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Der himmlische Funke

Für meine Tochter Yvonne, aufgewachsen in South Wellfleet auf Cape Cod, einem ersten Standort von Marconis Transatlantik-Funkbrücke.

Kapitel-Übersicht

„DIE WELT IST VOLLENDET-„Ausschreiter Asien“ und ein „Rufer in der Wüste “ - Diptychon, Triptychon und Tabellarii - Der Cursus Publicus - 156.000 € für eine Brieftaube - Thurn und Taxis

CLAUDE CHAPPE SETZT SEINE ZEICHEN- Die Sensation Parcé-sur-Sarte - 16 km in vier Minuten - Eilberichte von der Front - „Telegraphik“ auf deutschem Boden - Napoleons Wunderwaffe - Der Tod im Brunnen

Homo Electrificatus und Kussmaschine - Vergessene Besessene - „Mickelmann kömmt!“ - Mr. Cooke trifft Herrn Muncke - Ein Riesen-Salmi mit fünf Nadeln

UNE IDEÉ GERMANIQUE…“ - Signalprobleme im S(m)og der Eisenbahn - Geburt eines Weltwunders -Morse, der Wandermaler

„Attention Universe!“– Malutensilien und lange Leitungen – Wer erfand das Morse-Alphabet - Die Karten werden neu gemischt - Europa staunt - und gähnt - „Was Gott tut, ist wohlgetan - Zugang für Jedermann

APOGUMNOSOMETHA- Telegraph jagt Taschendiebe und Mörder - Der reiche Ricardo - Prunk und Protz - 20.000 Isolatoren für eine Linie - Aireal wires verdunkeln den Himmel - In die Röhre geguckt - Zeitball und Zeitkanone - 100.000 Worte in der Stunde

DIE SIEMENS-BROTHERS - William als „Industriespion“ - Ein Wundersaft aus Malaysia - Start-Up im Hinterhof - Ein Ire baut Preußens Telegrafenlinie - Die Herren „Tele-Grafen“ -„AUS“ für den Holztelegrafen - Die große Panne - Siegreicher Samuel Morse

DIE NACHRICHTENJÄGER -Bibeltexte per Telegraf-Reuter meldet“

DIE WELT BEGINNT ZU SCHRUMPFEN - Vom Laufburschen zum Entrepreneur -Die elektrische Schlange“ - Verlegene Verleger - Valentia wird zum Mittelpunkt der Welt - Der dritte Anlauf - Der Geist rinnt aus der Flasche

DIE REITENDEN TEUFEL- Eine Bibel zum Einstand - Der „singende Draht“ und ein vergoldeter Nagel - Der verdrahtete Präsident - Alarm aus der Dunkelkammer - „Elefantenrüssel sucht Strohhalm“ - Mit Falken gegen Brieftauben

WEST TRIFFT OSTFünf Wochen von London nach Bombay - Piraten und Termiten des Meeres - Der Mann aus Kleinschmalkalden - Mauscheleien und Betrug – Alles in einer Hand - Puck umspannt die Welt - „Das niederträchtige Telegraphengeschäft“ - Lochstreifen statt „Umsprechen“ - „Die Linie muss gefüttert werden“ - Das DUS-Kabel

„MEIN GOTT, ES SPRICHT!“ - „Das Pferd frisst keinen Gurkensalat“- Sprechunterricht für einen Hund - Taub = „schwachsinnig“ - „Mr. Watson, come here…”- Ein Telefon-Gigant entsteht - Das Photo-Phon- Bell, Rassist und Eugeniker

DIE QUASSELKISTE BEROBERT EUROPA - „Hier Amt, was beliebt?“ - Das erste „Fräulein“ war ein Herr - „Das mädchenlose, fluchfreie Telephon“

HERTZ-TÖNE - Drahtlose Freiübungen - Schwarze Magie? - Wider die Taubstummheit auf See - Der Ruf ins Leere - Der große Sprung - Vom Donner gerührt - Ein Antennenturm als Hochzeitsgeschenk

DER HIMMLISCHE FUNKE - Besuch vom Gerichtsvollzieher – Die Wellen werden hörbar - Der Vater des Radios - Table Head - Krieg im Äther - Wunderröhre Triode - „Mr. Robinson and Son“ - SOS oder CQD? - Vom „Sparky“ zum Weltfunker - „Elettra“, das schwimmende Labor - Das große Schweigen

FESSENDEN, DEFOREST ODER MARCONI? - 780 Milliarden Mark für eine Rundfunkgebühr

DAS GLOBALE DORF - Die digitale Sintflut - Vom „Knochen zum „Fickafon“- Eine Zahl mit 72 Nullen

AUF DER SUCHE NACH E T. - Interstellare Flaschenpost - „Hallo, ist da jemand?“- Belebte Exoplaneten? - Der große Lauschangriff

PROLOG

William Henry Gates III aus Seattle im US-Staat Washington war 14 Jahre alt, als er 1969 die Welt der Computer für sich entdeckte. Der Sohn eines Rechtsanwalts schrieb die ersten Programme. Zunächst tat er das für seine Schule, doch schon nach kurzer Zeit auch für städtische und bundesstaatliche Auftraggeber. Dass das in der elterlichen Garage geschah ist allerdings eine Legende. 1976, da war „Bill“ gerade 21 Jahre alt, ließ er die von ihm und seinem Freund Paul Allen gegründete Firma Microsoft ins Handelsregister des Staates New Mexico eintragen. In den folgenden Jahren stieg er dank seiner Erfolge zum reichsten Mann der USA auf. Im Juni 2017, also 48 Jahre nach seinen ersten Programmierversuchen galt er zum dritten Mal in Folge als reichster Mann der Welt. Sein geschätztes Netto-Privatvermögen: unglaubliche 80 Milliarden US-Dollar.

In diesen 48 Jahren hat es auf dem Gebiet der Nachrichtentechnik und Informatik gewaltigere Fortschritte gegeben als in den letzten 2000 Jahren der Menschheitsgeschichte. Mit Hilfe von PC’s, Laptops, Handys, i-phones, i-pads und immer raffinierteren und kleineren Geräten können wir inzwischen fast weltweit kommunizieren. Rund 200 Milliarden Mal pro Tag (!) wird allein das @-Zeichen des E-Mail Erfinders Ray Tommlinson für den Austausch von Nachrichten genutzt. Wir können innerhalb von Sekunden schriftlich Informationen über Kontinente und Meere hinweg übermitteln, miteinander sprechen und uns dabei sogar sehen. Wir mailen, wir simsen, twittern, chatten, posten, skypen, snapchatten, lesen digitale Bücher, hören Musik, streamen Filme, können einkaufen, Spiele spielen oder unsere Elektrogeräte aus der Ferne steuern und unser Haus im Urlaub aus der Ferne überwachen. Per Mausklick können wir virtuelle Wanderungen durch Galerien und Museen oder durch historische Stätten unternehmen, die Hunderte oder auch Tausende Kilometer entfernt liegen. Sportereignisse, Konzerte und andere Großveranstaltungen können zeitgleich weltweit gesehen und gehört werden. Und Raumsonden schicken uns Informationen und Fotos von fernen Planeten und Asteroiden, zu denen sie oft viele Jahre und Millionen Kilometer unterwegs waren.

Aber wie war es früher? Wie fing das alles an? Davon handelt dieses Buch. Es ist die abenteuerliche Geschichte der Nachrichtentechnik und ihrer Sternstunden. Und es ist auch eine Geschichte ihrer teils in Vergessenheit geratenen Pioniere, eine Geschichte von Erfolgen und Niederlagen, von Intrigen und angeblichen Patentdiebstählen und Streitfragen darüber, wer mit einer bedeutenden Erfindung wirklich „der Erste“ war.

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„DIE WELT IST VOLLENDET

„Alle Bewohner der Erde würden zu einer intellektuellen Gemeinschaft vereint“

Alonzo Jackmann, Befürworter eines Transatlantikkabels im Jahr 1846

Am 7. August 1858 sind die Menschen an der Ostküste Nordamerikas außer Rand und Band. In Buffalo im Staat New York sprechen sie vom „stolzesten Tag, den die Stadt je erlebt hat.“ Buffalo hat damals 70.000 Einwohner. Gut ein Drittel davon sind Deutsche der ersten oder zweiten Generation. Aber Nationalitäten spielen an diesem Tag keine Rolle. Ein aus Bürgern der Stadt gebildetes Sonderkomitee hat dafür gesorgt, dass die wichtigsten Gebäude entlang der etwa einen Kilometer langen und 36 Meter breiten Mainstreet in hellstem Licht von Petroleumlampen und Gaslaternen erstrahlen. Hinter vielen Fenstern brennen Kerzen. Auch andere breite Straßen der Stadt, die sich fast alle nach New Yorker Vorbild im rechten Winkel schneiden, sind festlich geschmückt. Vom oberen Teil Buffalos bietet sich ein herrlicher Blick über den Erie-See, hinüber zum kanadischen Ufer. Dort flackern zahllose Freudenfeuer. Die Schiffe im Hafen sind illuminiert, alle haben geflaggt. Von den Feldern am Rand der Außenbezirke Buffalos sind Kanonen- und Böllerschüsse zu hören, dazu läuten die Glocken von den Kirchen St. Paul und St. John, von der katholischen Kathedrale und den übrigen 37 Gotteshäusern verschiedenster Konfessionen. Den ganzen Tag über hatten Blaskapellen auf den Straßen flotte Märsche gespielt, und die Menschen hatten sich gegenseitig zugewinkt und auf die Schulter geklopft. Selbst die Kranken im Stadt- und Marinehospital hatten aus den Fenstern geschaut, soweit sie nicht bettlägerig waren. Und im American Hotel hatte die politische Prominenz, vom Bürgermeister bis zum Gouverneur, Jubelreden gehalten. „What a day!“ „Was für ein Tag!“ hieß es immer wieder. Das Chicago Journal jubelte: „Die Welt ist vollendet, ihr Rückgrat ist gelegt!“ Und die Londoner Times kommentierte, die Sphäre der Menschheit habe „eine riesige Erweiterung“ erfahren, „der Atlantik ist trockengelegt und wir werden – wie in unseren Wünschen vereint – ein Land!“

Ähnlich überschwängliche Feiern spielen sich an jenem Samstag auch in anderen Städten der USA und Kanadas ab. In Cincinnati (Ohio), damals mit etwa 150.000 Einwohnern, von denen die Hälfte ebenfalls deutsche Einwanderer sind, erstrahlt das Telegrafenamt im Schein von 600 Lampen. Von der Kuppel des Gerichtsgebäudes in der Mainstreet flattern die Stars and Stripes, (damals erst mit 32 Sternen) und der britische Union Jack. Fahnen beider Nationen wehen auch von den acht dorischen Säulen des etwas zu protzig geratenen Portikus der Franklin- and Lafayette Bank. Selbst das unansehnliche Ufer am Ohio mit seinen schwimmenden Werften und Landungsbrücken hat an diesem Tag „etwas Rouge aufgelegt“, wie ein Augenzeuge berichtet. Aus dem kleinen Industrieort Rutland im Staat Vermont meldet ein Korrespondent der New York Times, es habe „am heutigen Abend einen gewaltigen Jubel gegeben, in Anerkennung des größten Ereignisses der Weltgeschichte.“ Es „läuteten alle Kirchenglocken, und überall brannten Freudenfeuer. Die wichtigsten Bauten, vom Bardwell und Franklin Hotel bis zu den Redaktionsgebäuden des Herald und des Courier waren erleuchtet.“ In Nashville im Bundesstaat Tennessee veranstalten die 15.000 Einwohner „ein gewaltiges Feuerwerk, begleitet von schwungvollen Reden“. Und in Providence, Rhode Island, damals erst 45.000 Einwohner stark, „läuteten die Kirchenglocken fast ohne Unterlass.“ Auf öffentlichen und privaten Gebäuden flatterten die Stars and Stripes, und „ein Salut von einhundert Kanonenschüssen donnerte über die Stadt.“

Der größte Jubel jedoch herrscht in der Hafenstadt Halifax im kanadischen Nova Scotia. „Jedes Stückchen Fahnentuch“, so berichtet ein Augenzeuge, „war in der Stadt gehisst worden.“ Bereits um vier Uhr nachmittags hatte man von der Festung am Hafen in ununterbrochener Folge Salutschüsse abgefeuert. „Auch die Männer der örtlichen Freiwilligen Artillerie und der Feuerwehr hatten sich an der friedlichen Kanonade beteiligt. Dann, am Abend, waren alle in einem großen Fackelzug durch die Stadt marschiert, vorweg der Bürgermeister. In den Fenstern zahlreicher Privathäuser stehen Petroleumlampen, die Fassaden sind mit Wimpeln und Girlanden geschmückt.“ Alle öffentlichen Gebäude erstrahlen im flackernden Licht der Gaslaternen. Vom Amtsgebäude des Gouverneurs und vom Sitz des anglikanischen Bischofs wehen Fahnen, ebenso vom Gebäude der Admiralität, vom Dalhouse-College, vom Militärhospital, selbst von der Kathedrale und den vier Episkopal-Kirchen, die es damals in der 30.000-Seelen Stadt gibt. Doch an diesem Abend sind es weit mehr Menschen, die an den Straßen stehen. Viele sind per Eisenbahn und Pferdewagen aus dem Umland angereist, um den Tag zu feiern. Und auch hier heißt es immer wieder: „What a Day!“

In den folgenden Tagen finden fast überall auf dem nordamerikanischen Kontinent ähnliche Feiern statt, die den ersten Jubel noch überbieten. Bewegt schreibt die New York Times am 18. August: „Bei keiner Gelegenheit seit Gründung unserer Stadt loderten allgemeine Begeisterung und Freude so stark auf wie gestern Abend. Einem Fremden muss es vorgekommen sein als feierten wir nach einem langen und schweren Krieg den Friedensschluss. Und jedermann schien über die Erregung seines Nächsten ebenso erstaunt zu sein wie über seine eigene.“ Der wochenlange Freudentaumel gipfelt schließlich in rauschenden Festen, die vom 1. September an in vielen Großstädten der USA stattfinden.

