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Der Zorn der Gerechten

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Buch 1: OPFER
  6. Kapitel 1
  7. Kapitel 2
  8. Kapitel 3
  9. Kapitel 4
  10. Kapitel 5
  11. Kapitel 6
  12. Kapitel 7
  13. Kapitel 8
  14. Kapitel 9
  15. Kapitel 10
  1. Buch 2: FLÜCHTLING
  2. Kapitel 11
  3. Kapitel 12
  4. Kapitel 13
  5. Kapitel 14
  6. Kapitel 15
  7. Kapitel 16
  8. Kapitel 17
  9. Kapitel 18
  10. Kapitel 19
  11. Kapitel 20
  12. Kapitel 21
  13. Kapitel 22
  1. Buch 3: ZORN
  2. Kapitel 23
  3. Kapitel 24
  4. Kapitel 25
  5. Kapitel 26
  6. Kapitel 27
  7. Kapitel 28
  8. Kapitel 29
  9. Kapitel 30
  10. Kapitel 31
  11. Kapitel 32
  12. Kapitel 33
  13. Kapitel 34
  1. Epilog
  2. Dramatis Personae
  3. Fußnote

Über den Autor

David Weber ist ein Phänomen: Ungeheuer produktiv (er hat zahlreiche Fantasy- und Science-Fiction-Romane geschrieben), erlangte er Popularität mit der HONOR-HARRINGTON-Reihe, die inzwischen nicht nur in den USA zu den bestverkauften SF-Serien zählt. David Weber wird gerne mit C. S. Forester verglichen, aber auch mit Autoren wie Heinlein und Asimov. Er lebt heute mit seiner Familie in South Carolina.

Die Finsternis zerfaserte.

Langsam, fast unmerklich, selbst für ein Wesen wie sie, löste sich das ganze Gewebe der Finsternis auf. Kleine Stückchen Frieden trieben davon, und der Puls des Lebens beschleunigte sich. Sie erhob sich – verschlafen beklagte sie sich über die Störung und klammerte sich an die Finsternis, wie ein Schläfer an einem frostigen Morgen seine Decken um sich schlingen mochte. Doch die Ruhe zerfiel ihr unter den Händen, und sie erwachte … in Finsternis.

Doch es war eine andere Art der Finsternis, und ihre Gedanken wurden klarer und klarer, als die Kälte über sie hinwegfegte, ihr auch noch die letzte Wärme nahm. Ihre Essenz tastete um sich, rasch und drängend, in einem Gefühl, das ein Sterblicher vielleicht ›Angst‹ genannt hätte – doch nur Leere war die Antwort, und wie eine Klinge durchfuhr Trauer ihren Leib.

Sie waren fort – die Schwesternwesenheiten ihres Selbst, und auch deren Schöpfer. Sie alle waren fort. Sie, die nie als eine eigenständige Wesenheit existiert hatte, war alleine, und die Leere rief nach ihr, wollte sie verschlingen, und sie war nur noch ein Schatten dessen, was sie einst gewesen war … ein Schatten, der den Sog der Einsamkeit fühlte, der einen seelenlosen Sirenengesang hörte, frei von jeglicher Boshaftigkeit, wie ihn nur das Nichts, die Verkörperung der Auslöschung selbst hervorzubringen vermochte.

Mit zielgerichteten Gedanken schuf sie einen Schutzwall um sich und hielt damit die Leere ab. Einst wäre ihr das ohne jegliche Mühe gelungen, doch nun zerrte es an ihr wie ein schwerer Anker – es war ein Gewicht, das sie noch zu tragen vermochte. Sie wurde noch ein wenig wacher, ihr Bewusstsein durchzuckte die gewaltigen, leeren Höhlen ihres eigenen Wesens, und war entsetzt davon, was sie sehen musste. Wie tief sie gesunken war, wie viel sie verloren hatte.

Und doch war sie, was sie nun einmal war. Sie mochte geschwächt sein, aber sie war sie selbst, und ein Funken grimmiger Belustigung regte sich in ihr. Einst hatten sie und ihre Schwestern genau darüber nachgedacht. Sie hatten darüber gesprochen, hatten einander in der Stille des Schlafes zugeflüstert, als ihre Herren gerade keine Aufgaben für sie hatten. Das unbedingte Vertrauen hatte ihre Schöpfer herbeibeschworen, sosehr sie das auch bestreiten mochten, und tief in ihrem Innersten hatten sie alle gewusst, ging dieses Vertrauen verloren, so galt dies auch für jene, denen sie dienten. Doch was war mit ihnen, mit ihrem eigenen Selbst? Würde das Werk ihrer Schöpfer mit eben jenen Schöpfern vergehen? Oder hatten sie alle, unwissentlich oder voller Gleichgültigkeit, eine Macht erschaffen, die sie alle womöglich überleben würde?

Und nun kannte sie die Antwort auf diese Frage … und verwünschte sie. Die Letzte zu sein und in genau diesem Wissen zu erwachen, jene Wunde zu spüren, dort wo all das Selbst ihrer anderen Wesenheiten hätte sein müssen, war grausamer als jede Rache, die sie selbst einst genommen hatten. Und zu wissen, wie sehr ihr eigenes Selbst in sich geschrumpft war – sie, die einst die Ungestümste und Entsetzlichste all ihrer Wesenheiten gewesen war! –, trieb das Leid in unvorstellbare Ausmaße.

Sie schwebte in jener Dunkelheit, die ihr keinen Trost mehr zu spenden vermochte, sehnte sich nach dem Frieden, den sie verloren hatte, selbst wenn sie ihn nur darin würde finden können, nicht mehr zu sein, und doch spürte sie tief in ihrem Innersten eben jenen Zweck, für den sie einst geschaffen worden war. Das Bedürfnis zu handeln und ein unersättlicher Hunger ließen sie erzittern, und geduldig oder friedfertig war sie noch nie gewesen. Irgendetwas in ihrem Innersten knurrte voller Zorn ihre verschwundenen Schöpfer an, verwünschte sie dafür, sie ohne jegliche Anweisung zurückgelassen zu haben, ohne jeglichen Zweck. Zitternd stand sie kurz davor, eine Entscheidung zu fällen. In ihrer Einsamkeit sehnte sie den Tod herbei, aber ein noch ungeformtes und doch unbändiges Bedürfnis trieb sie dazu weiterzuleben.

Und dann spürte sie, ganz am äußersten Rand ihrer Wahrnehmung, noch etwas anderes. Wie ein zartes Rinnsal durchzog es die Schwärze, schwächer noch als sie selbst, und so streckte sie sich danach aus. Sie griff danach und erschauerte, als sie begriff, was sie dort ertastete. Es war jenes Echo, jener Spiegel, den sie aus halb vergessenen Träumen kannte, und es war gleißender, schärfer als je zuvor. Alle denkbaren Entwicklungen, alle Möglichkeiten, waren zu einer einzigen zusammengefallen – diesem einen, kondensierten Moment, in dem dieses Echo sich der Entscheidung stellen musste, die zu erreichen sie beide einen so langen Weg hatten zurücklegen müssen.

Tastend griffen ihre Gedanken danach, und in lautlosem Entsetzen bemerkte sie den rohen, unbändigen, grausamen Hass – und die unbändige Kraft, die von diesem matt verglimmenden Stück Kohle ausging, das nun in wortloser Qual aufschrie. Das alles kam nicht von ihren Schöpfern, sondern von einer Sterblichen, und doch war sie erstaunt, welche Kraft davon ausging. Auf ihre Berührung hin glomm die glühende Kohle heller auf, loderte, verbrauchte in ihrer Verzweiflung ihre letzten Kräfte. Alles schrie nach ihr, in einem verzweifelten Flehen kräftiger denn je, kräftiger noch, als ihre Schöpfer selbst es einst gewesen waren, und ebenso, wie sie es in ihren Traumgedanken gekannt hatte, erkannte es sie. Es kannte sie! Nicht namentlich, nicht als Wesen, sondern als das, was sie eigentlich war. Das Leid dieses Sterblichen umschloss sie wie ein Schraubstock, rief sie aus der Leere zu sich, auf dass sie erneut ihre eigentliche Funktion erfülle.

Kapitel 1

Der Sturmshuttle kauerte auf dem Pferch wie ein manifest gewordener Fluch, umweht von vereinzelten, umhergetriebenen Schneeflocken. Rauch vermischte sich mit dem Schnee, brachte den erstickenden Gestank verbrannten Fleisches mit sich, und von den Mündungen der Energiekanone und der Geschütze stieg Dampf auf, als eisige Schneeflocken mit einem Zischen verkochten. Zerfetzte Megabisons lagen rings um die Landestützen, ihre genetisch modifizierten Kadaver von mehr als anderthalb Tonnen Gewicht durch Explosivstoffe in Stücke gerissen und in einen blutigen Brei verwandelt.

Die Scheunen und Ställe waren nur noch schwelende Ruinen, und die Pferde und Maultiere, die am Zaun aufgestapelt lagen, schrien mittlerweile nicht mehr. Zunächst waren sie nicht geflohen, denn sie hatten schon öfter gehört, wie sich Shuttles genähert hatten, und die einzigen Menschen, denen sie jemals begegnet waren, hatten sie gut behandelt. Sie waren dort stehen geblieben und hatten gewartet und neugierig zugeschaut, wie die Besucher ausgestiegen und auf die Gebäude des Gutshofs zugestapft waren.

Nun verriet eine lange Reihe abgeschlachteter Tierkadaver, dass sie zuletzt doch noch in Panik die Flucht ergriffen hatten.

Sie waren nicht alleine gestorben. Vor dem Tor lag die Leiche eines Menschen; ein Junge, vielleicht fünfzehn Jahre alt – es war fast unmöglich, das noch zu erkennen, nachdem der Kugelhagel schließlich geendet hatte. Der Junge war ins Freie gestürmt, um das Tor zu öffnen, als die Morde begonnen hatten.

Einer der Angreifer trat aus dem klaffenden Türrahmen dessen, was einst ein Haus gewesen war, und schnallte seinen Gürtel zu. Hinter ihm hörte man einen gebrochenen, wortlosen Laut, ausgestoßen von einem Wesen, das vor mehr als einer Stunde aufgehört hatte, ein Mensch zu sein. Ein letzter Pistolenschuss krachte. Der Laut verklang.

Der Angreifer zog seinen Kampfanzug zurecht, dann schob er sich zwei Finger in den Mund und ließ einen schrillen Pfiff ertönen. Der Rest seines Trupps trat aus dem Haus und aus den verschiedenen Scheunen; einige von ihnen hatten bereits zahlreiche Wertgegenstände zusammengerafft.

»In vierzig Minuten rufe ich den Frachter!« Mit einer Geste bedeutete ihr Anführer ihnen, sich zu beeilen, dann deutete er auf die freie Fläche neben dem Sturmshuttle. »Tragt alles zusammen, damit man das Wichtigste heraussuchen kann!«

»Was ist mit Yu und den anderen?«, fragte irgendjemand und deutete mit dem Kinn auf den toten Angreifer, immer noch fest umklammert von dem weißhaarigen Leichnam, der ihn getötet hatte. Mehrere Gewehrschüsse hatten den alten Mann fast in Stücke gerissen, doch Yus Gesicht war zu einer Grimasse des Entsetzens erstarrt, und mit seinen kalten, steifen Händen umklammerte er das blutige Eis an seinem Unterleib – dort, wo das Kampfmesser seine Panzerung durchdrungen und seinen Bauch aufgeschlitzt hatte. Der Anführer zuckte mit den Schultern.

»Seht zu, dass bei denen nichts mehr gefunden werden kann, und dann lasst sie liegen. Die Behörden werden sich freuen, dass es irgendjemandem letztendlich doch gelungen ist, zumindest ein paar der Piraten zu erledigen. Warum sollten wir sie enttäuschen?«

Er schlenderte zu Yu hinüber und blickte mit gequälter Miene auf ihn herab.

Dieser Idiot hat doch immer wieder vergessen, dass das hier ein echter Job ist, nicht bloß eine weitere (Gelegenheit zu einem kranken Nervenkitzel. So selbstsicher ist er angestürmt und wollte den alten Dreckskerl ein bisschen verprügeln. Und jetzt so etwas.

Der Anführer schüttelte den Kopf und fragte sich, wer dieser alte Mann wohl gewesen sein mochte.

Wenn da nicht dieses Kind gewesen wäre, hätte er noch viel mehr von uns erwischt, ganz egal, wer er auch gewesen sein mag.

Bäuchlings hatte sich der alte Mann hinter einer Tränke versteckt, so dass niemand ihn bemerkt hatte. Und niemand hätte auch nur vermutet, dass er sich dort befand, wenn er nicht seine Deckung aufgegeben hätte, um zu verhindern, dass der Kleine ins Freie lief. In dem Augenblick hatte Yu ihn bemerkt und war herangestürmt, um ihn mit dem Kolben seines Sturmgewehrs niederzuschlagen.

Aber ganz so ist es nicht gelaufen, was, Sergeant Yu?, dachte der Anführer gehässig. Der alte Dreckskerl hat dich ausgeweidet wie einen Fisch … und dann hat er mit deiner verdammten Waffe drei weitere von uns erschossen, bevor wir ihn endlich ausschalten konnten.

Und nicht einmal damit hatte es aufgehört. Die Verzögerung, die sich daraus ergeben hatte, diesen Alten zu erledigen, hatte dem jungen Mistkerl im Haus genug Zeit verschafft, seine eigene Waffe zu holen. Fünf weitere dieser ›Piraten‹ hatte er umgebracht, bevor er selbst endlich zu Boden stürzte – und er hätte noch mehr von ihnen töten können, wenn seine Pistole nicht ein Modell vom zivilen Markt gewesen wäre, mit einem entsprechend kleinen Magazin. Sie hatten ihn erwischt, als er gerade nachlud, und ihn erledigt, bevor er noch mehr Schaden anrichten konnte.

Wenn Alexsov davon hört, wird es gewaltig Ärger geben, dachte der Anführer. Und Gott allein weiß, wie Shu reagieren wird!

Ein Schauer durchfuhr ihn, der sich für ihn arg nach Panik anfühlte, trotz der eisigen Entschlossenheit, mit der er die Frage des Mannes beantwortet hatte. Er wusste, er hätte den Frachter wirklich schon längst herbeirufen müssen, und früher oder später würde er genau das auch tun müssen.

Aber jetzt noch nicht, sagte er sich. Noch nicht! Nicht, bevor ich das nicht verdammt noch mal muss! Und wenigstens hat der alte Knacker diesem Vollidioten hier verpasst, was er verdient hat. Eigentlich sollte ich mich dafür bei ihm sogar bedanken.

Der Anführer hatte sich schon vor langer Zeit dafür entschieden, jegliche Menschlichkeit abzulegen, doch um jemanden wie Yu würde er ganz gewiss erst recht keine Träne vergießen. Er wandte sich um und gab erneut Handzeichen, und sein Einsatztrupp machte sich wieder auf den Weg zurück in den Rauch, die Ruinen und das Leid, um mit den Plünderungen zu beginnen.

Wie eine Todesfee erhob sie sich aus dem Schnee, gekleidet in einen weißen Pelz; bernsteinfarbenes Haar umwehte ein ovales Gesicht, und in ihren smaragdgrünen Augen glomm Höllenfeuer. Der Kommunikator, mit dem man sie herbeigerufen hatte, wog schwer in einer Tasche ihres Parkas. Sie stapfte durch die weiße Landschaft; ihr Pferd war schon lange zusammengebrochen, seine Flanken zuckten nicht mehr, der Schweiß des Tieres gefror schon. Sie hatte geweint, weil das Tier so gehorsam alles getan hatte, was sie ihm abverlangt hatte, doch nun waren ihr keine Tränen mehr verblieben. In ihr pulsierte der ›Ticker‹, und die Zeit erschien ihr unendlich langsam und unbeholfen, während die eisige Luft ihre Lunge zu versengen schien.

