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Der charmante Dieb

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1. KAPITEL

Trotz jahrelanger Erfahrung war Allison vor jedem neuen Coup nervös. Ähnlich dem Lampenfieber verschwand diese innere Anspannung erst und machte kühler Professionalität Platz, wenn der Job begann. Das Warten auf den heutigen Abend hatte ihren Tag unangenehm bestimmt, aber jetzt nahm es ein Ende, und sie fühlte ihre gewohnte Ruhe wiederkehren.

Nachdem sie ihren Renault in einem kleinen schattigen Wäldchen abgestellt und sich vergewissert hatte, dass der Wagen von der nahen Straße aus nicht gesehen werden konnte, öffnete sie den Kofferraum und atmete tief die warme, würzige Seeluft ein. Während sie zu dem riesigen, zitronengelben Mond aufschaute, begann sie mit ihren gewohnten Lockerungsübungen.

Eine mondlose Nacht wäre besser gewesen. Andererseits konnte sie bei dem silbrigen Licht die Haken besser erkennen, die sie letzte Woche in die Felswand getrieben hatte. Mit ihrer Hilfe würde die Kletterpartie zur Waldheim-Villa hinauf etwas weniger gefährlich werden.

Bevor sie ihr Seil und die übrige Ausrüstung schulterte, stopfte sie ihr Haar unter die dunkle Maske, die nur ihr Gesicht freiließ. Sie trug ein langärmeliges schwarzes T-Shirt, dazu eine schwarze Hose und dunkle Kletterschuhe. Falls jemand von den sanft in den Wellen des Mittelmeers schwankenden Yachten sie überhaupt am Felsen wahrnahm, würde sie wie ein Schatten oder eine Felsspalte erscheinen.

Als sie mit ihren Lockerungsübungen fertig war, folgte sie dem schmalen steinigen Streifen, der das Kliff vom Meer trennte, und suchte nach der Kreidemarkierung, die sie angebracht hatte. Als sie sie wieder entdeckte hatte, wischte sie sie sorgfältig fort, legte Gürtel und Kletterausrüstung an und begutachtete den steilen Aufstieg, der vor ihr lag.

„Du bist die Spinnenfrau“, murmelte sie mit fester Stimme. Diese Bemerkung war stets die Einleitung zu einer ermunternden Rede an sich, wenn sie allein eine gefährliche Klettertour wagte. „Du bist unsichtbar.“

Die Hände in die Hüften gestemmt, ließ sie ihren Oberkörper rotieren und blickte dabei hinauf zu dem schwachen Licht am hoch über ihr liegenden Rand des Kliffs. Baron und Baronin Waldheim hatten die Beleuchtung ihres Anwesens eingeschaltet, sodass ihre Gäste am Kliff entlangspazieren und den wundervollen Ausblick auf das mondbeschienene Meer genießen konnten.

Und das wiederum bedeutete, dass die Dobermänner, die sonst frei herumliefen, angekettet waren.

Allison warf einen Blick auf die Leuchtanzeige ihrer Armbanduhr. Fast halb elf. Seit gut einer Stunde waren die Scheinwerfer der Wagen zu sehen gewesen, die unablässig die gewundene Straße zur Villa der Waldheims hinauffuhren. Jeder dieser Wagen musste an dem großen schmiedeeisernen Tor anhalten, wo gutgekleidete kräftige Herren die Anzahl der Insassen mit der auf der Einladung verglichen und darauf bestanden, einen Blick in den Kofferraum zu werfen.

Es konnte gut sein, dass an der Haustür der Villa die Einladungen noch einmal überprüft wurden, aber dies interessierte Allison nicht.

Sie öffnete und schloss die Hände mehrmals, beugte die Knie und begann dann mit dem Aufstieg. Obgleich alles in ihr sie trieb, sich zu beeilen, zwang sie sich dennoch, langsam und konzentriert hochzusteigen, sorgfältig für Hand und Fuß einen sicheren Halt zu finden, ehe sie sich weiter hinaufzog.

Während sie kletterte, wanderten ihre Gedanken zu den Juwelen, die heute Abend dort oben an Ohren und auf Dekolletés blitzen und funkeln würden. Auf dem jährlichen Maskenball, den die Waldheims veranstalteten, um Spenden für die Oper von Monaco zu sammeln, war jedes Mal die Crème de la Crème der europäischen Gesellschaft anwesend. Bekannte Gesichter würden zu sehen sein, dazu ein paar international gefeierte Filmstars, der Gewinner des diesjährigen Grand Prix und ein oder zwei Couturiers. Prinzessin Caroline würde die Grimaldis vertreten, und es gab Gerüchte, dass sogar Prinzessin Di in diesem Jahr den Ball mit ihrer Anwesenheit beehren wollte.

Allison hatte auch erfahren, dass Gabriel DeWilde und seine schwangere Frau Lianne kommen würden und vielleicht Gabriels Schwester, Megan DeWilde.

Da rutschten ihre Finger ab, und ein paar kleine Steinchen fielen über hundert Meter in die dunkle Tiefe. Allison schloss die Augen, presste sich gegen den Felsen, versuchte ihren schnellen Atem zu beruhigen und lauschte dem Hämmern ihres Herzens.

