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Der falsche Preuße

1.

»… ich bitte jeden Leser, daß er keine Wahrnehmung, die er gemacht hat, für unwesentlich halte.«

Hans Groß: Handbuch für Untersuchungsrichter, Polizeibeamte, Gendarmen usw., 1. Auflage, 1893

Das ungewöhnlich gute Wetter im Jahr 1894 hatte die Kriminalität in München jäh ansteigen lassen. All die Wirtshausschlägereien, Streitereien mit den Fremden, die in die sonnige Stadt strömten, und die nie enden wollenden Eifersuchtsdramen heißer Sommernächte fanden ihren Höhepunkt natürlich im jährlichen Oktoberfest, und Hauptmann Wilhelm Freiherr von Gryszinski war heilfroh, dass diese bierselige Vorhölle am gestrigen Tag zu einem Ende gekommen war. Nachdem er nun jede erdenkliche Art, wie man mit einem Masskrug ein Schädeltrauma verursachen konnte, ergründet hatte, freute er sich auf einen ruhigen Herbsttag, der ihn eben mit einem freundlichen Morgenlicht empfing. Er war früh dran, als er aus dem großen Mietshaus im Lehel auf die Straße trat, und beschloss daher, sich auf dem Weg zur Arbeit einen Umweg zu gönnen.

Er ließ die Trambahn fahren, die seit einiger Zeit nicht mehr nur von Pferden gezogen, sondern auch mit Dampf betrieben wurde und demnächst sogar elektrisch fahren sollte – unglaublich, in welcher Zeit der Innovationen sie lebten! –, und folgte einigen der ungepflasterten Straßen, die heute mit einer schmierigen Schicht nassen Staubs bedeckt waren, denn in der letzten Nacht hatte es endlich geregnet. Links und rechts erhoben sich frisch erbaute prachtvolle Bürgerhäuser, durchbrochen von Baustellen für noch mehr große Mietshäuser mit Erkern, Türmchen und Stuckarbeiten; eine Parade historistischen Schmuckwerks, die geradewegs in die Maximilianstraße tanzte.

War der Rest Münchens quirlig, voller dicker Pferde und stämmiger Bauern in Tracht, so schlug die Prachtstraße eine Schneise von fast brutaler Schönheit durch diesen menschlichen Ameisenhaufen. Eine italienische Idealstadt auf der falschen Seite der Alpen, in der gut betuchte Flaneure verkehrten. Sogar ein poliertes Automobil fuhr an Gryszinski vorbei, noch so ein Zeichen unaufhaltsamer Neuerungen. An die fünfundzwanzig Personen, so wusste der Gendarm Gryszinski, besaßen in München bereits eine Fahrerlaubnis. Ansonsten prägten die allgegenwärtigen Mietdroschken das Straßenbild. Dazwischen leuchteten die Postillione in blauen Jacken, jeder ein Messinghorn um den Oberkörper geschnürt. Ihre Postkutschen hatten qua Gesetzgebung immer Vorfahrt, weshalb der Führer eines mit Ziegelsteinen beladenen Fuhrwerks jetzt schmallippig auswich. Die Münchner Polizeidirektion hatte diese Berufsgruppe schon länger auf dem Kieker und daher einige Erlasse herausgebracht, die mit der ihr ganz eigenen peniblen Beobachtung jedweder Widrigkeit auf Münchner Straßen verordnete, dass die Führer landwirtschaftlicher Fuhrwerke nicht nur vorschriftsmäßig auszuweichen, sondern sich gefälligst auch aller grober Ausdrücke zu enthalten und das übermäßige Peitschenknallen zu unterlassen hätten, renitente Wagenführer würde man ohne große Worte festnehmen.

Unwillkürlich straffte Gryszinski die Schultern. Er war nicht von hier, er war Preuße, zwar nur niederer Landadel, aber immerhin Hauptmann und Reserveoffizier der preußischen Armee, und hatte bis vor einem Jahr in Berlin gelebt, bevor er und seine Frau Sophie hierher übersiedelt waren. Er würde also sicher nicht wie ein staunender Bauerntölpel durch diese neogotische Theaterkulisse stolpern, zumal auf ihn als Vertreter des Königlich Bayerischen Gendarmeriekorps auch ein wenig Scheinwerferlicht fiel. Schräg gegenüber vom Hotel Vier Jahreszeiten bog Gryszinski in die Marstallstraße ein und fand sich im Geäst kleiner Straßen wieder – ein feines Netz, scheinbar nach dem System des Zufalls gewoben, welches das gesamte Zentrum überzog. Für ihn als Preußen war es eine kolossale Umstellung gewesen: Während es in dem wie mit einem Lineal gezogenen Straßennetz Berlins eigentlich egal war, ob man seinen Schritt direkt in die erste Querstraße oder erst einen Kilometer später in die gewünschte Richtung lenkte, beging man hier einen fatalen Fehler, wenn man einfach mal eine Kreuzung später abbog. Viele Straßen verliefen nämlich perfiderweise nicht schnurgerade, sondern bogen sich, krümmten sich vor Lachen über den ahnungslosen Fremden, der sich möglicherweise plötzlich wieder an einer Gabelung fand, an der er schon gewesen war, wie in einem quälenden Traum, in dem man nicht von der Stelle kommt.

Gryszinski allerdings kannte sich allmählich aus und gelangte schnell an das eigentliche Ziel seines morgendlichen Umwegs: den Victualienmarkt. Er enterte diesen lukullischen Sirenenfelsen von der Metzgerzeile her. Bis vor nicht allzu langer Zeit war ein Bach hinter den Schlachtereien entlanggeflossen, der die Fleischabfälle fortgespült hatte, ein stetes rot gefärbtes Gurgeln mit dem klingenden Namen »Roßschwemmbach«, vor allem aber eine ewige Quelle ekelhafter Verschmutzungen, genauso wie das Vieh, welches regelmäßig mitten durch die Stadt zur Schlachtbank getrieben wurde. Seit der Errichtung der Schlachthöfe in der Isarvorstadt wurde endlich nicht mehr vor Ort geschlachtet, weshalb man den Bach trockengelegt hatte. Die Fleischwaren wurden jetzt hier nur noch verkauft, in einer hübschen, neuen Ladenzeile im allgegenwärtigen neogotischen Stil. In den Auslagen ruhten sanft lächelnd die Schweinsköpfe, drum herum ihre abgehackten Gliedmaßen drapiert, das Ganze gekrönt von Girlanden aus Würsten; alles sorgsam und sauber angeordnet, wie die exquisitesten Seidenhandschuhe. In einem dieser Läden arbeitete das Fräulein Ganghofer. Gryszinski kannte es von einer Streiterei mit einem Fischweib, das die Fleischverkäuferin im letzten Jahr attackiert hatte, bewaffnet mit einer fetten Renke aus dem Starnberger See – es war eine wirre Geschichte gewesen, die sich wohl um einen schmeichlerischen Tuchhändler drehte, der die zwei Damen aus den verschiedenen Lebensmittelressorts versehentlich zur selben Uhrzeit unter den Maibaum bestellt hatte. Gryszinski war nicht ganz durchgestiegen, als er den Fall aufnahm, hatte aber wohl begriffen, dass der Ganghofer übel mitgespielt worden war, und sie seines Mitgefühls versichert. Seitdem war er ein beliebter Kunde in der Metzgerzone, während er um die Fischbuden und vor allem die Seefischhalle am anderen Ende des Marktes lieber einen großzügigen Bogen machte.

»Grüß Gott, Herr Hauptmann!«, schallte es ihm auch heute freundlich entgegen.

In dem Moment, in dem Gryszinski den Stand vom Fräulein Ganghofer betrat, durchzuckte ihn immer die Erinnerung an seine Mutter in Berlin, wie sie einst in einem gemütlichen Gasthaus auf einer Landpartie nach Halensee Rast machend ein winziges Stück Roastbeef beäugt und verkniffen geäußert hatte: »Das Gabelfrühstück, Wilhelm, ist eigentlich etwas ganz und gar Frivoles. Als würden wir heute nicht noch genug zu essen bekommen, mit all dem Kuchen, dem Wein und den gebratenen Speisen, die wir uns auf diesem Ausflug noch einverleiben müssen.« Der kleine Wilhelm hatte auf diese unfassbaren Reden hin immer brav genickt, um dann mit der Geschicklichkeit eines neapolitanischen Taschendiebes eine der butterzarten Scheiben Fleisch in seinem Ärmel verschwinden zu lassen.

»Grüß Gott, Fräulein Ganghofer«, sagte der erwachsene Wilhelm, »eine Bratensemmel bitte.«

Die Semmel – allein schon dieses süddeutsche Wort, dessen Zentrum den Klang »Hmm!« umarmt – war frisch gebacken, sodass man sich die Fingerkuppen daran verbrannte. Gryszinski schickte dem kleinen Wilhelm, dem die Remoulade aus den Hosentaschen tropfte, einen warmen Gedanken. Die Bratenscheibe, auf der das Fett noch sanft säuselnde Bläschen schlug, krönte ein Haupt aus knuspriger Kruste, die, sobald Gryszinski seine Zähne darein vergrub, so laut krachte, dass kein anderes Geräusch mehr in seinem Kopf zu hören war. Eine stumme Sekunde später schoss ihm das heiße Fett in den Mund und machte sogar die Erinnerung an die Mutter vergessen, wie sie seine heimlich zwischen den Hemden gebunkerten Kekse entdeckt hatte.

