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Der Zauber von Savannah Winds

Tamara McKinley

Der Zauber
von
Savannah Winds

Roman

Übersetzung aus dem australischen
Englisch von Marion Balkenhol

BASTEI ENTERTAINMENT

In liebender Erinnerung an Richard Johnson – mein Mentor und der beste Freund, den man sich wünschen kann. Ich werde dich vermissen. Und ich bin sicher: Wenn ich das nächste Mal die Morning Glory sehe, werde ich auch dich dort oben entdecken – wie du auf ihr surfst, ein glückliches Lächeln im Gesicht.

Prolog

Gulf Savannah 1951

Annie Somerville hob Lily hoch und setzte sie sich auf die Hüfte. Eigentlich gab es kaum noch etwas, was Annie in Angst und Schrecken versetzen konnte, denn sie besaß den Mut und die Widerstandskraft, die das Leben in der australischen Gulf Region erforderte. Aber an diesem Morgen fürchtete sie sich.

Das Dröhnen einer Spitfire, die über die Sandpiste raste und abhob, zerriss die Stille der Morgendämmerung. Annie und ihre zweijährige Tochter schützten die Augen vor dem aufwirbelnden Staub und verfolgten den Flug, bis die Maschine in dem großen dunklen Herzen der Morning Glory verschwand. Morning Glory nannte man eine riesige Wolke, die bei Tagesanbruch aufzog. Diese erstreckte sich vom nördlichen bis an den südlichen Horizont und überschattete die weite Savanne, während sie wie eine unendliche Welle heranrollte. Ihr Kamm glitzerte und schimmerte von den Eiskristallen, die sie auf ihrem Vormarsch über den Golf von Carpentaria angesammelt hatte.

Die Morning Glory war von beängstigender Schönheit, und Annie umfasste das Kind noch fester, während sie diesen Koloss nach der Spitfire absuchte und mit rasendem Puls stumme Gebete zum Himmel schickte. Dabei wuchs Annies Grauen von Minute zu Minute.

Dann entdeckte sie das Flugzeug – ein winziger Fleck, der auf der Woge ritt, darin eintauchte, sich drehte und wand wie ein Spielzeug und ungeachtet der Gefahren über den Kamm raste.

Annies Phantasie trug sie ins Cockpit, wo ihr Mann vor Freude lachte, weil sich für ihn ein langgehegter Traum erfüllt hatte. Vermutlich begriff er nicht, wie ängstlich Annie war – und wie machtlos. Denn die kampferprobte Spitfire und der tapfere, tollkühne Mann, der sie flog, waren für die mächtige Morning Glory wie Spreu im Wind.

1

Brisbane 2000

Fleur Mackenzie nahm Handtasche, Aktenkoffer und Laptop und stieg zögernd aus dem Mazda Roadster. Für gewöhnlich konnte sie es kaum erwarten, den Tag zu beginnen, denn sie liebte ihre Arbeit bei Oz Architects. Überdies war sie ehrgeizig und wollte in der Firma aufsteigen, bevor sie zur Familiengründung eine Auszeit nehmen würde. Doch in letzter Zeit hatte sich die Stimmung im Büro verändert. Trübsinn hatte sich breitgemacht und wollte nicht weichen. Seit Monaten kursierten Gerüchte, die sich noch verdichtet hatten, seit Projekte auf Eis gelegt wurden, Mitarbeiter gekündigt hatten und bislang treue Kunden zur Konkurrenz abgewandert waren.

»Guten Morgen, Fleur. Wie geht’s?« Jason Delaney, gekleidet in Trainingshose, hautenges T-Shirt, Laufschuhe und rosarotes Bandana, war außer Atem.

Fleur lächelte ihren Kollegen kläglich an. »Könnte besser sein«, gestand sie, strich die langen dunklen Haare zurück und rückte den Kragen ihrer Kostümjacke zurecht, wobei die Goldarmbänder an ihrem zarten Handgelenk klimperten. »Die heutige Besprechung bereitet mir Sorgen.«

Jason joggte auf der Stelle weiter. Sein fröhliches Gesicht hatte traurige Züge angenommen. »Geht das nicht allen so? Womit rechnest du, Fleur? Stehen wir auf der Abschussliste?«

»Ich hoffe nicht«, murmelte sie. Ihre hohen Absätze klapperten auf dem Pflaster, als sie auf das Bürogebäude zustrebte. »Greg und ich haben eine Mordshypothek abzutragen, und vierunddreißig ist nicht unbedingt ein gutes Alter, um arbeitslos zu werden.«

»Ich dachte, Greg wäre gerade zum leitenden Chirurgen befördert worden. Er verdient doch sicher genug, um euch eine Weile über Wasser zu halten.«

Fleur hatte nicht vor, mit Jason über ihre finanzielle Situation zu sprechen. Ihr bester Freund meinte es bestimmt gut – aber er war ein Klatschmaul. Sie gab den Sicherheitscode ein, schob die Eingangstür auf und begab sich zu den Büros im Parterre. Sie betrat einen großen weißen Raum, der mit Schreibtischen, Reißbrettern und Aktenschränken möbliert war, schaltete das Licht an und ließ den ausgebeulten Aktenkoffer und das schwere Notebook auf ihren Schreibtisch fallen. »Es hat keinen Sinn zu spekulieren«, sagte sie leise. »Oz Architects ist eine große Firma, und wir müssen hoffen …«

Jason nahm das Bandana ab, steckte es in die Hosentasche und verschränkte die Arme. »Tja, ich hab mich bereits auf zwei Stellen beworben – für alle Fälle. Ich kann unmöglich von Enrique erwarten, dass er mich aushält, sosehr mir das luxuriöse Leben eines Müßiggängers auch gefallen würde.« Er warf einen Blick auf die Angeberuhr an seinem Handgelenk, ein Geschenk von seinem wohlhabenden Liebhaber. »Dann werde ich mich mal beeilen und mich rausputzen, bevor die Machthaber zu uns herabsteigen.«

Fleur erwiderte sein Lächeln matt, während er in den Sanitärraum für Mitarbeiter eilte. Auch sie hatte erwogen, sich auf eine andere Stelle zu bewerben, doch sie fühlte sich der Firma in gewisser Weise verbunden, in der sie gleich nach der Universität eine Anstellung bekommen hatte. Außerdem konnte sie nicht glauben, dass Oz Architects kurz vor dem Ruin stand. Es gibt auch noch andere Gründe, gestand sie sich im Stillen ein, denn sie sehnte sich nach einem Kind, wollte eine eigene kleine Familie haben, jetzt, nachdem sie und Greg geheiratet und einen Hausstand gegründet hatten. Kein neuer Arbeitgeber würde sich damit abfinden, wenn sie im ersten Jahr ihrer Tätigkeit in Mutterschutz gehen würde. Und ihre biologische Uhr tickte. Sie musste Oz Architects treu bleiben.

Mit herzhaftem Gähnen streifte sie die Schuhe ab und bewegte die Zehen. Sie hatte nicht gut geschlafen, die berufliche Unsicherheit machte sie nervös. Greg war auf einem Ärztekongress in Sydney. Sie hatten zwar jeden Abend stundenlang miteinander telefoniert, dennoch fehlte er ihr. Sie vermisste seine feste Umarmung, seinen Herzschlag an ihrem Ohr und auch das Gefühl, dass der seelenverwandte Greg immer ihr Anker sein würde, sollte die See auch noch so rau werden.

Sie hatten bereits zwei Jahre zusammengelebt, als er sie vor zwölf Monaten mit seinem Heiratsantrag überraschte. Greg hatte bis dahin erbittert an seiner Unabhängigkeit festgehalten – von dem Ehrgeiz getrieben, die nervenaufreibende und zuweilen herzzerreißende Welt der Kinderchirurgie zu verändern –, und sie hatte von Anfang an gewusst, dass ein Leben mit ihm nicht einfach sein würde. Aber für Fleur war es Liebe auf den ersten Blick gewesen, als sie ihm auf einer Party begegnet war, und sie spürte nach wie vor einen Anflug von Begehren, wenn sie Greg nur ansah.

Mit seinen neununddreißig Jahren war er noch immer athletisch gebaut und glich eher einem Rockstar als einem renommierten Kinderchirurgen. Er war attraktiv, hatte breite Schultern und einen festen Bauch; sein helles Haar kräuselte sich über den Ohren. Seine Augen hatten Fleur vor drei Jahren verzaubert. Sie waren grün wie das Meer im Sommer, umrahmt von langen, dichten Wimpern, und strahlten eine gefährliche Sinnlichkeit aus, der Fleur rasch erlegen war.

Fleurs köstliche Träumerei wurde unsanft unterbrochen, als die anderen Mitarbeiter eintrafen. Schnell zog sie sich die Jacke aus, glättete die Falten ihres hautengen Rocks und setzte eine fröhliche Miene auf, während die Stimmen und Schritte der anderen die Stille zerstörten, die für Fleur wie Balsam gewesen war. Die Unterhaltungen drehten sich ausschließlich um die bevorstehende Besprechung. Als es auf zehn Uhr zuging, ließ das Geplauder nach und die Spannung stieg.

»Komm doch mit in die Bar und ertränke deinen Kummer gemeinsam mit uns, Fleur.«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich möchte nur noch nach Hause, Jason«, sagte sie leise, während sie unter den aufmerksamen Blicken des Wachmanns ihre persönliche Habe in einen Karton packte und die Jacke anzog.

