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Der fliegende Mönch

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. I. Teil
    1. Die Feder – Dritter bis fünfter Juni 1616
    2. Dritter Juni
    3. Vierter Juni
    4. Fünfter Juni
  8. II. Teil
    1. Der Flügel – Siebter bis zehnter Juni 1616
    2. Siebter Juni
    3. Achter Juni
    4. Neunter Juni
    5. Zehnter Juni
  9. III. Teil
    1. Der Flug – Elfter bis vierzehnter Juni 1616
    2. Elfter Juni
    3. Zwölfter Juni
    4. Dreizehnter Juni
    5. Vierzehnter Juni
  10. Nachwort des Autors
  11. Glossar
  12. Danksagung

Über den Autor

Simon X. Rost, geb. 1972, arbeitet als Regisseur und Drehbuchautor sowohl für Lübbe Audio (Mitschnitt, Die Playmos) als auch für Film und Fernsehen. Das gleichnamige Theaterstück des Autors fand an Freilichtbühnen in Schussenried und Maulbronn bereits Tausende begeisterte Zuschauer.

Simon Rost wohnt in Stuttgart. Dies ist sein erster Roman.

I. Teil

Die Feder

Dritter bis fünfter Juni 1616

Und da der Drache sah, dass er verworfen war auf die Erde, verfolgte er das Weib, die das Knäblein geboren hatte. Und es wurden dem Weibe gegeben die zwei Flügel des großen Adlers, dass sie in die Wüste flöge an ihren Ort, wo sie ernährt würde eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit fern von dem Angesicht der Schlange.

Offenbarung 12, 13–14

Dritter Juni

»Bleib stehen, Hexe!«

Die Äste schlugen ihr ins Gesicht. Sie spürte, wie das Blut von ihrer Stirn über ihre spitzen Wangenknochen zu ihrem Kinn rann. Schlehdorn, schoss es ihr durch den Kopf, obwohl es der unpassendste Moment schien, so etwas zu denken. Sie rannte, und ihre Verfolger waren dichtauf. Sie hörte sie schreien, konnte den Widerschein der Fackeln durch das Gestrüpp erkennen. Im April sollst du die Zweige des Schlehdorns schneiden und ein paar Tage liegen lassen, dachte sie, sodann die Rinde abklopfen, mit Wasser ansetzen und wiederum drei Tage stehen lassen. Denk nicht an das Rezept, ermahnte sie sich, du musst weg!

Das Herz schlug ihr im Hals. Sie war aus dem Turm entkommen, und sie war bis hierher gerannt, aber ihre Verfolger kamen immer näher. Jemand hatte sie erkannt, als sie an den letzten Häusern vor dem freien Feld vorbeischlich. Die Schreie waren jetzt dichter dran. Im fahlen Mondlicht blitzten die Sensen und die Dreschflegel auf, die ihre Verfolger über dem Kopf schwangen.

Sodann muss das rotbraune Wasser abgegossen, aufgekocht und mit der Rinde versetzt werden, dachte sie und blickte in das Dunkel vor sich. Da war der Wald. Sie roch das Moos und den modrigen Geruch alter Buchenblätter. Die Bluthunde bellten. Sie würden bald da sein, wenn sie nichts unternahm. Der Vorgang muss einige Male wiederholt werden, bis die Rinde völlig ausgelaugt ist, dachte sie. Vorsichtig machte sie einen Schritt in das Dunkel. Ein trockener Ast zerbrach unter ihren nackten Füßen.

»Da! Da ist sie!«

Der Mann war allein, er brach durch das Gebüsch und stand ihr mit einer Handsichel bewaffnet gegenüber. Verschwitzte graue Strähnen hingen ihm über die stumpfen Augen. Ein alter Mann, er wohnte im Dorf, sie kannte ihn vom Markt. Er hatte bei ihr Gemüse gekauft und war freundlich gewesen. Jetzt war sein schrundiges Gesicht von Hass verzerrt, und er atmete keuchend. Seine Kleidung war wenig mehr als schmutzig braune Lumpen, die ihm in Fetzen von den dürren Gliedern hingen.

»Hier ist sie!«

Die anderen Verfolger merkten auf, kamen auf ihn zu. Kamen auf sie zu.

»Bleib stehen!«, zischte er. Er hob die Sichel. Speichel hatte sich in seinen Mundwinkeln gesammelt. Er behielt sie genau im Auge, als wartete er nur darauf, dass sie einen Fluchtversuch machen würde.

»Knie nieder, Hexe, Gott wird dich richten!«

Sie tat, was er sagte, und kniete sich langsam auf den staubtrockenen Boden.

Zum Schluss wird die Brühe mit Wein eingekocht und in einem Säckchen aus Pergament an der Sonne getrocknet, dachte sie und blickte ihrem Scharfrichter direkt in die Augen. Seltsam, dachte sie, im Moment des Todes an ein Rezept für Tinte zu denken. Der Mann hatte die Handsichel hoch über den Kopf erhoben und holte aus. Neben dem Hass sah sie die Angst. Und die Wollust.

Sie selber hatte kaum mehr etwas auf dem Leib, um ihre Blöße zu verdecken. Den schlichten Überwurf aus grobem Leinen hatte man ihr schon bei der Verhaftung zerfetzt. Der Mann starrte heftig atmend auf ihre Brüste. Mehr als diesen Augenblick brauchte sie nicht. Sie griff rasch eine Handvoll trockener Erde vom Boden und schleuderte sie ihm ins Gesicht. Er heulte auf, schlug blindlings mit der Sichel nach ihr. Sie sprang auf, spürte den Schmerz, als die Sichel in ihren Rücken schnitt, aber die Klinge blieb nicht stecken. Sie rannte in das Dunkel und hörte sein zorniges Gebrüll hinter sich.

Äste schlugen ihr wieder ins Gesicht, als sie rannte. Schlehdorn, dachte sie erneut. Man kann Tinte daraus machen. Tinte zum Schreiben. Mönche konnten schreiben. Und sie konnte es auch. Die Dornen ritzten ihre Arme und ihre Beine. Steine schnitten ihr in die nackten Fußsohlen. Die Verfolger aus dem Dorf holten wieder auf. Sie musste ein Versteck finden, dachte sie. Eines, wo die Leute aus dem Dorf sie nicht suchen würden. Tinte, dachte sie. Mit Milch kann man auf Pergament schreiben, und man sieht die Buchstaben nicht.

Erst Hitze bringt die Buchstaben wieder zum Vorschein. Sie musste sein wie die Tinte aus Milch, dachte sie. Sie musste auf dem Pergament verschwinden.

Aber wo war das Pergament?

Vierter Juni

»Bleib stehen! Herrgott, du sollst stehen bleiben, Mathias!«

Martin Dietrich schnappte mühsam nach Luft. Was zur Hölle ging hier vor? Er sah dem bizarren Schauspiel bereits eine ganze Weile lang zu, ohne dass die beiden Männer ihn bemerkt hätten. Dietrich, ein hagerer Mann in den frühen Fünfzigern, seines Zeichens Abt im Kloster Schussenried, stand in der Türe zu der Werkstatt und starrte fassungslos auf den Prior seines Klosters, Kaspar Mohr, und auf Mathias, den jungen, schlaksigen Novizen, der Kaspar zur Hand ging und der nun aussah wie eine Ausgeburt der Hölle.

Mathias stolperte auf Stelzen einher, an denen mit Schnüren und Schrauben spezielle Schuhe befestigt waren. Die rechte Stelze schien nicht fest genug mit seinem Schuh und dem Unterschenkel verbunden zu sein, und er knickte fortwährend ein, was seinen ohnehin wackeligen Gang auf den langen Holzstangen noch grotesker wirken ließ.

Die Hände steckten in grobschlächtigen Holzgestellen, die seine Arme verlängern sollten. Am Ende jedes Armgestells befanden sich Schaufelklappen, die wie die Schnäbel von tollwütigen Störchen wild aufeinanderschlugen, wenn Mathias sie über Schnüre im Inneren der fragilen Konstruktion betätigte, weil er sich irgendwo festhalten wollte. Unterhalb der Schaufelklappen führten Schläuche aus Tuch zu einer Art Rucksack auf dem Rücken des Novizen, und auf dem Kopf trug er einen umgedrehten Weidenkorb mit Sehschlitzen, durch die jedoch kaum etwas zu sehen war. Er sah aus wie eine furchteinflößende Mischung aus satanischem Käfer und wütendem Sarazenen.

»Zum Henker noch mal, Mathias, jetzt bleib endlich stehen!«

»Das würde ich ja gern, aber es geht nicht!«, gab Mathias mit einer Stimme zurück, die ebenso wacklig war wie die Stelzen, auf denen er stand.

»Dann beweg dich einfach nicht mehr, du Schafskopf!«

Der Abt schnappte erneut nach Luft. Sein Prior rannte hinter dem Novizen-Käfer her, fuchtelte mit einer Zange und mit einem Hammer in der Luft herum und versuchte, die taumelnde Gestalt einzufangen und die Schrauben an der rechten Stelze festzuziehen, damit das bedrohlich wackelnde Gebilde stabiler wurde. Der Boden der Werkstatt war übersät mit Baumaterial, Plänen, Rohren, Werkzeug und sonstigem Gelumpe, und an der Decke der Werkstatt waren Holzmodelle aller Art aufgehängt, mit Leinen bespannte Zylinder, kleine Windräder, etwas, das aussah wie Orgelpfeifen sowie eine Reihe von kleinen, künstlichen, mit Federn beklebten Flügeln, sodass Mathias mit den Amen ruderte, um in dem heillosen Durcheinander das Gleichgewicht nicht zu verlieren.

»Hiiilfeee!«

»Wirst du wohl stehen bleiben! Mathias! Reiß dich mal zusammen!«

Kaspar bekam den Höllenkäfer zu fassen und packte mit eisernem Griff zu. Er setzte die Zange am Scharnier an, drehte kräftig an einer der schmiedeeisernen Schrauben und nickte dann mit einem leicht irren Grinsen.

»Das Luder sitzt! Probier’s noch mal.«

Mathias machte zögerlich ein paar Schritte, dann ging ein kleines, vorsichtiges Lächeln in seinem Gesicht auf.

»Es geht, es ist besser, wirklich, es …«

»KASPAR

Der laute Schrei des Abtes hallte von den groben Sandsteinwänden der Werkstatt zurück. Kaspar verschluckte sich, und Mathias verlor vor Schreck das Gleichgewicht und stürzte – glücklicherweise in einen Haufen alter Leinensäcke, die neben anderem Baumaterial in einer Ecke der Werkstatt lagen.

»Was im Namen des Herrn geht hier vor sich, Kaspar?«

Kaspar setzte ein entschuldigendes Lächeln auf, hob die Arme in einer beschwichtigenden Geste, wie ein Schankwirt, der erst eine andere Kundschaft bedienen muss, und machte sich dann in dem Haufen Leinensäcke auf die Suche nach Mathias.

»Geht’s dir gut, Mathias? Ist noch alles dran?«

Mathias reckte den Kopf aus dem groben Leinen und spuckte kurz etwas aus, das aussah wie ein Stückchen Spreu aus den alten Säcken. Er strahlte den Prior glücklich an.

»War ich gut? Ich war besser als beim letzten Mal, oder?«

Kaspar grinste. Er strubbelte dem Novizen kurz durch das Haar. Der Junge hatte seine Sache gut gemacht.

»Kaspar!«

Wieder brüllte der Abt, und diesmal war ihm die Aufmerksamkeit des Priors und seines Gehilfen gewiss.

»Willst du mir nun endlich sagen, was hier vor sich geht?«

Kaspar wandte sich seinem Oberen zu. Der Abt überragte den Prior um Haupteslänge, doch Kaspars Kopf machte diesen Unterschied mehr als wett. Ein wilder, unbezähmbarer Kranz aus schwarzen Haaren mit grauen Strähnen darin umrahmte ein scharf geschnittenes Gesicht mit einer spitzen Nase und lebhaften stahlblauen Augen. Er steckte in einer schlichten Tunika aus ehemals weißem Leinen und trug ein ehemals weißes Skapulier und darüber ein Zingulum aus einem schmalen, ebenfalls einst weißen Band.

