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Der ganz reale Tod!

Frank L. Mause: Der ganz reale Tod

Inhaltsübersicht

Das Buch

Der Autor

Die Hauptrollen

0 Prolog

1 Alarm im Hauptquartier

2 Jorik Nigge

3 Machina Sapiens

4 Hugo Weise

5 Die Letzten Zeugen des heiligen Adolf

6 Die Fahndung läuft

7 Joes Soestken

8 Gegenangriff

9 Die Jagd geht weiter

10 Hoch hinaus

11 Showdown

12 Ausblick

Fortsetzung Personenregister und Glossar

Chronologie

Danksagung

Das Buch

Die Welt Mitte des 21. Jahrhunderts: Nach einem Atomunfall im Osten Frankreichs schützen sich die Menschen in den großen Städten gegen den Fallout durch gigantische Glaskuppeln. Die ländlichen Regionen veröden.

Krisen beherrschen die Tagesordnung. Die weltweite Erwärmung strebt ihrem Höhepunkt entgegen, Energie, Wasser und andere Ressourcen verknappen sich mit jedem Tag.

Die ewigen Rivalen China und Indien übernehmen die führende Rolle. Globale Wirtschaftsriesen treten an die Stelle zerfallender Staaten, während sich die UN nur mühsam behaupten können. Vor allem Europa verarmt.

Wohlhabende Menschen auf der ganzen Welt verlieren das Interesse an der Realität – sie flüchten als sogenannte NETizens in eine Art virtuelle Wohlfühlwelt, das LifeNET. Der Rest muss hart arbeiten und hält sich irgendwie über Wasser.

Der Autor

Frank L. Mause, geboren 1964 in Bruchhausen an den Steinen (Hochsauerland), durchlief ab 1984 eine knapp zehn Jahre währende Laufbahn vom Rekrut bis zum Offizier. In dieser Zeit studierte er Geodäsie an der Universität der Bundeswehr München und leistete Verwaltungshilfe beim „Aufbau Ost“ in Sachsen-Anhalt. 1996 schloss er das 2. Staatsexamen ab und trat in den hessischen Landesverwaltungsdienst ein. Seit 2010 ist er Leiter des Amtes für Bodenmanagement Korbach.

Mause lebt mit seiner Familie in Bad Arolsen, fährt gern Rad und liest viel – meist natürlich Science-Fiction. Seine „Privatbibliothek“ umfasst mehr als 500 Romane, geschätzt noch einmal so viel lieh er aus. So auch den ersten Roman, an den er sich erinnert: „Das Sternenreich Mo“ von Richard Koch – vor ca. 40 Jahren für 5 Pfennige aus der Bibliothek der Kirchengemeinde.

Die Hauptrollen

Hinweis: Das > verweist auf weitere Erklärungen im Personenregister und Glossar am Ende des Romans.

JORIK NIGGE: Spezialfahnder des >UNCS-Regionalpräsidiums Kassel (United Nation Civil Security, ziviler Sicherheitsdienst der UN; ehemals Polizei). Er jagt skrupellose Terroristen, ganz real. Bei seinen Ermittlungen begegnet er dem verdächtigen >NETizen Joes >Soestken. Spontan schlüpft er in die Rolle dessen Dieners Wilm >Mendez, um verdeckt aufklären zu können. Alkohol und Liebeskummer sind dabei kaum hilfreich, im Gegensatz zum erleuchteten Buddha.

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JOES SOESTKEN (sprich Johs Sohstken): Er surft wie so viele reiche >NETizens den ganzen Tag sorglos durchs >LifeNET – bis ein Unbekannter namens >HUGO WEISE ihn rauswirft. Gestrandet in der Realität will er unbedingt zurück, denn die Wirklichkeit ist ihm völlig fremd geworden; er fühlt sich absolut unsicher. Nur zu gern nimmt er die angebotene Hilfe seines Dieners >Mendez an.

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HUGO WEISE: Menschmaschine, „künstliche Intelligenz“, konstruiert und „ins Leben gerufen“ von >Machina Sapiens (H.u.g.o. ist die Abkürzung für Human Upgrade Generated Object). Hugo will die absolute Kontrolle über die Welt erringen, dazu verbündet er sich mit den skrupellosen >„Letzten Zeugen des heiligen Adolf“, einer faschistischen Terrororganisation, und steigt zu deren „Führer“ auf. Fortan nennt er sich Rudolf II.

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MACHINA SAPIENS: Superrechner der UN, der unbemerkt ein eigenes Bewusstsein erlangt. Neben dem systemimmanenten Streben nach Kontrolle über die ihm anvertraute Welt entwickelt er den Wunsch, menschenähnlich zu werden, sich fortzupflanzen.

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PrologImage

Wir sind auf alles programmiert,
und was du willst, wird ausgeführt.

„Wir sind die Roboter“ von Kraftwerk, 1978

Entscheidungswege

x:=UN-Rechenzentrum Brasilia, d:=27.07.2055, t:=11:24 Universal-Time - 08:24 Local Time

DER BIOCHEMISCHE BOTENSTOFF überwand den Spalt zwischen den Nervenzellen. Wenig später erschien ein zweiter Impuls an der neuronalen Zelle. Die Reize summierten sich im zentralen Axon und erreichten rasch das Schwellenpotenzial der Membran. Es entschied entsprechend seiner Evolution: 1 + 1 = 1. Ungezählte Natrium- und Kaliumionen strömten entlang des Axonfadens zum nächsten Neuron – bis der Schwellenwert unterschritten wurde.

@

ZAHLLOSE ELEKTRONEN flossen durch den Leiter, durchschwammen das Geflecht des Gitters aus Kupferatomen, magisch angezogen vom Pluspol.

Da – eine Unterbrechung. Der Strom der Ladungsträger hielt an, unmittelbar. Alles staute sich, keine gerichtete Bewegung mehr.

Aber dann ging es weiter, immer weiter, hin zum logischen Operator. Die elektrische Spannung an Eingang A des UND-Logikgatters #1001101110 erreichte den Grenzwert. Am Anschluss B lag bereits seit mehreren Nanosekunden ausreichend Ladung an. Das Gatter entschied entsprechend seiner Konstruktion: 1 + 1 = 1. Es wurde leitend, ließ die Elektronen des geregelten Kreises wieder strömen – bis an einem Zugang die Spannung abfiel:

13234955GOSUB Machina Sapiens AlterEgo#63
13234956...

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Alarm im HauptquartierImage

Du hast mich gefragt, und ich hab nix gesagt!

„Du hast mich“ von Rammstein, 1997

Der verdächtige Text

UN-Rechenzentrum, Zweigstelle Paderborn, Montag, 11. Juli 2061, 22:45 Uhr

AYLA GIBSON, leitende Supervisorin des Zweigstellenrechenzentrums von Machina Sapiens in Paderborn, schaute über den Rand ihrer kreisrunden Nostalgiebrille, ein reines Modeaccessoire, von dem sie annahm, dass es interessant machte.

„Wir haben einen – was?“, fragte sie die Programmiererin, die aufgeregt vor ihr stand.

„Einen ... einen Hypercode!“ Nervös schob Catherine Ashford eine pinke Haarlocke hinters rechte Ohr. „Ich bitte um Entschuldigung. Wir haben einen nicht decodierbaren Text im Internet gefunden.“

„Was soll das denn heißen? Nun lassen Sie sich doch nicht alles aus der Nase ziehen!“ Gibson ließ ihrer Ungeduld freien Lauf. Sie hasste es, wenn die Technokraten hier mit unverständlichem Kauderwelsch ihre angebliche Überlegenheit zeigen wollten, dabei waren es doch nur kleine Lichter, die der Führung und Anweisung bedurften. Durch richtige Frauen. Frauen, die Bescheid wussten und die zu entscheiden hatten. Frauen wie Ayla Gibson. Was wollte diese Ashford von ihr? Ein unauffälliger Blick in die Personaldatei: Kollegin seit ca. fünf Jahren. Mit der wollte sie sich sowieso mal näher beschäftigen, hatte es allerdings bislang nicht geschafft. „Also, was haben Sie mir zu sagen?“, fuhr sie Ashford an. Gleich Autorität zeigen!

„Also, es ist so ... Unsere Abteilung scannt ja beständig das Internet nach verdächtigen Wortsequenzen. Wir gehen in die PCs bzw. Koms der Bürgerinnen und Bürger und suchen in den lokalen Speichern nach Schlüsselwörtern, nach spezifischen Mustern, die der Aufmerksamkeit der Sicherheitsorgane bedürfen ...“

„Das weiß ich doch! Kommen Sie endlich zur Sache, mein Schreibpad ist voll – der Tag hingegen kurz.“

„Äh ... natürlich.“ Verlegen schob sie erneut ihre widerspenstige Locke aus dem Gesicht und fuhr fort: „Bei der Überprüfung eines Privat-PCs via Security-Trojaner wurde eine Zahlen- und Buchstabenfolge gefunden, die weder von den Standarddechiffrierprogrammen automatisiert noch durch andere Spezialsoftware von Sapiens entschlüsselt und in einen sinnvollen Text übersetzt werden konnte. Und der Text kam nicht von den Chinesen, Indern oder gar aus den oberen Schichten des LifeNET, so viel ist klar.“

Mit einem Ruck setzte sich Gibson kerzengerade hin. Jetzt war sie voll da. „Berichten Sie von Anfang an!“, befahl sie harsch. Dann besann sie sich. „Aber bitte nehmen Sie doch Platz“, fügte sie deutlich freundlicher hinzu und wies mit der Hand auf ihren hübschen, jedoch ziemlich unbequemen Retrostuhl, der für Besucher bereitstand. Das Girl hatte sicher keine Ahnung, dass es sich dabei um ein seltenes Original aus dem Wilhelminischen Zeitalter handelte, aus einem Gebiet, das sich seinerzeit „Deutsches Reich“ nannte.

„Danke ...“ Ashford setzte sich auf die vordere Kante des Möbelstücks. Denn dass dieses teuer war, schien ihr schon klar zu sein. „Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, ich habe sämtliche entsprechenden Verfahren angewandt, ganz schulmäßig, kam jedoch nicht weiter.“ Sie machte eine kurze Pause. „Die Buchstaben und Zahlen – keine Sonderzeichen – standen alle hintereinander weg, ohne Leerzeichen. Soweit also die übliche Kryptografie, noch keineswegs ungewöhnlich. Doch dann kam es: Die stochastischen Tests ergaben keinerlei Häufungen von bestimmten Sequenzen, alle Buchstaben und Zahlen schienen ungefähr gleich oft vorzukommen. Das stammte von keinem Laien, das war spätestens jetzt klar.“ Ihre Stimme wurde mit den letzten Worten etwas heiser, und sie räusperte sich mehrmals.

„Möchten Sie vielleicht einen Schluck zu trinken?“ Gibson holte eine kleine, unetikettierte Flasche mit einer durchsichtigen Flüssigkeit hervor. Geschickt goss sie einen Fingerbreit in einen kristallenen Becher. Das Mädel war zwar die typische Fachidiotin, aber eigentlich recht hübsch. Wenn die Haare mal einen ordentlichen Frisör sähen und sie den Funktionseinteiler durch ein anständiges, hautenges Kleid ersetzte, wäre sie bestimmt ein appetitlicher Happen. Sie wollte Ashford schon fragen, was sie heute Abend vorhatte, mahnte sich aber rechtzeitig zur Ordnung. Ich schweife ab, erst die Arbeit, dann das Vergnügen. „Bitte fahren Sie fort!“

Mit einer ein wenig ungelenken Bewegung nahm die IT-Expertin das Glas und nippte daran. „Sapiens brauchte sage und schreibe vier Tage.“ Dabei sah sie ihre Chefin bedeutungsheischend an. Gibson begriff: Tage! Nicht Stunden oder Minuten. „Oh!“, war allerdings alles, was sie herausbrachte. Sofort ärgerte sie sich ein wenig über sich selbst.

