ihnen SO sehr. Die Blumen sind wundervoll. Ich liebe sie!«

Elly löste sich aus Leslies Umarmung und entdeckte mit einem Blick über die Schulter Lizette, die ein finsteres Gesicht machte. Rasch schaute sie wieder Leslie an und nahm deren Hände. »Ich wünsche Ihnen allen Segen für Ihre Ehe. Der Tag vergeht so schnell. Achten Sie darauf, dass Sie sich etwas Zeit nehmen. Treten Sie einen Schritt zurück, und schätzen Sie das, was Ihnen heute vergönnt ist …«

»Schon gut, schon gut. Diese Braut muss unter die Haube.« Lizette fegte heran und schob Elly in Richtung Tür. »Danke, Elly! Großartige Arbeit mit den Blumen! Die sind wirklich hinreißend.«

Elly sah Lizette an und zog die Augenbrauen in die Höhe.

»Ach tatsächlich? Wollten Sie Leslie nicht noch einmal nach der Wahl des Grüntons fragen?«

Lizette warf ihr einen finsteren Blick zu.

Leslie war sichtlich verwirrt. »Sie mochten mein Grün nicht?«, fragte sie Lizette.

»Nein, nein, schon in Ordnung, Liebes. Ich dachte ja nur, Kleegrün wäre hübsch gewesen. Aber jetzt sieht es sensationell aus. Ich hatte mich geirrt. Also, dann wollen wir Ihnen mal das Diadem aufsetzen?«

Über ihr dick geschminktes Gesicht zuckte ein säuerlicher Blick. Triumph, dachte Elly. Im Grunde hatte sie Lizette nie gemocht, aber heute war die Frau besonders unhöflich gewesen. O süßer Sieg! Elly genoss das Gefühl. Genau in dem Moment tropfte ihr etwas Schokolade von der Hose, unter der Schürze hervor auf den Boden.

»Was ist das denn?«, keuchte Lizette, und auf einmal wurde ihre Stimme schrill. Das vornehme Getue löste sich auf. »War das Kacke? Was UM HIMMELS WILLEN ist das?«

»Na dann! Danke! Glückwunsch, Leslie!« Elly schoss aus dem Zimmer. Die Schürze hielt sie mit beiden Händen an den Hintern gedrückt. Erst als sie in der Gluthitze ihres Vans saß, erlaubte sie sich zu entspannen. Ihre Schultern sanken gegen den gepolsterten Sitz, und die Klimaanlage blies ihr ins Gesicht. Sie lehnte den Kopf an. Es war vorbei.

Danke, Gott, hauchte sie und sandte ein stilles Gebet gen Himmel. Dann griff sie zu ihrem Handy und wählte Patzella an, die gerade aufs Geschäft aufpasste.

»Hi! Ich bin’s. Halt dich bereit, ich komme gleich zum Beladen für die nächste Trauung. Außerdem musst du für mich in meine Wohnung laufen und mir eine frische Hose holen.« Elly schwieg einen Moment. »Nein, ich will ganz entschieden nicht darüber reden.«

Kapitel Drei

Etwas so Wunderschönes wie Ellys Sofa gab es auf der ganzen Welt kein zweites Mal. Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit hatte etwas so Herrliches und Bequemes existiert wie das weiche hellbraune Ledersofa, auf dem Elly bäuchlings lag. Der Tag war gelaufen, die Hochzeitslieferungen waren erledigt. Elly hatte vor Erleichterung beinahe geweint, als sie zur Tür hereingekommen war. Schnurstracks hatte sie ihre Tasche fallen lassen, sich bis auf die Unterwäsche ausgezogen und war aufs Sofa gesunken. Da war sie geblieben und hatte vor sich hin gedöst, während die Sonne langsam hinter ihren Vorhängen versank.

Zwei Stunden später wachte Elly auf und hatte einen Heißhunger. Noch ehe sie sich anzog, wählte sie die Nummer des Chinarestaurants weiter unten an der Straße. Es hieß Pearl Wok. Und war nicht ganz hygienisch. Einmal hatte Elly auf dem Fußboden eine Küchenschabe gesehen, hatte den Leuten aber verziehen, hauptsächlich wegen ihrer Orangenente und ihrer Wantans. Außerdem hatten sie einen Lieferservice.

»June … hallo, hier ist Elly. Ja, hallo! Wieder mal, ja. Das Übliche. Mmmhmm. Und als Beilage einmal Wantans. Ja, ich weiß. Schon zum zweiten Mal diese Woche. Na gut! Danke!«

Sie legte den Hörer auf, fest entschlossen, nicht darüber nachzudenken, was es bedeuten mochte, wenn die Rezeptionistin beim Chinesen ihren Namen kannte und ihre Bestellung auswendig wusste. Mit so etwas sollte man sich lieber nicht befassen.

Elly öffnete die Tür zum Schlafzimmer und schaute auf ihr Bett, über dem eine weiße Pelzdecke lag. Träge hob die weiße Pelzdecke die Augenlider und schaute Elly an, Verwirrung im Blick.

»Cadbury! Hoch mit dir! Runter vom Bett! Na los!«

Auch wenn der Hund ziemlich genervt wirkte, sprang er zögerlich vom Bett und folgte ihr in die Küche. Stirnrunzelnd schaute Elly ihn an. Es war Kim gewesen, die sie überredet hatte, sich einen Hund anzuschaffen. Anfangs hatte sie zahllose Nächte allein in ihrer neuen Wohnung verbracht, zur Gesellschaft nur eine billige Flasche Wein, was meist damit endete, dass Elly weinend auf und ab lief. Schließlich hatte Kim ihr klargemacht, dass sie etwas brauchte, um das sie sich kümmern konnte. Etwas, das sich nicht um sie drehte. Etwas, das sie vorwärtstrieb. Elly wäre etwas nicht so Arbeitsintensives lieber gewesen, vielleicht ein kleiner Kampffisch. Aber davon hatte Kim nichts wissen wollen.

Unbarmherzig hatte sie Elly zum städtischen Tierheim gezerrt, wo sie sich Hunderte trauriger Gesichter hinter Gitterstäben angeschaut hatten. Am Ende hatte Elly einen Nervenzusammenbruch bekommen und darauf bestanden, dass Kim sie nach Hause brachte. An jenem Abend schlürfte Elly Himbeertee und schaute zum Fenster hinaus. Da fiel ihr plötzlich ein, dass ihre Mutter in ihrer Kindheit in Georgia einen englischen Schäferhund gehabt hatte. Und so traf sie ihre Wahl. Sie wollte einen Hund, den ihre Mutter geliebt hätte.

Am nächsten Vormittag fuhr Elly zu einem hübschen blauen Farmhaus und setzte sich mitten in einen anbetungswürdigen Wurf Welpen; alles englische Schäferhunde. Putzmunter kletterten die Kleinen auf Ellys Knien herum und beleckten jeden Zentimeter Haut. Schließlich zerstreuten sie sich, und Elly sah einen weiteren Welpen in der Ecke liegen. Er betrachtete seine Geschwister, als würde er denken, das müsste wohl der lächerlichste Haufen Hunde sein, den er je zu Gesicht bekommen hatte. Sein Welpengesicht war kein Stück weniger bezaubernd, auch wenn er etwas ausstrahlte, das definitiv nach Skepsis aussah. Da wusste sie, dass dies genau der richtige Hund für sie wäre.

Sie nannte ihn Cadbury (einmal im Jahr war viel zu wenig für diese himmlischen kleinen Ostereier aus Schokolade), trug ihn aus der Scheune und setzte ihn auf den Beifahrersitz ihres Autos. Schon auf der Heimfahrt redete sie mit ihm. Vergoss Tränen wegen Aaron. Erzählte ihm von ihrer Geschäftseröffnung und dass sich noch keine einzige Braut bei ihr eingefunden hatte. Ungefiltert flüsterte sie diesem gutmütigen Hund ihre wahren Gefühle zu. Und er schaute sie an, wenn nicht so ganz mit Liebe, dann doch mit dem Blick, den man einer verrückten Tante vorbehält.

Es dauerte Monate, ehe Cadbury die Art Hund wurde, den sie wollte. Ihn stubenrein zu bekommen war entsetzliche Arbeit. Immer wieder pinkelte er auf ihren Perserteppich, sodass sie das gute Stück schließlich wegwerfen musste. Er mochte sein Futter nicht, er mochte nicht allein bleiben, und er zerrte so heftig an der Leine, dass die meisten Spaziergänge mit ihm für Elly mit blutigen Knien endeten. Cadbury rebellierte auf jede nur denkbare Art, aber irgendwann liebte er sie dann doch. Ja, er liebte sie tatsächlich.

Zwischen ihnen bestand eine Art Kameradschaft, wie unter Soldaten. Sie verließen sich aufeinander, sie empfanden denselben Weltüberdruss, und sie brauchten einander. Täglich ging sie mit ihm spazieren und ließ ihn meist fressen, was er wollte. Als Gegenleistung schlief er auf dem Bett an ihrer Seite und verrichtete sein Geschäft nicht mehr im Haus. Sein Welpengesicht veränderte sich. Er wurde ein schöner Hund … ein Hund, über den Elly immer wieder Komplimente von Fremden zu hören bekam. Sie war stolz. Stolz, weil sie ihn in seiner Welpenzeit nicht ermordet hatte. Stolz aber auch, weil ihre Mutter Cadbury geliebt hätte.

Im Frühling gingen sie im Forest Park spazieren und betrachteten die rosafarbenen Blüten an den Bäumen. Und im Winter sprang Cadbury durch den dünnen Schnee – in dem gestreiften Pullover, in den Elly ihn gezwängt hatte. Er half ihr durch die guten Tage, wenn sie Oberwasser hatte, und durch die nicht so guten Tage, wenn sie kaum glauben mochte, dass es zwei Jahre her war, seit sie an jenem schicksalhaften Morgen aufgewacht und von der Liebe ihres Lebens fortgefahren war. Er war ihr Hund, durch und durch, auch wenn sein Betragen manchmal zu wünschen übrig ließ.

Jetzt in der Küche ließ Cadbury sich endlich dazu herab, sich darüber zu freuen, dass Elly wieder da war. Er sprang an ihr hoch und stupste ihr die kalte Schnauze gegen die Schulter. Zu dem Zeitpunkt war sie schon seit fast drei Stunden zu Hause.

»Hallo, mein Hundeherzchen«, flüsterte sie.

Sie zog sich ihre Lieblingssachen an: eine weite, bequeme Schlafanzughose mit Rentiermuster und ein tailliertes Tanktop. So setzte sie sich aufs Sofa, öffnete eine Flasche Wein und rief Cadbury, damit er sich quer über ihren Schoß legte. Sie schaltete den Fernseher ein. Auf dem Bildschirm überreichte gerade eine schöne Frau im blaugrünen Satinkleid Rosen an mehrere Herren. Einer nach dem anderen lächelten die Männer sie an und küssten sie auf die Wange. Elly schnaubte verächtlich. Kaum etwas ging ihr so sehr auf den Geist wie die Vorstellung einer perfekten kerzenbeleuchteten Liebesgeschichte. Sie schwenkte die Weinflasche Richtung Fernseher.

»Ja, Herzchen, glaub nur tapfer dran … So fängt es immer an. Und dann muss er abends lange im Atelier bleiben und sich um neue Bilder kümmern. Und ratz, fatz bist du das labile Nervenbündel und schwenkst eine Weinflasche Richtung Fernseher!«

Sie schaute auf Cadbury, um zu sehen, ob er die Tragikomik des Ganzen begriff. Er schnaufte nur.

»Ja, hast ja recht. Ich bin verbittert, schon verstanden.« Es klingelte an der Tür. »Essen vom Chinesen!«, trällerte sie und kraulte ihn hinter den Ohren.

Sie machte die Tür auf und hielt die Luft an.

Ein irrsinnig attraktiver Mann stand vor ihrer Tür. Auch wenn er so perfekt wie ein Model war – wären da nicht seine Augen gewesen, hätte sie Enttäuschung empfunden. Sie war halb verhungert und wartete auf ihr Abendessen. Aber seine seelenvollen braunen Augen hatten die Farbe von Melasse oder herrlich fruchtbarem Boden. Eingerahmt wurden sie von dichten Wimpern, beinahe mädchenhaft in ihrer Länge. Die Mandelform verlieh ihm ein halb hawaiianisches Aussehen. Nein, vietnamesisch. Nein, Latino. Nein. Elly war wirklich nicht begabt darin, Herkunftsländer zu erraten. Na ja, wo immer er auch herkam, er war von erlesener Attraktivität. Dunkles, welliges Haar, milchkaffeefarbene Haut.

»Ähm, hallo?«, sagte er sanft.

