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Der falsche Engel

Über Polina Daschkowa

Polina Daschkowa, geboren 1960, wird auch gerne als Königin des russischen Krimis bezeichnet. Sie studierte am Gorki-Literaturinstitut in Moskau und arbeitete als Dolmetscherin und Übersetzerin, bevor sie zur beliebtesten russischen Krimiautorin avancierte. Sie lebt in Moskau.

Ganna-Maria Braungardt, geboren 1956, studierte russische Sprache und Literatur in Woronesh (Russland); Lektorin; seit 1991 freiberufliche Übersetzerin. Übertrug Polina Daschkowa, Ljudmilla Ulitzkaja, Boris Akunin und viele andere ins Deutsche.

Informationen zum Buch

Julia ist eine erfolgreiche Schönheitschirurgin in einer Privatklinik. Erst vor kurzem hat sie der berühmten Popsängerin Angela das zerschundenen Gesicht wieder hergerichtet. Angelas reicher Freund, ein berüchtigter Mafiaboss, hatte sie in einem Anfall von Eifersucht zusammengeschlagen. Auch Julia lebt gefährlich, wenn sie zu viel über ihn weiß. Doch damit nicht genug: Eines Tages wird sie nachdrücklich vom Geheimdienst gebeten, in einer Klinik außerhalb der Stadt das Gesicht eines Patienten zu verändern – er soll die Identität eines anderen annehmen. Bei einer zufälligen Begegnung erkennt Angela in diesem neuen Gesicht den Mann, der Anlass für ihren handgreiflichen Streit mit dem Mafioso war …

Polina Daschkowa

Der falsche Engel

Kriminalroman

Aus dem Russischen
von Ganna-Maria Braungardt

Erstes Kapitel

Eine weiße Flamme zuckte auf, aber vollkommen lautlos. Der Scharfschütze hatte einen Schalldämpfer aufgesetzt und feuerte ununterbrochen. Immer auf ein und denselben Punkt. Die weißen Blitze dehnten sich zu zitternden langen Strichen und flossen langsam dahin, zu langsam für eine Schießerei – wie es nur im Traum geschieht.

Sergej versuchte das Dickicht des Traums zu durchbrechen, er begann die Feuerstriche zu zählen, und bei sieben merkte er, dass seine Augen längst offen waren; es gab keine Schüsse, nur eine Reihe gleichförmiger eisiger Lichter.

Er spürte weder Arme noch Beine, er schien überhaupt keinen Körper mehr zu haben. Wahrscheinlich lag er noch am Fuß des kahlen Berges am Dorfrand, und sein Skelett wurde von verwilderten Hunden abgenagt, die sich zu Beginn des Krieges von ihren Ketten vor den verlassenen und verbrannten Häusern losgerissen hatten und nun in Rudeln über Tote und Lebende herfielen.

Major Loginow war tot, anders konnte es nicht sein. Er war gefallen, und seine unsterbliche Seele passierte nun einen langen schmalen Tunnel, flog hindurch wie eine Kugel durch einen Gewehrlauf, aber tausendmal langsamer. So war das also – wie schön, so still und überhaupt nicht beängstigend.

Indessen zersplitterte die Stille, und Sergej vernahm ein gleichmäßiges Gummigeraschel, dann entferntes, undeutliches Gemurmel. Die Geräusche traten allmählich hervor, wie die Konturen auf einem Abziehbild.

»Gib ihm einstweilen weiter Glucose und beobachte Blutdruck und Herz«, sagte ein munterer Bariton mit leichtem kaukasischem Akzent. »In ein paar Stunden, wenn die Narkose nachlässt, verabreichst du ihm was gegen die Schmerzen. Das wars, Katja, ich geh jetzt essen. Heute Abend schaue ich wieder bei ihm vorbei.«

»Alles klar, Hamlet Rubenowitsch«, antwortete ein heller Sopran eifrig.

»Alles klar, alles klar«, knurrte der Bariton, während er sich entfernte, »pass auf, dass seine Nähte anständig versorgt werden. Ich vollbringe nicht jeden Tag solche Wunder. Eine intrakortikale Transplantation, das ist was anderes, als eine Verstauchung richten.«

»Keine Sorge, Hamlet, geht alles in Ordnung!«

Die langen Lichter schwebten noch immer langsam über seinem Kopf dahin. Dann erschien ein junges rundes Gesicht mit blauen Augen, gelbblondem Schopf und kleinen Sommersprossen.

»Hallo«, sagte das Mädchen und lächelte, »wie fühlen wir uns?«

»Meine Beine«, hauchte er.

»Gib nicht an, dir tut noch nichts weh!« Das Mädchen schüttelte den Kopf und machte ein strenges Gesicht.

»Nein«, stimmte er zu, »es tut nichts weh.«

»Was hast du dann?«

»Sind Sie noch da?«

»Na klar!« Wieder ein Lächeln, übers ganze Gesicht – kleine, blendendweiße Zähne. »Intrakortikale Transplantation nach der Methode von Doktor Awanessow.«

Das klang rätselhaft, aber überzeugend.

Er atmete gierig durch die Nase ein. Es roch nach Kaliumpermanganat und Seife. Alles war seltsam und neu, selbst das eigene Atmen. Der Körper gewann an Gewicht, an Schwere, und irgendwo tief drinnen, im Knochenmark, erwachte der Schmerz. Er saß in den Beinen, kroch bis zur Leibesmitte und wurde schwächer. Dann begann schmerzfreies Gebiet. Der Rest war heil.

Das Rollbett blieb stehen. Der weiße Flur endete in einer grell erleuchteten Sackgasse.

Die Augen waren erschöpft vom Licht, die Lider schwer, die Decke schwankte und entschwebte. Sergej hörte neue Stimmen, nun wie aus der Ferne, obwohl er begriff, dass sie ganz nah waren, und spürte, wie er umgebettet wurde. Er versuchte sich zu bewegen, den Arm zu heben, aber sein Körper gehorchte ihm nicht.

»Zappel nicht so rum, ich muss den Tropf anbringen«, sagte die vertraute Frauenstimme direkt neben seinem Ohr. »Du bist im Hospital, auf der Intensivstation.«

»Was ist mit mir passiert?«

»Es ist jedenfalls vorbei. Jetzt ist alles in Ordnung.«

»Erzähls mir«, bat er, nur mit Mühe die Zunge bewegend, »wie bin ich hierhergekommen? Was ist das für ein Hospital?«

»Na schön.« Sie setzte sich auf einen Stuhl neben seinem Bett. »Reden darfst du noch nicht, aber zuhören schon. Ich werde reden, und du versuchst einzuschlafen. Gut?«

Er schloss zustimmend die Augen.

»Du lagst im Koma, du hast eine schwere Operation hinter dir. Das Schlimmste ist überstanden. Du solltest dich freuen wie ein Kind. Sie haben dich quasi Stück für Stück wieder zusammengeflickt. Anfangs war gar nicht daran zu denken, deine Beine zu retten. Manche haben bezweifelt, dass du überhaupt aus dem Koma erwachst. In diesem Zustand konntest du natürlich nicht operiert werden. Es wurde ein Konsilium einberufen. Und da erschien seine Majestät Doktor Awanessow. Er kam aus dem Urlaub, untersuchte dich und sagte: Warum amputieren? Neue Beine wachsen ihm schließlich nicht. Und weißt du, wie du deine Zustimmung geäußert hast? Du bist aus dem Koma erwacht.«

Zum ersten Mal seit Monaten schlief Major Loginow ruhig ein.

In einer regnerischen Märznacht trat ein nackter junger Mann auf den Balkon im dritten Stock eines hohen Ziegelbaus am Stadtrand von Moskau, zündete sich eine Zigarette an und schaute auf den menschenleeren, großzügig beleuchteten Hof. Unter den vielen Autos funkelte sein neuer silbergrauer VW Beetle. Er hatte sich den Wagen vor einer Woche gekauft, und die kindliche Freude am neuen Spielzeug hielt noch an.

Stanislaw Gerassimow war sechsunddreißig, sah aber zehn Jahre jünger aus und fühlte sich wie ein kleiner Junge. Er war um halb drei von einem bösen Traum erwacht. Er hatte geträumt, dass ihm die Zähne ausfielen. Er sah deutlich vor sich, wie er sie in die Hand spuckte und in seinem Mund die nackten, geschwollenen Kiefer mit den empfindlichen Wundmalen zurückblieben. Er erwachte schweißnass, blieb noch fünf Minuten liegen, schaute an die Decke und tastete mit der Zunge seine gleichmäßigen, kräftigen Zähne ab. Um sich endgültig zu beruhigen, ging er auf den Balkon, nackt wie er war, weil er sich in der fremden Wohnung schlecht auskannte und nicht sofort einen Bademantel fand, nicht einmal seinen eigenen Slip. Die eisigkalte Luft war angenehm erfrischend, auf dem Fensterbrett entdeckte er Zigaretten, zündete sich eine an, beugte sich über die Brüstung und bewunderte sein nagelneues Auto.

»Ein toller Wagen«, murmelte er fröstelnd. »Welcher Idiot hat behauptet, der sei nur was für Frauen?« Er gähnte, drückte die Zigarette aus und wollte schon hineingehen, als er eilige, leichte Schritte hörte und gedämpfte Stimmen. Im nächsten Augenblick traten zwei Männer in den Lichtkegel. Stanislaw sah dunkle, bis zu den Augen heruntergezogene Stoffmützen, Jogginghosen mit Streifen an der Seite und Joggingjacken. Einer der beiden trug eine kleine Tasche über der Schulter. Sie blieben vor dem Volkswagen stehen, hockten sich hin und schauten unter das Auto.

Den Wagen zu stehlen war faktisch unmöglich. Außerdem war er viel zu auffällig. Beetles, noch dazu in Silbergrau, gab es in Moskau nur ganz wenige.

Na los, ihr Schwachköpfe, probierts nur, dachte Stanislaw schadenfroh. Gleich geht die Alarmanlage los, und ihr seid wie der Blitz weg …

Kurz darauf wurde ihm heiß. Er begriff, dass die beiden den Wagen gar nicht stehlen wollten. Der eine legte sich auf den nassen Asphalt und kroch unter das Auto. Der andere blieb daneben hocken.

