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Der goldne Tropf

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Inhaltsverzeichnis

  • Der goldne Tropf
  • Copyright
  • 1. Kapitel: Ein Monster wird geplant
  • 2. Kapitel: Archivar Blindwurz lässt sich hinreißen
  • 3. Kapitel: Spiegeleier und Liquor
  • 4. Kapitel: Im Untergrund
  • 5. Kapitel: Der Ozonograph
  • 6. Kapitel: Konnektor Maulpann beobachtet
  • 7. Kapitel: Beerwangers Fund
  • 8. Kapitel: Das Telefon-Attentat
  • 9. Kapitel: Tödliche Chemie
  • 10. Kapitel: Die Jupiter-Kampagne
  • 11. Kapitel: Der Konnektor greift ein
  • 12. Kapitel: Spurensicherung
  • 13. Kapitel: Brenna Maulpann wirft Sehnsuchtsblicke
  • 14. Kapitel: Unterm Holundergebüsch
  • 15. Kapitel: Die Puppe Eduard
  • 16. Kapitel: Beerwanger findet Resonanz
  • 17. Kapitel: Giftberggeflüster
  • 18. Kapitel: Dr. Schnuppentrieg gerät in eine Falle
  • 19. Kapitel: Mordsängste
  • 20. Kapitel: Das Blaulicht-Debakel
  • 21. Kapitel: Das letzte Glas läuft über
  • 22. Kapitel: Ein Apfel mit Heilwirkung
  • 23. Kapitel: Der Knüller

Der goldne Tropf

Erzählung von Rudolf Stirn


Der Umfang dieses Buchs entspricht 81 Taschenbuchseiten.


Während in Backpfeif der Archivar Blindwurz im Stadtarchiv sein Unwesen treibt, gehen in der vom großen Stadtbrand gezeichneten Stadt merkwürdige Dinge vor. Ein Rezitator findet ein Manifest. Bankdirektor Vollbreit erliegt einem Telefon-Attentat. Steckt hinter allem die Öko-Mafia? Und wird Konnektor Maulpanns Tochter Brenna den Referendar Wandelbusch am Ende kriegen?



1. Kapitel: Ein Monster wird geplant

„Was ist das denn wieder? Es geht nicht, es will nicht hören!“

Es war nur das Ende der Schimpfkanonade aus dem Munde eines Geplagten, auf dessen pompöser Visitenkarte man lesen konnte: Dr. Lars Schnuppentrieg. Comicologe.

Seit Wochen rang er schon mit dem Problem, für das Vorabendprogramm des schnellen Südens ein Fernsehmonster zu kreieren, dem er zu seiner wachsenden Verzweiflung die schwäbische Mundart beibringen sollte. Der Programmdirektor des Kanals „Bilderflug“, ein Frankfurter, der das Wort nie aussprechen durfte, weil es aus seinem Mund wie „Bilderfluch“ klang, erhoffte sich von Schnuppentriegs Einsatz eine deutliche Steigerung der Werbeeinnahmen.

„S’isch a Kreuz mit diesen Backpfeifern“, sprach dieser jetzt mit neu rekrutierter Geduld dem Monster vor. Doch seine Gedanken waren nicht mehr bei der Sache. Warum sollte diese Figur unbedingt „Zapperflixl“ heißen? Er war aus dem Norden der Republik angereist, um Vaterstelle an ihr zu übernehmen und durfte nicht einmal das Kind taufen. Der Intendant hatte den Namen vorgeschlagen und durchgesetzt. Schnuppentrieg riss sich den Hemdkragen auf, denn die Hitze im Studio auf dem Backpfeifer Giftberg näherte sich dem Siedepunkt.

„Also, nochmal!“ Er drückte den Daumen in den Recorder mit der Mundartkassette „Wie d’ Gosch g’wachsa isch“. Man hatte sie ihm als Nachhilfe sehr empfohlen, als er sich entschloss, den Auftrag anzunehmen und im schnellen Süden seine Brötchen zu verdienen.

„Hano, hanoi, ällemol druff! Hano, hanoi, ällemol druff!“, raunte es aus dem Lautsprecher. Es war Übung eins, denn Dr. Schnuppentrieg musste wegen der Begriffsstutzigkeit des Monsters immer wieder von vorne beginnen.

In Backpfeif hatte der verantwortliche Privatsender ein kleines Studio eingerichtet, das die Region zu einer blühenden Werbeprovinz umschaffen sollte. Mit der Werbewaffe des Zapperflixls hoffte man vor allem jugendliche Zuschauer an das Bilderflug-Angebot zu binden, das sich Abend für Abend vom Backpfeifer Giftberg auf die ganze Region herabsenken würde. Wie dieser Stadtbuckel, auf dem er seit Wochen turnte, um die Backpfeifer werbekirre zu machen, zu seinem Namen gekommen war, interessierte ihn im Moment wenig.