Neun Monate waren vergangen, seit sie Jeffrey DeWilde zuletzt gesehen hatte, aber der Schmerz nicht. Wenn Jeffrey anstelle seiner Kinder an dem Ball teilgenommen hätte, dann …

Was hätte sie getan? Was sagte man einem Exgeliebten? Warum kannst du mich nicht so lieben, wie ich dich geliebt habe? Oder: Warum hast du mich nicht angerufen, nachdem deine Frau dich verlassen hatte?

Wochenlang, nachdem die Trennung von Jeffrey und Grace DeWilde bekannt geworden war, hatte sie nur aufs Telefon gestarrt und auf einen Anruf gewartet. Vergeblich. Plötzlich fühlte sie, wie Adrenalin durch ihren Körper schoss, ausgelöst durch ihren Stolz. Es war vorüber. Wenn Jeffrey DeWilde nicht sofort angerufen hatte, nachdem Grace ihn verlassen hatte, würde er es auch nicht neun Monate später tun. Er wollte sie nicht wiedersehen. Sie musste Jeffrey vergessen und ihr altes Leben weiterführen.

„Wie konnte ich nur so dumm sein?“, murmelte sie und schob ihre Finger in einen schmalen Spalt.

Sich mit einem verheirateten Mann einzulassen, war das Dümmste und Schmerzlichste, was sie in den letzten Jahren getan hatte. Niemals zuvor hatte sie eine Affäre mit einem verheirateten Mann gehabt, und niemals wieder würde sie sich eine gestatten. Noch immer begriff sie nicht, dass sie Vernunft und sämtliche Prinzipien innerhalb von vierundzwanzig Stunden über Bord geworfen hatte, nachdem sie das legendäre Oberhaupt der DeWilde Corporation kennengelernt hatte. Und sie hatte sogar weitergemacht, nachdem er erwähnt hatte, dass er verheiratet war und Kinder hatte, die so alt waren wie sie selbst. Wahrscheinlich hatte sie zu dem Zeitpunkt bereits komplett den Verstand verloren.

Sie presste die Lippen zusammen, von Zorn und Bitterkeit erfüllt. Beides hatte im Lauf der Zeit nur zugenommen, anstatt weniger zu werden. Aber sie konzentrierte sich nun wieder voll und ganz aufs Klettern, denn sie wusste, dies war nicht der Augenblick, mit sich wegen Jeffrey DeWilde zu hadern oder daran zu denken, wie sie es ihm heimzahlen könnte, dass er ihr das Herz gebrochen hatte. Um ihre Aufgabe heute Nacht durchführen zu können, brauchte sie volle Aufmerksamkeit und einen kühlen Verstand.

Entschlossen vertrieb sie Jeffrey DeWilde aus ihrem Gehirn und hob vorsichtig ihren Kopf über den Rand des Kliffs, den sie jetzt erreicht hatte. Rasch flog ihr Blick über den gepflegten Rasen, und sie entspannte sich, als sie niemanden in der Nähe entdecken konnte. Von der nächstgelegenen Steinterrasse drangen Musik und Licht zu ihr herüber, und da sie dicht genug am Haus lag, hatten wohl erst wenige Gäste die atemberaubende Aussicht entdeckt, die sich auf Meer und den vollen Mond bot. Nur ein einsames Paar stand neben der steinernen Balustrade, die die breiten Stufen zum Rasen hinunter flankierte.

Allison wartete, während sich das Pärchen mit den schlanken Champagnergläsern zuprostete, wartete, bis die beiden ihre Halbmasken wieder aufsetzten und Arm in Arm Richtung Villa davonschlenderten.

Vorsichtig bewegte sie sich dann in Richtung einiger Bäume, wo sie ihr Kostüm versteckt hatte. Eine Perücke, eine Halbmaske, eine zusammenfaltbare Krinoline, flache Schuhe und ein Kleid im Stil des achtzehnten Jahrhunderts waren sorgfältig in einen grünen Sack gepackt und von Allison in den Zweigen eines Kastanienbaums verborgen worden.

Als sie sicher war, dass das Paar wieder im Haus verschwunden war, kroch sie über den Rand des Kliffs, richtete sich auf und hastete hinüber zu den dichten Büschen am Gartenrand. Hier blieb sie stehen, lauschte und suchte den Rasen und die Front der dreistöckigen Villa nach Verdächtigem ab. Als sich nichts rührte, eilte sie zielgerichtet auf den Kastanienbaum zu und ließ den Plastiksack herunter.

Mit schnellen, konzentrierten Bewegungen entledigte sie sich ihrer schwarzen Kleidung, band sich die Krinoline um die Hüften und zog sich das voluminöse Kleid über den Kopf. Der tiefe Ausschnitt des gerüschten Oberteils zeigte viel von ihren Brüsten, ein etwas ungewohntes Gefühl für sie. Da Menschen sich an Juwelen erinnerten, trug sie absichtlich keine Halskette oder Ohrringe.

Die Perücke, die sie sich ausgesucht hatte, war eine Hochfrisur im Stil des achtzehnten Jahrhunderts, mit rötlichbraunen Haaren und war mit falschen Diamanten und Perlen besetzt. Die eine Seite ihrer Halbmaske war an der linken Seite der Perücke angenäht, die andere mittels eines verborgenen Druckknopfs an der rechten Seite befestigt. So konnte sie ihr Gesicht innerhalb von Sekunden zeigen oder verbergen, und es bestand nicht die Gefahr, dass sie ihre Maske aus Versehen verlieren konnte, wenn sie wieder verschwand.

