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Der geliehene Ring

1. KAPITEL

B.J. Samples, die Meisterdetektivin!

Unglaublich stolz auf ihre detektivischen Fähigkeiten, stieg B.J. aus dem Mietwagen und ging die gepflegte Auffahrt entlang, an deren Ende ein Landhaus stand. Nicht irgendein Landhaus – dieses hier wirkte mit seinen Säulen, Erkern und Balkonen eher wie ein kleines Schloss, zumal es von einem Park umgeben war. Außerdem gab es einen riesigen Pool, ein Sommerhäuschen, Springbrunnen und Teiche sowie eine private Landebahn.

Der eigentliche Grund ihres Besuchs war allerdings Daniel Castillo, der sich nun Daniel Andreas nannte. Offenbar hatte er es weit gebracht – wenn man bedachte, dass er als Kind in den Slums gelebt hatte und später als schwer erziehbarer Teenager auf die Ranch ihres Onkels Jared gekommen war, wo er ein Jahr als dessen Pflegesohn gelebt hatte.

Ihn zu finden war nicht leicht gewesen. B.J. hatte eine ganze Woche lang seine Spur verfolgt, bis sie schließlich ein Hinweis zu diesem Anwesen führte. Sie konnte es nicht abwarten, vor ihren drei Chefs – die auch ihre Onkel waren – mit ihrer Findigkeit zu prahlen.

Als sie sich dem Eingangsportal näherte, verlangsamte sie ihre Schritte. Irgendwie wurde sie das Gefühl nicht los, beobachtet zu werden, doch als sie sich nach allen Seiten umblickte, war niemand zu sehen.

Vielleicht war es reine Nervosität – immerhin handelte es sich hier um ihren ersten Außenauftrag, seit sie in der Detektei ihrer Onkel arbeitete. Ihr Spezialgebiet war die Computerrecherche, und ihren Onkeln schien es nur allzu recht zu sein, dass sie dabei den Schreibtisch nie verließ. Alles andere hielten sie für viel zu gefährlich für sie. Auch diesen Auftrag hatte sie nur bekommen, weil er völlig harmlos war und sie auf keinen Fall in Schwierigkeiten bringen konnte.

Dennoch zitterte ihre Hand ein wenig, als sie den reich verzierten Klingelknopf drückte. An solchen Luxus war sie einfach nicht gewöhnt, schließlich stammte sie aus einer liebevollen, aber ganz normalen Mittelklassefamilie.

Unsicher blickte sie an sich herunter. Sie trug ein olivgrünes, weites Safarihemd und Khakihosen. Ein wenig verspätet bereute sie, dass sie kein professionelleres Outfit gewählt hatte.

Die Eingangstür wurde von einem sehr großen, kahlköpfigen Mann geöffnet, der ein graues Jackett, ein hellblaues Hemd und Jeans mit Bügelfalte trug. „Ja?“, fragte er ziemlich unfreundlich.

Wie ein Butler wirkte er nicht, aber auch nicht wie der Hausherr. Am ehesten dachte sie bei seinem Anblick an den Türsteher einer schäbigen Nachtbar – wenn sie auch nie in einer gewesen war.

B.J. richtete sich zu ihrer vollen Höhe von einhundertsechzig Zentimetern auf, war aber immer noch zwei Köpfe kleiner als der Mann, der vor ihr stand.

So selbstbewusst wie möglich sagte sie: „Ich suche Daniel Andreas. Ist er hier?“

Der Mann hob die Augenbrauen. „Daniel Andreas?“

B.J. unterdrückte ein Seufzen. Geduld war noch nie ihre Stärke gewesen. „Ganz recht.“

Auf einmal erhellte sich die Miene des kahlköpfigen Riesen, als hätte er soeben eine Eingebung gehabt. „Oh! Sie haben es also geschafft. Das wird ihn sicher freuen. Kommen Sie rein.“

B.J. hatte keinen Schimmer, was er meinte. „Ich …“, begann sie.

