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Der grüne Strahl

Erstes Capitel.
Bruder Sam und Bruder Sib.

»Bet! – Beth! – Beß! – Betsey! – Betty!«

So lauteten die Namen, welche unmittelbar hinter einander aus dem prächtigen Salon der Helenenburg ertönten – eine merkwürdige Gewohnheit des Bruders Sam und des Bruders Sib, die Verwalterin ihres Landgutes herbeizurufen.

In diesem Augenblicke verhallten aber jene familiären Abkürzungen des Namens Elisabeth ebenso wirkungslos, als wenn die Trägerin desselben mit ihrem vollen Namen gerufen worden wäre.

Dagegen erschien der Intendant Patridge, die schottische Mütze in der Hand, in der Salonthür.

Patridge richtete seine Worte an zwei freundlich aussehende Männer, welche in der Nische des großen Fensters saßen, das mit drei buntglasigen Scheiben ein Stück über die Hausfaçade vorsprang.

»Die Herren haben nach Frau Beß gerufen, sagte er; Frau Beß befindet sich aber nicht im Hause.

– Wo ist sie denn, Patridge?

– Sie begleitet Miß Campbell, welche im Parke lustwandelt.«

Auf ein von beiden Männern gegebenes Zeichen zog sich Patridge würdevoll zurück.

Jene waren die Brüder Sam und Sib – oder nach eigentlichen Taufnamen Samuel und Sebastian – die Oheime der Miß Campbell. Schotten vom alten Schlage, Schotten aus einem antiken Clan der Hochlande, zählten sie zusammen hundertzwanzig Jahre, bei einem Altersunterschiede von nur fünfzehn Monaten zwischen dem älteren Sam und dem jüngeren Sib.

Um mit wenigen Zügen diese Musterbilder von Ehrenhaftigkeit, Wohlwollen und Aufopferungsfähigkeit zu skizziren, genügt wohl die Bemerkung, daß deren ganzes Leben einzig und allein ihrer Nichte geweiht gewesen war. Sie waren die Brüder der Mutter derselben, welche, schon nach einjähriger Ehe verwitwet, durch eine hitzige Krankheit frühzeitig dahingerafft wurde. Sam und Sib Melvill blieben also als natürliche Beschützer der kleinen Waise zurück. Uebereinstimmend in gleicher Zärtlichkeit, lebten, dachten und träumten sie nur für sie.

Um ihretwillen waren sie, ohne es eben zu bedauern, unverheiratet geblieben, zwei gutmüthige Naturen, welche hienieden keine andere Rolle als die eines Beschützers zu spielen haben. Ist es nicht schon genug gesagt, wenn wir von ihnen verrathen, daß der Aeltere gleichsam Vaterstelle, der Jüngere hingegen mehr Mutterstelle bei dem Kinde vertrat? So kam es zuweilen vor, daß Miß Campbell sie dementsprechend mit einem: »Guten Tag, Papa Sam! – Nun, wie geht's, Mama Sib?« begrüßte.

Wem hätte man sie passender vergleichen können, diese beiden Onkels, als, abgesehen von geschäftlicher Erfahrung und Findigkeit, jenen zwei so guten, so übereinstimmenden und einander zärtlich zugethanen, hochherzigen Kaufleuten, den Gebrüdern Cheeryble aus der City von London, den beiden vollkommensten Geschöpfen, welche je der Phantasie Boz Dickens' entsprungen sind. Es wäre unmöglich gewesen, einen treffenderen Vergleich zu finden, und wenn man den Verfasser beschuldigen könnte, deren Typus dem bedeutendsten Werke Nicolas Nickleby's entlehnt zu haben, so würde Niemand dieses Plagiat zu bedauern haben.

Sam und Sib Melvill, durch ihrer Schwester Verheiratung verwandt mit einem Seitenzweige der alten Familie Campbell, hatten einander niemals verlassen. Die gleiche Erziehung hatte sie auch moralisch gleichmäßig gestaltet. Sie hatten zusammen den gleichen Unterricht in der nämlichen Schule und ein und derselben Classe genossen. Da sie stets über Alles denselben Gedanken zutage förderten und die gleichen Ausdrücke dafür zu gebrauchen pflegten, so konnte Jeder leicht einen angefangenen Satz des Andern vollenden, wobei den Hauptpunkten auch die nämlichen Gesten erhöhten Nachdruck verliehen. Mit einem Worte, diese beiden Wesen bildeten eigentlich nur ein einziges, obgleich ihre persönliche Erscheinung einige Verschiedenheit darbot. Sam war nämlich etwas größer als Sib, Sib etwas corpulenter als Sam; ihr graues Haar hätten sie aber vertauschen können, ohne den Charakter der grundehrlichen Gesichter zu verändern, denen der ganze Adel der Abkömmlinge des Clans von Melvill aufgeprägt war.

Müssen wir besonders hinzufügen, daß sie bezüglich des Schnittes ihrer einfachen, hinter der Mode des Tages stets etwas zurückbleibenden Kleidung, wie der Wahl der Stoffe aus vorzüglichem englischen Tuche ganz denselben Geschmack verriethen? Nur der eine kleine Unterschied – wer hätte den Grund dazu erklären können? – bestand zwischen ihnen, daß Sam die dunkelblaue, Sib dagegen die kastanienbraune Farbe zu bevorzugen schien.