»Aber Greg ist doch nicht da«, beharrte er. »Es ist nicht gut, in Zeiten wie diesen allein zu sein.« Er warf einen Blick auf den stämmigen Wachmann, der in der Nähe herumlungerte, und nickte, als der Mann auf seine Armbanduhr tippte. »Komm, Fleur«, lockte er. »Du kannst nicht hierbleiben.«

Fleur sank auf den Bürostuhl. Sie konnte es immer noch nicht fassen. »Ich bin in dieser Firma, seit ich die Uni abgeschlossen habe«, murmelte sie. »Ich habe hier meine Konzession bekommen und bin erst vor wenigen Monaten befördert worden. Wie können sie so was machen?«

»Gier«, erklärte Jason bissig. »Sie haben sich erwischen lassen, als sie Schmiergelder an Bauunternehmer und Politiker verteilten, und dann haben sie alles nur noch verschlimmert und die Geschäftsbücher gefälscht. Kein Wunder, dass wir jetzt alle auf der Straße stehen.«

»Aber es ist doch so eine große Firma! Warum mussten sie das tun?«

Jason griff nach ihrem Karton und stellte ihn auf seinen. »Keine Ahnung. Jedenfalls stehen wir jetzt ohne Arbeit da und haben nicht die leiseste Chance auf eine Abfindung. Wenn du mich fragst, ich hätte nicht übel Lust, die Schweine zu erschießen.«

Fleur musste trotz allem kichern. Sie erhob sich, und sie gingen vorbei an eilig leergeräumten Schreibtischen, an Aktenschränken, aus denen Papierstapel quollen, an Reißbrettern, Zeichnungen und maßstabsgetreuen Modellen von Projekten, die man noch zu Ende führen würde. Das einst innovative Architektenbüro hatte bereits einen Hauch von Verlassenheit angenommen.

Der Wachmann öffnete die Tür und schloss sie hinter ihnen ab.

Nachdem Jason Fleurs Karton im Kofferraum ihres Wagens deponiert hatte, nahm er seine Freundin in den Arm. »Bist du sicher, dass du nicht mitkommen willst? Ich gebe einen aus.«

Fleur befreite sich aus seiner Umarmung und schüttelte den Kopf. »Greg kommt heute Abend nach Hause, und ich habe andere Pläne.«

»Oh, darum geht es also?« Er zog spöttisch eine Augenbraue hoch.

Fleur kicherte und spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und drückte Jason einen flüchtigen Kuss auf die Wange, die nach Paco Rabanne roch. Er war der beste Freund, den eine Frau sich nur wünschen konnte. Sie würde es vermissen, ihn jeden Tag zu sehen. »Ja«, gestand sie. »Jetzt, da ich Zeit zur Verfügung habe, können Greg und ich uns an die Familienplanung machen.

Jason schüttelte sich. »Ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen«, murmelte er. »Babys sind an beiden Enden leck und rauben einem den Schönheitsschlaf. Ich bin froh, dass ich schwul bin.«

»Ich auch.« Sie lächelte zu ihm auf. »Wir bleiben in Kontakt, Jason.«

Blinzelnd unterdrückte Fleur die Tränen, während sie zu ihrer Penthousewohnung mit Blick auf den Brisbane River fuhr. Den Job zu verlieren war wie ein kleiner Tod. Fleur fühlte sich wie betäubt, einsam und verunsichert. Es gefiel ihr, unabhängig zu sein, sich einen Namen zu machen und eigenes Geld zu verdienen. Aber die Ereignisse an diesem Tag hatten alles verändert, und ihre Gefühle waren so sehr in Aufruhr, dass sie nicht klar denken konnte. Sie brauchte Greg.

Eine heiße, prickelnde Dusche schaffte es einigermaßen, Fleurs Stimmung zu heben. Als sie schließlich frisches Make-up aufgetragen und sich ein leichtes, durchgeknöpftes Sommerkleid angezogen hatte, ging es ihr schon besser. Sie war begabt, zielstrebig und fleißig. Sie hatte sich bei Oz Architects bewährt und würde bald eine andere Stelle finden – vielleicht in einer kleineren, gut etablierten Firma, die zu schätzen wüsste, was sie zu bieten hatte.

Fleur fuhr sich mit der Bürste durchs Haar und spielte in ihrer Phantasie das Vorstellungsgespräch durch, die Eingewöhnungsphase, den Umgang mit neuen Kollegen. Seufzend legte sie die Bürste weg und begab sich in die Küche. Der Gedanke, wieder von vorn anzufangen, begeisterte sie ganz und gar nicht – denn ihre Prioritäten hatten sich verändert. Der Ehrgeiz war plötzlich hinter das dringende Bedürfnis zurückgetreten, Mutter zu werden.

Fleur bereitete einen Hühnersalat zu, den sie für später in den Kühlschrank stellte. Dann goss sie sich ein Glas Weißwein ein und nippte daran, während sie es sich auf der Couch bequem machte. Sie blätterte in einer Zeitschrift, die sie jedoch bald beiseitewarf. Stattdessen versuchte sie, sich auf die Abendzeitung zu konzentrieren. Aber auch das gelang ihr nicht. Sie wollte sich schon das nächste Glas Wein einschenken, als sie einen Schlüssel in der Tür hörte.

»Greg. Oh, Greg, schön, dass du wieder da bist!« Sie warf sich in seine Arme, atmete seinen Geruch ein, spürte seinen starken Körper dicht an ihrem.

Er bedeckte ihre Wange und ihren Hals mit Küssen, bevor seine Lippen ihren Mund eroberten. »Fleur, meine süße, kleine Fleur. Mein Gott, hab ich dich vermisst!« Greg trat die Tür hinter sich zu, hob Fleur hoch und trug sie ins Schlafzimmer.

Heiße Begierde durchströmte Fleur, während er langsam das Sommerkleid aufknöpfte und sie wie ein kostbares Geschenk auspackte. Ihr Körper wölbte sich ihm entgegen, während er ihre Halsbeuge küsste und mit der Zunge über ihre festen Brustwarzen fuhr. Voller Ungeduld, seine Haut zu spüren, fummelte Fleur an seinen Hemdknöpfen herum und öffnete seinen Gürtel.

Seine warme Hand schloss sich um ihre Finger und drückte sie an sein Herz. »Wir haben noch die ganze Nacht«, flüsterte er. »Kein Grund zur Eile.«

Während die Sonne versank und der Himmel dunkler wurde, schliefen Greg und Fleur immer wieder miteinander. Geborgen in ihrer Zweisamkeit, vereinten sie sich in dem langsamen Tanz, der sie noch enger verband. Als sie sich verausgabt hatten, fütterten sie sich gegenseitig mit Hühnersalat und teilten ein Glas Wein, bis das Verlangen, wieder miteinander zu schlafen, unwiderstehlich wurde.

Ineinander verschlungen dösten sie schließlich ein, und als sie aufwachten, sprachen sie über die Konferenz und das abrupte Ende von Oz Architects.

In Gregs Armen, das Gesicht an seine Brust geschmiegt, fühlte Fleur sich sicher. Sie hatten lange geredet, und jetzt schlief Greg fest. Er atmete tief und ruhig, und sein gleichmäßiger Herzschlag war tröstlich. Fleur liebte ihren Mann sehr und wünschte, sie fände die Worte, um es auszudrücken. Diese Liebe war so stark, dass es beinahe beängstigend war, und während Fleur Greg beobachtete, überkam sie erneut das tiefe Bedürfnis nach einem Kind von ihm. Sie hatte sich schon immer Nachwuchs gewünscht, doch seit sie Greg geheiratet hatte, war der Kinderwunsch noch drängender geworden – denn ein Kind wäre das kostbarste Geschenk überhaupt, das sie für immer miteinander verbinden würde.

Fleurs Augenlider flatterten. Sie war kurz davor einzuschlafen. Vielleicht war der Tag doch nicht so katastrophal gewesen, wie sie gedacht hatte – denn der Zeitpunkt ihres Jobverlustes hätte nicht perfekter sein können. Sie würde das Thema am nächsten Morgen ansprechen.

Fleur ließ sich von der sinnlichen Wärme, die Greg verströmte, und von seinen Zärtlichkeiten langsam aus dem Schlaf holen. Wohlig streckte sie sich, während seine Hände zart ihre Brüste liebkosten und sein stoppeliges Kinn ihren Hals kitzelte.

»Guten Morgen, sexy Lady«, murmelte er mit vor Begierde belegter Stimme, während seine Finger quälend langsam über ihren Rippenbogen fuhren und sich über ihren Bauch bis zu dem dunklen Haar zwischen ihren Beinen vortasteten.

Sie schmiegte sich an ihn. Ihre Lust wurde stärker, das Bedürfnis, ihn zu spüren, wuchs. Seine Lippen zogen einen feurigen Pfad von ihren Brüsten zu ihrem samtigen Innersten, das sich unter seiner Berührung öffnete wie die Blütenblätter einer exotischen Blume.

Fleur bog den Rücken durch, und ihrer Kehle entfuhr ein sehnsüchtiges Stöhnen, während ihre Finger durch sein Haar fuhren und ihr Körper auf die sich langsam aufbauenden, aber heftigen Empfindungen reagierte, die seine Zunge wachrief. »Jetzt«, hauchte sie. »Bitte, Greg, ich kann nicht mehr warten.«

Seine Augen funkelten vor Begierde. »Das gefällt Ihnen also, Mrs. Mackenzie? Dabei dachte ich, Sie wären schon gestern Abend gründlich geliebt worden.« Seine Lippen umfingen ihre harte Brustwarze, seine Zunge spielte daran, und seine aufreizenden Finger steigerten ihre Lust immer mehr.

Fleur stöhnte. »Ja, komm«, drängte sie. »Bitte …«

»Merk dir, wo wir stehen geblieben sind.« Greg rollte sich auf die Seite und suchte nach einer Packung Kondome.

In dem Moment, da Fleur Greg brauchte, fühlte sie sich von ihm im Stich gelassen. Sie warf die langen Haare zurück und packte seinen Arm, ihr heißer, gieriger Körper presste sich an das kühle, feste Fleisch seines geschmeidigen Rückens. »Diesmal nicht, Greg, bitte!«

»Sei nicht albern, Fleur! Wir wollen doch kein Malheur.« Er sah, dass die Schachtel leer war, und fluchte leise vor sich hin.

Ihre Finger fuhren über seine Brust, an der Linie aus goldblondem Haar entlang, die von seinem Bauchnabel abwärts führte und sich um den erigierten Penis wand, der in Reaktion auf ihre Berührung zuckte.

Vor Verlangen stöhnend, gab Greg auf und drehte sich zu ihr um. »Ich vermute, wir können es riskieren«, keuchte er. Er warf einen muskulösen Oberschenkel über ihre Hüfte und bedeckte Fleurs Gesicht mit Küssen. »Du hast doch gestern Abend an die Pille gedacht?«

Matt lächelnd versuchte sie sich zu erinnern, aber jeder Gedanke an Verhütung verflüchtigte sich, als Greg in sie eindrang. Sie bewegten sich langsam und harmonisch in dem Rhythmus, der so wunderbar erregend und vertraut war. Haut glitt wie Seide über Haut, während ihre Küsse noch leidenschaftlicher wurden und das heiße Verlangen die beiden zu verschlingen drohte. Fleur warf die Beine um Gregs Hüften, und er drang noch tiefer in sie ein. Sie zog ihn näher zu sich, sodass sie ganz eins wurden – ein einziges vollständiges Wesen, überwältigt von Liebe und Lust – und sie ihren sehnsüchtigsten Wunsch einfach aussprechen musste. »Komm, wir machen ein Kind!«, flüsterte sie.