Doch er ließ sie nicht zu Wort kommen. „Daniel!“, rief er, während er B.J. hinter sich herzog. „Ach, da sind Sie ja. Schauen Sie mal, wer hier ist. Ihre Gattin.“

Als B.J. seiner Blickrichtung folgte, blieb sie überrascht stehen. Sie hatte Daniel das letzte Mal vor dreizehn Jahren gesehen und sich die ganze Zeit gefragt, wie er wohl heute aussah.

Die einzig mögliche Antwort lautete: umwerfend.

Einen Augenblick lang starrte er sie ebenso fassungslos an wie sie ihn, ohne dass sein Gesichtsausdruck verriet, was er dachte. B.J. bezweifelte, dass er sie nach all den Jahren überhaupt wiedererkannte, zumal er damals eindeutig nicht so für sie geschwärmt hatte wie sie für ihn.

Doch bevor sie etwas sagen konnte, kam er auf sie zu. Seine Bewegungen hatten etwas Raubtierhaftes, und obwohl er ein strahlendes Lächeln zur Schau trug, sah sie den todernsten Ausdruck in seinen Augen. Im nächsten Moment griff er nach ihrem Arm und zog sie an sich. „Liebling! Ich bin so froh, dass du es doch noch geschafft hast.“

Und dann küsste er sie so heiß und leidenschaftlich, dass ihr die Knie weich wurden.

Als er sich wieder von ihr löste, ließ er ihr keine Gelegenheit, etwas zu sagen – ganz abgesehen davon, dass es B.J. sowieso die Sprache verschlagen hatte. Er umfasste ihre Schultern so hart, dass sie blaue Flecken befürchten musste, und wandte sich an den kahlköpfigen Riesen, der mit einem sentimentalen Lächeln auf den Lippen herumstand. „Bernard, würden Sie uns einen Moment allein lassen? Wir haben uns länger nicht gesehen.“

Der Riese nickte. „Sicher. Gehen Sie mit Ihrer Gattin doch in den Salon gleich dort drüben. Sie werden bis zur Abreise ungestört sein. In der Zwischenzeit werde ich den Chef informieren, dass Ihre Frau nun doch mit von der Partie ist.“

„Oh, aber …“, begann B.J.

Daniels Griff um ihre Schultern verstärkte sich, sodass sie den Satz nicht zu Ende bringen konnte.

„Ja, tun Sie das“, wies er den Riesen an.

Bernard blickte B.J. stirnrunzelnd an. „Stimmt etwas nicht, Mrs. Andreas?“

Völlig verwirrt blickte sie zu Daniel auf. Sein warnender Blick verhieß nichts Gutes, und sie antwortete mit einem angespannten Lächeln: „Ich muss nur kurz mit meinem … äh, mit Daniel unter vier Augen sprechen.“

Wieder erschien das Lächeln auf Bernards Gesicht, der deshalb aber nicht weniger Furcht einflößend wirkte. „Bitte hier entlang, Ma’am.“

Er führte sie in einen elegant möblierten kleinen Salon und ließ sie allein.

Sofort drehte sich B.J. zu Daniel um. „Was zum Teufel hatte das denn zu bedeuten?“, fragte sie aufgebracht.

„Sprich bitte leise“, erwiderte Daniel, der nun nicht mehr lächelte, sondern sie ernst anblickte. „Du hast ja keine Ahnung, wie kompliziert du alles machst.“

B.J. blieb beinahe der Mund offen stehen. War sie in einem luxuriösen Irrenhaus gelandet?

Weil sie Daniel nicht anschreien wollte und einen Moment brauchte, um ihren Ärger zu bezähmen, betrachtete sie ihn neugierig und verglich ihn mit dem sechzehnjährigen Jungen, für den sie als Vierzehnjährige geschwärmt hatte. Schon damals war er mit seinem dichten, dunklen Haar, den dunkelbraunen Augen und den markanten Gesichtszügen sehr attraktiv gewesen.

Ihre Cousins und Cousinen hatten damals sein schnell aufbrausendes Temperament gefürchtet, doch für B.J. war er die erste große Liebe gewesen, und sie hatte ihn nie ganz vergessen.

Inzwischen war er neunundzwanzig und noch immer gut aussehend, aber offenbar fühlte er sich jetzt wohler in seiner Haut. Er trug ein weißes Hemd ohne Krawatte, ein dunkles Jackett, das wahrscheinlich ein kleines Vermögen gekostet hatte, dazu elegante dunkelgraue Hosen und teuer aussehende Schuhe.

