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Der fünfte Attentäter

Für meinen Dad,
Stewie Meltzer,
der aus dem Vollen lebte,
aus ganzem Herzen liebte
und immer wusste, wo man einen guten Delikatessenladen
finden konnte.

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

PROLOG

TEIL I: DAS ERSTE ATTENTAT

1. KAPITEL

2. KAPITEL

3. KAPITEL

4. KAPITEL

5. KAPITEL

6. KAPITEL

7. KAPITEL

8. KAPITEL

9. KAPITEL

TEIL II: DAS ZWEITE ATTENTAT

10. KAPITEL

11. KAPITEL

12. KAPITEL

13. KAPITEL

14. KAPITEL

15. KAPITEL

16. KAPITEL

17. KAPITEL

18. KAPITEL

19. KAPITEL

20. KAPITEL

21. KAPITEL

22. KAPITEL

23. KAPITEL

24. KAPITEL

25. KAPITEL

26. KAPITEL

27. KAPITEL

28. KAPITEL

29. KAPITEL

30. KAPITEL

31. KAPITEL

32. KAPITEL

33. KAPITEL

34. KAPITEL

35. KAPITEL

36. KAPITEL

37. KAPITEL

38. KAPITEL

39. KAPITEL

40. KAPITEL

41. KAPITEL

42. KAPITEL

43. KAPITEL

44. KAPITEL

45. KAPITEL

46. KAPITEL

47. KAPITEL

48. KAPITEL

49. KAPITEL

50. KAPITEL

51. KAPITEL

52. KAPITEL

53. KAPITEL

54. KAPITEL

55. KAPITEL

56. KAPITEL

57. KAPITEL

58. KAPITEL

59. KAPITEL

60. KAPITEL

61. KAPITEL

62. KAPITEL

63. KAPITEL

64. KAPITEL

TEIL III: DAS DRITTE ATTENTAT

65. KAPITEL

66. KAPITEL

67. KAPITEL

68. KAPITEL

69. KAPITEL

70. KAPITEL

71. KAPITEL

72. KAPITEL

73. KAPITEL

74. KAPITEL

75. KAPITEL

76. KAPITEL

77. KAPITEL

TEIL IV: DAS VIERTE ATTENTAT

78. KAPITEL

79. KAPITEL

80. KAPITEL

81. KAPITEL

82. KAPITEL

83. KAPITEL

84. KAPITEL

85. KAPITEL

86. KAPITEL

87. KAPITEL

88. KAPITEL

89. KAPITEL

90. KAPITEL

91. KAPITEL

92. KAPITEL

93. KAPITEL

94. KAPITEL

95. KAPITEL

96. KAPITEL

97. KAPITEL

98. KAPITEL

99. KAPITEL

100. KAPITEL

101. KAPITEL

102. KAPITEL

103. KAPITEL

TEIL V

104. KAPITEL

105. KAPITEL

106. KAPITEL

107. KAPITEL

108. KAPITEL

109. KAPITEL

110. KAPITEL

111. KAPITEL

112. KAPITEL

113. KAPITEL

114. KAPITEL

Anmerkungen des Autors

Danksagungen

Informationen zum Buch

Informationen zum Autor/Übersetzer

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

PROLOG

Washington D. C.

Einige Bestattungen werfen Fragen auf. Andere liefern Antworten. Diese hier steckte voller Geheimnisse.

Die Beisetzung war für neun Uhr morgens angesetzt, aber der Beginn verzögerte sich. Der Grund war offensichtlich.

In den dicht besetzten Bänken drängten sich zweihundert Trauernde und bemühten sich, unbeteiligt zu wirken. Dennoch warfen sie ständig Blicke in den hinteren Teil der Kirche.

Sie sahen sich nicht nach dem Sarg um. Dr. Stewart Palmiottis dunkler Holzsarg war bereits von den Totengräbern nach vorn gerollt worden, neben die Kanzel. Ebenso wenig galt ihre Neugier Palmiottis Familie.  Seine Exfrau, die ihm so viel Kummer bereitet, und seine Freundin Lydia, die ihm so viel Freude beschert hatte, saßen beide in der vordersten Bank, allerdings auf unterschiedlichen Seiten. Verwandte, Freunde und Mitarbeiter füllten die anderen Reihen. Es war eine typische Trauerfeier.

Nicht typisch war allerdings der Metalldetektor, den jeder Trauergast passieren musste, bevor er die Kirche betreten durfte.

Das hier war Washington. Jeder wusste, was das bedeutete.

Dann kam Er. Der einzige Er, der wirklich zählte.

Der Präsident der Vereinigten Staaten.

Natürlich wartete der Secret Service, bis alle auf ihren Plätzen saßen. Dann schlossen sich ohne jegliche Vorwarnung die Kirchentüren, die dann im nächsten Moment wieder geöffnet wurden.

»Ihre Rede, Sir«, flüsterte einer der Adjutanten und hielt ihm die Mappe mit der Trauerrede hin.

Der Präsident riss sie dem Mann aus der Hand, verärgert darüber, dass die Trauergäste den Adjutanten gesehen hatten, und machte einen Schritt vor, während sich die Köpfe sämtlicher Anwesenden zu ihm umdrehten. Wenn er einen Raum betrat, wurde für gewöhnlich »Hail to the Chief« gespielt. Heute jedoch blieb es ruhig.

Präsident Orson Wallace biss die Zähne zusammen und hielt den Blick seiner berühmten grauen Augen starr geradeaus gerichtet, während er alleine durch den Hauptgang schritt, als wäre er bei einer Hochzeit.

Er war daran gewöhnt, angestarrt zu werden. Das gehörte zu seinem Job. Aber als er durch diesen Mittelgang schritt, war selbst der mächtigste Mann der Welt nicht darauf vorbereitet, dass ihm plötzlich das Atmen schwerfiel. Die Realität dieses Augenblicks lastete wie Blei auf seiner Brust. Denn dies hier war die Beerdigung seines besten Freundes.

Es ist eine Sache, wenn man von Fremden angestarrt wird. In diesem Kirchenschiff jedoch drängten sich Familienangehörige und Freunde, Menschen, die den Präsidenten beim Vornamen nannten.

Palmiotti und Wallace waren in Ohio aufgewachsen und von der Grundschule an immer zusammen gewesen, hatten gemeinsam die Highschool und das College der Universität von Michigan besucht. Als Wallace zum Gouverneur gewählt wurde, folgte Palmiotti ihm. Sie waren auch in jener Nacht zusammen, von der sie seit damals niemals mehr gesprochen hatten. Als Wallace ins Weiße Haus einzog, erwähnte jemand, dass George H. W. Bush nach seiner Wahl zum Präsidenten einen sehr guten Freund zum Arzt im Weißen Haus ernannt hatte. Ihm war klar gewesen, dass es manchmal die beste Medizin war, einfach nur jemanden zu haben, mit dem man reden konnte. Vor allem, wenn es jemand war, der einen sehr gut kannte. Jemand, der alle Geheimnisse kannte.

Das gefiel dem Präsidenten. Am Tag von Wallaces Vereidigung wurde Dr. Stewart Palmiotti zum Chef der medizinischen Abteilung des Weißen Hauses ernannt und bekam ein Büro zugewiesen, das direkt an den Westflügel grenzte.

»Alles, was Sie für ihn getan haben … Sie wissen, dass er Sie geliebt hat«, flüsterte Palmiottis Freundin Lydia, als der Präsident endlich die erste Reihe erreichte. Ihre Stimme … ihr Körper … Alles an ihr zitterte, als sie aufstand und Wallace umarmte.

Der Präsident erwiderte ihre Umarmung schweigend und ging dann langsam zum Ende der vordersten Reihe. Dabei tat er so, als hätte er ihren Geschichtslehrer aus der zwölften Klasse nicht in der Menge gesehen.

Aber was den Präsidenten schmerzte, war nicht der Umstand, alte Freunde zu sehen. Sondern das Wissen, dass er für all dies verantwortlich war.

Gewiss, er hatte nicht selbst abgedrückt. Aber immerhin war er es gewesen, der Palmiotti auf die Jagd nach dem Archivar geschickt hatte: Beecher.

Und eben dieser Beecher hatte herausgefunden, was der Präsident und Palmiotti vor sechsundzwanzig Jahren in jener schlimmsten Nacht ihres Lebens, damals auf dem College, getan hatten. Es war Beecher, der entdeckt hatte, dass sie das Gesicht eines Mannes aus ihrer Heimatstadt mit einem Baseballschläger und Autoschlüsseln bearbeitet hatten. Und dass Palmiotti zusammen mit dem zukünftigen Präsidenten und dessen Schwester das Auge des Mannes zerstört, sein Gesicht zerschmettert und Knochenstücke der Schädeldecke in sein Gehirn getrieben und damit bleibende Hirnschäden verursacht hatten.

Am schlimmsten jedoch war, dass Beecher und die Gruppe, mit der er zusammenarbeitete, nicht lockergelassen, niemals die Suche aufgegeben hatten, bis sie tatsächlich beweisen konnten, was in jener Nacht vor vielen Jahren passiert war.

Beecher und sein sogenannter Culperring.

Sie waren es, die echten Schaden anrichten konnten, sie waren diejenigen, die Wallaces und Palmiottis Geheimnis kannten. Und doch war es nicht das einzige Geheimnis, das der Präsident vor den Augen der Welt verbarg.

Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika nahm seinen Platz am Ende der Bankreihe ein und betrachtete den Sarg, in dem sein bester Freund lag.

Fast wie auf Stichwort vibrierte das Handy in seiner Tasche. Präsident Wallace senkte den Blick und zog es nur gerade so weit heraus, dass er die neueste Textnachricht lesen konnte.

Wie läuft meine Beerdigung denn so?, erkundigte sich Dr. Stewart Palmiotti.

TEIL I

DAS ERSTE
ATTENTAT

»Was wird nur Miss Harris davon halten, dass ich so an dir hänge?«, fragte Mary Lincoln, während sie die Hand ihres Ehemannes hielt.

»Sie wird sich nichts dabei denken«, antwortete Abraham Lincoln.

– Das waren die letzten Worte, die Lincoln sprach,
bevor John Wilkes Booth ihm eine Kugel in den Kopf jagte.

1. KAPITEL

Heute
Washington D. C.

Der Ritter kannte die Geschichte. Und seine Bestimmung. Es gab niemanden, der beides genauer studiert hätte als er.

Er rollte ein Butterscotch-Toffee mit der Zunge im Mund herum und drückte genau um 22:11 Uhr ab.

Die Pistole, eine antike Waffe, stieß eine blaugraue Rauchwolke aus, und die Kugel ließ einen Sprühregen aus Fleisch und Blut auf die hölzernen Bänke von St. John’s Church niedergehen, dem historischen Gebäude direkt gegenüber dem Weißen Haus.

»Sie … Sie haben auf mich geschossen …!«, schrie der Pfarrer. Er umklammerte seine Schulter, als er taumelte und durch den Hauptgang im Mittelschiff der Kirche stolperte. Es fühlte sich an, als wäre sein Schlüsselbein zertrümmert.

Die Blutung wollte nicht aufhören, aber er war nicht tödlich getroffen worden. In letzter Sekunde hatte sich der Pfarrer, der seit fast einem Jahrzehnt St. John’s vorstand, bewegt.

Der Ritter stand einfach da und wartete darauf, dass der Mann zu Boden fiel. Die kreideweiße Gipsmaske, die er trug, sorgte dafür, dass sein Opfer sein Gesicht nicht erkennen konnte. Aber der Pfarrer war kräftig und gab sich nicht so leicht geschlagen.