Die Hitze wich einem Anfall von Schüttelfrost. Stanislaw beugte sich über die Balkonbrüstung und wollte rufen: »Hallo! He, Männer, was soll das?« Doch nun erhob sich der Hockende und legte den Kopf in den Nacken, und Stas sprang ohne einen Laut zurück. Als er wieder hinuntersah, war niemand mehr auf dem Hof.

Er ging zurück ins Zimmer und rief die Miliz an. Die Einsatzgruppe kam nach zehn Minuten, und nach weiteren zwanzig Minuten traf ein Spezialistenteam des FSB ein, das am Boden des Wagens eine ziemlich starke Sprengladung entdeckte.

»Tja, Stanislaw Wladimirowitsch, herzlichen Glückwunsch«, sagte der junge lächelnde FSB-Ermittler, »das Zeug hat eine Sprengkraft von rund dreihundert Gramm TNT.«

»Vielen Dank«, erwiderte Stanislaw ironisch.

»Schade, dass Sie die Täter so schlecht gesehen haben. Schade!« Der FSB-Mann schüttelte den Kopf und schnalzte mit der Zunge. »Sonst könnten wir gleich ein Phantombild anfertigen. Konnten Sie die Gesichter wirklich gar nicht erkennen?«

»Nein«, erwiderte Stas, »nur undeutliche Flecke. Und Stoffmützen.«

»Vielleicht irgendwas Auffälliges? Bart, Schnauzbart?«

»Nein. Der, der nicht unters Auto gekrochen ist, hatte ganz bestimmt keinen Bart. Über den Zweiten kann ich nichts sagen. Ich hab nur Hosen mit Streifen gesehen und helle Turnschuhe. Vielleicht warens auch keine Turnschuhe.«

»Haben Sie irgendeine Vermutung?«

Stas schüttelte wortlos den Kopf.

»Und wenn Sie mal genau überlegen?« Der Ermittler trank einen Schluck von dem starken Kaffee, den die Wohnungsinhaberin freundlicherweise gemacht hatte, stand auf und lief in der geräumigen Küche hin und her. »Fangen wir mit dem Wichtigsten an. Wer wusste, dass Sie heute hier übernachten wollten?« Er schaute von Stanislaw zu der Hausherrin, einer kleinen hellblonden Frau um die dreißig mit einem Puppengesicht und enormem Busen. Sie stand rauchend am Fenster und blinzelte häufig – vom Rauch oder aus Nervosität.

Der Ermittler wusste bereits, dass Galina Katscherjan, geboren 1970, verheiratet, hier mit ihrem Mann und ihrem achtjährigen Kind wohnte. Der Mann war auf einer Dienstreise, das Kind bei der Oma.

»Das konnte niemand wissen!« Ihre Stimme klang sehr hoch und schrill. Sie redete wie ein Maschinenengewehr – da sie einmal angefangen hatte, konnte sie nicht aufhören. »Ich meine, keiner, keine Menschenseele, wir wussten ja selber nicht, dass er hierbleiben würde, das hat sich einfach so ergeben, er kam am Abend vorbei, um mich zu besuchen, ich bin nämlich krank, erkältet, ich hab Halsschmerzen, darum hab ich meinen Sohn zu meiner Mutter geschickt, sonst steckt er sich noch an, nicht? Stas hat mir Medikamente gebracht, als guter Freund, verstehen Sie?« Sie ging rasch zum Büfett, stellte sich auf Zehenspitzen und holte eine grüne Tüte mit der Aufschrift »Apothekenverbund 36,6« hervor. Sie war noch unausgepackt, die Patientin hatte wohl doch nicht gegurgelt.

»Moment mal.« Der Ermittler runzelte die Stirn und schob die Tüte beiseite. »Kennen Sie sich schon lange?«

»Schon sehr lange, seit unserer Kindheit. Meine Oma war seine Kinderfrau, und seine Eltern sind sehr nette Leute. Wladimir war General, bei der Sicherheit, jetzt ist er in Rente. Natalja ist eine herzensgute Frau. Eine wunderbare Familie. Stas und ich haben seit unserer Kindheit ein herzliches, verwandtschaftliches Verhältnis zueinander. Bitte, erzählen Sie meinem Mann nichts! Das heißt, ich meine, wenn er erfährt, dass Stas einfach vorbeigekommen ist, daran ist natürlich überhaupt nichts Schlimmes. Stas hat meinen Mann in seiner Firma eingestellt, Ruben ist Grafiker, und Stanislaws Firma befasst sich mit Werbedesign … Bitte, ich flehe Sie an, ich habe ein Kind; können Sie das nicht irgendwie vertuschen?«

»Was?« Der Ermittler, wie hypnotisiert von ihrem schrillen Redestrom, kam wieder zu sich. »Einen Mordanschlag vertuschen?«

»Nein!«, rief Galina erschrocken. »Nein, natürlich nicht den Anschlag, aber wenigstens die Uhrzeit. Sie könnten meinem Mann sagen, dass Ganze sei nicht um drei Uhr nachts passiert, sondern zum Beispiel um zehn Uhr abends, ja?«

»Galina, sei so gut und beruhige dich«, stöhnte Gerassimow.

Aber sie konnte sich nicht beruhigen, sie hatte endlich begriffen, was geschehen war und was ihr persönlich dadurch drohte.

»Ruben bringt mich um, wenn er das erfährt! Als ob ichs geahnt hätte, ich hab noch zu dir gesagt: Geh … Aber du … Genosse … Ich meine, Herr Kommissar, Sie haben keine Ahnung, wie eifersüchtig mein Mann ist! Schon wenn mich jemand bloß ankuckt, nur so, dann explodiert mein Ruben, ich meine …«

»Warum gehen Sie dann so ein Risiko ein, wenn Ihr Mann eifersüchtig ist?« Der Ermittler lächelte strahlend und wandte sich an Gerassimow: »Wann sind Sie eigentlich gekommen?«

»Gegen zwölf«, knurrte der und zog eine Zigarette aus der Schachtel.

»Haben Sie vorher angerufen?« Der Ermittler klickte mit dem Feuerzeug und hielt es ihm höflich hin.

»Ja, aber das kann niemand gehört haben. Ich hab gegen sieben vom Handy aus dem Auto angerufen.«

»Das heißt, Sie wurden beobachtet.« Der Ermittler nickte zufrieden. »Haben Sie überhaupt keine Vermutung? Wem sind Sie im Wege?« Erneut bedachte er Gerassimow mit seinem strahlenden Lächeln.

»Was reden Sie denn da!« Galina schlug erschrocken die Hände zusammen. »Warum jagen Sie ihm Angst ein? Stas kann keine Feinde haben, alle mögen ihn, ich meine, vielleicht war das Ganze ein Irrtum, eine Verwechslung?«

Weder der Ermittler noch Gerassimow reagierten auf ihre Mutmaßung. Sie verstummte, sah erschrocken von einem zum anderen, Gerassimow erhob sich abrupt und sagte mit hölzerner Stimme: »Entschuldigen Sie, ich muss nach Hause. Wenn es noch Fragen gibt, Sie haben meine Telefonnummern, zu Hause, mobil und in der Firma. Alles Gute.« Auf dem Weg in den Flur stopfte er sich das Hemd in die Hose.

»Warten Sie, Stanislaw, wir sind noch nicht fertig«, sagte der Ermittler erstaunt. »Vielleicht hatten Sie mit jemandem Streit? Verstehen Sie doch, das ist wichtig!«

»Mir geht es nicht gut«, entgegnete Gerassimow und hob, ohne sich umzudrehen, die Arme, als wolle er sich ergeben. »Ich habe Kopfschmerzen, verstehen Sie, ich muss eine Weile allein sein.«

»Du hast dich angesteckt!«, rief Galina. »Wir müssen Fieber messen, bei mir hat es auch mit Kopfschmerzen angefangen, und dann kam der Hals. Warte, mein Lieber, warte!«

Aber er schlüpfte schon in seine Schuhe, und im nächsten Augenblick schnappte das Türschloss ein. Der Ermittler vertiefte sich in sein Protokoll und notierte eilig und nervös etwas. In der Küche herrschte drei Minuten lang tiefe Stille, man hörte die Tropfen in die Spüle platschen. Galina drehte am Hahn, vor Anstrengung errötend. Doch das Wasser tropfte weiter.

»Ich muss einen Klempner rufen.« Sie sank auf einen Hocker, dem Ermittler gegenüber, zog eine Zigarette hervor, und als er sich von seinem Protokoll losriss und für sie sein Feuerzug klicken ließ, fing sie seinen Blick auf und flüsterte seltsam leise: »Tun Sie irgendwas, lassen Sie ihn bewachen, finden Sie den Auftraggeber. Ich sterbe, wenn er getötet wird.«

Zweites Kapitel

Der Wecker meldete sich mit Vogelgezwitscher. Julia Tichorezkaja tastete mit geschlossenen Augen auf dem Nachttisch herum, um den unseligen Piepser abzuwürgen, und beförderte ihn dabei unversehens auf den Fußboden. Nach einem kläglichen Klirren verstummte er.

Julia drehte sich auf die andere Seite, zog sich die Decke über den Kopf und entschied, noch zehn Minuten liegen zu bleiben, schlief aber wieder ein und sprang erst um acht auf, als draußen auf dem Hof das Müllauto lärmte.

Im Nebenzimmer schlief ihre vierzehnjährige Tochter Schura. Julia lief sie wecken, und beide rannten in wilder Hast durch die Wohnung, sich gegenseitig anknurrend. Schura hatte in der ersten Stunde Algebra, das Fach, das sie am wenigsten mochte, und das Verhältnis zwischen ihr und der Mathelehrerin mit dem Spitznamen Viper ließ auch zu wünschen übrig.

»Du wirst sehen, sie schleift mich zum Direktor, wenn ich zu spät komme«, greinte Schura, die, auf einem Bein hüpfend, versuchte, in ihre Hose zu schlüpfen.

»Du wirst nicht zu spät kommen.« Julia half ihr in die Jeans. »Es ist erst zehn nach acht.«

»Und wenn wir im Stau stecken bleiben? Bitte, kann ich nicht heute schwänzen? Ich schreibe morgen einen Test in Physik, ich werde den ganzen Tag büffeln, bitte, Mama, ich räume endlich mal die Küchenschränke auf und bringe die Wohnung auf Vordermann, wir ersticken schon im Dreck.«

Julia warf eine Banane und einen Apfel in Schuras Rucksack, zog ihren Mantel an und nahm Schuras Jacke vom Haken.