Eine speckige Lederschürze, die Kaspar stets bei seiner Arbeit in der Werkstatt trug, sollte die Kutte zwar vor den gröbsten Verschmutzungen schützen, aber dennoch war sie mit der Zeit grau und fleckig geworden. Der Prior grinste, seine feinen Hände wirbelten durch die Luft wie aufgeregte Spatzen, als er anhub, seinem Abt die Sachlage zu erklären.

»Kein Grund zur Sorge, Abt Martin, die Schrauben waren zu locker, Mathias hat in letzter Zeit etwas zugelegt, ich denke, ich werde die Gelenke auf die höhere Last –«

»Das meine ich nicht!«, unterbrach ihn der Abt. »Was ist das für eine alberne Aufmachung, die Mathias da trägt? Was soll dieses … dieses Zeug?«

Martin Dietrich deutete mit wedelnden Händen unbestimmt in Mathias’ Richtung, als müsste er etwas Klebriges von seinen Fingern schütteln. Kaspar legte seine Stirn in Falten und stemmte die Fäuste in die Hüfte.

»Dieses … Zeug? Was ihr so abschätzig Zeug nennt, werter Abt, ist, mit aller mir zu Gebote stehenden Bescheidenheit, eine großartige Erfindung. Meine Erfindung. Sie wird den Bauern helfen. Stellt die Ernte quasi vom Kopf auf die Füße.«

»Und was soll das sein? Eine Vogelscheuche, vor der sich sogar der Bauer fürchtet?«

»Ein Erntehelfer.«

»Ein Erntehelfer?«

Dietrich schmatzte argwöhnisch.

»Ihr werdet es gleich mit eigenen Augen sehen. Komm, Mathias, zeig es ihm.«

Kaspars Augen glommen vor diebischer Freude. Er befreite den Novizen aus dem Sackhaufen und half ihm auf. Mathias schwankte auf den Stelzen, trippelte unsicher hin und her, aber er blieb stehen.

Kaspar ging zu seinem fleckigen Arbeitstisch, der mit Folianten, Werkzeug, einzelnen Pergamenten, Essensresten und Sägespänen bedeckt war. Er schob suchend einen dicken Wälzer beiseite und griff nach einem langen Stab, an dessen Ende ein Nagel steckte. Dann nahm er einen Apfel aus einer Holzschüssel, rieb ihn kurz an einer sauberen Stelle seiner groben Kutte, um ihn von einer Staubschicht zu befreien, und steckte ihn dann auf den Nagel. Triumphierend hob er den Stab in die Höhe und blickte den Abt an, als wäre er, Kaspar, Petrus an der Himmelspforte und Dietrich ein armer Sünder, der Einlass begehrte. Dietrich schnaubte, als Kaspar mit einer schulmeisterlichen Stimme anfing, ihn zu belehren, und ihn dabei umkreiste wie ein Lehrer einen Schüler in der mündlichen Prüfung.

»Wie ihr wisst, geschätzter Abt, ist die Obsternte weder besonders angenehm noch besonders einfach. Man muss dabei auf eine hohe Leiter steigen, sich sodann weit strecken und kann dennoch nur zwei, drei Handvoll Früchte ernten … Dann muss man wieder hinabsteigen, die Leiter verstellen und das Spiel beginnt von Neuem. Ihr wisst auch, dass jedes Jahr etliche Bauern zu uns kommen wegen Knochenbrüchen, die sie sich beim Sturz von der Leiter zugezogen haben … Was, so dachte ich mir, geschieht, wenn man die Leiter einfach an den Füßen hat? Und an den Händen eine Gerätschaft, die die Arme verlängert und das Pflücken vereinfacht?«

Kaspar nickte seinem Novizen aufmunternd zu, und der hob nur schlicht den Arm und knipste den Apfel mit einer kurzen Bewegung der Schaufelklappen am Ende des Armes ab. Dann hob er den Arm ein wenig höher, und der Apfel rollte durch die Schläuche unter den Schaufelklappen in den Auffangbehälter auf seinem Rücken. Mathias grinste stolz, während Kaspar sich zunehmend in Begeisterung redete.

»Die Klingen der Greifer am Ende der Arme erleichtern das Pflücken, der gepflückte Apfel fällt nach unten, rollt durch das Tuch in die Rückentrage. Und der Helm schützt vor Fallobst. Einfach, ungefährlich und schnell …!«

Kaspar breitete die Arme aus wie ein Zauberer auf dem Jahrmarkt, der ein unglaubliches Kunststück zum Besten gegeben hatte. Dietrich sah ihn immer noch argwöhnisch an.

»Vor allem ungefährlich, nach allem, was ich gesehen habe …«

Kaspar wedelte mit dem ausgestreckten Zeigefinger in der Luft.

»Täuscht euch nicht, das sind lediglich Kinderkrankheiten … Ich denke, nach ein paar Anpassungen können wir es den Bauern vorstellen. Was meint ihr?«

Dietrich schwieg. Er musterte den Prior, sah ihn fast ein wenig mitleidig an. Kaspars Strahlen verebbte. Er kannte diesen Blick. Er kannte ihn, seit er ein Novize und Martin Dietrich schon Chorherr war und Latein mit ihm paukte. Seit damals hatte sich zwischen ihnen nicht viel geändert. Kaspar sagte schon immer »Ihr« zu ihm, und der Abt sprach ihn mit »Du« an. Dabei war es geblieben. Und bei dem Blick auch. Kaspar mochte diesen Blick nicht. Er wusste, was nun folgen würde. Er hatte die Vorzeichen oft genug gesehen. Der Abt seufzte.

»Ich denke, du vernachlässigst deine Klostergeschäfte, Kaspar.«

Kaspar blinzelte, aber antwortete nicht. Dietrich machte einen Schritt auf ihn zu.

»Deswegen bin ich hier. Du bist der Prior dieses Klosters, Kaspar. Mein Stellvertreter, und du vertändelst deine Zeit mit diesem … diesem Kram!«

»Aber ihr selbst habt mir doch diesen Raum gegeben und Mathias, damit er mir zur Hand geht …«

»Ganz recht! Mathias sollte dir zur Hand gehen. Aber bei den Klostergeschäften! Und nicht bei deinen Eseleien! Und den Raum habe ich dir gegeben, damit dein Werkzeug, Schnüre, Bretter, Schrauben, Bolzen und weiß Gott, was noch alles, nicht immer im ganzen Kloster verstreut liegt, wie es davor der Fall war!«

Dietrich löste sich ärgerlich und schritt die Werkstatt ab. Wie um seine Worte zu untermalen, stieß er gegen die Bretter, die Schnüre, und das Werkzeug, schubste Kistenstapel um, die ohnehin schon schief standen, und wischte Zeichnungen für seltsame Apparaturen und Maschinen vom Tisch. Kaspar räusperte sich.

»Ich dachte …«

»Ja, ich dachte auch, du würdest so vielleicht zur Besinnung kommen, Kaspar!«

Kaspar rührte sich nicht, schritt nicht ein. Er wusste, wenn Dietrich seinem Zorn erst einmal freien Lauf gelassen hatte, dann würde er sich auch wieder beruhigen. Doch Dietrich sah nicht so aus, als würde er es diesmal bei einem kurzen Ausbruch belassen. Kaspar schluckte, als der Abt zu der kleinen Nische ging und sich einem großen Tuch näherte, das, wie es schien, einen Haufen Gerümpel verdeckte. Nicht da, dachte Kaspar, geh woandershin!

»Herrschaft!«, tobte Dietrich weiter. »Ein Mann mit deinen Geistesgaben! Wenn du sie doch nur endlich zum Wohle des Klosters und deiner Mitbrüder einsetzen würdest und nicht für diesen … Krempel!«

Dietrich blieb wie angewurzelt stehen. Es war passiert. Warum in drei Gottes Namen hatte er sie nicht besser versteckt, ärgerte sich Kaspar über sich selbst. Der Abt hatte bei seinen letzten Worten an dem Tuch gezogen, unter dem der vermeintliche Haufen Gerümpel sich verbarg. Er war schon einen Schritt weitergegangen, aber dann hatte er innegehalten. Und sie gesehen. Sie war nicht zu übersehen. Sie war einfach zu groß. Kaspar stürzte auf den Abt zu.

»Ihr solltet nicht …«

Dietrich ließ sich nicht aufhalten. Er riss das Tuch weg.

* * *

Sie hielt den Atem an.

Der Gestank war entsetzlich, und die Mücken bildeten dichte zuckende Wolken in der Luft. Die Frau schlich an der Rückmauer der kauernden Fachwerkhäuser entlang, dort wo ein kurzer steiler Hang zum Bach hinter den Häusern hin abfiel. Ein breiter brauner Streifen aus Kot, Urin und Abfällen von Rübenschalen und Kohlstrünken führte von jeder der schmalen Parzellen zu dem Bach, der wegen der anhaltenden Dürre nur mehr ein schmales, trübes Rinnsal war. Rübenschalen und Kohlstrünke. Alles andere, was vor Jahren noch als Abfall gegolten hätte, war jetzt zu schade, um es wegzuwerfen. Es wurde gegessen. Oder wenigstens probiert. Wer nicht probierte, musste hungern.

Die Frau und ihre Kinder hatten nicht hungern müssen. Der karge Boden hinter ihrer Hütte hatte wenig mehr hergegeben als der Boden der anderen, aber sie hatte vielleicht härter gearbeitet als die anderen. Wenn alles nichts half, wusste sie, wo es immer etwas zu essen gab. Sie ging in den Wald und sammelte Bucheckern, Bärlauch, Pilze, Eicheln für Brot. Oder auch Birkenrinde, Sauerampfer, frische Buchenblätter. Sie aßen Dinge, die die anderen nicht anrühren würden oder die die anderen schlicht nicht kannten. Die anderen fürchteten sich vor dem Wald. Die anderen fürchteten sich vor ihr. Aber ihre Kinder hatten nicht hungern müssen. Darauf war sie stolz.

Vor ihr lag die Brücke, die zum Torhaus des Klosters führte. Die groben Holzflügel des Tores standen weit offen, der Kirchturm von Sankt Magnus erhob sich hinter der brüchigen, an vielen Stellen mit Balken abgestützten Klostermauer. Die Frau spähte um eine Häuserecke in die Gasse zur Brücke hinein, doch sie zuckte zurück und presste sich an die Hauswand. Dicht an ihr vorbei schritten zwei aufgebrachte Matronen, die sich eilig Richtung Vorplatz des Klosters begaben. Die eine trug eine Heugabel bei sich, die Gesichter waren rot von der Arbeit und von der Hitze und vielleicht auch vom Hass, wie die Frau zu erkennen glaubte. Sie konnte den Schweiß der Frauen riechen, so dicht liefen die beiden an ihr vorbei. Aber sie hatten es eilig. So als wollten sie nichts verpassen.

Vor der Klostermauer hatten sich bereits weitere Menschen versammelt. Man konnte ihr Murren und ihre erbosten Rufe bis hierher hören. Das halbe Dorf war auf den Beinen. Wegen ihr.

Wenn man sie entdeckte, würde sie schneller an einem der alten Bäume im Konventsgarten hängen, als sie ein Vaterunser gesprochen hätte. Vielleicht würde man sich auch mehr Zeit nehmen, trockenes Reisig und Äste auf dem Marktplatz aufschichten und sie dann langsam brennen lassen. Bestimmt würde man sich die Zeit nehmen.

Die Frau griff unwillkürlich nach ihren Haaren. Sie hatte sie schwarz gefärbt, mit dem Rindensaft von Hagebutten, die sie am Waldrand gefunden hatte. An einem Weiher zwischen den Bäumen hatte sie sich das dreckige, blutverkrustete Gesicht gewaschen und Kamillenblüten auf die Verletzungen gelegt. Die Stockschläge hatten große Blutergüsse auf ihren Schenkeln und auf ihren Oberarmen hinterlassen. Aber Blutergüsse vergingen wieder. Auch der tiefe Schnitt am Rücken, den die Sichel hinterlassen hatte, würde verheilen.

Es war nichts gebrochen. Doch beim nächsten Mal würden sie nicht so zimperlich sein.

