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Sexy, süß, frech sucht …

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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Vorhaben für den Sommer: Mit einem Mann schlafen.

Tess Blakely schwang behaglich im Schaukelsitz auf der Veranda, einen Schreibblock auf den Knien, ein Glas Eistee auf dem Korbtisch neben sich. Sie begutachtete ihre Notizen und seufzte. Der Anfang war immer das Schwerste.

Es war eine Schande, dass eine 26-jährige, einigermaßen attraktive Frau sich mit dem Problem ihrer Jungfräulichkeit herumschlagen musste, aber so war es nun einmal. Und dieser Zustand musste sich ändern, bevor Tess am Ende des Sommers nach New York aufbrach, oder sie würde ihre Glaubwürdigkeit bei den Schulmädchen verlieren, die sie beraten sollte. Außerdem wollte sie endlich Sex erleben. Sie sehnte sich nach sexuellen Erfahrungen.

Tess nahm einen Schluck Eistee und schrieb weiter.

Ziel Nr. 1: Erfahrenen Kandidaten finden, der bereit ist, mich zu entjungfern.

Ziel Nr. 2: Kandidaten absolutes Stillschweigen schwören lassen.

Ziel Nr. 3: Es tun.

Wieder seufzte Tess. Ihre Ziele und die einzelnen Etappen zu Papier zu bringen, war eine lieb gewordene Übung, die meist zum Erfolg führte – schon damals, als sie sich mit acht Jahren sehnlich ein Pony gewünscht hatte. Doch obwohl sie viel sehnlicher wünschte, ihre Unschuld zu verlieren, als seinerzeit das Pony, war ihr gegenwärtiges Vorhaben ungefähr so einfach wie eine Reise zum Mond.

In der kleinen Stadt Copperville in Arizona wimmelte es nicht gerade von “erfahrenen Kandidaten”. Und selbst die wenigen, die in Betracht kamen, waren vor langer Zeit von Tess’ vier überaus wachsamen älteren Brüdern in die Flucht geschlagen worden. Keiner dieser bulligen Brüder war weggezogen oder hatte seine Aufmerksamkeit eine Sekunde schleifen lassen. Sie erwarteten von ihrer kleinen Schwester, dass sie sich für die Hochzeitsnacht bewahrte. Es war wie im Mittelalter, aber Tess liebte ihre Brüder zu sehr, um sie offen anzugreifen.

Das war der Grund für Ziel Nr. 2: Stillschweigen. Ein heikler Punkt. Selbst wenn sie einen Mann fand, den ihre Brüder noch nicht eingeschüchtert hatten, wie konnte sie hoffen, dass er die Sache für sich behielt – in Copperville? Wer in dieser Stadt morgens mit Halsschmerzen aufwachte, fand mittags drei Töpfe mit Hühnersuppe vor der Haustür.

Das hieß, Tess würde wahrscheinlich nie bei Stufe 3 anlangen: Es tun. Dabei war sie bereit für Stufe 3, mehr als bereit. Sie war bis nach Phoenix gefahren, um sich schlaue Bücher zu kaufen. Denn in Coppervilles Buchladen durfte sie sich nicht dabei erwischen lassen, wie sie “Hundert Tricks, einen Mann um den Verstand zu bringen” durchblätterte, falls dieser Titel dort überhaupt vorrätig war, was sie ernsthaft bezweifelte.

So weit also die Liste. Die Ziele waren unerreichbar. Tess warf den Block auf den Stapel neben sich auf dem Tisch. Eine Liste mochte bei dem Pony nützlich gewesen sein, doch es war vermutlich naiv, das Mittel bei einem Fall chronischer Keuschheit anwenden zu wollen.

Und wenn sie ehrlich war, hatte die Liste damals wohl geholfen, ihr Pony zu bekommen, doch den Ausschlag hatte ihr bester Freund Jeremiah “Mac” MacDougal gegeben. Tess’ Familie wohnte in der Stadt und hatte keinen Platz für ein Pferd, aber Mac hatte seine Eltern überredet, Chewbacca auf ihrer Ranch zu halten. Zwar hatten Tess’ Brüder immer gemeint, sie als Jungen hätten höhere Rechte an Mac, doch Tess wusste es besser. Seit Mac sie im Alter von fünf Jahren vor einer Klapperschlange gerettet hatte, war ihr klar, dass er für immer ihr bester Freund sein würde.