Wenn der Eine die Tabaksdose hervorholte etc.

Wer hätte nicht mit diesen ehrenwerthen Gentlemen gern auf vertraulichem Fuße gestanden? Gewohnt, im Leben immer gleichen Schrittes zu gehen, machten sie einst gewiß auch Einer unsern dem Andern Halt, wenn ihnen das Stündlein der ewigen Ruhe schlug. Immerhin konnte man diese beiden letzten Pfeiler der Familie Melvill noch als recht solid bezeichnen. Sie hielten gewiß noch lange Zeit das alte Gebäude ihrer Rasse aufrecht, welche dem 14. Jahrhundert entstammte, der epischen Zeit eines Robert Bruce und eines Wallace, der Heldenepoche, in der Schottland noch mit England um seine Unabhängigkeit rang.

Wenn Sam und Sib auch keine Gelegenheit hatten, für das Wohl des Vaterlandes zu kämpfen, wenn ihr minder bewegtes Leben unter dem Segen friedlicher Ruhe verlief, den ein behäbiges Vermögen verleiht, so darf man ihnen daraus weder einen Vorwurf machen, noch sie für entartet halten wollen. Sie setzten eben in ihrem Bestreben, Gutes zu wirken, die edlen Ueberlieferungen ihrer Vorfahren fort.

Beide kerngesund, ohne daß sie sich den Vorwurf irgend welcher Unregelmäßigkeit der Lebensweise zu machen hatten, schienen bestimmt, hohe Jahre zu erreichen, ohne jemals, weder an Geist noch an Körper, zu altern.

Ein junges Mädchen mit Rosen auf den Wangen wurde sichtbar.

Ein junges Mädchen mit Rosen auf den Wangen wurde sichtbar.

Vielleicht hatten sie einen Fehler – wer könnte sich rühmen ohne einen solchen zu sein? – sie verbrämten ihre Unterhaltung gerne mit mannigfachen, dem berühmten Burgvogt von Abbotsford entlehnten Bildern und Citaten, und vorzüglich auch mit solchen aus den epischen Dichtungen Ossian's, in welche sie geradezu vernarrt schienen. Doch wer könnte ihnen im Lande Fingal's und Walter Scott's daraus einen Vorwurf machen?

Um ihr Porträt durch die letzte Retouche zu vollenden, müssen wir noch hinzufügen, daß sie starke Schnupfer waren. Jedermann weiß ja wohl auch, daß die Tabakshandlungen im Vereinigten Königreiche meist einen kräftigen, in Nationaltracht prangenden Schotten mit der Dose in der Hand als allgemein verständliches Symbol gebrauchen. Nun, die beiden Brüder Melvill hätten ganz gut dazu gepaßt, als Abzeichen auf den bemalten Zinkschildern zu figuriren, wie man solche an den Schutzdächern über den betreffenden Localen sieht. Sie schnupften eben so viel, wenn nicht gar noch etwas mehr, wie sonst Einer diesseits wie jenseits des Tweed. Dabei besaßen sie merkwürdiger Weise nur eine einzige Tabaksdose, natürlich ein sehr großes Exemplar. Dieses tragbare Stück Möbel wanderte stets abwechselnd in die Tasche des einen und des Andern und bildete damit gewissermaßen noch ein weiteres Band zwischen den Brüdern. Es versteht sich ganz von selbst, daß dieselben zu genau gleicher Zeit, etwa zehnmal in der Stunde, das Bedürfniß empfanden, sich an dem vortrefflichen, aus Frankreich bezogenen Pulver der Herba nicotiana zu erquicken. Wenn der Eine die Tabaksdose aus den Tiefen seines Rockes hervorholte, hatten eben Beide Appetit auf eine gute Prise, und Beide beglückwünschten sich, wenn sie niesten, mit einem: »Gott helfe uns!«

Alles in Allem waren sie zwei richtige erwachsene Kinder, die Brüder Sam und Sib, in Bezug auf alle praktischen Lebensfragen; von industriellen, finanziellen und commerciellen Angelegenheiten verstanden sie absolut nichts, und gaben sich auch gar nicht das Ansehen, davon etwas zu verstehen; politisch zählten sie im Grunde vielleicht zu den Jacobiten, bewahrten ein ererbtes Vorurtheil gegen die Dynastie Hannover und gedachten noch immer des Letzten der Stuarts, ungefähr wie in Frankreich Jemand dem Letzten der Valois pietätvolles Andenken bewahren könnte; in Herzenssachen gar waren sie noch weniger Kenner.

Und doch hatten die Brüder Melvill nur den einen Wunsch, klar zu sehen im Herzen der Miß Campbell, deren geheimste Gedanken zu errathen, diese, wenn nöthig, in bestimmter Richtung zu leiten, sie zu entwickeln, wenn das angezeigt erschien, und endlich sie an einen wackeren Mann ihrer (der Brüder) eigenen Wahl zu verheiraten, der gar nicht verfehlen könnte, das junge Mädchen glücklich zu machen.