Seine Semmel in der Hand und ein paar ordentliche Krümel im Moustache wanderte Gryszinski tiefer in die kleine Stadt aus Bretterbuden. Die festen Stände sahen aus wie hölzerne Miniaturhäuser, Schilder mit den jeweiligen Namen der Händler schwebten über den Giebeldächlein. Um dieses beschauliche Dorf herum hatten weitere Händler ihre freien Stände aufgebaut, manche breiteten ihre Waren auf Tischen aus, andere saßen einfach auf kleinen Schemeln, umringt von bauchigen Körben. Weiße Sonnenschirme leuchteten über den offenen Verkaufsstellen. Jeder Stand war ein eigener Stadtteil mit ganz unterschiedlichen Protagonisten: Gryszinski sah die Rübenfrau, die das Wurzelgemüse in allen Farben verkaufte und ihre Ware als buntes Ornament ausgebreitet hatte. Daneben ein Meer aus Salatköpfen, zwischen denen kaum das verhutzelte Gesicht des Männleins, dem der Stand gehörte, auszumachen war. Überall brummte, summte und wuselte es, und allmählich füllten die Gattinnen und Haushälterinnen die Gänge zwischen den Buden, jede mit einem großen Korb am Arm, eine Liste fürs Mittagessen im Kopf. All das – die bunten Waren, die Bauern in ihren so selbstbewusst getragenen Trachten, die wohlhabenden Müßiggänger, denen ein Beutelchen mit ein paar erstandenen Äpfeln unterm Arm baumelte – bewegte sich zu einem Takt, in dem zu Gryszinskis eigenem Erstaunen auch sein preußisches Herz schlug. Trotzdem beschleunigte er seinen Schritt, die Pflicht rief nun doch.

Rechter Hand tauchte die Maximilians-Getreide-Halle auf, die Schranne, in den 1850ern war sie als technische Sensation gefeiert worden. Heutzutage erweckten die Glas-Eisen-Konstruktionen, lichte Kathedralen der Moderne, natürlich nicht mehr dasselbe ungläubige Staunen wie damals, zumal der Glaspalast am Botanischen Garten noch imposanter war. Dort hatte es vor gut zehn Jahren tatsächlich einen künstlichen Wasserfall gegeben, der mit einer elektrischen Pumpe betrieben wurde; eine Naturgewalt, geschaffen von menschlicher Hand in einer Industriehalle! Die Elektrizität durchdrang zunehmend die gesamte Stadt in ihrer ganzen gemütlichen Volkstümlichkeit, ließ die Festzelte und Wirtshäuser strahlen und würde mit ihren Oberleitungen für die Straßenbahn bald den blauen bayerischen Himmel zerschneiden, auch wenn der Prinzregent diese Verschandelung noch lange nicht für die nähere Umgebung der Residenz zuließ. Gryszinski war kein Zukunftsverweigerer, wohl aber ein gemütliches Temperament. Er mochte die dicken Männer auf dem Markt, die schon am Morgen mit einem irrwitzigen Pinsel auf dem Kopf an einem Bierfass lehnten, ihr Helles tranken und jeden Tag auf dieselbe Weise behäbig schwiegen. So, sinnierte Gryszinski, durfte der Fortschritt in seiner ganzen Wucht kommen, während man sich schweigend am Rand eines Fasses festhielt. Er schüttelte seine ungewohnt philosophischen Gedanken zum Fortschritt ab. Er musste nun wirklich seinen Dienst antreten. Noch glaubte er, es würde ein ruhiger Tag werden. Wie man sich irren kann.

Kurz bevor er das Gebäude der Polizeidirektion in der Schrammerstraße betrat, fragte er sich wie jeden Morgen seit nunmehr einem knappen Jahr, ob er heute endlich die Chance bekommen würde, sein Können zu beweisen. Gryszinski war auf verschlungenen Wegen hierhergelangt: Er, als junger Jurist mit einigen Ambitionen und außerdem Reserveoffizier der preußischen Armee, hatte eine Weile bei Hans Groß in Graz hospitiert, jenem bekannten Vorsitzenden am Grazer Appellationsgericht, der seit dem letzten Jahr einen eigenen Lehrstuhl für Kriminalistik forderte. Man kam in der Aufklärung von Verbrechen immer mehr davon ab, nur auf Zeugenaussagen und mehr oder weniger freiwillig abgelegte Geständnisse zu bauen, sondern ersann Wege, die Spuren am Schauplatz des Verbrechens auszuwerten. Groß, so konnte man sagen, war der erste Kriminalist, ein Meister darin, einem Tatort seine dunkle Geschichte zu entringen. Genau das hatte er auch Gryszinski beigebracht – und seinen Schüler als große Hoffnung in der noch jungen Disziplin professionellen Spurenlesens bezeichnet.

Gryszinski war nach seiner Zeit in Graz nach Berlin zu seiner Verlobten zurückgekehrt und hatte bei der Staatsanwaltschaft angefangen. Während Sophie und er Hochzeit feierten, wurden in München eine Witwe und ihre drei Töchter brutal ermordet, ein Fall, der die Münchner Bevölkerung in helle Aufregung versetzte. Und dem Münchner Polizeidirektor Ludwig von Welser im Laufe der darauf folgenden fieberhaften, oft chaotischen, letztlich aber doch erfolgreichen Ermittlung wieder einmal vor Augen führte, wie schlecht sie in solchen Fällen aufgestellt waren. Die Polizeidirektion, die als leitendes Organ über der Gendarmerie hing, platzte zwar aus allen Nähten und breitete sich auf immer mehr Gebäude aus, doch eine richtige Kriminalabteilung fehlte. Sie hatten nicht mal den Platz, um all das Material, das an Tatorten gesammelt und zu Straftätern aufgenommen wurde, ordentlich abzulegen und zu systematisieren. Die Akten und Karteikarten stapelten sich überall, wo Platz war – so mancher Mitarbeiter witzelte, dass man auch gut all die dicken Mappen unter die Schreibtische schieben könnte, dann hätte man wenigstens eine bequeme Stütze für die Füße. Um überhaupt etwas zu tun, hatte Welser, der mit Hans Groß eine gelegentliche Korrespondenz pflegte, diesen gefragt, ob er ihm nicht einen aufstrebenden Spezialisten nennen könne, der ihren Missstand zumindest ein wenig verbessern könnte. Groß empfahl Gryszinski, und so kam es, dass der junge preußische Hauptmann, im Schlepptau seine Frau Sophie, die damals mit dem kleinen Friedrich schwanger war, in der Position eines Brigade-Kommandeurs bei der Münchner Polizei anfing, wobei seine Brigade lediglich aus zwei Wachtmeistern bestand, mehr war nicht drin. Nun saß Gryszinski am Fensterplatz eines engen Bureaus, das er sich mit den anderen beiden Angehörigen seiner Einheit, den Wachtmeistern Johann Voglmaier und Konrad Eberle, teilte, blickte tagein, tagaus auf einen hübschen Delikatessenladen namens Dallmayr und wartete darauf, dass jemand heimtückisch ermordet wurde. Bis dahin befasste sich seine kleine Sondereinheit eben mit den heftigsten Fällen ausgearteter Bierfeste. Oder auch mal den Raufereien wild gewordener Marktweiber. Bei dem dramatischen Personalmangel der Königlich Bayerischen Gendarmerie konnte man nicht wählerisch sein.

Die Veränderung ihrer Situation klopfte in der eher unspektakulären Gestalt eines einfachen Gendarmen an die Tür. Der Mann hielt einen Jungen am Arm und schubste diesen in den Raum, als müsse er beim Schuldirektor vorstellig werden.

»Das ist für Sie, Chef«, erklärte der Gendarm, während Gryszinski von seinem Platz aufstand und den Jungen musterte. Der musterte unbeeindruckt zurück.

»Wie heißt du denn?«

»Schoasch, Chef«, gab das Kind zurück, ein groß gewachsener Junge an der Schwelle zum Jüngling, dessen Stimme im skurrilen Gegensatz zu seinem hochgeschossenen Körper noch sehr kindlich war.

»Die korrekte Antwort wäre gewesen …«, Eberle, ein Schwabe mit Sinn für Hierarchien und eine gewisse Klarheit der Dinge, brachte seine gesamte Kraft auf, um im lupenreinen Hochdeutsch zu sprechen, »… Georg, Herr Kommandant!«

Gryszinski schüttelte innerlich den Kopf. Sein Wachtmeister musste noch viel lernen über die Befragung von Kindern. Er wandte sich wieder dem Jungen zu: »Was führt dich denn hierher, Schoasch?« Aus seinem Mund klang das bayerische Wort seltsamerweise wie der Name einer französischen Konkubine.

