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Der eiserne Skorpion

Über den Autor

Neal Asher wurde in Essex geboren, wo er noch heute lebt. Mit 16 begann er Science Fiction zu schreiben. Seine Kurzgeschichten erschienen in zahlreichen Magazinen. Mit DER DRACHE VON SAMARKAND begann er einen lockeren Romanzyklus um die ECS-Agenten in einem Universum, das mit düsteren Farben gezeichnet ist.

Widmung

Für die Insel Kreta,
wo die Skorpione klein sind,
die Maße groß
und immer die Sonne scheint.

Danksagung

Dank an jene, die das vorliegende Buch zuerst in Amerika veröffentlicht haben: Jeremy Lassen und Jason Williams von Night Shade Books. Dank auch an meinen Agenten Simon Kavanagh, weil er mit Macmillan den Vertrag für dieses Buch aushandelte und mein vorangegangenes Night-Shade-Buch, Prador-Mond, so entschlossen unterstützte. Meine besten Wünsche gelten den Menschen, deren Arbeit bei Macmillan den vorliegenden Roman auf die Regale brachte: Peter Lavery, Julie Crisp, Chloe Healy, Steve Rawlings und vielen weiteren … Sollte ich jemanden vergessen haben, möge er ein Bier von mir fordern! Und wie immer, ευχαριστώ πολύ Caroline.

1

Wie er dort auf einer Felsnase saß, starrte Ian Cormac auf die Wörter und Zahlen, die sein Palmtop abbildete, konnte sie aber mit nichts in Verbindung bringen, das ihm bekannt gewesen wäre. Ein Planet war ins Vergessen gebombt worden, und die Zahl der Toten war etwas, das er lesen, aus dem er aber keinerlei realen Sinn gewinnen konnte. Wenngleich sich die Front in zwölf Jahren nicht wesentlich verschoben hatte und ein solch katastrophales Ereignis ungewöhnlich war, so ergab das keine Geschichte, die die Aufmerksamkeit eines Jungen lange fesseln konnte.

Ians Gedanken wanderten, und er starrte hinab auf die Steinnager, von denen das gewaltige Fossil wimmelte – ähnlich Käfern auf einer verwesenden Leiche. Langsam entfernten sie mit kleinen Diamantsägen und Keramalgreifern das dazwischenliegende Felsgestein und legten die intakten Überreste eines – er löschte die aktuelle Story vom Palmtop-Bildschirm und kehrte zu einer älteren Seite zurück – Ed-mon-to-saurus frei. Neben Ian saß seine Mutter Hannah mit gekreuzten Beinen und überwachte die Ausgrabung auf einem Laptop, der geöffnet dort stand, wo es der Name andeutete. Sie trug die Hose eines Gefechtsanzugs für Spartavarianten, die von seinem Vater stammte, und dazu Umweltstiefel und ein himmelblaues ärmelloses Top, die blonden Haare vom schmutzigen Gesicht zurückgesteckt. Hannah war sehr alt – er rechnete es im Kopf nach –, fast sechsmal so alt wie Ian, aber sie sah aus wie ein elfenhaftes Mädchen, seit die neue Behandlung ihren Organismus von den letzten Resten des alten Antigeris befreit hatte. Während er zusah, veränderte sie einige Einstellungen auf dem Sensormonitor des Laptops und richtete den Blick dann auf die Reihe Nager, die gerade in eine neben ihnen stehende große Kiste stiegen. Wie Ian wusste, deponierten sie dort die Steinsplitter, die sie vom Fossil entfernt hatten, alle mit Plasmel umhüllt und nummeriert, sodass man ihren Ursprungsort am Skelett zurückverfolgen konnte. Die Kiste war mit den Buchstaben FGP beschriftet, die für Fossilgenprojekt standen.

»Warum möchtest du das Gestein behalten?«, erkundigte sich Ian.

Gereizt blickte Hannah zu ihm auf. »Weil seine Struktur uns viel über die Prozesse des Verfalls und der Versteinerung verraten kann, Ian. Manchmal ist es möglich, den Vorgang zurückzuverfolgen und dann die Vergangenheit teilweise zu rekonstruieren.«

Er hörte sich diese Erklärung genau an und blickte dann auf den Text, den der Sprachkonverter auf seinem Bildschirm darstellte. Es freute ihn, dass er die einzelnen Wörter verstand, obwohl er nicht ganz davon überzeugt war, dass er ihre vollständige Bedeutung im Rahmen des Textes erfasste. Er vermutete, dass Hannah ihm aus Ungeduld keine vollständige Antwort gegeben hatte. All das hatte mit versteinerten Genen zu tun, obwohl natürlich unmöglich war, dass Gene einen Millionen Jahre langen Vorgang überlebten. Seine Mutter hatte einmal von Molekülgedächtnis, Musterübertragung und Kristallisation gesprochen … Nach wie vor verstand Ian nicht alle Feinheiten der Arbeit seiner Mutter, aber es freute ihn zu wissen, dass es vielen, die viel älter waren als er, nicht besser ging.

Jedenfalls hatte er das Gefühl, dass sie auf die eigentliche Stoßrichtung seiner Frage nicht geantwortet hatte. Im frühreifen Alter von acht Jahren erschien ihm das Sammeln all dieses Gesteins als Vergeudung von Ressourcen! Ein Krieg tobte, und alle mussten mithelfen, und er fand es merkwürdig, dass man seiner Mutter erlaubt hatte, ihre Arbeit fortzusetzen, obwohl jederzeit Prador-Schlachtschiffe im Sonnensystem eintreffen und es in einen radioaktiven Friedhof verwandeln konnten.

Ian wandte sich von seiner Mutter ab, blickte kurz zu dem Gravowagen hinüber, mit dem sie hergeflogen waren, und starrte dann über die zerklüftete Landschaft von Hell Creek hinweg. Menschen gruben hier schon seit Jahrhunderten Dinosaurierknochen aus, und ein vollständiges Skelett zu finden wie dieses hier, das war schon etwas Besonderes. Ian spekulierte widerstrebend, dass nicht alles zugunsten des Krieges gestoppt werden sollte.

Dann widmete er sich wieder seinem Palmtop und sichtete aufs Neue die aktuellen Nachrichten von einem Konflikt, der siebenunddreißig Jahre vor seiner Geburt ausgebrochen war. Obwohl der Beschuss eines Planeten durch die Prador die dominierende Story war, suchte er nach Meldungen von einem anderen speziellen Sektor der Polis und erfuhr, dass die Prador nach dem Hessick-Feldzug auf einem Planeten namens Patience schwere Verluste erlitten hatten. Er empfand Stolz. Dort kämpfte sein Vater. Er suchte weiter und wandte sich wie üblich den Heldentaten des Generals Jebel U-cap Krong zu. Was für ein Name! Jebel Up-close-and-personal Krong, Aus-nächster-Nähe-Krong; ein Typ, der in den ersten Kriegsjahren Gefallen daran gefunden hatte, Prador zu töten, indem er Haftminen an ihre Panzerschalen drückte.

»Warum hast du mich Ian genannt?«, fragte er unvermittelt und blickte auf seine Mutter hinab.

Sie blickte auf, immer noch eine Spur Gereiztheit im Gesicht. »Nach deinem Großvater.«

Langweilig!

Ian schlug die Bedeutung des Namens auf dem Palmtop nach und stellte fest, dass es nur eine schottische Variante des Namens John war, was »Geliebter Gottes« hieß oder irgend so ein archaischer Unsinn. Dann entschied er, seinen Familiennamen nachzuschlagen. Er fand eine Menge über Könige und Raben, was richtig gut klang, bis er auf die wörtliche Übersetzung von Cormac als »Sohn der Schande«, stieß. Er wusste nicht recht, was das bedeutete, und da diese Könige und Raben für ihn im Vordergrund standen, machte er sich nicht die Mühe, dem weiter nachzugehen.

»Ich würde am liebsten einfach nur Cormac heißen«, sagte er.

Kaum dass er in die Schule gekommen war, hatten die Leute ihn einfach nur noch Cormac genannt, und sogar damals gab er seinem Nachnamen den Vorzug vor dem Vornamen.

Seine Mutter wandte sich ihm erneut zu. »Du und Dax, ihr seid beide ›Cormac‹, Ian – man nennt das einen Nachnamen.«

Das stimmte schon, aber sie hatte entschieden, den eigenen Nachmannen Lagrange beizubehalten und ihn ihrem anderen Sohn Alex zu hinterlassen.

»In der Schule nennen sie mich so«, beharrte er.

»Wie man dich in der Schule nennt, ist nicht unbedingt die beste Wahl …«

»Ich möchte Cormac genannt werden.«

Das schien sie ohne Ende zu amüsieren.

»Aber sicher doch, junger Cormac.«

Er zuckte zusammen. Dieses Präfix mochte er nicht. Ihm war außerdem klar, dass sie ihn bei Laune hielt und erwartete, er würde diesen Namenswechsel wieder vergessen. Das wollte er jedoch nicht. Auf einmal wurde das ihn für sehr wichtig, schien ihn besser zu definieren als der langweilige Name »Ian«. Er wandte sich wieder dem Monitor zu und ging der Sache weiter nach, und er blieb sogar bei seinem Entschluss, als er herausfand, was mit »Schande« gemeint war.

