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Jan Bürger

Der gestrandete Wal

Das maßlose Leben des Hans Henny Jahnn –
Die Jahre 1894–1935

Hoffmann und Campe

Prolog

Ende der fünfziger Jahre macht sich eine junge Berlinerin auf die Suche nach Büchern von Hans Henny Jahnn. Wir wissen wenig über sie. Sie heißt Käthe KirfelKirfel, Käthe und bereitet im Ostteil der Stadt ihr Examen vor. Redakteurin möchte sie werden. Einmal, Anfang 1957, besucht sie deswegen Peter HuchelHuchel, Peter, den Lyriker und Chefredakteur der legendären Kulturzeitschrift Sinn und Form. Und HuchelHuchel, Peter gibt ihr vor allem einen Rat mit auf den Weg: Lesen Sie Jahnn!

Dies nimmt sich Käthe KirfelKirfel, Käthe zu Herzen: Sie macht den »westdeutschen Schriftsteller« zum Thema ihrer Prüfungsarbeit. Das alles schreibt sie HuchelHuchel, Peter, als sie die Nachricht von Jahnns Tod am 29. November 1959 in der Zeitung findet. Sie ist eine enthusiastische Leserin. Deshalb denkt sie vor allem darüber nach, wie schwer es für sie war, sich Jahnns Bücher zu besorgen. Wir schreiben die Zeit vor dem Mauerbau: »Im demokratischen Teil Berlins ist nichts von ihm herausgekommen – Nachfragen in Westberliner Buchhandlungen waren fruchtlos. Entweder kannte man Jahnn gar nicht oder aber, man wollte ihn aus politischen Gründen nicht kennen und zum dritten hatte man gerade die einzige ro-ro-ro Ausgabe der ›13 ungeheuerlichen Geschichten‹ nicht zur Hand!«[1] Nach und nach sei es ihr immerhin gelungen, in der Stadtbibliothek Jahnns MedeaMedea. Tragödie, Das HolzschiffFluß ohne Ufer. Roman in drei TeilenDas Holzschiff und den ersten Band der Niederschrift des Gustav Anias HornFluß ohne Ufer. Roman in drei TeilenDie Niederschrift des Gustav Anias Horn auszuleihen.

Wäre es der jungen Käthe KirfelKirfel, Käthe 60 Jahre später anders ergangen? Könnte sie heute in jede gute Buchhandlung gehen, um sich Fluß ohne UferFluß ohne Ufer. Roman in drei Teilen zu kaufen, so selbstverständlich wie James JoycesJoyce, James Ulysses oder Alfred DöblinsDöblin, Alfred Berlin Alexanderplatz?

Nein, Jahnn ist heute nicht bekannter als im Jahr seines Todes. Dass seine Werke seither nicht nur die Jungredakteurin Käthe KirfelKirfel, Käthe tief berührten und sich viele für sie eingesetzt haben, dass seine Stücke immer wieder auf den Spielplänen der großen Theater stehen und es inzwischen eine stattliche Reihe von Übersetzungen gibt, unter anderem ins Russische und ins Französische, dass sein 100. Geburtstag 1994 in Hamburg aufwendig mit Konzerten, Lesungen und einem großen Kongress gefeiert wurde – dies alles hat daran wenig geändert.

PerrudjaPerrudja. Roman oder Die Nacht aus BleiDie Nacht aus Blei wurden nie so populär wie die ähnlich komplexen Romane Franz KafkasKafka, Franz, Robert MusilsMusil, Robert oder Vladimir NabokovsNabokov, Vladimir, das allerdings ist nicht unbedingt erstaunlich. Viel erstaunlicher wirkt hingegen, dass Jahnn über die Jahrzehnte hinweg eine Art Gemeinde behielt und nie wirklich vergessen wurde. Und das, obwohl vieles in seinen Büchern und Briefen auch heute noch verstört, obwohl seine Romane sehr lange schwer erhältlich waren und obwohl sich die meisten Leser durch sie überfordert fühlen. Jahnn ist nach wie vor eine recht unbekannte Größe, doch eine Größe ist er geblieben.

Daher überrascht es zwar, dass ein weltberühmter Komponist wie Wolfgang RihmRihm, Wolfgang für die international beachtete Eröffnung der Hamburger Elbphilharmonie im Januar 2017 ausgerechnet eine Hommage an Hans Henny Jahnn geschrieben hat, zugleich leuchtet es unmittelbar ein.[2] Denn nicht nur die Literatur, auch die Musikkultur der Hansestadt wurde im 20. Jahrhundert von kaum einem anderen Künstler so kontinuierlich und nachhaltig geprägt wie von Jahnn. Untergründig wirken seine Werke und Ideen, die fast immer quer zum Mainstream standen, bis heute fort: Ohne Jahnn hätte es in Hamburg wahrscheinlich nie eine Akademie der Künste gegeben. Ohne ihn wäre die herausragende Arp-Schnitger-Orgel in St. Jacobi nach dem Ersten Weltkrieg sang- und klanglos abgerissen worden. Er war es, der Schriftsteller wie Peter RühmkorfRühmkorf, Peter und Hubert FichteFichte, Hubert förderte, als sie noch ganz am Anfang standen. Nicht zuletzt spiegelt sich Hamburg facettenreich in Jahnns Jahrhundertwerk Fluß ohne UferFluß ohne Ufer. Roman in drei Teilen, als jene Stadt, in der Gustav Anias Horn, die Hauptfigur der Romantrilogie, aufwuchs: eine Metropole auf dem Weg zur Weltgeltung, voller Glanz, Glitter und Elend, mit Konzert- und Kaffeehäusern, Konsumtempeln, Theatern und der Halbwelt St. Paulis am Rande der unüberschaubaren Hafenlandschaft.

Zugleich ist seine Hinterlassenschaft sperrig geblieben. »Jahnn berührt uns – und er berührt uns peinlich, dabei wird es bleiben, wenn das ›Bleibende‹ dieses Autors schon keine Frage mehr ist«, hat der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Adolf MuschgMuschg, Adolf 1994 festgestellt.[3] Könnte das anders sein? Wie bei sehr wenigen Autoren besteht die Größe von Jahnns Werken doch gerade in jenem Unbehagen, das sie hervorrufen, im radikal Sonderbaren, wenn nicht Bedrohlichen. Wer sich auf Jahnn einlässt, stellt zwangsläufig die eigenen Grundsätze und Gewohnheiten zur Disposition. Das ist nicht unbedingt angenehm, zugleich gehört es aber zum Wichtigsten, was ein Kunstwerk bewirken kann.

In Jahnns erster Rede nach dem Zweiten Weltkrieg am 14. November 1946 in Hamburg bekennt er: »Ich persönlich fordere die Freiheit des Denkens und Empfindens, denn wir sind alle in eine Konstitution hineingeboren, der wir nicht entrinnen können. Sündigen wir gegen diese Konstitution, verbietet man uns, die zu sein, zu denen wir aufgerufen wurden, so werden wir durch den Urteilsspruch der Fibrillenmaschine zu Sadisten.«[4] Die verheerenden Katastrophen des 20. Jahrhunderts, der Nationalsozialismus, die Kriege, Auschwitz, Hiroshima und Nagasaki sind für Jahnn nicht zuletzt das Ergebnis eines kollektiven Aufbegehrens gegen die menschliche und die nicht-menschliche Natur. Er betrachtet sie als Folgen einer absolut gesetzten Zweckrationalität, die von gefährlichen religiösen Ansichten begleitet werde. 1946, als es in Deutschland erst einmal darauf ankommt, die Trümmer beiseite zu schaffen, die Verbrechen des Nationalsozialismus im Detail zu begreifen und die Hauptschuldigen vor Gericht zu stellen, wirkt das befremdlich, wenn nicht verfehlt. – Heute, im Zeichen der akuten Bedrohungen durch religiöse und politische Fanatiker fällt es womöglich leichter, Jahnns subkutane Absage an Ideologien und Absolutheitsansprüche jeglicher Couleur nachzuvollziehen. Zugleich tritt sein mitunter naiver Irrationalismus und Determinismus in seiner Fragwürdigkeit noch deutlicher zu Tage. Viele von Jahnns stets mit großer Vehemenz vertretenen Überzeugungen machten schon seinen zeitgenössischen Verehrern zu schaffen, etwa dem deutsch-französischen Schriftsteller Joseph BreitbachBreitbach, Joseph. 1955 setzte er sich für Übersetzungen von Jahnns Werken ins Französische ein, und dabei kam er zu dem Schluss: »Ich beuge mich tief vor diesem Werk, obwohl ich mich an hundert Einzelheiten darin arg stosse und meiner trocken-skeptischen Natur vieles darin zu pathetisch und manisch ist, zu schweigen von dem vollkommenen Mangel an Humor, ohne den doch nichts komplet[t] ist auf der Welt. Dennoch …«[5]

Vielleicht ließe sich BreitbachsBreitbach, Joseph Dennoch in der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts doch gegen ein Weil tauschen: Skeptische, humorvolle und handwerklich perfekte Romane und Dramen gibt es in der Geschichte der modernen Literatur einige. Die Einzigartigkeit – auch die einzigartige Schönheit – von Jahnns Werken wurde nur möglich, weil er sich von allen Konventionen lossagte, von den gesellschaftlichen ebenso wie von den ästhetischen, weil er sich keiner Lehrmeinung anschloss, weil er als Autodidakt und zuweilen auch als Dilettant versuchte, noch einmal »alles selbst« (FS, 272) zu machen, weil er sich weigerte, seine Gefühle zu unterdrücken, und seinen Intuitionen stärker vertraute als allen Übereinkünften und Gepflogenheiten. Als Jugendlicher wurde Jahnn aufgrund seiner sexuellen ›Konstitution‹ in die Rolle des Außenseiters gezwungen – später war ihm das Exzentrische nicht nur eine Last, nicht nur ein Schicksal, er hat es oft auch gesucht und provoziert. Jahnn wusste, dass seine von ihm oft beschworene ›Abtrünnigkeit‹ die Voraussetzung dafür war, jene Begabungen zur Geltung zu bringen, die nicht nur er selbst als genial empfand. Aber ein allein auf sich selbst angewiesenes Genie unterscheidet sich kaum von dem sprichwörtlichen Mahner in der Wüste, der vielleicht gar nicht weise, sondern einfach nur verrückt ist. Auch darüber machte sich Jahnn keine Illusionen.

Deshalb hatte er wenig Skrupel, die Unterstützung, die er besonders in seiner Heimatstadt oft vermisste, offensiv einzufordern. Wenn er über das Geniale spekulierte, ging es ihm dabei meist zuallererst um ihn selbst: um die ihm eigene Größensehnsucht ebenso wie um seine Zweifel und Versagensängste. Gestrandete LiteraturGestrandete Literatur nannte er eine Rede, die er auf seiner ersten Deutschlandreise nach der bedingungslosen Kapitulation hielt. Den Hintergrund seiner Worte bildet die berechtigte Furcht, als jemand, der seit Hitlers Machtübernahme ins Ausland ausgewichen war, in seiner Heimat schlicht unerwünscht und zu einem Fremdling geworden zu sein, der nicht mehr verstanden wird: »Mag der Nationalsozialismus abgeschafft sein: seine Sprache besteht weiter. Es ist das nicht die Sprache des Deutschen, vielmehr eine internationale Krankheitssprache. Die Sprache der Abkürzungen, die Sprache der Faulheit, der Gedankenlosigkeit, der Nachrederei, der Propaganda, der Geistlosigkeit, der Dummheit, der Gemeinheit, der Niedrigkeit in allen ihren Phasen.« (S2, 79)

Jahnn belastete die Vorstellung, in Zeiten des Wiederaufbaus überhaupt nicht mehr gebraucht zu werden. »Meine Furcht indessen ist sehr groß, daß die Werke der Genies inzwischen wie ein Wal sind, der in zu flaches Wasser kam und strandete«, heißt es im Manuskript seiner RedeGestrandete Literatur. »Mit Entsetzen schaue ich auf das hilflose Tier, und da es sich nicht rührt, fürchte ich sogar, es ist bereits tot, und wir werden demnächst den Geruch merken. Kann es denn auch anders sein, wenn sich die Menschheit dafür entschieden hat, einzig an das Nützliche und Bequeme zu glauben, an das Wasserklosett und an das Flugzeug, und von Äckern und Viehställen nichts mehr wissen will?« (S2, 76)

 

Stuttgart, Februar 2017

Einleitung

»Vergeblich und vergänglich«?