Der Ritter schob die Waffe wieder in seine Tasche und ging gelassen, ja fast beschwingt durch den Gang zum geschmückten Altar.

»Hilfe! Zu Hilfe! Bitte! Hilft mir denn niemand?«, stieß der Geistliche beim Weiterlaufen keuchend hervor. Er war etwa sechzig, hatte rosige Wangen und blickte jetzt zurück auf die starre weiße Maske, die wie eine Totenmaske aussah und ihm folgte.

Es gab einen Grund, warum der Ritter eine Kirche ausgewählt hatte und speziell diese Kirche. Sie wurde »die Kirche der Präsidenten« genannt, weil alle Präsidenten seit James Madison hier gebetet hatten.

Und auch die selbst angefertigte Tätowierung auf der zarten Haut zwischen Daumen und Zeigefinger war nicht zufällig ausgesucht. Der Ritter hatte die Tätowierung erst in der Nacht zuvor beendet und hatte dafür weiße Tinte benutzt, da diese mit bloßem Auge nicht zu erkennen war. Fünf Nadeln hatte er benötigt, die er gebündelt in die Tinte getaucht hatte, und vier Stunden Arbeit hatte es ihn gekostet. Immer wieder hatte er seine Haut punktiert und das Blut weggewischt.

Die einzige Pause hatte er sich gegönnt, als er den ersten Teil beendet hatte – die Initialen. Dann hatte er aus seiner Tasche ein vergilbtes Kartenspiel gezogen, rasch Herz, Kreuz und Karo durchgeblättert und bei den Pikkarten innegehalten.

Im Wörterbuch wurde dieses Pik auch als Pike bezeichnet. Als die vier Kartenfarben vor Jahrhunderten eingeführt wurden, hatte jede ihre besondere Bedeutung. Das Pik, ein auf den Kopf gestelltes schwarzes Herz mit einem Stil, symbolisierte die Spitze einer Hellebarde oder Lanze.

Die Waffe eines Ritters.

»Ich brauche Hilfe! Bitte … Zu Hilfe!«, schrie der Pfarrer. Er hastete stolpernd durch den Gang, stürmte dann rechts durch die Doppeltüren und in den langen Gang, der aus dem Kirchenschiff führte.

Mit ruhigen, gemessenen Schritten folgte ihm der Ritter durch den verwinkelten Flur zu den Kirchenbüros. Sein gleichmäßiger Atem erwärmte die weiße Gipsmaske.

Vor sich, hinter der Ecke hörte er die leisen Tastentöne eines Handys. Der Pfarrer versuchte, die Polizei zu rufen.

Aber wie schon sein Held vor so langer Zeit hatte auch der Ritter nichts dem Zufall überlassen. In seiner Tasche steckte ein graues Plastikgerät von der Größe eines Handys. Damit konnte er jedes Mobiltelefonsignal in einem Umkreis von fünfzig Metern unterdrücken. Solche Störsender waren in den Vereinigten Staaten zwar verboten, aber man bekam sie für weniger als zweihundert Dollar im Internet auf einer englischen Website.

Hinter der Ecke im Gang, wo die Hauptbüros der Kirche lagen, hörte er ein dumpfes Geräusch. Wie von einer Schulter, die gegen Holz prallte. Der Pfarrer hatte offenbar bemerkt, dass jemand den Türgriff von der Eingangstür entfernt hatte. Dann hörte man den lauten Knall, mit dem eine Bürotür zugeworfen wurde. Jetzt versteckte sich der Geistliche in einem der Büros.

In der Ferne hörte der Ritter ein schwaches Heulen von Polizeisirenen, das ständig lauter wurde. Der Pfarrer konnte unmöglich die Polizei verständigen, aber selbst wenn es ihm gelingen sollte, gab es für ihn in diesem Labyrinth nur noch Sackgassen.

Der Ritter sah sich um, blickte zuerst nach rechts, dann nach links. Er betrachtete die uralten Konferenzräume, die die Kirche jetzt für Treffen der Anonymen Alkoholiker und für die »Nacht der Rendezvous« nutzte, die sie einheimischen Singles anbot. Dieser Teil des Gebäudes, das Pfarrhaus, war fast so alt wie die Kirche selbst. Aber bei Weitem nicht so gut in Schuss. Die hohen Kirschholztüren der Räume in diesem Flur standen alle offen. Alle, bis auf eine.

Der Ritter drehte einmal kurz an dem ovalen Messingknopf und stieß die große Tür auf. Das Heulen der Sirenen wurde immer lauter. In der äußersten Ecke des Raumes, neben dem Bücherregal, versuchte der Pfarrer, der immer noch um Hilfe schrie, das einzige Fenster des Raumes aufzustemmen. Der Ritter hatte es Stunden zuvor mit Brettern zugenagelt.

Jetzt näherte er sich dem Geistlichen und kam dabei an einer Glasvitrine vorbei, ohne der wundervollen Sammlung von fünfzig antiken Kreuzen, die auf rotem Samt drapiert waren, auch nur einen Blick zu gönnen.

»Das dürfen Sie nicht! Gott wird Ihnen niemals vergeben!«, flehte der Pfarrer ihn an.

Der Ritter trat zu ihm und packte die verletzte Schulter des Geistlichen. Unter seiner Maske ließ er das Bonbon über die Zunge rollen. Dann zog er ein Messer aus seinem Gürtel.

Auf der einen Seite der Klinge waren die Worte »Land der Freien/Heimat der Tapferen« mit Säure eingeätzt, auf der anderen Seite die Worte »Freiheit/Unabhängigkeit«. Genauso wie auf dem Messer, das sein Held vor über einem Jahrhundert besessen hatte.

Er holte ein letztes Mal tief Luft, was ihm ein Gefühl von Schwerelosigkeit verlieh, und klemmte das Bonbon zwischen seine Backenzähne.

»Wa … Warum machen Sie das?«, stammelte der Pfarrer, während das Heulen der Sirenen zu einem ohrenbetäubenden Lärm anschwoll.

»Ist das denn nicht offensichtlich?« Der Ritter hob sein Messer und rammte es dem Pfarrer in den Hals. Das Bonbon zwischen seinen Zähnen brach in zwei Teile. »Ich bereite mich auf den Präsidenten der Vereinigten Staaten vor.«

2. KAPITEL

Es gibt Geschichten, die niemand kennt. Geheime Geschichten.

Ich liebe solche Geschichten. Und da ich im Nationalarchiv arbeite, verdiene ich mein Geld damit, solche Geschichten aufzuspüren. Aber als um 7:30 Uhr morgens die Aufzugstüren auseinandergleiten und ich den ruhigen Gang im dritten Stock prüfend mustere, begreife ich allmählich, dass einige dieser Geschichten erheblich geheimer sind, als ich angenommen habe.

»Nichts?«, fragt Totte. Er wartet vor unserem Büro auf mich. So, wie er seinen Vollbart um seinen Finger zwirbelt, kennt er die Antwort bereits.

»Weniger als nichts«, bestätige ich. Ich habe einen Aktenordner in meiner behandschuhten Hand und überzeuge mich erneut davon, dass uns niemand belauscht.

Aristoteles »Totte« Westman ist mein Mentor hier in den Archiven. Er hat mir beigebracht, dass die besten Archivare diejenigen sind, die nie aufhören zu suchen. Er hat das immerhin zweiundsiebzig Jahre lang praktiziert.

Er ist außerdem derjenige, der mich in den Culperring eingeführt hat.

Dieser Ring wurde von George Washington ins Leben gerufen.

Als ich das hörte, war ich ganz schön erstaunt. Es war tatsächlich der George Washington.

Damals, vor zweihundert Jahren, während des Unabhängigkeitskrieges hat Washington seinen eigenen privaten Spionagering aufgezogen. Das hat ihm nicht nur geholfen, den Krieg zu gewinnen, sondern auch das Präsidentenamt zu schützen. Dieser Ring existiert heute noch, und jetzt gehöre ich ebenfalls dazu.

»Beecher, du wusstest, dass er es uns nicht leicht machen würde.«

»Das verlange ich auch gar nicht; ich habe nur gehofft, es wäre überhaupt möglich. Aber es sieht so aus, als gäbe es schlichtweg nichts zu finden.«

»Es gibt immer irgendetwas zu finden. Das verspreche ich dir.«

»Ja, und zwar versprichst du mir das jetzt schon seit zwei Monaten«, erwidere ich. Denn seit dieser Zeit tauchen Totte und ich jeden Morgen um sieben hier auf, bevor irgendein anderer Archivar sich blicken lässt, und forsten insgeheim alle Präsidentenakten durch, derer wir habhaft werden können.

»Was hast du erwartet? Dass du einfach unter P nachsiehst und alles findest, was du unter Böser Präsident gesucht hast?«, meint Totte provozierend.

»Genau genommen wäre Böser Präsident unter B abgelegt.«

»Nur, wenn es sein Vorname ist. Obwohl das tatsächlich von der Kataloggruppe abhängt«, erklärt Totte in der Hoffnung, dieser lahme Witz werde die Stimmung etwas lockern. Tut er aber nicht. »Die Sache ist die, Beecher, wir kennen den entscheidenden Teil: Wir wissen, was Wallace und Palmiotti getan haben; wir wissen, wie sie es getan haben; und wir wissen sogar, dass sie, als sie mit ihrem Baseballschläger und den Wagenschlüsseln fertig waren, einen jungen Mann einfach ins Dauerkoma fallen und schließlich sterben ließen. Jetzt müssen wir das nur noch beweisen. Ich glaube, wir sollten etwas mehr Dampf machen.«

Während Totte das sagt, streicht er mit den Fingerspitzen über die Metallenden seiner Bolo-Tie. Ihm ist nicht klar, dass diese Cowboy-Krawatte ebenso altmodisch ist wie die Scottsdale-Boutique, in der er sie 1994 gekauft hat. Aber ich kenne Totte, und ich kenne diesen Tonfall.

»Warum hast du gerade gesagt, dass wir mehr Dampf machen müssen?«, erkundige ich mich.

Zuerst bleibt Totte stumm und wirft einen prüfenden Blick in den Flur.

»Totte, wenn du etwas weißt …«

»Einer unserer Jungs«, beginnt er. Diesen Ausdruck benutzt er nur, wenn er über andere Mitglieder des Culperrings spricht. »Einer von ihnen hat sich mit jemandem vom Secret Service unterhalten und sich danach erkundigt, was der Service über dich weiß. Und weißt du, was der Mann vom Service geantwortet hat? Nichts. Sie wissen gar nichts. Weißt du, was das bedeutet, Beecher?«

»Das bedeutet, dass sie sich meinetwegen den Kopf zerbrechen.«

»Nein. Es bedeutet, dass der Präsident schon längst weiß, wie das hier enden wird. Und dass er bereits an seiner Coverstory arbeitet.«

Totte lässt seine Worte auf mich wirken, während er erneut prüfend in den Gang späht. Ich rede mir ein, dass der Beweis immer noch in den Archiven versteckt ist  … irgendwo  … in irgendeinem Aktenordner. Eine Nadel in einem nicht gerade kleinen Heuhaufen.

Im Nationalarchiv lagern die wichtigsten Unterlagen der US-Regierung, angefangen von dem Original der Unabhängigkeitserklärung bis hin zu Jackie Kennedys pinkfarbenem Pillendosen-Hut. Oder von Reagans ursprünglicher »Reich-des-Bösen«-Rede bis hin zu den Ortungskarten, mit deren Hilfe wir Bin Laden aufgespürt und erledigt haben. In Ordnern mit über zehn Milliarden Seiten katalogisieren wir jede Aufzeichnung und jeden Bericht, der jemals von der Regierung erstellt worden ist.

