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Der erste Tag im Ruhestand

In dem vorliegenden Buch wird sich jeder wiederfinden: der Träumer, der sich eine heile Welt im Einklang mit der Natur wünscht; der Realist, dem ähnliche Alltagsdinge auch so widerfahren sind, oder auch jemand, der in eine Traumwelt eintauchen möchte.

Alle in diesem Buch genannten Namen und Handlungen sind

frei erfunden. Ähnlichkeiten mit verstorbenen -oder noch

lebenden Personen sind rein zufällig!

Meiner lieben Frau Brigitte, S. B.-L. und M. Z., gewidmet

Danke für alles.

Inhaltsverzeichnis

  1.  Wer ist der Boss?

  2.  Markttag

  3.  Im Tierheim

  4.  Eine Gutenachtgeschichte

  5.  Einsamkeit

  6.  Die Angeltour

  7.  Silberhochzeit bei Familie Woll

  8.  Kater Schnurr

  9.  Einkauf im Supermarkt

10.  Heimat

11.  Der Arztbesuch

12.  Der Rommé-Club

13.  Das Mittagessen

14.  Begegnung

15.  Das Smartphone

16.  Besuch im Kaufhaus GUM

17.  Ein Wochenende bei Familie Krüger

18.  Max, Siegfried und Johanna

19.  Flucht in den Westen

20.  Blümchen „pflücken“

21.  Bienchen Bertha und Bauer Kunibert

22.  Abschied

23.  Das Attentat

24.  Reich und arm

25.  Heimkehr

26.  Das Erbe

27.  Der erste Tag im Ruhestand

28.  Zwiegespräch

29.  Biene Fritzi

30.  Gibt es Engel auf Erden?

31.  Party bei Sigi und Sabine

32.  Punky

33.  Tanz der Elfen

34.  Johann Sebastian Bach

35.  Smörfy, der Golden Retriever

36.  Umzug

37.  Ein Tag in Tavira

38.  Ende des Arbeitslebens

39.  Eine Bahnfahrt

40.  Bei der Marine

41.  Der Zitronenlikör

42.  Das Spitzennachthemd

43.  Der Baum

44.  Die Entscheidung

45.  Die neue Frisur

46.  Die verlorenen Söhne

47.  Die Wohnungsrücknahme

48.  Ein Mensch

49.  Ein Tag im Advent

50.  Zeitlos

1 - Wer ist der Boss?

Es gibt Dinge im Leben, die sind unausweichlich, auch wenn sich ein Ehepaar innig liebt, wie Susanne und Jörg. Beide haben sich vor Jahren kennengelernt und zählten sich damals zu den Mittfünfzigern, denen noch ein spätes, inniges Glück zuteilwerden sollte. Nachdem sie mehrere Jahre das Zusammenleben ausprobiert und auch so manche Schwierigkeit überwunden hatten, heirateten sie im kleinen Kreis, waren und sind sehr glücklich, obwohl so manch großer Unterschied besteht. Sie ist gerne in Haus und Garten, er ein Wandervogel. Aber das ist nicht das Einzige, was sie unterscheidet. Susanne ist es zuwider, kochen zu müssen, sie liebt aber den Umgang mit Wäsche. Bei Jörg ist es genau umgekehrt. So sind die häuslichen Arbeiten perfekt aufgeteilt und beide glücklich mit ihren Aufgaben.

Eines Morgens - das ausgiebige Frühstück war gerade beendet - begann eine „wunderbare“ Diskussion.

„Schätzelein, was soll ich heute zu Mittag zu kochen? Worauf hättest du Appetit?“

„Ich habe gerade gefrühstückt, da kann ich dir beim besten Willen noch nicht sagen, was du kochen sollst. Stell‘ mir die Frage bitte ein paar Stunden später.“

Das Frühstück war etwa um 10.30 Uhr beendet. Jörg standen innerlich die Haare zu Berge, konnte er doch schon ahnen, wie die Sache ausgehen würde. Ein paar Stunden später, es war schon nach 14 Uhr, wagte er nochmals die Frage zu stellen, worauf sie Appetit hätte.