Wenn man ihnen glauben durfte – oder vielmehr, wenn man sie reden hörte – schien es, als hätten sie jenen braven Mann schon gefunden, dem jene beneidenswerthe Aufgabe zufallen sollte.

»Helene ist also ausgegangen, Bruder Sib?

– Ja, Bruder Sam; aber es ist schon fünf Uhr und sie muß bald nach der Cottage heimkehren...

– Und wenn sie zurückkommt...

– Denk' ich, Bruder Sam, wird es die geeignete Zeit sein, mit ihr einmal ein recht ernsthaftes Gespräch zu führen.

– Binnen wenigen Wochen, Bruder Sib, vollendet unsere Tochter das achtzehnte Lebensjahr.

– Das Alter der Diana Vernon, Bruder Sam. Ist sie nicht eben so liebreizend, wie die bewundernswerthe Heldin von Rob-Roy?

– Gewiß, Bruder Sib, und bei der Grazie ihres Auftretens...

– Bei der Lebhaftigkeit ihres Geistes...

– Bei der Originalität ihrer Ideen...

– Erinnert sie nicht mehr an Diana Vernon als an Flora Mac Ivor, die große, imponirende Gestalt aus Waverley?«

Die auf ihren Nationaldichter stolzen Brüder Melvill citirten noch mehrere andere Namen weiblicher Hauptcharaktere aus dem »Antiquar«, »Guy Mannering«, dem »Abbé«, dem »Kloster«, dem »schönen Mädchen von Perth«, dem »Kenilworth« u.s.w., aber ihrer Meinung nach mußten Alle der Miß Campbell den Vorrang lassen.

»Sie ist ein junger Rosenstock, Bruder Sib, der etwas schnell aufgeschossen ist, und dem es eine Wohlthat sein wird...

– Ihm eine Stütze, einen Beschützer zu geben, Bruder Sam, und da hab' ich mir sagen lassen, daß der beste Beschützer...

– Natürlich nur ein Ehemann sein kann, Bruder Sib, denn er schlägt in demselben Boden Wurzel...

– Und wächst ganz entsprechend, Bruder Sam, mit dem Rosenstocke, den er schützt.«

Beide Brüder und Oheime Melvill waren gleichmäßig auf diese, dem »Vollkommenen Gärtner« entlehnte Metapher gekommen. Offenbar gewährte ihnen das eine gewisse Befriedigung, denn es erweckte ein ganz gleiches, selbstzufriedenes Lächeln auf ihren gutmüthigen Gesichtern. Bruder Sib öffnete die gemeinsame Tabaksdose und griff säuberlich mit zwei Fingerspitzen hinein; dann wanderte dieselbe in die Hand des Bruders Sam, der sich eine tüchtige Prise zulangte und sie dann gelassen in die Tasche gleiten ließ.

»Also stimmen wir überein, Bruder Sam?

– Wie immer, Bruder Sib!

– Auch bezüglich der Wahl des Beschützers?

– Könnte man überhaupt eine sympathischere und für Helene passendere Persönlichkeit finden als jenen jungen Gelehrten, der uns zu wiederholten Malen so anerkennenswerthe Gefühle kundgegeben...

– Ob ebenso ernsthaft gemeinte?

– Wer sollte daran zweifeln? Wohl unterrichtet und graduirt auf den Universitäten von Oxford und Edinburgh...

– Ein Physiker wie Tyndall...

– Ein Chemiker wie Faraday...

– Der alle Dinge dieser Erde aus dem Fundamente kennt, Bruder Sam...

– Und den man mit keiner Frage in Verlegenheit zu setzen vermöchte, Bruder Sib...

– Der Abkömmling einer hochangesehenen Familie der Grafschaft Fife und daneben Besitzer eines zulänglichen Vermögens...

– Ohne seiner, meiner Empfindung nach, trotz der Aluminiumbrille höchst ansprechenden Persönlichkeit zu erwähnen...!«

Die Augengläser dieses Helden hätten nun freilich in Stahl, in Nickel oder Gold gefaßt sein können, so hätte das seinen Werth in der Anschauung der Brüder Melvill weder vermehrt noch vermindert. Solche optische Hilfsmittel stehen jungen Gelehrten meist recht gut zu Gesicht, da sie deren Physiognomie den Stempel eines gewissen würdigen Ernstes aufdrücken helfen.

Doch würde dieser Graduirte der oben genannten Universitäten, dieser leidenschaftliche Physiker und Chemiker, auch Miß Campbell ebenso angenehm sein? Glich Miß Campbell einigermaßen der Diana Vernon, so weiß Jedermann, daß Diana Vernon für ihren gelehrten Vetter Rasleigh keine andere Empfindung hegte, als die einer dauernden, aufrichtigen Freundschaft, und daß sie diesen am Ende des Buches nicht heiratete. Schön! Das war indeß gar nicht dazu angethan, die Brüder Melvill zu beunruhigen. Sie gingen hier gänzlich mit der Erfahrung alter Junggesellen zu Werke, d. h. sie verstanden von derartigen Dingen gar nichts.

»Sie sind einander schon öfters begegnet, Bruder Sib, und unser junger Freund schien für die Schönheit Helena's nicht unempfänglich zu sein.