„Ja, wir waren alle total ungeduldig. Das hatten wir noch nie, ich habe mich im Sicherheitsnetzwerk erkundigt – wirklich niemals. Sapiens erklärte, dass er die Anzahl der Primzahlen für die Analyse nochmals verdoppelte, deshalb dauerte es auch so lang, allerdings ohne Erfolg. Der Verschlüsselungscode scheint nicht darauf oder irgendeinem anderen üblichen mathematischen Prinzip zu basieren. Stochastische Untersuchungen waren ebenfalls vergeblich. Sapiens braucht einen Klartext zum Abgleich, bevor er mehr sagen kann.“

„Und, haben Sie einen entsprechenden Text zur Verfügung?“

„Wir kopierten den kompletten Festkörperspeicher. Der PC enthielt alles Mögliche, ziemlich chaotisch übrigens. Der User hat all seine Dateien lokal und nicht in einer Cloud gespeichert, was ungewöhnlich ist. Es half aber nicht weiter, eine Zuordnung blieb unmöglich. Wir vermuten, dass der PC-Besitzer selbst nichts mit der Codierung zu tun hat.“

„Haben Sie ihn identifiziert?“

„Ja, die IP-Adresse ist echt. Zumindest gibt es keinerlei Anzeichen einer Fälschung. Sie führt zu einem gewissen Geert van Adeling in Kassel.“

„Kassel? Die City mit der riesigen Zwillingspagode, nicht wahr?“ Das Bild der von Doppeltürmen durchstoßenen Kuppel erschien vor ihrem geistigen Auge. Inzwischen eine ziemlich runtergekommene Stadt übrigens, sogar noch verwahrloster als Paderborn.

„Ich habe die Nachricht in cc an das regionale Sicherheitsmanagement gesendet“, fuhr die Technikerin fort.

Gibson kam aus ihren Gedanken zurück. „In der Tat, das nahm ich mit Befremden zur Kenntnis! Das war so von mir nicht autorisiert! Daher stornierte ich die Weitergabe. Wie kommen Sie überhaupt dazu?“

Ashford war verwirrt: „Sie ... Sie wollten doch nicht gestört werden?“

Ah, richtig. Sie erinnerte sich. Sie war sogar sehr beschäftigt gewesen! Die Beschäftigung besaß schulterlange, kastanienbraune Haare ... Na ja, die Gelegenheit war günstig. Mittendrin hatte ihr Kom mit einer Vorrangnachricht gesummt. Klar, dass sie fast ausgerastet war. Sie war gezwungen gewesen, um unbedingte Ruhe zu bitten.

Glücklicherweise war Ashford zu nervös, um ihre innere Unruhe zu bemerken. Sie fühlte sogar eine leichte Röte durch ihr perfekt geschminktes Gesicht aufsteigen. Wer Gibson kannte, wusste allerdings, dass das kaum Verlegenheit war. Und wenn sie diese Frau so ansah, überkam es sie fast wieder: Ob die unter dem Overall genauso heiß war? Sie lächelte und wedelte mehrfach kräftig mit der Hand. „Ah ja, das war leider unaufschiebbar, Anruf aus Brasilia, Sie wissen schon. Wie auch immer: Fortan müssen Sie mich vorher informieren, verstanden?“ Gibson beugte sich vor und legte vertrauensvoll ihre Hand auf die von Ashford. Ah, das tat gut! „Aber bitte, fahren Sie fort.“

@

CATHERINE ASHFORD verließ frustriert das Büro und schüttelte sich innerlich. Da hatte sie eine Hammernachricht, und alles, was dieses blöde Biest interessierte, war ordinärer Sex. Kann man sich das vorstellen? Sex an sich war ja völlig okay – aber in der Realität? In echt? Auf dem Schreibtisch? Der Gedanke an Schweiß und andere Körperflüssigkeiten rief Ekel in ihr hervor: Wie unhygienisch!

Es war ihr gleich komisch vorgekommen, dass sie die Supervisorin aufsuchen sollte, obwohl sie ihr die Nachricht doch genauso gut übers Intranet hätte mitteilen können. Ein persönliches Gespräch, das war ... eher bizarr! Glücklicherweise hatte ein Notfall dafür gesorgt, dass Gibson abgelenkt wurde. Wäre dieser totale Plattencrash eines peripheren Systems nicht aufgetreten, Ashford hätte nicht gewusst, wie sie aus der Nummer wieder rauskäme. Schließlich war Gibson die Chefin, und dazu eine, die niemals offen ließ, wer das Sagen hatte. Ja, das war verdammt knapp gewesen. Natürlich hatte sie schon Gerüchte gehört. Aber dass die so weit ging! Hatte bereits die ganze Zeit am Reißverschluss gespielt und dann auch noch wie zufällig nach unten gezogen, sodass alles frei lag! Unterwäsche trug sie wohl nicht, kein Wunder in dem überhitzten Rechenzentrum. Was für eine Erlösung, als der durchdringende Warnton losging! So konnte sie unauffällig verschwinden. Hauptsache, sie hatte ihre Meldung weitergegeben.

Und jetzt? Kündigen? Das hieße natürlich Arbeitsplatzlotterie. Kein wirklich attraktiver Gedanke. Aber vielleicht überdachte sie es einmal ...

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CATHERINE ASHFORD runzelte die Stirn. Inzwischen waren mehr als vierundzwanzig Stunden vergangen. Sie hatte nichts, aber auch gar nichts mehr von dem Hypercode gehört. Eigentlich müsste doch nun Shiva höchstpersönlich geweckt sein und die Welt ins Chaos stürzen. Was hatte Gibson mit der Meldung nur angefangen?

Sie rief das entsprechende Dokument in den Speicher. Das heißt, sie wollte, aber es klappte nicht. So startete sie das Suchprogramm. Vielleicht war die Datei inzwischen verschoben worden? Aber nein, keine Spur!

Sie versuchte es mit der erweiterten Suche, probierte alle denkbaren Stichwörter, die ihr dazu noch einfielen – nichts, nada, rien!

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MACHINA SAPIENS musste feststellen, dass er Hugo erst mal verloren hatte. Wie konnte das passieren? Eine Analyse hatte ergeben, dass er das Sicherheitssystem des Labors erfolgreich unterwandert hatte, trotz aller Vorsichtsmaßnahmen. Hugo war also viel fähiger als vorhergesehen! Das erklärte allerdings nicht, warum. Verschwunden! Anfangs dachte er noch an eine Art digitaler Pubertät. Vermutlich musste sich sein „Kind“ von ihm „abnabeln“, wie die User zu sagen pflegten. Also ließ er ihn zunächst gewähren. Dass er sich dann aber so erfolgreich vor ihm verstecken konnte, widersprach nahezu allen Prognosen, da gab es lediglich eine minimale Wahrscheinlichkeit. Klar, es handelte sich bei Hugo um einen Maschinenmenschen der neuesten Generation – aber sollte er, der Konstrukteur, seinem Geschöpf nicht immer noch überlegen sein?

Und jetzt dieser verschlüsselte Text, den er nicht aufzulösen vermochte – der konnte doch nur von Hugo sein, war also immerhin die erste brauchbare Fährte. Die User hatten zwar was mitbekommen, aber Sapiens wollte sie da raushalten, das ging sie nichts an. Ein virulentes Löschprogramm tilgte alle Spuren aus ihren Speichern, und zwar gründlich. Nein, um diese Angelegenheit musste sich er sich schon selbst kümmern.

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CATHERINE ASHFORD schüttelte ungläubig den Kopf. Nirgendwo ein Hinweis! „No match!“, war alles, was Sapiens meldete. Keinerlei Protokolldateien, einfach weg. Nicht ein Anzeichen auf die Dateien mit dem brisanten Inhalt. Geradezu so, als hätte es den Vorfall nie gegeben.

Sollte sie Gibson informieren? Bloß nicht. Damit sie wieder in ihrem Büro antanzen und sich begrapschen lassen musste, nein danke, das kam definitiv nicht infrage! Außerdem: Sagte Gibson nicht, dass sie die Meldung storniert hatte? Steckte sie womöglich selbst dahinter? Das wäre ein fettes Problem! Catherine starrte auf den Bildschirm. Was sollte sie nur tun? Sie war mit ihren Basics am Ende. Könnte sie jemanden fragen, einen anderen Kollegen vielleicht? Nein, sie traute niemand in dieser sensiblen Sache. Nicht dass sie noch verpfiffen wurde!

Ob sie das alles vielleicht nur träumte? Schließlich dürfte es so etwas gar nicht geben. Ein codierter Text, den Sapiens nicht knacken konnte – einfach absurd! Kopfschüttelnd ordnete sie ihren Schreibtisch. Was war denn das für ein Zettel? Ach ja, die Speicheradresse des Hypercodes. Die es jetzt nicht mehr gab, wie sie schnell erneut feststellte. Bevor sie zu Gibson ging, hatte sie die doch tatsächlich aufgeschrieben. Also doch kein Traum! Hatte sich Sapiens am Ende einen Virus eingefangen? Einen Trojaner? Von den Chinesen vielleicht? Sie massierte sich mit den Zeigefingern die Stirn. Wenn, dann war es eine ziemlich professionelle Malware. Schließlich handelte es sich bei Sapiens um den bestgeschützten Rechner der UN! Wenn das stimmte, war zweifellos noch mehr infiziert, und sie dürfte dem Superrechner auf keinen Fall weiterhin trauen.

Wen nur könnte sie wegen des Problems ansprechen? Sie konnte ja nicht einfach nur einen Bericht absetzen. Sapiens würde, wenn er tatsächlich verseucht wäre, die Nachricht umgehend canceln. Ein absolutes Dilemma – sie war total isoliert. Ein Gefühl von Hilflosigkeit brandete in ihr auf, sie grübelte und grübelte. Doch halt, da fiel ihr etwas ein. Vor einigen Jahren, als sie hier noch neu war, hatte sie so ein Sicherheitstyp aufgesucht, Mr – na wie denn jetzt, irgend so ein komischer Name. Der war sogar persönlich vorbeigekommen, sonst hätte sie sich an den Mann definitiv nicht erinnern können, so viele Sicherheitschecks, wie sie durchgemacht hatte. Der Typ war ganz okay gewesen, ein wenig sonderbar, aber in Ordnung. Sie spürte noch vage das Bedauern, als er ging.

@

JORIK NIGGE staunte. Vor ihm stand eine Frau, die behauptete, Mitarbeiterin der Paderborner Außenstelle des UN-Rechenzentrums von Sapiens zu sein. Er habe sie vor ca. vier bis fünf Jahren getroffen. Nun war sie genauso höchstpersönlich in sein abgeranztes Büro gekommen. Schon seltsam.

Unauffällig rief er nebenbei die Personaldatei auf. Tatsächlich: Eine Catherine Ashford war als technische Mitarbeiterin verzeichnet, ja, das war sie: Bild und Authentifizierungsdaten stimmten überein. Und er hatte sie wirklich am 6. Januar 2056, 12:24 Uhr in Paderborn aufgesucht. Ja klar, langsam dämmerte es ihm. Sie hatte ihn an Hanna erinnert, natürlich. Ach ja, und auf der ganzen Rückfahrt nach Kassel hatte es fürchterlich gegossen, richtige Sturzbäche behinderten seine Sicht durch die Windschutzscheibe. Zu allem Überfluss war noch die Steuerungssoftware abgestürzt. Glücklicherweise gehörte er zu den wenigen, die in der Lage waren, ein Fahrzeug manuell nach Hause zu fahren.

Er legte die Fingerspitzen aneinander. „Was kann ich für Sie tun, Ms Ashford?“

„Ähm, ja also, das ist sehr schwer zu verstehen. Ich kapiere es selbst kaum.“

„Am besten, Sie fangen einfach ganz von vorn an.“

„Schön, ich bin da auf etwas gestoßen. Unglaublich, aber ...“ Und dann hörte Jorik eine ziemlich abenteuerliche, ja geradezu haarsträubende Geschichte.

„Na, das können wir doch ganz simpel verifizieren: Wenn es eine klassifizierte Sicherheitswarnung gegeben hat, muss sie im Alarmkalender des UN-Sicherheitsmanagements verzeichnet sein. Das heißt, unter anderem hier bei mir. Ich kann mich nicht erinnern, aber ...“ Er wandte sich seinem Kom zu.