„Was hast du denn da?“

„Jede Menge Gemüse. Dazu könnte ich Reis, Nudeln oder Kartoffeln kochen.“

„Aha.“

„Und was bedeutet jetzt dein „Aha?“

„Na, noch nichts, ich überlege noch. Am besten ist, du kochst, wonach dir ist. Ich kann dir nicht sagen, worauf ich Appetit habe. Es schmeckt sowieso alles gut, was du zubereitest.“

„Gut, dann mache ich Kartoffeln dazu, ok?“

„Ja, ja, mach‘ man.“

Jörg begann Kartoffeln zu schälen sowie das Gemüse zu putzen und klein zu schneiden, um es in den entsprechenden Töpfen zu garen. Es mochten vielleicht zehn Minuten vergangen sein, seit alles auf dem Herd stand. Die Kartoffeln begannen zu kochen. Er hantierte noch mit Schüsseln herum, als er im Hintergrund hörte:

„Wenn die Kartoffeln kochen, brauchst du die Herdplatte nur auf eins zu stellen, das reicht.“ Jörg sah Susanne aus der Küche gehen und bemerkte, dass die Kochplatte nicht mehr auf drei stand, sondern wieder auf eins und das Wasser nicht mehr sprudelnd kochte, sondern eher das Kochgut zog.

„Kannst du mir bitte mal verraten, warum du den Herd niedriger gestellt hast? Und warum bitte steht der Kurzzeitwecker jetzt auf zwanzig Minuten statt auf dreizehn Minuten?“

„Das habe ich so gelernt.“

„Hast du dir einmal überlegt, aus welchem Grund ich die Kartoffeln so klein geschnitten habe?“

„Nö, wie gesagt, das habe ich so gelernt.“

Jörg ging das alles zu weit und er wollte schon aufbrausen. Im letzten Moment hielt er sich zurück und stellte den Wecker jetzt auf zehn Minuten und die Herdplatte auf knapp zwei, so dass das Kartoffelwasser wieder leicht sprudelte.

„Du brauchst die Platte nicht wieder auf drei oder so zu stellen.“

„Kochst du oder ich?“

„Ich meine ja nur. Das verbraucht dann weniger Strom.“

„Und die Kartoffeln möchtest du halb roh essen?“

„Nö, die sollten schon gar sein. Aber ich meine ja nur.“

„Hast du schon bemerkt, dass ich heute koche?“

„Ja, ja, du kannst ruhig einen Rat von mir annehmen.“

„Meinst du, ich wüsste nicht, wie man was kocht?“

„Meine Zeit, ich meine ja nur.“

„Warum redest du mir ständig rein? Schade, dass die Küche zum Flur hin nur einen Vorhang hat, sonst würde ich die Küche von innen zuschließen.“

„Das fehlt noch. Du nimmst überhaupt keinen Rat von mir an. Was ist bloß los mit dir?“

„Ich nehme gerne einen Rat von dir an, wenn er vernünftig ist. Bloß weil du mal vor fünfzig Jahren Kochen in der Schule hattest, heißt das noch lange nicht, dass alles genauso wie früher gemacht werden muss.“

„Das habe ich ja auch nicht gesagt, aber du könntest ruhig was von mir annehmen.“

„Weißt du was? Du kannst hier weitermachen.“

„So habe ich das doch gar nicht gemeint. Mein Gott, lege doch nicht gleich jedes Wort auf die Goldwaage.“

„Ach, was, meinst du vielleicht, ich sollte alles schlucken? Was glaubst du, was passiert, wenn ich dich nicht ernst nehme? Das hatten wir in der Vergangenheit schon einmal.“

„Das war aber auch etwas völlig anderes, das hatte ja nichts mit Kochen zu tun.“

Jörg merkte, wie in ihm die Wut innerlich weiter hochstieg, bis ihm schließlich der Kragen platzte.

„Wer ist hier der Boss, du oder ich? Jetzt komm‘ nur nicht auf die Idee, zu sagen, wir beide. Entweder du, dann kochst du auch, oder ich, dann halte dich bitte auch zurück.“

Gemurmel und Gegrummel aus dem Hintergrund.

„Wir kochen das nächste Mal genauso, wie du es haben möchtest, ok?“

„Ist in Ordnung.“ Es kehrte Ruhe ein, keiner sagte mehr ein Wort.

Tage später wurden die Kartoffeln genauso zerkleinert und gekocht, wie SIE es gelernt hatte. Der „Erfolg“: Die Kartoffeln waren teilweise noch leicht glasig und hart und „schmeckten“ dementsprechend. Von dem Zeitpunkt an sagte Susanne nichts mehr und ließ Jörg in der Küche gewähren. Nur hin und wieder kam ein: „Na, klappt’s?“ oder „Kann ich helfen?“

Die beiden hatten sich darauf verständigt - egal wer kocht - dass der andere zu schweigen hat, denn nur einer kann in der Küche der Boss sein.