Was bloß war geschehen? Was veranlasste einen ganzen Kontinent zu solcher Begeisterung, wie sie über hundert Jahre später nicht einmal nach der ersten Landung eines Menschen auf dem Mond ausbrechen sollte? Das Chicago Journal fasste damals den Grund in einem einzigen Satz zusammen: „Die Welt hat endlich ein Rückgrat!“ Unter dieser Schlagzeile heißt es dann: „Die Welt ist [nun] vollendet. Ihr Rückgrat ist gelegt, und nun beginnt sie, zudenken!“ Ähnlich, aber auch ein wenig pathetisch äußert sich die New York Times. Unter der Zeile News of the Day schreibt das Blatt: „Es ist der größte Triumph, den diese edelste aller modernen Erfindungen erzielen kann. Was immer hiernach noch erreicht werden dürfte, wird lediglich nur noch eine Selbstverständlichkeit sein.“ Diese Erfindung ist „eine jener großen Leistungen jenseits der Grenzen unserer Seele…“

All der Jubel, all die Lobeshymnen galten der erfolgreichen Verlegung des ersten Seekabels zwischen Europa und den Vereinigten Staaten zur telegrafischen Übermittlung von Nachrichten. Erstmals in der Geschichte der Menschheit verband es „live“ die Alte und die Neue Welt miteinander. Es lief von der Insel Valentia an der Westküste Irlands über den Meeresboden bis nach Neufundland, und schloss damit die auf beiden Kontinenten bereits existierenden, landgestützten Telegrafennetze zusammen. Nordamerika und Europa sind nun nicht mehr nachrichtentechnisch voneinander getrennt. Informationen brauchen nun nicht mehr viele Tage oder gar Wochen, um von einem Kontinent zum anderen zu gelangen. In Minuten, ja in Sekunden würde man nun in Zukunft erfahren, was diesseits und jenseits des Atlantiks geschieht.

Man muss sich einmal klarmachen, was das – vor allem für die Bewohner Nordamerikas – bedeutet. Einen Großteil der Bevölkerung bilden Einwanderer aus Europa. Irgendwie ist die „Alte Welt“ noch ihre Heimat – aber die ist so weit weg! Da fühlt man sich schnell verloren, abgeschnitten von seinen Wurzeln, als Mensch ohne Vergangenheit. Deshalb durchströmt diese Menschen plötzlich ein ungeheures Glücksgefühl, hatten sie sich doch bis dahin trotz eines gesunden Selbstbewusstseins immer „ein wenig am Rande der Ereignisse“ gefühlt, und nicht selten „wie Schiffbrüchige auf einer Insel,“ so ein Zeitungsbericht. Nun aber sind sie plötzlich nicht mehr isoliert. Sie werden fast zeitgleich teilnehmen an den Ereignissen in Europa. Und manch einer, ob Laie oder Wissenschaftler, fragte sich dabei: wie hatten Menschen sich eigentlich bis dahin über größere Entfernungen verständigt?

„Im Anfang war das Wort“. So heißt es in 1:1 des Johannes-Evangeliums. Doch lassen wir mal die Bibel bei Seite. Fragen wir stattdessen: wie wurden Informationen in Urzeiten eigentlich verbreitet? Denn der Wunsch, sich einem anderen Menschen mitzuteilen, Neuheiten möglichst schnell zu erfahren und oft auch weiterzugeben ist vermutlich so alt wie die Menschheit selbst. Zum einen befriedigt eine schnelle Nachrichtenübermittlung die natürliche Neugier, zum anderen ist sie lebenswichtig. Schon der Urmensch tauschte mit Sicherheit mit Stammesmitgliedern Informationen über Jagd und Beute sowie über drohende Gefahren aus. Die stundenlangen Palaver afrikanischer Stämme waren nicht nur Verhandlungen, sondern dienten auch der Übermittlung von Nachrichten. Die Powwows der Indianer im heutigen Neuengland waren nicht nur Begegnungen, auf denen Beschwörungsformeln für eine gute Jagd gemurmelt wurden. Palaver oder Powwows dienten auch einem Nachrichtenaustausch. Der erfolgte aber nur „von Angesicht zu Angesicht.“ Nachrichten verbreiteten sich jedenfalls nicht schneller als der Bote, der sie beförderte.

Händler und Herrscher waren wohl die ersten, die danach trachteten, eine schnelle Verständigung über größere Entfernungen zu ermöglichen. Das Instrument dazu war lediglich die menschliche Stimme. „Stadtschreier“ verkündeten lauthals amtliche Bekanntmachungen. In der griechischen Mythologie wird ein gewisser Stentor als Stimmgewaltigster seiner Zeit erwähnt. Er pflegte „so laut zu rufen wie fünfzig andere“, heißt es zum Beispiel in der Ilias. Daher der Ausdruck „Stentorstimme“ für jemanden mit besonders kräftigem Sprechorgan. Auch Läufer dienten zur Beförderung von Nachrichten. In alten Papyri sind sogar deren Namen angeführt. In einem davon, aus der Zeit des Pharao Minepath (1300 v. Ch.) werden die Boten „Ball, Sohn des Zapurs von Gaza, der Diener Thut und der Diener Nedcht-amon“ erwähnt.

Ideal war das alles nicht. Denn Geheimbotschaften ließen sich so nicht übermitteln, weil ja jeder mithören konnte. Deshalb entstand bereits über 2000 Jahre vor der Zeitenwende im alten Babylon und im Indusreich ein Botendienst. Junge, drahtige Männer trugen Nachrichten der Herrscher im Laufschritt zu den Statthaltern der einzelnen Provinzen. Das alles lief ab wie ein Stafettenlauf. Das Netz war gut ausgebaut und funktionierte bis weit über das Mittelalter hinaus. Etwa alle acht Kilometer stand auf den Hauptrouten eine Rast- und Übernachtungshütte. Im Bericht eines europäischen Reisenden heißt es: „Die Befehle der Könige werden von zwei Männern im Laufschritt weitergetragen. Sie werden alle zwei französische Meilen [ca. 8 km] abgelöst, und das Päckchen [mit der Botschaft] tragen sie völlig offen auf dem Kopf. Wie man das Horn eines Postillions vernimmt, so hört man sie schon von weitem an ihren Glöckchen.“ Bei seinem Klang hatten andere Fußgänger sofort auszuweichen. „Sowie sie anlangen, werfen sie sich flach auf die Erde, man nimmt ihnen sofort die Botschaft ab, die zwei schon bereitstehende Männer sofort weiterbefördern.“ Im alten Indien konnte eine Botschaft auf diese Weise je nach Geländebeschaffenheit pro Tag über eine Entfernung von 40 bis 50 Kilometern befördert werden.

Kyros II („der Große“), der Persien von etwa 559 v. Chr. bis 530 v. Chr. regierte, hatte auf seinen Eroberungszügen nach Osten viele Anregungen zu einem eigenen Postnetz von den Indus-Herrschern übernommen. Bald waren auf den gut ausgebauten Straßen seines Großreichs ständig Läufer mit kaiserlichen Botschaften unterwegs. In einem alten Bericht heißt es: „Man nennt diese Eilboten Chatirs, was die Bezeichnung für alle Knechte zu Fuß und all jene ist, die gut und schnell laufen können. Unterwegs erkennt man sie an einer Flasche Wasser und einem Säckchen auf dem Rücken, die ihnen den notwendigen Proviant für 30 oder 40 Stunden bieten, da sie, um schneller voranzukommen, die Landstraßen verlassen, und Abkürzungen nehmen. Man erkennt sie weiter an ihrem Schuhwerk und an großen Schellen, die wie Maultierglocken klingen und die sie am Gürtel tragen, um sich wach zu halten. Diese Leute vererben ihr Handwerk vom Vater auf den Sohn. Man lehrt sie schon im Alter von sieben oder acht Jahren, schnell zu laufen, ohne außer Atem zu kommen.“ Chatir heißt auch der nationale Wettlauf am Ende des Ramadan, ein sportliches Großereignis, das im Iran jährlich bis in die neueste Zeit durchgeführt wurde. Der Lauf führte über etwa mehr als 186 Kilometer. Weil die selten jemand schaffte wurde meist der letzte im Lauf verbliebene Teilnehmer zum Sieger erklärt. Da Kyros der Herrscher eines Reitervolks war, ließ er seine Läufer bald durch berittene Kuriere ersetzen. Entsprechend deren Tagesleistung wurden entlang der wichtigsten Straßen des Reiches feste Stationen angelegt. Es waren die ersten „Motels“ der Antike: massive Häuser mit Stallungen für die Kurierpferde, mit Unterkünften für die Reiter, und Quartiere für gewöhnliche Reisende. Allein entlang der 2500 Kilometer langen „Königsstraße“ gab es während seiner Regierungszeit 111 solcher Stationen. Die Straße führte von der königlichen Winterresidenz in Susa (heute: Schusch im Iran) bis Sardes in der heutigen Westtürkei. Ein gewöhnlicher Reisender benötigte für die Strecke etwa 90 Tage. Eine Nachricht des Kaisers konnte auf ihr durch Kuriere in nur fünf bis sieben Tagen überbracht werden. Wo das Gelände besonders rau und zerklüftet war, wurden die Kuriere durch Rufposten ersetzt.

Der antike griechische Geschichtsschreiber Diodorus Siculus (Diodor von Sizilien), der um das Jahr 60 v. Chr. lebte und zahlreiche Reisen unternahm, berichtete von den Rufposten im alten Persien: „Auf den Gipfeln von Höhen und Bergen waren Männer der Umgebung postiert, die die beste und kräftigste Stimme hatten. Einer schrie die Botschaft dem nächsten zu. So verbreitete sich eine Nachricht schnell durch die ganze Provinz.“ Und weiter: „Obwohl einige von den Persern 30 Tagereisen entfernt waren, hörten sie dennoch, was berichtet wurde, noch am selbigen Tage…“ Teilweise wurden von den Rufposten des Altertums auch aus Tierhaut gefertigte Megaphone benutzt. Ihre Herstellung soll als erster Alexander der Große veranlasst haben. Sie hätten eine menschliche Stimme 12 Meilen weit getragen. Doch das ist wahrscheinlich eine Legende. Verbürgt ist jedoch, dass Sir Samuel Morland, ein englischer Gelehrter und Mathematiker, im Jahr 1670 eine Tuba Stentoro-Phonica, eine Sprechtrompete „zur Verständigung an Land und auf See“ konstruierte. Am Mundstück hatte sie einen Durchmesser von 10 cm, am Schalltrichter eine Öffnung von 45 cm. Damit soll es möglich gewesen sein, verständliche Laute gut 3,5 km weit zu übermitteln. Ein deutscher Student namens G. Huth veröffentlichte im Jahr 1796 eine Abhandlung mit Vorschlägen für mündliche Fernübertragungen. Er empfahl eine „Mundtrompete“, mit der es möglich wäre, Nachrichten auch nachts oder trotz Nebel, Sturm oder Schneetreiben von Turm zu Turm weiterzugeben. Er schlug dafür die Bezeichnung Telefon oder Fernsprecher vor. Der deutsche Jesuit und Universalgelehrte Athanasius Kircher (1602 – 1680), entwickelte eine verschlüsselte Nachrichtentechnik (Stenographia = Geheimes schreiben mit Licht). Dazu wurde ein Hohlspiegel mit der zu übertragenden Botschaft beschriftet. Sie konnte auf diese Weise „abhörsicher“ bis zu dreieinhalb km weit übertragen werden. Die amerikanische Historikerin Paula Findlen (*1964) von der Stan–ford University bezeichnete Kircher als „den ersten Gelehrten mit weltweiter Reputation“.

„Ausschreiter Asiens“ und ein „Rufer in der Wüste“

Zum Überbringen von Nachrichten über größere Entfernungen standen den Griechen die Hemerodromen zur Verfügung, notierte ca. 970 n. Ch. der griechische Lexicograph Suidas. Das waren ausdauernde Läufer, „gerade erst den Kinderschuhen entwachsen, dem Milchbart nahe, und sie nahmen auf ihrem Lauf nichts als Bogen, Pfeile, Wurfspieß und Feuerstein mit…“. Ihre Tagesleistungen lagen bei 50 bis 70 Kilometer. Einer der berühmtesten war Deinosthenes. Ein anderer war Philonides aus Chersonasos auf Kreta, persönlicher Hemerodrom Alexander des Großen. Er bewältigte die 90 km lange Strecke von Elis nach Sikion in angeblich nur neun Stunden. Jedenfalls trugen ihm seine Leistungen den Ehrentitel „Ausschreiter Asiens“ ein. Ein anderer Läufer namens Euchidas wurde nach der Schlacht von Salamis nach Delphi in Marsch gesetzt. Er schaffte die 90 km an einem Tag, überlebte die Anstrengung aber nicht.

In größeren Häfen gab es Sammelbriefkästen für die einzelnen Küstenstädte. Die abgelegten Botschaften wurden von ausfahrenden Schiffen mitgenommen und an Land ebenfalls durch Läufer weiterbefördert. Auch im Inkareich gab es einen Kurierdienst. Die Läufer benutzten den Nan Cuna, den „Pfad der Zeit“, wie die hoheitliche Andenstraße genannt wurde. Die Gesamtlänge der Wege und Stege in den heutigen Ländern Peru, Ecuador, Chile, Bolivien und sogar Argentinien betrug je nach Chronistenaufzeichnungen zwischen 10.000 und 20.000 km. Der spanische Pater Ciocena, der mit den Eroberern ins Land kam, berichtete: „An den wichtigsten Heerstraßen standen Hütten, für je zwei Boten zum Aufenthalt. Kam eine mündliche Nachricht an, so lief einer der Boten schnell zur nächsten Hütte, um sie zu überbringen. Dort lief wieder einer der Boten los, während sich der gerade eingetroffene ausruhen konnte.“ Die Boten hießen Chasquis und mussten auch für die Küche des obersten Inka sorgen. Dabei schafften sie es, innerhalb von 48 Stunden frischen Fisch von der 500 km entfernten Pazifikküste über steile Pfade herbeizuschaffen. Immer wieder fanden Archäologen im ehemaligen Inkareich auch Ruinen, bei denen es sich um Signalanlagen handeln muss. Hiram Bingham, der Entdecker von Machu Picchu: „Von ihnen aus muss es möglich gewesen sein, Nachrichten über die Berge zu versenden und zu empfangen… Sie lagen auf den Spitzen der steilsten Gipfel in den Anden.“ Der deutsche Dokumentarfilmer und Abenteurer Martin Schliessler (1929 - 2008) entdeckte auf dem 6000 m hohen Cerro Galan in Argentinien Reste einer Ringmauer. „Mit großer Wahrscheinlichkeit gab es dort ständig besetzte Signalanlagen, die durch Rauch- und Feuerzeichen Signale weiterzugeben hatten.“

Auch die Indianer Nordamerikas verständigten sich durch Rauchzeichen, wie jeder Leser von Wildwest-Romanen weiß. Und als Agamemnon, König von Mykene, gemeinsam mit den griechischen Fürsten 1184 v. Chr. die Stadt Troja nach langer Belagerung endlich erobert hatte, ließ er entlang der 555 km langen Strecke ins heimatliche Argos seiner Ehefrau Klytemnestra den Sieg durch Rauch- und Feuerzeichen mitteilen. So schildert es jedenfalls der Dramatiker Aischylos in seiner Orestie. Der griechische Taktiker Aineas, der im 4. Jh. v. Chr. lebte und mehrere kriegswissenschaftliche Bücher schrieb, hatte bereits ein Signalsystem aus Feuerzeichen entwickelt. Sie wurden mit Hilfe von Fackeln gegeben. Durch Kombinationen ließen sich alle Buchstaben des Alphabets oder bestimmte Codes darstellen. Die Römer verwendeten solche Flammenzeichen, um über die Alpen hinweg und entlang des Limes Nachrichten von Kastell zu Kastell zu schicken. Auch Hannibal hatte auf seinen Feldzügen einen Feuer-Telegrafen. Allerdings konnte man sich mit Hilfe der Signalfeuer nicht „unterhalten“, sondern nur Zeichen übermitteln, deren Bedeutung zuvor abgesprochen war.