Pflaumenfarbener Lippenstift, den sie bereits zu Haus aufgelegt hatte, passte zu dem Brokatkleid, aber sie hatte ihre Lippen schmaler nachgezogen, als sie normalerweise waren. Ein schwarzer Schönheitsfleck, ungefähr einen Zentimeter von ihrem Mundwinkel entfernt, lenkte die Aufmerksamkeit von ihrem Mund ab. Um ihre Verkleidung zu vervollkommnen, trug sie braune Kontaktlinsen und schwere, offensichtlich falsche Wimpern.

Am liebsten hätte sie anstatt der flachen Schuhe mit den Silberschnallen ihre Kletterschuhe getragen. Dadurch hätte sie drei kostbare Minuten gespart, wenn sie sich wieder ihre Kletterkleidung anziehen musste. Zudem bedeckte der Saum des langen Kleids ihre Füße, und sie war sich ziemlich sicher, niemand würde ihre Schuhe sehen können.

Aber wenn sie sich irrte … Solche scheinbar sicheren Annahmen konnten Festnahme bedeuten – eine ziemlich peinliche und unangenehme Situation – oder sogar einen Angriff wachhabender Angestellter auslösen.

Seufzend schlüpfte sie mit ihren schmalen Füßen in die flachen Schuhe, die farblich zum Kleid passten. Dann stand sie einen Moment lang da und ging im Geist noch einmal ihre Checkliste durch. Sicher, nichts übersehen zu haben, packte sie dann ihre schwarze Kleidung und die Ausrüstung in den Plastiksack und zog ihn wieder hoch ins Geäst.

Nur ein paar Schritte weiter befand sich eine Lichtung zwischen den Büschen. Sie schaute sich vorsichtig um, ehe sie den Rasen betrat, strich sich das Kleid glatt und richtete die Maske.

Plötzlich begann ihr Herz zu rasen und ein Beben durchfuhr ihren Körper. Bevor sie wieder an diesen Platz zurückkehrte, würde diese Mischung aus Gefahr und Aufregung einen hohen Adrenalinspiegel in ihrem Blut erzeugen, der künstlich nicht zu erzeugen war. Und vielleicht war dies der Grund, warum das Eindringen in fremde Häuser wie eine Droge für sie geworden war.

Um den freiliegenden unteren Teil ihres Gesichts zu verdecken, hob sie ihren Fächer und trat in das Licht, das den Garten vom Haus her erhellte. Für den Fall, dass jemand zufällig gerade zu ihr hinschaute, hielt sie sich leicht gebückt, als würde sie sich eins der Blumenbeete anschauen.

Sie zwang sich, langsam weiterzuschlendern, bis sie die hintere Terrasse erreichte und wandte sich halb ab, als zwei Männer und eine Frau aus dem Haus traten und auf die steinerne Balustrade zugingen. Sie sahen sie sofort.

„Da kommt ja jemand wie gerufen“, bemerkte der Mann im Harlequinkostüm fröhlich. „Eine Frau, damit wir zwei Pärchen sind. Kommen Sie zu uns, Marie. Sie sind doch Marie Antoinette, oder?“ Er schwenkte eine Champagnerflasche, aber Allison hob ihren Rock an und stieg die Treppenstufen empor.

„Vielleicht ein andermal. Ich habe meinen Begleiter schon viel zu lange alleingelassen“, antwortete sie in perfektem Französisch. Niemand würde vermuten, dass sie Amerikanerin war. Sie sprach Italienisch, Spanisch und Deutsch mit der gleichen Leichtigkeit, ein unschätzbarer Vorteil bei ihrer Arbeit.

Der Harlequin fasste sich ans Herz und tat, als sei er tief gekränkt über den Korb. Als Allison die Villa betrat, atmete sie erleichtert auf. Sie befand sich in einem langen Raum, der mit schweren, wundervoll polierten Möbeln ausgestattet war. Kurz blieb sie vor einem Spiegel über einem Sofa stehen, um ihr Äußeres zu überprüfen, folgte dann dem Klang der Musik durch ein wahres Labyrinth weitläufiger, hoher Korridore. Mehrmals wurde sie eingeladen, jemandem Gesellschaft zu leisten, aber sie verbeugte sich nur höfisch, lächelte hinter ihrem Fächer und ging unbeirrt weiter.

Zufrieden bemerkte sie, dass sich die Gäste anscheinend über das ganze Haus verteilten. Das würde ihr ihre Aufgabe erleichtern. Flüchtig ging ihr der Gedanke durch den Kopf, ob sich irgendwo unter den Gästen bereits Gabriel, Lianne und Megan DeWilde befanden.

Aber sie wusste, sie würde sie sowieso nicht erkennen, da alle Gäste Masken trugen. Außerdem hatte sie sie nur auf Zeitungsfotos gesehen. Sie kannte niemanden von den DeWildes persönlich, Jeffrey ausgenommen.