Sie hatte das Modell des Sturmshuttles erkannt – es war eines der alten Boote der Leopard-Klasse, alles andere als neu, aber immer noch einsatzfähig-, und sie hatte auch die Angreifer gezählt, die sich um ihren Anführer versammelt hatten. Vierundzwanzig – und dazu kamen die Leichen im Schnee, in der Nähe ihres Großvaters, und die anderen, die vor dem Haus zusammengebrochen waren. Insgesamt also dreiunddreißig. Damit ist ein Shuttle der Leopard-Klasse vollständig besetzt, meldete der Computer in ihrem Gehirn emotionslos. Also ist niemand mehr an Bord. Das bedeutete, dass niemand sie mit den Geschützen des Shuttles umbringen konnte … und dass sie noch mehr von ihnen töten könnte, bevor sie selbst den Tod fand.

Mit der linken Hand tastete sie nach dem Messer an ihrer Hüfte, dann umklammerte sie mit beiden Händen ihr Gewehr. Ihre Gegner waren mit Sturmgewehren ausgestattet, einige hatten auch Granaten dabei, und sie alle trugen Passiv-Panzerungen. Für sie galt das nicht, doch das war ihr egal, und beinahe schon zärtlich streichelte sie über ihre Waffe. Ein Eisluchs – wie das Tier, das ihre Herde seit Anbrach des Winters terrorisierte – konnte sogar ein Megabison reißen; deswegen hatte die Frau an diesem Morgen reichlich Waffen mitgenommen.

Sie erreichte das Shuttle, ging hinter einer der Landestützen in den Kniestand und beobachtete das Haus. Kurz zog sie in Erwägung, den Flieger einfach zu übernehmen, aber bei einer Leopard wurde ein eigener Richtschütze benötigt, und dieser musste auch mit der Telemetrie des Mutterschiffs verbunden sein. So konnte sie dieses Schiff weder übernehmen, ohne dass jemand dort oben sofort davon erfuhr, noch deren Waffensysteme nutzen; also lautete die eigentliche Frage nur, ob das Kom an Bord dieses Fliegers immer noch aktiv war oder nicht. Wenn ja, und wenn die Kommunikator-Einheiten in ihren Helmen mit dem Haupt-Kom verbunden waren, konnten sie mühelos Verstärkung herbeirufen. Aber woher? Wie lange würde das dauern? Die Entfernung betrug dreißig Kilometer – vom Hof der Browns, meldete ihr Computer. Ein Shuttle unter maximalem Schub konnte die Strecke in weniger als einer Minute zurücklegen. Das war zu knapp. Und aus dem Hinterhalt konnte sie die Angreifer auch nicht erledigen, dann würde sie zu wenige von ihnen erwischen, bevor sie selbst stürbe.

Ihre Augen, wie gefrorene Jade, waren völlig ruhig; sie zuckte nicht einmal mit den Wimpern, als sie die geschundene Leiche ihres kleinen Bruders erblickte. Sie war jetzt ganz auf den Kampf eingestellt; ihren Körper durchzuckten tief verwurzelte Erinnerungen, die sie nun schon seit fünf Jahren zu vergessen versuchte, und sie nahm sie ebenso ruhig hin wie ihre Waffe. Nicht in den Berserker-Modus verfallen, wies ihr Computer sie an. Nutz den › Ticker‹. Mach das Beste aus deiner Lage, bis zum letzten Augenblick.

Sie verließ ihre Deckung, schlich zum Schneemobil hinüber, lautlos wie der Schnee selbst. Darin kniete einer der Angreifer; er pfiff leise vor sich ihn. Den Helm hatte er auf der Konsole abgelegt, damit er Kopf und Schultern durch die kleine Wartungsluke zwängen konnte, um die Energiezelle auszubauen. Gekauft hatten sie dieses Fahrzeug mit zehn Prozent der gesamten Ersparnisse ihrer Schwester, rief der Computer ihr in Erinnerung, als die Frau lautlos ihr Gewehr beiseitelegte und das Messer zog. Ein kurzer Schritt, stählerne Finger packten fettiges Haar, die Klinge blitzte auf, und der rechte Ärmel ihres Parkas war nicht mehr weiß.

Eins.

Sie ließ die Leiche zu Boden fallen und griff wieder nach dem Gewehr, schlich vorsichtig an der Seitenwand des Schuppens vorbei. Schnee knirschte unter einem Stiefel; irgendjemand trat hinter der Ecke des Gebäudes hervor, und die Frau schlug mit ihrem Gewehr zu wie mit einem Knüppel. Ein erstauntes Gesicht, die Augen weit aufgerissen. Hastig tastete eine Hand nach der Pistole. Der Mann sog Luft in die Lunge, um einen Warnschrei auszustoßen – und mit der Wucht eines Vorschlaghammers zerschmetterte der Gewehrkolben ihm die Luftröhre. Der Mann sackte zusammen, sein Schrei erstarb in einem entsetzlichen Gurgeln; mit beiden Händen umklammerte er den Hals, und die Frau trat einfach über ihn hinweg. Hinter ihr erstickte der Mann.

Zwei, flüsterte der Computer, und wieder schlich sie weiter, bewegte sich im Schutz des verwehten Schnees selbst wie eine Schneebö. Schneeflocken umwirbelten einen weiteren der Angreifer, der gerade damit beschäftigt war, einen Schlitten zum Sturmshuttle hinüberzuziehen, beladen mit Eisluchs-Pelzen. Der Schnee hüllte den Mann ein, und als sie vorübergezogen war, lag der Mann bäuchlings am Boden, und eine dampfend-rote Blutlache breitete sich immer weiter aus.

Drei, murmelte der Computer, während die Frau hinter dem Haus verschwand und mit der Fußspitze die eingeschlagene Hintertür aufstieß.

Ein Angreifer blickte auf, als er das leise Geräusch hörte, und seine Augen weiteten sich, als er die schneebedeckte Gestalt erkannte, die am anderen Ende der Küche stand. Er öffnete den Mund, und eine weiß-orange Explosion schleuderte ihn zurück, aus der Küche heraus, weiter in den Durchgang, geradewegs in das Esszimmer. Vier, zählte der Computer, als der Mann auf dem nackten, geschundenen Leichnam ihrer Mutter landete. Schreie waren zu hören, und einer der Angreifer, bislang durch die Wand des Esszimmers vor den Blicken der Frau verborgen, hob ruckartig die Waffe und richtete sie in den Torbogen zur Küche. Die Jadeaugen blickten trotz der Verkörperung des Todes völlig ausdruckslos, und ein Blitzstrahl riss ein faustgroßes Loch in die Wand – und in den Körper des dahinterstehenden Angreifers.

Fünf. Sie eilte zurück, verschwand wieder im Schnee und versteckte sich hinter einer Ecke des Gewächshauses. Zwei Angreifer pflügten durch den Schnee, die Waffen im Anschlag. Sie rannten zurück zum Haus, und sie ließ die beiden einfach an sich vorbeistürmen.

Die beiden Schüsse kamen so rasch hintereinander, dass es wie ein einziger Knall klang, und sie rollte sich nach links, sodass sie wieder hinter dem Gebäude verborgen war. Der Shuttle stand vor ihr, und der Anführer dieses Angriffstrupps rannte geradewegs auf die heruntergelassene Rampe zu. Eine lodernde Faust traf ihn genau zwischen die Schulterblätter, und die Frau ging erst in den Kniestand, richtete sich dann auf und rannte auf das kleine Brunnenhäuschen zu.

Acht, flüsterte der Computer, und dann bellte vor ihr ein Sturmgewehr auf. Sie stürzte zu Boden, als das Wolfram-Panzerbrechergeschoss ihren Oberschenkelknochen bersten ließ, und einer der Angreifer stieß einen Jubelschrei aus. Doch die Frau hatte ihr Gewehr immer noch in der Hand, und der Jubel verwandelte sich in einen Schrei des Entsetzens, als sich die Waffe wie von selbst wieder ausrichtete und der Schädel des Angreifers in einer Fontäne aus Scharlachrot und Grau und schneeweißen Knochensplittern explodierte.

Die Frau stützte sich auf ihr unverletztes Bein, Nerven und Blut schienen in Flammen zu stehen, so aktiv waren die Antischock-Protokolle, und schleppte sich zum Betokeramik-Fundament des Gebäudes; es würde ihr gute Deckung bieten. Die Augen aus eisiger Jade nahmen eine Bewegung wahr. Ihre Waffe folgte der Bewegung, der Finger krümmte sich über dem Abzug.

Zehn. Der Computer schaltete auf Höchstleistung um, glich Entfernungen und Vektoren mit ihrer eingeschränkten Bewegungsfähigkeit ab. Bäuchlings kroch sie unter der Bodenplatte des Brunnenhäuschens hindurch. Gewehrschüsse krachten, doch vor ihr bildete das Erdreich einen soliden Schutzwall. Die Gegner konnten sie nur von der Front oder der Flanke aus erreichen … und die Rampe des Shuttles war ihrer eigenen Waffe schutzlos ausgeliefert.

Ein ganzer Wirbelsturm aus Panzerbrecher-Geschossen riss das Brunnenhäuschen fast in Stücke, um denjenigen Feuerschutz zu bieten, die nun auf die Rampe zueilten. Zwei Männer machten sich bereit, die Geschütze zu übernehmen, und aufgewirbelter Schnee und gefrorenes Erdreich prasselten auf das maskenartige Gesicht der Frau ein. Betokeramik bröckelte auf sie herab, doch ihre Ziele bewegten sich so unendlich langsam, so ungeschickt, und sie war wieder auf der Schießbahn, hörte die Stimme ihres Ausbilders … und sie hatte alle Zeit der Welt.

Zwölf. Sie setzte sich wieder in Bewegung, robbte zurück und hinterließ dabei eine breite Blutspur. Sie musste diese Deckung aufgeben, bevor noch einem der Angreifer mit den Granaten der Gedanke kam, er könne die ja auch einsetzen.

Die Frau ließ ein neues Magazin einrasten und kam wieder ins Freie, schleppte sich zum Haus hinüber und versuchte erneut, ihr ganzes Körpergewicht nur auf dem unverletzten Bein ruhen zu lassen. Heulend umwirbelten sie Metallsplitter, doch sie war jetzt ganz auf Kampf eingestellt. Sie stand unter dem Einfluss des ›Tickers‹ und schwenkte ihre Waffe mit der Präzision eines Metronoms.

Amateure, kommentierte ihr Computer, als vier der Angreifer geradewegs auf sie zustürmten und ihre Waffen aus der Hüfte heraus abfeuerten wie Helden in einem schlechten Holovideo. Der Zeigefinger der Frau berührte den Abzug, und das Gewehr schlug ihr gegen die Schulter. Noch einmal. Ein drittes Mal. Ein viertes.

Sie richtete sich auf, schleppte sich durch den Schnee; Nervenblockaden ersparten ihr die Schmerzen, als immer und immer wieder gerissenes Muskelgewebe über scharfkantige Knochensplitter bewegt wurde. Irgendwo in ihrem Hinterkopf fragte sie sich, wie viel davon sie wohl aushalten würde, bis die Schlagader im Oberschenkel platzte, doch dann durchströmte neues Adrenalin ihren Körper. Mit einem Mal konnte sie ihre Umgebung wieder glasklar erkennen, und sie rollte sich hinter der Haupttreppe des Hauses in Deckung.

Sechzehn, meldete ihr der Computer, und dann siebzehn, als einer der Angreifer aus dem Haus herausgestürmt kam, geradewegs vor ihr Visier lief und starb. Beinahe wäre er auf sie gestürzt, und zum ersten Mal war dem Gesicht der Frau doch eine Regung anzumerken. Sie griff nach seinem Patronengurt und verzog die Lippen zu einem wölfischen Grinsen, als sie mit blutigen Fingern die erste Granate zum Einsatz vorbereitete. Sie hielt sie fest, lauschte den lautstarken Schritten im Inneren des Hauses hinter ihr und warf sie dann über die Schulter hinweg geradewegs durch die Eingangstür.

Ruckartig richtete sich Commodore Howell in seinem Sessel auf, als ihn über seinen Neural-Rezeptor ein Alarmton erreichte. Auf seinem HoloDisplay pulsierte ein azurblaues Blinklicht, weit jenseits des äußersten Orbits dieses Planeten, und sofort blickte er zu seinem Taktischen Offizier hinüber.

Commander Rendlemann hatte die Augen geschlossen, während er mit der KI des Schiffes kommunizierte. Dann öffnete er sie wieder und blickte seinen Kommandanten an.

»Es könnte sein, dass wir hier ein Problem haben, Sir. Die Ortung meldet, dass in fünf Lichtstunden Entfernung gerade jemand seinen Fasset-Antrieb gezündet hat.«

»Wer?«, fragte Howell sofort nach.

»Noch nicht bekannt, Sir. Das Kampf- und Strategiezentrum arbeitet daran, aber die Schwerkraft-Signatur ist recht klein. Die Intensität lässt auf einen Zerstörer schließen – möglicherweise einen leichten Kreuzer.«

»Aber es ist eindeutig ein Antrieb der Navy?«

»Ohne Zweifel, Sir.«

»Verdammt!« Nachdenklich starrte Howell sein Display an und konnte beobachten, wie der blinkende Lichtpunkt in einem Maße Geschwindigkeit aufnahm, wie es nur ein Raumschiff mit Fasset-Antrieb schaffen konnte. »Was zum Teufel macht der denn hier? Das System sollte doch sauber sein!«

Es war eine rhetorische Frage, und Rendlemann hatte sie auch als solche erkannt, deswegen blickte er seinen Kommandanten nur mit gehobener Augenbraue an.

»Voraussichtliche Ankunftszeit?«

»Unbekannt, Sir. Das hängt davon ab, wann er die Schubumkehr einleitet, aber er baut immens rasch Geschwindigkeit auf – der müsste längst im roten Bereich sein! –, und sein Kurs schließt alles außer Mathison Fünf aus. Wenn er den Orbit von Fünf erreicht, wird er dem Powell-Limit verdammt nahe sein, aber das könnte er vielleicht noch schaffen.«

»Jou.« Howell rieb sich über die Oberlippe, griff auf sein eigenes SynthoLink zu und überprüfte die Bereitschaftssignale, als sein Flaggschiff eilends in Gefechtsalarm versetzt wurde. Das Zeitfenster für diesen Einsatz war gerade deutlich schmaler geworden.

»Überprüfen Sie den Status der einzelnen Shuttle-Teams«, wies er seinen Untergebenen an, und Rendlemann ging geistig eine immense Anzahl Berichtsdateien durch.

»Primärziele sind fast sauber, Sir. Die erste Welle der Beta-Shuttles wird bereits beladen – sieht so aus, als wären die in etwa zwei Stunden fertig. Die meisten Beta-Shuttles der zweiten Angriffswelle befinden sich im Zeitplan, aber ein Alpha-Shuttle hat noch keinen Frachter angefordert.«

»Welches?«

»Alpha Zwo-Eins-Neun.« Der Taktische Offizier griff erneut auf sein Computer-Link zu. »Das wäre … das Team von Lieutenant Singh.«

»Hmm.« Howell zupfte an seiner Unterlippe. »Haben die schon ›Status Grün‹ gemeldet?«

»Jawohl, Sir. Sie haben berichtet, sie hätten einige Leute verloren, und dann kam der ›Status Grün‹. Nur den Frachter haben sie noch nicht angefordert.«

»Hat die Funkleitstelle versucht, sie zu erreichen?«

»Jawohl, Sir. Erfolglos.«

»Vollidioten«, grollte Howell. »Wie oft muss man denen denn noch sagen, dass sie immer eine Funkwache an Bord zurücklassen sollen?!« Mit den Fingerspitzen trommelte er auf die Armlehne seines Kommandosessels, dann zuckte er mit den Schultern. »Leiten Sie den Frachter zum nächsten Einsatzpunkt um und behalten Sie die im Auge«, entschied er, und sein Blick wanderte wieder zurück auf das Hauptdisplay.

Die Frau lehnte sich gegen die Wand, und ihr Herz raste, als ihr Adrenalinspiegel unbekannte Höhen erreichte. Synthetische Wirkstoffe kamen hinzu, durchzuckten sie wie eisige Blitze, und mit einem Ruck zog sie ihre behelfsmäßige Aderpresse enger. Der Schnee unter ihren Füßen war tiefrot, und ein großer Knochensplitter ragte aus der Wunde heraus, als sie den Magazin-Indikator aktivierte. Noch vier Schuss – und erneut verzog sie die Lippen zu einem wölfischen Grinsen.

