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Der geheimnisvolle Gentleman

1. KAPITEL

London, im Juli 1803

Ms. Lily Avonwood war in ihrem 19-jährigen Leben stets eine mustergültige junge Dame gewesen. Doch selbst die wohlerzogenste englische Lady konnte in gewissen Augenblicken einmal die Contenance verlieren und innerlich zerbersten wie eine heruntergefallene Teetasse. An diesem Abend erlebte Lily einen solchen Augenblick.

„Wie soll ich mich denn entscheiden, wenn du mir gar keine Wahl lässt, Onkel Herbert.“ Sie war viel zu aufgebracht, um sich zu setzen, und zog es vor, sich in die Mitte des Raumes vor ihren Onkel zu stellen, der in seiner Bibliothek saß. „Ich würde lieber als alte Jungfer sterben, als einen der Gentlemen zu heiraten, die du vor mir hast promenieren lassen.“

„Sei nicht so starrköpfig, Lily.“ Ihr Onkel trommelte ungeduldig mit den Fingern auf die Armlehne seines Stuhls. „Jungfernschaft kommt nicht infrage, wie sehr du auch vorgibst, diese vorzuziehen. Du brauchst einen Ehemann, der dich umsorgt.“

Lily zwang sich, ihre zu Fäusten geballten Hände zu öffnen, und versuchte, vernünftig zu klingen. „Ich bin kein Kind mehr, Onkel. Ich kann mich durchaus um mich selbst kümmern.“

„Um dich selbst vielleicht, aber nicht um dein Vermögen.“ Zornig zog der Onkel die weißen Augenbrauen zusammen, was ein unheilvolles Zeichen war. „Jeder der Gentlemen, die ich dir hier in London vorgestellt habe, würde deinem Erbe die Führung angedeihen lassen, nach der es verlangt.“

„Das heißt noch lange nicht, dass ich einen der Herren heiraten muss!“

„Verärgere mich nicht, Lily. Dein armer verstorbener Vater war mein Bruder, mein Geschäftspartner und mein bester Freund, und ich habe die Absicht, seine Wünsche hinsichtlich deiner Zukunft zu respektieren.“

„Doch Vater hat Mama aus Liebe geheiratet!“, schluchzte Lily verzweifelt. „Warum soll mir eine Liebesheirat verwehrt sein?“

„Ich streite mich nicht mit dir, Nichte.“ Die große Standuhr schlug die volle Stunde, und Onkel Herbert stand auf. „Da du bewiesen hast, dass du nicht in der Lage bist, selbst einen passenden Ehemann zu wählen, habe ich das für dich getan. Mr. Simon wird uns in Kürze beehren und uns beim Dinner Gesellschaft leisten. Bitte überlege dir vor seinem Eintreffen eine angemessene Antwort, mit der du seinen Heiratsantrag annehmen wirst.“

„Du hast Mr. Simon gewählt?“ Mr. Simon war ein angesehener Bankdirektor aus London, doch er war auch beinahe doppelt so alt wie Lily. Zudem war er etwas kleiner als sie, hatte strähniges Haar, das bereits ergraute, und lutschte mit Vorliebe Pfefferminzpastillen, um seinen übel riechenden Atem zu verbergen, der von seinen verfaulenden Zähnen kam. Leider waren seine derartigen Bemühungen nicht von Erfolg gekrönt. „Mr. Simon? O nein, nein!“

Lily drehte sich um und floh aus dem Zimmer. Sie rannte so schnell, dass sie beinahe mit dem Butler zusammengestoßen wäre.

„Entschuldigen Sie, Miss.“ Der Butler verbeugte sich tief vor ihr. „Mr. Simon wartet im Salon auf Sie, wie von Mr. Avonwood gewünscht.“

„Nein!“ Lilys Entsetzen steigerte sich zur Panik. „Nein, nein, nein!“

Ihr war, als säße sie in einer Falle, der sie nicht entrinnen konnte. Es schien keinen Ausweg zu geben. Gefährlich nahe vor ihr lag eine Zukunft, in der sie ihr Leben mit einem Mann verbringen musste, der nur ihr Vermögen lieben würde - und nicht sie. Sicher hätte ihr Vater sich einen besseren Mann für sie gewünscht als Mr. Simon mit seinen Pfefferminzpastillen!

Sie konnte es einfach nicht geschehen lassen! Sie schluckte und ging entschlossen am Butler vorbei, öffnete den Messingriegel der Vordertür und eilte die Treppen des Hauses hinunter auf die stille Straße hinaus. Mit einer Hand raffte sie den Saum ihres hauchdünnen Musselinkleides hoch, damit sie nicht darüber stolperte, und fing an zu laufen. Dabei lösten sich ihre Haarnadeln, und ihr langes Haar fiel offen auf ihren Rücken. Berauscht atmete sie in tiefen Zügen die warme Nachtluft ein.

Lily hörte, wie der Butler ihren Namen rief und ihr nacheilte. Verzweifelt versuchte sie ihre müden Beine dazu zu bewegen, noch schneller zu laufen. Als sie vor sich eine Kutsche am Bordsteinrand stehen sah, kam ihr der Gedanke, sich darin zu verstecken … nur so lange, bis der Butler an ihr vorübergegangen wäre, und noch bevor die Besitzer der Kutsche zurückkommen würden.

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