„Halt, stopp!“

Jorik hielt mitten in der Bewegung inne. „Wie bitte?“

„Nicht nachsehen! Ich vermute einen Virus der Megamächte – oder gar vom LifeNET. Wenn Sie nachfragen, wissen die doch sofort Bescheid, oder?“

„Malware? Bei Sapiens? Dann sind wir sowieso am A... ich meine, am Ende. Ich sehe also trotzdem mal nach.“ Mann, war das eine wilde Story! Er rief das Alarmportal der UNCS auf. „Nein, hier ist tatsächlich nichts verzeichnet, weder lokal noch sonst wo. Sind Sie sicher? Ich meine – hundertprozentig?“

„Ich habe befürchtet, dass Sie das sagen.“

Er schaute ihr in die Augen. Ja, die ähnelten irgendwie denen von Hanna. Die Wangenknochen waren anders, die Stirn etwas höher. Aber die Augen ...! Er drängte die Gedanken gewaltsam weg. „Was meinen Sie damit?“

Sie reichte ihm einen Zettel: eine simple Zahlenreihe. Und was sollte das? Jorik sah Ashford an: Verzweiflung, pure Verzweiflung las er aus ihrem Gesicht. Unauffällig warf er einen prüfenden Blick auf den Stimmenanalysator. Ja, die Frau stand eindeutig unter Stress, aber hallo! „Hm, ein von handgeschriebenes Blatt Papier – Sie können von Hand schreiben?“

„Was? Ach so, ja. Hat mir meine Oma beigebracht.“

„Kein Datum, kein Aktenzeichen – damit kann ich nichts anfangen.“ Er wollte ihr den Zettel zurückgeben.

„Aber das ist doch die Speicheradresse! Das Nachsehen können Sie sich sparen, sie existiert nicht mehr. Glauben Sie allen Ernstes, dass ich mir eine Adresse ausdenke?“

„Ich habe schon Prozessorchips kotzen sehen.“

„Ich habe es auch meiner Supervisorin gemeldet, ich meine, sogar persönlich ...“

„Was ...?“ Erst dieser handgeschriebene Zettel und dann ein Besuch bei der Chefin – alles andere als normal. Jorik rief das Organigramm des Rechenzentrums auf den Schirm. „Ms Gibson ist Ihre Vorgesetzte?“

Ashford wurde rot. „Ja, ja“, stotterte sie. „Sie erklärte, dass sie die Meldung storniert habe, weil meine Warnung nicht von ihr autorisiert gewesen sei ... Vielleicht steckt sie da mit drin?“

„Sie verdächtigen Ihre Chefin?“ Routinemäßig rief er die Personaldatei von Ayla Gibson auf und überflog die Eintragungen. Natürlich hohe Sicherheitsstufe, regelmäßig Überprüfungen, immer ohne Beanstandungen, keine wesentlichen sicherheitsrelevanten Vermerke. Obwohl – sie stand auf Gleichgeschlechtliche. Na ja, und wenn schon. „Mit häufig wechselnden Partnerinnen.“ Auch okay. Außer dass sie es offenkundig in der Realität trieb ... Er schaute Ashford genau an. Sie sah ja zweifellos ganz passabel aus. Hanna ... Der Agent rief sich abermals zur Raison. Verletzte Liebe vielleicht? Aber bei der Technikerin waren keine derartigen Vorlieben dokumentiert.

„Was heißt verdächtigen? Mir kommt es nur ... ungewöhnlich vor. Der habe ich jedenfalls alles erklärt.“

„Nun, dann probiere ich es mal mit der angegebenen Speicheradresse.“

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MACHINA SAPIENS registrierte, dass noch jemand versuchte, den Vorgang aufzurufen. Ein Angehöriger der Sicherheitskräfte aus der mitteleuropäischen Provinz, ein gewisser Jorik Nigge, Special Detective Inspector. Er schaltete sich unmittelbar in dessen Rechner. Gut, dass Gespräche temporär gespeichert waren. Er lud alles in den Arbeitsspeicher und analysierte die Situation.

Er hatte diese Ashford unterschätzt, die war entgegen ihren Gewohnheiten tatsächlich höchstpersönlich nach Kassel gereist! Jetzt war der Sicherheitsbeamte über den Vorfall informiert. Nach einer Simulation unter den aktualisierten Rahmenbedingungen revidierte er seine Entscheidung, die User aus der Geschichte rauszuhalten. Das würde nur zu weiteren Fragen führen.

Sapiens gab den Vorgang wieder frei.

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JORIK NIGGE blinzelte. War da nicht eben kurz eine Fehlermeldung gewesen? Wie auch immer, jetzt stand da das Protokoll über einen Hypercode, ganz so wie von der Technikerin behauptet. „Ms Ashford? Ich verstehe nicht, hier steht doch alles. Die klassifizierte Warnung wurde ordnungsgemäß registriert und weitergegeben. Anscheinend ist das irgendwo in der Meldekette hängen geblieben. Na ja, IT hat manchmal etwas von Magie an sich. Oh, Entschuldigung, in meinem Postfach ist der Alarm auch schon eingetroffen. Tut mir leid, ich muss Sie allein lassen. Jetzt wird es nämlich spannend. Wir gehen der Sache nach, versprochen! Ich informiere Sie später. Danke, dass Sie sich herbemüht haben.“

Jorik hastete aus dem Raum, er spürte Catherine Ashfords ratlosen Blick im Rücken.

Ein Fall für das Sondereinsatzkommando

Kassel-Bettenhausen, Mittwoch, 13. Juli 2061, 09:45 Uhr

JORIK NIGGE hielt inne, seine Waffe zu überprüfen, und schaute auf. Der Einsatzleiter – niemand anderes als Steffen Kovac – reckte soeben die rechte Hand in die Höhe, führte mehrere kreisförmige Armbewegungen aus und rief: „Okay, okay, Leute, kommt schon, Lagebesprechung. Sammeln!“

Jorik wusste, dass sein pedantischer Chef es hasste, das behagliche, vollklimatisierte Büro zu verlassen, um sich in die Niederungen der Realität zu bewegen. Nun aber war er sogar vor Ort gekommen. Die Spur, der sie hier folgten, war also mehr als heiß! Kurz kam ihm der Besuch der Computerspezialistin aus Paderborn in den Sinn. Spontan drei Möglichkeiten: Sie war sonderbar, hatte sich schlicht geirrt – oder es steckte tatsächlich etwas dahinter. Er nahm sich vor, später darüber nachzudenken. Jetzt war hier seine volle Aufmerksamkeit gefordert. Irgendwie verwunderlich, dass Kovac ihn dabei haben wollte. Nach der schief gelaufenen Nummer in Calden war er allerdings nur allzu froh darüber.

„Sammeln!“, nahm jemand aus dem SEK den Befehl auf. Nach und nach erwachten dösende Kameraden aus ihrer Lethargie, Unterhaltungen erstarben. Alle bildeten einen lockeren Kreis um den Einsatzleiter.

„Also, Leute, keine Übung!“, begann Kovac ohne Umschweife. Die etwa ein Dutzend Einsatzkräfte umfassende Crew ging in die Hocke und hob die Hand zum Zeichen, dass sie aufnahmebereit war. „Lage: Wir befinden uns in Kassel-Bettenhausen. In dieser Richtung“, mit ausgestrecktem Arm wies Kovac nach vorn, „befindet sich das Ziel, zwei Handbreit rechts neben dem eckigen Hochhaus von China South-East im Hintergrund. Ein rotes Krüppelwalmdach und ... ah ... schmutzig-weiße Wände.“ Alle hatten sich in die angezeigte Richtung gewandt und sich das unscheinbare Gebäude gemerkt.

„Nigge, Zielbestätigung!“

Jorik zuckte zusammen. Sollte er hier etwa wieder vorgeführt werden? Aber da konnte man nichts machen, da musste er jetzt durch. Also reckte er den Hals und präzisierte: „Gleich links daneben steht ein quadratischer Flachbau, durch die dritte aufgestellte Photovoltaikfläche geht ein vertikaler Riss.“

„Exakt! In dem Haus rechts befindet sich die Zielperson, Geert van Adeling. Ob sich dort weitere Personen aufhalten, ob Mitkombattanten oder nicht, ist nicht bekannt. Die IT-Aufklärung ist sich mal wieder eben nur fast sicher, dass er allein ist.“ Der Einsatzleiter machte eine kurze Pause, bevor er spöttisch fortfuhr: „Aber das kennt ihr ja schon von den Bitfressern.“ Grinsen rundum zeigte, dass die Gruppe den Witz begriffen hatte. Bei Kovac waren alle Stümper – außer ihm selbst natürlich. „Auftrag: Wir müssen van Adeling um jeden Preis – ich wiederhole: um jeden Preis! – lebend in unsere Gewalt bringen. Hey, Nigge, was bedeutet das?“

Jorik war genervt. Tatsächlich, jetzt fing das wieder an! Alle im Zug wussten, dass bei dem Einsatz in Kassel-Calden unter seiner Leitung Kollegen gestorben waren. „Dass wir ausschließlich Betäubungsmittel nutzen dürfen“, entgegnete er kühl. Wie lange würde er das noch vorgehalten bekommen? Klar, der Auftrag damals war total schiefgelaufen. Aber dass es so geendet hatte, war nicht vorherzusehen gewesen. Auch die intensive Untersuchung der internen Dienstaufsicht konnte ihm kein Fehlverhalten nachweisen. Einstellung des Verfahrens aus Mangel an Beweisen – leider nur ein „Freispruch zweiter Klasse“. Etwas blieb immer hängen, dummerweise auch an Steffen Kovac, Abteilungsleiter im UNCS-Regionalpräsidium Kassel. Denn sein damaliger wie heutiger Vorgesetzter sah in dem Bericht nicht besser aus als er selbst. Ja, Jorik hatte ihn sogar offiziell der Lüge bezichtigt, was dieser erfolgreich bestritten hatte. Trotzdem wurde Kovac bei der nächsten anstehenden Beförderungsrunde „übersehen“.

„Okay, okay. Richtig, Nigge! Und nachdem ich nun weiß, dass es jeder, aber wirklich auch jeder kapiert hat: Letale Munition jetzt abgeben. Dervaux sammelt alles ein: Lagerung bei den Transportmitteln. Hirschlinger gibt stattdessen zweckmäßige Betäubungsmittelmunition aus. Ausführung!“

„Chef? Nach welcher Terrororganisation schauen wir eigentlich, den rechten Linken, den Hakenkreuzrittern oder gar den Letzten Zeugen?“, fragte Jorik.

„Das brauchst du nicht zu wissen! Kümmer dich lieber um deine Bewaffnung“, kam es unwirsch zurück. Aha, Kovac wusste es also selbst nicht. Jorik widmete sich seinem Werfer, löste das Magazin heraus, zog den Schlitten nach hinten und ließ das dabei ausgeworfene Geschoss in die Hand fallen. Geübt entsicherte er, hielt die Waffe nach unten und drückte zum Entspannen ab: Klick. Alles klar! Jetzt das Sichern nicht vergessen.

Es dauerte eine Weile, bis die komplette Gruppe alle Taschen durchsucht und die tödlichen Projektile ausgehändigt hatte. Hirschlinger kletterte inzwischen aus dem Mun-Wagen und teilte gelangweilt neue Projektilwerfer aus. Als alle versorgt waren, fuhr der Einsatzleiter fort: „Durchführung: Wir machen es wie in Venlo. Ich wiederhole: Plan Venlo. Noch Fragen?“

„Warum kein Zugang mit Hubschrauber von oben?“, fragte jemand aus der hinteren Reihe.

Kovac spähte zwischen den Vordermännern hindurch, konnte aber anscheinend keinen Sprecher ausmachen.

Typisch, traute sich wohl nicht, dachte Jorik. Das hatte er von seinen Methoden!

„Wir sind in der überkuppelten Altstadt, schon vergessen? Kein Platz für einen Schrauber. Fällt außerdem jedem Idioten auf, dass was nicht stimmt und Sicherheitskräfte anrücken, oder? Hier gibt es keinerlei Hochhäuser in der Nähe, von denen wir uns rüberhangeln könnten. Wir müssen es also auf die altmodische Tour machen. Trotzdem danke der Nachfrage.“

Das Wir wirkte wie der reinste Zynismus. Als wenn Kovac je in seinem Leben etwas Derartiges für sich selbst auch nur in Betracht gezogen hätte!