2 - Markttag

Es war Anfang März 2000, als sich Paul entschied, für eine Woche nach Portugal an die Algarve zu fliegen, denn dort hatte ein Bekannter eine kleine Ferienanlage, die auch von Künstlern genutzt wurde. Die wenigen Häuschen konnte man zu der Zeit ohne Probleme mieten. Später im Jahr waren sie für einen längeren Zeitraum bereits alle vermietet.

Nach ein paar Tagen wollte er nach Olhao fahren, um sich das Städtchen anzusehen, welches direkt am Meer lag. Er wachte morgens auf und die Sonne schien direkt in das Häuschen. Um zu sehen, wie das Wetter insgesamt aussah, trat er auf die kleine Terrasse und sah, dass der Himmel total blau war, ohne eine Wolke und es bereits angenehm warm war, einfach herrlich. Nach dem Frühstück fuhr er mit seinem Leihwagen über Santa Catarina und Moncarapacho nach Olhao - eine liebenswerte Kleinstadt, wie er gehört hatte.

Ihm leuchteten die Häuser mit ihren weißen Fassaden entgegen. Überall blühte und grünte es und es sah manchmal aus wie auf einer kitschigen Postkarte. Die Straßen waren sauber und der Ort wirkte sehr gepflegt. Man sagte ihm, er müsse sich unbedingt die Markthallen von innen und die Stände außen herum ansehen. Er fuhr ganz in den Ort rein und sah überall die Schilder mit dem Symbol „absolutes Halteverbot“. So kurvte er eine ganze Zeit rum und hielt verzweifelt nach einem Parkplatz Ausschau. Endlich, nach unzähligen Runden, fuhr vor ihm ein großer PKW aus einer Parklücke. Gott sei Dank auch noch da, wo man offiziell parken durfte, und er war in diesem Moment der glücklichste Mensch der Welt. Er hatte nämlich gehört, dass die örtlichen Ordnungshüter nicht zimperlich und sehr rigoros seien.

Paul schlenderte eine der Hauptstraßen entlang Richtung Markthallen und sah diese von Weitem. Es waren architektonisch sehr schöne Gebäude, die sich wunderbar in das umgebende Stadtbild einfügten. Dort angekommen, genehmigte er sich erst einmal einen Kaffee, den er in aller Ruhe genoss, während das Leben drum herum geschäftig ablief. Es war alles gemütlich hier, keine Hektik und kein Gehetze.

Als er seinen Kaffee ausgetrunken hatte, bog er nach rechts in die erste Halle und fand dort nur Obst, Gemüse und Fleischstände vor, ein Gewirr von Stimmen und Gerüchen. Es wurden Waren angeboten, die er noch nie zuvor gesehen, geschweige denn gegessen hatte. Er vernahm ein buntes, herrliches Treiben, ohne jede Hektik oder Aufgeregtheit, das genaue Gegenteil von ihm zu Hause. Dann betrachtete er die ausgelegten Waren und schlenderte von Stand zu Stand. Als er einmal rundherum gegangen war, ging er in die gegenüberliegende Halle. Dort wurde nur Fisch angeboten. Es war eine unglaubliche Vielfalt, die er so auch noch nie gesehen hatte. Er drehte ganz langsam Runde um Runde, um nur ja nicht einen Stand zu verpassen. Es war aufregend und spannend. Nachdem er alles in den Hallen gesehen hatte, ging er wieder nach draußen, setzte sich in die Sonne und bestellte sich einen Kaffee, sowie einen großen Becher Eis mit Sahne. Als er alles in Ruhe genossen hatte und mit allem fertig war, begab er sich auf die Rückseite der Hallen, wo Einheimische aus ihren Privatgärten Obst, Gemüse und Kräuter anboten. Er durfte hier und da etwas kosten und es war die reinste Gaumenfreude. Auch Gewürze wurden angeboten. Leider standen ganz viele Wörter, die auf den Schildern geschrieben waren, nicht in seinem kleinen Lexikon, so dass er nur riechen oder schmecken konnte. Das Angebot war gigantisch. Ganz am Ende der Marktstände war ein Stand, dessen Verkäuferin eine ältere Frau war. Ihr Alter war für Paul nicht zu schätzen, da ihre Haut von der Sonne ganz braun gebrannt und runzelig war. Sie konnte fünfzig Jahre alt sein, aber auch fünfundsiebzig. Das Geschäft schien bei ihr an diesem Markttag nicht zu florieren, da die Stände vor ihr ziemlich leer gekauft waren. Paul entschied sich, sechs frische Orangen bei ihr zu kaufen.