Sie hatte sich gut gefühlt, als sie neben dem Weiher im Schilf gelegen hatte und dem Flug der Libellen zusah. Müde, ein wenig ängstlich, aber lebendig. Sie war frei, sie war nicht mehr in dem Turm, in den sie sie gesperrt hatten. Aber sie wusste, dass sie nicht hier liegen bleiben konnte. Sie musste etwas tun. Sie konnte nicht zurück zu ihrer Hütte, sie musste das Pergament finden, auf dem sie verschwinden konnte wie die Tinte aus Milch. Und dann war ihr eingefallen, wo dieses Pergament war.

Die Frau sah, dass die Brücke über den Bach und der Weg zum Kloster nun frei waren. Die beiden Matronen waren durch das Torhaus des Klosters geschritten, niemand folgte ihnen, das Dorf war wie ausgestorben. Die Hitze hatte sich über die wenigen Häuser gelegt wie eine schwere Wolldecke.

Sie hatte den Weiher verlassen und war zurück ins Dorf geschlichen. Auf einer Wäscheleine hatte sie ein Leinentuch gefunden und sich daraus notdürftig einen Überwurf gefertigt. Die kleine schmucklose Fibel hielt den Stoff dicht unter ihrem Hals zusammen. Ihre zerrissenen Kleider hatte sie als Schürze um den Überwurf gebunden. Sie sah nun ein wenig aus wie die Schwester eines Bettelordens. Die Frau warf einen letzten Blick in die nun verwaiste Gasse und ging dann so langsam, wie sie es vermochte, über die Brücke. Sie wusste, falls jemand sie von Weitem sehen sollte, wäre es auffälliger, wenn sie rannte. Also ging sie ruhig über die Brücke. Schritt für Schritt. Nur nicht rennen. Sie war schon fast auf der anderen Seite.

»Bleib stehen!«

Sie hatte ihn nicht gesehen, weil er im Schatten eines hölzernen Brückenpfeilers gesessen hatte und weil er so schmal war, dass man ihn selbst für einen dürren Ast hätte halten können. Er hatte eine Angel in der Hand, ein vertrockneter Wurm hing schlaff an einem Haken, der aus einem Hühnerknochen gemacht war. Er stellte sich ihr in den Weg und hielt die Angel wie eine Hellebarde vor der Brust.

»Wer bist du? Bist du die Hexe?«

Der Junge war etwa zehn, vielleicht zwölf Jahre alt. Schwer zu sagen. Sie glaubte, ihn schon einmal gesehen zu haben; es war ein Junge von einem Hof in der Nachbarschaft ihrer eigenen Hütte. Er war so mager, dass sie meinte, mit ihren Händen seine Taille umfassen zu können. Sein eines Lid hing herunter, und darüber war eine Narbe, die sich über die Schläfe zog und in einem dichten Büschel verfilzter blonder Haare verschwand.

»Du bist die Hexe, oder?«

»Und wenn es so wäre?«

Sie atmete heftig, ihre Schläfen pochten. Sie hatte Angst, aber sie ließ es sich nicht anmerken. Wenn er schreien würde, wäre die Meute vor dem Kloster sofort bei ihr.

»Dann musst du brennen«, gab der Junge zurück, als wäre das so selbstverständlich wie, dass auf den Tag die Nacht folgte. Sie nickte.

»Und wenn ich keine Hexe bin?«

»Wer bist du dann?«

Sie lächelte, deutete auf seine Angel.

»Schon was gefangen?«

Der Junge verzog den Mund.

»Nö. Beißen nicht.« Er blickte missmutig zum Bach. »Sind eh kaum welche drin. Und viel zu klein. Und wenn mal einer beißt, bleibt er nicht am Haken.«

Sie nickte wissend.

»Es ist der Wurm. Und dein Haken.«

Der Junge sah sie verwirrt an, blickte unsicher auf seine Angel und wieder zu ihr.

»Dein Wurm ist tot. Fische wollen, dass sich was bewegt, wenn sie danach schnappen sollen. Und dein Haken ist zu glatt.«

»Zu glatt?«

»Gib her.«

Sie nahm ihm die Angel aus der Hand, und der Junge blickte unschlüssig hinter sich zu der Menge vor dem Kloster, als würde er überlegen, ob er jemanden rufen sollte. Dann sah er zu der Frau, und seine Augen weiteten sich, als er sah, was sie mit seinem Angelhaken machte. Sie biss kleine Stücke aus dem schmalen Knochen und spuckte sie aus. Dann gab sie ihm den Haken samt Angel zurück. Der flache, abgewinkelte Knochen hatte jetzt Kerben. Die scharfen Kanten der Kerben waren wie Widerhaken.

»Versuch’s mal so. Und such dir einen Wurm, der noch lebt. Dann werden sie beißen. Und sie werden am Haken bleiben.«

Der Junge blickte sie mit großen Augen an. Die Frau hörte Stimmen hinter sich und schaute sich um. Aus dem Dorf kamen ein alter Mann und eine junge, offenbar hochschwangere Frau, die ihn stützte. Sie waren wohl auch auf dem Weg ins Kloster. Sie würden die Brücke überqueren. Die Frau hatte keine Zeit zu verlieren.

»Was ist mit deinem Gesicht passiert?«

Der Junge deutete auf die tiefen Kratzer auf ihrer Stirn und auf der Wange.

»Wenn eine Frau allein unterwegs ist, dann denken die Zauberer im Wald oft, sie können sie überfallen.«

Die Augen des Jungen weiteten sich wieder.

»Zauberer? Im Wald?«

Sie nickte und schielte über ihre Schulter. Der Alte und die junge Frau waren schon fast an der Brücke.

»Ich komme aus Otterswang. Der Weg nach Schussenried führt durch den Wald. Dort haben die Hexen und Zauberer ein Erdloch, in dem sie wohnen. Wusstest du das nicht?«

Der Junge schüttelte mit offenem Mund den Kopf.

»Ist aber so. Der Pfarrer von Otterswang hat mich hergeschickt. Die Hexe, die ihr sucht, ist bei uns gewesen. Sie hat doch rote Haare, oder?«

Er nickte. Erst jetzt schien er ihre Haare zu bemerken.

»Du hast schwarze Haare.«

»Eben. Lässt du mich jetzt durch? Ich muss mit dem Abt reden.«

Der Junge nickte beflissen, dann machte er einen Schritt zur Seite und legte seine Angel über die Schulter wie ein Füsilier seine Flinte.

»Danke«, stammelte er, »und Entschuldigung wegen …«

Sie hörte ihn schon nicht mehr, so schnell war sie über die Brücke gelaufen. Kurz hinter dem Torhaus des Klosters bog sie nach links ab und verschwand hinter dem lang gestreckten Gebäude, in dem sich das Refektorium befand. Die Meute vor den Klostermauern hatte sie nicht bemerkt.

Sie waren mit Schreien beschäftigt.

Der alte Mann und die junge Frau, die ihn stützte, liefen über die Brücke. Der Alte stöhnte vor Schmerz. Er hielt sich am Brückengeländer fest und schien sich für einen Moment ausruhen zu wollen. Sein Fuß war brandig. Dort wo die zerschlissene Hose das Bein nicht bedeckte, sah man schwarze Flecken. Die Frau hatte eine Hasenscharte. Ihr Bauch wölbte sich vor, sie war schwanger. Der Junge hielt die Angel ins Wasser und sah erst auf, als die Frau ihn mit ihrem Fuß in die Seite anstieß.

»Hier steckst du also!«

Der Junge kniff die Augen zusammen.

»Die Frau eben, mit der du gesprochen hast. Wer war das?«

* * *

»Was ist das?«

Dietrichs Stimme klang mühsam beherrscht. Das Tuch lag am Boden und gab den Blick frei auf einen riesigen Apparat. Allein die zwei Flügel hatten eine Spannweite von gut zehn, zwölf Ellen. Sie bestanden aus dünnen Holzleisten mit Querstreben, die mit Federn bezogen waren. Die Flügel waren mit Scharnieren an einem Holzgestell befestigt. Und an dem Gestell hingen Lederriemen, mit denen man sich den Apparat umschnallen konnte. Es war, als hätte ein riesiger hölzerner Vogel seine Flügel in Kaspars Werkstatt abgestellt. Doch der Abt hatte weder Sinn für die meisterhafte Konstruktion noch für die Qualität der Handwerksarbeit. Er wartete immer noch auf eine Antwort auf seine Frage. Kaspar blickte zu Boden.

»Das … das seht ihr ja selber.«

Dietrich spuckte seine nächsten Worte förmlich aus.

»Kaspar! Das hatten wir doch alles schon einmal. Du hast versprochen, damit aufzuhören, und doch baust du weiter an diesen Flugmaschinen! Du hast mich hintergangen! Du weißt, dass es gegen die Natur ist. Der Mensch soll nicht fliegen, sonst hätte Gott der Herr uns Flügel gegeben!«

Kaspars Augenbrauen zogen sich zusammen, und auf seiner Stirn trat eine Ader hervor. Eine Ader voll mit Trotz.

»Er hat uns auch keine Flossen gegeben, und dennoch haben die Menschen Schiffe gebaut und fahren damit übers Meer. Ich kann nicht sehen, wo das gegen die Natur sein soll. Gott der Herr hat uns zuallererst einen Kopf gegeben, um zu denken.«

Dietrich wandte sich von Kaspar ab und blickte aus dem Fenster. Etwas vor dem Fenster schien seine Aufmerksamkeit für einen Augenblick zu fesseln; ein Vogel, eine Schwalbe, hatte den Schnabel voller Gras und schien sich im Schutz der Weinranken vor dem Fenster ein Nest bauen zu wollen. Der Blick des Abtes glitt von dem Vogel zu den Menschen, die auf den Klosterhof strömten. Der Abt besann sich auf Kaspar und wandte sich wieder zu ihm hin.

»Ich will nicht mit dir diskutieren. Ich weiß, das kannst du gut, sogar besser als ich. Aber du hast mir dein Versprechen gegeben. Du bist mir als deinem Abt zu Gehorsam verpflichtet, und das fordere ich ein.«

Kaspar verschränkte die Arme und schwieg. Der Abt packte ihn an den Schultern.

»Himmel, Kaspar! Früher hast du deine Gaben doch auch nicht so verschleudert. Denk an deine großartige Turmuhr! Ein Wunderwerk! Und du hast uns eine hervorragende Orgel gebaut; weit und breit gibt es keine bessere. Leider musstest du sie ja wieder kaputtmachen, als du aus Rom zurückgekehrt bist …«

»So gut war sie auch wieder nicht. Ich kann eine bessere bauen …«

»Dann tu es, in Gottes Namen! Du bist so mit Talenten gesegnet! Lass uns und die Menschen da draußen daran teilhaben, und verschwende dich nicht an diesen Irrsinn!«

»Das ist kein Irrsinn.«

Dietrich lief rot an.

»KASPAR! Du sturer Bock!«, brüllte der Abt ihn an, und Kaspar erschrak. »Du wirst deinen Pflichten nachkommen, wie du es gelobt hast, als du in diesen Orden aufgenommen wurdest!«

Seine Stimme hallte im Dachgebälk der Werkstatt nach. Die Männer schwiegen einen Moment lang. Dietrich wirkte erschöpft nach diesem Ausbruch. Er atmete tief durch, dann fuhr er fort.

»Die Rechnungsbücher des Klosters sind in einem desolaten Zustand. Die Zirkatoren des Generalkapitels kommen in zwei Wochen, um uns einen Besuch abzustatten, und ich rate dir, dass bis dahin alles in Ordnung ist. Außerdem muss die Reparatur der alten Mühle überwacht werden; auch da kann dein Sachverstand nicht schaden. Und kümmere dich endlich um diesen Aufruhr wegen der Hexe, solange der Vogt in Regensburg ist!«

Kaspar blinzelte.

»Welche Hexe? Was für ein Aufruhr?«

Dietrich schüttelte fassungslos den Kopf.

»Ja, bist du denn blind und taub für alles, was um dich herum vorgeht? Du musst einfach nur deine Augen aufsperren, Kaspar Mohr!«

Der Abt ging zum Fenster und stieß die Läden weit auf. Kaspar trat neben ihn. Er blinzelte verblüfft. Das ganze Dorf hatte sich vor dem Refektorium versammelt, sie hatten ihre Sensen, Sicheln und Heugabeln dabei. Bauern, Handwerker, Händler, sogar die Krüppel und Bettler hatten sich hergeschleppt. Knüppel wurden geschwungen, sie machten ihrem Unmut lautstark Luft. Wie hatte er das überhören können? Die Menge schrie nach dem Abt. Sie hatten Angst. Kaspar entnahm den Rufen, dass die Menschen nicht verzaubert und nicht vergiftet werden wollten. Verzaubert? Vergiftet?

