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Der geheimnisvolle Traummann

Helen R. Myers

Der geheimnisvolle Traumann

PROLOG

Er war schon seit Stunden unterwegs, nachdem er in Oklahoma City zu Mittag gegessen hatte. Außerdem war es mittlerweile dunkel, und die Fahrt begann ihn zu ermüden. An der rechten Straßenseite stand ein Verkehrsschild. Er stöhnte entnervt auf, weil er nicht wusste, ob seine Augen oder sein Hinterteil mehr wehtaten. Bis nach Houston brauchte er laut der Kilometerangabe auf dem Verkehrsschild immer noch anderthalb Stunden.

Er fluchte vor sich hin, denn der Tank war fast leer. Außerdem konnte er es kaum erwarten, endlich anzukommen und sich die Beine zu vertreten. Doch außer einer Tankstelle abseits der Schnellstraße, gab es erst in zwanzig Meilen wieder eine Raststätte. Er bezweifelte, dass das Benzin bis dorthin reichte. Das geschah ihm ganz recht. Warum war er nicht zehn Meilen zuvor abgebogen? Aber er hatte das Firmenlogo der Tankstelle gesehen und entschieden, dort kein Geld zu lassen. Keinen müden Dollar gönnte er der Firma, deren Kurse an der Börse in den Keller gerauscht waren und ihn einiges Kapital gekostet hatten.

Er fragte sich, warum er nicht wie immer nach Texas geflogen war.

Ganz einfach. Weil Sidney ihm geraten hatte, eine Auszeit zu nehmen.

Das Erste, was er tun würde, sobald er im Hotel eingecheckt hatte, war: seinen Golfpartner und Arzt anrufen und ihm erklären, wohin er sich das nächste Mal begeben durfte, wenn er wieder eine seiner genialen Ideen hatte. „‚Dein Blutdruck ist viel zu hoch‘“, äffte er Sidney nach. „‚Lass mal fünfe gerade sein, sonst spielst du bald Golf mit J. Paul Getty und Diamond Jim Brady in dem schönen Golfclub, der sich Jenseits nennt.‘“

Na gut, hatte er sich gesagt. Als die Geschäftsreise nach Oklahoma City und Houston anstand, war er Sidneys Rat gefolgt, hatte ein Auto gemietet und war in Chicago losgefahren. „Autofahren entspannt“, hatte Sid gesagt und ihm geraten: „Schau dir die Gegend an. Danach fliegst du eine Woche auf die Cayman-Inseln und erholst dich. Gönn deinem alten Wecker mal eine Auszeit. Tu es für mich, ja?“

Jetzt hätte er Sid gern erklärt, dass der liebe Gott wohl kaum die Erfindung von Überschallflugzeugen gestattet hätte, wenn er ihn Meilen und Meilen durch die platteste Landschaft schicken wollte, die es überhaupt gab.

Wieder seufzte er, als er von der Schnellstraße abbog, und konnte nur hoffen, dass Peavy’s Tankstelle tatsächlich rund um die Uhr geöffnet hatte, so wie es auf dem Schild stand. Sonst …

Hohe Pinien überragten die stockdunkle Straßenkreuzung, an der er nun hielt. Es gab keinen Hinweis auf irgendeine Art von menschlicher Behausung. Man kriegt Lust auf die Innenstadt von Chicago, dachte er frustriert. Und zwar im Berufsverkehr.

Nachdem er links abgebogen war, fuhr er eine Viertelmeile, ohne dass sich die Umgebung auch nur im Geringsten veränderte. Der dichte Wald ließ die Finsternis noch schwärzer erscheinen, als sie vermutlich war, und alles, was die Kegel seiner Scheinwerfer erfassten, war …

„Was, zum …?“

Im Licht der Frontscheinwerfer sah er einen weißen Kleinwagen, die Motorhaube war aufgeklappt. Das Unangenehme daran war aber vor allem, dass sich der Fahrer des Wagens als Frau erwies.

„Das hat mir gerade noch gefehlt“, grollte er. „Noch mehr Probleme.“

Wenn es ein Mann gewesen wäre, wäre er weitergefahren und hätte an der Tankstelle Bescheid gesagt. Doch so hatte er keine Wahl. Die Frau stand neben ihrem Auto und wedelte mit einem weißen Taschentuch oder was auch immer. Offensichtlich hatte ihr noch niemand gesagt, dass es gefährlich war, nachts auf einer einsamen Landstraße auszusteigen und fremde Leute anzuhalten.