Er spannte sich an, und dieser reglose Augenblick schien sich endlos zu dehnen. Seine Miene war undurchdringlich, als er auf sie herabschaute. »Ich dachte, du hättest …«

»Hab ich auch, aber …«

Er bewegte sich wieder, nun hastig und allein auf sich selbst konzentriert – nur um es zu Ende zu bringen. Auf dem Höhepunkt rollte er sich schnell zur Seite, sprang aus dem Bett und verschwand im Bad.

Die Leidenschaft, die er in Fleur entfacht hatte, war vergangen, und eine böse Vorahnung beschlich sie und brachte Erinnerungen an andere Gelegenheiten mit sich, bei denen sie Kinder erwähnt hatte. Bisher hatte sie seine Reaktionen auf das Thema ignoriert, aber heute war sie willens, die Bindung, die sie miteinander eingegangen waren, zu festigen und daraus die logische Schlussfolgerung zu ziehen.

Ihrem Gefühl nach dauerte es eine halbe Ewigkeit, bis Greg wiederkam, nur ein Handtuch um die schlanken Hüften geschlungen. Sie zog das Bettlaken bis unter das Kinn. Er bewegte sich mit der lässigen, beinahe lüsternen Behändigkeit einer Katze, und Fleur überfiel ein Verlangen, das sie erschreckte.

Sie betrachtete seinen Rücken, als er sich auf das Bett fallen ließ und mit einem Handtuch die nassen Haare rubbelte. »Ich glaube, wir sollten mal über ein Baby reden, meinst du nicht?«

»Nein, Fleur«, sagte er seufzend. »Du weißt, was ich davon halte.«

Sie richtete sich auf. »Nein, eigentlich nicht«, erwiderte sie mit erzwungener Ruhe. »Dem Thema bist du immer ausgewichen.«

»Wir sind zu beschäftigt, um Kinder zu kriegen«, kam es aus den Tiefen des Handtuchs. »Gerade jetzt, wo ich Leitender Chirurg geworden bin und du auf Stellensuche gehst.«

Fleur kniete sich neben ihn, das Laken noch immer unter das Kinn geklemmt; ihre langen Haare fielen nach vorn. Sie strich mit der Hand über seine feuchte Schulter. »Ich muss keine Stelle finden – vorerst. Und wenn es so weit ist, dann könnte ich einen Teilzeitjob annehmen und die Kinderkrippe um die Ecke nutzen.«

Er stand auf und schlüpfte in Boxershorts und eine schäbige alte Jeans, die von einem breiten Ledergürtel gehalten wurde. »Kinder zu haben ist eine Vollzeitbeschäftigung, Fleur. Du kannst sie nicht einfach bei Fremden abgeben, wenn sie unbequem werden.« Er stapfte ans Fenster und riss die Vorhänge auf. Sonnenlicht flutete in den Raum.

Allmählich wurde ihr bang zumute. »Dann arbeite ich eben gar nicht mehr«, sagte sie leise. »Wir können es uns leisten, von deinem Gehalt zu leben, wenn wir in eine kleinere Wohnung ziehen.«

»Mir gefällt es hier«, murmelte er und starrte aus dem Fenster auf das Panorama des Brisbane River zwölf Stockwerke unter ihm. Er öffnete die zweiflügelige Terrassentür der Penthousewohnung und trat barfuß in den warmen Samstagmorgen hinaus.

Stirnrunzelnd stieg Fleur aus dem Bett. Das Bettlaken schleifte hinter ihr her, als sie Greg folgte. Die Aussicht war großartig – in der Ferne Mount Coot-tha, und der Fluss mäanderte wie ein funkelndes blaues Band durch die Stadtmitte –, doch sie warf nur einen flüchtigen Blick darauf, denn sie war ausschließlich auf ihren Ehemann konzentriert.

»Mir auch«, sagte sie sanft, »aber weil ich jetzt arbeitslos bin, können wir uns die Wohnung eigentlich nicht mehr leisten – und für eine Familie ist sie ja auch nicht gerade geeignet, oder?«

»Davon war auch nie die Rede.« Seine Miene wurde weicher. Er schlang einen Arm um Fleurs Schultern und zog sie zu sich heran, bis ihr Kopf an seiner warmen Brust ruhte. »Wir wohnen hier, weil das Apartment im Stadtzentrum liegt, wo wir ein geselliges Leben führen. Außerdem ist es von hier nicht weit bis zum Krankenhaus. Ich kann uns locker über Wasser halten, bis du eine neue Stelle gefunden hast, Fleur.«

Sie schaute zu ihm auf und fuhr mit den Fingern über sein frisch rasiertes Gesicht. »Aber was ist, wenn ich mehr möchte, Greg?«, murmelte sie. »Das schicke Apartment, die Geselligkeit – selbst meine Stelle – waren mir nie so wichtig. Ich könnte sofort darauf verzichten.«

»Das war mir nie klar«, brummte er stirnrunzelnd.

Sie schenkte ihm ein spöttisches Lächeln, um die Stimmung aufzuhellen. »Was? Dass ich dich anbete und sogar in einer Hütte mit dir wohnen würde – oder dass ich lieber Kinder mit dir hätte, als jeden Tag zur Arbeit zu gehen?«

Greg erwiderte ihr Lächeln nicht. »Tut mir leid, Fleur, ich dachte, wir wären uns einig, dass Kinder nicht zum Plan gehören.«

Von seinen Worten und seiner ernsten Miene getroffen, wich sie einen Schritt zurück. »Zu welchem Plan?«

»Unserem Plan für die Zukunft.« Das Lächeln, das sie sonst dahinschmelzen ließ, flackerte unsicher auf.

Ungerührt schaute sie ihn an. Ihr Puls raste. »Das ist mir neu.«

»Aber wir haben doch darüber gesprochen, als wir hier eingezogen sind«, entgegnete er und fuhr sich aufgebracht durchs Haar. »Wir waren uns einig, dass wir uns beide auf unsere Karriere konzentrieren und eine Stadtwohnung, ein Boot auf dem Fluss und Geld auf der Bank haben wollen. Kinder waren nie ein Thema.«

Fleur hätte schwören können, dass das Apartmenthaus unter ihr nachgab, während ihr Herz zitterte und sie um die Beherrschung kämpfte. »Das war eher dein Traum als meiner«, sagte sie zögernd, »und ich habe einfach angenommen …«

Er holte tief Luft und atmete seufzend aus. »Und ich dachte, du hättest es verstanden.« Seine grünen Augen sahen sie unverwandt an. Der Ausdruck darin milderte sich, als er ihr Gesicht in beide Hände nahm. »Ich liebe dich, Fleur. Ich bin gern mit dir verheiratet – aber ich will kein Kind. Das würde alles verderben.«

Sie wich noch weiter zurück, als habe er sie geschlagen. »Ein Kind ist doch ein Geschenk, der Beweis für unsere Liebe und Verbundenheit. Es wird uns noch enger zusammenschweißen und uns viel mehr geben als all das hier.« Sie deutete auf die Wohnung und die Aussicht.

Gregs Blick verdüsterte sich. »Du hast gut reden. Du hast ja nie erfahren, wie hart es ohne all den Luxus ist. Ein Kind braucht beide Elternteile, die sich um es kümmern, es behüten und beschützen müssen. Ein Kind wird dich auslaugen und uns mit seinen Ansprüchen auseinanderbringen – es wird dich anbinden und verändern.«

Sie war den Tränen nahe, unterdrückte sie jedoch entschlossen. »Keinesfalls«, brachte sie nur hervor.

Offensichtlich war er darum bemüht, die Situation unter Kontrolle zu halten, aber sein Unterkiefer mahlte, sein Ton war scharf, und seine Augen funkelten vor Entschlossenheit. »Doch, glaub mir«, sagte er finster. »Und ich will nicht, dass uns das passiert, Fleur. Wir werden keine Kinder haben.«

Die Welt schien in ihren Grundfesten erschüttert zu sein. »Keine Kinder?«, flüsterte sie. »Niemals?«

Er schüttelte den Kopf. Seine Miene deutete ein Bedauern an, das sich in seinem festen Blick nicht widerspiegelte. »Ich weiß, dass du jetzt enttäuscht bist«, sagte er angespannt, »aber du wirst mir in den kommenden Jahren noch dankbar sein, wenn du Karriere gemacht hast und deine Entwürfe gefragt sind.«

Die pure Dreistigkeit seiner Argumente ließ sie erzittern, und sie musste ihre Wut bezwingen, um sachlich zu bleiben. »Du verweigerst mir das Einzige, wonach ich mich mit jeder Faser meines Körpers sehne«, erklärte sie rundheraus. »Wage ja nicht, mir zu sagen, dass ich dir dafür dankbar sein werde!«

»Verzeih. Ich habe mich wahrscheinlich nicht richtig ausgedrückt«, polterte er. »Aber dir ist doch hoffentlich klar, wie unpraktisch es wäre, auch nur an ein Kind zu denken?« Er raufte sich die Haare und gab sich augenscheinlich Mühe, die richtigen Worte zu finden, um Fleur zu besänftigen. »Ich bin rund um die Uhr im Krankenhaus. Du wirst bald schon mit neuen Projekten beschäftigt und auf Baustellen unterwegs sein. Du kannst nicht alles haben, Fleur.«

»Das will ich ja gar nicht«, erklärte sie unter Tränen, die nun ungehindert über ihr Gesicht rannen, »aber ich bin vierunddreißig, meine biologische Uhr tickt, und ich wundere mich, dass du sie nicht hörst.« Sie griff nach dem Bettlaken und verknotete zornig zwei Ecken. »Ich dachte … Ich dachte, du wolltest, dass wir ein Kind bekommen. Ich habe nie …«

Er ließ die Schultern hängen und senkte den Kopf. »Tut mir leid, Fleur. Ich hätte früher was sagen sollen.«

»Ja«, schluchzte sie, »das hättest du.« Sie schaute zu ihm auf, die Augen von Schmerz gezeichnet. »Hätte ich gewusst, wie du dazu stehst, dann hätte ich gründlich darüber nachgedacht, ob ich dich überhaupt heiraten will.« Wütend über sich selbst, weil sie die Beherrschung verloren hatte, warf sie die Haare zurück und knotete das Laken noch fester um sich.