Mac. Mac musste ihr helfen, den Richtigen zu finden! Sie schlug sich vor die Stirn und fragte sich, wieso sie nicht gleich an ihn gedacht hatte. Im Gegensatz zu ihren Brüdern verstand Mac, warum sie den Job in New York annehmen, sich als selbstständige, fähige Frau erweisen musste. Ihre Brüder hatten sie ausgelacht, als sie sich einmal zu Weihnachten einen kleinen Säbel wünschte – Mac hatte sein Taschengeld gespart und ihr einen geschenkt.

Bestimmt würde Mac auch verstehen, dass sie nicht als Jungfrau in New York ankommen konnte. Aus einer Kleinstadt zu stammen war schon schlimm genug. Wenn die jungen Mädchen herausfanden, dass sie sexuell unerfahren war, war sie der Witz des Jahrhunderts. Mac würde das sofort begreifen. Und er würde ihr helfen, den passenden Mann für ihr Problem zu finden.

Die Sonne war eben über den Bergen aufgegangen, als Mac zwei Pferde sattelte. Er war schon mit einer gewissen Vorahnung aufgestanden. Seit Monaten war er nicht mehr frühmorgens mit Tess ausgeritten. Als sie es am Telefon vorschlug, hatte er sich sehr gefreut, obwohl er sie neuerdings etwas beneidete.

Als Kinder hatten sie stundenlang fantasiert, wohin sie als Erwachsene alles reisen würden. Und in diesem September würde sie es tatsächlich tun, während er auf der Ranch festsaß. Seine Eltern erwarteten, dass er bei ihnen blieb und das fortführte, was sie mühsam aufgebaut hatten. Da er das einzige Kind war, konnte er die Verpflichtung auf niemand anderen abwälzen.

Tess hatte es da leichter, obwohl sie ständig klagte, wie hart es für eine Frau war, “in die Welt zu ziehen”, wie sie sich ausdrückte. Aber sie tat es, und er nicht. Ihre Eltern ließen sie wahrlich nicht gern ziehen, schon gar nicht nach New York City, doch sie hatten noch ihre vier Söhne mit deren Frauen sowie sieben Enkel. Mit so vielen Blakelys im Rücken brauchte Tess sich keine Gewissensbisse zu machen, wenn sie ihre Chance zur Unabhängigkeit ergriff. Mac beneidete sie um diese Freiheit.

“Ich entbiete Euch einen wunderschönen guten Morgen, MacDougal.”

Er schnallte Peppermint Pattys Gurt fest und drehte sich mit einem Lächeln zu Tess um. Sie hatte ihn monatelang auf diese Weise begrüßt, nachdem sie in einem Theaterstück der Copperville Highschool die Hauptrolle gespielt hatte. Der Gruß weckte alte Erinnerungen in Mac.

Sie hatten zusammen den Text in dem Baumhaus im Garten der Blakelys geprobt. An einer Stelle hätte er Tess beinahe geküsst, natürlich nur, weil es das Stück vorschrieb. Aber dann fanden sie beide, das sei nicht notwendig für das Lernen des Textes. Mac war selbstverständlich erleichtert gewesen, denn Tess zu küssen, wäre ihm komisch vorgekommen. Trotzdem hätte er es gern einmal ausprobiert.

“Wohlan, es ist ein guter Morgen, schöne Maid”, gab er zurück. Sie sah hinreißend aus wie immer, aber irgendwie wirkte sie heute verändert. Mac musterte sie eingehend. “Hast du dein Haar schneiden lassen?”

“Nicht, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben.” Sie schob es sich aus dem Gesicht. “Wieso, sieht es unmöglich aus?”