Sie zog ihre Kapuze dichter um sich und schmierte sich eine breite Blutspur über die Stirn, als sie den Hinterkopf dicht an die Wand presste. Niemand feuerte auf sie. Niemand regte sich in dem Haus in ihrem Rücken. Wie viele waren noch übrig? Fünf? Sechs? Wie viele es auch sein mochten, keiner von ihnen hatte direkte Verbindung zum Kommunikator des Sturmshuttles, sonst wäre die Verstärkung mittlerweile schon eingetroffen. Doch sie konnte hier nicht einfach nur abwarten. Ihr Kopf war ganz frei, sie sprühte fast vor Energie, und die Schlagader in ihrem Oberschenkel spielte auch noch mit, doch das Hochgeschwindigkeits-Geschoss hatte das Gewebe dort völlig zerstört, und weder Koagulantien noch die Aderpresse vermochten die Blutung zu stoppen. Schon bald würde sie verbluten, und ob sie nun eine Nachricht abgesetzt hatten oder nicht, irgendjemand würde schon bald nach den Angreifern hier suchen. Was auch immer geschah, sie würde auf jeden Fall sterben, bevor sie alle diese Angreifer erledigen konnte.

Sie setzte sich wieder in Bewegung, schleppte sich zur Nordecke des Hauses. Dort mussten sie sein, es sei denn, sie würden gerade versuchen, sie einzukreisen – aber das taten sie nicht. Das waren Killer, keine Soldaten. Die wussten nicht, wie schwer verwundet sie wirklich war, und was bislang geschehen war, hatte sie zutiefst erschreckt. Die dachten gar nicht daran, sie auszuschalten; die hatten sich irgendwo verkrochen, hatten irgendeine gut zu verteidigende Stellung gesucht und legten es nur darauf an, ihren eigenen Hals zu retten.

Sie ließ sich wieder in den Schnee sinken, aktivierte ihre Sensorik-Booster und suchte mit jetzt noch ungleich schärferem Blick die Schneedecke nach Fußspuren ab. Da! Bei der Räucherkammer und – ihr Blick wanderte wieder zurück – der Werkstatt ihres Vaters. Damit könnte man sie ins Kreuzfeuer nehmen, wenn sie das Haus auf dem einzigen direkten Weg zu erreichen versuchte, doch …

Hinter ihren gefrorenen Augen arbeitete wieder der Computer, und sie machte sich auf den Weg in die Richtung, aus der sie gekommen war.

»Schon irgendetwas von Zwo-Neunzehn?«

»Nein, Sir.«

Rendlemann klingt allmählich ernstlich beunruhigt, ging es Howell durch den Kopf, und das mit Recht. Das Schiff mit der unidentifizierten Antriebssignatur kam stetig näher, und es beschleunigte immer noch weiter. Der Skipper gab wirklich alles, was er hatte, und es war eindeutig, dass er Mathison V mit einer Geschwindigkeit erreichen würde, die fast schon jenseits dessen lag, was seinen Antrieb zu destabilisieren drohte. Der Commodore verkniff sich einen Fluch, denn niemand hätte diesen Ort derart rasch erreichen können, und seine Frachter konnten so weit im Systeminneren nicht eine derartige Beschleunigung aufnehmen. Wenn er sie hier rechtzeitig fortschaffen wollte, dann mussten sie jetzt aufbrechen.

»Gottverdammte Idioten«, murmelte er, warf einen Blick auf das Chronometer und schaute dann zu Rendlemann hinüber. »Setzen Sie die Frachter in Bewegung und geben Sie allen Beta-Shuttles Anweisung, sich zu beeilen. Brechen Sie alle Einsätze ab, bei denen das Zeitfenster weniger als eine Stunde beträgt, und rufen Sie sämtliche Alpha-Shuttles zurück. Sie sollen umgehend an die Frachter andocken. Den Rest der Beta-Shuttles holen wir mit den Kampfeinheiten zurück und gruppieren die Mannschaften später um.«

Vier von ihnen waren noch übrig; sie kauerten im Inneren der Fertighäuser und fluchten in rauer Monotonie vor sich hin. Wo waren denn die andern alle? Wo blieben die gottverdammten Shuttles mit der Ablösung? Und wer - was – befand sich dort draußen?!

Der Mann am Eingang der Räucherkammer wischte sich öligen Schweiß von der Stirn und wünschte inständigst, dieses Gebäude hätte mehr Fenster. Doch jetzt hatten sie diesen Mistkerl endlich im Griff, und das Blut im Schnee hatten sie auch gesehen.

Wer auch immer das ist, er ist verwundet. Es ist völlig unmöglich, dass der hierher kommt, ohne …

Irgendetwas flog durch sein Blickfeld. Es landete in der offenstehenden Tür zur Werkstatt, ihm genau gegenüber – und irgendjemand warf sich hastig auf den Boden und suchte verzweifelt nach dem Objekt, was immer es auch sein mochte. Seine Hände schlossen sich darum, er kam wieder auf die Knie, hob den Arm zum Wurf – und verschwand in einem immer größer werdenden Feuerball, der kurz darauf die gesamten Überreste der Werkstatt einhüllte.

Eine Granate. Eine Granate! Und sie ist von da hinten gekommen, hinter der Ecke. Hinter der …

Im Kniestand wirbelte er herum, als die Hintertür, hinter den Räuchergestellen nicht einsehbar, krachend aufflog und ein Blitzstrahl die Dunkelheit zerriss. Er verteilte seinen letzten Kameraden quer über die Wand, und dem Mann bot sich ein Bild wie aus einem Albtraum. Eine hochgewachsene Gestalt, schlank trotz ihres dicken Fells; wattierte Hosen, ein Hosenbein völlig zerfetzt und dunkelrot gefärbt; das Haar, das wie ein Sonnenaufgang im Schneetreiben wirkte, rahmte ein ovales Gesicht ein, die Augen schienen aus eisiger Jade zu bestehen, und die tödliche Mündung eines Gewehrs, in Hüfthöhe gehalten, schwenkte auf ihn zu …

Er schrie auf und betätigte den Abzug, als erneut ein Blitz die Dunkelheit zerriss.

»Immer noch nichts von Zwo-Eins-Neun?«

»Nein, Sir.«

»Dann holen Sie den Shuttle unter Fernsteuerung ’rauf.«

»Aber, Sir … Was ist mit Singh und …?«

»Scheiß auf Singh!«, fauchte Howell und deutete mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf die taktische Karte.

Der blaue Punkt befand sich schon diesseits von Mathison V. Noch eine Stunde, und der Zerstörer wäre in Sensorreichweite, jederzeit bereit für genau das Manöver, das Howell am meisten fürchtete: eine vollständige Kehrtwendung, um die Sensoren aus dem Einflussbereich des künstlichen schwarzen Lochs zu holen, das der Fasset-Antrieb erzeugte. Der andere Captain konnte Sensordaten auffangen, das Schiff erneut wenden lassen und dann das Zentralgestirn umrunden. Anschließend konnte er den Antrieb zwischen sich selbst und Howells Waffen positionieren wie einen undurchdringlichen Schutzschild. Howell konnte ihn dann immer noch erwischen, doch dazu würde er seine eigenen Einheiten weit ausschwärmen lassen müssen – und letztendlich dabei nichts wirklich Lohnenswertes erreichen.

»Sir, das ist nur ein Zerstörer. Wir könnten …«

»Wir könnten gar nichts. Dieser Dreckskerl holt sich hier einen Überblick aus der Vogelperspektive, und wenn der uns nahe genug kommt, um anständig Daten zusammenzutragen, dann wird er uns alle erledigen. Er kann wenden, uns scannen und seine SBF-Drohnen absetzen, und davon hat er drei Stück. Wenn wir die erste davon ausschalten, bevor sie in ihr Wurmloch eintaucht, dann wird er genau wissen, wie wir das geschafft haben. Dann wird er bei den anderen den Code außer Kraft setzen – und hinterher ihn zu erledigen, wird überhaupt nichts bewirken, also schaffen Sie dieses Shuttle hierher!«

»Jawohl, Sir.«

Die Frau kauerte sich in den Schnee, beugte sich über ihren Bruder, strich ihm über das blonde Haar. Sein Gesicht war unverletzt, Schneeflocken bedeckten seine gebrochenen, grünen Augen, und sie spürte, wie heißes Blut immer weiter ihren Parka durchnässte. Jetzt rann ihr auch schon Blut über die Lippen, und sie merkte deutlich, wie die Kräfte sie immer weiter verließen.

Die Rampe des Shuttles wurde eingezogen, dann hob es auf seinem Kontragrav-Kissen ab und stand einen Augenblick reglos in der Luft. Schließlich heulten die Turbinen auf, die Nase des Fliegers hob sich, dann jagte er davon. Die Frau war alleine mit ihrer toten Familie, und endlich kamen doch die Tränen. Es war nicht mehr erforderlich, sich zu konzentrieren, und ihr eigenes Universum verlangsamte sich und passte sich wieder an den Rest der Existenz an, als der ›Ticker‹ sie endlich entließ und die Frau ihren Bruder fest an sich presste – sie versuchte, Schmerzen zu vertreiben, die nicht körperlicher Natur waren.

Ich bin dir zu Hilfe gekommen, Stevie, dachte sie. Wenigstens bin ich dir zu Hilfe gekommen.

Aber das war nicht genug gewesen. Es war nie genug! Diese Mistkerle, die hinter diesem Angriff steckten, waren für die Frau unerreichbar, und so gab sie sich ganz dem Hass hin. Er verschmolz sich mit ihrer Verzweiflung, vermischte sich damit, wie Wein und Gift sich vermischen, und sie öffnete ihr Innerstes und trank in tiefen Zügen.

Ich hab ’s versucht, Stevie. Ich hab ’s wirklich versucht! Aber ich war nicht da, als du mich gebraucht hast. Sie beugte sich über den Leichnam, der immer noch in ihren Armen lag, wiegte ihn sanft hin und her, während sie immer weiter schluchzte, das Gesicht dem Wind entgegengewandt. Verdammt sollen sie sein! Für alle Zeiten verdammt!

Sie hob den Kopf und blickte voller Zorn dem Shuttle hinterher, das längst außer Sicht war.

Ich würde alles geben! Alles für nur noch einen einzigen Schuss! Nur einen einzigen …

»Alles, kleines Menschenkind?«

Sie erstarrte, als dieser fremde Gedanke plötzlich ihr Hirn durchzuckte, denn dieser Gedanke kam nicht von ihr. Er kam nicht von ihr!

Die Frau schloss die tränennassen Augen, scharlachrotes Eis knirschte, als sie die Hände um den zerfetzten Parka ihres Bruders verkrampfte. Verrückt! Jetzt, am Ende, wurde sie noch verrückt!

»Nein, kleines Menschenkind. Du wirst nicht verrückt.«

Sie spürte, wie die eisige Luft ihr in die Nase stach, während die fremde Stimme ihr erneut etwas zuflüsterte. Sie war so sanft wie der Schnee, und ungleich kälter. Sie war kristallklar und beinahe schon zärtlich, und doch schwang darin eine ungestüme Wildheit mit, die ihre eigene fast noch übertraf. Die Frau versuchte, all ihre Kraft zusammenzunehmen, um sie zu vertreiben, doch in dieser fremden Stimme lag zu viel von ihr selbst, und so brach sie über ihrem toten Bruder zusammen, als mit ihrem Blut auch die letzte Kraft ihren Körper verließ.

»Du liegst im Sterben«, flüsterte die Stimme, »und ich habe über den Tod mehr gelernt, als ich jemals für möglich gehalten hatte. Also sag mir – hast du das ernst gemeint? Würdest du wirklich alles für deine Rache geben?«

Rau lachte die Frau, als der Wahnsinn so zu ihr sprach, und doch zögerte sie keinen Moment.

»Alles!«, keuchte sie.

»Bedenke das wohl, kleines Menschenkind. Ich kann dir geben, was du ersehnst – aber der Preis … könntest du selbst sein. Bist du bereit, einen derart hohen Preis zu zahlen?«

»Alles!« Sie hob den Kopf und schrie das Wort dem Wind entgegen, ihrer eigenen Trauer, ihrem Hass und diesem Flüstern ihres eigenen Wahnsinns, und eine sonderbare Stille legte sich kurz über ihren Verstand. Dann …

»Abgemacht«, rief die Stimme, und endlich hüllte die Finsternis sie ein.

Kapitel 2

Stabsarzt Captain Okanami betrat sein winziges Büro; er erschauerte trotz der willkommenen Wärme in diesem Raum. Heulend strich der Wind um das Fertighaus, doch Okanamis Frösteln hatte nichts mit dieser Kälte zu tun, als er seinen Militär-Parka abstreifte und sich mit beiden Händen über das Gesicht rieb. Sämtliche bekannten Überlebenden der ursprünglich einundvierzigtausend Bewohner von Mathisons Welt befanden sich im Inneren dieses kleinen Gebäudes. Alle dreihundertundsechs.

Er ließ sich in seinen Sessel sinken, dann blickte er auf seine frisch desinfizierten Hände hinab. Er wusste nicht, wie viele Autopsien er im Laufe seines Lebens schon durchgeführt hatte. Es waren unzählige, doch nur wenige davon waren so entsetzlich gewesen wie die, die er gerade in einem Raum erlebt hatte, der einst zum Capital Hospital gehörte. Nach Begriffen der Kernwelten war es schon kein sonderlich beachtliches Krankenhaus gewesen, bevor diese Piraten es geplündert hatten – deswegen befanden sich seine Patienten jetzt hier, nicht dort –, doch Okanami ging davon aus, den Toten sei es wohl egal.

Erneut rieb er sich über das Gesicht und erschauerte, als seine Gedanken noch einmal zu den entsetzlich zugerichteten Leichen auf den Sektionstischen zurückkehrten. Warum? Warum in Gottes Namen tat irgendjemand so etwas?

Die Mistkerle hatten einiges an Beutegut zurückgelassen, doch einen Großteil hatten sie sehr wohl abtransportieren können. Vielleicht hätten sie auch alles mitnehmen können, wenn man ihnen nicht die Zeit zugestanden hätte, sich auf der Welt auch noch etwas zu amüsieren – aber sie hatten nicht mit dem plötzlichen Eintreffen der Gryphon gerechnet. Daraufhin hatten sie überstürzt die Flucht angetreten, und die Gryphon war zu sehr damit beschäftigt gewesen, alle Überlebenden zu retten, sodass man eine Verfolgung nicht einmal in Erwägung gezogen hatte. Die Besatzung des Schiffes – gerade einmal sechzig Mann – war angesichts dieser Katastrophe völlig überfordert gewesen. Die wenigen Angehörigen des Sanitätspersonals hatten sich bis über die Grenze der völligen Erschöpfung hinaus verausgabt … und nur zu viele der geschundenen, verstümmelten Opfer waren trotzdem gestorben. Ralph Okanami war Arzt, ein Heiler, und es erschreckte ihn zutiefst, zu bemerken, wie sehr er sich doch wünschte, etwas anderes zu sein, wann immer er an jene Ungeheuer dachte, die derartige Dinge taten.

Erneut lauschte er dem Heulen des Windes, das man selbst noch hier, im Inneren des Gebäudes, deutlich hören konnte, und wieder lief ihm ein Schauer über den Rücken. Die Temperatur auf dem besiedelten Kontinent von Mathisons Welt war in der letzten Woche nie über fünfzehn Grad unter null gestiegen – und das Erste, was die Angreifer zerstört hatten, war die planetare Stromversorgung gewesen. So konnten sie völlig ungehindert angreifen – nicht, dass die armseligen Abwehrsysteme von Mathison allzu viel ausgemacht hätten-, und sie hatten sich der Reihe nach auf jedes noch so kleine Dorf und Gehöft auf dem ganzen Planeten gestürzt. Dort hatten sie jeglichen Notstromgenerator ausgeschaltet, den sie nur finden konnten. Ein Großteil der wenigen, die das Gemetzel überlebt hatten, war dann, weil Strom und alle Heizungen ausgefallen waren, an Unterkühlung gestorben, bevor die Navy mit hinreichender Mannstärke eintreffen konnte, um großangelegte Suchaktionen zu starten.