Jeffrey, der es zugelassen hatte, dass sie sich in ihn verliebte. Jeffrey, der ihr mit der kühlen Entschlossenheit eines Mannes, der eher mit Zahlen und Fakten als mit Emotionen zu tun hatte, den Laufpass gegeben hatte. Jeffrey, der ihr eine der unverwechselbaren blauen, lederbezogenen Schmuckkästchen von DeWilde’s in die bebenden Hände drückte, als könnte ein Schmuckstück der Ausgleich für ein gebrochenes Herz sein. Er hatte tatsächlich überrascht ausgesehen, als sie ihm die Schachtel an die Brust warf und dann die Tür hinter sich ins Schloss knallte.

Jeffrey, den sie hilflos, hoffnungslos geliebt hatte.

Jeffrey, den sie nun dafür hasste, dass er sie hatte glauben lassen, er würde ihre Liebe erwidern können.

Ein leichter Schock erfasste sie, als sie bemerkte, sie hatte den Haupteingang erreicht, ohne den Weg in vollem Bewusstsein gegangen zu sein. An Jeffrey zu denken, war nicht nur sinnlos und dumm, sondern in der gegenwärtigen Situation sogar ausgesprochen gefährlich.

Sie blieb neben einer geschwungenen Freitreppe stehen und beobachtete unauffällig den Eingang. Die Einladungen wurden peinlichst genau überprüft. Hätte sie versucht, auf diesem Weg hineinzugelangen, wäre sie im besten Fall abgewiesen und im schlechtesten Fall verhaftet worden.

Sie lächelte schwach hinter ihrem Fächer. Der schwierige Aufstieg am Kliff hatte sich gelohnt; sie befand sich innerhalb der Villa und konnte sich ungestört bewegen. An der Haustür war es laut und unruhig, niemand nahm Notiz von ihr, als sie begann, die Treppe hinaufzugehen. In der Mitte blieb sie stehen und tat so, als würde sie unten jemanden suchen, dann ging sie weiter. Oben wurde sie von einem Mann in einem offensichtlich geliehenen Smoking abgefangen. „Kann ich Ihnen vielleicht helfen, Madam?“

„Ja, bitte.“ Sie senkte den Fächer zu ihrem Ausschnitt und lächelte ihn gewinnend an. „Der Mann unten hat mir den Weg zur Damentoilette beschrieben, aber ich habe sie nicht finden können. Vielleicht ist die Toilette im oberen Geschoss einfacher zu finden?“

Sie vermutete, er war angewiesen worden, Gästen den Zugang zu den privaten Räumen zu verwehren. Sie wusste aber auch, dass der nicht versiegende Strom von Champagner irgendwann dafür sorgen würde, dass Hunderte von Gästen Bedürfnisse verspürten, die nächstgelegene Toilette aufzusuchen. Der arme Mann würde es nicht leicht haben.

„Ich bin leider gehalten …“

Da entdeckte Allison eine Frau in einer römischen Toga in dem Korridor hinter ihm. Sie winkte ihr fröhlich zu, als wäre sie erleichtert, ein bekanntes Gesicht zu sehen, raffte ihren Rock und machte einen Schritt.

Der Mann lächelte schief. Er konnte Allison natürlich nicht den Zugang verwehren, wenn er ihn einer ihrer Bekannten gestattet hatte. „Den Korridor hinunter, und dann rechts“, sagte er mit einem Seufzer. „Es ist die zweite Tür links.“

„Danke sehr.“ Sie hob ihre behandschuhte Hand an die Lippen und blies ihm einen Kuss zu, ehe sie mit raschelndem Rock davoneilte.

Am Ende des Korridors warf sie einen Blick zurück, aber der Mann war bereits damit beschäftigt, zwei Damen im Regency-Look zu überzeugen, die Toiletten im Erdgeschoss aufzusuchen.

Anstatt sich nach rechts zu wenden, bog Allison nach links ab. Froh, dass die Frau in der Toga verschwunden war, eilte sie auf eine unauffällige Tür zu, die sich am Ende dreier schmaler Stufen befand.

Obgleich die Villa so aussah, als ob sie bereits seit dem letzten Jahrhundert auf dem Berg über Monte Carlo stände, war sie erst vor dreißig Jahren erbaut worden. Die Konstruktionspläne waren öffentlich zugänglich gewesen, und lange vor heute Abend hatte Allison sich mit dem Haus vertraut gemacht.

Als sie die schmale Tür öffnete, wusste sie, dass dahinter eine Treppe lag, die zu den Dienstbotenräumen im dritten Stock führte – nur ein paar Schritte von Baron Waldheims Arbeitszimmer entfernt.

Der Flur im dritten Stock war nur schwach erleuchtet, er endete in einem entfernten Balkon. Aber Allison interessierte sich mehr für die üppig geschnitzten Doppeltüren zu ihrer Linken. Das einfache Schloss zu knacken, war ein reines Kinderspiel, und in weniger als vierzig Sekunden hatte sie es geschafft.

Sie schlüpfte in den Raum, schloss die Tür hinter sich und schaute sich um. Mondlicht fiel schwach durch die leichten Vorhänge vor dem Balkon herein. Neben dem schweren Schreibtisch aus massivem Kirschholz standen noch zwei Ledersessel mit Fußschemeln, und im Vergleich zu den überfrachteten Salons unten wirkte der Raum fast leer. Eine Leselampe beleuchtete die Papiere, die überall auf dem Schreibtisch herumlagen.