“Nein, es sieht prima aus.” 23 Jahre lang hatte er mitbekommen, was Tess alles mit ihrem üppigen braunen Haar anstellte. Er hatte Zöpfe, krause Dauerwellen, einen Streichholzkopf und rote Strähnen begutachten müssen. Einmal hatte er ihr selbst die Haare geschnitten, als sie Kaugummi darin hatte. Keine der Elternparteien hatte seine Friseurkünste gewürdigt. So, wie Tess es jetzt trug, mochte er es sehr – kinnlang und schlicht, sodass ihre natürlichen Wellen zur Geltung kamen.

“Habe ich einen Fleck auf dem Hemd, oder was?” Sie sah auf das alte T-Shirt mit dem Schriftzug des Footballclubs Copperville Miners herunter.

“Nein, nein.” Mac schob sich mit dem Daumen den Hut in den Nacken. “Ich habe nur das Gefühl, dass du irgendwie anders bist.” Er trat näher und legte ihr die Hand unters Kinn. “Trägst du vielleicht ein neues Make-up?”

“Zum Reiten? Ich spinne doch nicht.”

Er betrachtete ihre glatte Haut und stellte fest, dass ihre Sommersprossen voll zu sehen waren und ihre Lippen das normale Rosa hatten. Ihre Wimpern waren weich und dicht, nicht so spitzig wie in der Highschool, als sie sie mit Mascara verkleistert hatte. Nein, sie trug kein Make-up.

Doch als er in ihre grauen Augen sah, merkte er, was ihn störte. Sie waren die besten Freunde und hatten nie Geheimnisse voreinander gehabt, jedenfalls bis jetzt nicht. An diesem Morgen trug Tess jedoch ein Geheimnis mit sich. Es veränderte ihren Gesichtsausdruck, gab ihr etwas Rätselhaftes, sie wirkte fast sexy. Nicht, dass er Tess jemals für sexy gehalten hätte, Gott bewahre.

Dennoch machte es ihm zu schaffen. Es erregte ihn sogar ein wenig. Tess war für ihn stets durchschaubar gewesen, und diese Art war ihm neu. Mac beschloss, zu warten und das Geheimnis gären zu lassen. Es machte ihm Spaß, ihr dabei zuzusehen.

Er gab ihr einen Nasenstüber und trat zurück. “Wahrscheinlich bilde ich es mir ein. Du bist ganz dieselbe Tess. Bereit zu einem scharfen Ritt?” Zu seiner Verblüffung wurde sie rot. In Macs Gegenwart errötete Tess nie, dafür kannten sie sich viel zu gut.

“Äh, klar”, murmelte sie. Ohne ihn anzusehen, ging sie auf Peppermint Patty zu, die Wangen noch immer hochrot.

Während er dastand und sich fragte, womit er Tess in Verlegenheit gebracht hatte, saß sie hastig auf und ritt los. Er folgte ihr und behielt sie im Auge, und er hätte schwören können, dass sie zitterte. Aber an diesem warmen Junimorgen konnte sie unmöglich frieren.

Der Ausritt versprach, sehr interessant zu werden.

Vielleicht wird es doch nicht so leicht, Mac um Hilfe zu bitten, dachte Tess, als sie auf den Pfad zum Fluss hinab zuhielt. Sie wurde ja schon rot, wenn er harmlos von einem “scharfen Ritt” sprach. Oder vielleicht hatte sie zu viel in diesen Büchern gelesen, sodass sie in jeder Bemerkung eine sexuelle Anspielung sah. So verspannt konnte sie jedenfalls nicht nach New York gehen, sie musste das in den Griff kriegen.

Sie bückte sich unter den niedrig hängenden Ästen und trabte vor Mac den staubigen Pfad entlang. Er hatte gemerkt, dass etwas in der Luft lag. Nie konnte sie etwas vor ihm geheim halten, also sollte sie ihn lieber gleich einweihen, sobald sie an ihrem Lieblingsplatz am Fluss ankamen.

Als Kinder hatten sie an dem sandigen Ufer wilde Schlachten mit ihren Star-Wars-Figuren ausgefochten. Als sie älter wurden, hatten sie hier gesessen, Cola getrunken und über alles Mögliche geredet. Tess war nie mit jemand anderem an diese Stelle gekommen, und Mac auch nicht, soweit sie wusste.