Die Verkäuferin und er schauten sich an und er konnte sich an ihr nicht satt sehen. Es quoll so viel Liebe und Güte aus ihren Augen, die ihn magisch anzogen. Sie lächelten sich zu und er ging Richtung Halleneingänge. Auf dem Weg dorthin sah er einen Blumenstand, der nicht nur einzelne Blüten verkaufte, sondern auch farblich wunderbar zusammengestellte Sträuße. Einen davon erwarb er und ging zurück zu der alten Verkäuferin. Sie bediente gerade ein junges Pärchen. Als dieses gegangen war, überreichte er ihr den soeben gekauften Strauß. Erst kniff sie die Augen zusammen und musterte Paul von oben bis unten, nach dem Motto „Was soll das?“ Er ermutigte sie, sein Geschenk anzunehmen. Sie zögerte noch, aber dann sah er, wie ihr eine Träne die Wange runterlief. Er lächelte sie an und verabschiedete sich. Ihm kam der Gedanke: Wann hatte diese Frau zuletzt von jemandem einen Blumenstrauß bekommen? Vielleicht war das schon viele Jahre her.

So einen schönen Tag, mit derart viel Freude und vielen Erlebnissen, hatte er lange nicht mehr gehabt. Sein Tag war gelaufen und er hatte auch das Gefühl, einen Menschen glücklich gemacht zu haben.

3 - Im Tierheim

Toni, ein aufgeweckter Teenager im Alter von Anfang 15, wohnt mit seiner jüngeren Schwester Alina und seinen Eltern in einer Etagenwohnung, in der keine Haustiere, wie Hund, Katze, Maus, gehalten werden dürfen. Zu gerne würde er einen Hund haben, so einen richtigen vierbeinigen Freund. Leider ging das nicht.

Eines Tages kam er ganz traurig von der Schule nach Hause und seine Mutter fragte ihn, was vorgefallen sei und warum er mit hängendem Kopf ankomme. Toni sagte ihr, dass er so gerne einen Hund hätte, er aber wisse, dass das nicht ginge. Alina, seine Mutter und er saßen schweigend am Tisch und aßen zu Mittag. Irgendwie war die Stimmung durch Tonis Traurigkeit völlig unten. Nach dem Essen gingen die Geschwister in ihre Zimmer, um die Schularbeiten zu machen. Nach einer ganzen Weile klopfte es an Tonis Tür und seine Mutter stand lächelnd in der Tür und meinte:

„Mir ist soeben noch etwas eingefallen. Wir haben doch hier in unserem Stadtteil ein Tierheim. Wie wäre es, wenn du dich dort melden würdest und fragst, ob du nicht eine Patenschaft übernehmen könntest. Die wären sicher froh, wenn sich jemand zur stundenweisen Betreuung der Tiere anbieten würde. Vielleicht kannst du auch Hunde Gassi führen. Was würdest du von dieser Idee halten?“

Tonis Gesichtsausdruck hellte sich auf und seine Mutter merkte, dass er überlegte. Er war nicht der Typ Mensch, der vor Spontanität nur so sprühte. Nach einer Weile meine er nur:

„Mama, deine Idee lasse ich mir mal durch den Kopf gehen. Sie ist eine Überlegung wert. Bestimmt wird das Tierheim aber genügend Leute haben, die sowas machen.“

„Das ist gut, denke in Ruhe mal darüber nach, dann hättest du wenigstens etwas mit Tieren zu tun.“

Der Gedanke ließ Toni nicht mehr los. Am nächsten Tag rief er im Tierheim an und brachte sein Anliegen vor. Die Leiterin, Frau Kamulke, war von Tonis Ansinnen erfreut und bat ihn, am nächsten Tag um 15 Uhr bei ihr zu sein, um alles Weitere zu besprechen. Gesagt, getan. Am nächsten Tag ging er frohen Mutes ins Tierheim, wo ihn Frau Kamulke freundlich empfing. Bei einer Tasse Kaffee besprachen sie alles. Toni erzählte ihr, dass er so gerne einen Hund hätte, was aber nicht ginge, da der Hauseigentümer allen Mietern dies schriftlich verboten hatte und er so traurig darüber sei. Das sei der Grund, warum er nun hier sei. Sie lächelte ihn an und meinte: „Ich zeige dir mal alle Tiere, dann kannst du sehen, wer alles bei uns ist.“

