Logo weiterlesen.de
Der Zuckerkönig

Hertha Koenig

Der Zuckerkönig

Eine Familiengeschichte

Mit einem Vorwort
von Stefanie Viereck

PENDRAGON

Inhalt

Vorwort von Stefanie Viereck

Auftakt

Der Fährenschreiber von Libau

Die Tochter des Fährenschreibers

Der Nachtwächter

Die Frau des Baumeisters

Herrenloser Besitz

Der Zuckerkönig

Über Leopold Koenig

Spurensuche – eine Annäherung

Spurensuche. Wo fängt sie an? Wie nähern wir uns einem Menschen, dessen Leben wir erkunden wollen? Der Rohstoff für jede Fiktion findet sich im eigenen Leben, so dass sich die Frage bei Schriftstellern zu erübrigen scheint. Wir brauchen doch nur zu lesen. In der einen oder anderen Weise gibt jeder Schreibende sich preis, sonst bliebe sein Wort ohne Gewicht. Und zweifellos gewährt das Werk auch einigen Aufschluss über das Wesen des Verfassers – nur kommen wir ihm deshalb noch lange nicht auf die Spur, sondern begeben uns nur allzu leicht auf irreführende Fährten.

Der Schreibende lässt uns in sein Innerstes blicken, um sich im nächsten Moment wieder zu verbergen. Das Ich taucht in verschiedensten Zusammenhängen auf, verfremdet, verhüllt, in der dritten Person, mit entgegengesetzten Vorzeichen versehen oder auf verschiedene Protagonisten verteilt. Je mehr wir lesen, desto komplizierter wird die Suche. Mannigfaltige Wirklichkeiten entstehen und die Kontur des Verfassers verflüchtigt sich, kaum meinen wir, ihrer habhaft geworden zu sein. Was wir erkennen, ist eine Art Grundmotiv, eine wiederkehrende Melodie, Ton und Themen lassen sich benennen und erlauben Rückschlüsse auf das wahre Wesen, sein Denken, sein Werden, seinen Weg, seine Ängste, Träume und Sehnsüchte. Eine objektive Wahrheit entsteht deshalb noch lange nicht. Die gibt es nicht als Lebensgeschichte, jeder Versuch bleibt eine Annäherung.

Das gilt, so widersinnig es klingen mag, letztlich auch für die Lebenserinnerungen – Erinnerungen an Menschen und Dinge, an das Kind, das man selbst einmal gewesen ist, an Orte und Landschaften, Farben und Gerüche, an den Wandel der Zeiten und das Weltgeschehen. Zum einen ist die eigene Wahrnehmung immer subjektiv, zum anderen birgt die Chance, das eigene Leben im Nachhinein zu manipulieren, große Verlockung.

Das muss nicht aus Eitelkeit oder Geltungsbedürfnis geschehen. Schreibend ist man dem Schicksal nicht länger ausgeliefert, das Gefühl von Ohnmacht kehrt sich ins Gegenteil, erlaubt für Augenblicke die Illusion, das eigene Leben vollständig beherrschen und lenken zu können, das eigene Schicksal selbst zu bestimmen. So nimmt bei aller Faktentreue jeder autobiographische Text partiell fiktive Züge an. Und oft verrät die Art und Weise des Erzählens, die Klangfarbe – Wahrhaftigkeit in der Sprache oder anekdotenhaftes Geplauder – mehr über das Wesen des Erzählenden, als das, was er tatsächlich berichtet.

Bleibt das Bild, Gemälde oder Fotografie, die spontane Begegnung oder auch Konfrontation mit dem Porträt, das mit der Vorstellung von der schreibenden Person übereinstimmen mag – oder eben auch nicht. Leidenschaftliche Leser wissen, wie sehr ein Foto des Autors auf der Rückenklappe des Schutzumschlags irritieren kann, und, falls es sich um einen besonders geschätzten Text handelt, möchte man es manchmal lieber nicht gesehen haben.

Meist ist es allerdings umgekehrt. Eingehend betrachtet man die Züge des Autors, begierig darauf, mehr und Intimeres von dem Menschen zu erfahren, dessen erfundene Figuren Intimstes preisgeben, begierig darauf, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Wer war oder ist dieser Mensch, was sagt sein Ausdruck, die Augen, der Mund, ähnelt er dem Bild, das man sich während des Lesens von einem Protagonisten gemacht hat, dem man selbst sich womöglich verwandt fühlt? Spurensuche ist immer auch die Suche nach Selbsterkenntnis und Nähe.

Eine Dichterin wie Hertha Koenig, groß geworden in einem anderen Jahrhundert, verankert in familiären Traditionen und geprägt vom Standesbewusstsein einer feudalistischen Gesellschaftsordnung, war stets in besonderer Weise darauf bedacht, die Grenzen der Diskretion zu wahren, Werk und Wesen streng voneinander getrennt zu halten. Umso bemerkenswerter, dass sie in ihrer Lyrik ein leidenschaftliches Liebesverlangen offenbart, dessen Gegenüber leicht zu erraten ist, aber davon später. Und fast eine Ironie, dass ihre Lebenserinnerungen unter dem Titel Hinter den Kulissen eines Lebens erschienen sind.

Doch die Diskretion bleibt gewahrt. Nur Hertha Koenig selbst kommt zu Wort. Der Blick hinter die Kulissen gelingt aufgrund der Zusammenstellung – eine Auswahl von Texten und Briefen aus dem Nachlass, die zu verschiedenen Zeiten entstanden sind und wechselnde Befindlichkeiten spiegeln. Mal erzählt die Dichterin leicht, beschwingt und beinahe burlesk, dann wieder mit großem Ernst und zarter Empfindsamkeit, mal zeigt sie sich in der ersten Person, als ich, dann wieder zieht sie sich an den Rand des Geschehens zurück. Es ist, als könnten wir durch verschiedene Fenster in ein und denselben Raum sehen, jedes Mal aus einer leicht veränderten Perspektive, und aus diesen unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet nimmt eine Figur Gestalt an, von der wir in Fiktion und Lyrik allenfalls Ausschnitte gesehen haben.