Insgesamt vermittelte Daniel den Eindruck von Reichtum, Macht – und Gefahr. Doch B.J. ließ sich nicht anmerken, dass sie eingeschüchtert war. Stattdessen hob sie das Kinn, stemmte die Hände in die Hüften und sagte mit fester Stimme: „Offenbar gab es eine Verwechslung. Ich weiß nicht, wen Sie oder Bernard erwartet haben, aber ich bin es jedenfalls nicht. Mein Name ist …“

„Brittany Samples“, unterbrach er sie gelassen. „Ich habe dich sofort wiedererkannt.“

Zum zweiten Mal, seit sie hier angekommen war, verschlug es ihr die Sprache. Wie konnte das sein? Als er sie zum letzten Mal gesehen hatte, war sie eine schüchterne Vierzehnjährige mit Zahnspange und knabenhafter Figur gewesen.

Nun ja, an der Figur hatte sich leider nicht viel geändert. Die Hoffnung, dass sie irgendwann auf natürlichem Wege zu üppigen Kurven kommen würde, hatte sie schon lange aufgegeben. Aber immerhin war sie nun siebenundzwanzig, trug ihr braunes Haar kurz und stufig geschnitten, was laut ihrer Friseurin ihren jungenhaften Zügen schmeichelte, und schminkte sich so, dass ihre blauen Augen besonders gut zur Geltung kamen.

„Ich habe nicht erwartet, dass du mich wiedererkennst“, sagte sie schließlich ein wenig fassungslos. „Wieso …“

Mit einer Handbewegung unterbrach er sie. „Dafür ist jetzt keine Zeit. Wir müssen einen Weg finden, dich aus dem Schlamassel herauszubringen, den du angerichtet hast, ohne dass wir dabei in Gefahr geraten.“

„Ich habe einen Schlamassel angerichtet?“, wiederholte sie ungläubig, dann wurde ihr der zweite Teil seiner Aussage bewusst. „Gefahr?“

Daniel rieb sich den Nacken. „Vielleicht sollten wir ihnen erzählen, dass …“

„Wie wär’s denn mit der Wahrheit?“, schlug sie vor, als er nicht weitersprach.

„Das wird nicht funktionieren.“

„Hör zu.“ Sie trat einen Schritt auf ihn zu und stieß ihm mit dem linken Zeigefinger wiederholt vor die Brust. „Ich weiß nicht, was hier vorgeht, aber ich habe die Nase voll. Ich bin nur gekommen, um …“

Er hielt ihre Hand fest und schob sie von seiner Brust weg, ließ sie danach aber nicht wieder los. „Bernard denkt, du wärst meine Frau. Wenn er Anlass zu der Vermutung bekommt, dass einer von uns nicht der ist, für den er ihn hält, wird er uns umbringen. Und er ist nicht der einzige bewaffnete Wächter hier. Das ganze Haus ist voll davon, und sie alle stehen unter seinem Befehl.“

B.J.s Magen zog sich zusammen. „Ich glaube dir kein Wort.“

„Das solltest du aber, Brittany.“

„Ich höre nur auf B.J.“, erwiderte sie stirnrunzelnd. „Jeder Ehemann, der etwas auf sich hält, sollte das wissen.“

Daniel ignorierte ihre Bemerkung völlig. „Wir haben nicht sehr viel Zeit, also hör mir gut zu. Wie bist du hergekommen?“

„Mit dem Auto von St. Louis. Warum?“

„Dein eigener Wagen oder ein gemieteter?“

„Gemietet. Ich verstehe nicht …“

„Hast du Gepäck bei dir?“

„Nein, das habe ich im Hotel gelassen. Daniel …“

Ohne ihre Einwände zu beachten, betrachtete er ihre linke Hand, die er immer noch festhielt. „Keine Ringe. Bist du nicht verheiratet?“

„Nein.“ Er allerdings trug einen schmalen Goldreif. „Und wo ist nun deine echte Frau?“

„Das erkläre ich dir später.“ Er ließ sie los, zog eine dünne Goldkette unter seinem Hemdkragen hervor, öffnete sie und griff erneut nach ihrer linken Hand. Während er ihr tief in die Augen blickte, steckte er ihr einen Ring an den Finger.