»Der Bub behauptet, in den Maximiliansanlagen eine Leiche gefunden zu haben, Chef«, beschleunigte der Gendarm die Sache. »Ein Kollege ist schon hin, um den etwaigen Fundort in Augenschein zu nehmen.«

Der Junge konnte nicht mehr an sich halten. »Der Mann hat kein Gesicht mehr, nur noch ein schwarzes Loch, und er hat Flügel!«

»Ach!« Gryszinski betrachtete ihn nachdenklich und griff dann nach seinem Mantel. Das versprach ja absonderlich zu werden.

2.

»… seine Thätigkeit im Finden der schlagendsten Beweise spielt sich nur zu oft im Kleinsten ab … Aus eigener Erfahrung will ich nur erwähnen, daß einmal alles davon abhieng, ob eine Thürklinke zur Zeit der That nicht geölt war und kreischte, ein andermal davon, ob eine halbverbrannte Cigarre in der Aschentasse oder daneben lag, ob ein in der Wand steckender Nagel ein Spinnengewebe trug oder nicht.«

Hans Groß: Handbuch für Untersuchungsrichter, Polizeibeamte, Gendarmen usw., 1. Auflage, 1893

Sie nahmen die Trambahn vom Isarthorplatz zum Maximiliansdenkmal, zwischen denen die Ringlinie 1 verkehrte. Während die Pferde den Waggon im gemächlichen Tempo die Gleise hochzogen, beobachtete Gryszinski seine Wachtmeister. Voglmaier war ein richtiges Münchner Kindl, dick, aber nicht fett, ratschte gern im Wirtshaus und hatte unzählige Spezl in der Stadt. Lebte quasi mit der Hand am Tresen. Voglmaier, so wusste Gryszinski, wurde von seinen Kameraden aufgrund seines Namens und wohl einer gewissen Pfiffigkeit »Spatzl« gerufen. Hierzulande sprach man das, zumindest klang es für Ohren aus dem Norden so, »Spoatzl« aus, wobei man sich dazu einen feisten oberbayerischen Wirt vorstellen musste, der sich in seiner gesamten Masse aufrichtete und mit donnernder Stimme das possierliche Wortungeheuer auf den Tresen spie.

Neben dem Spatzl hockte sein Kollege Eberle auf der Sitzbank, ein Mann, dessen Gesicht man sofort wieder vergaß. Ungemein brauchbar für Observierungen, das Spatzl würde im Gegensatz dazu wie ein weiß-blau karierter Elefant durch die Gassen stampfen. Eberle war Schwabe durch und durch mit den typischen Tugenden der Sparsamkeit und Korrektheit. Wobei Gryszinski mit der Zeit begriffen hatte, dass Eberle jeden Pfennig umdrehte, weil er eine sehr anspruchsvolle und nicht eben günstige Verlobte hatte. Hinter der Fassade seines blassen Äußeren verbarg sich eine fieberhafte Lust auf die weite Welt, obwohl – oder vielleicht gerade weil – Eberle noch nie weiter als bis nach Rosenheim gereist war. Gryszinski begrüßte diese Ader durchaus, ihn befremdete nur, dass Eberle ein ganz besonders brennendes Interesse für das Preußentum hegte, und zwar so, als sei alles Preußische so exotisch wie die fremden Völker Afrikas.

Unterhalb des Maximilianeums stiegen sie aus. Wie ein Vogel über seinem Horst hockte das Gebäude mit weit aufgespannten Flügeln am Ende der Maximilianstraße. Eine breite Brücke führte über die zu Füßen des Vogels fließende Isar. Die ehemalige steil abfallende Schafweide zwischen Haidhausen und Bogenhausen zog sich heute in sanften Wellen entlang des Flusses hin, in mal gewundenen, mal geraden Wegen, gesäumt von Bäumen im bunten Herbstkleid, die in wolkenartigen Gruppen gepflanzt waren. Dazwischen warfen die Rosenstöcke ihre letzten feurigen Farben der Saison. Im Abschnitt nördlich des Maximilianeums sollte die Leiche liegen.

Die drei Männer und der Junge traten von der Straße weg in die Anlagen und wurden von Ruhe umfangen. Gryszinski atmete tief ein und versuchte, den Kopf für alle Eindrücke frei zu machen. Er war tatsächlich ein wenig nervös. So makaber es war, er hatte lange auf diese Leiche gewartet. Doch jetzt wusste er plötzlich nicht mehr, ob er sie wirklich haben wollte. Allerdings gab es nun kein Zurück mehr, denn da vorne lag sie, und Gryszinski stockte kurz der Atem.

Jenseits eines gewundenen Weges fiel ein Hang ab und bildete unten eine natürliche Terrasse, von der man auf die schimmernde Isar blickte. Leuchtendes Laub bedeckte den Boden, von den Bäumen rieselten Blätter wie roter Schnee. Das warme Licht der Herbstsonne strömte durch die Stämme der Kastanien und Eichen. Inmitten dieser Szenerie lag ein stattlicher Männerkörper wie ein gefällter Baum. Ein Schrank von einem Mann, der aber, der Junge hatte keinen Unsinn erzählt, in einen weiten Umhang gehüllt war. Dieser bestand aus unzähligen hauchdünnen Federn, welche kunstvoll mit einem filigranen Gewebe verwoben waren. Soweit Gryszinski das sehen konnte, trug der Mann darunter lediglich Unterwäsche. Vor allen Dingen trug er kein Gesicht mehr, denn das war komplett weggeschossen. Ein grausamer Gegensatz zu seinem zarten Vogelkostüm.

»Uh!«, machte das sonst nicht zimperliche Spatzl angewidert beim Anblick des zerschossenen Kopfes, während der kleine Schoasch neben ihm stand und mit leuchtenden Augen die entstellte Leiche anstarrte. Gryszinski schüttelte leicht den Kopf. Nach Hans Groß sollte man immer ein paar Bonbons bei sich tragen, um verstörte kleine Augenzeugen beruhigen zu können, aber diesem Kind hier brauchte man wohl nicht damit zu kommen. Der Gedanke an die guten Himbeerdrops zog die Innenwände seiner Mundhöhle angenehm zusammen, daher klappte er ein kleines Köfferchen, das er bei sich trug, rasch auf, angelte einen Bonbon heraus und steckte sich diesen unauffällig in den Mund. Stumm hatte Eberle seine Bewegungen verfolgt. Dieser Koffer lag seit Gryszinskis erstem Tag bei der Polizeidirektion auf seinem Schreibtisch und hatte für allerhand Spekulationen gesorgt, denn niemand durfte ihn berühren. Nun hatte der Kommandant ihn zum ersten Mal mitgenommen, und Eberle war gelinde gesagt konsterniert, dass in dem Koffer offenbar Süßigkeiten waren. Dieser Preuße wurde ihm immer rätselhafter.

»Also.« Gryszinski straffte die Schultern. »Jetzt mal alle einen Schritt zurück und Ruhe.«

Von seinem Mentor hatte er gelernt, dass man den Tatort systematisch von links nach rechts beschreiben sollte, so wie man liest. Die Hoffnung bestand natürlich darin, auf diese Weise den Tatort selbst lesen zu können wie ein offenes Buch. Je länger Gryszinski, an seinem Bonbon lutschend, den Blick über die Seiten dieses Ortes wandern ließ, desto klarer wurde ihm, dass er es hier wohl mit einem Märchenerzähler zu tun hatte. Der Tatort war diese schöne Lichtung jedenfalls nicht. Auch wenn der ganze Boden mit Laub bedeckt war, hätte man hier doch deutliche Blutspuren sehen müssen. Auch war kaum vorstellbar, dass der Mann so, wie er nun spärlich bekleidet hier lag, bereits den Park betreten hatte. Die Leiche war also hier abgelegt worden, lautete Gryszinskis erste Hypothese, doch würde er sich erst festlegen, nachdem er mit dem Gerichtsarzt gesprochen hatte. Der würde bald kommen müssen.

»He«, sprach er den jungen Gendarmen an, der unter einer Baumgruppe stand und seine Pickelhaube in der Sonne glänzen ließ. »Sie haben den Fundort gesichert?«

»Jawohl, Chef!«

»Haben Sie irgendetwas angefasst?«

»Ich habe die Leiche nicht angerührt, Chef«, erklärte der junge Mann stolz. »Und ich hab schon mal angefangen, alle hier verstreuten Gegenstände aufzusammeln und einzupacken.«

Gryszinski zählte innerlich bis zehn. »Sie. Haben. Was. Getan?«

Der Gendarm wurde unsicher. »Nun, damit Sie diese in Augenschein nehmen können, Chef?«

Gryszinski baute sich zu einer Respekt einflößenden militärisch-preußischen Kopie seines Vaters auf. »Erst den leitenden Ermittler den gesamten Tatort mitsamt aller Indizien in Augenschein nehmen und protokollieren lassen und danach – danach! – die Spuren sichern!« Das zweite »Danach« hatte wie ein scheppernder Füsiliersäbel geklungen, sein Vater wäre stolz gewesen. Na ja, oder: zufrieden.