Eine Figur, verwundbar und kraftvoll, die einen Sinn für Komik besitzt, einen feinen Humor gepaart mit Schwermut. Die ihre Enttäuschungen ahnen lässt, ihre Einsamkeit, die sie weder beklagt noch beschönigt, nicht einmal ausdrücklich in Worte fasst. Aber wir können die Schatten wahrnehmen, die sie von Anfang an begleitet haben, die Dunkelheiten ihres Gemüts. Ihre Kindheit eine glückliche zu nennen, „wäre diesem Begriffe nicht entsprechend“, schreibt Hertha Koenig. Zu dunkel sei sie gewesen und zu still. Und dann der überraschend gefügige Satz: „Aber man bekommt ja die Kindheit, die man braucht; …“

Diese Kindheit im ausgehenden 19. Jahrhundert auf dem entlegenen westfälischen Gut Böckel ist durchdrungen „vom Erdgeruch des niederen Landes und vom Wesen der langsamen Bäche“. Ein dunkler melancholischer Unterton bestimmt den Klang der Schilderung selbst kleiner heiterer Begebenheiten, die sich im Übrigen recht bescheiden ausnehmen. Von dem „köstlichen, königlichen Reichtum“ aus dem „Schatzhaus der Erinnerungen“, wie der ihr später freundschaftlich verbundene Rilke in seinen Briefe(n) an einen jungen Dichter über den Stoff der Kindheit schreibt, macht sie nur sparsamen Gebrauch.

Die Stimme, mit der Hertha Koenig von ihrer Kindheit erzählt, bleibt verhalten, und wenn man ihr zuhört, könnte man meinen, die melancholische Schwermut der Landschaft sei ihr von Geburt an zu eigen gewesen. Aber vermutlich war es vor allem der Tod der Schwester, der auf ihrer frühen Kindheit lastete. Die Schwester starb, zwei Jahre alt, wenige Monate vor Hertha Koenigs Geburt.

Die tote Schwester stellt sie ins Licht, sich selbst in den Schatten. Ein „strahlendes, heiter beglückendes Kind“ sei diese Schwester gewesen, sie selbst hingegen ein wahres Herbstkind, „dunkel und ernst“. Vier Jahr später wird der kleine Bruder geboren und, blond und vergnügt wie er ist, gleich zu der Schwester ins Helle gerückt. Der ältere Bruder, der mit achtzehn starb, findet nur flüchtig Erwähnung – vielleicht, weil die Wunde nicht heilen wollte, denn in der Kindheit soll er ihr besonders nah gewesen sein.

In den Erinnerungen findet sich nichts davon. Die Nächsten bleiben seltsam fern und unverbunden. Als sei das dunkle Kind dem Land näher anverwandt gewesen als den leiblichen Verwandten. Man muss es nicht Todessehnsucht nennen, das wäre ein zu großes Wort, aber von der sonderbar anheimelnden Düsternis des Landes geht doch ein unüberhörbares Locken aus, ein verführerischer Sog in eine unbestimmte Weite, ein Ton, der auch später in der Lyrik anklingt. Wann immer Hertha Koenig sich der Natur zuwendet, gleichnishaft die Stimmung einer Landschaft beschwört, einer Jahreszeit, einer Witterung, gewinnt ihre Sprache eine eigene Kraft.

Sie selbst hätte wohl, allemal als alte Frau, jede Art von kindlich unbewusstem Todessehnen weit von sich gewiesen. Eher scheint es, als sei sie freudig erstaunt, wenn neben dem stillen Herbstkind auf einmal ein keckes und schlagfertiges Kind in der Erinnerung auftaucht. Auch das ist also sie gewesen. Kaum zu glauben, und doch – wie schön.

Unbeschwerte Lustigkeit war in der Familie allerdings nicht eben an der Tagesordnung, der vorherrschende Ton allem Anschein nach eher höflich und verhalten. Wenn die Mutter, von der andere später zu Hertha Koenig sagen, „welch liebreizende Mutter sie gewesen sei“, sich am Spiel der Kinder beteiligt, empfindet die Tochter das oft als beklemmend. Der Ernst, die Erwartung, die Regeln. Eben herrschte noch Leichtigkeit, jetzt wird es dumpf und man spielt weiter „mit einem engen Gefühl um die Brust.“

Und der Vater? Von ihm erfahren wir am allerwenigsten. Es scheint kaum eine Beziehung gegeben zu haben – was Hertha Koenig andererseits Raum für die Vorstellung lässt, eine solche wäre immerhin möglich gewesen: „Der Vater hätte einen vielleicht verstanden …“ Dass es nicht dazu kam, führt sie auf ein Ereignis von ähnlich anheimelnder Düsternis zurück, wie das unbestimmte Locken des Landes. Einmal, als sie in der Nacht wach lag, habe sie durch die offene Tür des Elternschlafzimmers ganz deutlich die Stimme des Vaters gehört: „Und nachts die Sterne.“ Das habe so seltsam geklungen, so weit fort, „als hätte er die kleinen blanken Sterne da oben angefasst“. Von da an sei der Vater ihr unheimlich gewesen.

Der ferne Himmel, „der meistens viel zu hoch über uns stand“, war schließlich der Ort, von dem die Menschen niemals zurückkehrten, die helle Schwester nicht und auch nicht Herr Horstmann, der Polsterer, der einzige Mensch aus der frühen Kindheit, von dem Hertha Koenig ganz ohne Scheu und Zurückhaltung schreibt: „Ich liebte ihn; ich wurde nie müde, in sein stilles, liebes Gesicht zu schauen.“

Von der Mutter wollte sie wissen, ob es im Himmel auch Puppen gebe, um gleich darauf zu verkünden, sie werde später mit der Mama zusammen in den Himmel gehen, aber vorher wollten sie noch sehen, wie es in der Hölle sei. „Dieses vorwitzige Begehren nach dem Ganzen“, so heißt es weiter, „habe ich bis ins späte Alter büßen müssen.“ Wieder klingt das freudige Erstaunen an – das andere Kind, vorwitzig und keck, ach ja, auch das. Aber da ist noch etwas anderes, etwas, das einen hellhörig macht, wenn man Hertha Koenig ein wenig zu kennen meint. Aus dem kurzen Überschwang wächst ein kühner Bogen – Himmel und Hölle, Begehren und Buße bis ins hohe Alter? Als hätte sie, egal um welchen Preis, das Leben ausgekostet bis zum Letzten.