Das bedeutet, dass dies hier ein ganzes Gebäude voller Geheimnisse ist – vor allem von Geheimnissen amtierender Präsidenten. Denn wir lagern alles, von ihren Eintragungen ins Klassenbuch der Grundschule über ihre Jahrbücher bis hin, jedenfalls theoretisch, zu alten, vergessenen medizinischen Berichten, die vielleicht beweisen können, was Präsident Wallace tatsächlich in jener Nacht vor sechsundzwanzig Jahren getan hat.

»Hast du daran gedacht, seine Marathon-Akten anzufordern?«, erkundigt sich Totte.

»Habe ich bereits erledigt. Das hier ist heute Morgen gekommen.«

Seit beinahe zwei Monaten haben wir jedes einzelne Puzzlestück von Präsident Wallaces Krankengeschichte umgedreht, angefangen bei seiner Zeit im College, als er beim ROTC war, dem Reserve-Korps der Offiziere, bis hin zu der Gesundheitsuntersuchung, der er sich unterzog, als seine Tochter geboren wurde und er seine erste Versicherungspolice abschloss. Nicht zu vergessen die Röntgenaufnahmen, die damals gemacht wurden, als er noch Gouverneur war und beim Marinemarathon mitlief, obwohl er einen Haarriss im Fuß hatte. Dieser Bruch brachte Wallace nationale Aufmerksamkeit und in der Öffentlichkeit den Ruf eines Politikers ein, der niemals aufgibt. Wir hatten uns von diesen Aufnahmen noch mehr erhofft. Aber wie jedes medizinische Dokument, das in Beziehung zum Präsidenten stand, war jede Akte, die zurückkam, leer. Einfach leer.

»Er kann nicht alles verschwinden lassen, Beecher.«

»Ach nein? Wie war das noch mit den medizinischen Unterlagen über FDR?«, erwidere ich. Darauf weiß Totte nichts zu erwidern. Neunzehnhundertfünfundvierzig, nur achtundvierzig Stunden nach Franklin Delano Roosevelts Tod, wurden seine sämtlichen medizinischen Unterlagen gestohlen und vernichtet. Jedenfalls hat niemand sie seitdem wieder gesehen.

»Wenn Wallaces Marathon-Röntgenaufnahmen also ein Fehlschlag waren, was hast du denn da?« Totte deutet auf den Aktenordner, den ich immer noch in der Hand halte.

»Das ist nur etwas, das ich bei unseren Unterlagen vom Bürgerkrieg gefunden habe. Ein Brief von Abraham Lincolns Sohn, in dem er über seine Jahre im Weißen Haus schreibt.« Totte weiß, dass ich gerne in der Historie stöbere, wenn ich nervös bin. Aber er weiß auch, dass mich nichts nervöser macht als die komplexeste Historie von allen: Familiengeschichte.

»Deine Mom hat angerufen, als du da unten warst, hab ich recht?«, will Totte wissen.

Ich nicke. Nach ihrer Herzoperation habe ich meine Mutter gebeten, mich jeden Morgen anzurufen, damit ich weiß, dass es ihr gutgeht. Mein Vater starb, als ich drei Jahre alt war. Ich habe nur noch Mom. Aber wie immer war es nicht meine Mutter, die mich anrief. Es war meine Schwester Sharon, die bei ihr lebt und sich um sie kümmert. Ich schicke alle zwei Wochen einen Teil meines Gehalts nach Hause, aber Sharon macht die eigentliche Arbeit.

»Geht es deiner Mutter gut?«, erkundigt sich Totte.

»Wie immer.«

»Dann wird es Zeit, dass du dich auf ein Problem konzentrierst, mit dem du wirklich fertig werden kannst«, erklärt Totte und deutet auf die Tür zu unserem Büro. Er ruft mir damit ins Gedächtnis, dass, ganz gleich, was Präsident Wallace plant, hier die wirkliche Schlacht geschlagen wird. Aber als wir unser Büro betreten und ich die beiden Männer in dunklen Anzügen vor meinem Verschlag stehen sehe, drängt sich mir der Gedanke auf, dass der Präsident uns möglicherweise erheblich weiter voraus ist, als wir gedacht haben.

»Beecher White?«, fragt der größere der beiden Männer. Der Blick seiner dunklen Augen, mit dem er mich mustert, verrät mir, dass er die Antwort kennt. Er hat ein schmales Gesicht; sein Partner dagegen ist ziemlich mondgesichtig, was er mit einem sauber getrimmten Spitzbart zu kaschieren sucht. Keiner der beiden sieht besonders fröhlich aus. Oder freundlich.

»Richtig, ich bin Beecher. Und Sie sind …?«, erwidere ich, aber keiner von beiden antwortet. Als Totte in seinen Verschlag humpelt und dort verschwindet, sehe ich, dass meine beiden Besucher goldene Nadeln an ihren Revers tragen, die einen mir bekannten fünfzackigen Stern zeigen. Secret Service.

Ich werfe Totte einen kurzen Seitenblick über die Trennwand zwischen unseren Verschlägen zu. Er hat den Braten auch gerochen.

»Würden Sie uns vielleicht ein paar Fragen beantworten?« Der Agent mit dem schmalen Gesicht zückt seinen Dienstausweis, der ihn als Edward Harris ausweist. Bevor ich antworten kann, setzt er hinzu: »Fangen Sie immer so früh an zu arbeiten, Mr. White?«

Ich habe zwar keine Ahnung, wo genau sich die Bärenfalle befindet, aber ich kann spüren, wie sich ihre Feder spannt. Als ich Präsident Wallace das letzte Mal sah, habe ich ihm ins Gesicht gesagt, dass ich alles in meiner Macht Stehende tun würde, um die Beweise zu finden, die belegen, was er und sein toter Freund Palmiotti getan haben. Als Antwort hat sich der mächtigste Mann der Welt über seinen großen Mahagonischreibtisch im Westflügel gelehnt und, in vollkommen sachlichem Ton und als wäre es eine unumstößliche Tatsache, erwidert, dass er mich höchstpersönlich ausradieren würde. Wenn mir also zwei Secret-Service-Agenten noch vor acht Uhr morgens Fragen stellen, weiß ich, dass ich in der Klemme sitze, ganz gleich, was sie wissen wollen.

»Ich komme gern schon um sieben«, gebe ich zurück. Der Miene des Agenten nach zu urteilen, ist das nicht neu für ihn. Ich überschlage kurz, welche Angestellten und Wächter möglicherweise gesehen haben, wie ich unten die Aufzeichnungen über die Präsidenten durchforstet habe, und dem Secret Service einen Tipp gegeben haben könnten. »Mir war nicht klar, dass es ein Problem darstellt, wenn man früh zur Arbeit kommt.«

»Das ist kein Problem«, erwidert Agent Harris ruhig. »Und um welche Zeit kommen Sie für gewöhnlich nach Hause? Genauer gefragt, um welche Zeit sind Sie letzte Nacht nach Hause gekommen?«

»Kurz nach acht«, erwidere ich. »Wenn Sie mir nicht glauben, fragen Sie Totte. Er hat mich nach Hause gefahren und dort abgesetzt.« Ich stehe immer noch an der Tür meines Verschlages und habe den kostbaren Brief von Robert Todd Lincoln in meinen Händen, während ich auf Tottes Verschlag deute.

»Wie schön. Totte hat Sie also abgesetzt. Das bedeutet, er weiß nicht, wo Sie zwischen acht Uhr gestern Abend und etwa sechs Uhr heute Morgen gewesen sind, korrekt?« Das fragt der Agent mit dem Spitzbart, obwohl es nicht wie eine Frage klingt.

Jetzt erst fällt mir auf, dass keiner der beiden Männer ein Handmikrofon besitzt oder einen Minilautsprecher im Ohr stecken hat, wie alle Secret-Service-Agenten sie tragen, die den Präsidenten beschützen. Diese beiden sind also keine Leibwächter, sondern Ermittler. Trotzdem, die Aufgabe des Secret Service besteht darin, den Präsidenten zu beschützen. Der Culperring schützt das Präsidentenamt. Das ist ein nicht unerheblicher Unterschied.

»War gestern Nacht jemand bei Ihnen, Beecher?«, übernimmt Agent Harris wieder die Befragung.

Ich schüttle den Kopf. Totte wirft mir aus seinem Verschlag heraus einen vielsagenden Blick zu. Die Bärenfalle wird gleich zuschnappen.

»Tragen Sie immer Handschuhe bei der Arbeit?« Agent Harris deutet auf die weißen Baumwollhandschuhe.

»Nur wenn ich mit alten Dokumenten zu tun habe«, sage ich, als ich den Aktenordner aufschlage und ihnen das bräunliche, gefleckte Papier von Robert Todd Lincolns Brief zeige. »Wenn Sie mich bitte entschuldigen …«

Sie treten von meinem Verschlag weg, aber nur ein kleines Stück.

Ich dränge mich zwischen ihnen hindurch und lege den Lincoln-Brief vorsichtig auf meinen Schreibtisch. Dabei bemerke ich, dass meine Tastatur etwas schräg steht und einer meiner Aktenhaufen schief ist. Sie haben meine Sachen also bereits durchsucht.

»Nehmen Sie diese Handschuhe auch mit nach Hause?«, will Agent Harris wissen.

»Bitte entschuldigen Sie«, erwidere ich. »Aber ich wüsste gerne … werde ich irgendeines Vergehens beschuldigt?«

Sie tauschen einen vielsagenden Blick.

»Beecher, kennen Sie jemanden namens Ozzie Andrews?«, fragt Agent Harris schließlich.

»Wen?«

»Sagen Sie mir einfach, ob Sie ihn kennen. Ozzie Andrews.«

»An einen so albernen Namen wie Ozzie würde ich mich mit Sicherheit erinnern.«

»Also haben Sie ihn niemals getroffen? Und den Namen auch nie zuvor gehört?«

»Worauf wollen Sie hinaus?«

»Man hat einen Toten gefunden«, erwidert Agent Harris. »Ein Pfarrer in einer Kirche in der City wurde gestern etwa um Mitternacht ermordet. Man hat ihm die Kehle durchgeschnitten.«

»Das ist ja schrecklich.«

»Allerdings. Zu unserem Glück konnte die Polizei von D. C. einen Verdächtigen verhaften, als sie dort eintraf. Er nannte sich Ozzie. Er schlenderte aus dem Hintereingang, unmittelbar nach dem Mord. Und als die Beamten Ozzies Taschen durchsuchten, fanden Sie einen Zettel mit Ihrem Namen und Ihrer Telefonnummer in seiner Brieftasche.«

»Wie bitte? Das ist ja lächerlich.«

»Sie wissen also nichts über diesen Mord?«

»Selbstverständlich nicht!«

Schweigen.

»Beecher, wie würden Sie Ihre Meinung über Präsident Orson Wallace beschreiben?«, bricht Agent Harris schließlich die Stille.