»Schluss jetzt. Hör auf mit dem Gejammer. Wir fahren.«

Schura schniefte und fing so ausdrucksvoll an zu weinen, dass sich Julias Herz zusammenkrampfte, aber sie zog ihre Tochter entschlossen zum Auto, setzte das verheulte und beleidigte Mädchen drei Minuten vorm Klingelzeichen ohne Abschiedskuss vor der Schule ab und raste mit überhöhter Geschwindigkeit weiter zur Arbeit.

Julia war kosmetische Chirurgin in einer großen Privatklinik für plastische Chirurgie.

Bis zur Klinik waren es noch höchstens sieben Minuten, aber auf dem Prospekt Mira geriet sie in einen Stau, wurde nervös und machte sich Vorwürfe, dass sie Schura nicht erlaubt hatte, zu Hause zu bleiben.

Der Stau löste sich realtiv rasch auf. Julia kam nicht zu spät, musste aber die Hoffnung auf eine Tasse Kaffee, ein Sandwich und eine Zigarette vor der Sprechstunde aufgeben.

Natürlich wird die Viper sie aufrufen, dachte Julia gereizt, während sie ihren weinroten Škoda vor der Klinik einparkte, heute wird alles schieflaufen, das ist einfach ein Gesetz. Nach einem so nervösen, furchtbaren Morgen ist nichts Gutes zu erwarten. Na bitte, es geht schon los!

Auf der breiten Kliniktreppe vertrat ihr eine hochgewachsene, kerzengerade Dame um die vierzig in offenem beigefarbenem Mantel, tadellos frisiert und manikürt, den Weg.

»Entschuldigung, sind Sie Doktor Tichorezkaja?«

»Ja, bitte?«

»Guten Tag, Julia.« Das Gesicht der Dame zerfloss zu einem Hollywoodlächeln. »Sehr angenehm. Ich heiße Nina. Das ist meine Tochter Swetlana. Wir kommen von Valeria.«

Die Tochter war höchstens achtzehn. Sie hielt sich sehr krumm. Das aschblonde glatte Haar fiel ihr ins Gesicht. Die abgetragene hellblaue Jeans umschlackerte sie wie ein Sack, darüber hing eine weite schwarze Männerjacke aus Segeltuch.

»Entschuldigen Sie.« Julia schob die Dame sanft beiseite, die Glastür schwang auf.

Julia nickte den Wachleuten zu und lief durch das Foyer zur Treppe, doch die Dame in Beige verstellte ihr erneut den Weg.

»Valeria hat Sie sehr treffend beschrieben. Groß, gut aussehend, braunes, kurzgeschnittenes Haar. Ich habe Sie sofort erkannt, gleich, als Sie aus dem Auto stiegen.«

Julia hätte schwören können, dass sie keine Valeria kannte. Aber die Dame in Beige, als hätte sie ihre Gedanken gelesen, erklärte: »Valeria Jewgenjewna hat sich vor einem Jahr bei Ihnen ein Facelifting machen lassen. Ich habe vorher nicht geglaubt, dass so etwas in unserem Land, bei unserer schrecklichen Medizin, überhaupt möglich ist, bis ich mich mit eigenen Augen davon überzeugt habe. Valeria Jewgenjewna sieht zwanzig Jahre jünger aus, und ohne jede Narbe oder Schwellung.«

»Das freut mich sehr.« Julia legte einen Schritt zu und stürmte die Treppe hinauf, drei Stufen auf einmal nehmend. Sie musste vor der Sprechstunde doch unbedingt noch einen Schluck Kaffee trinken und einen Happen essen, sonst würde ihr in einer halben Stunde der Magen so knurren, dass es die Patienten hören konnten.

»Entschuldigen Sie um Himmels willen, Julia.« Die Dame überholte sie und flüsterte leicht kurzatmig: »Hätten Sie nicht ein paar Minuten für uns?«

»Gern, aber ich habe gleich Sprechstunde und bin sehr in Eile. Haben Sie etwas Dringendes?«

»Aber wir wollen doch zu Ihrer Sprechstunde!«, verkündete die Dame freudig.

»Nun, dann sollten Sie im Wartezimmer Platz nehmen. Dort ist es bequemer als auf der Straße.«

»Sehen Sie, ich wollte mit Ihnen gern erst einmal in ungezwungener Umgebung reden, wir sind ein besonderer Fall, und Valeria hat Sie sehr empfohlen, sie hat gesagt, Sie seien nicht nur eine großartige Ärztin, sondern auch ein sensibler, taktvoller Mensch, was ja heutzutage recht selten ist.«

Inzwischen hatten sie die dritte Etage erreicht und standen vor dem Sprechzimmer.

»Warten Sie bitte hier.« Julia wies mit einem Kopfnicken auf eine Reihe weicher Ledersessel. Dort saßen bereits vier Frauen verschiedenen Alters und ein dicker junger Mann im schwarzen Anzug.

Julia verschwand hinter der Tür und hörte die Dame in Beige mit scharfer Stimme sagen: »Für die Siebenundzwanzig sind wir die ersten, wir haben einen Termin um neun.«

Im Sprechzimmer roch es nach Kaffee. Auf dem Tisch stand eine dampfende Tasse, daneben ein Teller mit einem Käsebrot. Die blutjunge Schwester Vika tuschte sich vor einem Spiegel die Wimpern. Noch fünf Minuten. Der Chefarzt Pjotr Mamonow war ein Pünktlichkeitsfanatiker. Punkt neun flammten über allen Sprechzimmertüren automatisch die Schilder »Bitte eintreten« auf. Julia konnte gerade noch in ihren Kittel schlüpfen, sich das Brot in den Mund schieben und den Kaffee hinterherschütten.

Mutter und Tochter kamen, ohne anzuklopfen, herein. Vor Julia lag eine Karteikarte, auf der stand: »Wassilkowa Swetlana, geboren 1983.«

»Nun, Swetlana, was ist dein Problem?« Julia lächelte das Mädchen freundlich an. Swetlana saß auf der Stuhlkante, den Kopf tief gesenkt, das Gesicht hinter ihrem Haar verborgen.

»Sie meint, sie hat eine zu große Nase«, erklärte die ältere Wassilkowa energisch und schob ihrer Tochter das Haar aus dem Gesicht. »Außerdem findet sie ihre Wangenknochen zu breit, ihre Augen zu klein und ihren Mund nicht richtig geformt.«

Die jüngere Wassilkowa schüttelte den Kopf und verbarg erneut ihr Gesicht.

»Und außerdem glaubt sie, sie wäre zu dick.«

»Wieviel wiegen Sie?« fragte Julia das Mädchen.

»Dreiundfünfzig Kilo, bei einer Größe von eins fünfundsiebzig«, antwortete die Mutter an ihrer Stelle.

»Aber meine Liebe, Sie sind untergewichtig«, meldete sich Schwester Vika.

»Für Models ist die Norm maximal fünfzig, bei einer Größe von eins achtzig«, brummte das Mädchen, ohne jemanden anzusehen.

»Unsinn« – Julia schüttelte den Kopf –, »das ist ungesunder, gefährlicher Unsinn. Wenn man so mager ist, kommt es zu Stoffwechselstörungen, die Monatsblutungen bleiben weg, Haare und Zähne fallen aus, man kann ein Magengeschwür und Furunkel bekommen.«

»Da, hörst du das? Wenn du mir nicht glaubst, hör wenigstens auf die Mediziner, die sind Profis!«, rief die Mutter.

»Na schön, schauen wir uns mal die Nase an.« Julia stand auf und trat zu dem Mädchen. »Drehen Sie sich bitte zum Licht, und den Kopf bitte etwas höher.«

Endlich sah Julia das Gesicht der Unglücklichen.

Wie sie schon vermutet hatte, war es harmonisch und hübsch. Ohne die krankhafte Magerkeit, die krumme Haltung und den gehetzten Ausdruck der Augen wäre das Mädchen eine echte Schönheit gewesen.

»Nun, und was möchten Sie gern verändern?«

»Alles«, flüsterte Swetlana kaum hörbar und schluckte krampfhaft.

»Können Sie mir erklären, warum?«

»Weil ich hässlich bin.«

»Hat Ihnen das jemand gesagt oder ist das Ihre eigene Meinung?«

»Das braucht mir niemand zu sagen. Das sieht man doch«, murmelte das Mädchen und krümmte sich noch stärker zusammen.

»Stehen Sie bitte auf.« Julia führte sie zum Spiegel, schob ihr das Haar aus dem Gesicht und klopfte ihr mit der flachen Hand leicht auf den Rücken. »Gerade halten, halten Sie sich gerade. Den Kopf hoch. Wissen Sie, dass Sie ideale Gesichtszüge haben? Leute, die zu mir kommen, weil sie eine andere Nase wollen, wünschen sich in neun von zehn Fällen eine Nase wie Ihre. Sie sind ein sehr schönes Mädchen, Sie haben überhaupt keinen Grund …« Julia stockte, weil sie im Spiegel Swetlanas Gesicht sah. Es wirkte tatsächlich kläglich und hässlich, trotz der regelmäßigen Züge.

»Na schön« – Julia seufzte –, »warten Sie bitte draußen. Ich muss mit Ihrer Mutter reden.«

Als die Tür sich hinter dem Mädchen geschlossen hatte, stürmte die Mutter zu Julia, packte sie am Arm und flüsterte ihr ins Gesicht, wobei sie sie in teuren Parfümduft hüllte: »Das ist vollkommen zwecklos, Doktor. Man kann sagen, was man will. Sie hört nicht zu. Man muss irgendwas tun, aber ich weiß nicht, was. Ich bin furchtbar erschöpft. Swetotschka ist mein einziges Kind.«

»Sie müssen zum Psychiater«, bemerkte die Schwester phlegmatisch.

»Da waren wir schon«, schluchzte die Dame, »bei Psychiatern, bei Psychologen, bei zwei Wunderheilern, bei einem Hypnotiseur und sogar bei einer Hexe. Nichts hat geholfen. Ich flehe Sie an, operieren Sie sie, machen Sie irgendwas an Ihrem Äußeren, egal was, Nase, Augen, Lippen, schneiden Sie an der Taille was weg oder an den Hüften, Hauptsache, sie beruhigt sich und isst wieder normal. Ich zahle jeden Preis.«

»Kennen Sie ihre Freundinnen?«, erkundigte sich Julia düster.

»Was haben ihre Freundinnen damit zu tun?« Die Dame schneuzte sich laut.