Es gab andere Nachteile. Feuer- und Rauchsignale waren nur in klaren Nächten „lesbar“. Nebel, Regen oder früher Schneefall in den Alpen führten zwangsläufig zu „Leitungsstörungen“. Die Fackelträger mussten viel hin- und herspringen. Und bei größerer Entfernung verschwamm der Feuerschein der einzelnen Fackeln zu einem einzigen Lichtpunkt. Auf Schiffen wiederum war die Verwendung von offenem Feuer viel zu gefährlich. Meist musste man sich einfach darauf beschränken, ein großes Feuer als Alarmzeichen zu verstehen. Etwa, als die Spanische Armada im Sommer 1588 im Englischen Kanal auftauchte, um das Inselreich zu erobern. Innerhalb kürzester Zeit wurde über Hunderte von Signalfeuer im ganzen Land Alarm gegeben. Die Holzstöße waren „von klugen und wachsamen Bürgern“ regelmäßig gewartet worden. England gedachte dieses historischen Alarms noch einmal am 19. Juli 1988. Da wurden im ganzen Land abermals Hunderte von Holzstößen angesteckt.

In anderen Kulturen verständigten sich Menschen sogar bis ins 20. Jahrhundert über größere Entfernungen hinweg mittels akustischer Signale. Die Bewohner der von Schluchten durchfurchten Kanaren-Insel Gomera übermittelten Neuigkeiten über mehrere Kilometer hinweg mit Hilfe der Silbo. Dies ist eine wahrscheinlich auf die Ureinwohner zurückgehende „Pfeifsprache“. Mit zwei Fingern der rechten Hand zwischen den Lippen wird dabei jede Silbe der zu übermittelnden Nachricht in Stärke, Höhe und Länge als Pfeifton ausgedrückt. Seine linke Hand benutzt der Pfeifer als tonverstärkenden Schalltrichter und Modulator. Aus Traditionsbewusstsein wird Silbo wieder in den Schulen gelehrt. Auch Trommeln dienen noch gelegentlich zur Weitergabe von Nachrichten. Der deutsche Diplomat Friedrich von Mallinckgrodt, der im Januar 1986 in Kampala den Sturz des Idi Amin-Regime miterlebte, in einem Gespräch mit dem Autor: „Als die Schießerei nach drei Tagen endet, sind alle Radio-, Telefon- und Telexverbindungen unterbrochen. Doch hörten wir nachts plötzlich dumpfe Trommelsignale, erst von Norden, dann von Süden. Es war gespenstisch, furchteinflößend. Bis uns klar wurde: mit dem Busch-Telegraf ließ Rebellenführer Museweni verkünden, dass er die Macht übernommen habe…“

Diptychon, Triptychon und Tabellarii

Im Alten Rom funktionierte der Nachrichten- bzw. Briefverkehr besser als gelegentlich im modernen Italien. Das Straßennetz im 5,5 Millionen km2 großen Imperium Romanum – einem Gebiet von der mehr als 13-fachen Größe des wiedervereinigten Deutschland – war hervorragend ausgebaut. Wie im Reich des Kyros gab es „Motels“ für Laufboten, reitende Kuriere und normale Reisende. Eine Tagesleistung von 30 Kilometern war bei Laufboten die Norm. Jedenfalls war dies die Strecke, die für eventuelle gerichtliche Auseinandersetzungen festgelegt worden war. Ein trainierter Bote schaffte am Tag 35 bis 50 Kilometer. Meist brach er bei Sonnenaufgang zwischen fünf und sechs Uhr auf. In der größten Mittagshitze konnte er es sich dann leisten, ein wenig auszuruhen. Im Jahr 186 v. Ch. beschäftigte der Römische Senat einen Boten, der bei seinem Lauf nach Lucca in der Toscana täglich 80 bis 85 Kilometer zu Fuß zurücklegte. Für die Überwindung der 1200 km langen Strecke von Rom zu den Vorposten in Mainz benötigten Boten etwa acht Tage. Der Bote, der nach der Schlacht bei Thapsus die Nachricht vom Sieg Caesars zum Staatsmann Cato nach Utica überbrachte, benötigte für die 210 km lange Strecke drei Tage. Und die Nachricht von der Ermordung Caesars ins nördliche Gallien war 15 Tage unterwegs.

Anfangs hielten die Römer nicht viel von einem festen Kuriernetz. Sein Unterhalt war ihnen einfach zu teuer. Festangestellte Boten leistete sich nur der Kaiser. Unter Vespasian erhielten die kaiserlichen Boten sogar ein „Schuhgeld“ (calcearium). Doch das wurde bald wieder gestrichen, denn barfuß ging es besser. Aber jede Art von Beförderungsmittel, die ein schnelleres Fortkommen ermöglichte, war erlaubt. Kaiserliche und militärische Botschaften wurden natürlich nicht durch gewöhnliche Boten oder Teilfreie befördert, sondern aus Gründen der Geheimhaltung durch Offiziere. In solchen Fällen galt der Botendienst für sie als Auszeichnung.

Normalbürger benutzten Boten nur bei dringendem Bedarf. Ähnlich wie auch in Griechenland waren das meist Sklaven oder Teilfreie. So wie heute bei Rennstallbesitzern eine besondere Pferderasse den Vorzug genießt war das auch bei der Auswahl der Boten der Fall. Beliebt waren, besonders als Fernkuriere, Numidier aus dem heutigen Ost-Algerien sowie Dalmatier und Liburner aus dem heutigen Albanien. Gute Fußboten schafften am Tag zwischen 30 und 50 km. Sie würden heute, wie Kenianer und Äthiopier, vermutlich jeden Marathonlauf gewinnen. So arbeitete im Jahr 186 v. Chr. ein Läufer für den römischen Senat, der pro Tag angeblich rund 85 Kilometer zurücklegen konnte. Das entspricht etwa der Strecke Hamburg – Plön. Ein anderer bewältigte 210 Kilometer in drei Tagen. Nur Dank solch schneller Boten konnten es sich römische Staatsmänner leisten, einen Teil des Jahres auf ihren Landsitzen in der Provinz zu verbringen. Marcus Tullius Cicero schickte jeden Morgen von seiner Villa in Tusculum in den Albaner Bergen einen Läufer zum 20 Kilometer entfernten Senatsgebäude in Rom. Abends erhielt er seine Antwort und die neuesten Informationen, gebracht von dem gleichen Mann.

Als Beschreibmaterial für die Nachrichten diente anfangs Papyrus, aber bald schon alles, was haltbarer war und sich mit den damaligen Mitteln beschreiben oder beritzen ließ: Tonscherben, Leder, Bast, oder mit schwarzem Wachs überzogene Täfelchen (tabellae). Ein aufklappbares, zweiteiliges Täfelchen war das Diptychon. Für längere Botschaften diente das dreiteilige Triptychon. Später, bis hinein ins Mittelalter, wurde als Schriftträger dünn geklopfte Tierhaut verwendet – das Pergament. War allerdings eine Botschaft zu lang, dann „ging sie auf keine Kuhhaut“. Für Geheimbotschaften benutzte man eine sogenannte Skytale: Um einen gleichmäßig runden Stab wurde ein schmaler Stoffstreifen gewickelt. Dann wurde der Länge nach die Botschaft drauf geschrieben. Wickelte man den Stoffstreifen wieder ab, so zeigte sich darauf nur ein Buchstabensalat. Im Prinzip war das ein Vorläufer moderner „Zerhacker“. Erst wenn der Empfänger den Stoffstreifen wieder um einen Stab von gleicher Dicke wickelte, wurden die nur für ihn bestimmten Zeilen wieder lesbar. Andere Völker der Antike dagegen machten mit dem Boten oft kurzen Prozess: er musste die Geheimnachricht auswendig lernen – und wurde nach deren Übermittlung getötet.

Nun war es aber nicht einfach damit getan, einen Boten mit einer Nachricht loszuschicken. Fast jeder Briefschreiber wollte natürlich auch wissen: Wann hat mein Bote die Nachricht abgegeben, wie lange also hat er für den Weg gebraucht? Die Datierung im Alten Rom war nach heutigen Maßstäben noch recht grob, doch der Absender eines Briefes wusste immerhin ziemlich genau, zu welcher Stunde er seinen Boten mit einer Nachricht losschickte. Der Bote wiederum, endlich am Ziel angekommen, war furchtbar ungeduldig, wenn die Antwort, die er zu seinem Herren zurückbringen sollte, zu lange auf sich warten ließ. Selbst Cicero konnte sich dem Groll der Boten in solch einem Fall nicht entziehen. So beklagte er sich einmal darüber, dass die tabellarii des Cassius bei der Überbringung einer Botschaft nach Tusculum schon mit dem Reisehut eintraten und behaupteten, ihre Begleiter würden sie vor der Tür schon für den Rücklauf erwarten.

Wer sich im alten Rom keinen eigenen Kurier leisten konnte, musste einen anheuern. Denn Bote oder Briefträger (grammatophus) war ein Beruf, der sich oft auch vom Vater auf den Sohn vererbte. Oder man konnte dem Boten eines reichen Mitbürgers gegen ein gutes Trinkgeld eine Nachricht mitgeben.

Der Cursus Publicus

Es gab im alten Rom natürlich auch reitende Boten. Die schafften täglich, falls die Pferde in regelmäßigen Abständen gewechselt werden konnten, bis zu 120 Kilometer. Doch das war anfangs selten möglich. Und da über größere Entfernungen Kraft und Ausdauer eines Pferdes schnell nachlassen, brauchte ein Reiter für die gleiche Strecke, die ein Läufer in 15 Tagen zurücklegte, mindestens 12 Tage. Ein Läufer war also wesentlich billiger, denn „er aß und trank nur für einen“. Erst Kaiser Augustus, der von 31 vor bis 14 n. Chr. regierte, rief einen geregelten und schnellen Kurierdienst zur Beförderung staatlicher Post ins Leben. Der Dienst sollte parallel zum Ausbau des gigantischen Straßennetzes entstehen. Dabei orientierte sich der Kaiser für diese neue Einrichtung einer Staatspost (cursus publicus) am Straßen- und Botensystem des Perserreichs. Die Leitung über das staatliche Netz erhielt als eine Art Generalpostmeister der jeweilige Chef der Prätorianer, also der kaiserlichen Leibgarde.

Die Funktion aller Bediensteten im Cursus publicus war genau festgelegt, bis hinunter zum Stallburschen. Auf Routen, die dem Militär vorbehalten waren, dienten junge, kräftige Männer als reitende Boten. Ihre Pferde waren Staatseigentum, und die Reiter durften mit ihnen die Heerstraßen nicht verlassen. Fuhrwerke versahen den Nachrichten-, Reise- und Transportdienst der Staatspost. In regelmäßigen Abständen, vor allem an Straßenkreuzungen, wurden mansiones errichtet, später auch stationes genannt. Auf der Strecke von Spanien bis Rom gab es zeitweilig bis zu 106 solcher Rasthäuser. Sie hatten Zimmer für Fuhrleute und Gäste, dazu eine Schankstube. Einige waren recht prunkvoll, denn auch der Kaiser stieg darin ab. Es waren die Fünf-Sterne-Hotels ihrer Zeit. Bis zu 40 Pferde wurden an jedem Rasthaus für die Stafettenreiter gehalten, dazu Ochsen und Maultiere für Reise- und Gepäckwagen.

Als Roms Kaiser Trajan im Jahr 99 n. Chr. auf seinem Sommersitz in Pettau an der Donau weilte, erreichten ihn Nachrichten aus Rom über diesen Cursus publicus innerhalb von nur fünfeinhalb Tagen. Postkarten aus europäischen Ländern dauern heute oft länger! Auch zu Roms „Überseegebieten“ war Dank des Cursus publicus eine für damalige Zeiten schnelle Nachrichtenverbindung gewährleistet. Aus Reggio di Calabria und dem heutigen Brindisi liefen regelmäßig Postschiffe nach Byzanthion aus (dem späteren Konstantinopel) oder trafen von dort ein. Per Schiff lief auch der Informationsaustausch zwischen den römischen Niederlassungen in Afrika und Spanien. Eilsegler bewältigten dabei die Strecke zwischen Karthago und Rom in etwa vier Tagen. Wenn Cicero Botschaften mit schnellen Galeeren von Rom nach Athen schickte, so dauerte das „nur“ 20 Tage.

Die Staatspost funktionierte zu ihrer besten Zeit hervorragend. Finanziert wurde sie nun nicht mehr nur aus Steuern, sondern von den Anrainern der einzelnen Strecken. Sie mussten Pferde, Wagen und Wagenführer stellen. Laufend ging ja etwas vom Fuhrpark kaputt und musste repariert werden. Und alle vier Jahre mussten die von den Kurieren zu Schanden gerittenen Pferde ersetzt werden. Was die Menschen zusätzlich frustrierte: Das einfache Volk durfte weder Waren noch Nachrichten über den Curusus Publicus verschicken. Zuwiderhandlungen wurden hart bestraft. Spätere Kaiser versuchten Reformen: Kaiser Nerva etwa erlaubt den Anrainern Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. die Bereitstellung von Fuhrwerken gegen Bezahlung. Um die Anwohner weiter zu entlasten, griff Hadrian zur Finanzierung der Post noch tiefer in den Staatssäckel. Doch seine Nachfolger verfielen dann wieder in die Unsitte, die Anlieger der Poststrecken auszuplündern. Das Unternehmen, sollte es höchste Leistungen erbringen, war einfach nicht zu finanzieren. Und erinnert damit verteufelt an die Situation moderner Postunternehmen. Oder, wie der britische Historiker Cyril Northcote Parkinson fast 2000 Jahre nach Kaiser Nerva voller Sarkasmus feststellte: „Unter Rationalisierung verstehen die meisten Postminister, dass man die Gebühren laufend erhöht und die Zustellung ständig verschlechtert.“ So war es auch im Alten Rom. 401 n. Chr. gestattete der oströmische Kaiser Arcadius nur noch den Prätorianern, also seiner „Büro- und Leibgarde“, den Cursus zu benutzen. Kaiser Leo I hob „aus Kostengründen“ den Güter- und Gepäcktransport“ auf. Rund 100 Jahre später versuchte Kaiser Justinian noch einmal, das Netz zu aktivieren. Aber vergeblich. Viele Wege waren bereits verfallen. Der Niedergang in das „finstere Mittelalter“ hatte begonnen.