»Was meinen Sie?«

»Ihre politischen Ansichten interessieren uns nicht. Aber da die St. John’s Church so nahe am Weißen Haus liegt … Sie verstehen das sicher. Wir müssen das fragen.«

Ich drehe mich zu Totte herum, der den Braten nicht mehr nur riecht; jetzt können wir ihn sogar sehen. Als der Präsident vor zwei Monaten seinen besten Freund begrub, hat er geschworen, mich ebenfalls zu begraben. Ich hatte immer vermutet, mein Schicksal würde mich mitten in der Nacht ereilen, mit einer Skimaske verkleidet. Aber ich hatte vergessen, mit wem ich es zu tun habe. Totte sagte, der Präsident hätte mir bereits eine Zielscheibe auf die Stirn gemalt, und jetzt tauchen plötzlich zwei Secret-Service-Agenten auf ? Das ist Wallaces wahre Rache: Er hängt mir einen Mord an, schickt mir den Secret Service auf den Hals und wäscht seine manikürten Hände in Unschuld, während man ein Polizeifoto von mir macht.

»Wo ist dieser Typ namens Ozzie?«, frage ich. »Ich wüsste gern, wer das ist.«

»Tut mir leid, mir war nicht klar, dass Verdächtige Forderungen stellen können.«

»Aha, also bin ich jetzt ein Verdächtiger? Also gut, dann will ich meinen Ankläger sehen. Ist er immer noch im Gefängnis?«

Zum ersten Mal reagieren beide Agenten mit Schweigen.

»Was denn, Sie haben ihn laufen lassen?«, erkundige ich mich.

Wieder antwortet mir Schweigen.

»Sie haben also den Mordverdächtigen von der Polizei serviert bekommen und ihn gleich wieder laufen lassen? Und jetzt glauben Sie, Sie können hier auftauchen und mir das anhängen? Tut mir echt leid, aber falls Sie nicht vorhaben, mich zu verhaften, betrachte ich unser Gespräch hiermit als beendet.«

»Können Sie vielleicht noch eine letzte Frage …?«

»Die Angelegenheit ist für mich erledigt. Auf Wiedersehen«, sage ich und deute auf die Tür. Sie bleiben dreißig Sekunden lang einfach regungslos stehen, nur um mir klarzumachen, dass es ihre Entscheidung ist, zu verschwinden, nicht meine.

Als die Tür hinter ihnen ins Schloss fällt, höre ich, wie Totte hinter mir flüstert.

»Du bist der Beste, Tad. Ich weiß das wirklich zu schätzen«, sagt er in seinem Verschlag.

Zum ersten Mal realisiere ich, dass Totte die ganze Zeit telefoniert hat, und als ich den Namen Tad höre, wird mir auch klar, in welch großer Gefahr ich tatsächlich schwebe.

Als George Washington damals den Culperring schuf, suchte er ganz normale, gewöhnliche Leute aus, weil die niemand eines zweiten Blickes würdigt. Seine einzige weitere Regel lautete, dass nicht einmal er selbst die Namen aller Mitglieder des Rings kennen sollte. Falls also einer von ihnen dabei erwischt wurde, wie er Informationen weitergab, würde der Feind niemals die anderen Mitglieder aufspüren können.

Und das ist der eigentliche Grund, warum der Culperring bis zum heutigen Tag existieren konnte – und warum er seine Finger in jeder Aktion hatte, angefangen vom Unabhängigkeitskrieg, dem Abwurf der Bombe über Hiroshima bis hin zur Invasion in der Schweinebucht. Lange vor der OSS oder der CIA wussten diese Jungs, wie man Geheimnisse hütet. Wenn es also um andere Mitglieder des Culperrings geht, gibt es nur einen, abgesehen von Totte, den ich persönlich getroffen habe. Er ist Arzt, und man nennt ihn den Chirurgen. Das ist alles, kein Name. Er hat mir zwei Liter Blut abgenommen, falls es einmal einen Notfall geben sollte. Aber es gibt noch ein anderes Mitglied, vor dem ich gewarnt wurde.

Totte nennt ihn Tad, eine Kurzform für Tadellose Täuschung, was wiederum eine Abkürzung ist für: Wenn es ums Computerhacken geht, wenn wir irgendetwas brauchen, dann wende dich an Tad, der besorgt es dir. Das Einzige, was er als Gegenleistung verlangt, ist, dass wir seiner Nichte Pfadfinderinnen-Kekse abkaufen.

»Du schuldest mir eine weitere Schachtel Samoas«, dringt Tads Stimme aus Tottes Handy.

»Du meinst wohl Caramel DeLites«, antwortet Totte.

»Ist mir gleichgültig, wenn sie den Namen geändert haben. Für mich sind es Samoas«, sagt Tad. Er bedient sich dabei eines Sprachgenerators, der Text in Sprache verwandelt, dabei jede Silbe im Wort Samoas dehnt und sich anhört wie ein Roboter aus den Sechzigern.

Niemand hat jemals Tads echte Stimme gehört.

Nach dem, was Totte mir erzählt hat, war Tad einer der Sieben. Im Falle eines nationalen Notfalls, falls das Internet und unsere Computerinfrastruktur zusammenbrechen sollten, besitzen sieben Menschen in der US-Regierung die Fähigkeit, diese wiederherzustellen. Fünf der Sieben müssen jederzeit bereit sein, das zu tun. Bevor Tad der Regierung den Rücken kehrte, war er einer von ihnen.

Eine wirklich coole Geschichte. Und es ist nicht einmal die einzige. Laut dem Chirurgen soll Tad kein pensioniertes Technikgenie sein, sondern ein neunzehnjähriger Paria, der, wie jeder talentierte Hacker, der von den US-Behörden geschnappt wurde, das Angebot bekam, für die US-Regierung zu arbeiten. Die Pfadfinderinnen-Kekse sind in Wirklichkeit von seiner Schwester.

Es interessiert mich nicht wirklich, welche der beiden Geschichten stimmt. Mir ist nur wichtig, dass niemand schneller ist als Tadellose Täuschung, wenn es Schwierigkeiten gibt.

Totte reicht mir über die Trennwand zwischen unseren Verschlägen hinweg sein Handy. Das kleine Display zeigt das Foto eines Mannes mit wirrem schwarzen Haar, der vor einer hellblauen Wand steht. Ein Polizeifoto des Mannes, der mich belastet, Ozzie. Er sieht etwa so alt aus wie ich, aber das ist schwer zu beurteilen, weil sein Gesicht … Sein rechtes Augenlid hängt ein bisschen herab, sodass er irgendwie verschlafen aussieht. Und seine Haut wirkt irgendwie klumpig, als wäre sie mit Wachs überzogen. Ich glaube, er hat schwere Verbrennungen erlitten.

Dann fallen mir seine Augen auf. Sie sind von einem blassen Goldbraun, wie die Farbe von Weißwein.

Hinter mir öffnet sich die Tür zu unserem Büro, als einer unserer Kollegen hereinkommt. Aber ich höre es kaum. Mir wird eiskalt, und meine Haut fühlt sich an, als würde sie von meinem Körper bröckeln.

Ich kenne nur eine einzige Person mit so hellen, goldbraunen Augen. Und während ich das Foto betrachte, während ich versuche, die Brandwunden zu ignorieren  … Nein, es ist unmöglich. Er kann es nicht sein.

Aber ich weiß, dass er es ist.

Marshall.

3. KAPITEL

Zwanzig Jahre früher
Sagamore, Wisconsin

Marshall hatte das Geräusch nicht gehört.

Wie jeder Fünftklässler bewegte sich Marshall viel zu schnell, als er die Beifahrertür aufstieß. Viel zu schnell für die kleine und behäbige Stadt Sagamore. Noch bevor sein Dad die Automatik auf »Parken« stellte, war Marshall draußen in der Kälte und rannte zum Heck des Wagens. Er musste seine ganze Kraft aufbieten, um den Rollstuhl seines Dads aus dem Kofferraum zu wuchten.

Marshall war knapp zehn Jahre alt, der Jüngste in seiner Klasse, und alle sagten immer, er sei nur ein bisschen pummelig, nicht fett. Sein Gewicht sei optimal, aber seine Größe hinke ein wenig hinterher. Er selbst glaubte das ebenfalls und wartete begierig auf den Tag, an dem Gott die Dinge richten und ihn so machen würde wie die anderen Fünftklässler: so groß wie Vincent oder so dürr wie Beecher.

Marshall war ein sehr höfliches Kind, fast schon übertrieben höflich. Seine Mom war sehr streng und hatte ihm beigebracht, dass er das Zimmer zu verlassen hatte, wenn er Wind lassen musste, wie sie furzen nannte. Disziplin bestimmte den Haushalt der Lusks, und seine wichtigste Pflicht war es, sich um seinen Dad zu kümmern.

»Zu Diensten, Sir«, verkündete Marshall, als er den Rollstuhl zur Fahrertür schob, ein Witz, bei dem sein Dad immer zusammenzuckte.

»Auf C«, sagte sein Vater, drehte sich um und gab Marshall das Zeichen, die Bremse des Rollstuhls festzuklemmen und ihn festzuhalten. »A … B …«

»C …!«, sagten Marshall und sein Dad gleichzeitig. Marshalls Vater stemmte sich nur durch die Kraft seiner Arme aus dem Fahrersitz heraus und drehte sich Richtung Rollstuhl. Dabei schwang er das, was von seinen Beinen übrig war, durch die Luft.

Medizinisch gesprochen war Timothy Lusk beidseitig unterschenkelamputiert. In der Nacht des Unfalls fuhr er gerade seine schwangere Frau ins Krankenhaus, als ein brauner Minivan seinen Wagen rammte. Er wurde von einer Frau gefahren, die gerade einen epileptischen Anfall erlitt. Gott sei Dank wurde Marshall geboren, ohne einen Kratzer davongetragen zu haben. Timothys Frau Cherise war ebenfalls nichts passiert. Die Ärzte amputierten Timothys zerschmetterte Beine direkt unterhalb der Knie.

»Vorsicht …«, sagte Marshall, als das ganze Gewicht seines Vaters aus dem Wagen auf den Rollstuhl sank. Er hasste es, wenn sein Dad sich so beeilte, aber sein Vater war immer gereizt und ungeduldig, wenn er durch den Schnee behindert wurde. Obwohl die Nachbarn halfen, den Gehweg und die Auffahrt der Lusks vom Schnee zu räumen, konnten sie natürlich nicht die ganze Stadt freischaufeln. Für jemanden in einem Rollstuhl war der Winter wirklich äußerst unangenehm.

»Hast du ihn?«, blaffte sein Dad ihn an, als er auf dem Sitz landete und der Rollstuhl wegen des Schneematsches auf dem Boden etwas zurückrutschte. Der Stumpf seines linken Beines schlug gegen die Metallstange der Armstütze.

»Ich habe ihn!«, erwiderte Marshall, rückte seine dicke Brille zurecht und schob den Rollstuhl zum Bordstein. In zwanzig Jahren würde jede Straße mit einem tiefer gelegten Bordstein ausgestattet sein, und Rollstühle wogen dann kaum mehr als sechs Kilogramm. An diesem Tag in Sagamore, Wisconsin, jedoch waren die Bordsteine noch hoch, und Rollstühle wogen mehr als fünfundzwanzig Kilo.

Marshalls Vater hielt die Reifen fest und lehnte sich zurück, sodass der Rollstuhl nach hinten kippte.

Marshall hatte die Handgriffe des Rollstuhls gepackt und setzte die Vorderräder auf den Bordstein. Jetzt kam der schwerere Teil. Marshall war nicht besonders kräftig, und er war übergewichtig, aber er wusste, was er tun musste. Er legte seine Handflächen unter die Griffe, schob den Stuhl nach vorn und hob sie an, wobei er die Zähne zusammenbiss. Sein Vater drehte an den Rädern, versuchte, ihm zu helfen. Marshalls Handflächen wurden rot, und wo die Griffe sich in die Haut gruben, bildeten sich kleine weiße Inseln. Sie mussten beide all ihre Kraft zusammennehmen.