Beide gingen langsam an den Zwingern vorbei und die Tiere waren ganz aufgeregt ob dieses unerwarteten Besuchs. Dann blieb Toni an einem Zwinger stehen. Dort befand sich ein mittelgroßer Mischlingshund, der Rocco gerufen wurde. Das Tier war völlig verschüchtert und zitterte am ganzen Leib, das kleine Schwänzchen war zwischen die Hinterläufe geklemmt. Aus seinen Augen trat die pure Angst hervor. Frau Kamulke sagte zu Toni, dass das ihr Sorgentier sei und er sich auch nicht anfassen ließe. Am liebsten hätte er den kleinen Kerl in seine Arme genommen und mit ihm ausgiebig geschmust. Toni fragte die Leiterin, ob er sich ab morgen intensiv um ihn kümmern dürfe. Sie fand die Idee großartig und meinte, dass er jeden Tag willkommen sei. Er war beglückt von dieser Aussage, denn dass es so schnell gehen sollte - damit hatte er nicht gerechnet. Sein Glück kaum fassend, ging er nach Hause und berichtete seiner Mutter und Alina von dem für ihn so positiv ausgegangenen Besuch im Tierheim. Seine Mutter nahm ihn in den Arm und sagte:

„Das hast du richtig toll gemacht.“

Am nächsten Tag meldete er sich bei Frau Kamulke an, die ihn, vor Freude strahlend, zu Rocco führte. Toni fand ihn genauso verschüchtert vor wie gestern. Er tat ihm in der Seele leid. Wie alt Rocco sei, wollte Toni noch wissen. Sie konnte ihm auch nur eine ungefähre Antwort geben. Er sei etwa zwölf bis fünfzehn Jahre alt und dass ihn der oder die Vorbesitzer sehr schlecht behandelt haben müsse. Es sei ein Jammer, das Tier in so einem Zustand sehen zu müssen und sie täten alles, um diesen zu verbessern. Toni sagte ihr, dass er sich jetzt zu ihm setzen wolle. Er öffnete ganz vorsichtig die Zwingertür, ging hinein, verriegelte sie von innen, setzte sich neben der Tür auf den Boden und begann ganz leise mit Rocco zu sprechen. Der rührte sich nicht vom Fleck und schaute ihn nur mit seinen tieftraurigen Augen völlig verschüchtert an. So ging das Tag für Tag. Toni wollte nach fast zwei Wochen aufgeben. Dann kam der erste Versuch der Kontaktaufnahme. Rocco kam ganz zögerlich auf Toni zu. Genauso vorsichtig streckte Toni ihm seine Hand, in der er ein Leckerchen hielt, entgegen. Alles wurde ausgiebig beschnuppert und nach einer ganzen Weile nahm sich Rocco dieses Stückchen und fraß es auf. Toni konnte sein Glück kaum fassen, dass seine Bemühungen endlich von Erfolg gekrönt waren. Frau Kamulke konnte es auch kaum glauben, als er ihr davon erzählte. Sie lobte ihn unentwegt für seine Beharrlichkeit und Liebe, die er Rocco bisher geschenkt hatte.

Es kam schließlich so, dass Rocco ihm vertraute. Die beiden wurden ein Herz und eine Seele. Der große Tag war gekommen, an dem beide auch endlich außerhalb des Tierheims Gassi gehen konnten. Das Schönste aber war, wenn sie von einem ausgiebigen Spaziergang nach Hause kamen und miteinander schmusen konnten. So ging es fast ein Jahr.