Mit einem leichten Lächeln ließ sie ihren Blick über die holzgetäfelten Wände gleiten, suchte den exquisiten kleinen Rubens – das Objekt ihrer sorgfältigen Planung.

Als sie ihn dann entdeckte, hielt sie vor Bewunderung für einen Moment den Atem an und fragte sich, warum sie ihn nicht sofort entdeckt hatte. Das Ölbild zeigte ein altes flämisches Paar, das auf einer Holzbank nahe einem Küchenherd saß, Schulter an Schulter.

Wie magnetisch angezogen, blieb Allison davor stehen. Sicher war dieses Paar ein halbes Leben miteinander verheiratet. Sie schauten sich nicht an, aber wie sich ihre Schultern berührten, sprach Bände. Ihre zerfurchten Gesichter verrieten, dass sie ihr Leben lang hart hatten arbeiten müssen. Sie hatten Widerstände überwunden, tragische Erlebnisse miteinander geteilt. Aber es lag ein stiller Frieden auf den alten Gesichtern, und sie lehnten sich mit einer Zuneigung aneinander, die nie getrübt worden war.

Völlig unerklärlich sprangen Allison plötzlich die Tränen in die Augen, und sie wischte sie mit einer zornigen Handbewegung fort. Sie war nicht hier, um sich weinerlich Sentimentalitäten hinzugeben – oder Rubens’ Genius zu huldigen. Sie war hier, um das verdammte Bild zu stehlen. Je schneller sie es erledigt hatte, umso schneller würde sie wieder verschwinden können.

Dies war der Punkt, an dem sie am gefährdetsten war. Sie würde keine vernünftige Begründung geben können, warum sie sich hier im Arbeitszimmer des Barons im dritten Stockwerk aufhielt.

Da sie nicht wagte, die Schreibtischlampe so zu drehen, dass sie mehr Licht hatte, holte sie aus ihrem Ausschnitt eine winzige, schmale Taschenlampe heraus, die sie dort verborgen hatte. Sie richtete den Lichtstrahl auf den goldenen Rahmen des Rubens und suchte nach einem verräterischen Draht, der einen Alarm auslösen würde, wenn das Bild von der Wand genommen wurde.

„Vor dem Safe befindet sich in Fußgelenkhöhe eine Lasersperre, aber vor dem Bild konnte ich dergleichen nicht entdecken. Es mag ein Druckalarm eingebaut sein, ich war gerade dabei, es zu überprüfen.“

Allison wirbelte herum, und die Taschenlampe entfiel ihren Fingern, weil sie plötzlich keine Kraft mehr in den Händen hatte. Ihr dröhnte das Blut in den Ohren, sie hielt sich am Schreibtisch fest und starrte in den dunklen Schatten hinter dem Lichtkegel der Lampe.

Ein Mann trat aus den sich bauschenden Gardinen vor den offenen Balkontüren und kam auf sie zugeschlendert. Er trug einen schwarzen Cowboyhut, eine schwarze Hose, und ein schwarzes Hemd mit Perlmuttknöpfen an Ärmeln und Knopfleiste, darüber eine kurze Weste. Eine schwarze Halbmaske verbarg die obere Hälfte seines Gesichts, aber nicht sein amüsiertes Lächeln.

„Sieht so aus, als würden wir im selben Revier wildern, Chérie“, bemerkte er leichthin und kam um den Schreibtisch herum.

Noch bevor Allison sich von ihrem Schock erholen konnte, drückte er ihr sanft das Kinn zum Licht und studierte den freien Teil ihres Gesichts. Er wollte gerade ihre Maske anheben, da hörten sie draußen vor der Tür zwei Männer lachen.

Für einen Moment erstarrten sie beide und starrten sich in die Augen. „Rasch“, drängte der Cowboy leise, als die Klinke heruntergedrückt wurde. „Unter den Tisch!“

Allisons Starre löste sich durch einen Adrenalinstoß. Sie raffte ihren voluminösen Rock so dicht wie möglich an sich und verfluchte stumm die Krinoline um ihre Hüften, ließ sich auf die Knie sinken und kroch in den freien Raum unter den Schreibtisch.

„Meine Taschenlampe!“, murmelte sie, als es ihr auf einmal einfiel.

„Habe ich.“ Der Cowboy packte ihre Taschenlampe, tauchte ebenfalls unter den Schreibtisch ab und schaltete dabei die Lampe aus.

Allisons Ellbogen schlug hart gegen den Schreibtisch, aber die Männer bekamen es wohl nicht mit, da sie noch immer lachten, als sie den Raum betraten. Sie betete, dass sie nicht das ohrenbetäubende Rascheln unter dem Schreibtisch mitbekamen, als der Cowboy und sie sich aneinanderdrängten, um zusammen Platz zu finden.

Um ihre Perücke zu retten, musste Allison den Kopf unbequem schräg halten. Sie schob ihre Beine über den Schoß des Cowboys und fühlte, wie sie sich gegen seine Brust pressten. Der Griff einer seiner Spielzeugpistolen drückte sich in ihren Unterschenkel. Er schlang einen Arm um ihre Taille, weil er ihn nirgendwo sonst lassen konnte, und seine Wange ruhte an ihrer Schulter.

