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Der junge Mann

Inhalt

Einleitung

Die Straße
(Der junge Mann)

Der stehende Liebespfeil

Der Wald

Der zurück in sein Haus gestopfte Jäger

Die Siedlung
(Die Gesellschaftslosen)

Die Händlerin auf der hohen Kante

Die Frau meines Bruders

Nur noch wenig lichte Momente

Die Terrasse
(Belsazar. Fabeln am Morgen nach dem Fest)

Das Liebeslicht

Bernd und Bäumin

Die Frau auf der Fähre

Die Geschichte der Almut

Die beiden Talentsucher

Der Turm

Der Prinz und der Kojote
(Aus Ossias Skizzenbuch)

Zeit Zeit Zeit. Wie oft fragen mich die Kinder auf der Straße nach der Uhrzeit! Dabei bin ich wie sie, lebe nicht nach der Uhr und trage auch keine bei mir. Sie halten mit ihren Fahrrädern am Bordstein, sie fragen mit artigem Befremden, mit abgewandtem Blick und so, als kämen sie aus einer fernen Gesellschaft und zögen nur eben an uns vorbei. Sie fragen auch aus einer Ungewißheit, die sich nicht allein auf den Stundenplan erstreckt. Die allgemeine Gewöhnung unter uns Städtern, dem anderen kaum mehr ins Auge zu blicken, ihn möglichst nicht zu beachten, scheint diese Kinder zu stören. Sie merken doch, wie die freundliche Neugier, ihr ureigenes Element, ohne das sie nichts werden können, ringsum wenig bedeutet. Dagegen regen sie sich und fragen an den Leuten entlang; es drängt sie, den Fremden kurz zu berühren, und sei es nur, um von ihm die Stunde zu hören. »Können Sie mir bitte sagen, wie spät es ist?«

Mit der Zeit kommen die Menschen immer noch am wenigsten zurecht. Den Raum haben sie sich leichter verfügbar gemacht, jedenfalls den ihnen zugemessenen, den erdumschließenden. Zeit aber bleibt Teil des kosmischen Überschwangs. Mit ihr können die Irdischen nicht nach ihrem Belieben umspringen, können sie weder erobern noch zerstören und nicht zu dem Ihren zählen. So mußten sie denn allerlei behelfsmäßige Uhren einrichten, die abergläubischen und die geschichtlichen, die biografischen und die ideologischen, so daß aus der unfaßlichen Zeit die mächtigsten Täuschungen und Stimmungen des Menschengeschlechts hervorgingen. Mal war es die Endzeit, mal die Neuzeit. Mal war die Vorzeit grau, mal war sie golden. Mal lebte man in der Heils-, dann wieder in der Katastrophen-Erwartung vom Ende aller Tage. Geschichtliche Schockwellen. Sehnsuchtswechsel. Nichts Reales dran. Und oft war dann nur eine Weltbildgefahr im Verzuge, wo man wie gebannt auf die Weltbrandgefahr gestarrt hatte.

Die Zeit ein Kind, sagt Heraklit, ein Kind beim Brettspiel, ein Kind auf dem Throne.

Die Welt ist jung, sagen uns die Physiker, unvorstellbar weit entfernt vom schrecklichen Gleichgewicht, dem zeitverschlingenden. Voll fruchtbarer Unordnung und ungetrübter Spielfreude geht sie wie die Kinder auf der Straße, denen es gefällt, Gebrechen nachzuahmen, zu hinken oder irgendwie auf verkehrten Beinen zu laufen. Unausgeprägt ist das Lebendige.

»Komm her! Erzähl uns was!« rufen die Büdchensteher, wenn ich morgens zum Kiosk komme, um mir die Zeitung zu holen. Da stehen sie von zehn Uhr früh bis weit nach Ladenschluß, draußen im Sommer und bei unfreundlichem Wetter auch drinnen im Warmen. Sie halten ihr buckliges Fläschchen in der Faust, junge Männer zum Teil, denen das Trinken und die Arbeitslosigkeit die Maske eines unkenntlichen Alters ins Gesicht gedrückt haben. Schmächtige, ausgezehrte Mittdreißiger, und mit ihrem dunklen, gefetteten Haar, der adrett gedrückten Fünfziger-Jahre-Tolle, aber auch mit ihren bevorzugten Scherz- und Schlagworten erinnern sie eigentümlich an eine ferne Borgward-Ära. Ihnen, den Trinkern und aus der Zeit Gerutschten, diesen einsamen, geschüttelten Männlein, die gar nichts wissen und stets behaupten, ihre besten Freunde seien alle bei Stalingrad gefallen, dreht sich ohnehin die Geschichte im Kopf herum, und sie sprechen einfach an einem deutschen Gemurmel mit, das, weit älter als sie selbst, ungestört unterhalb der Zeit dahinrinnt. Untereinander sind sie nämlich nicht Freund und haben nur ihren Hund. Hundehalter sind wohl die meisten von ihnen und klagen beständig über zu hohe Steuern. Nur Schäferhunde halten sie, oft alte verzottelte Tiere mit lahmender Pfote und schneeweißem Schnauzhaar.

Ihnen etwas erzählen? Aber sie können nicht eine Minute lang zuhören! Unablässig fallen sie sich gegenseitig ins Wort, und eine haltlose Behauptung will die andere übertrumpfen. Ihre Unterhaltungen irren dahin, sprunghaft und quer, voll fahriger Schnitte, wie ein Abend im TV. »Aber ihr seid ja schon genauso! Ihr, die ihr den ganzen Tag Zeit habt, unterbrecht euch immerzu und laßt niemanden ausreden. Könnt nicht einmal mehr einen einfachen Witz im Zusammenhang erzählen!«

Das große Medium und sein weltzerstückelndes Schalten und Walten hat es längst geschafft, daß wir Ideenflucht und leichten Wahn für unsere ganz normale Wahrnehmung halten. Hier fällt sich das Geschehen dauernd ins Wort. Eben noch sehen wir zwei Menschen ernstlich miteinander streiten, den jungen Professor für Agronomie und den Beamten einer landwirtschaftlichen Behörde, über Betablocker im Schweinefleisch und die Östrogensau, live in einer Hamburger Messehalle. Kaum haben wir sie näher ins Auge gefaßt und beginnen ihren Argumenten zu folgen, da fährt auch schon eine Blaskapelle dazwischen; wir befinden uns, ohne daß wir nur mit der Wimper hätten zucken können, in Soest, am Stammtisch eines Wirtshauses, und werden in die Geheimnisse westfälischer Wurstzubereitung eingeweiht. Schon vergessen der Betablocker, vorübergehuscht die vergiftete Nahrung. Ist das Information? Ist es nicht vielmehr ein einziges, riesiges Pacman-Spiel, ein unablässiges Aufleuchten und Abschießen von Menschen, Meinungen, Mentalitäten? Es ist genau das Spiel, das unser weiteres Bewußtsein beherrscht: die Wahnzeit wird nun bald zur Normalzeit werden.

Und das Gespräch, das wir über Jahre hin mit wenigen Menschen führen wollten, wird nicht durchgehalten. Es befremdet uns, privat zu sein und lange auszusprechen. Das Intime selbst gehört nach draußen, und Heimlichkeiten sind der Stoff für Talkshow oder Interview. Denn nur der helle Schein der Öffentlichkeit bringt uns den anderen Menschen wirklich nah. Wollen wir dagegen im Stillen zuhaus jemandem etwas sagen, so fühlen wir uns plötzlich in einer engen Höhle befangen, an einem Ort der Lähmung und der Dunkelheit. Man fürchtet sich vor dem anderen in dieser finsteren Unöffentlichkeit. Man hört nicht zu, man läßt nicht ausreden.

Daher macht den Erzähler seine Gabe verlegen. Keineswegs weil er nichts erlebt hätte – er kann schließlich aus dem Geringsten schöpfen –, sondern weil er die elementare Situation, jemandem etwas zu erzählen, nicht mehr vorfindet oder ihr nicht mehr trauen kann. Weil er zu tief schon daran gewöhnt ist, daß ihm ohnehin gleich das Wort abgeschnitten wird.

Was aber, wenn er dennoch ein empfindlicher Chronist bleiben möchte und dem Regime des totalen öffentlichen Bewußtseins, unter dem er seine Tage verbringt, weder entkommen noch gehorchen kann? Vielleicht wird er zunächst gut daran tun, sich in Form und Blick zunutze zu machen, worin ihn die Epoche erzogen hat, zum Beispiel in der Übung, die Dinge im Maß ihrer erhöhten Flüchtigkeit zu erwischen und erst recht scharfumrandet wahrzunehmen. Statt in gerader Fortsetzung zu erzählen, umschlossene Entwicklung anzustreben, wird er dem Diversen seine Zonen schaffen, statt Geschichte wird er den geschichteten Augenblick erfassen, die gleichzeitige Begebenheit. Er wird Schauplätze und Zeitwaben anlegen oder entstehen lassen anstelle von Epen und Novellen. Er wird sich also im Gegenteil der vorgegebenen Lage stärker noch anpassen, anstatt sich ihr verhalten entgegenzustellen. Er wird seine Mittel an ihr verbessern, denn nur die geglückte Anpassung verleiht ihm die nötige Souveränität und Freiheit, um den wahren Gestaltenreichtum, die Mannigfaltigkeit, das spielerische Vermögen seiner Realität zu erkennen. So arg es ihn auch in Bedrängnis bringt, so mächtig bewegt ihn zugleich das gesellschaftliche Pleroma, die Fülle des Wissens und Empfindens, der Begegnungen und der Lebensformen, der Pakte und der Unterschiede, wie er sie in einem politisch freien Gemeinwesen, in einer am Ende doch glücklichen Periode deutscher Geschichte vorfindet und miterlebt. Dies wird ihm bisweilen durch ein tiefes Gefühl von Genugtuung und Zugehörigkeit gewiß. Wo mancher nur den glitzernden Zerfall erkennt, da sieht er viele Übergänge und Verwandlungen, sieht er den verschwenderischen Markt der Differenz, der aus der wesentlichen Unsicherheit und Offenheit dieser Gesellschaft hervorgeht. Vielfalt und Differenz aber gewähren allem Seienden den besten Schutz vor Tod und Verwüstung.