„Dumm“, murmelte er. „Du möchtest wohl die Verbrechensstatistik erhöhen.“ Ein Glück für sie, dass er vorbeikam, denn er dachte nur an eines, und das hatte mit Verbrechen nichts zu tun.

Er schaltete den Warnblinker ein und hielt neben der Brünetten, die einen Minirock trug. Als er die Seitenscheibe per Knopfdruck herunterließ, presste sie eine Hand auf ihr freizügiges Dekolleté und beugte sich mit ängstlichem Gesichtsausdruck zu ihm herunter.

Jetzt kriegt sie Schiss?, fragte er sich grimmig und erwiderte ihr nervöses Lächeln nicht. „Haben Sie Probleme mit dem Motor?“

Sie musterte ihn und wurde sichtlich ruhiger.

„Gott sei Dank. Ich dachte schon, ich müsste die ganze Nacht hier draußen bleiben. Wissen Sie, wie man einen Reifen wechselt, Sir?“

Er reckte den Kopf aus dem Wagenfenster und inspizierte die Räder des Kleinwagens. „Ich kann keinen Platten entdecken.“

„Es ist der Reifen vorne rechts. Es tut mir schrecklich leid, Ihnen Umstände zu machen.“

Klar, dachte er und beobachtete, wie die Lady sich das Haar aus dem Gesicht strich und ihm dabei einen tiefen Blick in ihren Ausschnitt gewährte. Ihr Brustansatz und der Rand ihres Spitzen-BHs waren deutlich erkennbar.

„Sparen Sie sich die Show, Honey. Ich habe es eilig, aber ich nehme Sie mit bis zur nächsten Tankstelle. Sie heißt Peavy’s oder so ähnlich. Dort finden Sie jemanden, der Ihnen hilft.“

Für den Bruchteil einer Sekunde wurde ihr Gesichtsausdruck hart, doch sofort lächelte sie wieder. „Anscheinend sind Sie nicht aus der Gegend, sonst wüssten Sie, dass Peavy’s schon vor Jahren dichtgemacht hat.“

Er fluchte leise, zog die Handbremse an und stieg aus dem Wagen. Er hatte keine Wahl. Denn obwohl seine letzte Sekretärin anderer Meinung gewesen war, als sie wütend gekündigt hatte, war er kein Mistkerl. Er war nur diszipliniert und arbeitete hart. Und da diese Frau sich hier offensichtlich auskannte, konnte sie ihm auch sagen, wo er die nächste …

Zu spät hörte er, wie sich jemand von hinten näherte. Im gleichen Moment, als er sich umdrehte, spürte er einen Schlag auf den Hinterkopf.

Die Nacht zerbarst in einem Feuerwerk aus blendendem Licht und Schmerz. Lärm dröhnte in seinen Ohren. Voller Panik wollte er losrennen, doch seine Beine gaben nach, und er fiel zu Boden.

Hart schlug er auf dem Straßenbelag auf. Danach wusste er nichts mehr.

1. KAPITEL

„Frannie, tanz mit mir!“

„Danke, Moose, aber ich möchte, dass meine Zehen heil bleiben. Außerdem ist es Zeit für die letzte Runde. Willst du noch ein Bier?“

Er wollte und bestellte für die beiden Stammgäste, die neben ihm saßen, gleich mit. Frannie nickte, ging zum nächsten Tisch und wiederholte ihre Frage.

„Ich hab ’ne bessere Idee, Frannie-Darling“, rief ein dicker Mann, der am anderen Ende des Tisches saß, und grinste. „Wie wär’s, wenn du mich mit in deinen kleinen alten Trailer nimmst? Ich hab nämlich heute Abend ’n gewaltiges Verlangen danach, bei dir unterzukriechen.“

„Ich glaub schon, dass du dringend wo unterkriechen solltest, Howie“, gab sie zurück, während sie den vollen Aschenbecher auf seinem Tisch gegen einen sauberen austauschte. „Aber was würde deine Frau dazu sagen?“

Er grinste und versuchte, ihr zuzuzwinkern. „Dass du den Verstand einer Mücke haben musst.“

Frannie wartete, bis seine Kumpels aufgehört hatten, zu grölen und sich auf die Schenkel zu klopfen. „Du weißt, dass ich auf die Meinung von Pru viel gebe. Außerdem magst du keine Tiere. Der Mann, der bei mir unterkriechen darf, muss meine Tiere mögen.“

„Kein Mensch außer dir könnte diese Kreaturen mögen, Frannie.“

Sie zuckte die Achseln, lächelte, sammelte leere Bierflaschen ein und stellte sie zu denen auf ihrem Tablett. „Sicher, sie sind nicht so hübsch wie Lassie oder reden mit dir wie Mr. Ed, aber ich ziehe ihre Gesellschaft jedem Mann vor, mit dem ich bisher ausgegangen bin. Sie bleiben übrigens auch länger bei mir“, fügte sie scherzhaft hinzu. „Also, wer außer Howie, der nur noch Kaffee kriegt oder mir seinen Autoschlüssel geben muss, will noch was zu trinken?“

Ein paar Gäste bestellten noch. Sie ging zur Bar und ratterte die Liste für Benny herunter. Der Besitzer des Two-Step-Clubs öffnete den Kühlschrank, um die Bierflaschen herauszuholen.