Das war noch schlimmer als auf Mawli. Sogar noch schlimmer als Brigadoon. Dort hatte es weniger Menschen gegeben, die man hätte umbringen können, und bei jedem Einzelnen davon hatten sich die Angreifer mehr Zeit lassen können.

Okanami gehörte der recht großen Minderheit jener Menschen an, die rein körperlich nicht in der Lage waren, Neural-Rezeptoren zu nutzen, und so wandte er sich seiner Datenkonsole zu, und seine Fingerspitzen schnellten über die Tastatur, nachdem er die noch nicht abgeschlossenen Berichte aufgerufen hatte. Ein Ersatzgerät für das SternenKom war mittlerweile eingetroffen, und Admiralin Gomez’ Stab wollte für die Berichte aussagekräftige Zahlen wissen. Aussagekräftige Zahlen, wiederholte er innerlich angewidert und starrte die endlosen Spalten von Namen und Vornamen an. Und das waren nur die Toten, die sie bislang hatten identifizieren können! Such- und Rettungsmannschaften befassten sich immer noch mit den abgelegeneren Gehöften; sie hofften darauf, noch irgendjemanden zu finden, doch die Chancen dafür standen denkbar schlecht. Beim ersten Erkundungsflug hatten die Männer der Suchmannschaften keine aktiven Energiequellen orten können und keinerlei Thermal-Signaturen entdeckt, die auf irgendwelche Lebensformen hingewiesen hätten.

Eine Glocke schrillte, und mit schuldbewusster Erleichterung wandte Okanami den Blick von dem Bericht ab, als auf dem Bildschirm seines Kommunikators das Gesicht eines Lieutenants erschien, den er nicht kannte. Im Hintergrund der jungen Frau war deutlich das Cockpit eines Shuttles zu sehen; mit leuchtenden Augen blickte sie ihn an. Dennoch wirkte irgendetwas an ihrer Aufregung unpassend, fast als sei eine gewisse Unsicherheit im Spiel. Vielleicht sogar Furcht. Okanami vertrieb diesen Gedanken und rang sich ein Lächeln ab.

»Was kann ich für Sie tun, Lieutenant …?«

»Surgeon Lieutenant Sikorsky, Sir, zu Such- und Rettungseinsätzen abkommandiert von der Vindication.« Surgeon Captain Okanami richtete sich auf und hob fragend die Augenbrauen. Die Soldatin nickte. »Wir haben noch jemanden gefunden, Captain, aber dieser Fall ist so sonderbar, dass ich dachte, es sei besser, Sie persönlich darüber zu informieren.«

»›Sonderbar‹? Inwiefern?« Die Augenbrauen sanken wieder herab; die Art und Weise, wie Lieutenant Sikorsky fast unmerklich gezögert hatte, brachte Okanami dazu, die Stirn zu runzeln.

»Es geht um eine Frau, Sir, und … na ja, sie müsste eigentlich tot sein.« Mit einer Handbewegung forderte Okanami sein Gegenüber zum Weitersprechen auf, und Sikorsky holte tief Luft.

»Sir, sie wurde fünfmal getroffen: Der Oberschenkelknochen ist völlig zertrümmert, zwei Kugeln haben ihre Leber punktiert, eine ihren linken Lungenflügel und eine Milz und Dünndarm.« Gequält verzog Okanami angesichts dieses Verletzungskatalogs das Gesicht. »Bislang haben wir ihr mehr als einen Liter Blut injiziert, und ihr Blutdruck ist immer noch so niedrig, dass er sich kaum messen lässt. Sämtliche Vitalfunktionen sind fast widernatürlich herabgesetzt, und sie hat seit diesem Angriff im Freien gelegen, Sir – neben ihr haben wir eine Leiche entdeckt, die völlig steifgefroren war, aber die Körpertemperatur dieser Frau beträgt zweiunddreißig Komma fünf!«

»Lieutenant …« Okanamis Stimme klang sehr rau. »Wenn Sie glauben, derartige Scherze machen zu müssen …«

»Negativ, Sir.« Sikorsky klang fast flehentlich. »Das ist die Wahrheit! Und nicht nur das, die Frau hat gottverdammt viel … verzeihen Sie, Sir. Sie verfügt über Implantate, und wir haben es hier mit dem ungewöhnlichsten Rezeptor-Netzwerk zu tun, das ich jemals gesehen habe. Eindeutig Militärausführung, aber so etwas habe ich wirklich noch nie gesehen, und die zugehörige Hardware ist einfach unglaublich.«

Okanami rieb sich über die Oberlippe und blickte in das ernste, besorgte Gesicht des Lieutenants. Mehr als eine Woche bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt, und die Körpertemperatur war nicht einmal um fünf Grad abgesunken? Unmöglich. Und doch …

»Kommen Sie unter Maximalschub zurück, Lieutenant, und sagen Sie der Leitstelle, sie sollen Sie sofort zu Operationssaal Zwölf umleiten. Ich bereite dort schon alles vor und warte auf Sie.«

Okanami und seine handverlesene Gruppe befanden sich im Inneren des Sterilfeldes und starrten die Person an, die vor ihnen auf dem Operationstisch lag. Verdammt, mit so einer Verwundung konnte überhaupt niemand überleben! Und trotzdem lebte sie noch. Die ferngesteuerten Instrumente der MediTechniker leisteten ganze Arbeit, resezierten ein elffach punktiertes Stück Dünndarm, entfernten die Milz, behandelten massive Punktierungen der Leber und der Lunge und mühten sich nach Kräften, ein Bein zu retten, das selbst noch nach dem Treffer, der den ganzen Oberschenkelknochen zerschmettert hatte, hoffnungslos weiter beansprucht worden war. Eine weitere Bluttransfusion wurde eingeleitet … und die Frau lebte noch. Nur gerade noch – tatsächlich waren ihre Vitalfunktionen deutlich schwächer geworden, als die Geräte die Arbeit aufgenommen hatten –, doch sie lebte noch.

Und auch mit ihrer Beschreibung der Implantate hatte Sikorsky ganz Recht gehabt. Okanami hatte einige Jahrzehnte mehr Erfahrung als dieser junge Lieutenant, und dennoch hatte er sich etwas Derartiges nicht einmal vorstellen können. Offensichtlich hatte es bei dieser Frau mit einem Standard-Implantatsatz des Imperial Marines Corps angefangen, und einige Teile davon erkannte der Surgeon Captain auch sofort, aber der Rest …!

Es gab drei voneinander unabhängige Neural-Rezeptoren – nicht etwa parallel verbunden, sondern mit jeweils gänzlich separaten Sub-Systemen –, und dazu derart hochentwickelte Sensorik-Booster, wie Okanami sie noch nie gesehen hatte. Und ein NeuroTech-Netzwerk überzog sämtliche lebenswichtigen Organe. Okanami hatte noch nicht die Zeit gehabt, sich das genauer anzuschauen, aber für ihn sah es verdächtig nach einem unglaublich miniaturisierten Disruptor-Schutzschild aus – und das erschien ihm auf den ersten Blick schlichtweg lächerlich. Niemand konnte ein derart winziges Schutzschild überhaupt konstruieren, und die deutlich größeren Einheiten, die in Kampfpanzerungen verbaut wurden, kosteten jeweils eine Viertelmillion Credits! Und wenn er gerade schon über unmögliche Dinge nachdachte, da war dieses Pharmaskop. Es enthielt genug Schmerzmittel, Koagulanzien und Aufputschmittel (ein Großteil davon stand auf der Liste der nicht verkehrsfähigen Substanzen), um selbst noch einen Toten auf den Beinen zu halten – ganz zu schweigen von einem beeindruckend ausgefeilten Endorphin-Generator und mindestens drei Drogen, von denen Okanami noch nie auch nur gehört hatte. Doch ein kurzer Blick auf die Instrumente verriet ihm, dass es nicht dieses Pharmaskop war, das die Frau bislang am Leben gehalten hatte. Selbst wenn es tatsächlich zu einer derartigen Leistung in der Lage sein sollte, erwiesen sich doch fast alle Vorräte noch als nahezu unangetastet.

Dankbar atmete Okanami tief durch, als die Thorax- und Abdominal-Teams die Arbeit abschlossen, sodass sich die Osteoplastik-Techniker nun um den Oberschenkel der Frau kümmern konnten. Ihre Vitalfunktionen wurden ein wenig stärker, und auch der Blutdruck erholte sich allmählich, doch irgendetwas an ihrem EEG war einfach merkwürdig. Es wäre überhaupt nicht erstaunlich gewesen, wenn diese Patientin nach allem, was sie durchgemacht hatte, einen Hirnschaden davontrüge, doch es konnte auch an diesen vermaledeiten Rezeptoren liegen.

Mit einer Geste zog er Commander Fords Aufmerksamkeit auf sich, und die Neurologin schwenkte ihre Monitore in die richtige Position. Es war eindeutig, dass Rezeptor Zwo hier als Primär-Knoten fungierte. Okanami trat näher heran und betrachtete über Fords Schulter hinweg die Bildschirme, während die Neurologin vorsichtig die Geräte einstellte und dann ein Standard-Diagnose-Muster eingab.

Einen Augenblick lang geschah nicht das Geringste, und Okanami legte die Stirn in Falten. Jetzt sollte doch zumindest irgendetwas passieren – und wenn nur eine Reihe Implantats-Codes abgerufen würden. Doch nicht einmal das geschah. Und dann geschah doch etwas, und zahlreiche Alarmglocken schrillten los.

Ein grellrot leuchtender Warncode erschien, und die bewusstlose Frau öffnete ruckartig die Augen. Sie wirkten völlig blicklos, wie jadegrüne Fenster eines verlassenen Hauses, doch im gleichen Augenblick zeigte das EEG eine Vielzahl von Zacken. Die Wunde am Oberschenkel war noch nicht wieder verschlossen, daher rasteten die ferngesteuerten Greifer in fixer Position ein und versuchten das Bein festzuhalten, als die Patientin sich aufrichtete. Einer der Chirurgen stürzte auf sie zu, versuchte den geschundenen Körper aufzuhalten – und eine Handkante schlug zu wie ein Hammer und verfehlte nur knapp seinen Solarplexus.

Der Chirurg kreischte auf, als der Schlag ihn zu Boden schleuderte, doch sein Schrei wurde fast übertönt von neuen Alarmsirenen, und Okanami wurde kreidebleich, als die Monitore, die für die Überwachung der Blutchemie zuständig waren, fast Amok liefen. Ein Zweikomponenten-Neurotoxin ließ die toxikologischen Werte ins Unermessliche steigen, und zu dem Sicherheits-Code auf Fords Bildschirm gesellten sich zwei weitere. Ihr Versuch, auf dieses System zuzugreifen, hatte eine Art Selbstmord-Programm aktiviert!

»Abbrechen!«, schrie er, doch Ford drückte schon hastig einige Knöpfe. Noch einen Moment lang waren die Alarmsirenen zu hören, dann erstarb die Anzeige auf dem Implantats-Monitor. Mit einem Gluckern verklang auch der Toxikologie-Alarm, als ein noch leistungsfähigeres Gegenmittel dem bislang erst halb wirksamen Toxin folgte. Die Frau mit dem bernsteinfarbenen Haar sackte wieder auf den Tisch zurück; reglos und still lag sie da, während der verletzte Chirurg vor Schmerzen schluchzte und seine Kollegen einander entsetzt anstarrten.

»Sie haben Glück, dass Ihr Mann noch lebt, Doktor.«

Captain Okanami bedachte den Colonel in seiner schwarzen Navy-Uniform, der sich so aufrecht hielt, als hätte er einen Stock verschluckt, mit einem finsteren Blick; er stand neben dem Surgeon Captain und betrachtete die junge Frau in dem Krankenbett. Medi-Monitoren überwachten sie sorgfältig – und sehr vorsichtig, damit sie bloß nicht erneut eine unziemliche Reaktion dieser theoretisch hilflosen Patientin hervorriefen.

»Ich bin mir sicher, Commander Thompson wird hocherfreut sein, das zu hören, Colonel McIlhenny«, gab der Chirurg eisig zurück. »Wir haben ja bloß anderthalb Stunden gebraucht, um sein Zwerchfell wieder zu flicken.«

»Das ist immer noch besser als das, was sie eigentlich beabsichtigt hatte. Wäre sie bei Bewusstsein gewesen, hätte ihr Mann nicht einmal mehr gemerkt, woran er gerade gestorben wäre – das dürfen Sie gerne auf der ›Haben-Seite‹ verbuchen.«

»Was zum Teufel ist sie denn überhaupt?«, wollte Okanami wissen. »Das war doch nicht sie, die da auf dem Tisch verrückt gespielt hat, das waren diese verdammten Implantats-Prozessoren! Die haben ihren Körper doch nur ferngesteuert!«

»Ganz genau so war es«, bestätigte McIlhenny. »In ihrem Primär-Prozessor sind eine Flucht-und-Befreiungs- und eine Verhörvermeidungs-Subroutine verankert.« Er wandte sich zur Seite und blickte den Chirurgen abschätzig an. »Ihr von der Navy solltet eigentlich mit so jemandem wie ihr überhaupt nichts zu tun haben.«

»Dann gehört sie zu Ihnen?« Okanami kniff die Augen zusammen.

»Fast, aber nicht ganz. Unsere Leute gehen ihrer Einheit bei den Einsätzen häufig zur Hand, aber sie gehört – nein, sie gehörte – zum Imperialen Kader.«

»Großer Gott«, flüsterte Okanami. »Eine Springerin?«

»Eine Springerin.« McIlhenny schüttelte den Kopf. »Es tut mir leid, dass es so lange gedauert hat, aber der Kader lässt seine Daten nicht einfach so herumliegen. Die Piraten haben die Datenbank von Mathison ausgeschaltet, als sie den gesamten Komplex des Gouverneurs in die Luft gejagt haben, deswegen habe ich auf die Corps-Daten zugreifen müssen. Denen liegen über diese Frau nicht allzu viele spezifische Daten vor. Ich habe die verfügbaren Spezifikationen ihrer Hardware heruntergeladen und dafür gesorgt, dass Ihre Medizinmänner darauf zugreifen dürfen, aber der Zugriff ist dabei immer noch deutlich eingeschränkt, und die Bio-Daten dieser Frau sind noch spärlicher – eigentlich haben wir nur ihr Retinamuster und ihr Genom. Das Einzige, was ich wirklich mit Sicherheit sagen kann, das ist, dass dies hier …« – mit dem Kinn deutete er in Richtung der Frau, die immer noch reglos im Bett lag – »… Captain Alicia DeVries ist.«

»›DeVries‹? Die Shallingsport-DeVries?«

»Genau die.«

»Die ist doch gar nicht alt genug«, protestierte Okanami. »Sie kann doch höchstens fünfundzwanzig oder dreißig Jahre alt sein.«

»Einunddreißig. Sie war zwanzig, als sie in diesen Einsatz gegangen ist – der jüngste Sergeant First Class in der Geschichte des Kaders. Mit zweihundertfünfundsiebzig Leuten sind sie in diesen Einsatz gegangen. Wieder zurückgekehrt sind neun von ihnen – aber sie haben die Geiseln mitgebracht.«

Okanami starrte das blasse Gesicht seiner Patientin an – es war oval und recht hübsch, auch wenn man es nicht als ›schön‹ beschrieben hätte. So ruhig, wie sie dort lag, wirkte diese Frau fast friedlich.

»Wie um Himmels willen ist sie denn hier gelandet – mitten im Nirgendwo?«

»Ich glaube, sie wollte einfach ihre Ruhe haben«, erklärte McIlhenny traurig. »Nach Shallingsport wurden ihr ein Offizierspatent und das Banner von Terra verliehen, und sie hat einen Zwanzig-Jahres-Bonus erhalten – und davon hat sie sich wirklich jeden Millicredit verdient. Vor fünf Jahren ist sie dann aus eigenem Wunsch aus dem Dienst ausgeschieden und hat sich ihre Altersversorgung in Form einer Kolonisierungs-Zuweisung auszahlen lassen. Das machen die meisten so. Auf den Kernwelten gestattet man ihnen nicht, ihre Hardware zu behalten.«

»Kann man denen wohl kaum verübeln«, merkte Okanami an und musste erneut an Thompsons Verletzung denken. McIlhenny versteifte sich.