»Bei Mädchen entstehen solche Probleme häufig durch die Freundinnen, die gern alle möglichen Gehässigkeiten sagen, von wegen: zu große Nase, zu kleine Augen, zu dick.«

»Ach, ich weiß nicht, ich weiß nicht.« Die Wassilkowa schüttelte den Kopf. »Es muss etwas geschehen, das ist doch der reinste Alptraum!«

»Vielleicht ist sie unglücklich verliebt?«, mutmaßte die Schwester.

»Sie meidet junge Männer wie die Pest. Wenn jemand sich für sie interessiert, glaubt sie, er will sie nur verhöhnen. Julia Nikolajewna, ich flehe Sie an, operieren Sie sie.«

»Ihre Tochter braucht keine Operation.« Julia spürte, dass sie die Geduld verlor. »Ich weiß nicht, welche Spezialisten Sie konsultiert und was die Ihnen geraten haben, aber ihre Tochter braucht psychologische, möglicherweise psychiatrische Hilfe.«

»Meine Tochter ist nicht verrückt!«, rief die Wassilkowa. »Wollen Sie etwa, dass man sie fürs ganze Leben mit einer schrecklichen Diagnose abstempelt? Dass man sie mit allen möglichen Psychopharmaka vollstopft, die schlimmer sind als Drogen?« Sie stürmte erneut zum Schreibtisch, stützte sich mit beiden Händen darauf und beugte sich zu Julia. »Brauchen Sie etwa kein Geld? Ich bezahle die Operation, und Sie sind verpflichtet, sie zu übernehmen!«

Die Tür wurde aufgerissen, auf der Schwelle stand Swetlana.

»Hör auf, Mama!«, rief sie mit hoher, überkippender Stimme. Sie lief zum Tisch, packte ihre Mutter am Arm und zog sie weg. Die schrie weiter, verließ jedoch türenknallend das Sprechzimmer.

»Ein Irrenhaus«, kommentierte die Krankenschwester kopfschüttelnd.

Julia nickte stumm. Sie hätte gern eine Zigarette geraucht und fünf Minuten still dagesessen, aber die Tür ging erneut auf. Der große junge Mann im schwarzen Anzug trat ein und verharrte auf der Schwelle.

»Bitte setzen Sie sich. Ich höre.« Julias Blick glitt über sein rundliches, glattes Gesicht, und sie entschied, dass er vermutlich eine Nasenkorrektur wünschte. Die Nase war lang, spitz, raubtierhaft und beeinträchtigte das ansonsten angenehme Gesicht.

Der junge Mann blickte sich ängstlich um, setzte sich auf die Stuhlkante, senkte den Kopf und nestelte an einem Knopf seines Jacketts.

»Ich höre«, wiederholte Julia.

»Schauen Sie es sich erst einmal an, Doktor«, flüsterte er heiser, ohne den Kopf zu heben.

»Gut.« Julia nickte. »Aber was eigentlich?«

Der junge Mann trat an den Tisch, zog sein Jackett aus, hob das Hemd und drehte Julia den Rücken zu.

»Nun?«, fragte der junge Mann. »Sehen Sie dieses Grauen?«

»Noch sehe ich nichts Grauenhaftes. Seien Sie so gut und erklären Sie mir, was Sie beunruhigt.«

»Die Haare!«, rief er mit dünner Stimme klagend aus. »Sehen Sie genau hin! Haben Sie eine Lupe?«

Sein Rücken war in der Tat ziemlich dicht mit rotem Haar bewachsen.

»Dazu brauche ich keine Lupe. Ziehen Sie sich bitte wieder an«, sagte Julia streng. »Körperbehaarung ist bei einem Mann normal, das ist nichts Schlimmes. Aber wenn die Haare auf dem Rücken Sie stören, müssen Sie in den ersten Stock gehen, dort sitzt die kosmetische Abteilung. Ich bin Chirurgin, ich befasse mich mit anderen Dingen.«

»Ich kenne alle diese Methoden. Aber ich bin ein besonderer Fall. Ich brauche einen Chirurgen.«

»Wieso einen Chirurgen?«

»Nehmen Sie eine Lupe, Doktor«, wiederholte er, ohne sich zu rühren. »Schauen Sie genau hin, dann werden Sie verstehen.«

Julia untersuchte gewissenhaft die roten Haare auf dem Rücken des Patienten. Wer weiß, vielleicht hatte er dort einen juckenden Ausschlag, der ihn rasend machte?

»Nun, wissen Sie jetzt Bescheid?«, fragte der junge Mann.

»Ehrlich gesagt, nicht ganz.« Julia legte die Lupe beiseite. Er hatte keinen Ausschlag.

»Sehen Sie denn nicht, wie sie sich bewegen?«, flüsterte er, ließ das Hemd fallen und wandte sich zu Julia um. »Oh, ich schließe nicht aus, dass sie sich verstellen. Das können sie nämlich, wissen Sie. Sie stellen sich still und harmlos, aber sobald ich nicht aufpasse, legen sie los. Es sind Tausende, Hunderttausende, und jedes einzelne ist eine hochempfindliche Antenne. Sie empfangen Signale von einer geheimen CIA-Basis. Mein Körper wird beeinflusst. Verstehen Sie jetzt, dass man sie restlos entfernen muss, mitsamt den Wurzeln?«

»Ja, ich verstehe.« Julia nickte brav. »Aber in der Kosmetikabteilung wird man damit problemlos fertig. Durch Elekroepillation kann man die Haarwurzeln vernichten, auch mit neuartigen Laserverfahren.«

»Ich brauche eine Hauttransplantation«, kiekste der junge Mann.

»Gut.« Julia nickte. »Aber vorher müssen Sie alle nötigen Labortests machen lassen und verschiedene Fachärzte aufsuchen.«

»Was denn für Fachärzte?« Sein Lächeln wich einer besorgten Miene.

»Innere, Kardiologie, Allergologie, Psychiatrie«, zählte Julia streng auf.

»Aber das hier ist doch eine Privatklinik!«, schnaubte der junge Mann. »Wozu das alles?«

»Das ist üblich. Sonst kann ich Sie nicht operieren. Vika, schreiben Sie bitte die Überweisungen aus«, wandte sie sich an die Schwester, die sich die Hand auf den Mund presste. »Seien Sie so gut und warten Sie draußen. Ich muss den nächsten Patienten hereinrufen.«

Entgegen ihren Befürchtungen verließ der junge Mann das Sprechzimmer ganz ruhig. Als die Tür hinter ihm zugefallen war, lachte Vika laut heraus. Ihre Wangen färbten sich schwarz von der Wimperntusche, sie fiel fast vom Stuhl – ihr Lachen war bestimmt auch im Flur zu hören.

»Ich kann nicht mehr, Julia Nikolajewna, ich kann nicht mehr … Wissen Sie, wer die Nächste ist? Die Protopopowa! Das halte ich nicht aus, Ehrenwort.«

Alla Protopopowa war vor kurzem siebenundsiebzig geworden. Sie hatte schon ein Dutzend plastische Operationen hinter sich und wollte noch mehr. In einer neuen Fernsehserie gefielen ihr Kinn und Nase einer feurigen Mexikanerin, und sie hielt den Ärzten Fotos unter die Nase und verlangte, sie wolle genau das plus ein kleines Lifting, denn »hier ist eine kleine Falte«. Ihr Gesicht war längst eine starre Maske. Wenn man sie abwies, wurde sie wütend, schrieb Beschwerden ans Gesundheitsministerium, ans Innenministerium und an die Steuerbehörde.

»Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass die Verrückten immer gleich scharenweise kommen?« Vika hickste, schneuzte sich laut und wischte sich die Tuschespuren vom Gesicht.

In diesem Augenblick schwebte die alte Protopopowa herein. In der Hand hielt sie ein dickes Hochglanzmagazin, daraus ragten weiße Lesezeichen, und Julia musste ihr lange und geduldig erklären, dass sie sich keinerlei plastischen Operationen mehr unterziehen dürfe. Die Alte überschüttete sie mit den üblichen Beschimpfungen und Drohungen. Als sich die Tür hinter ihr schloss, fühlte sich Julia so erschöpft, als habe sie bei vierzig Grad Hitze ganz allein einen kompletten Güterzug entladen.

Dann kamen noch zwei Damen, zum Glück beide vollkommen normal. Die eine wollte sich die Falten auf der Stirn entfernen lassen, die andere ihre Augenlider korrigiert haben.

Die Sprechstunde war beendet. Julia aß im Café gegenüber der Klinik, rief zu Hause an und erfuhr, dass die Viper Schura nicht aufgerufen hatte und der Tag ganz erträglich verlaufen war.

»Meiner auch«, sagte sie und versprach, heute früher nach Hause zu kommen. Sie musste nur noch zwei stationäre Patienten aufsuchen, dann konnte sie getrost nach Hause gehen.

Doch fünf Minuten nach dem Telefonat mit ihrer Tochter rief der Chefarzt sie zu sich.

Wer hat sich wohl beschwert, dachte Julia auf dem Weg zu seinem Büro.

Mamonow trank Tee und aß Kekse.

«Ich muss mich mit Ihnen beraten. Ich habe hier eine Patientin …« Er verschluckte sich, hustete, Julia ging um den Tisch herum, klopfte ihm auf den Rücken und setzte seinen Satz fort: »die sich beschwert, dass Doktor Tichorezkaja ihr die Operation verweigert?«

Mamonow hatte aufgehört zu husten, wischte sich die schweißnasse Stirn mit einem Papiertaschentuch ab, lehnte sich im Sessel zurück und richtete seine traurigen kleinen Augen auf Julia.