Die ersten Sekunden hatten sie keine Zeit, auf das zu achten, was die Männer vor dem Schreibtisch miteinander redeten. Hektisch bemühte sich der Cowboy, mit seiner freien Hand einen Teil von Allisons Rock weiter unter den Tisch zu ziehen. Allison gelang es, seinen Hut zu ergreifen, ehe dieser hinausrollen konnte, und sie stopfte ihn hinter die Krinoline, die an dieser Stelle gebrochen war und sie in die Seite stach.

„Wegen dieses Fassadenkletterers mache ich mir keine Sorgen“, hörte sie nun den Baron Waldheim sagen.

„Das sollten Sie aber“, antwortete eine Stimme, die sie nicht kannte. „Er ist geschickt und clever. Ich habe gehört, er kann die Wände hochgehen wie eine Fliege.“

Allison verdrehte ihre Augen zu dem Kopf an ihrer Schulter und hob fragend die Augenbrauen. „Sie?“, hauchte sie tonlos. Eine dumme Frage. Wer sonst sollte er wohl sein? Der Cowboy zuckte mit den Schultern und zwinkerte ihr zu.

Im selben Moment wurden ihr drei Dinge eindringlich bewusst. In dem engen Raum war es unerträglich heiß. Der Cowboy hatte seine Hand an ihrem Schenkel. Und sein warmer Atem glitt in einer solch aufreizenden Weise über ihre halbentblößte Brüste, dass ihr schlagartig klar wurde, wie intim ihre Körper miteinander verflochten waren.

Der Mann war in einer Position gefangen, die ihm einen direkten, unverhüllten Blick in ihren Ausschnitt gewährte, und sie konnte nichts dagegen tun. Geschweige denn dagegen, dass ihre Lippen kaum noch eine Handbreit von seiner Stirn entfernt waren. Sie küsste ihn praktisch.

Eine Flasche schlug gegen ein Glas, dann hörte man das Gluckern einer Flüssigkeit.

Der Baron sog lautstark an seiner Zigarre. „Ich vertraue völlig den Sicherheitsvorkehrungen der Villa.“

„Das tat ich auch, mein Freund, aber der Fassadenkletterer hat es geschafft, mich um ein kleines Vermögen an ungeschliffenen Steinen zu erleichtern. Sie gehen ein großes Risiko ein, heute Abend diesen Spendenball zu veranstalten.“

Der Baron erklärte nun lang und breit, welche Sicherheitsmaßnahmen er für den heutigen Abend ergriffen hatte. Während er sprach, schwirrte Allison der Kopf. Unzweifelhaft war der Mann, dessen Atem sie auf ihren Brüsten fühlte, auf dessen Schoß sie halb lag, der Fassadenkletterer. Die Presse hatte ihn The Ghost betitelt, weil er wie ein Gespenst kam und verschwand, ohne die geringste Spur zu hinterlassen. Eins aber war sicher: Wo immer sich die Reichen und der Jetset vergnügte, in welcher Stadt, auf welchem Kontinent, konnte The Ghost auftauchen und geschickt Kunstgegenstände, Schwarzgeld oder Juwelen erbeuten.

„Ich verstehe völlig, was Sie mir sagen wollen“, erklärte der Baron und lehnte sich gegen den Schreibtisch, nur wenige Zentimeter von Allison entfernt. „Ich meinte auch nicht, dass ich die Probleme ignoriere oder bewusst ein Risiko eingehe. Im Gegenteil, ich habe die Dienste der Alliance de Securité International in Anspruch genommen, damit sie das Anwesen auf mögliche Sicherheitsmängel hin untersucht und gegebenenfalls Verbesserungen vorschlägt.“

Bei der Erwähnung der Sicherheitsfirma spitzte Allison die Ohren, aber plötzlich geschah etwas, das ihre Aufmerksamkeit ablenkte.

Die freie Hand des Cowboys glitt ihren Schenkel hinauf, dann über das Mieder hin zu ihren Brüsten. Sie funkelte ihn an und zischte fast unhörbar, und einen Moment lang verharrte seine Hand auf ihren Brüsten und umfasste sie in verführerischer Wärme. Sie atmete scharf durch, schockiert, dass ihre Knospen sich aufrichteten und eine heiße Welle sie überlief.

Unglücklicherweise waren ihre beiden Hände gefangen. Der eine Arm war hinter seiner Schulter eingeklemmt, der andere hart gegen die Tischseite gepresst.

Sie konnte absolut nichts tun, um ihn zu stoppen, weil sie keinen Laut von sich geben durfte.

Seine Hand befand sich nun fast auf Kinnhöhe, und Allison konnte gerade noch ein Aufkeuchen unterdrücken, als sie etwas in ihrem Ausschnitt spürte. Es war eine seltsame Empfindung. Etwas Kühles, Langes bewegte sich zwischen ihren Brüsten, nur seine Fingerspitzen schienen heiß zu sein.

Ihre Taschenlampe. Offenbar hatte er bemerkt, wie sie sie aus ihrem Bustier genommen hatte und schob sie nun wieder an ihren Platz. Natürlich nutzte er gleichzeitig die außergewöhnliche Situation aus.