„Es ist nichts mehr los, seit diese Holzfäller weitergezogen sind“, grummelte Benny und stellte Bourbon und eine Wasserkaraffe auf Frannies Tablett.

Frannie rümpfte die Nase, was sowohl den vollen Aschenbechern galt, die sie gerade ausleerte, als auch Bennys Bemerkung. Nur weil sich die Gäste an der Bar nicht stapelten, glaubte er sich schon halb bankrott. Sie dagegen vermisste das Trinkgeld der Holzfäller durchaus nicht.

„Ich bin froh, dass sie überhaupt noch ein paar Bäume stehen gelassen haben, ehe sie verschwunden sind“, bemerkte sie. Auf dem Weg zur Arbeit kam sie immer an einigen der hässlichen Brachen vorbei, die nach den Rodungen übrig geblieben waren. Es sah dort eher aus wie nach einem Waldbrand oder Schlimmerem.

Der schmächtige Wirt warf den Kopf zurück, was seine Matrosenmütze ins Rutschen brachte, und stöhnte entnervt. Im Hintergrund wechselte die Jukebox von einem traurigen Westernsong zu fetzigem Rock ’n’ Roll. „Könnten wir die Umweltdiskussion fürs Erste mal lassen?“ Er musste fast schreien, um die Musik zu übertönen. „Wenn du ein Privatleben hättest, bräuchtest du dich nicht ständig so aufzuspielen!“

Das hatte Frannie schon oft von ihm gehört. „Ich habe ein Privatleben.“

„Du wohnst in einer Sardinenbüchse, sammelst Müll, und deine Freunde sind bösartige Reptilien, blöde Vögel, streunende Katzen und Hunde, die unter Garantie Flöhe haben.“

Sie warf ihm einen nachsichtigen Blick zu. „Jedem das Seine. Kritisiere ich deine Gäste?“

„Wehe dir. Sie zahlen meine Steuern. Aber was du tust, ist nicht normal. Schau dich doch mal an. Du bist noch einigermaßen jung und irgendwie ganz niedlich, auch wenn du ein bisschen klein geraten bist.“

„Wie oft soll ich dir noch sagen, dass einsfünfundsechzig nicht klein ist, sondern Durchschnitt.“

„Klar, ein Pinguin würde dich für eine Riesin halten. Immerhin wärst du vielleicht ein wenig größer, wenn diese Mähne nicht so schwer wiegen würde.“ Er stellte ein gezapftes Bier auf das Tablett.

Frannie blies eine Locke aus dem Gesicht, gönnte ihrem Chef ein mildes Lächeln und sagte: „Nur weil du voller Komplexe bist, brauchst du andere nicht zu beleidigen. Ich habe letzte Woche eine Talkshow gesehen, jetzt weiß ich, woran du leidest.“

„Ach ja?“

Sie unterdrückte ein Grinsen und nahm das Tablett. „Du gehörst zu den Leuten, die von ihren Fehlern ablenken, indem sie die anderer Leute hervorheben.“

„Ablenken? Ich? Ha!“ Benny, der vor seiner Pensionierung als Polizist Diebstähle aufgeklärt hatte, wies empört mit dem Finger auf Frannie. „Ich will dir mal was sagen, Miss Neunmalklug. Estelle hat meine Schwächen aufgelistet und den Zettel an den Kühlschrank gehängt! Ich leide an überhaupt nichts. Vor dir steht ein Verfolgter.“

„Oje“, erwiderte Frannie nur und ging, um die bestellten Drinks zu servieren. Geschmeidig bewegte sie sich durch das voll besetzte Lokal. Bennys Neckereien nahm sie ihm nicht übel. Immerhin hatte sie es bisher in Slocum Springs länger ausgehalten als irgendwo anders, seit sie ihr Wohnmobil Silver Duck vor fünf Jahren von ihrem Großvater geerbt hatte. Benny war ein Schatz, sonst wäre sie auch längst gegangen.