Ein wenig später sagte die Mutter: »Das reicht vorläufig, denke ich.« Und sie klappte den Laptop zu und stand auf. »In einem Monat müssten wir so weit sein, dass wir die Knochen abtransportieren können.«

Cormac runzelte die Stirn. Wenn er alt genug war, würde er gewiss kein Archäologe werden und seine Zeit auch nicht darauf verwenden, Knochen auszugraben. Vielleicht ging er wie Dax zum Gesundheitsdienst der ECS oder wie sein Vater zu den Spartavarianten, oder vielleicht konnte er sich auch den Truppen Krongs anschließen, den Avaloniern. Einen Augenblick später überlegte er sich das noch einmal, denn er wusste, wie unreif eine solche Entscheidung war. Nur kleine Jungs wünschten sich, Soldaten zu werden.

»Komm schon, kleiner Krieger, gehen wir zu Mittag essen!«

Cormac schloss seinen Palmtop und sprang vom Felsen herab. Er wollte eigentlich im Schritttempo gehen, aber es war so leicht, den Hang hinabzulaufen. Einen Augenblick später stürmte er auf seine Mutter zu, und etwas sprudelte in seiner Brust empor und brach sich als Schlachtruf Bahn. Als sie ihn auffing, drückte er ihr den Palmtop an den Bauch.

»Blamm!«

»Wenn ich es richtig verstehe, wurde ich aus nächster Nähe erwischt«, stellte sie fest, wirbelte ihn im Kreis und stellte ihn dann wieder auf die Beine.

»Er hat viel mehr Prador hochgejagt!«, informierte Ian sie.

Sie bedachte ihn mit einem ironischen Blick. »Nichts ist gut am Töten«, stellte sie fest.

»Krabbenpaste!«, rief er.

»Ich denke, ich muss mal einen kritischen Blick darauf werfen, welche Nachrichtenagentur du benutzt, Ian.«

»Cormac«, erinnerte er sie.

Sie verzog das Gesicht. »Ja, Cormac – es war mir entfallen.«

Er hielt ihre Hand, während sie zum Gravowagen hinabgingen. Hier ging das in Ordnung, da ja nur die KI zusah. Wenig später stiegen sie in den Wagen und waren schon in der Luft.

Er dachte eine kurze Zeit lang darüber nach, was er sagen sollte, und fragte dann: »Ist das Fossilgenprojekt keine Vergeudung von Ressourcen?«

»Forschung ist nie Vergeudung, nicht mal unter den ärgsten Bedingungen«, entgegnete sie und gab ihm einen Moment lang Gelegenheit, die Bedeutung von »arg« auf seinem P-Top nachzuschlagen. »Obwohl die Mittel für unsere Arbeit hier aufgrund des Krieges stark reduziert wurden, dürfen wir mit der Forschung weitermachen, weil die Ergebnisse möglicherweise für den Krieg nutzbar sein werden.«

»Dinosaurier herstellen, damit sie gegen die Prador kämpfen!«, schlug er vor, und diese Idee entwickelte sich sofort zu einer schrillen Fantasie. Allein sich vorzustellen, wie Jebel auf einem T-Rex in die Schlacht gegen die Krebse ritt!

»Nein, ich meine die mögliche Nutzung mancher Gencode-Sequenzen für die Herstellung bestimmter Viren.«

»Oh, biologische Kriegsführung«, sagte er enttäuscht. »Ist es nicht schwierig, sie auf diese Weise zu killen?«

»Sie sind in vieler Hinsicht schwer zu ›killen‹, abgesehen von Jebels Spezialtaktik.«

Auf einmal drehte sie den Wagen, sodass er sich neigte, wendete in einem weiten Bogen und blickte an ihrem Sohn vorbei forschend zum Erdboden hinab. Ian blickte in dieselbe Richtung und sah dort unten etwas übers Grün schreiten. Es sah groß aus, und der Metallrücken schien in Segmente unterteilt. Als sie darüber hinwegflogen, hob es das vordere Ende vom Erdboden an und wedelte mit den Antennen; dann hob es eine gepanzerte Klaue, als wollte es sie damit vom Himmel rupfen. Ein riesiger Eisenskorpion.

»Was ist das?«, fragte er und vermutete, dass es sich um eine Grabungsmaschine handelte, gelenkt von der KI.

Mit einem Stirnrunzeln antwortete seine Mutter: »Eine Kriegsdrohne.« Dann lenkte sie den Gravowagen wieder auf den alten Kurs und führte sie so von der Drohne weg. Cormac versuchte aufzustehen und nach hinten zu blicken, aber seine Mutter packte ihn an der Schulter und zog ihn auf den Sitz zurück.

»Benimm dich, oder ich schalte die Kindersicherungen wieder ein.«

Eine Kriegsdrohne!

Ian Cormac benahm sich.

Der Campingplatz am See wurde überwiegend von Personen genutzt, die des Angelns wegen hier waren. Hannahs und Ians Unterkunft war ein Blasenhaus der Art, wie es viele bewohnten, die an der langsamen Erforschung der Erde beteiligt waren. Man kaufte das Haus und stattete es nach eigenen Vorstellungen aus, aber man mietete den großen Gravostapler, der die Unterkunft zum jeweils nächsten Standort beförderte. Während der Abwesenheit Hannahs und Ians waren einige neue Blasenhäuser eingetroffen und ein weiteres wurde gerade zum Abtransport vorbereitet – der gewaltige Stapler schloss die mächtigen Ohrkneiferarme um das Kompaktwohnhaus, während die Anschlüsse, Kabel und Optikfasern in die Pfeiler eingezogen wurden. Als die Mutter den Gravowagen hinablenkte, trug der Stapler das andere Haus in die Luft und schwebte damit auf Antischwerkraft langsam über den See. Diesmal landete die Mutter den Gravowagen nicht neben dem Haus, sondern flog in den Carport ein und sendete, als sie das Fahrzeug aufsetzte, den Aktivierungsbefehl an die Bodenklampe.

»Brechen wir auf?«, fragte Cormac.

»Das tun wir allerdings«, antwortete seine Mutter.

Als sie aus dem Wagen stiegen, blickte er auf eine Beschädigung an seiner Tür und fragte sich, wann das passiert war und ob er daran Schuld hatte. Dann lief er seiner Mutter nach, als diese nach ihm rief.

Zwei Stunden später spielte Cormac gerade mit seinem kybernetischen Dinosaurier, als der Gravostapler eintraf, um das Haus abzuholen. Cormac ließ sein Spielzeug stehen und ging zu den schrägen Fenstern hinüber, um den Vorgang zu verfolgen, und in diesem Augenblick hörte er ein seltsames, mit Unterbrechungen auftretendes Geräusch. Er identifizierte es vorläufig als Schluchzen, aber er konnte es nicht mit Gewissheit feststellen, denn in diesem Augenblick wurde das Geräusch von dem Getöse übertönt, das die Abkopplung der Hausanschlüsse und das Schließen der Greifer rings um das Haus begleitete. Bald waren sie in der Luft, und als Cormac über den Campingplatz hinausblickte, war er überzeugt, wieder die Kriegsdrohne zu sehen, die gerade auf den Platz kam. Eine Hand packte ihn an der Schulter. Er blickte zu seiner Mutter auf, die jetzt eine altmodische Sonnenbrille trug.

»Warum gehen wir fort?«, fragte er.

»Ich habe hier vorläufig genug getan – das Projekt kann eine Zeit lang auf mich verzichten«, antwortete sie. Sie blickte zu ihm herab und sagte: »Cormac.« Der Name schien in diesem Augenblick schwer von Bedeutung.

»Wohin gehen wir?«, wollte er wissen.

»Nach Hause.«

Cormac verzog das Gesicht. »Nach Hause«, bedeutete gewöhnlich eine Rückkehr zur Schulausbildung, und auf einmal erschien es ihm reizvoll, herumzusitzen und zuzusehen, wie seine Mutter fossile Knochen ausgrub.

»Müssen wir wirklich?«

»Ich fürchte sehr, dass wir müssen«, antwortete sie. »Ich denke, wir werden die vertraute Umgebung brauchen.«

 

Während Cormac in der Koje lag, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, spürte er, wie das Schiff im Wirklichen auftauchte – eine grauenhafte, drehende Empfindung im ganzen Körper und eine kurze, aber extrem verwirrende Verzerrung der Wahrnehmung –, aber wie die drei Rekruten, mit denen er zusammen untergebracht war, gab er einfach vor, es machte ihm nichts aus. Sie waren reguläre ECS-Soldaten, die ein Jahr harter Intensivausbildung hinter sich hatten, und ein bisschen verschobene Wahrnehmung sollte da kein Problem sein.

Carl Thrace, ein hagerer Mann mit kurz geschorenen blonden Haaren, künstlich erzeugten Elfenohren und dunkelblauen Mandelaugen, legte sein Impulsgewehr weg, an dem er mal wieder herumgebastelt hatte, nahm die Kabinenfernbedienung zur Hand und schaltete damit den Bildschirm ein. Vor der Schwärze des Weltalls zeichnete sich ein Planet ab, völlig umhüllt von perlmuttfarbenen Wolken und umgeben von einem Trümmerring. In der Ferne, in diesem Ring, sah man Schiffe, bei denen gelegentlich entweder die Blitze von Explosionen oder von Schüssen aus Partikelkanonen aufleuchteten.