Doch eines Tages lag Rocco völlig apathisch in seinem Zwinger und reagierte kaum auf Toni. Dieser setzte sich neben Rocco, nahm ihn ganz vorsichtig in seinen Schoß und streichelte ihn ganz zärtlich und fragte immer wieder: „Was hast Du?“ Toni konnte sich den Zustand, in dem sich Rocco befand, genauso wenig erklären, wie der herbeigerufene Tierarzt. Dieser vermutete, es könne Altersschwäche sein. Toni schüttelte mit dem Kopf, war doch Rocco noch gestern putzmunter auf dem Hundeplatz umhergesprungen. Toni wollte nicht nach Hause und blieb die ganze Nacht hindurch bei ihm, jedoch nicht ohne seiner Mutter vorher Bescheid gegeben zu haben. Gegen Morgen, es begann zu dämmern, bemerkte er, dass Rocco kein Lebenszeichen mehr von sich gab. Er war in seinen Armen gestorben. Toni war voller Trauer um seinen kleinen Freund. Er weinte bitterlich und ging völlig gebrochen nach Hause, wo man sich schon Sorgen um ihn gemacht hatte. Seine Mutter blickte in seine vom Weinen geröteten Augen und nahm ihn, ohne auch nur ein Wort zu sagen, in ihre Arme. Toni weinte und konnte kaum beruhigt werden. Beide setzten sich auf die Wohnzimmercouch. Dann sagte seine Mutter:

„Weißt du eigentlich, was du vollbracht hast? Du hast Rocco die schönste Zeit seines Lebens geschenkt. Er durfte ganz friedlich in deinen Armen eingeschlafen. Das war das letzte Geschenk, was er dir geben konnte.“

Als Toni am anderen Tag ins Tierheim kam, empfing ihn Frau Kamulke zunächst schweigend und nahm ihn in ihre Arme. Sie tröstete ihn mit den Worten:

„Du hast Rocco mehr Liebe in den zurückliegenden Monaten geschenkt, als er je in seinem vergangenen Leben erhalten hatte. Ich habe aber noch etwas für dich, hier in diesem Umschlag.“

Toni öffnete das Couvert und hielt ein Bild in den Händen, das ihn und Rocco zeigte, wie sie sinnesversunken schmusten. Er konnte seine Tränen nicht mehr halten und weinte. Immer wieder küsste er das Bild und sagte kaum hörbar:

„Danke, dass du mein treuer Freund warst. Ich werde dich nie vergessen.“

Zwanzig Jahre sind vergangen. Das Bild aber hat einen Ehrenplatz auf dem Sideboard seines Wohnzimmers. Rocco wird auch immer einen Platz in seinem Herzen behalten. Zu innig war die kurze Zeit, die sie sich beide gehabt hatten.

4 - Eine Gutenachtgeschichte

Hans-Jürgen, ein aufgeweckter Junge von 4 Jahren, lebt mit seinen Eltern, beide mit dem Herzen am richtigen Fleck, in einem Dorf in der Lüneburger Heide. Ihre kleine, aber sehr gemütlich eingerichtete Wohnung findet bei Familie und Freunden ganz viel Anklang. Wenn sie ein Fest feiern, müssen sie die Gäste mehr oder minder am Schluss hinaus komplimentieren, da es einfach schön und behaglich bei ihnen ist. In diesem Umfeld wächst der „kleine Mann“ auf, umhegt und umsorgt.

In den Kindergarten geht Hans-Jürgen sehr gerne, er macht viel mit und ist in der Gruppe sehr beliebt. Er ist ein Kind, das zwar einerseits lebendig sein kann, aber auch in sich gekehrt. Was alle an ihm schätzen, ist sein Ordnungssinn. Er mag kein unaufgeräumtes Zimmer, es ist ihm zuwider. Wo mag er das wohl herhaben?

Sein Vater fördert ihn, so gut es nur geht. Seine Mutter, eine ganz liebevolle Person, ist zwar auf der einen Seite streng, jedoch äußerst gerechtigkeitsliebend und sehr fürsorglich. Sie ist noch in der Tradition einer Großfamilie aufgewachsen, wo jeder auf den anderen achtet und Rücksicht genommen hat. Das Wort „liebevoll“ stand bei ihrer Familie nicht in irgendeinem Fremdwörterlexikon, sondern wurde aktiv gelebt. So konnte sie ihre Erfahrungen an Hans-Jürgen weitergeben. Man konnte sehen, welche Früchte ihre „Erziehung“ bei ihm schon in so jungen Jahren getragen haben.

Zur lieb gewordenen Tradition gehörte es für ihn, wenn er abends im seinem Bett lag, dass er erst eine Geschichte vorgelesen bekam und dann sangen Mutter und er anschließend ein Gutenachtlied. Ohne dieses Ritual ging es nicht. Im Winter wurde öfter „Der Mond ist aufgegangen“, im Sommer „Die güldene Sonne“ gesungen. Am Schluss gab es noch eine liebevolle Umarmung und viele Küsschen.