Lieber Gott, er hat einen Akzent, dachte Elly, erschlag mich hier und jetzt. Schnell riss sie sich zusammen, schob sich die Haare aus den Augen, zog den Bauch ein und leckte sich die Lippen.

»Hi! Sie sind nicht mein chinesisches Essen.«

Sofort bedauerte sie, dass sie das Thema Essen erwähnt hatte, und das in den ersten dreißig Sekunden der Begegnung mit einem attraktiven Mann – dem ersten attraktiven Mann seit Langem. Dickerchen!

»Nein. Ich bin Isaac. Isaac Kamaka. Ich bin gerade über dem Delikatessenladen eingezogen.«

»Oh, wow! Das muss ja ganz köstlich duften!« In Gedanken versetzte Elly sich eine Ohrfeige. Schon wieder das Thema Essen.

»Nein, eigentlich nicht. Es riecht irgendwie immer nach Senf.«

»Oh!«

Schweigen.

»Tja also, dann machen Sie jetzt die Runde und wollen alle Nachbarn kennenlernen, ja?«

»Nur die hübschen.«

Oh bitte, lass mich in Ohnmacht fallen! Sie wurde rot. Und das war deutlich zu sehen.

»Der Typ nebenan … mein lieber Schwan! Was für eine Augenweide!«

Elly kicherte. Der Mann, der nebenan wohnte, war etwa fünfundsechzig, korpulent und immer von einem irgendwie seltsamen Geruch umgeben.

»Eigentlich ist er ganz nett«, erwiderte Elly. »Gary heißt er. Obwohl ich glaube, dass er meine Zeitschriften klaut.«

Isaac lächelte. »Welche denn?«

Das Weight Watchers Magazin, dachte Elly. Das sagte sie aber nicht. Stattdessen nickte sie und lächelte. »Ach, wissen Sie, Bademodenkataloge und so was in der Art.«

Cadbury, der hektisch versuchte, an Ellys Beinen vorbeizukommen, winselte und stieß sie an. Verzweifelt versuchte sie, elegant auszusehen, während sie einen Hund zwischen den Schenkeln zurückschob.

»Cadbury, nein! NEIN! Lass das!«

»Cadbury. Was für ein klasse Name. Und er ist benannt nach …?«

»Nach dem Butler«, antwortete sie. »Meine Familie hatte einen Butler.« He, Moment mal! WAS? »Ja, und er war unserer Familie ein wahrer Schatz.«

Na wenigstens habe ich ihm nicht erzählt, dass der Hund nach einer Süßigkeit benannt ist.

»Tja, freut mich auch, Cadbury kennenzulernen«, sagte Isaac, während Elly den Hund grob mit dem Fuß zurückstieß. Tierquälerin.

»Also, das klingt jetzt vielleicht ein bisschen seltsam«, fuhr Isaac fort, »aber hätten Sie vielleicht eine Glühbirne, die ich mir borgen könnte? Ich versuche gerade, mein Zeug einzuräumen, meine Instrumente. Und mit den zwei Lampen, die ich bis jetzt habe, sehe ich nicht so gut.«

»Aha, ja. Na klar. Kleinen Moment.« Elly machte die Tür hinter sich zu und schloss ab. Sie lehnte sich gegen die Wand. Alles in ihr zitterte. Ihr stand der Schweiß auf der Stirn, und ihr Nacken war klatschnass, während ihre Beine kribbelten und ihre Lippen so ausgetrocknet waren wie eine Wüste. Sie fuhr sich mit der Zunge über die Oberlippe.

Seit dem »Vorfall« hatte sie Männer kaum beachtet. Natürlich hatte ab und zu einer Interesse an ihr gezeigt. Der korpulente fünfundsechzigjährige Nachbar zum Beispiel. Aber auf keinen Fall war Elly so etwas in irgendeiner Weise gewohnt. Sie war der Kumpeltyp. Sie war die Frau, die nur deshalb von den Männern gegrüßt und nett behandelt wurde, weil sie ihren Freundinnen an die Wäsche wollten. Die niedliche, aber moppelige Nebenfigur, die bestimmt total nett und auch witzig war. Kein attraktiver Mann nahm je Notiz von ihr. Bis er gekommen war. Aaron. Ein Engegefühl presste ihr den Brustkorb zusammen. Nur selten gestattete sie sich, an ihn zu denken. Aber wenn sie es tat, war der Schmerz tief und qualvoll.

»Okay. Jetzt reiß dich aber zusammen!« Sie schüttelte den Kopf, um wieder klar denken zu können. Glühbirnen. Hastig rannte sie ins Bad, riss den Schrank auf und schnappte sich eine Glühbirne.

Elly warf einen Blick in den Spiegel und gab ein gequältes Quieken von sich. Ein sehr rundes, sommersprossiges, gebräuntes Gesicht starrte sie an. Die Nase war klein, und große blaue Augen guckten hinter einer Hornbrille hervor. Ihr kinnlanges, dichtes blondes Haar sah entsetzlich aus, lockige Strähnen standen in alle Richtungen ab. Na klasse, ich sehe aus wie eine Obdachlose. Rasch glättete sie ein paar verirrte lange Ponyfransen und steckte sie sich hinter die Ohren. Ihre dunkelrosa Lippen bildeten einen Schmollmund, so wie immer. Sie lächelte sich verführerisch zu. Uäh! Wenigstens hatte sie schöne Zähne.

Was den Rest anging … Sie hatte große, feste Brüste, die an den Seiten des Tanktops hervorschauten, und einen schmalen Oberkörper, dafür allerdings breite, fleischige Hüften. Wollte jemand ihre Figur mit einer Sanduhr vergleichen, wäre das noch großzügig gewesen. Eine stark gerundete Sanduhr käme vielleicht gerade noch hin. Oder ein Goldfischglas. Das war ihre Assoziation. Sie sah älter aus als zweiunddreißig, da konnte es keinen Zweifel geben. Das ließ sich nicht schönreden. Da muss ich eben durch. Und immer schön lächeln.

Elly verließ das Badezimmer und ging zurück zur Haustür. Sie holte tief Luft, dann machte sie ganz langsam die Tür auf.

»Ich habe doch noch eine gefunden … Ich hoffe, es ist in Ordnung, dass es eine normale ist und keine Energiesparlampe.«

Isaac lächelte. Er hatte perfekte Zähne, die Eckzähne fast so spitz wie bei einem Hund. »Danke«, sagte er leise. »Wenigstens muss ich jetzt nicht im Dunkeln arbeiten.«

»Was machen Sie denn beruflich?«, erkundigte sich Elly.

»Ich bin Musiker. Ich schreibe Stücke für Bühnenkünstler, meist Sachen für Klavier und Gitarre. Allerdings – jetzt kommt ein Geständnis – bin ich auch selbst in einer Band. Aber Bühnenauftritte liegen mir nicht so …« Er geriet ins Stocken, was ihn nur um so liebenswerter machte. »Vor Publikum auf der Bühne zu stehen, na ja, da zieht sich alles in mir zusammen. Irgendwie ist das so egozentrisch. Aber mir ist schon klar, dass es ein notwendiges Übel ist.«

Ellys Herz vollführte Purzelbäume. Bewundernswert, sensationell und bescheiden noch dazu.

»Wie heißt denn Ihre Band?«, erkundigte sie sich.

Er lächelte stolz. »Everest Oppressed. Es steht symbolisch dafür, dass der Mensch als niedere Kreatur von seinen Vorstellungen von Größe ständig in Bedrängnis gebracht wird …«

Ellys wilde Fantasien wurden abgewürgt, als ein leises Stimmchen aus Richtung Treppenaufgang Isaac unterbrach.

»Verzeihung?« Ein kleiner Chinese arbeitete sich um Isaacs massige Gestalt herum. »Ich habe eine Lieferung für El…Elly?«

»Elly. Ja, das bin ich.« Hastig nahm sie dem Mann die Tragetasche ab. Bitte, lieber Gott, lass ihn nicht sehen, wie viel Essen ich bestellt habe.

Der Mann hielt sich den Bon dicht vors Gesicht und verkündete: »Ich habe einmal Orangenhühnchen und einmal mongolisches Rindfleisch, als Beilage einmal Wantans und zwei Eierblumensuppen!«

Bitte lass mich im Boden versinken, jetzt sofort, dachte Elly.

»Das wärme ich mir fürs Mittagessen auf, wissen Sie, die ganze Woche über«, murmelte sie und ließ die Tragetasche hinter der Tür auf den Boden sinken, wo sich Cadbury gleich daranmachte, über die Wantans herzufallen. Mit verengten Augen starrte sie den Chinesen an.

»Danke! Hier ist Ihr Scheck. Okay, tschüss!« Ohne viel Federlesens drückte sie dem Mann vom Lieferdienst den Scheck in die Hand. Der marschierte die Hintertreppe hinunter und brummelte verärgert vor sich hin.

Oh nein, ich hab vergessen, ihm Trinkgeld zu geben. Rasch suchte sie Isaacs Blick. Aber ich bin mir nicht sicher, ob mich das jetzt überhaupt stört, dachte sie. Das war es wirklich wert.

»Tja, dann sollte ich Sie wohl mal lieber Ihrem Festschmaus überlassen«, scherzte er.

»Oh ja. Es war ein langer Tag. Da dachte ich, es wäre nett, wenn ich mir mal was gönne …« Welche Lüge willst du ihm als Nächstes auftischen?, fragte sie sich. Dass du jeden Tag Sport machst und geradezu vernarrt in Sojamilch bist?

»Tja, ich schätze, wir sehen uns dann demnächst öfter. Hat mich, äh, gefreut, Sie kennenzulernen«, brachte er hervor.

Inzwischen versuchte Elly, Cadbury die Wantans zu entreißen. Der Hund knurrte sie an und schlug mit den Pfoten nach ihren Händen. Sie richtete sich auf und wappnete sich wieder. Da musste sie jetzt durch.

»Ja. Hat mich auch gefreut, Sie kennenzulernen. Wir werden uns tatsächlich öfter mal sehen. Mir gehört das Posies, das Geschäft im Erdgeschoss. Kommen Sie doch mal vorbei, dann mache ich Ihnen einen Gratisstrauß.«

Isaac wiegte sich auf den Absätzen nach hinten, die Hände hatte er in den Taschen. »Ja, das mache ich vielleicht mal.«

»Schön.«

Er streckte seine große Hand aus. Elly ergriff seine rauen Finger. Zuckende Elektrizität huschte an ihrem Handgelenk hinauf. Ihre Hand war feucht. Nur unwillig löste sie sich von ihm, als er sich zum Gehen wandte.

»Hat mich wirklich sehr, sehr gefreut, Sie kennenzulernen, Elly. Genießen Sie Ihr Abendessen!«

Langsam schloss sie die Tür, dann lehnte sie sich dagegen. »Cadbury«, hauchte sie. »Ist das gerade wirklich passiert?«

Cadbury machte sich nicht die Mühe, von seinen Wantans aufzuschauen.

»Wow!«

Elly hob die Hand und befühlte ihr Gesicht. Es glühte, es schwamm geradezu in Freude und Aufregung. Sie holte tief Luft und glitt die Wand hinunter. Wie lange war es her, dass sie sich so gefühlt hatte? Dieser Ansturm, dieses Glück, das durch ihren Körper strömte, trieb sie zu vorschnellen Fantasien künftiger Glückseligkeit. Zuletzt … Abrupt löste sich Ellys Glücksgefühl in nichts auf. Zuletzt hatte sie diese Freude mit Aaron empfunden. Langsam tat sich der tiefe Abgrund in ihren Gedanken auf, ein kleiner Riss auf ruhigem Grund. Wieder holte sie tief Luft und ließ die schmerzliche Erinnerung über sich hinwegspülen. Sie dachte an ihre erste Begegnung mit Aaron Schuster.

In Georgia war Elly für ein großes Unternehmen tätig gewesen. Global Trekking hieß die Firma, die Versicherungen für namhafte Speditionen im Ausland bereitstellte. Fleißig hatte sie sich die Karriereleiter hinaufgearbeitet, bis sie schließlich Chefsekretärin des Vorstandsvorsitzenden Jeff Burhope war. Beinahe den ganzen Tag brachte sie damit zu, Besorgungen für ihn zu erledigen, seine Unterlagen zusammenzuschreiben und sich um Dinge zu kümmern, die weit über ihre Stellenbeschreibung hinausgingen.

An jenem besonderen Dienstag hatte Jeff ihre Durchwahl gewählt, wie er das Hunderte Male am Tag tat.