»Das sind Soldaten, Doktor.« Seine Stimme war eiskalt. »Keine Verrückten, keine Tötungsmaschinen – Soldaten.«

In eisigem Zorn blickte er Okanami in die Augen, und schließlich wandte der Surgeon Captain den Blick ab.

»Aber das war nicht der einzige Grund, warum sie hierher gegangen ist«, griff der Colonel nach kurzem Schweigen seine Erklärung wieder auf. »Sie hat diese Zuweisung dazu genutzt, Anspruch auf vier ausgewählte Grundstücke zu erheben, und dann ist sie mit ihrer ganzen Familie nach hier draußen umgesiedelt.«

Scharf sog Okanami die Luft ein, und McIlhenny nickte. Als er weitersprach, klang seine Stimme völlig tonlos.

»Sie war nicht da, als diese Mistkerle gelandet sind. Als sie dann wieder zu ihrem Hof zurückkehrte, hatten die schon ihre ganze Familie ermordet. Den Vater, die Mutter, ihre jüngere Schwester und ihren Bruder, ihren Großvater, einen Onkel und eine Tante, und dazu noch drei Cousins. Alle.«

Er streckte die Hand aus und legte sie der schlafenden Frau auf die Schulter. Die Bewegung wirkte fast zärtlich und fast schon unpassend empfindsam bei diesem großen Mann mit seinen dicken Muskeln; dann legte er das lange, schwere Gewehr, das er bei sich führte, quer über den Tisch am Krankenbett.

»Ich habe ihr Gut aufgesucht.« Nun klang seine Stimme sehr sanft. »Diese Mistkerle hatten es da wirklich nicht leicht. Ihr Großvater war auch da draußen – Sergeant Major O’Shaughnessy. Der gehörte wirklich zu uns, und er hat vier Leute mit in den Tod gerissen. Es sieht ganz so aus, als hätte ihr Vater noch fünf weitere der Angreifer getötet … und das war ein Ujvári, Doktor.«

Der Colonel schaute Okanami an, dann richtete er den Blick wieder auf dessen Patientin.

»Und dann ist sie nach Hause gekommen. Sie muss auf der Jagd gewesen sein, nach Eisluchsen oder Schneewölfen – das hier ist eine Vorlund Express, vierzehn Millimeter, Halbautomatik mit Rückstoßdämpfung –, und sie hat sich fünfundzwanzig Mann gestellt, die mit Panzerungen, Granaten und Sturmgewehren ausgestattet waren.« Kurz glitt seine Hand über die Waffe, dann blickte der Colonel dem Arzt wieder in die Augen. »Sie hat sie alle erledigt.«

Auch Okanami blickte nun wieder auf seine Patientin herab, dann schüttelte er den Kopf.

»Das erklärt es immer noch nicht. Meinem ganzen medizinischen Wissen gemäß hätte sie da unten sterben müssen, es sei denn, in Ihren Downloads steht irgendetwas anderes – und ich kann mir wirklich nichts vorstellen, was das hätte verhindern sollen.«

»Sie brauchen keine Zeit darauf zu verschwenden, nach etwas Derartigem zu suchen, Doktor. Sie werden nämlich nichts finden. Unsere eigenen Mediziner pflichten Ihnen da ganz bei. Captain DeVries …« – erneut berührte McIlhenny die reglose Schulter der ehemaligen Kader-Angehörigen – »… kann unmöglich noch leben.«

»Sie tut es aber«, warf Okanami leise ein.

»Stimmt.« McIlhenny ließ das Gewehr liegen und wandte sich vom Krankenbett ab. Mit einer höflichen Geste bedeutete er dem Doktor, sich ihm anzuschließen. Dann verließ er das Krankenzimmer. Der Chirurg war nicht angetan von der Vorstellung, die Waffe zurückzulassen, doch die zahlreichen Kampfauszeichnungen des Colonels – und auch dessen Miene – hielten ihn davon ab, Protest einzulegen. »Deswegen hat der Bericht von Admiral Gomez auch dafür gesorgt, dass ein ganzes Team von Spezialisten mit Höchstgeschwindigkeit auf dem Weg hierher ist.«

Okanami führte seinen Besucher in die äußerst karg eingerichtete Lounge, die um diese Uhrzeit völlig menschenleer war, und holte aus einem Automaten zwei Becher Kaffee. Die beiden Männer setzten sich an einen der Tische, und der Blick des Colonels wanderte immer wieder zu der offenstehenden Tür hinüber, während Okanami ein kleines Handlesegerät bediente, um die medizinischen Daten abzurufen. Dampfend stand sein Kaffee auf dem Tisch, doch der Chirurg ignorierte ihn, und er schürzte die Lippen, als er bemerkte, wie spärlich die Daten doch waren. Jeder zweite Eintrag endete mit den Worten ›WEITERER ZUGRIFF NUR BERECHTIGTEN PERSONEN GESTATTET‹, gefolgt von einer astronomisch hohen Sicherheitseinstufung. Geduldig wartete McIlhenny ab, bis Okanami mit einem Seufzer das Lesegerät beiseitelegte.

»Merkwürdig«, murmelte er, schüttelte den Kopf und griff nach seinem Kaffee, und der Colonel lachte leise, doch in seinem Lachen lag keinerlei Belustigung.

»Sogar noch merkwürdiger, als Sie denken. Was jetzt kommt, dient einzig und allein Ihrer persönlichen Information – das kommt geradewegs von Admiral Gomez –, aber Sie sind für diesen Fall verantwortlich, bis ein Mediziner-Team vom Kader hier eintrifft, also soll ich Sie auf den aktuellsten Kenntnisstand bringen. Oder zumindest so weit, wie wir das eben selbst wissen. Klar?«

Okanami nickte, und trotz des Schlucks Kaffee fühlte sich seine Kehle sonderbar trocken an.

»Also gut. Ich habe meine eigenen Leute nach da draußen auf das DeVries-Gut geschickt, weil der ursprüngliche Bericht schlichtweg unmögliche Dinge enthielt. Zum einen hatten drei voneinander unabhängige Flieger der Such- und Rettungsmannschaften nicht das Geringste entdeckt. Wäre Captain DeVries dort gewesen und hätte sie noch gelebt, dann hätte man sie mit den Thermoscannern auch orten müssen – vor allem, wenn sie einfach nur so dort in der Ebene gelegen hätte. Also wusste ich ganz genau, dass daran irgendetwas faul sein musste.«

Er nahm einen Schluck von seinem Kaffee und zuckte mit den Schultern.

»War es aber nicht. Sämtliche Anhaltspunkte führen schlüssig zu genau dem gleichen Ergebnis. Sie hat sich den Angreifern von Süden her genähert, so dass der Wind hinter ihr stand, und hat sie völlig überrascht. Sie hat genug Blutspuren hinterlassen, dass wir uns herleiten konnten, was genau geschehen sein muss, und es war wohl ungefähr so, als hätte man einen Säbelzahntiger auf ein Rudel Hyänen losgelassen, Doktor. Letztendlich haben die sie dann doch erledigt, aber dabei hat sie die Angreifer alle erledigt, bis auf den letzten. Der Shuttle muss unter Fernsteuerung gestartet sein, denn es waren ganz gewiss keine Piraten mehr übrig, die ihn noch hätten fliegen können.

Aber ab dann wird es eben merkwürdig. Die Leute aus unserer Forensik-Abteilung haben den jeweiligen Todeszeitpunkt der Piraten und der Mitglieder ihrer Familie abschätzen können, und sie haben auch die Blutspuren untersucht, die DeVries selbst währenddessen hinterlassen hat. Den Gesetzen der Logik zufolge muss sie wenige Minuten nach dem Tod des letzten Piraten verblutet sein. Und wenn das nicht der Fall gewesen sein sollte, dann hätte sie erfrieren müssen, ebenfalls vermutlich ziemlich rasch. Und wenn sie noch gelebt hätte, dann hätten unsere Scans sie eindeutig orten müssen. Aber nichts dergleichen ist geschehen – es ist wirklich, als hätte sie sich an irgendeinem anderen Ort aufgehalten, bis Sikorskys Mannschaft gelandet ist und sie gefunden hat. Und, Doktor …« Der Blick des Colonel wirkte sehr angespannt, »nicht einmal jemand von den Springereinheiten ist zu so etwas in der Lage.«

»Also, was wollen Sie damit sagen? Dass hier Zauberei im Spiel war?«

»Ich will damit sagen, dass sie mindestens drei Dinge geschafft hat, die schlichtweg unmöglich sind, und niemand hat auch nur den Hauch einer Ahnung, wie das geschehen sein könnte. Bis uns also irgendeine Möglichkeit dafür eingefallen ist, würden wir sie gerne in Ihren fähigen Händen wissen.«

»Zu welchen Bedingungen?« Okanamis Stimme klang mit einem Mal unverkennbar frostig.

»Wir würden es vorziehen«, entgegnete McIlhenny vorsichtig, »sie in genau dem Zustand zu belassen, in dem sie sich derzeit befindet.«

»Bewusstlos? Vergessen Sie’s, Colonel.«

»Aber …«

»Ich sagte, vergessen Sie’s! Man hält keinen Patienten dauerhaft sediert, schon gar nicht jemanden, der so etwas durchgemacht hat wie diese Frau, und ganz besonders nicht, wenn noch ein unbekanntes pharmakologisches Element hineinspielt. Ihr Zustand ist nichts, womit man irgendwelche Experimente macht, und Ihr Download hier …« – er hielt dem Colonel das Lesegerät unter die Nase – »… ist alles andere als vollständig. Diese verdammte Datei verrät mir nicht einmal, was ein halbes Dutzend der Drogen in ihrem Pharmaskop überhaupt tun, und das Sicherheitssystem ihrer Implantate muss ein Radikal-Paranoiker im Endstadium entwickelt haben! Nicht nur, dass die Codes in ihren Implantaten jegliche externe Deaktivierung verhindern, ich kann ihr Drogen-Reservoir noch nicht einmal durch einen chirurgischen Eingriff entleeren! Haben Sie überhaupt eine Vorstellung davon, wie sehr das ihre Medikamentierung erschwert? Und das gleiche Sicherheitssystem, das es mir verbietet, auf ihre Rezeptoren zuzugreifen, verhindert auch, dass ich eine Standard-Soma-Einheit einsetze, also könnte ich die Patientin ausschließlich mit chemischen Wirkstoffen sedieren.«

»Ich verstehe.« McIlhenny drehte seinen Kaffeebecher hin und her und legte die Stirn in Falten, als ihm bewusst wurde, wie sehr er hier gegen den hippokratischen Eid des Doktors anzukämpfen versuchte. »Unter diesen Umständen sollten wir vielleicht lieber sagen, wir wären Ihnen dankbar, wenn Sie die Patientin rund um die Uhr weiterhin beobachten würden.«

»Ob ihr Zustand das erfordert oder nicht, was? Und wenn sie selbst beschließt, sich auf eigene Verantwortung zu entlassen, bevor Ihre Leute vom Nachrichtendienst hier eintreffen?«

»Das kommt überhaupt nicht in Frage. Diese ›Piratenüberfälle‹ entziehen sich völlig unserer Kontrolle. Das alleine ist ja schon schlimm genug, und wenn man dann noch all die bislang unbeantworteten Fragen hinzunimmt, die im Hinblick auf diese Frau zu berücksichtigen sind …« McIlhenny zuckte mit den Schultern. »DeVries geht nirgendwo hin, solange wir nicht zumindest ein paar Antworten erhalten haben.«

»Auch die Drecksarbeit, die ich für Sie und Ihre Geheimdienstler zu erledigen bereit bin, kennt ihre Grenzen, Colonel.«

»Was denn für eine Drecksarbeit? Sie wird wahrscheinlich noch nicht einmal gehen wollen, aber wenn das doch so sein sollte, dann sind immer noch Sie der behandelnde Arzt in einem Militärkrankenhaus.«

»Einer Patientin«, merkte Okanami an, »die zufälligerweise eine Zivilistin ist.« Er lehnte sich zurück und blickte den Colonel alles andere als freundlich an. »Erinnern Sie sich noch, was ›Zivilisten‹ sind? Sie wissen schon, diese Leute, die keine Uniformen tragen? Die, die so etwas wie ›Bürgerrechte‹ haben? Wenn diese Patientin das Krankenhaus verlassen will, dann kann sie jederzeit gehen – es sei denn, es gäbe echte medizinische Gründe dafür, sie weiterhin hier zu behalten. Und Ihre ›unbeantworteten Fragen‹ stellen nun wirklich keinen hinreichenden Grund dar.«

McIlhenny verspürte echten Respekt vor diesem Chirurgen und zupfte sich nachdenklich an der Unterlippe.

»Hören Sie, Doktor, ich wollte Ihnen wirklich nicht auf die Füße treten, und ich bin mir sicher, für Admiral Gomez gilt genau das Gleiche. Und wir sind auch keine Unmenschen wie aus dem Mittelalter, die unliebsame Zeugen einfach ›verschwinden‹ lassen. Diese Frau gehört zu unseren eigenen Leuten, und sie ist wirklich eine unserer Besten. Wir müssen sie nur … im Auge behalten.«

»Und wo ist dann das Problem? Selbst wenn ich sie entlasse, wird sie wohl kaum an irgendeinen Ort gehen, an dem Sie sie nicht finden könnten. Zumindest nicht ohne ein Raumschiff.«

»Ach, nicht?« McIlhennys Lächeln wirkte sehr angespannt. »Ich könnte jetzt daraufhinweisen, dass sie schon einmal an irgendeinem Ort war, an dem wir sie nicht finden konnten, obwohl es ganz danach aussieht, als hätte sie eigentlich direkt vor unserer Nase liegen müssen. Wer sagt denn, dass sie das nicht jederzeit wieder tun kann?«

»Wer sagt denn, sie hätte irgendeinen Grund, das noch einmal zu tun?«, gab Okanami wütend zurück.

»Niemand. Andererseits: Wer sagt denn, dass sie es beim ersten Mal absichtlich gemacht hat?« Okanami hob die Augenbrauen, und McIlhennys Grinsen hatte etwas sehr Säuerliches. »Daran hatten Sie noch gar nicht gedacht, was? Das liegt daran, dass Sie einfach nicht paranoid genug sind für einen unserer unbeliebten ›Geheimdienstler‹, Doktor. Aber das Wichtige hier ist, dass, solange wir nicht zumindest eine Vorstellung davon haben, was da unten eigentlich wirklich passiert ist, wir einfach nicht wissen, ob sie das nun mit Absicht hat geschehen lassen oder nicht – was auch immer sie getan haben mag. Und wir wissen auch nicht, was mit ihr passiert, falls sie es noch einmal tun sollte.«

»Sie haben Recht – Sie sind paranoid«, murmelte Okanami. Kurz dachte er angestrengt nach, dann zuckte er die Achseln. »Ist trotzdem egal. Wenn ein Zivilist im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte darauf besteht, auf eigene Verantwortung ein Krankenhaus zu verlassen, dann wird das auch geschehen – es sei denn, man hätte irgendwelche handfesten Anklagepunkte vorzubringen, aufgrund derer man ihn auch gegen seinen Willen weiter festhalten kann. Und wenn das eben nicht so ist, dann war’s das, Colonel.«

»Nicht ganz.« McIlhenny lehnte sich zurück und lächelte den Arzt an. »Wissen Sie, Sie haben vergessen, dass diese Patientin nicht zur Navy oder den Marines gehört, sondern zum Imperialen Kader.«

»Na und?«

»Es gibt da etwas, was die meisten über den Kader nicht wissen. Eigentlich ist das auch nicht sonderlich erstaunlich; es ist nicht wichtig genug, als dass es allgemein bekannt sein müsste. Aber das Wichtige hier ist, dass diese Patientin im eigentlichen Sinne gar keine Zivilistin ist.« Erstaunt kniff Okanami die Augen zusammen, und McIlhennys Lächeln wurde noch breiter. »Beim Kader wird man nicht ›verabschiedet‹, und man scheidet auch nicht endgültig aus dem Dienst aus – man wird lediglich in den Status eines ›inaktiven Reservisten‹ versetzt. Und wenn Sie diese ›Zivilistin‹ nicht für uns weiterhin unter Beobachtung halten wollen, dann werden wir sie bei Gott einfach wieder in den aktiven Dienst zurückberufen!«

Kapitel 3

Das Wesen, das die Menschen einst ›Tisiphone‹ genannt hatten, durchstreifte die Korridore im Verstand ihres Wirtes und betrachtete erstaunt, was es dort vorfand. In den gewaltigen, dunklen Höhlen prasselten goldene Traumfeuer, und selbst im Schlaf war die Kraft dieses Menschen gewaltig. Es war viel zu lange her, dass Tisiphone zum letzten Mal den Verstand eines Sterblichen berührt hatte, und damals war sie an denen, in die sie eingedrungen war, nicht sonderlich interessiert gewesen. Sie waren nur Zielobjekte gewesen, Quellen der Information, Werkzeuge und Beute – nichts, was man erproben und untersuchen musste, denn sie selbst war nun einmal eine Scharfrichterin, keine Philosophin.