Was nun das Element der Zeit betrifft, so muß uns auch hier eine weitere Wahrnehmung, ein mehrfaches Bewußtsein vor den einförmigen und zwanghaften Regimen des Fortschritts, der Utopie, vor jeder sogenannten ›Zukunft‹ schützen. Dazu brauchen wir andere Uhren, das ist wahr, Rückkoppelungswerke, welche uns befreien von dem alten sturen Vorwärts-Zeiger-Sinn. Wir brauchen Schaltkreise, die zwischen dem Einst und Jetzt geschlossen sind, wir brauchen schließlich die lebendige Eintracht von Tag und Traum, von adlergleichem Sachverstand und gefügigem Schlafwandel.

In einer Epoche, in der uns ein Erkenntnisreichtum ohnegleichen offenbart wird und in der jedermann Zugang haben könnte zu einer in tausend Richtungen interessanten Welt, werden wir immer noch einseitig dazu erzogen, die sozialen Belange des Menschen, die Gesellschaft in den Mittelpunkt des Interesses zu stellen. Man kann aber in dieser Gesellschaft nicht fruchtbar leben, wenn man unentwegt nur gesellschaftlich denkt! Man wird verrückt – oder flachköpfig, man vergeudet jedenfalls seine besten Kräfte! Ein solches Denken, wie es allgegenwärtig ist, macht uns nicht mutiger und beraubt uns womöglich der letzten Fähigkeiten, Gesellschaft gerade eben noch bilden zu können. Eines Tages wird sie’s halten wie die Carrollsche Katze und sich in ein durchsichtiges Lächeln auflösen – das jenen gilt, die sie zu lange zu besinnungslos angestarrt haben. »So etwas!« dachte Alice; »ich habe zwar schon oft eine Katze ohne Grinsen gesehen, aber ein Grinsen ohne Katze! Das ist doch das Allerseltsamste, was ich je gesehen habe!«

Nein, die Idee des Zerfalls ist nur ein Gesinnungstrug, der Kobold eines verbrauchten Fortschrittsglaubens. Wir verwandeln uns ja, und eins geht aus dem anderen an- oder gegenteilig hervor.

Ungeachtet dessen beklage ich den geschäftlichen Niedergang meiner Zeitungsfrau, wie mich auch ihr körperlicher Verfall im Herzen dauert. Sie, der Engel der Büdchensteher, die ihr über die schamlosen Auslagen gewisser Hefte hinweg stets einen züchtigen und hilfsbereiten Hof bildeten, war bis vor einem Jahr noch eine ansehnliche, muntere Person, eine kleine, rundliche Platinblonde mit perlmuttenem Lidschatten, immer gefällig und herzensgut. Inzwischen ist sie kaum wiederzuerkennen. Im Gesicht und an den Hüften breit angeschwollen, das steifgesprayte, toupierte Haar hängt schief am Kopf, mit beiden Fäusten stützt sie sich am Ladentisch, stemmt sich mühsam auf gegen ihre bleierne Betrunkenheit. Ihr Lächeln findet nun kaum noch aus dem gedunsenen, wie mit Asche geschminkten Gesicht heraus, überwindet die Wülste, Flecken und Rillen nicht, es wird zu einer blödsinnigen Grimasse. In diesen erbarmungswürdigen Zustand verfiel sie kurz nach dem Tod ihres Mannes, weniger wohl aus Trauer als aus einfacher Entkräftung, nach langer erschöpfender Sorge.

Der Gatte, alkoholkrank und unbeschäftigt, kam täglich gegen elf in unsere Straße, um sich im Kiosk seiner Frau die Tagesration zu holen. Oft blieb er unter meinem Fenster stehen und schnaufte mit hochrotem Kopf. Am späten Nachmittag kam er wieder, um leere Flaschen gegen die Abendration zu tauschen, die er in seiner Plastiktüte heimtrug. Still, aussichtslos und unbeirrt teilte er seinen Tageslauf in diese beiden Besorgungen auf. Eines Tages aber kam er nicht mehr, und am Kiosk blieb der Rolladen unten. ›Wegen eines traurigen Ereignisses bleibt mein Geschäft heute geschlossen‹ stand auf einem ausgehängten Pappschild. Seitdem hatte die Zeitungsfrau, die zu Lebzeiten des Mannes die Aufsicht behielt und selber nicht oder nicht bemerklich trank, der Nachlässigkeit und der Verwahrlosung Tor und Tür geöffnet. Ein furchtbares ›Alles egal!‹ fraß sich wie Gift durch ihre ordentliche Lebensführung, und ihr hübscher wohlsortierter Laden verwandelte sich binnen kurzem in ein stinkendes, verdrecktes Asyl. Ein stechender Mief von Urin, Hundefell und nie gewechselter Kleidung schlägt mir nun jeden Morgen entgegen, wenn ich mir die frischen Nachrichten hole. Viele ihrer treuen Kunden, vor allem ältere Frauen, kaufen ihre Illustrierten schon längst nicht mehr hier. Auf den Regalen und am Ladentisch entstehen immer neue Lücken, leere Flächen, wo Blätter nicht mehr bestellt oder nicht mehr geliefert werden, vermutlich höherer Zahlungsrückstände wegen. Nur ihr kleiner, verdunter erotischer Hof ist ihr geblieben, der Kreis der verschmitzten Elenden, der sich immer enger um sie schloß, bis sie selber in seinen Dunst überging.

Ich komme bloß vom Zeitungsholen, und doch scheint mir, bin ich lange aus gewesen. Ich habe auf meinem kurzen Weg in viele Gesichter geblickt. Ich kenne die Leute in meiner Straße vom Sehen. Jedes Gesicht die Verschlußkappe einer breitangelegten Familiensaga. Doch ich weiß nichts von ihnen. Gestalten des reinen Wiedererkennens, das sind sie. Ihr alltägliches Auftauchen und Verschwinden ist ein Maß wider die Fortbewegung. Es ist eine Bleibe.

Alle Welt spielt auf Zeitgewinn, ich aber verliere sie. Ich denke nur, daß aller Gewinn und Verlust der Stunden in der großen elektronischen Totale einem Ausgleich zustrebt. Ich denke, daß uns die neue Welt-Ein-Uhr auf wunderlichem Umweg dem ursprünglichen Äon näher bringt, in dem es nur Gleiche Zeit gab. Jeder Blick nahm sich ein Wort, jedes Ding fand seinen Dichter. Die Ereignisse kommen nicht, schrieb der Physiker Eddington, sie sind da, und wir begegnen ihnen auf unserem Weg. Das Stattfinden ist bloß eine äußerliche Formalität. Der Unfall, der Lottogewinn, der Liebesbetrug, sie sind alle schon da. Sie warten nur darauf, daß wir ihnen zustoßen.

Unterdessen hat der strebsame Evolutionsgedanke auch den stillen Geist der Physik aufgestört, und der allesdurchbohrende Zeit-Pfeil hat ihn getroffen. Die neuere Physik entzog unserem Traum von der Welt den letzten Gehalt an Statik und Symmetrie. Nun können wir nur noch Werden denken. Diese Welt also ist von A bis Omega, durch Leben und durch Unbelebtes an die Unumkehrbarkeit allen Geschehens gefesselt, an das Nicht-Gleichgewicht, an die Dynamik von Unordnung und verschwenderischer Struktur. Sie hat offenbar für ein Sein keinen Platz. Nur der sich selbst bewußte Menschen-Geist, um seiner angeborenen Verzweiflung Herr zu werden, bedurfte der jahrtausendewährenden ›Lebenslüge‹ und – von Platons Ideen bis zur Quantenmechanik – immer neuer Trostbeweise, daß etwas universal und zeitlos gültig sei.

Nun spielt unser Geist mit den unwandelbaren Ideen, und sei es nur, um sich bei ihnen auszuruhen von der Erkenntnis des allumfassenden Werdens. Zumal der Erzähler wird sich dies Spielzeug nicht nehmen lassen, wird weiterhin schalten und walten mit verlorener und wiederkehrender Zeit und auch die kostbaren Kristalle des Stillstands nicht in die Asche werfen. Er wird, wenn auch auf verlorenem Posten, bis zuletzt dem Zeit-Pfeil trotzen und den Schild der Poesie gegen ihn erheben.

Frühling am Himmel und Rostlaub noch an den Bäumen! Ein Mai, ein feiner Wolkenwirbel, ein Hellblau mit dünnen weißen Schleiertänzen … welch zwiefache Jahreszeit! Doch nun an die Arbeit. Zurück in den Winter. Zurück zu meinen Schneefeldern von leerem Papier.

Aber daß ich jetzt immerzu aus dem Haus tretende Menschen sehe! Die gehen in geselligen Gruppen oder allein zu gemeinsamen Orten. Sehen sich beim Einkauf wieder, in Bürgermärschen oder im Sonnenlicht auf einer Flußbrücke. Die schwerelos Heraustretenden, die auf der Straße, sie sind es doch, welche der Herrschaft der Ämter trotzen. Die Straße, der Platz, der Wind bieten ihnen Schutz und Waffe.

Ihnen etwas erzählen? Ach, sie sind guten Muts, haben ein klares Fortkommen, sie sind ja beschäftigt.

So will ich denn in aller Stille, wie Schritte in den Schnee, meine Spuren machen und von vornherein einen solch abgeschiedenen Ton wählen, mit dem man durchaus niemandem in den Ohren liegen kann. Vielleicht gelingt es, zu jenen lautlosen und ruhenden Ereignissen zurückzufinden, die lange darauf warten müssen, daß jemand zu ihnen stößt und sie zum Leben erweckt. Allegorien. Initiationsgeschichten. RomantischerReflexionsRoman. Ein wenig hergebracht, ein wenig fortgetragen.

»Es sind abgehauene Wurzeln, die von neuem ausschlagen, alte Sachen, die wiederkehren, verkannte Wahrheiten, die sich wieder zur Geltung bringen, es ist ein neues Licht, das nach langer Nacht am Horizont unserer Erkenntnis wieder aufgeht und sich allmählich der Mittagshöhe nähert.« Giordano Bruno, Vom unendlichen All und den Welten, Fünfter Dialog.