Sein attraktives Gesicht legte sich gequält in Falten. Er streckte die Hände nach ihr aus und fuhr zusammen, als sie sich erneut zurückzog. »Bitte, sag nicht, dass du bereust, mich geheiratet zu haben. Ich liebe dich, Fleur, und ich möchte den Rest meines Lebens mit dir verbringen.«

Sie zitterte. Ihre Beine drohten unter ihr nachzugeben, während die Qual des Verlusts sie innerlich zerriss. »Liebe und Ehe bedeuten Kinder – wenigstens für mich. Ist es dir denn nie in den Sinn gekommen, dass ich mir Kinder wünschen könnte?«

Er besaß den Anstand, beschämt den Blick abzuwenden. »Flüchtig schon, denke ich«, gestand er. »Aber du warst allem Anschein nach zufrieden, wie die Dinge so lagen, und ich fand unser gemeinsames Leben perfekt – für uns beide.«

Fleur war wild entschlossen, stark zu bleiben. »Ich habe heute doch nicht zum ersten Mal über Kinder gesprochen«, sagte sie mit bebender Stimme, blind vor Tränen. »Warum hast du noch nie etwas gesagt?«

Nun war es mit seiner inneren Ruhe vorbei. Er baute sich vor seiner Frau auf, vierschrötig und starr, das Kinn entschlossen gereckt. »Willst du dich wirklich um plärrende Kinder kümmern? Fleur, wir haben die Freiheit, zu tun und zu lassen, was wir wollen, ohne dass wir uns um offene Rechnungen und kranke Kinder sorgen müssen. Wir machen ohnehin schon Überstunden – wenn wir Kinder hätten, müssten wir noch mehr schuften.« Er holte tief Luft. Es kostete ihn offensichtlich Mühe, höflich zu bleiben. »Ich habe mit angesehen, was aus meinen Kollegen mit Kindern geworden ist, und glaube mir, Fleur, die Scheidungsrate im Krankenhaus ist genauso hoch wie der Stressfaktor.«

Er streckte die Hand aus, hielt inne und zog sie wieder zurück. »Ich liebe dich Fleur, aber ich möchte nicht, dass unser Leben auf den Kopf gestellt wird, nur weil deine Hormone verrückt spielen.«

»Meine Hormone?«, krächzte sie, schockiert über seine Abgebrühtheit. »Hier geht es nicht um mich oder meine Hormone, Greg – es geht nur um dich und darum, was du willst.«

»Nein«, beharrte er stirnrunzelnd. »Ich liebe dich, Fleur, und ich wollte immer nur dein Bestes, von ganzem Herzen. Ich glaube wirklich, du solltest …«

Sie atmete schwer, bemüht, die Wut im Zaum zu halten. »Ich weiß schon, was du meinst«, sagte sie gebrochen, »und glaub mir, Greg, das ist ganz und gar nicht mein Bestes.« Sie behielt eine entschlossene Haltung bei, aufrecht, den Blick starr auf sein Gesicht gerichtet, und schöpfte zitternd Atem. »Und sag mir nicht, dass du mich liebst – denn das glaube ich dir nicht.«

»Fleur …«

Sie zuckte vor seiner ausgestreckten Hand zurück. »Wenn du mich lieben würdest – wirklich lieben würdest –, dann würdest du ein Kind mit mir wollen.«

Sein Unterkiefer verhärtete sich, seine Augen wurden eisig. »Das ist emotionale Erpressung, Fleur, und absolut unter deiner Würde.«

»Das ist die einzige Verteidigung, die ich habe«, entgegnete sie.

»Du benimmst dich wie eine verzogene Göre.« Er wandte sich ab, kehrte ins Schlafzimmer zurück, zog ein sauberes Hemd an und ging in die Küche.

»Das ist ungerecht!«, rief sie und rannte hinter ihm her. »Lauf nicht davon, Greg Mackenzie! Hab wenigstens den Anstand, es mir zu erklären.«

Wie gewohnt ließ Greg sich jedoch nicht in einen Streit hineinziehen. Enttäuscht funkelte Fleur ihn an, während er die Kaffeemühle betätigte, deren Lärm den großen offenen Raum erfüllte und eine Verständigung unmöglich machte.

Ein so wichtiges Gespräch zu führen, während sie nur mit einem Bettlaken bekleidet war, kam Fleur albern vor, doch sie wusste, dass es sein musste, wollte sie auch nur die geringste Chance haben herauszufinden, warum Greg so hartnäckig gegen eigene Kinder war. Sie stellte sich auf die andere Seite der Granit-Anrichte, die Arme verschränkt, entschlossen abzuwarten und ihn zu zwingen, sich der Verletzung zu stellen, die er ihr zufügte. Er weigerte sich, sie auch nur anzuschauen, und als das laute Mahlgeräusch plötzlich aufhörte, lud sich das Schweigen mit Anspannung auf.

»Sag was, Greg!«, bettelte sie. »Lass uns nicht streiten!«

Er schaltete die Espressomaschine ein, stellte kleine Tassen und Untertassen auf die Arbeitsplatte und lehnte sich an, die Arme über dem offenen Hemd verschränkt, als wolle er jede weitere Auseinandersetzung abwehren. »Diese Unterhaltung ist zwecklos, wenn du nicht mal sicher weißt, ob du fruchtbar bist«, erklärte er rundheraus.

»Ich habe sämtliche Tests durchlaufen«, erwiderte sie ebenso ungerührt. »Ich habe regelmäßig einen Eisprung, und der Arzt meint, dass es überhaupt keinen Grund gibt, warum ich nicht schwanger werden sollte.« Fleur holte tief Luft, doch die spitze Bemerkung, die ihr auf der Zunge lag, war zu verlockend, als dass sie sie unterdrücken könnte. »Natürlich hat er deine Weigerung zu zeugen nicht in die Gleichung einbezogen. Wenn du deine Rolle nicht spielst, war die gesamte Episode eine verdammte Zeitverschwendung.«

Er zog eine Augenbraue hoch. »Und was ist, wenn ich nicht zeugungsfähig bin?«

Sie warf die Haare nach hinten und begegnete trotzig seinem Blick, obwohl ihr die Röte ins Gesicht stieg. »Wir wissen beide, dass das nicht stimmt.«

Langsam richtete er sich auf, die Hände auf den Hüften, und seine beinahe katzenhaften Augen durchbohrten sie förmlich. »Was macht dich da so sicher, Fleur?« Seine Stimme war leise, hatte aber einen bedrohlichen Unterton.

Ihr Blick blieb ungerührt, obwohl ihr Herz raste. »Ich habe deinen letzten Untersuchungsbericht gelesen.«

Das Grün seiner Augen wurde arktisch kalt.

Sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, während ihr Blick verräterisch zur Tür des Arbeitszimmers huschte. Der Fund des medizinischen Untersuchungsberichts hatte sie zwar überrascht, doch bis heute hatte sie sich so gut wie keine Gedanken darüber gemacht. Aber nun hatte die Sache eine ernsthafte Wendung genommen, und es war zu spät für einen Rückzieher. »Ich habe nach den Kontoauszügen vom letzten Monat gesucht und den Bericht hinten in deiner Schreibtischschublade gefunden.«

Sein Unterkiefer zuckte, und seine Augen verengten sich zu Schlitzen. »Wann war das?«

Sie schlang das Laken fester um sich und reckte das Kinn. »Ungefähr vor einem Monat.«

»Wie kannst du es wagen, in Sachen herumzuschnüffeln, die dich nichts angehen?«, zischte er.

»Ich bin deine Frau. Sie gehen mich etwas an«, entgegnete sie halsstarrig. Sie verschränkte die Arme und unterdrückte das Entsetzen, das sie zu überwältigen drohte. »Und es ist gut so, Greg, denn offensichtlich hättest du mir nichts von diesem Arztbesuch erzählt, oder?«

»Es war nur ein jährlicher Routinecheck.« Er wandte sich um und goss den starken Kaffee in die Tassen.

Ein eisiger Schauder kroch ihr über den Rücken und bohrte sich wie eine Pfeilspitze in ihr Herz. »Wenn es reine Routine war, warum wurde dann das Sperma untersucht?«

Das Schweigen dehnte sich, und die Spannung war beinahe mit Händen zu greifen. Er weigerte sich noch immer, Fleur anzuschauen.

Sie fröstelte und wollte eigentlich gar keine Antwort hören – obwohl sie den schrecklichen Verdacht hegte, sie bereits zu kennen.

Greg ließ den Kaffee stehen, senkte den Kopf, breitete die Arme aus und stützte sich mit gespreizten Fingern auf die Anrichte. »Ich habe darum gebeten«, erklärte er leise.

Fleur stockte der Atem. »Warum?«

Er konnte ihr noch immer nicht in die Augen schauen und murmelte: »Ich hab erwogen, mich sterilisieren zu lassen.«

Ihre Beine wurden weich, die Luft wich aus ihrer Lunge. Ihr war, als habe er ihr einen heftigen Stoß versetzt. Sie sank auf den Barhocker und konnte Greg nur entsetzt anstarren.

»Aber ich habe es nicht gemacht, Fleur«, sagte er und streckte verzweifelt die Hand nach ihr aus.

Beim Anblick von Fleurs Miene zog er die Hand wieder zurück. Offensichtlich fehlten ihm die Worte, um diese furchtbare Situation zu beenden, ohne Fleur zu verletzen.

»Ich war einfach nur neugierig«, erklärte er stockend. »Ich dachte, wenn ich zeugungsunfähig bin, könntest du die Pille absetzen – und wenn nicht, würde eine Sterilisation es für uns beide einfacher …« Er verstummte.