Trotzdem dachte sie noch eine Weile über seine Bemerkungen nach. Sogar als sie eine Stunde später nach Hause fuhr, grübelte sie noch darüber nach. Warum war es ihr bisher nicht gelungen, die Leute dazu zu bringen, ihren Lebensstil und ihre Lebenseinstellung zumindest zu respektieren?

Ziemlich harter Job, sagte sie sich. Ich bin jetzt siebenundzwanzig. Wenn meine Lebensphilosophie nicht zu der anderer Menschen passt, na bitte …

„Ah!“ Sie bremste scharf und hoffte, die Bremsen von Petunia, ihrem alten Truck, hielten durch. Zuletzt schloss sie die Augen, überzeugt, in der nächsten Sekunde den nackten Mann zu überfahren, der mitten auf der Straße stand.

Doch entweder waren die Bremsen des lila Trucks in besserem Zustand, als sie gedacht hatte, oder ihr Schutzengel verdiente großen Dank. Jedenfalls kam Petunia mit quietschenden Reifen nur wenige Zentimeter vor dem Exhibitionisten zum Stehen.

Frannie starrte ihn an. Er blinzelte in die Scheinwerfer.

„Was haben wir denn hier?“ Es konnte kein Aprilscherz sein, denn April war lange vorbei. Es konnte kein Halloweenscherz sein, denn bis dahin war es noch eine Weile. Der Mann war tatsächlich splitternackt – bis auf die Zweige, die er schamhaft vor sich hielt.

„Na immerhin.“ Es war definitiv kein Spaß, den sich ein frecher Gast erlaubte, denn der Ausdruck blanken Entsetzens auf dem Gesicht des Mannes war echt.

Und dieser Ausdruck war es auch, der sie davon abhielt, laut loszulachen. Trotzdem wirkte dieser Mensch irgendwie seltsam. Und war es nicht absurd, dass ausgerechnet jetzt ein unbekleideter Mann mitten auf der Straße stand, kurz nachdem Benny ihr wieder mal eine Standpauke wegen ihres nicht vorhandenen Liebeslebens gehalten hatte?

Als der Mann sich zögernd der Fahrertür näherte, kurbelte sie das Fenster herunter. „Hm, Adam, vermute ich.“

„Sie kennen mich?“

„Das war ein Scherz“, erwiderte sie. Da er nicht antwortete, erklärte sie: „Die Zweige und so weiter.“

Er ging nicht darauf ein. „Können Sie mir helfen?“

„Ich glaube nicht, dass …“

Erst als er sich umschaute und ihr die andere Seite seines Gesichts zuwandte, erblickte sie das Blut, das an seiner rechten Schläfe hinunterrann. Frannie schaltete in den Leerlauf und zog die Handbremse an. Dann öffnete sie vorsichtig die Fahrertür und schob den Mann damit sachte zur Seite. Sie stieg aus, und jetzt, da der Fremde nah vor ihr stand, sah sie, dass er zitterte wie Espenlaub.

„Du meine Güte, was ist passiert?“, rief sie und fasste ihn am Oberarm, weil er schwankte.

„Ich … ich bin nicht sicher. Ich bin aufgewacht und … ich weiß es nicht.“

„Woher kommen Sie?“

Er sah sich erneut um und deutete vage nach vorn. Doch außer dem Gebüsch im Straßengraben und den schemenhaft erkennbaren Bäumen war da draußen, wo das Licht der Scheinwerfer nicht mehr hinreichte, nur tiefes Schwarz.

„Aha. Wer sind Sie?“

Er versuchte zu antworten. Sie sah, wie er sich konzentrierte – so stark, dass ihm der Schweiß auf die Stirn trat. Doch schließlich sah er ihr nur verwirrt in die Augen.

„Adam?“

Jemand hätte sie schlagen müssen, weil ihr Misstrauen so rasch verflog und tiefem Mitgefühl wich. Spontan berührte sie seine Wange. „Armer Mann. Sie haben keine Ahnung, stimmt’s?“

„Stimmt. Sie auch nicht?“

Sie schüttelte den Kopf. „Keine Sorge“, fügte sie schnell hinzu. „Das finden wir bald heraus. Jetzt steigen Sie erst mal in den Wagen, dann schaue ich mir den Straßengraben mal genauer an. Dort gibt es sicher irgendetwas, das uns weiterhilft.“

Falls er zustimmte, behielt er das für sich, denn er blieb einfach stehen und sah sie an, als wäre jedes ihrer Worte eine Offenbarung. Frannie fand diesen Gesichtsausdruck zwar bei Lambchop in Ordnung. Doch bei einem erwachsenen Mann?