»Elly, meine Liebe, sind Sie gerade sehr beschäftigt?«

Elly warf einen Blick auf den Stapel Papiere auf ihrem Schreibtisch. Ja, ich bin immer beschäftigt, du Arschloch, dachte sie. Stattdessen antwortete sie: »Ach, nichts Weltbewegendes. Was kann ich für Sie tun?«

»Ich brauche ein paar Gemälde für mein Billardzimmer. Heute noch. Irgendwas mit Frauen drauf, Sie wissen schon. Ein bisschen nackt, aber nicht zu sehr. Immerhin kriegt meine Frau die auch zu Gesicht. Danke!«

Laut seufzend legte Elly den Hörer auf. Die »Besorgungen«, die sie für Mr Burhope erledigte, waren nur zu oft von der lächerlichen Art. Zum Beispiel, wenn sie eine bestimmte exotische Schokolade auftreiben sollte, die er einmal in Asien probiert hatte. Oder sie durfte seine Frau anrufen, um sein Lieblingsessen (Rinderhüftbraten mit Barbecuesoße) zu bestellen. Ein andermal hatte sie seinen Vorrat an Fußcreme für seine verwachsenen Zehen auffüllen dürfen. Sie war weniger Chefsekretärin als persönliche Assistentin.

Einen Großteil des Vormittags hatte Elly damit verbracht, die wichtigsten neuen Artikel von seinen Lieblingswebsites zu notieren. Um an jenem schicksalhaften Tag seinen neuesten Wunsch zu erfüllen, packte Elly ihre Sachen zusammen und machte sich auf den Weg zu einer Galerie im Ort, um Bilder von Frauen zu finden, die ein bisschen nackt waren.

Die Galerie war hell, blitzsauber und voll von Kunst, die Elly nicht verstand – hier ein roter Strich, hingespritzt auf eine weiße Leinwand, da eine riesige phallische Gurke. Es war die pure Reizüberflutung. An einer Wand hingen allerdings auch einige wunderschöne Bilder mit Darstellungen von Blumen. Aus der Nähe betrachtet wirkten sie chaotisch und erweckten den Eindruck von Amateurhaftigkeit, aber sie waren strahlend und lebhaft und fingen die Essenz der Blumen ein. Und Blumen liebte Elly über alles.

Je intensiver sie die Bilder musterte, desto mehr wurde ihr klar, dass sie erotische Darstellungen betrachtete. Sich windend innerhalb der Blumen sah man Frauengestalten – nackte Frauen, verborgen in den Stängeln, in einzelnen Blütenblättern und in ganzen Blüten. Überall nackte Frauen und ihre weiblichen Geschlechtsteile.

Oh mein Gott! Sie wurde rot.

»Wissen Sie, was Sie da sehen?«, hörte sie eine tiefe Stimme hinter sich fragen.

Sie drehte sich um und lächelte. Aaron stand vor ihr. Er war großgewachsen und hatte dunkelblondes Haar, das ihm über die ausgeprägten Wangenknochen fiel. Seine sanften grünen Augen waren gesprenkelt mit winzigen goldenen Tupfen. An diesem Tag trug er eine leichte, schon recht abgetragene Jeans und ein langärmeliges kastanienbraunes Hemd. Von einem Moment auf den anderen wurde Elly der Boden unter den Füßen weggerissen.

»Nein. Was sehe ich denn da?«

»Sie … sehen meine jüngste Ausstellung, die den weiblichen Körper im Reich der Natur hervorhebt.«

»Oh … das ist …« Elly ermahnte sich, nur ja nicht dumm zu klingen. »Das ist sehr … regt sehr zum Nachdenken an.«

Aaron feixte. »Sie verstehen wohl nicht viel von Kunst, was?«

»Ähm … nein«, gestand Elly. »Ich habe keine Ahnung, was ich da sehe.«

»Nun ja, es ist eine Studie verschiedener Arten von Frauen. Frauen gleichgesetzt mit einem Garten. Hier haben Sie einige üppige Blumen.« Mit dem Finger fuhr er an der Stelle über sein Bild, an der sich übergewichtige Frauen in Pfingstrosen schmiegten. »Es gibt auch schlanke Blumen.« Sein Finger glitt weiter zu einigen Callablüten, gefüllt mit langgliedrigen, athletischen Gestalten. »Und einige normale Frauen gibt es auch zu sehen.« Eine Rose, die unter seinen Fingern erblühte, war gefüllt mit kompakten erotischen Gestalten.

Aaron musterte Elly. »Und was für eine Art von Blume sind Sie?« Die dunkle Leidenschaft in seinen Augen nahm ihr den Atem.

Elly wippte auf den Fersen zurück. Dieser Typ ist magnetisch. »Ich, ähm … ich bin eine Gardenie. Sie wissen schon, elegant, aber in erster Linie aufgebauscht.«

Er lachte. »Witzig. Ich mag Sie. Wie heißen Sie?«

»Elly.«

»Hallo, Elly«, sagte er und streckte ihr die farbbespritzte Hand entgegen. »Ich bin Aaron.«

Und damit war ihr Herz weit aufgerissen.

Zurück im Hier und Jetzt ihrer Wohnung hockte Elly auf dem Fußboden und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, als Würgegeräusche von Cadbury sie aus ihren allzu klaren Erinnerungen rissen. Sie gestattete sich nie, an Aaron zu denken. Niemals sprach sie seinen Namen aus. Sie leugnete seine Existenz und weigerte sich, mit irgendjemandem außer Kim über ihre Vergangenheit zu reden. Das Leben, das sie an jenem Morgen in Georgia hatte verblassen sehen, war ein Traum ihrer Vergangenheit. Es hatte nie existiert. Denn wenn es gar nicht existierte, gab es auch ihn nicht. Aaron. Den Mann, der ihre Liebe mit Füßen getreten hatte. Den Untreuen. Die Liebe ihres Lebens. Verflixt, wieso denke ich denn an ihn? Seinetwegen saß sie hier auf dem Fußboden, neben einer Tragetasche voll mit chinesischem Essen, und weinte die Wand an.

»Cadbury! LASS DAS!« Sie riss an seinem Halsband, richtig fest. Enttäuscht sah er sie an.

Elly nahm das Essen und stellte es auf den Küchentresen. Isaac. Unglaublich. Wie er sie angesehen hatte. Diese dunklen Augen. Und so witzig! Heftig schüttelte sie den Kopf. Nein. Keine Männer mehr. Was für eine alberne Idee! Ein Anflug von Irrsinn. Er war bloß ihr Nachbar. Außerdem war er cool – er hatte das gewisse Etwas. Sie hatte das gewisse Etwas nicht – sie trug Rentierschlafanzughosen.

Ellys Herz war ein kunterbuntes Durcheinander. Leise ging sie zur Tür zum Laden und tappte die schmale Treppe hinunter ins Atelier. Sie machte sich nicht die Mühe, das Licht anzuschalten. Zögerlich ging sie in den gelben Verkaufsraum und rieb sich die Arme, als eine Gänsehaut darüberkroch. Sie öffnete ihren Kühler. Sofort war der kleine Raum in Neonlicht getaucht, und sie horchte auf das tröstliche Summen der Elektrizität.

Sie griff in den Kühler und bediente sich willkürlich aus den schwarzen Eimern. Gemächlich sammelte sie pfirsichfarbene Kulturrosen, rosa Prärie-Enzian, hellgelbe Tulpen und eine blassblaue Skabiose ein. Mit jeder Blume spürte sie, wie ihre Erinnerungen heilten, mit einem sanften Balsam übertüncht wurden. Aaron verschwand, ein Schatten ihrer Vergangenheit. Sie drückte das Blumenarrangement an ihre Brust und starrte aus den großen Fenstern ihres Ateliers hinaus. Ab und an fuhren Autos vorbei, deren Scheinwerfer ihr Gesicht erhellten, eines nach dem anderen.

Das hier ist mein Zuhause, dachte sie. Hier bin ich sicher. Nichts kann mir hier etwas anhaben.

Von oben hörte sie Cadbury winseln. Ellys Magen rumorte beim Gedanken an ihr heißes chinesisches Essen. Langsam machte sie sich auf den Weg die Treppe hinauf, zurück ins Licht, mit frischen Blumen in der Vase, die sie noch immer fest umklammert hielt.

Kapitel Vier

Kim steckte den Kopf um die Ecke und winkte Elly zu, die gerade am Telefon war. Elly bedeckte die Sprechmuschel und flüsterte: »Ich weiß, ich weiß, wir müssen reden. Sie ist verrückt!« Sie machte kreisende Bewegungen mit dem Finger an der Schläfe.

Kim kicherte und zog sich zurück ins Atelier. Perfekt schwang ihr langer Pferdeschwanz hinter ihr. Puh! Unfair, dachte Elly. Ihr eigenes Haar klebte ihr feucht und lockig an der Stirn.

Elly wandte ihre Aufmerksamkeit wieder Brooke zu, der Braut, die sie bis dato am wenigsten mochte und die ihr gerade nonstop ins Ohr plapperte.

»Gestern habe ich mit dem Mann vom Catering telefoniert. Und obwohl er gesagt hat, er würde mich sofort zurückrufen, hat er das nicht gemacht. Sooo typisch. Ich überlege, ob ich wechseln soll. Na jedenfalls, die Leinentischtücher sind hellblau. Aber nicht so ein richtig strahlendes Hellblau. Eher ein blasses Babyblau. Aber nicht ganz Lavendel. Mit Zinn sehen sie fantastisch aus, aber nicht mit Silber. Ergibt das einen Sinn?«

Diese Frau ist verrückt, dachte Elly.

»Offiziell heißt die Farbe Glyzinie. Ich habe mir überlegt, ob wir nicht für die Knopflochblume meines Großvaters etwas nehmen können, das wenigstens eine SPUR Glyzinie enthält, aber nicht die tatsächliche Farbe?«

Unwillkürlich grub Elly angesichts der bevorstehenden Auseinandersetzung die Fingernägel in die Armlehnen ihres Stuhls. Trotzdem zwang sie sich zum Lächeln. So klang ihre Stimme netter, als sie sich tatsächlich fühlte.

»Brooke. Wir haben doch schon darüber gesprochen, dass Blumen nicht wie eine Farbpalette im Baumarkt sind. Wir können versuchen, so nahe wie möglich an ein Glyzinienblau heranzukommen. Aber eine hundertprozentige Übereinstimmung mit dieser Tischdecke werden wir nicht erzielen. Und um die Ansteckblumen Ihres Großvaters sollten Sie sich wirklich keine Sorgen machen. Ich werde vermerken, dass Sie einen blassblauen oder lavendelfarbenen Akzent wünschen. Wäre das dann alles?«

Brooke schwieg.

Lieber Gott, bitte lass das alles gewesen sein, betete Elly.

»Ein Letztes noch. Im Internet habe ich gelesen, dass man Ende Juli womöglich keine Pfingstrosen mehr bekommt. Stimmt das?«

»Nein, Brooke. Das stimmt nicht. Wir haben doch besprochen, dass man nicht alles glauben soll, was man im Internet liest, wissen Sie noch? Wir werden keinerlei Probleme haben, Pfingstrosen zu bekommen.«

»Sind Sie sicher? Denn auf dieser Hochzeitsseite heißt es …«

»Ja. Ich bin sicher. Na schön, Brooke! Nett, mit Ihnen geplaudert zu haben. Ich werde die Änderungen in Ihrem Vertrag vermerken.«

Endlich schien sich die Braut geschlagen zu geben. »Na gut, danke!«

Seufzend legte Elly den Hörer auf. Tag für Tag rief Brooke an und wollte winzige Änderungen an ihrem Auftrag vornehmen. Sie war nicht berufstätig und hatte einen sehr reichen und distanzierten Verlobten, der zwar für die große Hochzeit zahlte, Brooke aber fast die ganze Zeit allein ließ. Die Hochzeit zu planen war zu Brookes Job geworden. Schon dreimal hatte sie ihr Farbschema geändert, nachdem ihr Gelb zu hell und Rosa zu klischeehaft erschienen war. Jetzt waren sie bei kühlen Farbtönen gelandet – Violett und Blau. Elly rechnete fest damit, dass Brooke vor der Hochzeit im Juli noch zwei oder drei weitere Farbänderungen vornehmen würde.

Brooke trieb Elly in den Wahnsinn. Sie war definitiv ein Brautzilla, wie er im Buche stand. Aber hinter ihrer Verzweiflung spürte Elly auch so etwas wie Einsamkeit. Das allein schenkte ihr mehr Geduld, als sie für möglich gehalten hätte. Schnell rief sie den Vertrag im Computer auf und vermerkte: »Die Verrückte will Lavendel für die Knopflochblume des Großvaters.«

Elly rollte mit dem Stuhl herum.

»Kiiiiim!«, rief sie.

Kim schlenderte herein, nahm schnell einen Schluck aus einer Wasserflasche und setzte sich Elly gegenüber.