»Wen haben Sie denn heute abgewiesen, Doktor Tichorezkaja?«

»Madam Protopopowa«, erklärte Julia breit lächelnd, »und noch zwei Patienten. Der eine hat verlangt, dass man ihm die Haut vom Rücken schneidet, um die Haare zu entfernen, denn jedes Haar sei eine hochempfindliche Antenne, die Signale von einer geheimen CIA-Basis empfängt.«

»Großartig.« Mamonow nickte ohne das geringste Lächeln. »Und der dritte?«

»Eine Mutter mit einer siebzehnjährigen Tochter. Das Mädchen leidet an Anorexie, Dystrophie und Depressionen, sie fühlt sich hässlich, obwohl sie schön ist. Sie wollen eine Operation. Irgendeine.«

»Aha, soso.« Mamonow nickte gleichgültig, stand auf und fasste nach Julias Arm. »Kommen Sie, ich zeige Ihnen meine Patientin. Eine ziemlich bekannte Popsängerin, Angela. Sozusagen ein Star. Kennen Sie sie? Nein? Na, unwichtig. Angela Boldjanko. Sie ist zweiundzwanzig. Vor einem Monat wurde sie furchtbar zusammengeschlagen, ihr Gesicht ist total entstellt, es ist alles gebrochen, was man nur brechen kann. Sie wurde am Institut für Kiefer- und Gesichtschirurgie behandelt. Die haben ehrliche Arbeit geleistet, aber ziemlich grob. Alle lebenswichtigen Funktionen sind wiederhergestellt, aber sie hat noch kein Gesicht. Vier kosmetische Chirurgen haben sie bereits abgewiesen.«

Sie betraten das Sprechzimmer nebenan. Auf einem Hocker saß ein geschlechtsloses kleines Wesen. Der kahlgeschorene Kopf war tief gebeugt und pendelte auf dem dünnen Hals hin und her wie bei einer kaputten Puppe.

»Angela, darf ich vorstellen, das ist unsere beste Chirurgin, Julia Tichorezkaja.«

Das Wesen hob langsam den Kopf. Es hatte tatsächlich kein Gesicht. Julia sah eine schiefe Maske voller wulstiger Narben. Die Gesichtsmuskeln waren in einer übertriebenen Leidensmiene erstarrt. Nur die Augen waren noch lebendig. Sie schauten Julia, ohne zu blinzeln, an. Aus ihnen sprachen Verzweiflung und Hoffnung zugleich.

Auf einem hellen Bildschirm hingen zahllose Röntgenaufnahmen, auf dem Tisch lag eine dicke Mappe mit medizinischen Unterlagen.

»Na dann, sehen wir uns das mal an«, sagte Julia mit munterer Stimme, zog sich einen Stuhl heran, berührte die Maske vorsichtig und drehte sie ins Licht.

Major Sergej Loginow erwachte vom Schmerz. Rasch und gebieterisch breitete er sich im unteren Teil seines Körpers aus, von den Füßen bis zur Hüfte, schwoll an und pulsierte in jeder Zelle. Schwester Katja kam, wechselte den Tropf und spritzte ihm ein Schmerzmittel.

Sie erzählte, das Hospital befinde sich in der Nähe von Moskau, der nächste Ort sei die Stadt Taldom. Man habe ihn bewusstlos und im Zustand schwerer Unterernährung hergebracht, seine Beine seien total zermatscht gewesen.

Ihm schien, als rede sie absichtlich so viel, damit er keine überflüssigen Fragen stellte.

»Außerdem hattest du Pediculose. Läuse. Und Ausschlag natürlich. Wie ein typischer Obdachloser. Und so mager warst du, mein Gott! Man hätte dich glatt als anatomisches Anschauungsexemplar benutzen können.«

Er diktierte Katja die Telefonnummer seiner Mutter und bat sie, in Moskau anzurufen. Sie antwortete mit einem stummen Kopfnicken. Als er sie am nächsten Tag fragte, ob sie angerufen habe, erklärte sie, ohne ihn anzusehen, sie habe es versucht, aber es sei niemand rangegangen.

»Dann schick ein Telegramm. Ich diktiere dir die Adresse.«

»Wie denn, Herrgott! Wir sind hier mitten im Wald.« Sie errötete und verzog das Gesicht zu einem qualvollen falschen Lächeln. »Die nächste Post ist in Taldom, fünfzig Kilometer von hier.«

»Du bist eine schlechte Lügnerin«, flüsterte er.

»Was?« Katja wurde flammend rot.

»Nichts … Fünfzig Kilometer, sagst du? Aber das hier ist schließlich keine Wüste.«

»Nein, das nicht. Aber ein geheimes Objekt.« Katja wandte sich beleidigt ab.

»Schon gut, sei nicht sauer. Ich habe verstanden. Aber du lebst schließlich nicht das ganze Jahr hier, du fährst doch ab und zu mal nach Taldom und nach Moskau.«

»Nur im Urlaub. Den hab ich im August, und jetzt ist Februar.«

»Katjuscha, hilf mir bitte, du hast doch auch eine Mutter.« Er griff nach ihrer Hand, aber sie stand abrupt auf und ging hinaus.

Zehn Minuten später kam Awanessow, untersuchte wortlos Loginows Beine, hob seine Pyjamajacke an, fuhr ihm lange mit dem kalten Stethoskop über die Brust, runzelte die Stirn und murmelte vor sich hin: »Gut, gut.« Dann zog er die Decke glatt und sagte ärgerlich: »Warum belästigst du das Mädchen mit dummen Fragen? Sie kann deine Mutter nicht anrufen. Sie darf nicht, verstehst du?«

»Nein.«

»Dieses Hospital gehört zu einem Rehabilitations- und Ausbildungszentrum des Föderalen Sicherheitsdienstes. Ein hochgeheimes Objekt. Wir dürfen niemandem Auskünfte erteilen über unsere Verwundeten.«

»Wieso FSB?«, zischte er, ohne auf eine Antwort zu hoffen.

»Das hat sich so ergeben. Unsere Sondertruppen haben dich aufgelesen. Sie haben dich in ein Militärflugzeug gepackt, in Folie gewickelt wie einen Leichnam. Na, und bei der Landung hast du plötzlich gestöhnt, vielleicht hast du einen Stoss abgekriegt, oder du bist durch den Druckabfall zu dir gekommen, jedenfalls, der Tote war plötzlich lebendig.« Awanessow lachte.

»Weiß meine Mutter, dass ich lebe?«

»Noch nicht.« Awanessow schüttelte den Kopf. »Sie wurde offiziell benachrichtigt, dass du verschollen bist. Aber vergiss nicht, eine Mutter spürt solche Dinge. Sie hat so lange gewartet, wartet sie eben noch eine Weile. Es muss sein. Warum, weshalb – keine Ahnung. Ich kann nur eines sagen: Dass du lebst, weiß überhaupt niemand. Lieg still und mach keine Wellen, du dummer Kerl, freu dich, dass du atmest, dass du wieder gehen wirst und sogar laufen, und stell keine Fragen mehr, verstanden?«

»Nein.«

»Dann vertrau mir einfach. Betrachte es als Befehl. Was bist du? Major, ja? Und ich bin Oberst des medizinischen Dienstes. Also, ich befehle dir, dich am Leben zu freuen und keine Fragen zu stellen, nicht einmal nach deiner Mutter. Entschuldige, mein Lieber. Hab ein wenig Geduld.«

Drittes Kapitel

Die außerplanmäßige Sitzung des Vorstands der Privatbank »Triumph« fand nicht wie üblich im Konferenzsaal statt, sondern im gemütlichen, geräumigen Büro des Vorsitzenden. Die gesamte Vorstandsspitze war versammelt, insgesamt dreizehn Personen. Es ging um die Strategie der Bank angesichts der überraschenden letzten Ereignisse. Gleich fünf hohe Staatsbeamte, Ehrenkunden und Förderer der Bank, die ihr eine Vielzahl legaler und illegaler Dienste erwiesen hatten, waren von ihrem Posten geflogen. Drei waren in den Ruhestand gegangen, gegen zwei liefen Strafverfahren wegen Korruption und Amtsmissbrauchs.

Der Vorsitzende Wladimir Gerassimow, ein hochgewachsener dicker Glatzkopf mit ungesund aufgedunsenem Gesicht, sprach besorgt, abgehackt, heiser keuchend.

»Wir sind alle erwachsen und wissen, dass das Problem Korruption in diesem Fall nicht einmal an zweiter, sondern erst an zehnter Stelle steht. Das Wichtigste ist jetzt, zumindest für uns, die bevorstehende grundlegende Erneuerung der mittleren Leitungsebene und die Zusammenlegung des Ressorts für die Zulassung von Bankgeschäften und Wirtschaftsprüfung mit dem Ressort zur Kontrolle der Tätigkeit von Kreditinstituten auf dem Wertpapiermarkt. Im Hinblick darauf müssen wir hier und jetzt nicht nur eine Taktik, sondern auch eine Strategie erarbeiten …«

Die Sekretärin rollte lautlos einen Servierwagen mit Tee- und Kaffeetassen herein. Es entstand eine angespannte Pause, die Versammelten löffelten Zucker in die Tasse, rührten um und tranken, ohne sich anzusehen. Gerassimow ließ seinen Kaffee stehen. Er saß vorgebeugt da, drehte seinen antiken Parker hin und her und konnte den Blick nicht von dem schönen, teuren Gegenstand lösen, von dem er sich niemals trennte. Vor zwei Tagen hatte er ihn eigenhändig auseinandergenommen und das silberne Gehäuse mit einer Speziallösung gereinigt. Doch das Silber war schon wieder schwarz angelaufen.

»Ich wiederhole«, sagte er und hustete, »nicht nur eine Taktik, sondern auch eine Strategie, ein langfristiges, fehlerfreies Vorgehen …« Seine Atemnot wurde heftiger, er lief dunkelrot an. Er schluckte mehrmals krampfhaft und verspürte einen ungewohnten, scheußlichen Geschmack im Mund. »Die Zusammenlegung der beiden Ressorts wird bedeutende personelle Veränderungen mit sich bringen, nach meinen Informationen kommt eine vollkommen neue Mannschaft. Nadeshda«, wandte er sich an eine jugendlich wirkende grauhaarige Dame im rosa Kostüm, »lesen Sie uns bitte die Liste vor.«

Die Dame trank rasch ihren Tee aus, strich sich das ordentlich frisierte Haar zurecht, nahm mehrere Blätter Papier aus einer Plastikmappe und verlas die Namen der Kandidaten für die wichtigen Beamtenposten im neuen Ressort, wobei sie jeden mit einem kurzen Kommentar versah. Die Versammelten wechselten Blicke, seufzten, schüttelten den Kopf, rollten vielsagend mit den Augen und pressten die Lippen aufeinander. Die Liste umfasste zehn Namen, je zwei Kandidaten für jeden Posten, dummerweise sämtlich undurchsichtige Figuren aus der Provinz.