»Du Mistkerl!«, schluchzte sie. »Du hundsgemeiner Mistkerl! Wie konntest du an so etwas auch nur denken, ohne mit mir darüber zu sprechen?«

Seine Kinnpartie verhärtete sich. »War nur so eine Idee – kein Grund, daraus ein Drama zu machen.«

Sie starrte ihn an. Er war ein Fremder. Ein kalter, gefühlloser, unnahbarer Fremder. »Du willst tatsächlich keine Kinder, nicht wahr?«, hauchte sie. »Deshalb bestehst du darauf, Kondome zu benutzen, obwohl ich bereits die Pille nehme.« Sie lachte freudlos auf. »Doppelt gemoppelt hält besser. Wie blöd war ich nur, dass ich das nicht gemerkt habe?«

»Die Pille funktioniert nicht immer«, grummelte er. »Und ich wusste nicht, ob ich mich darauf verlassen kann, dass du sie nimmst. Du hast dich in letzter Zeit ziemlich eigenartig benommen.«

Das Laken glitt zu Boden, als sie sich auf ihn stürzte und mit gekrallten Fingern auf sein Gesicht zielte. Eine überwältigende Qual raubte ihr die Worte.

Er wich Fleur aus und packte ihre Handgelenke. »Beruhige dich doch, um Himmels willen! Du machst dich noch krank, Fleur!«

»Das ist mir egal«, schrie sie und rang mit ihm.

»Mir aber nicht.« Er ließ sie abrupt los und schob sie von sich. »Du machst dich zum Affen.«

Fleur klammerte sich an die Anrichte und versank in einem Meer aus Verwirrung und Schock, als er nach seinen Autoschlüsseln griff. Es war ein Traum, ein schrecklicher Traum. Bestimmt würde sie gleich aufwachen, und alles wäre in bester Ordnung. Das hier war ihr Greg – ihr Mann und Geliebter –, der Mann, von dem sie geglaubt hatte, dass er sie anhimmelte. Er konnte doch unmöglich so grausam sein und sie in dieser Verfassung alleinlassen? Doch. Er schlüpfte in seine Slipper, schnappte sich sein Handy und seinen Piepser, offensichtlich bereit, sie in dieser furchtbaren Parallelwelt im Stich zu lassen, die er geschaffen hatte.

»Wohin gehst du?«, flüsterte sie.

»Raus.«

»Aber das kannst du nicht machen. Nicht jetzt. Nicht so.« Sie streckte die Hand nach ihm aus, aber er war bereits auf dem Weg zur Tür. »Wir müssen reden, müssen versuchen, uns irgendwie zu einigen.«

»Da gibt es nichts zu bereden. Außerdem bin ich nicht bereit hierzubleiben, solange du dich nicht beherrschst.« Er schritt über den auf Hochglanz polierten Zedernholzboden hinaus auf den Flur und betätigte den Knopf für den Aufzug.

Zischend schloss sich die Kabinentür, und Fleurs flehentliche Bitten, er möge doch bleiben, verstummten.

Fleur schloss die Wohnungstür und sank zu Boden, raffte das Bettlaken zusammen und presste es an sich, als könne es die lähmende, nagende Leere überdecken, die in ihr herrschte. Greg liebte sie nicht. Alles andere war einfach undenkbar, da er ihr so unbekümmert verwehrte, Mutter zu werden.

In diesem Augenblick hasste sie ihren Mann. Sie verabscheute seine Arroganz, seinen Egoismus und seine Feigheit, aus der heraus er ihr diese vernichtende Wahrheit verschwiegen hatte. Am meisten aber verabscheute sie die Art und Weise, wie Greg nicht nur sie, sondern ihre Ehe zerstört hatte. Denn so etwas könnte ihre Beziehung wohl kaum überstehen, oder?

Greg stellte fest, dass er zitterte, als er in der auffallenden Stille der privaten Tiefgarage stand. Er verabscheute Auseinandersetzungen. Trotz seiner neununddreißig Jahre hatte er offenbar nichts über Frauen gelernt, denn er war die ganze Sache sehr schlecht angegangen. Fleur war verzweifelt und so verletzt, dass sie ihn jetzt wahrscheinlich hasste – und das zu Recht.

Während er zu seinem Porsche ging, erzeugte gerade die Stille in ihm den Wunsch, vor Wut und Enttäuschung zu brüllen, auf etwas einzuschlagen und die beunruhigenden Gefühle herauszulassen, die er immer so sorgfältig verborgen hatte. Fleur hatte nie etwas von dem Test erfahren sollen. Dass sie davon wusste, hatte ihn in die Enge getrieben und verwundbar gemacht, sodass er nur auf seine Weise hatte zurückschlagen können. Er hatte seine Gefühle unterdrückt und sich zu einer distanzierten, kalten Haltung gezwungen, die Abwehrmechanismen, die er stets einsetzte, wenn er mit Situationen konfrontiert war, die ihn zu überwältigen drohten. Er wusste, dass sie bei seiner Arbeit im Krankenhaus Erfolg versprachen, für seine Ehe jedoch fatal waren.

»Du bist ein elender Feigling, Greg Mackenzie«, murmelte er vor sich hin, als er auf den Autoschlüssel drückte, um die Alarmanlage auszuschalten. »Du hättest es ihr von Anfang an sagen sollen.« Er glitt auf den luxuriösen Ledersitz und schlug die Wagentür zu. Er bereute die Auseinandersetzung, aber wenn er jetzt in die Wohnung zurückkehren würde, so viel war sicher, dann würde er Fleur nur noch mehr verletzen – und ihr vielleicht sogar Hoffnungen machen. Und das wollte er auf gar keinen Fall.

Der sinnliche Duft neuen Leders hätte Greg besänftigen sollen, doch heute erstickte er beinahe daran, als er sich zurücklehnte und die Augen schloss. Den Carrera hatte er sich unmittelbar nach seiner Beförderung gegönnt, die Erfüllung eines langgehegten Wunsches: ein schöner Wagen mit glänzender schwarzer Karosserie, Alufelgen und einem Dreilitermotor. Er war das perfekte Symbol für seinen hart erkämpften Erfolg – ein richtiges Männerspielzeug – und sicher nicht für Kindersitze und all den Kram geeignet, den Kleinkinder so brauchten.

Er warf einen Blick auf den benachbarten Parkplatz, auf dem Fleurs Mazda MX5 stand. Der kleine, schnittige scharlachrote Sportwagen war gänzlich ungeeignet, Kinder herumzukutschieren. Greg verzog den Mund. Fleurs verdammter Vater hatte ihn seiner Tochter zum Geburtstag geschenkt, und ihr hatte der Mazda auf Anhieb gefallen. Sie hatte versucht so zu tun, als habe sie sich über Gregs Geschenke, Designer-Unterwäsche und Parfüm, genauso gefreut. Verärgert darüber, dass Don Franklin ihn wieder einmal ausgestochen hatte, hatte Greg sich einen Kommentar nicht verkneifen können und einen Streit mit Fleur angezettelt.

Er seufzte. In letzter Zeit waren sie offenbar immer uneins. Was der perfekte Beginn eines seltenen freien Wochenendes hatte sein sollen, hatte sich in etwas Düsteres und Entsetzliches verwandelt. Er wollte Fleur nicht verlieren. Die Vorstellung, ohne sie zu leben, war unerträglich, und deshalb hatte er gehofft, dieser Tag werde nie kommen. Aber nun war er da. Greg starrte in den Rückspiegel und befürchtete, dass er in Zukunft einen ebenso quälenden Weg einschlagen würde wie in der Vergangenheit.

In seiner Dummheit hatte er gedacht, sie sei mit ihrem gemeinsamen Leben zufrieden, so wie es derzeit war. Er hatte geglaubt, dass ihre Kindheitserfahrungen sie von jedem Kinderwunsch geheilt hätten, dass ihr die Nichten und Neffen reichten, um mütterliche Regungen zu befriedigen. Die gelegentlichen Anspielungen auf Kinder waren ihm keineswegs entgangen, ebenso wenig die Art und Weise, wie sie Babys in Kinderwagen betrachtete, doch er hatte sich eingebildet, es sei nur eine vorübergehende Schwäche – ein bisschen Wehmut, dass in ihrem geschäftigen und ausgefüllten Dasein bald in Vergessenheit geraten würde.

Greg atmete tief durch. Wie sehr er sich doch geirrt hatte! Wie blind war er gegenüber Fleurs drängendem Bedürfnis gewesen, das er einfach nicht hatte wahrhaben wollen! Jetzt war seine Ehe in Gefahr, die gemeinsame Zukunft fraglich. Er senkte den Kopf, schloss die Augen und kämpfte gegen die Tränen an, als die Furcht, Fleur zu verlieren, noch stärker wurde.

Er war im Unrecht. Er hätte Fleur von seiner Angst vor eigenen Kindern erzählen müssen. Angesichts der Verantwortung, die es bedeutete, Kinder großzuziehen, sie sicher durch den Treibsand des Lebens zu führen, fehlte ihm der Mut – denn die Gefahr des Scheiterns war zu groß.

Greg hörte förmlich die hämische Stimme seines Vaters – den Wortschwall, der während seiner Kindheit wie Gift in ihn eingesickert war und noch immer in ihm steckte. Über seine Worte hinwegzukommen war sehr schwer gewesen, das alles nicht zu glauben, obwohl es so tief saß. Aber er, Greg, hatte bewiesen, dass er etwas wert war. Er hatte bewiesen, dass er sich über den greifbaren Hass des Alten erheben, aufrecht sein und auf die eigenen Fähigkeiten vertrauen konnte, mit sich selbst und dem Leben, das er gewählt hatte, im Reinen. Kurzum, er war der Hölle entkommen, und er hatte nicht die Absicht, wieder in sie hinabzusteigen.

Tränen trübten Gregs Sicht, und er blinzelte verärgert. Er hatte Fleur vorsichtshalber möglichst wenig über jene Jahre erzählt. Sie wusste nur, dass seine Eltern tot waren und er nicht gern über sie sprach. Doch er hätte ihr noch viel mehr anvertrauen sollen, denn das Vermächtnis aus Schmerz, Vereinsamung und Wut, das unter der Oberfläche brodelte, quälte ihn noch immer und drohte nun alles zu zerstören, was ihm lieb und teuer war.

Es klopfte an der Scheibe. Greg fuhr zusammen und starrte dümmlich auf seinen Nachbarn und Kollegen John Watkins, bevor er ihn erkannte.