»Ich dachte, Hagren wäre erdähnlich«, sagte Yallow N’gar – eine Frau mit aufgerüsteter Muskulatur, einer Semi-Chamäleonhaut und den Haaren im üblichen militärischen Kurzschnitt. Ihre Gesichtshaut spiegelte teilweise die Farben des Uniformkragens und ihrer Haare wider, als sie sich dem Golem Olkennon zuwandte, der sich hinter der nicht besonders überzeugenden Emulierung einer Matrone verbarg.

Olkennon richtete die Aufmerksamkeit ganz auf Cormac. »Erkläre du es ihnen, denn du bist anscheinend der Einzige, der sich die Mühe gemacht hat, Informationen über unser Ziel zu beschaffen.«

Verdammt, der Musterschüler!, dachte Cormac. Es stimmte jedoch, dass die anderen kein Interesse hatten erkennen lassen, etwas über diesen Planeten herauszufinden. Carl hatte sich in den zwei Jahren, die Cormac ihn kannte, immer nur von Waffentechnik besessen gezeigt, und er schien sich zu einem Spezialisten auf diesem Gebiet zu entwickeln. Yallow schien erpicht, sich zur besten Soldatin für Bodenkämpfe zu entwickeln, die sie nur werden konnte, weshalb sie sich auch die Hautadaptation zugelegt hatte. Keiner der beiden machte den Eindruck, sich für irgendetwas außerhalb des eigenen schmalen Spezialgebiets zu interessieren.

»Er war mal erdähnlich«, sagte Cormac, »wenn auch nur mit einer Schwerkraft von null Komma sieben und einem Anteil der Landmassen an der Oberfläche von drei Vierteln. Er weist eine einheimische Ökologie auf, für die eine Hundert-Jahre-Schon-und Forschungsanordnung gilt …«

Carl schnaubte erheitert, denn seit das erste Runcible online gegangen war, hatte sich Naturschutz zu so etwas wie einem Scherz entwickelt. Zeitlose Reisen zwischen Planeten bedeuteten auch zeitlose Übertragung aller möglichen Lebensformen. Viele Leute kämpften dafür, außerirdische Lebensformen auf außerirdischen Planeten zu bewahren und bis hinab auf molekulares und genetisches Niveau abzuspeichern. In manchen Fällen war das eine verlorene Schlacht gegen eingeführte, stärkere Lebensformen außerirdischen oder irdischen Ursprungs; in wieder anderen Fällen wurden die Lebensformen, die man erforschte, ihrerseits zu Invasoren auf dritten Planeten. Es war Evolution im Werdegang, und das in interstellarem Maßstab.

Cormac zuckte bestätigend die Achseln und fuhr fort: »Eine genmodifizierte Ökologie irdischen Ursprungs wurde für bislang kahle Gebiete überall im Landesinneren konstruiert, hat jedoch nur zu geringen Teilen überlebt – die meisten dieser Regionen sind inzwischen unter Wäldern von Skarchbäumen verschwunden.« Er setzte sich auf. »Ich weiß aber mit Bestimmtheit, dass Hagren keinen Trümmerring hatte, als wir die Welt kolonisierten.« Er deutete auf das Bild. »Dieser Ring besteht aus den Überresten von etwa fünf Raumstationen, ein paar tausend Satelliten und einer Auswahl von Kriegsschiffen der Polis und der Prador.«

»Ah«, sagte Yallow. »Und die Menschen auf dem Planeten?«

»Mit Gaußgeschützen aus dem Orbit angegriffen … Ich kenne nicht alle Einzelheiten, aber nur etwa die Hälfte der ursprünglichen Bevölkerung aus achtzig Millionen hat überlebt.«

»Scheiße!«, sagte Carl, nahm das Impulsgewehr erneut zur Hand und wünschte sich vielleicht einen Gegner, den er hätte erschießen können, aber obwohl die Polis immer noch mit Aufräumen beschäftigt war, lag das Kriegsende jetzt zehn Jahre zurück.

»Okay«, sagte Olkennon. »Jetzt, wo ihr mit einigen Fakten vertraut seid, wird es Zeit für uns, in Gang zu kommen. Packt eure Ausrüstung zusammen: Umweltanzüge terrestrischen Standards, Aufprallpanzerung, Handfeuerwaffen und die üblichen Vorräte. Das schwere Gerät ist schon unten.«

»Scheiße«, sagte Carl, »treiben sich nach so langer Zeit auch noch Prador da unten herum?«

»Anscheinend ein paar«, antwortete Olkennon auf dem Weg zu den Lagerfächern an der Rückwand der Kabine, »aber sie sind nicht das eigentliche Problem.«

Vor der Tür zu der Kabine, die Cormac mit den drei anderen teilte, herrschte im Röhrennetz des Schiffs Schwerelosigkeit. Gravoplatten hatte man nur in den Kabinen und den Trainingsanlagen installiert – allesamt auf die planetare Anziehung von Hagren eingestellt, damit sich die Truppen an Bord daran gewöhnten. Cormacs Gepäck wog über den Platten eine Menge, und draußen in den Röhren legte es eine geradezu lächerliche Trägheit an den Tag und scheinbar auch einen eigenen Willen. Aber er konnte mit den anderen Schritt halten, obwohl sich die Röhren mit Soldaten füllten, die unterwegs zu den Hangars der Landungsboote waren.

Endlich im Hangar eingetroffen betrachtete Cormac forschend die Umgebung. Alles wirkte chaotisch; Soldaten und Ausrüstung bewegten sich an einem Netz aus Führungsseilen entlang zu einer Reihe schwerer Transportflieger, die wie eiserne Sparren einer hinter dem anderen parkten. Die drei Soldaten folgten Olkennon an einem der Seile entlang zu dem ihnen zugewiesenen Flieger und schlossen sich einer Schlange wartender Soldaten an, die sich zwischen Unmengen schwebender Ausrüstungsteile hindurchschlängelte. Als Cormac an die Reihe kam, kletterte er dankbar an Bord, stopfte sein Gepäck an die vorgesehene Stelle hinter dem Sitz vor ihm, schnallte es dort fest und zog sich dann in eine Position über dem eigenen Sitz hoch, um den Weg für andere freizumachen. Hunderte waren an Bord, zumeist Vierertrupps regulärer Soldaten wie sein eigener, aber auch viele »Spezialisten« und Einheiten von Spartavarianten – die Letzteren erkennbar an ihren verblassten Umweltanzügen und Rangaufnähern, noch mehr jedoch an der eleganten und gelassenen Art, wie sie sich in Schwerelosigkeit bewegten.

»Schnallt euch an«, befahl Olkennon – die gleiche Anweisung, die andere Truppführer jetzt auch erteilten.

Ehe sich Cormac auf seinen Sitz hinabzog, fielen ihm ein Mann und eine Frau auf, die die Plätze am Ende des zentralen Gangs einnahmen, dort, wo dieser ins Cockpit führte. Sie trugen keine Uniformen, sondern einfach bequeme Monturen, die eine unpassende Mischung aus Tarnanzugsteilen, Denim, Umweltstiefeln und Chamäleonstoffumhängen darstellten. Ein forschender Blick auf die Ausrüstung, die sie vor sich festgeschnallt hatten, zeigte ihm zwei ausgezogene Mehrzweck-Scharfschützengewehre. Vielleicht waren das nur zwei Spezialisten, aber angesichts der Art, wie sie mit dem Piloten des Transporters gesprochen hatten, und der Hochachtung, mit der er anscheinend reagierte, vermutete Cormac, dass es ECS-Agenten waren.

Killer, dachte er.

»Enthält die Anweisung ›schnall dich an‹ irgendetwas, das dich verwirrt, Cormac?«, erkundigte sich Olkennon.

Eilig zog er sich hinab und spannte die Gurte über den Körper. Sobald er sich angeschnallt hatte, warf er einen Blick auf Carl, der neben ihm saß. »Wäre schön, wenn wir wüssten, welche Bedingungen da unten auf uns warten.«

Carl verzog das Gesicht. »Cormac, wir sind kaum mehr als Rekruten in der Ausbildung. Wir werden Wachdienst schieben und Sicherungsdienst in städtischer Umgebung leisten. Sollte irgendwas Schwerwiegendes passieren, stürzen sich die Spartavarianten darauf wie ein Zunniboot auf eine Wanze. Wir sammeln Erfahrung in neuer Umgebung, erledigen ein wenig Drecksarbeit und verdienen uns ein paar Punkte für die Abschlussbewertung.«

Carl wünschte sich offenkundig einen Kampf und wusste, dass es noch einige Jahre dauern würde, ehe die Verantwortlichen ihn auch nur ansatzweise mit einer solchen Aufgabe betrauten. Cormac fragte sich, was er selbst sich wünschte. Er war zur ECS gegangen, weil er ein Gefühl der Verantwortung für die Gesellschaft hegte, die ihn großgezogen hatte, aber auch, weil es ihm als gute Möglichkeit erschienen war, an Orte zu reisen, die man normalerweise nicht im Blick hatte. So viele andere Laufbahnen hätten bedeutet, dass er auf einem Planeten festsaß und nur dann auf Reisen ging, wenn er es sich leisten konnte, und dann auch nur zu den üblichen Touristenfallen. Wie hieß noch gleich der alte Scherz? Geh zur Armee, besuche interessante neue Länder, begegne interessanten neuen Menschen und erschieße sie. Er hoffte, dass das nicht nötig sein würde, war aber bereit, seine Pflicht zu tun.