»Was … was ist das? Was wollen die?«

Dietrich schnaubte. Auch Mathias stakste unbeholfen mit den Stelzen ans Fenster und sah ungläubig auf den Mob, der sich vor den Klostermauern zusammengerottet hatte.

»Die wollen die Hexe, die heute Nacht aus dem Büßerturm geflohen ist«, bemerkte der Abt mit einem süffisanten Lächeln zu Kaspar, der die Augen nicht von dem Schauspiel wenden konnte.

»Diese Agnes Weitbrecht, die von ihrer Nachbarin angezeigt wurde. Sie wollen sie von uns.«

Kaspar sah den Abt erstaunt an.

»Warum von uns?«

»Weil, solange der Vogt weg ist, wir die Gerichtsbarkeit in Schussenried sind, Kaspar. Und du als mein Prior und Stellvertreter kümmerst dich um die weltlichen Angelegenheiten des Klosters. Also ist es deine Aufgabe.«

Kaspar sah den Abt verständnislos an.

»Was denn? Was wollen die denn von mir?«

Der Abt zuckte mit den Schultern und wandte sich zur Tür.

»Dein Problem! Löse es!«

Der Abt griff nach der Türklinke, Mathias räusperte sich vorsichtig.

»Äh … ich?«

Dietrich hielt inne und nickte.

»Genau! Du kommst mit mir! Du wirst deine Zeit und deine Kraft nicht weiter mit diesem Unsinn verschwenden!«

Mathias blickte unschlüssig zu Kaspar. Der zuckte schicksalsergeben mit den Schultern und nickte seinem Gehilfen dann zu. Mathias sah betroffen zu Boden und stakste mit seinen Stelzen auf die niedrige Tür zu, in der der Abt auf ihn zu warten schien. Dietrich stöhnte auf, als Mathias unbeholfen versuchte, sich unter der Tür durchzuquetschen.

»Um der Liebe Christi Willen, zieh sofort diese Dinger aus!«

Mathias sah an sich herab, entdeckte dort die »Dinger« und nickte beflissen. Der Abt wandte sich dem Prior zu. Sein Gesicht war wie versteinert.

»Kümmere dich um deine Pflichten, Kaspar. Sonst muss ich disziplinarische Schritte einleiten.«

Dietrich schlug die Tür zu. Kaspar blickte so lange auf die geschlossene Tür, bis sich das Geschrei der Menge vor dem Kloster unüberhörbar in seine düsteren Gedanken mischte.

* * *

Hans Bodenhaupt öffnete mühsam die Lider und blickte auf rußgeschwärzte Deckenbretter. Seine Augen brannten, und der Geschmack in seinem Mund verursachte ihm Übelkeit. Billiger Rotwein, Schweinskaldaunen in noch mehr Rotwein, Knoblauchzehen in Öl, dazu Bier und danach noch Branntwein. Die Luft in dem kleinen Zimmer über dem Schankraum des Wirtshauses roch nach allem, was er gestern Abend gegessen hatte.

Seit einer Woche schon vertändelte der neue Vogt von Schussenried seine Zeit in Regensburg in der verzweifelten Hoffnung, das Unwahrscheinliche wahrscheinlich zu machen. Er musste dringend nach Hause, er hatte Geschäfte, die keinen Aufschub duldeten. Aber seine Mission beim Reichstag in Regensburg war genauso unaufschiebbar gewesen. Und seit einer Woche war er nicht einen Zoll vorangekommen.

Gestern Abend war die Verbitterung darüber, wie machtlos er war, nicht mehr anders zu ertragen gewesen, als sie mit mehr Rotwein wegzuspülen, als er vertrug. Bodenhaupt versuchte, sich aus dem engen Bett zu wälzen. Doch es ging nicht. Er war eingeklemmt. Das Bein der einen lag über seiner Hüfte, die andere hatte ihren Kopf auf seinem Arm liegen. Bodenhaupt stöhnte. Ach ja, er hatte sie mitgenommen. Alle beide. Jetzt rochen sie genauso elend wie er selbst, stellte er mit Schaudern fest. Die Frauen waren nackt und spindeldürr, und die billige Farbe auf ihren Wangen, mit denen sie gestern Abend noch halbwegs gesund ausgesehen hatten, klebte jetzt an den schmutzigen Laken. Er hatte alle beide mitgenommen. Guter Gott, musste er betrunken gewesen sein.

Die Jüngere, die mit den schwarzen Haaren, hatte einen vollen, festen Busen, und sie hatte laut geschrien, als er sie bestieg. Es hatte ihm gefallen, meinte er sich zu erinnern. Die Ältere, von der er nicht hoffte, dass sie die Mutter der anderen war, hatte er schon im Schankraum nicht sonderlich hübsch gefunden, aber irgendwie hatte sie ihm klargemacht, dass sie nicht vorhatte, allein dort unten zurückzubleiben. Außerdem war der Gesandte von Aachen auch im Schankraum zugegen gewesen, und der Vogt, schon reichlich angetrunken, wollte dem aufgeblasenen Rheinländer in seinen roten Pluderhosen und in der mit Pelz verbrämten Zimarra zeigen, dass man von einem Schwaben noch etwas lernen konnte. Und so hatte er alle beide mitgenommen.

Die Alte hatte reglos dagelegen, als er in sie eindrang, was er als schlechten Dienst am Kunden empfand, und er hatte sich schon über seine Großspurigkeit im Schankraum geärgert. Aber dann hatte sie mit ihrer Zunge Dinge gemacht, die er noch nicht kannte. Und er hatte die beiden Frauen dabei beobachtet, wie sie sich gegenseitig Lust schenkten. Oder hatte er das nur geträumt?

Es schien jedenfalls wild hergegangen zu sein. Die trübe Funzel auf dem windschiefen Tisch vor dem Butzenscheibenfenster war umgefallen, der Stuhl lag umgekippt auf dem Boden. Die Kleider der beiden Huren und seine eigenen waren im ganzen Raum verstreut, und sein Hut hing mit geknickter Feder über dem Kruzifix an der Wand. Ob er dorthin gelangt war, weil Bodenhaupt dem Herrn den Anblick von ihm und den zwei Hübschlerinnen ersparen wollte, oder ob er schon so betrunken gewesen war, dass er das Kreuz nicht mehr vom Kleiderhaken unterscheiden konnte, wusste er nicht mehr.

Bodenhaupt bedauerte, sich nur noch an Bruchstücke des Abends erinnern zu können. Das war rausgeworfenes Geld. Und es gab nichts, was ihn mehr reute als rausgeworfenes Geld.

Er hatte in den Tagen davor schon seine gesamte Börse geleert, in der Hoffnung, ganz nach oben vorzudringen. Er hatte geredet, gedroht, bestochen und gebettelt. Doch es war vergebens gewesen. Niemand hatte sich bei ihm gemeldet. Den Rest hatte er gestern mit den beiden Huren auf den Kopf gehauen. Den vergoldeten Becher in seinem Reisesack konnte er nicht verpfänden; dafür würde man ihn zu Hause pfählen. Und den Notgroschen in seinem Lederwams brauchte er für die Rückreise. Es war nicht zu leugnen: Seine Mission war gescheitert. Zu Hause würde man nicht begeistert sein. Er begann sein neues Amt nicht gerade ruhmreich.

Bodenhaupt ließ den Kopf kraftlos auf das fleckige Kissen zurücksinken und gab den sinnlosen Versuch auf, sich zu erheben. Er würde liegen bleiben und weiterschlafen. Gerade als er sich in sein Schicksal ergeben hatte, hörte er die schlurfenden Schritte auf der Treppe. Das darauf folgende zaghafte Klopfen an der Tür dröhnte in seinem Schädel, als säße er in einer Glocke und der Schlegel schlüge direkt gegen seinen Kopf.

»Seid Ihr wach, Durchlaucht?«

Der beschränkte Wirt, ein korpulenter Mann mit mehr Zahnlücken als Zähnen im Mund, sprach ihn immer mit »Durchlaucht« an. Ob das berechnete Schmeichelei oder pure Dummheit war, vermochte Bodenhaupt nicht zu sagen.

»Was willst du? Ich hab dir gestern dein Geld gegeben. Verschwinde!«

Eine Stille trat ein, doch dann setzte der Wirt nach.

»Verzeiht, Durchlaucht. Aber hier ist ein Junge …«

Herrgott, dachte Bodenhaupt, kann dieser fette Dummbeutel von Wirt mich nicht einfach meinen Rausch ausschlafen lassen?

»Na und? Was hab ich mit einem Jungen zu schaffen? Schick ihn weg!«

Wieder Stille. Bodenhaupt hörte Schuhe auf den Dielen auf der Stelle treten, dann ein Flüstern.

»Und? Was ist? Hörst du schlecht?«

»Er ist ein Bote. Er sagt, er kommt vom Kanzler.«

Der Vogt von Schussenried war mit drei Schritten bei der Tür. Ihm fiel nicht mal auf, dass er nackt war.

* * *

»RUHE! Werdet ihr wohl augenblicklich mit diesem infernalischen Geschrei aufhören! Schluss!«

Einen Moment lang wurden sie leiser. Kaspar hatte sich auf den Brunnen im Hof des Klosters geschwungen, damit sie ihn sehen konnten. Und dann, nachdem sie alle durcheinandergeredet hatten, ohne ihm zuzuhören, hatte er angefangen zu brüllen.

»Anständige Christenmenschen rotten sich nicht am helllichten Tag vor einem Kloster zusammen und schreien herum wie von Sinnen! Was in Gottes Namen wollt ihr?«

Ein Mann mit schlechten Zähnen und ungesunder grauer Gesichtsfarbe trat vor. Er trug eine abgewetzte gelb-rote Uniform. Kaspar erkannte Karl Mauder, den Wächter des Büßerturms.

»Wir wollen die Hexe! Sie ist geflohen!«

»Na und? Dann seid doch froh, dass sie weg ist! So kann sie euch schon nicht mehr schaden!«

Ein wildes Kreischen hub an, doch dann drang eine Frauenstimme aus dem Tumult heraus.

»Sie ist nicht weg! Sie ist heute Nacht geflohen, aber jemand hat ihr Vieh versorgt, und jemand anderes hat sie vorher auf dem Feld hinter der Mühle gesehen …«

Kaspars Halsschlagader schwoll an.

»Jemand! Jemand! Vielleicht hat jemand auch einen Namen? Vielleicht hat jemand anderes auch einfach Mitleid mit ihr und ihrem Vieh gehabt, und vielleicht hat jemand anderes auch seine Augen nicht richtig aufgesperrt! Was soll dieser Unsinn? Warum wird diese Frau überhaupt der Hexerei beschuldigt?«

Die Menge murmelte, dann meldete sich eine dürre Bauersfrau zu Wort.

»Sie ist eine von diesen Kräuterweibern. Weiß über Sachen Bescheid, die sie nicht wissen sollte … Sie ist Witwe und lebt alleine mit ihren Kindern auf ihrem Hof. Allein!«

Der Turmwächter mischte sich wieder ein.

»Ja! Und sie hat rote Haare! Und als es an Fronleichnam Hagel gab, hat nur ihr Gemüse keinen Schaden gehabt, sie hat als Einzige auf dem Markt verkauft!«

»Und vorige Woche hat sie das Vieh der Nachbarin verhext. Die Kuh war kerngesund, und am nächsten Tag ist sie tot umgefallen, und das Fleisch war vergiftet!«, kreischte die Bauersfrau wiederum. Die aufgebrachte Menge war mit jedem Wort mehr in Erregung geraten. Kaspar wurde von einem leichten Schwindelgefühl erfasst vor der geballten Wut, die ihm entgegenschlug.

»Ja, ja, ja, Grundgütiger! Aber das alles ist doch kein Beweis für Hexerei! Das sind doch Gerüchte und Vermutungen!«

Der Turmwächter zischte ihn an.