Benommen betrachtete sie den antiken Goldreif. „Das ist ein Ehering“, bemerkte sie nicht sehr geistreich.

In diesem Moment klopfte es laut an der Tür, und Sekunden später betrat Bernard den Raum. Für ihn musste es so aussehen, als stünden sie dicht beieinander und hielten Händchen. „Tut mir leid, die Wiedersehensfreude zu unterbrechen, aber wir müssen uns jetzt wirklich auf den Weg machen.“

„Es gibt ein Problem, Bernard. Meine Frau hat mir gerade erzählt, dass sie doch nicht mitkommen kann.“ Daniel gab seiner Stimme einen bedauernden Klang und legte B.J. einen Arm um die Schultern.

Bernards grobschlächtige Züge verfinsterten sich. „Was ist das Problem?“

„Die Fluggesellschaft hat ihr Gepäck verloren. Sie hat nur die Kleidung, die sie auf dem Leib trägt.“ Daniel log so glatt und mühelos, dass sogar B.J. ihm beinahe glaubte.

Bernard betrachtete ihre saloppe Freizeitkleidung und nickte bedächtig, als hätte er gerade ein Rätsel gelöst. „Das ist nicht schlimm. Sie können alles, was sie braucht, vor Ort kaufen. Wir haben mehrere dieser exklusiven Boutiquen, die die Ladys lieben.“

Nach einer kurzen Pause sagte Daniel: „Sie hat auch Liebhaberstücke im Gepäck und würde deshalb ungern abreisen, bevor der Aufenthaltsort ihrer Koffer geklärt ist.“

Bernards Stirnrunzeln vertiefte sich, und er machte eine ungeduldige Bewegung. Dabei sprang sein schlecht sitzendes Jackett weit genug auf, dass B.J. das Schulterhalfter darunter sehen konnte. Und die Waffe darin. „Ich bin sicher, dass der Chef sich um alles kümmern wird. Warum machen wir uns nicht auf den Weg und rufen von unterwegs aus an?“

B.J. und Daniel wechselten einen Blick, und sie hatte das Gefühl, dass er sie lautlos um Entschuldigung bat. „Nein, wir wollen keine Umstände machen“, sagte Daniel zu Bernard. Und zu B.J. gewandt fuhr er fort: „Du hast doch unsere Heimatadresse auf den Kofferanhängern eingetragen, oder, Liebes?“

Angesichts der Waffe unter Bernards Jackett nickte B.J. nur stumm.

„Dann wird dein Gepäck auf jeden Fall zu uns nach Hause geschickt, wenn es auftaucht“, sagte er. „Und unbezahlbare Wertsachen sind sowieso nicht drin, oder?“

Wie er es offenbar erwartete, schüttelte sie den Kopf.

Daniel belohnte sie mit einem aufmunternden Lächeln, und auch Bernards Gesichtszüge entspannten sich. „Keine Sorge, Mrs. Andreas, es kommt alles in Ordnung.“

B.J. wünschte nur, sie könnte das glauben.

Daniel fürchtete, dass sein über Monate hinweg sorgfältig ausgefeilter Plan sich in Luft aufgelöst hatte – in genau dem Moment, als seine Besucherin aus der Vergangenheit so unerwartet vor ihm stand.

Er hatte geglaubt, gegen alle Eventualitäten abgesichert zu sein – aber mit Brittany Jeanne Samples hatte er nicht gerechnet. Ganz zu schweigen davon, dass sie direkt in seinen Armen gelandet war – und nun reichlich blass neben ihm in Judson Drakes Privatjet saß.

In den vergangenen dreizehn Jahren hatte sie sich nicht sehr verändert. Sicher, sie wirkte erwachsener – damals hatte sie eine Zahnspange getragen, und nun waren ihre weißen Zähne perfekt. Ihr glänzendes braunes Haar hatte ihr früher bis zu den Hüften gereicht, und jetzt trug sie es in einer modischen Kurzhaarfrisur, die ihr wundervoll stand.