€ 156.000 für eine Brieftaube

Doch kurz noch einmal zurück in vorchristliche Zeiten: Laut Schöpfungsgeschichte war eine Taube der erste Überbringer einer „Nachricht“. In Kapitel 8 des 1. Buches Mose heißt es: „Und Noah ließ eine Taube fliegen aus der Arche. Die kam zu ihm um die Abendzeit, und siehe, ein Ölblatt hatte sie abgebrochen und trug‘s in ihrem Schnabel. Da merkte Noah, dass die Wasser sich verlaufen hatten auf Erden…“

Mythologie? Phantasie? Altertumskenner jedenfalls sind der Überzeugung, dass bereits rund 2000 Jahre vor der Zeitenwende Tauben als schnelle und zielsichere Boten eingesetzt wurden. Bildliche Darstellungen in antiken Grabkammern zeigen ägyptische und phönizische Schiffe, auf denen auch Tauben zu sehen sind. Aber offenbar konnte sich nicht jeder solche geflügelten Boten leisten. Damit ihm daraus bei eventuellen Streitigkeiten vor Gericht kein Nachteil entstand, wurde in Palästina zur Zeit um Christi Geburt ein Schutzgesetz erlassen. Es untersagte „demjenigen, der Tauben züchtet, um sie zum Fliegen zu verwenden, die Möglichkeit zur Ablegung eines gültigen Zeugnisse.“ Anders ausgedrückt: Wer Dank seiner Tauben im Besitz aktueller Nachrichten ist, soll davon vor Gericht gegenüber seinem Kontrahenten keinen Vorteil haben. „News is money“, Nachrichten sind Geld wert, hieß es also nicht erst 2000 Jahre später in den USA.

Griechen und Römer übernahmen die Taubenpost der Ägypter als nachahmenswerte Einrichtung, und zwar nicht nur für die Übermittlung geschäftlicher oder militärischer Informationen, sondern auch für private Zwecke. Wohlhabende benutzten als Schatulle für ihre Taubenpost feine Goldröhrchen. So ein Röhrchen wurde der Botentaube an eines ihrer Beinchen gebunden. Billigere „Briefumschläge“ waren zurechtgeschnittene Federkiele, in die man auch oft romantische Liebesbotschaften steckte. Der griechische Lyriker Anakreon beschreibt um 530 v. Chr. die Gedankengänge einer Liebesbrief-Taube: „…ihm muss, wie Du siehst, ich jetzt/ Die Briefchen der Liebe tragen;/ doch bald, hört ich ihn sagen,/ werd ich in Freiheit gesetzt…“ Und der deutsche Dichter Johann Gabriel Seidel (1804 - 1875) schrieb: Ich hab‘ eine Brieftaub‘ in meinem Sold/ Die ist gar ergeben und treu,/ Sie nimmt mir nie das Ziel zu kurz/ Und fliegt auch nie vorbei. / Ich sende sie vieltausendmal/ Auf Kundschaft täglich hinaus,/ Vorbei an manchem lieben Ort,/ Bis zu der Liebsten Haus.“ Taurostenes, ein Athlet aus dem altgriechischen Aegina, nahm eine Taube mit ins 130 km entfernte Olympia. Nachdem er in seiner Disziplin gesiegt hatte, band er der Taube einen roten Wollfaden ans Bein und schickte sie auf den Heimflug. Schon am Tag nach dem Sieg war seine Heimatstadt informiert.

Es waren Feldherren wie Alexander der Große oder Caesar, die den militärischen Vorteil einer schnellen Nachrichtenübermittlung erkannten. Sie ließen deshalb von ihren Truppen Brieftauben mitführen. Durch Brieftauben erfuhr Caesar frühzeitig von den Unruhen in Gallien und setzte seine Legionen in Marsch, noch ehe sich die Aufstände ausweiten konnten. Da Tauben ja auch abgefangen werden konnten, und somit auch die Botschaft, die sie trugen, wurde ihr Gefieder nach vorheriger Absprache eingefärbt, oder der Absender band ihnen bunte Fädchen ans Bein, deren Bedeutung nur der Empfänger kannte. Es gab sogar Versuche, Schwalben als „Boten“ einzusetzen.

Kaiser Diokletian versuchte während seiner Herrschaft (284 - 305 n. Chr.) als erster, die Taubenpost zu einem öffentlichen Nachrichtensystem auszubauen, zu jedermanns Nutzen. Aber der Niedergang des römischen Reiches hatte bereits eingesetzt. Aus dem ehrgeizigen Vorhaben wurde nichts.

Die erste, staatlich betriebene und durchorganisierte Taubenpost entstand dann erst rund 900 Jahre später im Orient. Den Anfang damit machte Sultan Mahmud Nureddin. Von 1145 bis zu seinem Tod im Jahr 1174 war dieser bedeutende und fortschrittliche Mann Herrscher über die vereinigten Königreiche von Damaskus und Aleppo. Sein Nachfolger dehnte das Reich und parallel dazu das Tauben-Postnetz weiter bis nach Bagdad aus. Die durchschnittliche Entfernung zwischen den Taubenstationen betrug etwa 50 km. So entstanden zwischen den wichtigsten Städten allmählich regelmäßige „Flugverbindungen“. Ihr reibungsloser Betrieb erforderte ein hohes Maß an Organisationstalent. Denn Brieftauben verkehren ja nur zwischen dem Ort, an dem man sie aussetzt und dem heimischen Schlag. Einigen Berichten zufolge soll es im Nahen Osten zeitweilig bis zu 14.000 Taubenposten gegeben haben.

Die großen, turmartigen Taubenschläge in Nurredins Reich standen am Rand der Städte und entlang der wichtigsten Heerstraßen. Die Turmwärter fungierten dabei ähnlich wie heute die Fluglotsen der modernen Luftfahrt. Name oder Wappen des heimischen Schlages waren bei jeder Taube in die feine, wachsartige Haut des Oberschnabels eingebrannt. Jeder Turm hatte seine eigenen Tauben, wurde aber per Kurier auch mit „Gast“-Tauben anderer Städte versorgt. Traf z.B. eine in Bagdad freigelassene Taube in ihrem heimischen Schlag mit einer Botschaft ein, dann ermittelte der Taubenwärter zunächst den Bestimmungsort der Botschaft. Angenommen, es war Kairo. Dann suchte er unter seinen Gast-Tauben eine aus, deren Schnabelzeichen sie als „Kurier aus Kairo“ auswies. Die Hülse mit der Botschaft aus Bagdad wurde umgesetzt, die Taube wurde freigelassen – und flog sofort zu ihrem heimischen Schlag an den Nil.

Einem historischen Bericht zufolge gab es im Jahr 1288 n. Chr. allein in Kairo einen „Flugpark“ von rund 2000 Tauben. Das System war ebenso genial wie schnell, und in seinem vollen Umfang bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts in Betrieb. Einige seiner Strecken, etwa diejenige zwischen Aleppo und der 100 km weiter nördlich gelegenen Hafenstadt Alexandrette (dem heutigen Iskenderun in der Türkei) funktionierten noch bis in das 17. Jahrhundert.

Es waren die Kreuzfahrer, die als erste Europäer Bekanntschaft mit der morgenländischen Taubenpost machten: von einem Greifvogel verletzt fiel eine Botentaube der feindlichen Sarazenen mitten in das Christenheer. Unter einem ihrer Flügel trug sie ein Zettelchen mit einem Schlachtplan des Gegners. So jedenfalls beschreibt es der Renaissance-Dichter Torquato Tasso in seinem Epos Das befreite Jerusalem. Sicher ist jedenfalls, dass Kreuzritter einige Exemplare dieses „tierischen“ Kommunikationsmittels zurück nach Europa brachten. Eine eigene Zucht entstand. Bald flogen Tauben von Burg zu Burg, auch zwischen Raubritterburgen. Und als die Spanier 1573/74 die niederländischen Städte Haarlem und Leyden belagerten, waren deren Bewohner zumindest „nachrichtentechnisch“ versorgt: sie hatten rechtzeitig einige Dutzend Tauben in die Provinz verfrachtet. Die flogen nun mit Botschaften über die Köpfe der Spanier hinweg in die belagerten Städte. Unter anderem brachten sie Durchhalteparolen, in denen Prinz Wilhelm von Oranien die baldige Befreiung der Belagerten versprach. Auf ähnliche Weise ließen sich über 200 Jahre später auch die Bewohner Venedigs vom Festland aus mit Informationen versorgen, als Napoleon die Lagunenstadt vom Hinterland abschnitt.

Selbst noch im 19. Jahrhundert dienten Tauben im riesigen chinesischen Reich als Börsenkuriere sowie zur schnellen Verbreitung amtlicher Bekanntmachungen. Ein wichtiges, jährliches Ereignis z.B. waren damals die großen Staatsprüfungen für angehende Beamte. Tauben trugen die Namen der erfolgreichen Absolventen in alle Richtungen des Kaiserreichs. Damit möglichst viele ihr Ziel erreichten, beförderten sie neben der Botschaft auch den Wunsch an die T aube: „Mögen glückliche Winde Dich begleiten..“ Kleine Bambuspfeifchen oder Glöckchen waren an den Schwanzfedern befestigt. Ihr Pfeifen oder Geläute beim Flug sollte Greifvögel abschrecken. Wichtige Botschaften wurden sicherheitshalber mehrfach abgeschickt, damit wenigstens eine davon ankam.

Über die fantastischen Flugleistungen von Brieftauben gibt es zahlreiche Berichte. 1886 wurden in London sechs Tauben losgelassen, von denen immerhin drei ihren heimatlichen Schlag jenseits des Atlantik erreichten – in Boston, New York und Philadelphia. Eine Taube des britischen Gasinstallateurs David Lloyd sollte von den Shetland-Inseln ins heimische Wales zurückfliegen. Offenbar hatte sie Fernweh – denn sie landete in Shanghai! Und eine Taube, die der Herzog von Wellington am 8. April 1845 vor Westafrika ausgesetzt hatte, hätte fast den heimischen Schlag in England erreicht. Doch am 55 Tag ihres Fluges stürzte sie 15 km vor ihrem Ziel tot vom Himmel. Die reine Luftlinie zwischen Start und Absturzort beträgt 8.700 km. Aber weil die Taube wahrscheinlich die Sahara umflog, hatte sie wohl 12.250 km zurückgelegt.

Bei ihrer Fluggeschwindigkeit von 130 km/h und mehr kann eine Brieftaube ohne Pause Entfernungen bis zu 1000 Kilometern zurücklegen. Gute Brieftauben waren und sind auch heute nicht billig. Im Jahr 2011 zahlte ein Chinese bei einer Auktion in den Niederlanden für die Taube „Blauer Prinz“ € 156.000 Euro. Insgesamt brachte die Versteigerung von 218 Tieren 1,37 Millionen (!) Euro ein.

Ende des 19. Jahrhunderts begannen Privatleute, Handelshäuser und Zeitungsredaktionen damit, eigene Taubendienste einzurichten. Etwas schneller zu erfahren als die Konkurrenz ist immer einer der Wege zum Erfolg. Nathan Rothschild, einer der berühmten Rothschild-Brüder, erfuhr zum Beispiel während seiner Tätigkeit als Börsianer in London durch seinen Tauben-Kurier zum Kontinent als erster in der City von der Niederlage Napoleons bei Waterloo am 18. Juni 1815. Sofort kaufte er an der Börse von den angesichts der „napoleonischen Gefahr“ noch sehr niedrig gehandelten britischen Staatsanleihen, was er nur kriegen konnte. Erst einen Tag später wird der Sieg über Napoleon allgemein bekannt, und sofort schießt der Kurs der nun hauptsächlich in Rothschilds Besitz befindlichen Papiere in die Höhe. Die Berliner Bevölkerung erfuhr erst mehrere Tage später von Napoleons Niederlage.

Thurn und Taxis

Auch die Herrscher des „finsteren Mittelalters“ und ihre Berater erkannten bald: Ohne einen schnellen Informationsaustausch lässt sich kein Land, geschweige denn ein Großreich regieren. Chlodwig I, Gründer des Frankenreichs, wollte Ende des 5. Jahrhunderts die Gemeinden des Landes dazu bringen, die Post- und Nachrichtenbeförderung nach dem Vorbild der Römer zu übernehmen. Viel Erfolg hatte er damit nicht. Erst Karl dem Großen gelang es 300 Jahre später, die ersten, regelmäßig benutzten Postrouten einzurichten. Sie führten auf den alten Römerstraßen nach Spanien und Italien. Ausgangspunkt war Auxerre in Burgund. Neue Relaisstationen entstanden. Sie wurden bald Posten genannt, woraus sich dann das Wort Post ableitete.

Ludwig der Fromme ordnete 823 n. Ch. an, dass die Stationsleiter stets darauf vorbereitet sein müssen, den Kaiser und durchreisende Beamte, also auch Boten, unterzubringen und zu verpflegen. Allmählich entstanden Kurierdienste auch in anderen Ländern West- und Osteuropas. Doch noch Mitte des 16. Jahrhunderts funktioniert alles recht unregelmäßig, ohne festen Kurierplan. Deshalb schufen sich Kirche, Kaiser und Könige ihre eigenen Botendienste. Die wurden nur nach Bedarf eingesetzt. Wollte ein einfacher Bürger Nachrichten verschicken, so war ihm das kaum möglich. Er musste vorher bei der nächsten Station die ungefähren An- und Abreisezeiten von Postreitern oder Postkutschen erfragen. Und letztere fuhren oft nur einmal wöchentlich, wie 1552 etwa zwischen Brüssel und Augsburg.