»Es gab aber eh kaum was«, verteidigte der unglückselige Tatortbeschmutzer sich weiter, »bloß einen Zigarettenstummel, einen abgerissenen Knopf und einen Handschuh. Also kaum Aufschlussreiches.«

Gryszinski stöhnte. Erst vor wenigen Jahren hatte ein gewisser Schotte mit einer Romanfigur namens Sherlock Holmes vorgeführt, wie man schon anhand eines einzigen Haars ganze Mordserien aufklären konnte, aber das war wohl noch nicht bis zu dem jungen Mann vorgedrungen. Er selbst wusste es sehr genau, denn seine Frau las alles.

»Na gut.« Er seufzte. »Ich hoffe, Sie haben wenigstens ein gutes Gedächtnis. Sie werden jetzt Wachtmeister Eberle hier genau zeigen, wo diese Dinge lagen und, ebenfalls sehr wichtig, wie die Dinge lagen. Verstanden? Das kann später entscheidend sein. Eberle, Sie dokumentieren präzise den Fundort der Leiche, jedes winzige Detail, das Ihnen auffällt, die genaue Lage der Spuren und beschreiben auch die Leiche selbst. Sie wissen ja: alles immer in derselben Reihenfolge.«

Eberle machte sich daran, eine Lageskizze der Senke zu erstellen, darin war er sehr geschickt. Später im Bureau würde er alle Beschriftungen, die er jetzt mit dem Bleistift aufs Blatt warf, sauber mit roter Tinte nachzeichnen. Anschließend musste die gesamte Zeichnung mit einer Mischung aus Stearin und Kollodium übergossen werden, um diese so robust wie möglich zu machen. Es war schließlich davon auszugehen, dass man sie etwaigen Zeugen und Geschworenen vorlegen und immer wieder im Freien zur Hand nehmen musste. Während Eberle mit dem jungen Kollegen den Waldboden abschritt und alles protokollierte, rief Voglmaier Gryszinski zu sich heran. Der Wachtmeister stand am Fuße einer dichten Amerikanischen Roteiche, die noch kaum ein Blatt ihres bunt leuchtenden Kleids abgeworfen hatte.

»Sehen Sie«, stieß er hervor und zeigte auf den aufgeweichten Boden, in dem sich eine einzelne Fußspur abdrückte, die eindeutig nicht von einem Menschen stammte.

Gryszinski ging in die Hocke, um den Abdruck genauer zu betrachten, und schüttelte dann den Kopf. »Was soll das sein?«

Eberle war ebenfalls herangetreten. »Das«, sagte der schwäbische Enthusiast für ferne Länder, »ist der Fußabdruck eines Elefanten.«

Gryszinski starrte zu ihm hoch und schüttelte nochmals den Kopf. »Der Vogelmantel allein war wohl nicht absonderlich genug. Eberle, vermessen Sie den Abdruck bitte und zeichnen Sie ihn akribisch genau ab. Und dann sichern Sie den Abdruck wie jede weitere Fußspur, die Sie finden können.«

Zu diesem Zweck hatten sie einen Stapel kleiner Kisten mitgebracht, die jetzt von den Polizisten vorsichtig, mit der Öffnung nach unten, über jeden sichtbaren Fußabdruck gestülpt wurden. Die meisten stammten leider von dem übereifrigen jungen Kollegen, der, dem Pfad der Kistchen nach zu urteilen, wie ein kopfloses Huhn herumgetapert war. Gryszinski diskutierte kurz mit Voglmaier, ob sie die gesamte Elefantenspur mitnehmen sollten. Findige Kriminalisten hatten da bereits einige Versuche angestellt. Man konnte etwa einen großen Eisenring um die Spur in den Boden treiben und vorsichtig die Erde drum herum mit einem Spaten wegschaufeln, um dann die Spur mitsamt des unter ihr liegenden Erdreichs anzuheben. In den meisten Fällen führte das allerdings lediglich dazu, dass der Abdruck auf der Stelle oder zumindest im Verlaufe des anschließenden Transports zu Staub zerfiel. Gryszinski sah daher davon ab, ordnete aber an, diese und noch einige andere besonders deutliche Fußspuren mit Gips auszugießen, ein durchaus übliches Verfahren. Leider scheiterte auch dieses Unterfangen, da der Boden vom Regen zu stark durchweicht war. Letzten Endes würden sie sich mit Skizzen, Photographien und genauen Vermessungen begnügen müssen.

Kurz darauf begrüßte Gryszinski den Photographen, einen kleinen, rundlichen Mann namens Dornauer, der über jedem Ohr eine etwas alberne Haartolle trug, wohl Daguerre, dem Vater seines Berufsstandes, nachempfunden. Er hatte sich über die an- und absteigenden Wege des Parks an seiner Ausrüstung ziemlich abschleppen müssen und baute nun die ganze Apparatur auf. Zunächst zog er die Beine seines Stativs lang, ein eigens für die Tatortphotographie entwickeltes Leiterstativ, auf drei Meter ausfahrbar. Als sich die an gespitzte Bleistifte erinnernden Füße des Gestells fest in den Boden bohrten, kletterte er hoch, um die Kamera anzubringen. Diese konnte er nun um neunzig Grad kippen, sodass sie die gesamte Leiche aus der Vogelperspektive erfasste.

»Grüß Sie Gott, Herr Kommandant«, schnaufte Dornauer endlich, während er, auf der obersten Sprosse leicht schwankend, eine der Glasplatten in die Kamera einlegte. Dann in die versammelte Runde: »Jetzt bitte keiner ins Bild rennen!« Und in Richtung der Leiche: »Nicht bewegen!«

Gryszinski musste grinsen. Er hatte durchaus ein Faible für skurrile Charaktere.

»Habe die Ehre, Herr Kommandant«, erklang es hinter Gryszinski. Dr. Alexander von Meyering, königlicher Bezirksarzt 1. Klasse sowie zuständiger Gerichtsarzt, reichte ihm die Hand.

»Äh, gleichfalls«, antwortete Gryszinski, der nie genau wusste, wie man auf diese Begrüßungsformel antworten sollte.

»Nun, was haben wir denn hier?« Meyering streifte bereits Handschuhe über und öffnete seinen Untersuchungskoffer. »Sieht aus, als sei dem Patienten eine Ladung Schrot nicht gut bekommen.«

»In der Tat.« Gryszinski stellte sich neben die Leiche, während Meyering diese umrundete. »Ich hege auch die Vermutung, dass das Opfer hier nur abgelegt wurde. Müsste nicht sonst viel mehr Blut zu sehen sein?«

»Vermutlich haben Sie recht. Ich werde trotzdem ein paar Bodenproben nehmen und diese auf menschliches Blut untersuchen. Um auszuschließen, dass etwaiges Blut im Waldboden versickert ist. Ein kompliziertes Testverfahren, aber es sollte möglich sein.«

Gryszinski nickte angemessen beeindruckt. »Können Sie eine erste Schätzung des Todeszeitpunkts vornehmen?«

»Nun, nach meiner Erfahrung in Bezug auf Temperatur, Aussehen der Leiche und einsetzende Starre würde ich sagen: Irgendwann gestern Abend ist es geschehen. Festlegen kann ich mich erst bei der Obduktion.«

»Außerdem müssen wir herausfinden, wer er ist«, murmelte Gryszinski. »Vielleicht haben wir ihn ja in unserer Kartei.«

»Ich würde gern seine Fingerabdrücke nehmen«, erklärte Meyering.

»Ach! Wieso das?«, fragte Gryszinski überrascht. Zwar war er mit der sogenannten Daktyloskopie vertraut, gängig in ganz Europa war aber jene Methode, die ein Franzose namens Bertillon erfunden hatte: Man vermaß bei jeder straffälligen Person Körperlänge, Armspannweite, Sitzhöhe, Kopflänge und – breite, das rechte Ohr, den linken Fuß, Mittelfinger und kleinen Finger sowie den linken Unterarm und notierte die entsprechenden Werte auf einer Karteikarte, sodass man schnell und übersichtlich die Maße der zu identifizierenden Person mit den bereits gesammelten abgleichen konnte. Ein gutes System, das nur leider oft daran scheiterte, dass viele Gendarmen zu blöd waren, um das Zentimetermaß richtig zu benutzen. Ganz schlimm wurde es, wenn dieselben Genies einzelne markante Körperteile wie Ohren und Nasen nach einer eigentlich streng festgelegten Methode beschreiben sollten. Gryszinski hatte gar nicht gewusst, über welch lyrisches Potenzial eine Ohrmuschel verfügte, bis er die erkennungsdienstlichen Angaben aus einer dörflichen Gendarmeriestation gelesen hatte, in denen die Ohren eines Herumtreibers als »irgendwie fledderig wie ein angeknabberter Steckerlfisch und schmutziger als der nie von einem Besen geküsste Boden unter dem Bett eines liederlichen Frauenzimmers« beschrieben wurden.

»Nun, ich hege gegenüber der Bertillonage eine gewisse Skepsis«, erklärte Meyering, während er scheel beobachtete, wie das Spatzl begann, mit dem Zentimetermaß zu hantieren, um die Leiche zu vermessen. Eberle mühte sich ab, deren linken Arm geradezuziehen, aber die Leichenstarre hatte bereits eingesetzt, und so verlor er das Armdrücken mit dem Toten.