Eher wohl hat sie im Begehren nach dem Ganzen keine Halbheiten gelten lassen und sich jede Ausschweifung ohne hehre Weihen versagt. Nach allem, was wir von ihr wissen, hat es in ihrem Leben keine gelebte Leidenschaft gegeben. Die dreijährige Ehe mit dem zwanzig Jahre älteren Literaturwissenschaftler Roman Woerner war allem Anschein nach eine ebenso nüchterne wie ernüchternde Angelegenheit. In freundlicher Umschreibung des Scheiterns bekundet Hertha Koenig, sie habe Freundschaft und Ehe verwechselt.

Nur in der Lyrik bekennt sie sich freimütig zu ihrem Liebesverlangen. In den Blumengedichten, die zu ihren schönsten zählen, wagt sie viel und so gelingt ihr ein wahrer Ton. Sie lässt die Blumen sprechen, das Ich ist die Rose, der Mohn – „Ich hab mich dir geöffnet ohne Scheu, / brennend für dich als ein Jubel, / …“. Levkojen sind es, die den Rausch erleben, die Gladiole ahnt um die Vergeblichkeit – „Meine Liebe überdauert / ungestillt am vollen Mittag.“ Und vom „mutigen Blau“ des Rittersporns schließlich fordert die Dichterin, sich dem Licht zu stellen.

Das Spiel mit dem Blumen-Ich bleibt durchsichtig. Schon damals wird nicht nur der baltische Dichter Otto von Taube selbst gewusst haben, dass die Gedichte, 1919 im renommierten Insel Verlag von Anton und Katharina Kippenberg erschienen, an ihn gerichtet sind. Und Hertha Koenig will, dass er es weiß. In einem ihrer Briefe heißt es: „Rilke sagte neulich, er habe mit Anderen über meinen Blumen gesessen und sie bestaunt … Natürlich sind sie herrlich, es ist doch meine Liebe zu Dir darin …“

Der blaue Mut des Rittersporns. Ein freimütiges Bekenntnis. Und doch hadert sie später mit sich, fragt in den Briefen, ob sie zu zaghaft gewesen sei, offenbart ihre wechselnden Empfindungen, ihre Zweifel. Obgleich Otto von Taube ihre Liebe zu keinem Zeitpunkt erwidert, gelangt sie schließlich zu der gegenteiligen Überzeugung. „Merkwürdig“, so schreibt sie ihm, „ich bin plötzlich gewiß, daß Du mich geliebt hast; …“

Was bleibt, ist Wehmut. Was bleibt, sind Zweifel. Ein Gefühl von Vergeblichkeit. Themen, die auch in der Prosa immer wieder anklingen. Sie zweifelt an sich, an ihrer Bestimmung, sieht sich im Zwiespalt zwischen Tradition und Emanzipation. Welchen Werten ist sie verpflichtet, wo wagt sie den Aufbruch und wie weit darf sie gehen. Ihr Talent hilft ihr dabei wenig, denn sie glaubt nicht daran, auch nicht nach den ersten Erfolgen, dem Lob der Literaturkritik, dem Beifall der Zeitgenossen.

Rilkes Lob wird ihr dennoch geschmeichelt haben. Und sicher ist es ehrlich gemeint, andernfalls hätte er sich kaum bei den Kippenbergs für Hertha Koenig stark gemacht. Aber was die beiden verbindet, bleibt immer auch geprägt von der Tatsache, dass Hertha Koenig ihn finanziell unterstützt. Sie ist reich, die Erbin des russischen Zuckerkönigs, sie erwirbt auf Rilkes Fürbitte hin Picassos Gaukler und überlässt ihm bald darauf für einen längeren Aufenthalt ihre weitläufige Münchner Wohnung, wo Rilke den Schreibtisch vor die Gaukler rückt, die später Einzug halten in die fünfte Duineser Elegie: „Wer aber sind sie, sag mir, die Fahrenden, diese ein wenig Flüchtigern noch als wir selbst …?“ Auch in den folgenden Jahren gewährt sie ihm großzügig ihre Gunst. Sie ist – vor allem? – Rilkes Mäzenin.

Und nicht nur Rilke, mit dem sie immerhin eine Art geistiger Wahlverwandtschaft verbindet, hat Hertha Koenig unterstützt. Zu dem Kreis der von ihr Geförderten gehören auch Oskar Maria Graf und der Mythenforscher Alfred Schuler, Mitglied der kosmischen Runde um den Dichter Stephan George, skurril und schillernd, eine eher ungewohnte Erscheinung in Hertha Koenigs Umfeld. In ihren Erinnerungen stellt sie ihn als „sonderlichen Privatgelehrten“ vor, mokiert sich über seine Verschrobenheiten und ist doch fasziniert von seinem Geist und angezogen von seinem manchmal kindlichen Gemüt.

Fremd in der Runde erscheint auch Oskar Maria Graf, der bajuwarische Rebell, hemdsärmlig und heimatverbunden – später in seinem New Yorker Exil soll er die meiste Zeit in kurzen Lederhosen herumgelaufen sein – eine eher grobschlächtige Gestalt mit einer zarten gepeinigten Seele. Sie mochten einander, gewiss, aber waren sie Freunde? Hätte die Verbindung gehalten ohne das finanzielle Band? Diese Frage wird Hertha Koenig sich auch selbst gestellt haben. Mäzenatentum macht einsam, ist zumindest nicht eben dazu angetan, ausgewogene Freundschaften gedeihen zu lassen.

Andererseits ist ihr ein Miteinander oft gerade mit den Menschen leichter gelungen, von denen sie durch Stand und Herkunft geschieden war. Das mag für Oskar Maria Graf ebenso gegolten haben, wie damals für den Polsterer Horstmann. Im Rahmen der gesellschaftlichen Konvention sind der Nähe gewissermaßen natürliche Grenzen gesetzt, die Bandbreite der Gefühle ist vorgegeben, das emotionale Risiko bleibt überschaubar.

Mit klarem Blick und lebhafter Anteilnahme schildert Hertha Koenig in ihren Erinnerungen die Menschen, die dem Land ihrer Kindheit angehören, als wären sie daraus hervorgegangen, verwurzelt im Handwerk, in der Viehwirtschaft, Menschen von einem eigenen Schlag, gemächlich, bedächtig, voller Herzenswärme. Munter und unbeschwert geht es zu in der großen Gutsküche, wo das Leben spielt, damals und später, als sie Ende der zwanziger Jahre endgültig nach Böckel zurückkehrt und nach dem Tod des Vaters die Verwaltung der großen Landwirtschaft übernimmt.