Diesen Ort hatten sie aufgesucht, nachdem Chewbacca gestorben war. Sie hatten vom Himmel gesprochen und gefunden, dass Pferde auch dorthin mussten, wenn sie starben. Hierher waren sie geflüchtet, als Mac sich den Arm gebrochen hatte und nicht in der Jugendliga spielen konnte, und als Tess einen Teddybär auf dem Jahrmarkt gewonnen hatte. Lange bevor sie etwas von Sex wussten, hatten sie an diesem Platz gemeinsam überlegt, ob die Menschen ihre Babys genauso machten wie Pferde, Hunde und Ziegen.

Später hatte Mac Diskussionen über dieses Thema abgelehnt. Jetzt wollte Tess es wieder ansprechen, aber sie wusste nicht, ob sie den Mut dazu aufbringen würde.

“Also, was hast du dir für diesen Sommer vorgenommen?”, rief Mac zu ihr herüber. “Du hast doch immer feste Pläne.”

Das war das perfekte Stichwort, doch Tess wollte nicht damit herausrücken, während sie ritten. “Ich bin noch am Überlegen.” Der vertraute Gang der kleinen Stute, das leise Knirschen des Sattelleders und die trockene, würzige Luft des Morgens vermittelten ihr Sicherheit.

“Echt? Komisch, meistens standen deine Pläne spätestens im April fest. Ich werde nie den Sommer vergessen, als du dein Interesse für Australien entdecktest. Du hast dieses grausame Didgeridoo gespielt, während ich Shrimps grillen musste.”

“Konnte ich denn ahnen, dass es die Pferde verschrecken würde?”

Mac lachte. “Der Klang von dem Gerät hätte einen Toten aus dem Grab hochschrecken lassen. Spielst du es eigentlich jetzt noch, oder hast du inzwischen Mitleid mit deinen Nachbarn?”

“Hüte deine Zunge, oder ich muss dich daran erinnern, wie du meinen Brüdern deinen nackten Po vors Fenster gehalten hast!”

“Konnte ich denn ahnen, dass gerade die Damen des Bridgeclubs zu Besuch waren, um die Rosen deiner Mutter zu bewundern? Du hättest mich warnen müssen.”

Tess kicherte. “Ich hab’s ja versucht.”

“Behauptest du!”

“Die Jungs haben mich gehindert! Ich bin fast gestorben.”

“Fast totgelacht hast du dich.”

“Nur aus Selbstschutz.” Sie brauchte Peppermint Patty kaum zu führen, oft genug waren sie zusammen hinunter zum Fluss geritten. Die Pferde störten im Vorbeitrotten ein paar Wachteln auf.

Tess roch den Fluss bereits, und Peppermint Patty ebenfalls. Die Stute ging schneller. Wie jedes Mal freute sich Tess auf den Anblick des winzigen, von hohem Schilf umgebenen Strandflecken, der ein perfektes Versteck bot.

Als die Stute das Ufer erreichte, suchte sie mit den Hufen Halt auf dem unsicheren Grund, aber sie behielt das Gleichgewicht, denn sie kannte die Stelle seit Jahren. Vor ihnen tollte der Fluss, der hier etwa fünfzehn Meter breit war. Bis auf einige Enten, die nach ihrem Frühstück tauchten, und eine Spottdrossel im Gebüsch am anderen Ufer waren sie allein.

Es bestand keine Gefahr, dass jemand ihre Unterhaltung belauschte, und Tess vertraute auf Mac, dass er ernsthaft und ohne zu lachen zuhören würde, wenn sie ihm ihr Problem schilderte und um seine Hilfe bat. Dennoch zog sich ihr Magen nervös zusammen.

Mac ließ seinen Wallach Charlie Brown selbstständig den Abhang hinuntergehen, während Tess absaß und Peppermint Patty ans Wasser zur Tränke führte. Dieser Morgen war genau wie jeder andere, an dem er mit Tess hier heruntergeritten war, und doch wurde er das Gefühl nicht los, dass etwas grundlegend verändert war.