»Der Vogt sieht das anders! Warum hat er sie denn sonst eingesperrt?«

Der Mob kreischte seine Zustimmung. Erste Rufe wurden laut, dass die Hexe brennen sollte. Die Heugabeln und Sensen, Knüppel, Äxte und Sicheln wurden drohend zum Himmel gereckt. Kaspar schnappte nach Luft. Sie waren wie Tiere, kaum mehr zu bändigen.

»RUHE

Einen Moment lang beruhigten sie sich wieder. Kaspar schwitzte. Er hatte Angst vor ihnen, aber er versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen. Er wollte nicht wissen, wozu sie sonst imstande gewesen wären.

»Liebe Leute! Ich bin mir sicher, wenn der Vogt zurückkehrt, wird sich das Ganze als ein Missverständnis …«

Die Stimme einer Wäscherin unterbrach ihn schrill.

»Und wie ist sie aus dem Turm geflohen? Keiner kommt dort raus! Sie ist eine Hexe! Sie ist auf ihrem Besen davongeflogen!«

»Man hat einen Tonkrug mit Schlangen in ihrem Haus gefunden!«

Der Mob kreischte erneut Zustimmung. Der Schmied des Dorfes schwang einen schweren Hammer über seinem Kopf.

»Heute Nacht ist sie uns entwischt, aber das passiert uns nicht noch mal! Wir suchen sie, wir fangen sie, und wir zünden sie an, die Hexe!«

Sie johlten. Die Sicheln und Mistgabeln tanzten auf und nieder. Die ersten wandten sich bereits zum Torhaus, um zu gehen. Kaspar brüllte, was seine Lungen hergaben, um die Menge zu übertönen.

»HALT! Ihr hört sofort auf damit! Nichts dergleichen wird geschehen! Das ist Sache des Vogts, und solange er nicht da ist, bin ich Oberster Richter in Schussenried!«

Die Menge murrte verärgert. Aber sie blieben stehen. Jetzt nicht lockerlassen, dachte Kaspar. Er streckte den Zeigefinger aus und deutete wahllos in die Menge.

»Jeden Einzelnen, der denkt, er kann sich über das Gesetz erheben und selber Hand an einen Verdächtigen legen, werde ich in den Turm sperren lassen, damit ihr’s wisst! Wagt es ja nicht, mir ins Handwerk zu pfuschen! Ich kümmere mich um die angebliche Hexe. Wir werden sie schon finden, und dann werden wir ja sehen, ob an diesen Gerüchten etwas dran ist!«

Sie wurden leiser. Vereinzelt sanken die Heugabeln und Knüppel herab. Kaspar atmete tief durch.

»Geht nach Hause. Geht! Und macht eure Arbeit, anstatt euch hier aufzuführen wie tollwütige Hunde! GEHT

Niemand wagte, etwas zu erwidern. Kaspar spürte, wie ihre Empörung, ihre Wut erlahmte. Ganz langsam. Zuerst standen sie noch unschlüssig da, aber dann löste sich die Menge auf. Ganz langsam. Die Ersten machten sich auf über die Brücke und gingen zurück ins Dorf. Ob sie seinen Anweisungen folgen würden oder ob sie ihren Zorn nur an einem anderen Ort wieder hochkochen lassen wollten, wusste Kaspar nicht. Aber er empfand einen gewissen Stolz darüber, dass er die Versammlung aufgelöst hatte.

Die Junisonne brannte ungewöhnlich heiß auf die Sandsteinmauern des Klosters herab, und Kaspars Kutte klebte ihm nach der Anstrengung an den Schultern. Der Platz vor ihm war nun fast leer, Kaspar wagte es nicht, seinen Posten auf dem Brunnen zu verlassen, bevor auch der Letzte der Meute gegangen war. Ein paar Unentwegte standen an der offenen Seite des Klosterhofs beim Torhaus. Kaspar stieg vom Brunnen hinab, schritt forsch auf sie zu und schubste sie in Richtung Brücke. Dann waren sie verschwunden, und der Spuk war vorbei. Er hatte seine Ruhe.

Der Prior warf einen Blick auf das lang gestreckte Gebäude des Stalls, das sich zu seiner Rechten an der Klostermauer entlangzog. Ein paar Gänse schnatterten aufgeregt und stritten sich um einen Wurm. Der Flugapparat hatte im wahrsten Sinne Federn gelassen, als der Abt die Plane heruntergezogen hatte. Er würde wieder in den Stall zu den Gänsen gehen müssen und neue Federn sammeln. Diese verfluchten Federn!

Er hatte Hunderte davon mit Nadel und Zwirn an die dünnen Leisten genäht. Über Wochen und Wochen. Eine mühselige Schufterei. Kaspar hasste die stumpfe Geduldsprobe, die ihn doch keinen Schritt näher ans Ziel gebracht hatte. Eben noch hatte er seinen Apparat mit glühenden Worten verteidigt, aber Kaspar hätte dem Abt auch gleich sagen können, dass er sich nicht zu sorgen brauchte, weil das Ding ohnehin nicht funktionierte. Aber dann hätte Kaspar sich vielleicht sogar dazu hinreißen lassen, dem Abt zu versprechen, dass er es nicht wieder versuchen wollte. Doch er wollte es wieder versuchen. Anders. Nur wie? Wie Danti? Als Kaspar damals zum Studium in Rom weilte, war ihm die Geschichte von Giovan Battista Danti zu Ohren gekommen.

Der Italiener hatte im Februar 1499 in Perugia ein Fluggerät gebaut und war damit tatsächlich geflogen. Es hieß, Danti hätte Flügel aus einem Eisenskelett gebaut und mit Federn bezogen. Angeblich war er damit über den Trasimenosee geflogen und dann, ermutigt von seinem Erfolg, von einem Turm in der Stadtmitte gestartet. Danti war über den Marktplatz geflogen, doch eine Böe hatte ihn ergriffen, hatte ihn in die Luft gehoben, und dann war er mitsamt seinem Apparat auf das Dach der Sankt-Marien-Kirche gestürzt. Sein Apparat war zerschellt, doch der Italiener hatte den Absturz überlebt, wie man Kaspar erzählt hatte.

Bis vor wenigen Tagen noch hatte der Prior geglaubt, er müsse das Eisenskelett lediglich durch das leichtere Holz ersetzen, und er würde fliegen können. Das Problem mit dem Auftrieb machte ihm zu schaffen. Er hatte die Flügel seines Apparates so konstruiert, dass er damit schlagen konnte wie ein Vogel, denn sonst würde es ihm ja lediglich möglich sein, hinunterzufliegen und nicht hinauf. Auch Galileo Galilei hielt es für möglich, dass ein Mensch fliegen konnte. Kaspar hatte das Problem mit dem berühmten Mathematiker, Erfinder und Astronomen aus Pisa besprochen, als der seinerzeit in Rom weilte, um sich vor dem Heiligen Officium wegen einer seiner Schriften zu verteidigen, in der er seine Theorie ausführte, die Sonne, und nicht die Erde, stünde im Mittelpunkt des Weltalls. Galilei war zwar sehr beschäftigt damit, seine Verteidigung vorzubereiten, und stand deswegen auch in engem Briefwechsel mit Johannes Kepler, einem Astronomen und Mathematiker aus Weil der Stadt, der nun in Prag wirkte. Aber er nahm sich Zeit für Kaspar, und die beiden Männer freundeten sich an.

Galilei hatte ihm Zeichnungen des berühmten Leonhard aus Vinci, genannt Leonardo, gezeigt, die Galilei in sein eigenes Notizbuch kopiert hatte, als er Untersuchungen zur Flugbahn von Objekten anstellte. Leonardo hatte einen mechanischen Flügel konstruiert, der über zwei Gelenke die relativ kleinen Armbewegungen eines Mannes in die weit größeren Bewegungen eines Flügels übersetzte. Kaspar glaubte, durch die Verbindung der beiden Erkenntnisse – Giovan Dantis Eisengestell war zu schwer, und die Armbewegungen eines Mannes müssen wie bei Leonardo über zwei Gelenke in die großen Bewegungen eines Flügels übersetzt werden – würde er das Problem des menschlichen Fluges lösen können.

Er hatte sich getäuscht.

Sein geheimer Versuch drei Nächte zuvor mit dem Apparat, den Martin Dietrich in der Werkstatt entdeckt hatte, war am Fuße der Klostermauer kläglich gescheitert. Kaspar war keine drei Klafter weit geflogen, und die blauen Flecken am Hintern und am Oberschenkel waren inzwischen grün geworden und schmerzten immer noch.

Kaspars Blick folgte ein paar Schwalben, die elegant um den Kirchturm glitten. Schwarze Engel, ging es ihm durch den Kopf. Auch er wollte so ein schwarzer Engel sein. Er wollte fliegen. Und er würde es wieder versuchen, auch wenn er noch nicht wusste, wie.

Die Schwalben zogen an seinem Windmesser vorbei, den er im Frühjahr auf dem Dach des Refektoriums aufgebaut hatte. Der Apparat bewegte sich nicht. Keine Wolke war am Himmel zu sehen. Kaspar sehnte sich nach Regen. Vielleicht würde der Regen auch die erhitzten Gemüter dieser Torfköpfe aus dem Dorf beruhigen, dachte er. Auf dem Weg zurück ins Innere der kühlen Klostermauern schritt Kaspar an den Fensterläden seiner Werkstatt vorbei.

»Abergläubisches Pack, abergläubisches!«, murmelte er wütend und warf schwungvoll die Läden zu, um die Hitze des Tages auszusperren. Er bemerkte das Zurückzucken der Gestalt in seiner Werkstatt nicht, als die Läden aneinanderschlugen und er sie mit einem Haken verschloss.

* * *

Sie schob die Tür zum Stall behutsam auf, spähte vorsichtig hinein und biss sich auf die Lippe. Sie wollte nicht, dass jemand außer ihm sie hier entdeckte. Die junge Frau kniff die Augen zu und versuchte, im Halbdunkel des Stalls etwas zu erkennen. Durch die Ritzen der Bretter drang geschnittenes Tageslicht ein und brachte den schwebenden Staub in dem niedrigen Gebäude zum Leuchten. Es roch nach den Tieren und deren Ausdünstungen. Sie sah eine Bewegung am rückwärtigen Ende des Stalls. Er war da. Und er war allein.

Der Chorherr hatte einen Holzeimer in den Händen und schüttete Speisereste heraus, die klatschend in einem Trog landeten. Ein halbes Dutzend schlecht genährter Schweine drängte sich lautstark grunzend und quiekend um den Trog und balgte sich um die besten Stücke.

Die Stalltür quietschte, als sie ins Schloss fiel, und Margret verfluchte sich innerlich. Aber er schien es nicht bemerkt zu haben. Die Schweine machten einen infernalischen Lärm. Leise fluchend wischte der Mann mit den Fingern die letzten Zwiebelschalen und zerdrückten Kohlblätter aus dem Eimer. Das ausgestreute Stroh dämpfte ihre Schritte, dann stand sie direkt hinter ihm. Sie konnte die Schweine riechen, sie roch den Unrat, und darunter roch sie seinen Schweiß. Margret kannte den Geruch. Er hatte so gerochen, als er auf ihr gelegen und stöhnend den Kopf nach hinten geworfen und sich dann in sie ergossen hatte. Sie trat noch einen Schritt näher, doch er bemerkte immer noch nichts, weil er seine Hände an der Kutte abwischte. Sie hätte ihm die Kehle mit einer der Sensen oder Sicheln durchschneiden können, die an Holzzapfen entlang der Stützbalken des Stalls aufgehängt waren, und er hätte es nicht gemerkt.

»Du warst nicht da.«

Er schrak herum und fuhr zurück.

»Gütiger Herr im Himmel, bist du noch bei Trost, Weib? Wie kannst du mich nur so erschrecken?«

Ja, wie konnte sie nur? Margret fuhr sich mit der Zunge kurz über ihre Hasenscharte. Sie tat es unbewusst, ermahnte sich stets, es nicht zu tun, weil sie dachte, es würde die Leute nur umso mehr auf die entstellende Spalte in ihrem Gesicht aufmerksam machen. Und dennoch tat sie es immer wieder. Hatte die Spalte ihn erschreckt? Als er neulich auf ihr lag, schien es ihn nicht zu stören. Aber da störte es die Männer nie. Das wusste sie. Seit sie fast noch ein Kind war. Sie hatte das ausgenutzt. Sie hatte mehr gegeben als die anderen Mädchen, wohl wissend, dass sie einen hohen Preis dafür bezahlte.