»Es ist SO heiß hier drin. Puh!« Kim schob sich ihre Ponyfransen aus den Augen.

Entnervt schaute Elly sie an. »Du siehst aber gar nicht so aus, als wäre dir heiß. Nie schwitzt du. Du leuchtest einfach. Am liebsten würde ich dich nehmen und schütteln. Auf die nette Art natürlich.«

Kim grinste. Auf ihrer olivfarbenen Haut lag ein goldener Schimmer, der die Konturen ihrer Arme und Beine hervorhob. Heute trug sie ein leichtes korallenrotes Sommerkleid, akzentuiert durch eine Muschelkette und schwarze Flipflops. Elly kannte ihre Freundin gut genug, um zu wissen, dass Kim gerade einmal zwei Sekunden gebraucht hatte, um dieses hinreißende Ensemble zusammenzustellen. Und wahrscheinlich hatte sie nicht einmal geduscht.

Elly dagegen hatte eine Stunde benötigt, um sich fertig zu machen. Sie hatte geduscht, hatte sorgfältig ein hübsches Outfit gewählt, Make-up aufgelegt und versucht, ihre unbändigen Haare in Locken zu legen. Sie trug Kakishorts und ein gelbes Tanktop mit U-Ausschnitt. Und schon jetzt hatte sie ihr Make-up komplett weggeschwitzt, die Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und die niedlichen Flipflops gegen hässliche, aber bequeme Crocs getauscht. Es war elf Uhr vormittags, und schon durchlebte sie, was sie bei sich den »Nachmittagsgestank« nannte. Grässlich.

»Was möchtest du zum Mittagessen? Ich dachte an was von Keith«, schlug Elly vor.

Dem vorzeitig kahl gewordenen, charmanten und stämmigen Keith Carcelo gehörte das Delikatessengeschäft nebenan. Er machte sensationelle Sandwiches: warmes italienisches Brot belegt mit allem, was man sich an Gemüse, Fleisch und Käse nur vorstellen konnte. Regelmäßig waberte der Hefeduft aus dem Sandwichladen durch das Posies und vermischte sich mit dem frischen, leichten Aroma der diversen Blumen. Das Ergebnis war Ellys liebster Geruch auf der Welt.

Keith kannte nicht nur Ellys Lieblingssandwich bis hin zur exakten Zahl der Gurkenscheibchen. Er war auch der beste Nachbar, den man sich wünschen konnte. Immer half er ihr aus, ob er nun für sie die Abfalltonnen an die Straße stellte, ihr Stückchen Bürgersteig mit schrubbte oder sogar mit Cadbury Gassi ging, wenn Elly sich nicht so toll fühlte. Keith war wunderbar, und Elly schätzte sich glücklich, ihn zum Freund zu haben.

»Ja. Was von Keith klingt prima«, erwiderte Kim und stützte sich auf den Tisch. »Aber vorher muss ich noch mit dir reden.«

In Ellys Kopf meldete sich eine winzige Alarmglocke. Kim schien es ernst zu sein.

»Ähm, was ist denn los? Du wirkst so besorgt.« Elly legte ihre Papiere ordentlich zurecht.

Kim richtete sich gerade auf, holte tief Luft und schob sich die langen Haare hinter die Schultern. »Es gibt keine einfache Möglichkeit, das zu sagen. Also sage ich es ganz geradeheraus. Ich muss weg aus dem Posies.«

»Was soll das heißen, du musst weg?«, stammelte Elly. »Weg wie weg in den Urlaub?«

»Ich meine, ich werde hier nicht mehr arbeiten.«

Sprachlos sah Elly ihre Freundin an. Ihr klappte die Kinnlade herunter.

»Ich weiß, das ist ein Schock für dich. Und ich will nicht, dass das jetzt unsere Freundschaft beeinträchtigt«, fuhr Kim rasch fort. »Aber ich musste es dir doch sagen. Ich kündige.«

Elly spürte, wie etwas in ihrem Magen tief nach unten sackte.

Kim griff über den Tisch und nahm Ellys Hand. »Bitte sei mir nicht böse! Ich kann mir gar nicht vorstellen, dich nicht mehr jeden Tag zu sehen. Aber ich muss jetzt einfach was anderes machen. Sean und ich haben diese Entscheidung gemeinsam gefällt. Es ist die beste Entscheidung für unsere Familie, und Blumensträuße und Gestecke zusammenzustellen ist für mich nicht mehr ganz so aufregend wie am Anfang.« Sie schwieg einen Moment und sah Elly direkt ins Gesicht. »Alles in Ordnung mit dir?«

Im ersten Moment sagte Elly nichts. Dann fuhr sie Kim gekränkt an. »Wie kannst du mir das antun? Gerade jetzt, wo die Hochzeitssaison beginnt!«

Kim nickte. »Ich arbeite für dich, bis du einen Ersatz gefunden hast. Aber ich hoffe, dass ich um den 1. Juni herum gehen kann.«

Elly rastete aus. »Na klasse! Das ist ja eine Riesenhilfe. Du bist außer mir die Einzige hier, die wirklich Arrangements zusammenstellen kann! Wieso willst du kündigen? Bist du hier nicht mehr glücklich? Wie lange bist du schon nicht mehr glücklich?« Elly brach die Stimme.

Kim kräuselte die Lippen. Ihr war anzusehen, dass sie sich Mühe gab, keine patzige Antwort zu geben. Also zwang sich auch Elly, ruhig zu bleiben. Sie griff nach einem Taschentuch. »Tut mir leid. Das hat mich einfach kalt erwischt.«

Bedauernd lächelte Kim sie an. »Im Grunde wusste ich ja, dass du so reagieren würdest. Ich hätte es dir eher sagen sollen. Nur habe ich es immer wieder vor mir hergeschoben, weil ich wusste, das wird heftig. Für uns beide.«

»Bist du denn nicht mehr glücklich hier?«

»Ich liebe diesen Laden. Aber ich muss jetzt einfach mal etwas anderes machen. Ach, komm schon«, sagte Kim und zuckte mit den Schultern. Sie sah aus, als hätte sie gern mehr gesagt. »Du weißt doch, dass ich nicht zu arbeiten brauche. Ich wollte gern arbeiten. Aber Sean braucht mich auch mal für sich. Ich sollte mehr zu Hause sein. Aber wahrscheinlich werd ich trotzdem jeden Tag reinschauen, du kennst mich doch. Ich würde ja wahnsinnig werden, so ganz allein in meinem Haus. Du weißt schon.«

Elly wusste nicht. Kim wohnte in einem riesigen Haus auf dem Magdalyne Drive, nur ein Stück die Straße hoch. Es war ein luxuriöses Villenviertel hinter verschlossenen Toren, das aus einem üppigen Park voller Blumen und großen Steinhäusern bestand, die alle von schwerreichen Familiendynastien erbaut worden waren.

In Clayton wimmelte es von solchen Dynastien. Familien, die ihr Vermögen um die Zeit der Weltausstellung von 1904 gemacht hatten, vererbten es an die nachfolgenden Generationen. Und so besaß so manch ein junges Paar mehr Reichtum, als es sich je hatte träumen lassen.

Kims Ehemann Sean arbeitete als Chirurg in der Urologie und verdiente eine hübsche Stange Geld. Aber das Haus hatte seine Mutter gekauft, die Erbin des berühmten Creeden-Vermögens. Das Anwesen war beeindruckend. Es war eine Kombination erlesener Steinfliesen, üppiger Stoffe und bahnbrechender Kunstwerke, die Kim mit Geschmack zusammengetragen hatte. Dazu Möbel aus der Alten Welt, Tausende von Dollar wert. Elly liebte die Besuche in Kims Haus. Sie war praktisch jeden zweiten Tag dort.

»Nein. Ich verstehe das nicht. Du hast da wirklich nicht das Geringste zu tun. Was willst du denn den ganzen Tag machen? Am Pool liegen und Mai Tai trinken? Wieso kündigst du? Gibt es einen echten Grund dafür?«

Obwohl Elly ihre Freundin gerade beleidigt hatte, blieb Kims Gesichtsausdruck gelassen. »Nein. Und ich weiß, dass das für dich schwer ist. Trotzdem muss ich mich nicht rechtfertigen … Begreifst du das denn nicht? Manchmal muss man eben das tun, was das Beste für einen ist.« Sie schaute Elly direkt ins Gesicht. »Ich hätte gedacht, dass gerade du dafür Verständnis hast.«

Elly fuhr zurück, als wäre sie geschlagen worden. »Was soll das denn heißen?«

Kim beugte sich vor. »Gar nichts.«

»Na komm. Was wolltest du damit sagen? Los jetzt, raus damit! Ich meine, ganz offensichtlich hast du kein Problem damit, mir Unannehmlichkeiten zu bereiten.« Abrupt stand Elly auf.

Kim erhob sich ebenfalls. »Na gut. Also schön. Du hast in Georgia alles hinter dir gelassen. Deine Freunde, deinen Job, dein Haus. Du gehst nicht mal mehr zur Kirche. Du scheinst kein Problem damit zu haben, immer das zu tun, was das Beste für dich ist. Das freut mich für dich. Denn hättest du das nicht gemacht, wärst du jetzt nicht in meinem Leben. Aber es steht dir einfach nicht zu, jetzt dazusitzen und über mich zu urteilen, weil ich kündige. Es ist mein Leben, und ich brauche die Arbeit hier nicht mehr. Das ist alles. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Mir war ja klar, dass dich das treffen würde. Aber ich hatte keine Ahnung, dass du so gemein sein würdest.«

Kim drehte sich um und ging zur Tür hinaus. Hinter ihr bimmelten die Glöckchen. Elly wischte sich eine Träne aus dem Auge. Es war Jahre her, dass sie so mit jemandem gestritten hatte. Und mit Kim hatte sie überhaupt noch nicht gestritten. Von dem Moment an im Café, als Kim sie gerettet hatte, waren sie unzertrennlich gewesen. Zwischen ihnen war die Art reife Freundschaft entstanden, die Elly sich immer gewünscht hatte. Sonntags hatten sie meist auf hellrosa Luftmatratzen in Kims Pool gelegen, hatten gefaulenzt, sich treiben lassen. Elly hatte die Finger durchs kühle Wasser gleiten lassen, hatte Smoothies getrunken und Sean beim Kampf mit dem Grill zugesehen. An dieser Erkenntnis führte kein Weg vorbei: Kim war hier ihre ganze Familie.

Sofort verspürte Elly Gewissensbisse.

»Kim!« Hastig lief sie hinaus und sah Kim an einem der kleinen Tische auf der Terrasse sitzen und sich die Augen wischen. »Tut mir leid.« Sie schlang die Arme um ihre Freundin. Es war so leicht, dünne Menschen zu umarmen. »Ich bin bloß traurig, weil du nicht mehr für mich arbeiten willst. Heißt das, ich muss jetzt den Li-La-Launebär da drüben befördern?«

Kim lachte, und beide schauten sie durchs Fenster in den Laden. Patzella stand am Fenstertisch, stellte ein Blumenarrangement zusammen und redete gleichzeitig ins Handy hinein. In diesem Augenblick köpfte die junge Dame eine Rose, formte mit den Lippen einen Fluch und schleuderte den Stängel gegen das Fenster.

»Sie ist hoffnungslos«, sagte Elly und seufzte. »Aber vielleicht braucht sie ja bloß ein bisschen Anleitung.«

»Ich weiß«, erwiderte Kim und schmiegte den Kopf an Ellys Schulter. »Ich werde ständig hier sein. Bloß nicht mit exakten Arbeitszeiten den ganzen Tag. Du weißt schon. Ich schaue jeden Tag mal rein. Und du bist ja ganz in Ordnung, aber was ich wirklich brauche, ist mein tägliches überbackenes Sandwich von Keith.«

Elly stupste Kim mit der Schulter an, und zusammen gingen sie ins Geschäft, um die Arbeit des Tages zu Ende zu bringen.

Als Elly Stunden später in ihre Wohnung hochstapfte, in der einen Hand eine Tüte aus der Konditorei, in der anderen einen Strauß aus blauem Rittersporn, fand sie an der Tür eine Nachricht in einem schlichten weißen Umschlag mit der Aufschrift »Elly«. Verwirrt runzelte sie die Stirn. Sie war doch nicht mit der Miete in Verzug, oder? Mist!, dachte sie, als sie sich den Umschlag zwischen die Zähne schob und die Tür öffnete.

Eine halbe Stunde später, nachdem sie sich von Cadbury mehrmals um den Block hatte zerren lassen, setzte sie sich an ihren winzigen Küchentisch und wischte sich noch etwas Cremefüllung von den Cannoli aus dem Mundwinkel. Die Nachricht war auf einem dünnen roten Papier mit indianischen Tuschezeichnungen geschrieben. Sie las:

Elly,

heute Abend kommen ein paar Leute zu mir. Ich mache eine kleine Einweihungsfeier. Hätten Sie Lust? Kommen Sie, wann immer Sie mögen. Ich bestelle Ihnen sogar was vom Chinesen!