Er ließ sein Tier trinken und führte es dann zu einer Platane am Ufer. Die Zügel schlang er um denselben Ast, den Tess für Pepperint Patty gewählt hatte, und setzte sich neben Tess an ihren schattigen Platz.

Er nahm einen Kieselstein auf und warf ihn ins Wasser. “Hast du Nachrichten von dieser Lehrerin an deiner neuen Schule?”

“Ja.” Tess pflückte einen Grashalm ab und zerpflückte ihn. “Sie hat mir eine E-Mail geschickt und meint, ich könnte gern solange bei ihr wohnen, bis ich eine eigene Wohnung gefunden habe.”

Mac warf ihr einen Seitenblick zu. Ob sie doch ein wenig Angst vor dem Unbekannten hatte? Sie hatte ein kleines Haus gemietet, als sie ihren Job als Hilfslehrerin an der Copperville Highschool bekam. Aber das Leben in einer Bergarbeiterstadt in Arizona mit Eltern und Brüdern in Reichweite war etwas ganz anderes als eine eigene Existenz in New York, zweitausend Meilen entfernt von irgendeiner vertrauten Seele.

“Will diese Lehrerin dir ein Zimmer in ihrer Wohnung vermieten?”, fragte er.

Tess schüttelte den Kopf. “Nein, ich werde auf ihrer Couch schlafen. Aber ich sehne mich wirklich nach einer eigenen Wohnung und Privatheit.”

“Ein frommer Wunsch. Deine Familie wird dich ständig überfallen.”

“Ich weiß.” Tess seufzte. “Ich mag sie alle sehr, aber ich würde mich gern für eine Weile entziehen.”

Mac verstand sie nur zu gut. Genau aus diesem Grund hatte er seinen Pilotenschein gemacht. Er ergriff jeden Anlass, die Cessna zu fliegen, denn bei diesen Gelegenheiten konnte er allein sein. “Du könntest dich ziemlich einsam fühlen”, bemerkte er.

“Das werde ich wohl auch.” Tess zerbröselte noch einen Grashalm. “Aber wenn man 26 Jahre lang in einem Aquarium gelebt hat, verliert Einsamkeit ihre Schrecken.”

“Sicher.” Mac warf noch einen Kiesel ins Wasser. “Ich kann dich gut verstehen.” Er atmete die vertrauten Gerüche ein – die Feuchte des Flusses, die Würze der Gräser, das leichte, blumige Eau de Cologne, das Tess seit Jahren trug, und den Geruch von frisch gewaschenen, auf der Leine getrockneten Jeans. Verflixt noch mal, er würde sie vermissen. Er hatte sich der unangenehmen Erkenntnis nicht gestellt, als er von ihrem neuen Job erfuhr, aber jetzt traf sie ihn unvermittelt, und das mochte er gar nicht.

Tess war Bestandteil seines Lebens, seit er denken konnte. Und das galt für ihre ganze Familie, in der er die Geschwister gefunden hatte, die er daheim vermisste. Aber Tess war stets der Mensch gewesen, dem er sich am meisten verbunden fühlte. Diese Halloweenabende, wenn sie als Superman und Catwoman verkleidet um die Häuser gezogen waren. Oder das Ostereiersuchen, oder die Monopolyspiele, die sich tagelang hinzogen – Tess war immer dabei gewesen. Jedes Weihnachten hatte sie ihn gezwungen, mit ihr vor den Türen zu singen, obwohl er unmusikalisch war wie ein Brikett.

Aber er würde eher sterben als zuzugeben, wie sehr er sie vermissen würde. Erstens, weil sie beide Rührseligkeit verachteten, und zweitens, weil er kein Spielverderber sein wollte, wenn sie dieses aufregende neue Leben begann. Er freute sich mit ihr. Er war verteufelt neidisch und würde harte Zeiten durchstehen, wenn sie erst gegangen war. Aber das hieß nicht, dass er ihr die Chance nicht gönnte.

“Ich freue mich, dass du den Job da bekommen hast.”

“Ich mich auch. Aber ich habe da noch ein Problem, und ich dachte, du könntest mir dabei helfen.”

“Klar, jederzeit.”