Obwohl es mehr Fragen als Antworten gab, half sie dem Fremden auf den Beifahrersitz des Trucks. Das war nicht gerade einfach, denn er war mindestens einsneunzig groß und kräftig gebaut. Gleichzeitig war er durchtrainiert und muskulös. Sie versuchte, nicht zu genau hinzusehen, aber wer konnte schon solch einer Versuchung widerstehen?

Sobald sie die Tür geöffnet hatte, griff sie nach einer Decke, die hinter dem Sitz lag. „Hier, nehmen Sie die. Kann sein, dass es ein bisschen piekst, denn sie gehört Maury, und der haart. Aber ich habe keine andere.“

Der Fremde blickte über ihre Schulter, als ob er erwartete, dass dort jemand stand und protestierte. „Ich kann sie ja teilen.“

Frannie starrte ihn misstrauisch an, doch sie hätte schwören können, dass er sie nicht hinters Licht führen wollte. Also wickelte sie ihn in die Decke und half ihm in den Truck. Frannie zog ein paar Tücher aus der Box, die zwischen Windschutzscheibe und Armaturenbrett eingeklemmt war, und tupfte vorsichtig das Blut, das bereits trocknete, von seiner Schläfe. Als sie fand, dass es genug war, drückte sie ihm die Papiertücher in die Hand, holte ihre Taschenlampe aus dem Handschuhfach und eilte davon, um im Straßengraben nach irgendetwas zu suchen, das auf seine Identität hinwies.

Sie fand eine leere Bierdose, den hölzernen Rest eines Eis am Stiel, dazu ein paar glücklicherweise ausgetretene Zigarettenkippen. Leider nichts, was das Geheimnis des Fremden hätte aufklären können. Nach einer Weile kehrte sie zu ihrem Transporter zurück, der vor sich hin tuckerte, und blieb neben der Beifahrertür stehen. Der Mann saß im Wagen, zitterte und erwiderte ihren Blick so hilflos, dass sie begriff: Hier bekomme ich keine Antwort auf meine Fragen.

Aber er hatte ein attraktives Gesicht – abgesehen von der Platzwunde an der Schläfe, einem nicht sehr tiefen Schnitt in der Wange und dem zerzausten, schmutzigen Haar. Sein Gesicht verriet ihr, dass er eigentlich selbstbewusst und energisch auftrat. Seine Nase war markant, sein Mund sinnlich, und sein Kinn deutete darauf hin, dass er stur sein konnte.

Doch es war sein Mund, der sie am meisten faszinierte. Sie nahm an, dass sein Lächeln Herzen im Sturm eroberte. Ein grimmiges Stirnrunzeln hingegen würde jeden erzittern lassen. Würde sie wetten, hätte sie ihr Trinkgeld darauf gesetzt, dass dieser Mann schon auf der Highschool das Prädikat „erfolgreich“ getragen hatte. Er gehörte zu denen, die Frauen nie vergaßen. Zweifellos ging irgendwo in diesem Land gerade eine Frau hektisch auf und ab und fragte sich, wo er wohl abgeblieben war.

Dieser Gedanke versetzte ihr einen Stich, und sie betrachtete seine großen, kräftigen Hände, mit denen er die Decke an sich presste. Er trug keinen Ring, doch das musste nichts bedeuten. Heutzutage waren die Kerle Profis darin, so unbedeutende Kleinigkeiten wie Frau und Kinder zu unterschlagen. Aber zu dieser Sorte gehörte der Mann hier nicht, oder? Warum hätte sie sonst diesen starken Impuls verspürt zu sagen: „Gesucht und gefunden?“

„Ich fahre Sie besser ins Krankenhaus“, sagte sie, weil ihre Fantasie mit ihr durchzugehen drohte.

„Nein!“

Sein scharfer Ton ließ sie innehalten. „Sie sind verletzt. Sie brauchen medizinische Versorgung.“

„Sie. Sie helfen mir.“

Der Charme dieses Ich-Tarzan-du-Jane-Dialogs verblasste langsam. „Hören Sie, Mr. Wundervoll, ich brauche kein Arzt zu sein, um zu erkennen, dass dies hier keine Situation ist, die durch ein Küss-mich- und-alles-wird-gut zu bewältigen ist.“

„Sie.“

Wenn sie ihm nur hätte erklären können, was er von ihr forderte. Sie schüttelte den Kopf, nahm ihm die Papiertücher ab – er hatte sie überhaupt nicht benutzt – und tupfte erneut vorsichtig das restliche Blut von der größten Wunde. „Ich weiß nicht, warum Sie es mir so schwer machen.“

„Ich brauche einfach nur Ruhe.“ Er zuckte zusammen.