– Das glaub' ich gern, Bruder Sam. Wäre dem göttlichen Ossian die Aufgabe zugefallen, ihre Tugenden, ihre Schönheit und Grazie zu preisen, so würde er sie »Moina«, das heißt »Die von der ganzen Welt Geliebte« genannt haben...

– Wenn er, Bruder Sib, für sie nicht auf den Namen »Fiona«, das heißt »Die Schöne ohne Gleichen aus der gaëlischen Zeit«, gekommen wäre.

– Hat er, Bruder Sam, nicht gewissenmaßen vorahnend unsere Helena geschildert, wenn er sagt: »Sie verläßt das schützende Dach, wo sie im Geheimen geseufzt, und erscheint in ihrer vollen Schönheit, wie die Mondscheibe am Rande einer Wolke des Orients...

Und der Glorienschein ihrer Reize umrahmt sie gleich Lichtstrahlen, Bruder Sib, während der sanfte Schall ihrer leichten Schritte wie Musik an das Ohr schlägt!«

Glücklicher Weise sanken die beiden Brüder, ihre Citationen unterbrechend, aus dem etwas nebelumhüllten Himmel der Barden wieder in das Bereich der Wirklichkeit hernieder.

»Jedenfalls, meinte der Eine, wenn Helena unserm jungen Gelehrten gefällt, kann es gar nicht fehlen, daß er auch ihren Beifall findet...

– Und wenn sie ihrerseits, Bruder Sam, ihm noch nicht alle die Aufmerksamkeit erwiesen hat, welche die großen Eigenschaften verdienen, mit denen er von der Hand der Mutter Natur so reichlich ausgestattet ist...

– So kommt das, Bruder Sib, einzig und allein daher, daß wir ihr noch nicht gesagt haben, es sei Zeit für sie, in den Stand der heiligen Ehe zu treten.

– An dem Tage aber, an dem wir ihre Gedanken diesem Ziele zugelenkt haben werden, wird sie, selbst angenommen einen gewissen Widerwillen ihrerseits, nicht gegen den erwählten Gatten, doch gegen die Ehe im Allgemeinen...

– Gar nicht zögern, uns mit einem freudigen »Ja« zu antworten, Bruder Sam...

– Ganz wie der vortreffliche Benedict, Bruder Sib, der, nachdem er sich lange gesträubt...

– Doch bei der Lösung des Knotens in »Viel Lärm um nichts« die Beatrix heiratet.«

In dieser Weise legten sich die beiden Oheime der Miß Campbell die zu erwartenden Dinge zurecht, und der auf ein allgemeines Wohlgefallen hinauslaufende Ausgang ihrer Combination erschien ihnen gleich naturgemäß, wie jener in der Komödie Shakespeare's.

In voller Uebereinstimmung waren sie aufgestanden und sahen einander mit seinem, befriedigtem Lächeln an, rieben sich auch, von derselben Empfindung inspirirt, die Hände. Es war einmal eine abgemachte Sache, diese Heirat. Welche Schwierigkeit hätte sich derselben entgegenstellen können? Der junge Mann hatte schon verblümt um das junge Mädchen angehalten, und diese würde darauf eine Antwort ertheilen, um deren Inhalt sie sich keinerlei Sorge zu machen brauchten. Alle Vorbedingungen schienen ja erfüllt – es konnte sich höchstens noch darum handeln, etwa den Termin der Hochzeit festzusetzen.

Das sollte und mußte eine schöne, erhebende Feier werden, die in Glasgow vor sich gehen sollte; hier aber, um diesen Nebenumstand wenigstens zu erwähnen, nicht in der Kathedrale Saint Mungo, der einzigen Kirche Schottlands, welche, mit Saint Magus auf den Orcaden, im Zeitalter der Reformation unangetastet geblieben war. Nein! Diese war in ihrer Construction zu massig und deshalb etwas zu düster für eine Trauung, welche, nach der Vorstellung der Brüder Melvill, einer vollen Blüthenentfaltung frischer Jugend, einem Strahlenkranze von Liebe gleichen mußte Sie gedachten dazu eher Saint Andrew oder Saint Enoch oder sogar die Kirche Saint George zu wählen, welche sich im vornehmsten Theile der Stadt erhebt.

Bruder Sam und Bruder Sib fuhren fort, ihre Projecte in einer Form zu entwickeln, welche mehr an einen Monolog, denn an einen Dialog erinnerte, weil ihr Gespräch ausnahmslos dieselbe Reihenfolge in ganz gleicher Weise ausgedrückter Ideen zutage förderte. So plaudernd, betrachteten sie durch die rautenförmige Oeffnung des Fensters die schönen Bäume des Parkes, unter denen Miß Campbell eben lustwandelte, die herrlich grünen Rabatten, welche plätschernde Bäche umrahmten, den von einem fast phosphorescirenden seinen Dunste bedeckten Himmel, der den Hochlanden des inneren Schottlands eigenthümlich zu sein scheint.

Sie sahen sich gar nicht an; das wäre unnütz gewesen; von Zeit zu Zeit aber faßten sie sich, wie getrieben durch einen zärtlichen Instinct, am Arme und drückten einander die Hände, als wollten sie durch Schließung einer Art magnetischen Stromes die Ueberleitung ihrer Gedanken gegenseitig erleichtern.