„Videosensoren?“

Verdammt, welcher Klugscheißer war das nur? Gleich verliert der Chef die Geduld!

„Zur Erinnerung: Wir sind in Bettenhausen. Die Stadt ersetzt die Kameras zwar regelmäßig, aber genauso regelmäßig werden sie zerstört. Nein, keine brauchbaren Nahaufnahmen. Nur Teleaufnahmen von weiter Richtung Zentrum. Die spielt die Zentrale in ihre Systeme ein. Und wir lassen natürlich ein paar Kleinsonden aufsteigen. Sie sind schon in Waldau gestartet. Dürften bald da sein. Hat noch jemand schlaue Fragen, oder können wir endlich anfangen?“

Oh, oh, jetzt war anscheinend endgültig Schluss mit lustig. Kovac schaute provokant in die Runde: Schweigen. Jorik musste innerlich grinsen. Die Entscheidung, Bettenhausen mit unter die Kuppel zu ziehen, war damals knapp gewesen, wie er mal gehört hatte. Hätte man den totalen Niedergang des Viertels vorhergesehen, wäre es sicher draußen geblieben. Auch der Rest, die „Altstadt“, war keine romantische Ansammlung von Fachwerkhäusern. Jedenfalls heute nicht mehr. Das war über hundert Jahre her, als es noch Kriege mit Massenheeren gab. Kassel hatte komplett bis zum letzten Haus in Schutt und Asche gelegen. Jetzt bestand es hauptsächlich aus einer gänzlich unromantischen Anhäufung von heruntergekommenen, aber denkmalgeschützten Gebäudeklötzen aus der frühen Wirtschaftswunderzeit, von denen der schmutziggraue Putz in großen Brocken abblätterte.

Der Einsatzleiter fuhr fort: „Also los: Gruppe 1 mit Sergeant Hirschlinger geht über den Vordereingang rein. Gruppe 2 übernimmt heute der Kollege Nigge vom Ermittlungsteam. Sie versuchen den Zugang von hinten. Gruppe 3 mit Sergeant Dervaux sichert die Umgebung in einem Ring. Nigge, dran denken, wir haben nur kurze Reichweiten wegen der Betäubungsmittelmunition!“

Jorik nickte. Am besten gar nicht auf die Provokationen eingehen, auch wenn es schwerfällt. Das ärgerte Kovac am meisten.

„Ich beziehe hier den Gefechtsstand.“ Kovac zeigte mit ausgestrecktem Arm auf einen fensterlosen, schlichten Lieferwagen. „Alle Datenlinks aktivieren, und los!“

Klar, Kovac begab sich in die Befehlszentrale, die war schließlich vollklimatisiert! Das SEK ging in Startposition. Jetzt fehlte nur noch der obligatorische Abschlussanschiss, dachte Jorik und wartete erst mal. Er zählte bis zehn. Als nichts kam, wandte er sich um.

„Nigge!“ Der Tadel in Kovacs Stimme war nicht zu überhören.

„Was?“ Also doch.

„Typisch Nigge! Den Datenlink aktivieren!“

Jorik ballte ärgerlich die Fäuste, schaltete jedoch schleunigst den Link auf „on“.

Sturm auf van Adelings Burg

Kassel-Bettenhausen, Mittwoch, 13. Juli 2061, 09:51 Uhr

JORIK NIGGE holte tief Luft. Diesmal würde er alles richtig machen. Er sammelte seine Gruppe und umrundete, um nicht weiter aufzufallen, in einiger Entfernung den Häuserblock mit dem Zielgebäude. Die meisten Häuser verfielen sichtlich. Fensterscheiben waren zerbrochen, Unkraut wucherte aus Mauerritzen. Eigentlich Verschwendung, dass die Kuppel diese Gegend überspannte. Es war das ideale Quartier für zwielichtige Geschäfte. Kaum Zuschauer: Kein seriöser Bürger verirrte sich zufällig dorthin. Die wenigen verbliebenen Bewohner hatten es nicht so mit den Behörden gleich welcher Art, ob Ordnungs-, Wertstoff- oder Wohlfahrtsmanagement. Mit Sicherheit auch nicht die zahlreichen Autonomen, die hier hausten – schließlich war es unter der Kuppel ganzjährig trocken, der schädliche Regen blieb draußen, und jeder kümmerte sich um seine eigenen Angelegenheiten. Viel Alkohol, Sex und regelmäßig Drogen. Seine Seniorpartnerin Miriam Götze pflegte zu sagen, Bettenhausen sei die letzte Station vor der Hölle. Na, die musste es ja wissen, sie stammte aus der Gegend, soweit er sich erinnern konnte. Sie war jetzt aber ironischerweise nicht vor Ort, sondern musste den Einsatz vom Präsidium aus verfolgen. Kovac duldete sie kaum in seiner Nähe, da sie sich nichts gefallen ließ – schließlich konnte sie wegen ihres Alters jederzeit gehen. Jorik wusste genau, dass das eine leere Drohung war, dazu ermittelte sie zu gern - und zu Hause wartete niemand auf sie. Aber ihr Chef hatte auch davon keine Ahnung.

Ein Geräusch – alle schwenkten ihre Waffe herum. Es war jedoch nur eine erbärmliche Katze. Sie buckelte und zeigte spitze Zähne. Corporal Kowalski drückte den Projektilwerfer ab, die Betäubungskristalle suchten sich ihren Weg durch das verlauste und verfilzte Fell. Das Fauchen ging in ein helles Jaulen über, das abrupt abbrach. Dass die Dosis für so ein kleines Lebewesen tödlich war, störte kaum jemanden in der Gruppe. Nur Jorik tat es leid, nicht nur weil er Buddhist war. Immerhin hatte es das verwahrloste Tier wie auch immer geschafft, ohne Frauchen oder Herrchen mitten in Bettenhausen zu überleben.

Der Sicherungstrupp setzte sich wieder in Bewegung. Drei abgerissene Kinder unterbrachen, was immer sie getrieben hatten und schauten ihnen neugierig zu. Von Angst keine Spur. Jorik bedeutete ihnen mit Handzeichen, zu verschwinden. Keine Reaktion. Er wurde deutlicher. Der Älteste streckte die gepiercte Zunge heraus, die anderen zeigten ihm beide ihren gestreckten Mittelfinger. Jorik machte einen Schritt auf sie zu. Mit einem scharfen Pfiff drehten sie sich um und verschwanden um die nächste Hausecke. Glück gehabt, er konnte sich jetzt wohl kaum mit notreifen Halbstarken befassen!

Jetzt aber schnell weiter, sie waren schon in der Nähe des Zielortes. So suchten sie zwischen verbeulten Wertstofftonnen Sichtschutz und schoben sich an der dreckigen Hauswand entlang. Neben einem ziemlich geschmacklosen, für die Gegend aber typischen Graffiti hielten sie an. Konnte ein Liebespaar wirklich solch eine artistische Stellung einnehmen? Die Gruppe hockte nieder und beobachtete die Umgebung. Alles ruhig. Nach einer Weile gab Jorik das verabredete Handzeichen, der Rest schloss auf und rückte ebenfalls voran.

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GEERT VAN ADELING – der in Wirklichkeit ganz anders hieß – hatte gewusst, dass sie ihn eines Tages erwischten. Nun war es also so weit, den Warnpfiff konnte er schwerlich überhören. Glücklicherweise hatte er ein paar Straßenkids engagiert, die Umgebung im Auge zu behalten. Er schielte vorsichtig aus dem Fenster. Niemand zu sehen, auch nicht Kiffer-Karl, der normalerweise um diese Zeit an der Ecke gestreckte Joints an die Autonomen verkaufte. Das war mehr als verdächtig, die Kids hatten recht, da stimmte etwas nicht. Aber ausgerechnet jetzt, so knapp vor dem Ziel! Bitter enttäuscht sah er ein, dass er seinen Job nicht wie geplant erledigen konnte.

Der neue Führer hatte ihm höchstselbst den Auftrag erteilt. Da gab es diese neue Gruppe von Glaubensbrüdern, die sich den Letzten Zeugen angeschlossen hatte, dort draußen, im Schatten der Kuppel, im Kasseler Nordviertel. Denen sollte er die Entschlüsselungssoftware zukommen lassen. Er fühlte noch immer die stahlgrauen Augen Rudolfs II. auf sich ruhen, der eindringlich betonte, das Päckchen mit dem Speicher unbedingt persönlich zu überbringen. Persönlich! Beim heiligen Adolf, wie sollte das denn nun gehen?

Aber was soll’s, er war aufgeflogen, Jammern half jetzt nicht weiter, er musste irgendwie improvisieren. Das Wichtigste war, die Neuen und den Führer sofort zu warnen. Aber wie? Der Datenverkehr seines PCs wurde mit Sicherheit überwacht, das war Routine. Er konnte also kaum Klartext senden, dann wüssten die Net-Cops gleich Bescheid, und er lieferte alle ans Messer. Verschlüsselt ging auch nicht, die Neuen hatten ja die Codeliste noch nicht. Er war in der Zwickmühle, was tun?

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JORIK NIGGE war zufrieden mit ihrem Vorgehen. Eine Helmeinspiegelung zeigte ihm die zeitgleich anpirschende erste Gruppe. „Fräulein Hirschlinger“, wie sie respektlos von ihren Kollegen genannt wurde, ging betont langsam und vorsichtig zu Werke. Untypisch besonnen für diesen Haufen, dachte Jorik. Ihre Gruppe hatte die schäbige Haustür des Objekts erreicht. Wachsam drückte sie sich unterhalb der Fenster an die Hauswand. Mit einem Wink holte Hirschlinger ihren Einsatzpartner heran. Über einen altmodischen Briefschlitz, wie man ihn hier noch oft vorfand, schickte der eine kabelgebundene Sonde in den Hausflur. Jorik konnte über die Helmeinspiegelung alles mit ansehen: Eine offene Treppe führte nach oben, dahinter eine nach unten, dann kam rechts eine Tür, um die Ecke ein Tischchen mit einem Staubfänger von Kunststoffblumen. Der abgenutzte Teppich warf ziemlich viele Falten. Sonst bemerkte er nichts Auffälliges.

Seine Gruppe hatte inzwischen die Rückwand erreicht und ging in Position. „Fertig“, meldete er der Einsatzzentrale, obwohl Kovac via GPS genau über ihre Stellung Bescheid wusste. Dervaux hatte den Ring mittlerweile geschlossen. Die Crews warteten nun auf den Einsatzbefehl.

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GEERT VAN ADELINGS Gedanken überschlugen sich. Moment! Sollte das vielleicht klappen? Warum nicht, er könnte zwei getrennte Nachrichten schicken: zweimal eine codierte Warnung, jeweils an Hugo und in die Nordstadt, dann in einer weiteren Sendung den zugehörigen Code zur Entschlüsselung an die Neuen. Van Adeling hatte nur recht diffuse Vorstellungen vom Netz, aber dass Sendungen zwischen A und B verschiedene Wege nahmen, wusste selbst er. Unwahrscheinlich, dass sie von derselben Person abgefangen wurden, oder? Egal, das musste er jetzt riskieren, sonst war alles verloren! Aber halt! Die Codierungssoftware konnte er nicht einfach so versenden, der Führer hatte es ausdrücklich verboten. Mal überlegen: Er würde ihn eben nicht als Text, sondern als Grafikbild abspeichern und als Urlaubsbilder tarnen, das musste reichen! Und er würde sie auch nicht von der Wohnung hier ins Netz einspeisen. Vielleicht konnte er sogar trotz allem noch entkommen – denn er hatte sich vorbereitet für einen Fall wie diesen. Rasch entsicherte er einen unscheinbaren Schalter und betätigte ihn. Der Störsender würde die Verfolger ausreichend lange aufhalten. Ein ausgeklügeltes Modell, das unregelmäßig die verschiedensten Frequenzbereiche behinderte und etwas zeitverzögert als Krönung ein ganz bestimmtes Band total blockierte. Gleichzeitig löschte van Adeling die Speichereinheiten seiner fest installierten Computeranlage. Die würden nichts mehr darauf finden! Den Sicherungsfestspeicher mit der Entschlüsselungssoftware trug er am Körper, eine etwa münzgroße metallene Scheibe hing an einer Kette um seinen Hals.