»Der Fingerabdruck ist die Zukunft der Kriminalistik«, dozierte Meyering weiter. »Das war wohl schon Sir William Herschel klar, als er in Bengalen jedem Empfänger britischer Zuwendungen den Fingerabdruck abnahm, um zu verhindern, dass jemand noch ein zweites Mal Geld einfordert. Denn der Abdruck eines jeden Menschen ist einzigartig. Glauben Sie mir, eines Tages wird es uns reichen, dass der Mörder den Tatort nur einmal berührt hat, um einen Fall zu klären.«

Gryszinski lächelte höflich, schüttelte aber innerlich den Kopf ob solcher Phantastereien.

»Sei’s drum«, kam Meyering zu einem Ende, »ich bitte schon seit Jahren jeden Gendarmen, die Fingerabdrücke aller Personen zu nehmen, mit denen er es zu tun bekommt, und so ist bereits eine ganz stattliche Sammlung entstanden.«

»Tatsächlich? Wo bewahren Sie das ganze Material auf?«, fragte Gryszinski neugierig. »Bei uns ist so wenig Platz, ich schichte die Karteikarten manchmal zwischen meine Proviantdosen.«

Meyering gluckste. »Ich muss gestehen, dass ich die faszinierendsten Abdrücke in mehreren Kisten unter meinem Bett daheim aufbewahre. Sehr zum Leidwesen meiner Frau.«

Das konnte Gryszinski sich lebhaft vorstellen.

»Wie dem auch sei, vielleicht ist unser Toter ja zufällig bereits so erfasst worden.«

Gryszinski zuckte mit den Schultern. »Schaden kann es sicher nicht.«

Meyering lächelte. »Ihr Enthusiasmus für die Wissenschaft ehrt Sie, mein Freund. Wir sehen uns dann morgen bei der Obduktion!« Und mit diesen Worten verließ er Gryszinski, der sich wieder seiner Leiche zuwandte. Als er sich über diese beugte, nahm er einen Duft wahr, der ihm irgendwie deplatziert erschien: Der Tote roch gut. Darüber würde er nachdenken müssen. Er musterte den wuchtigen Körper und die Stelle, an der dieser lag. Sie würden ihn ein gutes Stück auf einer Trage den Hang hoch- und durch den Park schleppen müssen, bis zu einem der breiteren Wege, wo sie ihn in eine Droschke verladen konnten, die die Leiche in den Keller der Polizeidirektion bringen würde. Vermutlich hatte die Person, die den Toten hier abgelegt hatte, wenn es denn so war, also ebenfalls ein weites Stück mit der schweren Last laufen müssen. Dies legte den Schluss nahe, dass es mindestens zwei Personen gewesen sein mussten. Oder vier, dachte Gryszinski kurz darauf schwitzend, denn so viele brauchten sie, um den fast zwei Meter großen Mann tatsächlich bis zur Droschke zu hieven, weshalb auch der Kommandant selbst mit anpacken musste. Ein Jahr bayerisches Essen hatte ihn zwar ein wenig aus der Form, ihm aber dafür eine gewisse kräftigende Kampfmasse gebracht.

Als Gryszinski abends nach Hause kam, empfing ihn ein derart schwerer Duft nach zerlassener Butter, Bratenfett und simmerndem Fleisch, dass seine Augen vor Glück ganz feucht wurden. Sophie und er lebten zur Miete in einer hübschen gutbürgerlichen Wohnung in der Liebigstraße. Beletage, fünf Zimmer, im Salon ein behaglicher Erker, in dem ihr zierlicher Diwan nebst einem Teetischchen platziert war, das unter einem babylonischen Turm aus Romanen fast zusammenbrach. Die ganze Wohnung lag still im fahlen Schein der Straßenlaternen, nur aus der geräumigen Küche drangen helles Licht und Geräusche. Hier fand er seine Frau. Auf dem schweren Holztisch in der Mitte stapelten sich allerlei benutzte Utensilien, die Fenster waren beschlagen vom Dampf, der aus einem großen brodelnden Topf stieg. Sophie stand inmitten der hitzigen Schlacht der Töpfe wie zur Salzsäule erstarrt. Im einen Arm, auf die Hüfte gestützt, hielt sie den kleinen Friedrich, ein properes und fröhliches Kind von sieben Monaten. In der anderen Hand balancierte sie ein Buch, in das sie völlig versunken war, ein Kochlöffel lag als Lesezeichen zwischen den Seiten. Friedrich ruderte vergnügt mit den Armen und griff eben in diesem Moment nach dem Zierdeckchen, das auf der Anrichte des großen Buffets lag und auf dem bereits das gesamte Geschirr fürs Abendessen bereitstand. Gryszinski konnte regelrecht sehen, wie sein kleiner Sohn innerlich Schwung nahm, um diese ganze Welt aus Porzellan lustvoll zum Einsturz zu bringen, und trat schnell hinzu.

»Guten Abend, ihr zwei«, sagte er und nahm Sophie das Kind aus dem Arm.

Diese fuhr zusammen und rief: »Bovary!«

»Ach, schon wieder?«, entgegnete Gryszinski und gab ihr einen Kuss.

»Ja, und gleich kommt die Kutschen-Szene.« Sophie lächelte, zog den Kochlöffel aus dem Buch und rührte in einem der Töpfe herum.

Gryszinski wusste genau, was Madame Bovary Skandalöses in der Kutsche trieb, die durch eine französische Provinzstadt tuckerte, denn seine Frau berichtete ihm jeden Abend detailliert, was sie tagsüber gelesen hatte. So kannte Gryszinski die gesamten Werke von Flaubert, Balzac, Tolstoi und allen anderen Autoren ihres Jahrhunderts, aber eben in den Worten Sophies, und so mochte er sie auch am liebsten.

»Wo ist denn Frau Brunner?«, fragte er und warf den vor Lachen kreischenden Friedrich in die Luft. Die Haushälterin kochte für gewöhnlich das Essen und regelte auch sonst die meisten alltäglichen Belange, für die Sophie einfach keinen Platz in ihrem Kopf hatte. Aloisia Brunner war eine kräftige Erscheinung, die sich aber leiser als ein Indianer durch die Räume bewegen konnte. Sie hatte Gryszinski schon öfter einen tödlichen Schrecken eingejagt, wenn sie plötzlich lautlos wie ein schlecht gekleidetes Gespenst neben ihm stand. Vermutlich verhängte sie abends in ihrer Kammer den Spiegel, um beim nächtlichen Umherhuschen nicht ihr eigenes Spiegelbild für einen schaurigen Geist zu halten.

»Ich habe ihr den Abend freigegeben, nachdem sie mich heute Mittag in die Kunst des Knödelfertigens eingewiesen hat.«

»Soll das heißen, dieses ganze Festmahl ist dein Werk?«, fragte Gryszinski ehrlich beeindruckt.

»Nun ja, den Braten und alles andere hat sie noch vorbereitet. Von mir stammen nur die Knödel, mein Beitrag ist also wohl eher ein bescheidener«, erklärte Sophie etwas beschämt. Ihr war es manchmal unangenehm, dass sie, wie sie sagte, als Ehefrau überhaupt nichts taugte, obwohl Gryszinski dem jedes Mal vehement widersprach.

»Unsinn!«, kam es auch jetzt von ihm. »Die Knödel sind das Wichtigste!«

»Wieso das?«

»Der Knödel, mein Mienchen«, sagte Gryszinski ungewohnt feurig, »ist die Signatur der bayerischen Seele. Seine Kugelförmigkeit steht für die Uneindeutigkeit, dieses Herumlavieren mit den Spezln, dieses Weder-klar-vorn-noch-klar-hinten. Seine weiche Konsistenz ist natürlich das wohlige Kissen bayerischer Behaglichkeit. Der Knödel ist wie ein Schwamm, der köstlichst die heiße Sauce aufsaugt, eben genauso wie all die Provinzler, Studenten und Zugezogenen, die in die bajuwarische Hauptstadt kommen, um die reichhaltigen Eindrücke pittoresker Bierseligkeit in sich aufzusaugen.« Gryszinski holte kurz Luft, er war es gar nicht gewohnt, so viel zu plappern. »Die Tatsache, dass du als Preußin nun die Kunst der Knödelmanufakturierung beherrschst, ist ein weiterer großer Schritt unseres Weges in den immer tieferen Wald bayerischen Daseins.«

Sprach’s und fischte, alle Selbstbeherrschung aufgebend, mit der Gabel einen ganzen Knödel aus dem dampfenden Topf, tunkte seine Beute in die auf dem Herd brodelnde, nach Butter und Wein duftende Bratensauce und biss kräftig hinein in die heiße bayerische Seele, die ihm prompt die Zunge verbrannte.