Die Gutsfrau, die in den Texten auftaucht, bleibt allerdings am Rand des Geschehens, etwa so, als sähe sie selbst nur zum Fenster hinein in die bollernde Wärme und das rotgesichtige Treiben, als hörte sie nur gedämpft durch Türen das Lachen, den Lärm und die gutmütigen derben Scherze. Sie gehört dazu, und sie tut es auch nicht, sie nimmt die Mahlzeiten allein im Esszimmer ein, und wenn sie die Küche betritt, wird es still. Als Mensch bleibt Hertha Koenig auch dort so einsam, wie sie es ein Leben lang gewesen ist.

Der Schreibenden hingegen bietet dieses Bollwerk einer gelegentlich fast archaisch anmutenden Welt eine gesicherte Basis, um das Geschehen draußen zu betrachten, das wechselvolle Zeitgeschehen in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Nicht Hertha Koenig selbst bezieht in ihren Erinnerungen Position, sondern sie lässt uns aus der Perspektive der Gutsküche an den Umwälzungen und Erschütterungen der Gesellschaft teilhaben. Wie in einem vom Dampf der Töpfe beschlagenen Spiegel tauchen die Ereignisse auf, deren Auswirkungen in diesem entlegenen Winkel des Landes nicht selten eher burleske als tragische Züge annehmen.

Humorvoll und ohne Schäfer, Melker, Kutscher oder Küchenmädchen zu verraten, von oben herab der Belustigung preiszugeben, schildert Hertha Koenig, was Weltgeschehen und Wandel in der Gutsküche bewirken, welche Äußerungen sie hervorrufen, welche gelegentlich bizarren Auswüchse. Sei es die gemächlich beschauliche Art, wie Schäfer Milius den Ersten Weltkrieg begrüßt, der habe kommen müssen, damit die Menschen zu Gott zurückfänden – und endlich wieder den Wert eines Schafes zu schätzen wüssten; sei es das aufmüpfige Gebaren der Hausmädchen, die nach der Revolution das Essen an Sonntagen in rotseidenen Kleidern servieren. Im Dritten Reich wird die Gutsküche der Erinnerung gar zum Hort der Menschlichkeit mit heilsamer Wirkung auf die im Herbst 1944 dort einquartierten Offiziere, die als SS-Leute kamen und als „richtige Menschen“ gingen, wie es heißt – ein Hort, der noch im Rückblick Zuflucht gewährt vor unliebsamen Zweifeln an der eigenen Haltung.

Dass Hertha Koenig die bodenständige, bedächtige und auf ihre Weise doch sehr lebendige Art dieser Menschen so authentisch zu treffen vermag, ist eine ihrer Stärken – allerdings eine, die sie selbst wohl nur bedingt geschätzt hat. Zu fern ist ihre Begabung für das Burleske dem subtilen Feingeist eines Rainer Maria Rilke, zu gewöhnlich das Sujet für den hohen Ton des Pathos und der Poesie. Ihr Anspruch an sich selbst ist ein gänzlich anderer, allemal in jüngeren Jahren.

Vielleicht hätte sie sich mit der lebensnahen Komik ihrer auf Beobachtungen basierenden Erzählweise aussöhnen können, wenn auch ein Oskar Maria Graf – im Übrigen nicht weniger feinfühlig als Rilke, nur eben sehr viel näher am Dasein – ihr zum Vorbild gereicht hätte. Aber bei aller Achtung, die sie ihm zollt, verehrt und bewundert wie den zierlichen dunklen und ihr wahlverwandten Rilke hat sie ihn nicht.

Von Rilke wissen wir, dass er 1917 für einige Monate in Böckel zu Gast war und dort eher verloren im Nebel umherspazierte, bedrängt von der Nässe und den schweren Böden. Sein Missbehagen hat Hertha Koenig gedauert und sehnlich hat sie sich gewünscht, er würde es mögen, ihr Land. Das Dunkle, Geheimnisvolle, das war es doch, was sie miteinander verband. Und als Rilke dann endlich einmal froh von einem Spaziergang heimkam, war sie selig.

Was OMG, wie Oskar Maria Graf von vielen genannt wurde, während langer Wochen in Böckel getan hätte, darüber können wir nur mutmaßen. Wahrscheinlich wäre er mit weit ausholenden Schritten bei jedem Wetter durch aufgeweichte Felder und Wiesen gewandert, zerfurcht im Gesicht von Seelenqualen aber für den Moment doch eins mit den Elementen. Ihn, den Erdverbundenen, hätte sie wohl eher belächelt. Ein schlichter, gewiss begabter und gewiss auch liebenswerter, aber eben doch recht sonderbarer Kauz. Das Zarte in ihm hat sie gesehen, aber nicht, was daraus entstand.

So hat sie womöglich auch den Gehalt des Eigenen nicht erkannt, als es entstand, viele Jahre nach den Blumengedichten. Die Texte, in denen sie mit lebhafter Komik und warmer Anteilnahme erzählt, die Lebenserinnerungen und der Roman Die lippische Rose, stammen aus dem Nachlass. Da hat Hertha Koenig, die einst in ihrer Münchner Zeit unter Künstlern und Literaten verkehrte und selbst keine Unbekannte war, sich längst auf ihr Gut zurückgezogen.

Dort lebt sie über lange Jahrzehnte, eine fast vergessene Dichterin, die wie viele ihrer Generation im Nachkriegsdeutschland kaum mehr Gehör findet. Eine Zeitlang kommen noch Gäste, auch namhafte von Heuss bis Heidegger, und danach empfindet sie die Stille in dem großen winterklammen Haus noch schmerzlicher als zuvor.

Gezeigt hat sie es nicht. Im Gegenteil, sie gilt als unnahbar, sei es aus Scheu, sei es aus Hochmut, gewachsen aus dem Gefühl des Unverstandenseins in ihrer Zeit. Es kränkt sie, dass man sie ignoriert. Und mehr noch, es empört sie. Denn schließlich, davon ist sie überzeugt, hat sie ihren Zeitgenossen etwas zu sagen, all jenen, die gewillt sind, bewährte Tugenden leichtfertig über Bord zu werfen. So ergreift sie denn auch das Wort, Anfang der fünfziger Jahre in ihrem eigenwilligen Monolog An Jedermann, zornig, verletzt, bisweilen amüsiert und ein wenig von oben herab kündet sie darin vom Wert des Herkömmlichen. Und man spürt, wie fern ihr die Gegenwart ist, schon damals, und dass sie den Wandel hin zum Neuen hin nicht mehr vollziehen wird.