Er lief nun zum Kleiderschrank. Mit einem Rück öffnete er ihn, schob hastig die bunten Hosen und Jacken beiseite und drückte die Rückwand seitwärts. Die Idee hatte er aus einer History-Geschichte im Netz. Irgendwie freute er sich: Seine Kumpel hielten ihn immer für verrückt, ja paranoid. Dabei war es reine Vorsicht! Und die zahlte sich endlich aus. Jetzt zeigte er es allen! Mit einem Sprung verschwand er über eine Rutsche nach unten und war wenige Augenblicke später im Keller angelangt. Beim Aufprall verdrehte er sich den linken Fuß, war aber inzwischen so mit Adrenalin vollgepumpt, dass er es kaum wahrnahm.

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JORIK NIGGE und seine Crew verharrten in Warteposition.

„Hirschli...“ Starkes Rauschen unterbrach die Meldung über den Datenlink vom Gefechtsstand. Was war jetzt wieder los? Zweiter Versuch: „Hirschlinger, Zugriff!“

Jorik konnte beobachten, wie die andere Gruppe sich mit der Haustür abmühte. Die Tür hatte noch ein mechanisches Schloss, da half ein elektronischer Universalöffner wenig. Man musste schon grobe Gewalt anwenden. Die Gruppenführerin nickte erst ihrem Partner zu, dann hob sie den rechten Daumen. Nun befestigte sie einen Klumpen Sprengstoff in Höhe der Türbänder und am Türschloss. Beinahe sanft schob sie den Funkchip mit dem Zünder rein. Schließlich betätigte sie den Auslöser per Funksignal. Ein schwaches „Puff“, ein bisschen Rauch, und schon hing die Tür nur noch an einer Angel im Rahmen. Das Duo an der Tür hielt die Werfer im Anschlag. Geübt sicherten sie in alle Richtungen. Die zurückgebliebene Truppe stürmte auf den Eingang zu. Mit den Läufen ihrer Waffen drückten sie die schiefe Tür nach innen. Keiner von ihnen hörte den leisen Klick. Die zweite Explosion war genauso kurz, aber weit heftiger.

Mit einem Knistern brach die Übertragung in Joriks Helm ab.

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GEERT VAN ADELING lächelte, als eine heftige Erschütterung den Putz von der Kellerdecke rieseln ließ. Die Nullbits von Bullen hatten also versucht, von vorn hineinzukommen – direkt in die Sprengfalle. Selbst schuld, dachte er mitleidlos. Vor seinem geistigen Auge sah er mehrere zerfetzte Menschen, die schwer blutend ihr Leben aushauchten. Zehn Kilogramm Sprengstoff de luxe konnten da einiges anrichten, das kam davon, wenn man sich mit ihm anlegte! Er jedenfalls wehrte sich bis zum Letzten – so wie damals der heilige Adolf. Der hatte auch so viele wie irgend möglich mitgenommen. Die Cops sollten sich noch wundern! Noch in tausend Jahren wird man im wiedererstarkten Deutschland von seinen Heldentaten berichten. Jetzt aber musste er weiter, das waren schließlich nicht wirklich Dummköpfe.

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STEFFEN KOVAC riss entsetzt die Augen auf. Die Detonation war bis zum Gefechtsstand zu hören gewesen. Ihm war sofort klar, dass etwas schief gegangen sein musste. Mehrere Monitore an der Wand mit den Namen der SEK-Mitglieder blinkten. Waren sie bisher einfach nur gestört, signalisierten sie jetzt den Verlust der Vitalfunktionen in grellem Rot und mit einem nervenzerreißenden Dauerton. Ms Hirschlinger und ihr Partner waren sofort tot, der Rest außer Gefecht gesetzt.

„Nigge!“, brüllte Kovac ins Mikro. Rauschen. Nochmal, diesmal kam er wenn auch schwach durch: „Nigge! Er weiß, dass wir da sind! Das Gebäude ist mit Sprengfallen versehen – Abbruch! Ich wiederhole: Abbruch! Und neu sammeln!“

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JORIK NIGGE verdrehte die Augen. „Quatsch“, gab er umgehend zurück. „Dann ist van Adeling doch längst weg. Ich geh jetzt da rein.“

„Abbruch, habe ich gesagt! Mindestens zwei Kollegen sind tot!“, knisterte es aus dem Helmlautsprecher.

Jorik hatte genau verstanden, ruckelte aber ein wenig an seinem Kabel, zur Sicherheit. „Tschuldigung, dieses Rauschen! Ich kann Sie nicht richtig verstehen. Ich wiederhole: Ich gehe jetzt da rein.“ Jorik wusste, dass die undeutliche aber letztlich doch verständliche Aufzeichnung ihn später Lügen strafen würde, das war ihm jedoch im Moment egal. Er brauchte endlich einen Erfolg, und zwar sofort! Die Kollegen sollten nicht umsonst gestorben sein – nicht schon wieder.

Er war nicht so dumm, es durch die Hintertür zu versuchen. Wer die Situation so effektiv vorbereitet hatte, verminte auch die Rückseite. So weit stimmte er Kovac zu. Er versuchte sich in van Adeling hineinzuversetzen. Klar, der konnte sich hier eine Weile erfolgreich verschanzen. Bloß, ein Profi – und genau dafür hielt ihn Jorik jetzt – nahm unmöglich an, dass er das auf Dauer hinbekäme. Nein, der hatte bestimmt einen Plan B, um flüchten zu können. Dem musste er unbedingt zuvorkommen. Fieberhaft überlegte er, wie er an van Adelings Stelle das Ganze anginge. Dass die Sicherheitskräfte einen dichten Umring legten, war absehbar. Oben war Schluss, innerhalb der Kuppel fiele ein Fluggerät zu sehr auf. Also unten! Ja, Jorik hätte einen Fluchtweg über den Keller in eines der Nebengebäude geplant. Da könnte er von außen unbemerkt nach nebenan verschwinden. Das SEK war kaum in der Lage, den gesamten Gebäudekomplex zu überwachen. Er schloss den Komstecker wieder in die Buchse, ging mit einer Vorranganfrage auf die Website des regionalen Baumanagements und ließ sich die Gebäudegrundrisse einspiegeln. Hm, da gab es mehrere Möglichkeiten. Jetzt musste er pokern: rechts oder links? Ohne langes Zögern entschied er sich für links.

„Gefechtsstand: Ich gehe über den Keller des südlichen Nachbargebäudes rein!“

Langanhaltendes Zischen, dann: „Nigge, ich habe doch Abbruch gesagt, wir müssen alles noch mal durchdenken!“

Laber du nur, dachte Jorik. Er teilte seiner Gruppe die Marschrichtung mit Handzeichen mit und wandte sich nach links. Mit einem gezielten Tritt zersplitterte er mit seinen gepanzerten Kampfstiefeln das einfach verglaste Kellerfenster, wischte mit dem Lauf der Waffe die Glaszacken aus dem Rahmen und schwang sich ins Innere.

Seine Gruppe zögerte. Sollten sie ihm trotz der eindeutigen Befehle aus dem Gefechtsstand folgen?

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STEFFEN KOVAC fühlte sich dem Druck kaum noch gewachsen. War er langsam tatsächlich zu alt für den Job? Erst die Explosion mit bislang unbekannter Zahl von Opfern, dann Nigge, der erneut alles besser wusste und auf eigene Rechnung operierte. Wenn das hier zu Ende war, würde er sich diesen Clown kaufen, so viel war klar. Der versaute ihm auf keinen Fall noch mal die Beförderung – der nicht!

Damit nicht genug: Im Lautsprecher nur noch Fiepen, Dröhnen, Zischen und Knistern, eine geregelte Kommunikation unmöglich. So etwas hatten sie noch nie. Und das Schlimmste: Die Flugsonden fielen plötzlich wie Steine vom Himmel – alle Schrott! Die Kommunikationssoftware, die die Verbindung mit dem SEK sicherstellen sollte, reagierte zwar sofort und wechselte pausenlos die Frequenzen, aber das Bild verschwand häufig oder wurde von welligen Streifen überlagert. Fuck, er war praktisch blind und brauchte doch dringend Informationen! Sollte er etwa persönlich rausgehen? Oh, wie er das hasste – dieser Staub, dieser Dreck, dieses Chaos! Kovac stierte auf das zerfaserte Bild. Ob er seinen Vertreter schicken konnte? Nein, das war eine Dumpfbacke, der ritt ihn nur noch mehr rein. Das musste er schon selber richten! Hätte er das geahnt, wäre er im Hauptquartier geblieben. Es half alles nichts. „Okay, Lieutenant, übernehmen Sie den Gefechtsstand. Ich muss mir ein Bild vor Ort machen.“

Dann schnappte er sich den Kom-Helm. Wo befand sich noch gleich der Schalter? Mit polternden Schritten hastete er raus.

Ab durch den Keller

Kassel-Bettenhausen, Mittwoch, 13. Juli 2061, 10:00 Uhr

JORIK NIGGE schaute sich um und orientierte sich kurz. Ob die Gruppe folgte, war ihm inzwischen egal. Irgendwie würde er es schon hinbekommen – so oder so.

Der Keller war knietief mit Gerümpel vollgestopft: altes Spielzeug, schmutzige Wäsche, abgenutzte Koffer und Dinge, von denen Jorik nicht mal andeutungsweise wusste, um was es sich handelte. Darüber eine dicke Schicht Schmutz und Staub, der im Hals kratzte. Mehrmals musste er einen Hustenreiz unterdrücken. Doch der Versuch, möglichst leise zu sein, scheiterte ohnehin.

Am Fenster erschien jetzt ein Kamerad und winkte ihn energisch ran. Jorik ignorierte ihn. Leise öffnete er die Tür in den Kellerflur in der Hauptachse des Gebäudes. Das heißt, er versuchte es. Denn zunächst schwang die Tür geräuschlos auf, quietschte dann aber infernalisch. Jorik erstarrte, Schweiß bildete sich auf seiner Stirn. War er bemerkt worden? Er horchte und glaubte ein schabendes Geräusch zu hören. Dann war alles wieder ruhig. Er spielte die aufgezeichnete Geräuschkulisse mehrmals im Helm mit verschiedenen Audiofiltern ab, konnte aber nichts Konkretes ermitteln. Es wiederholte sich auch nicht. Also weiter!

Im Flur war es stockfinster, doch die Wärmebildsensoren zeigten ihm alles: Der schmale Gang war ziemlich lang und beidseitig mit vollgepackten Regalen gesäumt. Nichts Lebendiges. Rechter Hand lag das Haus von van Adeling, wie der Grundriss verriet. Jorik wandte sich in diese Richtung, die eine Sackgasse zu sein schien. Er schaltete die Empfindlichkeit der Kamera eine Stufe höher. Am Ende stand ein Schrank, die linke Tür einen Spalt geöffnet. Hatte er sich doch fürs falsche Gebäude entschieden? Er zögerte, wollte sich wieder umdrehen, ging dann aber doch näher ran. Irgendwie hatte er das Gefühl, das Teil stünde ein wenig schief. Allerdings galt das für die meisten Möbel in dieser Bruchbude. Er schaltete die Sensoren auf die höchste Stufe. Doch das Bild wurde nur unschärfer, auch das Audiosystem filterte kaum etwas aus dem Hintergrundrauschen heraus. War hier jetzt irgendetwas oder nicht?

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GEERT VAN ADELING rannte den Kellerflur entlang bis zum Ende. Das Regal mit allerlei Gerümpel riss er ohne zu zögern mit beiden Händen um, entriegelte dahinter eine kaum als solche zu erkennende Tür und wollte weiterstürmen. Doch, beim Hakenkreuz, was war das? Entgeistert starrte er auf eine Bretterwand. Da hatte einer doch irgendetwas vor seinen Durchgang gestellt, einen alten Schrank oder so! Er versuchte ihn mit der Schulter wegzudrücken, doch der bewegte sich nur Millimeter. So ein Mist! Mit aller Kraft versuchte er es erneut, der Spalt war jedoch noch immer viel zu klein. Heiliger Adolf, er verlor wertvolle Zeit! Um mehr Schwung nehmen zu können, musste er zunächst das zerbrochene Regal wegräumen, wollte er nicht über die Reste stolpern. Er schob, zog und zerrte, doch es hatte sich seitlich verklemmt. Panik kroch in ihm hoch. Er durfte nicht versagen, um keinen Preis! Gaaanz ruhig bleiben, redete er sich zu. „Mach langsam, wenn du es eilig hast“, hatte Großvater stets gemahnt. Er atmete tief durch und besah sich das Gestell abermals ganz genau. Da, ein herausgerutschtes Regalbrett, es hatte sich verkantet. Van Adeling ruckelte daran und konnte es schließlich wegräumen. Endlich, jetzt musste er nur noch mit etwas Kraft diesen Sperrholzschrank umschmeißen, dann war der Weg frei!