»Soso«, machte Sophie nachsichtig und reichte ihm eine Serviette. »Ich traue mich kaum zu fragen, aber bist du so gut gelaunt, weil jemand umgebracht worden ist?«

»Du kennst mich einfach zu gut.«

Unter den vielen bahnbrechenden Erfindungen im Dienste der Kriminalistik hatte Gryszinskis Mentor Hans Groß auch den sogenannten Tatortkoffer entwickelt; einen solchen hatte Gryszinski am Vortag bei sich getragen. Es handelte sich um eben das Köfferchen, um das sich schon so viele Spekulationen gerankt hatten. Es enthielt eine ganze Welt notwendiger Dinge zur Untersuchung und Dokumentation des Tatorts sowie zur Zeugenbefragung, wie etwa die Bonbons, mit denen man das Vertrauen verschreckter Kinder gewinnen sollte. Er war aber auch mit dem Schrittzähler verschiedene mögliche Wege abgelaufen, auf denen die Leiche in die Senke getragen worden sein konnte. Hatte auf dem entsprechenden Block einige Skizzen angefertigt, mithilfe des Kompasses die genaue Ausrichtung des toten Körpers bestimmt, mit der Pinzette einige vielleicht noch hilfreiche Partikel gesichert. Die frischen Socken dagegen waren im Koffer geblieben. Sie waren für den Fall gedacht, dass es am Tatort regnete und der Ermittler nasse Füße bekam.

Aber die Lupe war zum Einsatz gekommen. Er hatte mit ihr den Elefantenabdruck untersucht. Außerdem hatte er die gesamte Umgebung nach weiteren Fußspuren des Dickhäuters absuchen lassen, aber es blieb bei der einen. In der Nacht vorm Leichenfund hatte es geregnet, vielleicht war nur dieser eine Abdruck erhalten geblieben, weil er sich im Schutz der Eiche befunden hatte? Aber irgendwo hätte man doch, gesetzt den Fall, ein ausgewachsener Elefant wäre durch den Park spaziert, eine weitere Spur finden müssen. Das Tier konnte sich ja nicht einfach in Luft aufgelöst haben. Durch Gryszinskis Kopf geisterten derart abstruse Theorien in dieser Sache – von denen der Gedanke, der Elefant sei an einen Heißluftballon gebunden einmal in der Senke gelandet und dann wieder weggetragen worden, noch der vernünftigste war –, dass er beschlossen hatte, sich erst einmal auf die anderen Ansatzpunkte zu konzentrieren. Doch da war er mit seinem Köfferchen bald an Grenzen gestoßen. Für die verschiedenen chemischen Substanzen, mit denen man einige Tests am Tatort durchführen konnte, hatte er beispielsweise kaum Verwendung gefunden, zumal er weiterhin davon überzeugt war, dass der eigentliche Mord woanders stattgefunden hatte.

Dafür öffnete Gryszinski den Koffer am nächsten Morgen und schickte Groß, der wirklich an alles gedacht hatte, einen freundlichen Gedanken: In einem eigens dafür bestimmten Fach sollte man immer ein paar Zigarren verwahren, um das Beiwohnen der Obduktion erträglicher zu gestalten. Gryszinski nahm einen tiefen Zug und beugte sich etwas näher über die geöffnete Leiche. Tatsächlich, die Zigarre beruhigte die Nerven und überlagerte vor allem den unangenehmen Leichengeruch, auch Dr. Meyering hatte sich eine angezündet. Sie befanden sich im Reich des Arztes, einem kühlen Kellerraum im eigentlichen Hauptgebäude der Polizeidirektion, die im ehemaligen Institut der Englischen Fräulein an der Weinstraße untergebracht war, einem großen prachtvollen Bau aus dem 17. Jahrhundert. Das Haus in der Schrammerstraße schräg gegenüber, in dem Gryszinski saß, war nur eines von vielen zusätzlichen Gebäuden, auf welche die aus allen Nähten platzende Polizei ausweichen musste.

»Nun, der Tod des Unbekannten ist wie erwartet auf den Schuss mit einer Schrotflinte zurückzuführen, die, das ist allerdings interessant, aus nächster Nähe direkt ins Gesicht abgefeuert wurde. Genauer gesagt muss der Täter seinem Opfer die Mündung fast schon ans Gesicht gepresst haben. Da gehört schon eine Portion kaltblütiger Entschlossenheit dazu.« Der Arzt inhalierte seine Zigarre und dozierte dann weiter. »Der Einschusswinkel sagt uns, dass der Schütze kleiner als sein Opfer sein muss, zumindest wurde von unten geschossen. Allerdings war der Tote auch etwas über zwei Meter groß, genau können wir es nicht sagen, weil der Kopf ja in Teilen fehlt.«

Gryszinski nickte. Logisch.

»Um mehr über das Opfer zu erfahren, was uns vielleicht Aufschluss über seine Identität geben könnte, habe ich den Körper geöffnet. Hier.« Er hob eine Petrischale an, in der sich ein unappetitlich aussehender Fleischklumpen befand. »Fettleber. Typisch bei zu viel Bierkonsum, auf den auch der stattliche Bauch schließen lässt.«

Das Spatzl, das im Hintergrund stand, schnappte laut nach Luft. Klar, dachte Gryszinski bei sich, die Bayern halten Bier für eine Art reine Lebensessenz, die aus gesundem Getreide gewonnen wird. Vermutlich fragte Voglmaier sich gerade angstvoll, wie es wohl um seine eigene Leber bestellt sei. Gryszinski schüttelte den Kopf. Da hielt er sich doch lieber an seine Zigarren.

»Außerdem«, fuhr Dr. Meyering ungerührt fort, »ist der rechte Arm deutlich muskulöser als der linke, wobei einige Finger an den Innenseiten eine starke Hornhaut aufweisen. Meine Vermutung: Der Mann hat täglich mit der Rechten Masskrüge gestemmt und war ein Könner auf seinem Gebiet. Schade nur, dass wir uns in München befinden, wo es übermäßig viele Virtuosen dieses Schlags gibt.«

Gryszinski nickte zustimmend. »Was haben die Bodenproben ergeben?«

»Kein Blut, das um die Leiche herum versickert ist. Ihre Vermutung war also richtig. Der Mann wurde an anderer Stelle erschossen und im Park lediglich abgelegt.«

»Seltsam«, murmelte Gryszinski eher zu sich selbst, »weshalb nur haben sie den Körper nicht einfach in die Isar geworfen?«

»Nun zu der wenigen Kleidung des Opfers: Ihr Wachtmeister trug mir Ihre Bitte zu, diese luftdicht zu verwahren«, sagte Meyering und wandte sich vom Sektionstisch ab. »Ich nehme an, es ging Ihnen dabei um den Geruch der Wäsche?«

Gryszinski nickte. Die Anweisung hatte er noch am Fundort gegeben. »Ich meinte, etwas Ungewöhnliches gerochen zu haben, und wollte dies gern verifizieren.«

Meyering räusperte sich feierlich. »Nun, wie der Zufall es will, arbeite ich momentan an einer Apparatur, die Gerüche konservieren und bald auch bestimmen kann. Aber folgen Sie mir bitte.«

Gryszinski und Voglmaier verließen gemeinsam mit dem Gerichtsarzt den Raum, betraten das benachbarte Gewölbe und staunten nicht schlecht: Eine bestimmt zehn Meter lange Tafel aus mehreren schweren Holztischen war hier aufgebaut, die vollgestellt war mit ungewöhnlichen Messgeräten, Instrumentarien und geheimnisvollen Apparaten.

»Was ist denn das?«, rief Gryszinski aus.

»Das«, erklärte Meyering stolz, »ist mein anthropometrisches Labor. Ein Parcours aus Geräten, mit deren Hilfe wir eines Tages ein jedes verbrecherisches Individuum bis in seine letzte Haarwurzel hinein vermessen können.«

Gryszinski staunte. Er hatte nicht gewusst, was für ein kriminalistischer Pionier Meyering war. »Was ist das?«, fragte er und zeigte auf eine Art große Rolle mit zwei Griffen.

»Damit kann die Spannbreite der Arme exakt gemessen werden sowie die jeweilige Länge des Rückgrats und die Geraden zwischen verschiedenen Fixpunkten wie zwischen den Schulterblättern und dem Ende der Wirbelsäule und so weiter. Probieren Sie!«

Voglmaier nahm nach Meyerings Anweisungen die beiden Griffe in die Hände und zog diese mit einiger Kraft auseinander, sodass sich hinter seinem Rücken, wie die Flügel einer Fledermaus, eine große Plane entfaltete, auf der lauter Linien, Zahlen und Kreise eingezeichnet waren. Das Spatzl wirkte wie die dicke lebende Version von da Vincis vitruvianischem Menschen.

Gryszinski besah sich die Konstruktion. »Genial! Das muss die Fehlerquote beim Vermessen auf ein Minimum reduzieren.«

Er schritt die Tische weiter ab, vorbei an großen Schautafeln mit schematischen Abbildungen von Fingerabdrücken, die wohl ein Ordnungssystem darstellen sollten. Er sah einige Phiolen mit rätselhaften Flüssigkeiten. Und kleine Maschinen, die der Phantasie eines Alchimisten entsprungen zu sein schienen. Vor einem großen, schwarzen Kasten, aus dem immer paarweise kleine Röhrchen ragten, gesellte sich der Arzt wieder zu ihm.