O, das sollte herrlich werden! Alles müßte den Stempel edler Vornehmheit tragen, die armen Leute von der West-George-Street, wenn es dergleichen gab – doch wo fänden sich Arme nicht? – würden natürlich auch nicht vergessen werden bei dem frohen Feste. Wenn Miß Campbell unerwarteter Weise für größere Einfachheit der Ceremonie sein und ihre beiden Oheime in diesem Sinne zu beeinflussen suchen sollte, so würden diese ihr zum ersten Male in ihrem Leben ernstlich Widerpart halten. Weder in diesem Punkte, noch in irgend einem andern gedachten sie sich zu Concessionen herbeizulassen. Unter höchster Feierlichkeit sollten die Gäste beim Hochzeitsmahle nach altem Brauche »aus dem hölzernen Truthahn« trinken. Und der rechte Arm des Bruders Sam streckte sich zur Hälfte gleichzeitig aus, wie der rechte Arm des Bruders Sib, als wenn sie einander schon im Voraus einen jener berühmten schottischen Trinksprüche zuriefen.

Da öffnete sich eben die Thür des Salons. Ein junges Mädchen mit Rosen auf den Wangen, die ein rascherer Gang auf sie gemalt, wurde sichtbar. In der Hand hielt sie ein aufgeschlagenes Journal. Sie trat auf die Brüder Melvill zu und bewillkommnete Jeden mit zwei herzlichen Küssen.

»Guten Tag, Onkel Sam, sagte sie.

– Guten Tag, mein liebes Kind!

– Wie geht es, Onkel Sib?

– Vortrefflich, liebes Kind,

– Helena, nahm Bruder Sam wieder das Wort, wir haben mit Dir ein kleines Arrangement zu besprechen.

– Ein Arrangement? Welches Arrangement? Was habt Ihr heimlich wieder geplant, liebe Onkels? fragte Miß Campbell, deren Augen nicht ohne einen gewissen gutmüthigen Spott von Einem zum Andern wanderten.

– Du kennst einen jungen Mann, Herrn Aristobulos Ursiclos?

– Gewiß kenne ich ihn.

– Mißfällt er Dir?

– Warum sollte er mir mißfallen, Onkel Sam?

– Also gefällt er Dir?

– Warum sollte er mir gefallen, Onkel Sib?

– Nun, nach reiflicher Ueberlegung haben der Bruder und ich geglaubt, ihn Dir als Gatten vorschlagen zu sollen.

– Ich soll mich verheiraten? Ich? rief Miß Campbell, während sie in so herzliches Gelächter ausbrach, wie der Widerhall im Salon wohl noch keines zurückgegeben hatte.

– Du willst Dich also nicht verheiraten? sagte Bruder Sam.

– Wozu sollte das nützen?

– Niemals?... sagte Bruder Sib.

– Niemals, erklärte Miß Campbell, ernsthafte Miene annehmend, welche ihr lächelnder Mund Lügen strafte, wenigstens nicht eher, als bis ich...

– Als bis Du was? riefen Bruder Sam und Bruder Sib einstimmig.

– Nicht eher, als bis ich – den Grünen Strahl gesehen habe.«

Zweites Capitel.
Helena Campbell.

Das von den Brüdern Melvill und Miß Campbell bewohnte Landhaus lag eine (englische) Meile von dem freundlichen Städtchen Helensburgh, am Ufer des Gare-Loch, einer jener pittoresken Einbuchtungen, welche sich hier und dort am linken Clyde-Ufer in's Land hineinziehen.

Während des Winters hausten die Brüder Melvill und ihre Nichte in einem alten Hôtel der West-George-Street, im aristokratischen Viertel der Neustadt von Glasgow, unsern des Blythswood-Square. Hier hielten sie sich sechs Monate lang im Jahre auf, wenn sie nicht eine Laune Helena's – der sich die Brüder ohne Widerrede fügten – auf lange Zeit von der Heimat weg, nach den Küstenländern Italiens, Spaniens oder Frankreichs entführte. Während dieser Reisen sahen sie nur noch mit den Augen des jungen Mädchens, gingen dahin, wohin es ihr zu gehen beliebte, verweilten, wo es ihr gefiel zu bleiben, und bewunderten nur, was sie gerade bewunderte. Wenn Miß Campbell dann ihr Album, in welchem sie ihre Bleistiftzeichnungen oder mit der Feder ihre Reiseeindrücke aufbewahrte, geschlossen hatte, begaben sie sich friedlich wieder auf den Rückweg nach dem Vereinigten Königreiche und bezogen, nicht ohne eine gewisse Befriedigung, die behaglich vornehme Wohnung in der West-George-Street.

Schon war der Monat Mai drei Wochen alt, und Bruder Sam und Bruder Sib fühlten ein unstillbares Verlangen, auf's Land überzusiedeln. Das ergriff sie gerade in dem Augenblicke, wo Miß Campbell den nicht weniger lebhaften Wunsch zu erkennen gab, gleichzeitig mit Glasgow dem Geräusche einer großen Industriestadt, dem geschäftlichen Treiben, welches zuweilen bis in das Quartier des Blythswood-Square fluthete, zu entfliehen, endlich einen weniger verräucherten Himmel wieder zu sehen und eine minder mit Kohlensäure überladene Luft zu athmen, als den Himmel und die Luft dieser alten Metropole, deren commercielle Bedeutung die Tabaksgrafen, »Tabacco-Lords«, vor Jahrhunderten begründet haben.