Art und Dauer der Nachrichtenbeförderung machen lange Zeit wenig Fortschritte. Im Gegenteil: Die frühe Post ist langsamer und unzuverlässiger als in den Großreichen des Altertums. Zudem ist der Beförderungsdienst heillos zersplittert. Denn außer der Kirche und den Landesherren schaffen sich auch Handelshäuser und Universitäten ihre eigenen Boten- und Briefdienste. Für die Klöster arbeiten die so genannten Rotelboten. Ihre Aufgabe war es, die Namen verstorbener Ordensangehöriger zu anderen Klöstern zu übermitteln. Die Namen standen auf einem Pergament, das um einen runden Stab, die Rotel, gewickelt war. Der Deutsche Ritterorden wiederum betrieb von seinem Hauptquartier, der Marienburg im späteren Ostpreußen, ein recht weitreichendes Nachrichtennetz. Die Boten zu Pferde wurden Bryffjongen (Briefjungen) genannt, ihr Aufenthaltsraum war der Bryffstall. Sonderboten waren die „Rittmeister“. Billig war die Übermittlung von Nachrichten nicht. Die Gebühr für die Strecke von der Marienburg bis Rom betrug 20 Dukaten. Das waren 20 etwa je drei Gramm schwere Goldmünzen, also immerhin 60 Gramm Gold. 1525 stellte der Orden seinen Postbetrieb aus Kostengründen ein. Schon längere Zeit war es der hohen Beförderungskosten wegen üblich, Personen, die in das Zielgebiet reisten, Nachrichten mitzugeben. Kaufmannszüge nahmen Post mit, Salztransporteure oder sogar Schlachter! Vor allem in Baden, in Württemberg und der Pfalz kamen diese auf ihren Viehaufkäufen weit im Land umher. So entstand der Ausdruck „Metzgerpost“. Die Metzger hatten sogar das Recht, ein Signalhorn zu benutzen, um schneller abgefertigt zu werden. Und dann gab es noch seit 1490 das im Auftrag Kaiser Maximilian I. von den lombardischen Brüdern Janetto und Francesco die Tasso gegründete, europaweite Postwesen. Daraus entstand die Kaiserliche Reichspost, zunächst von Brüssel aus betrieben, später dann von Frankfurt am Main und ab 1748 von Regensburg.

Weltweit bekannt wurde das Unternehmen dann als die Thurn-und-Taxis-Post. Die Beförderungszeiten waren von Anfang an auf Schnelligkeit ausgerichtet. Die Strecke Brüssel – Toledo musste innerhalb von 12 Tagen zu bewältigen sein. Neue Strecken wurden je nach Bedarf geschaffen, andere stillgelegt. Nach dem Sieg Preußens über Österreich im Deutschen Krieg von 1866 übernahm der preußische Staat gegen eine Abfindung das als Privatunternehmen geführte Thurn-und Taxis-Netz. Nachrichten wurden natürlich nicht nur von Postreitern übermittelt, sondern auch von Reisekutschen mitgeführt. Aber selbst „Eilposten“ bewegten sich nach heutigen Begriffen im Schneckentempo. Von Berlin nach Frankfurt war man (selbst noch 1843!!) gut und gerne 49 Stunden unterwegs, nach Paris brauchte man 95 Stunden. Wer von Prag nach Wien wollte, benötigte dafür 36 Stunden. Fürst Pückler-Muskau, der im Jahr 1829 bei seiner Rückkehr aus England von Calais nach Paris reiste, benötigte dafür zwei Tage und eine Nacht. Angehalten wurde nur alle 12 Stunden für 30 Minuten. An der Poststation konnten die Fahrgäste eine Mahlzeit zu sich nehmen, während der Kutscher Post übergab und annahm.

CLAUDE CHAPPE SETZT SEINE ZEICHEN

„Wenn Du Erfolg hast, wirst Du im Ruhm baden“.

Angeblich die erste, mit einem optischen Telegrafen übermittelte Nachricht

Jahrhunderte lang hatte sich an der Übermittlungstechnik kaum etwas geändert. Es blieb bei Boten-Männern und -Frauen, bei Läufern, Brieftauben, Leuchtfeuern, Reitern und Kutschen. Dann, am 25. Dezember 1763 kommt im französischen Brûlon-le-Maine, einem Ort unweit der Stadt Le Mans, ein Junge zur Welt, als zweites von sieben Kindern des königlichen Gutsverwalters Claude Chappe und dessen Ehefrau Marie geborene Devernay. Der Neuankömmling wird auf den Namen Claude getauft. Mit dem Erstgeborenen Ignace Urbain Jean (1762-1829) und dem zehn Jahre jüngeren Abraham (1773-1849) wird er die Welt der Nachrichtentechnik entscheidend verändern.

Es ist eine Zeit der sozialen und politischen Unruhen, in der die Gebrüder aufwachsen. Die Welt steht am Vorabend des Industriezeitalters – und Frankreich vor einer bluttriefenden Revolution. In England arbeiten seit 1712 die ersten Dampfmaschinen eines gewissen Thomas Newcomen, um Wasser aus Bergwerken heraus zu pumpen. In Schottland schnauben und brodeln die ersten leistungsfähigen Hochöfen. Henry Cavendish hat im Geburtsjahr Chappes das Wasserstoffgas entdeckt, und in Paris findet eine große Gewerbeausstellung statt. Frankreich hat das beste Straßennetz Europas, mit einer Gesamtlänge von 53.000 Kilometern. Ein Wegefrondienst der Anwohner sorgt für die laufende Instandhaltung. Allerdings lauern andere Gefahren als nur Schlaglöcher. Räuber, Wegelagerer und anderes Gelichter – meist sind es ehemalige Soldaten vieler Kriege – machen jede Reise zu einem unsicheren Abenteuer.

In den Städten gibt es andere Probleme. Frankreich ist damals das bevölkerungsreichste Land Europas, mit etwa 16 Millionen Einwohnern. Paris beherbergt fast eine Million Menschen. Nur London ist mit 1,5 Millionen größer. Verglichen damit ist Berlin ein „großes Dorf“, mit nur 150.000 Bewohnern. Noch bis Mitte der 1870er Jahre werden die deutschen Lande im Wesentlichen ein Agrarstaat bleiben. Gut leben im 18. Jahrhundert nur die höheren Stände und der Adel, vor allem in Frankreich. In Paris sind für diese „Elite“ z.B. 7.200 Perückenmacher tätig. Dazu kommen 12.000 Näherinnen, Maßnehmer und Zuschneider. Ein Fünftel der Bewohner von Paris sind damals Bedienstete. So stehen allein beim Adel 8.000 Lakaien in der Pflicht. Die haben wenigstens ein Dach über dem Kopf.

Die meisten Angestellten schuften für Hungerlöhne. Für 12 bis 14 Stunden Arbeit kann sich eine Familie gerade mal fünf Brote kaufen. Ein Pfund Salz kostet so viel wie ein Tagelöhner in 12 Stunden verdient. Hausherren behalten sich deshalb oft vor, jedem der am Tisch Sitzenden selber das Essen zu salzen. Doch nicht nur das: ein Gesetz schreibt vor, dass jedermann pro Jahr mindestens sieben Pfund Salz verbrauchen muss!! Mit Hilfe der Salzsteuer, eine der ältesten der Welt, (in Deutschland wird sie erst am 1. Januar 1993 abgeschafft!!), und vielen anderen Auflagen, wie der Verzehr- und der Fenstersteuer muss das Geld für den verschwenderisch lebenden und daher völlig verschuldeten Hof Ludwig XVI beschafft werden.

„Im Frühjahr 1776“, Claude Chappe ist gerade 12 Jahre alt geworden, „gibt es in Paris ungefähr 91.000 Personen ohne festen Wohnsitz“, heißt es in einem Bericht. Die einfachen Bürger hausen zwischen Schmutz und Abfällen in Hinterhöfen, umgeben vom Gestank von Kloaken und den Misthaufen von Kleintieren. Dazu herrscht ein unheimliches Gedränge. Denn in der Hoffnung auf eine Anstellung ziehen Tausende von Bauern ohne eigenen Hof und Tausende von Tagelöhnern auf der Suche nach Arbeit von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt. Und meist nach Paris.

Entsprechend groß ist die Arbeitslosigkeit. „Sie leben in armseligen Quartieren. Es gibt zwar Suppenküchen. Dennoch sterben viele Menschen in Stadt und Land an Hunger. Tausende von Mädchen versuchen, als Prostituierte ein Paar Sous zu verdienen, wenn sie nicht das Glück haben, eine Anstellung in einer der neuen Manufakturen zu finden.“ Und immer wieder gibt es Teuerungen. Der Volkswirt und Gelehrte Graf Victor Riquetti de Mirabeau (1715 - 1789), der „politische und ökonomische Menschenfreund“, beschreibt diese Gestalten in einem Brief als „schreckliche, wilde Tiere, bekleidet mit Kitteln aus gröbster Wolle… die Gesichter hager und mit langen, schmierigen Haaren bedeckt, der obere Teil des Gesichts wachsblass, der untere zu einem Versuch grausamen Lächelns und einer Art Ungeduld verzerrt.“ Wer auch nur ein wenig Geld verdient, nutzt die Lage dieser Elenden schamlos aus. Einfache Familien, sofern sie nicht in einem einzigen Zimmer wohnen, können sich ein Dienstmädchen leisten. Bauern, sofern sie noch einen Hof haben, verfügen über Knechte, Ladeninhaber über Laufburschen – und viele gebärden sich als kleine Sklavenhalter.

Auch in der Provinz stöhnt das Volk unter der Teuerung und den Steuerlasten. Im kleinen Lyon gibt es 30.000 Arbeitslose. Bis zu 80 Prozent der Landbevölkerung sind Bauern. Sie leiden mit am schlimmsten. Über die Hälfte ihres Verdienstes müssen sie an den Staat abgeben. Gutsherr und Kirche kassieren weitere 14 Prozent. Zeitweilig sind im Land bis zu 200.000 Steuereintreiber unterwegs. Rund 40.000 Prozesse gegen „Steuerhinterzieher“ stehen ständig als „laufende Verfahren“ an. Wer nicht zahlen kann, erhält die Prügelstrafe. Kurz, der Unterschied zwischen „gewöhnlich“ und „vornehm“, zwischen „arm und reich“ ist gewaltig. Es ist der ideale Nährboden für eine Revolution.

Die Sensation von Parcé-sur-Sarte

Es sind die Lebensumstände, die viele junge Männer dazu nötigen, den Priesterberuf zu erwählen. Im Schoß der Kirche erhoffen sie sich zumindest eine gewisse Versorgung und Sicherheit. Auch Claude Chappe entschließt sich dazu. Aber bei ihm ist es nicht nur die allgemeine Not. Wahrscheinlich wird er auch durch seinen Onkel Jean Chappe d‘Auteroche dazu angeregt. Denn der ist ebenfalls Geistlicher, und dazu ein recht berühmter und weitgereister Astronom. Schon früh hat er in seinem jungen Neffen die Liebe zu den Naturwissenschaften geweckt. So hat sich Claude bereits als Kind intensiv mit physikalischen und technischen Experimenten beschäftigt. Anfang des Jahres 1783 erregt der 20jährige einiges Aufsehen mit einer Abhandlung über das Phänomen der Blitze. Sie erscheint im Journal de Physique. Doch sie wird angesichts anderer technischer Errungenschaften bald wieder vergessen. Denn im gleichen Jahr konstruiert der Marquis de Jouffroy mit Hilfe der von Newcomen erfundenen und James Watt verbesserten Dampfmaschine einen maschinell betriebenen Raddampfer. Am 15. Juli fährt dieser auf der Seine in Richtung Lyon ein Stück flussaufwärts! Das ist eine Sensation, denn damals mussten größere Wasserfahrzeuge bei ungünstigem Wind noch getreidelt, also von Menschen oder Zugtieren an Seilen flussaufwärts gezogen werden.

Nur wenige Monate später gibt es die nächste, technische Sensation, diesmal auf dem tapis vert, dem „grünen Teppich“ vor dem Schloss von Versailles. Vor den Augen von König und Hofstaat steigt ein kunstvoll verzierter Heißluftballon der Gebrüder Montgolfier in die Luft. Passagiere sind ein Hahn, eine Ente und ein Schaf – die alle sicher in 2,5 km Entfernung wieder landen.

1788 erleben Frankreichs Bauern erneut eine Missernte. Im Winter müssen sie teilweise ihr Saatgut verzehren, um nicht zu verhungern. Weitere Unruhen werden befürchtet. Die Regierung wittert Verschwörungen. Steuerreformen, weil zu zaghaft, bleiben ohne Wirkung. Verdächtige werden verhaftet, ein Arbeiteraufstand wird von Soldaten des Königs blutig niedergeschlagen. Am 14. Juli 1789 stürmt eine wütende Menschenmenge in Paris die Bastille, das verhasste Staatsgefängnis, Symbol für Unterdrückung und Tyrannei. Der Bastille-Kommandant wird erschlagen, sein Kopf auf einer Pike durch die Straßen getragen. Unter der neuen Gesetzgebenden Versammlung verlieren Adel und Kirche ihre Privilegien. Dadurch verlieren am 2. November 1789 auch Claude Chappe, sein Bruder Abraham und viele andere Seminaristen ihren sicher geglaubten Kirchenhort. Deprimiert kehren die beiden Brüder zurück ins Elternhaus.

Was Claude Chappe dazu veranlasste, eine neuartige Kommunikationstechnik zu entwickeln, ist nicht ganz klar. Versuche dazu gab es damals auch bei anderen Tüftlern und Bastlern. Einigen Quellen zufolge war es Claudes Wunsch, mit Freunden in der Nachbarschaft zu kommunizieren, ohne sie persönlich aufsuchen zu müssen. Glaubhafter scheint, dass auch er, wie andere Bastler und Tüftler seiner Zeit, an Verfahren zur schnelleren Nachrichtenübermittlung arbeiten. Jedenfalls beginnen er und seine Brüder Abraham, René und Ignace im Winter 1790/91 mit ersten Transmissions-Versuchen hinter ihrem Elternhaus in Brulôn.

Angesichts der Unruhen im Lande ist dies nicht ohne Risiko. Man könnte die jungen Männer leicht für Spione halten, die einander Geheimbotschaften schicken. Denn um sich Informationen zu senden benutzen die Brüder zwei selbstgebaute Apparate in Form großer, gleich schnell laufender Standuhren. Statt eines Stunden- und Minutenzeigers verfügt jede nur über einen einzigen, durch Fallgewichte schnell rotierenden Zeiger. Und statt der 12 Ziffern auf dem Zifferblatt gibt es nur die Ziffern Null bis 9. Die eine Uhr steht bei Claude, die andere anfangs etwa 400 m entfernt bei René. Als Anrufsignal dient ein großer Kupferkessel. Schlägt man mit einem Knüppel drauf, so ertönt ein weit hallender Gongschlag. Nach dem „Eröffnungsruf“ werden die Uhren zunächst synchronisiert: Claude setzt sein Laufwerk in Gang. Sobald der Zeiger seiner Uhr die Mittelposition (theoretisch die Ziffer zwölf) erreicht, schlägt er erneut auf den „Gong“, woraufhin sein Bruder den Zeiger seiner Uhr ebenfalls auf die 12 stellt. Beim nächsten Gongschlag setzen die Brüder ihre Zeiger gleichzeitig „in Marsch“. Jedesmal, wenn der Zeiger auf Claudes Uhr eine von ihm gewünschte Ziffer erreicht, schlägt er erneut auf den Gong. Und René, auf der Empfängerseite, schreibt die Ziffer ab, die sein Zeiger gerade erreicht hat. Auf diese Weise lassen sich mit Hilfe der Ziffern Zahlencodes übermitteln, deren Bedeutung die Chappes in einem eigenen Codebuch nachschlagen. Die Codes können Worte oder auch ganze Sätze beinhalten.