»Ich bin jetzt bald 65 Jahre alt und spüre, daß ich alt geworden bin«, schreibt Hans Henny Jahnn am 25. Juli 1959 dem Schriftsteller Werner HelwigHelwig, Werner, mit dem er seit über dreißig Jahren befreundet ist. Vier Monate bleiben Jahnn noch, bis er an den Folgen eines Herzinfarkts stirbt. Während seine Tochter SigneJahnn, Signe und sein Pflegesohn Yngve Jan TredeTrede, Yngve Jan neue Pläne schmiedeten, müsse er selbst »das Rechenstück aufstellen«, »irgendwann in den nächsten fünf Jahren« nicht mehr zu leben. »Und was mir am Herzen lag, z.B. der Ugrino Verlag, wird sich in nichts auflösen, weil es keine Nachfolge gibt. Ich habe mich, alles in allem, immer sehr gut mit SigneJahnn, Signe und YngveTrede, Yngve Jan gestellt. Es gab lange Zeiten, wo wir Freunde waren. Eines Tages war ich der Alte, der Auszuscheidende, der keinen Teil an den Zielen der Jüngeren hat. […] Seitdem – es liegt vielleicht zwei Jahre zurück – habe ich mich nicht mehr auf mich selbst besinnen können. Das Gefühl ›vergeblich und vergänglich‹ hat Überhand genommen. Ich sehe es auch an meiner Arbeit. Zwei Jahre schon plage ich mich mit meinem neuen Drama, ohne recht voran zu kommen. Jede Zeile, die ich schreibe, erscheint mir überflüssig oder tot, wirkungslos. […] Ich kam gestern dazu, einen Stapel Papiere aus dem Jahre 1934 durchzusehen: Briefe, Dokumente, Zahlungsbefehle, amtliche Verlautbarungen, Ausweisungen, Versuche, dennoch in Deutschland Geld verdienen zu können. Hunderte von Blättern. Und mir wurde übel. Ich mußte mich erbrechen wegen meiner eigenen Schwäche damals, meiner Angst, meinen Versuchen durchzukommen – wegen dieser verluderten Kraft, mit der ich wie ein Gauner durch Lügen, Betrug, Untertänigkeit, Verleugnung meiner selbst dem Prozess des Zermahlenwerdens zu entgehen versuchte. Und es wäre besser gewesen, ich hätte dem Schicksal die Stirn geboten, statt zu versuchen, ihm durch die Beine davon zu schlüpfen. Meine literarische Bedeutung war damals null. Das habe ich mir nicht eingestanden. Ich habe mir vorgespielt oder vorgelogen, daß ich jemand sei, und daß es darauf ankomme, diesen zu erhalten. Pfui Teufel! Mit dem Verlust meiner Persönlichkeit oder meines Karakters habe ich bezahlt. Überall habe ich Schulden gemacht, weil ich nicht den Mut hatte zu hungern.«

Während er diese Bilanz zieht, kann Jahnn nicht ahnen, wie wenig Zeit ihm tatsächlich noch bleibt. Hätte er sich 1934 und in den Jahren danach wirklich anders verhalten können? Oder erscheint ihm das erst durch den großen zeitlichen Abstand so, aus der Perspektive des Zurückschauenden? Gibt es nachvollziehbare Gründe für sein Gefühl, dass vieles vergeblich und vergänglich gewesen sei?

Wenn er jede Zeile, die er schreibt, für überflüssig hält, so ist es zumindest überraschend, dass er HelwigHelwig, Werner im Anschluss an seinen deprimierenden Rückblick mitteilt, die Arbeit an seiner Prosa wiederaufgenommen zu haben, an seinem letzten Roman, der wie seine großen epischen Werke PerrudjaPerrudja. Roman und Fluß ohne UferFluß ohne Ufer. Roman in drei Teilen fragmentarisch bleiben wird: »Indessen – was alles ich geschrieben habe: eines nicht: den Liebesroman, den ich mir selber schulde. Ich bin in diesen späten Jahren damit angefangen: ›Jeden ereilt esJeden ereilt es. Roman‹. Ob ich das Werk vollenden werde, bezweifle ich, obgleich es die einzige Arbeit ist, die ich mit Lust betreibe. Aber das Buch wird nicht zu veröffentlichen sein, weil ich auf niemand Rücksicht nehme, keine Schranken des Ausdrucks anerkenne, keine Absonderlichkeit verwerflich finde. Es ist die Liebe zweier Engel, die sich zweier menschlicher Gestalten bedienen und scheu und erhaben dennoch das Fleisch auskosten bis zum Letzten. – Nun, auch das wollte ich nur erwähnen, um zu sagen, daß ich mich bemühe, nach Jahrzehnten innerlicher Niederlage, zu mir zurückzufinden, wobei es zweifelhaft bleibt, ob ich überhaupt jemand bin, zu dem sich zurückfinden lässt, ob nicht längst das Wesen, das ich einmal geträumt habe, hinter Nebelwänden verschwunden ist. Schließlich habe ich weniger Gewalt über mich denn je.«[6]

Um nicht dem Gefühl der Sinnlosigkeit zu erliegen, besinnt sich Jahnn auf die künstlerische Arbeit. Von ihr verspricht er sich, etwas Verlorenes zurückzugewinnen. Durch das neue Werk möchte er verhindern, dass die Rückschau auf das eigene Leben in Resignation endet. Stattdessen soll sie Ausgangspunkt für etwas Zukünftiges werden. Jeden ereilt esJeden ereilt es. Roman ist ein Roman, mit dem Jahnn die Zeit der Pubertät aus der Perspektive des Alters vergegenwärtigt. Inszeniert er sich in seinem Brief an HelwigHelwig, Werner als einen Gescheiterten, so stellt er diesem Selbstverständnis mit den jugendlichen Protagonisten seines Romans gleichsam den Idealfall einer homosexuellen Liebe entgegen. Im Gewand der fiktionalen Prosa kommt Jahnn noch einmal auf die Erlebnisse seiner Jugend zurück, besonders auf seine Liebe zu Gottlieb HarmsHarms, Gottlieb Friedrich. Sowohl im Roman als auch in den autobiografischen Bemerkungen seines Briefs fügen sich die Erinnerungen in einen erzählerischen Zusammenhang ein, der mit dem ehemals Gelebten nur noch wenig zu tun hat. Sie werden Literatur und damit Teil einer Konstruktion. Doch was bedeutet das für eine Biografie?

Ein Leben beschreiben

Wenn wir uns mit einem Leben auseinandersetzen, das wir für bedeutsam halten, geschieht das meist nach seinem Ende. Am Anfang stehen die Nachrufe: Der tote Schriftsteller wird zum Gegenstand der Schriften von Kollegen, Journalisten und Literaturwissenschaftlern; das Gestorbensein weckt das Bedürfnis nach einer Biografie. Spätestens der Tod setzt den Wunsch frei, zu etwas Verlorenem »zurückzufinden«, und so wird das Ende zum Ausgangs- und Fluchtpunkt der Betrachtungen. Geradezu zwangsläufig scheint sich das beschriebene Leben auf ein Ziel hinzubewegen. Unter den Händen des Biografen fügt es sich nachträglich in eine schlüssige Ordnung, sein vermeintlicher Sinn tritt zutage, und dabei rieselt es ihm zugleich wie Sand zwischen den Fingern hindurch; denn Zwangsläufigkeit und Eindeutigkeit haben mit dem, was tatsächlich gelebt wurde, in der Regel wenig gemein. Wo der Mensch, dessen Leben nachgezeichnet wird, vor einer Entscheidung stand, hält die Biografie das Ergebnis fest. Üblicherweise klammert sie die Erfahrung der Wahl zwischen mehreren Möglichkeiten aus, die verpassten Chancen ebenso wie die abgewendeten Gefahren.

Es gibt keine lückenlose Verbindung zwischen dem aufgeschriebenen, erzählten Leben und dem tatsächlichen. Spätestens mit dem Tod gefrieren die von Jahnn beschworenen »Nebelwände«, die Gegenwart und Vergangenheit voneinander scheiden, für immer und werden undurchdringlich. Es bleiben die schriftlichen Zeugnisse eines Menschen, einige Fotos und Erinnerungen von Überlebenden. Der Biograf macht die ernüchternde Erfahrung, dass das Wissen über den Menschen, dem seine Bemühungen gelten, bruchstückhaft bleibt. Er steht vor dem Problem des Mangels an Informationen. Auch die Qualität dessen, was in Erfahrung gebracht werden kann, ist fragwürdig, allein schon deshalb, weil Biografisches immer nur in Texten vermittelt wird.

Den Biografen ermahnen diese Beobachtungen zur Bescheidenheit. Er muss sich damit abfinden, nicht das Leben, sondern die schriftlichen Spuren eines Menschen zu erforschen: die von ihm aufgezeichneten Äußerungen – und jene, die andere über ihn hinterlassen haben. Zu welcher Vorgehensweise er sich entschließt, ist gleichgültig. In jedem Fall bleibt das Leben selbst ein nicht zu fassender Komplex, der mit Hilfe der überlieferten Zeugnisse allenfalls umrissen werden kann. Es trifft eben nur allzusehr zu, was Julian BarnesBarnes, Julian in seinem Roman-Essay Flauberts Papagei feststellt: »Die Biographie steht feist und angesehen-bürgerlich im Regal, protzig und gesetzt: ein Leben für einen Shilling liefert Ihnen alle Tatsachen, eines für zehn Pfund noch alle Mutmaßungen dazu. Aber bedenken Sie mal, was alles durch die Lappen gegangen, was mit dem letzten Atemzug des Verbiographierten entwichen ist.«[7]

Ein zweites Problem ist dem des Mangels an Informationen gleichsam entgegengesetzt. Es erwächst aus der Fülle des Materials, das zu berücksichtigen ist. Am Beginn der Arbeit steht die Gewissheit, dass nicht alles gesagt werden kann. Jenes Ziel, das sich Jean-Paul SartreSartre, Jean-Paul für seinen biografischen Versuch über Gustave FlaubertFlaubert, Gustave gesetzt hat, alles, was über einen Menschen herausgefunden werden kann, zu sammeln und dieses Wissen zu »totalisieren«, ist unerreichbar.[8] Aus den überlieferten Dokumenten muss eine Auswahl getroffen und vermeintlich Unwichtiges von Wichtigerem getrennt werden.

Vor diesem Hintergrund wird im Folgenden gar nicht erst versucht, alles über Jahnns Leben zu berichten. Meine Ausführungen bewegen sich in deutlich gezogenen Grenzen. Zum einen liegt das Hauptgewicht auf dem Werdegang des Schriftstellers Jahnn. Vom Orgelfachmann, Architekturtheoretiker, Landwirt und Gründer einer Glaubensgemeinschaft ist zwar ausführlich die Rede, aber letztlich vor allem dort, wo diese Schaffensbereiche in unmittelbarer Beziehung zum schriftstellerischen Werk stehen.[9] Zum anderen wird eine zeitliche Zäsur vorgenommen: Die Darstellung konzentriert sich auf die Jahre bis 1935, in denen Jahnn seine zentralen Ideen entwickelte, die auch seine später entstandenen Romane, Dramen und Essays prägen. Ein »Epilog« wirft Schlaglichter auf die Romantrilogie Fluß ohne UferFluß ohne Ufer. Roman in drei Teilen, die Höhepunkte in Jahnns Spätwerk und das Fortwirken seines Schaffens – von Dichtern wie Paul CelanCelan, Paul bis hin zu Komponisten wie Bernd Alois ZimmermannZimmermann, Bernd Alois.

Das Hauptproblem der meisten Arbeiten über Jahnn besteht darin, dass sie ihn als ein Sonderphänomen im künstlerischen Leben der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts behandeln. Die Ursachen für dieses Bild liegen in der Art und Weise, wie er sich selbst darstellte. Sein Leben lang vertrat er die Überzeugung, weitgehend unabhängig von den intellektuellen und künstlerischen Strömungen seiner Zeit zu arbeiten. »Wir werden also alles selbst machen müssen«, schrieb er bereits vor seinem Abitur programmatisch in sein Tagebuch (FS, 272). Dieser Selbstinszenierung folgend, hat sich die Meinung durchgesetzt, Jahnn sei ein ebenso einsamer wie unbelesener Außenseiter gewesen. Seine Werke werden als dunkel, archaisch und unliterarisch etikettiert. Wohlwollende Kritiker preisen sein vorurteilsfreies Genie, missgünstige werfen ihm literarische, weltanschauliche und wissenschaftliche Naivität vor – kurz: Dilettantismus. Gemeinsam ist beiden Positionen die Unterstellung, im Vergleich zu anderen Autoren seines Formats sei er ungebildet.

Dabei liegt es durchaus nahe, die Eigenständigkeit, die Jahnn für sich selbst beanspruchte, zu bezweifeln. Indem er seine Außenseiterrolle betonte, verfolgte er die Absicht, sein Werk gegen eine als übermächtig empfundene bildungsbürgerliche Tradition durchzusetzen. Er wollte den herkömmlichen Kanon mustergültiger Kunstwerke demontieren, um sich selbst zu kanonisieren; er suchte einen sicheren Ort und eine Anhängerschaft für seine eigenen literarischen, musikalischen und architektonischen Werke und Vorlieben. So ist Jahnns gesamtes Leben von einem zum Teil verbissen wirkenden Kampf um Anerkennung geprägt, und gerade dieser Kampf scheint ihm kurz vor seinem Tod äußerst fragwürdig geworden zu sein.

Vergleicht man Jahnns Lebenslauf mit den Erzählungen über andere Schriftsteller, wirkt sein ausgeprägtes Geltungsbedürfnis gar nicht außergewöhnlich. Harold BloomBloom, Harold betont provokativ, dass Dichtung letztlich eine Form der fortwährenden gegenseitigen Verdrängung sei: Ein maßgebliches literarisches Werk entstehe weniger als Antwort auf gesellschaftliche und politische Verhältnisse als in einer durchaus aggressiven Auseinandersetzung mit anderen Werken. So gehe es primär nicht um die »Dialektik zwischen Kunst und Gesellschaft«, sondern um die »zwischen Kunst und Kunst«.[10] Jahnns Strategie in diesem Kampf war die demonstrative Missachtung seiner meisten Zeitgenossen und eine stetig wiederkehrende Polemik gegen feste Größen des bürgerlichen Kulturlebens wie GoetheGoethe, Johann Wolfgang oder Thomas MannMann, Thomas. Diese Abwehrhaltung wirkt oberflächlich betrachtet als radikales Einzelgängertum. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sie sich aber als ein gezieltes, wenn auch nur selten erfolgreiches Agieren innerhalb des Literaturbetriebs.