Aber es hatte einen bitteren Nachgeschmack.

Jedesmal, wenn sie sich hinlegte, und erst recht, wenn sie wieder aufstand und sich das Stroh aus dem Kleid zupfte. Schon wenn sie gingen, hatten die Männer wieder diesen Blick. Diese Mischung aus Mitleid und Ekel, die Margret so gut kannte. Blicke, wie sie sie auf dem Markt, in den Schankstuben und auf der Straße sah. Wie sie sie sogar auf dem Feld von ihren Geschwistern und auch den Eltern bekommen hatte. Sie hasste diese Blicke, die ihr sagten, dass sie anders war. Dass sie weniger wert war. Dass sie vielleicht sündig war. Sündig war sie sicher; die Frage, die sie sich fortwährend stellte, war nur: Hatte sie die Scharte und war deswegen sündig, oder war sie sündig und hatte deswegen die Scharte?

Sie kannte die Antwort nicht.

»Was willst du hier? Ich hab dir doch gesagt, du sollst nicht herkommen!«

»Du warst nicht da«, wiederholte sie trotzig.

Gehetzt blickte er sich um, jeden Moment konnte einer von den anderen Brüdern hereinkommen und ihn mit ihr entdecken. Das wäre nicht gut. Das hätte er nicht leicht erklären können. Es war verboten. Der Mönch ließ den Eimer fallen, zog sie in einen dunklen Winkel des Stalls, wo sie bis zu den Fußknöcheln im Stroh versank, und packte die Frau mit beiden Händen an den Schultern.

»Du darfst nicht hierherkommen, verstehst du? Niemals! Man darf uns nicht sehen!«

»Wir hatten eine Abmachung«, sagte sie und versuchte, streng zu klingen. Dennoch glaubte sie, er müsse das Zittern in ihrer Stimme hören. Margret blickte auf seine groben Hände, die ihre Schultern gepackt hielten. Er zögerte, dann ließ er sie los.

»Ja doch, ja! Ich hatte keine Zeit. Die Oberen unseres Ordens kommen bald, und der Abt will bis dahin alles in Ordnung haben. Der Alte gebärdet sich schlimmer als Moses, als er vom Berg steigt und die Israeliten um das Goldene Kalb tanzen sieht. Ich hatte keine Zeit, Weib! Und du wirst dich gedulden müssen!«

»Ich hab sie gesehen.«

»Wen?«

»Die Hexe. Ich glaube, dass sie es war. Sie ist über die Brücke gegangen. Sie ist hier.«

Seine Augen wanderten schnell von ihr durch den Raum und zurück. Er maß sie mit seinem Blick. Log sie, um ihn unter Druck zu setzen? Die Hexe war entkommen, das hatte er gehört, aber warum sollte sie hier ins Kloster kommen?

Margret verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich habe meinen Teil der Abmachung erfüllt.«

Die Ader an seiner Stirn schwoll an. Er kniff die Augen zusammen und ballte die Hand zur Faust. Sie spürte, dass er sie gleich schlagen würde. Es war ihr egal. Sie hatte nichts zu verlieren. Doch der Mönch zuckte zusammen, als er die Stalltür quietschen hörte.

»Maaget?«

Der alte Mann humpelte herein und linste aus verkrusteten Augen ins Zwielicht. Er verzog das Gesicht bei jedem Schritt, den er auf seinem brandigen Bein machte, und humpelte unsicher in den Stall.

»Maaget?«, rief er wieder, diesmal lauter, und Margret musste schmunzeln über den alten Trottel, der zwar kaum mehr ihren Namen richtig aussprechen konnte, der ihr aber mit seinem Erscheinen wohl immerhin ein paar saftige Schläge erspart hatte.

»Du hast ihn mitgebracht? Bist du von Sinnen? Was soll das hier werden?«, zischte der Mönch sie an. Margret grinste schief und wusste, dass es die Spalte noch hässlicher machte. Es war ihr egal.

»Wir hatten eine Abmachung! Halt dich dran. Ich konnte ihm das hier noch unterjubeln …«, sie nickte erst zu dem Alten, dann auf ihren Bauch, der sich unter der Schürze hervorwölbte, »aber wenn du dich nicht an unsere Abmachung hältst, geh ich zum Abt und sag ihm und den anderen, von wem es wirklich ist!«

Sie drehte sich auf dem Absatz um, packte ihren Mann und zog ihn zur Stalltür.

»Maaget! Hier steckst du!«

Der Alte nickte zufrieden, als er sie neben sich spürte, und humpelte mit ihr mit. Margrets Mann Elias war zweiundzwanzig Jahre älter als sie selbst, aber das hatte sie nicht gestört, sie hatte ihn trotzdem geheiratet. Er war Köhler und grub zudem in den Wäldern nach Erz. Elias hatte ein wenig Land und ein kleines Haus darauf. Das hatte ihr gereicht. Und er hatte sie nicht mit diesem Blick angeschaut, den sie so hasste. Schon damals war er auf dem linken Auge blind gewesen, und das andere hatte sich bereits getrübt. Er wollte einen Sohn für seinen Hof. Sie war jung und schien gesund. Das hatte ihm gereicht. Margret und der Alte waren schon fast aus dem Stall hinaus, als der Mönch seine Fassung wieder zurückgewann.

»Das … das hast du mir nicht gesagt!«

Sie hatte die Stalltür in der Hand, drehte sich nochmals zu ihm um.

»Du hast nicht gefragt. Du weißt, was ich will, und du weißt, wo du mich findest …«

Sie schubste den Alten vor sich her aus dem Stall heraus und schlug die Tür krachend hinter sich zu. Der Mönch blieb schweigend zurück. Sogar die Schweine hatten aufgehört zu grunzen und in den Abfällen zu wühlen. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. Es war unerträglich heiß, auch hier drin, wo es kaum ein Fenster gab, durch das die Hitze hineindringen konnte. Er wusste, dass er einen Fehler gemacht hatte. Mehr noch, er hatte eine törichte, unverzeihliche Sünde begangen. Er musste etwas unternehmen.

Wegen ihr.

* * *

Die kleinen Wellen verzerrten sein Gesicht zu einer unförmigen Masse. Kaspar stand über die Schüssel gebeugt und genoss das kühle Nass, das den Schweiß von seiner Haut spülte. Die Wellen beruhigten sich, und er betrachtete sein Gesicht. Er war nicht alt. Er war nicht jung. Noch war das Haar auf der Stirn und um seine Tonsur herum dicht. Seine Lippen waren voll, doch um die Mundwinkel lag ein bitterer Zug, wie er jetzt feststellte, und sein Kinn war kantig, so als hätte man es mit wenig Liebe aus einem knorrigen Holzscheit geschnitzt. Die Nase war lang, gerade und spitz, und auf ihrem Rücken und auf den Wangenknochen konnte man die kleinen schwarzen Narben sehen, die ihm von einem missglückten Experiment mit Schießpulver geblieben waren.

Er hatte damals, in Italien, versucht, eine Maschine zu bauen, einen Antrieb für Fuhrwerke, der mit Schießpulver als Treibstoff funktionieren sollte. Er glaubte, er könnte die Energie des Pulvers in Bewegung umsetzen, und hatte dafür eine kleine Menge Pulver in Kupferröhren gefüllt, die mit einem Kolben ausgestattet waren. Wenn der Kolben durch die kleine Explosion nach oben gedrückt wurde, dachte Kaspar, würde er über ein Scharnier eine Welle zum Drehen bringen, und die Welle wiederum konnte für den Vortrieb eines Wagens sorgen. Über eine Klappe im Kolben würde dann neues Pulver nachrutschen, und der Vorgang begann von Neuem. Hatte er gedacht. Er hatte falsch gedacht. Das Pulver verhielt sich nicht so, wie es sollte.

Es war kaum zu kontrollieren. Kaspar hatte nicht damit gerechnet, dass die Verdichtung des Pulvers in der Kupferröhre die Wirkung der Explosion vervielfachte. Er hatte fast sein Augenlicht verloren, und es war nur einem kundigen Medikus in Rom zu verdanken, dass er noch etwas sehen konnte.

Der kleine Mann mit den flinken Fingern hatte ihm eine Augenbinde mit einer Kräuterpaste darauf verabreicht und sie sechs Tage daraufgelassen. Kaspar war blind gewesen und hatte viel Zeit zum Nachdenken gehabt. Ihm war klar geworden, dass er zwar keinen Antrieb, dafür aber eine sehr wirkungsvolle Bombe gebaut hatte. Die Erfindung wäre ihm sicher reich vergolten worden, wenn er sie jemandem gezeigt hätte, der Verwendung für Bomben hatte. Doch Kaspar verabscheute Krieg, Kaspar verabscheute Gewalt, und als er wieder genug sehen konnte, um in seine Werkstatt zurückzufinden, hatte er die ganze Apparatur weggeworfen.

Er grinste sein Spiegelbild im Wasser schief an. Wie so vieles, dachte er, was ich machen wollte. Auf einmal hörte er hinter sich ein Geräusch und fuhr herum. War jemand in seiner Werkstatt?

»Mathias?«

Niemand antwortete. Als er vorher in die Werkstatt zurückgekehrt war, hatte er niemanden darin gesehen. Und sie war abgeschlossen gewesen. Er lauschte, doch alles blieb still. Vielleicht wurde er langsam alt und begann sich Dinge einzubilden, dachte Kaspar, wie Joseph, der alte Chorherr aus Straßburg, der den ganzen Tag in einer warmen Ecke der Klosterküche saß und der sich zwar in allen Einzelheiten an den ersten Hugenottenkrieg vor über fünfzig Jahren, an das Massaker von Vassy und an die Tränensäcke der Königin Caterina de’ Medici erinnerte, der aber nicht mehr wusste, wo er heute morgen seinen Stock hatte liegen lassen.

Kaspar trocknete sein Gesicht ab und blickte noch einmal in die Schüssel. Seine Augenbrauen waren dunkel und buschig, und seine Augen hatte die Frau damals in Italien immer Gemme genannt. Gemme! Edelsteine! Sie waren einmal schön gewesen, das wusste er, und er schmunzelte über seine Eitelkeit. Eitelkeit war eine Sünde. Wie so vieles, ging es Kaspar durch den Kopf. So wie rote Haare zu haben oder an Fronleichnam Gemüse zu verkaufen, obwohl es gehagelt hatte. Oder wie eine Flugmaschine zu bauen. Sünde. Was war das? Er lebte schon mehr als dreißig Jahre lang in einem Kloster, ohne eine erschöpfende Antwort auf diese Frage gefunden zu haben.

Als Kaspar die Schüssel nahm, um das Wasser aus dem Fenster zu schütten, hörte er das Geräusch wieder. Es klang, wie wenn Holzpantinen auf Steinplatten kratzen, wie wenn man das Gewicht kurz von einem Bein auf das andere verlagert. Kaspar ließ sich nichts anmerken. Er öffnete das Fenster und goss das Wasser hinaus. Dann tat er so, als blicke er versonnen auf den Klosterhof, doch stattdessen schaute er dabei in die Scheibe des offenen Fensters und konnte in der Spiegelung die Werkstatt in seinem Rücken sehen. Der Vorhang vor einer Nische in der Werkstatt hatte sich eben ein wenig bewegt. Und dabei ging nicht der leiseste Luftzug.

Kaspar schloss das Fenster und schritt gemächlich zu seinem monströsen Werktisch, der in der Mitte des Raumes stand. Er wandte sich einer Spielerei zu, die er sich für seine Großneffen und Großnichten ausgedacht hatte. Ein kleines Gestell, in dem fünf Bleikugeln an Schnüren aufgehängt waren, und zwar so, dass sie sich berührten. Wenn man die erste Kugel anhob und dann wieder losließ, knallte sie gegen die zweite Kugel, doch diese geriet nicht in Bewegung, ebenso wenig wie die dritte und die vierte. Nur die fünfte Kugel, die am anderen Ende, schwang von den unbeweglich hängenden Kugeln weg, dann wieder zurück, gab den Stoß durch die anderen hindurch an die erste Kugel weiter, und das Schauspiel der ruhig dahängenden Kugeln wiederholte sich von Neuem.