Bin ich naiv?, fragte er sich und zuckte die Achseln. Natürlich war er das, verglichen mit einigen der Leute hier, die ungeachtet der äußeren Erscheinung fünfmal so alt waren wie er.

Der Transporter schob sich eine Position in der Reihe weiter vor, und die Monitore an den vorderen Schotten sprangen an. Cormac dachte über die Tragflächenform des Transporters nach. Der Flieger konnte mit Antischwerkraft landen, war aber so geformt, damit er auch im Gleitflug in eine Atmosphäre eindringen und landen konnte, wenn die Gravomotoren eine Störung hatten. Nur die ECS baute noch solche Tragflächenflieger, wohingegen die Landungsboote anderer Polis-Organisationen in allen Formen und Größen auftraten. Cormac vermutete, dass andere Fahrzeuge weniger oft Störungen hatten, da das Risiko geringer war, dass jemand auf sie schoss.

Schließlich spürte er, dass sich der Transporter auf dem Magnetschwebefeld stabilisierte und dann unvermittelt vorwärtsschoss. Die Monitore vor ihm zeigten, wie die Hangarwände zurückfielen, und der Transporter stürzte in die gesprenkelte Schwärze hinaus. Die Innenbeleuchtung wurde automatisch heruntergefahren, als der Flieger einen Ruck zur Seite machte und dabei der Planet ins Blickfeld rutschte. Das schien für alle an Bord das Signal zu sein, es sich für den einstündigen Flug zum Landeplatz bequem zu machen. Hier und dort gingen die Sitzlampen an; Palmtops, Laptops und sogar das eine oder andere Buch aus Papier wurden aufgeklappt; manche Passagiere lehnten sich mit geschlossenen Augen zurück und suchten Unterhaltung oder Instruktionen durch die Verstärker, die wie eiserne Kidneybohnen hinter ihren Ohren steckten und chirurgisch mit dem jeweiligen Gehirn verknüpft waren.

Cormac öffnete sein Gepäck, holte den eigenen Palmtop hervor und rief schnell die Seiten auf, von denen er die Informationen über den Planeten unter ihm hatte. Ein Blick zur Seite zeigte ihm, dass Carl das, was man das Verschlussstück eines Impulsgewehrs nennen konnte, auf dem Schoss liegen und mit einem optischen Kabel in den Palmtop gestöpselt hatte. Yallow hatte sich einen Platz weiter zurückgelehnt, die Augen geschlossen und trommelte mit den Fingern auf die Armlehne. Vielleicht hörte sie über den Verstärker Musik oder verfolgte ein Musical oder spielte sogar in einem mit. Olkennon las in einem Papierbuch – Die Kunst des Krieges von Sun Tsu. Sie hätte sich auch eine elektronische Ausgabe des Buches direkt ins Kristallgehirn überspielen können, und Cormac vermutete deshalb, dass das Papierbuch der Show diente.

Hagren war eine idyllische Welt gewesen. Die Städte waren sehr weiträumig angelegt, aber der größte Teil des planetaren Einkommens wurde von Unternehmen erwirtschaftet, die genmodifizierte Pflanzen anbauten – welche der Herstellung esoterischer Medikamente und biotechnischer Bausätze dienten – oder Laborfleisch und andere Lebensmittel züchteten. Diese Firmen waren als landwirtschaftliche Betriebe über die vier größten, miteinander verbundenen Kontinente verteilt. Die vorherrschende Mentalität war die eigenständiger Pioniere gewesen, was viele Probleme erzeugte, als die ECS die Evakuierung anordnete. Entsprechend langsam verlief diese – und nur zwei Millionen Bewohner hatten den Planeten verlassen, als die Prador eintrafen. Zunächst kapierte Cormac nicht, was damals schiefgegangen war, aber als er die Nachrichten der damaligen Zeit studierte, wurde ihm klar, dass jemand einige sehr seltsame Meme verbreitet hatte: Scheinbar war die Polis nicht vertrauenswürdig und waren die Prador nicht so schlimm, wie man sie darstellte – tatsächlich dienten sie als Ausrede für die Evakuierung, damit die ECS den Planeten in festeren Griff nehmen konnte. Cormac lehnte sich zurück. Allmählich ergab alles für ihn Sinn – darunter die Anforderung so vieler Soldaten.

»Separatisten«, sagte er.

»Hervorragend«, fand Olkennon, ohne von ihrem Buch aufzublicken.

 

Aus dem Orbit erinnerte die Einschlagstelle an eine Träne mit einem faltigen Gebiet, das auf das stumpfe Ende folgte, und außerhalb davon einem merkwürdig gleichmäßigen sternförmigen Muster, das bis zu den Küstenstädten reichte. Das sah aus wie eine geografische Kuriosität, eine merkwürdige Formation, bis man es aus nächster Nähe sah und erkannte, womit man es zu tun hatte.

Der Schwertransporter setzte sie auf einer Plastonfläche ab; diese reichte bis in eine nebelverhangene Ferne, aus der Türme für Automatikgeschütze aufragten. Weitere Transporter sanken herab, und kleinere Fahrzeuge, die nach fliegenden Eisenbahnwagen aussahen, holten Soldaten und Nachschub ab, während Gravowagen und Schwebeplattformen hin und her sausten. Eine Riesenschlange aus Soldaten in Körperpanzern schlängelte sich bis in den Nebel, aber Cormacs Einheit hatte nicht den Befehl, sich ihr anzuschließen.

Olkennon hielt sich Finger ans Ohr, als lauschte sie nach etwas, obwohl die Funksignale in Wirklichkeit direkt an ihr künstliches Gehirn gesendet wurden, und sagte: »Ein Transporter holt uns bald ab. Fünfzig von uns haben einen Spezialauftrag draußen im Nirgendwo.«

Die Luft war atembar, hatte jedoch einen sauren Geschmack und roch nach brennenden Haaren. Cormac atmete durch den Mund und nahm häufig Schlucke aus dem Mundstück des Umweltanzugs, um sich den Geschmack auszuspülen. Er blickte forschend in den Nebel und bemühte sich, die Umgebung genauer zu erkennen. In einer Richtung glaubte er Bäume auszumachen, und in einer anderen Richtung lag, da war er sich sicher, das Meer – entweder das oder eine Plastonfläche, die sich bis zum Horizont erstreckte.

Einige der Soldaten, die mit seiner Truppe gelandet waren, entfernten sich in disziplinierten Gruppen und schlossen sich der Kolonne an, die sich zum Abmarsch anschickte. Einige Spartasoldaten begleiteten sie, während andere von einem kleinen Transporter mit offenem Verdeck abgeholt wurden. Die beiden Personen, die Cormac für ECS-Agenten hielt, öffneten eine der vielen aus dem Laderaum des Landungsboots stammenden Kisten. Daraus holten sie einen Gravoscooter hervor, falteten ihn auseinander und machten ihn einsatzbereit, stiegen dann einer hinter dem anderen auf und schossen in den Himmel. Cormac fragte sich, auf wen sie ein Attentat zu verüben hatten.

Endlich landeten die beiden Transporter, die an Eisenbahnwagen erinnerten, und man stieg ein. Die Reise dauerte eine Stunde, und ein Blick auf den Erdboden hinab zeigte Cormac, dass sie sich der Einschlagstelle näherten, die sie schon zuvor entdeckt hatten. Nachdem der Transporter abgeflogen war und fünfzig Mann auf der Kuppe eines Aushubhügels zurückgelassen hatte, blickte sich Cormac um. Durch den sich allmählich lichtenden Nebel sah er den Rand jenes sternförmigen Musters und konnte jetzt erkennen, dass es aus Skarchbäumen bestand, Millionen Morgen davon, alle umgerissen und in die Richtung der Druckwelle weisend. Der Aushub, auf dem die Soldaten jetzt standen, war durch den Einschlag aufgeworfen worden und gehörte zu einer ganzen Kette solcher Erhebungen. Unterhalb dieser Kette fiel der muschelartige Kraterhang zu etwas ab, das gewaltig und messingfarben war und nach wie vor qualmte.

»Ich habe den Anführern eurer Einheiten die jeweiligen Positionen und Gebiete genannt, die abzudecken sind«, sagte jemand.

Cormac drehte sich zu einem grauhaarigen Veteranen um, der auf zwei Tornistern stand und dabei gut das Gleichgewicht hielt. Cormac warf einen kurzen Blick auf Carl, der die Augen verdrehte – es war ein geflügeltes Wort bei den Regulären, dass man eine höhere Überlebenschance hatte, wenn den eigenen Kommandeur nie das Bedürfnis überkam, eine Rede zu schwingen. Als Cormac jedoch den Mann, der sich an sie wandte, genauer ins Auge fasste, dämmerte ihm, dass der Veteran ein Golem war. Tatsächlich, wurde ihm klar, gab dieser das Kindermädchen für all die neuen menschlichen Rekruten hier.