»Das ist meine Camera olfactoria«, erklärte er stolz. »Eine Art Druckkammer, in der ich Gerüche sehr lange konservieren kann. Momentan nur von Gegenständen, aber eines Tages hoffe ich, beispielsweise den noch in der Luft am Tatort hängenden Rauch einer abgefeuerten Waffe einfangen zu können. Dann werden hoffentlich einige chemische Tests mit Duftpartikeln möglich sein. Aber das alles steckt noch in den Kinderschuhen. Fürs Erste befindet sich die Unterwäsche unseres Toten darin. Bitte sehr!« Er wies auf die kleinen Röhrchen, die wie Rüssel irgendeines exotischen Tierchens die ganze Apparatur immer paarweise bedeckten, und Gryszinski begriff, dass man da seine Nase drüberstülpen musste. Meyering hing mit seiner schon an der Maschine und winkte Gryszinski, es ihm gleichzutun. Der trat heran und hoffte nur, dass seine Nasenlöcher die ersten waren, die mit den Röhrchen in Berührung kamen. Auch Voglmaier presste seinen Riechkolben über zwei der Rüsselchen, und so hingen die drei Männer an dem Kasten, etwas befangen bemüht, sich gegenseitig nicht zu berühren.

»Ich öffne nun die innene Schneuse, um die Genüche fneizusetzen«, erläuterte Meyering nasal, »der Innennaum ist erwärmt, das intensiviert die Duftnoten.«

Er drückte auf einen großen roten Knopf am oberen Ende des Kastens. Eine Sekunde später trafen die unterschiedlichsten Gerüche auf Gryszinskis Nase, um ein Vielfaches stärker, als er diese im Park wahrgenommen hatte. Etwas verbrannt roch es. Er erkannte aber auch eine Tabakpfeife. Torf. Und ein besonders wohlriechendes Rasierwasser. Das war es, was ihm am Tatort aufgefallen war, denn ohne sich besonders auszukennen, wirkte der Duft auf ihn über die Maßen exklusiv.

Er schnupperte noch ein wenig, dann ließ er ab von der Duft-Druckkammer und dachte nach. Was hatten sie bisher? Einen großen, kräftigen Kerl, der ein Könner am Bierfass gewesen war, aber offenbar kein verlotterter Trunkenbold. Dagegen sprach das elegante Rasierwasser, aber auch die Unterwäsche des Mannes, die zwar nicht teuer, aber sehr sauber und gepflegt war. Und dann war da natürlich der Federumhang, dieses rätselhafte hauchdünne Vlies.

»Wo ist das Federgewand?«

»Ich hatte es ebenfalls in dieser Apparatur, aber an ihm haftet leider kein Duft, es ist wohl zu fein, als dass etwas daran hängen bleiben würde«, erklärte der Arzt. »Leider kann ich Ihnen auch nicht viel dazu sagen, um was für eine Art von Feder es sich handelt, ich bin kein Enthusiast der Ornithologie.«

»Das macht nichts«, sagte Gryszinski. »Ich habe da schon eine Idee. Könnten Sie mir ein paar Federn aus dem Umhang zupfen und in einen Umschlag geben?«

In ihrem gemeinsamen Bureau hielt Gryszinski mit Voglmaier und Eberle, der in der Zwischenzeit seine Aufzeichnungen sauber zusammengeschrieben hatte, eine Lagebesprechung ab. »Um irgendwo anfangen zu können, müssen wir herausfinden, wer das Opfer war. Wir haben zwei Ansatzpunkte: den Federmantel und die körperlichen Merkmale, die auf eine beachtliche Karriere als Biertrinker hinweisen«, fasste er zusammen. »Einer von Ihnen müsste also eine Runde durch die Wirtshäuser machen« – Voglmaiers Augen begannen zu leuchten – »während der andere alle Modehäuser der Innenstadt abklappern wird, um herauszufinden, ob der Umhang hier irgendwo gefertigt wurde.«

»Wenn Sie erlauben, Chef«, bemerkte Voglmaier, der sich unbedingt für die Kneipentour bewerben wollte, »ich hätte einige Spezl, die in den verschiedenen Wirtshäusern quasi zum Inventar gehören. Wenn jemand weiß, dass ein zwei Meter großer Kampftrinker vermisst wird, dann einer von denen.«

Gryszinski nickte zögerlich. Es widerstrebte ihm, das Spatzl durch die Gaststätten tingeln zu lassen, allerdings eignete sich der feinsinnigere Eberle wohl tatsächlich besser dazu, mit Münchens Couturiers in Verbindung zu treten. »Na gut, dann weiß jetzt ja jeder, was er zu tun hat. Wir treffen uns hier wieder zu einem ersten Rapport um Punkt sechs Uhr abends.«

Der Kommandant eilte schon wieder aus dem Zimmer, dicht gefolgt vom plötzlich sehr geschäftigen Voglmaier, während Eberle ob der überraschenden preußisch-militärischen Töne noch ehrfurchtsvoll strammstand.

Gryszinski verfolgte noch eine weitere Idee. Er besah sich die verschiedenen Federn, die Meyering ihm aus dem Umhang gezupft hatte. Einige schimmerten honigbraun, andere changierten ins Grüne oder Gelbe. Alle Federn waren zart und klein. In dem hauchdünnen Gespinst, aus dem der Umhang bestand, wirkten sie wie durchsichtige Wasserfarbe, die bei jeder Bewegung in eine andere Richtung lief. Er steckte die Federn zurück in das Kuvert, in dem er sie verwahrte, und richtete seine Schritte in Richtung Victualienmarkt.

Am Markt angekommen, wanderte sein Blick schon zu den Geflügelständen, während sein Magen konträre Pläne verfolgte – Gryszinski beschloss, auf seinen Bauch zu hören, der in diesem Moment wesentlich lauter als der Kopf schrie. Am anderen Ende des Platzes stand eine weitere aus Eisen erbaute Halle, in deren Innern alle Arten tierischer Eingeweide verkauft wurden, gesäumt von einigen Lädchen, in denen es Brot gab. Im letzten Winkel der Kuttelhalle, hinter Netzen aus Pansen und Vitrinen voller zartem Gekröse, verbarg sich ein Stand, an dem eine Bäuerin Saures Lüngerl kochte. Die in feine Streifen geschnittenen Kalbslungen simmerten in einer dicken Sauce aus Essig und Rahm in einem großen Topf vor sich hin. Der Eintopf wurde in einer groben Schale gereicht, in die Mitte ein bayerischer Seelenknödel gebettet. Die Nase vom Duft des warmen Brotes der benachbarten Stände umweht, löffelte Gryszinski seine Lungensuppe und redete sich ein, seinen Gedankengängen zu dem Fall auf diese Weise etwas neuen Schwung zu verleihen. Er begrub quasi alle Grübeleien unter einem Berg aus warmer Rahmsauce, um sie dann wie Phönix aus der Asche in Form ganz neuer Ideen wieder an die Oberfläche seines Bewusstseins steigen zu lassen.

Das klappte erstaunlich gut, befand Gryszinski, als er wieder nach draußen trat. Der Markt lag im flirrenden Schein der hochstehenden Sonne, luftig wie das Bild eines französischen Freilichtmalers, mit bunten Tupfern aus feilgebotenen Blumen und Federvieh, das noch ungerupft an den Geflügelständen Spalier hing. Er kannte hier einen Händler namens Simmel, der ein großer Kenner flatternder Spezialitäten war. Er fand ihn an dessen Stand, verwickelt in eine Fachsimpelei zur besten Zubereitung eines gespickten Kapauns, der Gryszinski nur teilweise folgen konnte.

»Grüß Gott, Herr Hauptmann«, unterbrach Simmel sein Gespräch, »wie kann ich Ihnen helfen?«

Gryszinski nickte zum Gruß und holte dann das Kuvert mit den Federn hervor. »Ich bräuchte dienstlich einen Rat von Ihnen. Von welchem Vogel stammen wohl diese Federn?«

Er reichte dem Geflügelhändler die fraglichen Federn, dieser drehte sie einzeln hin und her. »Ich hätte eine Idee, würde die aber gern mitnehmen und hinten mit ein paar Exemplaren vergleichen«, sagte er und deutete ins Innere seiner Bude. »Möchten Sie so lange etwas von unserer Gänseleberpastete kosten? Ein neues Rezept!«

Gryszinski bejahte – Leber passte doch gut zu Lunge, außerdem musste man schließlich die Wartezeit überbrücken. Er steckte sich ein Stück geröstetes Brot, dick bestrichen mit Pastete, in den Mund, schloss kurz die Augen, öffnete sie wieder. Und fuhr laut aufschreiend zusammen, denn da stand – wie immer ohne jegliche akustische Vorwarnung – seine gespenstische Haushälterin vor ihm. Ihr Gesicht lag im Schatten einer mit Trockenblumen verzierten Kreatur, die man wohl freundlich als Hut bezeichnen konnte. Sie blinzelte ihn einen Hauch missbilligend an.

»Frau Brunner«, keuchte er und schluckte mühsam die Pastete herunter.

»Gnädiger Herr.« Die Brunner zog die Augenbrauen hoch. »Mit Ihnen hätte ich hier nicht gerechnet.«

Schuldbewusst blickte Gryszinski auf die Pâté in seinen Händen, dann straffte er die Schultern. »Nun, ich bin dienstlich hier. Und Sie, holen Sie ein? Was gibt es denn heute Abend Gutes?« Die letzte Frage hatte er sich nicht verkneifen können.