Die Hitze und die Sprachschlingen des Mundartschnellkurses drohten seinen in der Republik berüchtigten Tatendurst zu ruinieren.

„Heiliger Pfisterer, hilf!“, stöhnte er und stellte ermattet den Versuch ein und den zweiten Tischventilator an. Dass es sein letzter Versuch sein würde, ahnte er nicht. Aber es gab in Backpfeif unterirdische Kräfte, die auch den rußgeschwärzten Gipfel des Giftbergs ins Wanken bringen konnten.

„Ich bin ein Idiot!“, sagte der Mundartgebeutelte und reckte, von einer plötzlichen Idee beflügelt, die nordisch schmalen Schultern. „Warum packe ich das Problem nicht andersherum an? Zapperflixl soll von nun an ein hochdeutsches Monster sein, das Mundart lernen will. Ich zeige, welche Schwierigkeiten es dabei hat, und die Leute hier werden lachen.“ Er wollte sich gerade mit frischem Tatendrang an die Arbeit machen, als er es gegen die Türe poltern hörte.

„Jaah!“, donnerte er verärgert und drehte sich um. Vor seinen Augen tanzte und flimmerte die aufgewühlte Luft. Der Ventilator schien sich spöttisch um seine Achse zu drehen. Dort drüben senkte sich langsam die Türklinke, und ein seltsames Wesen trat in Schnuppentriegs Welt.

„Was ist?“, staunte dieser und wiederholte dann mit einer Anleihe beim Kassetten-Schwäbisch: „Isch was?“

„Komm!“, sagte das Wesen. „Ein Schauplatzwechsel wird dir guttun. Nimm an, ich sei der Schauplatzwechsler. Auf meinem Rücken findest du die Taste.“

Das Wesen streckte ihm den Rücken zu. Dort war tatsächlich eine Taste angebracht.

„Verflixt!“, entfuhr es dem Comicologen, denn jetzt ahnte er Böses. Die Unterwelt schickte ihm ihre Figurenmafia auf den Hals.

Sollte er einen Fluchtversuch wagen? Angst durchrieselte seine Magengrube. Es war kein Scherz, erkannte er. Obwohl es neuerdings manchmal schwerfiel, zwischen der Realität und den Künstlichen Welten zu unterscheiden.

„Los, die Taste! Du hast drei Minuten, keine Sekunde mehr. Heb den Steiß und ruckizucki. Und stell den Ventilator ab, Zapper!“

„Schnuppentrieg“, korrigierte der Überfallene kleinlaut. Seine Beine fühlten sich an wie warmgewordene Rote Grütze. Mit Mühe stand er auf und schleppte sich zu der jetzt lebhaft flackernden Rückentaste, während ein ratterndes Geräusch entstand. In dieses Rattern hinein schrillte das Telefon. Es war nicht der Studioapparat.

Das Wesen griff mit dem Roboterarm an die Brust und zog etwas hervor, dem dumpfe Töne entquollen. Schnuppentrieg lauerte mit offenem Mund, konnte jedoch nichts damit anfangen.

„Ja, er scheint zu kapieren“, gab das Wesen zurück. „Alles im Griff. Auftrag Giftbergräumung wird erledigt.“

Dann steckte es das Gerät weg und schnarrte: „Also?!“

In seiner Panik drückte Dr. Schnuppentrieg mit feucht gewordenem Finger die Rückentaste.


2. Kapitel: Archivar Blindwurz lässt sich hinreißen

Backpfeif ist heute wieder ein passables Städtchen in der Nähe der Landeshauptstadt, welcher böse Zungen nach dem verheerenden Erdrutschsieg der Unterwelt den Spitznamen „Das Schlupfloch“ angehängt haben. Sein passables Aussehen verdankt Backpfeif aber dem Kulturreferenten Mühlschlegel. Ihm gelang es nämlich, bei der Regierung Mittel locker zu machen für eine Schönheitsoperation, die nach der Brandkatastrophe vor zwei Jahrzehnten fast einer Wiederbelebung des zentralen Nervensystems gleichkam.

Der Minister für Stadterneuerung war wie immer in großer Finanznot. Das brachte ihn auf den Einfall, den Fundus der Suporamica Filmgesellschaft heranzuziehen, die durch die übermächtige amerikanische Konkurrenz in Konkurs gegangen war. Er benannte sie nach Aushandlung eines Sozialplans und Gesundschrumpfung einfach um in Suporamica Stadtentwicklungs-GmbH und stellte Backpfeif die übrig gebliebenen Kulissen als Fassadenersatz zur Verfügung, sowie mehrere Spezialisten für Fachwerk-Imitation.

Einige Kulissen aus dem Heimatfilm-Sektor konnten sofort verbaut werden. Die Mittel wurden vom Vereinigten Härtefall-Tag abgesegnet und unter dem Motto „Wie der Phönix aus der Asche“ zum Einsatz gebracht. Durch das aufmunternde Motto gelang es auch, das Gemüt der Backpfeifer, das durch den Schicksalsschlag gelitten hatte, schonend zu restaurieren.

Die Backpfeifer handelten seit alters nach dem Leitspruch „Wenn dir einer die Backe hinhält, hau druff und pfeif dir eins!“, so dass der Backpfeifer Archivar Blindwurz nach jahrelangen Sucharbeiten im Backpfeifer Archivstaub sich dazu berufen fühlte, der urkundlich seit fast achthundert Jahren anders belegten und nun gleichsam wiedergegründeten Stadt zu diesem aus dem alten Grundsatz der Einwohner geschöpften Namen zu verhelfen.

Zuerst heulte man in Backpfeif trotzdem auf und säbelte wild an seinem Stuhl herum. Doch Blindwurz gab in einer Bürgerversammlung zurück, ein wenig entgegen seinem sonst eher staubigen Temperament: „Backpfeifen soll’s hageln, ihr Verblendeten! Schon der verstorbene Marheinike hat es euch ins Stammbuch geschrieben. Ihr aber habt nicht auf ihn hören wollen in eurer schalen Selbstgenügsamkeit!“

Man verstummte augenblicklich im Saal und hielt ihn für übergeschnappt. Denn von Marheinike hatte nie jemand irgend etwas gehört.

Doch als sich der Archivar hinreißen ließ, der Bürgerversammlung in seiner Empörung die Zunge zu zeigen, brauste ein Sturm auf, der die künstlichen Stadtfassaden um den Marktplatz herum ins Wanken hätte bringen können. Blindwurz glaubte sich erledigt, und so blieb ihm nichts, als die Dokumente und Aufzeichnungen in seiner Mappe verschwinden zu lassen und durch den Notausgang das Weite zu suchen.

Einige Tage lang versteckte er sich im Stadtarchiv, das im Nebengebäude einer Backpfeifer Lehr- und Mehr-Anstalt untergebracht war. Erst der Hunger trieb ihn am Ende ans Licht, als er die wenigen Butterbrote, seinen Notvorrat, verzehrt hatte. Zum Nachspülen fand sich leider an dieser einsamen Stätte nichts.

Von Zeit zu Zeit aber drangen musikalische Aufmunterungsweisen aus dem Radio, die das selbstgewählte Dreitage-Exil von Blindwurz verschärften. Er saß niedergeschlagen in der Ecke des Archivs und war unfähig, sich zu wehren, denn die vom Hunger geschwächten Beine versagten ihm den Dienst. So ließ er das, was er Rumpffunk nannte, über sich ergehen. Es linderte seinen Schmerz auch nicht, dass er in den Tönen, die aus dem Gerät kamen, den Backpfeif-Walzer des an der Lehr- und Mehr-Anstalt wirkenden Musikers Bodo Wepper-Tammen zu erkennen glaubte, der unter freier Anwendung der Nebenverdienstverordnung aufmunternde Walzerklänge zugunsten der notleidenden Industrie der Stadt schrieb.

Nein, es war das Werksorchester der Industrie-Pfeifer, die sich besonders pfiffig in Szene zu setzen mühten. Blindwurz musste den Jodel-Hit über sich ergehen lassen, was seiner Katerstimmung eine abgrundtiefe Schwärze verlieh: „Backpfiff-pfiff, labbel-di-babbel plag-di-net, bleib im Bett, dreh dei Fett ...“

Mit letzter Kraft schleuderte der Archivar ein Konvolut mit mittelalterlichen Erntedankgebeten nach dem Gerät, das klaglos vom Tisch fiel und auf dem kratzbürstig ausgelegten Archivboden weiter quäkte. Da es aber mit dem Gesicht nach unten lag, war es leiser geworden und grummelte nur noch albtraumstiftend in die ansonsten unheimliche Nachtstille hinauf.

Ja, in der Zwischenzeit war es zum dritten Mal Nacht geworden und der Backpfeifer Zorn über Blindwurz hatte sich gleichfalls schlafen gelegt.



3. Kapitel: Spiegeleier und Liquor

Der Archivar Blindwurz tappte noch vor Mitternacht zu seiner Vorstadtwohnung zurück, wappnete sich vor der Haustüre, indem er sich bekreuzigte, und rührte dann den Türklopfer, weil er vergessen hatte, dass er allein lebte, seit er sein Heim-Archiv in städtische Nutzung hatte überführen müssen.

Liebevoll streichelte er die Türklopfer-Fratze, die ihm in diesem Moment in dürrer Welt als einziges Phantasiehupferl erschien. Da niemand öffnete, erinnerte er sich, wer er war und zog seinen Schlüsselbund aus der Hosentasche, um sich einzulassen.

Drinnen roch es hochprozentig reptilisch nach Vorstadtelend.

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Viel Spaß!



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