Angesichts der Komplexität seiner Dramen und Romane, die mit einer Fülle von Anspielungen und Zitaten aufwarten, wirkt der von Jahnn immer wieder proklamierte Anspruch, ein weitgehend autonomes Genie zu sein, nicht nur anachronistisch, sondern auch unangemessen. Wie in fast allen bedeutenden literarischen Werken klingen auch in seinen Schriften andere, früher geschriebene Texte nach. »Bücher stammen von Büchern ab, wie Familien von Familien«, hat Paul NizonNizon, Paul einmal bemerkt.[11] Jahnn versuchte schon als Schüler, seine literarischen Verwandtschaftsbeziehungen zu entdecken und sich auf diese Weise sozusagen eine Ersatzfamilie zu schaffen. Sie sollte vor allem für seine von ihm selbst als abtrünnig empfundenen erotischen Bedürfnisse jenes Verständnis aufbringen, das er im Alltag vermisste. Was ihm Schule und Elternhaus verweigerten, suchte und fand er in der Literatur. Auch später – als junger, nach seiner ersten Buchveröffentlichung mit dem Kleist-Preis ausgezeichneter Autor – bezog er sich durch Zitate unmittelbar auf seine Vorbilder und die Traditionslinien, die er pflegen und fortsetzen wollte.

Deshalb steht im Folgenden die Frage im Mittelpunkt, wie sich ein Autor und sein Werk konstituieren, wie sich seine Ideen, poetischen Formen und Themen herausbilden. Es geht um Jahnns intellektuelle und künstlerische Interessen, um die Bücher, die er gelesen hat, um Musiker und bildende Künstler, die für ihn von Bedeutung waren; darum, nachzuvollziehen, wie er in der Auseinandersetzung mit Vorläufern und Zeitgenossen seine spezifische Stimme gefunden hat.

Bei der Beschäftigung mit Jahnns literarischen Werken wird das gesellschaftliche, gedankliche und künstlerische Umfeld umrissen, in dem sie entstanden sind und auf das sie gewirkt haben. Zugleich werden die persönlichen und historischen Bedingungen in Erinnerung gerufen, unter denen sie verfasst worden sind. Dabei habe ich mich für eine Darstellungsform entschieden, die sich mitunter erheblich von traditionellen Lebensbeschreibungen unterscheidet. Die Konzentration auf das schriftstellerische Werk bringt es mit sich, einschneidende intellektuelle Erfahrungen denen der Alltags-Wirklichkeit überzuordnen. Wesentlich ist die bislang stark vernachlässigte Rolle Jahnns als Intellektueller in seiner Zeit, der sich nicht nur künstlerisch engagierte, sondern auch entschieden darum bemüht war, gesellschaftlichen Einfluss auszuüben. So orientiert sich die Darstellung weniger an der Abfolge der historischen Ereignisse als an thematischen Zusammenhängen. Eine Zeittafel im Anhang ermöglicht es, sich über die Chronologie auf schnelle und einfache Weise zu informieren.

Dieses Buch ist ein Versuch, dem seit Erscheinen der Hamburger Ausgabe der Schriften Jahnns enorm erweiterten Wissen gerecht zu werden. Dabei kam mir zugute, dass es durch die Vorarbeiten der Werkausgabe möglich geworden ist, den an verschiedenen Orten aufbewahrten Jahnn-Nachlass in seiner ganzen Breite zu überblicken.[12] So habe ich zahlreiche Archivalien – vor allem Briefe und Entwürfe zu den schriftstellerischen Werken – ausgewertet und in meine Darstellung eingearbeitet, die in der Hamburger Ausgabe nicht ediert werden konnten.[13]

Die Überfahrt 1914/15

Finden und Erfinden

»Wie wenn es aus dem Nebel gekommen wäre, so wurde das schöne Schiff plötzlich sichtbar. Mit dem breiten, gelbbraunen, durch schwarze Pechfugen gegliederten Bug und der starren Ordnung der drei Masten, den ausladenden Rahen und dem Strichwerk der Wanten und Takelage. Die roten Segel waren eingerollt und an den Rundhölzern verschnürt. Zwei kleine Schleppdampfer, hinten und vorn dem Schiff vertäut, brachten es an die Kaimauer.« (F1, 7)

In diesem Auftakt zu Jahnns Roman Das HolzschiffFluß ohne Ufer. Roman in drei TeilenDas Holzschiff, dem ersten Teil von Fluß ohne UferFluß ohne Ufer. Roman in drei Teilen, blitzen vielfältige Erinnerungen auf: Erinnerungen des Autors, seiner Figuren und seiner Leser. Unser Bildgedächtnis wird aktiviert, man könnte an William TurnersTurner, William berühmtes Gemälde Die letzte Fahrt der »Téméraire« denken.[14] Dort ist es ein kleiner Schleppdampfer, der das ausgediente dreimastige Schlachtschiff mit seinen eingerollten weißen Segeln zieht. Meer und Himmel werden von der Glut der untergehenden Sonne und einem rätselhaften Dunst beherrscht, in dem sich das Schiff fast aufzulösen scheint. Und wenn wir die Beschreibung des in England gebauten Holzschiffs vor dem Hintergrund von Jahnns Leben betrachten, ist es, als würden mit ihm auch Bilder aus der Kindheit des Autors beschworen: die Atmosphäre eines Hafens, der in Hamburg liegen könnte; die Schiffszimmerei des Vaters auf der Elbinsel Steinwerder; die Sehnsucht nach dem unbekannten Großvater, der dort noch Holzschiffe baute und schon gestorben war, als Hans Henny August Jahn am 17. Dezember 1894 geboren wurde – jener Großvater Friederich Robert JahnJahn, Friederich Robert (18191889), der manchmal wie sein Enkel das »n« verdoppelte, wenn er seinen Namen schrieb.[15] Aber auch Jahnns Lebenswirklichkeit zu Beginn der dreißiger Jahre im Blankeneser Hirschpark an der Elbe begegnet uns, der tägliche Anblick der kleinen Schlepper, die riesige Schiffe in das weitläufige Hafengebiet zogen, vorbei an den Flussinseln, Villen und Stränden.

Die Wirklichkeiten der Erinnerungen und der Fiktionen fließen an dieser Stelle ineinander. In dem alten Sonderling Lionel Escott Macfie Esq., der in Hebburn on Tyne das Holzschiff gebaut hat, finden wir Züge von Jahnns GroßvaterJahn, Friederich Robert wieder. Ebenso hat der Musiker Gustav Anias Horn, die Hauptperson der Romantrilogie, Ähnlichkeit mit Jahnn selbst, was er auch offen zugegeben hat: »[…] der Komponist würde ohne mein Leben das seine nicht bekommen haben; aber das seine deckt sich mit dem meinen nur an den Kanten.« (BA2, 468)

Mit seinem Fluß ohne UferFluß ohne Ufer. Roman in drei Teilen stößt uns Jahnn, genau wie sich selbst, in das Beziehungsgeflecht zwischen dem, was tatsächlich gewesen ist, und dem, was nur in der Phantasie des Autors wurzelt. Im Zusammenwirken von Erinnern und Bildfindung wird Jahnns Literatur zur Gedächtniskunst, die sich nicht nur auf das Private, den Erfahrungsraum eines Individuums, bezieht, sondern auch die öffentliche Sphäre, die sozialen, biologischen und metaphysischen Gegebenheiten des Lebens, zu erkunden versucht: »Die Erinnerung eines einzelnen Menschen ist länger als ein Leben.« (D2, 71)[16] Jahnns Romane sind dem spannungsreichen Wechselspiel zwischen Finden und Erfinden entwachsen, sie nähren sich – wie vielleicht alle Poesie – aus der Erinnerung.

Im Januar 1933, in der Zeit der Vorüberlegungen für das zunächst als Novelle geplante HolzschiffFluß ohne Ufer. Roman in drei TeilenDas Holzschiff, schlug Jahnn seinem berühmten Verehrer Gustaf GründgensGründgens, Gustaf vermutlich ebendiesen Stoff für eine Verfilmung vor: »Ich habe einen hervorragenden Filmstoff entdeckt. Nicht etwa erfunden, auch nichts historisches, sozusagen ein Stoff für alle Möglichkeiten. Ich glaube, daß man nicht so leicht etwas ähnliches finden wird.« (BA1, 487) Am Anfang der Fiktion steht nicht die Erfindung, sondern die Entdeckung. Aber besteht zwischen Ausdenken und Entdecken überhaupt ein entscheidender Unterschied? Warum findet Jahnn zu genau diesem Zeitpunkt – am Vorabend seines zweiten aus politischen Gründen notwendigen Rückzugs aus Deutschland – ausgerechnet diesen Stoff, an dessen Beginn eine Schiffsreise über das Meer steht?

Das HolzschiffFluß ohne Ufer. Roman in drei TeilenDas Holzschiff schildert eine Überfahrt, die für Gustav Anias Horn am Ende, wie es in PerrudjaPerrudja. Roman heißt, in eine »Neue Lebenspraxis« mündet. Horns Verlobte Ellena Strunck ist ermordet worden, ihre Leiche ging mit dem Holzschiff unter. An Ellenas Stelle ist ihr Mörder getreten, der Leichtmatrose Alfred Tutein, und mit dieser Liebesbeziehung hat sich Horns Leben grundlegend verwandelt.

Auf solche Überfahrten stößt man bei der Betrachtung von Jahnns Leben und seinen Werken immer wieder. Angefangen von Uwe’s ErlebnissenUwe’s Erlebnisse. Erzählung, dem frühesten überlieferten Prosaversuch des dreizehnjährigen Schülers, über die einschneidenden Erlebnisse auf der Nordseeinsel Amrum im Jahre 1913, das Romanfragment Ugrino und IngrabanienUgrino und Ingrabanien. Romanfragment, Medeas Flucht mit der Argo und Jahnns eigener Übersiedlung auf die Ostseeinsel Bornholm zu Beginn des Nationalsozialismus – bis hin zu der späten autobiografischen Erzählung Ein Schiffbruch und noch einiges mehrEin Schiffbruch und noch einiges mehr: Die Grenze zwischen zwei Lebensabschnitten markiert für Jahnn, ob im Leben, ob in der Dichtung, fast immer das Meer.[17]

So betrachtet wirkt Jahnns Lebenslauf wie komponiert. Unwillkürlich fragt man sich, was denn hier Leben und was Roman ist. Je älter er wird, desto mehr scheint sich der Schreibende seinen eigenen Erfindungen anzugleichen. Oder handelt es sich bei den Erfindungen doch nur um Fundstücke? Die Frage kann nicht beantwortet werden. Zu bedenken bleibt ein Umstand, auf den nur selten hingewiesen wird, wenn es um die Biografie eines Schriftstellers geht: Nicht nur das, was gemeinhin Leben genannt wird, prägt das Werk; es ist auch eine sozusagen gegenläufige Bewegung zu beobachten. Die Literatur drückt dem Leben – salopp gesagt – ihren unübersehbaren Stempel auf. Mitunter sind die beim Schreiben und Lesen gewonnenen Erfahrungen einschneidender als die sogenannten wirklichen. Die Wörter Leben und Lesen unterscheiden sich lediglich durch einen Buchstaben, eine simple Beobachtung, die in Bezug auf Jahnn mehr als ein Wortspiel ist.

Aufbruch in die »zweite Heimat«

Ein Jahr nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde für Jahnn das Meer zur vielleicht lebensbewahrenden Grenze zwischen seiner Heimat und dem Beginn seines Daseins als Künstler in der Emigration. Um der drohenden Einberufung zum Militärdienst zu entgehen, reiste der Zwanzigjährige mit seinem Freund Gottlieb HarmsHarms, Gottlieb Friedrich am 7. August 1915 mit dem Dampfschiff Kong Sigurd von Lübeck nach Norwegen.[18] Dieses Land sollte in den nächsten drei Jahren eine »zweite Heimat« werden, nach der er sich zeitlebens zurücksehnte. Auf die Erfahrungen, die er dort machte, griff er in seinen literarischen Werken immer wieder zurück. Hingegen besuchte er das Land seiner Sehnsucht nach dem Ersten Weltkrieg nur selten, und die Norwegen-Aufenthalte 1924 und 1935 waren für ihn ernüchternd. Das Land war ein anderes geworden als jenes, das er zusammen mit HarmsHarms, Gottlieb Friedrich kennengelernt hatte. Und auch Jahnn selbst war ein anderer geworden. Nach einem Besuch in Bergen, wo er den Vortrag Aufgabe des Dichters in dieser ZeitAufgabe des Dichters in dieser Zeit. Vortrag gehalten hatte, schrieb er Walter MuschgMuschg, Walter am 8. März 1935 sichtlich enttäuscht: »Ich war in Norwegen, und die Reise hat für mich ein Ergebnis oder einen Gewinn gehabt, daß meine norwegische Sehnsucht in sich zusammengefallen ist. Das Land hat sich verändert. Es ist ärmer geworden. Die Einsamkeit der Täler ist verloren gegangen, weil es die Erfindung des Radios gibt. Ich entdecke nach und nach, es ist in dieser Welt fast unmöglich, noch ein eigenes Leben zu bewahren. Die Wirtschaft, die Industrie und die Bürokratie pressen jeden Einzelnen in eine Form hinein, mag sie ihm nun entsprechen oder nicht.« (BA1, 789) Die verlorene »zweite Heimat« verwandelte sich in einen literarischen Ort und wurde nicht nur zum Schauplatz von Jahnns erstem großen Roman PerrudjaPerrudja. Roman, sondern auch des umfangreichen April-Kapitels der Niederschrift des Gustav Anias HornFluß ohne Ufer. Roman in drei TeilenDie Niederschrift des Gustav Anias Horn.[19]

Doch warum zog es Jahnn und HarmsHarms, Gottlieb Friedrich 1915 ausgerechnet nach Norwegen? Zum einen machte das weite und dünn besiedelte Land es verhältnismäßig leicht, im Ernstfall unterzutauchen und sich so dem militärischen Zugriff zu entziehen. Zum anderen spielten wahrscheinlich die familiären und geschäftlichen Beziehungen von Jahnns langjährigem Förderer Friedrich Lorenz JürgensenJürgensen, Friedrich Lorenz eine nicht unerhebliche Rolle, der die Ausreise der beiden Freunde tatkräftig unterstützte. Doch nicht nur praktische Erwägungen scheinen die Wahl des Fluchtorts bestimmt zu haben, sondern auch die Hoffnung, in dem noch nicht völlig von der Zivilisation geprägten Land eine neue Erfahrungswelt zu finden, die Jahnns Vorstellungen stärker entsprach als die deutsche.