Erst der Nachlass hat gezeigt, dass sie in all den darauf folgenden Jahren eine emsige Schreiberin geblieben ist, dass sie nicht aufgegeben, sondern immer neue Stoffe in Angriff genommen hat, obgleich nur noch wenige Texte den Weg in die Öffentlichkeit finden. Angesichts ihrer Fremdheit in der Gegenwart ist es nur konsequent, dass sie sich Vergangenem zuwendet, wobei ihre Erzählweise allerdings eine ganz andere ist als früher.

Die Dichterin, die zu Anfang des Jahrhunderts in einem dunkel drängenden Tonfall Blumen und Landschaften in gleichnishaften Bildern beschwor, schafft jetzt den Figuren ihrer Prosa einen realen Boden, ein solides Gerüst geschichtlicher Zusammenhänge. Und immer öfter entlehnt sie die Figuren selbst einer historisch verbürgten Vergangenheit, sei es im Zuckerkönig, in dem sie die Welt ihrer Vorfahren, vor allem die der Petersburger, auferstehen lässt, sei es in der Lippischen Rose, wo sich Handlungsrahmen und Schauplätze, Hauptpersonen und sogar manche der kleinen Nebenrollen mit Ereignissen und Personen aus der westfälischen Geschichte decken.

Die versunkenen Welten von einst, verfallen und von morbider Schönheit, sind einer realen Kulisse gewichen. Hertha Koenig verbringt viel Zeit in Archiven. Sie arbeitet, sie ist beschäftigt. Sie schreibt. Und sie erfindet. Die Fiktion beginnt dort, wo die Figuren zum Leben erwachen. Und dieses Leben ist prall gefüllt und erdverbunden, nicht ohne den Anklang zarter Töne und doch bar der melancholischen Firnis, die wir von früher kennen.

Womöglich hat Hertha Koenig sich in dieser Art zu erzählen selbst nicht ganz ernst genommen. Sie hat den hehren Anspruch fahren lassen, so war sie frei und konnte aus dem Vollen schöpfen, schlagfertig, erfinderisch, keck. Wie das Kind aus den Erinnerungen, das nicht immer nur Herbstkind war, kommt in manchen der späten Texte eine Person zu Wort, die nicht länger dem raunenden Locken einer düsteren Landschaft huldigt, sondern amüsiert die üppigen Ausschweifungen und das hanebüchene höfische Gebaren in der westfälischen Provinz des frühen achtzehnten Jahrhunderts lebendig werden lässt.

Im eigenen Leben hat sie nicht geprasst. Das eigene Leben blieb still und trotz der materiellen Ausstattung auf seine Weise bescheiden. Sicher, Hertha Koenig hat viele Menschen gekannt, hat mit namhaften Zeitgenossen korrespondiert, ist ihnen begegnet, hat sie eingeladen, hat sie gefördert, ihr geistiger Austausch war vielfältig und rege, aber im Innersten blieb sie für sich. Beherrscht und beherrschend. Böckel war ein großer Betrieb, sie hielt die Zügel fest in der Hand. Und nicht umsonst hat sie wohl der einstigen Mamsell, die in ihrer Kindheit über das Wirtschaftsgebäude herrschte, in den Erinnerungen eine Art Denkmal gesetzt.

Die stattliche Helene, halb Feldherr, halb Furie, führte ein eisernes Regiment, kommandierte die Mädchen, die vor ihr zitterten, und an manchen Tagen traute sich nicht einmal die Mutter in die Küche. In Helenes Stube hingegen war es „still und feierlich“, und dort hat das Kind Hertha Koenig sie besucht: „Bei solchen Sonntagnachmittagbesuchen empfand ich dumpf die verborgene Innigkeit dieser einsamen, stolzen Helene, von der außer mir vielleicht niemand etwas ahnen durfte …“ Als sie das schrieb, war sie eine alte Frau, die im Rückblick in der „verborgenen Innigkeit“ der stolzen Helene wohl auch etwas von sich selbst erkannte.

Und dann später, als sie die meisten ihrer Generation überlebt hat und so auch die lebhafte Korrespondenz zum Erliegen kam, war sie allein mit Maria. Das Fräulein Maria, Maria Schiffmann, Haushälterin und Vertraute, der einzige Mensch der sie beinahe ein Leben lang begleitet hat.

Maria kam als junges Mädchen, treuherzig und eifrig und fromm, aus Bayern nach Böckel, las in den Nächten bei Kerzenschein, während die anderen Dienstmädchen sich vergnügten oder schliefen, übernahm Verantwortung und stieg schon bald in der Hierarchie der Gutsküche auf. Das wird Hertha Koenig gefallen haben. Und Maria blieb, heiratete nicht, zog nicht fort, begleitete sie bis zu ihrem Tod und starb selbst wenige Wochen darauf.

Noch einmal wiederholt sich das Muster. Die Rollenverteilung ist durch Stand und Herkunft festgelegt, und innerhalb des vorgegebenen Rahmens gelingt ein Miteinander. Die Spielregeln waren die herkömmlichen, die Form blieb gewahrt, aber im Alter werden das Fräulein und die Gutsfrau Wege gefunden haben, um manche Distanz zu überwinden.

Am Ende waren sie einander unentbehrlich, denn am Ende haben sie alles geteilt – die Abgeschiedenheit, das Gleichmaß der Tage, der Wochen, der Jahreszeiten, die Winterstürme, die klamme Kälte, die langen Stunden der Dunkelheit. Und dann wieder die warmen Winde, die sommerliche Sanftmut des Landes, die zögerlich steifen Schritte hinaus ins Licht. Wie oft noch. Und wie lange schon. In der steten Wiederholung verlieren die Bilder an Schärfe. Die Konturen verschwimmen. Irgendwo dort verliert sich die Spur.

Stefanie Viereck

Auftakt

Im Herbst des Kriegsjahres 1940 fand sich der Brief eines Herrn Eduard Strasdowski unter meiner Gutspost, mit der Bitte, sein gestriges Reiseerlebnis mitteilen zu dürfen.