Es klappte.

Kein Problem. Es war ein Kinderspiel, sobald sie erst den Bordstein überwunden hatten.

»Galaktisch«, brummte Marshall.

Als jetzt sein Vater vor ihm über den Bordstein rollte, fehlte ihnen eine genaue Vorstellung, wohin sie eigentlich gehen wollten. Sein Vater hatte einfach nur ein bisschen nach draußen gewollt, um über die Dickinson Street zu bummeln, vielleicht ein Eiersandwich bei Danzas zu essen und einen Abstecher zu Farris’ Buchladen zu machen. Das alles änderte sich jedoch, als Marshalls Vater sagte: »Ich muss mal.«

»Was meinst du?«, erkundigte sich Marshall. »Was musst du?«

»Ich muss mal«, sagte er und deutete nach unten. Es war die plötzliche Panik in der Stimme seines Vaters, die Marshall klarmachte, was er meinte.

»Du musst pupsen?«, erkundigte sich Marshall.

»Nein! Ich muss pinkeln!«

»Aber hast du denn dafür nicht …?« Marshall machte eine Pause und spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss. »Sind denn dafür nicht die Beutel  …?« Er tippte an seinen eigenen linken Schenkel, zeigte jedoch auf den Beinbeutel, den sein Vater trug, um dort hineinzuurinieren.

»Er ist gerissen«, sagte sein Vater, während er sich auf der menschenleeren Straße umsah und trotzdem versuchte, seine Stimme zu dämpfen. »Der Beutel ist gerissen.«

»Wie konnte er reißen? Wir haben noch nicht einmal …« Marshall verstummte und warf einen Blick zurück zu ihrem Wagen. »Du hast ihn zerrissen, als du ausgestiegen bist, richtig?«

Er lief rasch hinter seinen Dad und packte die Griffe. »Wir fahren schnell zum Wagen zurück und dann sofort nach Hause …«

»Ich schaffe es nicht bis nach Hause.«

Marshall erstarrte. »Was?«

Sein Vater stoppte den Rollstuhl, hielt den Kopf gesenkt und den Rücken seinem Sohn zugekehrt. Es kostete ihn sichtlich ungeheure Überwindung, die Worte auszusprechen, und er würde sie nicht wiederholen. »Ich schaffe es nicht, Marshall. Es wird ein Missgeschick passieren.«

Marshall klappte den Mund auf, aber kein Wort drang heraus. Fast sein ganzes Leben lang war er wegen des Rollstuhls immer auf Augenhöhe mit seinem Vater gewesen. Das hatte er niemals bemerkt, bis zu diesem Moment. »Ich helfe dir, Dad.« Marshall packte die Griffe, drehte den Rollstuhl herum und schob ihn so schnell er konnte über den Bürgersteig. Der nächstgelegene Laden war Lesters Modegeschäft.

Sein Vater blieb stumm. Aber Marshall sah, wie er unbehaglich auf seinem Sitz hin und her rutschte.

»Wir sind fast da«, versprach Marshall. Er schob so schnell er konnte und hatte den Kopf gesenkt wie ein angreifender Bulle.

Es knallte, als der Rahmen des Rollstuhls mit der Betonstufe kollidierte.

»Ich brauche Hilfe! Machen Sie auf!«, schrie Marshall und hämmerte mit der Faust gegen die Glastür von Lesters Geschäft. Die kleine Glocke, die das Eintreten eines Kunden verkündete, bimmelte leise.

»Dad, zurückkippen!«, schrie Marshall, und sein Dad kippte den Stuhl zurück. Eine Angestellte, eine etwa dreißigjährige Frau mit schlechten Zähnen und glattem braunen Haar, öffnete die Tür.

»Das ist ein Notfall! Packen Sie die Vorderseite des Rollstuhls!«, schrie Marshall die Frau an, die sich gehorsam bückte. Er rammte seine Handflächen unter die Griffe. »Auf C …«, fuhr er fort. »A … B …«

Es knirschte, als die Hinterreifen des Rollstuhls die erste Stufe überwanden und gegen die zweite stießen.

»Wir sind fast oben! Nur noch eine Stufe!«, rief Marshall.

»Ich schaffe es nicht«, wiederholte sein Vater.

»Du schaffst es, Dad, ganz bestimmt. Du schaffst es!«

»Sir, Sie müssen aufhören, herumzuzappeln«, meinte die Angestellte, die sich anschickte, den Rollstuhl anzuheben.

»Und los!« Marshalls Stimme brach. »Die letzte Stufe. Auf C …!«

»Marsh, es tut mir leid … Ich kann nicht mehr.«

»Du kannst es, Dad! Auf C …!« Marshalls Stimme klang flehentlich.

Sein Vater schüttelte den Kopf, während ihm die Tränen in die Augen traten. Er umklammerte die Armlehnen seines Stuhles, und seine Hände zitterten, als würde er versuchen, aus der Haut zu fahren, sich aus dem Stuhl zu wuchten. Als wollte er vor seinem eigenen Körper davonlaufen.

»A … B …«

Mit einem letzten Krachen rumpelte der Rollstuhl über die Schwelle des Geschäfts. Eine Welle warmer Luft schlug ihnen entgegen, als sie ins Innere rollten.

Marshall sah eine Gruppe von Kunden vor sich, fast alles Mütter mit Kindern, die sich ihnen zwischen den Kleiderständern hindurch näherten.

Alles war in Ordnung.

»Moment mal, ich glaube, da läuft etwas aus«, verkündete die Angestellte.

Das Geräusch war unverkennbar. Ein stetes Plätschern auf dem Holzboden. Marshall hörte es, schaffte es aber nicht, hinzusehen. Er brachte es einfach nicht über sich.

»O Gott!«, platzte die Angestellte heraus. »Ist das etwa …?«

»Pippi.« Eine Fünfjährige begann zu kichern und deutete auf die kleine Pfütze, die sich unter dem Stuhl von Marshalls Vater bildete.

Marshall stand hinter dem Rollstuhl und umklammerte die Handgriffe, damit er nicht umkippte. Er konnte nur den Rücken seines Vaters sehen. Jahrelang hatte er sich gefragt, wie groß sein Vater tatsächlich war. Doch in diesem Moment, als sein Vater förmlich auf dem Stuhl zusammensank, während der Urin immer noch vom Stumpf seines Beines heruntertropfte, wusste Marshall, dass sein Vater niemals kleiner aussehen würde.

»Hier  …« Eine Kundin reagierte schnell und zog Taschentücher aus ihrer Handtasche. Marshall kannte sie. Sie arbeitete mit seiner Mutter zusammen in der Kirche. Es war die Frau von Pastor Riis; alle nannten sie Cricket. »Hier, Marshall, lass mich dir helfen …«

In einer Mischung aus Schuldbewusstsein und Freundlichkeit fielen alle Angestellten und Kunden im Geschäft ein, warfen Papiertaschentücher auf die Schweinerei, plauderten beiläufig und taten, als würde so etwas ständig passieren. Sagamore war eine Kleinstadt. Eine Kirchenstadt. Eine Stadt, die sich seit dem Unfall der Lusks stets um Marshall gekümmert hatte … und um seine Mom … und vor allem um seinen armen Dad im Rollstuhl.

Aber als sich all diese Frauen um ihn scharten, sah Marshall nicht seinen Vater an oder die Urinpfütze. Das Einzige, was er sah, war der blonde Junge mit dem unordentlichen Haarschopf, der ihn aus der Ecke des Geschäfts heraus anstarrte, neben einem der Warenregale.

Es war eine Sache, vor einem ganzen Raum mit Fremden gedemütigt zu werden. Aber es war etwas ganz anderes, vor jemandem gedemütigt zu werden, den man kannte.

»Marshall, wir haben deine Mutter angerufen. Sie ist unterwegs«, erklärte die Frau des Pastors. Sie hatte sich zu ihm hinabgebeugt.

Marshall nickte und tat, als wäre alles in Ordnung. Aber er ließ keine Sekunde den Blick von dem blonden Jungen in der Ecke … Es war ein Klassenkamerad aus der fünften Klasse namens Beecher. Er sah nicht weg.

In Beechers Blick lagen Anteilnahme und Trauer. Und auch Mitgefühl. Marshall aber sah nur das Mitleid.

4. KAPITEL

Heute
Washington D. C.

»Moment mal, du kennst ihn?« Ich stehe neben Totte in seinem Verschlag und starre auf das Polizeifoto von Marshall. Meine Beine sind steif, mein ganzer Körper ist taub, und meine Haut fühlt sich an,  als wäre das Blut in meinen Adern plötzlich geronnen. »Beecher …«

»Er heißt nicht Ozzie. Er heißt Marsh. Marshall. In der siebten Klasse nannten wir ihn immer Marshmallow.«

»Wann hast du ihn zum letzten Mal gesehen?«

»In der Junior Highschool.«

»Und kannte er sie?«, erkundigt sich Totte.

Ich sehe vom Telefon hoch. Ich dachte, das hier wäre eine Falle, die mir der Präsident gestellt hätte. Aber aus Tottes Frage schließe ich, dass er ebenfalls befürchtet, es könnte eine Falle von ihr sein, der anderen Person, die zufällig aus unserer kleinen Stadt stammt.

Clementine.

Meine Jugendliebe, mein erster Kuss und das Mädchen, das vor etwa zwei Monaten die brutale Tat des Präsidenten aufgedeckt und versucht hat, ihn damit zu erpressen.

Ich muss meinen Geschmack, was Frauen angeht, unbedingt verbessern.

»Du glaubst, Clementine …?«

Die Tür zu unserem Büro wird geöffnet. Die anderen Archivare trudeln allmählich ein. Ich kratze mich am Hinterkopf und hebe einen Finger. Es wird Zeit, dieses Gespräch draußen fortzusetzen. Als wir in den Flur treten, wimmelt es dort von Angestellten. Die Secret-Service-Agenten sind zwar längst verschwunden, aber wir bleiben stumm, während wir zu der Metalltür gehen, durch die wir zu den dunklen Bücherregalen im Herzen des Nationalarchivs gelangen. Bewegungssensoren schalten Lampen ein, deren Licht uns folgt, während wir an den mit Büchern gefüllten Regalreihen vorbeigehen.

»Du glaubst, Clementine hat etwas mit diesem Mord zu tun?«, frage ich, immer noch mit gedämpfter Stimme. Ich biege scharf nach links ab und folge Totte, bis er an unserem üblichen Versteck stehen bleibt, einem rostigen Metalltisch am Ende der Reihe.