Isaac

Mitten im Schlag spürte Elly ihr Herz aussetzen. Der Nachbar. Der irrsinnig attraktive Nachbar wollte, dass sie zu seiner Party kam. Sie war sich nicht sicher, ob die Bemerkung mit dem chinesischen Essen eine Beleidigung war oder ob sie sich darüber freuen sollte. Aber das spielte im Moment keine Rolle. Sie war zu einer Party eingeladen worden. Von einem Mann. Das ist epochal.

Sacht fuhr sie über das Papier. Eigentlich hätte sie nicht hingehen sollen. Es war ein langer Tag gewesen, vor allem wegen Kims Kündigung. Elly war emotional wie körperlich erschöpft. Sie zerquetschte das letzte Cannoli-Röllchen samt der Papiertüte und warf alles in den Abfall. Dann drehte sie sich um und schaltete den Fernseher ein. Cadbury winselte sie an. Sie ging ins Badezimmer, schnappte sich sein kleines Quietsche-Eichhörnchen und stapfte zurück ins Wohnzimmer. Als sie Cadbury das Spielzeug hinwarf, sprang er wie von der Tarantel gestochen über den Flur.

In dem Moment sah sie sich im Spiegel über dem Esstisch. Blonde Locken fielen ihr ins Gesicht. Die Brille mit dem Schildpattgestell hing ihr auf der Nasenspitze. Ihr kurviger, rundlicher Körper war versteckt unter einem hellblauen T-Shirt, das halb in schwarzen Gaucho-Hosen steckte. Sie war eine Katastrophe. Wollte sie bis ans Ende ihrer Tage in ihrer Wohnung hocken bleiben? Das Leben nur aus zweiter Hand erfahren, durch Kim und Sean? Hatte Aaron – beim Gedanken an den Namen zuckte sie zusammen – ihr denn alles genommen? Cadbury sprang an ihr hoch. Sein Spielzeug hing ihm aus dem Maul.

»Ich schaffe das«, ermutigte Elly sich. »Ich kann sexy sein.«

Zehn Minuten später starrte sie immer noch den Inhalt ihres Kleiderschranks an und versuchte, etwas zu finden, das sie tragen konnte. So sexy musste es ja nun auch wieder nicht sein. Etwas dezent Attraktives würde ja schon genügen. Blumenbouquets zu arrangieren war anstrengende, schmutzige, schweißtreibende Arbeit. Meist trug sie Shorts und Tanktops oder, wenn sie allein im Atelier war, ein schlichtes Hemdchen und Unterwäsche.

Schließlich fand sie ein schwarzes Oberteil mit weißen Pünktchen, das tief ausgeschnitten war. Darunter zog sie ein schwarzes Tanktop. Sie schnappte sich eine nicht ganz so schlank machende Khakihose und schlüpfte dazu in ein Paar schwarze Flipflops. Ihr lockiges Haar war nicht zu bändigen, also nahm sie es locker zurück und steckte alles mit einigen Haarklammern fest. Dann legte sie etwas Lipgloss und Wimperntusche auf und schlüpfte zur Hintertür hinaus.

Ein schmaler Durchgang zog sich oberhalb der Wydown Street an den Wohnungen lang und verband alle Häuser durch eine Reihe von Feuertreppen und winzigen Innenhöfen. Kaum eine Minute später kam schon die Wohnung über Keiths Delikatessengeschäft in Sicht. Vor der Tür blieb sie kurz stehen. In der Luft lag der Geruch von warmem Brot – tröstlich und ärgerlich zugleich. Sie war auf dem Weg zu einer Party mit einem sensationellen Mann als Gastgeber, und jetzt hatte sie Hunger. Danke, Keith, dachte sie wütend. Sie musterte die Tür, die mit Bandpostern beklebt war. Also gut, Elly, atme!, befahl sie sich. Bitte, lieber Gott, lass nicht zu, dass ich mich blamiere! Sie schloss die Augen und klopfte an die Tür.

Kapitel Fünf

Die Tür schwang auf und gab den Blick auf einen großen, schick gekleideten Mann frei. Na ja, relativ schick gekleidet. Er trug ein weißes Hemd, eine Smokingjacke und dazu eingerissene Jeans.

»Heee«, murmelte er offensichtlich verwirrt. Er lehnte den Arm gegen die Tür. »Wollen Sie Jules abholen?« Elly schluckte.

»Ähm, was?«

»Sind Sie ihre Mutter?«

»Nein, nein. Bin ich nicht. Ist Isaac da?«

Der Typ ließ den Arm sinken, mit dem er den Zugang blockierte, und rief: »Isaac … Hier ist die Mutter von irgendeinem Mädchen und will was von dir!«

Die Mutter von irgendeinem Mädchen … Sofort bereute Elly nicht nur ihren Entschluss herzukommen, sondern auch die Tatsache, dass sie sich für die Khakihose entschieden hatte. Sie sah an ihrer Kleidung hinunter und begriff plötzlich, wie sehr sie nach Hausmütterchen aussah.

Isaac schaute um die Ecke und stützte sich an der Wand ab. Über sein Gesicht breitete sich ein wildes, unwiderstehliches Grinsen. »Elly! Sie sind tatsächlich gekommen! Ich freue mich ja so.«

Er nahm ihre Hand – eine Geste, die genauso plötzlich wie schockierend kam. Seine Hand war kühl. Er führte sie ins Wohnzimmer. Die Wände waren in einem dunklen Senfgelb gestrichen und mehr schlecht als recht zusätzlich mit Schwammtechnik verziert. Gegen zwei der Wände waren rote und orangefarbene Sofas gerückt, darüber hingen großformatige Bleistiftzeichnungen in schwarzen Kunststoffrahmen. Laut plärrte innovative, wenn nicht experimentelle Musik durch den Raum. Es klang wie die Instrumentalmusik von Yanni, nur war noch Rap darübergelegt. Drei sehr hübsche Mädchen rekelten sich lässig auf dem einen Sofa. Auf dem anderen saßen zwei Männer, die sich offenbar in einem hitziger werdenden Streitgespräch befanden. Einer im engen schwarzen T-Shirt schwenkte heftig den Arm.

»Deine Formulierung in der Sache ist mehrdeutig. Die Kommerzialisierung der Radiomusik hat sie für Geschmacksdebatten abgestumpft. Ein Musikliebhaber kann Musik empfehlen und gleichzeitig die Entscheidung der Leute für eine Musikrichtung stützen. Entweder bist du unabhängig, oder du bist unter dem Einfluss …«

Ein Mädchen in einem schrecklichen hexenähnlichen Kleid beugte sich vor. »Oder man ist einfach ein ganz normaler Mensch. Gene, du darfst da wirklich nicht so elitär sein. Das Radio ist fürs gemeine Volk. Aber Musiker und Leute, die hinter die Kulissen schauen, kennen die Wahrheit. Es ist unsere Verantwortung, zu lehren, zu erziehen …«

Isaac mischte sich in die Debatte ein. »Okay, okay! Jetzt kriegt euch mal wieder ein. Ich möchte euch meine neue Nachbarin vorstellen: Das ist Elly.«

Elly winkte zaghaft. Mit den Weingläsern in der Hand starrten alle sie an. »He! Schön, Sie alle kennenzulernen.«

»Sind Sie Musikerin, Elly?«, fragte eine Rothaarige mit Hornbrille. Sie wirkte skeptisch.

»Nein, nein. Ganz und gar nicht. Mir gehört das Blumengeschäft nebenan. Meistens kümmern wir uns um Hochzeiten.«

Mit leerem Gesichtsausdruck schaute das Mädchen sie an.

Elly plapperte weiter. »Neulich hatte ich eine wirklich interessante Hochzeit. Da war dieser Schokobrunnen …«

Ein Mann mit Baskenmütze von dem anderen Sofa unterbrach Elly. »Na jedenfalls, wenn wir nicht endlich aufhören, diesen jüdisch-christlichen Regeln über Musik anzuhängen, werden wir, und das ist meine Meinung, unser Potenzial nie wirklich ausschöpfen.«

Elly kam sich verloren vor, mitten in ihrem eigenen Satz stecken geblieben, den sie noch gar nicht beendet hatte.

»Und, also, äh, da hab ich mich reingesetzt …«

Isaac warf ihr einen Blick zu. »Also die Geschichte würde ich nur zu gern hören. Kommen Sie, überlassen wir diese faselnden Idioten sich selbst.« Er zwinkerte den Mädchen auf dem Sofa zu, von denen eines unter seinem Blick sichtlich nervös hin und her rutschte.

Als Isaac sie in die Küche führte, war unübersehbar – für Elly wie für alle anderen auf der Party –, dass er nur für sie Augen hatte.

»Was möchten Sie trinken? Ich habe Wein, Bier, Wasser, Cranberrysaft …«

Elly zog die Augenbrauen hoch. »Cranberrysaft? Das ist ja ein sehr männliches Getränk.«

Isaac nickte. »Ich weiß. Aber immer wenn wir mit dem Schreiben fertig sind und alle ihr Bier wollen, brauche ich unbedingt Cranberrysaft. Ich glaube, der stimuliert meine Musik. Ich weiß, das klingt verrückt. Verraten Sie es nicht dem Indie-Komitee da drüben«, bat er und deutete mit dem Kopf ins Wohnzimmer. »Die können ein bisschen nervig sein. Aber wenn man sie erst näher kennenlernt, sind sie eigentlich nett.«

Er reichte ihr ein Glas Saft und beugte sich dabei vor, um ihr ins Ohr zu flüstern. »Allerdings sind sie entschieden ziemlich langweilig. Sie dagegen sind äußerst UN-langweilig.«

Mit den Fingerspitzen fuhr er ihr über die Hand, und Elly war völlig gefangen von ihm. Ihre Blicke versanken ineinander. Nur mit Mühe riss Elly sich von seinen braunen Augen los und schaute sich in der Küche um. Sie war klein und kahl. Es gab nur ein paar Regale mit Lebensmitteln und eine kleine Buddha-Statue auf einem Fensterbrett. Sie deutete auf die Statue.

»Gehört die Ihnen? Oder haben Sie Mitbewohner?«

»Ach, die haben meine Großeltern mitgebracht, als sie von Hawaii hergekommen sind. Sie haben sie mir geschenkt, als ich hierher gezogen bin. Es ist im Grunde das Einzige, was ich schon länger in der Wohnung habe. Abgesehen von meiner Gitarre natürlich. Religiös bin ich eigentlich nicht, ich finde einfach, die sieht da echt schick aus.«

Ahhh, dachte Elly, er ist Hawaiianer. Aber wer hat denn einen religiösen Gegenstand herumstehen, bloß weil der gut aussieht?

»Erzählen Sie mir von Ihren Eltern«, bat Elly.

»Na ja, hauptsächlich sind sie anständige Erwachsene. Sie wohnen in Honolulu. Moderner Bungalow, mit allem Drum und Dran. Mein Vater macht was mit Software, und meiner Mutter gehört ein Antiquitätengeschäft. Ich besuche die zwei unheimlich gern, aber leben möchte ich dort nicht. Ich muss mich ausbreiten können.«

Intensiv starrten seine schimmernden Augen sie an. Sie spürte, wie sie rot wurde, doch das Gespräch floss weiter. Die Minuten flogen nur so dahin, während sie über die Kücheninsel aus Granit hinweg sprachen, die zwischen ihnen stand. Elly mochte es, wie sich beim Reden sein Mund bewegte. Der Moment verging allzu schnell.

»Haben Sie Hunger?«, fragte er.

Soll ich was essen?, überlegte Elly. Wenn ich nichts esse, wird er denken, ich will um jeden Preis schlank aussehen, oder womöglich, ich mache gerade Diät. Aber wenn ich doch esse, wird ihm auffallen, dass ich ein Dickerchen bin und mich in diese Khakihose Größe 44 gezwängt habe. Wieso um Himmels willen trage ich eigentlich KHAKIS?

Sie zog den Bauch ein und beugte sich über den Küchentresen.

»Na ja … ich könnte schon etwas essen«, erwiderte sie. Dabei versuchte sie um jeden Preis, so zu klingen, als wäre ihr der bloße Gedanke an Essen suspekt. Ihr Magen allerdings war in hellem Aufruhr.