»Ich kann die Bedeutung dessen, was wir hier tun, gar nicht genug betonen. Da sind Gruppierungen, die gern in die Hand bekämen, was hier unter uns liegt, und sollte ihnen das gelingen, erhielten sie damit womöglich Waffen, deren zerstörerisches Potenzial wir sowohl im Orbit als auch auf der Oberfläche dieses Planeten gesehen haben. Ich werde jetzt nicht weiterlabern – denn ich stehe nicht groß auf Ansprachen. Eure Truppführer bringen euch zu den Gebieten, für die ihr die Verantwortung übernehmt.« Der Golem grinste und stieg von den Tornistern.

»Was habe ich dir gesagt?«, fragte Carl. »Wachdienst.«

»Ja schon, aber wir bewachen etwas sehr Wichtiges«, wandte Yallow ein.

Das Einführungsvideo hatte man ihnen an Bord des Truppentransporters gezeigt – fast eine Dokumentation. Ein ganzer Schwarm von Angriffsschiffen und Drohnen der Polis war nötig gewesen, um das Prador-Schlachtschiff in die Atmosphäre zu drängen. Der Linearbeschleuniger, der ihm zum Schluss die Triebwerke zerstörte, steckte in einem tiefen Minenschacht in der Planetenkruste, und dieser Schacht explodierte kurz danach zu einem Krater. Das Schlachtschiff gewann unvermittelt die Aerodynamik eines Backsteins von einer Million Tonnen, stürzte ab, versuchte es mit einem Gravogleitflug und pflügte sich unterhalb der Stelle, wo Cormac jetzt stand, in den Boden.

»Komgeräte ein!«, befahl Olkennon. »Auf geht’s.«

 

»Das soll uns einen authentischen Eindruck vom Soldatenhandwerk geben«, kommentierte Carl, während er durch sein Monoglas in die Dunkelheit hinausblickte.

Cormac schmatzte mit den Füßen im Schlamm ihres Schützenlochs und vermutete aufgrund seiner Lektüre, dass zu einer authentischen Erfahrung auch undichte Stiefel hätten gehören müssen. Carls Zynismus war zuzeiten ermüdend. Cormac setzte das eigene Monoglas an und blickte seitlich aus dem Schützenloch. Das Infrarotbild zeigte ihm langbeinige Dinger, ungefähr so groß wie Menschenköpfe, die auf den Hängen unterhalb der Position herumkrochen. Keinerlei Warnungen über Gefährliches waren ausgegeben worden – aber vielleicht gehörte das auch zum Lernprozess. Vielleicht sollten sie es ja selbst herausfinden.

»Siehst du diese kleinen Viecher?«, fragte Cormac.

»Aasfresser«, antwortete Carl. »Werden Kladderkäfer genannt. Sie fressen alles Organische.«

»Ich dachte, die Binnenökologie wäre irdisch.«

»Importe – wahrscheinlich hat jemand die Eier am Stiefel eingeschleppt.«

Das erklärte, warum Carl von diesen Dingen wusste, denn soweit Cormac sagen konnte, hatte Carl gewiss keine Recherchen über diesen Planeten angestellt.

Sie hielten bis tief in die langen Nachtstunden weiter Ausschau. Die Sterne wiesen hier eine rötliche Färbung auf, und keine erkennbaren Sternbilder waren zu sehen. Etwa drei Stunden waren vergangen, als vier Asteroiden über den Horizont getrudelt kamen und im reflektierten Sonnenlicht aufleuchteten, ehe sie auf ihrem Weg über die Stellung hinweg wieder in Dunkelheit versanken. Als Cormac müde wurde, holte er ein Päckchen mit Stimulanspflastern hervor und drückte sich eines davon ans Handgelenk. Innerhalb von Augenblicken verschwand die Benommenheit, und er bemerkte auf einmal, dass ein Kladderkäfer nur noch wenige Meter hangabwärts von ihm entfernt war. Er richtete das Monoglas auf das Tier und stellte das Bild scharf.

»Sollen wir die Plätze tauschen?«, fragte er Carl.

»Ich fühle mich wohl, wo ich bin«, antwortete sein Gefährte.

Der Kladder erinnerte auf scheußliche Art an einen Menschenschädel ohne Augenhöhlen und mit acht Arthropodenbeinen, die der Stelle entsprangen, wo der Kieferknochen hätte sein sollen. Cormac hörte, wie das Tier saugende, schlabbernde Geräusche machte, als es einen Skarchzweig in irgendein unsichtbares Maul zog.

»Um auf diese Kladder zu sprechen zu kommen …«, begann Cormac.

Ein Aufleuchten wie von einem Lichtbogen, der mit einem Schweißdraht berührt wurde, erhellte die Umgebung. Gefolgt wurde dies vom stotternden Feuer aus Impulsgewehren und dann dem Knattern irgendeiner automatischen Projektilwaffe. Cormac drehte sich um und lokalisierte den Ursprung hinter einer Erhebung rechts von ihm, möglicherweise im eigentlichen Krater. Der Ohrhörer seines Komgeräts zirpte, und Olkennon meldete sich mit den Worten, offenkundig an ihn und Carl zugleich gerichtet: »Habt ihr dort gut geschlafen, Jungs?«

Da Carl Cormac um mehrere Punkte voraus war, genoss er das Vorrecht zu antworten. »Wir schlafen nicht, Kommandantin.«

»Dann leiden eure Monogläser oder vielleicht sogar eure Augen an einer Störung?«

Wenn Olkennon sarkastisch wurde, hieß dies gewöhnlich, dass jemand etwas ernstlich verpfuscht hatte.

»Wenn Sie das erklären könnten, Kommandantin«, sagte Carl steif.

»Nun, wie es scheint, hat eine Kommandoeinheit aus sechs Rebellen gerade versucht, in das Prador-Schlachtschiff einzudringen. Zum Glück hatten sie einen kleinen Gravoschlitten dabei – wahrscheinlich, um damit einen kleinen Gefechtskopf abzutransportieren –, und einer unserer Satelliten hat das auf einer Gravitationskarte geortet. Ich sehe mir gerade diese Karte und vorangegangene Aufzeichnungen an. Sie sind direkt an euch vorbeigefahren.«

»Hat man sie erwischt?«, fragte Carl.

Nach langer Verzögerung antwortete Olkennon: »Haltet eure Positionen und seid wachsam. Vier haben wir erledigt, aber zwei sind auf dem Rückweg in eure Richtung. Sollten sie euch vor mir erreichen, versucht es mit Beinschüssen oder damit, sie durch Dauerfeuer niederzuhalten, aber zögert nicht, sie notfalls zu erschießen. Ende.«

»Wie zum Teufel haben wir sie nur übersehen?«, staunte Carl und setzte erneut das Monoglas an.

»Vielleicht mit einer Art Chamäleonware?«, überlegte Cormac und folgte seinem Beispiel.

Er suchte den nahe gelegenen Hang ab und blickte dann in Richtung des Kraters. Soweit er informiert war, existierte nur eine einzige tragbare Form der Tarnung für Soldaten – ein Chamäleonstoff-Tarnanzug, aus dem gleichen Stoff hergestellt wie die Außenschicht von Cormacs Umweltanzug, die seine Färbung der des Schlamms anglich, in dem er lag. Und ein solcher Stoff verbarg niemanden vor dem Blick durch ein Monoglas, das auf Infrarot eingestellt war. Das war auch der Grund, warum sie sich eingegraben hatten – neben der Möglichkeit, dass es zu einem Feuergefecht kam.

»Vielleicht haben sie sich vorbeigedrückt, als du gerade Kladderkäfer erforscht hast«, deutete Carl an.

Cormac erlebte sofort, wie Schuldgefühle in ihm aufstiegen. Die Tiere hatten ihn nur einen Augenblick lang abgelenkt – nicht annähernd genug Zeit, damit jemand an der Stellung vorbeischleichen konnte. Dann wurde er wütend. Carls Vorwurf erschien ihm nicht nur ungerecht, sondern gehässig. War Carl selbst eingenickt oder hatte sich nicht an das vorgeschriebene Suchmuster gehalten? Versuchte er jetzt, die Verantwortung auf Cormac abzuwälzen? Der Zorn hielt eine kurze Zeit lang an und beschleunigte Cormacs Herzschlag, während er nach einer ausreichend schneidenden Entgegnung suchte. Dann schien das Gefühl einfach abzuschalten, und Cormac gelangte sofort zu einer Neueinschätzung der Lage.

»Vielleicht haben sie das«, sagte er gelassen.

Stehen wir nicht auf derselben Seite?, dachte er. Carl war vielleicht bereit, auf dem Weg die Karriereleiter hinauf auf anderen herumzutrampeln, aber das war ihm egal. Cormac war zur Truppe gegangen, um einen Job zu erledigen und ihn gut zu erledigen. Auf einmal empfand er seinem Kameraden gegenüber nur noch vollkommene Kälte, eine richtige Absonderung. Der andere erschien ihm nur noch als ein gestörtes Gerät, das er, Cormac, in seine Berechnungen einbeziehen musste. Er würde Carl im Auge behalten.

Nach dem, was er über Suchmuster gelernt hatte, behielt Cormac weiterhin die Hänge auf seiner Seite des Schützenlochs im Auge. Carl tat das Gleiche. Eine kampflustige Stille machte sich zwischen den beiden breit.