Das ganze Haus, Herren und Dienerschaft, reiste also nach dem, höchstens zwanzig Meilen entfernten Landsitze ab.

Es ist ein hübscher Ort, das Städtchen Helensburgh. Man hat es zu einer Gesundheitsstation gemacht, welche vielfach von denen aufgesucht wird, welche in der glücklichen Lage sind, ihre gewohnten Spaziertouren am Clyde mit einem Ausfluge nach dem, von allen Vergnügungsreisenden hochgeschätzten Lac Katrine oder nach dem Lac Lomond zu vertauschen.

Das Landhaus »Helenenburgh«.

Das Landhaus »Helenenburgh«.

Eine Meile von diesem kleinen Städtchen entfernt, am Ufer des Gare-Loch hatten die Brüder Melvill den reizendsten Platz ausgewählt, um daselbst ihr Landhaus zu errichten.

Es lag hier versteckt in prächtigen Bäumen, mitten in einem Netze klarer Wasseradern, auf wechselndem Terrain, das sich zur Anlegung eines Parkes ganz vorzüglich eignete. Erquickende schattige Partien, frisch grünender Rasen, verschiedene Baumgruppen, Blumenbeete, Wiesen, auf denen ein ausgezeichnetes Futter für die zur Belustigung gehaltenen Lämmer wuchs, Teiche mit klaren dunklen Wasserflächen, bevölkert von wilden Schwänen, von jenen graziösen Vögeln, über welche Wordsworth gesagt hat: »Der Schwan schwimmt zweimal – Der Schwan und sein Schattenbild!« kurz, was die Natur nur vereinigt bieten kann, um das Auge zu ergötzen, ohne daß des Menschen Hand viel daran zu schaffen hat – so war der Sommersitz der reichbegüterten Familie beschaffen.

Wir dürfen nicht vergessen hinzuzufügen, daß der, über dem Gare-Loch liegende Theil des Parkes eine wirklich entzückende Aussicht bot. Jenseits des beschränkten Golfs zur Rechten wurde der Blick zuerst gefesselt von der Halbinsel Rosenheat, auf der sich eine dem Herzog von Argyle gehörige Villa in italienischem Styl erhob.

Zur Linken begleitete die Häuserreihe des Städtchens Helensburgh die Wellenlinie des Strandes, ragten zwei oder drei Thürme empor, streckte sich der elegante Pier aus, der als Anlageplatz für Dampfboote in den See hinausgebaut ist, und stieg endlich der hügelige Hintergrund, den da und dort verstreute freundliche Besitzungen belebten, terrassenförmig in die Höhe. Geradeaus, am linken Ufer des Clyde, bildeten Port-Glasgow, die Ruinen des Schlosses Newark und Greenock mit seinem buntbewimpelten Mastenwalde ein abwechslungsreiches Panorama, von dem sich das Auge nur ungern trennte.

Diese Aussicht gewann noch an Reiz, wenn man den Hauptthurm des Landhauses erstieg, von wo aus eine weite Strecke bis zum Horizonte zu überschauen war.

Diesen viereckigen Thurm, mit leichten, an drei Ecken seiner Plattform angesetzten Ausbauten, mit seinen Zinnen und Schießscharten, den auch ein Gürtel ausgezahnter Steine umschloß, überragte an der vierten Ecke noch ein achtseitiges Thürmchen. Hier erhob sich die Flaggenstange, welche man in dieser Gegend überhaupt auf dem Dache jedes Hauses ebenso wiederfindet, wie am Hintertheil der Schiffe des Vereinigten Königreichs. Diese Art Donjon von neuem Datum beherrschte also sämmtliche zur eigentlichen »Cottage« gehörenden Baulichkeiten mit ihren unregelmäßigen Dächern, den fast nach Gutdünken angebrachten Fenstern, den vielgestaltigen Giebeln und die Façade unterbrechenden Vorbauten, mit den die Fenster umrahmenden Gesimsen und den am oberen Ende verzierten Schornsteinen, Alles in Allem geschmackvolle Phantasien, welche die angelsächsische Architektur überhaupt liebt.

Hier auf der Plattform des oberen Thurmes, unter der Nationalflagge, welche sich bei der Brise entfaltete, verträumte Miß Campbell gern manche Stunde des Tages. Sie hatte sich da oben ein reizendes Plätzchen zurecht gemacht, wo sie – in der freien Luft wie auf einer Sternwarte – bei jeder Witterung, geschützt vor Wind, Sonnenbrand und Regen, lesen, schreiben und schlummern konnte. Hier mußte man sie meistentheils suchen Befand sie sich nicht hier, so lustwandelte sie ihrer Neigung folgend in den Alleen des Parkes, allein oder in Begleitung der Frau Beß, wenn ihr feuriges Roß sie nicht durch die umliegende Landschaft trug, wobei ihr der getreue Patridge folgte, der sein Pferd tüchtig antreiben mußte, um hinter der jungen Herrin nicht zurückzubleiben.