„… Als Flüchtling in ein Altersheim nahe Osnabrück verschlagen, saß ich im Vorortzug. Mein Gegenüber redete mich an und erkundigte sich mit hartnäckiger Ausdauer nach meinem Woher: ein kleiner Herr mit dünner Stimme, den das Übertönen des Zuggeräusches Anstrengung kostete.

‚Sie stammen?‘

‚Aus dem Baltikum.‘

‚Ihr Beruf?‘

‚Landwirt.‘

‚Wo haben Sie gearbeitet?‘

‚In der russischen Ukraine.‘

‚Welche Gegend?‘

‚Gouvernement Charkow.‘

‚Wie hieß Ihr Herr?‘

‚Koenig.‘

Da horchte jemand aus der anderen Ecke auf Ein korpulenter Mann erhob sich, um näher an uns heranzurücken, und sagte: ‚Hier sind auch Koenigs.‘ Mein Gegenüber lachte auf und meinte, in Hamburg stehe dieser Name an jedem sechsten Haus.

Ich erklärte: ‚Die Meinen waren von deutscher Abstammung, hatten jedoch zwei Generationen in Russland gelebt.‘ – ‚Ja, ja‘, accordierte der andere, ‚das hier sind auch solche Koenigs.‘ Da der Zug in die Station einfuhr, bat ich schnell um den Wohnort. Ein Gut nahe der Stadt B…“

Ich musste dem Schreiber auf seine Fragen antworten, dass von der vorigen Generation der Koenigs niemand mehr lebe. Es würde mir jedoch eine Freude sein, ihn bei mir zu begrüßen. Und eines Nachmittags stand ich der Hünengestalt meines unbekannten Gastes gegenüber. Er war damals hoch in den Siebzigern, aber beweglich, wie von einem inneren Feuer jugendlich wachgehalten. Bald wurde er durch seine angenehme Art der Unterhaltung der Mittelpunkt unseres kleinen Kreises: Einige Flüchtlinge und Verwandte hatten sich zusammengefunden, die gleich ihm aus der Heimat vertrieben worden waren. Nur beiläufig erwähnte er das schöne Haus in Libau, das sein Vater, der Baumeister, ihm und seiner Frau errichtet hatte, aus dem sie dann mit nichts als einem Rucksack gen Westen fliehen mussten. Seine Gedanken waren dort nicht hängen geblieben. Sie hatten immer ein weites Feld vor sich, das, von Vergangenheit und Zukunft nicht abhängig, ihm unverlierbar gehörte.

Die Herbstabende wurden länger. Wir warteten ungeduldig auf den Augenblick nach dem Abendessen, da man sich zusammensetzte und seiner wohlklingenden Stimme zuhörte. Er hatte schon manches Erlebnis aus Südrussland erwähnt. Nun bat ich: „Erzählen Sie uns mehr von der Zeit bei meinem Großvater.“ – „Ja, vom Zuckerkönig“, stimmten die anderen bei. Er legte sinnend die Hand ans Kinn. Ein kleines verneinendes Kopfschütteln: „Warten wir noch damit. Ich möchte vorher die Bände über sein Lebenswerk durchlesen, die ich hier in der Bibliothek fand. Dann wird mir alles von früher ins Gedächtnis kommen, und ich kann Ihnen genauer berichten.“

Da er unsere Enttäuschung bemerkte, sagte er:

„Ich werde Ihnen inzwischen aus dem Leben meiner eigenen Vorfahren mitteilen, wenn Sie daran Gefallen finden. Manche Einzelheit wird mir zwar entfallen sein. Man war noch ein Kind, als die Verwandten im Elternhaus von diesen Dingen erzählten; man hörte nur mit halbem Ohre zu. Weil sie aber immer wieder darauf zurückkamen, ist doch einiges haften geblieben …“

Der Fährenschreiber von Libau
UM 1740

Einst, wenn in Novembernächten der Sturm aus dem Eismeer gen Süden, gen Abend, sich aufmachte und sein Wesen trieb, ging ein gewaltiges Zittern durch das alte Russland.

Jeder kannte die unheimliche Gestalt dieses Sturmes. Man brauchte ihn nur als Kind gehört haben, um zu wissen, wie er aussieht: der göttliche Zorn, leibhaftig geworden, auf seine Opfer losgelassen. Und er fand jeden, packte die Gewissen und schüttelte sie so lange, bis alle unguten Taten wachgerüttelt wurden. All die kleinen Verfehlungen der Unwahrheit und Eigenliebe, die großen gehässigen Taten der Willkür und Selbstherrlichkeit. Plötzlich waren sie der Reihe nach aufgestanden, um kein Haar kleiner geworden, wie lange sie auch zurückliegen mochten. Und manchmal hielt der Sturm für Augenblicke seinen gewaltigen Atem an, blieb stehen, bewegungslos, damit jeder recht zur Besinnung kommen sollte. Dann holte er von Neuem aus. Peitschenhiebe pfiffen durch die aufgeregte Luft und sausten auf die sündige Menschheit nieder. Das war der Zorn Gottes. Jeder wusste, dass er ihm galt, vor allen anderen ihm. Die Augen entsetzten sich beim Anblick all der Verfehlungen und Laster. Der Blick wandte sich gen Himmel, Knie beugten sich und Lippen flehten: „Herr, erbarme Dich unser!“

Draußen in der großen Steppe, an den Rändern der unwegbaren Waldungen, geht ein Krachen und Bersten um wie Haubitzen- und Kanonendonner. Aber keine Menschenseele hört es. Nicht einmal der Hirte, der bei den Pferden Wache hält. Er zieht sein Schaffell über den Kopf und sucht Schutz in einer Bodensenke. Die Pferde kommen ihm nach, dicht neben ihm aneinandergedrängt hinter aufgetürmten Schneewächten. Nun mag der eisige Sturm über sie hinwegjagen. Der Hirte hat mit seinen Tieren in Eintracht gelebt, ohne Hoffart und Bosheit. Aber er weiß, dass das göttliche Gericht auch ihm gilt, ihm und seiner Herde: „Herr, erbarme Dich.“

Die Stimme des Sturmes ist so gewaltig, dass sie seine eigenen Taten überdröhnt. In der Stadt kann es geschehen, dass er ein Hausdach mit einem Griff von unten her fasst, es hochhebt und fortträgt, wohin es ihm gefällt, ohne dass der nächste Nachbar etwas davon merkt. Darum war es auch möglich, dass in solchen Nächten das Schicksal in die Lenkung des Russenreiches eingriff, dem einen Herrscher die Zügel aus den Händen riss, um sie einem anderen zuzuwerfen; und Tage vergingen, bis es laut wurde.