Klack-Klack-Klack.

Die Brüder im Kloster hatten das Spiel in stummer Ehrfurcht beobachtet, einer hatte sich sogar bekreuzigt und etwas von »Zauberei« geflüstert. Kaspar hatte daraufhin sofort die Lust verloren, ihnen zu erklären, wie es funktionierte. Aber er wusste, dass man seine Augen nicht davon abwenden konnte. Kaspar hob die Kugel an und ließ sie zurückschwingen. Klack-Klack-Klack.

Er entfernte sich vom Tisch und ging zu der Wand, die man von der Nische aus nicht überblicken konnte.

Klack-klack-klack.

Er schlich langsam an der Wand entlang.

Klack-klack-klack.

Er war nur noch eine Armeslänge vom Vorhang entfernt.

Klack-klack-klack – KLACK!

Er griff hinter den Vorhang, bekam einen Arm zu fassen und zog kräftig daran. »Hee! Was … lass mich los!«

Kaspar schnappte nach Luft, als er sah, wer da vor ihm stand.

* * *

Der Matsch an seinen Schuhen war zu einem schweren breiigen Klumpen geworden und machte das Laufen noch mühsamer, als es ohnehin schon war. Während er seinen Rausch ausschlief, hatte es geregnet, und nun brannte die Sonne erbarmungslos auf die Stadt herab und entlockte dem feuchten Unrat und den Fäkalien in den Gassen einen infernalischen Gestank.

Hans Bodenhaupt stapfte, so schnell es ihm in seiner Verfassung möglich war, durch die aufgeweichten Straßen und Gassen von Regensburg und verfluchte sich ein ums andere Mal für sein gestriges Gelage im Wirtshaus. Er kämpfte gegen die Übelkeit, und sein Kopf fühlte sich an, als hätte man ein Lammfell an die Innenwand genagelt und dann einen Haufen nasser Steine aus dem Fluss hineingekippt. Der Vogt von Schussenried blieb stehen. Ihn schwindelte.

Als er sich an einer Häuserecke abstützte und sich schwer atmend nach dem rechten Weg zum Rathaus umsah, stellte er fest, dass ihm sein eigener Mundgeruch die Tränen in die Augen trieb. Ein Kaufmann, der ihm entgegenkam, zog seinen Mantel enger um sich, als er an Bodenhaupt vorbei um die Ecke ging, so als wolle er vermeiden, dass der blaue Samt den schwer atmenden Mann streifte. Der Vogt stöhnte und fuhr sich durch die grau melierten Haare. Er musste ein furchtbares Bild abgeben.

Scheißegal, sagte er sich, es half alles nichts, er musste weiter.

Bodenhaupt straffte sich und stapfte los durch den Unrat in den Pfützen, die sich zwischen den geduckten Fachwerkhäusern ausbreiteten. Die Nachricht des Boten hatte ihm Auftrieb gegeben. Er schien also durchgedrungen zu sein. Nach ganz oben. Als er vorher im Wirtshaus, noch halb nackt, den spindeldürren Knaben an der Schulter gepackt und geschüttelt hatte, wiederholte der stotternd die Worte, auf die Bodenhaupt so lange gewartet hatte.

»D… der K-Kanzler wünscht euch z-zu sprechen … sofort.«

Der Kanzler! Ein wohliger Schauer überlief Bodenhaupt bei diesem Wort. Der Kanzler des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation wünschte ihn, Hans Bodenhaupt, zu sprechen. Deshalb war er hergekommen, das hatte er erreichen wollen, als er vor sieben Tagen in Regensburg eingetroffen war.

Das war noch nicht alles, das war noch nicht das eigentliche Ziel. Er wollte mehr. Sicher, er griff nach den Sternen, aber dazu brauchte er das Gespräch mit dem Kanzler. Und es würde mehr brauchen als den armseligen goldenen Becher, den er nun unter seinem Wams trug, um das ganz große Ziel zu erreichen. Der Becher war nur ein Anfang, der Becher war nur für den Kanzler. Als kleines Geschenk, als Freundschaftsgabe, bezahlt von den Schussenrieder Kaufleuten und Handwerkern. Sie waren misstrauisch gewesen, als er ihnen von seinem Vorhaben erzählt hatte, sie fanden den knapp vierzigjährigen Mann, der das Amt erst seit einem halben Jahr bekleidete, anmaßend und eitel.

Aber Bodenhaupt hatte auch den Glanz in den Augen der Schussenrieder Honoratioren gesehen, als er ihnen von den ungeahnten Möglichkeiten vorgeschwärmt hatte, falls sein Vorstoß Früchte tragen würde. Er durfte einfach nicht versagen. Er hatte lange genug auf diese Gelegenheit gewartet, hatte sich vom Büttel zum Dorfschreiber und zum Steuereinzieher emporgearbeitet und dann gut geheiratet. Nach zähem Verhandeln, Schmeicheln und Bestechen hatte er die Stelle als Vogt und Richtherr von Schussenried ergattert, und er glaubte sogar, er könne noch mehr erreichen in diesem Leben. Nur musste dafür seine Mission von Erfolg gekrönt sein, und für diesen Erfolg musste er dem Kanzler etwas geben können. Aber was? Was konnte er dem Kanzler anbieten, um an das ganz große Ziel zu gelangen?

Bodenhaupt bog um die Ecke des Watmarkts und gelangte auf den Domplatz. Die Sonne brachte die Fassade des mächtigen Kirchenbauwerks zum Leuchten, und ein Schwarm Krähen zog laut kreischend an den unvollendeten Türmen vorbei. Der Vogt sah die Gesandten aus Heilbronn über den belebten Platz auf den Dom zuschreiten, bevor sie ihn sahen. Er wandte ihnen schnell den Rücken zu und beugte sich über das Angebot von Fleisch und Wurst auf dem Marktstand eines Händlers, ohne wirklich etwas davon wahrzunehmen. Sie brauchten ihn nicht zu sehen, niemand brauchte zu wissen, dass er auf dem Weg zum Kanzler war. Die anderen Städte waren auch nicht dumm. Sie ahnten, was vorging. Durch Bestechung hatte Bodenhaupt vor zwei Monaten erfahren, dass der Kanzler sich in Regensburg aufhalten würde. Man plante einen neuen Reichstag. Seit drei Jahren hatten die Stände nicht mehr getagt, und bei der misslichen Lage in Böhmen und mit den Händeln, die Habsburg in Spanien und in der halben Welt hatte, war es nötiger denn je, die Lage im Reich zu ordnen. Deswegen war Melchior Khlesl, Bischof von Wien, frisch gekürter Kardinal und Reichskanzler, in der Stadt. Um mit den Ministerialen einen Reichstag vorzubereiten. Und der neue Vogt von Schussenried wusste, dass er die Gelegenheit nicht verstreichen lassen durfte, wenn der mächtige Mann das ferne Wien einmal verlassen hatte. Es kam selten genug vor.

Doch was konnte Bodenhaupt ihm sagen? Was außer einem schäbigen Becher konnte er ihm anbieten, um ganz nach oben durchzudringen? Einen Becher, der nicht einmal für einen anständigen Schluck Wein reichte. Bodenhaupt stöhnte, er wusste keine Antwort. Er hatte erreicht, was er erreichen wollte, doch nun, so schien es, wusste er nicht weiter, nun stand er wieder vor einer verschlossenen Tür, hermetischer noch als die davor. Der Vogt erschrak, als der korpulente Mann hinter dem Marktstand ihn ansprach.

»Gott zum Gruß, der Herr. Nur allerfeinste Ware für die Gäste der Stadt. Habt’s Ihr schon einen lustigen Abend in Regensburg erlebt?«

Bodenhaupt blickte den kahlköpfigen Mann mit der blutverschmierten Schürze aus trüben Augen an. Sein erbärmlicher Zustand schien auch noch dem letzten Metzger auf einen Blick aufzufallen. Er räusperte sich mit trockenem Mund, sammelte Speichel für eine Abfuhr, als der andere schon wieder weitersprach.

»Blutwurst, Hinterschinken, Lüngerl, Herz, kann ich alles empfehlen, so frisch, dass es noch dampft!«

Der Mann wies stolz hinter sich auf die an einer Kette aufgehängten Därme, Lungen und Nieren, von denen tatsächlich noch das Blut tropfte. Bodenhaupt drehte sich der Magen um. Der Händler grinste ihn breit an.

»Der Speck ist besonders gut, wenn ich Euch einen Rat geben darf«, dann senkte er die Stimme und legte verschwörerisch die Hand an den Mund, um sein nicht sehr leises Flüstern zu unterstreichen, »und das Beste nach einer durchzechten Nacht! Mit Speck fangen S’ auch die ganzen feschen Mäusl, die am Haidplatz auf der Suche nach einem galanten Herrn sind …«

Er grinste anzüglich, und Bodenhaupt schoss das Blut in den Kopf. Blitzschnell packte er den Mann am Kragen und zog ihn über seinen Marktstand, mitten zwischen Fleisch und Würste.

»Hundsfott! Was erlaubt er sich?«

Der angsterfüllte Schrei des Metzgers hallte über den halben Domplatz. Die Leute um sie herum blieben stehen und starrten auf den zornigen Mann mit den wirren Haaren und auf den verschreckten Händler. Auch die Gesandten aus Heilbronn hielten inne und tuschelten. Die Unterlippe des Metzgers zitterte.

»W-was? Ich … hab … ich?«

Bodenhaupt packte einen Kanten Speck und wollte ihn dem anderen in sein freches Maul stopfen, doch dann hielt er plötzlich inne. Speck, dachte er. Mit Speck fängt man Mäuse. Der Metzger starrte ihn immer noch mit vor Furcht geweiteten Augen an. Der Vogt stierte blinzelnd vor sich hin. Dann erschien ein Grinsen auf seinem Gesicht. Bodenhaupt suchte in den Taschen seines Umhangs und brachte eine verbogene Münze zutage. Er legte dem Metzger die Münze auf die Zunge wie ein Pfarrer die Hostie, dann packte er ihn am Kinn und klappte ihm den Mund zu.

»Dank ihm für den guten Ratschlag, Metzger. Gott zum Gruße!«

Der Vogt ließ den Metzger los, nahm den Kanten Speck und machte sich von dannen. Die Umstehenden sahen ihm staunend hinterher, dann verschwand der Mann in der Menge vor dem Rathaus.

Bodenhaupt stieß zwei tratschende Büttel, die ihm im Weg standen, zur Seite und biss herzhaft in den Speck. Seine Kiefer zerkauten kraftvoll das nach Wacholder und Kümmel schmeckende Fleisch, und er fühlte sich zum ersten Mal an diesem Morgen frisch und bei Kräften. Speck, dachte er, als er die steile Treppe ins Rathaus emporeilte und dabei immer zwei Stufen auf einmal nahm, Speck für die Maus.

* * *

Kaspar starrte sie noch immer atemlos an. Wer war sie? Er hielt ihr Handgelenk umklammert, warum, wusste er nicht, weglaufen schien sie jedenfalls nicht zu wollen. Trotz der vielen Kratzer in ihrem Gesicht und den langen dunklen Strähnen, die darüberhingen, konnte er sehen, dass die Frau hübsch war. Mehr noch, sie war schön. Doch da waren auch die tiefen Schatten unter ihren grüngrauen Augen. Es ging ihr schlecht. Sie hatte Angst, er spürte ihren rasenden Puls am Handgelenk.

Was machte sie hier? Was war das für ein seltsames Gewand, das sie da trug? Dieses grobe Tuch, wohl mehr ein Laken, notdürftig zusammengehalten von einer Fibel und davor diese Fetzen als Schürze? Irgendetwas stimmte mit ihren Haaren nicht, sie waren schwarz, und doch waren sie es nicht. Ein paar Strähnen schimmerten in einem blassen Rot. Ihr Blick zuckte unruhig von ihm zum Fenster und wieder zu ihm. Er spürte, dass sie sich losreißen wollte, doch sie tat es nicht.