Aus der zahlreichen Dienerschaft der Cottage müssen wir vorzüglich die beiden genannten Leute hervorheben, welche schon von Jugend auf mit der Familie Campbell gewissermaßen verwachsen waren.

Elisabeth, die »Luckie«, die Mutter – wie man die Hausverwalterin in den Hochlanden Schottlands gern nennt – zählte jener Zeit ebenso viele Jahre, als sie Schlüssel an ihrem gewaltigen Bunde trug, und deren waren nicht weniger als siebenundvierzig. Sie stellte eine wirklich umsichtige, ordentliche, ernste, gesetzte Herrscherin des Hauswesens vor, das hier auch in allem Umfange ihrem Ressort angehörte. Vielleicht meinte sie gar, die beiden Brüder Melvill, obwohl diese älter waren als sie, selbst aufgezogen zu haben; jedenfalls widmete sie wenigstens der Miß Campbell mütterliche Sorgfalt.

Neben dieser schätzenswerthen Intendantin figurirte der Schotte Patridge, ein seinen Herren unter allen Bedingungen ergebener Diener, der noch dem alten Clan treu geblieben war. Unveränderlich bekleidet mit dem nationalen Costüm der Bergschotten, trug er die bunte hohe Mütze, den Schurz aus großgewürfeltem Wollenstoff, der ihm über den kurzen Rock bis zu den Knien herabhing, den Pouch, eine Art Beutel aus langen Fasern, die hohen, durch rautenförmig geflochtene Schnüre gehaltenen Gamaschen und die gebräuchliche Fußbekleidung mit Sandalen aus Rindsleder.

Eine Frau Beß als Wirthschafterin, und einen Patridge als Schutz des Hauses, was konnte es mehr bedürfen, um sich hienieden der Sicherheit häuslicher Ruhe zu erfreuen?

Der Leser wird bemerkt haben, daß Patridge bei Beantwortung der Fragen der Brüder Melvill, als er von dem jungen Mädchen sprach, nur »Miß Campbell« sagte.

Hätte der wackere Schotte sie nämlich »Miß Helena«, also bei ihrem Taufnamen genannt, so würde er sich eines groben Verstoßes gegen die Regeln schuldig gemacht haben, welche die gesellschaftliche Stellung der Personen bezeichnen – eine Verletzung des Anstandes, die man speciell mit dem Wort »Snobismus« zu kennzeichnen pflegt.

In der That trägt die letzte, respective die einzige Tochter einer vornehmen Familie niemals ihren Taufnamen. Wäre Miß Campbell die Tochter eines Pairs gewesen, so würde sie »Lady Helena« genannt worden sein; der Zweig der Campbells aber, zu dem sie gehörte, war nur in Seitenlinie und ziemlich entfernt verwandt mit der directen Linie des Paladin Sir Colin Campbell, dessen Ahnen bis zu den Kreuzzügen zurückreichen. Seit mehreren Jahrhunderten schon hatten sich aus dem gemeinsamen Stamme Zweige getrennt, von der Linie des ruhmreichen Ahnherrn, an welchen die Clans von Argyle, von Breadalbane, von Lochnell und Andere anknüpfen; so entfernt sie diesen auch stand, fühlte Helena doch von ihrem Vater her in ihren Adern ein wenig Blut rollen von dem Blute jener weitberühmten Familie.

Außer eine stammesechte Miß Campbell war sie jedoch auch eine wahre Schottin, eine jener edlen herrlichen Töchter von Thule mit blauen Augen und blonden Haaren, deren von Findon oder Edwards gemaltes Porträt, wenn es unter die Minnas, Brendas, Amy Robsarts, Flora Mac-Ivors, Diana Vernons, die Miß Wardour, Catherine Glovers oder Mary Avenels placirt wurde, die »Keepsakes« (Erinnerungszeichen und Sammlungen) nicht verunziert hätte, in denen die Engländer die schönsten weiblichen Typen ihres großen Romanciers zusammenzustellen lieben.

Wirklich, sie war reizend, diese Miß Campbell. Jedermann bewunderte ihr hübsches Gesicht mit den blauen Augen – dem Blau der schottischen Seen, wie man gern sagte – ihre mittelgroße, aber elegante Figur, den etwas stolzen Gang, ihre meist etwas träumerische Physiognomie, wenn nicht ein leicht ironischer Anflug ihre Züge belebte, endlich überhaupt die ganze von Grazie und Vornehmheit zeugende Erscheinung.

Und Miß Campbell war nicht allein schön, sie war auch gutherzig. Reich durch ihre beiden Onkels, vermied sie es doch stets, prahlsüchtig zu erscheinen Mitleidigen Herzens, bemühte sie sich vielmehr, das alte, gaëlische Sprichwort zu bestätigen: »Möchte die Hand, welche sich öffnet, stets voll sein!«

Vor Allem hing sie mit ganzem Herzen an ihrer heimatlichen Provinz, an ihrem Clan und ihrer Familie, mit einem Worte, sie war mit Leib und Seele eine echte Schottin. Sie hätte ohne Bedenken dem niedrigsten Sawney den Vortritt vor dem größten und reichsten John Bull zugestanden, die patriotischen Fibern ihres Herzens erzitterten wie die Saiten einer Harfe, wenn von der Stimme eines Bergbewohners im Lande ein nationaler Pibroch der Hochländer an ihr Ohr schlug.

De Maistre hat gesagt: »Es gibt in uns zwei Wesen: »Ich und der Andere«.

Dieses »Ich« der Miß Campbell drückte sich aus in dem ernsten, überlegenden Wesen, welches das Erdenleben ebenso vom Standpunkt der Pflichten, wie der Rechte in's Auge faßte. Der »Andere« verrieth sich in der romantischen, etwas zum Aberglauben neigenden Natur, welche die wunderbaren Sagen liebt, die in der Heimat Fingal's naturgemäß so leicht auftauchen. Etwas verwandt mit den Lindamires, den vielbewunderten Heroinen der Ritterromane, durchstreifte sie die benachbarten Thäler und Schluchten, um dem »Dudelsack von Strathdearne« zu lauschen, wie die Hochländer den Wind nennen, wenn er durch einsame Alleen hinweht.

Bruder Sam und Bruder Sib liebten ganz gleichmäßig jenes »Ich« und jenes »Andere« der Miß Campbell; doch wir dürfen nicht verheimlichen, daß wenn das Erstere sie durch seine Vernunft entzückte, das Andere sie zuweilen ganz außer Fassung brachte durch unerwartete Antworten, durch launenhafte Fernblicke und durch plötzliche Seitensprünge in das Reich der Träume.

War es nicht dieser zweite Theil ihrer Natur gewesen, der auf den Vorschlag der Brüder eine so bizarre Antwort gegeben hatte?

»Mich verheiraten!« würde das »Ich« gesagt haben. Herrn Ursiclos heiraten!... Wollen sehen... davon können wir ja später sprechen.

– Niemals, so lange ich noch nicht den Grünen Strahl gesehen!« hatte die »Andere« in ihr eingewendet.

Die Brüder Melvill sahen einander verblüfft an, während Miß Campbell in dem großen gothischen Lehnstuhle in der Fensternische es sich bequem machte.

»Was versteht sie unter dem Grünen Strahl? fragte der Bruder Sam.

– Und warum will sie den Grünen Strahl sehen?« antwortete der Bruder Sib.

Warum? Das werden wir sofort erfahren.

Drittes Capitel.
Der Artikel der »Morning-Post«.

Denselben Tag, an dem sich die im Vorhergehenden geschilderte Scene abspielte, hätten Liebhaber von Merkwürdigkeiten Folgendes in der »Morning-Post« lesen können:

»Haben Sie jemals die Sonne beobachtet, wenn sie unter einem Meereshorizonte verschwand? – Ja, sicherlich. Sind Sie ihr auch mit dem Blick gefolgt bis zu Moment, wo sie, wenn der obere Rand ihrer Scheibe den Wasserrand berührt. eben gänzlich untergehen will? – Höchst wahrscheinlich. Aber haben Sie dabei die Erscheinung bemerkt, welche genau in dem Augenblicke auftritt, wo sie uns, vorausgesetzt, daß der dunstlose Himmel eine durch nichts gestörte Fernsicht gewährt, ihren letzten Strahl zusendet? – Nein, vielleicht nicht. Nun, so bald sich Ihnen eine Gelegenheit bietet – und das ist nur selten der Fall – bei der Sie diese Beobachtung machen können, so werden Sie wahrnehmen, daß nicht, wie man glauben könnte, ein rother, sondern ein »grüner« Strahl die Netzhaut des Auges trifft, aber ein Strahl von ganz wunderbarem Grün, von einem Farbenton, wie ihn kein Maler auf seiner Palette erzeugen kann, einem Grün, welches die Natur selbst weder in der so verschiedenen Färbung der Pflanzen, noch in der der klarsten, durchsichtigsten Meere jemals wieder in gleicher Nuance hervorbringt. Wenn es im Paradiese Grün gibt, so kann es nur das hier gemeinte sein, welches ohne Zweifel das wirkliche Grün der Hoffnung darstellt!«

So lautete der Artikel der »Morning-Post«, welches Blatt Miß Campbell beim Eintritt in den Salon in der Hand hielt. Die kurze Notiz hatte sie vollkommen eingenommen. Mit enthusiastischer Stimme las sie ihren beiden Onkels auch die angeführten wenigen Zeilen vor, welche in lyrischer Form die Schönheit jenes Grünen Strahles priesen.

Miß Campbell sagte dabei aber nicht, daß gerade dieser Grüne Strahl mit einer alten Legende in Verbindung steht, deren wirklicher Sinn ihr bisher verborgen geblieben war, einer gleich vielen anderen überhaupt unerklärten sagenhaften Ueberlieferung, nach welcher derjenige, der jenen Grünen Strahl nur einmal gesehen, sich in Herzenssachen nicht mehr täuschen könne; sein Erscheinen zerstört alle Illusionen und Unwahrheiten; wer so glücklich war, ihn nur einmal wahrzunehmen, sieht dann eben so klar im eigenen Herzen wie in dem Anderer.

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