Die Straße
(Der junge Mann)

»Nach einer solchen Arbeit wirst du erst einmal in ein tiefes Loch fallen.« Man hatte mich gewarnt. Es war dann auch genauso gekommen. Ich wußte nichts mit mir anzufangen. Tagsüber lief ich in der Stadt herum, suchte mir die Zeit in Cafés und Spielhallen zu vertreiben, in Kinos, Parks und Kaufhäusern. Am Abend dann, ganz zufällig und doch unvermeidlich, fand ich mich in der Nähe des Theaters ein. Ich erkundigte mich nach dem Kartenverkauf, ich beobachtete den Zulauf des Publikums, ich besuchte die Schauspieler in ihren Garderoben, ich saß in der Kantine mit den Bühnenarbeitern beim Kartenspiel, oft bis in den frühen Morgen.

Aber irgendwie gehörte ich nicht mehr dazu. Meine Inszenierung war nun in den gewöhnlichen Betrieb des Theaters übergegangen. Was auf der Bühne geschah, erschien durchaus als das eigene Werk der Schauspieler, kaum ein Zuschauer hätte hier nach dem Regisseur gefragt. Die neuen Wagnisse, die die Schauspieler Abend für Abend mit guten oder weniger guten Vorstellungen, mit wachem oder stumpfem Publikum bestehen mußten, hatten längst das intime Abenteuer verdrängt, das uns über sechs Probenwochen so eng und schonungslos zusammengeführt hatte. Zwar empfingen mich die Schauspieler gern und behandelten mich freundlich – schließlich hatte unsere Aufführung wider Erwarten doch noch einen mittleren Erfolg erzielt –, aber ich spürte wohl, wie unsere Fühlung bald nachließ und vager wurde. Schon waren sie in neue Proben eingespannt und hatten sich einem anderen Seelenführer anvertraut.

Zwei- oder dreimal hatte ich mir die Vorstellung noch angesehen, aber es hatte mich nur gequält. Ich war nicht imstande, eine nützliche Abendkritik zu machen. Ja, es fiel mir sehr schwer, aus dieser engen, bewegten Gemeinschaft, in die ich mich begeben hatte, so plötzlich wieder ausgeschieden zu sein und vollkommen alleine zurückzubleiben. Ich fühlte mich hundeeinsam. Von bitterer Enttäuschung, von süchtiger Anhänglichkeit gleich stark geplagt, verfolgte mich meine erste größere Theaterarbeit mit den zwiespältigsten Nachwirkungen. Immer, wenn ich unterwegs war und ringsum die blöde Gegenwart erblickte, kamen mir in dichten, abgerissenen Schwaden die dunkelsten und schwierigsten Tage der langen Proben in den Sinn, und es regnete dann noch einmal all die schreckenerregenden Vorzeichen, die tausend Widrigkeiten, Infamien und Wechselfälle auf mich hernieder, die ich hatte ertragen müssen, und jedesmal war es so, als stünde mir das Ganze erst noch bevor. An die spätere, dann doch eher sieghafte Schlußphase erinnerte ich mich dagegen sehr viel seltener. Nein, Erinnerung war es ja nicht, meine Nerven käuten wieder, es war die reine Vergegenwärtigung. Oder um es mit einem Lieblingswort der Theaterleute zu sagen: intensive Zustände ließen mich Furcht und Krise dieser Tage in ungemilderter Augenblicklichkeit noch einmal erleben. Gewiß war auch dies eine Spätfolge des ungewohnten und absonderlichen Zeitmaßes der Wiederholung, welches das Theater beherrscht und dem ich mich wochenlang unterworfen hatte. Diese beschwörenden Wiederholungen, die gleichwohl Stück um Stück etwas zutage befördern, entstehen lassen oder auch nur etwas zurückgewinnen wollen, das vielleicht ganz zu Anfang, auf den ersten Proben bereits ›da war‹, zum Greifen nahe, vollendet, jedoch nur im glücklichen Vorschein. Oft genug sorgt ja eine ganze langwierige Inszenierung einzig dafür, daß am Ende die überraschende Höhe des Anfangs, der Anfang selber wiedergefunden, erfüllt und festgehalten wird. Das klingt wahrhaftig leichter als es ist. Ich kann es bezeugen. Mir jedenfalls fiel es sehr schwer, mich in der nötigen Geduld zu üben und in die runde Zeit hineinzufinden, oder sagen wir: in die spiralförmige, die keinen unumwundenen Fortschritt kennt und gegen die gerichtet am Theater selbst der heftigste Überschwang, die erhellendste Idee, der eisernste Wille nicht das geringste vermögen.

Wie aber sollte es nun weitergehen? Ich hatte meine Arbeit beendet. Ich war ein Regisseur geworden. War ich damit nicht ans Ziel meiner Wünsche gelangt? Ich dachte jetzt eher: ich hab’s hinter mir. Gerettet, geschafft. Nichts wie weg. Auch dachte ich nun häufiger wieder an die verzweifelten Versuche meines Vaters, mich von dieser Reise, dieser fluchwürdigen, nach Köln, von dieser Höllenreise zum Theater abzuhalten. Bis zum letzten Augenblick hatte er mich nicht losgeben wollen, hatte mich zuhause in Kandern nicht nur an den Bahnhof gebracht, sondern war auch noch mit in den Zug gestiegen und bis Freiburg mitgefahren, unablässig bemüht, mich zur Umkehr, zur Aufgabe meiner törichten Absichten zu bewegen.

»Tu es nicht, Leon. Ich bitte dich. Laß dich doch nicht auf diese Albernheiten ein.« Er hielt die Schauspielkunst noch für weit überflüssiger als das Turmspringen oder das Dressurreiten. »Es genügt, die Klassiker zuhause zu lesen. Man verdirbt sich bloß die Fantasie, wenn man ins Theater geht. Dort herrscht der Firlefanz, das Showgeschäft.« Das war nun seit langem seine Meinung und ihr getreu hatte er, solange ich mich erinnern kann, niemals eine Theateraufführung, und erst recht nicht an den Städtischen Bühnen, besucht. Folglich war auch ich als der Nachgeborene seiner beiden Söhne erst verhältnismäßig spät mit dem Theater in Berührung gekommen. Anders als es bei meinem Bruder geschehen war, wollte er meine Lenkung und Bildung nicht der Mutter überlassen, sondern drängte sie viel zu früh von mir und verschloß mich eifersüchtig in seiner Obhut. Die rein väterliche Erziehung führte mich denn auch unweigerlich in die einzige Richtung, die ihm überhaupt vertraut war und in der er furchtlos voranschritt, nämlich geradewegs auf sein eigenes Lehrfach zu, die Religionsgeschichte. Zu der Zeit, da es zwischen uns über meinen Werdegang wohl nicht zum Zerwürfnis, aber doch zu nervösen Meinungsverschiedenheiten kam, war er längst emeritiert, fuhr jedoch noch zweimal wöchentlich in sein Freiburger Seminar und las über koptisches Christentum. Seine späten Jahre waren ausschließlich der Montanus-Forschung gewidmet, seinem eigentlichen Spezialgebiet, und hierin hatte er auch mich, nachdem ich erst wenige Semester in seinem Fach studiert hatte, zu seinem Gesprächspartner und dann zu seiner wissenschaftlichen Hilfskraft ausgebildet. Mit kaum 22 Jahren war mein Horizont erfüllt von frühchristlichen Ketzern und Anachoreten, von Säulen- und Höhlenheiligen, und während anderswo meine Altersgenossen zum Aufruhr riefen, überall Väter stürzen und Völker befreien wollten, da ergab ich mich geduldig dem Studium der aramäischen und koptischen Sprache, da entzifferte ich an der Seite des Vaters brav die gerade erst entdeckten Schriftrollen gnostischer Evangelien. Die große Leidenschaft, mit der der alte Mann seine Forschung betrieb, seine erzählerische Begabung und Fantasie, mit denen er mir den trockenen Gelehrtenstaub von den Dokumenten blies, hatten ihre Wirkung auf mich nicht verfehlt. Er erreichte es bald, daß ich mich freiwillig und neugierig in jene christlichen Geheimlehren vertiefte, in denen so viel von weiblicher Weisheit, von ›Gott der Mutter‹ die Rede war, von einer allmächtigen erotischen Gnade, wie ich es denn empfand.

Jedoch, ich mußte für einen Ausgleich sorgen. Ich war bereit, den gestrengen Ansprüchen an meinen Dienst zu genügen, aber nicht, mich vollkommen von ihnen beherrschen zu lassen. Ich war durchaus zu der Überzeugung gelangt, daß ich nicht für die Wissenschaft taugte und auch die Arbeit des Vaters nicht nach dessen Tod fortsetzen wollte, wie er es doch heimlich erhoffte.