Isaac schaute sich um. »Na ja, wenn es nach mir ginge, würden wir Cornflakes essen. Aber Tifah hat ein paar Appetithäppchen besorgt. Kommen Sie, fragen wir mal, was da ist.«

Nur äußerst ungern wollte Elly zurück zu den hochtrabenden Idioten, die über Dinge redeten, von denen sie nichts verstand. Und erst recht wollte sie nicht weg aus der luftigen Küche, wo sie Isaacs volle Aufmerksamkeit hatte.

Isaac duckte sich unter dem Fransenvorhang durch und drehte sich zu Elly um. Sofort schien er zu sehen, dass sie sich unbehaglich fühlte, und versuchte, ihr die Befangenheit zu nehmen.

»Ich lasse Sie da draußen nicht allein. Ehrenwort.« Dabei lächelte er mit den Augen.

Schicksalsergeben folgte sie ihm hinaus.

Ein paar Leute waren noch eingetroffen, und die Party war in vollem Gang, während Ellys Bettzeit inzwischen längst überschritten war. Isaac näherte sich der Gruppe auf dem Sofa.

»Isaac, wohin bist du denn auf einmal verschwunden?«, fragte die Rothaarige, die schwarz-weiß gestreifte Strumpfhosen und einen niedlichen Jeansrock trug. Sie stieß Isaac mit der Hüfte an.

Elly. Hasste. Rothaarige.

»Ach, Tifah. Du bist aber auch echt neugierig. Wir waren bloß in der Küche. He, Elly hat Hunger.«

Danke für den Hinweis, intonierte Elly in Gedanken.

»Was hast du uns denn für Appetithäppchen besorgt?«

Wie ein armes, kleines, heimatloses Ding lehnte sich Tifah schutzsuchend an Isaacs Schulter. »Also, ich war bei Gourmet Petite und habe mal ein paar neue Sachen ausprobiert, weil ich was Leichteres wollte. Wir haben Garnelen-Ceviche, eine Lachsmousse auf Toast Melba und Crudités.«

Urplötzlich sehnte Elly sich nach der Schachtel Müsliriegel, die verführerisch in ihrer Vorratskammer auf sie wartete.

Offensichtlich hegte Isaac ähnliche Gefühle. »Was zum Teufel sind denn Crudités?«

Elly kicherte.

»Rohkost ist das. Gemüse. Karottensticks«, informierte ihn Tifah.

Isaac verdrehte die Augen. »Wieso hast du dann nicht gleich Karottensticks gesagt?«

Auf einmal schien Tifah zu schrumpfen. »Wie auch immer. Wir haben uns gerade über Quintparallelen und ihren Bezug zur Musik des zwanzigsten Jahrhunderts unterhalten …«

Elly, ihren Cranberrysaft noch immer in der Hand, klinkte sich aus. Überall auf der Party waren die Leute tief ins Gespräch versunken. Der schlanke Mann, der angenommen hatte, sie wäre irgendjemandes Mutter, saß jetzt in der Ecke und zupfte die Saiten einer Sitar. In hingerissener Verzückung hockte ihm ein junges Mädchen zu Füßen. Der Typ in dem eng anliegenden schwarzen T-Shirt schlug mit den Händen eine Art Rhythmus, während der andere Mann auf dem Sofa im Takt dazu nickte. Auf dem Balkon sangen zwei Kerle zweistimmig.

Das ist ja entsetzlich, dachte Elly. Die Mädchen scharten sich um Isaac. Schweigend sah sie zu. Er hatte wirklich eine beachtliche Ausstrahlung. Heute trug er ein weißes Hemd mit winzigen karamellfarbenen Wirbeln, die sich die Ärmel hinunterzogen. Dunkle, eng geschnittene Jeans saßen ihm auf den schmalen Hüften, und braune Sandalen gaben den Blick auf seine leicht gebräunten Zehen frei. Er schien ein ausgezeichneter Zuhörer zu sein, der sich mit aufrichtigem Interesse jedem Gespräch widmete. Amüsiert warf er den Kopf in den Nacken und lachte über lahme Witze, die bestenfalls mit einem schwachen Lächeln hätten belohnt werden sollen. Isaac besaß Anziehungskraft. Jede Frau im Raum bemühte sich um seine Aufmerksamkeit, um sein süchtig machendes Lächeln.

Elly konnte das Gefühl nicht erklären, das Isaac in ihr auslöste. Es war eine Art berauschende Freude. Es fühlte sich an wie ein vertrauter Trost, ein Heimkommen, ein altes Gefühl gepaart mit einem neuen Gesicht. Während Elly noch über das seltsame Gefühl nachdachte, das sich wie Sirup in ihr ausbreitete, drehte sich Isaac um und sah ihr direkt in die Augen, während die drei Frauen ohne Unterbrechung auf ihn einredeten. Es war ein Moment nur für sie beide, nicht unähnlich dem, was sie in der Küche empfunden hatte. Eine Verbindung.

Als Isaac ein Abflauen der Gespräche spürte, verkündete er: »Ich hab was Interessantes für euch. Elly ist in einem Haus mit Butler aufgewachsen!«

Ehe Elly gezwungen war zu antworten, drehte sich Tifah herum, die schwankend an Isaacs Arm gehangen hatte, und übergab sich auf Ellys Schuhe.

Zwanzig Minuten später saß Elly barfuß und um eine kotzende Künstlernatur ärmer auf Isaacs Balkon, der auf die Wydown Street hinausging, dieselbe Straße, an der ihr Geschäft lag. Wie seltsam, ihren kleinen Hof aus diesem Blickwinkel zu sehen. Auf einmal machte sie sich Sorgen, Isaac könne womöglich das Ende ihres Streits mit Kim an diesem Nachmittag miterlebt haben. Wie peinlich! Außerdem hatte sie abscheulich ausgesehen! Den Gedanken verdrängte sie rasch aus ihrem Bewusstsein. In den Bäumen funkelten ihre kleinen weißen Lampions, und sie sah ein junges Paar die Straße hinunterstolpern. Offenbar hatten die beiden ein bisschen zu viel Wein getrunken, ungefähr so wie Tifah, die sich nun in Isaacs Schlafzimmer erholte. Das Mädchen auf der Straße fuhr dem Mann mit den Fingern durchs Haar, zog seinen Kopf zu sich heran und küsste ihn gierig.

Elly schaute weg. Auf einmal kam sie sich angesichts der Leidenschaft der beiden wie ein Voyeur vor. Außerdem musste sie ständig gähnen. Ich sollte längst im Bett liegen. Was mache ich eigentlich hier? Sie dachte an Cadbury, der sich wahrscheinlich wunderte, wo sie abgeblieben sein mochte. Abends ließ sie ihn nicht oft allein. Sie ging nie aus. Die große Ausnahme waren Besuche bei Kim, und dahin begleitete Cadbury sie immer. Wahrscheinlich hinterließ er ihr gerade in diesem Moment ein ganz besonderes Geschenk auf dem Teppich.

Die Glastür wurde aufgeschoben, und Isaac trat auf den Balkon hinaus. Mit Nachdruck schloss er die Tür hinter sich.

Ellys Herz schlug schneller. Wir sind allein!

»Alles sauber gekriegt?«, fragte sie.

»Na klar. Sie schläft jetzt bei mir im Schlafzimmer.« Er schwieg einen Moment. Ein bisschen sah er so aus, als wäre ihm auch übel. »Erbrochenes in dieser Farbe habe ich wirklich noch nie gesehen.«

Elly lachte. Mit ihm zu reden war für sie beruhigend und mühelos. Es war, als würde man süßen Tee trinken.

Schweigend setzte er sich auf den Stuhl neben ihr. Gelegentlich erhellten die Scheinwerfer vorbeifahrender Autos sein Gesicht.

»Elly«, setzte er an und trommelte auf die Sitzfläche des Stuhls. »Erzähl mir von dir!« Er duzt mich! Wir duzen uns!

In Gedanken ging Elly die Dinge durch, die sie ihm nicht erzählen würde. Georgia. Aaron. Tief sitzende Gewichtsverunsicherung. Die Sucht nach schundigen Liebesgeschichten in Form von Dokusoaps.

»Was möchtest du denn wissen?«

»Na ja.« Mit dem Finger fuhr er über die Rückenlehne ihres Stuhls, nur Zentimeter von ihrer Haut entfernt. »Wie bist du dazu gekommen, einen Blumenladen zu eröffnen?«

Ah, darüber kann ich wirklich etwas erzählen, dachte Elly.

»Nachdem meine Mutter an Eierstockkrebs gestorben war, bekam ich das Geld aus ihrer Versicherungspolice und auch den Erlös aus dem Verkauf ihres Hauses. Die Versicherung hatte sie abgeschlossen, als ich noch ganz klein war. Und im Lauf der Zeit hatte sich da einiges angesammelt. Das Geld lag eine halbe Ewigkeit auf der Bank.«

Sie hielt inne, um einen großen Schluck Wein zu nehmen. Mit jeder Minute, die verging, mit jedem Glas, das sie trank, wurde sie müder und müder.

»Lange, lange Zeit habe ich nicht einmal den Gedanken ertragen, das Geld anzurühren. Für mich hat es sich angefühlt, als hätte ich meine Mutter gegen dieses Geld eingetauscht. Zwei Jahre nach ihrem Tod trauere ich immer noch sehr um sie.« Sie bekam einen Kloß in der Kehle und steuerte sofort in eine andere Richtung. »Als ich hier in St. Louis ankam, konnte ich den Gedanken an einen neuen Büroalltag mit all seinen Intrigen nicht ertragen. Stundenlang für meinen Boss nach einem neuen Sushi-Restaurant suchen oder andere hirnrissige Aufträge dieser Art wollte ich auch nicht mehr. Und den ganzen Tag irgendwelche Texte zu tippen hatte für mich längst seinen Reiz verloren.«

Ihre dramatische Flucht hatte Elly bewusst zurechtgebogen. Und sie war erleichtert, dass es ihm nicht aufgefallen war.

Isaac nickte nachdrücklich. »Das verstehe ich total. Ich war auch nie der Mensch, der so was wollte. Meine Eltern haben das nicht begriffen. Eltern kapieren so was einfach nicht.«

Elly ignorierte, was nach dem Jugendklischee schlechthin klang, und erzählte weiter.

»Im Grunde wusste ich nicht, was ich wollte. Kim, das ist meine beste Freundin, hat mir geholfen, einen Plan auf die Beine zu stellen. Ich hatte nicht den Schatten einer Ahnung, was die Zukunft bereithalten würde. Aber ich wollte etwas … Greifbares, etwas Erdverbundenes.«

Dabei verschwieg Elly so einiges. Sie hatte nicht einfach nur etwas Erdverbundenes gesucht. Sie hatte sich in etwas Chaotisches versenken wollen. Etwas Schmutziges, Feuchtes. Etwas, das sie vergessen ließ, wovor sie fortgelaufen war. Nachdem sie Aaron verlassen hatte, handelten ihre Träume von feuchter Erde, von Efeu, der unter ihrer Haut wuchs, von ihren Augen, die sich in Mohnblüten verwandelten. Von ihrem Körper, der in tiefem Wurzelboden verschwand. Es war, als hätte Gott einen Garten geschickt, der um sie herum erblühen und ihren Kummer heilen sollte. Sie musterte Isaac, der sie anstarrte, während sie redete.

»Damals habe ich bei Kim und ihrem Mann Sean gewohnt. Und dann bin ich geradezu über den Laden gestolpert. Er stand leer.«

Dieser Tag war ihrem Gedächtnis glasklar eingegraben. Sie hatte auf Kims Sofa gehockt und ein Taschentuch nach dem anderen verbraucht, während Kim sowohl Gastgeberin als auch Therapeutin gespielt hatte. Ihre Tage waren immer gleich gewesen. Aufwachen, essen, schlafen, aufwachen, sechs Stunden reden, dann wieder schlafen. Wochenlang hatte sie Kims Haus nicht verlassen. Sean hatte sich als genau das erwiesen, was Aaron nicht war – geduldig, freundlich und verständnisvoll. Immerhin hatte er eine weinende Fremde monatelang bei sich wohnen lassen.

Nach Wochen des Weinens stand Elly morgens allmählich etwas früher auf, bewegte sich mehr und dachte darüber nach, wie es weitergehen sollte. Eines Nachmittags fragte Sean schließlich, ob es ihr etwas ausmachen würde, wenn er ihr heute einmal seine Frau entführte. So blieb Elly allein und hatte ein paar Stunden Zeit totzuschlagen. Sie spazierte die laubbedeckten Pfade hinunter, die zur Wydown Street führten. Dort würde sie Trost finden – in Form eines Stückchens Zitronenkuchen mit köstlicher Zuckerglasur.

Es war Anfang Herbst, aber die Luft fühlte sich immer noch so an, als wäre Sommer. Die Sonne knallte auf ihren unbedeckten Nacken herunter. Es tat gut, endlich wieder einmal das Haus zu verlassen. Und zum allerersten Mal begriff Elly, dass sie vielleicht, aber auch wirklich nur vielleicht, diese Erfahrung überleben und gestärkt daraus hervorgehen würde.