Sanft fuhren seine Fingerspitzen am zarten Spitzenbesatz ihres Mieders entlang, folgten der warmen Kurve ihrer Brüste. Als Allison sich versteifte und ihn mit verengten Augen warnend anfunkelte, tat er fürchterlich erstaunt und lächelte dann.

Es war eine seltsame, ungewöhnliche Erfahrung, die Hand eines fremden Mannes auf ihrer Haut zu fühlen – so ungewöhnlich und aufregend, wie es wohl auch beabsichtigt war. Und es gelang ihr nicht, die wild in ihr aufschießende Erregung zu bekämpfen. Stattdessen prickelte ihre Haut nur noch mehr, als er ihre Hüfte streichelte.

Als seine Lippen eine heiße Spur über ihre nackte Schulter zogen, hätte sie beinahe laut aufgestöhnt.

Der Cowboy hatte mehr Bewegungsfreiheit als sie selbst, und er hob leicht den Kopf. Warm fuhr ihr sein Atem über das Ohr. „Pst.“

Zu ihrem Zorn enthielt seine Stimme sowohl Amüsiertheit als auch eine Warnung. Sie presste die Zähne zusammen und versuchte zu erkunden, wie weit sie sich bewegen konnte und musste feststellen, es war nicht mehr als vorher. Sie war durch diese verdammte Perücke und die verfluchte Krinoline dazu verdammt, bewegungslos in die Ecke gedrängt zu verharren. Aber The Ghost konnte sowohl den Kopf als auch eine Hand bewegen.

„Sie duften wie Rosenseife“, flüsterte er, seine Stimme kaum lauter als ihr eigener Atem.

Ihr Herz setzte einen Schlag aus, dann begann es zu rasen. Sie fühlte, wie ihr unter der Perücke der Schweiß über die Kopfhaut lief. Er war verrückt, ging idiotische Risiken ein, wie sie sie niemals eingegangen war. Sie hielt den Atem an und versuchte sich verzweifelt auf den Baron und seinen Begleiter zu konzentrieren, suchte nach irgendwelchen Anzeichen, sie könnten etwas gehört haben – und versuchte das deutliche Zeichen seiner Erregung an ihren Beinen, die noch in seinem Schoß lagen, zu ignorieren.

Sie konnte nichts dagegen tun, als er mit der Nase eine ihrer Locken beiseiteschob und dann sanft ihr Ohrläppchen zwischen die Zähne nahm. Scharf holte sie Luft, als er am Ohrläppchen zu saugen begann und seine Zungenspitze ihren Weg in die Ohrmuschel fand. Vor diesem Augenblick hätte Allison niemals geglaubt, ein Ohr könne so empfindlich sein, oder dass die Zunge eines Mannes solche wilde Lust auslösen könnte.

Aber er trieb sie fast zum Wahnsinn, als er mit den Fingerspitzen ihre harten Knospen rieb, seinen warmen Atem in ihr Ohr blies und seinen Körper dicht an sie drängte. Und sie vermutete, genau darauf hatte er es auch abgesehen.

„Hören Sie auf!“, hauchte sie an seiner Wange. Sie konnte die Seife riechen, die er benutzte. Ein aufregender Duft, der ihre Sinne durcheinanderwirbelte.

„Also, als ich dann … Haben Sie etwas gehört?“, fragte der Baron da.

Der Cowboy, ganz sicher ein Mann, der die Gefahr liebte, nutzte den Moment, um den Kopf zu drehen, sodass seine Lippen sich nur noch ein paar Millimeter vor Allisons befanden. Mit der Zungenspitze berührte er ihre Unterlippe, und sie musste die Augen schließen, konnte einfach nicht fassen, was er tat.

Da der Baron kaum einen Schritt entfernt stand, musste sie es stumm ertragen, als der Cowboy nun ihren Mund mit der Zunge zu erforschen begann, sie neckte, reizte. Sie versuchte, seine Zunge mit ihrer fortzustoßen, musste aber zu ihrem Entsetzen feststellen, dass das ihre eigene Erregung nur noch verstärkte.

Dann küsste sie der Cowboy. Sein Mund war voll und überraschend sanft, als er ihre Lippen eroberte. Allison bemühte sich, ihren Kopf ein wenig zurückzuziehen, doch er umfasste ihr Kinn und hielt es fest, um nun umso besser ihren Mund zu erkunden.

Als wäre er es gewohnt, jeden Tag unter Schreibtischen Liebesspiele mit Frauen zu treiben, knabberte er spielerisch an ihrer Unterlippe, küsste sie erneut so leidenschaftlich, dass sie für einen verrückten Moment lang glaubte, ohnmächtig zu werden. Wer immer der Cowboy auch war, er war jemand, der sich aufs Küssen verstand. Wenn er als Einbrecher ebenso gut war wie beim Küssen, dann überraschte es sie nicht, dass man ihn niemals erwischt hatte.

Allison bebte am ganzen Körper, als er seine Hand von ihrem Gesicht nahm und zwischen die Falten ihres Kleides gleiten ließ. Warme Fingerspitzen folgten ihren Strümpfen hin zu dem Streifen nackter Haut am oberen Rand, und begannen, sie rhythmisch zu streicheln. Allison hatte das Gefühl, gleich wahnsinnig zu werden.