»Wer bist du?«

Kaspar hatte seine Sprache wiedergefunden. Sie blickte schließlich auf ihr Handgelenk, und er ließ sie los. Die Frau ging zum Fenster. Wollte sie es öffnen, um den stickigen Raum zu lüften? Sie trat neben das Fenster und achtete darauf, das man sie von draußen nicht sehen konnte. Sie schien erleichtert, als sie einen Blick auf den leeren Klosterhof geworfen hatte. Kaspar fragte sich, was sie zu sehen erwartet hatte und warum sie erleichtert war, nichts zu sehen. Dann verstand er. Sie war nicht erleichtert, nichts zu sehen, sie war erleichtert, niemanden zu sehen. Die Frau zuckte zusammen, als sie sich umdrehte und Kaspar direkt vor ihr stand.

»Ach so ist das …«

»Ja, so ist das.«

Ihre Stimme war sanft, aber fest. Kaspar fuhr mit dem Finger durch die Luft.

»Du bist diese …?«

»Ja. Agnes. Agnes Weitbrecht.«

Er nickte wieder.

»Du ersparst mir eine Menge Arbeit, Weib …«

Sie schwieg. Kaspar entdeckte ein Grübchen auf ihrem Kinn, das aussah wie eine winzig kleine Sichel. Er überlegte.

»Wie bist du hier hereingekommen? Ich schließe die Tür immer ab, wenn ich gehe.«

Sie zog die kleine Fibel aus ihrem Umhang, und Kaspar stutzte einen Augenblick. Wollte die Frau sich ausziehen? Agnes hielt den Umhang am Hals zusammen, damit das Tuch nicht rutschte. Dann zeigte sie ihm die Fibel. Der einfache schmucklose Draht der Spange war zu einem Schlüssel gebogen worden.

»Euer Türschloss ist kein wirkliches Hindernis …«, meinte sie und blickte kurz zu Boden. Kaspar riss ihr die Fibel aus der Hand und betrachtete sie eingehend. Obwohl es ihm widerstrebte, musste er anerkennend nicken. Er gab ihr die Fibel zurück.

»Nicht schlecht … Aber du hast dir das falsche Versteck ausgesucht. Was um alles in der Welt hat dich geritten, ausgerechnet hierherzukommen?«

Sie schwieg. Kaspar deutete mit dem Finger auf sich selber.

»Ich bin derjenige, der dich finden und wieder in den Turm stecken soll …«

»Ich weiß … ich hab’s gehört.«

»Du weißt, was man von mir erwartet?«

»Ich weiß. Ihr sollt mich anklagen, verhören, verurteilen.«

»Und dann vor den Scharfrichter bringen. Oder auf den Scheiterhaufen.«

»Ich weiß.«

»Und dennoch versteckst du dich hier? Warum?«

Sie schwieg wieder.

»Warum, Weib?«

»Wegen dem abergläubischen Pack.«

»Was?«

»Ihr nanntet sie abergläubisches Pack. Ihr habt gesagt, es seien nur Gerüchte und Vermutungen, die gegen mich sprächen …«

Kaspar schüttelte den Kopf. Worauf wollte sie hinaus?

»Der Vogt hat dich verhaften lassen. Er wird seine Gründe gehabt haben.«

»Glaubt Ihr, dass ich eine Hexe bin?«

»Es ist gleichgültig, was ich glaube. Du hast es selbst gehört: Ich habe meine Pflicht zu tun.«

Sie machte einen Schritt auf ihn zu.

»Glaubt Ihr, dass ich eine Hexe bin?«

»Ich sage es dir noch einmal, es geht hier nicht um mich, es geht um meine Pflichten, und ich habe im Moment genügend davon und keine Zeit –«

»Glaubt Ihr, dass ich eine Hexe bin?«

»Herrgott, nein! Es gibt keine Hexen!«

Es war laut aus ihm herausgebrochen, und sie war zusammengezuckt. Jetzt sah Kaspar, wie ein kleines Lächeln ihre Mundwinkel umspielte.

»Dann sagt ihnen das doch.«

»Das ist, zum Henker noch mal, nicht meine verdammte Aufgabe!«

Kaspar musste sich beherrschen, allmählich ging sie ihm gehörig auf die Nerven. Lächelte sie etwa tatsächlich?

»Für einen Mann Gottes flucht Ihr ziemlich oft, wisst Ihr das? Ihr solltet Euch das abgewöhnen …«

»Wie bitte? Du … du wagst es …?«

Kaspar suchte nach Worten. So etwas wie dieses Weibsstück war ihm noch nicht untergekommen. Er hatte erwartet, dass sie ihn auf Knien anflehen würde, dass sie weinen, betteln und schreien würde, und nun war er es, der schrie. Ganz langsam, mit gemessenen Schritten ging sie zu der Nische, in der sich der Flugapparat befand. Sie betrachtete seine Erfindung, als wären sie auf dem Markt und sie würde eine Kuh von allen Seiten auf ihre Gesundheit hin ansehen.

»Ich kam nicht umhin, das Ende Eures Gespräches vorher mitanzuhören. Ihr wollt wohl eine Art Ikarus werden, hm? Scheint so, als würde der sonnige Abt das Wachs zum Schmelzen bringen, das eure Federn zusammenhält …«

Sie grinste wieder.

»Was weißt du von Ikarus?«

»Er ist ins Meer gestürzt, soweit ich weiß …«

»Das meine ich nicht. Ich meine: Warum weißt du von Ikarus?«

»Ich habe davon gelesen …«

Kaspar musterte sie scharf.

»Du hast … du kannst lesen?«

»Und schreiben. Ich habe es mir selber beigebracht. Mit einer Bibel.«

»Du bist eine Bauersfrau? Und du kannst lesen?«

Kaspar starrte sie ungläubig an und blickte dann aus dem Fenster zum Dorf. Sie folgte seinem Blick und nickte, wie um seinen Gedankengang zu bestätigen.

»Die Leute finden das unheimlich … Und? Habt Ihr?«

»Hab ich was?«

»Wachs benutzt. Für die Federn?«

Kaspar trat zu ihr hin und zog an dem Tuch, um den Flugapparat wieder darunter verschwinden zu lassen.

»Unsinn. Wachs wird spröde und bricht. Schon bei der kleinsten Belastung. Das weiß man doch. Nein, ich habe mir die Mühe gemacht, die Kiele mit Nadel und Faden an Querstreben anzubringen und diese dann wie Dachziegel übereinanderzulegen und mit dem Haltegerüst zu verbinden.«

Sie schob die Unterlippe vor.

»Sieh an. Eine Menge Arbeit.«

Das Tuch hing an einer Holzstrebe fest, Kaspar zog heftig daran, aber es wollte sich nicht lösen.

»Ja, und sinnlos dazu«, fuhr Kaspar verärgert fort, »die Federn halten den Druck nicht aus, wenn man mit den Flügeln schlägt, weil die Querstreben zu weit auseinanderliegen. Sie biegen sich auf und lassen die Luft durch. Ich habe es versucht. Man hebt nicht einen Fußbreit vom Boden ab. Und als ich von der Mauer im Konventsgarten gesprungen bin, habe ich mir den Fuß verstaucht und mir einen Haufen blauer Flecken geholt. Es taugt einfach nichts!«

Sie legte den Kopf schief.

»Dann setzt die Streben enger.«

Kaspar kämpfte noch immer mit dem Tuch. Warum wollte das vermaledeite Ding nicht so, wie er wollte?

»Nein, das geht auch nicht! Wenn ich die Querstreben enger zusammensetze, brauche ich mehr Streben, und das ganze Gestell wird wieder viel zu schwer, es funktioniert einfach nicht, und ich weiß nicht, wieso! Es ist zum Aus-der-Haut-Fahren, ich …«

Sie half ihm, löste das Tuch von der Holzstrebe, und der Stoff glitt über den Flugapparat. Sie strich sanft über das Tuch, als sei es eine Tischdecke für eine festliche Tafel. Kaspar betrachtete sie verwirrt. Seine Stimme wurde sehr leise.

»Was willst du von mir, Weib?«

Sie blickte hoch.

»Meine Freiheit.«

Ihre Augen sind wie ein Tümpel im Wald, durchfuhr es Kaspar. Er schüttelte sich.

»Du willst weg? Meinetwegen. Ich glaube nicht an Hexerei. Dieser Aberglaube ist etwas für Schwache, für Blödsinnige, die Gespenster brauchen, um an Gott zu glauben. Ein Christ mit reinem Herzen hat das nicht nötig. Versteck dich, bis es dunkel ist, und dann scher dich weg. Ich werde nichts sagen. In ein paar Tagen ist Gras über die Sache gewachsen, und du bist außer Landes.«

Kaspar wandte sich ab, als sei die Sache für ihn damit erledigt. Er ging zur Tür, öffnete sie und spähte kurz auf den Gang hinaus. Es war niemand zu sehen, sie konnte …

»Nein.«

Die plötzliche Kälte in ihrer Stimme ließ ihn innehalten. Er wandte sich um. Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt, sah ihm trotzig in die Augen.

»Das wäre Flucht. Ich sagte Freiheit

Kaspar schloss leise die Tür und kam auf sie zu. Er zischte sie an.

»Bist du von Sinnen? Da draußen tobt der Pöbel, sie werden dich sofort aufknüpfen oder steinigen, wenn sie dich kriegen, und du faselst etwas von Freiheit? Was soll das werden?«

»Ihr glaubt nicht, dass ich eine Hexe bin?«

»Wie oft denn noch? Nein!«

»Dann sagt ihnen das. Ihr seid der Einzige mit genug Verstand in dieser Stadt. Und mit Einfluss! Sie werden Euch zuhören, und sie werden Euch glauben, und wenn sie es nicht tun, dann werden sie zumindest gehorchen! Sie haben eben auch gehorcht, als Ihr sie nach Hause geschickt habt.«

Kaspar kniff die Augen zusammen.

»Du willst … was?«

»Verteidigt mich in einem Prozess. Macht ihnen klar, dass ich keine Hexe bin. Dass es keine Hexen gibt!«

Er schnaubte.

»Du bist eindeutig von Sinnen. Selbst wenn das gelingen sollte, wirst du hier nie wieder in Frieden leben können. Der Ruch der Hexerei wird dir ein Leben lang anhaften. Du weißt, wie die Menschen sind. Warum willst du nicht weg?«

Sie sah ihn an, als hätte er gefragt, warum ihr keine Rosenbüsche aus den Nasenlöchern wuchsen. Fassungslos schüttelte sie den Kopf.

»Ich habe nichts getan! Ich habe ein Recht, hierzubleiben wie alle anderen auch. Ich habe ein Stück Land und eine Hütte darauf, und es gefällt mir. Und ich habe zwei Kinder großzuziehen. Ich gehe nicht weg. Ich bleibe hier!«

Kaspar schwieg. Dann machte er auf dem Absatz kehrt und wandte sich wieder zur Tür.

»Du bist wahnsinnig, Frau«, sagte er mit einer wegwerfenden Handbewegung, »und du verschwendest meine Zeit!«

Agnes bemerkte etwas, das vor ihren Füßen auf dem Boden lag. Es war eine Feder, eine von den Federn, die sich aus Kaspars Fluggestell gelöst hatten. Sie bückte sich, nahm die Feder auf und betrachtete sie eingehend.

»Ich bin nicht wahnsinnig, das wisst Ihr. Und Ihr seid derjenige, der seine Zeit verschwendet.«

Kaspar blieb stehen.

»Was? Was soll das nun wieder heißen?«

»Euer Flugapparat. So kann er nicht funktionieren.«

»Ach ja? Was verstehst du denn schon davon?«

»Eine Bäuerin war vielleicht nicht in Rom zum Studieren. Aber sie hat in ihrem Leben jede Menge Hühner gesehen.«

»Und?«

»Habt Ihr schon mal ein Huhn gesehen, das fliegen kann? Das mehr als ein paar Fuß vom Boden abhebt?«

»Nein. Na und? Was soll das?«

Sie standen so dicht voreinander, dass Kaspar die Wärme ihres Körpers zu spüren glaubte. Sie schwitzte, und dennoch war sie kreidebleich. Sie schloss für einen Moment die Augen. Was war mit ihr? War ihr schlecht? Kaspar verstand es nicht. Er verstand sie nicht. Die Frau machte ihn wütend, richtig wütend. Sie öffnete die Augen. Sie grinste!

»Ihr seid so ein Huhn, Pater Mohr.«

Sie brachte es tatsächlich fertig und grinste! Kaspars Zeigefinger schoss an ihrem Kopf vorbei und deutete auf den Klosterhof.

»I

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