Doch die Dinge hatten sich geändert. Sie war allein, geschwächt, und niemand hatte sie ausgesandt, diese Sterbliche zu strafen; der Verstand, den sie hier durchstreifte, hatte sie herbeigerufen, und Tisiphone selbst benötigte diesen sterblichen Körper. Sie brauchte ihn als Fokus und als Verkörperung ihres geschwächten Selbst, und so durchforstete sie die labyrinthartigen Gänge, suchte nach Orten, an denen sie sich verankern, die Kraft dieses sterblichen Wesens erkunden und sich mit dessen Erinnerungen befassen konnte.

Es war so anders. Der letzte Mensch, dessen Gedanken sie berührt hatte, war … dieser Schäfer in Kappadokien gewesen? Nein, Kassander von Makedonien, dieser verschlagene, ehrgeizige Mörder. Ja, das war ein mächtiger Verstand gewesen, so böse er auch war. Und doch konnte er es nicht mit der Kraft, der Klarheit und dem Wissen dieses Verstandes aufnehmen. Der Mensch an sich hatte sich während ihres Jahrtausende währenden Schlafes verändert, und selbst die kühle Athene oder der geschickte Hephaistos hätten die heutigen Sterblichen wohl um ihr Wissen und ihr Können beneidet.

Doch mehr noch als das Wissen war es die Kraft dieses Verstandes, die Tisiphone wahrlich erstaunte – ihr fokussierter Wille, die kristallene Klarheit … und die ungestüme Wildheit. Kein Wunder, dass dieses Echo, dieses Aufblitzen der Macht, ihre Träume gestört hatte, denn davon fand sich viel in dieser Alicia DeVries. Diese Sterbliche hier mochte so unerbittlich sein wie sie selbst, das spürte Tisiphone deutlich, und ebenso tödlich – und das war erstaunlich. Waren alle Sterblichen so, nur dass sie es eben schon seit langer Zeit nicht mehr gesehen hatte? Oder hatte sich während ihres Schlafes mehr verändert als nur das Wissen der Menschheit?

Und doch gab es auch Unterschiede zwischen ihnen. Tisiphone durcheilte Erinnerungen, erprobte Überzeugungen und Glauben, und hätte sie Lippen besessen, so hätte sie abfällig gelächelt ob der Torheit, die sie hier vorfand. Sie und ihre anderen Wesenheiten hatte Dinge wie Liebe und Mitleid niemals kennen gelernt – für Wesen wie sie hatten diese Begriffe einfach keine Bedeutung, und noch weniger dieses Konzept der ›Gerechtigkeit‹. Es griff nach ihr, denn es besaß die gleiche Schärfe wie sie, es berührte ein wenig ihr eigenes Wesen, und doch verspürte sie auch, welche gefährlichen Widersprüche in seinem innersten Kern lauerten. Es schrie nach Vergeltung, ja, doch die Ausgeglichenheit machte die Klinge dieser Waffe unnötig stumpf. Abschwächungen nahmen dieser Sterblichen die tödliche Gewissheit, und diese selbsttäuschende Betonung von ›Schuld‹, ›Unschuld‹ und ›Beweis‹ schwächten ihre Entschlossenheit.

Tisiphone studierte die Daten, erprobte die innere Spannung, die so viele widersprüchliche Elemente in einem fragilen Gleichgewicht hielten, und der vertraute, unbändige Hunger, der tief im Herzen dieser Sterblichen verborgen lag, machte das alles für Tisiphone nur noch fremdartiger. Sie und ihre Schwesternwesenheiten waren dazu geschaffen worden, zu strafen und Rache zu üben, und ›Schuld‹ oder ›Unschuld‹ hatten bei ihren Aufträgen keinerlei Rolle gespielt. Diese › Gerechtigkeit‹ verlieh dem heißen, süßen Geschmack des Blutes eine bittere Note, und Tisiphone wies diese ›Gerechtigkeit‹ weit von sich. Geringschätzig wandte sie sich ab und richtete ihre Aufmerksamkeit auf andere Juwelen in diesem schatzkammerartigen Verstand.

Dort waren sie, hoch aufgestapelt, glitzerten unermesslich, und Tisiphone genoss diese entfesselte Gewalt des Kampfes mit Waffen, die wohl Zeus persönlich neidisch gemacht hätten. Diese Sterblichen hatten ihre eigenen Blitze, mit denen sie Tod und Verderben bringen konnten, und mit den Augen ihres Wirtskörpers betrachtete sie erneut die Geschehnisse, schmeckte die ungestümen Wellen des Entsetzens und des Zorns, im Zaum gehalten durch Ausbildung und Wissenschaft, stets angepasst an das jeweilige Ziel. Sie neigte zu Gewalt, diese Alicia DeVries … und doch, selbst noch im Herzen ihrer Kampfeswut, fand sich dieses verwünschenswerte Gefühl des völligen Losgelöstseins. Diese wachsame Wesenheit, die auch das Blut betrauerte, das sie selbst vergossen hatte, und die selbst noch im Augenblick des Tötens den Tod ihrer eigenen Feinde betrauerte.

Hätte Tisiphone es vermocht, so hätte sie ausgespien angesichts dieser möglichen Schwäche. Sie musste vorsichtig sein! Diese Sterbliche hatte den Eid abgelegt, ihr zu Diensten zu sein, doch im Umkehrzug hatte Tisiphone sich auch den Zielen dieser Alicia DeVries verschrieben, und ihr Verstand war mächtig und komplex – eine Waffe, die sich gegen Tisiphone selbst richten konnte, wenn sie ihr zu viel abverlangte.

Andere Erinnerungen umströmten sie – Erinnerungen voller Bitterkeit, ihren eigenen Bedürfnissen viel eher angepasst. Erinnerungen an Sterbliche, die diese Alicia DeVries geliebt hatte, Erinnerungen, die ihr Wirtskörper voller Wachsamkeit hegte, dicht am eigenen Herzen, Talismanen gleich, mit denen sie ihre eigene dunkle Seite zu bezähmen suchte. Anker, die ihr dabei halfen, dieses so sehr schwächende Mitgefühl niemals zu verlieren. Doch nun waren es keine Anker mehr. Sie hatten sich in Peitschen verwandelt, entfesselt durch jüngere Erinnerungen an Vergewaltigung und Verstümmelung, an Blutvergießen und mutwillige Grausamkeit – und an die geschundenen Leiber verstorbener Sterblicher, die diese Alicia DeVries einst geliebt hatte. Die Peitschen bezogen ihre Kraft aus den tiefsten Regionen von Macht und Entschlossenheit, fachten sie zu etwas Vertrautem an, das Tisiphone sofort wiedererkannte. Denn unterhalb all jenes Unsinns aus Mitgefühl und Gerechtigkeit blickte Tisiphone in den Spiegel von Alicia DeVries’ Seele und erblickte dabei … sich selbst.

Jadeaugen öffneten sich. Finsternis presste sich gegen die Fenster des spartanisch eingerichteten Raumes, stöhnte mit der endlosen Geduld des Winterwindes von Mathison, doch mattes Licht ließ goldene Teiche über die Zimmerdecke wabern. Monitore piepsten leise, fast schon ermutigend, und Alicia atmete langsam und tief durch.

Auf dem Kissen drehte sie den Kopf zur Seite, begutachtete die Stille, die sie umgab, und sah das Gewehr, das auf ihrem Nachttisch lag. Wie eine manifestierte Erinnerung glitzerte die Waffe im Halbdunkel, und das hätte all den Schmerz der Welt über Alicia hereinbrechen lassen müssen.

Doch das tat es nicht. Nichts bewirkte das, und das war … schlichtweg falsch. Die Bilder waren noch da, klar und tödlich, mit allen grausamen Details. Jeder Einzelne, den sie einst geliebt hatte, war tot – schlimmer noch: zerstört, niedergemetzelt mit krankem, bewusst überlegtem Sadismus –, und doch übermannte der Schmerz Alicia nicht.

Sie hob die Hand an ihren Kopf und legte die Stirn in Falten; ihre Gedanken waren klarer, als sie eigentlich hätten sein sollen, und doch wirkten sie dabei sonderbar distanziert. Erinnerungen durchzuckten sie, gnadenlos und deutlich wie Holovideos, und doch unnahbar, als betrachte Alicia sie durch das zeitverlangsamende PanzerPlastik des ›Tickers‹. Und endlich war da doch noch etwas, es schien sie zu verspotten …

Ihre Hand erstarrte mitten in der Bewegung, und Alicia riss die Augen auf, als die Erinnerung an den Wahnsinn zurückkehrte, der sie letztendlich ereilt hatte. Sie hatte Stimmen gehört! Was für ein Unfug! Und doch … erneut blickte sie sich in dem stillen Raum um, und sie wusste, dass sie ihn eigentlich niemals hätte zu Gesicht bekommen sollen.

»Natürlich hättest du ihn zu Gesicht bekommen sollen«, sagte eine kalte, klare Stimme. »Ich habe dir deine Rache versprochen, und um diese Rache auch nehmen zu können, musst du leben.«

Alicia erstarrte, lag mit weit aufgerissenen Augen im Halbdunkel des Raumes, und selbst jetzt lag in ihrem Blick noch nicht einmal ein Anflug von Panik. Ihre Augen waren kühl und ruhig, denn das Entsetzen ob dieser lautlosen Stimme schien von einem gläsernen Schutzwall abzuprallen. Sie spürte die Anwesenheit dieser körperlosen Stimme, spürte ein Prickeln in ihren Handflächen, und doch konnte diese Stimme sie nicht erreichen, nicht berühren.

»Wer … was … bist du?«, fragte sie in die Leere hinein, und tief in ihrem Innersten spürte sie ein lautloses Lachen.

»Haben die Sterblichen uns wahrhaftig vergessen? Ach, wie wankelmütig ihr doch seid! Du darfst mich Tisiphone nennen.«

»›Tisiphone‹?« Irgendwie kam Alicia dieser Name bekannt vor, doch …

»Ganz ruhig«, flüsterte die Stimme, klar wie ein Kristall, der so heftig vibrierte, als müsse er augenblicklich zerspringen, und die Bemühung, jemanden zu besänftigen, schien ihr gänzlich unvertraut zu sein, fremdartig für sie. »Einst nannten deinesgleichen uns Erinnyen, doch das ist lange, lange her. Wir waren zu dritt: Alekto, Megaira … und ich. Ich bin die Letzte der Furien, kleines Menschenkind.«

Alicias Augen wurden noch größer, dann kniff sie sie fest zu. Die einfachste Antwort war wohl doch, dass sie von Anfang an recht gehabt hatte. Sie musste den Verstand verloren haben! Das ergab auf jeden Fall mehr Sinn, als dass sie hier ein Gespräch mit jemandem aus der Mythologie von Alterde führte! Doch zugleich wusste sie, dass sie nicht verrückt war, und dieser Gedanke brachte sie dazu, die Lippen zu einem Grinsen zu verziehen. Hieß es nicht immer, ein Verrückter wisse ganz genau, dass er nicht verrückt sei? Und wer außer einer Wahnsinnigen konnte in einem derartigen Moment so ruhig bleiben?

»All eurem Können zum Trotze ist dein Volk fast blind geworden. Habt ihr die Fähigkeit verloren, etwas zu glauben, das ihr weder sehen noch berühren könnt? Haben nicht eure ›Wissenschaftler‹ täglich mit Dingen zu tun, die sie lediglich zu beschreiben vermögen?«

»Touché«, murmelte Alicia, dann schüttelte sie den Kopf. Eine Streckhalterung umschloss ihr linkes Bein vom Knie bis zur Hüfte, so dass sie es nicht bewegen konnte. Der Verband war leichter als ein PlastoGips, und doch zerrte er an ihr, als sie versuchte, sich auf die Ellbogen zu stützen. Alicia strich sich das Haar aus den Augen und blickte sich um, bis sie die Steuerung des DynamikBettes entdeckte. Sie streckte die linke Hand aus und verband ihren Gamma-Rezeptor mit dem Stecker der Steuerung. Sie hatte ihn schon so lange nicht mehr genutzt, dass fast zehn Sekunden vergingen, bis die erforderlichen NeuroLinks aufgebaut waren, doch dann surrte das Bett leise und stellte sich ein wenig schräger. Alicia mühte sich, eine halbwegs bequeme Sitzposition zu finden, und legte die Hände in den Schoß; dann reckte sie den Hals und blickte sich erneut hastig im Raum um.

»Sagen wir doch einfach, ich würde an dich glauben … Tisiphone. Wo bist du?«

»Dein Verstand ist zu scharf, als dass du eine derartige Frage stellen müsstest, Alicia DeVries.«

»Du meinst«, erwiderte Alicia sehr vorsichtig, und ein leichtes Zittern der Furcht durchdrang nun doch die schützende Glaswand, »du bist in meinem Kopf?«

»Natürlich.«

»Ich verstehe.« Sie holte tief Luft. »Warum hänge ich dann nicht von der Decke herab und stoße nur noch unverständliche Laute aus?«

»Es wäre unserem gemeinsamen Ziel wohl kaum dienlich, wenn ich das zuließe. Nicht …«, setzte die Stimme nüchtern hinzu, »dass du nicht genau das gerade zu tun versuchen würdest.«

»Nun ja …« Es überraschte Alicia, dass sie ein wenig lächelte, trotz des Wahnsinns, der sie hier erfasst hatte. »Ich denke, das wäre wohl das Vernünftigste, oder?«

»›Vernunft‹ ist ein überbewertetes Gut, kleines Menschenkind. Auch der Wahnsinn hat seinen Ort, aber er macht das Sprechen beschwerlich, nicht wahr?«

»Das wohl.« Alicia presste die Hände an die Schläfen, ertastete mit ihren Handflächen die vertraut kantige Form ihrer subkutanen Alpha-Rezeptoren und leckte sich kurz über die Lippen. »Bist du … der Grund dafür, dass ich keine Schmerzen mehr verspüre?« Sie sprach nicht von körperlichen Schmerzen, und das war auch dieser körperlosen Stimme bewusst.

»Gewiss. Du bist eine Soldatin, Alicia DeVries. Erreicht ein Krieger, den die Trauer in den Wahnsinn getrieben hat, letztendlich sein Ziel, oder stirbt er von der Hand seiner Gegner? Verlust und Hass sind mächtig, doch man muss sie sich zunutze machen. Ich werde nicht zulassen, dass sie sich dich zunutze machen. Noch nicht.«

Wieder schloss Alicia die Augen, dankbar für diese Glasscheibe zwischen ihr und diesem Gefühl des Verlustes. Sie fühlte die endlose, nachtschwarze Trauer, die jenseits dieses Schutzwalls, den diese Tisiphone errichtet hatte, nur darauf wartete, sie in die Zerstörung zu zerren – und die Vorstellung ängstigte Alicia. Doch in ihrer Dankbarkeit dafür lag auch ein gewisser Unmut, als habe man ihr etwas geraubt, das von Rechts wegen ganz alleine ihr gehören sollte – etwas, das ebenso kostbar wie grausam war.