„Genau das versuche ich, Ihnen klarzumachen. Im Krankenhaus können Sie sich ausruhen, bis die Polizei kommt, die dann sicher …“

„Bitte.“

Frannie hörte auf, die Wunde zu betupfen, und beugte sich vor, um in seinen Augen zu lesen. Was wollte dieser Mensch? Seine Augenfarbe war, soweit sie es bei der schlechten Beleuchtung beurteilen konnte, blaugrau wie dunkler Schiefer. Gern hätte sie gewusst, wie seine Augen bei Tageslicht wirkten. Wenn er gesund war. Wenn er lächelte. Hör auf damit, Jones, ermahnte sie sich im Stillen. Du kannst weder Ärger noch Liebeskummer gebrauchen.

Seltsamerweise hörte sie sich murmeln: „Ich denke, ich nehme Sie mit zu mir. Aber ich warne Sie: Es ist alles andere als komfortabel.“

„Ich will einfach nur liegen. Und mir ist kalt.“

Er fror? Sie dachte, sein Zittern käme von dem Schreck, den sie ihm eingejagt hatte, und von dem, was er durchgemacht hatte. Immerhin war Sommer, und selbst nachts sank die Temperatur kaum unter fünfundzwanzig Grad.

Frannie warf die blutbefleckten Papiertücher unten vor den Sitz und schloss sanft die Beifahrertür. Als sie sich ans Steuer setzte, warf sie dem Mann einen Blick zu. „Ich sollte Sie besser vorwarnen“, sagte sie. „Ich lebe nicht allein.“

Einen Moment lang wirkte er unsicher, doch dann nickte er schwach. „Ich bleibe nicht lang. Möchte mich nur ausruhen.“

Vielleicht war es nur Wunschdenken, aber sie hätte schwören können, dass er enttäuscht war. „Sie missverstehen mich. Ich meinte nur, dass Sie eventuell nicht so viel Ruhe haben werden, wie Sie benötigen. Ich habe einige Haustiere, und sie, nun, sie bringen ganz schön Leben in die Bude.“

„Ich mag Hunde und Katzen. Glaube ich zumindest.“

Sie lachte leise und legte den Gang ein. „Hört sich gut an. Fürs Erste.“

Schweigend legten sie ein paar Meilen zurück. Der Mann saß einfach nur da, reglos bis auf das Zittern, das bald nachließ, aber nicht vollständig aufhörte.

„Ich würde ja die Heizung anmachen“, bemerkte sie, „aber sie funktioniert nicht. Die Klimaanlage auch nicht. Petunia ist schon ziemlich alt.“ Liebevoll tätschelte sie das Armaturenbrett.

Ihr Begleiter schwieg und starrte unentwegt hinaus in die Nacht, als könnte er da draußen etwas erkennen, woran er sich erinnerte.

Um die Situation etwas zu entspannen, versuchte sie es mit: „Ich heiße Frannie.“

Das fesselte seine Aufmerksamkeit. „Ein ungewöhnlicher Name.“

„Dafür dürfen Sie sich bei meiner Mutter bedanken.“ Frannie zog eine Grimasse. „Als Kind träumte sie davon, Schauspielerin zu werden. Doch daraus wurde nichts, und obendrein heiratete sie meinen Vater und trug fortan den Nachnamen Jones. Welch ein Unglück für meine arme Mom. Als sie mit mir schwanger war, wälzte sie ein Namenslexikon nach dem anderen, bis sie Francesca fand.“

„Francesca … hübsch.“

Hm. Natürlich würde er so etwas sagen. „Ganz nett“, erwiderte sie so würdevoll wie möglich. „Bloß nicht für jemanden wie mich. Ehe ich fünf Jahre alt war, hatte ich den Spitznamen Frannie weg.“

Er wandte sich wieder der Umgebung zu. Irgendwann murmelte er plötzlich: „Ich habe keine Ahnung, ob ich meinen Namen mag.“

Frannie warf ihm einen entschuldigenden Blick zu. „Keine Sorge. Wahrscheinlich brauchen Sie bloß ein wenig Schlaf.“

Nach ein paar Minuten hatten sie ihr Zuhause erreicht. Der große Wohnwagen mit Namen Silver Duck stand an der südwestlichen Ecke von Mr. Millers Farm. Mr. Miller war ein Witwer, der mehrere hundert Hektar Land besaß, durch das ein Creek floss, der in den Trinity River mündete. Dieser Creek speiste auch den Teich, der als Viehtränke diente, und dort, neben dem Teich, parkte Frannies Trailer. Sie war mit dem Viehzüchter übereingekommen, dass sie ein Auge auf die südliche Grenze seines Landes haben würde, denn es gab eine Menge Wilderer und Viehdiebe in der Gegend. Als Gegenleistung ließ er sie den Stellplatz mit Wasser- und Stromanschluss benutzen, den er für einen ehemaligen Mitarbeiter eingerichtet hatte.