»Ich bin weniger als einen Kilometer von euch entfernt und erreiche euch gleich«, informierte Olkennon sie über die Komgeräte.

Als würde er darauf reagieren, richtete sich Carl unvermittelt auf, legte das Gewehr an und schaltete gleichzeitig den Infrarotsichtschirm ein. Cormac wirbelte herum, das Monoglas noch an den Augen. Das Gewehr trommelte los und spuckte einen aktinischen, unterbrochenen Strahl in die Dunkelheit. Carl feuerte erneut und dann wieder.

»Hab sie erwischt!«, sagte er.

Olkennon hatte ausdrücklich von Beinschüssen gesprochen oder davon, die beiden Flüchtigen niederzuhalten, wahrscheinlich weil jemand von der ECS diese Leute verhören wollte. Was hatte Cormac gesehen? Zwei Personen, die sich mühsam auf sie zubewegten, wobei einer den anderen stützte, da sie offenkundig verletzt waren. Das Licht aus dem Impulsgewehr blendete zumeist jede Infraroterfassung für kurze Zeit, aber trotzdem waren Carls Schüsse komplett in Oberkörpern und Köpfen eingeschlagen.

 

»Ich habe es verpfuscht, okay? Ich habe es verpfuscht.« Carl wandte sich ab und blickte zum breiten Fenster des Truppentransporters hinaus. Andere Soldaten an Bord blickten fragend herüber, und Cormac fand, dass sie dieses Gespräch bei anderer Gelegenheit führen sollten.

»Aber das sieht dir gar nicht ähnlich«, beharrte Yallow.

»Ende der Diskussion«, sagte Carl, ohne sich umzudrehen.

In diesem Augenblick gesellte sich Olkennon wieder zu ihnen, nachdem sie mit einem ergrauten Sergeant gesprochen hatte, der weiter vorn im Transporter saß. Sie starrte ihre Soldaten eine Zeit lang an und setzte sich, und es war schwer festzustellen, ob sie die angespannte Atmosphäre erkannte. Cormac fragte sich, ob Golems in der Lage waren, solche Dinge zu spüren – wahrscheinlich taten sie es, wenn auch durch Witterung von Pheromonen und Spannungen der Gesichtsmuskeln. Dazu benutzten sie wohl eine Art Formel.

»Die Kaserne grenzt an eine provisorische Stadt an der Küste, gleich neben der alten Stadt«, erklärte sie ohne weitere Umstände. »Ihr seid in der Theta-Blase untergebracht. Cormac, dein Zimmer ist 21 c, Yallows 21 b und Carls 21 a. Richtet euch ein und nutzt dann die vorhandenen Einrichtungen – ich bezweifle, dass wir vor Abschluss der Untersuchung einen neuen Auftrag erhalten.«

Carl schnitt eine Grimasse und wandte sich erneut ab, um zum Fenster hinauszublicken.

»Wir erhalten Einzelzimmer?«, fragte Yallow.

»Sicher doch«, antwortete Olkennon. »Wohnraum ist reichlich vorhanden, und für die Größe der Stadt wurden keinerlei Grenzen festgelegt.«

Ohne die leiseste Veränderung in ihrer Miene, die leichtes Interesse ausdrückte, blickte Yallow zu Cormac hinüber. Es lag jetzt mehr als einen Monat zurück, dass sie einzeln untergebracht waren, und gewisse Formen von Aktivität waren vernachlässigt worden. Cormac spürte eine wohltuende Vorfreude in der Leistengegend.

Nach wenigen Minuten ging der Truppentransporter tiefer und landete auf einem Plastongitter über einem Schlammboden. Eine kurze Wegstrecke entfernt drängten sich Kuppelbauten aus Verbunderde, die den Eindruck vermittelten, als hätte der Erdboden dort Blasen geworfen. Die Kuppeln waren von einförmig grau-brauner Farbe, aufgelockert durch Grün und hier und dort ein leuchtendes Rot, worin Cormac eine adaptierte Form von Geranien erkannte, die in der Verbunderde wurzelten. Die unteren Stockwerke der Kuppeln wiesen zahlreiche Fenster auf, die oberen hingegen weniger, da sie überwiegend als Lagerräume dienten. An einigen Kuppelbauten standen auf diesen oberen Stockwerken Luken offen, und darunter ragten Landeplattformen für militärische Gravotransporter hervor.

Die Soldaten verließen den Landeplatz und betraten einen Weg aus dem gleichen gitterförmigen Plaston, das über aufgewühlten Matsch führte. In diesem wuchsen Skarchtriebe wie blauer Spargel.

»Kein Problem, unsere Kuppel zu finden«, sagte Yallow und streckte die Hand aus. Der Haupteingang jeder Kuppel war mit einem Buchstaben des griechischen Alphabets in der Wand darüber gekennzeichnet. Und noch während sie sich den Bauwerken näherten, erkannte Cormac den Buchstaben Theta.

»Geht ihr jetzt weiter«, sagte Olkennon, winkte und bog auf einen Weg ab, der um die Ansammlung von Bauwerken herumführte. »Ich melde mich wieder bei euch, wenn wir unseren nächsten Auftrag haben.«

Als Olkennon gegangen war, wandte sich Yallow wieder den Kasernen und deren Umgebung zu. »Das verspricht nicht allzu viel Spaß.«

»Ich bin sicher, dass dir schon was einfällt«, spottete Carl.

Cormac starrte ihn unverwandt an, aber Carl erwiderte den Blick nicht, sondern ging vor den beiden anderen her. Das sah Carl gar nicht ähnlich – es schien auf geradezu beunruhigende Weise überhaupt nicht zu ihm zu passen.

Carl betrat ein gutes Stück vor den anderen die Eingangshalle des Gebäudes, und als sie vor ihren Zimmern eintrafen, hatte Carl seine Sachen abgeladen und war schon wieder auf dem Weg nach draußen.

»Es gibt Kneipen in der Stadt«, erklärte er seinen beiden Kameraden, als er an ihnen vorbeilief. »Ich gehe etwas trinken.« Dann blieb er stehen und blickte zurück. »Tut mir leid, dass ich euch so viel Kummer mache, aber es scheint, dass ich vielleicht mit dem Ende meiner militärischen Laufbahn rechnen muss.« Er ging weiter, und Cormac wurde einfach den Gedanken nicht los, dass diese Erläuterung gestelzt und falsch gewirkt hatte.

»Richten wir uns lieber erst mal ein«, sagte Yallow, während sie Carl nachblickte. Dann drehte sie sich zur Tür ihres Zimmers um und öffnete sie mit dem simplen mechanischen Griff.

Cormac öffnete die eigene Zimmertür, trat ein und sah sich um: schlichtes Bett, Kabine mit Dusche, Waschbecken und Toilette – das Waschbecken konnte in die Wand eingeklappt werden, und der Toilettensitz fuhr teleskopisch aus dem Boden herauf; Netzanschluss auf einem schmalen Schreibtisch, eher ein Regal; und ein Fenster, das Ausblick auf die Nachbarkuppel bot, auf der glücklicherweise einige dieser roten Geranien wurzelten. Cormac lud Tornister und Impulsgewehr auf dem Bett ab und machte sich daran, den Umweltanzug auszuziehen. Neben der Dusche entdeckte er den kleinen Kasten eines Schallreinigers, und nachdem er den Anzug von der abnehmbaren Hardware befreit hatte, stopfte er ihn in den Kasten und schaltete diesen ein. Dann trat er unter die Dusche, schwelgte in den Nadeln aus heißem Wasser und reinigte sich gründlich mit Hilfe eines Instruments, das eine Verbindung aus Scheuerschwamm und Seifenriegel darstellte. Es lag viele Tage zurück, dass ihm zum Waschen mehr als nur eine kleine Schale zur Verfügung gestanden hatte. Nachdem er das Wasser abgestellt hatte, stellte sich ein Stoß warmer Luft ein, ergänzt durch ein Handtuch aus einem Spender innerhalb der Duschkabine. Sobald Cormac trocken war, steckte er das Handtuch zur Reinigung in den Spender zurück und stieg aus der Duschkabine.

Er hatte ein Gefühl auf der Haut, als glühte diese regelrecht, und er ging zum Bett, öffnete das Gepäck und holte frische Unterwäsche sowie Uniformhemd und -hose heraus. Das alles breitete er ordentlich auf dem Bett aus, und ehe er sich anzog, verstaute er alles andere in den Schränken. Als er sich dieser Arbeit entledigt hatte und sich gerade umblickte, ob er irgendetwas übersehen hatte, klopfte jemand laut an die Tür. Er ging hinüber, öffnete sie einen Spalt weit und sah Yallow fast nackt draußen stehen; sie hielt nur eines der kleinen Handtücher um die Hüften, wo es jedoch nicht weit genug reichte.

»Na, lass mich schon rein!«, verlangte sie.