Auch ihre Figur hatte sich nicht wesentlich verändert, doch früher war sie schlaksig gewesen, und nun strahlte sie eine sehr feminine Grazie aus. Ihre tiefblauen Augen wurden noch immer umrahmt von schwarzen, langen Wimpern.

Man konnte sie niedlich nennen oder sogar hübsch, dachte Daniel. Er jedenfalls fand ihr Aussehen so unwiderstehlich anziehend wie als Sechzehnjähriger.

Sie war der einzige Mensch auf Erden, der ihn jemals hatte weinen sehen. Und abgesehen von seinen Pflegeeltern auch die Einzige, die damals keine Angst vor ihm gehabt hatte.

Auch jetzt wirkte sie überhaupt nicht verängstigt. Wütend und angespannt, das ja, auf gesunde Art vorsichtig ebenso. Aber nicht verängstigt.

Er streckte den Arm aus und tätschelte beruhigend ihre Hand. „Ich weiß, wie sehr du es hasst, in so kleinen Maschinen zu fliegen. Geht es dir gut?“

„Ja, danke.“

„Keine Sorge, Mrs. Andreas“, sagte Bernard mit unbeholfenem Mitgefühl. „Mr. Drake beschäftigt nur die besten Piloten.“

„Gut zu wissen“, erwiderte sie nun mit angestrengtem Lächeln.

„Möchten Sie etwas trinken? Limonade? Mineralwasser?“

„Nein, danke.“

Daniel hoffte, dass Bernard B.J.s Anspannung ihrer angeblichen Flugangst zuschreiben würde, was er mit seiner Bemerkung ja auch beabsichtigt hatte. Bernard war keine Intelligenzbestie, aber ein guter Beobachter – und B.J. benahm sich im Moment nicht wie eine liebende Ehefrau, die mit ihrem Mann zu einem luxuriösen Ferienort fliegt.

Von nun an würde er ständig auf der Hut sein müssen, um ihre Fehler auszubügeln. Genau das, was ihm gerade noch gefehlt hatte.

Sie flogen jetzt schon seit fast vier Stunden. Während Bernard sich mit einem Videospiel die Zeit vertrieb und Daniel ein Buch las, starrte B.J. die ganze Zeit aus dem Fenster.

War es ein Fehler gewesen, sich auf diese Scharade einzulassen? Hätte sie klarstellen sollen, dass sie nicht Daniels Frau war?

Auch wenn der Anblick von Bernards Waffe sie schnell davon überzeugt hatte, dass die Gefahr, von der Daniel sprach, real war – sehr viel sicherer fühlte sie sich jetzt auch nicht. Schließlich kannte sie weder das Ziel noch den Zweck dieser Reise.

Daniel hatte sich ein paarmal in einem liebevoll besorgten Tonfall an sie gewandt, den sie nur schwer ertrug, und sie würdigte ihn kaum einer Antwort. Doch Daniels wiederholte Hinweise auf ihre Flugangst genügten Bernard anscheinend, ihr einsilbiges und abweisendes Verhalten zu erklären.

Als sie endlich landeten, erkannte B.J. vom Fenster aus, dass es sich wieder um eine private Landebahn handelte, die anscheinend zu einem exklusiven Ferienclub am Meer gehörte. Beim Landeanflug hatte sie tiefblaue Swimmingpools und luxuriöse Ferienhäuser, mehrere große Gebäude, einen Privatstrand und zwei Golfplätze gesehen.

Leider gab ihr die Vegetation keinen Hinweis darauf, wo sie sich geografisch gesehen befand. Florida? South Carolina?

Vielleicht hätte ihr die Anlage sogar gefallen, wenn sie freiwillig hergekommen wäre. So aber machte sie schon Fluchtpläne, bevor der Flieger ganz aufgesetzt hatte.

„Sehen Sie, Mrs. Andreas“, bemerkte Bernard jovial, „jetzt sind Sie sicher angekommen, wie ich es Ihnen versprochen habe.“

Am liebsten hätte sie ihm einen Fausthieb mitten in sein herablassendes Lächeln verpasst, doch stattdessen nickte sie nur.

Wieder half ihr Daniel aus. „Meine Frau ist erschöpft von der langen Reise. Ich hoffe, dass Sie uns schnell zu unserer Suite führen, damit sie sich ausruhen kann.“

B.J. hoffte inständig, dass diese Suite eine Hintertür hatte, durch die sie entwischen konnte. Zumindest würde sie bei erster Gelegenheit ihre Onkel anrufen, die sofort ihre Rettung in die Wege leiten würden – sobald sie wussten, wo sie sich überhaupt befand.

Bernard begleitete sie die Gangway hinunter. Auf dem Rollfeld erwartete sie bereits ein Mann, der das genaue Gegenteil des grobschlächtigen Bernard war: gut aussehend, schlank und weltgewandt. Etwas in seinem Lächeln ließ B.J. jedoch das Blut in den Adern gefrieren.

In seinem aufwendig frisierten Haar schimmerten blondierte Strähnchen, und seine Augen waren von leuchtendem Grün. Er hatte ein perfektes Profil, makellose Zähne, war gleichmäßig gebräunt und in guter Form. B.J. hätte viel Geld darauf verwettet, dass keins dieser Attribute natürlichen Ursprungs war.

„Daniel“, sagte er, als er Daniel die Hand schüttelte. „Wie schön, Sie wiederzusehen. Und dies …“, er wandte sich B.J. zu, „… ist dann sicher Ihre bezaubernde Gattin.“

Mit unverhohlenem Stolz erwiderte Daniel: „Ja, dies ist B.J. Liebling, darf ich dir Judson Drake vorstellen, den Mann, von dem ich dir so viel erzählt habe.“

Judson Drake. Nicht einmal der Name war echt – auch darauf hätte sie wetten können.

Als Drake ihre Hand nahm, zuckte sie zusammen, denn er hielt sie viel fester als notwendig. „Ich bin sehr erfreut, Sie endlich kennenzulernen, Mrs. Andreas.“

„Mr. Drake“, murmelte sie. So sehr es sie auch störte, Mrs. Andreas genannt zu werden, sie bot ihm nicht an, sie mit Vornamen anzureden.

„Bernard sagte mir, dass Sie Ärger hatten. Offenbar ist Ihr Gepäck verloren gegangen?“

Noch immer hatte er ihre Hand nicht losgelassen, und B.J. entzog sie ihm mit einem kleinen Ruck, bevor sie antwortete: „Ja, leider. Ich hatte vorgeschlagen, dass ich zurückbleibe, bis es gefunden wird …“

„Aber auf keinen Fall. Wir haben in unseren Boutiquen hier alles, was Sie benötigen. Ich werde gleich veranlassen, dass Sie sich aussuchen können, was immer Sie wollen. Nennen Sie dem Verkaufspersonal nur Ihren Namen, und alles, was Sie brauchen, gehört Ihnen.“

„Das ist sehr großzügig von Ihnen, aber ich kann die Wünsche meiner Frau sehr gut selbst erfüllen“, warf Daniel mit einem Hauch verletzten Stolzes ein. „Wenn Sie nur veranlassen könnten, dass die Rechnungen für die Einkäufe meiner Frau an unsere Suite gehen …“

Drake betrachtete Daniel mit einem Gesichtsausdruck, den B.J. beim besten Willen nicht deuten konnte. „Schon erledigt. Ich bin sicher, dass Sie beide müde und hungrig sind. Vielleicht möchten Sie ein paar der Annehmlichkeiten meiner Clubanlage genießen. Über unsere Geschäfte können wir dann morgen noch reden, Daniel.“

Daniel schien über den Vorschlag nachzudenken und nickte dann. „Danke. Ich denke, das wäre für meine Frau das Beste.“

Wenn er noch einmal in diesem besitzergreifenden Ton „meine Frau“ sagt, trete ich ihn, dachte B.J. mit zusammengebissenen Zähnen.

„Ich begleite Sie zu Ihrer Suite“, sagte Drake. „Bernard wird Ihr Gepäck bringen.“

Ihre Segeltuchumhängetasche fest unter den Arm geklemmt – immerhin befand sich darin ihr wertvollster Besitz, ihr Handy –, folgte B.J. Daniel zum Hotelgebäude.

Drake nickte der Rezeptionistin in der aufwendig dekorierten Empfangshalle nur kurz zu und zählte im Fahrstuhl die Hauptattraktionen des Ferienclubs auf. Dabei rückte er viel näher an B.J. heran als nötig. Als er sie in ihre luxuriöse Suite führte, legte er ihr sogar seine Hand auf den Rücken.

Offenbar war Drake von seinem unwiderstehlichen Charme so überzeugt, dass er von jeder Frau erwartete, ihm sofort zu verfallen – sogar wenn ihr „Ehemann“ direkt danebenstand. B.J. fragte sich, wie Drake wohl reagieren würde, wenn sie ihm sagte, wie unangenehm seine Berührung ihr war. Zum Glück verließ er die Suite sofort, nachdem er Daniel den Termin für ein geschäftliches Treffen am nächsten Vormittag genannt hatte.

Kaum waren sie allein, baute sich B.J. aufgebracht vor Daniel auf. „Wenn dieser Kerl mich noch einmal anfasst, werde ich ihm seine makellosen Jacketkronen einschlagen.“

Daniel warf ihr einen warnenden Blick zu. „Ich bin sicher, dass er sich nichts dabei gedacht hat, Liebes. Er ist eben ein sehr freundlicher Mensch.“

Ungläubig sah sie ihm dabei zu, wie er ein kleines Elektrogerät aus der Innentasche seines Jacketts zog und damit im Raum umherging.

Nach anderthalb Jahren in der Detektei ihrer Onkel wusste sie sofort, dass er nach Abhörgeräten suchte. Glaubte er wirklich, der Raum wäre verwanzt, oder zog er hier für sie eine Show ab?

Mit einem flauen Gefühl im Magen fragte sich B.J., welche Art von „Geschäften“ Daniel betrieb, seit sie ihn das letzte Mal als Sechzehnjährigen auf der Ranch ihres Onkels gesehen hatte.

2. KAPITEL

Während Daniel sich weiterhin mit dem Wanzensuchgerät durch den Raum bewegte, bedeutete er B.J. mit einer Handbewegung, weiterzusprechen.

Wenn dieser Judson Drake uns tatsächlich abhört, dann sollen ihm wenigstens die Ohren klingen, dachte B.J. „Er widert mich an“, sagte sie. „Offenbar hält er sich für ein Gottesgeschenk an Frauen, aber er ist eine Witzfigur. Und ein Schleimer.“

Daniel hob den Blick zur Decke, antwortete aber in besänftigendem Tonfall: „Liebes, du bist übermüdet. Es war ein anstrengender Tag für dich.“

Das konnte er laut sagen. Zwar hatte B.J. ihren Onkeln vor Kurzem eröffnet, dass sie anspruchsvollere Aufträge übernehmen wollte, doch mit so etwas hatte sie dabei eigentlich nicht gerechnet.

Der Gedanke an ihre Onkel erinnerte sie an ihre Prioritäten. „Ich muss zu Hause anrufen.“

Daniel kam mit seinem Gerät aus dem Schlafzimmer zurück, und schon an seinem Gang erkannte sie, dass er offenbar nicht fündig geworden war. „Wir können jetzt offen reden“, verkündete er. „Aber ich werde die Suite jedes Mal neu absuchen, wenn wir hierher zurückkehren, nur, um ganz sicherzugehen.“

„Ich muss zu Hause anrufen“, wiederholte B.J. „Aber vielleicht verrätst du mir zuerst mal, was zum Teufel hier eigentlich gespielt wird?“

Angesichts ihres verärgerten Tonfalls verzog Daniel das Gesicht, schlüpfte aus seinem Jackett und warf es achtlos über die Lehne des zierlichen weißen Brokatsofas, das wie alle anderen Möbel im Raum überhaupt nicht nach B.J.s Geschmack war. Sie mochte schlichtere, weniger überladene Zimmer. Wenn sie die Räume eines Hotels am Meer hätte einrichten sollen, hätte sie Rattan und Baumwolle, weiche Kissen und einladende Sitzmöbel gewählt.

Ohne ihre Frage zu beachten, ging Daniel zu der weißgoldenen Bar, die in einen Eckschrank eingebaut ...

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