An Bord der Kong Sigurd versuchte Jahnn am Vormittag des 8. August 1915, Worte für seine neue Situation zu finden: »Das Maß ist voll – und nun muß etwas anderes kommen«, schrieb er in sein Tagebuch. Der Bruch mit Familie und Kaiserreich war mit der geografischen Trennung vollzogen. Doch damit war die Frage nach dem Ziel seiner inneren Entwicklung noch lange nicht beantwortet. »Wir sind –«, notierte er einige Stunden später, die Gedanken vom Vormittag aufgreifend, »und wir müssen unser Land suchen und das Schloß Ugrino dazu.« (FS, 428)

Ugrino, der Name stand fest. Nun galt es, ihn mit Inhalt zu füllen und jene künstlerische Wirklichkeit zu erkunden, die für Jahnn bedeutender werden sollte als die tatsächlich erfahrbare.

Abitur und Kriegsausbruch

Die Entscheidung, nach Norwegen zu gehen, war keineswegs Hals über Kopf gefällt worden. Jahnn beschäftigte sich schon seit über einem Jahr mit Ausreisegedanken, und letztlich konnte er auch seinen Vater von dem Plan überzeugen. Durch dessen Bemühungen gelang es dann sogar, Deutschland mit »ärztlichen Attesten«, »Gepäck und in voller Legitimität« zu verlassen (GE, 99). Anfang des Krieges hatte Jahnn mit einem solchen familiären Rückhalt noch nicht rechnen können.

Am 29. Juni 1914 hatten für ihn und seine Mitschüler an der Oberrealschule am Kaiser-Friedrich-Ufer in Hamburg-Eimsbüttel die schriftlichen Abiturprüfungen begonnen – die mündlichen am 5. August wurden bereits durch den Kriegsbeginn überschattet. »Auch ich werde wohl in zehn Tagen schon im bunten Rock stecken«, stellte Jahnn Hans FranckFranck, Hans gegenüber resigniert fest, der damals als Dramaturg am Düsseldorfer Schauspielhaus arbeitete.[20] Aus der Kartei der Schule geht hervor, dass sich die meisten Abiturienten aus Jahnns Klasse unmittelbar nach der Reifeprüfung freiwillig zum Militärdienst meldeten. Jahnn und Gottlieb HarmsHarms, Gottlieb Friedrich hingegen hielten die Kriegseuphorie, die von einem Tag auf den anderen ausgebrochen war, für bedenklich. Bereits im Vorjahr hatte Jahnn sein Anti-Kriegsstück Der AuszugDer Auszug. Drama[21] geschrieben und damit im Stillen auf die Krisen auf dem Balkan, die militaristischen Tendenzen und die Heeresverstärkungen in Deutschland reagiert. »Die brauchen unser Blut, um sich und ihre Habe zu schützen, und sie treten uns zum Dank mit Füssen!« heißt es im AuszugDer Auszug. Drama. »Wir aber wollen nicht; wir wollen uns und unsere Kinder nicht schlachten lassen; wir wollen kein Heer und keine Flotte!« (FS, 608) Diese Position nahm Jahnn auch nach Kriegsausbruch ein, und damit stellte er sich faktisch gegen die gesamte Gesellschaft.

In der Hansestadt Hamburg, die schon damals eine Millionenstadt war,[22] wurde der Kriegsausbruch mit gigantischen Aufmärschen gefeiert. »Seit Tagen vollzieht sich vor unseren Augen das erhabenste Schauspiel, das die Geschichte den Menschen zu bieten vermag«,[23] verkündete die Verlagsleitung der Hamburger Nachrichten am 4. August, und in allen anderen Zeitungen der Stadt war Ähnliches zu lesen.

Bei dem Titel Der AuszugDer Auszug. Drama handelt es sich möglicherweise um eine Anspielung auf das Festspiel Der Einzug des Altonaer Schriftstellers Otto ErnstErnst, Otto (18621926), mit dem am 31. August 1912 der Neubau des Hamburger Thalia Theaters feierlich eröffnet worden war.[24] Otto ErnstErnst, Otto gehörte zu jenen Autoren, die Jahnn besonders zuwider waren. Bereits am 5. Februar 1913 brachte er in seinem Tagebuch die Wut über den Misserfolg seiner eigenen Stücke in einer gegen ErnstErnst, Otto gerichteten Schimpfkanonade zum Ausdruck: »Nur, eins weiß ich, daß ich ja, ja noch nicht stolz sein darf, denn, man wird Hans Jahn noch lange nicht spielen, […] denn jetzt ist Otto ErnstErnst, Otto auch am Hamburg-Altonaer Stadttheater. / Der läßt mich einfach tot schweigen, denn er hat jetzt noch die Macht. / Aber wehe, wehe Dir, Otto ErnstErnst, Otto Schmidt, wenn Du mich binden willst – oder – mich so von Oben herab beschaust mit einem gnädigen Grinsen, wehe Dir, und Deinen Tragikomödien!« (FS, 74)

Mit Kriegsausbruch wurde ErnstErnst, Otto einer der prominentesten Vertreter der allseits florierenden Kriegslyrik im Hamburger Raum, wodurch sich Jahnns Aufmerksamkeit wieder auf ihn richtete.[25] Im November 1914 warf er ihm seine Kriegshetze sogar in einem offenen Brief vor, den er dann allerdings nicht veröffentlichte und vielleicht nicht einmal abschickte.[26]

Nicht nur zweitrangige Dichter wie Otto ErnstErnst, Otto schlossen sich dem ›Burgfrieden‹ an. Auch überragende Autoren fühlten sich ihm verpflichtet. Der Zeitschriften- und Buchmarkt wurde überflutet von Äußerungen patriotischer Gesinnung. Im August 1914 entstanden in Deutschland schätzungsweise anderthalb Millionen Kriegsgedichte.[27] Thomas MannMann, Thomas, Gerhart HauptmannHauptmann, Gerhart, Alfred DöblinDöblin, Alfred und Ludwig ThomaThoma, Ludwig, um einige besonders Prominente herauszugreifen, sahen im Krieg die Chance zu einem Neuanfang und zeigten sich begeistert von der großen nationalen Erhebung. Viele Expressionisten meldeten sich als Freiwillige, und nicht wenige von ihnen zahlten für ihr kriegerisches Welterlösungspathos mit dem Leben. August MackeMacke, August, Franz MarcMarc, Franz, Reinhard Johannes SorgeSorge, Reinhard Johannes und August StrammStramm, August fielen auf den Schlachtfeldern.

Elend und Not im Alltagsleben vergällten breiten Bevölkerungskreisen Hamburgs schon nach wenigen Monaten die Kriegsbegeisterung. Dass der Hafenbetrieb nahezu vollständig eingestellt werden musste, bedeutete für die Stadt eine wirtschaftliche Katastrophe. Steigende Preise stürzten viele Familien ins Unglück.[28] Am 1. Februar 1915 wurde in Hamburg der Brot- und Mehlverbrauch rationiert. Auch Jahnns Eltern standen dem Krieg schon bald eher skeptisch gegenüber, wahrscheinlich nicht zuletzt wegen der frühen Verwundung ihres zweitältesten Sohnes FritzJahn, Fritz.[29] So gingen sie nicht mit voller Strenge dagegen vor, dass ihr wie immer abtrünniger jüngster Sohn Hans sich entschlossen hatte, unter keinen Umständen Soldat zu werden und sich notfalls ins Ausland abzusetzen.

Der Hamburger Kaufmann Lorenz JürgensenJürgensen, Friedrich Lorenz hingegen befürwortete den Krieg auch noch Anfang des Jahres 1915, was ihn jedoch nicht daran hinderte, Jahnn und HarmsHarms, Gottlieb Friedrich fortan finanziell großzügig zu unterstützen. Mit seinem Brief vom 6. Januar 1915 wollte JürgensenJürgensen, Friedrich Lorenz Jahnn davon überzeugen, dass der Krieg ein notwendiger Läuterungsprozess der Allgemeinheit sei. Das forderte Jahnns vehementen Protest heraus: »Ich könnte es nicht ertragen, Soldat zu werden. Darum werde ich es nicht werden. Das ist gewiß. / Verzeihen Sie, daß ich Ihnen nochmals zu widersprechen wage, was Sie im Kriege suchen, steckt nicht dahinter, das haben mich die Reden gelehrt, die ich täglich und stündlich vernahm.« (BA1, 31)

Jahnn kündigt an, JürgensenJürgensen, Friedrich Lorenz seine Position mündlich in allen Einzelheiten zu erklären. Seine Ablehnung des Krieges, in der er sich Oscar WildeWilde, Oscar[30] verbunden fühlt, begründet er mit seiner Vorstellung von Gott als Schöpfer der erhabenen menschlichen Leiber. Töten sei ein Verstoß gegen die Schöpfung und damit in jedem Fall zu verurteilen: »Das hieße Bilder Gottes zerstören, denn nach ihm sind wir geschaffen, die Heiligkeit der Linien und Formen sind nach ihm geschaffen. Das steht sogar in der Bibel.« (BA1, 32) Vollkommen unverständlich ist für ihn, dass sich die Masse der Bevölkerung nicht gegen den Krieg wehrt. Er kann in dem ›Hurra-Patriotismus‹ keine erhebende Volksbewegung erkennen, sondern lediglich Opportunismus. Die Dienstpflicht sei ein »unnatürliches« Gesetz, das er nicht anerkenne und dem er den Gehorsam verweigere. Dass ihn seine politische Position in immense persönliche Schwierigkeiten bringen wird, ist ihm vollkommen klar. Er hält es für sich und HarmsHarms, Gottlieb Friedrich zunächst für dringend erforderlich, ihre Elternhäuser zu verlassen.

Nach dem Abitur verbrachten Jahnn und HarmsHarms, Gottlieb Friedrich ein geschlagenes Jahr mit Warten. Ängstlich warteten sie auf ihre Einberufung zum Militärdienst, voller Hoffnung warteten sie auf den Erfolg von Jahnns Dramen, und sehnsuchtsvoll warteten sie auf das Ende des Krieges.[31] Sosehr sie ihre ungeklärte Situation bedrückte, so sehr kam sie Jahnns antibürgerlichem Affekt gegen jede Form von Berufsausübung entgegen: »Sobald ein Mensch einen Broterwerb hat und sein Leben um diesen herumbaut und es danach streckt und richtet, sobald ist er langweilig und dumm und tot.« (FS, 418)[32]

Um der Kontrolle der Eltern zu entgehen, zogen sich Jahnn und HarmsHarms, Gottlieb Friedrich so oft wie möglich nach Eckel am Nordrand der Lüneburger Heide zurück, wo ihnen von JürgensenJürgensen, Friedrich Lorenz und seinem überwiegend homosexuellen Freundeskreis eine Kate zur Verfügung gestellt wurde. In der ländlichen Abgeschiedenheit gelang es Jahnn, seine Sorgen und Befürchtungen wenigstens für einige Tage zu verdrängen. Vom Krieg versuchte er in seinen Tagebüchern und Schriften zeitweise bewusst zu schweigen. Auf die alles ergreifende Destruktion wollte er mit seiner konstruktiven schöpferischen Phantasie reagieren. Immer häufiger rückten Gedichtskizzen an die Stelle von Prosanotaten, die die Ereignisse des jeweiligen Tages reflektieren.

In Eckel genoss Jahnn das glückliche Liebesleben mit seinem Freund und erträumte sich ein Haus und eine Grabkapelle, in der die beiden einmal »beieinander schlafen« sollten (FS, 356). Jahnns Todessehnsucht, die er in seinen literarischen Versuchen obsessiv zum Ausdruck brachte, scheint in unmittelbarem Zusammenhang mit den Diffamierungen zu stehen, denen er sich im familiären und schulischen Umfeld schon früh ausgesetzt sah. Er fühlte sich durch seine Homosexualität stigmatisiert, die damals üblicherweise entweder als Krankheit oder als Verbrechen angesehen wurde. Der seit 1871 geltende und heftig umstrittene § 175 des Reichsstrafgesetzbuchs, nach dem jede »widernatürliche Unzucht« zwischen Männern mit Gefängnisstrafen geahndet werden konnte, wurde erst 1969 und 1973 reformiert. Eine Folge der Diskriminierungen war die außerordentlich hohe Rate an Selbstmorden und Doppelselbstmorden unter Homosexuellen.[33] Jahnns Tagebücher dokumentieren den Versuch, in eine Innerlichkeit zu fliehen, die durch die Schrecken der Weltpolitik allerdings immer wieder zerschlagen wurde. Die intime Beziehung zu HarmsHarms, Gottlieb Friedrich und dem sechs Jahre jüngeren Franz BuseBuse, Franz (19001971) war tröstlich, doch schon damals genügte Jahnn diese kleine Gemeinschaft nicht.[34] Am 24. November 1914 hielt er in seinem Tagebuch eine Phantasie über einen Monumentalbau fest, den er Das Schloß Ugrino nannte. Mit diesem Schloss, das er bereits ein knappes Jahr zuvor in dem Schauspiel Du und ichDu und ich. Lustspiel erwähnt hatte, haben wir den Grundstein jenes Ideengebäudes vor Augen, das sein Leben für lange Zeit prägen sollte.[35]

Ugrino wurde die Chiffre einer Phantasiewelt, die für Jahnn schon bald eminente Bedeutung gewann. Doch letztlich konnte emotionaler und intellektueller Eskapismus eine tatsächliche Emigration nicht ersetzen, sondern höchstens hinauszögern. Wahrscheinlich kurz vor Weihnachten 1914 wurden die beiden Freunde erstmals von der Aushebung betroffen.[36] HarmsHarms, Gottlieb Friedrich war durch ein chronisches Nierenleiden vor dem sofortigen Militärdienst geschützt. Jahnn gelang es beim Gestellungsbefehl, seine Einberufung aufzuschieben, indem er ein allgemeines Unwohlsein simulierte. Bei einer zweiten Musterung, zu der Jahnn Ende Juli oder Anfang August 1915 antreten musste, wurde die Lage für ihn schwieriger.[37] Walter MuschgMuschg, Walter berichtete er 1933, er habe dem Stabsarzt damals ausführlich dargelegt, dass er sich unter allen Umständen weigere, Soldat zu werden.[38] Und dann sei ein kleines Wunder geschehen. Er wurde abermals für ein Jahr freigestellt – genug Zeit, um die Flucht ins Ausland gründlich vorzubereiten.