Sie bog um die Ecke und ging auf das Café zu, in dem sie Kim kennengelernt hatte, als ihr der Geruch von warmem Brot in die Nase drang. Woher kam das? Zwei oder drei Häuser hinter dem Café sah sie einen kleinen Delikatessenladen. Sie ging auf das Gebäude zu und steckte den Kopf durch die Tür. Drinnen entdeckte sie einen Mann, der mit ein paar Kunden redete, während er üppige Scheiben Roastbeef auf ein Sandwich drapierte. Aus der Küche waberte Dampf herüber, und der ganze Laden vibrierte von Aufregung, Gerüchen und Geschmäckern.

Ihr grummelte der Magen. Eines, was bei diesem ganzen Martyrium nicht gelitten hatte, war ihr Appetit. Wie schade, dass sie nur gerade genug Geld für Kaffee und Zitronenkuchen mitgenommen hatte. Von diesem Laden musste sie unbedingt Kim erzählen. Sie schaute auf das Schild über dem Eingang, das verkündete: Keiths Deli.

Neben diesem warmen Brothimmel stand ein Gebäude leer. Es war ein brauner Ziegelbau mit zwei Stockwerken, hatte weiße Zierleisten und anscheinend neue Fenster. Über dem Laden hing ein spinnwebbedecktes Schild mit der Aufschrift »Hund-Topia«. Es schwankte im Wind neben einem weiteren Schild mit der Aufschrift »Zu vermieten / Geschäftsräume und Wohnung«. Puh, dachte Elly, Hund-Topia, kein Wunder, dass der Laden keinen Erfolg hatte …

Mit dem Handballen rieb sie im Staub auf dem Schaufenster ein kleines Guckloch frei und sah hinein. An der hinteren Wand zog sich ein alufarbener Tresen entlang, an dessen Ende ein Spülbecken hing. Wahrscheinlich zum Waschen der Hunde, dachte Elly. Der Rest war eine einzige Müllhalde. Überall auf dem Fußboden lag haufenweise Plastik verstreut, dazwischen riesige Wollmäuse aus Hundehaaren. Eine Neonröhre hing von der Decke herab. Und dann glaubte Elly, eine Maus hinter der Ladentür herumflitzen zu sehen, die keine Ahnung hatte, dass sie entdeckt worden war. Irgendetwas an dem Tresen im Hintergrund zog Ellys Blick an. Der ideale Arbeitsplatz. Ideal zum Backen oder Nähen – von beidem hatte Elly nicht die leiseste Ahnung – oder zum Arrangieren von Blumen.

Elly verweilte bei dem Gedanken. Mit Blumen kannte sie sich aus. Ihr ganzes Leben hatte sie damit verbracht, im üppig blühenden Garten ihrer Mutter Blumen zu pflücken und sie in Krügen, Terrakottatöpfen und Schalen zu arrangieren … Das hatte sie immer schon unheimlich gern gemacht. Wieso eröffnete sie eigentlich kein Floristikatelier? Sie hatte immer noch das Erbe von ihrer Mutter. Und im Augenblick hatte sie keinen Job, kein Ziel, kein Zuhause … und kein Sandwich!

Elly setzte sich auf die dreckige Kante des Hochbeets vor dem Laden, und stundenlang, so schien es ihr jedenfalls, starrte sie das leer stehende Gebäude an. Das war es, oder? Das war der Moment, in dem alles die entscheidende Wendung nahm. Wie jener Moment, in dem sie die Treppe hinaufgegangen war. Ein sich windender goldener Rücken, Laken auf dem Fußboden, rotes Haar, um das sich Aarons farbverschmierte Hände klammerten … Sie schüttelte den Kopf. Nein. Schluss damit! Das hier ist mein Moment.

In letzter Zeit hatte sie sich Gott so fern gefühlt, doch als sie jetzt das Haus betrachtete, prickelte jeder Zentimeter ihrer Haut. Es war ein spirituelles Erwachen. Sie stand auf, machte ein paar Schritte und berührte die Außenwand des Gebäudes, fühlte den kühlen Stein unter ihrer Handfläche. Ja, ja, sofort spürte sie die Verbindung. Das war der Ort, an den sie gehörte. Genau hier auf der Wydown Street. Hier sollte sie sein. Aus diesem Grund hatte sie angehalten, um hier Kaffee zu trinken. Und genau deshalb war sie Kim begegnet. Dieses Geschäft, dieses Haus. Es war der Ort, an den sie gehörte.

»… und genau da war es mir klar. Es hat einfach gestimmt. Also hab ich beschlossen, den Laden zu eröffnen. Und seitdem läuft alles ganz wunderbar.«

Isaac schüttelte den Kopf. »Wow! Das ist ja fantastisch. Wie du einfach so deiner Leidenschaft gefolgt bist. Ich meine, du wusstest es einfach. Das kann ich total gut verstehen. Genau diese Gewissheit spüre ich jedes Mal, wenn ich meine Gitarre zur Hand nehme, oder wenn ich anfange, Noten aufs Papier zu setzen. Da ist diese Zuversicht, diese Aura des Seins. Alles Aufgewühlte«, er machte eine kreisende Geste auf Höhe von Ellys Herz, »findet wieder an seinen rechten Ort.«

Elly hatte keine Ahnung, wovon er redete. Sie konnte nur daran denken, wie nah er ihr war, wie seine Finger nur Zentimeter von ihrer Haut entfernt waren. Er redete immer weiter.

»Das Universum setzt die Puzzleteile zusammen. Momente wie diese machen das Leben leicht.«

Elly machte sich nicht die Mühe, ihm zu erzählen, dass dieser Moment, so großartig er gewesen war, ihr auch viel Kopfschmerzen bereitet hatte und alles andere als leicht gewesen war. Immobilienmakler hatten aufeinander eingeschrien, es hatte Dispute mit der Bank gegeben, Probleme mit den Gesetzen über Wohneigentum, mit geleerten Sparkonten, Gewerbekonzessionen, der Suche nach Großhändlern. Ihrem »Moment« waren viele, viele Tage Schweiß und Tränen gefolgt. Dieser Moment der Gewissheit hatte jede Menge Schwierigkeiten und Verantwortung mit sich gebracht. Ein wenig verlor sie sich in diesen Gedankengängen, bis Isaac sie sacht am Arm berührte.

»Du bist ein sehr interessanter Mensch, Elly Jordan«, sagte er, und mit unglaublicher Eindringlichkeit versenkte sein Blick sich in ihre Augen.

»Äh, danke«, erwiderte Elly. Immer noch starrte er sie an. Unten fuhr ein Auto vorbei. Elly erkannte glasklar, wo diese Nacht enden würde, wenn sie ihm weiter in diese tiefen Augen starrte … Hauptsächlich sah sie sich, wie sie sich auf ihn stürzte …

Schnell stand sie auf, stieß dabei jedoch ihr Weinglas zu Boden. Es fiel auf die Fliesen und zersprang. »Ach, Mist!«, rief sie. »Es tut mir ja so leid. Ach, dein Glas. Ich kaufe dir auf jeden Fall ein neues. Es gibt da ein großartiges Geschäft weiter die Straße hoch. Oder du könntest eines von meinen haben. Ich habe auch ein paar blaue, wie dieses hier.«

Elly schämte sich in Grund und Boden. Sie bückte sich, sammelte die Glasscherben auf und murmelte weiter vor sich hin.

»Elly«, unterbrach Isaac sie leise. »Ist schon gut.«

»Danke! Vielen Dank für die Einladung!«, entgegnete sie. »Ich fand es wirklich sehr schön – abgesehen von der Kotzepisode. Nicht, dass es mich gestört hätte. Ich meine, es war Erbrochenes, das stört jeden, aber schließlich ist es ja normal, dass man sich ab und zu mal übergibt.« Elly, HALT DEN MUND!, schrie sie sich in Gedanken an. »Nochmals danke!«

Sie deponierte die Glasscherben im nächsten Abfalleimer und stürzte geradezu zur Tür hinaus. Drinnen hörte sie die Leute reden.

»Gibt’s da einen Notfall in der Familie?«

Dann hörte sie Isaac lachen. Ein Schweißtropfen rann ihr die Schläfe herunter. Sie war draußen. Frei. Elly rannte über die Feuertreppe nach unten, umrundete das Gebäude, kam zur Vordertür ihres Ladens und lehnte sich gegen das Schaufenster. Sie atmete ein, verinnerlichte, was gerade passiert war. Dieser Mann – er mochte sie. Sie mit ihren Hosen wie ein Muttchen und der scheußlichen Frisur. Sie mit ihren üppigen Brüsten und ihrem ausladenden Hinterteil.

Isaac. Bei seinem Namen ging ein Schauer durch ihren Körper. Wie bei einem Teenager. Gegen das Gebäude gelehnt stand sie da, und die Freude überwältigte sie.

»DANKE, LIEBER JESUS!«, schrie sie. Und dann vollführte sie einen kleinen Tanz. Aber kaum waren die Worte ihrem Mund entschlüpft, wurde sie von plötzlicher Panik ergriffen. Aufgeschreckt schaute sie zu seiner Wohnung hinüber. Und da stand er, auf dem Balkon, und beobachtete sie. Ein stiller sexy Schatten mit dem Glutpunkt einer brennenden Zigarette.

Kapitel Sechs

Am nächsten Vormittag saß Elly an ihrem Schreibtisch und kritzelte abwesend mit einem grünen Stift vor sich hin, während sie ihr Gegenüber musterte. Das Mädchen war zum Vorstellungsgespräch erschienen und beförderte sich gerade mit Pauken und Trompeten selbst ins Abseits.

»Eine Weile hab ich Linguistik studiert. Aber irgendwie fand ich, das war nicht ich. Wissen Sie, was ich meine? Aber Ausdruckstanz betreibe ich immer noch. Das ist ja durchaus eine Sprache für sich. Tja, und dann bin ich eine Zeit lang gereist. Ich hab viel von Europa gesehen, in Hostels übernachtet, dann hab ich diesen total faszinierenden Spanier kennengelernt …«

Elly klinkte sich aus. Sie dachte an die Mousse au Chocolat, die sie sich später bei Keith holen wollte. Leider hatte sie schon beim Öffnen der Tür gewusst, dass dies nicht ihre neue Angestellte sein würde. Die junge Dame war zum Vorstellungsgespräch in lila Leggings erschienen, darüber trug sie ein langes T-Shirt mit dem Aufdruck einer Band. Sie war Ellys dritte Bewerberin an diesem Vormittag.

Die erste Frau war nett und höflich gewesen, sprach aber kaum Englisch. Als Zweiter war ein großer, verschwitzter Mann aufgetaucht, der die Annonce falsch verstanden hatte. Er hatte gedacht, als Florist würde er in einem Gewächshaus schwere Sachen heben müssen. Wenigstens war es interessant gewesen, sich mit ihm zu unterhalten.

Dieses Mädchen dagegen weckte in Elly den Wunsch, mit dem Kopf gegen die Wand zu schlagen. Sie zwang sich, wieder zuzuhören.

»… Und ich dann: ›Wenn ihr meine Entscheidung, kein Deo zu benutzen – die Wahl, die ich für mein Leben getroffen habe –, nicht respektieren könnt, dann habt ihr auch keinen Respekt vor mir.‹ Und Brasilien ist nicht nur so ein Traum. Die Miete für eine Wohnung zu bezahlen ist nicht so einfach, wie man denkt. Aber ich brauche eben Platz für meinen Ausdruckstanz.«

»Vielen Dank«, sagte Elly unvermittelt. »Wir melden uns.«

Sie stand auf und schüttelte der verblüfft dreinblickenden jungen Frau die Hand. Elly begleitete sie zur Tür und seufzte vor Erleichterung, als die Kleine endlich weg war. Dann nahm sie sich einen Freesienzweig und schwenkte ihn über dem jetzt leeren Stuhl des Mädchens. Ein besänftigender Duft erfüllte den Raum.

Kim schaute um die Ecke, kleine blassrosa Rosen in der Hand. Ihr war deutlich anzusehen, dass sie gelacht hatte.