»Schließlich hatte sie auch etwas mit dem letzten Mord zu tun, oder etwa nicht?«, erkundigt sich Totte. »Beim letzten Mal hat sie dich und deinen Job im Archiv benutzt, um Präsident Wallace zu erpressen. Dann hat sie Palmiotti erschossen, ist mit den Beweisen für die Körperverletzung, die der Präsident begangen hat, verschwunden und hat dabei fast dein Leben ruiniert. Willst du wirklich herausfinden, was ihr als Zugabe einfällt?«

»Du weißt nicht, ob es eine Zugabe gibt.«

»Beecher, ihr Vater ist Nico Hadrian.« Er spielt auf den Attentäter an, der einmal versucht hat, einen Präsidenten zu erschießen, und jetzt in der psychiatrischen Klinik von St. Elizabeths in Sicherungsverwahrung sitzt. »Du weißt, dass Clementine zurückkommt. Sie weiß vom Culperring. Wenn sie also immer noch hinter dem Präsidenten her ist …«

»Sie war nicht hinter ihm her. Sie hat ihn nur erpresst, um Informationen über ihren Dad zu bekommen.«

»Und das glaubst du? Hat sie nicht auch behauptet, dass sie an einem gerade erst diagnostizierten Krebs sterben werde und dass dein eigener toter Vater in Wirklichkeit noch am Leben sei?«

»Was meinen Vater angeht, hat sie gelogen!«

»Das weiß ich, und mir ist auch klar, wie sehr dich das verletzt hat. Es ist nicht so, dass Clementine Leute nur manipuliert, Beecher … Sie ist eine Jägerin, genauso wie ihr Dad. Sie hatte es auf den Präsidenten abgesehen, hat Palmiotti getötet und wird es, ohne mit der Wimper zu zucken, noch einmal versuchen. Der einzige Grund, warum sie sich damals an dich gewendet hat, war der, dass sie einen Sündenbock brauchte. Genauso wie jetzt.« Tottes grauer Bart schimmert in der Dunkelheit zwischen den Regalen. »Nun komm schon, du weißt doch, dass es nur eine Frage der Zeit war. Clementine hat den Präsidenten nicht wegen Geld erpresst. Sie wollte Informationen über ihren eigenen Dad, und du weißt genau, dass sie immer noch scharf auf diese Informationen ist. Wenn sie also dem Präsidenten etwas anbieten oder es dir einfach nur heimzahlen will, weil du sie beim letzten Mal aufgehalten hast, wäre das hier doch der ideale Weg, das zu bewerkstelligen. Dem Präsidenten zu helfen, dir einen Mordfall anzuhängen, aus dem du nicht mehr herauskommst. Sie muss nur Kontakt zu ihrem alten Freund Marshall aufnehmen …«

»Sie sind keine alten Freunde«, wende ich ein.

»Soll das heißen, sie kannten sich nicht?«

»Selbst wenn sie sich gekannt haben, nahe standen sie sich nicht.«

Totte denkt nach, während er diese Informationen verarbeitet. »Dir ist schon klar, dass deine Heimatstadt ein Nest voller Verrückter ist, oder?«

Ich nicke, während ich immer noch Tottes Telefon in der Hand halte und auf Marshalls Foto starre. Sowohl die wächserne Haut seines Gesichtes als auch sein schlaffes rechtes Auge machen Marshall mindestens zehn Jahre älter, als er ist. Und auch als ich bin. Und vor allem macht es ihn zu einem Opfer, das zehnmal mehr gelitten hat.

»Glaubst du denn, dass der Präsident Marshall zu dem hier angestiftet hat? Ich meine, falls Clementine nichts damit zu tun hat?«, erkundigt sich Totte.

»Ich habe keine Ahnung. Ich weiß nur eins: Zwei Minuten, nachdem du mir erzählt hast, dass der Präsident mich erledigen wird, werde ich plötzlich eines Verbrechens beschuldigt, das eigentlich von der Washingtoner Polizei bearbeitet werden sollte, magischerweise jedoch in den Händen des Secret Service gelandet ist. Und hast du gehört, was diese Agenten gesagt haben? Die Polizei hat Marshall wegen Mordes verhaftet, aber jetzt läuft er bereits wieder frei herum. Kommt dir das nicht auch ein bisschen verdächtig vor?«

»Vielleicht hat er ja eine Kaution gestellt?«, spekuliert Totte.

»Er hat keine Kaution gestellt«, ertönt eine Roboterstimme in Tottes Handy. Tadellose Täuschung.

Ich werfe Totte einen vorwurfsvollen Blick zu. »Du hast ihn die ganze Zeit mithören lassen?«

»Es gibt keinerlei Aufzeichnungen darüber, dass eine Kaution gestellt worden wäre«, unterbricht uns Tad. »In dem Polizeibericht steht nur, er sei freigelassen worden. Entweder hatten sie nichts gegen ihn in der Hand, oder aber Marshall hat einflussreiche Freunde, die nicht davor zurückschrecken, große Gefälligkeiten einzufordern.«

Dazu fällt Totte nichts ein. Das ist es. Der Präsident schlägt zurück.

Als ich im Archiv angefangen habe, habe ich gelernt, dass gute Archivare sich an die Regeln halten, während großartige Archivare ihren Instinkten folgen.

»Sie behaupten, er habe einen Pfarrer umgebracht?« Ich starre immer noch auf Marshalls Polizeifoto.

»Ja, und er hatte dabei einen Zettel mit deinem Namen in der Tasche. Warum?«

»Einfach so.«

Totte ist zwar auf einem Auge blind, aber er sieht trotzdem alles. »Beecher, diesen Blick kenne ich. Und ich weiß auch, dass dein Gehirn niemals irgendetwas vergisst … Deshalb bist du so ein großartiger Archivar. Aber was auch immer du über Marshall denkst, du musst es vergessen. Er ist nicht mehr dein Jugendfreund.«

Selbstverständlich hat Totte recht. Ich werfe einen Blick auf das Display, auf Marshs heutiges, verbranntes Gesicht, das fast wie eine Maske aussieht. Dann springe ich wieder in Gedanken nach Wisconsin zurück, durchforsche alte Erinnerungen und suche nach Verbindungen. Vielleicht ist diese Falle tatsächlich Clementines Hirn entsprungen. Oder aber der Präsident hat sie mir gestellt, weil er mich zum Schweigen bringen will und mich immer noch für den Tod seines besten Freundes verantwortlich macht. Oder aber er ist hinter dem Culperring her. Aber als mich Marshs Augen anstarren …

»Ich kann uns zum Tatort bringen«, verkündet Tadellose Täuschung durch Tottes Telefon.

Er klingt, als wäre das eine gute Nachricht. Und das ist sie auch. Je mehr Informationen wir bekommen, desto besser. Aber in meinem Kopf erklingt immer noch Tottes Warnung von vorhin: dass der Präsident bereits genau weiß, wie das endet. Als wir also zwischen den Regalen heraustreten und die Lampen hinter uns aufflammen, kann ich das Gefühl einfach nicht abschütteln, dass alles, was wir jetzt tun …

… genau das ist, was der Präsident will.

5. KAPITEL

Gelbes Polizeiband versperrt die Seitentür. Totte ist zu alt, um sich darunter hinwegzuducken. Er zieht es ab und lässt es wie den Schwanz eines Drachens in der Luft flattern. Ich folge ihm langsam zum Tatort.

Als wir die St. John’s Church betreten, haben wir den Eindruck, in einem alten Haus im Kolonialstil zu sein, das mit Büromöbeln eingerichtet ist.

»Würden Sie sich bitte eintragen?«, ruft uns jemand freundlich an.

Von rechts nähert sich uns ein Mann mit kurz geschorenem blonden Haar und einem athletischen Körperbau, der fast aus seinem dunklen Anzug platzt. Seine Art zu gehen versprüht eine solche Autorität, dass selbst Totte ein wenig zurückweicht.

»Wir sind hier mit Hayden Donius verabredet«, erwidert Totte. Ich kann mich an den Namen nicht erinnern.

»Tragen Sie sich einfach ein. Das Klemmbrett liegt da drüben.« Der Mann deutet auf eine antike Anrichte, und man sieht das Spiel seiner Muskeln unter dem Stoff seines Anzugs. »Hier haben Sie einen Stift. Aber Wiedersehen macht Freude«, scherzt er und drückt Totte einen blau-orangefarbenen Kugelschreiber der Universität von Virginia in die Hand.

Im nächsten Moment ist er verschwunden und lässt Totte und mich allein mit …

»Hayden Donius«, begrüßt uns ein großer Mann mit einer sanften Stimme und einem altmodischen, grauen dreiteiligen Anzug. Er schüttelt uns beflissen mit beiden Händen die Hände und stellt sich als der geschäftsführende Kirchenvorsteher vor. »Und Sie sind der Freund von …?«

Totte unterbricht ihn mit einem Nicken. Die beiden Männer tauschen einen vielsagenden Blick, und mir fällt wieder ein, was Totte sagte, als er mich in den Culperring einlud. Es gibt nur wenige Mitglieder, aber sehr viele Freunde.

»Ich weiß wirklich … Wir wissen es sehr zu schätzen, dass Sie gekommen sind.« Haydens Stimme zittert, als Totte an der Anrichte vorbeigeht und das Klemmbrett ignoriert. Stattdessen betrachtet er das breite Fenster rechts von uns.

Ich sehe, worauf er blickt. Durch das Fenster, hinter den kahlen Bäumen des Lafayette-Parks sieht man das berühmteste Wahrzeichen der Stadt. Das Weiße Haus. Das Heim von Präsident Orson Wallace.

»Verdammt dicht am Schauplatz des Verbrechens«, stelle ich mit einem vielsagenden Blick fest.

Totte nickt. Ihm ist sehr wohl bewusst, wie sehr das stinkt … und wie sehr uns das bekannt vorkommt.

Vor zwei Monaten war es Clementine. Heute ist es Marshall. Zwei Mörder, beide aus meiner winzigen Heimatstadt und beide ganz dicht am Präsidenten der Vereinigten Staaten. Was mir noch mehr zu schaffen macht, ist die Vorstellung, wie schnell sie Marshall freigelassen haben, obwohl er angeblich unter Mordverdacht steht. Selbst wenn Totte mir nicht gesagt hätte, dass der Präsident es auf mich abgesehen hat – wie viele Leute könnten schon so viel Einfluss geltend machen?

»Wir sollten anfangen«, sagt Totte. Er weiß, dass wir den Präsidenten nur aufhalten können, wenn wir beweisen, was er wirklich vorhat.

Hayden führt uns weiter in die Kirche. Er sieht müde aus, so als wäre er die ganze Nacht wach gewesen.

Ich sehe mich um. Es gibt hier nur sechs Büros. Das hier ist eine kleine Kirche. Und der Pfarrer, dem man die Kehle durchgeschnitten hat, war nicht nur irgendein Mitarbeiter. Er war Haydens Freund.

»Tut mir leid, Leute«, erklärt ein junger schwarzer Polizist, als wir uns dem Büro am Ende des Hauptganges nähern. »Die Detectives haben gesagt, dass niemand da rein darf, bis sie wieder vom Mittagessen zurück sind und die Spurensicherung mit ihrer Arbeit fertig ist.«

»Aber das ist mein Büro«, protestiert Hayden. »Ich muss meine Arbeit tun.«

Der Officer nickt, gibt allerdings nicht nach. »Wenn sie sagen niemand, dann meinen sie niemand. Ich mache die Regeln hier nicht. Jedenfalls solange nicht, bis man mir auch einen Anzug und eine Krawatte spendiert.«

Er wartet darauf, dass wir widersprechen, aber von der Tür aus können wir sehen, was da drin vorgeht. Die beiden Typen von der Spurensicherung, ein Asiate und ein kahlköpfiger Weißer, huschen durch das Büro, machen Notizen und schießen ein paar letzte Fotos. In einer Ecke markieren ein paar gelbe Plastikschilder mit Pfeilen die Stellen, wo das Blut auf das Bücherregal und das Fenster gespritzt ist. Dort hat der Mörder dem Pfarrer die Kehle durchgeschnitten.

All das steht in dem Polizeibericht, den Tad uns auf dem Weg hierher besorgt hat. Ein Schuss in die Schulter; eine durchgeschnittene Kehle. Hayden geht durch den Flur in das Kirchenschiff und weiter zu den Bänken. Erst als wir vor einer Doppeltür stehen, die mit einem gelben Polizeiband gesichert ist, wird er plötzlich langsamer.