»Alles klar, Kumpel?«, fragte der Ältere, sobald die Scheibe hinabglitt. »Du wirkst ein bisschen krank, wenn ich das so sagen darf.«

Greg putzte sich rasch die Nase. »Nur ein Anflug von Heuschnupfen«, antwortete er, bemüht, seine fünf Sinne zusammenzunehmen. »Hab vergessen, meine Antihistamine einzunehmen.«

John bohrte nicht weiter nach, obwohl sein zerfurchtes Gesicht wenig Überzeugung zeigte. Er reckte die breiten Schultern und klopfte sich auf die gut durchtrainierte Hüfte – er war fast sechzig, aber in ausgezeichneter Form. »Ich bin auf der Suche nach jemandem, der Squash mit mir spielt«, sagte er und hängte sich eine große Sporttasche über. »Hast du Lust, die Herausforderung anzunehmen?«

Um die aufgestauten Gefühle loszuwerden, konnte Greg sich nichts Besseres vorstellen, als einen kleinen Ball gegen Betonwände zu schmettern. »Meine Ausrüstung ist im Club. Wir treffen uns da.«

Greg drehte den Zündschlüssel, und der Porsche röhrte, als Greg aus der schmalen Parklücke fuhr und Johns Subaru die Ausfahrt hinauf folgte. Mit Fleur musste er sich auseinandersetzen, und zwar bald. Er hoffte inständig, dass er den Mut finden würde, ihr zu erklären, warum er niemals Kinder haben will – und warum ihm daran liegt, dass sie das versteht und akzeptiert.

Fleur hatte unter den harten Wasserstrahlen gestanden und ihre Schluchzer im Rauschen der Dusche ertränkt, bis alle Empfindungen ausgelöscht waren. Sie schlang ein Handtuch um den Kopf und tapste langsam durch das sonnige Schlafzimmer. Ihre Welt lag in Scherben, die Hoffnung war gestorben, und sie hatte keine Freude mehr an dem schönen Raum, den sie mit Liebe und Sorgfalt eingerichtet hatte.

Ihr Blick fiel auf die leere Kondomschachtel. Sie trat sie unter das Bett und hörte, wie sie über die polierten Dielen schlidderte. Sie verabscheute die verdammten Dinger.

Fleur sank auf das Bett, zog sich das Handtuch vom Kopf und trocknete sich ab. Sie sah sich in den verspiegelten Schränken, die eine ganze Wand einnahmen, und kam zu der Einsicht, dass nichts wieder so sein würde wie zuvor. Sie konnte Greg nicht zwingen, ein Kind mit ihr zu haben. Obwohl sie versucht sein könnte, Kondome mit Nadeln zu durchlöchern oder heimlich die Pille abzusetzen, wusste sie, dass das nicht die Antwort sein durfte. Ein Kind sollte in Liebe gezeugt werden und nicht aufgrund einer Täuschung.

»Was wird, wenn ich ihn nicht umstimmen kann?«, fragte sie ihr Spiegelbild. »Werden wir das jemals überstehen? Kann ich ihm verzeihen? Liebe ich ihn genug, um so ein furchtbares Opfer zu bringen?«

Was aber wäre, wenn sie bliebe und dann feststellen müsste, dass sie dieses Opfer nicht bringen konnte – nur um dann zu erkennen, dass sie zu lange gewartet hatte? So viele Fragen … In diesem Moment sehnte Fleur sich nach dem Trost und dem Rat ihrer Mutter. Die aber war längst tot, eine ätherische Gestalt, deren Gesicht sie nie gesehen hatte.

Tränen traten Fleur in die Augen, während sie das helle Zimmer und das zerwühlte Bett betrachtete. Wenn sie bliebe, stände immer etwas Kolossales im Raum – etwas Großes, Schwarzes, das als Mahnung dessen, was hätte sein können, über ihnen schweben würde. Unter diesem Schatten könnte sie nicht den Rest ihres Lebens verbringen, es sei denn, Greg würde seine Meinung radikal ändern.

Fleur schloss die Augen. Greg war ihr ein Rätsel, und obwohl sie seit drei Jahren ein Paar waren, wurde ihr erst jetzt klar, dass sie ihn überhaupt nicht kannte. Seine Kindheit war ihr ein Buch mit sieben Siegeln, obwohl sie stets vermutet hatte, dass es eine unglückliche Zeit gewesen war. Dennoch war er ein erfolgreicher, qualifizierter Kinderchirurg geworden – ein Mann, der unermüdlich daran arbeitete, das Leiden zu beenden, ein Mann, der mit seiner sanften Stimme und den noch sanfteren Händen die ihm anvertrauten Kinder zu trösten vermochte. Sie hatte ihn verzweifelt erlebt, wenn seine Fähigkeiten nicht ausreichten, und glücklich, wenn seine kleinen Patienten gesund und munter zu den besorgten Eltern zurückkehren konnten. Wie war es nur möglich, dass er kein eigenes Kind wollte, obwohl er doch offensichtlich die notwendige Fürsorge besaß?

Sie ließ sich auf das Kissen fallen, kam jedoch nicht zur Ruhe. Ihre Gedanken überschlugen sich, und ihre Gefühle waren in Aufruhr. Sie schwang sich aus dem Bett, rieb sich die Haare trocken und zog sich an. Nachdem sie in Sandalen geschlüpft war, ging sie in die Küche und betrachtete das Chaos.

Der Barhocker lag umgestürzt da, die Espressotassen waren zerbrochen, ihr zähflüssiger Inhalt hatte sich auf der Arbeitsplatte und über die Schranktüren verteilt.

Mit Hausarbeit konnte Fleur zwar die Hände beschäftigen, aber ihr Verstand ließ sich nicht ablenken. Sobald die Küche wieder blitzblank war, nahm sie sich einen Augenblick Zeit und sah sich in dem Apartment um, das Greg und sie erst vor zwei Jahren voller Begeisterung gekauft hatten. Nach den Offenbarungen an diesem Morgen stellte Fleur fest, dass sie es mit der kühlen Distanz eines Menschen zur Kenntnis nahm, dem es nichts bedeutet.

Die Küche war zu dem rechteckigen Wohn- und Essbereich hin offen. Der gesamte Raum wurde dank der Panoramafenster von Sonne durchflutet. Cremefarbenes Leder, Chrom und Glas beherrschten die Einrichtung, aufgelockert von dem Grün, Orange- und Scharlachrot der Paradiesvogelblumen, die in einem hohen Tontopf in der Ecke standen, und dem großflächigen Ölgemälde an der Wand. Das Apartment war hochmodern – ein Designertraum ohne Schnickschnack, Wärme oder Charakter –, kein Kind würde sich hier zu Hause fühlen. Und ich mich auch nicht mehr, dachte Fleur.

Langsam schlenderte sie durch die Zimmer, die an diesem unpersönlichen Kernstück lagen, und betrachtete sie in neuem Licht. Es waren vier Schlafzimmer, von denen sie zwei in Arbeitszimmer umgewandelt hatten. Gregs Büro war aufgeräumt – genau wie er selbst. Bis hin zu seiner Gitarrensammlung war alles ordentlich, übersichtlich und an seinem Platz. Im Gegensatz zu ihrem Büro, das vollgestopft und chaotisch war. Ob das meine Persönlichkeit widerspiegelt?, fragte Fleur sich. Schon möglich – aber eigenartig, denn ihre berufliche Tätigkeit verlangte Ordnung und Präzision.

Die Reißbretter standen an den Fenstern, die vom Boden bis zur Decke reichten und zur Dachterrasse hinausgingen. Sie waren voller Pläne, die nun hinfällig waren. Zusammengerollte Bauzeichnungen und Modelle früherer und zukünftiger Projekte füllten die Regale, Recherchebücher stapelten sich neben dem Computer auf dem Schreibtisch in beängstigender Fülle. An der gegenüberliegenden Wand stand ein besonders großer Kopierer; der Deckel war hochgeklappt und gab den Blick auf den Grundriss eines Bauvorhabens frei, das sie mit ihren Kollegen für eine Ausschreibung vorbereitet hatte. Bleistifte, Lineale und alle anderen Utensilien, die zu ihrem Beruf gehörten, steckten in Töpfen, und auf dem Aktenschrank standen vergessene Kaffeebecher. An den Wänden aber hingen überall Fotos von den Gebäuden, die sie mit entworfen hatte, und vor den Fenstern baumelten Schmetterlinge und Vögel aus Kristall, die Regenbogenfarben ins Zimmer warfen, da sie sich im Luftzug der Klimaanlage fast unmerklich bewegten. Verglichen mit dem Rest der Wohnung vibrierte dieser Raum vor Leben, Farbe und Energie.

Fleur schloss die Tür hinter sich und kehrte in die Küche zurück. Dort holte sie eine Packung Eiskaffee aus dem Kühlschrank und nahm die Post vom Vortag mit auf die Terrasse.

Brisbane schmachtete bereits in der Hitze, die Dächer schimmerten im Dunst. Der Fluss wälzte sich träge auf das Grün und Gold der Umgebung zu. Fleur spannte den Sonnenschirm über dem weiß lackierten schmiedeeisernen Tisch und den Stühlen auf und setzte sich. Selbst hier oben wehte kaum ein Lüftchen. Es würde wieder eine Affenhitze geben.

Sie trank den Kaffee in kleinen Schlucken und betrachtete die Aussicht. Das Leben da draußen ging weiter, der Samstag nahm allmählich seinen Lauf, aber hier oben in ihrem Elfenbeinturm, in ihrem goldenen Käfig, war sie weit davon entfernt, gefangen in einer Welt, über die sie wenig Kontrolle besaß. Sie hatte ihren Job verloren, die Chance, Kinder zu bekommen – und ihre Ehe lag in Scherben. Dieses Apartment war ein Symbol für die Generation, die alles erreicht hatte – aber es war nicht von Bedeutung. Es war zerbrechlich und vergänglich wie ein Kartenhaus.

»Jetzt tust du dir selber leid«, fauchte sie, verärgert darüber, dass ihr normalerweise so starkes und offenes Wesen derart angeschlagen war. Sie blinzelte die Tränen weg, setzte die Sonnenbrille auf und wandte sich entschieden der neuesten Ausgabe der Architectural Times zu. Höchste Zeit, sich zusammenzureißen und eine neue Arbeitsstelle zu suchen.