»Fasan. Ihre Frau wollte unbedingt Geflügel haben, hat sie gleich heute Morgen gesagt.«

Gryszinski staunte nicht schlecht ob Sophies dunklen Sinnes für Metaphorik. Er hatte ihr gestern Abend noch von seinem Fall berichtet, und der Federmantel hatte sie besonders fasziniert. Ihm heute gleich einen toten Vogel aufzutischen, ließ einige Rückschlüsse auf ihre dramatische Ader zu. Kein Wunder, bei all der Literatur, die sie täglich konsumierte.

In diesem Moment tauchte der Händler wieder auf. »Ich denke, ich weiß es«, erklärte er. »Vielleicht könnten Sie mir nach hinten ins Lager folgen?«

Gryszinski verabschiedete sich von Frau Brunner, die ihren Fasan einsackte und weiterzog, und folgte Simmel hinter den Verkaufstresen in einen kleinen Raum, der als Lager der Marktbude diente und mit all dem Geflügel, das an Haken von den Wänden baumelte, an ein Jägerkabinett erinnerte. Simmel hob eine kleine Holzkiste an, in der ein paar Vögelchen wie im tiefen Schlummer lagen. Ihre Köpfchen waren blassgrün, die Kehlen gelb, der Rest der Körper changierte zwischen Gelb und einem hellen Karamellbraun.

Der Händler hielt drei Federn in die Höhe. »Die hier stammen von solchen Vögeln. Ortolane. Oder: Fettammern. Eine besonders feine Delikatesse.«

Gryszinski nickte. Davon hatte er schon gehört. Den Ortolanen wurden, sobald sie eingefangen waren, die Augen entfernt. Von schwarzer Nacht umgeben, waren die Vögel jeglichen Zeitgefühls enthoben und fraßen ununterbrochen. Nach etwa zwei Wochen waren sie dreimal so fett wie zuvor. Dann wurden sie gerupft, in Armagnac getränkt und in heißem Fett gegart. Man verschlang den Ortolan im Ganzen, von Kopf bis Fuß, und stülpte sich dabei eine Serviette über den Kopf, damit sich nichts von dem wertvollen Aroma verflüchtigte. Eine ganze Festtafel voller Serviettenköpfe musste ein recht amüsanter Anblick sein.

»Die weiteren Federn, die Sie mir gegeben haben«, unterbrach Simmel Gryszinskis Tagträumerei von Damen in viktorianischen Gewändern, die sich in einer samtblauen Sommernacht Servietten über den Kopf zogen und kichernd »Buhuu!« machten, »stammen allerdings nicht von Ortolanen, sondern einer Vogelart, die wir hier nicht verkaufen.«

»Ach? Zu selten? Zu wertvoll?«

»Nein.« Der Händler grinste. »Zu wertlos. Die Federn gehören sozusagen zur ärmlichen Verwandtschaft der Ortolane. Sie stammen aus dem glanzlosen Federkleid von … Spatzen.«

Nach dem Gespräch mit Simmel beschloss Gryszinski, noch einmal den Fundort der Leiche aufzusuchen. Er setzte sich wie am Tag zuvor in die Trambahn und blickte grüblerisch auf die Hinterseite der kräftigen Zugpferde, die stoisch ihrer Aufgabe nachgingen. Seitdem es die dampfbetriebene Tram gab, mussten die Tramführer sich vorsehen, denn selbst diese gemütlichen Lastengäule waren nervös geworden, als die kleine Lokomotive plötzlich ihre Bahnen störte. Nicht wenige Pferde gingen durch, trotz einer Verordnung der Polizeidirektion, nach der die Lokomotive »augenblicklich stille halten sollte, wenn in der Nähe befindliche Pferde sich unruhig zeigen«. Als wüssten sie, dass nun neue Zeiten anbrachen, in denen sie keine Rolle mehr spielen würden. Gryszinski lächelte unwillkürlich. Sogar die Tiere scheuten die anstehende Jahrhundertwende.

Er blickte aus dem Fenster. Die Isar ruhte in ihrem Bett, ihr dahinströmendes Wasser funkelte im Sonnenlicht. So friedlich und sanft sie jetzt wirkte, sie war doch eine wilde Schöne, die eine heftige Zerstörungswut entwickeln konnte. Vor über achtzig Jahren noch hatte sie die Schwanenbrücke in Münchens Zentrum zum Einsturz gebracht und dabei hundert Menschen in den Tod gerissen. Auch danach war sie regelmäßig über ihre Ufer gestiegen, weshalb man ständig daran arbeitete, den unbändigen Fluss aus den Bergen in ein kanalartiges System zu bannen, indem man überall hohe Kaimauern zog. Die Isarregulierung hatte allerdings zur Folge, dass sich mittlerweile auch die Gutbetuchten trauten, nah an den malerischen Fluss zu ziehen, die Ärmeren, die bisher hier ihre Quartiere hatten, konnten sich die Mieten bald nicht mehr leisten. Die überhöhten Mieten und die Wohnungsknappheit im Zentrum waren wirklich ein Sujet, mit dem man in München jede mediokre Plauderei im Wirtshaus in eine leidenschaftliche Debatte verwandeln konnte. Gryszinski allerdings konnte sich kaum vorstellen, dass die Entwicklung der letzten Jahre immer so weitergehen könnte – sicherlich würden bald andere Themen die bayerischen Gemüter erhitzen.

Er stieg aus, verharrte auf der Maximiliansbrücke und fragte sich zum wiederholten Male, weshalb der oder die Mörder ihr Opfer nicht einfach in den schimmernden Gewässern hatten verschwinden lassen. Dann lief er weiter in die Parkanlagen hinein und dachte nach. Zwar gehörte Gryszinski einer neuen Schule an, die der Spur und dem Indizienbeweis die höchste Wahrheit zusprachen, doch die Psychologie eines Falls, die Untiefen der verbrecherischen Seele, trieb ihn ebenso um. Was ihn hier am meisten beschäftigte, war der krasse Gegensatz zwischen der rohen Gewalt des fast vollständig weggeschossenen Kopfes und der Tatsache, dass der tote Körper in dieses fragile, trotz der merkwürdig deplatzierten Spatzenfedern wertvolle Gewand gehüllt worden war. Der Mann war nicht abgeknallt und wie Abfall in der Isar entsorgt worden, nein, man hatte ihn verkleidet und sorgsam ins goldene Herbstlaub gebettet, wo man ihn schnell entdecken musste. Auch die Persönlichkeit des Ermordeten gab Rätsel auf – für einen großen, breitschultrigen Trinker war der Körper doch sehr gepflegt und sorgsam parfümiert gewesen, Nägel und Unterwäsche sauber. Gryszinski schüttelte den Kopf. Er hoffte sehr, dass seine zwei Wachtmeister etwas herausgefunden hatten. Die Bestimmung der Federn brachte ihn nicht wirklich weiter. Auch der Fundort der Leiche, den er in ebendiesem Moment erreichte, verriet ihm nichts. Die umstehenden Bäume waren stumme Zeugen, die feuchte Erde schwieg. Kein Werkzeug aus seinem Köfferchen hatte diesen Ort bislang zum Reden gebracht.

Er stapfte die Senke wieder hoch und lief zurück. Auf halbem Wege bildete ein kleiner Seitenarm des Flusses ein winziges Binnengewässer, auf dem sich eine Gruppe Enten häuslich niedergelassen hatte. Gedankenverloren zerbröselte Gryszinski die Reste einer Semmel, die er in seiner Manteltasche trug, und warf die Krümel den Enten zu. Die gesamte Schar warf sich schnatternd auf die Krumen; nur ein einziges Tier, ein Erpel, blieb abseits stehen und starrte Gryszinski unverwandt an. Der starrte zurück. Der Vogel erschien ihm als verwandte Seele, ein Beobachter, der stille Preuße zwischen all den geschäftigen Bayern. Doch je länger die Ente starrte, desto unbehaglicher fühlte er sich, wie unter den strafenden Augen seiner Mutter, die ihn fragte, warum gefälligst er sich eigentlich hier draußen herumtrieb.

Zum Abendessen gab es den Fasan vom Simmel. Frau Brunner hatte ihn mit dicken Speckscheiben umwickelt in den Ofen geschoben und dazu Sauerkraut in dem Fett geschmort, das reichlich und laut zischend aus dem Vogel floss. Selbst die großporigen Knödel konnten nicht den ganzen köstlichen Bratensaft aufsaugen, und die Küche lag in einem effektvollen dichten Nebel, der jeden Bühnentechniker des Wagner-Festspielhauses vor Neid hätte erblassen lassen. Die Brunner huschte wie eine düstere Norne durch die Küchendämpfe und riss die Fenster auf.

Beim ersten Blick auf den gebratenen Fasan hatte Gryszinski an den vorwurfsvollen Erpel denken müssen, es sich dann aber doch schmecken lassen. Der Tag war leider wenig erfolgreich zu Ende gegangen.

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