Als Nadeshda fertig war, wurde es still. Jeder dachte: So viele Anstrengungen umsonst! Ein Beamter war von entscheidender Bedeutung für die kommerziellen Strukturen. Bei den rückständigen Gesetzen und dem tückischen, hinterhältigen Steuersystem bestand die einzige Überlebenschance einer Privatbank darin, sich mit dem richtigen Beamten anzufreunden, seine Schwächen und Leidenschaften zu kennen, ihm kleine Freuden zu machen. Das war nicht an einem Tag und mit ein paar Kopeken zu leisten. Aber kaum lief alles, kaum wiegte man sich in Sicherheit, da drehte sich das Personalkarussell erneut, und der einflussreiche Freund war heute im Ruhestand, morgen in U-Haft, und an seine Stelle trat ein Neuer, Fremder, und man musste ganz von vorn anfangen.

Der Vorstand schwieg und sah fragend zum Vorsitzenden Wladimir Gerassimow, dem FSB-General im Ruhestand. Mit ihm hatte man nichts zu befürchten. Dank seiner alten Beziehungen hatte er Zugang zu geheimen Archiven und konnte rasch jede beliebige Information über die neuen Kandidaten besorgen. Alle erwarteten von ihm wenn nicht Trost, so wenigstens einen klaren Kommentar, doch er drehte noch immer seinen Parker in der Hand und schien die besorgte Ungeduld der Anwesenden gar nicht zu bemerken.

Gerassimow gewöhnte sich an manche kleinen Dinge so sehr, dass er, wenn sie verloren oder entzweigingen, beinahe physischen Schmerz empfand, als seien die Krawattennadel, die Manschettenknöpfe, das Feuerzeug, das Schreibgerät, die Tasse oder andere Kleinigkeiten Teile seines Körpers. Natürlich war es dumm von einem so seriösen Mann, sich zu grämen, weil das silberne Gehäuse seines geliebten Parkers schwarz angelaufen war. Aber ihm fiel plötzlich ein, wie schwarz sein geliebter silberner Teeglashalter geworden war. Zum ersten Mal wurde ihm bewusst, dass alles Silber bei der Berührung mit seiner Haut schwarz wurde und den Glanz einbüßte. Aber damit nicht genug: Das goldene Kreuz, das er um den Hals trug, und sein Ehering hatten einen matten rötlichen Schimmer bekommen. Unter dem Ring hatte sich ein nicht mehr abzuwaschender schwarzer Streifen gebildet. Seine Hände, sonst stets trocken und warm, waren in letzter Zeit feucht und eiskalt; er hatte sogar die unschöne Angewohnheit angenommen, sie verstohlen an seiner Hose abzuwischen. Er hatte den Eindruck, seine Haut habe sich verändert, sein Körpergeruch, der Geschmack in seinem Mund.

Er war zweifellos gesund. Das bestätigten auch die Ergebnisse der Tests und die speziellen Computeruntersuchungen, denen er sich unterzogen hatte. Er musste mal wieder in die Sauna gehen, ein bisschen auf dem Tennisplatz herumhüpfen, sein morgendliches halbstündiges Jogging bei jedem Wetter erneut aufnehmen, dann würde alles wieder gut.

»Wladimir, haben Sie etwas gesagt?« Die Stimme kam von weither, er zuckte zusammen und blickte sich zerstreut um. Er hatte das Gefühl, der eisige feuchte Märznebel sei durch das Fensterglas eingedrungen und habe sich im Büro ausgebreitet. Er sah verschwommene Silhouetten, sie öffneten den Mund, bewegten den Kopf, vollführten bizarre Verrenkungen und zerfielen in Einzelteile, die sich selbstständig weiterbewegten, wie von einem Spaten zerhackte Regenwürmer.

Von einem schrillen Telefonklingeln kam er wieder zu sich. Er griff nach dem Hörer wie nach einem Rettungsring. Seine Hand war so feucht, dass ihm der Hörer beinahe entglitten wäre.

»Ja«, sagte er heiser und bemerkte erleichtert, dass der Nebel sich aufgelöst hatte.

»Wladimir!«

Er begriff nicht gleich, dass seine Frau dran war. Sie konnte ihn jetzt nicht anrufen, sie wusste genau, dass er eine außerordentliche Vorstandssitzung hatte und dabei keinesfalls gestört werden durfte.

»Was gibt es, Natalja?«

»Jemand wollte Stas töten. Hier bei mir sitzt ein Ermittler, ich gebe ihm den Hörer.«

»Moment, ich verstehe nicht …«

»Guten Tag«, sagte ein fremder Mann, »Genosse General. Leitender Untersuchungsführer Tschishow.«

»Sehr angenehm«, reagierte Gerassimow mechanisch, »was ist passiert?«

»Um es vorwegzunehmen, damit Sie sich keine Sorgen machen, Genosse General, mit Ihrem Sohn ist alles in Ordnung«, erklärte die hohe, muntere Stimme im Hörer. »Heute Nacht brachten zwei Unbekannte am Boden seines Wagens einen Sprengsatz an, zum Glück gab es keine Explosion, aber wir haben ernsthafte Gründe für die Annahme, dass sich der Anschlag wiederholen wird.«

»Wo ist das passiert?«

Gerassimow wusste, dass es in Stanislaws Haus eine rund um die Uhr bewachte Tiefgarage mit Alarmanlage gab. Der Sprengsatz konnte nur auf einem fremden Hof an das Auto gekommen sein.

»Stanislaw hat bei einer Bekannten übernachtet«, sagte der Ermittler nach einem Räuspern mit gesenkter Stimme. Er schien sogar die Hand auf den Hörer gelegt zu haben. »Es ist auf dem Hof ihres Hauses passiert, in Konkowo. Wir müssen uns dringend treffen und miteinander reden. Stanislaw weigert sich, unsere Fragen zu beantworten.«

»Wo ist er?«

»Genau das wollte ich Sie fragen, Genosse General. Er geht nämlich an keines seiner Telefone, er ist nicht zu Hause und nicht am Arbeitsplatz.«

Während Gerassimows Telefonat saß der Vorstand schweigend da. Zwölf Augenpaare waren gierig auf das blasse, schweißglänzende Gesicht des Vorsitzenden gerichtet. Alle begriffen: Bei dem eisernen Wladimir war etwas Ernstes geschehen, und jeder wollte wissen, was. Schließlich legte er auf und sagte dumpf, ohne jemanden anzusehen: »Ich bitte um Entschuldigung. Ich muss sofort nach Hause.«

»Was ist passiert, Wladimir?« Nadeshda saß ihm am nächsten; sie streckte den Arm aus und berührte die feuchte Hand des Generals. »Können wir helfen?«

»Danke. Sie können alle gehen.« Er zog die Hand zurück wie vor einem Stromschlag. »Die Sitzung ist auf morgen vertagt. Ich erwarte Sie alle hier um neun.«

Als Julia Tichorezkaja endlich nach Hause aufbrechen wollte, bemerkte sie im Sessel vor ihrem Sprechzimmer eine einsame Gestalt. Im Flur herrschte Halbdunkel, darum erkannte sie die Sängerin mit dem entstellten Gesicht nicht gleich. Angela döste vor sich hin, den in ein schwarzes Tuch gehüllten Kopf auf der hohen Armlehne.

»Warum fährst du nicht nach Hause?«, fragte Julia.

Das Mädchen zuckte heftig zusammen und setzte mit einer hastigen, bereits geübten Bewegung die riesige dunkle Brille auf.

»Mein Produzent Gena sollte mich abholen, aber er ist verschwunden. Sein Handy ist ausgeschaltet, und ich hab kein Geld für ein Taxi, nicht mal für die Metro.«

»Na komm, ich fahr dich nach Hause.«

»Danke.« Angela stand auf und trottete hinter Julia die Treppe hinunter.

Im hell erleuchteten Foyer riskierte Julia einen Blick auf das karikaturenhafte tragische Profil im riesigen Spiegel. Tuch und Brille verbargen vieles, aber die Entstellungen waren dennoch augenfällig, und Julia warf sich gereizt vor, voreilig gewesen zu sein. Es würde kaum gelingen, Angela ihr früheres Aussehen zurückzugeben. Die Sängerin schien ihre Gedanken zu lesen.

»Werde ich nie wieder normal aussehen?«, fragte sie mit monotoner, heiserer Stimme.

»Du wirst sehr schön sein.«

»Von wegen!« Sie schüttelte den Kopf und riss sich das Tuch vom Kopf, als enge es sie zu sehr ein. »Das glaube ich nicht.«

»Doch, das glaubst du«, sagte Julia hart. »Warum bist du sonst hergekommen?«

»Wann wollen Sie mich operieren?«

»Ich denke, wir fangen morgen mit den Vorbereitungen an.«

Als sie das Kliniktor passierten, war es neun. Es fiel ein eisiger Nieselregen. Julia schaltete die Heizung ein und Musik.

»Wer hat dir das angetan?«

»Die wird man nie finden«, krächzte Angela, »drei Bastarde haben mich mitten in der Nacht auf dem Hof überfallen, als ich mit dem Hund draußen war. Den Hund haben sie getötet. Und mich im Grunde auch, denn mit so einem Gesicht kann man nicht leben.«

»Was war das für ein Hund?«

»Ein Pekinese. Kleiner als eine Katze. Ach was, genug davon.«

»Aber es läuft eine Ermittlung?«

»Ich weiß nicht. Ich will das vergessen, verstehen Sie?«

Julia nickte. »Das verstehe ich. Aber es ist wichtig, dass sie gefunden werden, nicht nur, damit sie bestraft werden. Wenn man sie findet, wird das Gericht sie verpflichten, deine Behandlung zu bezahlen.«

»Meine Behandlung bezahlen? Ha-ha! Die finden sie nie im Leben! Und was das Geld angeht – das ist jetzt kein Problem mehr.«

Eine ganze Weile fuhren sie schweigend weiter. Julia hatte einfach keine Kraft mehr zum Reden. Angela sang hin und wieder leise bei Elvis Presley mit. Ihre Stimme klang recht angenehm.

»Also, wann soll ich morgen da sein?«, fragte Angela, als sie auf den Wernadski-Prospekt einbogen.

»Um zwölf.«

»Gut. Da drüben wohne ich.« Sie wies mit einem Kopfnicken auf einen der gelben Zwölfgeschosser auf der anderen Straßenseite. »Hinter dem nächsten Häuserblock kann man wenden.«

Der Wagen stand an einer Ampelkreuzung. In Angelas Tasche klingelte das Telefon.