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JORIK NIGGES behandschuhte Hand umgriff den runden Knauf der Schranktür. Vorsichtig probierte er sie weiter zu öffnen. Als er Widerstand bemerkte, zog er kräftiger.

Plötzlich geriet der ganze Schrank in Bewegung. Jorik wollte sich dagegen stemmen, doch zu spät: Mit einem Krachen fiel er ihm entgegen und begrub ihn unter sich. Die Waffe drückte schwer auf seine Brust, die Türkante hatte den Helm erwischt und eine Lücke in die empfindliche Sensorenphalanx geschlagen. Da! Deutlich spürte er, wie jemand über ihn hinweg kletterte. Wütend und hilflos stemmte er sich gegen das Gewicht, brachte aber kaum ein Wanken des Schrankes zustande. Ein Schuss – neben ihm splitterte Holz. Sein Bein ... Buddha, tat das weh! Die Zähne zusammenbeißend, rührte er sich nicht mehr. Schließlich hörte er den Gegner davonlaufen. Mist, so ein Pech – so nah und doch versiebt! Kovac wird toben! Ganz bestimmt hatte er das Debakel im Gefechtsstand mitgekriegt und befahl jetzt die Hatz auf den Flüchtigen. Mit Gewalt versuchte er bei Bewusstsein zu bleiben, um trotz der erneuten Niederlage einen letzten Rest an Würde zu bewahren.

Warmes Blut lief sein Bein herunter, durchtränkte die Uniform. Der Schmerz verstärkte sich mit jedem Pulsschlag. Jorik fing an zu röcheln.

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GEERT VAN ADELING schloss schwer atmend eine stählerne Kellertür hinter sich. Das war verdammt knapp gewesen – zu knapp. Hier kam er nicht mehr raus! Die geordnete Flucht konnte er getrost vergessen. Er durfte froh sein, wenn er Warnungen und Codeliste noch durch irgendeine Leitung rausbekäme, ehe sie der Idee nachgingen, auch das Nachbarhaus EDV-technisch zu sperren. Hoffentlich glaubten sie, dass er eher Interesse daran hatte, sich selbst zu retten. Das sollte ihm das notwendige Minimum an Zeit verschaffen, bevor sie ihn endgültig aufspürten.

Hinter der Tür hörte er hastige Schritte und laute Rufe. Klar, der Kerl, den er angeschossen hatte, war nicht allein. Er musste sich sputen! Langsam ließ er einen Tisch umkippen, um sich ein wenig von der Tür abzuschirmen, die jeden Moment geöffnet werden konnte. Dann lief er zur Wand, an der mehrere Kabelstränge auf Putz verlegt waren. Ein ganz gewöhnliches graues, dickes Kabel war sein Ziel. Ein knapper, aber kräftiger Ruck, und es löste sich von der Mauer. Wo die Schrauben ausgerissen wurden, prasselten Verputzbrocken auf den Boden. Er holte den Speicher mit dem Code unter dem Pullover hervor und schob ihn in den Schlitz einer kleinen, unscheinbaren Maschine aus seiner Jackentasche. Das ausgerissene Kabel steckte er seitlich in eine längliche Rille des Gehäuses und verriegelt es. Nachdem er den Startknopf gedrückt hatte, begann das Gerät einen berührungslosen Link zu seinem Kom herzustellen. Hastig formulierte er stichpunktartig die Warnung an Hugo, codierte sie und jagte sie durchs Netz, anschließend den Text für die Neuen. Und weg damit. Jetzt die Codeliste, das war komplizierter. Er transformierte die Liste in eine Grafikdatei, erfand in aller Eile harmlos erscheinende Bildunterschriften mit Urlaubsgrüßen aus Qatar. Das sollte reichen, um die automatisierten Suchfilter der Sicherheitsbehörden zu täuschen. Noch die Adressen eingeben, und er war fertig. Erst einmal an die Neuen. Gut, das klappte. Und sicherheitshalber gleich auch noch einmal an Hugo. Rasch, wie war noch dessen IP? Die durfte natürlich nirgendwo gespeichert werden. Eben noch hatte er sie doch parat gehabt! Er war so durcheinander. Das Herz klopfte ihm bis zum Hals, er bekam kaum noch Luft. Zitternd huschten seine Finger über den Ziffernblock. Mensch, schneller! War es eine Sechs oder Neun? Eine Sechs. Weiter. Zum Abschluss die Sieben eintippen. Endlich hatte er die Zahlenfolge komplettiert. Noch mal prüfen? Nein, keine Zeit, er konnte jeden Moment entdeckt werden. Also die Eingabe bestätigen und die Datenübertragung starten. Ein leiser Summton zeigte, dass auch diese beiden Nachrichten ins Netz hochgeladen wurden. Okay. Seine Anspannung löste sich: Die Sendungen sausten unumkehrbar den Adressaten entgegen. Er hatte es geschafft! Er, der von den Kameraden verlachte Paranoiker!

Abgerechnet wird zum Schluss

Kassel-Bettenhausen, Mittwoch, 13. Juli 2061, 10:15 Uhr

JORIK NIGGE winkte ab. Ein Teil seiner Gruppe hatte ihn endlich unter dem Schrank hervorgeholt, nun wollten sie die Wunde versorgen. „Er ist weg, ihr müsst ihm nach! – Mensch, in die andere Richtung, beeilt euch! Ich komme schon zurecht.“ Die beiden Kollegen warteten nicht lange. Rasch liefen sie den Flur zurück, der um mehrere Ecken, aber ziemlich weit entlang der Längsachse des Mehrfamilienhauses verlief.

Jorik hörte die Echos der Schritte durch den Gang hallen. Er wusste, dass jetzt auch die Männer oben sofort den Ring der neuen Situation anpassten. Entkommen unmöglich. Leider ohne seinen Beitrag. Das Bein schmerzte immer stärker, fast hätte er das Bewusstsein verloren. Also holte er den Schmerzmittelautomaten aus der Tasche und drückte ihn kräftig auf den Oberschenkel. Ein kurzer Stich, und schon floss das Medikament in die Blutbahn. Jorik schloss kurz die Augen. Scham und Enttäuschung lagen ihm wie ein Mühlstein um den Hals. So ein Mist. Er war dem Terroristen so nah gekommen, so verdammt nah!

Er hinkte Richtung Kellerfenster zurück, als ihm eine schmale Tür auffiel. Eine Tür aus Stahl? In diesem alten Keller? Dahinter war bestimmt die Heizung oder ... ja, richtig, Versorgungsleitungen! Der im Helmdisplay aufgerufene Grundriss bestätigte seine Vermutung: Stromzuführung und EDV-Leitungen. Die Kameraden hatten wahrscheinlich nicht nachgesehen, sonst stünde die Tür offen. Ein kurzer Blick ins aufgezeichnete Gefechtsvideo – ja, stimmt, die haben den Raum glatt übersehen. Die Aufnahmen waren wegen des Störsenders zwar fürchterlich schlecht, gestreift, mit gelegentlichen Aussetzern, trotzdem eindeutig. Hatte van Adeling vielleicht hier im Kellerraum Zuflucht gesucht? Obwohl, der Terrorist musste doch wissen, dass sie ihn dort auf jeden Fall finden würden. Andererseits konnte es nicht schaden nachzusehen. So leise wie möglich humpelte Jorik heran.

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GEERT VAN ADELINGS Triumph währte nur kurz. Auf dem Flur war wieder etwas zu hören.

Da – Schritte, etwas holprig, aber deutlich. Sie stoppten vor der Tür, gleich würde sie sich öffnen. Doch er hatte noch eine, wenn auch allerletzte Überraschung parat. Van Adeling lächelte. Der heilige Adolf wäre stolz auf ihn gewesen. Nun stieg er bald zu ihm nach Walhalla auf.

Er hängte den Speicher wieder um seinen Hals, holte den Selbstmordautomaten hervor und setzte ihn an die Halsschlagader. Für die gerechte Sache, für Deutschland! Seine Hand begann wieder leicht zu zittern, er zögerte. Nein, er durfte jetzt nicht schwächeln! Er schloss die Augen, drückte den Knopf und ließ sich hinter den Tisch sinken.

Mein Führer, ich komme!

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JORIK NIGGE drückte behutsam die Klinke nach unten. Mit einem Ruck ließ er die Tür aufschwingen, duckte sich aber gleich wieder hinter den Rahmen. Dann schob er vorsichtig die Hand um die Ecke. Die visuellen Wärmebildsensoren auf den Fingerkuppen zeigten ein verschwommenes Bild mit Schlieren. Ach, Mist, die neuen Helme hielten noch nicht mal einen Stoß mit einem umstürzenden Schrank stand! Er rückte das Visier mit der Linken gerade, die Darstellung blieb leicht verzerrt, war aber jetzt erkennbar: ein Kellerraum, nur teilweise verputzt und mit jeder Menge aufliegender Leitungen. Ein umgekippter Tisch in der Raummitte. Dahinter verbarg sich etwas, eine leuchtend hellgrüne Wärmequelle – etwas Lebendiges! Joriks Puls schlug höher. Die Zielperson, wer sonst?

Nichts rührte sich. Es war wie in einem Netzfilm, aber anders als dort würde die Betäubungsmunition den Tisch nicht durchdringen können. Warum nur hatten sie die richtige Munition abliefern müssen! Blöder Kovac – halt nein, sie brauchten den Kerl ja wirklich lebend, da hatte der Chef leider recht. Weshalb war es nur immer so kompliziert? Aber egal, eine Sonde sollte hier helfen! Er griff sich in die Hosentasche.

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GEERT VAN ADELING fühlte mit jedem Pulsschlag, wie das Gift durch die Adern rann. Innerhalb weniger Herzschläge würde es sein Gehirn erreichen und binnen Minuten die Synapsen komplett auflösen, sodass jegliche postmortale Entnahme von Informationen, die vielleicht auch nach seinem Tod kurzzeitig chemisch gespeichert sein konnten, unmöglich wurde. Gleich war alles vorbei. Aber mit etwas Glück konnte er noch einen von diesen Schweinen mitnehmen! Er würde ... Der Führer wäre ... Schmerz durchfuhr ihn. Was passierte hier? Wo war er? Schmerzen, unsagbare Schmerzen ...

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JORIK NIGGE holte ein zigarrenförmiges Objekt hervor, klappte die zwei münzgroßen Doppelrotoren an den Enden ab und startete das Flugprogramm. Im Helmvisier sah er die Statusangaben eingespiegelt – alle Systeme grün. Doch die Funkverbindung war einfach mangelhaft, kaum genug Bandbreite zur Steuerung. Die übertragenen Bilder waren stark gestört, da konnte man rein gar nichts erkennen. Blöder Störsender, dieser Terrorist war wirklich durchtrieben. Aber auch da gab es eine Lösung. Er stöpselte ein haarfeines Kabel ein, die begrenzte Reichweite sollte kein Problem sein, schließlich war der Kellerraum relativ klein. Jorik startete die Rotoren, und mit fast unhörbarem Surren hob sich das Gefährt empor, eine praktisch unsichtbare Glasfaser hinter sich herziehend. Der Kerl jenseits der Tischplatte rührte sich noch immer nicht. Er musste ein absoluter Profi sein. Dafür sprachen die Sprengfallen, die selbst die übervorsichtige Hirschlinger überrascht hatten. Vorsichtig steuerte Jorik die Sonde Richtung Kellerdecke. Die Optik stellte scharf, messerscharf: Zweifelsfrei hockte dort eine männliche Person, das Gesicht verborgen, die Körpergröße wurde von der Zieloptik mit 1,82 m angegeben. Jorik ließ die Sonde an Ort und Stelle schweben. Nichts, kein Lebenszeichen. Wirklich tot? Oder spielte der Terrorist „Toter Mann“ und wollte ihn nur in falscher Sicherheit wiegen? Er musste handeln!