Das Ganze ist ein geniales - allerdings auch sehr lautstarkes Verfahren. Schon bald gibt es Beschwerden der Anwohner. Claude muss sich eine lautlose oder zumindest leisere Verständigungsmethode einfallen lassen. Er denkt an elektrische Signale, doch gibt es keine isolierten Drähte. Auch Rauchzeichen scheiden aus. Dank seiner früheren physikalischen Experimente entscheidet er sich schließlich für einen optischen Signalgeber. Das ist anfangs ein in seiner Senkrechten drehbares, etwa 1,66 m hohes und 1,33 m breites Brett, befestigt an einer vier m hohen Stange. Auf der einen Seite ist es schwarz, auf der anderen weiß gestrichen. Es ersetzt den Gong, indem es jedes Mal, wenn der Zeiger die gewünschte Ziffer erreicht, von Hand gewendet wird.

16 km in vier Minuten

Nun wird es auch möglich, die Übertragungsstrecke zu erhöhen - durch den Einsatz von Fernrohren. Ende Februar ist Claude so weit, seine Erfindung öffentlich zu machen. Am 2. März versammeln sich einige prominente Gäste, darunter ein Notar und ein Lokalpolitiker, im Haus eines gewissen Ambroise Perrotin in der Stadt Parcé-sur-Sarte. Claude Chappe führt sie in einen Raum „in dem wir eine Standuhr und ein Fernrohr sahen, dessen Objektiv in Richtung des etwa 16 km weit entfernten Brulôn zeigte.“ Obwohl es etwas regnerisch sei, so sagt Claude, werde ihm sein Bruder René von Brulôn aus eine Botschaft übermitteln, diktiert von einem Mitglied der dortigen Gemeindedeputation. Es ist elf Uhr, …und während er [Claude] durch das Fernrohr schaut, notiert er die nächsten vier Minuten uns unbekannte Ziffer-Kombinationen.“ Es sind neun Worte bzw. insgesamt 55 Zeichen. Die übersetzt Claude dann wie folgt: „Si vous réussissez, vous serez bientôt couvert de gloire“. („Wenn Du Erfolg hast, wirst Du im Ruhm baden“).

Eine fast ähnliche Beschreibung des Versuchsablaufs um 11 Uhr am 2. März 1791 gibt es über den Vorgang in Brulôn. Die dort Anwesenden, unter ihnen der Vikar Avenant, der Arzt Jean Audruger und andere Honoratioren sind Zeugen wie René Chappe diese Botschaft an seinen Bruder Claude übermittelt. Ausgesucht hatte sie der Arzt Dr. Chenou.

Um 3 Uhr sendet Claude aus Parcé nach Brulôn, diesmal adressiert an seinen Bruder Pierre Francois, eine weitere Nachricht: „Die Nationalversammlung wird Experimente, die der Öffentlichkeit nutzen, belohnen.“ (L’Assembleé Nationale récompensera les experiences utiles au public). Um 10:30 Uhr am nächsten Tag wird das Experiment vor den gleichen Zeugen mit einer anderen, diesmal 25 Worte umfassenden Nachricht wiederholt. Es verläuft ebenfalls erfolgreich. Ein Schwindel scheint also ausgeschlossen. Die Sensation ist perfekt - denn ein Bote hätte zur Überbringung der verschiedenen Nachrichten nicht vier Minuten sondern etwa drei Stunden benötigt. Eine Weile noch werden an diesem Tag in Gegenwart von Zeugen weitere Nachrichten schnell und ergfolgreich übermittelt. Und Chappe erkennt seine Chance: Frankreich ist von einem Haufen von Feinden umgeben. Im Hafen von Toulon sitzen bereits die verhassten Engländer; die gegen Frankreich gerichtete Allianz von Großbritannien, Holland, Preußen, Österreich und Spanien stellt eine unberechenbare Gefahr dar. Denn diese Länder fürchten, dass der Funke der Revolution auch auf ihr eigenes Territorium überspringen könnte. Fast der einzige „Verbündete“, den Paris in dieser Situation besitzt, ist die schleppende Kommunikation seiner Gegner untereinander. Das kommt Chappe zu Gute: In einer Bittschrift an den Konvent beschreibt er seinen Tachygraph, seinen Schnellschreiber und beantragt eine finanzielle Unterstützung für den Bau einer Versuchslinie. Doch Behörden arbeiten langsam, Die Wartezeit bis zu einer Antwort nutzt Claude, um seine Apparatur weiter zu verbessern. Nach weiteren Experimenten gelangt er zu der Überzeugung, dass aus größerer Entfernung die Stellung von Stangen oder Stäben besser zu lesen sei als die Zahlen auf einem großen Zifferblatt. Bei guten Wetterbedingungen können er und seine beiden Brüder bis zu drei Zeichen pro Minute vom Sender zum Beobachter übermitteln.

Währenddessen hat sich die Lage in Paris und den Provinzen weiter zugespitzt. Es gibt die ersten Hinrichtungen. Ein Arzt und Politiker namens Joseph Ignace Guillotin (1773-1814) teilt dem Konvent am 30. April 1791 mit, er habe eine „humane Köpfmaschine“ zum „schmerzlosen Töten“ erfunden. Der Kongress beauftragt den königlichen Leibarzt Antoine Louis, eine solche Tötungsmaschine zu entwerfen. Er präsentiert sie, gebaut nach dem Vorbild einer in Schottland benutzen Apparatur. Den „Erfinderruhm“ heimst jedoch Dr. Guillotin ein. Ironie des Schicksals: Später wird er selbst eines der 17.000 Opfer der Guillotine werden.

Im Juni 1791 zieht Claude Chappe trotz der zunehmenden Unruhen nach Paris. Dort darf er seinen Tachyraphen auf der Étoile aufstellen, dem Platz, von dem sternförmig die wichtigsten Pariser Hauptstraßen auslaufen. Doch alle Tachygraphenteile werden über Nacht gestohlen, noch ehe die ersten Versuche beginnen.

Unterstützt wird Claude inzwischen von seinem Bruder Ignace, der seit dem 1.Oktober 1791 Abgeordneter der Nationalversammlung ist. Dank dessen Hilfe darf Claude endlich am 24. März des folgenden Jahres vor den Deputierten seine Pläne für den Ausbau eines schnellen landesweiten Nachrichtennetzes erläutern. Der Text hat sich erhalten, „Herr Präsident, ich bin hier um der Nationalversammlung eine Entdeckung mitzuteilen, die der Öffentlichkeit von Nutzen sein kann. Die Entdeckung ist eine einfache Methode, über große Entfernungen hinweg zu kommunizieren… Der Bericht über ein Ereignis oder einen Vorfall könnte bei Nacht oder bei Tage in weniger als 46 Minuten über eine Entfernung von mehr als 40 Meilen übermittelt werden.“ Geschickt erläutert er dann, was das bedeutet: Noch während einer Tagung der Abgeordneten könnten Nachrichten oder Befehle an die Fronten geschickt werden, und eine Antwort könne noch vor Ende einer Sitzung eintreffen.

Um neue Zwischenfälle auszuschließen, hat Claude seine Experimente in den Park Ménlimontand in Belleville verlegt, (heute ein Pariser Quartier nahe dem Friedhof Pére Lachaise). Doch auch hier erwecken die Apparate Misstrauen bei der Bevölkerung. Eine aufgebrachte Menge steckt die Signalanlagen in Brand, und die Bedienungsmannschaften entgehen nur knapp dem Flammentod. Wieder muss Chappe seine Versuche abbrechen. Gleichzeitig verliert er die Unterstützung von Ignace, denn die Gesetzgebende Versammlung löst sich auf und im neuen Nationalkonvent ist Ignace nicht mehr vertreten.

Die Partei der Girondisten hat durchgesetzt, dass Österreich am 20. April 1792 der Krieg erklärt wird. Damit soll verhindert werden, dass die Alliierten, angestachelt durch vor der Revolution geflüchtete, französische Adlige und womöglich unterstützt von deutschen Fürsten in die innenpolitische, revolutionäre Entwicklung in Frankreich eingreifen. Man hat schon Ärger genug. Die Städte Lyon und Marseille widersetzen sich den von Paris ausgehenden Reformbestrebungen. Um zu reagieren, braucht man möglichst aktuelle Informationen aus dem Land.

Die Schreckensherrschaft ist bald in vollem Gange. Tausende von Menschen werden in Paris und in der Provinz hingerichtet. Der Pöbel tanzt auf den Leibern Geköpfter und Erschlagener; einer ermordeten Hofdame der Königin werden die Brüste abgeschnitten und auf Stangen herumgetragen. Das beginnende Zeitalter der schnellen Nachrichtenübermittlung erlebt das königliche Ehepaar nicht mehr. Am 21. Januar 1793 müssen auch König Ludwig XVI und seine Frau Marie Antoinette „Madame Guillotines Bett“ besteigen, wie das Schafott vom Pöbel genannt wird. Der Kopf des dicken Königs fällt nicht beim ersten Streich – das Beil der Guillotine bleibt im Nacken stecken. Deshalb stellen sich der Henker Charles Henri Sanson (1793-1806) und sein Assistent auf das Beil, um den Kopf des Königs endgültig vom Rumpf zu trennen. Es wird Wochen dauern, bis die Nachricht von ihrem grausamen Ende den letzten Winkel Europas und die USA erreichen

Die Idee des Tachygraphen überlebt jedoch das Grauen. 1793 findet sie endlich einen tatkräftigen Befürworter. Es ist der Präsident des Komitees für Öffentlichkeitsarbeit, Charles-Gilbert Romme (1750-1795). Romme ist von Chappes Ausführungen begeistert. Allerdings sieht er im Gegensatz zu diesen weniger die Vorteile ziviler Nutzung (Korrespondenz, Börsen- und Handelsnachrichten, und Verbindungen nach Antwerpen, Cadiz und sogar über den Kanal bis London), sondern den hohen militärischen Wert. Er schlägt die Bildung einer Kommission vor, die entsprechende Verwendungsmöglichkeiten prüfen soll. Mitglieder der Kommission sind der Wissenschaftler Joseph Lakanal, Louis Arbogast (ein Mathematikprofessor) und der Historiker Pierre Claude Francois Daunou. In einer Rede vom 1. April 1793 gelingt es Romme, die Bewilligung von 6000 Franc zum Bau von zunächst drei Telegrafie-Stationen zu erwirken.

Claude und Abraham Chappe haben inzwischen an ihrem Tachygraphen weitere, entscheidende Verbesserungen vorgenommen. Die Apparatur besteht aus einem 7 Meter hohen, blau angestrichenen Mast. An seinem oberen Ende trägt er einen Querbalken, den 4,60 m langen und 30 cm breiten „Regulator“. An dessen beiden Enden wiederum ist je eine himmel- und eine bodenwärts weisende Querlatte angebracht. Jeder dieser „Indikatoren“ ist etwa 2 m lang und mit Gegengewichten versehen, um seine Bedienung zu erleichtern. Regulator und Latten sind mit einer Farbe gestrichen, die sie kontrastreich von dem jeweiligen Hintergrund hervorhebt – Ergebnis der Farb- und Lichtexperimente Chappes aus seiner Jugendzeit. Steht der Tachygraph vor einem freien Himmel, dann sind die Zeichengeber schwarz. Steht er vor einem Wald, dann sind sie weiß. Gebaut werden die Teile in der Pariser Werkstatt von Guillaume Jacquemart in der Passage du Désir 88.

Regulator und Indikatoren werden von einer Plattform mit Hilfe von Seilzügen bedient. Damit können sie in die unterschiedlichsten Anstellwinkel gebracht werden. Zahlreiche Positionen lassen sich auf diese Weise darstellen. Jede entspricht einem anderen Zeichen oder einem Code, etwa „Wiederholen!“ oder „Verstanden“. Theoretisch sind 196 Zeichen- und Buchstabenstellungen möglich. In der Praxis wird man sich auf 98 beschränken, da Feineinstellungen über größere Entfernungen nicht klar erkennbar sind. Das Codebuch, das die Chappes schließlich entwerfen, umfasst anfangs 92 Seiten. Auf jeder davon sind 92 nummerierte Phrasen und Sätze aufgelistet. Zusammen ergab das die unglaubliche Zahl von 8.464 (92x92) Sätzen oder Begriffen, die durch nur zwei aufeinanderfolgende Codes übermittelt werden konnten. Der erste Code gab die Seitenzahl an. Der zweite Code stand für die Nummer des auf der Seite aufgelisteten Begriffs.

Für das vom Konvent bewilligte Geld wird die erste Station in Belleville ausgebaut, die zweite soll auf den Hügeln von Ecouen 15 km weiter nördlich errichtet werden, und die dritte weitere 11 km nördlich in der Stadt Saint-Martin-du-Tertre. Bewährt sich die Anlage, so soll die Linie bis in das 190 km von Paris entfernte Lille verlängert werden. Denn bei Lille verläuft die Nordfront. Die Stadt Condé-sur-l’Escaut, 40 km von Lille entfernt, wird von österreichischen Truppen belagert und soll von republikanischen Truppen entsetzt werden. Um militärische Befehle zu übermitteln und zu erhalten, ist man mit der Kutsche 60 Stunden unterwegs. Berittene Boten brauchen etwa halb so lange. Eine schnellere Verbindung ist also lebenswichtig.

Am 12. Juli 1793 ist es so weit, die erste Teilstrecke zu erproben.15 km sind es bis zum ersten Signalturm, weitere 11 km bis zum zweiten und vorerst letzten. Claude Chappe „bemannt“ Belleville; Abraham Chappe sitzt in Saint-Martin-du-Tertre, zusammen mit zwei Zeugen der früheren Experimente. Um 4:26 Uhr werden die ersten Signale ausgetauscht. Elf Minuten später ist die erste Nachricht von Belleville nach Saint-Martin übermittelt. Neun Minuten später trifft als Empfangsbestätigung die Rückantwort ein. All das es über eine Entfernung von rund 26 km. Und schon am 4. August 1793 genehmigt der Konvent weitere 58.400 Francs für den Bau der ersten 15 Stationen von Paris bis Lille.