Kristiania und Aurland

Am 8. August 1915 war für die Freunde ihre Überfahrt zu Ende. Die ersten Eindrücke von Norwegen waren enttäuschend. Fredrikstad und Kristiania[39], die beiden Hafenstädte, die sie nach ihrer Schiffsreise zu Gesicht bekamen, waren ebenso industriell geprägt und modern wie Hamburg: »Das eine war eine stinkige Fabrikstadt, die ihren herrlichen, gewaltigen Wasserfall zur Bereitung von Zellulose und Karbid verwandte, die andere eine Großstadt mit Gassenhauern, überlaufenen Naturschönheiten und unverschämten Preisen. Sie mag gut sein für durchreisende, Sensationslüsterne Engländer.« (BA1, 39) Die simple Einsicht, dass die Norweger sich von den Deutschen nicht erheblich unterschieden, stürzte Jahnn in einen tiefen Pessimismus. Der Anblick von Wikingerschiffen bei einem Museumsbesuch wurde ihm zum Anlass, in seinem Tagebuch darüber nachzudenken, dass er als Flüchtling vor dem Krieg kein Einzelfall war und dass es in der Geschichte – ethisch gesehen – keinen Fortschritt, keine Entwicklung zum Besseren gibt: »Die Wikinger sind grausame Tiere gewesen, mordend, quälend, blutdürstig – und die Menschen heut sind es auch. – Wir sind nicht weiter gekommen; dazwischen aber liegt der Tod vieler Geschlechter – und sie sind vermodert.« (FS, 429)

Am 10. August 1915 schrieb Jahnn den ersten Brief aus Kristiania an seinen Freundeskreis in Deutschland, der sich um Lorenz JürgensenJürgensen, Friedrich Lorenz versammelte. In der Hauptstadt hielt es die Freunde nur eine Woche, dann reisten sie ins Landesinnere – in der Vermutung, den Ort ihrer Träume dort eher zu finden als in den Metropolen. Dabei verlief ihre Suche wahrscheinlich so planlos, wie man es sich nur vorstellen kann. »Wir beschlossen, weiterzugehen, kauften eine Landkarte und setzten den Finger auf irgendeinen Ort: Aurland«, erinnerte sich Jahnn 1933 (GE, 100).

Ganz ähnlich gelangen Alfred Tutein und Gustav Anias Horn in Fluß ohne UferFluß ohne Ufer. Roman in drei Teilen in das allzu offensichtlich chiffrierte »Urrland«. Bei dem Finger auf der Landkarte mag es sich um eine der vielen Selbststilisierungen Jahnns handeln. Sicher hingegen ist, dass die Freunde keine genaue Vorstellung hatten, was sie in Aurland erwartete, in dessen einzigem Hotel, das damals etwa dreißig Betten hatte, sie für die längste Zeit ihres Aufenthalts Quartier fanden.

Aurland ist der Name einer dünn besiedelten Region am Aurlandsfjord, die durch die »Granitmauern der Berge in allen vier Himmelsrichtungen« begrenzt wird (F1, 604). Der gleichnamige Hauptort des Gebiets, der auch Aurlandsvangen genannt wird, hatte damals 300 bis 400 Einwohner,[40] unter denen Jahnn und HarmsHarms, Gottlieb Friedrich zwangsläufig wie bunte Hunde auffallen mussten, zumal sie anfangs nicht einmal Norwegisch sprachen. Der Ort bestand aus wenigen Gebäuden, die sich um einen größeren Platz gruppierten. MuschgMuschg, Walter gegenüber beschrieb ihn Jahnn so: »Er ist an der Ostseite durch die Kirchhofsmauer begrenzt; auf dem Kirchhof steht eine frühgotische Kirche, deren Gewölbe aber eingestürzt und nur im Chor noch erhalten sind. An der Westseite liegt die Krambude von Per Wangen, an der Nordseite unser langgestrecktes Hotel mit einem kleinen Garten und den öffentlichen Aborten; an diese schließt sich die Krambude Olaf Wangens an. Nach Süden ist der Platz offen, dort führt die Straße aufwärts ins Tal. Aus der Nordwestecke geht die Straße zur Bucht und zum Strand und zur Dampferbrücke, bei der drei Schuppen stehen. Dieser Marktplatz ist in jeder Hinsicht das Zentrum Aurlands.« (GE125)

Zunächst hatten die Freunde vor, von Aurland aus nach Norden zu ziehen, und sieben Tage nach ihrer Ankunft in Ellend VangensVangen, Ellend Hotel brachen sie zur Weiterfahrt auf. Eine Woche später, die sie größtenteils in Moldøen verbrachten, kehrten sie allerdings nach Aurland zurück, wo sie mit wenigen Unterbrechungen bis September 1916 blieben.[41] Am 22. August 1915 schickte Jahnn den ersten überlieferten Brief aus Aurland ab. Fünf Tage später beschrieb HarmsHarms, Gottlieb Friedrich den Freunden in Deutschland die neue Umgebung: »Der Bergstrom ist zunächst da mit seinen Sprüngen und Farben. Im Tal ist er natürlich die Hauptsache. […] Weiter oben geht er durch einen See, nachdem er vorher einige große Fälle getan hat. Dann ist da der Fjord, bald mit seiner Ruhe und den abgrundtiefen Farben, mit den ganzen Bergen drin, bald – wie jetzt wo die Herbstwinde zu kommen scheinen – ordentlich ein wenig wild und ans Meer erinnernd. / Ferner sind da die Formen der Berge und ihre Konturen und das wunderbar verschiedene Licht darauf. Manchmal gegen Abend sind sie wie dunkler Samt, nur ein weißer Wasserfall schwebt daran herunter wie ein schmaler Schleier. Aber sie sind unendlich wechselnd, die Farben. Seltsam ist, daß lediglich die Farben für das Ganze bestimmend sind, daß sie viel wichtiger sind als die Berge selbst. […] Als Dinge für sich sind sie auch hier im allgemeinen zu wenig großzügig; soviel Geröll und Bruch. Und dann die Bewaldung. Birken und Erlen, ich verstehe es nicht. Birken im Gebirge! Wenn die Beleuchtung so ist, daß deren helles Grün zur Geltung kommt, ist fast immer die Wirkung weg. / Aurland ist ein dreckiges Nest wie alle Menschennester. Den Verkehr besorgt ein stinkendes Motorboot. Zu Lande führt glücklicherweise kein Weg in diesen Talkessel. Einen Pastor hat dieses ›saubere Örtchen‹, für das es unter den Touristen gilt, der das Privilegium hat, im Fluß zu angeln, und das deshalb jeden Abend weidlich besorgt. (Forellen und Lachse.) Will man’s auch, muß man bei ihm Erlaubniß holen.« (BA2, 1110)

Die körperlichen Anstrengungen der ersten Reisewochen und die Tatsache, dass das reale Norwegen ganz anders war als das erträumte, machte die Freunde zunächst mutlos. Anfang September hatten sie sich dann aber offensichtlich eingelebt. Nun gelangte Jahnn in die wahrscheinlich intensivste Arbeitsphase seines bisherigen Lebens. Zügig beendete er das noch in Deutschland begonnene Drama Die MauerDie Mauer. Ein Drama, und wenig später begann er das Lustspiel Anne WolterAnne Wolter. Ein Lustspiel; zwei Stücke, die thematisch und stilistisch bereits auf sein erstes nach dem Krieg publiziertes Werk hindeuten, auf Pastor Ephraim MagnusPastor Ephraim Magnus. Drama.

Die konzentrierte Arbeit verhinderte jedoch nicht, dass sich Jahnns Stimmung Ende des Jahres 1915 zunehmend verfinsterte. »Es ist vollständiges Nicht-mehr-können in mir«, schrieb er am 30. Dezember an JürgensenJürgensen, Friedrich Lorenz, »es hilft auch nichts, daß ich mir etwas vorrede, ich sinke vor mir und in mir zu jenen herab, die Hurenknechte und Säufer sind. Begreifst Du dieses, ich kann mir vorstellen, daß ich wie sie würde, daß meine Freude wie die ihre würde, daß ich mir ein Weib oder mehrere hielte, deren Tod mich nicht kümmern würde. – Ach Du, was ich Dir schreibe, ist ein Augenblick, und daneben steht ein anderer Augenblick, ich stürze durch eine Welt voll Unerlöstheit; wie sehr ich mich auch wende ich falle immer wieder den Tragödien anheim, diesen richtigen, die mit Tod und Schicksal arbeiten. Ich kann mich nicht retten. – Ich lebe hier fürchterlich, ich lebe hier, als wäre ich eingekerkert, weil alles, was auch zu meinen Ohren kommt, Wege geht, die ich nicht göttlich und logisch nennen kann, sondern durchaus grausam und gegen jedes Gefühl« (BA1, 91f.). Resigniert beschlossen die Freunde, möglichst schnell nach Deutschland zurückzukehren, obgleich der Krieg andauerte.[42]

Am 26. Januar 1916 verließen Jahnn und HarmsHarms, Gottlieb Friedrich Aurland, um andere Gebiete der norwegischen Fjordlandschaft zu erwandern. Einige Tage blieben sie in Hønnefoss. Dann änderten sie ihre Pläne und kehrten nach Aurland zurück. Vorerst schien es unmöglich zu sein, bald wieder nach Deutschland überzusiedeln, und auch das Reisen innerhalb Norwegens fiel ihnen schwer, weil sie sich ständig mit einer feindlich gesinnten Bevölkerung und der Polizei konfrontiert sahen.[43] Hinzu kam Harms’Harms, Gottlieb Friedrich kritischer Gesundheitszustand. Wenig später wurde auch noch Jahnn, dessen körperliche Gebrechen in den Vormonaten im Hinblick auf die drohende Einberufung größtenteils simuliert waren, ernsthaft krank: »Ich erkrankte im Frühjahr 1916 an einer schweren Stomatitis ocerosis und lag drei Wochen zu Bett; zehn Tage lang hatte ich 42 Grad Fieber, der Arzt gab mich auf. Es war die Revolution des Körpers gegen meine Lebensweise in den vergangenen Jahren und gegen die schweren Erregungen, die vor allem aus meiner Auseinandersetzung mit dem Krieg resultierten; ich hatte dieser Krise mit einer neuen verrückten Arbeit begegnen wollen, und nun wurde es zuviel. Es war Winter, als ich mich zu Bett legte, drei Wochen später, als ich wieder aufstand, war es Frühling geworden.« (GE, 104)[44]

»Die Aufzeichnungen des Gottlieb Friedrich Harms«

Im zweiten Monat seines Norwegen-Aufenthalts begann Jahnn die Arbeit an einem Prosaprojekt, das 1974 als Norwegisches TagebuchNorwegisches Tagebuch. Prosaprojekt (Fragment) erstmals veröffentlicht wurde.[45] Äußerlich gleicht das Werk in der Tat einem Tagebuch. Bei genauerer Betrachtung erweist es sich allerdings als eine bewusste Kombination von Gegenwartsbeschreibungen, Erinnerungen und frei erfundenen Episoden. Das Ergebnis liest sich fast wie eine Skizze zu der über dreißig Jahre später entstandenen Niederschrift des Gustav Anias HornFluß ohne Ufer. Roman in drei TeilenDie Niederschrift des Gustav Anias Horn. Auf den Umstand, dass er mit seinem neuen TagebuchNorwegisches Tagebuch. Prosaprojekt (Fragment) in erster Linie eine dichterische Absicht verfolgte, wies Jahnn selbst hin.[46] Vor der Datumsangabe des 13. September 1915 hielt er fest, dass nun die Aufzeichnungen des Gottlieb Friedrich HarmsDie Aufzeichnungen des Gottlieb Friedrich Harms. Tagebuch beginnen. Genauso markierte er am 27. Dezember desselben Jahres den Schluss des zweiten Teils der AufzeichnungenDie Aufzeichnungen des Gottlieb Friedrich Harms. Tagebuch.[47] Folgt man seinen brieflichen Äußerungen, betrachtete Jahnn das Werk allerdings am 30. Dezember noch nicht als abgeschlossen. Ende Januar 1916 fügte er ihm noch einige Seiten hinzu. Möglicherweise sind die zwischen dem 3. März und dem 23. Mai 1916 entstandenen Eintragungen ebenfalls dem ProjektNorwegisches Tagebuch. Prosaprojekt (Fragment) zugehörig, das im Ganzen ein Fragment zu sein scheint.[48]

Der auf Rainer Maria RilkesRilke, Rainer Maria Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge anspielende Titel, den Jahnn auch in seinen Briefen für das Werk verwendete, deutet darauf hin, dass es sich um eine gemeinschaftliche Arbeit der beiden Freunde handelt. Tatsächlich ist der Text größtenteils in der Handschrift von HarmsHarms, Gottlieb Friedrich überliefert. An JürgensenJürgensen, Friedrich Lorenz schrieb Jahnn am 22. November 1915, dass er es sich angewöhnt habe, HarmsHarms, Gottlieb Friedrich Abend für Abend »ein wenig zu diktieren« (BA1, 64). Wahrscheinlich beschränkte sich Harms’Harms, Gottlieb Friedrich Mitarbeit aber nicht auf die mechanische Tätigkeit des Schreibens. Im Einzelnen lässt sich nicht feststellen, welche Teile von Jahnn diktiert und welche von HarmsHarms, Gottlieb Friedrich hinzugefügt worden sind, die Worte der Freunde greifen hier tatsächlich ineinander.