Hans-Jürgen erfand kleine Geschichten, die er seiner Mutter am nächsten Morgen erzählte. Seine Phantasie war manchmal schon erstaunlich. Eines Sonntags wollte er seine Geschichte am Kaffeetisch erzählen, kam aber nicht dazu, das in Ruhe zu tun, da, warum auch immer, alles zu wuselig war. Als er abends im Bett lag, erzählte er seine Traumgeschichte. Er schwebe auf einer Wolke und an seiner Seite seien zwei Engel gewesen, die mit ihm ganz liebevoll durch den Himmel schwebten. Auch habe er andere Gestalten gesehen, aber alle seien wie Engel gewesen. Hans-Jürgen schlief über seine Geschichte, die vermutlich noch viel länger und aufregender war, ein.

Seine Mutter sang ganz leise sein Lieblingslied „Schlafe, mein Prinzchen, schlaf‘ ein“, gab ihm anschließend noch einen ganz liebevollen Kuss und schlich sich ganz leise aus seinem Zimmer. Als sie die Tür schließen wollte, hörte sie Hans-Jürgen sagen: „Mama, ich habe dich ganz toll lieb und Papa auch.“

5 - Einsamkeit

Heute war wieder so ein Tag, an dem Klaus nicht aufstehen mochte. Er quälte sich aus seinem Bett und zog ganz vorsichtig eines der beiden Rollos hoch, um zu sehen, welches Wetter ihn erwartete. Er blickte in eine trübe Suppe. Es nieselte und vereinzelte Nebelschwaden umgaben das Haus.

Seine Liebste war vor ein paar Tagen zu ihrem Bruder gefahren, mit der Aussage, dass sie nicht wisse, wann sie wieder zurück wäre.

Klaus ging ganz langsam die Treppe runter, immer noch im Schlafanzug, um sich sein Frühstück anzurichten. Die Jalousien des Esszimmers zog er hoch und schaute auf das Vogelhaus, in dem sich diverse Vögel tummelten. Am Vorabend hatte er noch Futterknödel aufgehängt, auf denen sich jetzt Spatzen und Meisen krampfhaft festkrallten, um an das begehrte Fett und die darin eingeschlossenen Körner zu gelangen. Das Brötchen, welches er sich vorhin getoastet hatte, bestrich er mit Erdbeermarmelade und biss ein Stück ab. Irgendwie wollte ihm das Ganze heute einfach nicht schmecken und er kaute lustlos und gelangweilt darauf herum. Das Kauen vollzog sich im Schneckentempo. Plötzlich gingen die Gedanken hin und her und ihm kamen ganz wirre Vorstellungen. Was wäre, wenn seine geliebte Frau nicht mehr da wäre? Würde er dann noch leben wollen? Was, bitte in aller Welt, sollte er dann hier noch? Vegetieren? Den Einsiedler spielen? Abgehängt von der Welt leben? Ihm liefen die Tränen die Wangen herunter. Sein Versuch, sich mit etwas Positivem abzulenken, ging völlig daneben. Er haderte mit Gott und der Welt und verstand heute beide nicht mehr. Seine Verzweiflung war riesig. Alles lief ihm plötzlich aus dem Ruder bei dem Gedanken, seine geliebte Frau könne nicht zurückkehren. Sohn und Geschwister, alle weit weg. Anrufen? Das war auch nicht die Lösung. Er wollte seinen Schmerz der Verlassenheit ausleben. Aber wofür stand dieser Schmerz? Er fand die Ursache in dem Moment nicht heraus. Er ließ seinen Tränen freien Lauf, verschränkte seine Arme, legte sie auf den Esstisch, und den Kopf oben auf. Wie lange er in dieser Haltung verharrte, konnte er nicht sagen. Urplötzlich bäumte sich sein Körper auf, er saß kerzengerade und schrie:

„Weißt du eigentlich, wie sehr ich dich liebe?“

Ihm wurde schlagartig bewusst, wie weh Einsamkeit tun konnte. Er schluchzte und weinte in einem fort.

Irgendwann hatte er das Gefühl, als hätte er ein Geräusch von der Eingangstür gehört und lauschte eine Weile. Als sich nichts regte, weinte und schluchzte er weiter. Er saß mit dem Rücken zur Tür und schaute nach draußen, so als wolle er nichts anderes mehr sehen als nur noch die Natur.

Plötzlich spürte er zwei Hände auf seinen Schultern.

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