»Oh, das ist bestimmt Gena!«, freute sie sich und holte das winzige Handy hervor. »Hallo. Weiß ich schon. Dreißigtausend. Nee, natürlich keine Rubel. Was interessiert dich das? Ich komm raus, wenns so weit ist. Sag bloß, du bist schon wieder eifersüchtig? Wer will mich denn noch mit so einer Fresse? Ach ja, klar …«

Es wurde Grün, Julia fuhr weiter und wendete, und Angela hielt noch immer das Telefon in der Hand und hörte angespannt zu. Schließlich explodierte sie schreiend: »Ich hasse dich, kapiert? Ich kann dich nicht mehr sehen! Was sagst du? Das darf ich nicht? Aber mit Fäusten und Schuhen in die Schnauze, das darf man, ja?«

Plötzlich besann sie sich, verstummte, klappte das Handy zu und flüsterte hastig: »Gena, mein Produzent, der Idiot hat sich betrunken und vergessen, dass er mich aus dem Krankenhaus abholen sollte. Jetzt entschuldigt er sich.«

Aha, dein Produzent hat dich also brutal zusammengeschlagen, und nun will er die plastischen Operationen bezahlen, dachte Julia zweifelnd, schwieg aber.

»Ich bin einfach mit den Nerven runter«, sagte Angela, als sie im Hof ihres Hauses hielten.

Julia sah der mageren, linkischen Gestalt nach, wendete und verließ den Hof. Den kleinen schwarzen Toyota mit abgedunkelten Scheiben, der nach ihr vom Parkplatz fuhr, bemerkte sie nicht. Der wendige, unauffällige Wagen folgte ihr und blieb noch ziemlich lange vor ihrer Tür stehen, nachdem sie im Haus verschwunden war.

Sergej war von der Intensivstation in einen Isolierraum verlegt worden. Dieselben kahlen gefliesten Wände, aber immerhin gab es dicht unter der Decke ein kleines Fenster, vor dem sich junge Kiefern wiegten; dahinter schimmerte die weiße Wand des Nachbargebäudes durch. Wenn er sich auf die rechte Seite drehte und ein wenig den Kopf hob, konnte er hinausschauen, allerdings nicht lange. Jede Bewegung bereitete ihm so heftige Schmerzen, dass er Sterne sah. Die Schmerzmittel halfen nur, wenn er still auf dem Rücken liegen blieb.

Sergej hatte das Zeitgefühl verloren. Katja vermied es, mit ihm zu reden, wahrscheinlich hatte man es ihr verboten. Awanessow kam immer seltener vorbei und gab nur ausweichende Antworten. Beim letzten Mal hatte er über Halsschmerzen geklagt und erklärt, das Sprechen falle ihm furchtbar schwer.

Major Loginow stellte fest, dass in der monotonen, zähfließenden Zeit die lichtesten Momente die waren, in denen Katja auftauchte und ihm eine Spritze gab. Er wollte nur noch eines: in das gewohnte Vergessen sinken. Das tröstete und betäubte.

Noch ein wenig, und er würde sich in eine gefügige, stumpfsinnige Kreatur verwandeln. Dieser Gedanke erreichte ihn an der fließenden Grenze zwischen Traum und Wachen, wenn sich gewohnte simple Dinge bis zur Unkenntlichkeit verzerren und man nichts mehr mitkriegt, weder von sich selbst noch von seiner Umgebung.

Als er im Morgengrauen nach einer weiteren Portion unerquicklichen narkotischen Vergessens zu sich kam, sah er Katja neben seinem Bett sitzen. Sie hielt eine Spritze in der Hand.

»Was willst du mir da spritzen?«

»Ein Schmerzmittel, wie immer.«

»Nicht nötig.«

»Spinnst du?«

»Ich will nicht an der Nadel hängen.« Er versuchte zu lächeln. »Ich kann das aushalten.«

»Das kann man nicht aushalten!«, widersprach Doktor Awanessow, der nach einer Viertelstunde erschien, energisch. »Du wirst schreien und keinen schlafen lassen. Du musst keine Angst vor einer Gewöhnung haben. Morphium bekommst du seit drei Tagen nicht mehr. Wir wechseln die Präparate, jetzt kriegst du Promedol und Analgin.«

»Nicht nötig. Ich werde es aushalten.«

»Na schön«, seufzte Awanessow. »Heute Abend wirst du selber um ein Schmerzmittel bitten.«

Sergej bat nicht darum, weder an diesem Abend noch am nächsten. Er gewöhnte sich an den Schmerz, freundete sich sogar mit ihm an. Der Schmerz war ehrlicher und sicherer als der süße künstliche Schlaf.

Viertes Kapitel

»Verzeih mir, Ruben«, flüsterte Galina Katscherjan, während sie den ohnehin schneeweißen Herd scheuerte, »du weißt doch, wie sehr ich dich liebe, ich brauche niemanden außer dir. Du warst nicht da, ich war allein und krank. Stas wollte bloß kurz vorbeikommen, er hat mir Medikamente gebracht, dann hat er was getrunken und konnte nicht mehr Auto fahren, da hab ich ihm in Andrjuschas Zimmer das Bett gemacht. Es war nichts, wirklich, absolut nichts, er ist für mich wie ein Bruder, wir sind doch zusammen aufgewachsen.«

Sie verbrachte den Tag in Tränen und unstetem Umherhasten in der Wohnung, fing verschiedene Hausarbeiten an, doch ihr fiel alles aus der Hand. Am Abend rief ihr Mann aus Petersburg an und teilte mit, er müsse noch ein paar Tage länger bleiben.

In der Nacht hatte sie Alpträume. Ruben im roten Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln hielt den blutüberströmten Kopf von Stas an den Haaren und bleckte die weißen Zähne. Am Morgen rief Galina ihre Freundin Marina an. Sie ertrug ihre Ängste nicht länger allein.

»Interessant … Hör mal, sie könnten zuallererst deinen Ruben verdächtigen. Angenommen, er wußte von eurem Verhältnis und hat jemanden beauftragt, Stas umzubringen.«

»Nicht doch! Ruben kann davon nichts gewusst haben.«

»Ach nein? Du schläfst mit Stas, schon seit zehn Jahren!«

»Fünfzehn«, korrigierte Galina mechanisch. »Aber wir treffen uns nicht regelmäßig.«

»Das spielt keine Rolle. Ihr trefft euch, und dein Mann, der gute Engel, soll davon keine Ahnung haben … Nein, Galja, entweder dein Ruben ist ein Idiot, oder du bist eine Idiotin.«

Galina war zu nervös, um beleidigt zu sein, und überhörte die »Iditotin«. Aber die Vermutung, ihr Mann könne verdächtigt werden, gab ihr den Rest. Sie weinte bitterlich in den Hörer.

»Schon gut, beruhige dich. Ich komme gleich zu dir, wir besprechen alles und lassen uns was einfallen.«

Marina wohnte im Nachbarhaus und klingelte schon nach zwanzig Minuten an der Wohnungstür. Groß und kräftig, mit einem mächtigen Leib und dicken Gliedmaßen, mit einer Mähne roter Locken, starr wie Kupferdraht, füllte sie den gesamten Flur aus. Sie streifte die abgetragenen Turnschuhe ab, stampfte in Socken in die Küche, schaltete im Vorbeigehen den Wasserkocher ein und setzte sich mit untergeschlagenen Beinen auf die Bank.

»Krieg ich was zu futtern? Ich hab noch nicht gefrühstückt.« Sie griff nach einer dünnen bunten Zeitschrift auf dem Fensterbrett, blätterte darin, ohne genau hinzusehen, warf sie wieder weg, zog einen Zahnstocher aus einer Keramikdose, zerbröselte ihn und nahm sich sofort den nächsten. Ihre Hände waren ständig in Bewegung, unaufhörlich waren sie am Nesteln, Knüllen, Zupfen und Rupfen. Ihre runden hellbraunen Augen aber konnten sehr lange, ohne zu blinzeln, einen Punkt fixieren, wobei nur das rechte Lid kaum spürbar zuckte.

Den nervösen Tick hatte sie seit drei Jahren, seit man eines Abends ihren Mann im Hausflur erschossen hatte. Er hatte sich als Geschäftsmann versucht und in einer zweifelhaften Bank einen hohen Kredit aufgenommen; als klar war, dass er die Schulden nicht würde zurückzahlen können, wurde er getötet, als Lehre für andere.

Kinder hatte Marina nicht, sie lebte allein in einer kleinen Zweizimmerwohnung und schlug sich mehr schlecht als recht durch – mit privaten Näharbeiten, Putzen, dem Verteilen von Werbezetteln in der Metro.

Galina schwatzte ununterbrochen, kochte Kaffee und holte phantastische Delikatessen aus dem Kühlschrank – ein Glas roten Kaviar, Plastikpackungen mit Lachs- und Störscheiben, französische Leberpastete und spanische Räucherwurst.

»Das hat Stas mitgebracht. Er frühstückt gern gut, aber heute ist daraus nichts geworden, wie du siehst.«

Marina strich sich Butter und Kaviar auf eine Brötchenhälfte, biss ab und kaute langsam, mit geschlossenen Augen.

»Der Untersuchungsführer hat behauptet, man würde wieder versuchen, ihn umzubringen, irgendwer hat seine Ermordung in Auftrag gegeben.« Galina schenkte Kaffee ein und setzte sich an den Tisch. »So was kann man doch einem Menschen nicht sagen. Warum ihn erschrecken? Vielleicht war das Ganze überhaupt ein Irrtum, vielleicht haben die Banditen ihn mit jemandem verwechselt.«

»Was denkt er selber denn?«, fragte Marina und nahm einen Schluck Kaffee.

»Er hat einen Schock. Stell dir doch bloß mal vor: Du siehst mit eigenen Augen, wie jemand an deinem Auto einen Sprengsatz anbringt!« Galina trennte sich mit der Gabel ein winziges Stückchen Lachs ab und schob es zerstreut in den Mund. »Ich meine, das Ganze ist überhaupt sehr seltsam. Als dein Kolja umgebracht wurde, da gab es doch vorher Drohungen, Anrufe, man hat verlangt, ihr sollt eure Wohnung verkaufen, und erst als er sich weigerte, wurde er umgebracht. Und hier – nichts dergleichen, keine Drohungen, keine Warnungen. Stas ist ein Goldstück, er kann einfach keine Feinde haben.«

»Na ja, also Feinde hat jeder«, widersprach Marina. »Besonders, wenn er jeden Tag so frühstückt.«

»Was hat denn das damit zu tun?« Galina hob erstaunt die dünnen hellen Brauen.