Er öffnete die Tür, und Yallow trat ein, wobei sie nach wie vor das Handtuch an Ort und Stelle festhielt. Schon während er die Tür schloss, glaubte Cormac, dass sich sein Penis in eine Stahlstange verwandelt hatte. Er starrte Yallow an. Ihre Haut mit dem Chamäleoneffekt sah jetzt kaum anders aus als die jeder normalen Frau, abgesehen von der leichten Schuppigkeit, die man, wie Cormac wusste, zwar sehen, aber nicht ertasten konnte. Die Haut passte sich derzeit nicht der Umgebung an, weil Yallow das bewusst steuern konnte. Er konzentrierte sich einen Augenblick lang auf ihre Brüste, die nicht groß waren, denn das wäre in ihrem gewählten Beruf unpraktisch gewesen. Sie wirkte athletisch und sah so muskulös aus wie ein Mann, der sie jedoch ganz eindeutig nicht war. Unvermittelt warf sie das Handtuch weg und schloss die Hand um Cormacs Penis. Er blickte hinab und sah, dass ihr Venushügel kahl war, da sich Schambehaarung als Problem erweisen konnte, wenn man sich im Feld sauber zu halten versuchte. Erst nachdem es geschehen war, bemerkte Cormac, dass er einen grunzenden Laut ausgestoßen hatte, als Yallow den Penis packte.

»Ach du meine Güte!«, sagte sie. »Ich denke nicht, dass du lange durchhalten wirst, und ich benötige eine gute Stunde lang deine ungeteilte Aufmerksamkeit.«

Manchmal erwies sich Yallow als harte Arbeit. Er wusste, dass sie die nötige Selbstbeherrschung aufbrachte, um den Orgasmus hinauszuzögern, und dass sie dies gern tat, denn je länger sie ihn hinauszögerte, desto heftiger die multiple Explosion am Schluss.

Sie ließ seinen Penis los, marschierte zum Bett, fegte seine Kleider weg – was seinen Ordnungssinn verletzte – und stieg auf Hände und Knie. Sie blickte über die Schulter zu ihm zurück und sagte: »Zeit, dich in einen Zustand zu bringen, wo das da von Bestand ist.« Dann trennte sie die Knie und reckte ihm das Hinterteil entgegen.

Sie behielt Recht; beim ersten Mal hielt er nicht lange durch. Im Verlauf der folgenden zwanzig Minuten diktierte sie ihm jedes einzelne Lecken, Beißen und Streicheln, während sein jugendlicher und hyperfitter Körper in die benötigte Verfassung zurückkehrte. Daran schloss sich ein Marathon an, wobei ihm der Schweiß in die Augen lief, und als Yallow kam – wobei sie die Hände ins Bettlaken krallte, um Cormac nicht die Haut vom Rücken zu reißen –, verlor sie jede Kontrolle über ihre Chamäleonhaut und lief teils rot, teils blau und gelb an wie ein Feuerwerk in Zeitlupe.

 

»Es wird keine Untersuchung stattfinden«, sagte Cormac, als er und Yallow aus der Kaserne schlenderten und dem kurzen, im Bogen führenden Weg in die angrenzende Militärstadt folgten. Irgendwie fand er es nötig, seine Gedanken wieder ins Militärische zu vertiefen, obwohl er weiche Knie hatte und im Grunde ein Bier wollte.

»Carl gehört zu den besten Schützen«, stellte Yallow fest und musterte Cormac, wobei ein amüsierter Zug um ihre Mundwinkel spielte.

Cormac atmete in der kühlen Abendluft tief ein, die zur Abwechslung mal sauber roch. Mal abgesehen vom Verlangen nach einem Bier fühlte er sich völlig entspannt und wusste auch genau, weshalb. Er hatte das Bedürfnis, eine kurze Pause einzulegen – nicht einfach zum Nächsten weiterzuhasten. Er blieb stehen und betrachtete die nahen Skarchbäume. Es waren junge Exemplare der Pflanze, die sich auf vielen Planeten hatte festsetzen können. Er ging hinüber, legte eine Hand auf die faserige Oberfläche und blickte forschend auf kleine grüne Käfer, wie Metallkügelchen in der Gabelung eines der dicken Blätter zusammengedrängt, die direkt aus dem Stamm wuchsen.

Die jungen Bäume waren gerade mal drei Meter hoch, der Stamm jeweils so dick wie ein Männerbein. Der Skarchbaum war ein robuster Terraformungshybrid, den man auf Planeten aussäte, um schnell Biomasse für die Produktion von Mutterboden zu erzeugen, und er wuchs deshalb selbst unter extremsten Bedingungen schnell sowohl in Höhe als auch Umfang. Soweit sich Cormac erinnerte, war diese Pflanze eine Verspleißung von Mais, Bambus und Aloe Vera. Ihm fiel auf, dass er sie jetzt zum ersten Mal aus der Nähe betrachtete, auch wenn er aus der Ferne schon Exemplare gesehen hatte, auf den Aushubhügeln rings um das Pradorschiff, wo die Baumreste am Boden verrotteten. Das war es, worum es hier ging: wirklich da zu sein, zu sehen und zu erleben – nicht nur auf ein Monitorbild zu starren.

Er drehte sich wieder zu Yallow um, die ebenfalls stehen geblieben war und ihn ansah.

»Man weiß«, sagte er, »dass ein Soldat in seinem ersten Feuergefecht möglicherweise schlechter als normal abschneidet. Man denkt, dass er ein bisschen zu aufgeregt war und einfach drauflosgeballert hat.«

»Junge Soldaten neigen wirklich dazu, sich übermäßig aufzuregen und draufloszuballern«, sagte sie lächelnd.

Er produzierte eine Grimasse, in der sich Lächeln und Stirnrunzeln verbanden, und winkte ab.

Sie zuckte die Achseln und fuhr fort: »Na ja, er wird derzeit da hinten auf niemanden mehr ballern.«

Nur zu wahr: Die Kisten waren am Morgen nach der Schießerei eingetroffen, und die Soldaten hatten den größten Teil des Tages darauf verwandt, den Inhalt auszupacken und zusammenzusetzen. Carl, dessen Spezialgebiet wohl Waffentechnik sein würde, hatte die Arbeit geleitet, wenn Olkennon jeweils nicht dabei war. Waren die Moskito-Automatikgeschütze erst mal zusammengesetzt, spazierten sie auf jeweils vier glänzenden Spinnenbeinen herum. Ihre dicken Leiber waren mit Munition und einem Minireaktor ausgestattet, und ihre Röhrenschnauze konnte Schienengeschosse mit einer Geschwindigkeit abfeuern, die einen Menschen in Sekunden in feinen Schlamm verwandelte. Jetzt, wo sie den Umkreis des Pradorschiffs sicherten, würden keine Fehler mehr gemacht werden. Die Geschütze waren auf Beinschüsse programmiert, obwohl zweifelhaft erschien, ob nach einem Treffer von den Beinen noch irgendetwas übrig sein würde.

Yallow warf dem Skarchgehölz einen langen, argwöhnischen Blick zu und ging dann weiter den Pfad entlang. Cormac folgte ihr und vermutete, dass sie daran dachte, wie viele Feinde ein solches Gehölz verbergen konnte.

»Wohin ist er überhaupt gegangen?«, fragte Yallow und deutete mit vorgeschobenem Kinn auf die Militärsiedlung.

»Wie dir vielleicht aufgefallen ist, war er in jüngster Zeit nicht sehr redselig und hat es mir entsprechend nicht verraten«, antwortete Cormac. »Wer redet schon gern über die eigenen Fehler? Vielleicht sollten wir ihm ein wenig Freiraum zubilligen.«

Yallow warf ihm einen Blick zu. »Mit mir hat er ein wenig geredet, obwohl ich seine Worte immer ein wenig aufgesetzt finde. Wahrscheinlich spricht er mit dir nicht so viel, weil du manchmal ein so schwer erreichbares Vorbild bist. Wann hast du zuletzt etwas verpfuscht?«

Cormac war überrascht. Er bewunderte sowohl Carl als auch Yallow von jeher und fand, dass sie wohl bessere Soldaten waren als er. Er zuckte die Achseln. Natürlich verpfuschte auch er Sachen, oder?

»Sehen wir zu, dass wir endlich was zu trinken bekommen«, ergänzte Yallow nach einer peinlichen Pause.

Die Stadt bestand wiederum aus Verbunderdekuppeln, der Schlamm zwischen ihnen überbrückt durch Plastongitter. Hier wimmelte es von Soldaten und von Einheimischen, die aus der teilweise zerstörten Stadt in der Nähe gekommen waren, um ihre Waren zu verkaufen. Etliche Esslokale hatten aufgemacht, dazu eine Auswahl an Kneipen, die schon an dem Ruf arbeiteten, nicht die idealen Etablissements zu sein, wenn man ein intaktes Gebiss behalten wollte. Das ECS-Kommando hätte dieses Treiben unterbinden können, fand aber, dass Möglichkeiten für die Soldaten, auch mal Dampf abzulassen, eine bessere Alternative zu verordneten Medikamenten und Zerebralbehandlungen bildeten. Darüber hinaus fand man hier viele Veteranen, die diesen altmodischen Ansatz bevorzugten. Sie vertraten den Standpunkt, dass man angeknackste Schädel und kaputte Knochen reparieren konnte, wohingegen Naivität tödlich sein konnte.

Die erste Kuppel mit beleuchteter Fassade, die sie erreichten, nannte sich Krong’s. Cormac blickte auf das Schild und lächelte vor sich hin, da er sich an die Faszination erinnerte, die diese Persönlichkeit für ihn als Kind gehabt hatte. Anscheinend hatte Jebel Aus-Nächster-Nähe-Krong den Krieg überlebt und betrieb jetzt eine Lachsfarm auf einem abgelegenen Planeten, obwohl Cormac nicht sicher war, ob er an diese Geschichte glaubte.