Im Jahre 1737 verlieh die damalige Zarin Anna Iwanowna ihrem Günstling Biron die Würde eines „Herzogs in Kurland“.

Adel und Bürgerschaft gerieten außer sich:

„Wie kommt die Zarin dazu, uns ihren Kammerkavalier aufzudrängen?!“

Bisher hatten sie sich immer noch als freie Bürger und Adelsherren gefühlt, wie einst zur Zeit der Ordensritter. Seit jedoch der neue Statthalter seine Macht ausübte, lag ein Druck und eine Beklemmung über den Kurländern, die ihrem altererbten ständischen Freiheitsgefühl widersprach. Obgleich er ihres Stammes war, stand er an Willkür und Grausamkeit den einstigen Bojaren nicht nach. „Was soll uns dieser Stallmeister?“, flüsterte sich der kurländische Hochadel verächtlich zu und deutete damit auf den allzu raschen Aufstieg aus bescheidenen Verhältnissen zum Besitzer von Schlössern und Herrschaften, zum Prinzen und Machthaber hin.

Und all dies erreichte dieser Mann durch die persönliche Gunst einer Herrscherin, die ihm nicht nur allein ihr Herz, sondern sehr bald auch die Regentschaft ihres gewaltigen Reiches in die Hände spielen sollte.

Unweit des Libauer Strandes verband ein Flusslauf das offene Meer mit einem großen Binnensee. Damals war der Fluss noch nicht zum Kanal ausgebaut. Selbst für die größten Segler genügte die Mündung des Flusses, obgleich sie nur bei günstigen Winden eine Tiefe von fünfzehn Fuß erreichte.

Wo das Flussufer ein wenig anstieg, lag ein Blockhäuschen, aus Rundhölzern sauber zusammengefügt. Dicht daneben stand ein Schuppen, in dem sich die Gesindewohnung und eine kleine Stallung befanden und an dessen Sonnenseite sich die Ständer zum Trocknen der Fischnetze entlangzogen. Das kleine Gehöft verbarg sich hinter breitästigen Linden, und ein paar Reihen weißstämmiger Birken wiesen von weitem den Weg dorthin. Wenn an Winterabenden das Licht durch die wehenden Zweige schimmerte, kam dem fremden Wanderer etwas entgegen von dem Frieden und Behagen drinnen: wie es nur bei Menschen zu Haus’ ist, die nicht über ihre Pflicht zu stöhnen pflegen, sondern gern noch etwas darüber hinaus leisten, soweit ihre gesunden Kräfte reichen, und die an einem vertrauten Familienleben ihr Genüge finden. Dieses kleine Anwesen war schon von alters her Eigentum des Fährenschreibers von Libau.

Die Fähre stellte auf dem Landwege die einzige Verbindung zwischen Süden und Norden her. Immer wieder tauchten zwar Pläne für einen Brückenbau auf, aber man kam allemal zum gleichen Schluss: dass es zu schwierig sei, des starken Eisgangs wegen und zu teuer für den Geldsäckel der Stadt.

Der Fährenschreiber war der Verwalter der Fähre. Er hatte dafür zu sorgen, dass die Reisenden herüber und hinüber befördert wurden, damit sie das offene Meer erreichten oder drüben die Straße für ihren Heimweg. Mit diesem Amt wurde nur einer der zuverlässigsten Bürger betraut. Darum war es Ehrensache, dass es in der Familie verblieb. Mit dem Amt vererbte sich auch das kleine Anwesen und mit ihm gleichsam Friede und Behagen der sauberen, geordneten Häuslichkeit. „Glückliche Menschen!“, hieß es, wenn die Rede auf den derzeitigen Fährenschreiber Johann Vahrenhorst kam.

Und nun? Der Fährenschreiber hatte ehemals nur eine Obliegenheit: die gewissenhafte Ausübung seines Dienstes. Als eine Art Beamter schuldete er dem Staat Rechenschaft über Zoll- und Frachtgelder. Seit der Ernennung des Prinzen Johann zum Herzog von Kurland wurden ihm jedoch noch andere Pflichten auferlegt. Der Herzog hatte ihn in den fragwürdigen Stand eines Gehilfen seiner Geheimpolizei erhoben. Er sollte nun ganz unauffällig den Adel kontrollieren, der ins Ausland fuhr. Wenn es galt, Equipagen überzusetzen, sollte er die Dienerschaft veranlassen, auszusteigen, um Ziel und Zweck der Reise zu erfragen.

„Ich kann es nicht!“, sagte er zu seiner Frau, als er zum ersten Mal einen solchen Bericht zu erstellen hatte. Und die Frau sah erschrocken, wie ihr starker, ruhiger Mann vor einem Notizheft saß, den Kopf in beide Hände gestützt. Sie versuchte, ihm zuzureden. Es sei doch höherer Befehl, dem er gehorchen müsse. Da bemerkte sie, dass seine Schultern wie in verhaltenem Schluchzen zuckten. Noch nie hatte sie ihn so gesehen. Sie umfasste ihn, als müsste sie diese Schultern festhalten. „Ich habe mich zeitlebens bemüht“, stieß er hervor, „ein rechtschaffener Mensch zu sein, und nun –“ Da er sah, dass sein sechsjähriges Töchterchen zur Tür hereingeschlüpft war, hielt er inne, bis die Mutter die Kleine unter freundlichem Zureden hinausgebracht hatte. „Johann“, sagte sie zurückkommend, „Gott sieht ins Herz. Er weiß, dass du nicht schuldig bist.“

Er blickte ratlos vor sich hin. „Ich soll sie ausfragen, während ich das Fährgeld kassiere, soll Notizen machen und hernach Bericht erstatten, hat der Beamte des Herzogs verlangt. Wie kann ich vermuten, wodurch ich sie in ihr Unglück jage, womit ich einen Verdacht errege? Hätten sonst zufrieden weitergelebt, womöglich harmlose, unschuldige Menschen. Man kennt doch diesen Herzog!“

„Wenn du den Menschen nichts Böses zufügen willst, wird Gott es nicht zulassen, dass sie Schaden durch dich leiden!“