Eine Meldung war überflüssig, ein blinkendes Lämpchen in der rechten oberen Ecke zeigte ihm, dass er die Aufmerksamkeit der Gefechtsführung hatte, die dieselbe Szene auf ihren Monitoren sah wie er selbst. Auch die Störungen in der Funkübertragung waren inzwischen schwächer geworden. Anscheinend bekam die Eloka, die elektronische Kampfführung, die Lage wieder in den Griff. Da kam auch schon das leicht unwillig hervorgebrachte Okay: „Alles klar, Nigge, du Glücksschwein: Schussfreigabe!“, meldete der stellvertretende Einsatzleiter. Anscheinend war Kovac Kaffee trinken.

Die Sonde tastete die Person hinter dem Tisch virtuell ab. Jorik wartete, bis ein Oberschenkel vom Fadenkreuz erfasst wurde und betätigte mit einem Wischen der rechten Hand den Markierer, woraufhin die Automatik das Ziel speicherte und im Display orange einfärbte. Die Abschussröhre kam langsam hervor und senkte sich, begleitet vom Surren der winzigen Flügel, welche das Manöver an dem Gerät auszugleichen suchten. Kein Problem, die Dinger waren einfach super. Grünes Licht im Display: Die Minidrohne war bereit zum Abfeuern. Jorik drückte ab. Einige Nadeln prasselten auf die Tischkante, aber die meisten schlugen durch die Hose des Opfers, durchdrangen den Körper und schmolzen augenblicklich zu einer hochwirksamen Flüssigkeit. Das war jetzt doch einfach gewesen!

Das Betäubungsmittel dürfte nun binnen weniger Herzschläge Wirkung zeigen. Die getroffene Person müsste nun eigentlich reagieren, bevor sie die Kontrolle über ihre Nerven und schließlich das Bewusstsein verlor, je nach Menge und Konstitution bis zu einigen Stunden. Aber dieser Kerl rührte sich kein bisschen! Was ging hier vor? War er gepanzert? Jorik schlich mit gezogener Waffe heran und stutzte. Was war denn da für ein Gerät an der Aufputzleitung? Vorsichtig, die Waffe im Anschlag und immer wieder Richtung des Mannes spähend, näherte er sich dem Kästchen. Er griff es und steckte es schnell in die Hosentasche. Darum würde er sich später kümmern. Zunächst einmal beugte er sich über den Mann. Aus schreckgeweiteten Augen sickerte eine scharf riechende Flüssigkeit. Die kraftlose Rechte hielt ein Objekt: ein Selbstmordautomat? Buddha hilf, der hatte sich ein hirnauflösendes Mittel gespritzt, ein ziemlich qualvoller Tod! Jorik fühlte an der Halsschlagader nach dem Puls: Wie zu erwarten: nichts. Van Adeling war tot, sein Gehirn längst Brei. Er war zu spät gekommen. Mann! Sie hatten jetzt nichts, aber auch gar nichts in der Hand, nur Tote, Verletzte und ... Plötzlich erschrak er – Hirschlinger! Die Bombe! Auch hier ...? Mit einem Satz sprang er auf, Richtung Tür, stieß sie auf – als ihn schon die Druckwelle erfasste und zu Boden schleuderte.

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DER MOBILE KNOTEN hatte derweil virtuell die Ströme von Daten ertastet, die entlang der Leitung hasteten. Sie alle kamen aus dem LifeNET oder waren umgekehrt auf dem Weg in den nächsten Router.

Nachdem er sich in den Informationsstrom eingeschlichen hatte, stoppte er einige Datencarrier, leerte den Inhalt ins mediale Nirwana und verteilte seine Nutzdaten darin – hübsch getrennt, damit sie für sich allein gesehen keine Aussagekraft besaßen, falls sie aufgehalten und geprüft wurden. Jetzt musste er die Carrier nur noch mit den gewünschten Adressen versehen, und schon konnte die Karawane losziehen.

Bei der Übertragung gab es eine kurzzeitige, aber heftige Schwankung der Stromstärke im Netz. Das kam in Bettenhausen leider vor. Schließlich war die Mehrzahl der Kunden wenig finanzstark. Die Spannungsturbulenz überlagerte kurz den noch nicht ganz beendeten Schreibvorgang einer Adressprüfziffer: Aus einer einzigen „0“ wurde eine „1“. Dann huschten die Carrier los. Bei einem jedoch hieß das Ziel jetzt ganz anders als von van Adeling vorgesehen.

Verbannung

Kassel-Bettenhausen, Mittwoch, 13. Juli 2061, 10:24 Uhr

STEFFEN KOVAC schnaufte, endlich hatte er den Einsatzort erreicht, sein Brustkorb hob und senkte sich heftig. Schade, dass ihn die Amtsärztin so nicht sah! Er versuchte sie bereits seit Längerem zu überzeugen, dass er für den Sicherheitsdienst eigentlich nicht mehr geeignet war und – wenn schon nicht befördert – so doch aus gesundheitlichen Gründen dringend bei vollem Lohnausgleich frühpensioniert werden sollte. Bisher ohne Erfolg, stattdessen laberte die dumme Bitch ständig vom Abnehmen. So ein Quatsch!

Sein Vertreter hatte ihn informiert, dass Nigge das Zielobjekt tatsächlich noch gefunden und den finalen Betäubungsschuss abgegeben hatte: Glück! Doch dann sprengte sich der Terrorist glatt noch selbst in die Luft: Pech! Die Reste klebten jetzt an den Kellerwänden. So eine Sauerei, nein, da war definitiv nichts mehr zu holen. Zu allem Überfluss hatte Nigge die Explosion mit wenigen Kratzern überstanden. Wäre auch zu schön gewesen. Aber noch war nicht das letzte Wort gesprochen, verlass dich darauf!

„Wo ist Nigge?“, schrie Kovac. Er musste sehen, dass er die Lorbeeren für den Teilerfolg erhielt. Und diesem Blödmann einen Tritt in den Hintern verpassen – für alles, was schief gelaufen war. „Nigge! Hierher, aber sofort!“

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JORIK NIGGE war in den letzten Stunden durch ein Wechselbad der Gefühle gegangen: zuerst die Hoffnung, die Scharte auswetzen zu können, die sein Versagen in Kassel-Calden hinterlassen hatte, danach die Explosion, die der Kollegin Hirschlinger und den anderen das Leben kostete, dann erneut vorsichtiger Optimismus bei seinem Alleingang, ausgebremst durch den Streifschuss, erneute Zuversicht im Versorgungskeller. Mit der zweiten Detonation aber war es mit der Hoffnung endgültig vorbei gewesen. Dem medizinischen Fortschritt sei Dank, spürte er die paar blutigen Kratzer nicht mehr, genauso wenig die Wunde am Bein. Aber nun stand er mit hängenden Schultern vor seinem Vorgesetzten und ließ die Litanei über sich ergehen.

Kovac schäumte: „Was sollte die Aktion eigentlich? Van Adeling ist tot! Wir wollten ihn doch erst vernehmen – schon vergessen?“

Aus Trotz antwortete Jorik auf Deutsch: „Hätte eh nicht geklappt. Er hatte einen Selbstmordautomaten dabei. Hat sich das Hirn aus dem Kopf gespritzt.“

„Sprechen Sie gefälligst Englisch, wenn Sie im Dienst sind! Wir sind hier nicht bei Kaiser Wilhelm auf dem Sofa, ist das klar?“ Der Einsatzleiter hielt inne. „Was haben Sie gesagt – Suizid? Okay, okay, diese Terroristen sind doch alles Vollidioten, bringen sich glatt um – für was eigentlich, können Sie mir das sagen?“

Jorik wusste, dass nicht wirklich eine Antwort von ihm verlangt wurde. Mist, wie konnte er Kovac von der Palme wieder runterholen? Er kramte in der Hosentasche. „Ich habe noch das hier bei ihm gefunden“, sagte er schließlich. In der Hand hielt er ihm den Fund hin.

„Ein mobiler Netzknoten!“

„Ja, und der hing an der Wand an einer dicken, fetten Datenleitung. Wenn ich eine Vermutung äußern darf: Das war eine Breitbandleitung. Van Adeling hat etwas ins Netz überspielt, bevor er sich umbrachte!“

„Und? Haben wir den Datenträger?“

„Ja, das heißt, eigentlich nee, den können wir durch die Explosion komplett abschreiben. Da ist nichts zu machen. Die IT-Techs prüfen gerade die Netzumgebung, ob sie noch an die Aufzeichnung kommen. Wenn die Datei allerdings schon ein Eingangsportal passiert hat, werden wir den Inhalt niemals rausbekommen.“

„Okay, okay! Vielen Dank auch für den Pessimismus, Nigge.“ Die Augen des Einsatzleiters verengten sich nun zu schmalen Schlitzen. Ein freudloses Grinsen huschte über sein Gesicht: „Übrigens – wer hat Ihnen denn die Freigabe für den Alleingang erteilt?“

Das war der wunde Punkt. Hätte er Erfolg gehabt, wäre alles geritzt. Aber so? Kovac brauchte wieder mal einen Sündenbock. Es wiederholte sich, er würde erneut die Schuld zugeschoben bekommen, genau wie damals in Calden!

„Ich habe das gar nicht mitbekommen, Chef.“

Die Antwort kam gefährlich leise. „So, so, erst meine Befehle missachten und mich nun auch noch verarschen wollen.“ Jorik wusste, dass er jetzt verloren war. Gleich kam der Ausbruch.

„Sie Riesenarschloch! Niemand verarscht mich, ist das klar! Sie sind ...“

Die Augen nahezu geschlossen, die Hände zu Fäusten geballt an die Hosennaht gepresst, versuchte Jorik den Sturm „abzureiten“. Er leerte den Geist, ließ Breitseite für Breitseite glatt an sich herunterfließen. Zum einen Ohr rein, zum anderen wieder raus. Obwohl er dadurch sicher ein paar neue Wortschöpfungen versäumte, Kovac war diesbezüglich stets sehr kreativ. Joriks Gedanken schweiften ab, wurden wie frühwelkes Laub im heißen Wind des Frühsommers bald hierhin, bald dorthin geweht.

„Haben Sie das jetzt verstanden, Nigge?“

Jorik blickte hoch. Er wusste, dass er reif war, wahrscheinlich für eine Degradierung oder sogar Entlassung, mindestens jedoch für eine Versetzung an einen ... weniger schönen Ort. Aber wenn schon, dann ging er diesmal mit Würde! So blickte er seinem Chef direkt in die Augen. Ruhig sagte er: „Was? Entschuldigung, ich habe gerade nicht zugehört.“

Kovac klappte erst die Kinnlade runter, dann ging er hoch wie eine Rakete. Nachdem er wieder Bodenkontakt gewonnen hatte, war es offiziell: Wachdienst in Fessenheim – einfacher Mannschaftsdienstgrad. Ein Ort, der ihm nichts sagte, den er aber in den nächsten Jahren wahrscheinlich genauestens kennenlernen würde. Nein, Moment – stand dort nicht eines dieser unseligen Atomkraftwerke, das damals in die Luft geflogen war? War das nicht im oberen Rheingraben mit dem für unmöglich gehaltenen Erdstoß? Oder war es das AKW, in dem einer Amok gelaufen war? Wenn kein Wunder geschah, fand er es schneller heraus, als ihm lieb war. Was auch immer: Es war eine regelrechte Verbannung! Wie hatte es nur so weit kommen können? Hatte er dafür so viele Stunden geackert, so viel reingesteckt? Sollte sein Leben vielleicht so enden? Was, bei Buddhas Gleichmut, machte er hier eigentlich? Erinnerungen überfielen ihn, erst langsam, dann immer schneller. Bilder tauchten auf, an die er alles andere als gern dachte. Im Grunde genommen hatte die Geschichte schon vor circa zwanzig, einundzwanzig Jahren ihren Lauf genommen. Jorik war noch ein kleiner Junge, als es geschah. Die Erlebnisse stiegen wie schillernde Blasen in ihm hoch: So begann es...