Greg rutschte an der kalten Wand des Squashfelds herunter und schnappte nach Luft. »Du spielst wie der Teufel, Kumpel. Wo um alles in der Welt nimmst du die Energie her?«

John hockte sich neben ihn und grinste, das Gesicht wie das eines Bluthundes in tiefe Falten gelegt. »Nicht schlecht für einen alten Kerl, was? Ich habe dich gewarnt, Greg, Jugend kann es mit Erfahrung nicht aufnehmen. Lust auf mehr?«

»Wohl eher nicht«, brummte Greg. »Ich schulde dir schon jetzt hundert Dollar.«

John stand auf. »Komm, Kumpel, du spendierst das Bier.«

Sie verließen das Spielfeld und begaben sich in den Umkleideraum. Nach einer langen heißen Dusche fühlte Greg sich besser. Da er wieder klar denken konnte, erschien der Berg häuslicher Probleme ihm inzwischen nicht mehr ganz so erdrückend.

Der Sportclub war ziemlich neu, und an diesem Samstag waren zur Mittagszeit nur wenige Plätze an den großen Fenstern frei, die über die zum Fluss hinunterführenden Gartenanlagen schauten. Aber John hatte zwei ergattert und winkte Greg zu sich, der von der Bar kam, beladen mit einem Bierglas, einem halben Liter Orangensaft und einem Teller Sandwiches.

Greg hatte erst einen Schluck des eiskalten Safts getrunken, als sich sein Beeper meldete. »Verdammt!«, murmelte er und warf einen sehnsüchtigen Blick auf die Sandwiches – er hatte seit dem Vorabend nichts gegessen und war ausgehungert.

Der Beeper zeigte ihm, dass er in der Notaufnahme gebraucht wurde. Er betätigte das Handy und lauschte einer klaren Stimme am anderen Ende. »Ich bin in zehn Minuten da«, sagte er. Schief lächelnd schaute er John an und zuckte mit den Schultern. »Sieht so aus, als wär’s das gewesen mit meinem freien Wochenende.«

»Was Ernstes?«

»Ziemlich. Shane Philips war schon mal mein Patient, und ich habe den Behörden immer wieder angeraten, ihn seinem Vater wegzunehmen – aber die hören nie auf mich.«

»Da bin ich doch froh, dass ich mich für die Geburtshilfe entschieden habe.« John biss herzhaft in ein Sandwich. »Viel Glück, Kumpel!«

Greg seufzte tief, wickelte seine Brote in eine Papierserviette, nickte kurz, verließ den Club und machte sich auf den Weg zu seinem Wagen. Das Krankenhaus war nicht weit entfernt, aber er vermutete, dass er einige Stunden im Operationssaal verbringen und danach zu müde sein würde, um zu Fuß zum Wagen zurückzukehren und ihn zu holen.

Als er auf dem für ihn reservierten Stellplatz parkte, wählte er seine Privatnummer auf dem Autotelefon. Die Leitung war tot, daher funktionierte auch der Anrufbeantworter nicht. Fleurs Handy war ebenfalls nicht erreichbar; wahrscheinlich hatte sie es ausgeschaltet, weil sie nicht mit ihm reden wollte.

Frustriert seufzend stieg Greg aus. Sein Magen verkrampfte sich bei dem Gedanken an das, was ihm im Krankenhaus bevorstand. Obwohl er als Kinderchirurg schon sehr viel Leid gesehen hatte, wurde es nie leichter zu ertragen – und zu wissen, dass er manchmal sehr wenig tun konnte, um seine kleinen, verwundbaren Patienten vor den Menschen zu schützen, die sie eigentlich lieben und umsorgen sollten, machte ihn stinkwütend. Er hatte sich schon so manches Mal mit den Sozialbehörden auseinandergesetzt und seinen Ärger allzu oft an überarbeiteten Sozialarbeitern ausgelassen, die sich die größte Mühe gaben – aber dieser Kampf lohnte sich, und allmählich glaubte er Fortschritte zu erzielen.

Greg eilte ins Hospital. Seine unpassende Kleidung machte ihm nichts aus – in der Situation spielte es keine Rolle. Erneut versuchte er, Fleur zu erreichen – vergeblich. Er schaltete sein Handy aus. Tief durchatmend folgte er dem diensthabenden Arzt zu einem mit Vorhängen abgeteilten Raum und wappnete sich innerlich vor dem Anblick, der ihn dahinter erwartete.

Greg trug noch den Arztkittel. Vier Stunden lang war er im Operationssaal gewesen; außerdem hatte er eine lange Unterredung mit der Polizei, einer Sozialarbeiterin und dem Leiter des Krankenhauses geführt und war nun erschöpft. In der eingetretenen Stille ließ er sich in einen Ledersessel fallen und teilte einen nachdenklichen Moment mit der Frau, die ihm am Konferenztisch gegenübersaß.

Carla Fioretti war das genaue Gegenteil dessen, was man von einer Sozialarbeiterin erwarten würde. Sie war Ende dreißig, hatte schwarze Haare und schwarze Augen, makellose olivenfarbene Haut und besaß das Geschick einer Italienerin, sich elegant zu kleiden. Sie trug eine weiße Rüschenbluse, einen engen schwarzen Rock und Pumps. Bei ihrem Dienstantritt im Krankenhaus hatte sie alle Blicke auf sich gezogen und selbst bei gesetzten Mitarbeitern aufgeregte Spekulationen in Gang gesetzt und sie plötzlich dazu bewogen, sich herauszuputzen in der – vergeblichen – Hoffnung, von Carla beachtet zu werden.

Carla war ein Rätsel; sie stolzierte durch die Flure des Hospitals und schien die bewundernden Blicke nicht zu bemerken, die ihr auf Schritt und Tritt folgten. Ihr Privatleben war ein Geheimnis; es gab keinerlei Anzeichen dafür, ob sie verlobt, verheiratet oder vielleicht ganz anders gepolt war. Sie flirtete nicht und mied Kontakte, die ihre Arbeit nicht erforderte. Sie konzentrierte sich nur auf ihre Tätigkeit. Und wenn sie sich an etwas festgebissen hatte, war sie hartnäckig wie ein Terrier.

Greg brachte ein schwaches Lächeln zustande, als sie einander ansahen. Sie war eine erstaunliche Frau, und er hätte aus Stein sein müssen, um ihren Charme nicht zu bemerken. Aber damit hörte es auch schon auf, denn er liebte Fleur.

»Vielen Dank für deine Unterstützung, Carla«, sagte er und riss den Blick von den Rundungen ihrer Brüste los, die über dem oberen Knopf ihrer Bluse hervortraten. »Mir geht es jetzt viel besser, nachdem etwas Positives unternommen wird.«

»Die Mutter ist total unfähig«, erklärte sie mit der verführerischen heiseren Stimme, die schwächere Männer vor sexueller Erwartung beben ließ. »Wenn der Vater im Gefängnis sitzt, kommt sie einfach nicht zurecht.« Carla lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück, fuhr sich mit den langen, rot lackierten Fingernägeln durch das dunkle Haar und seufzte. »Ich werde mich bemühen, eine zuverlässige Pflegestelle für Shane zu finden, aber du weißt ja, wie wenige Plätze im Moment zur Verfügung stehen.«

»Er wird noch einige Wochen im Krankenhaus bleiben«, brummte Greg und stand auf. »Probier es weiter, Carla. Ich möchte nicht, dass er in einem Waisenhaus landet.«

»Manchmal ist das die beste Übergangslösung für ein Kind in seinem Alter«, sagte sie und schob sich vom Tisch zurück.

»Da bin ich anderer Ansicht«, meinte er kurz angebunden und griff nach der Türklinke. »Kinder brauchen ein richtiges Zuhause, und mit fünf Jahren ist Pflege die einzige Lösung in solchen Fällen. Shane muss erfahren, wie es ist, in einer richtigen Familie zu leben, die für ihn sorgt – er sollte nicht einer Horde anderer gestörter, verängstigter Kinder ausgesetzt sein.«

Sie berührte ihn am Arm und hielt ihn davon ab, den Raum zu verlassen. »Das hört sich so an, als hättest du Erfahrung in diesen Dingen«, murmelte sie. »Möchtest du darüber reden?«

Ihr Parfüm roch verführerisch nach Moschus, und ihre dunklen Augen waren bezaubernd, aber Greg bemerkte ihre besorgte Miene und scheute davor zurück. »Da gibt’s nichts zu bereden«, erwiderte er unterkühlt. »Hebe dir deine Beratung für die auf, die sie brauchen, Carla!«

Er ließ sie im Türrahmen stehen und ging mit leisen Schritten durch den Flur. Seine Gefühle waren in Aufruhr. Natürlich musste er sich aussprechen, er musste sich vieles von der Seele reden. Aber ganz bestimmt nicht bei Carla – und nicht heute. Er war heute viel zu verletzlich und mochte nicht einmal Fleur gegenübertreten. Mit einem tiefen Seufzer raffte er sich auf, nach seinem jungen Patienten zu schauen.

2

Fleur hatte eine unruhige Nacht verbracht. Sie war durch die Wohnung gestreift, unfähig, sich auf etwas zu konzentrieren. Schließlich war sie kurz vor dem Morgengrauen auf der Couch eingeschlafen. Beim Aufwachen stellte sie fest, dass es schon nach neun war.

Völlig verschlafen brauchte sie eine Weile, bis sie merkte, wo sie war, und bis sie sich an die schrecklichen Ereignisse des Vortags erinnerte. Sie taumelte ins Bad, duschte ausgiebig und zog die Kleidung an, die gerade greifbar war. Warum hatte Greg nicht angerufen – und wo steckte er überhaupt? Da fiel ihr Blick auf das Telefon, das sie vom Netz getrennt hatte, und sie beeilte sich, es wieder einzustecken und nach ihrem Handy zu suchen.