RilkesRilke, Rainer Maria Tagebuchroman lernte Jahnn kurz nach dem Abitur kennen, während eines Aufenthalts in Eckel. Am 10. Dezember 1915 erinnerte er sich: »Damals las ich zum ersten Mal die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge von Rainer Maria RilkeRilke, Rainer Maria. Sie ließen mich nicht los, und ich begriff, warum in mir immer Furcht vorm Dunkeln und vor Gespenstern war, weil ich wußte innerlich, daß sie da waren, und daß sie eines Tages sich mir vorstellen würden.« (FS, 508) Für die Freunde wurde das Buch eine der nachhaltigsten Leseerfahrungen überhaupt.

Mehrere Themen, die in Malte Laurids Brigge angesprochen werden, gewinnen in Jahnns späteren Werken zentrale Bedeutung. So schreibt RilkeRilke, Rainer Maria nicht nur über die von Jahnn gefürchteten Gespenster, sondern auch über das Sezieren von Leichen, über Masken, die Rückkehr von Toten, männliche Engel, die Lehren Emanuel SwedenborgsSwedenborg, Emanuel und die Problematik traditioneller Vorstellungen von Zeit.[49] Jahnn greift einzelne Motive aus RilkesRilke, Rainer Maria Roman heraus und verwendet sie zur Entwicklung eines eigenständigen Stils.[50] Unter dem Eindruck der Lektüre wird in den Aufzeichnungen des Gottlieb Friedrich HarmsDie Aufzeichnungen des Gottlieb Friedrich Harms. Tagebuch der Raum für tatsächlich stattgefundene oder erfundene Kindheitserinnerungen ausgeweitet. Wie im Malte Laurids Brigge treten in ihnen die äußeren Eindrücke und der Ablauf der Ereignisse zugunsten der inneren Zusammenhänge und Verknüpfungen in den Hintergrund: »Es ist ja so vieles gleichzeitig und verworren durcheinander, es ist ja immer anders als einem erzählt wird. Es sind ja Zusammenhänge da aber andere als man meint, nicht logische oder anders bedingte, sondern nur gefühlgemäße. Sie sind wie jene in Träumen, wo aus einer Hand ein Mehlsack wird.« (FS, 500f.)

Mit seinem Malte wurde RilkeRilke, Rainer Maria das Erzählen im herkömmlichen Sinne unmöglich.[51] Bei zeitgenössischen Lesern muss seine hochkomplexe Komposition aus scheinbar unzusammenhängenden Tagebucheintragungen einen ähnlichen ästhetischen Schock hervorgerufen haben wie einige Jahre später James JoycesJoyce, James Ulysses.[52] In Auseinandersetzung mit RilkesRilke, Rainer Maria Roman entwickelte sich Jahnn in seinen Tagebüchern zu einem modernen Prosaiker. Seine literarischen Arbeiten sind von einer ähnlichen Skepsis gegenüber herkömmlichen Formen der Narration geprägt wie die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. »Daß man erzählte, wirklich erzählte, das muß vor meiner Zeit gewesen sein«, heißt es bei RilkeRilke, Rainer Maria.[53] Die Komposition des Malte wird nicht von einem äußeren Handlungsverlauf getragen, sondern durch ein an musikalische Formen erinnerndes Geflecht von Leitmotiven. Hier stieß Jahnn auf ein Verfahren, das für seine späteren Romane und Dramen wesentlich wurde und das er bereits in seinen AufzeichnungenDie Aufzeichnungen des Gottlieb Friedrich Harms. Tagebuch imitierte. Als Romancier ganz eigener Prägung trat er allerdings erst 1929 an die Öffentlichkeit: mit PerrudjaPerrudja. Roman, einem Werk, das in seiner darstellerischen Radikalität mit den Romanen Alfred DöblinsDöblin, Alfred zu vergleichen ist.

Besonders auffällig an den Aufzeichnungen des Gottlieb Friedrich HarmsDie Aufzeichnungen des Gottlieb Friedrich Harms. Tagebuch ist die eingehende Beschäftigung mit Fragen der Sexualität. Es liegt nahe, hierin eine unmittelbare Reaktion auf die jahrelangen Restriktionen zu sehen, unter denen Jahnn und HarmsHarms, Gottlieb Friedrich während ihrer Schulzeit wahrscheinlich noch stärker zu leiden hatten als ihre meisten Altersgenossen. Durch ihre Homosexualität fühlten sich die Freunde von der bürgerlichen Gesellschaft von vornherein ausgeschlossen. Angesichts dieser Bedrohung ihrer Liebe sahen sie sich dazu gezwungen, die Vorstellung einer andersartigen Gemeinschaft zu entwickeln: Ugrino.

Die Aufzeichnungen des Gottlieb Friedrich HarmsDie Aufzeichnungen des Gottlieb Friedrich Harms. Tagebuch sind ein früher Versuch, alle bürgerlichen »Übereinkünfte«[54] hinter sich zu lassen, Phantasie und Beobachtungsgabe freien Lauf zu lassen und über Liebe und Erotik so offen und vorurteilsfrei zu diskutieren, wie es in der Literatur um die Jahrhundertwende selten war: »Alle Fragen beginnen: ›Warum bin ich Mann und Du Frau‹. Das ist die einzige und schwerste Frage, die sich die Menschen beantworten, indem sie sich zusammenfinden, Ehen schließen und Kinder zeugen. Damit ist die Angelegenheit erledigt […] Hier beginne ich anzuklagen. […] Familien sind keine Gemeinsamkeiten, sondern Rechtsverhältnisse, die sich sogar lösen. Als Beweis bringe ich die Unehrlichkeit mit der die Eltern ihren Kindern über sich und ihre Hochzeitsnächte sprechen. Sie lügen!« (FS, 535f.) Wie Melchior Gabor in Frank WedekindsWedekind, Frank Frühlings Erwachen[55] entwerfen sich HarmsHarms, Gottlieb Friedrich und Jahnn, der bis zu diesem Zeitpunkt höchstwahrscheinlich noch nie mit einer Frau geschlafen hat,[56] mit den AufzeichnungenDie Aufzeichnungen des Gottlieb Friedrich Harms. Tagebuch selbst jene Aufklärungsschrift, die sie in ihrer Pubertät schmerzlich vermissen mussten: »Ich habe mich umgesehen und habe entdeckt, […] daß der eine Mann bei seiner Frau schläft, wie es seiner Glut entspricht, und der andre etwas tut, das keine Ähnlichkeit damit hat. Es gibt Männer, die nicht darumhin können, ihre Frauen in die Brüste zu beißen und andere, die sich nicht vorstellen können, daß es eine Nacht gäbe, in der sie nicht auf dem Leibe ihrer Frau schliefen wie auf einem Kissen und andere, die Gebete stammeln, und andere, die ihren Mund in den Schoß ihrer Frau pressen und manchmal so gütig gegen sich sind, daß sie ihrer Zunge freien Eintritt geben in das Heiligste und andere, die eine solche Ehrfurcht haben, daß sie es nicht fertig bringen, die Frau mit der Last ihres Leibes zu beschweren, sondern sie neben sich liegen lassen und eine Berührung fürchten und andere, die sich schlagen lassen und sich quälen lassen […] Wer will da sagen, daß sie bei ihrer Frau schliefen wie ein Tier beim andern? Was bedeutet es, daß sie auch einmal ihren Schoß in den der Frau betteten? Warum klammert Ihr Euch an Kleinigkeiten, warum an dies Äußerlichste? […] Wie, und meint Ihr, es gibt nur Hochzeit zwischen Mann und Frau? Habt Ihr die Jungen vergessen, die Arm in Arm mit einem verklärten Lächeln durch Eure Straßen gingen? […] Warum habt Ihr Euch darauf gelegt, das Norm zu nennen, wenn ein Mann sein Glied in den Schoß einer Frau einführt? Die Norm gibt es nicht. Es sind Qual und Not und Lust und Liebe zu einem Strick zusammengeflochten, aber die Lösungen, die glutenden Erlösungen, die abspringen, sie sind von Gott gefügt.« (FS, 432f.)

Jahnn geht es nicht um pornografische Lust an der Darstellung des Geschlechtlichen. Wie in seinen späteren Schriften ist in den AufzeichnungenDie Aufzeichnungen des Gottlieb Friedrich Harms. Tagebuch fast jede Schlüpfrigkeit vermieden. Erst gegen Ende seines Lebens sprach er zuweilen davon, dass eine gewisse Nähe zur Pornografie für die moderne Literatur geradezu notwendig sei, und betonte seine Verehrung der Romane Jean GenetsGenet, Jean. Wahrscheinlich wollte er damit indirekt auch die obszönen Passagen in Fluß ohne UferFluß ohne Ufer. Roman in drei Teilen vor der blühenden Spießermoral im Adenauer-Deutschland schützen.[57]

Wenn Jahnn 1915 über Liebe schrieb, suchte er nach Erkenntnissen über einen Bereich, den seine Zeitgenossen in ihren Werken meist aussparten und den er in seinem eigenen Leben lange Zeit unterdrückt hatte. Er fragte sich, welche Funktion und Bedeutung die Sexualität habe, er wollte sich Klarheit über seine erotischen Bedürfnisse verschaffen. Noch 1948 beschäftigte er sich in einem Brief an Werner HelwigHelwig, Werner mit den Schwierigkeiten seiner Jugend und seiner Beziehung zu HarmsHarms, Gottlieb Friedrich: »Ich habe mit Schrecken festgestellt, dass ich niemals mit irgend einem Knaben Berührespiele gespielt habe, dass in meinem sinnlichen Dasein eine Entwicklungsstufe fehlt. Meinem ersten bewussten Onanieren bin ich damit begegnet, dass ich mich täglich kloroformierte, um nicht zu sündigen, um in der Sünde nicht auch noch lügen zu müssen. Als ich mich aus der Umklammerung orthodoxen Glaubens endlich befreite, war ich erwachsen, und was schlimmer wirken musste, ohne Erfahrung. Die erste pornographische Postkarte, die ich zu Gesicht bekam, hast Du mir gezeigt. […] Und erst jetzt […] begreife ich meine Versäumnis ganz, erkenne, dass ich mich, als ich kraft meiner Jugend noch Rechte hatte, verweigerte. Ich habe, grob ausgedrückt, im Geiste lieben können. Ich habe mir lange Zeit nicht eingestanden, dass meiner Verbundenheit zu FriedelHarms, Gottlieb Friedrich, dieser meiner grössten Zärtlichkeit, ein Geisteskampf voraufgegangen ist, der alle Dimensionen hatte, aber nur ein Quäntchen Sinnlichkeit. Deshalb auch habe ich erst sehr spät begriffen, dass ›man‹ unsere Freundschaft anrüchig finden konnte.«[58]

Von wenigen Ausnahmen abgesehen, ist in Jahnns Werken kein Wille zur Provokation durch erotische Freizügigkeit zu erkennen. Seine Kühnheiten waren eher das Resultat seiner Unbefangenheit, die sich mit einer radikalen Aufrichtigkeit verband. Jahnn begehrte weniger gegen gesellschaftliche Regeln und Grenzen auf, als dass er sie schlicht nicht beachtete. Michel FoucaultFoucault, Michel arbeitet in seinem Essay über Georges BatailleBataille, Georges den Begriff der Übertretung eines Tabus heraus. Durch diese Übertretung werden die gesellschaftlich-moralischen Grenzen nicht verletzt, sondern in ihrer Existenz bestätigt: »Grenze und Übertretung verdanken einander die Dichte ihres Seins: Inexistenz einer Grenze, die absolut nicht überschritten werden kann; umgekehrt Sinnlosigkeit einer Übertretung, die nur eine illusorische, schattenhafte Grenze überschritte.«[59] Parallel dazu könnte man Jahnns Vorgehen mit der Metapher Überfahrt fassen. In seiner Literatur geht es nicht um eine bewusste Grenzüberschreitung, sondern um ein – oft absichtsloses – Gleiten. Wie bei einer Schifffahrt geraten die Figuren von einem Hoheitsgebiet in ein anderes, ohne dass dieser Länderwechsel mit den Sinnen nachvollziehbar wäre. Auf die Ankunft folgt dann eine Überraschung, die manchmal positiv, manchmal schockierend ausfällt. Erst jetzt beginnt das Begreifen, etwas getan zu haben, das andere als anstößig empfinden könnten. Eindrucksvoll gestaltet Jahnn diese temporäre Loslösung von jeder gesellschaftlichen Übereinkunft im ersten Kapitel seines Romanfragments Ugrino und IngrabanienUgrino und Ingrabanien. Romanfragment, das auch den Titel Überfahrt trägt.