Einerseits war sie wütend, dass er die Situation so schamlos ausnutzte, aber andererseits war es unglaublich aufregend, was dieser Fremde mit ihr anstellte. Er schien genau zu spüren, wo und wie er sie am stärksten erregen konnte, schien ihren zitternden Körper zu kennen, als würde er auf einer Karte den Weg zu ihren empfindlichsten Stellen finden.

Da sie weder Arme noch Kopf bewegen konnte, musste sie es hilflos ertragen, dass er leidenschaftliche, berauschende Küsse von ihrem Mund trank. Es war das wildeste, erotischste Erlebnis, das sie je gehabt hatte.

„Ich liebe Ihren Geschmack und wie Sie sich anfühlen“, murmelte er mit heiserer Stimme an ihren Lippen und sprach dabei in normaler Lautstärke.

„Sie Idiot!“, keuchte Allison. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie zur Öffnung des Schreibtisches.

Sie waren nur noch Sekunden davon entfernt entdeckt zu werden, Minuten davor, dass man sie festnahm.

2. KAPITEL

Der Cowboy zog die Konturen ihrer Lippen mit seinem Daumen nach und schaute ihr so intensiv in die Augen, als wolle er hinter ihre Maske blicken. „Der Baron und sein Freund haben den Raum bereits vor mehreren Minuten verlassen“, murmelte er rau.

„Was? Sie Bastard!“ Allison konnte es kaum fassen, dass sie so gefangen von seinen Küssen gewesen war, dass sie alles andere um sich herum vergessen hatte. Scham und Wut trieben ihr das Blut ins Gesicht.

Der Cowboy lachte, als sie ihm den Ellbogen in die Rippen rammte, sich heftig befreite und unter dem Schreibtisch hervorkroch. Als sie dann endlich auf eigenen Füßen stand, bemerkte sie nach kurzer Inspektion, dass ihre Krinoline wie ein gebrochener Flügel herunterhing, die Perücke gefährlich schief saß, und – am allerpeinlichsten – ihre halbnackten Brüste gerötet waren und ihre Erregung nur zu deutlich verrieten.

Sie fluchte in drei Sprachen, während sie zornig Perücke und Mieder zurechtrückte. Dann überprüfte sie den Sitz der Halbmaske und drückte sie fest ins Gesicht.

Als sich der Cowboy neben ihr aufrichtete und seinen Hut wieder in Form brachte, wirbelte sie herum und langte nach ihm, aber ihre Hand erreichte sein Gesicht nicht, da er sie am Gelenk packte und den Schwung nutzte, sie an sich zu ziehen.

Wieder seinen Körper so dicht an ihrem zu spüren, versetzte Allison für einen Moment in Starre, aber als sein Blick sich auf ihre Lippen heftete und sie sich lebhaft vorstellen konnte, dass er sie wieder küssen würde, riss sie sich heftig los und wich zurück.

„Sie … Sie …“ Zum ersten Mal seit vielen Jahren stotterte sie. Niemand ihrer Freunde, die sie für ihre Beherrschtheit bewunderten, hätte sie nun erkannt. „Was zum Teufel denken Sie sich eigentlich? Wir hätten …“

Er lachte tief und offen amüsiert. „Wir haben uns die Zeit nur auf eine angenehme Art vertrieben, Chérie.“ Noch immer lächelnd, setzte er sich auf die Schreibtischkante und verschränkte lässig die Arme vor der Brust. „Ich würde Sie gern wiedersehen.“

„Nun, ich Sie aber nicht!“ Sie wandte sich ab und starrte den Rubens an, erinnerte sich an seine Bemerkung über eine mögliche Drucksicherung.

„Wir müssen über unsere Beziehung reden.“

„Wir haben keine Beziehung miteinander“, fuhr sie ihn an und beugte sich vor, um hinter das Bild schauen zu können. Der Kerl hatte Nerven!

„Oh doch, das haben wir. Uns verbindet sozusagen ein territorialer Disput.“

Allison hob ihren Rock bis zu den Oberschenkeln hoch und holte aus einer Tasche oberhalb ihrer Strümpfe eine Rolle Klebeband. Zu ihrem Ärger stieß der Cowboy einen leisen Pfiff aus, als er ihre Beine sah. Sie blickte ihn böse an und trat an den Schreibtisch. Es war zwar nur eine Annahme, aber sie schätzte, dass das Telefonbuch darauf ungefähr das Gewicht des Rubens haben musste. Der Trick lag darin, beides gegeneinander auszutauschen, ohne dass der Alarm ausgelöst wurde.

Als ob er ihre Gedanken gelesen hätte, nickte der Cowboy. „Das Telefonbuch ist goldrichtig. Wie stehen die Chancen, dass Sie den Alarm auslösen?“

„Null Prozent!“, gab sie zurück, ärgerlich, weil er sie als Anfängerin einschätzte.

„Wenn Sie irgendwelche Zweifel haben“, bemerkte er, als sie das Buch in der Hand wog, „… dann übernehme ich gern den Austausch.“ Er machte eine winzige Pause, ehe er fortfuhr.

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