Darauf waren zwei Kurznachrichten von Greg: Er sei zu einem Notfall gerufen worden und habe sich entschlossen, im Krankenhaus zu übernachten. Falls sie ihn sprechen wolle, könne sie seine Sekretärin anrufen – sein Handy sei ausgeschaltet, da er am Sonntag einen langen Tag in der Chirurgie habe und wahrscheinlich wieder im Krankenhaus schlafen werde. Keine Entschuldigung, keine Frage nach ihrem Befinden und nicht einmal ein Hinweis, ob er vorhatte, so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Ganz offensichtlich ging er ihr aus dem Weg, und das konnte Fleur ihm nicht verzeihen. Es war feige und egoistisch, und sie fragte sich, wie um alles in der Welt sie sich nur in diesen Mann hatte verlieben können – und warum sie trotz allem noch immer so für ihn empfand.

Sie widerstand der Versuchung, ihn zurückzurufen, legte ihr Handy auf die Anrichte in der Küche und leerte den Briefkasten. Nachdem sie sich einen Becher starken schwarzen Kaffee gemacht hatte, ging sie auf die Terrasse, setzte sich unter den Sonnenschirm und sah die Post durch.

Unter der Werbung waren die üblichen Wurfsendungen von Pizzerien und Angebote eines neuen Fitnessstudios. Das Monatsblatt des Architektenverbandes blätterte sie rasch bis zu den Stellenanzeigen durch. Vier interessante Offerten umkringelte sie. Noch heute würde sie ihre Bewerbungen schreiben. Wenn sie erst einen Job hätte, bliebe ihr wenigstens keine Zeit mehr zum Grübeln.

Dann legte sie die Zeitschrift beiseite und beäugte einen ziemlich bedeutsam aussehenden Pergamentumschlag, der mit dem Logo einer Anwaltskanzlei aus Sydney geprägt war. Sie öffnete ihn, und beim Lesen der Nachricht legte Fleurs Stirn sich in Falten.

Verehrte Mrs. Mackenzie,

leider muss ich Ihnen mitteilen, dass Mrs. Ann (Annie) Somerville verstorben ist, die seit vielen Jahren eine hochgeachtete Mandantin unserer Kanzlei war. Ihrem ausdrücklichen Wunsch entsprechend wurde ich befugt, ihren Letzten Willen zu erfüllen und ihr Testament zu eröffnen.

Zu diesem Behuf habe ich Sie darüber in Kenntnis zu setzen, dass Sie die Haupterbin ihres beträchtlichen Vermögens sind, und daher ist es unumgänglich, dass wir uns über die Modalitäten und die Konsequenzen des Vermächtnisses unterhalten.

Am Dienstag, den 15. Januar, werde ich in Brisbane sein und im Hilton International an einer Konferenz teilnehmen. Ich schlage vor, dass wir uns dort um 16 Uhr im Foyer treffen. Ich habe einen Büroraum im Hotel angemietet, sodass wir ungestört reden können. Sollte Ihnen diese Regelung nicht zusagen, rufen Sie bitte meine Sekretärin an, die mit Ihnen einen neuen Termin vereinbaren wird.

Ich möchte Ihnen mein herzliches Beileid aussprechen und werde stets zu Ihren Diensten sein.

Hochachtungsvoll,

Ms. Jacintha Wright

»Du lieber Himmel!« Fleur starrte auf das Schreiben, das sie eher für einen Schwindel hielt. Wie hoch war »beträchtlich«? Sie dachte sich eine Zahl aus, zog sie in Zweifel, verdreifachte sie – ihre Phantasie ging mit ihr durch, und ihr Puls raste.

Dann traf die Erkenntnis sie wie ein Schlag, und sie legte den Brief langsam auf den Tisch. Das musste ein Scherz sein. Von einer Annie Somerville hatte sie noch nie gehört. Warum also sollte diese Frau ihr etwas hinterlassen? Das war wieder einer von den Briefen, die ein Vermögen versprachen und sich schließlich als ein Schwindel aus Amerika oder Osteuropa entpuppten.

Aber bei einer nochmaligen Überprüfung des Briefes entdeckte Fleur keine Telefonnummer, die sie zu einem besonders günstigen Preis anrufen sollte, und auch keine Aufforderung, Geld, ihre E-Mail-Adresse oder Telefonnummer herauszurücken. Zudem fand sich auch nicht die übliche Wortwahl, die mit solchen betrügerischen Schreiben einherging.

Wieder keimte Hoffnung auf, und die Aufregung stieg, als Fleur klar wurde, dass alles für Echtheit sprach und ein Geldregen ihr zahlreiche Möglichkeiten eröffnen würde. Eine Erbschaft könnte nicht nur Mittel für ein eigenes Architekturbüro bedeuten, sondern sie finanziell unabhängig von Greg und ihrem Vater machen – und vielleicht sogar Gregs Widerwillen gegen Kinder beseitigen. Sie könnten ihren Lebensstil beibehalten; und sollte sich dieses Erbe als beträchtlich erweisen, könnten sie sich sogar eines der umwerfend schönen Herrenhäuser unten am Fluss leisten, nach dem Greg sich schon immer gesehnt hatte. Sie könnten dort ein echtes Zuhause für die Familie schaffen, mit großen sonnendurchfluteten Räumen, belebt von Kinderstimmen und dem Trappeln kleiner Füße, und mit einem Boot am privaten Anleger.

Fleur holte tief Luft, krampfhaft bemüht, ruhig und konzentriert zu bleiben. Doch vor lauter Aufregung gingen ihre Gedanken auf Wanderschaft, und sie gestattete sich, alles für realistisch zu halten und anzunehmen, dass Greg diese folgenschwere Neuigkeit akzeptieren und ihren Plänen zustimmen würde.

Sie schloss die Augen und betete im Stillen, dass es so kommen möge, dass Annie Somervilles wundervolles Geschenk tatsächlich existiere und ihnen beiden Glück und Erfüllung bringen werde.

Den Impuls, Greg anzurufen, unterdrückte Fleur sofort. Sie wollte noch ein wenig länger träumen, bevor sie überhaupt mit jemandem sprach. Außerdem würde Greg viel zugänglicher sein, wenn sie ihn nicht wie ein übergeschnapptes Schulmädchen mit der Nachricht bombardierte.

Tief durchatmend hielt sie das Gesicht in die Sonne, während sie versuchte, alles genauer zu beleuchten. Falls Annie Somerville nicht einem kranken Hirn entsprungen ist, dann muss sie eine Verbindung mit meiner Familie haben, dachte Fleur, eine andere Erklärung gibt es nicht. Aber was für eine Verbindung? Wer war die Verstorbene?

»Eins nach dem anderen«, murmelte Fleur. Mit schlappenden Sandalen eilte sie über die Terrasse. Sie nahm ihr Handy und wählte die Nummer, die auf dem Briefkopf stand. Anwälte arbeiten sonntags nicht, überlegte sie, und sofern die Adresse echt ist, wird sich unweigerlich ein Anrufbeantworter melden.

Eine sachliche Frauenstimme nannte den Namen der Anwaltskanzlei und wies auf die Öffnungszeiten hin. Das klang alles ganz offiziell, doch Fleur blieb skeptisch. Trotzdem hinterließ sie eine Nachricht und bat Miss Jacintha Wright, zum Treffen am Dienstag eine Legitimierung mitzubringen.

Die Frage war, ob diese Frau überhaupt auftauchen würde.

Fleur hatte den Anruf gerade beendet, als das Telefon im Schlafzimmer läutete, und sie lief hin, um abzuheben, in der Hoffnung, es sei Greg.

»Fleur? Margot hier. Du kommst doch heute, oder? Wir stecken nämlich in einer Krise und müssen die Sache bereinigen, bevor Dad alles noch schlimmer macht.«

Fleurs älteste Stiefschwester redete nie um den heißen Brei herum; ihr autoritärer Ton war nicht zu überhören. Fleur atmete tief durch und unterdrückte ihre Enttäuschung. Die Verabredung zum Lunch hatte sie tatsächlich vergessen. »Tut mir leid, Margot, mir geht’s nicht gut. Ich glaube, ich muss absagen.«

»Stell dich nicht so an, Fleur!«, sagte Margot barsch. »Bethany und ich brauchen deine Unterstützung.«

Fleur runzelte die Stirn. Margot und Bethany, die kaum miteinander sprachen, sollten sich gegen ihren willensstarken Vater verbündet haben? Fleurs Neugier war geweckt. »Klingt ernst. Was hat er denn diesmal angestellt?«

»Das ist viel zu kompliziert, um es am Telefon zu besprechen. Sei gegen Mittag am Haus! Und verspäte dich nicht.«

Fleur starrte den Hörer an. Margot hatte aufgelegt. »Herrische Kuh!«, knurrte Fleur und warf einen Blick auf die Uhr. Es war fast elf. Obwohl der Gedanke an einen weiteren Familienzwist sie abschreckte, könnte sie sich wohl kaum heraushalten, wenn sie erfahren wollte, ob Annie Somerville tatsächlich ein Mitglied der Familien gewesen war – und wenn ja, welche Überlegungen dazu geführt hatten, Fleur als Alleinerbin einzusetzen.

Margot trug sorgfältig scharlachroten Lippenstift auf und trat vom Badezimmerspiegel zurück, um die Wirkung in Augenschein zu nehmen. Die Frau, die ihr mit prüfendem Blick entgegenschaute, war wie üblich schick herausgeputzt; ihre schlanke – manche mochten sagen, zu schlanke – Figur kam in dem gut geschnittenen cremefarbenen Leinenkleid vorteilhaft zur Geltung. Margot trug eine schmale Armbanduhr, goldene Armbänder und Ohrstecker, und an ihrem Hals schimmerte eine Kette aus dicken Broome-Perlen. Den Ehering hatte sie vor vielen Jahren abgelegt mit dem Vorsatz, niemals wieder einen zu tragen.

Margot strich sich zufrieden über das Haar. Monsieur Paul hatte den kinnlangen Locken mit einer Mischung aus Honigblond, Dunkel- und Hellbraun großen Chic verliehen. Grau machte zu alt, und mit einundsechzig wollte Margot auf keinen Fall so matronenhaft wirken wie ihre Schwester Bethany.

Sie ging ins Schlafzimmer, um ihre Handtasche zu holen. Sie prüfte, ob sie alles hatte, hielt einen Moment inne, bis ihr Pulsschlag sich wieder normalisiert hatte, und konzentrierte sich auf das, was vor ihr lag. Ihre Schultern schmerzten vor Anspannung, und je näher der Zeitpunkt des Aufbruchs rückte, desto schlimmer wurde es.

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