“In New York ist alles anders und ich … fühle mich da ziemlich unterlegen.” Ihre Stimme klang seltsam gepresst.

“Du bist überhaupt nicht unterlegen.” Mac riss einen Grashalm ab und kaute auf ihm herum. “Du hast dein Leben lang darauf hingearbeitet. Und ich habe immer gewusst, dass in dir etwas Besonderes steckt.” Er wandte sich ihr zu. “Es ist ein großes Abenteuer. Du bist sicher aufgeregt, aber du schaffst es.”

“Danke.” Sie lächelte, wirkte aber ziemlich verspannt und nervös.

Mac hoffte, sie würde ihre Abmachung einhalten und nicht etwa weinerlich werden. Tess weinte selten – höchstens, als Chewbacca starb oder als dieser Esel Bobby Hitchkock sie zum Abschlussball sitzen ließ. Zum Glück hatte Mac an dem Abend nichts vorgehabt und konnte einspringen.

Sie hatten sich königlich amüsiert, und Mac hatte anschließend überlegt, ob er nicht einmal richtig mit ihr ausgehen sollte. Tess hatte in dem tulpengelben Kleid so hinreißend ausgesehen, dass ihm die Kehle eng wurde und er direkt ein bisschen erregt war, als er mit ihr tanzte. Fast hätte er sie auf dem Tanzboden geküsst, doch er kam schnell wieder zu Vernunft, als er an die Blakely-Brüder im Hintergrund dachte. Außerdem, wie albern, ein Mädchen zu küssen, das praktisch seine Schwester war.

Natürlich würden sie sich in Zukunft selten sehen, doch sie würden es überleben.

Tess räusperte sich und starrte auf den Fluss. “Mac, ich …”

“Ja, ich auch”, unterbrach er hastig, um irgendwelchen Gefühlsausbrüchen zuvorzukommen. Er kaute energischer auf seinem Grashalm.

“Das glaube ich nicht”, sagte Tess verspannt. “Die Sache ist die, Mac … ich bin noch Jungfrau.”

Vor Verblüffung spuckte er den Grashalm ins Wasser. Dann überkam ihn ein Hustenanfall.

Sie trommelte ihm auf den Rücken, doch der Körperkontakt brachte ihn nur noch mehr zum Husten. Seitdem er die Freuden der Sexualität entdeckt hatte, war das Thema zwischen ihm und Tess tabu. So machten sie sich das Leben wesentlich einfacher, und er wünschte, sie hätte es dabei belassen.

Während Mac mit dem Erstickungstod kämpfte, ging Tess zum Fluss und füllte ihren Hut mit Wasser. Sie brachte ihn zurück und hielt ihn ihm unter die Nase. “Trink.”

Er gehorchte und goss sich den Rest über den Kopf.

Sie hockte vor ihm, und endlich fand er den Mut, sie anzusehen. “Na und?”, fragte er heiser.

“Ich bin sechsundzwanzig.”

“Und?” Seine Reaktion war dümmlich, aber sein Gehirn hatte eine Art Kurzschluss.

“So kann ich auf keinen Fall in der Großstadt auftauchen und Mädchen beraten, die im Alter von zwölf ihre ersten sexuellen Erfahrungen gemacht haben.”

“Verstehe.” Ein entsetzlicher Gedanke stieg in ihm auf – dass sie die Lösung ihres Problems von ihm erwartete. Und das Entsetzlichste daran war, dass er diesem Wunsch nur allzu gern nachkommen würde. Er schob die unsägliche Vorstellung beiseite. “Aber Keuschheit ist heute wieder angesagt. Du könntest sogar ein Vorbild sein.”

“O Mac! Ich möchte kein Vorbild für Keuschheit sein! Das entspricht doch gar nicht meinen Überzeugungen. Du weißt genau, dass es nur an meinen Brüdern liegt.”

Ihre Brüder. Sie würden ihm die Haut bei lebendigem Leib abziehen, sobald er Tess anrührte. “Aber deine Brüder gehen nicht mit nach New York.” Im nächsten Moment erkannte er, dass er vom Regen in die Traufe geraten war.