In Freiburg hatte ich damals einen jungen Dramaturgen kennengelernt, einen mir ganz entgegengesetzten Charakter, einen rundum kritisch eingestellten Menschen, der sich von Herzen für kaum etwas erwärmen konnte, am wenigsten für das Theater, an dem er selbst beschäftigt war. Doch ich suchte ihn häufiger auf. Es interessierte mich nicht nur, seine Meinungen und kritischen Lebensbeschwerden zu erfahren, sondern auch, was denn seine Tätigkeit an den Städtischen Bühnen eigentlich ausmachte. Durch ihn erhielt ich eines Tages die Aufforderung, vor einigen Schauspielern, die gerade Shaws ›Heilige Johanna‹ einstudieren wollten, ein Referat über Stimmen und Visionen, über Seherinnen und Gottbesessene zu halten. Hierzu mußte man mich nicht lange überreden. Ein paar Tage später stand ich, sorgfältig vorbereitet, vor dem Ensemble und hielt meinen kleinen Vortrag. Offenbar gelang es mir, ihr Interesse zu gewinnen, denn sonst hätten mich nicht hinterher einige von ihnen, darunter der Regisseur, so eindringlich gebeten, auch die kommenden Proben zu besuchen und sie, falls ich Gefallen daran fände, mit fachlicher Beratung zu begleiten. Nur zu gerne willigte ich ein, ich fühlte mich herzlich begrüßt und zutiefst hingezogen zu dieser anderen, gemeinschaftlichen Welt des Schauspieltheaters. Von nun an ließ ich mein Studium merklich in den Hintergrund treten und teilte meine Arbeit gewissenhaft zwischen der häuslichen Gelehrtenstube und der Probebühne des Städtischen Theaters. Es dauerte auch nicht lange und ich hatte mir nebenbei eine ganze Reihe von bühnenpraktischen Kenntnissen erworben. Ich lernte mit einem allesfressenden Eifer und Ehrgeiz. So war es denn nicht weiter verwunderlich, daß man mir schon für eine der nächsten Produktionen die Stelle eines Regieassistenten anbot. Mein Interesse und meine grundsätzliche Befähigung für das Theater erhielten durch diese neue Anforderung einen großen Aufschwung, und meine wachsame Mitarbeit brachte mir im Ensemble Freundschaft und Zutrauen ein. Ein halbes Jahr darauf sollte ich eine erste eigene Regie übernehmen, umständehalber, denn der vorgesehene Mann, ein zwischen ›befreitem Theater‹ und radikaler Theaterverneinung schwankendes Talent, hatte es kurzerhand vorgezogen, in den – wie es damals hieß – politischen Untergrund zu verschwinden. So standen nun auf einmal drei leibhaftige Schauspieler fordernd vor mir und erwarteten, daß ich etwas Aufregendes mit ihnen anstellen würde. Ich sollte innerhalb von drei Wochen ›Fräulein Julie‹ von Strindberg inszenieren.

Bis hierher waren meine Abschweife zum Theater unter der kritischen Duldung des Vaters geschehen, wenngleich seine gegrummelten Beschwerden, daß die gemeinsame Arbeit zusehends Schaden nähme, nicht zu überhören waren. Er war wohl der Meinung, daß man einem jungen Menschen schlecht jede Art von Ablenkung und Unterhaltung abschlagen könnte. Daher wollte er mir das Theater als beiläufige Liebhaberei gestatten, zum Ausgleich für die harte Wissenschaftsfron. Die Mutter hingegen hatte längst verspürt, daß meine Neigungen tiefer reichten, und heimlich unterstützte sie diese sogar. Der einseitige und übermächtige Beschlag, unter den mich der Vater genommen hatte, schien ihr auf die Dauer eine Gefahr zu bedeuten. Sie fürchtete um meine selbständige Fortentwicklung, auf welchem Gebiet diese auch stattfinden würde. Sie setzte ein blindes und warmes Vertrauen in mich. Es hätte mich auch wunderbar festigen und vorantreiben können, wenn nicht der schwere, dunkle Flügel des Vaters sich schon in aller Frühe so dicht über mich gelegt hätte.

Mein Verhältnis zu ihm verschlechterte sich nun alle Tage. Zu gewissen Zeiten war ich durch meine Theaterarbeit so stark in Anspruch genommen, daß ich zwangsläufig den Dienst am großen Montanus-Werk einschränken mußte. Der alte Mann sah nun schon unsere offene und endgültige Trennung heraufziehen, machte mir bittere Vorhaltungen und zeigte sich überhaupt unleidlich und griesgrämig.

Aber meine ›Fräulein Julie‹ hatte Erfolg! Die Inszenierung bekam sehr gute Kritiken in der Lokalpresse und erwarb sich sogar einen gewissen Ruf über die Stadtgrenzen von Freiburg hinaus. Vor allem Theaterleute kamen, zuweilen aus entfernten Städten, um sich die vielversprechende Anfängerarbeit, wie es hieß, anzuschauen.

Unter ihnen befanden sich eines Abends auch die beiden ersten Schauspielerinnen des Kölner Theaters, Margarethe Wirth und Petra Kurzrok, die mir wohl bekannt waren, wenngleich ich sie nie auf der Bühne gesehen hatte. Ich erhielt Nachricht von meinem Intendanten, daß mich die beiden nach der Vorstellung in der Halle ihres Hotels zu sprechen wünschten. Recht beklommen war mir zumute, als ich mich schließlich dort einfand. Ich lief etwas tapsig umher, konnte aber die berühmten Gestalten nirgends entdecken. Ich wußte nicht, wie ich meine Unruhe verbergen sollte, mochte aber auch nicht den Gelangweilten spielen und mich in eine Zeitung vergraben. Da bemerkte ich plötzlich hinter einem dichten Spalier von Gummibäumen zwei blitzende Augenpaare, die keine Bewegung von mir ausließen und mich offenbar schon seit längerem beobachtet hatten. Natürlich, es waren die beiden Schauspielerinnen, die dort hinter dem Grünzeug wie die Raubkatzen lauerten und jeden meiner unsicheren Schritte überwacht hatten. Ich trat ihnen also entgegen, und sie begrüßten mich mit freundlichen, förmlichen Worten. Ich sah, daß sie ein sehr ungleiches Frauen-Paar abgaben. Margarethe war die größere, damenhaftere Erscheinung. Ihr langes rotblondes Haar fiel offen über ihre Schulter, sie trug einen plissierten dreiviertellangen Rock, eine graue Seidenbluse unter einer dunklen, ärmellosen Weste. Sie hatte sich zweifellos für den Theaterbesuch eigens umgezogen. Anders die Kurzrok, die ihre Arbeitskleidung nicht gewechselt hatte und in ihrem schäbigen Jeansanzug sich beinahe etwas gewollt gegen den schlichten bürgerlichen Stil ihrer Kollegin abzusetzen suchte. Gleichwohl gehörten die beiden aufs engste zusammen, das war nicht nur überall bekannt, man konnte es auch auf den ersten Blick selber bemerken. Sie bildeten ein ebenso schmiegsames wie eifersüchtiges Gespann. Pat kam mir überraschend klein vor, zierlich und zäh, von fast knäbischer Statur, weshalb wohl auch die Koseform des ›Patrick‹ an ihr hängengeblieben war und ihren weiblichen Vornamen verdrängt hatte. Dunkelblonde lange Ponyfransen verdeckten ihre starke, gewölbte Stirn. Am Hinterkopf war das kurze Haar mit einem gewöhnlichen Gummiring zu einem schlappen Zöpfchen zusammengefaßt.

Es dauerte nicht lange und ich erhielt bereits eine Kostprobe ihres feinentwickelten Paar-Spiels. Ohne Umschweife begannen sie über ihren Theaterbesuch zu sprechen und führten sich dabei so auf, als sei ich gar nicht anwesend. Sie nahmen die Sache wahrhaftig gründlich durch. Eine solche Kollegenkritik kann sich auf eine sehr zartfühlende und schlangenhafte Weise an denjenigen heranschleichen, der schließlich das eigentliche Opfer sein soll. Zunächst hält man sich ein wenig beim Bühnenbild auf, findet daran manches problematisch, nicht sehr hilfreich, letztlich schrecklich. Daraufhin riskiert man die eine oder andere launige Frage an das Stück, sieht seinen heutigen Aussagewert verblassen, läßt es aber dabei schnell wieder bewenden, denn hier hat der Gegenstand womöglich schon härtere Prüfungen bestanden, als sie der eigne kritische Geschmack vornehmen könnte. Dann muß es wohl an der unzureichenden Übersetzung liegen, daß das alte Werk keine durchschlagende Wirkung erzielen konnte. Jetzt nähert man sich bereits der heiklen Zone, in der es gewisse schauspielerische Schwächen zu beklagen gibt. Dabei werden die Kollegen als solche säuberlich geschont, es wird vielmehr die Besetzungsfrage aufgeworfen oder schlimmstenfalls eine glatte Fehlbesetzung festgestellt. Hiermit ist man endlich in den Verantwortungsbereich des Regisseurs vorgedrungen, und nun kommt es darauf an, wer was bei wem ausrichten möchte. Denn alles bis dahin Vorgebrachte kann nunmehr zum höchsten Tadel des Regisseurs wie auch zu seiner bedingten Entschuldigung zusammengefaßt werden. Die zwei berühmten Schauspielerinnen hatten dieser Art unsere ›Fräulein Julie‹ Punkt für Punkt durchgesprochen, als sie sich schließlich mit besonderer Gewichtung auf dem eigentlichen »Dilemma« des Abends niederließen und mit dem jungen, sehr jungen, allzu jungen Strindberg-Regisseur ins Gericht gingen. In dessen menschlicher, weltlicher und erotischer Unerfahrenheit fanden sie denn auch die Ursache dafür, daß man auf der Bühne zwar einer reizenden Fülle von formalen Übungen, aber nur einem Minimum an seelischer Handlung beigewohnt habe.

Sie sprachen nach wie vor kunstvoll einander zugewandt, in geübter Wechselrede, in der ein heftiges gegenseitiges Beipflichten nur zu oft zu einer schrecklichen Verschärfung ihrer Urteile führte. Hin und wieder traf den Delinquenten dabei ein rascher Seitenblick, und er traf ihn wie ein Prankenhieb. Nein, die verehrten Frauen ließen wahrhaftig kein gutes Haar an meiner Inszenierung. Ich fand aber ihre Schmähungen ungerecht und übertrieben und wäre am liebsten heulend davongelaufen. Alle frühere Anerkennung, Presselob und Talentbeweis waren mit diesem Verriß hinfällig geworden und in den Staub gestürzt. Da aber unterbrachen sie plötzlich ihren Bund und öffneten sich zu mir hin. Nun legten sie auf einmal eine schamlose Liebenswürdigkeit an den Tag. Aus heiterem Himmel erklärten sie, wie sehr ihnen daran gelegen sei, gemeinsam mit mir in Köln ›Die Zofen‹ von Genet zu erarbeiten.

Halb Kandern sollte an meinem Abschied von zuhause und meiner großen Lebensveränderung Anteil nehmen, da mein Vater es sich nicht verkneifen konnte, mir noch im Bahnhofswartesaal vor allen Leuten eine anstrengende Szene zu machen.