Er bricht die Regeln, indem er uns hier hereinlässt. Er übertritt das Gesetz. Glücklicherweise weiß er, dass einige Dinge wichtiger sind.

»Versprich mir, dass ihr euch beeilt«, bittet er Totte, als ich das Polizeiband anhebe und in die eigentliche Kirche trete. Hier sind die Decken wesentlich höher. Ich sehe reich verzierte Balkone an den Wänden, die große Kuppel und die bunten Glasfenster, durch die das Morgenlicht wie ein Kaleidoskop in die Kirche der Präsidenten flutet. Der Raum besteht aus einem halben Fußballfeld voller Bänke, aber es ist der vertraute Kirchengeruch nach Rosenkerzen, alten Büchern und abgestandener Luft, der mich wieder in meine Kindheit zurückversetzt und Erinnerungen an meinen eigenen toten Vater heraufbeschwört.

»Man glaubt, dass der Mörder hier angefangen hat«, sagt Hayden. Er führt uns durch den Mittelgang. Neben uns, auf den Armstützen jeder Bankreihe, bezeichnen kleine goldfarbene Schilder die Wohltäter der Kirche. Jede Bank ist eine Spende, bis auf diejenige, die auf etwa einem Drittel des Weges zum Altar liegt. Bank vierundfünfzig. Auf dem goldenen Schild steht einfach nur: Präsidenten-Bank.

»Ich bin überrascht, dass der Präsident nicht in der ersten Reihe sitzt«, erklärt Totte.

»Daran trägt James Madison die Schuld«, erklärt Hayden. »Als er Präsident war, konnte er sich eine Bank aussuchen. Er aber meinte: ›Wählt ihr eine für mich aus.‹ Also haben sie ihn als einen Mann des Volks platziert. Direkt in der Mitte.«

»Und Präsident Wallace hält sich daran?«, erkundige ich mich.

»Er ist bislang nur einmal hier gewesen. Einige Präsidenten beten eben mehr als andere. Aber alle Präsidenten wollen ein Teil der Geschichte sein.« Während er das sagt, deutet er auf die Bank. Auf dem Boden sieht man vier Knieschoner mit geklöppelten Kissen, auf denen die Leute beten. Und auf jedem Kissen ist mit goldenen Buchstaben ein anderer Name eingestickt: George W. Bush. Barack Obama. Leland Manning. Und auch ein uraltes Kissen, das erste, von vor zweihundert Jahren. James Madison.

»Wo ist das Kissen für Präsident Wallace?«

»Ein Kissen bekommt man erst, wenn man aus dem Amt scheidet«, erklärt Hayden. Er treibt uns immer noch an, während er zum hinteren Teil des Raumes geht. Die Zahl der Kissen in den Bänken nimmt immer mehr zu. Ronald Reagan. Woodrow Wilson. Bill Clinton. Harry Truman. Irgendwann einmal kam jeder von ihnen in diese Kirche und hat vor Gott das Knie gebeugt. Eine Geste der Demut. Aber als ich mir unseren derzeitigen Präsidenten vorstelle und die Macht, die er gegen mich einzusetzen droht … Ich wage nicht, auch nur darüber nachzudenken.

Wir erreichen die letzte Bank. Die beiden letzten Bankreihen sind ebenfalls mit Polizeiband abgesperrt, weil hier der Mörder seinen ersten Schuss auf den Pfarrer abgegeben hat. Weitere Schildchen mit kleinen Pfeilen darauf markieren die Blutspritzer auf den Bänken und dem Holzboden. Diesmal jedoch kenne ich die Bank, die wir vor uns haben … Sie ist berühmter als alle anderen Bänke zusammen.

Die Lincoln-Bank.

Es ist die letzte Bank, die allerletzte Reihe. Damals, in den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, überquerte Abraham Lincoln die Straße vor dem Weißen Haus, schlich sich in diese Bank ganz hinten in der Kirche und verschwand, bevor der Gottesdienst zu Ende war. Auf dem goldenen Schild an der Wand steht: Er kam immer allein.

»Der Mörder hat also von dieser Bank aus auf den Pfarrer geschossen?«, erkundigt sich Totte.

Hayden antwortet etwas, aber ich höre es nicht. Ich betrachte die Bank … die hölzernen Bänke … den harten Holzboden. Aber je genauer ich hinsehe, desto deutlicher merke ich … Irgendetwas stimmt nicht.

»Also gut, ihr habt die Bank gesehen. Können wir jetzt gehen?«, bettelt Hayden.

Ich rühre mich nicht.

»Beecher, was ist los?«, erkundigt sich Totte. »Siehst du etwas?«

Ich antworte nicht.

Neben mir streicht sich Totte mit dem Stift, den er immer noch in der Hand hat, über die Spitze seines Bartes. Er folgt meiner Blickrichtung und lässt den Blick seines guten Auges über die Bank gleiten, hinauf zu dem bunten Glasfenster darüber, dann zu der Rückwand der Kirche, die bündig mit der Rückenlehne der Bank abschließt. Er sieht es immer noch nicht.

»Wir müssen gehen«, erklärt Hayden. »Die Detectives haben von mir verlangt, all unsere Angestellten anzurufen. Sie wollen, dass alle zu Hause bleiben. Wenn sie euch also hier finden …«

»Hayden, ich brauche zwei Minuten«, sage ich ihm.

»Du hast gesagt, es ginge schnell!« Hayden wendet sich an Totte.

»Hayden!« Ich hebe meine Stimme gerade so weit, dass er sich zu mir herumdreht. »Hören Sie mir zu. Wissen Sie, wer Joseph B. Stewart ist?«

Hayden hält verwirrt inne. »Wer?« Er wirft einen Blick über die Schulter. »Ist das ein Gemeindemitglied?»

»Hören Sie mir zu«, wiederhole ich drängend. »In jener Nacht, in der Lincoln im Ford’s Theatre erschossen wurde, war Joseph B. Stewart der einzige Zuschauer, der aufgesprungen und hinter John Wilkes Booth hergerannt ist. Denken Sie einen Moment darüber nach. Der Präsident stirbt. Man hat ihm eine Bleikugel ins Hirn gejagt, die bis hinter sein rechtes Auge gedrungen ist. Natürlich schreien Hunderte von Menschen wie verrückt, aber in diesem Moment fasst sich Joseph B. Stewart ein Herz. Er springt geistesgegenwärtig von seinem Sitz in der ersten Reihe auf und hechtet über den Orchestergraben, um Booth zu packen, als der Attentäter über die Bühne rennt. Stewart ist wirklich über die Stuhllehnen gehüpft, während er ihn verfolgt hat. Und, gewiss, Booth ist entkommen. Aber in jenen ersten Tagen nach diesem Mord war Joseph B. Stewart Amerikas Held.«

»Worauf wollen Sie hinaus?«, erkundigt sich Hayden.

»Ich will auf Folgendes hinaus: Heute hat die Geschichte Stewart vergessen, aber als er sich damals dieser Herausforderung gegenübersah, hat er das Richtige getan. Jetzt sind Sie dran, Hayden. Ich brauche hier nur zwei Minuten. Wollen Sie uns wirklich hinauswerfen?«

Hayden steht regungslos da, während er meine Worte verdaut.

»Bitte  …«, fleht er dann und wirft erneut einen Blick über seine Schulter. »Bitte beeilen Sie sich wenigstens.«

6. KAPITEL

Ich laufe zurück in den hinteren Teil der Kirche, vorbei an dem Abspannband der Polizei, in das kleine Vorzimmer, das zum offiziellen Eingang führt.

»Beecher …!«, ruft Totte. Er humpelt so schnell er kann hinter mir her.

Ich werde nicht langsamer.

»Beecher … Wirst du wohl …! Was hast du herausgefunden?«

»Totte, in der Nacht von Lincolns Ermordung im Ford’s Theatre ist John Wilkes Booth nicht einfach hereinmarschiert und hat abgedrückt. Erzähl mir doch mal, was du über die Vorsichtsmaßnahmen weißt, die er getroffen hat.«

Er kennt die Geschichte. »Er hat ein Loch in die Tür gebohrt.«

»Ganz genau. Einige Stunden vor Beginn des Theaterstücks ist Booth zu Lincolns Loge gegangen und hat ein Guckloch in die rechte Seite der Tür gebohrt, damit er hindurchblicken und sich davon überzeugen konnte, dass keine Leibwächter dort waren. Und was noch?«

»Er hat ein langes, schmales Stück Kiefernholz mitgebracht, das von einem alten Notenständer stammte, und hat es in der Loge versteckt, um damit die Tür zu verrammeln, sobald er drin war.«

»Und was ist mit den Waffen?«

»Eine einschüssige Derringer, Kaliber vierundvierzig. Aber weil er nur diesen einen Schuss abgeben konnte, hatte er auch ein Messer dabei, das …« Totte unterbricht sich, weil ihm einfällt, was über den Pfarrer im Polizeibericht steht. Einmal in den Rücken geschossen, dann die Kehle durchgeschnitten. »Moment mal. Glaubst du wirklich …?«

»Sieh es dir selbst an.« Ich greife nach einem alten Aquarellgemälde, das an der Wand hängt. Es zeigt die Kirche zu einer Zeit, als sie neben dem Weißen Haus das einzige Gebäude im ganzen Block war. Aber als ich den Rahmen von der Wand nehme …

Da ist es.

Unmittelbar unter dem Nagel, der das Bild hält, befindet sich ein kleines, rundes Guckloch. Und selbst von meinem Standort aus erkenne ich, dass man dadurch von der anderen Seite aus auf die Lincoln-Bank blicken kann.

»Nachdem mir dieses Loch aufgefallen ist, habe ich danach gesucht …« Ich deute auf den Haupteingang der Kirche und die Metallurnen, die als Schirmständer dienen. Darin befinden sich zwei Schirme, die irgendwelche Kirchenbesucher einmal dort vergessen haben. Und ein langes, schmales Stück Kiefernholz.

»Mein Gott«, flüstert Hayden.

»Du glaubst also, dass dein Freund John Wilkes Booth nachmacht?«, erkundigt sich Totte.

Ich antworte nicht, während ich in Gedanken noch einmal die Einzelheiten durchgehe. Wenn man die Todeszeit bedenkt  … die Art und Weise, wie der Mord durchgeführt und vorbereitet wurde … Das hier ist nicht das Werk eines einfachen Nachahmers. Das hier ist etwas Neues. Und wenn dem so ist …

Nein.

Ich hole mein Smartphone heraus und blättere meine E-Mails durch.

Totte beobachtet mich nachdenklich und tippt dann mit dem Stift gegen seinen Bart. »Beecher, nun spuck schon aus, was dir auf der Seele liegt.«

»Jedes noch so kleine Detail der Nacht, in der John Wilkes Booth abgedrückt hat, ist untersucht worden«, sage ich, während ich immer noch meine Mails durchblättere. »Wie Booth es geplant hat … Seine Mitverschwörer, mit denen er zusammengearbeitet hat … Was er im Saloon nebenan getrunken hat …«

»Whisky Soda«, wirft Totte ein.