Sobald sie den Truck neben ihrem alten Wohnwagen abgestellt hatte, wurden sie von einer kleinen Tierschar begrüßt. Mitten in all dem Gebell, dem Miauen und allgemeinen Aufruhr sah Frannie, wie ihr Mitfahrer gebannt auf die dreibeinige Katze starrte, die auf der Kühlerhaube stand und durch die Windschutzscheibe zurückstarrte.

Sie grinste. „Keine Angst. Es hört sich wilder an, als es ist. Sie sind alle sehr nette Zeitgenossen. Hallo, Babys“, sagte sie, als sie ausstieg. Die Tiere umringten sie sofort.

Als sie die Beifahrertür öffnete, um ihrem neuen Hausgenossen beim Aussteigen zu helfen, zögerte er. „Ich dachte, Sie sagten, es handele sich um Hunde und Katzen.“

„Das haben Sie gesagt.“

Außerdem gab es einen Hund und eine Katze. Maury trug den Namen eines Talkmasters und war ein langhaariger deutscher Schäferhund, der nur auf einem Auge sehen konnte. Die Katze hieß Callie, als Abkürzung für Calico. Sie war so etwas wie die Chefin unter den Tieren, obwohl sie nur drei Beine besaß. Dann gab es noch Samson, das Hängebauchschwein, das sich mit seinem Rüssel rücksichtslos den Weg bahnte, wohin auch immer es wollte. George war eine Ente von ziemlich edler Abstammung, und Lambchop, ihr Liebling, war eine Eselin mit einem deformierten Huf. Sie bildete jedes Mal den Schluss der Parade. Zu guter Letzt war da noch Rasputin, ein gefährlich aussehender Ziegenbock mit buschigen Augenbrauen und langem Bart.

Als der Fremde aus dem Wagen stieg, begannen Maury und Rasputin sofort, um die Decke zu kämpfen, in die er sich gewickelt hatte. Frannie seufzte, sie hätte es wissen müssen. „He, Leute, nicht jetzt!“

Sie schob die beiden sachte mit Knien und Ellbogen weg und schaffte es, ihren Gast die zwei Stufen zur Veranda hochzubugsieren, die sie im letzten Herbst selbst gebaut hatte. Doch ihre Versuche, die Rowdys zurückzuhalten, schlugen weitgehend fehl. Sie nahm an, dass ihr Begleiter mittlerweile überlegte, ob es nicht besser gewesen wäre, die Nacht auf freiem Feld mit Moskitos und anderen Unwägbarkeiten zu verbringen. Und im Übrigen war das hier ja nur der Anfang. Sie traute sich kaum, ihn vorzuwarnen, was ihn drinnen im Wohnmobil erwartete.

Sie öffnete die Tür und rief: „Ich bin wieder da!“

Noch ehe sie den Lichtschalter fand, krächzte jemand: „Rettet mich! Rettet mich!“

Sie hörte etwas flattern, und gleich darauf krallte sich dieses Etwas in ihre Schultern. „Au. Pass bloß auf!“, drohte Frannie amüsiert und machte Licht.

Sobald es hell war im Raum, präsentierte sich der große rote Ara von seiner besten Seite. Er zwickte Frannie zärtlich in die Wange und krächzte: „Hallo, Blondie.“

„Du weißt doch, dass du nicht rausdarfst, bevor ich dir gesagt habe, dass alles in Ordnung ist.“

„Gib mir einen Kuss!“, krächzte der Vogel.

Frannie gab nach, schimpfte aber. „Ich sollte dich Dr. J. zum Abendessen servieren, du kleine ungezogene Göre.“

Das waren zu viele Worte für den Papagei, aber Honey verstand die Botschaft offensichtlich doch. Sie flog durchs Zimmer und kletterte zurück in ihren Käfig. Sobald sie drin war, zog sie von innen die Tür zu – gerade noch rechtzeitig, denn Dr. J., die Manx-Katze, war ihr auf den Fersen. Neulich war es Dr. J. fast gelungen, Honey in seinen Fressnapf zu zerren.