Die Gebrüder Chappe erhalten nun jede mögliche Unterstützung. Bäume, die die freie Sicht zwischen Stationen verhindern, dürfen nach ihrem Ermessen gefällt werden. Auf jeder geeignet erscheinenden Anhöhe, auf jedem Turm dürfen sie eine Signalanlage errichten. Claude wird zum Ingénieur Telegraphiste im Rang eines Pionierleutnants ernannt. Sein Monatssold beträgt 600 Francs, dazu ein Dienstpferd. Die Oberaufsicht über die Linie als „administrateur des Télégraphes“ erhält Abraham Chappe. Er ist erst 21 Jahre alt. Sein Gehalt beträgt monatlich 500 Francs, ebensoviel wie das von Ignace und Pierre-Francois die ebenfalls angestellt werden. Die Aufsicht über den Bau der insgesamt 192 km langen Linie hat das Kriegsministerium, oberster Bauherr ist der Architekt Charles Garnier. Den Mechanismus baut der renommierte schweizer Uhrenbauer Abraham Louis Bréguet (1747-1823).

In den folgenden Wochen werden 15 Plattformen mit Stationshaus in etwa 10 bis 15 km Abstand voneinander errichtet, auf Anhöhen und Türmen. Die erste Station liegt am Louvre, Die erste Station befindet sich am Pavillon de l’Horologe du Louvre, dem Uhrenturm des Louvre. Nicht weit davon, im Palais d‘Egalité, tagt der Nationalkonvent. So werden Nachrichten zwischen Nationalversammlung und der Signallinie schnell hin- und her befördert werden. Ihre Endstation befindet sich auf dem Dach der St. Katharinenkirche in Lille.

Jede Station wird mit zwei Telegrafisten besetzt. Der eine bedient sie Signalarme, der andere beobachtet die beiden Nachbarstationen durch sein Fernrohr. Dabei ruft er seinem Kollegen die Stellung der Zeichen zu. Sie wird sofort in ein Signalbuch geschrieben. Bei der Übermittlung lässt der „Absender“ jedes Zeichen 15 Sekunden lang stehen. Sonderzeichen beschleunigen die Verständigung, denn der Nachrichtenaustausch soll ja in beiden Richtungen laufen. Zeigt ein Indikator nach oben (Himmel), dann bedeutet dies, dass gerade Botschaften übertragen werden. Die Station ist also „auf Sendung“. Zeigt der Indikator nach unten (Erde), dann ist die Station auf Empfang. Um Zeit zu sparen, wird jedes von der Nachbarstation abgelesene Zeichen sofort weitergesendet.

Anfangs stehen die Tachygraphen noch unter freiem Himmel. Später wird die Plattform den Boden eines wettergeschützten Stationshauses bilden. Auch die Mechanik wird dann nur noch aus drei Hebeln, zehn Rollen und sechs Endlosketten bestehen. André-Francois Miot, Graf von Melito (1762-1841), Abteilungsleiter im Kriegsministerium, schlägt vor, die Zeichengeber als Telegraph = Fernschreiber zu bezeichnen. Es ist das erste Mal, dass dieses Wort benutzt wird.

Derweil geht das Morden in Frankreich unvermindert weiter. Am 24. November 1793 wird auch Jean-Jacques Ampère hingerichtet. Er ist der Vater des später weltberühmt gewordenen Physikers André-Marie Ampère. In einem Frauenhospiz werden Insassinnen vergewaltigt, darunter auch Waisenkinder. Damit es keine Zeugen gibt, werden 166 Menschen massakriert. Die Tötungsmaschine wandert seit ihrer ersten Inbetriebnahme in Paris im April des vorangegangenen Jahres von Platz zu Platz. Täglich fordert sie ihr „frisches Gebäck“. Das bedeutet: 30 bis 40 Köpfe, manchmal auch mehr. In vier Monaten, bis zum Ende der Schreckensherrschaft, werden 2341 Personen guillotiniert. Das Blut, das dabei vergossen wird, verbreitet an heißen Tagen einen „pestilenzartigen Geruch.“ Terror und Tod breiten sich in den folgenden Wochen und Monaten in fast allen Provinzen Frankreichs aus. In einem Bericht heißt es: „Schlösser wurden gestürmt, Gutshöfe geplündert, in den Landstädten drang der Pöbel in die Villen und Paläste der Fabrikanten und Adligen ein…“ Schließlich schickt der Konvent Kommandos in die Provinzen, die für Ordnung sorgen sollen. Sie tun es mit brutalsten Mitteln. So werden u.a. Hunderte von Menschen auf Lastkähnen festgekettet, die man dann in der Loire-Mündung versenkt.

Eilberichte von der Front

Desto schneller der Bau der Linie vorangeht, desto spärlicher fließen die Gelder aus Paris. Wochenlang warten die Arbeiter auf ihren Lohn, drohen mit Arbeitsniederlegung. Claude kann sie nur mit Mühe bei der Stange halten, Abraham schreibt verzweifelt, wie die Bewohner von Lille ihm aus dem Weg zu gehen versuchen oder ihn öffentlich beschimpfen. Dennoch: am 30. April 1794 sind alle Stationen von Paris bis Lille bemannt. Die ersten Versuche können beginnen. Gekostet hat die Linie bis dahin rund 166.240 Livres. Das entsprach etwa 6926 Goldmünzen von je 7,64 Gramm oder „nur“ dem Dreifachen dessen, was vor der Revolution für die Fütterung der Jagdhunde Ludwig XVI. ausgegeben wurde. Oder ein anderer Vergleich: ein Mittagsmenue im Gasthaus kostete ein Livre, ein Sitzplatz in der Oper das Doppelte, nach grob geschätzter Umrechnung zwischen 5 bis 15 €.

Am 30. August, es ist früher Nachmittag, als der Abgeordnete Lazare Carnot (1753-1823) im Konvent ans Rednerpult tritt und verkündet: „Hier ist der Bericht des Telegraphen, der uns soeben erreicht: ‚Condé ist wieder Bestandteil der Republik, seit heute Morgen 6 Uhr‘ “ (Condé être restitué á République, reddition ce matin 6 heurs.) Es ist die fast taufrische Mitteilung, dass die „Truppen der Republik“ die Stadt Quesnoy von den Österreichern und Preußen zurückerobert haben.

Welch technische Sensation sich hinter der Nachricht verbirgt, wird anfangs jedoch nicht so richtig wahrgenommen. Denn der 30. August ist ein Samstag, und nur wenige Abgeordnete sind anwesend. Doch allen wird klar: Noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit war es gelungen, eine Information über eine solche Entfernung in so kurzer Zeit zu übermitteln. Die Abgeordneten beschließen, einen Glückwunsch an die Truppen im Norden zu schicken. Er lautet: „Der Konvent dekretiert sogleich, dass Condé hinfort nicht mehr Condé, sondern Nord-Libre (freier Norden) heißen wird, und möge die Nordarmee nicht aufhören, sich um das Vaterland verdient zu machen. Der Telegraph wird beauftragt, dieses Dekret nach Lille zu übermitteln, damit es von dort durch einen Sonderkurier nach Nord-Libre befördert wird…“

Der Text trifft um 18:20 Uhr in Lille ein. Bereits neun Minuten später – die Sitzung im Konvent ist noch nicht zu Ende – kommt die Antwort. Sie bestätigt, dass „das Dekret überbracht und unter der Armee verbreitet wird.“ Nun schweigen selbst die letzten Skeptiker. Als 20 Stunden später ein völlig erschöpfter Reiter in Paris eintrifft, um die „Befreiung“ des Nordens zu verkünden, muss er sich sagen lassen: „Das wissen wir doch schon längst.“

Noch bis zum Jahr 1847 wird die „Nordlinie“ in Betrieb sein. Zu den wenigen Ausländern, die den Telegrafen auch aus dem Inneren eines Stationshauses beobachten dürfen gehört im Jahr 1796 der Hamburger Domherr Friedrich Johann Lorenz Meyer (1760-1844). In seinen Erinnerungen „Fragmente aus Paris“ schreibt er: „Der Telegraph steht auf dem platten Dach der auf dem westlichen, mittleren Pavillon de Louvre errichteten Warte… In dem geräumigen, ringsum mit Fenstern umgebenen Zimmer…“ beobachtet Meyer die an der Wand hängende Sekundenuhr, als der Telegrafist die Frage nach Lille schickt, ob es dort bei der Armee etwas Neues gäbe „Mit dem achtundvierzigsten Sekundenschlag kam die vom Beobachter am Fernrohr ausgerufene Antwort: „NEIN!“

Chappe wird inzwischen als „Wohltäter des Mutterlands“ gefeiert. Auf Grund des Erfolges schlagen die Chappe-Brüder einen weiteren Ausbau der Linie vor. Sie soll den Truppen der Republik folgen. Aber Geld ist knapp. Auf die Verlängerung nach Ostende wird deshalb zunächst verzichtet. Stattdessen wird am 3. Oktober 1794 der Bau einer zweiten Linie geplant, die Paris über Metz und Straßburg mit Landau in der Pfalz verbinden soll, Doch es dauert allein vier Jahr, um die Strecke bis Straßburg zu vollenden. Dann stoppte man den weiteren Ausbau. Von der Regierung bevollmächtigt bringt Claude Chappe die dringend benötigten Finanzmittel für den Ausbau des Netzes mit Hilfe einer Lotterie auf. Alle Landerhebungen, alle hohen Gebäude, Klöster und Kathedralen werden in die Linie einbezogen. Gleichzeitig werden die dafür benötigten Telegrafisten ausgebildet. Am 31. Mai 1798 „steht“ schließlich auch die Verbindung über Metz in das 486 km von Paris entfernte Straßburg. Die 44 Stationen werden bis 1852 in Betrieb bleiben, bis zum Erscheinen von Eisenbahn und elektrischem Telegrafen.

„Telegraphik“ auf deutschem Boden

Den Alliierten bleibt die revolutionäre Nachrichtentechnik nicht lange verborgen. Vor allem die Engländer ärgern sich. Denn dort hatte der Marquis von Worcester bereits 1633 Signale über größere Entfernungen mit dem Fernrohr abgelesen. Auch sein Landsmann Robert Hooke (1635-1703), Chemiker und Physiker, hatte 51 Jahre später die Royal Society auf die Vorteile eines optischen Zeichengebers hingewiesen. Er wollte ihn vor allem für den Seeverkehr nutzen. „Alle Dinge könnten so bequem eingerichtet werden, dass man das gleiche Zeichen in Paris sehen könnte, innerhalb einer Minute, nachdem es in London aufgezeigt wurde, und desgleichen in Proportion über die größten Entfernungen.“ Doch Hooke erging es wie zahllosen Erfindern vor und nach ihm: die Königliche Gesellschaft wollte nichts von seiner Erfindung wissen. Hookes Gerät wurde über größere Entfernungen nicht erprobt. Der einzige, der davon profitierte, war sein Landsmann Edgeworth. Der ließ 1763 von seinem Kontor in der City oft London eine private Linie zu seinem Landhaus in Newmarket bauen, etwa 90 km nordöstlich der Hauptstadt. Als Signale dienten Glocken, Flaggen und Schwenkarme. Die Strecke bestand jedoch nicht lange, und geriet bald in Vergessenheit.

Die Kunde über Chappes Erfindung und ihren Einsatz ist natürlich auch in deutsche Lande gelangt. Auch dort gibt es Bastler, Tüftler und Gelehrte, die sich bereits seit längerem mit ähnlichen Projekten befassen. Einer von ihnen ist der Lehrer und Entomologe Johann Andreas Benignus Bergsträsser (1732-1812). Der lebt in Hanau in Hessen. Schon 1784, neun Jahre vor Chappes Linie Paris-Lille, entwarf er eine Signalpost für eine schnelle Nachrichtenverbindung zwischen der Messestadt Leipzig und der Hafen- und Hansestadt Hamburg. Sie sollte auch nachts funktionieren, da Zeichenkombinationen mit Hilfe von vier verschiedenen Arten von Raketen von Station zu Station übermittelt werden konnten. In diversen Schriften äußerte er sich unter anderem über „eine Correspondenz in ab- und unabsehbare Weiten“ und „Über Signal-, Ordre- und Zielschreiberei in die Ferne“. Einen von ihm konzipierten Flaggentelegrafen bezeichnete er als „eine Kunst oder Anweisung, nach verabredeten Signalen ebenso gut zu schreiben, wie man die artikulierten Töne einer Sprache zu Papier bringt.“ Doch Bergsträßers Vorschläge fanden keinen Anklang. Das Verfeuern von Raketen schien zu teuer, der Bau der Leitung durch das damals noch kleinstaatliche deutsche Gebiet zu kompliziert. Zu winzig und zu zahlreich waren die vielen deutschen Territorien, deren Grenzen zudem auch noch häufig wechselten. Für die meisten Markgrafen, Fürsten, Herzöge und selbst für Könige war es preiswerter und einfacher, Nachrichten weiterhin per Kurier zu schicken. Kuriere konnten zudem auch nachts reiten und erreichten schon in wenigen Stunden eine Landesgrenze. Wozu also ein grenzübergreifendes Telegrafennetz?

Der Ruhm, das erste „Telegram“ auf deutschem Boden verschickt zu haben gebührt wahrscheinlich Johann Lorenz Böckmann (1741 - 1802). Er war der jüngste und fünfte Sohn eines Lübecker Buchhändlers, hatte Theologie, Mathematik und Physik studiert und war ein Mann mit vielseitigen Interessen. Er gehörte mehreren wissenschaftlichen Gesellschaften an, modernisierte u.a. in Baden das Schulwesen und baute 1775 ein Dampfwagenmodell. Dabei assistierte ihm als „Mechanicus“ ein gewisser Karl FriedrichBenz (1844-19239) –bald ein Name von Weltruf. Böckmann experimentierte auch mit verschiedenen Methoden der Nachrichtenübermittlung. In Karlsruhe wird auf sein Drängen hin eine „Telegraphen-Kommission“ gebildet. Und am 22. November 1794 übermittelt ein optischer Telegraf in wenigen Minuten dem Markgraf Carl Friedrich von Baden (1728-1811) Glückwünsche zu dessen 66. Geburtstag. Für die Strecke von 1,5 km hätte selbst ein schneller Bote 20 Minuten benötigt.