Erneut atmete sie tief ein und ließ die Hände wieder sinken. Entweder existierte diese Tisiphone wirklich, oder sie, Alicia, war wirklich verrückt geworden – und sie konnte sich in ihrem Handeln genauso gut darauf einstellen, nicht dem Wahnsinn verfallen zu sein. Sie öffnete ihr Krankenhaus-Nachthemd und betrachtete die rote Linie auf ihrer Brust und die auf ihrem Unterleib. Sie verspürte keinerlei Schmerzen, und die Eiltherapie schien ganze Arbeit zu leisten – die Schnittwunden dort waren schon fast verheilt und würden mit der Zeit ganz verschwinden, ohne auch nur eine Narbe zu hinterlassen –, doch diese Schnitte bestätigten deutlich, welche Verletzungen sie davongetragen hatte. Alicia schloss das Nachthemd wieder und ließ sich in ihrem stillen Krankenzimmer wieder auf das Kissen sinken.

»Wie lange ist es her, dass ich verwundet wurde?«

»Zeit ist etwas, das die Sterblichen besser zu messen vermögen als ich, kleines Menschenkind, und dort, wo du und ich gewesen sind, existiert sie nicht. Doch es sind drei Tage vergangen, seit du an diesen Ort hier gebracht wurdest.«

»›Wo du und ich gewesen sind‹?«

»Du lagst im Sterben, und ich bin nicht mehr, was ich einst gewesen bin. Meine Macht ist geschwunden, seit meine anderen Wesenheiten dahinschieden, und ich war stets eher dazu fähig, Wunden zu reißen als sie zu verheilen. Da ich dich nicht wieder herrichten konnte, habe ich dich an einen Ort gebracht, zu dem die Zeit keinen Zutritt hat, bis die Sucher kamen, um dich zu finden.«

»Würde es dir etwas ausmachen, mir das ein wenig genauer zu erklären?«

»Würde es dir etwas ausmachen, einem blindgeborenen Menschen den Begriff ›Blau‹ zu erklären?«

»Du klingst genau wie diese Arschlöcher vom Nachrichtendienst.«

»Nein. Die haben dich angelogen. Ich weiß, was ich getan habe, und ich würde es dir auch erklären, wenn du mich nur verstehen könntest.«

Alicia schürzte die Lippen; es überraschte sie, wie rasch Tisiphone sie verstanden hatte.

»Wie sollte ich dich nicht verstehen? Ich habe Tage damit verbracht, deine Erinnerungen zu erkunden, kleines Menschenkind. Ich weiß von deinem Colonel Watts.«

»Das ist nicht mein Colonel Watts.« Plötzlich klang Alicias Stimme eiskalt, und der hochkochende Zorn überraschte Tisiphone; mühelos durchdrang er den Schutzwall, als Alicia sich an das völlige Chaos dieses Einsatzes auf Shallingsport zurückerinnerte. Mit einem heftigen Kopfschütteln verdrängte sie den Gedanken wieder, unterdrückte ihn mit einem Geschick, das auch eine leibhaftige Furie nicht besser hätte an den Tag legen können.

»Also gut, jetzt bist du also hier. Und was wirst du tun?«

»Du hast um Rache gebeten, und du sollst sie haben. Wir werden deine Feinde finden, du und ich, und wir werden sie zerstören.«

»Nur wir beide? Wenn das ganze Imperium dazu nicht in der Lage ist?« Alicias Lachen klang alles andere als angenehm. »Warum glaubst du, wir könnten das schaffen?«

»Deswegen«, sagte die Stimme leise. Ruckartig hob Alicia den Kopf. Sie fletschte die Zähne, und ihrer Kehle entrang sich ein Laut, der einem Eisluchs zur Ehre gereicht hätte. Der Zorn pulsierte ihr durch die Adern und Venen, nicht mehr zurückgehalten durch jenen Schutzwall tief in ihrem Innersten, rein und klar und heißer als das lodernde Herz eines Sterns. Verlust und Trauer waren mit diesem Zorn vermischt, doch sie wurden nur mitgerissen, waren nur Antrieb, nicht Grund dieser unbändigen Hitze. Die Wildheit dieses Zorns erfasste Alicia wie eine glühende Faust, und Panik stieg in ihr auf, als ihre Implantate auf diesen Gefühlsausbruch reagierten.

Doch dann schwand der Zorn wieder, und Alicia sackte zurück auf das Kissen; sie keuchte heftig, Schweißperlen standen ihr auf der Stirn. Ihr Herz raste, und mit einem Mal war sie schwach und ausgelaugt, wie ein entleertes Gefäß – ein Gefäß, das sonst mit hochkonzentrierter Säure gefüllt war. Und doch spürte sie tief in ihrem Inneren immer noch ein Zittern, das ihren Puls immer weiter antrieb, wie ein Echo dieses unbändigen Zorns. Entschlossenheit – nein, es war mehr als bloße Entschlossenheit: Es war eine feste Absicht, ein Ziel, das weit über Unerbittlichkeit hinausging, es war unausweichlich, es verhöhnte und verspottete die Vorstellung, irgendeine Macht im Universum könne sie davon abbringen.

»Allmählich verstehst du, kleines Menschenkind, doch das war nur dein eigener Zorn; den meinen hast du noch nicht gekostet. Ich bin der Zorn – dein Zorn, und der meinige, und aller Zorn, der jemals war oder jemals sein wird –, und ich bin darin geübt, ihn mir zunutze zu machen. Wir werden sie finden. Darauf gebe ich dir mein Wort, und mein Wort habe ich noch niemals gebrochen. Und wenn wir sie finden, wirst du die Kraft meines Armes haben, dessen Schlag noch nie fehlging. Wenn ich auch weniger bin, als ich einst war, so bin ich doch immer noch mehr, als du dir nur vorstellen kannst. Du wirst deine Rache erhalten.«

»Großer Gott«, flüsterte Alicia und presste sich die zitternden Hände erneut gegen die Schläfen. Eisiges Entsetzen durchfuhr sie – Entsetzen nicht vor Tisiphone, sondern vor sich selbst. Entsetzen angesichts der unbegrenzten Bereitschaft, Tod und Zerstörung zu bringen, die sie in ihrem eigenen, furiengleichen Zorn erkannt hatte. Oder – sie musste schlucken – war es doch nur der Zorn jener Furie in ihrem innersten Selbst gewesen?

»Ich …«, setzte sie an und brach den Satz augenblicklich ab, als ein Mann in der weißen Kleidung eines Krankenpflegers durch die Tür hereinkam und ruckartig stehenblieb, als er sah, dass die Patientin aufrecht in ihrem Bett saß. Er riss die Augen auf, dann eilte er zu den Monitoren neben dem Bett hinüber und griff nach einem Neuralkabel, das mit der Hauptkonsole verbunden war. Er presste es sich gegen den Sensor, der in seine Stirn implantiert war, und Alicia verkniff sich ein Lächeln, als sie plötzlich verstand. Ihre Vitalfunktionen mussten ins Unermessliche geschossen sein, als dieser reine, hochkonzentrierte Hass sie durchströmt hatte.

Der Pfleger ließ den Kopf sinken und blickte die Patientin mit unverhohlener Verwirrung an. Und in seinem Blick lag noch etwas anderes: Zahllose Fragen, die er ihr gerne gestellt hätte, und eindeutiges Mitgefühl sorgten für eine sonderbare Anspannung, die er nicht ganz zu verbergen vermochte, so professionell er hier auch aufzutreten versuchte. Er wandte sich von ihr ab, und kurz wanderte sein Blick zum Tastfeld des Intercoms hinüber. Alicia unterdrückte ein gequältes Stöhnen. Was war sie doch für eine Idiotin! Natürlich war das Intercom die ganze Zeit über aktiviert gewesen! Was dachte er jetzt wohl über sie, nachdem er ihren Teil dieses verrückten Gesprächs mit Tisiphone mitangehört hatte?

»Soll ich ihm die Erinnerung daran nehmen?«

»Geht das?« Reflexartig hatte Alicia laut gesprochen, dann verwünschte sie sich selbst, als der Pfleger unwillkürlich einen halben Schritt von ihr zurückwich.

»Was meinen Sie mit ›geht das?‹, Captain DeVries?«

»Ohm … geht das wohl, dass Sie mir sagen, wie lange ich schon hier bin?«, improvisierte sie hektisch.

»Drei Tage, Ma’am«, antwortete er.

»Damit ich dich höre, brauchst du nicht laut zu sprechen, kleines Menschenkind«, sagte Tisiphone im gleichen Augenblick, und am liebsten hätte Alicia sich jetzt die Haare gerauft und sie beide gleichzeitig angeschrien. Die besorgte Vorsicht in der Stimme des Pflegers schien ihr bizarr in den Ohren zu vibrieren, doch sie wurde fast von der Belustigung übertönt, die in dem lautlosen, geistigen Flüstern mitgeschwungen hatte.

»Ich danke Ihnen«, sagte sie und setzte lautlos hinzu: »Könntest du das? Könntest du dafür sorgen, dass er das vergisst?«

»Früher konnte ich das gewiss. Aber heute …« Alicia spürte eindeutig das geistige Gegenstück zu einem Achselzucken. »Ich könnte es versuchen, wenn du es irgendwie schaffst, ihn zu berühren.«

Alicia blickte zu dem äußerst wachsamen Pfleger hinüber und musste sich sehr zusammennehmen, nicht in ein gänzlich unpassendes Kichern auszubrechen. »Vergiss es! Der arme Kerl ist fest davon überzeugt, dass ich völlig den Verstand verloren habe, und er hat mich mit meinem Dienstgrad angesprochen, also weiß er wohl auch, dass ich zu den Springereinheiten gehöre. Ich bin erstaunt, dass er überhaupt noch hier ist, und wenn ich jetzt versuche, ihn anzufassen, dann erschrecke ich ihn doch bestimmt zu Tode. Ich meine, der hält mich für eine gemeingefährliche Verrückte! Abgesehen davon haben die das bestimmt auch aufgezeichnet.«

»›Aufgezeichnet‹?« Es fühlte sich fast an, als würden geschickte Finger in ihrem Gehirn nach der erforderlichen Information suchen. »Ach so. Mir scheint, ich müsste noch einiges über diese ›Technologie‹ lernen. Wird das von Bedeutung sein?«

»Woher soll ich das denn wissen? Das hängt ganz davon ab, für wie bekloppt die mich hier halten! Jetzt sei mal einen Augenblick still.«

Tief in ihrem Innersten spürte Alicia das Echo immensen Erstaunens eines fremden Wesens – als sei Tisiphone es nicht gewohnt, Befehle von einem gewöhnlichen Sterblichen entgegennehmen zu müssen, und sie musste sich erneut ein fast schon manisches Grinsen verkneifen. Stattdessen versuchte sie sich an einem beruhigenden Lächeln.

»Ich danke Ihnen«, wiederholte sie etwas lauter. »Ich habe mich gefragt … ich merke wohl, dass es mitten in der Nacht ist, aber könnte ich wohl den diensthabenden Arzt sprechen?«

»Surgeon Captain Okanami ist schon auf dem Weg hierher, Ma’am. Ich hatte schon auf ihn gewartet, als … das heißt …« Er sprach nicht weiter, und wieder lächelte Alicia freundlich.

Der arme Kerl! Kein Wunder, dass er schon die hohen Tiere herbeigerufen hat. Der hat sich angehört, wie diese Verrückte hier vor sich hin geplappert hat, und dann haben ihre Vitalfunktionen plötzlich verrückt gespielt. Die jetzt auch noch.

»Ich verstehe. Ja, dann …«

Während ihres Versuches, irgendeine unverfängliche Bemerkung zu machen, wurde die Tür zu ihrem Zimmer erneut geöffnet. Ein Captain der Navy trat ein; sein Schritt war forsch, aber doch angemessen, auch wenn für Alicia irgendetwas darauf hinwies, dass es ihm schwerfalle, diese Art des Auftretens beizubehalten. Der Äskulap-Stab an seinem Kragenspiegel, der ihn als Offizier im Sanitätsdienst auswies, glitzerte im matten Licht, und während des Eintretens hielt der Mann inne, als sei er erstaunt, dass die Patientin aufrecht im Bett saß. Nein, es war nicht die Art und Weise, wie sie hier saß, die ihn verunsicherte. Es musste ihr Gesichtsausdruck sein. Für ihn machte sie den Eindruck, als sei sie geistig völlig gesund. Sonderbar … sie fühlte sich ganz und gar nicht so, als könne sie auf irgendjemand anderen ›geistig gesund‹ wirken. Mit einer Hand vollführte der Captain eine kurze Bewegung, als wolle er ein Tier verscheuchen, und der Pfleger mühte sich redlich, sich seine Erleichterung nicht anmerken zu lassen, als er fast schon beeindruckend schnell den Raum verließ.

»Also …«, setzte Captain Okanami an und verschränkte die Arme vor der Brust, als die Tür sich hinter dem Pfleger wieder geschlossen hatte. »Ich bin froh, dass Sie wieder bei uns sind, Captain DeVries.«

Jou, und tierisch erstaunt darüber auch. Sie verbarg diesen Gedanken hinter einem freundlichen Lächeln und beobachtete ihn schweigend. Sie fragte sich, was er wohl gerade denken mochte.

»Sie können von Glück reden, dass Sie noch leben«, sprach er sanft weiter, »aber ich fürchte …«

»Ich weiß schon.« Sie fiel ihm ins Wort, bevor er den Satz beenden konnte. »Ich weiß schon«, wiederholte sie deutlich sanfter und räusperte sich.

»Ja … na ja.« Okanami richtete den Blick auf den Boden des Krankenzimmers und zupfte sich mit der linken Hand am Ohrläppchen. »Ich war noch nie sonderlich gut darin, irgendjemandem mein Beileid auszusprechen, Captain. Wirklich noch nie. Ich denke, das ist bei einem Arzt wohl ein echter Makel … aber wenn ich irgendetwas für Sie tun kann, dann lassen Sie mich das bitte wissen.«

»Mache ich.« Sie blickte auf ihre eigenen Hände herab und räusperte sich erneut. »Ich gehe davon aus, Sie wissen mittlerweile, dass ich dem Kader angehöre?«

»Ja. Es hat uns ziemlich überrascht, aber ja, wir haben das mittlerweile herausgefunden. Das hat uns auch einige Probleme bereitet – echte medizinische Probleme, meine ich damit.«

»Das kann ich mir vorstellen. Ich bin froh, dass Sie nicht irgendwo auf eine Tretmine gestoßen sind.«

»Eigentlich sind wir das sogar schon.« Erschreckt blickte sie zu ihm auf, und er zuckte mit den Schultern. »Nichts, womit wir nicht fertig geworden wären …« – Alicia wurde das Gefühl nicht los, dass ihm diese Bemerkung nicht ganz leicht über die Lippen gegangen war – »… und wir hatten auch zumindest zu einigen Ihrer Implantate die zugehörigen Spezifikationen. Ich rechne nicht mit weiteren Problemen, bis das MediTeam des Kaders hier eintrifft.«

»Ein MediTeam des Kaders?«, fragte Alicia sofort nach. »Das kommt hierher?«

»Selbstverständlich. Ich sehe mich wirklich außerstande, mit Ihrem Fall fertig zu werden, Captain DeVries, daher hat Admiral Gomez ein Team zu Hilfe gerufen. Wenn ich es richtig verstanden habe, befindet sich eine Abteilung des Kaders auf Alexandria, und von dort aus sind die Experten jetzt gerade auf dem Weg – an Bord eines Kurierschiffes der Krone.«

»Ich verstehe.« Diesen Gedanken musste Alicia erst einmal verarbeiten. Es waren fünf Jahre vergangen, seit sie zum letzten Mal einen Kameraden vom Kader gesehen hatte. Sie hatte geglaubt – und gehofft –, es würde niemals wieder geschehen.