Er und Yallow betraten die rauchige Atmosphäre und blickten sich um. Das Lokal wurde allmählich voll, aber noch waren einige Tische frei, und so schnappte sich Yallow einen davon und setzte sich, wobei sie Cormac mit einem Wink zur Bar dirigierte. Er ging hinüber, schob sich durch das Gedränge dort, bestellte zwei Bier und nahm die Umgebung in Augenschein, während der Barkeeper, eine Spinne aus gebürstetem Aluminium, deren Gliedmaßen in dreifingrigen Händen zuliefen, die Getränke ausschenkte.

Carl?

Carl saß mit einigen Einheimischen an einem kleinen Tisch in einem fahler beleuchteten Winkel der Kneipe. Sie tranken und redeten, zeigten aber nicht die Lebhaftigkeit, wie sie an den Tischen ringsherum herrschte. Ihr Gespräch wirkte ernst, wurde geflüstert, aber vehement geführt. Sobald die beiden Bier vor ihm standen, nahm Cormac sie zur Hand, kehrte zu Yallow zurück und erzählte ihr, was er gesehen hatte.

»Er ist aber schnell«, kommentierte sie. »Ich denke nicht, dass ich bislang mit einem Einheimischen auch nur geredet hätte.«

»Die Leute dort sehen nicht fröhlich aus. Sollen wir hinübergehen?«

»Nee. Wenn sie anfangen, ihn herumzuschubsen, wird sich das als charakterbildend für ihn erweisen.«

So sah Yallows Einstellung zur Gewalt von jeher aus, aber andererseits würden nur wenige Menschen je robust genug sein, um sie herumzuschubsen. In der Ausbildung hatte er erlebt, wie sie einen der Ausbilder, einen Golem, auf die Matte legte – etwas, was nur einer von hundert Rekruten fertigbrachte. Als er dann wieder an ihre Bemerkung von eben denken musste, erinnerte sich Cormac daran, wie er selbst zum ersten Mal die Oberhand gegen den gleichen Ausbilder behalten hatte. Vielleicht nahm er die eigenen Leistungen zu leicht. Er runzelte die Stirn, nahm einen Schluck Bier und entschied, ein wachsames Auge auf jede Neigung zur Arroganz zu richten, die sich in ihm rührte. Dann trank er mehr, hielt so mit Yallow Schritt.

Sie wechselten sich darin ab, an der Theke die nächste Runde zu holen, und Cormac hatte einen wohligen Schwips, als er sah, wie einer der Einheimischen aufstand und mit einem drohenden Finger auf Carl wies. Carl stand ebenfalls auf, blickte sich vorsichtig um und beugte sich dann vor, um etwas zu sagen. Der Mann versetzte ihm einen Rückhandschlag, und Carl steckte diesen ausdruckslos ein, wandte sich ab und ging weg. Cormac blickte ihm bis zur Tür nach, sah ihn hinausgehen und wurde dann Zeuge eines Streits an dem Tisch. Der Mann, der Carl geschlagen hatte, wandte sich unvermittelt ab und beeilte sich, ebenfalls die Tür zu erreichen, und es entging Cormacs Aufmerksamkeit nicht, dass er dabei die Haltung von etwas prüfte, das er unter der Jacke trug.

»Ich denke, wir sollten lieber austrinken und einen Spaziergang machen«, sagte Yallow, die die Ereignisse anscheinend auch verfolgt hatte.

Sie tranken ihr Bier aus, standen auf und gingen rasch zur Tür. Sobald sie draußen waren, blickten sie sich sorgfältig in der von Flutlampen erzeugten Helligkeit und in den tiefen Schatten zwischen den Häusern um. Keine Spur von dem Einheimischen, aber Carl war ein kleines Stück weit auf der Straße entfernt, wo er dahinschlenderte, als hätte er keine Sorge auf der Welt, was Cormac sehr merkwürdig erschien.

»Geh du ihm nach«, sagte Yallow. »Ich nehme den Weg hinten herum.«

Dort fand sie bessere Bedingungen vor – war es doch ihr liebster Zeitvertreib, in der Dunkelheit herumzuschleichen.

Cormac sorgte dafür, dass er Carl auf der gebogenen Straße im Auge behielt, und sah schließlich, wie der andere plötzlich nach links zur Kaserne abbog. Das entsprechende Wegstück lag im Dunkeln, und so ging Cormac schneller, entdeckte aber keine Spur mehr von Carl, als er die Abzweigung erreichte.

Plötzlich schien jemand aus dem Nichts aufzutauchen, um Cormac mit der Eleganz eines Balletttänzers die Beine wegzutreten, dann an ihm vorbeizugehen und sich hinzuhocken.

»Carl …«

Carl zielte mit einer scheußlichen dicken kleinen Impulspistole auf Cormacs Kopf.

»Ach Scheiße!«, sagte Carl, richtete sich plötzlich wieder auf und blickte sich forschend um. Aus der Dunkelheit heraus wurden Blitz und Krachen einer Geschosswaffe vernehmbar. Das Geräusch eines fleischigen Einschlags war zu hören, und Carl wurde nach hinten umgerissen.

»Danke, Junge«, sagte eine Gestalt, die aus einer nahen Seitenstraße hervorkam.

Cormac erstarrte einen Augenblick lang und bewegte sich dann auf den Eindringling zu.

»Möchtest du auch eine abbekommen, Soldat?«, fragte der Mann und richtete den Stummellauf irgendeiner Waffe auf ihn. Carl hustete Blut – noch nicht tot. Vielleicht war dazu lediglich noch ein weiterer Schuss nötig …

Etwas prallte auf den Rücken des Mannes. Die Luft entfuhr ihm, und er stolperte. Cormac sah einen Stein, der dumpf am Boden aufschlug, ging dicht heran und trat dem Mann die Pistole aus der Hand. Als die Waffe durch das Gitter rutschte und in den Matsch fiel, näherte sich Cormac noch weiter, um mit dem Handballen zuzuschlagen, konnte dann jedoch dem Schwung eines Messers gerade noch ausweichen. Der Typ war schnell – an Zusammentreffen dieser Art gewöhnt –, und als Cormac die Haltung seines Gegners sah, wurde ihm klar, dass ein sichelförmiger Fußtritt, wie er ihn eben ausgeführt hatte, nicht noch einmal funktionieren würde.

»Komm schon, Yallow!«, schrie Cormac.

»Oh, ich bin doch da«, antwortete Yallow direkt hinter dem Mann.

Erneut ertönte ein dumpfer Schlag, und der Mann wurde von den Beinen gerissen und krachte der Länge nach zu Boden. Cormac dachte, dass Yallow zugeschlagen hatte, aber als er sich umblickte, sah er, wie Carl seine Waffe senkte – sicherlich kein übliches Militärgerät und ganz gewiss nichts, das er hier hätte tragen sollen. Carl ließ die Waffe aufs Bodengitter fallen und verlor das Bewusstsein.

»Wir müssen ihn ins Krankenhaus bringen«, sagte Cormac.

»Ich habe schon ein Rettungsteam gerufen.« Yallow tippte an ihren Verstärker.

Cormac hockte sich neben den Angreifer, tastete nach einem Puls und fand keinen. Dann entdeckte er das angekohlte Loch direkt über dem Herzen, drehte die Leiche um, starrte auf die faustgroße Höhle im Rücken und wusste, dass hier ein Impulsschuss mit geringer Energie abgefeuert worden war. Ein Impuls mit mehr Energie hätte ein perfektes Loch durch den Körper geschlagen; so etwas wie das hier erzeugte auf kurze Distanzen jedoch stärkere Verletzungen und führte eher zum Tod. Cormac stand auf und ging zu Carl hinüber.

Yallow hatte inzwischen ihre Jacke zusammengefaltet und drückte sie auf Carls saugende Brustwunde. Cormac bückte sich, hob die Pistole auf, die Carl fallen gelassen hatte, und musterte sie. Die Waffe musste intern auf Schüsse mit geringer Energie eingestellt werden – wozu Carl absolut in der Lage war –, aber um das zu tun, hatte er damit rechnen müssen, diese Funktionsweise zu benötigen. Carl war hier in irgendetwas verwickelt, das war mal sicher.

Wenig später erhellten blitzende Lichter die Nacht über ihnen, und eine Gravoambulanz landete. Drei Sanitäter stiegen aus, gefolgt von selbstgesteuerten Schwebetragen. Die Sanis schickten Cormac und Yallow weg und machten sich an die Arbeit, und wenig später lagen Carl und sein Gegner auf den Tragen und waren unterwegs zur Ambulanz. Und natürlich: Ehe Cormac und Yallow den Schauplatz verlassen konnten, sank ein weiteres Gravofahrzeug herab, und auf dessen Türen leuchtete das Emblem der ECS-Militärpolizei. Cormac fühlte sich versucht, Carls Waffe unter seiner Jacke zu verstecken, entschied sich aber im letzten Moment dagegen. Vielleicht war Loyalität innerhalb einer Einheit wichtig, aber das konnte nur bis zu einem bestimmten Punkt reichen.

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