Noch im gleichen Jahr veröffentlicht Böckmann seine Druckschrift „Versuch über die Telegraphik“. In Mannheim stellt er im folgenden Jahr im Auftrag des Herzogs Albert (Albrecht) Kasimir von Sachsen-Teschen weitere Versuche an. Sie fallen so befriedigend aus, „dass seyne königliche Hoheit den Entschluss fassten, eine telegraphische Linie von Mannheim nach Maynz errichten zu lassen und Böckmann sehr edel beschenkten, der noch bereits im nemlichen Jahr, von Ihrer Majestät Kaiser Franz dem II. die große goldene Verdienstmedaille gnädigst zugeschickt erhielt. Im Jahr 1798 kam ein neues Geschenk von Ihre Königlichen Hoheit, dem Erzherzog Carl dazu, der sich, seine weiteren Vorschläge zur Einführung der Telegraphie ausgebeten hatte,“ heißt es in einem zeitgenössischen Bericht. Böckmanns Traum war eine Kette von Sende- und Empfangseinrichtungen. In einem Brief an den Regensburger Fürstenrat schilderte er ein solches Netz als eine Einrichtung, „die St. Petersburg mit Cherson [in der Ukraine] und die ganzen übrigen Länder in mehr als einem Welttheile aufs nächste vereinigen wird.“ Aber daraus wird nichts, obwohl im gleichen Jahr der spanische Ingenieur Augustin de Betancourt y Molina (1758-1824) eine telegrafische Verbindung zwischen Madrid und dem Sommersitz der königlichen Familie in Aranjuez herstellte. Das ist immerhin eine Strecke von 47 km. Durch diese Leitung schickte er elektrische Impulse, die je nach Kombination verschiedenen Codes entsprachen. Es war die erste, längere Telegrafenleitung der Welt.

Napoleons Wunderwaffe

Die Engländer beginnen als erste, Versäumtes nachzuholen, denn sie fühlen sich zunehmend von Frankreich bedroht. Einige Offiziere hatten im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg beobachtet, wie die Rebellen unter General Washington Informationen teils über die gegnerischen Linien hinweg übermittelten: Kisten, Tücher, Fässer und Körbe wurden in unterschiedlichen Kombinationen an Masten hochgezogen. Nach diesem Vorbild errichtete die Britische Admiralität zwischen London und dem 12 km weit nordöstlich von Dover liegenden Ort Deal auf natürlichen Erhebungen (noch heute heißen viele davon Telegraph Hill) 15 Stationen. Andere Linien führten zu den Hafenstädten Portsmouth, Yarmouth und Plymouth. In einem zeitgenössischen Bericht heißt es enthusiastisch: „Ein einzelnes Signal wurde nach Plymouth und zurück [nach London] in nur drei Minuten übermittelt, welches auf der Telegrafen-Linie etwa 500 Meilen [800 km] entspricht… Das Signal pflanzte sich mit einer Geschwindigkeit von 170 Meilen pro Minute fort, oder drei Meilen pro Sekunde oder drei Sekunden für jede Station! Welch‘ Geschwindigkeit: wirklich wunderbar!“ Das System, ein sogenannter Klappen-Telegraf, war also ähnlich schnell wie das von Chappe. Dennoch war es diesem weit unterlegen. Die Zeichen wurden durch verschließbare Löcher in schwarzen Tafeln dargestellt. Aber bei der zwischen Herbst und nebligem Frühjahr vom Torf- und Braunkohlenrauch geschwängerten Londoner Luft ließen sich selbst am Tag die Lochkombinationen kaum ablesen. „Die Station in Putney Heath, die mit Chelsea kommuniziert, ist meistens durch östliche Winde unbrauchbar gemacht, wenn diese den Rauch aus London, der das Themsetal füllt, herüberwehen.“ Smog anno 1794!

So sind die Franzosen den Engländern, aber auch Ländern wie Schweden und Dänemark beim Ausbau des Nachrichtennetzes buchstäblich um Hunderte von Meilen voraus. 1798 wird die Nordlinie bis Dünkirchen verlängert. Auch der Kriegshafen Brest wird angeschlossen. In 18 Monaten werden 55 Stationen für die Strecke errichtet, Luftlinie etwa 540 km. Über diese Linie erhält das Kriegsministerium nun in nur knapp sieben Minuten Meldung über alle im Kanal beobachteten Schiffsbewegungen. Versuche, mit Hilfe von Laternen auch nachts zu signalisieren, schlagen jedoch fehl. Die Lichtpunkte verschwimmen zu einem einzigen Feuerschein. Ansonsten jedoch arbeiten die Anlagen jedoch mit für damalige Begriffe geradezu phänomenaler Geschwindigkeit. Hier einige Vergleiche mit dem Postkutschentempo – wobei zu bedenken ist, dass Frankreichs Landstraßen im 18. Jahrhundert zu den besten Europas gehörten:

Im Schnitt war das alles 1.300-mal schneller als eine Postkutsche.

Freilich, je mehr Linien die Franzosen bauen, desto teurer wird ihr Unterhalt. Auf jeder Station sind pro Schicht mindestens zwei Mann im Einsatz. Dazu kommen am Absende- und Empfangsort auch noch eine Anzahl von Chiffrieren und Dechiffrierern. Aus einer alten Kostenaufstellung für rund 7000 Depeschen geht hervor, dass sich der Preis pro „Sendung“ auf etwa 150 Francs belief belief, der im April 1795 eingeführten neuen Währung. Das entsprach damals dem 120-fachen Tageslohn eines Telegrafisten, oder dem, was ein normaler Arbeiter in Frankreich in drei Monaten verdiente. Telegrafisten gelten deshalb mit 1,25 Franc Tageslohn als gut bezahlt. Die Stellung ist heiß begehrt. Außerdem kann man Karriere machen. Ein Inspecteur zum Beispiel, dem jeweils zehn Stationen unterstehen, verdient etwa das Dreifache. Allerdings sind auch damit keine großen Sprünge möglich. Denn die Inflation grassiert. Die wenigsten Arbeiter und Handwerker können sich Fleisch leisten. „Das Huhn im Topf eines jeden Franzosen“, das Henri IV. schon 200 Jahre zuvor allen Bürgern versprochen hatte, bleibt für die Masse des Volkes immer noch ein Wunschtraum. Hauptnahrungsmittel sind Brot, Gemüse, Brei und Suppen. Ein neues Hemd gibt es alle zwei oder drei Jahre, ein Anzug muss oft fürs Leben reichen, ebenso die Lederschuhe. Der einfache Bürger „trägt Holz.“

Nur überlebenswichtige, also militärische Gründe konnten also die teure Übermittlung der Depeschen rechtfertigen. Reiche Privatpersonen hätten durch Nutzung des Chappeschen Telegrafen die Betriebskosten vielleicht senken können. Aber das war verboten, der Telegraf diente allein dem Staat. Normalbürger konnten lediglich staunend zusehen, wie die Signalarme auf den Türmen überall im Lande auf- und niederschwenkten, um geheimnisvollen Botschaften zu übermitteln. Auch die Telegrafisten selbst sollten die Nachrichtensymbole, die sie ablasen oder weitergaben, nicht verstehen. Dazu waren zuverlässige Chiffrierer bzw. Dechiffrierer da. Besuche der Stationen waren für Unbefugte verboten, und die Codebücher wurden gehütet wie brisante Staatspapiere. Als die Engländer bei den Kämpfen in Flandern ein Codebuch der Franzosen erobern, können sie für eine Weile die Nachrichten „mitlesen“, bis diese ihren Code ändern.

In Preußen baut der Berliner Franz Carl Achard (1753-1821) anno 1795 einen „transportablen Feldtelegraphen“. Er erprobt ihn zwischen Berlin und der Zitadelle im damaligen Kasernenviertel Spandau. Die Anlage soll Botschaften übermitteln, doch nicht wie bei Chappe mittels Signalarmen, sondern als geometrische Figuren. Achard stellt ein Signalbuch für 2.375 Wörter und Begriffe zu sammen. Aber kein Mensch hätte sich diese Vielzahl merken können,.und der Zeitverlust durch ständiges Nachschlagen im Signalbuch wäre viel zu groß. Preußen bleibt bei der Nachrichtenübermittlung „zu Pferde“, während in Frankreich das Chappesche Telegrafennetz wächst und wächst. Achard bleibt ein anderer Ruhm: Als Allround-Genie züchtet er die Zuckerrübe, und macht mit dem Rübenzucker Preußen und später Deutschland vom Zuckerimport unabhängig.

Am 2. März 1796 ist Napoleon zum Oberkommandierenden der Italien-Armee ernannt worden. Seitdem hat er nicht nur das heruntergekommene Heer auf Vordermann gebracht, sondern auch für eine möglichst enge Anbindung an das neue Telegrafennetz gesorgt. Als er am 5. August 1797 mit unterlegenen Kräften die Österreicher unter General Wurmser in der Schlacht bei Castiglione am Gardasee besiegt, teilt er - gerade mal 28jährig - am folgenden Tag selbstbewusst dem Direktorium in Paris mit: „Voila, in fünf Tagen ging eine weitere Kampagne zu Ende. Wurmser ist erledigt…“ Die Depesche enthält den Zusatz eines Direktoriumsmitglieds: „par le Telegraph“.

Auch In den folgenden Jahren, vor allem nach seiner Ernennung zum Ersten Konsul der Französischen Republik im Dezember 1799 sorgt Napoleon auf seinen Eroberungsfeldzügen dafür, dass ihm der Telegraf folgt. So können seine Befehle schnellstmöglich an seine Heerführer übermittelt werden. Und auch er selbst wird umgehend von jeder Entwicklung und Veränderung an den verschiedenen Fronten informiert. Deshalb führt er oft einen Feld-Telegrafen in seinem Tross, um Depeschen „nach hinten“ durchzugeben oder von dort empfangen zu können. Seine Gegner haben nichts Vergleichbares. So wird der Telegraf für Napoleon zu einer Art Wunderwaffe, der schnelle Informationsaustausch zu einem entscheidenden Hilfsmittel für seine Siege. Auch er ist gegen eine zivile Verwendung des Telegrafen. Allerdings erlaubt er die Übermittlung der Lotteriegewinne am Tag der Ziehung. Das ermuntert die Bevölkerung zum Spielen, bringt Geld in die Kriegskasse und hält seine Soldaten bei Laune.

Dank Napoleons Eroberungen werden die Linien auch in die von ihm besetzten Gebiete Europas verlängert, bis Mailand und Venedig. Im Lauf der Jahre entsteht so ein Netz mit über 500 Stationen. Bei der Benutzung der Telegrafen geht Napoleon dennoch auf Nummer sicher: Wichtige Gespräche lässt er zusätzlich noch mit reitenden Boten übermitteln. Doch was die Schnelligkeit anbetrifft, sind seine Zeichengeber unschlagbar. Mit ihrer Hilfe kann er die oft zahlenmäßige Unterlegenheit seiner Truppen gegenüber dem Gegner wettmachen. Aufgrund aktuellster Informationen über „die Lage“ können er und seine Offiziere taktische Bewegungen schneller durchführen und auf Bewegungen des Gegners fast augenblicklich reagieren. So etwa am 10. April 1809. Da lässt Napoleon aus Paris eine Depesche an seinen Marschall Berthier nach Straßburg schicken. Dauer der eigentlichen Übermittlung: Sechs Minuten. In der Depesche teilt er Berthier mit, dass etwa Mitte April mit einem Angriff Österreichs gerechnet werden müsse. Doch der Angriff beginnt schon am gleichen Tag: bei Salzburg überschreiten die Österreicher unter Führung des 33-jährigen Erzherzog Karl den Inn. Ultimativ fordert Karl von dem ein Jahr älteren König Max Joseph I. von Bayern, sich von Napoleon zu trennen. König Max flieht. Der französische Gesandte schickt einen Kurier mit dieser Information zu Berthier nach Straßburg. Der lässt die Botschaft unmittelbar nach Empfang – es ist der 12. April – nach Paris telegrafieren. Napoleon gibt Berthier den Befehl zum Gegenangriff. Am 22. April erscheinen Berthiers Truppen vor der Bayrischen Hauptstadt – und schon am 25. April kann König Max wieder in seine Residenz einziehen.

Noch im Herbst des gleichen Jahres wird Samuel Thomas Sömmerig (1701-1781), Leibarzt von König Max, seinem Chef einen Apparat vorführen, der Informationen auf völlig anderem Weg übermittelt als der Chappesche „Holztelegraf“. Doch davon später.

Der Tod im Brunnen

Von seiner Erfindung hat Chappe keinerlei materiellen Vorteil. An den Priesterberuf ist nicht mehr zu denken. Er kann froh sein, Chef des Telegrafenamtes bleiben zu dürfen. Doch die Bezahlung ist schlecht. Schließlich will man ihm auch noch die Ehre streitig machen, das so erfolgreiche Nachrichtensystem entwickelt zu haben. Der Engländer Hooke, von dem schon die Rede war, und der Franzose Guillaume Amontons (1663-1705) sollen die eigentlichen Erfinder gewesen sein, so heißt es. Tatsächlich hatte Amontons, seit seiner Kindheit äußerst schwerhörig, einen Apparat konstruiert, der aussah wie ein Windrad, wobei jeder Flügel mit jeweils einem Buchstaben des Alphabets beschrieben war. Ein Beobachter an der nächsten Station las die Buchstaben mit Hilfe eines Fernrohrs ab und gab sie an die nächste Station weiter. 1695, also gut ein Menschenalter vor Claude Chappe, baute Amontons eine Versuchslinie von Meudon nach Paris, eine Entfernung von etwa 12 km.

In seiner Not wendet sich Chappe hilfesuchend an Napoleon. Doch selbst der hält zu Chappes Gegnern. So versinkt der 42-jährige Chappe in tiefe Melancholie. Am 23. Januar 1805 stürzt er sich in einem Anfall von Depression vor dem Telegrafenamt in einen Brunnen und stirbt. Sein Netz aber wird weiter ausgebaut, auch nach Napoleons Niederlage bei Waterloo und seiner anschließenden Verbannung 1815 nach St. Helena.

Ab 1830, Dank Napoleons Verbannung, darf der Chappesche Telegraf nicht nur von Regierung und Militär benutzt werden, sondern dient auch zur Übermittlung von Börsenkursen. Das wiederum machen sich einige Betrüger zu Nutze, darunter die Pariser Bankiers Francois und Joseph Blanc. Sie bestechen auf der Linie Paris-Bordeaux einen Telegrafisten der Station bei Tours zu vereinbarten Zeiten „irrtümlich“ falsche Zeigerstellungen einzustellen. Damit soll er signalisieren, ob die aktuellen Kurse an der Pariser Börse steigen oder fallen. Die drei verdienen dabei nicht schlecht. Aber nach zwei Jahren, 1836, fliegt der Schwindel auf.

1844, fast vierzig Jahre nach Chappes Selbstmord, stehen auf französischem Boden 535 Telegrafenstationen, die 29 große Städte des Landes untereinander und mit der Hauptstadt verbinden, sternförmig von Paris in alle Landesteile führend, haben zusammen eine Länge von rund 5.000 km. Rund 1000 Telegrafisten sorgen für ihren Betrieb. Ein Jahr später wird die erste elektrische Telegrafenlinie zwischen Paris und Rouen errichtet. Ihre Signale,

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