Die jahrelange Unterdrückung erotischer Bedürfnisse mag ein Grund für die Dominanz des Gesprächs über Liebe und Sexualität in den Aufzeichnungen des Gottlieb Friedrich HarmsDie Aufzeichnungen des Gottlieb Friedrich Harms. Tagebuch sein. Allerdings blieb Jahnn schon in diesem frühen Werk nicht dabei stehen, fehlende Erfahrungen durch eine ausschweifende literarische Phantasie auszugleichen. Sein Vorstoß zielte auf eine andere Dimension des menschlichen Lebens. Auf der Grundlage metaphysischer Spekulationen glaubte er, die Lösung eines Problems gefunden zu haben, das ihn schon seit mindestens zwei Jahren beschäftigte: Welchen Platz haben Schmerzen und Qualen in der göttlichen Schöpfung? Im Geschlechtstrieb erkennt er – der herrschenden Meinung widersprechend – eine positive, die Menschen versöhnende und in die Schöpfung integrierende Kraft.

Sein Leben lang hielt Jahnn an der in den AufzeichnungenDie Aufzeichnungen des Gottlieb Friedrich Harms. Tagebuch entwickelten Überzeugung fest, dass der Geschlechtstrieb gegenüber den anderen menschlichen Grundbedürfnissen vergleichsweise friedlich sei. Die Qualen hätten erst begonnen, als die Menschen eigenmächtig die von Gott gegebene Freiheit beschnitten und die Geschlechtlichkeit durch beständige Unterdrückung zu etwas Aggressivem pervertierten: »Aber ihr habt es nicht erkannt, daß sie uneingeschränkt sein müssen, diese [erotischen] Kräfte. Ihr habt es vermocht, einzubrechen in die köstlichen Abgründe der Kinderseelen. Ihr habt sie grausam und schamhaft gemacht.« (FS, 435)[60]

Letztlich führte Jahnn auch den ihn gegenwärtig bedrohenden Krieg auf ein kollektiv unterdrücktes Sexualleben zurück. Die Wurzel dieser Fehlentwicklung der christlich-europäischen Welt glaubte er darin zu erkennen, dass die Menschen die Kreuzigung Jesu grundlegend falsch interpretierten. Jesus Christus habe die Erde betreten, um ein Beispiel grenzenloser Liebe zu geben. Die Menschen aber begriffen ihn nicht, lehnten seine maßlose Liebe und seine überbordende Leidenschaft für das Gemeinsame und Gute ab und zwangen ihn auf seinen Leidensweg, der mit der Kreuzigung endete: »Gott selbst wurde zu der Qual einer blutenden Häßlichkeit. Aus allen Gebärden seines Leibes schrie der eine Wunsch[:] Liebt Euch, damit ich aus den Abgründen meiner Not errettet werde, aber auch da verstanden sie nicht.« (FS, 545) Anstatt das von Liebe erfüllte irdische Dasein des unversehrten Jesus zum Vorbild zu wählen, orientierten sie sich an seinem menschengemachten Leidensweg. Sie verneinten ihre körperlichen Bedürfnisse, ihre Gefühle, ihr sinnliches Erleben und machten die Trennung zwischen Seele und Leib zur Grundlage ihrer Weltanschauung. Nicht einmal vor einer Nachahmung der Leiden Jesu schreckten sie zurück: »[…] sie begannen zu verachten, was er suchte. Sie begannen die grauenhaften Mysterien ihrer Leiden, die er haßte. Er litt, während sie zu leiden glaubten. […] Er hatte geschrien, liebt Euch, damit ich an die Erfüllung meiner Werke komme. – Sie aber marterten sich, folterten Menschen, schlachteten sie, richteten sie hin, sie quälten Tiere […] – Gott aber dachte ihr Greuel zu ende, das sie nicht einmal aussprechen konnten, das an ihnen war wie nichts, weil sie die Mühe allen Fühlens von sich taten und ihr Inneres zu Worten erstarren ließen. – Sooft sie einen Menschen töten und zur Häßlichkeit erniedern, schlagen sie Gott ans Kreuz.« (FS, 545)

Bei all diesen ebenso einfachen wie auf den ersten Blick einleuchtenden Betrachtungen klammerte Jahnn eine Frage aus: Wie kommt es, dass Gott die ihm widersprechenden Regungen der Menschen überhaupt zuließ? War das ein Schöpfungsfehler? Erst Jahrzehnte später gelangte Jahnn in seinem Denken tatsächlich zu der grausamen Konsequenz, die Schöpfung für unvollkommen zu halten.

Jugend – Freundschaft mit Gottlieb Harms 1908–1914

Erste Begegnung mit Gottlieb Harms – Freundschaften

Die Begegnung mit Gottlieb HarmsHarms, Gottlieb Friedrich gehörte zu den wichtigsten Ereignissen in Jahnns Leben.[61] Schon in seiner ersten überlieferten Tagebuchaufzeichnung vom 5. März 1911 geht es vor allem um HarmsHarms, Gottlieb Friedrich. Jahnn beschreibt, wie er missgünstig reagierte, als sich der geliebte Freund mit einem anderen traf. Sein Zustand wirkt bedenklich: »Da fällt mir ein, ich habe meinem Cameraden ConradMoeller, Conrad [Moeller] schlechtes Wetter zu seinem heutigen Ausflug gewünscht; ich weiß, mein Freund GottliebHarms, Gottlieb Friedrich ist mit ihm. Und da beneide ich meinen Freund, meinen Freund, den ich doch lieben sollte! Aber es kommt daher, ich liebe ConradMoeller, Conrad auch, und ich darf nicht bei ihm sein; nur er. / Meine Mutter ist krank. Wie ich vor ihr Bett trete, denke ich, wärst du doch auch so krank, todkrank, und dürftest sterben. Ich beneide meine Mutter. […] GottliebHarms, Gottlieb Friedrich hat mir einmal gesagt, ich solle mir das nicht wünschen, aber darin versteht er mich nicht, er weiß nicht, was in mir wühlt und quält; ich darf ihm das nicht sagen, niemandem.« (FS, 45)

Was hatte die Verzweiflung des 16-Jährigen hervorgerufen? Waren es Schuldgefühle, die ihre Wurzeln in seinen ersten erotischen Erlebnissen hatten? War es der gesellschaftliche Druck, der auf dem jungen Homosexuellen lastete, oder tatsächlich Neid und Eifersucht, die ihn bewegten? Fragen, die unbeantwortet bleiben müssen. Wir wissen wenig über Jahnns Schulzeit, und auf seine späteren autobiografischen Aussagen ist kein Verlass, zu sehr war er stets darum bemüht, sich als Ausnahmeerscheinung zu stilisieren.

Zwischen 1911 und 1912, in jenen Monaten also, aus denen weder Briefe noch Tagebucheintragungen vorliegen, wechselte Jahnn sogar seine Handschrift: Statt der deutschen Schreibschrift bediente er sich nun der heute üblichen lateinischen Buchstaben, was möglicherweise auch mit seinem Schulwechsel zusammenhing.[62] Jahnn hatte die reformierte Realschule von St. Pauli in der Seilerstraße nach dem Präliminarexamen verlassen und besuchte seit Herbst 1911 die Oberrealschule am Kaiser-Friedrich-Ufer in Hamburg-Eimsbüttel, um dort das Abitur zu machen. Diese Schule gehörte zu den modernsten Hamburgs und hatte ungefähr 800 Schüler, die unter der Leitung von Heinrich GerstenbergGerstenberg, Heinrich (18641938) von 40 Lehrern unterrichtet wurden.[63]

Den über ein Jahr älteren HarmsHarms, Gottlieb Friedrich hatte Jahnn wahrscheinlich um 1908/09 erstmals bewusst in der Realschule wahrgenommen. In den Gesprächen mit MuschgMuschg, Walter erinnerte er sich an dieses Ereignis: »Er besuchte die gleiche Schule, war aber in einer anderen Klasse. Ein halbes Jahr vor meiner Zurückversetzung – ich war damals vierzehn, er fünfzehn – guckte er einmal in unser Klassenzimmer hinein. Er sah mich an und lachte, ich lachte ihn auch an; seither hatten wir irgendwie Kontakt. Er wohnte auch in Stellingen.« (GE, 48) Da nur wenige Schüler aus der ländlichen Gemeinde Stellingen-Langenfelde kamen, trafen sich Jahnn und HarmsHarms, Gottlieb Friedrich zuweilen auf dem Schulweg in der Straßenbahn. Die Beziehung intensivierte sich, als HarmsHarms, Gottlieb Friedrich wegen eines Nierenleidens ein Jahr wiederholen musste und in der letzten Realschulzeit in Jahnns Klasse kam. Von Anfang an spielten also Harms’Harms, Gottlieb Friedrich Krankheiten, die das gemeinsame Leben der Freunde bis zu seinem frühen Tod 1931 prägten, eine entscheidende Rolle.

MuschgMuschg, Walter gegenüber malte Jahnn den Beginn der Freundschaft als eine Dreiecksbeziehung mit ihrem Mitschüler Paul SonnenbergSonnenberg, Paul aus, dem Jahnns eigentliche Liebe gegolten habe. HarmsHarms, Gottlieb Friedrich habe er sich im gewissen Sinne nur aus Eifersucht genähert – eben weil SonnenbergSonnenberg, Paul sich für HarmsHarms, Gottlieb Friedrich interessierte. Wie weit diese Geschichte der Wahrheit entspricht, kann aufgrund der lückenhaften Überlieferung nicht entschieden werden.[64] Sicher ist nur, dass Jahnn und HarmsHarms, Gottlieb Friedrich seit 1910/11 in enger Verbindung standen, sich zunächst in der Schule täglich sahen und sich seitdem auch privat häufig trafen und einander besuchten. Dies bezeugen die Tagebücher, in denen sich seit Dezember 1912 auch Anmerkungen, Verbesserungen und Notizen von HarmsHarms, Gottlieb Friedrich finden.[65]

HarmsHarms, Gottlieb Friedrich wurde am 18. Juli 1893 geboren. Er hatte drei Brüder, von denen der jüngste, ArthurHarms, Arthur (»Addi«, 18981951), sein Leben lang als sogenannter Schwager mit Jahnn ein herzliches Verhältnis pflegte. Harms’Harms, Gottlieb Friedrich Vater Johann Joachim GottliebHarms, Johann Joachim Gottlieb besaß in der Hamburger Altstadt ein Frühstückslokal, bevor er den Zollgasthof Langenfelder Hof in Stellingen-Langenfelde an der Kieler Straße kaufte und dieses Restaurant um einen Ballsaal erweiterte. 1907 ließ er sich als Privatier nieder, nachdem er seine Wirtschaft wieder verkauft hatte. Die Familie bewohnte ein großzügiges Haus in Stellingen. In einer im August 1912 geschriebenen Tagebucheintragung hat Jahnn festgehalten, wie er Harms’Harms, Gottlieb Friedrich Leben und sein Zimmer im Haus der Eltern wahrnahm: »Wenn man eintritt, steht links die Kommode, dann folgt der Tisch und das Sofa, darauf er [HarmsHarms, Gottlieb Friedrich]. – Er liest im PlutarchPlutarch, schaut auf und starrt zum Fenster, das halb geöffnet ist. – Der rotbraune Vorhang mit dem Kränzemuster sieht er.« (FS, 58)

HarmsHarms, Gottlieb Friedrich war ein begabter und vielseitig interessierter Schüler. Er war in der Jugendbewegung aktiv und muss ein sehr guter Lautenspieler gewesen sein. Nach der Realschule besuchte er ein humanistisches Gymnasium mit Koedukation, wo er Latein und Griechisch lernte. Jahnn hingegen erhielt in seinen letzten Schuljahren lediglich Französisch- und Englischunterricht, wobei ihm besonders das Französische bis zum Abitur große Schwierigkeiten bereitete, was möglicherweise weniger an seiner fehlenden Begabung als an dem mangelhaften Sprachunterricht in der Realschule St. Pauli lag. Dass HarmsHarms, Gottlieb Friedrich – ähnlich wie Jahnn – wahrscheinlich nicht zu den fleißigsten Schülern gehörte, tat seinen guten Leistungen im Unterricht offenbar keinen Abbruch. Außer für theologische und philosophische Probleme interessierte er sich in den letzten Schuljahren vorwiegend für Musik und Literatur. In seiner Freizeit setzte er sich auch auf theoretischer Ebene mit musikalischen Fragen auseinander und erwarb so Kenntnisse, die die Grundlage für seine spätere musikwissenschaftliche Tätigkeit und seine Zusammenarbeit mit Jahnn im Orgelbau bildeten.

Durch seine Bekanntschaft mit HarmsHarms, Gottlieb Friedrich und Conrad MoellerMoeller, Conrad bekam auch Jahnn Kontakt zum Wandervogel. MuschgMuschg, Walter berichtete er über seinen Freund MoellerMoeller, Conrad, der im Ersten Weltkrieg umkam, Folgendes: Er »hatte ein kühnes Profil und große, braune, wahrhaft brunnentiefe Augen. Er war eine phantastische Figur, ein schönes Scheusal – daß er dies war, wußte ich so wenig wie daß ich ihn liebte. Ich saß in der Schule hinter ihm; er hatte Locken, ich starrte immerzu darauf, denn ich hatte keine. Ich liebte ihn und machte Gedichte auf ihn – in vollkommener Unschuld. Ich entwickelte mich spät und hatte keine Ahnung, was gemeint war, wenn der Schüler Kraut während der Stunde an mir herumtastete und Dinge an mir trieb, die den furchtbarsten Skandal hervorgerufen hätten, wenn sie ausgekommen wären. So kam ich auch zu MMoeller, Conrad.[oeller] nie in nähere Beziehung, außer daß ich durch ihn in die Wandervogelbewegung hineingeriet. Er machte dort mit und hielt mir lange Vorträge darüber, für die ich mich seinetwegen begeisterte.« (GE, 61f.)