„Ich schaffe es einfach nicht, diese beiden voneinander fernzuhalten“, erklärte Frannie ihrem Gast, der verblüfft dastand. „Jetzt hat Dr. J. auch noch rausgefunden, wie er aus dem hinteren Schlafzimmer entkommen kann, und ich weiß einfach nicht, was ich dagegen tun soll.“

„Gibt es noch mehr?“, fragte der Fremde ängstlich.

„Zwei. Aber die werden Sie erst sehen, wenn sie sich trauen. Sie sind nämlich sehr scheu.“ Sie fasste ihn am Arm. „Sie sollten duschen“, riet sie und wies den Flur entlang. „Was Kleider betrifft … Ich fürchte, Sie müssen sich mit einem Bettlaken oder einem Handtuch behelfen. Ich besitze ein paar Schlafshirts, aber ich nehme stark an, dass selbst die nicht groß genug sein werden.“

Der Mann blieb stehen, und obwohl er so schwach war, dass er sich an der Wand abstützen musste, war sein Blick offen und dankbar. „Ich bin zwar etwas verstört, aber … aber mir ist klar, dass ich viel von Ihnen verlange.“

Frannie verspürte das Bedürfnis, für immer in diese schieferblauen Augen zu blicken. „Schon gut.“

„Vertrauen Sie mir?“

„Ja, klar“, erwiderte sie, ohne den Blick von ihm zu lösen.

Sie sah, wie er erleichtert aufseufzte. „Danke“, sagte er leise.

Je länger er sie ansah, desto intensiver wurden ihre Fantasien, bis ihr Körper sich erhitzt anfühlte und ihre Wangen sich röteten. Sie wies auf das Bad und zog sich Richtung Küche zurück. „Ich … ich muss die Tiere füttern. Bitte ertrinken Sie da drin nicht.“

„Miss … Frannie?“

Sie hielt inne und wartete.

„Sie gehen doch nicht weit weg, oder? Der Klang Ihrer Stimme, der ist so … beruhigend.“

Hilfe, dachte Frannie und wusste, dass das Chaos vorprogrammiert war. Die Hilflosigkeit in seiner Stimme und der Blick, der das, was er sagte, begleitete, bewirkten, dass sie förmlich dahinschmolz. Sie konnte mit Aufreißern und Chauvinisten, mit Anzüglichkeiten und billiger Anmache fertig werden. Aber ein verletzlicher Mann, der sich in Schwierigkeiten befand, war zu viel für sie …

„So ein Mist!“, schimpfte sie laut. „Ich dachte, ihr Kerle wärt ausgestorben!“

„Ausgestorben?“

Jetzt war nicht der Moment, um ihn mit ihrer spontanen philosophischen Erkenntnis zu beglücken. „Nicht so wichtig. Jeder von uns fühlt sich ab und an mal verloren in dieser Welt. Gehen Sie duschen, danach sehen wir weiter. In Ordnung?“

2. KAPITEL

Sobald er die Badezimmertür hinter sich geschlossen hatte, pfiff Frannie leise durch die Zähne. Himmel, das war knapp gewesen. Wenn er noch ein paar Sekunden länger dort gestanden hätte, wäre sie wohl gemeinsam mit ihm duschen gegangen. Wenn der Typ schon in diesem angeschlagenen Zustand so antörnend war – wie würde er dann erst auf sie wirken, wenn er frisch geduscht und rasiert war?

Gedankenverloren ging sie zurück in die Küche, doch gleich darauf blieb sie abrupt stehen, weil sie einen heißen Atem auf der Wange spürte, gefolgt von einer rauen Zunge. Zwei Reptilienbeine stemmten sich auf ihre Schultern, und einen Moment später löste sich der Leguan von seinem Platz auf dem Lautsprecher und wand sich um ihren Hals.

Frannie kratzte Bugsy unter seinem Kinn. „Wie findest du den Neuen?“, flüsterte sie und ging weiter. „Ich weiß genau, dass er dir gefällt. Sonst würdest du nämlich nicht so neugierig hier herumspionieren.“

Sie blieb neben dem Küchentresen stehen und setzte den Leguan auf die Arbeitsplatte. Dann schaltete sie das Deckenlicht ein. Dr. J. saß bereits auf seinem Lieblingsbarhocker und hoffte wohl auf einen Gutenachtsnack. Honey meldete sich krächzend aus ihrem Käfig, obwohl sie in ihrem Napf noch genug zu knabbern hatte.

„In Ordnung, Leute“, sagte Frannie, die sich des Lärms, den die Tiere draußen machten, wohl bewusst war. Es japste und meckerte und kläffte und kratzte an der Tür. „Jeder bekommt etwas, genau wie immer. Aber reißt euch ein bisschen zusammen.

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