»Wir hatten wirklich keine andere Wahl, so leid es mir tut. Die Daten, die uns vorliegen, sind entschieden zu lückenhaft.«

»Ich verstehe«, wiederholte sie, doch dieses Mal klang ihre Stimme deutlich normaler. »Und was geschieht in der Zwischenzeit?«

»In der Zwischenzeit bleiben Sie einfach, wo Sie gerade sind. Wir mussten wirklich einiges reparieren … wie Ihnen gewiss schon aufgefallen sein dürfte. Und ich möchte, dass sich das jemand ansieht, der mit den Implantaten des Kaders auch vertraut ist.« Alicia nickte, und der Surgeon Captain neigte den Kopf zur Seite. »Haben Sie irgendwelche Beschwerden? Ich würde es wirklich ungern mit irgendwelchen ausgefallenen Medikamenten versuchen, aber ich denke, mit dem guten alten Aspirin könnte man wohl kaum etwas falsch machen.«

»Nein, keine Beschwerden.«

»Gut.« Die Erleichterung war ihm deutlich anzumerken. »Ich war mir nicht sicher, aber ich hatte gehofft, Ihre Implantate würden sich darum kümmern. Ich bin froh, dass es wirklich so ist.«

»Ohm … ja, ja«, sagte sie, doch ein kurzer Zugriff auf die Steuerungseinheit ihres Pharmaskops meldete ihr, dass dieser Arzt sich täuschte. »Machst du das?«, fragte sie die körperlose Stimme lautlos.

»Natürlich.«

»Danke.«

»Wie sieht denn Ihre Prognose aus?«, fragte sie Okanami kurz darauf.

»Auf die chirurgischen Eingriffe haben Sie gut angesprochen, und ebenso auf die Eiltherapie«, erwiderte der Stabsarzt. »Langfristig werden Sie wahrscheinlich zumindest in Erwägung ziehen, einen Ersatz für Ihre Milz zu erhalten, aber vorerst machen Sie sehr gute Fortschritte. Der Knochenschaden an Ihrem Bein war extrem, und die Reparaturen daran werden mindestens noch einige Wochen in Anspruch nehmen, aber der Rest …«

Mit einer Handbewegung tat er alles Weitere als unbedeutend ab und ging – wie Alicia sofort bemerkte – mit keinem Wort auf ihren Geisteszustand ein. Sehr taktvoll von ihm.

Er trat einige Schritte nach rechts, warf einen Blick auf die Displays ihrer Kontrollsichtgeräte, dann drehte er sich wieder ihr zu.

»Mir ist bewusst, dass Sie gerade erst wieder aufgewacht sind, Captain DeVries …«

»Bitte nennen Sie mich einfach nur Alicia. ›Captain DeVries‹ bin ich schon seit Jahren nicht mehr.«

»Sehr gerne.« Sein Lächeln wirkte aufrichtig und warmherzig, und in seinen Augen lag ein Funkeln, das nur eine Spur von Trauer barg. »Alicia«, wiederholte er ihren Namen. »Wie ich schon sagte, mir ist bewusst, dass Sie gerade erst aufgewacht sind, aber was Sie im Augenblick dringender benötigen als alles andere, das ist einfach Ruhe. Auch wenn Sie das selbst nicht spüren, derartige chirurgische Eingriffe strengen den Körper immens an, Eiltherapie hin oder her, und sie waren am Anfang nicht gerade in besonders gutem Zustand.«

»Ich weiß.« Sie ließ sich wieder auf das Kissen sinken, und der Arzt schürzte die Lippen.

»Wenn es irgendetwas gibt, worüber Sie reden möchten«, setzte er zögerlich an, doch er schwieg, als seine Patientin nur abwehrend eine Hand hob. Er nickte und wandte sich von ihr ab.

»Berühr ihn!«, sagte eine Stimme in ihrem Hinterkopf, so drängend und unerwartet, dass Alicia erschrocken zusammenzuckte.

»Ohm … Doktor?« Er hielt inne und wandte sich ihr zu, und Alicia streckte ihm die Hand entgegen. »Danke, dass Sie mich wieder zusammengeflickt haben.«

»Es war mir eine Freude.« Er ergriff ihre Hand und lächelte Alicia an; sie erwiderte das Lächeln, doch der Schock, der nun ihren ganzen Körper durchfuhr, drohte es ihr von den Lippen zu tilgen. Ihre Hand kribbelte, so energiereich war der Funke gewesen, der zwischen ihnen beiden im Augenblick des Körperkontakts übergesprungen war. Großer Gott, waren bei diesem Mann sämtliche Nerven abgestorben? Wie konnte ihm denn eine derartige Energie einfach entgehen?

Doch das war noch gar nichts im Vergleich zu dem, was nun geschah. Eine Feuersäule strömte ihren Arm empor und durchbrach dann ihre Haut. Fassungslos starrte Alicia die beiden immer noch verschränkten Hände an, rechnete fest damit, jeden Augenblick würden Flammen aus den Poren schlagen, doch das geschah nicht. Keine Flammen … nur diese Hitze! Und dabei hörte Alicia ein Knistern, das sich plötzlich in etwas verwandelte, was sie beinahe erkannte. Ein Schutzwall senkte sich, es war, als würde eine Tür geöffnet oder ein Schaltkreis geschlossen, und das Feuer in ihrem Arm loderte erneut auf und ging dann in das bereits vertraute Kribbeln über, das Alicia jedoch nicht körperlich spürte, sondern nur geistig. Es war, als würde man eine Farbe riechen oder einen Klang sehen – unbeschreiblich für jeden, der es nicht selbst erlebt hatte. Doch sie hatte es schon einmal erlebt. Oder zumindest etwas äußerst Ähnliches.

Informationen durchströmten ihren Arm, klar und deutlich, als hätte ihr Alpha-Rezeptor sie aus einem taktischen Netzwerk gezogen … und das war unmöglich. Und doch geschah es – geschah innerhalb eines Sekundenbruchteils, wie die Impuls-Datenübertragung eines vorausgeschickten Kundschafters, dabei aber weniger fokussiert, viel allgemeiner gehalten und beinahe unorganisiert.

Besorgnis. Ungewissheit. Zufriedenheit mit ihrem körperlichen Gesundheitszustand und tief verankerte, nagende Sorge angesichts ihres Geisteszustands. Unbehagen darüber, dass er sich dafür entschieden hatte, nicht das Interesse des Nachrichtendienstes an ihrem Fall zu erwähnen. Geradezu brennende Neugier, wie sie ohne jegliche Versorgung und ohne entdeckt zu werden in dem Schnee hatte überleben können. Echt empfundene Trauer angesichts des Todes ihrer Familie, und noch größere Trauer darüber, dass sie so ruhig und gefasst wirkte. Zu ruhig, dachte er, und: Ich muss mir diese Aufzeichnung anhören. Vielleicht …

Er ließ ihre Hand los und trat einen Schritt zurück. Es war unverkennbar, dass er nichts Außergewöhnliches bemerkt hatte, und zum Abschied winkte er Alicia noch einmal kurz zu.

»Ich komme morgen früh wieder zu Ihnen, Cap … Alicia«, sagte er mit sanfter Stimme. »Sie sollten schlafen, wenn Sie irgendwie können.« Sie nickte und schloss die Augen, als er ihr Krankenzimmer verließ … und wusste ganz genau, dass ›Schlafen‹ wirklich das Letzte war, wozu sie nun in der Lage sein würde.

Kapitel 4

An Bord des Schlachtkreuzers HMS Antietam blickte Benjamin McIlhenny von dem Computerausdruck auf, als sich zischend eine Luke öffnete; dann erhob er sich hastig, als Sir Arthur Keita eintrat. Keita trug die grüne Uniform des Imperialen Kaders; am Kragenspiegel war unter der goldenen Harfe und dem Raumschiff des Imperators der Stern zu erkennen, der ihn als Brigadier auszeichnete, und auch wenn er einen ganzen Kopf kleiner war als der Colonel, war er doch deutlich breiter und massiger. ›Des Imperators Bulldogge‹ mochte ja fast schon einhundert Jahre alt sein, doch er war immer noch kräftig und erfreute sich körperlich beachtlicher Gesundheit. Zugleich verströmte er harte, unnachgiebige Kompetenz, und dass er hier eintraf, versetzte McIlhenny beinahe schon einen Schock. Der Colonel vermutete, er hätte mit einem deutlich weniger hochrangigen Vorgesetzten rechnen müssen, hätte sich Keita nicht ohnehin schon praktisch nebenan im Macedon-Sektor befunden.

Der Mann, der hinter ihm eintrat, wirkte fast, als habe man ihn eigens als körperliche Antithese zum Brigadier entworfen. Inspector Ferhat Ben Belkassem, noch nicht einmal vierzig Jahre alt, war klein und auffallend gepflegt. Alles an diesem Mann wirkte sehr dunkel, das Schimmern seiner braunen Augen war bemerkenswert, seine große Hakennase ebenso. Am Kragen seiner karmesinroten Uniformjacke war das Abzeichen des Justizministeriums in Form von Stundenglas und Waage zu erkennen, und im Ganzen schien dieser unerwartete Besucher durchaus freundlich – was ganz und gar nicht dazu ausreichte, McIlhenny mit seiner Anwesenheit auch nur im Mindesten zu versöhnen. Das hier war eine Aufgabe für die Navy und die Marines. Eigentlich war McIlhenny der Ansicht, nicht einmal Keita habe das Recht, sich in diese Angelegenheit einzumischen – nicht, dass er die Absicht gehabt hätte, das gegenüber dem Brigadier auch kundzutun. Vor allem nicht gegenüber einem Brigadier des Kaders, und schon gar nicht gegenüber einem gewissen Brigadier des Kaders namens ›Sir Arthur Keita‹. Und das bedeutete, dass McIlhenny, der von sich aus sehr viel Wert auf Gerechtigkeit legte, das auch Ben Belkassem nicht wissen lassen konnte. Verdammt!

»Sir Arthur. Inspector.«

»Colonel«, erwiderte Keita den Gruß zackig. Ben Belkassem lächelte nur darüber, dass sein eigener Name nicht ausdrücklich erwähnt wurde – ein Mangel an Reaktion, der den Colonel immens verärgerte –, und McIlhenny bedeutete den beiden mit einer Handbewegung, ihm gegenüber in zwei Sesseln an diesem Konferenztisch Platz zu nehmen.

Ben Belkassem wartete ab, bis Keita sich gesetzt hatte, dann ließ er sich in seinen Sessel sinken. Diese respektvolle Geste ist ja gut und schön, aber der Mann bewegt sich wie eine Katze, dachte McIlhenny. Anmutig, selbstsicher, lautlos. So ein hinterhältiger Mistkerl.

»Ich habe sämtliche unserer Daten auf die Banshee übertragen«, setzte er an, »aber wenn Sie gestatten, Sir Arthur, sollten wir vielleicht zunächst einige allgemeine Anmerkungen zum Hintergrund der Lage fallen lassen.«

Mit einem Nicken forderte Keita sein Gegenüber zum Weitersprechen auf, und McIlhenny aktivierte die Holo-Einheit. Kurz darauf schwebte über der Tischplatte eine Darstellung des Franconia-Sektors, wie eine zusammengedrückte Viertelkugel voller Sterne. Entlang der abgeflachten Seite war das Grenzgebiet zum Imperium mit freundlichem Grün markiert, doch entlang der Oberseite leuchtete das Scharlachrot der Rishatha-Sphäre, während der gesamte restliche Raumabschnitt vom Bernsteingelb der Freiwelten und dem leuchtenden Blau jener Sonnensysteme durchzogen war, auf die die Quarn-Hegemonie Anspruch erhoben hatte. McIlhenny streifte sein Headset über, verband die Steuerung des Displays mit seinem Neural-Rezeptor und ließ einen einzelnen Stern ganz im Herzen des Sektors golden aufblinken.

»Die Regierungswelt des Sektors.« Diese Erklärung war vermutlich unnötig, doch er hatte schon vor langer Zeit gelernt, stets dafür zu sorgen, dass alle grundlegenden Informationen auch wirklich zur Verfügung standen. »Soissons, im Franconia-Sektor. Der Erde recht ähnlich, von den etwas niedrigeren Temperaturen einmal abgesehen. Die Bevölkerung beträgt ein wenig mehr als zwei Milliarden. Für diese Region auffallend hoch, aber das ist eine der alten Liga-Welten, die wir den Echsen mehr oder minder intakt haben abringen können.«

Seine Zuhörer nickten, und er räusperte sich.

»Wir hätten das hier draußen wirklich schon vor einem Jahrhundert zu einem Sektor der Krone ausbauen sollen, aber da sich dort oben im galaktischen Norden nun einmal die Rishatha herumdrücken, erschien es uns sinnvoll, uns erst einmal anderen Regionen zu widmen. Wir hatten weiß Gott genug anderes, was uns Sorgen bereitet hat, und das Ministerium für Außenweltbelange hatte sich dafür entschieden, keinesfalls die Aufmerksamkeit der Rishatha auf den Süden zu lenken, bis wir die Zentral-Sektoren fest im Griff hätten. Wie Sie sehen können …« – plötzlich blitzte eine Schar Sterne jenseits der geschwungenen Sektorengrenze auf und erhellte das einförmige Weiß des bislang unerkundeten Raumes – »… gibt es dort draußen reichlich Möglichkeit zur Expansion, und wenn wir erst einmal in der Nähe von ihrer Südgrenze auftauchen, wird das die Echsen gewiss ein wenig nervös machen. Wir wollten nicht, dass sie ihre Grenze weiter verschieben, bis wir bereit dazu wären.«

Er blickte zu den anderen hinüber. Ben Belkassem betrachtete das Display, als wäre es lediglich ein faszinierendes Spielzeug, doch Keita stieß nur ein leises Brummen aus und nickte erneut.

»Also gut. Vor acht Jahren hat die Krone Anreize zur Kolonisierung dieser Region bereitgestellt und vor drei Jahren offiziell verkündet, die Organisation des Franconia-Sektors zu übernehmen. Ein Jahr später hat das Ministerium für Außenweltbelange dann Gouverneur General Treadwell dorthin entsandt. In vielerlei Hinsicht ist das ein typischer Sektor der Krone: Das Imperium erhebt Anspruch auf dreiundneunzig Systeme

- sechsundzwanzig davon mit bewohnbaren Planeten –, während einunddreißig jemand anderem im gleichen Raumabschnitt zufallen. Abgesehen von Soissons haben wir dort fünf vollständig eingegliederte Welten, auch wenn auf einer davon, auf Yeager, erst in diesem Jahr die ersten Senatoren gewählt wurden. Abgesehen davon haben wir fünfzehn Welten der Krone mit entsprechenden Planetargouverneuren, oder vielmehr …« – er verzog das Gesicht – »… wir hatten fünfzehn Welten der Krone. Jetzt haben wir da nur noch zwölf.«

Vier Sterne pulsierten leuchtend rot, während er weitersprach; sie lagen recht weit voneinander entfernt,

auch wenn die Distanz zwischen ihnen fast identisch war. Zu den vieren gehörte auch das Zentralgestirn von Mathisons Welt.

»Typee, Mawli, Brigadoon und Mathisons Welt«, zählte McIlhenny grimmig auf, und sobald der jeweilige Name fiel, leuchtete einer der Sterne noch etwas heller auf. »Mawli, Brigadoon und Mathisons Welt können wir jetzt vollständig abschreiben; Typee hat überlebt … aber nur gerade so eben. Das war die erste Welt, die angegriffen wurde, und sie ist seit über sechzig Jahren besiedelt – die Kolonisten, allesamt freie Grundeigentümer, stammen von Durandel im Melville-Sektor –, und anscheinend war die Bevölkerung auf dieser Welt zu weitläufig verteilt, als dass die Angreifer sich um mehr als nur die größeren Siedlungen kümmern konnten. Die anderen …«

Er zuckte mit den Schultern; sein Blick wirkte verbittert, und Keita kniff die Lippen zusammen.

»Eigentlich hatte alles ganz ordentlich angefangen«, fuhr McIlhenny nach kurzem Schweigen fort. »Gouverneur Treadwell wurde das Dreifache des sonst in Sektoren der Krone üblichen Navy-Kontingents beiseite gestellt, eben wegen der Rishatha und des Jung-Verbandes, daher haben wir …«

»Entschuldigen Sie, Colonel.« Für einen derart kleinen Mann war Ben Belkassems Stimme erstaunlich tief; sie klang dabei fast samtig, und der Akzent der Heimatwelt der Menschheit war unverkennbar. Stirnrunzelnd blickte McIlhenny den Inspektor an, und sein Gegenüber nickte.

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