Schenkt man Jahnns Erinnerungen Glauben, war seine Beziehung zu Conrad MoellerMoeller, Conrad eher oberflächlich; anders verhielt es sich hingegen mit dessen jüngerer Schwester MarthaMoeller, Martha, in die er sich zwischen 1911 und 1912 so heftig verliebte, dass er sogar einige Figuren in seinen Dramen und Prosaversuchen nach ihrem Vorbild gestaltete. Bis 1917 gehörte MarthaMoeller, Martha Moeller zum engsten Freundeskreis von Jahnn und HarmsHarms, Gottlieb Friedrich, doch der Beginn der Beziehung zu ihr – der vermutlich ersten Freundin, die in Jahnns Leben eine bedeutende Rolle spielte – muss wie so viele Ereignisse aus Jahnns Jugend im Dunkeln bleiben.

Schon 1915, als Jahnn im Zusammenhang mit der Übersiedlung nach Norwegen ein Verzeichnis seiner Schriften anfertigte, vermerkte er, dass die Handschrift seines ersten, 1910/11 geführten Tagebuchs nicht mehr vorhanden sei; genauso die Autografen einiger Prosaarbeiten.[66] Aus dem Jahre 1911 liegen heute lediglich eine längere Erzählung und das Schauspiel Revolution. Empfindungen und HandlungenRevolution. Empfindungen und Handlungen. Drama vor, das die Geschichte des Dichters Wilhelm Garbe erzählt, der durch seine Schriften einen Aufstand gegen den König, die christliche Kirche und das – jüdische – Kapital evoziert. Bemerkenswert ist, dass in diesem unbeholfen und klischeehaft wirkenden Jugendwerk bereits einige Themen diskutiert werden, die Jahnn sein Leben lang beschäftigten. Der Glaube, für den sich Garbe ausspricht und der dem herrschenden System entgegengesetzt wird, erinnert in seinen Grundsätzen an das, was Jahnn nach dem Ersten Weltkrieg mit der Glaubensgemeinde Ugrino verwirklichen wollte: »Es heißt, er [Wilhelm Garbe] will nicht die Kirchen einreißen, er will in ihnen den Versuch machen, die Herzen empfinden zu lassen, denn ›aus dem Empfinden heraus soll man den Glauben bauen.‹« (FS, 1388)

Wie die meisten Dramen, die vor dem Ersten Weltkrieg entstanden, gleicht RevolutionRevolution. Empfindungen und Handlungen. Drama in vielerlei Hinsicht einer Fortsetzung des Tagebuchs mit anderen Mitteln. Ständig verwischt Jahnn die Grenze zwischen fiction und non-fiction, indem er in den Dramen und Prosaarbeiten deutlich autobiografische Bezüge herstellt und umgekehrt in den Tagebüchern Erlebtes und Erdachtes oft übergangslos ineinanderfügt. Beim Versuch, Jahnns Leben dieser Jahre zu rekonstruieren, wird dies zum unlösbaren Problem. In den wenigsten Fällen werden wir unsere Fragen auf befriedigende Weise beantworten können.

In seinen späteren autobiografischen Äußerungen betonte Jahnn, wie sehr er unter der Schule gelitten habe, weil er dort stets ein Außenseiter gewesen sei. In der Realschule in St. Pauli habe vor allem sein strenges Christentum dazu geführt, dass man ihn aus der Gemeinschaft ausschloss. »Ich war gänzlich verbohrt in christliche Gedanken und lief ständig mit einem Neuen Testament in der Rocktasche herum«, erinnerte er sich 1933 (GE, 17). Ob das wirklich so war, sei dahingestellt, doch taucht dieses Motiv auch in Jahnns erstem bedeutenden Romanfragment Ugrino und IngrabanienUgrino und Ingrabanien. Romanfragment auf, was nicht unbedingt auf einem biografischen Ereignis beruhen muss, aber als Beleg für eine frühe und ausgesprochen intensive Auseinandersetzung mit dem Christentum gelten mag, auf deren Spuren wir in allen Arbeiten Jahnns stoßen. Am Anfang muss eine tiefe Frömmigkeit gestanden haben, die spätestens mit der immer intensiveren Liebesbeziehung zu HarmsHarms, Gottlieb Friedrich brüchig wurde. Zeitlich fiel Jahnns innere Wandlung mit dem Wechsel auf die Oberrealschule zusammen. Folgt man den Tagebucheintragungen, die seit Ende Juli 1912 entstanden sind, scheint sein Leben in diesen Jahren stark dem der jugendlichen Dichter geähnelt zu haben, die in seinen Dramen und Erzählungen immer wieder auftauchen.

Wie der junge Walther in der »Liebesgeschichte« MutterMutter. Eine Liebesgeschichte (1911), in dessen Zimmer »es abscheulich nach Chlor und Schwefelwasserstoff und Ozon roch« (FS, 1040), beschäftigte sich Jahnn in seiner Freizeit nicht nur mit Literatur und Musik, sondern auch mit physikalischen und chemischen Experimenten – eine Leidenschaft, die im Gegensatz zum Schreiben wahrscheinlich auch von seinem VaterJahn, Gustav William begrüßt wurde. Geräte und Chemikalien werden Jahnns Zimmer in der Högenstraße das Aussehen eines großen Amateurlaboratoriums gegeben haben.[67] Einzig seine Experimente mit Sprengstoffen, bei denen er sich nicht unerheblich gefährdete, dürften seine Eltern in dieser Hinsicht beunruhigt haben. Sicher hat Jahnn das physikalische Wissen, das er sich in seiner Jugend aneignete, dabei geholfen, sich später autodidaktisch zum Orgelbauer auszubilden. Für sein starkes Interesse an religiösen und naturwissenschaftlichen Fragen spricht auch, dass er sich in dieser Zeit mehrmals mit einem katholischen Theologen zu Gesprächen traf, der zugleich ein »privates meteorologisches Institut« betrieb.[68]

Sogar vor Selbstversuchen mit Chloroform schreckte er nicht zurück. Unter naturwissenschaftlichem Deckmantel machte er so erste Drogenerfahrungen, auf die er sich noch Jahrzehnte später in Fluß ohne UferFluß ohne Ufer. Roman in drei Teilen bezog. MuschgMuschg, Walter gegenüber erinnerte er sich an diese Experimente: »Ich stellte mir die Aufgabe, zu untersuchen, ob man in der Narkose zuerst das Bewußtsein oder die Schmerzempfindung verliere. Ich narkotisierte mich wohl gegen hundertmal und brachte mir dann in bestimmten Abständen Wunden bei. Ich konstatierte, daß das Schmerzempfinden bei weitem früher verschwand, daß ich mir von einem gewissen Zeitpunkt an ohne Schmerz beliebige Wunden beibringen konnte, und daß andererseits das Bewußtsein im letzten Stadium rhythmische Formen annahm: es war ausgestattet mit rhythmischen Figuren, Gesichten, die sich in Zählvorgänge auflösten, und diese wieder mündeten in die Vorstellung der Unendlichkeit.« (GE, 67f.) Auch in seinen Tagebüchern finden sich Hinweise auf solche Versuche. Dort heißt es unter dem 29. Juli 1913: »Ich habe jetzt das Gefühl im Kopf, das ich nur vorm Einschlafen kenne – oder beim chloroformieren. – Ein Hämmern – und man hört eine Stimme; aber es ist, als winkte jemand dieser Stimme zu schweigen. / Ein wohliges Gefühl ist das – man kann dann nicht denken.« (FS, 134)

Rückblickend interpretierte Jahnn seine Betäubungsversuche und seine gesamte überspannte Lebensführung in der Schulzeit als eine Reaktion auf ungelöste sexuelle Probleme, auf unerbittliche Vorwürfe, die er sich machte, weil er zu onanieren begann. Das alles beherrschende Thema seiner Tagebücher ist die Not, in die er durch sein ungestilltes Liebesverlangen geraten war. Dabei sollte aber nicht außer acht gelassen werden, dass Jahnn möglicherweise immer dann besonders viel schrieb, wenn es ihm schlecht ging. Sicher war das Schreiben für ihn in der Jugend auch eine Form der Therapie; man kann davon ausgehen, dass das Bild, das auf der Grundlage der Tagebücher von ihm entsteht, ein zu einseitig depressives ist.[69]

Das erhaltene Tagebuch begann Jahnn am 30. Juli 1912 regelmäßig zu führen. Wie das bereits erwähnte Blatt vom 5. März 1911 tragen die ersten Eintragungen deutlich depressive Züge. Nach einem Ausflug in einen Tanzsaal notierte er: »Entsetzlich, entsetzlich! Ich kann die fröhlichen, lachenden, tanzenden Menschen nicht sehen. – O, all mein Fühlen und Denken wird Haß, glühender Haß gegen die Menschheit werden. – Das Wüten gegen mich selbst hilft ja nicht mehr. / Wie soll das enden! – Und was für eine Angst ich habe, vor dieser Nacht; ich weiß, ich werde nicht schlafen können, und meine Augen brennen. – Es gibt keine Hilfe! – Keine –« (FS, 52).

Jahnn plagten verwickelte Schwierigkeiten, die aus seiner Liebe zu HarmsHarms, Gottlieb Friedrich folgten. Zunächst fiel es ihm sogar schwer, seine erotischen Wünsche zu akzeptieren, weil er sie als Sünde empfand. Seine seelischen Nöte weckten in ihm das Bedürfnis, sich selbst zu bestrafen, und trieben ihn zu abstrusen Handlungen, über die er in seinem Tagebuch berichtete: »GottliebHarms, Gottlieb Friedrich gewinn ich von Tag zu Tag lieber, und damit ich mich nicht einmal vergesse und ihm um den Hals falle, hab ich mir versprochen, jedes Mal, da ich seine[n] Hals umfasse, mit einer Hand, mich auf die Finger zu beißen, daß es wirklich schmerzt.« (FS, 57f.)

Trost fand Jahnn in der Dichtung, vor allem in den Dramen, Tagebüchern und Briefen Friedrich HebbelsHebbel, Friedrich, der in dieser Zeit zu seinen großen Vorbildern gehörte. Im Sommer 1912 beschäftigte er sich fast täglich mit ihm, um einen Vortrag vorzubereiten, den er vermutlich im Deutschunterricht gehalten hat. Besonders die Tragödie Genoveva imponierte ihm. Aber auch mit weniger bekannten Stücken wie der Komödie Der Diamant und der Tragikomödie Ein Trauerspiel in Sizilien setzte er sich auseinander.

Am 8. August 1912 vermerkte er im Tagebuch, dass er soeben HebbelsHebbel, Friedrich selten gespieltes Trauerspiel Julia zu Ende gelesen habe, und dieses Stück kreist um ein Thema, das Jahnn sein Leben lang beschäftigte. Die Handlung gipfelt in einem grausamen Schauspiel: Julia muss ihrer eigenen Bestattung zusehen. In Wahrheit ist der Sarg leer. Ihr Vater hat das Pseudobegräbnis anberaumt, nachdem Julia, seine einzige Tochter, aus dem Haus geflohen ist, um mit ihrem Geliebten zu leben. Den aber traf sie nicht, und der hasserfüllte Vater hat sie für immer verstoßen. Nichts wünscht sie sich jetzt sehnlicher als den Tod: »Öffne den Sarg! Begraben soll ich werden? Ich bin bereit, mich hineinzulegen! Öffne! Ich werde nicht pochen, wenn sie mich forttragen, wenn sie mich an schwanken Seilen in die Grube hinablassen und die rollenden Erdschollen mich polternd mahnen, den letzten Augenblick wahrzunehmen, der noch mein ist. Ich werde nicht wimmern, wenn mir drunten die Luft nicht früh genug ausgeht und ein tierischer Hunger mich vielleicht zwingt, mit den Würmern gemeinsame Sache zu machen oder ihnen gar zuvorzukommen!«[70] Das Motiv, lebendig begraben zu werden, gestaltete Jahnn nicht nur in seinen Dramen Die Krönung Richards III.Die Krönung Richards III. Historische Tragödie und Der gestohlene GottDer gestohlene Gott. Tragödie. Selbst in dem über zwanzig Jahre nach der ersten Lektüre von HebbelsHebbel, Friedrich Julia entstandenen Roman Das HolzschiffFluß ohne Ufer. Roman in drei TeilenDas Holzschiff glaubt man, in der Binnenerzählung Mann, zweihundert Jahre begraben ein fernes Echo dieses frühen Leseerlebnisses zu vernehmen.[71]

Jahnn las HebbelHebbel, Friedrich nicht analytisch, sondern identifizierte sich mit ihm. Für seinen Vortrag nahm er sich vor, HebbelsHebbel, Friedrich Geliebte Elise LensingLensing, Elise zu rechtfertigen, die ihn lange Zeit finanziell unterstützt und ein uneheliches Kind von ihm zur Welt gebracht hatte. Jahnn wollte »die beschränkte Ansicht der Spießbürger« bloßlegen; wahrscheinlich nicht zuletzt deshalb, weil er sich selbst danach sehnte, einen Menschen zu finden, der sich ohne Wenn und Aber auf seine Seite stellte. Besonders in HebbelsHebbel, Friedrich Tagebüchern glaubte er Antworten auf jene Fragen zu finden, die ihm in diesen Monaten besonders schwer zusetzten: »HebbelHebbel, Friedrich sagt von sich: [›]Nur wer Kind war wird Mann. (TieckTieck, Ludwig)

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