»Der Regisseur!« rief er immer wieder, »der Regisseur! Was ist das überhaupt für einer? Ein Handlanger und ein Affendressierer, das ist er vielleicht, aber ganz bestimmt kein schöpferischer Mensch. Er ist nicht einmal ein richtiger Künstler!« Ich bat ihn, unbedingt leiser zu sprechen. »Du weißt ja gar nicht, wie wichtig heutzutage der Regisseur ist, Vater. Er ist der eigentliche Gestalter, er macht das Theater überhaupt erst zu einem Ereignis. Er kann sogar ein Visionär sein!« Nun mischte sich gleich unsere Nachbarsfrau ein: »Herr Professor, nun lassen Sie den Leon erst einmal losziehen. Man soll niemanden festhalten. Ich war mein Lebtag in keinem Theater, das dürfen Sie mir glauben, aber ich hab bei meinen sechs Buben immer darauf gesehen, daß sie sich rechtzeitig die Hörner abstoßen. Heute sind doch die jungen Leute viel besser dran. Warum soll er nicht nach Köln fahren, wo es doch ein besseres Theater gibt als bei uns hier. Vielleicht wird er noch einmal ein berühmter Mann, der Leon Pracht!«

Hierauf entgegnete der Vater erzürnt: »Berühmt! Was reden Sie da? Kennen Sie Dölger? Heiler? Reitzenstein? Na! Das sind berühmte Männer. Berühmt kann er auch in meinem Fach werden!«

Jetzt ging es lebhaft durcheinander, und beinahe jeder im Wartesaal teilte seine Ansichten zum Regisseursberuf mit, was immer er darunter verstehen mochte. Der Arbeiter vom Gaswerk, der neue Kinobesitzer, die Operationsschwester Frau Veldstein, sie alle stellten sich entschlossen hinter mich und nahmen an der starrsinnigen Haltung meines Vaters Anstoß. Er tat mir schon recht leid, wie er von allen Seiten getadelt oder mit Kopfschütteln bedacht wurde. Er setzte sich aber ungerührt über die leichtsinnige Parteinahme der Leute hinweg, beugte sich zu mir und beklagte sich nun leiser, aber dafür umso eindringlicher: »Du willst also unsere gemeinsame Arbeit endgültig im Stich lassen, mein Junge?« Ich erwiderte traurig, daß ich nun eben nicht für die Gelehrtenstube geschaffen sei und meinen eigenen Weg finden müsse. »Aber für das Theater bist du auch nicht geschaffen! Jedenfalls nicht von mir!« Meine Mutter überhörte es, und sie versuchte zwischen uns zu schlichten. »Nun laßt es endlich gut sein. Leon macht ja doch, was er will.« Ich wollte den Vater auf einen versöhnlicheren Ton umstimmen und versicherte, daß ich auch ins Theater als sein erster Schüler einkehren wollte und dort gewiß meine Kenntnisse von religiösen Festen und Riten zu nutzen wüßte. Er ging nicht darauf ein, er war viel zu aufgewühlt, viel zu beunruhigt über die bevorstehende Trennung. »Jetzt hast du schon einmal Regie führen können. Ist denn das nicht genug? Warum willst du jetzt auch noch in eine andere Stadt? Es ist nicht deine Sache, Leon, glaub es mir.«

Als er später in Freiburg aus dem Zug stieg und unter mein Abteilfenster trat, kam es auch mich hart an. In solch mutloser Verlassenheit stand er da vor mir, daß ich es kaum mitansehen konnte. Er hatte nun aufgegeben. Er mußte ertragen, daß er nichts mehr über mich vermochte. Wie er noch einmal den Kopf zu mir erhob, den schmalen, den grauen und feurigen Gelehrtenkopf, da lag eine stille und tiefe Erschrockenheit auf seinem Gesicht. »Sieh mich nicht so an«, bat ich streng, doch die Stimme sank mir in die Kehle. Leise und aus unerfindlichem Anlaß sagte er darauf: »Sorg, daß du kein Blatt vor den Mund nimmst, mein Junge.« Ich wußte nicht, was mir dieser halbe, vage Rat bedeuten sollte. Ich nickte aber und gab ihm die Hand. Es war aus der sanften Verworrenheit seiner Worte eine Verständigung hervorgegangen. Der Zug begann lautlos und gleitend die Fahrt. Der Vater hielt die Hand lange mit kleinem, tatterndem Gruß in die Höhe. Ein heftiges Winken aus ganzem Arm, das den Abschied gleichsam auswischen möchte, schien ihm nicht angebracht. Das blieb Kindern und Verliebten vorbehalten. Der alte Mann aber nahm den Abschied an, und seine Hand erhob sich nicht gegen die rasche Entfernung.

In Köln war man zu folgender Überlegung gekommen: Alfred Weigert, der erste Spielleiter am Haus und zugleich der Leib- und Seelenregisseur von Pat und Margarethe, sollte endlich Gelegenheit erhalten, seinen ›Wallenstein‹ in allen drei Teilen zu inszenieren. Unterdessen durften sich die verwaisten Protagonistinnen ihrerseits einen langgehegten Wunsch erfüllen, nämlich in zwei ebenbürtigen Rollen gemeinsam auf der Bühne zu stehen und ihr ganzes Können einmal ohne den großen Meister unter Beweis zu stellen. Selbstverständlich sollte es sich dabei um eine kleine Produktion handeln, irgendetwas im Kammerspiel, nicht unter aller literarischer Würde, aber doch zuerst mit dem Anspruch auf Paraderolle und Solistenpart. Es lag nahe, sich hierfür Genets ›Zofen‹ auszusuchen; und da die beiden Stars zudem noch die freie Wahl des Regisseurs hatten und sie unbedingt, wie es damals hieß, »neue Erfahrungen« machen wollten, hatten sie sich also auf die Suche nach dem jungen, aufstrebenden Talent gemacht. Was sie sich letztlich von mir versprachen, war mir nicht ersichtlich. Vielleicht erhofften sie sich einfach größere Freiheiten, als sie ihnen ihr Meister zugestand, und dachten, daß ich sie in ihren Unarten nicht beschränken, sondern nur unterstützen würde. Aber ich verstand mich keineswegs als ein angemieteter Tourneetheater-Regisseur. Ich hatte ja etwas vor, ich kam mit großem Programm.

Die dritte Person, die wir brauchten, um die Rolle der Gnädigen Frau zu besetzen, wurde mir von Pat und Margarethe sozusagen wärmstens aufgedrängt. Es handelte sich um eine ältere Schauspielerin, die beide in den höchsten Tönen lobten, obschon sie doch eigentlich den Typ der gutmütigen Amme vorstellte und gewiß niemals die brutale Härte aufbringen würde, niemals derart Idolfigur und Herrin sein würde, um das Mordgelüst der beiden Mädchen glaubhaft erscheinen zu lassen. Es war klar, daß diese Kollegin lediglich als milde Zugabe gedacht war. Pat und Margarethe wollten sich die Schlacht alleine liefern, und ich sollte wohl am ehesten die Rolle des Ringrichters bestellen, der für einen fairen Kampf zu sorgen hatte.

Jedoch: wie anders dachte ich selbst über meine Berufung zu diesen wunderbaren Künstlerinnen! Geradezu ein neuer Montanus wollte ich sein, und so wie dieser Visionär mit seinen beiden Prophetinnen, mit Priscilla und Maximilla durch die phrygischen Städte gezogen war, um die Herabkunft des neuen Jerusalems zu verkünden, so wollte auch ich mit meinen beiden Schauspielerinnen eine Erneuerungsbewegung mindestens des Theaters, der Schauspielkunst begründen. Während der vielen, einsamen Wochen, in denen ich mich auf meine Arbeit vorbereitete und die Inszenierung schon bis ins kleinste Detail voraussah und vorausbestimmte, verstärkte sich in mir der Gedanke, daß ich meinen Vormarsch mit Pat und Margarethe durchaus als Sendung aufzufassen hatte, als eine legitime Travestie des montanischen Dreier-Bunds. Dieser war mir durch die lange Arbeit mit dem Vater so vertraut geworden und saß mir als Sehnsuchts-Modell so tief inne, daß ich mehr und mehr zu der Überzeugung kam, die beiden Schauspielerinnen seien aus meinen Studien gleichsam wie ausgebrütet hervorgegangen. Ich glaubte wahrhaftig, daß ihr Erscheinen in meinem Leben nicht zufällig und abrupt, sondern durch ursprüngliche Verwandlung geschehen sei. Allzu leicht übersah ich dabei, daß der eigentliche Montanus des beglänzten Paars jedoch Alfred Weigert hieß, ihr Erwecker und Wundertäter, ihr Seelengeleiter; es gab ihn schon.

Ich wußte also genau, wie es auszusehen hatte, mein Theater, meine Zofen, mein ekstatisches Spiel. Ich nannte es nicht mit geringen Namen. Die Gegen-Welt, die Mythenwanderung, die Überschreitung, die Bühne als Eingangspforte zur Großen Erinnerung, Tanz der Reflexionen mit den Geistern, das Gebärden-Zeremoniell, die Lupe hinhalten, auf die Jagd gehen, den Zuschauer in den ›Hinteren Raum‹ locken, Zustände auslösen … Ach, die Begriffe türmten sich und schwankten. In meiner Konzeption spielte das Stück in einer nicht allzu fernen Zukunft. Eigentlich nach dem Zusammenbruch aller menschlichen Kommunikation. Die Menschen haben sich in ihre Zeremonien zurückgezogen, verkrochen, verkapselt. Die Spiele sind ihre seelischen Überlebensnischen. Der Ort: eine Höhle in der Zeit …

Du liebe Güte. Und was ist am Ende dabei herausgekommen? Eine Inszenierung, über die es in den Kritiken hieß, sie wäre im ganzen ein wenig bieder ausgefallen, trotz einiger überragender Schauspielerleistungen. Die eigentliche Überraschung des Abends sei weniger der junge Regisseur als vielmehr die Entdeckung, daß ein poète maudit veraltet, ein Genet staubgrau geworden sei. Und dafür hatte ich nun mit den höllischen und herrlichen Gewalten gerungen, war ich durch Ohnmacht und Kälte, durch Feuer und Sümpfe geschritten. Aber so ist wohl das Theater: ein gewundenes Instrument, in das man seine ganze Seele hineinblasen muß, um am Ende wenigstens einen kleinen geziemenden Ton herauszubringen. Mehr nicht, aber schon dafür braucht man eine große Puste.

2

Montag früh. Eine Stunde vor Probenbeginn bin ich ins Kammerspiel gekommen. Der Bühnenbildassistent und zwei Bühnenarbeiter haben eine Probendekoration hergerichtet, die in etwa dem entspricht, was ich mit Volker, dem Ausstattungsleiter, verabredet hatte. Es sieht abscheulich aus. Ich will nicht diesen Plüsch und Plunder auf der Bühne. Keinen stickigen Boudoir-Pomp, auch nicht mit Blumen überladen, selbst wenn ich damit gegen die Anweisungen des Autors verstoße. Mit V. alles noch einmal neu durchdenken! Dies hier ist nicht das abgewohnte Futur, das ich mir vorgestellt habe.

Was für eine lange Flucht ist dieser Zuschauersaal! Wie soll ich denn meine abgeschlossene Nische auf diesen schmalen Schlauch hin ausrichten? Theater, Geburt des Spiels, sollte doch immer vom Publikum halbwegs umrundet sein … In einer knappen Stunde beginnt nun unwiderruflich mein Abstieg zu den Geistern. Die Nervosität nimmt zu, die Beklommenheit, die nackte Angst – oder, um wie der Traum die Wörter beim Bild zu nehmen: die Angst, nackt dazustehen. Obschon bis an die Zähne bewaffnet mit Zetteln, Plänen, Skizzen, auf denen jede Stellung, jeder Gang vorgezeichnet ist, fühle ich mich plötzlich ungenügend vorbereitet. Werde ich schnell und angemessen reagieren, wenn etwas Unvorhergesehenes eintritt, wenn plötzlich Änderungen fällig werden, wie etwa jetzt beim Bühnenbild? Ich weiß doch, daß mich das Tatsächliche, wenn es mit voller Wucht in Erscheinung tritt und nicht der Vorstellung entspricht, jedesmal in eine tiefe Schreckenslähmung versetzt.

Ich verlasse den kleinen Tisch auf der Bühne, an dem wir in Kürze mit dem Lesen des Stücks beginnen werden. Der Blick in den Abgrund des leeren Zuschauerraums macht mich schwindelig. Man gewinnt besser Fassung, wenn man profund von unten nach oben schaut, etwa aus der dritten Reihe Mitte, die Arme rechts und links über die Lehnen ausflügend. Es riecht nach Staub, Molton, erwärmtem Lack. Obgleich ich doch bestimmt in eine Grube eingefahren bin und unter Tage arbeiten werde, um das kostbare Mineral dieses Spiels zu fördern, kommt mir jetzt unter dem diffusen Probenlicht mein Ort viel zu hell und ungeborgen vor. Von allen Seiten starren sie mich an, die sachlichen, ernsten Anforderungen einer zwielichtigen Wirklichkeit. Arbeiter, die keine richtigen Arbeiter sind. Technik, die zu nichts Vernünftigem dient. Termine, die zur Einrichtung einer Schein-Handlung streng beachtet werden müssen, und selbst Zeitung und Milchtüte auf dem Inspizientenpult bleiben hier keine unangefochtenen Alltagsdinge. Ich spüre sehr deutlich, daß die ganze Grube erfüllt ist mit ungeschriebenen Gesetzen, die ich nicht kenne und nicht beherrsche, die ich indessen auch nicht blindlings befolgen könnte, denn dazu fehlt es mir an natürlichem Instinkt. Sie sind aber da, ich merke es an der gewaltsamen Einschränkung meiner inneren Bewegungsfreiheit, meiner Fantasie, seitdem ich hier im Theater sitze und auf die Schauspieler warte.

Matthias, mein freundlicher Assistent – er ist in meinem Alter, wenn auch etwas weltlicher verträumt als ich, und hält sich unter der Bob Dylan-Kappe versteckt –, er erinnert mich daran, daß Frau Adams, die die Rolle der Madame spielt, auf eine Stunde später bestellt worden ist. Offenbar habe ich das versehentlich selber so angeordnet. Selbstverständlich müßte sie bei der ersten Leseprobe von Anfang an dabeisein.

Pat kommt durch die hintere Saaltür. Sie stürzt herein, sie stolpert, sie ist völlig außer Fassung, kaum daß sie uns begrüßt. Sie berichtet von einem brutalen Bandenüberfall, der ihr soeben auf dem Weg zur Probe vorgekommen sei. Sechs oder sieben blutjunge Burschen, eine Rockerbande, hätten einen Hygiene-Laden gestürmt, alles kurz und klein geschlagen, ausgeplündert, den Besitzer an den Haaren auf die Straße geschleift, mit Fußtritten und Kettenschlägen mißhandelt … Was ist ein Hygiene-Laden? Ein Sexshop? »Na, irgendsowas! Aber am hellichten Tag, man muß sich das vorstellen. Wir haben hier Zustände wie im kaputten New York. Du kannst schon vormittags nicht mehr allein auf die Straße gehen …«

Margarethe betritt über die Bühne den Theaterraum. Sie gestattet sich einen ausführlichen Auftritt. Sie läßt schon jetzt keinen Zweifel darüber, in welcher Gangart sie als Solange triumphieren will. Das Haar ist inzwischen fuchsrot gefärbt und zu einer breiten Mähne ausgekämmt. Sie zeigt ihre langen Beine unter einem engen, kniefreien Rock, sie schnürt mit nervöser Witterung durch das Bühnengehege. Pat wird nun ihre Geschichte vom Rockerüberfall ein zweites Mal los.

»Aber es ist doch sehr gut«, erwidert Margarethe, »wenn sich die Jungens gegen diese Schweinigeleien zur Wehr setzen.«

»Gut findest du das? Na ich danke.«

»Natürlich. Bevor wir vollends zu einer Gesellschaft von Schmierfinken werden –«

»Das ist die gleiche Gesellschaft, die bei dir abends im Publikum sitzt!«

»Das ist mir völlig egal. Ich spiele für jeden, der mich sehen will.«

»Ach? Es kommt aber vielleicht darauf an, ob die Leute, wenn du auf der Bühne stehst, zu dir hinaufblicken oder ob sie dich in ihre schmutzige Fantasie hinunterziehen.«

So ging es nun in rascher Folge hin und her. Keine von beiden schien irgendeine feste Meinung zu vertreten, sie wechselten unentwegt ihre Positionen, je nachdem, welchen Standpunkt die andere gerade einnahm. Es kam offensichtlich nur darauf an, jeweils das richtige Widerwort zu geben. Ich war gar nicht vorhanden. Sie spielten längst, sie spielten über meinen Kopf hinweg, und ich kam nicht dazu, ein einziges Wort zu sagen. Es mochte sich hierbei um ein eingeübtes und ausgepichtes Vorspiel handeln, das lediglich zu meiner Verwirrung und Erprobung veranstaltet wurde, denn es hatte schon bald keinerlei erkennbaren Inhalt mehr und verlief immer weitschweifiger. Ich hätte sie längst unterbrechen und zur Arbeit rufen müssen. Stattdessen versuchte ich die ganze Zeit, mich an den Gegenstand, den sie gerade behandelten, anzuheften; doch bevor ich etwas dazu beisteuern konnte, hatten sie ihn schon wieder gewechselt. Und wie ich darüber dachte, interessierte sie ohnehin nicht, sondern nur, wie ich mich überhaupt zu dieser unverschämten Verzögerung verhalten würde. Ihr Geplänkel wurde immer ausgeleierter, sie wiederholten sich schon und mußten beinahe selber darüber lachen. Aber sie warteten vergeblich darauf, daß ich sie unterbrach. Ich tat es nicht. Schließlich verstummten sie von selbst und öffneten sich in einer einzigen, gleichzeitigen Wendung zu mir hin, genauso wie am Ende unserer ersten Begegnung in der Freiburger Hotelhalle. Nur trafen mich jetzt bedeutend kältere Blicke, fast schon entmutigte, so als wollten sie sagen: Nun, junger Mann, du willst hier die Führung übernehmen und bist nicht einmal imstande, uns zum Schweigen zu bringen?!

Erste Leseprobe. Wir sitzen zu fünft am kleinen Tisch auf der Bühne. Pat beginnt die Claire zu lesen. Sie vermeidet jede emphatische Hervorhebung. Sie nimmt mit äußerster Vorsicht einen Text zum ersten Mal in den Mund, in dem vielleicht eine Raserei verborgen liegt und noch lange nicht geweckt werden darf. Nach einigen Minuten unterbricht sie sich aber und kommt auf einen Satz vom Anfang zurück, in dem es heißt: »Du glaubst wohl, du könntest den Milchmann mit ihnen (den Gummihandschuhen) verführen?«

Pat stöhnt und windet sich: »Der Milchmann! Da ist er! Ich hab es doch gewußt, da war ein Stolperstein. Und was machen wir jetzt mit diesem Jungfrauenschreck?«

»Das ist allerdings ein arges Klischee«, sagt Margarethe leise und schiebt den Text von sich weg, als habe sie eine sehr enttäuschende Entdeckung gemacht.

In diesem Augenblick richtet Pat erstmals das Wort unmittelbar an mich, den Probenleiter.

»Können Sie mir sagen, wie ich heute, im Jahre 1969, einen Milchmann als Liebhaber verkaufen soll? Glaubhaft, meine ich. Ohne daß sich die Leute die Haare raufen.«

Die frontale Anrede ließ mich zusammenzucken. Fast hätte ich vor Schreck geantwortet: ›Das weiß ich leider auch nicht.‹ Tatsächlich hatte ich mit einer solch banalen Frage am allerwenigsten gerechnet. Ich kannte den Text bis in seine verborgensten Schattierungen, aber nie wäre mir doch der Gedanke gekommen, daß dieser alberne Milchmann irgendein Problem abwerfen könnte. Matthias meinte, man dürfe doch ebensogut vom Postboten oder Zeitungsausträger sprechen.

»Nein, nein!« warf ich nun lebhaft ein, denn es fiel mir bedeutend leichter, mich gegen den kleinen Assistenten abzusetzen und an seinem glücklichen Irrtum anzuknüpfen, als den beiden gebieterischen Zofen direkt zu antworten. »Für mich ist es der Milchmann und niemand anderer«, erklärte ich frei heraus. »Denn: wann spielt das Stück? Man wird sagen, es spielt in den vierziger Jahren dieses Jahrhunderts, wahrscheinlich doch zur selben Zeit, da es geschrieben wurde. Und doch spielt es auch jetzt, nein, noch ein wenig später – wenn alles vorüber ist. Es spielt auf einer längst abgegrasten Weide der Gesellschaft. Überall lungern verlorene Gruppen herum, kauern entstellte Einzelwesen auf ödem Boden. Nichts zieht sie mehr voran. Alle Entwicklungen, alle Antriebe und Fortschritte sind zum Erliegen gekommen. Die Weide ist abgegrast. Die Menschen fürchten nichts so sehr wie die auseinanderfließende Zeit. Denn sie scheint wirklich zu schmelzen wie die Eisschilde auf den Polkappen bei erhöhter Erderwärmung. Vor ihren Schmelzfluten flüchten sich die Gesellschaftslosen in den Schutzkreis der Kulte und Gebräuche. Ihre ganze Begehrlichkeit gehört den schönen Formen, so wie die Begehrlichkeit der Zofen den schönen Kleidern, dem kostbaren Plunder der Madame gehört. Weg vom Küchendreck, von den Abwässern, dem Geröll, dem Moränenschutt! Wir, die Formlosen, versuchen aufzutreten, das ist das Theater, und wir schützen uns durch seine festen Spielregeln. Während andere mühsam, fast verendend schon, Mama und Papa spielen, Arzt und Patient, Chef und Gehilfe, Lehrer und Schüler, da betreten wir den durchsichtigen Raum der geordneten Bedeutungen, strecken uns aus in einem Schaufenster, durch das man in eine unbekannte, mit Leben erfüllte Welt zurückblicken kann. Und in diesem Fenster liegen auch die beiden Schwestern, Solange und Claire, erwachen an einem wunderschönen Morgen und blinzeln durch die hohe Scheibe in einen besonnten Vorgarten hinaus, wo libellenhafte Rasensprenger Taxuskuppeln und aufrollbare Grünflächen befeuchten. Dort knien dann und stehen diese Leute von gegenüber, von denen die Zofen sprechen, ihre fernen Nachbarn, die nichts von ihnen sehen sollen, deren Blicken sie aber nicht ausweichen können. Seltsame Wesen in weißen Overalls, Tankwarten oder Flugzeugeinwinkern ähnlich, Männer und Frauen, und sie gaffen euch an, sie erwarten das Schauspiel von euch und erwarten, daß euer letztes Spiel beginnt, mit allem Drum und Dran, erhaben und lächerlich, fremd und vertraut, gemein und zärtlich, das letzte Spiel der Sinnengewalten, denn ihr müßt bis zum Ende gehen mit eurer Geschichte, mit eurer Zeremonie bis an die Grenze, wo sie zerbricht und das Unwiederholbare beginnt.

Und so werdet ihr dankbar sein, von Dingen zu sprechen, die es nicht mehr gibt, Kleider zu tragen, die kostbar und veraltet sind; den Milchmann werdet ihr anrufen wie den Hünen vom Berg, und er wird mit seinem wackligen Karren herüberkommen, die nackte Betonpiste entlang, das endlose Rollfeld, und seine Anwohner, das gesamte müßige Bodenpersonal wird vor dem Bärenstarken scheu zurückweichen. Mit inbrünstiger Leidenschaft wird Solange die Schuhe der Herrin wichsen, mit glücklicher Demut sie bespucken. Eure symbolischen Handlungen werden sich wie ein Metopenband um die Stirn des Tempels schlingen, in dem der Mord vorbereitet wird. Die sexuellen Gleichnisse werdet ihr als die letzte große Symbolsprache der Alten Welt erfahren, sie wird euch Halt bieten und zugleich das unfehlbare Mittel eurer Selbstzerstörung sein, beinahe wie der beliehene Griechenhimmel, der vor Zeiten deutsche Dichter und Philosophen erhob und verwarf. Draußen nämlich hat das Lebendige Schaden genommen. Das Gleich-Gültige verschlang jede Gestalt, jede Opferhandlung. Jedes Symbol. Ihr aber dient wie Tempelprostituierte dem Heiligtum der Abhängigkeit und der Hörigkeit. Der Bindung. Hütet euer durchsichtiges Versteck und stellt euch zur Schau! Nur als Gefangene seid ihr die verfänglichsten Wesen für die da draußen, die auf dem Rollfeld stehen …«

Oh, sie hörten mir zu! Sie hörten mir wahrhaftig zu! Frau Adams machte sogar eifrig Notizen.

Möglich, daß ich mich fürs erste etwas übernommen hatte. Ich hatte vielleicht zuviel auf einmal verraten. Fast hätte ich ja in einem Durchgang den ganzen Sinn meiner Inszenierung ausgeplaudert. Das, was man einmal über meine Zofen denken sollte und hoffentlich auch denken würde. Die Beurteilung einer Tat, die noch gar nicht geschehen war, hatte ich vor allen Anfang gesetzt.

Margarethe Wirth fragte, ob das Stück nicht als eine Art Spiel beginnen müsse. Dem Zuschauer solle doch Claire zunächst als die echte Gnädige Frau erscheinen und nicht etwa als Zofe, die diese nur nachahme.

Zu meiner großen Enttäuschung mußte ich feststellen, daß sie offenbar nichts von meinen Ausführungen begriffen hatte. Ich ließ mir aber nichts anmerken und erwiderte höflich, daß ein solcher Eindruck, wie sie ihn schildere, durchaus entstehen dürfe, freilich nur als unwesentliches Teil einer von Anfang an mehrdeutigen Spiegel- und Rollen-Maschinerie. Noch mehr sei mir aber daran gelegen, daß Solange und Claire ein sehr dichtes und wechselvolles Gebärdenspiel entwickelten, welches anzeige, daß sie entschieden stärker voneinander als von ihrer Herrin abhängig seien. Folglich käme es nicht in erster Linie auf eine getreuliche Kopie von Madames Gehabe an. Ein Spiel im Spiel könne es recht besehen bei einer solchen Auffassung des Stücks eigentlich nicht geben.

Frau Adams fragte, für wie groß man die tatsächliche Macht der Gnädigen Frau einschätze. Ihrer Meinung nach nehme die Herrin die einzig stabile Position im Stück ein. Letztlich überlebe sie eben unangefochten den Domestikenkampf, der sich in ihrem Boudoir austobe. Von ihr gehe (Frau Adams’ Meinung nach) eine reale, unbezweifelbare Macht aus. Nur so könne man erreichen, daß die Zofen mit blutigem Ernst spielten und sich wirklich von ihrer psychischen Unterdrückung befreien wollten.

Ich besaß nun eine ziemlich genaue Vorstellung von der Rolle der Madame, doch die betuliche Fragerei der Frau Adams kam mir an dieser Stelle höchst ungelegen. Ich war noch viel zu sehr in Fahrt und so vom Ganzen schwellend, daß ich vorerst nur die beiden Stars für mich gewinnen wollte. Ich mochte es daher gar nicht leiden, daß mir die graue Nebendarstellerin, die natürlich dringend den Anschluß suchte, sogleich in die Parade fuhr und mir den Rückfluß, den ich von den beiden anderen erwartete, abgrub. Ich stotterte also etwas unwillig herum und empfahl, sich eine exaltierte Mama vorzustellen sowie zwei Schwestern, die eigentlich einen Muttermord begehen wollten. Das war mir, in der Kürze, zweifellos danebengegangen. Margarethe protestierte auch umgehend. Wenn wir uns in solche Gründe begäben, würden wir unweigerlich in einem tiefenpsychologischen Schlammbad versinken und die überhitzten Figuren würden am Ende zu austauschbaren Teilen eines totalen Psychodramas. Hierauf entgegnete ich eilends, daß ich weder eine psychologische noch eine soziale Bewertung der Figuren vornehmen wolle, daß es mir einzig um ihre kulturelle Definition zu tun sei. Spiel und Kampf der Zofen an sich stellten doch bereits in unseren Augen, in den Augen von uns Heutigen, so etwas wie heroisches Leben dar. Ihr äußeres Benehmen müßte daher einem Turnier ähnlicher sehen als einem therapeutischen Rollenspiel. Das Zeremoniell, die Institution der Formen sollten zuerst unsere Sehnsucht erwecken, bevor sie uns dann zutiefst erschreckten. Gleichwohl müßte aber unterhalb des hohen Kamms der Riten und Allüren stets der Brodelgrund, das Zischen der Gelüste zu vernehmen sein. Das Amorphe. Die Beutegier nach der Rolle – nach der Macht …

Da war mir plötzlich die Puste ausgegangen. Ich wußte nicht weiter.

Warum hatte Pat die ganze Zeit geschwiegen? Sie hatte nicht eine einzige Frage gestellt. Es schien sie nicht im geringsten zu interessieren, was hier besprochen wurde. Sie blickte mich immerzu geradeaus an und überhörte alles, was ich vorbrachte. Offenbar erforschte sie, wer da sprach und was dieser Mensch denn wohl eigentlich zu sagen hatte. Sie musterte ungeniert das Untere des Teppichs, die Rückseite des Entwurfs, das Knüpfwerk.

Als wir die Probe beendet hatten, streifte sie an mir vorbei und sagte: »Passen Sie auf, junger Mann. Pumpen Sie nicht zuviel hinein in das kleine Stück!«

Beschämt verließ ich das Theater. Meine Unterkunft, draußen in Nippes, war die Anderthalb-Zimmer-Wohnung eines jungen Schauspielers, der für einige Monate in Hamburg gastierte. Hier umgab mich auf engstem Raum so ziemlich alles, was zum schlechten Geschmack jener fröhlichen Jahre gehörte. Die affigen Poster – Frank Zappa auf dem Klo und Lenin auf dem Roten Platz –, die kahlen Kiefernholzmöbel, die Metallregale mit der bunten Revolutionsliteratur, die Räucherstäbchen und der mit Kerzenwachs bekleckerte, flauschige Afghanenteppich. Diese Wohnung, abgenutzt von einem Menschen, dem ich nie begegnet war und der doch als der gemeinhin Bekannte, der getreue Zeit-Kumpan ständig anwesend war – wie heftig stieß sie mich nun ab, als ich erschöpft, durch und durch befremdet von dieser ersten Probe zurückkehrte. Ein klägliches Heimweh befiel mich. Ich wünschte innig, neben dem Vater draußen unter den Obstbäumen zu sitzen, an einem leichten Sommertag, und wir würden endlich das Register zu seinem »Montanus« fertigstellen. Er ruft mir Seite für Seite die Namen zu, und ich schreib sie in die Listen.

Hatte Pat mir denn gar nicht zugehört? Vielleicht habe ich zu abstrakt geredet, zu weit ausgeholt. Ich weiß noch nicht, was ich von ihnen verlangen kann, wie ich sie für meine Ideen interessieren soll.

Von unserem Garten können wir Ausschau halten. Er liegt am Hügel abseits des Städtchens, und eine Straße führt heran, die kaum befahren wird, nur von Anwohnern aus der Nachbarschaft. Oft steigen hier die Feriengäste hinauf zum Wald. In einem Krieg, so wie es ihn in grauer Vorzeit gab, wäre ich gern der Wächter auf der Mauer gewesen, der nur sieht und nicht schießt.

Ausschau halten, vor dem Haus sitzen, ist mir urtümlich lieb. Man kann auch aus seinem modernen Körper noch etliche Haltungen herausspüren, die reichen tiefer als andere, berühren symbolischen Grund. Auf dem Fahrrad sitzen reicht bestenfalls bis zu einer Jugenderinnerung zurück; vor dem Haus sitzen dagegen kann sogar unser Stammhirn reizen, kann uns aus der Geschichte entführen, bis hinter die Zeitrechnung. Ja, darauf käme es an: die Schauspielerinnen müssen ein geschichtliches Gefühl für ihre Haltungen und ihre Körperlichkeit entwickeln. Zum Beispiel: was bedeutet es, wenn eine Dame in der Art raucht wie früher ein Maurer vor dem Bauherrn, die Zigarette in der hohlen Hand versteckt? Die Frauen müssen ständig nach einem Lust-Unlust-Schema ihre Haltungen überprüfen! Auch im Text wird auf die erhöhte Reizbarkeit angespielt, mit der jede das körperliche Betragen der anderen beachtet. Claire muß genau wissen, was sie an Solange gern sieht und was sie nicht ausstehen kann (Beine übereinanderschlagen: widerlich!). »Ich kann unsere Ähnlichkeiten nicht mehr ertragen«, ruft sie einmal aus.

3

Die erste Woche ging. In der zweiten begannen die Bühnenproben und für mich eine Zeit der schweren Prüfungen. Pat und Mag ließen keine Gelegenheit aus, mich meine grobe Unerfahrenheit und Praxisferne spüren zu lassen. Keine Probe verging, ohne daß ich nicht empfindliche Blamagen einstecken mußte. Jetzt merkte ich erst, mit welch hochkomplizierten Schlachtschiffen ich es zu tun hatte, die ich weder zu lenken noch irgend sinnvoll zu bewegen imstande war. Jede meiner vorgefaßten Erfindungen prallte an ihnen ab, wurde als unbrauchbar, erklügelt, eben als aufgesetzte ›Erfindung‹ zurückgewiesen. Sie legten es ehrgeizig darauf an, mir auch den letzten Bestand an Plan und Konzept noch aus der Hand zu winden. Es gelang ihnen natürlich mühelos, mich einzuschüchtern, und die Folge war, daß ich wirklich einen Fehler nach dem anderen beging. Kaum ein Regiezuruf, der nicht auf Anhieb danebentraf oder auf Widerspruch stieß. Es lief nun aber auch alles quer. Solange hatte gerade damit begonnen, sich die ekligen Gummihandschuhe überzustreifen, schon meinte ich ihr beikommen zu müssen und rief hinauf: »Gieriger! Viel emsiger stell ich’s mir vor!« Mag unterbrach ihr Spiel und trat mir mit schrecklicher Besänftigung entgegen: »Nun lassen Sie bitte schön erst einmal etwas entstehen, mein Freund! Bevor mir diese Dinger hier noch nicht gehören, brauchen Sie mich wirklich nicht zu unterbrechen.«

Bei einem solchen Tadel lief es mir jedesmal eiskalt über den Rücken. Er wurde ja nicht aus persönlicher Gereiztheit ausgesprochen, sondern weil ich, wieder einmal, ein ursprüngliches Theatergesetz, eine Grundregel des Handwerks mißachtet und verletzt hatte. Infolgedessen wurde ich übervorsichtig und hielt mich ungebührlich zurück. Ich sah zu, wie die beiden sich anspielten, sich warmspielten, wie sie schließlich mit gelerntem Text ohne jeden Aufenthalt beinahe das ganze erste Zeremoniell durcheilten, Pat mit unerträglicher Exaltation die Gnädige Frau vorstellend, Mag mit nicht geringerer Verausgabung sich als Dienstmädchen hinstreckend. Es ging alles entsetzlich schnell und übertrieben vonstatten, und es gefiel mir überhaupt nicht. Was sie da miteinander trieben, gelang an der Oberfläche bereits so geschickt, erschien so unnahbar und unaufhaltsam, daß es sich von einer mißglückten fertigen Aufführung in nichts unterschied. Ich wagte aber nicht, sie zu unterbrechen. Erst als Solange sich auf eine besonders anzügliche Weise an die Textstelle klammerte, wo es heißt: »Wir sind unglücklich. Ich könnte heulen«, beendeten sie von sich aus das Vorspielen und traten aus ihren Rollen heraus. Wie sie es eben gewohnt waren, forderten sie mich auf, sogleich eine ausführliche Kritik abzuhalten. Es war mir aber das Ganze viel zu schnell vorübergezogen, und in meiner Verblüffung hatte ich mir überhaupt keine Einzelheiten merken können. Vergeblich verlangten sie zu wissen, was ich denn auf der Bühne gesehen hätte und wie es womöglich zu verbessern wäre. Ich brachte lediglich ein paar allgemeine Bedenken vor, mit denen sie sich aber keineswegs zufriedengaben. Als sie denn einsahen, daß ich die erforderlichen, »handfesten« Beobachtungen nicht zu liefern vermochte, boten sie freimütig an, einige kürzere Passagen zu wiederholen, damit ich meinen Blick besser üben könne. Aber damit wollten sie mich nur in eine neue Falle locken. Sie spielten nämlich ein und dieselbe Sequenz hintereinander in verschiedenerlei Tempo und Allüre, und ich sollte nun entscheiden, welcher Version ich den Vorzug gäbe.

»Sie können es so oder so haben. Sie können im Grunde alles von mir haben«, erklärte Pat mit bitterer Frivolität, »Sie müssen es nur genau festlegen.«

Aber ich konnte und wollte es nicht festlegen. Ich unterschied auch gar nichts von Bedeutung. Wie sie’s auch anfingen, es entsprach nicht meinen Erwartungen, meinen Vorstellungen.

So prüften und beschämten mich die zwei grausamen Königinnen viele Stunden lang und etliche Tage. Sie schienen überhaupt nie die Lust daran zu verlieren, meine Unzulänglichkeit immer erneut unter Beweis zu stellen. Allerdings: sie ließen nicht ab von mir. Sie schickten mich nicht in die Wüste. Offenbar wollten sie mich mit allen fairen und unfairen Mitteln dazu erziehen, ihnen gewachsen zu sein.

Wie soll unser Stück, wie soll das verschlossene, tödliche Spiel beginnen? Meine Vorstellung ist es, daß der Anfang dem Freisetzen eines Brieftaubenschlags ähnlich sehen sollte. Aus der märchenhaften, pflanzengleichen Garderobenwand, an der die Kleider nachwachsen, wenn man sie abpflückt, kommen die Zofen hervorgeflattert, gaukeln ordnungslos durch den Raum und wieder zurück in ihren Verschlag, an ihren Nistplatz. Margarethe hält nichts davon. Sie kann sich nicht vorstellen, wie sie aus solchem Geschwirr in die klare, unbedingte Anfangsposition, in die Herrin-Zofe-Stellung hineinfinden soll. Sie betont ein weiteres Mal, daß der Zuschauer nicht der Illusion beraubt werden dürfe, in Claire die wirkliche Herrin, in Solange die wirkliche Dienerin anzunehmen. Wenn dieser Anfang nicht haarscharf stimme, nicht ganz fest verankert sei, werde das ganze Stück haltlos auf den Wellen irgendwelcher Erregungen, irgendwelcher beliebiger Ekstasen dahintrudeln.

Ich bitte die beiden, meinen Vorschlag doch ein einziges Mal wenigstens auszuprobieren. Sie tun es auch, aber nur, um mir seine ganze Lächerlichkeit vor Augen zu führen. Es hat keinen Zweck. Sie wollen meine Ideen nicht. Sie wollen sich auf meinen Anfang nicht einlassen. Ich weiß nicht, wie ich jetzt vorgehen soll. Eine peinliche Stille streckt sich aus. Sie sitzen am Bühnenrand und warten schamlos auf meinen nächsten Vorschlag.

Kratzkatzen,

mit gebundenen Pfoten,

da sitzen sie

und blicken Gift.

Irgendwie aber mußte es ja weitergehen. Und wenn sie mich tatsächlich in die Lehre nehmen wollten, so war es unvermeidlich, mich hin und wieder eine Aufgabe lösen zu lassen. Daher waren sie schließlich bereit, mir ein wenig entgegenzukommen. Weil es aber auch mir nicht an Halsstarrigkeit fehlte, griff ich nun unverzüglich auf mein bedrohtes Programm zurück, holte meine Lieblingsidee von ...

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