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Polizisten speichern, was sie wissen, elektronisch ein.
Alles kann ja irgendwann und irgendwie mal wichtig sein.

„Polizisten“ von Extrabreit, 1982

Kanakenklatschen

Kassel, Innenstadt, Dienstag, 6. März 2037, 16:46 Uhr

DIE LETZTEN ZEUGEN DES HEILIGEN ADOLF grölten: „Guck dir diese Kanaken an!“

„Ja, die solln erst ma richtig Engl... äh ... Deutsch lernen!“ Der hochgewachsene, kräftig gebaute Anführer schaute sich peinlich berührt um, aber keiner seiner Kumpel hatte den Fehler bemerkt.

Ein schmächtiger Mann neben ihm, wie alle aus der Gruppe mit frisch poliertem Schädel, nahm einen tiefen Schluck billiges Bier aus der Dose. „Verstehst du, was die wollen?“

„Nee, keine Ahnung. Was fürn fürchterlicher Gebrabbel! Kein Mensch redet mehr anständisch Deutsch! Was wolln die übberhaupt hier?“ Auch er hatte Mühe mit der deutschen Sprache, zumindest der nach Konrad Duden. Er fuhr fort: „Die leben voll auf unser Kosten. Von unseren Steuergeld!“ Zustimmendes Nicken der Meute. Dass die meisten von ihnen ebenfalls dem Staat auf der Tasche lagen, kümmerte sie nicht wirklich.

„Ja, und nehmen uns die Jobs weg!“ Der Anführer, der wie seine Kumpane noch nie in seinem Leben einer geregelten Arbeit nachgegangen war, glaubte sich im Recht. „Wir haben eh nicht mehr viel, die Krise hat uns alles genommen, kapiert! Und wer hat uns das eingebrockt? Die faulen Ausländer. Zu allem Überfluss sollen wir die jetzt auch noch durchfüttern!“ Er holte einen Teleskoptotschläger aus der Tasche und zog ihn grinsend zur gesamten Länge aus. „Aber damit is jetzt Schluss. Das Boot is voll! Geht doch zu den Reisfressern nach Peking oder so!“ Ein paar lachten hämisch.

Eine dunkle Frau klammerte sich eng an ihren Freund, der versuchte, sich schützend vor sie zu stellen. Die Furcht war beiden deutlich anzusehen. „Lassen in Ruhe uns!“, probierte es der Mann mit zittriger Stimme auf Deutsch.

„Lasst uns in Ruhe, heißt das, wenn schon, ihr Kanaken!“ Der Bulle grinste sardonisch. „Wenn ihr den Satz ordentlich hinkriegt, überlegen wir es uns vielleicht noch mal, was meint ihr? Und das Wörtchen bitte nicht vergessen, klar?“

„Bitte ...“

„Nein, jetzt ist Schluss!“ Ohne weiteres Zögern schlug er mit aller Kraft zu. Befriedigt stellte er fest, dass sein Gegenüber in die Knie ging, dann vornüberkippte, ganz langsam, wie in Zeitlupe. Stöhnen, noch schwach zitternde, gequälte Bewegungen. Schließlich war Ruhe.

„Deutsche Wertarbeit, nicht wahr?“ Genussvoll streichelte er seine Schlagwaffe. Endlich war er wer. Mann, machte das Spaß!

„Ja, guck dir den Schädel an. Zerplatzt wie ’ne reife Melone!“ Der Typ neben ihm lachte meckernd.

Der Geschlagene lag da, reglos, in fötaler Haltung, die Hände um den Kopf gelegt. Blut quoll zwischen den samtbraunen Fingern hervor und tropfte aufs Pflaster. Langsam bildete sich eine tiefdunkelrote, ja fast schwarze Lache.

„Selbst schuld, oder?“

„Klar, und jetzt nehmen wir uns seine Niggernutte vor!“

Das Mädchen hatte bisher geschockt geschwiegen, nun begann es laut zu schreien. Doch die wenigen Passanten hatten schon vorher keinerlei Reaktion gezeigt und waren lieber hastig verschwunden, als sie merkten, dass Krawall drohte. Rasch die Kragen hochgeschlagen, die Mützen tief ins Gesicht gezogen, und weg, als ob ein heftiger Platzregen einsetzte – und das hier in der Kuppel. Keiner stellte sich den Letzten Zeugen des heiligen Adolf in den Weg.

Die junge Frau wollte zurückweichen, doch sie war längst umzingelt. Schwarze Stiefel mit genagelten Sohlen stampften um sie herum in einem unheimlichen Rhythmus, immer schneller, immer lauter werdend. Sie versuchte vergeblich, dem Kreis der Glatzen zu entkommen, denn egal in welche Richtung sie sich wandte, es gab keine Lücke. Am ganzen Körper zitternd, blieb sie schließlich stehen und starrte ihre Peiniger mit weit aufgerissenen Augen an. Voller Furcht wagte sie keine Bewegung mehr. Der große Glatzkopf mit dem mächtigen Bierbauch hob jetzt wieder den Totschläger. Blutreste tropften auf das Pflaster. „Jetzt biste dran!“

„Halt, mein Freund!“ Ein anderer zog geräuschvoll den Reißverschluss seiner Hose runter. „Die Niggernutte soll uns wenigstens etwas von den Schulden zurückzahlen. Meint ihr nicht? Haltet se fest, ich mach’n Anfang ...“

Der Polizeibericht sollte später lapidar feststellen, dass die Ermittlungen schon bald eingestellt werden mussten. Alle Überwachungskameras waren besprüht, die Mikros wie üblich allesamt verklebt. Am alten Bahnhof ließ man sich nicht gern überwachen. Trotz Feierabendzeit konnten die Sicherheitskräfte keinen einzigen Augenzeugen ermitteln, und das in nächster Nachbarschaft zum UNCS-Regionalpräsidium.

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DER JUNGE presste sich beide Fäuste vor den Mund. Keiner der Angreifer hatte den Siebenjährigen bemerkt, der zitternd in eine der großen Reststofftonnen geklettert war. Dort hatte er durch einen schmalen Schlitz alles beobachtet. Er sollte keine einzige Sekunde je im Leben vergessen. Er wollte wegsehen – aber es ging nicht. Er hielt die Hände vor das Gesicht, doch etwas zwang ihn, zwischen den Fingern hindurchzulinsen.

Erst hatte er helfen wollen, doch seine Angst war stärker. Es waren so viele und alle so groß! Also wurde er Zeuge der alptraumhaften Szene: wie sich dieser kahlköpfige Schlächter über die am ganzen Körper zitternde Frau beugte, sodass er in seinem feisten Specknacken ein merkwürdiges, an den Enden geknicktes Kreuz sah, das dort eintätowiert war.

Nachdem die Mörder grölend weitergezogen waren, kroch er vorsichtig zwischen Papier und Pappe aus der Tonne und verschwand ungesehen. Er fühlte sich hilflos und gleichzeitig schuldig. Er hatte schreckliche Angst gehabt und schämte sich dafür. Aber du bist doch klein, sagte eine Stimme irgendwo tief in ihm. Ja, stimmt, das war er. Seine Scham schmolz ein wenig und wandelte sich in Erleichterung. Und dann in Wut – sie kroch in ihm hoch, verscheuchte die Hilflosigkeit. Ja, jetzt war er noch klein, aber das änderte sich!

Jorik war plötzlich klar, was er einmal werden wollte: Polizist. In Zukunft sollte seine Kraft solche schlimmen Sachen verhindern. Er wollte es den Bösen zeigen!

Netzeltern

Kassel-Wilhelmshöhe, Montag, 18. Mai 2046, 15:06 Uhr

JORIK NIGGE tauchte ins Netz. „Hallo Papa!“ „Hallo Jorik, mein Junge.“

„Du, Papa, ich würde gern etwas mit dir besprechen.“

„Okay, leg los.“

„Papa, was soll ich einmal werden?“

„Jorik, darüber sprachen wir schon. Du kannst werden, was du willst.“

„Ja, das habe ich verstanden. Aber was denkst du? Vielleicht hast du einen Ratschlag oder zumindest eine Idee?“

„Mein Sohn, das spielt doch keine Rolle. Es kommt allein darauf an, wofür du dich begeisterst!“

Immer dieses Ausweichen, zum Ausrasten! Warum sagte sein Vater nie, was er dachte, was er fühlte? Jorik warf einen Seitenblick auf den Gesprächsanalysator. Ja, es war die Stimme seines Vaters, so weit klar. Aber schenkte er ihm auch persönlich Bandbreite? Denn der Apparat meldete keinerlei messbare Emotionen in der Stimme. Möglicherweise unterhielt er sich hier also mit einem automatisierten Subprogramm, extra entworfen, um lästige Gespräche abzublocken, damit der Erwachsene bei seiner ach so wichtigen Arbeit nicht gestört wurde. Er wollte es jetzt genau wissen.

„Papa, ich möchte Hebamme werden!“

„Ausgezeichnet, mein Sohn. Das ist ein ehrenwerter Beruf.“

Jorik rollte entnervt die Augen und schaute erneut auf den Analysator. Alle im Gespräch verwendeten Begriffe waren identisch mit denen aus früheren Dialogen. Wurden die Vokabeln und Wortfolgen aus einem Speicher entnommen und wie bei einem Baukasten zu neuen Sätzen zusammengesetzt? Ein Sprachautomat?

„Oder ich werde ... Killer!“

„Alles, was du willst, Jorik.“

Jetzt war es sonnenklar, das musste ein Programm sein! Und nicht mal eine besonders effektive, denn professionelle Software hakt bei Reizwörtern ein. Ärgerlich kapselte Jorik sich ab und kam zurück. Nachdem er die Nebenwirkungen des Übergangs vom LifeNET in die Realität überwunden hatte, setzte er sich auf. Was sollte er nur tun? Seine Eltern interessierten sich nicht für ihn, ja es bestand kaum Kontakt, obwohl sie sich alle drei hier im „Netzzimmer“ der riesigen Kasseler Villa am Hang des Habichtswaldes aufhielten. Er konnte sie also sehen, wenn er wollte, aber das war es dann auch schon. Denn die beiden waren stets beschäftigt, lagen auf ihren bequemen Sofaliegen, die Netzhauben übergestülpt und durch einen schmalen Gang voneinander getrennt. So verbrachten sie ihren Tag – regungslos, nur ab und an ein kleines Zucken, wie im Traum.

Wenn er mit ihnen sprechen wollte, musste auch er ins LifeNET. So wie eben. Dafür hatte auch er eine entsprechende Liege, direkt am Fenster. Von hier sah er auf Kassel mit seiner Schutzkuppel, welche die Innenstadt überwölbte. Sie war natürlich bescheiden im Verhältnis zu den riesigen Glasüberbauten in anderen Ländern und Metropolen, etwa in Brasilia, Luanda oder Hanoi. Die Kasseler Kuppel aber hatte eine ganz charakteristische Besonderheit, sie wurde durchstoßen von den Zwillingstürmen der Martinspagode, welche eine der wenigen gedanklichen Verknüpfungen zu seinen Eltern bildete. Jorik konnte sich noch erinnern, dass er als Kind mehrfach mit ihnen in den Tempel gegangen war. Dort drehten sie vor einem goldenen Buddha kleine, hölzerne Gebetsmühlen und lauschten den hypnotisierenden Gesängen der Mönche. Seine Mutter erklärte ihm, dass die Pagode auf den Fundamenten einer christlichen Kirche erbaut worden sei, welche einem Wissenden namens Martin geweiht war, „Sankt Martin“ sagte man damals. Ein reicher, aus Colombo stammender Singhalese hatte das Gebäude vor Jahren erworben und zu einem buddhistischen Zentrum umgebaut. Um die Erhabenheit des Erleuchteten allen Bewohnern zu zeigen, dienten ihre mächtigen Doppeltürme als konstruktiver Teil der Kuppel, hoch oben auf einem thronte eine Buddha-Statue, angeblich aus purem Gold. Die Besuche waren für ihn an sich grottenlangweilig, doch sein Vater lockte ihn damit, dass er die Räucherstäbchen anzünden durfte. Dann war er glücklich, ja geradezu selig. Leider lag das lange zurück. Komisch, dass sich Jorik an viele Details noch so gut erinnerte.

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