»Ach, nur so.« Marina machte sich rasch ein zweites Kaviarbrötchen. »Gut, weiter. Wonach hat der Untersuchungsführer gefragt?«

»Ach, ich weiß nicht. Es ist alles wie im Nebel. Ich glaube, er hat gefragt, wer wusste, dass Stas bei mir übernachten wird.«

»Und – wer hat es gewusst?«

»Keiner.« Galina schüttelte energisch den Kopf. »Keine Menschenseele. Er hat um zehn aus dem Auto angerufen. Er hat zu niemandem ein Wort davon gesagt, und ich auch nicht. Ach, rat mir lieber, was ich mit Ruben machen soll!«

»Tja, Galja, ich weiß auch nicht.« Marina seufzte bekümmert und leckte Kaviarreste vom Messer. »Diesmal wirst du dich wohl kaum rausreden können. Du wirst die Wahrheit sagen müssen. He, gib mir mal ’ne Zigarette.«

»Aber wie denn … Das verzeiht mir Ruben nie. Das bedeutet Scheidung. Und Andrjuscha? Er liebt seinen Vater abgöttisch. Und die Wohnung?« Sie winkte resigniert ab. »Nein, Scheidung kommt nicht in Frage. Aber er wird danach nicht mehr mit mir leben wollen. Ein anderer würde das verzeihen, aber mein Ruben – niemals!«

Sie stand auf und lief in der kleinen Küche hin und her.

»Nein, Marina, gestehen geht nicht, ich hab in einer Zeitschrift einen Artikel über Ehebruch von einem Psychologen gelesen. Man darf das auf keinen Fall eingestehen, man muss es kategorisch leugnen.«

»Na, wenn du selber so gut durchsiehst, warum fragst du mich dann? He, krieg ich nun endlich eine Zigarette?«

»Da!« Galina zündete sich eine Zigarette an und warf Schachtel und Feuerzeug auf den Tisch. »Nein, mal ehrlich, hättest du es deinem Kolja gesagt?«

»Ich hab meinen Kolja nicht betrogen«, sagte Marina knapp und zog gierig an ihrer Zigarette, »ich wollte niemanden außer Kolja. Ich habe ihn geliebt. Und wenn dein Goldstück Stas ihn nicht vor vier Jahren in diese abenteuerliche Geschichte reingezogen hätte, dann würde er noch leben.«

»Na pri-ma!« Galina blieb mitten in der Küche stehen und hob empört die Arme. »Was hat denn Stas damit zu tun? Er hat deinem Kolja nur angeboten, sich an einem aussichtsreichen Unternehmen zu beteiligen, er wollte ihm eine Chance geben, ich meine, ich verstehe natürlich nichts von Business, aber ich kenne Stas seit unserer Kindheit.« Ihre Wangen färbten sich dunkelrot, ihre Augen funkelten zornig. »Wieso fängst du jetzt davon an?«

»Entschuldige. Reg dich nicht auf. Du bist schließlich krank, du kriegst gleich wieder Fieber. Und überhaupt – reiß dich zusammen. Bei dir ist alles in Butter – du hast einen Mann, einen Sohn und noch dazu einen reichen Liebhaber. Kuck mich an, was nach Koljas Tod aus mir geworden ist.«

Tatsächlich – vor drei Jahren war Marina schlank, gepflegt und lebenslustig gewesen; sie hatte viel gelacht, dabei den Kopf zurückgeworfen und großzügig die prachtvollen weißen Zähne entblößt. Kolja und sie hatten sich abgöttisch geliebt, sich sogar in der Öffentlichkeit dauernd geküsst. Nach fünf Jahren Ehe hatten sie noch immer gewirkt wie frisch verheiratet.

»Hör mal, wen von den beiden liebst du eigentlich mehr?«

»Wenn ich das wüsste.« Galina lächelte schuldbewusst und schloss die Augen. »Weißt du, Stas war mein erster Mann, meine erste Liebe. Das zwischen uns ist Leidenschaft, es zieht uns einfach mit Macht zueinander, wir können nichts dagegen tun, weder ich noch er. Und Ruben – er ist mein Mann, der Vater meines Kindes. Mit ihm ist alles ganz anders.«

»Wenn es Leidenschaft ist, warum hat dein Stas dich dann nicht geheiratet?«

»Herrgott, versteh doch – wie kann der Sohn eines Generals die Tochter einer Dienstbotin heiraten?«

»Aber mit ihr schlafen kann er, ja?« Marina lachte heiser. »Das heißt, er benutzt dich seit deinem fünfzehnten Lebensjahr, wann immer er Lust hat, und du setzt seinetwegen deine Ehe aufs Spiel. Er ist ein Schwein, dein Stas. Na schön, ich muss los. Lass den Kopf nicht hängen, Galja, vielleicht löst sich das Problem ja von ganz allein?«

Anstatt die Fragen des Untersuchungsführers zu beantworten und mit den Eltern zu erörtern, wer ihn möglicherweise töten wollte und warum, fuhr Stas in ein privates Fitnesscenter und verbrachte dort den ganzen Tag. Er trat in die Pedale, drückte Gewichte, schwitzte in der Sauna, schwamm im eiskalten Becken, stöhnte vor Wonne unter den kräftigen Händen des Masseurs, nahm im Café einen Imbiss und schlief ein paar Stunden im Ruheraum. Sein Mobiltelefon hatte er abgeschaltet.

Über sämtlichen angenehmen und nützlichen Prozeduren, die ihm das Fitnesscenter bieten konnte, war der Tag rasch verflogen. Aber wohin jetzt? Er entschied, er dürfe jetzt vor allem nicht allein bleiben. Er verließ die Bar, ging in den Umkleideraum, schloss seinen Schrank auf, holte sein Telefon heraus, schaltete es ein und wählte eine Nummer, unter der sich sofort eine tiefe, angenehme Frauenstimme meldete.

»Hallo, mein Sonnenschein«, sagte er, »was hast du heute Abend vor?«

»Und du?«, fragte sie zurück.

»Zu Abend essen und ab ins Bett«, antwortete er, während er seine Hose vom Bügel nahm. »Ich erwarte dich um acht im ›Anker‹ in der Twerskaja.«

»Und danach?«

»Das hab ich doch gesagt – ab ins Bett.«

»Das habe ich gehört. Bei dir oder bei mir?«

»Was spielt das für eine Rolle?«

»Eigentlich keine« – sie lachte spöttisch –, »aber ich würde lieber zu mir gehen. In deinem Bad findet man ständig fremde Schamhaare.«

»He, was willst du damit andeuten?« Stas war aufrichtig empört.

»Nur, dass deine Putzfrau schludert.« Die Frau lachte weich, ein Feuerzeug klickte. »Du solltest dir endlich eine Frau anschaffen, Stas, damit sie deine Putzfrau kontrolliert.«

»Na schön, mein Sonnenschein«, sagte er so zärtlich er konnte, »darüber reden wir beim Essen. Küsschen, bis gleich.«

Anschließend schaltete er das Telefon sofort wieder aus, zog sich ohne Hast an, kämmte sich vorm Spiegel die kurzen hellblonden Haare und sprühte sich mit Parfüm ein.

Ich werde nicht daran denken. Es war nichts. Schwachköpfe, Rowdys, Rotzlöffel. Mein Wagen fiel auf diesem Hof einfach zu sehr auf unter all den Shigulis und Moskwitschs, das war nur Gehässigkeit. Einfach so. Langweile und Neid.

So tröstete er sich auf dem Weg zur Tiefgarage, zu dem schwarzen Firmenmercedes, den er schon am Morgen angefordert hatte, samt dem Chauffeur Georgi. Georgi fuhr ihn gegen ein zusätzliches Entgelt oft privat; und er besaß eine Waffe – mit ihm fühlte sich Stas sicher.

Der Chauffeur stieg aus und öffnete ihm die hintere Tür. »Man hat nach Ihnen gesucht. Wladimir hat mich persönlich angerufen und gefragt, wo Sie sind.«

»Und was hast du gesagt?«

»Wie abgesprochen. Dass Sie sich bei ihm melden würden.«

»Und er?«

»Wartet auf Ihren Anruf. Rita hat auch angerufen, sie sagt, ein Major Tschishow sucht Sie, anscheinend vom FSB.«

Rita war seine Sekretärin. In der Firma wussten also alle Bescheid. Auch Georgi wusste Bescheid. Nun durfte der FSB mit vollem Recht in allen Papieren herumwühlen, die Nase in alle seine Geschäfte stecken.

Vielleicht haben sie das Ganze ja selber organisiert, extra dafür, dachte Stas abwesend, ließ sich in den weichen Sitz fallen und sagte: »Weißt du was, Georgi, die können mich alle mal! Schalt das Telefon aus. Wir fahren zum ›Palace-Hotel‹.«

»Vielleicht rufen Sie wenigstens Ihre Eltern an?«, fragte Georgi. »Sie machen sich schließlich Sorgen. Ich würde meine anrufen.«

»Aber du hast Ihnen doch gesagt, dass ich okay bin?«

»Hab ich.«

»Na also. Fahr los.«

Es war bereits dunkel. Wieder fiel eiskalter Nieselregen. Stas schob die Hand in die Jackentasche und holte zusammen mit der Zigarettenschachtel versehentlich ein kleines viereckiges Stück Papier heraus, das er schon unbesehen zusammenknüllen und wegwerfen wollte, aber dann interessierte ihn doch, was das war und wie es in seine Tasche gelangt war.

Es war ein Foto, schwarzweiß, ein Passfoto. Eine hübsche dunkelhaarige Sechzehnjährige sah Stas an. Das Foto konnte die Durchsichtigkeit ihrer Haut und das tiefe, dunkle Blau ihrer Augen nicht wiedergeben. Das Mädchen war nicht einfach nur hübsch. Es war von umwerfendem, archaischem Reiz. Sie konnte schauen, wie Eva vermutlich Adam angeschaut hatte, als sie ihm den Apfel vom Baum der Erkenntnis hinhielt. Sie hatte eine sanfte, tiefe Stimme und die Geschmeidigkeit einer Perserkatze. Das matte, zwanzig Jahre alte Foto war vom Zauber des Originals durchdrungen wie von radioaktiver Strahlung. Einige Sekunden lang starrte Stas es reglos an.

»Zieht es? Soll ich das Fenster schließen?«, fragte Georgi, sich umdrehend.

D

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