“Eben. Und das ist das zweite Problem. Ich bin sexuell völlig ahnungslos und werde allein sein in einer Stadt mit lauter ausgekochten Männern. Willst du, dass ich in meiner Naivität auf einen glattzüngigen Charmeur hereinfalle?”

Es war ein teuflisches Dilemma. “Natürlich nicht, aber …”

“Ich brauche einen netten Mann, Mac. Einen, der mein Problem löst, bevor ich abreise.”

Lieber Himmel. Gleich würde sie ihn darum bitten. Sein Herz pochte hart, während er sich fragte, ob er die Kraft für eine Absage aufbringen würde. “Tess, du weißt nicht, was du redest”, stammelte er.

“Ich weiß genau, was ich rede. Und du bist der einzige Mensch, dem ich zutraue, diesen Mann für mich zu finden.”

“Spinnst du?” Mac sprang auf und warf dabei Tess um. Das Einzige, was schlimmer war als seine eigene Beteiligung an dieser schändlichen Tat, war die Beteiligung eines anderen Kerls. “Entschuldige.” Er reichte ihr die Hand, um ihr wieder aufzuhelfen, und ließ sie sofort wieder los.

Tess staubte ihre Jeans ab. “Mac, bitte, ich kann nicht ewig Jungfrau bleiben.”

“Wieso nicht?” Er redete Unsinn. Und verflixt, während sie ihren Po abstaubte, fand er, dass es ein sehr hübscher Po war. Verflixt, verflixt.

Sie seufzte und ließ den Kopf hängen. “Und ich hatte so auf dich gehofft.”

“Himmel, Tess.” Er hegte nicht nur ungehörige Fantasien über sie, er versagte ihr auch noch Hilfe. “Du weißt, ich würde alles für dich tun, aber da sehe ich keinen Weg.”

Sie hob den Kopf und sah ihn hoffnungsvoll an.

Er trat einen Schritt zurück. “Schau mich bitte nicht so an.”

“Ich zeige dir den Weg. Wir machen eine Liste. Du findest heraus, ob der jeweilige Mann eine feste Beziehung hat, denn ich möchte niemanden verlet…”

“Moment mal.” Panik überfiel ihn. “Ich habe keineswegs zugesagt.”

“Du sagtest, du würdest alles für mich tun.”

“Alles, außer dir einen Liebhaber zu beschaffen!” Allein das Wort machte ihn schaudern. Er hatte sich nie gestattet, Tess als sexuelles Wesen zu betrachten, und nun brachen alle Dämme. Zum ersten Mal nahm er die reizvollen Erhebungen unter ihrem T-Shirt und die sinnliche Kurve ihrer Hüfte wahr. “Das kannst du doch vernünftigerweise nicht erwarten, oder?”

“Ich finde das völlig vernünftig”, meinte Tess. “Warum sollte ich allein herumsuchen und bei irgendeinem Tölpel landen, der mein erstes Mal zu einem Albtraum macht, wenn ich stattdessen auf deine Erfahrung zurückgreifen und es richtig schön haben kann?”

Darauf musste Mac sich etwas einfallen lassen. Und das ging nicht, solange er sich vorstellte, dass Tess es mit jemandem “richtig schön hatte”.

“Siehst du?” Sie lächelte überlegen wie ehedem, wenn sie bei einem Wortgefecht oder Monopolyspiel gewonnen hatte. “Gib zu, dass das Sinn macht.”

“Ich gebe gar nichts zu. Und wieso verfällst du ausgerechnet auf mich? Du hast doch Freundinnen. Ich dachte, Frauen reden ständig über Männer.”

“Das tun sie auch, aber du hast die besseren Informationen.” Tess schob die Hände in ihre hinteren Taschen. “Du bist mit fast allen Mädchen hier ausgegangen und hörst, was sie über andere Männer sagen. Und du kennst die Männer besser und weißt, ob sie zum Beispiel beim Bier mit ihren Eroberungen angeben. Zudem traue ich niemandem zu, egal, ob Mann oder Frau, dass er die Sache für sich behält, außer dir.”

Mac schluckte. Wenn sie es so sah, konnte er sich kaum weigern.

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