»Also«, fragte sie und schaute Elly dabei zu, wie sie die Blume schwenkte. »Wie läuft es denn?«

»Ach, TOTAL KLASSE. Weißt du, gerade hatte ich ein Vorstellungsgespräch mit einer jungen Dame, die doch tatsächlich gefragt hat, ob sie ihr Kabbala-Armband mit zur Arbeit bringen dürfte, um die Umgebung zu verbessern

Kim grinste. »Und? Dürfte sie?«

Verärgert schaute Elly sie an. »Außerdem hat sie gemüffelt. Nach Patschuli oder so was.« Nachdenklich hielt sie inne. »Du könntest immer noch einfach bleiben.«

Kims Lächeln verblasste. »Red mir kein schlechtes Gewissen ein! Das wolltest du nicht. Du hast es versprochen. Es ist doch nicht meine Schuld, dass deine Annonce missverständlich war.«

Elly lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und legte die Beine auf den Tisch. Sein eigener Chef zu sein hatte durchaus seine Vorzüge.

»Tut mir leid. Es ist bloß … Ich muss DICH ersetzen. Du bist perfekt. Du weißt alles. Wärst du nicht hier gewesen, wäre ich schon tausendmal total untergegangen. Sobald du hier zur Tür hinausspazierst, wird der Laden den Bach runtergehen.«

Kim kam herüber und küsste Elly auf die Stirn. »Jetzt komm mir nicht auf diese Mitleidstour. Du hast dieses Geschäft aufgebaut, nicht ich. Hab mal ein bisschen Selbstvertrauen.«

Patzella kam von hinten hereingestolpert. »Äh, Kim? Da ist ein Loch in dem Eimer. Was soll ich machen?«

Kim verdrehte vielsagend die Augen und ging nach hinten. Elly hatte keine Ahnung, was Patzella ohne Kim anfangen würde. Die Kleine betete den Boden an, auf dem Kim ging. Elly hingegen betrachtete sie eher wie die autoritäre Tante, die sie mögen musste, weil sie verwandt waren.

Elly schaute auf ihren Tagesplaner. Noch zwei weitere Vorstellungsgespräche heute und eine Beratung mit einer Brautmutter. Na dann viel Spaß! Trotzdem ging Elly irgendwie beschwingt durch den Tag. Immer wieder ließ sie vor dem inneren Auge ablaufen, wie Isaac auf dem Balkon mit den Fingern über ihre Stuhllehne gefahren war. Sein Lächeln, sein Lachen, seine dunklen Locken. Das hatte doch nichts zu bedeuten, sagte sie sich. Er war doch bloß nett zu dir, weil du seine Nachbarin bist. Das hat rein gar nichts zu sagen. Doch auch wenn sie sich das einredete – sie wusste, dass er es auch gespürt hatte, diese Hitze zwischen ihnen. Elly überlegte, ob sie überhaupt noch wusste, wie man küsste. Da ertönte die Türglocke, ihr nächstes Vorstellungsgespräch stand an.

Die Frau, die den Laden betrat, erinnerte an einen wütenden kleinen Vogel. Sie hatte langes braunes Haar, eine spitze Nase und stechende graue Augen. Dazu war sie äußerst schick angezogen, mit langer weißer Hose und einer luftigen roten Bluse. Um den Hals trug sie einen grün-blau gemusterten Schal.

»Hallo, ich bin Elly«, begrüßte sie die Frau und streckte ihr die Hand hin. Die Fremde zog Ellys Fingerknöchel an den Mund und drückte einen Kuss darauf. Mit einem Lächeln überspielte Elly ihren Schock.

»Isch bin Ardelle Buche. Isch freue misch, Sie kennenzulernen.« Ein schwerer französischer Akzent war unverkennbar. »Isch liebe Ihre Geschäft. So zauber’aft. Allerdings direkt neben diese Sandwichladen. Große Pesch ist das.«

Elly lächelte höflich. »Ach, die machen fantastische Sandwiches. Es gibt da so eins mit Fleischbällchen …«

Ardelle wedelte mit der Hand. »Isch esse kein Fleisch. Das vernebelt die Ge’irn bei eine Designer. ’indert die kreativen Säfte am Fließen.«

Naaaa schön, dachte Elly. Als Cadbury herantrottete, um Ardelle zu beschnüffeln, schaute die Französin entsetzt drein und wollte ihn verscheuchen. Cadbury knurrte, und sie kreischte.

»Ihr ’und scheint ein Problem zu ’aben. Wird er misch beißen?«

Schön wär’s, dachte Elly. Sie setzte sich an den Schreibtisch und war fest entschlossen, die Oberhand zurückzugewinnen.

»Also, Ardelle. Haben Sie Erfahrung mit dem Arrangieren von Blumen?«

Ardelle kicherte. »Oh, meine Liebe. Natürlisch. Isch ’abe studiert an die École des Fleurs in Paris unter Madame Lorelai. Dann bin isch gereist nach New York und war zwanzig Jahre lang Chefdesignerin bei Divine Blooms. Arrangement von die Blumen, das kann isch am besten. Das ist wahre Kunst, unverfälscht und intellektuell. Isch verehre der Designkonzept von die Balance. Isch ’abe studiert Farbtheorie bis auf die exakten Wellenlängen. Isch bin anerkannt in Ikebana und fortgeschrittene Komposition. ’ier se’en Sie meine Portfolio.«

»Oh, danke!« Elly hievte das riesige schwarze Album auf ihren Schreibtisch. Während sie die Abbildungen hochimposanter Arrangements durchblätterte, versuchte sie, Konversation zu treiben. Es war nicht zu leugnen, dass die Frau begabt war, aber Ellys Irrenradar stand auf Alarmstufe Rot.

»Wie sind Sie zur Floristik gekommen?«

Ardelle seufzte und strich sich die Ponyfransen aus der Stirn. »Als isch dursch la France reiste, traf misch wie ein Schlag die Leben und die Kultur von allem. Die Lavendelfelder, die zarten Linien einer Tulpe … es war ein Wunder. Dann begriff isch, was für eine begabte Schülerin isch war als Floristin. Meine Lehrer verehrten misch – VEREHRTEN misch! Sie sagten, nie zuvor ’ätten sie solsch eine Künstlerin gese’en. Meine Kunden ’aben ausdrücklisch nach mir verlangt. Einmal ’abe isch gemacht eine kleine Bouquet für die Königin von England. Können Sie sisch das vorstellen? Aber isch bekam nie eine Reaktion darauf, nein, nischt eine einzige Wort, was eine Schande ist. Aber isch denke, bei allem, über was sie sisch sorgt … da ’at sie wohl nischt die Zeit, misch anzurufen, nischt wahr? Aber eine kleine Dankeschön wäre natürlisch nett gewesen.«

Elly schaute von Ardelles Buch auf und lächelte.

Fragend blickte Ardelle sie an. »Und Sie sind ebenfalls Floristin, oder arbeiten Sie bloß ’ier in die Büro? Sie ’aben für misch nischt die Statur von eine Floristin.«

Die Statur einer Floristin? Elly biss sich auf die Lippe, um nicht laut loszulachen.

Jetzt erhob sich Ardelle, lief im Raum auf und ab und wedelte mit ihrem Taschentuch in Richtung verschiedener Dinge.

»Wenn isch ’ier arbeite, werden Sie meine Arbeitsplatz an die Fenster verlegen wollen. So können die bewundernden Menschen meine Kreationen von ganz nah betrachten. Das ist für sie etwas sehr Besonderes, eine Meisterin bei der Arbeit zu schauen. Der ’und wird wegmüssen. Solsch ein ’aariges Geschöpf ’at keine Platz im Ambiente wahrer Kunst. Und isch ’abe eine Minimum, die isch verlange für meine Arbeit. Isch kann unmöglisch etwas Schönes erschaffen für weniger als 300 Dollar. Da ’abe isch kein Anregung. Da nehme isch nischt mal ein Gänseblümschen zur ’and.«

Sie sprach das Wort aus, als wäre es das Entsetzlichste, was sie sich vorstellen konnte. Am liebsten hätte Elly die Frau geschüttelt.

»Tja, Ardelle, danke, dass Sie gekommen sind! Aber ich habe heute noch ein weiteres Vorstellungsgespräch …«

»Natürlisch ’aben Sie das, meine Liebe. Aber isch mache mir keine Sorgen. Eine Geschäft wie diese würde sehr profitieren von meine Arbeit ’ier. Für meine Geschmack etwas zu nahe an die jüdische Viertel der Stadt. Aber wissen Sie, die ’aben viel Geld. Isch ’abe schon viele Gestecke für Chanukka in Silber und in Blau erschaffen. Aber Sie betreuen meist Trauungen, nischt wahr? Isch ’alte Bräute für alberne Kreaturen. Es muss ihnen wirklisch jemand sagen, was sie wollen. Die meisten ’aben keine Ahnung, was sie tun. Die sollten sisch darauf beschränken, Babys zu machen.«

Ardelle klatschte sich ihre Handschuhe in die Handfläche. Dann fuhr sie fort. »Ist aber natürlisch nischt deren Schuld. Nischt jeder ist mit royalen Eltern und un’eimlischer Intelligenz gesegnet. Nein, nischt jeder. Aber wir anderen, die wir Talente ’aben, müssen die Massen erziehen. Ja. ’abe isch erwähnt, dass meine ’aus einmal in Better Homes and Gardens abgebildet war?«

Wohl eher »Better Homes than yours«, dachte Elly und schüttelte den Kopf. Sie fühlte sich, als hätte diese Frau sie mit einem Laster überfahren. Einem nach Rosen duftenden Riesenlaster.

Ardelle deutete auf den Blumenstrauß auf der Theke. »Isch denke, isch würde ’inzufügen ein paar französische Tulpen und Apfelblüten zu diesem Bouquet ’ier. Es ist wirklisch schrecklisch. Ja, ’ier fehlt dringend jemand mit exquisiten Talenten.«

Im Hintergrund klirrte zerbrechendes Glas. Elly begriff, dass Kim alles mit angehört hatte. Sie musste diese Frau hier rausschaffen, ehe Kim nach vorn kam. Panisch betrachtete Elly den nach Lavendel duftenden Lebenslauf der Frau.

»Hier steht, Sie haben vergangenes Jahr bei Clayton Flowers aufgehört. Wie kam es dazu?«

»Nischt, dass es von Bedeutung wäre.« Ardelle wedelte auf Kopfhöhe mit den Händen herum. »Na ja, da ’at ein Mädschen gearbeitet.« Mit gesenkter Stimme fuhr sie fort: »Eine Illegale. Isch kann das nur raten. Sie ’at nur Spanisch gesprochen, und ihr Geruch war wie von Burritos. Sie ’at geputzt im Atelier und dabei verse’entlisch eine wunderschöne rosa Teetasse umgeworfen. Isch ’atte die gefüllt mit Rosen. Es war eine Kunstwerk. Was für eine Schande! Tja, isch ’abe verloren die Beherrschung. Wohl verständlisch bei all die Stunden, die isch daran gearbeitet ’atte. Isch ’abe das Mädschen geschlagen mit die Besen. Aber nur mit die weische Seite. Und bloß an die Wange.«

Elly blieb der Mund offen stehen.

»Als die Polizei wieder fort war – solsch eine ’übsche Sergeant –, war Clayton Flowers gezwungen, wirklisch gezwungen, misch gehen zu lassen. Sie waren am Boden zerstört.«

Elly deutete auf die Tür. »Bitte gehen Sie!«

Ardelle wirkte schockiert. »Sie stellen misch nischt ein?«

»Nein«, erwiderte Elly. Dann fügte sie höflich hinzu: »Ich finde einfach, jemand mit Ihren Talenten wäre für ein anderes Geschäft besser geeignet.«

Ardelle kam auf sie zu, zeigte mit dem Finger mitten auf Ellys Gesicht und zischte: »Das wird Ihnen noch leidtun. Isch bin die Königin der Blumen. Sie ’aben keine Ahnung, was Ihnen entgeht. Sie werden noch von mir ’ören, von mir, Ardelle Buche!«

Diese Frau ist wahnsinnig, dachte Elly.

»Na schön.« Wieder machte Elly eine Geste Richtung Tür. »Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben! Ich weiß sehr zu schätzen, dass Sie gekommen sind.«

Ardelle schnappte sich ihre Designertasche, setzte sich die Sonnenbrille auf und starrte Elly triumphierend an. »Nur dass Sie es wissen: Isch erschaffe jede Arrangement so, als wäre es für Jésus Christ ’öschstpersönlisch!«

Und damit stolzierte Ardelle Buche zur Tür hinaus. Cadbury knurrte ihr hinterher. Elly blinzelte. Was um Himmels willen ist hier gerade passiert?

Kim kam praktisch aus dem Büro gerannt, ihr auf den Fersen Patzella.

»Ach du meine Güte! Hat diese Frau gesagt, sie hat jemanden mit einem BESEN geschlagen?«

Elly grinste. »Ja. Aber natürlich nur auf die Wange.« Dann brach ein schrilles Kichern aus ihr hervor, und hilflos sank sie auf einen Stuhl. »Die Frau war ja zum BRÜLLEN. Gibt es so was denn wirklich?

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