»Aber was ist das eine Detail, das einzige, das niemand, und ich meine wirklich niemand, in fast einhundertfünfzig Jahren klären konnte?«

Totte muss noch nicht einmal Luft holen. »Wie Booth an dem Kammerdiener des Weißen Hauses vorbeigekommen ist.«

»Bingo. Wie Booth an dem Kammerdiener des Weißen Hauses vorbeigekommen ist.«

Ich bemerke die Verwirrung in Haydens Gesichtsausdruck. »Damals«, erkläre ich, »waren die Sicherheitsmaßnahmen im Ford’s Theatre mehr als nur erbärmlich. Der Polizeibeamte, der Lincolns Privaträume bewachen sollte, hat seinen Posten tatsächlich verlassen, um das Theaterstück besser sehen zu können. Als Booth dann schließlich bis dorthin gelangt war, war der einzige Posten, der dort Wache stand, Charles Forbes, Lincolns Kammerdiener aus dem Weißen Haus. Die Historiker sind sich darin einig, dass Booth stehen geblieben ist und mit dem Kammerdiener geredet hat. Weiterhin halten sie alle für erwiesen, dass Booth dem Kammerdiener eine Karte gezeigt hat. Was jedoch niemand weiß, ist, was auf dieser Karte gestanden hat. Was hat Booth ihm gezeigt? Was stand darauf ?«

»Einige behaupten, es wäre ein Brief gewesen«, übernimmt Totte. »Andere sind der Meinung, es wäre Booths Visitenkarte gewesen, die ihm, da er ein berühmter Schauspieler war, ganz sicher alle Türen geöffnet hätte.«

»Also noch einmal, das, was auf dieser mysteriösen Karte stand, war der Grund, warum der Kammerdiener beiseitetrat und Booth in die private Loge von Lincoln ließ.«

Totte kennt mich lange genug, um zu wissen, dass ich noch nicht fertig bin.

»Jetzt sag mir nicht, Beecher, du weißt, was auf dieser Karte stand.«

Ich deute mit einem vielsagenden Blick auf mein Smartphone. »Weißt du noch, was sie in der Tasche dieses Verdächtigen gefunden haben?«

Er nickt. Ich spiele darauf an, dass Marshall meinen Namen und meine Telefonnummer bei sich hatte.

»Also, wenn Leute so etwas bei sich haben, erweckt das natürlich meine Aufmerksamkeit. Deshalb habe ich Tad gebeten, mir auf der Fahrt hierher eine komplette Liste seiner Habseligkeiten zu schicken. Und nun sieh, was er noch bei sich hatte …«

Ich drückte eine Taste auf meinem Telefon, und auf dem Bildschirm öffnet sich eine Bilddatei. Ich halte sie hoch, damit Totte sie gut sehen kann.

Totte kneift die Augen zusammen. Hayden beugt sich herüber.

»Alte Spielkarten?«, fragt Hayden.

»Ein komplettes Spiel«, erwidere ich. »So wie sie aussehen, stammen sie aus dem neunzehnten Jahrhundert.«

»Ich verstehe trotzdem nicht, was das mit dieser geheimnisvollen Karte von John Wilkes Booth zu tun haben soll.«

»Nun, Gott segne die Polizei von Washington D. C. dafür, dass sie jeden einzelnen Gegenstand auflistet. Denn als ich gerade eben ihre komplette Liste durchgesehen habe, stellte ich fest, dass nur eine einzige Karte von dem Spiel fehlt: und zwar Pikass.«

7. KAPITEL

»Beecher, ich komme da nicht mehr mit«, meint Totte.

»Das Kartenspiel«, erkläre ich. »Darin fehlt das Pikass. Er hatte ein Kartenspiel dabei, bei dem eine Karte fehlt!«

»Also, wenn wir es nicht mit dem Riddler zu tun haben, soll das wahrscheinlich irgendetwas bedeuten, oder?«

»Sieh dich doch um …!« Ich deute von dem Guckloch auf den Kiefernstock im Schirmständer. »Dieser Bursche …«

»Du meinst Marshall.«

»Wir wissen nicht, ob es Marshall gewesen ist. Aber wer auch immer es war, er hat den Mord an Abraham Lincoln peinlich genau und bis ins letzte Detail nachgestellt. Und der Mord an Lincoln war nur möglich, weil John Wilkes Booth in die Loge gelassen wurde, nachdem er irgendeine geheimnisvolle Karte vorgezeigt hatte. Und jetzt hat dieser Bursche, den wir suchen, zufälligerweise und ausgerechnet … uralte Spielkarten dabei.«

»Ich möchte dazu nur Folgendes sagen«, unterbricht mich Hayden, der immer noch Mühe hat, mir zu folgen. »Selbst wenn das die besagte historische Karte ist, von der Sie da sprechen, wem hätte er sie dann geben sollen? Die Kirche war gestern Nacht verschlossen. Niemand war hier.«

»Was ist mit heute Morgen?«, frage ich. »Er könnte sie für jemanden hiergelassen haben. Waren Sie der Erste, der hereingekommen ist?«

»Ich bin immer der Erste, der hereinkommt. Und, wie ich Ihnen schon sagte, habe ich, als man mich gestern Nacht angerufen hat, alle Angestellten benachrichtigt und sie gebeten, heute zu Hause zu bleiben.«

»Was ist mit dem Kerl mit dem Anmeldeformular?«, erkundige ich mich.

»Wie bitte?« Hayden sieht mich verständnislos an.

»Als wir hereinkamen … Dieser Kerl … Der in dem billigen Anzug …« Totte hält den Stift hoch, den er ihm gegeben hat. »Er hat mir gesagt, wir müssten uns eintragen.«

»Ich dachte, er wäre …« Hayden unterbricht sich. »Moment mal, das ist kein Polizist?«

Mein Hemd klebt mir an der Brust. »Sie sagten, alle Detectives seien beim Mittagessen«, antworte ich.

Totte wirft einen Blick auf den Stift. Ich weiß nicht genau, was er da sieht. Ich kenne mich vielleicht in der Geschichte von Abraham Lincoln aus, aber Totte ist schließlich schon erheblich länger in dem Geschäft als ich. Aus einem Impuls heraus schraubt er eilends den Stift auf. Im vorderen Teil befindet sich die schmale Mine. Aber in dem hinteren Teil … ist ein kleiner, roter Draht mit einem noch kleineren Sender verbunden. Ein Mikrofon. Wir haben die ganze Zeit ein Mikrofon in der Hand gehalten.

Totte wirft mir einen vielsagenden Blick zu.

Ich laufe so schnell ich kann durch die Kirche zu den Büros im hinteren Teil. Wer auch immer dieser Kerl ist, er kann nicht allzu weit gekommen sein.

8. KAPITEL

»Als wir hereinkamen … Dieser Kerl … Der in dem billigen Anzug …« Das ist der ältere Mann, dieser Totte. »Er hat mir gesagt, wir müssten uns eintragen.«

»Ich dachte, er sei … Moment mal, das ist kein Polizist?«

Secret-Service-Agent A. J. Ennis überquerte die von Schneematsch bedeckte H-Street und trat dann in den gut geräumten Lafayette Park. Er ging ruhig und unauffällig und registrierte nicht einmal die Bemerkung über seinen »billigen Anzug«. Stattdessen drehte er, ganz auf das vorliegende Problem konzentriert, so wie er es gelernt hatte, die Lautstärke des schmalen Empfängers höher, der in seiner Jackentasche steckte.

Für A. J. war es kein Problem gewesen, ihnen den Stift mit dem eingebauten Sender unterzuschieben. Er hatte die Idee aus einem etwas überzeichneten Kriminalroman geklaut, den er vor ein paar Jahren gelesen hatte. Dort hatte ein raffinierter Ermittler dasselbe gemacht.

In dem Roman hatte dieser Ermittler natürlich alle gerettet und war dann in den Sonnenuntergang hineingeritten. Aber A. J. wusste, dass das Leben, vor allem sein aktuelles Leben, nicht so einfach war.

»Verflucht«, sagte er leise, als er die Kein-Signal-Anzeige auf dem Empfänger sah, und strich sich mit der Hand über sein kurzes blondes Haar. Sie hatten den Sender gefunden. Die wenigsten Leute fanden ihn, was bedeutete, die Warnung, die man A. J. mit auf den Weg gegeben hatte, traf zu. Beecher und Totte waren keine Anfänger. Aber A. J. auch nicht.

Es gab einen Grund dafür, dass man A. J. zur Kirche geschickt hatte. Es war derselbe Grund, weswegen A. J. Präsident Orson Wallace nach Camp Davis begleitet hatte und auch auf seinem unplanmäßigen Besuch in Ohio, der seine Loyalität gegenüber dem Präsidenten auf die Probe gestellt hatte. Zum Glück für A. J. hatte er den Test bestanden.

Natürlich war das alles nicht nur Glück gewesen. In Johnson City, Tennessee, aufgewachsen, hatte A. J. Ennis als Kind davon geträumt, wie Jacques Cousteau zu werden. Als jedoch sein Vater krank wurde und seine Mutter pleiteging, wurden die Träume des jungen A. J. sehr viel realistischer.

Aber nicht lange. Nach der Business School in Duke und drei zähen Jahren als Investmentbanker setzte sich der Forscher in ihm wieder durch. Er wusste, dass es aufregendere Dinge zu jagen gab als Geld. Als er sich beim Secret Service bewarb, hatte es nichts mit Glück zu tun, dass er eingestellt und sehr schnell befördert wurde. Ebenso wenig wurde er nur durch eine glückliche Fügung zum persönlichen Schutz des Präsidenten abgestellt. Beim Service erkannte man Talente, wenn sie sich zeigten.

Was der Service jedoch nicht wusste: Dreißig Jahre zuvor war der Vater von A. J. einer von Präsident Orson Wallaces engsten Freunden während des Jurastudiums gewesen. A. J. hatte diese Verbindung niemals erwähnt oder sich ihrer sonst wie bedient, aber er wusste, dass sie der Grund für sein »Glück« war.

Und noch glücklicher war der beste Freund des Präsidenten, Dr. Stewart Palmiotti, denn A. J. war nach seiner Beerdigung derjenige, der Palmiotti zu einer neuen Identität verholfen hatte.

A. J.s Handy vibrierte in seiner Hosentasche. Der Anrufer auf dem Display war »Kings Copiers«, ein Copyshop in Maryland, der seit mindestens zwei Jahren geschlossen war.

»A. J.«, sagte er, nachdem er das Gespräch angenommen hatte.

Am anderen Ende der Leitung herrschte Schweigen.

»Sie hatten recht, was die Kirche anging«, sagte A. J.

Keine Antwort.

»Sie sind beide da. Ich habe ihn gesehen. Es war Beecher.« A. J. sprach weiter, bevor ihm erneut Schweigen entgegenschlagen konnte. »Ich weiß, dass es nicht optimal läuft, Sir. Aber das bedeutet nicht, dass es ein totales Desaster sein muss. Wir können immer noch …«

Es klickte. Der Präsident der Vereinigten Staaten hatte einfach aufgelegt.

A. J. wählte hastig eine andere Nummer.

Das Telefon klingelte einmal … zweimal …

»Wo haben Sie gesteckt?«, fragte Palmiotti ohne Einleitung. »Brauchen Sie mich da unten? Ich kann in …«

»Bleiben Sie, wo Sie sind.«

»Aber ich kann …«

A. J. hätte ihn am liebsten angeschrien. Aber er wusste, was Palmiotti in diesen letzten Monaten durchgemacht und was er geopfert hatte, um ihr Geheimnis zu wahren. Durch die vorgetäuschte Beerdigung hatte Palmiotti eine zweite Chance erhalten. Jedenfalls sah er das so. Es war seine Chance, alles wiedergutzumachen.

Was nicht bedeutete, dass es einfach gewesen wäre. Der Gesundungsprozess dauerte länger als erwartet. Clementine hatte ihn direkt in den Hals geschossen.

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