Johann Vahrenhorst war schwer und grüblerisch veranlagt. Wie oft hatte er seine Frau im Stillen beneidet, wenn sie so vertrauensvoll ihr Morgengebet verrichtete und darauf gestärkt und heiter ihren Tag begann. „Ich kann das nicht!“ dachte er dann jedes Mal mit einem wehmütigen Zug um den Mund. ‚Wenn du den Menschen nichts Böses zufügen willst, wird Gott nicht zulassen, dass sie Schaden durch dich leiden.‘ Diese Worte wiederholte er sich in Gedanken. Der Sinn ging merkwürdig in ihn ein. Hatten ihre starken Hände seinen Schultern ein Geheimnis aufgedrückt in diesem Augenblick seiner Schwäche? Er fühlte Befreiung. Hatte sie an ein göttliches Gesetz gerührt? Wenn es wirklich so wäre, wie sie eben gesagt hatte? Und es wallte in ihm auf: „Nie jemand etwas Böses wünschen oder gar zufügen, nie!“

Da wusste er, dass er gebetet hatte. Als die kleine Lisa wieder die Tür öffnete, war nichts mehr zu merken von der erdrückenden Schwere, die soeben noch den Raum erfüllt hatte.

Was wird werden? Für das russische Volk gab es diese Frage nicht. Auch nicht die Frage: Was ist? Wie heißt unser jetziger Zar? Mancher alte Bauer hätte mit Gewissheit den Namen des vorvorigen genannt. Wie sollte auch die Kunde von so raschem Wechsel im zeitlichen Geschehen zu ihnen in die weite, grenzenlose Ebene gelangen?

Dort wusste man nur: Es war einmal? Nein: Immer, solange die Welt steht. Es war das Mütterchen Erde. Streng und hart konnte es sein: wenn die Arbeit eines Sommers, der unsägliche Fleiß und Schweiß in den ausgedörrten Furchen wie ein selbstverständliches Opfer verrauchte. Ohne Trost, ohne Entgelt. Ja, es gab harte Zeiten. Gott hatte es so gewollt, als er die ersten Menschen aus dem Paradies treiben musste, weil sie ungehorsam gewesen waren. Heute noch war Mütterchen Erde seine Vollstreckerin. Das Leben aber blieb deshalb immer noch schön. Es gab Feste. Da war alles so bunt, dass einem die Augen übergingen. Die Sarafane der Mädchen und die blumigen Bänder über den weißen, buntbestickten Hemden flogen, in deren Flattern sich die Töne der Balalaika verfingen. Die Männer wurden heiß bei dem schweren Tun des Tanzens: nieder auf den Boden, die Beine waagerecht vorgeschnellt, abwechselnd seitlich und geradeaus, wie um die Erde zu beschwören, dass sie sich auftue. Und mit einem fliegenden Satz wieder hochgeschnellt, wie eine Gerte stehend vor der Schönen. Was sich auftut, ist ein bewundernder Blick aus ihren Augen. Und sie fliegt ihm in den Arm. Sie kann gewiss sein, dass diese bewunderte Kraft sie zart und behutsam umfasst. Da gab es auch nicht einen, der mit gelangweiltem Gesicht abseits gestanden hätte. Ein magischer Strom, der alle auf seine Wogen hob, um sie in das verheißene Land zu führen, alle mit den glühenden Wangen und den funkelnden Augen. Solche Feste gibt es nur in einem Land, wo das tägliche Leben schwer, hart und einfach ist.

In den Städten aber ging die Frage um: Was wird werden? Aus dem Westen war diese Frage gekommen. Dorther stammte auch der neue Herzog von Kurland.

„Er wird dem Adel noch verbieten, vierspännig zu fahren!“

„Gewiss doch, was meint ihr wohl, was ihm das Branntweinmonopol einbringt? Mindestens 150 000 polnische Florin. Das hat er alles uns gestohlen, fließt alles in seine Privatschatulle!“

„Er wird auch noch den gesamten Getreidehandel unseres armen Landes an sich ziehen. Man hat schon so allerlei gehört. Die Bauern sagen ihm nach, dass er Kornwucher treibe mit Hilfe seiner Proviantmeister!“

Im Oktober 1740 kam die Nachricht aus Moskau, dass die Zarin Anna Iwanowna gestorben sei. Was wird werden? Prinz Iwan Antonowitsch, den die Zarin zum Nachfolger bestimmt hatte, war ein Säugling von wenigen Monaten. Man erwartete die Regentschaft seiner Mutter, der Prinzessin von Braunschweig.

Der Herzog von Kurland hatte es anders beschlossen. Was ihm seine Gönnerin während ihrer Lebenszeit noch nicht gewähren konnte oder wollte, erreichte er nun mühelos. Denn er veranlasste sie, ihm auf dem Sterbebett die Regentschaft für den kleinen Prinzen Iwan zu übertragen.

Dies geschah gerade um die Zeit, da der Oststurm vom Eismeer sich aufmachte und an die Gewissen rührte. Der Herzog achtete nicht auf diese Stimme. Hatte er die Lenkung seines Schicksals nicht selbst in die Hand genommen? Alles entwickelte sich mit jener Folgerichtigkeit, an die zu glauben seinem aufgeklärten Geist entsprach. Wen sollte er noch über sich fühlen?

Stand er nicht in der Reihe derer, die vor ihm bewiesen hatten, dass hier ein starker Herrscherwille schlechthin alles vermag? Er hatte schon zu Lebzeiten der Zarin durch seine Reformen gezeigt, dass er wohl geeignet war, das Werk Peters des Großen fortzusetzen. Jetzt galt es, als sein Nachfolger in die Geschichte einzugehen. Was ihm fehlte, war allein die göttliche Aureole seiner Vorgänger. Nur ein Zar, in Moskau vom Patriarchen gekrönt und gesalbt, wurde als Vollstrecker des göttlichen Willens, als „Väterchen Zar“ verehrt und von den Gebeten der Millionen seiner Untertanen getragen, als die höchste irdische Autorität, die er war und blieb, mochte er noch so willkürliche Ziele verfolgen.

Solcher Erwägung konnte der neue Regent nur mit einem Lächeln begegnen. Das gehörte einer überwundenen, einer mythischen Vergangenheit an. Er aber, der Anhänger der Lehre eines Fermat, eines Locke, die er auf der Universität in Königsberg studiert hatte, er durfte s

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Der Zuckerkönig" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen