Logo weiterlesen.de
Der Zauber eines frühen Morgens

Über die Autorin

Lesley Pearse wurde in Rochester, Kent, geboren und lebt mit ihrer Familie in Bristol. Ihre Romane belegen in England und vielen weiteren Ländern regelmäßig die ersten Plätze der Bestsellerlisten. Neben dem Schreiben engagiert sie sich intensiv für die Bedürfnisse von Frauen und Kindern und ist Präsidentin des Britischen Kinderschutzbundes.

Lesley Pearse

DER ZAUBER EINES FRÜHEN MORGENS

Roman

Aus dem Englischen von Britta Evert

BASTEI ENTERTAINMENT

KAPITEL 1

JUNI 1914

Er stellte sich zum Schutz vor dem heftigen Regen in einen Hauseingang und starrte über die Straße auf das kleine Erkerfenster des Hutsalons.

Allein der Anblick des Namens »Belle« in goldenen Kursivlettern über dem Fenster ließ sein Herz schneller schlagen. Im Inneren des Ladens konnte er die Silhouetten von zwei Damen erkennen, und ihre Gestik ließ darauf schließen, dass sie von dem Angebot an schicken Hüten hingerissen waren. Sein Ziel, nämlich in Erfahrung zu bringen, ob Belles Traum wahr geworden war, hatte er erreicht, aber nun, da er hier und ihr so nahe war, wollte er mehr, viel mehr.

Eine mollige ältere Dame mit rosigen Wangen stellte sich neben ihm im Eingang unter. Sie plagte sich mit ihrem Regenschirm ab, den der Wind nach außen gestülpt hatte. »Wenn es nicht bald zu regnen aufhört, bekommen wir alle nasse Füße!«, verkündete sie fröhlich und bemühte sich, den Schirm wieder zu richten. »Es ist mir ein Rätsel, wie ich auf die Idee gekommen bin, bei diesem Wetter auszugehen.«

»Das Gleiche habe ich mich auch gerade gefragt«, erwiderte er und nahm ihr den Schirm ab, um die Speichen gerade zu biegen. »Bitte sehr«, sagte er und gab ihn ihr zurück. »Aber ich fürchte, schon der nächste Windstoß wird meine Bemühungen zunichtemachen.«

Sie sah ihn neugierig an. »Sie sind Franzose, nicht wahr? Aber Sie sprechen sehr gut Englisch.«

Er lächelte. Er fand es sympathisch, dass Engländerinnen ihres Alters sich nicht scheuten, wildfremden Leuten Fragen zu stellen. Französinnen waren wesentlich reservierter.

»Ja, ich bin Franzose, aber ich habe Englisch gelernt, als ich ein paar Jahre hier lebte.«

»Sind Sie auf Urlaub hier?«, erkundigte sie sich.

»Ja, zu Besuch bei alten Freunden«, antwortete er, was zumindest teilweise der Wahrheit entsprach. »Ich habe gehört, dass Blackheath sehr hübsch sein soll, doch ich habe für meinen Besuch keinen guten Tag gewählt.«

Sie lachte und bemerkte, dass niemand Lust habe, bei solchen Wolkenbrüchen über die Heide zu spazieren. »Sie leben bestimmt in Südfrankreich«, fuhr sie fort und musterte beifällig sein gebräuntes Gesicht. »Mein Bruder hat Ferien in Nizza gemacht und ist braun wie eine Marone zurückgekommen.«

Er hatte keine Ahnung, was eine Marone war, aber er war froh, dass die Frau einem kleinen Schwatz anscheinend nicht abgeneigt war. Vielleicht konnte er von ihr etwas über Belle erfahren.

»Ich lebe in der Nähe von Marseille. Und der Laden da drüben erinnert mich an die Hutsalons in Frankreich«, sagte er und zeigte auf Belles Geschäft.

Sie folgte seinem Blick und lächelte. »Na ja, es heißt, dass sie ihr Gewerbe in Paris gelernt hat, und alle Damen hier im Ort lieben ihre Hüte.« Echte Wärme klang in ihrer Stimme mit. »Ich hätte heute selbst auf einen Sprung vorbeigeschaut, wenn nicht so ein Hundewetter wäre. Sie nimmt sich immer für jede Kundin Zeit. Eine reizende junge Frau!«

»Ihr Geschäft geht also gut?«

»Oh ja! Ich habe gehört, dass Damen von überall her kommen, um bei ihr einzukaufen. Aber jetzt muss ich mich auf den Weg machen, sonst gibt es heute Abend nichts zu essen.«

»Es war mir ein Vergnügen, mit Ihnen zu plaudern«, erwiderte er und half ihr, ihren Schirm aufzuspannen.

»Sie könnten dort einen Hut für Ihre Frau kaufen«, sagte die ältere Dame im Gehen noch. »Einen besseren Laden finden Sie nirgendwo, nicht mal auf der Regent Street.«

Nachdem die Frau gegangen war, starrte er in der Hoffnung, einen Blick auf Belle zu erhaschen, weiter über die Straße auf den Laden. Er hatte keine Ehefrau, die er mit einem hübschen Hut hätte erfreuen können, und er brauchte wohl kaum einen Vorwand, um das Geschäft einer alten Freundin aufzusuchen. Aber war es klug, die Vergangenheit wieder lebendig werden zu lassen?

Er wandte sich um und betrachtete sein Spiegelbild in dem Schaufenster neben sich. Seine alten Freunde daheim in Frankreich behaupteten, dass er sich in den zwei Jahren, seit er Belle zum letzten Mal gesehen hatte, verändert hatte, doch ihm selbst fiel nichts dergleichen auf. Er war immer noch schlank und dank der harten Arbeit auf seinem kleinen Bauernhof durchtrainiert, und seine Schultern waren noch breiter und muskulöser als früher. Vielleicht hatten seine Freunde nur gemeint, dass die Narbe auf seiner Wange kaum noch zu sehen war und seine kantigen Züge milder und weniger gefährlich wirkten.

Vor zehn Jahren, mit Mitte zwanzig, als es zu seinem Beruf gehört hatte, anderen Angst einzujagen, war er stolz darauf gewesen, wenn man gesagt hatte, dass seine blauen Augen eiskalt waren und sogar seine Stimme bedrohlich klang. Aber obwohl er wusste, dass er immer noch gewalttätig werden konnte, wenn es die Situation verlangte, hatte er sich aus jener Welt zurückgezogen.

Falls die lobenden Worte der älteren Dame über Belle repräsentativ für die Meinung war, die man in diesem gutbürgerlichen Vorort über sie hatte, waren ihr die skandalöseren Details ihrer Vergangenheit offenbar nicht gefolgt. Das war gut. Gerade er wusste, wie schwer es war, Fehler der Vergangenheit, falsche Entscheidungen und beschämende Episoden endgültig hinter sich zu lassen.

Nun, seine Mission war erfüllt, und er wusste, dass es am klügsten wäre, zum Bahnhof zurückzugehen und in den nächsten Zug nach London zu steigen.

Das Bimmeln der Ladenglocke verriet ihm, dass jemand Belles Hutsalon verließ. Es waren die beiden Damen – Mutter und Tochter, vermutete er, denn die eine schien in den Vierzigern zu sein, die andere ungefähr achtzehn. Die Jüngere lief mit zwei rosa-schwarz gestreiften Hutschachteln in den Händen zu einem wartenden Automobil, während die ältere Frau sich noch einmal umdrehte, als wollte sie »Auf Wiedersehen« sagen. Dann sah er plötzlich Belle in der Tür stehen, genauso schlank und schön, wie er sie in Erinnerung hatte, in einem sehr züchtigen, hochgeschlossenen blassgrünen Kleid, das schimmernde dunkle Haar zu einem schlichten Knoten aufgesteckt, aus dem ein paar Locken fielen und sich um ihr Gesicht schmiegten.

Auf einmal wollte er nicht mehr klug sein; er musste einfach mit ihr sprechen. Das ferne Donnergrollen eines drohenden Krieges, das vor ein, zwei Jahren begonnen hatte, war im vergangenen Jahr ständig lauter geworden, und seit der Ermordung von Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich schien der Krieg unausweichlich zu sein. Deutschland würde zweifellos in Frankreich einmarschieren, und da er für sein Vaterland kämpfen musste, bestand die Möglichkeit, dass er sterben und Belle nie wiedersehen würde.

Als die beiden Frauen abfuhren, schloss Belle die Ladentür. Nun, da sie allein war, fühlte er sich außerstande, dem Impuls zu widerstehen, und so flitzte er im strömenden Regen über die Straße und verharrte ein, zwei Sekunden, um Belle durch die Glastür zu betrachten. Sie stand mit dem Rücken zu ihm und arrangierte Hüte auf kleinen Ständern. Eine Reihe winziger Perlenknöpfe schloss das Rückenteil ihres Kleides, und der Gedanke, dass nicht er es war, der diese Knöpfe für sie öffnen durfte, versetzte ihm einen Stich. Als sie sich vorbeugte, um eine Hutschachtel aufzuheben, erhaschte er einen flüchtigen Blick auf wohlgeformte Waden über hübschen Spitzenstiefeletten. Als er sie in Paris gerettet hatte, hatte er sie nackt gesehen und nichts als Angst um sie empfunden, aber jetzt erregte ihn schon der Anblick eines kleinen Stücks Bein.

Beim Bimmeln der Glocke drehte Belle sich um, und als sie ihn sah, flogen ihre Hände an ihren Mund, und ihre Augen weiteten sich vor Überraschung. »Etienne Carrera!«, rief sie. »Was in aller Welt machst du denn hier?«

Ihre Stimme, das tiefe Blau ihrer Augen und sogar die Art, wie sie seinen Namen aussprach, erfüllten ihn mit Verlangen. »Ich fühle mich geschmeichelt, dass du dich noch an mich erinnerst«, sagte er und nahm schwungvoll seinen Hut ab. »Und du bist noch hübscher geworden. Der Erfolg und das Eheleben scheinen dir gut zu bekommen.«

Er trat ein paar Schritte näher, um sie auf die Wange zu küssen, aber sie errötete und wich zurück, als wäre sie nervös. »Woher hast du gewusst, dass ich verheiratet bin und hier in Blackheath lebe?«, fragte sie.

»Ich war im Ram’s Head in Seven Dials. Der Wirt hat mir erzählt, dass du Jimmy geheiratet hast und nach Blackheath gezogen bist. Weil ich unmöglich abreisen konnte, ohne dich gesehen zu haben, fuhr ich, in der Hoffnung, dich zu finden, mit der Bahn hierher.«

»Nach allem, was du für mich getan hast, hätte ich dir schreiben sollen, dass ich heirate«, bemerkte sie. Ihn so unerwartet vor sich zu sehen, schien sie ein wenig aus der Fassung zu bringen. »Aber …« Sie geriet ins Stocken.

»Verstehe«, sagte er leichthin. »Unter alten Freunden, die so viel miteinander erlebt haben, bedarf es keiner Erklärungen. Dass Jimmy nach deiner Entführung nie aufgegeben hat, dich zu finden, beweist, wie sehr er dich liebt. Ich bin froh, dass für euch alles so gut gelaufen ist. Ich habe gehört, dass er und sein Onkel hier ein Wirtshaus führen.«

Belle nickte. »Es ist die Bahnhofswirtschaft, gleich den Hügel hinunter. Du erinnerst dich bestimmt noch an Mog, die Haushälterin meiner Mutter, von der ich dir so viel erzählt habe. Also, sie hat im September vor zwei Jahren Garth geheiratet, Jimmys Onkel, und kurz darauf haben Jimmy und ich uns trauen lassen.«

»Und jetzt hast du wirklich deinen Hutsalon!« Etienne musterte beifällig die in Blassrosa und Creme gehaltene Einrichtung. »Sehr hübsch – genauso feminin und schick wie du selbst. Draußen auf der Straße hat mir eine Frau erzählt, dass man nicht einmal auf der Regent Street schönere Hüte bekommt.«

Jetzt schien sie sich ein wenig zu entspannen. Sie lächelte ihn an. »Warum legst du nicht deinen nassen Regenmantel ab, und ich mache uns beiden eine Tasse Tee?«

»Lebst du immer noch auf deinem Bauernhof?«, rief sie ihm zu, als sie in das kleine Hinterzimmer eilte.

Etienne hängte seinen Mantel an einen Kleiderhaken bei der Tür und strich sich mit den Händen das feuchte helle Haar glatt. »Allerdings, aber gelegentlich arbeite ich auch als Übersetzer. Das ist der Grund, warum ich in England bin. Ich hatte etwas mit einem Unternehmen zu besprechen, für das ich gearbeitet habe«, rief er ihr zu.

»Dann besteht dein Leben also nicht ausschließlich aus Hühnern und Zitronenbäumen?«, fragte sie, als sie zurückkam. »Sag mir bitte, dass du nicht vom Pfad der Tugend abgewichen bist!«

Etienne legte eine Hand aufs Herz. »Ich gebe dir mein Wort, dass ich eine Stütze der Gesellschaft bin«, versicherte er mit ernster Stimme, aber mit einem Zwinkern in seinen blauen Augen. »Ich habe weder junge Mädchen nach Amerika begleitet noch sie aus den Klauen von Irren gerettet.«

Er hatte sich nie verziehen, dass er sich nicht geweigert hatte, als die Gangster, für die er damals tätig gewesen war, ihn mit Drohungen gegen seine Familie gezwungen hatten, Belle in ein Bordell in New Orleans zu bringen. Zugegeben, einen Teil seiner Schuld hatte er getilgt, als er sie zwei Jahre später in Paris gerettet hatte, doch in seinen Augen war das nicht annähernd genug.

»Als Stütze der Gesellschaft kann ich mir dich eigentlich nicht vorstellen«, lachte Belle.

»Zweifelst du etwa an meinem Wort?«, fragte er gespielt beleidigt. »Schäm dich, Belle, dass du so wenig Vertrauen zu mir hast! Habe ich dich je belogen?«

»Du hast einmal zu mir gesagt, dass du mich töten würdest, falls ich versuche zu fliehen«, gab sie zurück. »Und später hast du zugegeben, dass es nicht wahr war.«

»Das ist das Problem mit euch Frauen«, gab er schmunzelnd zurück. »Immer erinnert ihr euch an die kleinen, unbedeutenden Dinge.« Er streckte eine Hand aus und strich bewundernd über einen mit Federn verzierten rosa Hut. Belles Talent und Entschlossenheit hatten sich bezahlt gemacht. »Jetzt bist du an der Reihe, die Wahrheit zu sagen. Ist deine Ehe so, wie du es erhofft hattest?«

»Das und noch viel mehr«, antwortete sie fast ein bisschen zu schnell. »Wir sind sehr glücklich. Jimmy ist ein fantastischer Ehemann.«

»Das freut mich für dich«, sagte Etienne und deutete eine Verbeugung an.

Belle lachte wieder. »Und du? Gibt es eine Frau in deinem Leben?«

»Keine, die mir genug bedeutet, um mich fest zu binden«, sagte er.

Sie zog fragend die Augenbrauen hoch.

Er lächelte. »Schau nicht so! Nicht jeder sehnt sich nach Ehe und Sicherheit. Schon gar nicht jetzt, da ein Krieg bevorsteht.«

»So weit wird es doch sicher nicht kommen?«, meinte sie hoffnungsvoll.

»Doch, Belle. Daran besteht kein Zweifel. Es ist nur noch eine Frage von Wochen.«

»Zurzeit reden die Männer über nichts anderes«, seufzte sie. »Ich bin es schon so leid! Sag mal, möchtest du nicht mit mir nach Hause gehen und Jimmy, Garth und Mog kennenlernen? Sie würden sich bestimmt freuen, dich endlich einmal zu sehen.«

»Ich halte das für keine gute Idee«, erwiderte Etienne.

Belle verzog das Gesicht. »Aber warum denn nicht? Du hast mir in Paris das Leben gerettet, und sie wären sehr enttäuscht, wenn sie wüssten, dass du hier warst und nicht einmal Hallo gesagt hast.«

Er sah sie einen Moment lang versonnen an. »Als du hierhergezogen bist, hast du deine Vergangenheit hinter dir gelassen.«

Belle öffnete den Mund, um Einwände zu erheben, schloss ihn aber wieder, als sie erkannte, dass er recht hatte. An dem Tag, als sie Jimmy geheiratet hatte, hatte sie die Tür zu ihrer Zeit in Amerika und Paris fest verschlossen. Etienne mochte sie mit seinem Besuch wieder geöffnet haben, und darüber war sie froh, aber Jimmy würde es vielleicht nicht so sehen.

»Was ist mit Noah?«, fragte sie. »Ihn wirst du doch besuchen, oder? Ihr zwei seid so gute Freunde geworden, als ihr mich gesucht habt, und du erinnerst dich bestimmt noch an Lisette, die sich im Konvent um mich gekümmert hat, bevor du mich nach Amerika gebracht hast. Noah hat sich in sie verliebt, und jetzt sind die beiden verheiratet, und ein Kind ist auch schon unterwegs. Sie wohnen in einem schönen Haus in St. John’s Wood.«

»Ich bin mit Noah in Verbindung geblieben«, sagte Etienne. »Vielleicht nicht ganz so intensiv, wie ich es hätte tun sollen, aber ihm als Journalist fällt das Schreiben nun mal viel leichter als mir. Mittlerweile ist er ein so bekannter Kolumnist, dass ich sogar in Frankreich Artikel von ihm lesen kann. Tatsächlich gehe ich morgen Mittag in der Nähe seines Büros mit ihm essen. Wir werden immer Freunde sein, doch in seinem Zuhause möchte ich ihn lieber nicht besuchen. Wir sind uns beide darin einig, dass Lisette nicht an die Vergangenheit erinnert werden muss, schon gar nicht jetzt, da sie ein Kind erwartet.«

Belle, die genau wusste, was er meinte, lächelte wehmütig. Auch Lisette war als junges Mädchen zur Prostitution gezwungen worden, und genau deshalb hatte sie sich so liebevoll um Belle gekümmert. »Ehrbarkeit hat einen hohen Preis. Ich mag Noah und Lisette sehr, aber obwohl wir Kontakt halten und uns hin und wieder sehen, sind wir immer darauf bedacht, nie zu erwähnen, wie und warum wir uns kennengelernt haben. Ich weiß, dass es für uns in unserer jetzigen Situation als verheiratete Frauen richtig ist, doch es verhindert eine wirklich enge Freundschaft.«

Etienne sah sie eindringlich an. »Wirkt sich die Vergangenheit auf deine Beziehung zu Jimmy aus?«

»Manchmal«, gestand sie. »Es ist, als hätte man einen Holzsplitter im Finger, der nicht herausgeht, an dem man jedoch trotzdem ständig herumfummelt.«

Etienne nickte. Er fand ihren Vergleich sehr passend. »So geht es mir auch. Aber im Lauf der Zeit geht der Splitter doch raus, und die Öffnung, die er hinterlässt, füllt sich mit neuen Erinnerungen.«

Belle lachte auf. »Warum sind wir eigentlich so trübselig? Trotz all der Probleme, die wir hatten, ist es für uns alle, für dich, mich, Jimmy, Mog und auch Lisette, gut ausgegangen. Warum neigen die Menschen dazu, den schlechten Zeiten nachzuhängen?«

»Sind es die schlechten Zeiten, denen wir nachhängen, oder die schönen Augenblicke, die uns in diesen Zeiten weitergeholfen haben?«, gab er zurück und zog fragend eine Augenbraue hoch.

Belle wurde rot, und er wusste, dass auch sie sich noch gut an ihre gemeinsamen Augenblicke erinnerte.

Obwohl sie gegen ihren Willen nach Amerika gebracht wurde, hatte Belle sich rührend um ihn gekümmert, als er während der Überfahrt seekrank geworden war. Lange bevor sie New Orleans erreicht hatten, waren sie einander sehr nahegekommen, und am Abend ihres sechzehnten Geburtstags hatte sie sich ihm angeboten. Er wusste bis heute nicht, wie er es in jener Nacht geschafft hatte, standhaft zu bleiben. Trotz seiner Frau und seiner zwei kleinen Söhne daheim hatte er Belle begehrt. Die Erinnerung an ihren straffen, jungen Körper, der in seinen Armen lag, und an ihre betörenden Küsse hatte ihn im Lauf der Jahre immer wieder heimgesucht. Trotzdem war er froh, dass er ihren Reizen damals nicht erlegen war – er hatte auch ohne das genug Schuld auf sich geladen.

»Immer wenn ich etwas über New York lese, muss ich daran denken, wie du mir all die Sehenswürdigkeiten gezeigt hast«, sagte sie. »Ich muss darauf achten, nie zu erwähnen, dass ich einmal dort war, sonst müsste ich erklären, wann und mit wem das war. Ich habe dich nie gefragt, ob dir die zwei Tage auch so viel Spaß gemacht haben. Hat es dir gefallen?«

»Es war für mich die schönste Zeit seit Langem«, gestand er. »Du warst so überwältigt, so erpicht darauf, alles zu sehen. Mir war sehr unwohl bei dem Gedanken, dich nach New Orleans zu bringen und dort zurückzulassen.«

»Ach, so schlimm war es bei Marta gar nicht!«, meinte sie und legte tröstend eine Hand auf seinen Arm. »Ich habe dir deshalb nie Vorwürfe gemacht. Mir war klar, dass du nicht anders handeln konntest. Außerdem hast du das mehr als wiedergutgemacht, als du zwei Jahre später in Paris durch die Tür gestürmt kamst, um mich vor Pascal zu retten.«

Belle erschauerte unwillkürlich, als sie an das Grauen dachte, dem Pascal sie ausgesetzt hatte. Der geistesgestörte Mann hatte sie im Dachgeschoss seines Hauses eingekerkert und hätte sie zweifellos umgebracht, wenn es Etienne nicht gelungen wäre, sie dort aufzuspüren.

Und Etienne hatte sie nicht nur befreit, sondern ihr geholfen, sich von diesem Albtraum zu erholen, indem er im Krankenhaus an ihrem Bett saß, sie ermutigte, sich auszuweinen, und ihr Hoffnung für die Zukunft gab. Belle erinnerte sich auch noch an den Tag, an dem Noah ihr erzählt hatte, dass Etiennes Frau und seine zwei Söhne bei einem Brand in ihrem Haus umgekommen waren. Es beschämte sie, dass ihre erste Reaktion der Gedanke gewesen war, dass Etienne jetzt frei war, nicht etwa Entsetzen über den grauenhaften Tod seiner Familie.

Etienne bemerkte ihr Erschauern und war sich darüber im Klaren, dass sie verstört war, weil sein unerwarteter Besuch Erinnerungen an ihre gemeinsame Vergangenheit geweckt hatte. Er hatte das Gefühl, dass er sie beide in die Gegenwart zurückholen musste.

»Ich werde mich freiwillig melden, wenn ich wieder in Frankreich bin«, sagte er.

»Oh nein, nur das nicht!«, keuchte sie.

Etienne lachte leise. »Das ist die typisch weibliche Reaktion, aber es ist meine Pflicht, Belle. Und wieder einmal holt mich meine Vergangenheit ein. Ich habe mich nämlich als junger Mann vor dem Militärdienst gedrückt, indem ich nach England ging.«

»Wird man dich dafür bestrafen?«, fragte sie.

Er grinste. »Ich hoffe, die sind einfach froh, einen Soldaten mehr zu haben«, antwortete er. »Der ganze Drill wird mir nicht gefallen, Befehle zu befolgen schon gar nicht, und ich bin auch nicht so naiv zu glauben, dass es der Weg zum Ruhm ist, doch ich liebe Frankreich, und ich will verdammt sein, wenn ich tatenlos mit ansehe, wie es in die Hände der Deutschen fällt.«

Sie sah ihn nachdenklich an. »Du bist einfallsreich und mutig, Etienne, und wirst einen guten Soldaten abgeben. Aber mir wäre es trotzdem lieber, wenn du auf deinem Hof wärst, um Zitronen zu ziehen und Hühner zu füttern.«

Er zuckte mit den Schultern. »Wir können im Leben nicht immer den sicheren und angenehmen Weg gehen. In meiner Vergangenheit hat Gewalt eine große Rolle gespielt, und ich habe erlebt, was für furchtbare Dinge Menschen einander antun können. Ich hätte nicht gedacht, dass ich dieses Wissen noch einmal brauchen würde, doch anscheinend verlangt mein Land genau das von mir.«

»Du bist ein guter, anständiger Mensch«, seufzte sie. »Pass bitte auf dich auf! Aber wenn du wirklich nicht mitkommen und Jimmy kennenlernen willst, schließe ich jetzt den Laden und gehe heim. Wir essen gern zusammen zu Abend, bevor das Lokal aufmacht.«

»Ja, natürlich, lass dich von mir nicht aufhalten!«, erwiderte er, machte jedoch keine Anstalten, nach Hut und Mantel zu greifen. Er hätte ihr gern gesagt, dass er sie schon immer geliebt hatte, und sie in die Arme genommen und geküsst. Aber er wusste, dass es dafür zu spät war. Damals in Paris hatte er seine Chance gehabt und sie nicht genutzt. Jetzt gehörte sie einem anderen.

»Geh du lieber zuerst. Ich möchte nicht ins Gerede kommen, weil ich mit einem Fremden auf der Straße gesehen worden bin«, sagte sie offen.

Etienne zog seinen Mantel an. »Ich habe gefunden, was ich gesucht hatte«, sagte er leise. »Das Wissen, dass du glücklich und gut aufgehoben bist. Bleib glücklich und liebe deinen Jimmy von ganzem Herzen! Ich hoffe, eines Tages von Noah zu hören, dass ihr einen ganzen Stall voller Kinder habt.«

Er nahm ihre Hand und küsste sie, drehte sich dann schnell um und ging.

»Au revoir«, murmelte Belle, als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel. Tränen brannten hinter ihren Lidern. Sie hätte ihm gern so viel mehr gesagt, gern so viel mehr über sein Leben erfahren.

Mit sechzehn hatte sie geglaubt, ihn zu lieben. Noch heute wurde sie schamrot, wenn sie sich daran erinnerte, wie sie aus ihren Sachen und zu ihm in die Koje geschlüpft war, um sich ihm anzubieten. Er war ganz Gentleman gewesen; er hatte sie im Arm gehalten und geküsst, mehr aber nicht.

Wenn sie jetzt als Erwachsene auf die furchtbaren Dinge zurückblickte, die sie vor ihrer Begegnung mit Etienne erlebt hatte, darauf, dass sie direkt vor ihrem Zuhause von der Straße weg entführt und nach Paris gebracht worden war, dort an ein Bordell verkauft und von fünf Männern vergewaltigt wurde, war ihr klar, dass sie vielleicht jeden, der nach diesen Erfahrungen freundlich zu ihr war, geliebt hätte.

Aber dass Etienne nett zu ihr gewesen war, dass er männlich, einfühlsam und liebevoll war, konnte nicht der einzige Grund dafür sein, dass diese mädchenhaften Träume sie während ihrer ganzen Zeit in New Orleans und auf ihrer Heimreise nach Frankreich nicht losgelassen hatten.

Als er wieder in Erscheinung trat und ihr das Leben rettete, war ihre Unschuld schon lange dahin, und sie wusste mehr über Männer, als jede Frau wissen sollte. Aber auch er musste etwas für sie empfunden haben; warum sonst wäre er zwei Jahre später sofort nach Paris gekommen, als er erfuhr, dass sie verschwunden war?

Während der Zeit ihrer Genesung hatte sie ständig auf eine Liebeserklärung gewartet und gehofft. An der Art, wie er sie ansah, und an der Zärtlichkeit, mit der er sie behandelte, erriet sie, dass er sie liebte. Dennoch nahm er sie nicht in die Arme und gestand ihr nicht seine Liebe, nicht einmal, als sie sich am Gare du Nord verabschiedeten und sie in Tränen ausbrach und keinen Hehl aus ihren Gefühlen machte.

Sie hatte sich nach Kräften bemüht, diesen Abschied aus ihren Gedanken zu verbannen, ebenso wie das Verlangen nach Etienne, das sie noch lange Zeit später empfand, auch dann noch, als sie längst wieder daheim bei Mog war und Jimmy von Heirat redete. Warum hatte er heute herkommen und ihr diesen bestimmten Splitter wieder tief ins Herz treiben müssen?

Sie hatte ihm die Wahrheit gesagt. Jimmy und sie waren sehr glücklich. Er war für sie bester Freund, Liebhaber, Bruder und Ehemann in einem. Sie verfolgten dieselben Ziele, lachten über dieselben Dinge. Jimmy war alles, was sich ein Mädchen erhoffen durfte. Er hatte das Grauen der Vergangenheit ausgelöscht; in seinen Armen erfuhr sie hingebende Zärtlichkeit und auch tiefe Befriedigung, denn er war ein liebevoller und einfühlsamer Liebhaber.

Jimmy war ihre Welt, und sie liebte das Leben mit ihm. Trotzdem wünschte sie, sie hätte Etienne sagen können, wie schön es war, ihn wiederzusehen, wie oft sie in den vergangenen zwei Jahren an ihn gedacht hatte, wie viel sie ihm schuldete.

Aber eine verheiratete Frau konnte so etwas nicht sagen, und genauso wenig konnte sie ihn ermutigen, länger in ihrem Laden zu bleiben. Blackheath war wie ein Dorf, die Leute hier waren engstirnig und neugierig, und viele von ihnen würden sich nur zu gern die Mäuler zerreißen, wenn sie Belle im Gespräch mit einem attraktiven Mann sahen.

Sie fing an, im Geschäft aufzuräumen, indem sie den Ladentisch abstaubte und verirrtes Seidenpapier vom Boden klaubte.

Warum, fragte sie sich unwillkürlich, hatte sie das Gefühl, dass irgendetwas in ihrem Leben fehlte, wenn doch alles so gut lief? Warum las sie in der Zeitung Artikel über die Suffragetten und beneidete sie insgeheim, weil sie den Mut hatten, trotz aller Feindseligkeit, die ihnen entgegengebracht wurde, für die Rechte der Frauen einzutreten? Warum fühlte sie sich von all der Ehrbarkeit ringsum eingeengt? Und, wichtiger noch, warum bescherte ihr Etienne mit seiner Stimme, seinem Aussehen und seinen Lippen auf ihrer Hand immer noch eine Gänsehaut?

Sie schüttelte den Gedanken ab, öffnete die Lade, in der sie die Tageseinnahmen verwahrte, und verstaute das Geld in einem Stoffbeutel, den sie in ihren Pompadour schob. Sie steckte ihren Strohhut mit einer langen Hutnadel in ihrem Haar fest, warf sich ihren Umhang über die Schulter und nahm ihren Schirm aus dem Schirmständer.

In der Tür blieb sie noch einmal stehen, bevor sie das Licht ausschaltete, und dachte an den Tag zurück, an dem sie ihr Geschäft eröffnet hatte. Es war ein kalter Novembertag gewesen, genau zwei Monate nach Mogs und Garths Hochzeit, und Jimmy und sie wollten kurz vor Weihnachten heiraten. An jenem Tag war alles neu und blitzblank gewesen. Jimmy hatte sie mit den kleinen, aber kostspieligen französischen Kandelabern und dem Ladentisch überrascht. Mog hatte die beiden Regency-Stühle entdeckt und mit rosa Samt neu bezogen, und Garths Geschenk bestand darin, die beiden Maler zu bezahlen, die das düstere kleine Geschäftslokal in ein Paradies in Blassrosa und Creme verwandelt hatten.

An diesem ersten Tag verkaufte Belle zweiundzwanzig Hüte, und seither waren Dutzende Kundinnen immer wiedergekommen, um bei ihr zu kaufen. In den neunzehn Monaten, die inzwischen vergangen waren, hatte es insgesamt weniger als sieben Tage gegeben, an denen sie nicht einen einzigen Hut verkauft hatte, und das nur wegen Schlechtwetters. Im Durchschnitt verkaufte sie ungefähr fünfzehn Hüte pro Woche, und das hieß zwar, dass sie hart arbeiten und eine Hilfskraft beschäftigen musste, um der Nachfrage nachzukommen, aber auch, dass sie gute Gewinne erzielte. Im Frühling hatte sie schlichte Strohhüte gekauft und selbst aufgeputzt, und dieser Einfall hatte sich als äußerst einträglich erwiesen. Ihr Laden war ein durchschlagender Erfolg.

Wie alles in deinem Leben, rief sie sich in Erinnerung, als sie das Licht ausmachte.

Etienne ging direkt zum Bahnhof, aber als er feststellte, dass er gerade einen Zug verpasst hatte und fünfundzwanzig Minuten auf den nächsten warten musste, stellte er sich neben den Kartenschalter ans Fenster und starrte auf die Bahnhofswirtschaft auf der anderen Straßenseite.

Er hatte die englischen Kneipen nie wirklich begriffen, die strikten Öffnungszeiten, die Männer, die an der Theke standen, um Unmengen Bier in sich hineinzuschütten, und dann zur Sperrstunde auf unsicheren Beinen heimwärts wankten, als könnten sie ihre Frauen und Kinder nur im Zustand der Trunkenheit ertragen. In französischen Lokalen ging es wesentlich zivilisierter zu. Niemand sah in ihnen eine Art Tempel, den man aufsuchte, um sich zu betrinken, denn sie waren den ganzen Tag geöffnet, und niemand wurde schief angesehen, wenn er beim Zeitunglesen einen Kaffee oder eine Limonade trank.

Das Railway Inn wirkte mit seinem frischen Anstrich und den blank geputzten Fenstern wenigstens sehr einladend, und er konnte sich gut vorstellen, dass es an kalten Winterabenden ein warmer, anheimelnder Zufluchtsort war.

Noch während Etienne es betrachtete, kam ein großer Mann mit rotem Haar und Bart heraus. Er trug über seinen Sachen eine Lederschürze, und Etienne nahm an, dass das Garth Franklin war, Jimmys Onkel. Er starrte auf eine Stelle der Dachrinne, aus der Wasser spritzte, lief am Gebäude entlang und rief nach jemandem.

Ein junger Mann trat aus dem Haus, und Etienne wusste sofort, dass es Jimmy war. Er war größer, als er gedacht hatte, genauso groß und breitschultrig wie sein Onkel, doch er war sorgfältig rasiert, und sein rotes Haar war gepflegt und ein wenig dunkler als Garths, vielleicht weil er es mit Haaröl glatt gestrichen hatte. Die beiden, die wie Vater und Sohn wirkten, standen im Regen, anscheinend ohne ihn wahrzunehmen, starrten nach oben und sprachen über das Leck in der Dachrinne.

Auf einmal drehte Jimmy sich um und lächelte strahlend, und Etienne stellte fest, dass der Grund für dieses Lächeln Belle war, die gerade auf die beiden zukam.

Sie mühte sich ab, ihren Schirm senkrecht und ihren Umhang auf den Schultern zu halten, aber trotzdem rannte sie die letzten paar Meter. Als sie bei den beiden Männern war, kippte ihr Schirm nach hinten, und Etienne fiel auf, dass sie genauso strahlte wie ihr Mann.

Jimmy nahm ihr mit einer Hand den Schirm ab, während er mit der anderen über ihre feuchte Wange strich, und küsste sie auf die Stirn. Allein diese kleinen zärtlichen Gesten verrieten Etienne, wie sehr der Mann sie liebte.

Er konnte nicht länger hinsehen. Auch wenn ihm das Wissen, dass Belle aufrichtig geliebt und behütet wurde, inneren Frieden hätte schenken sollen, war alles, was er empfand, bittere Eifersucht.

KAPITEL 2

Belle, die gerade über ihren Entwürfen saß, hob den Kopf und runzelte die Stirn über den Lärm, der aus dem Lokal nach oben drang. Ein derartiges Getöse hätte sie an einem Samstagabend kurz vor der Sperrstunde erwartet, nicht jedoch an einem Dienstag um acht Uhr.

Mogs häusliche Talente hatten sich seit dem Umzug nach Blackheath voll entfaltet. Das Wohnzimmer war ein großer Raum mit zwei Schiebefenstern, die zur Straße gingen. Nachmittags und abends schien die Sonne herein, und die Farben, die Mog gewählt hatte – blassgrüne Tapeten mit einem zarten Blattmuster, moosgrüne Samtvorhänge und ein weicher Orientteppich, den sie bei einer Auktion ersteigert hatte –, waren elegant und trotzdem anheimelnd.

Die Vorbesitzer der Gaststätte hatten die riesige Couch zurückgelassen, wahrscheinlich deshalb, weil sie schon bessere Tage gesehen hatte, aber Belle und Mog hatten einen losen Chintzüberwurf genäht und aus demselben Stoff Bezüge für die beiden Armsessel angefertigt, die sie aus Seven Dials mitgebracht hatten. Garth zog Mog gern mit ihrem Ehrgeiz auf, zur guten Gesellschaft gehören zu wollen, und meinte, dass sie demnächst darauf bestehen würde, ein Dienstmädchen einzustellen. Doch er und Belle wussten ganz genau, dass sie nie jemand anders die Pflege ihres Heims anvertrauen würde; sie liebte es zu sehr, um es von Fremden in Ordnung halten zu lassen.

Normalerweise stellte das Wohnzimmer eine Oase der Ruhe vor dem Wirbel in der gut besuchten Schenke dar. Belle saß abends gern an dem Tisch beim Fenster, um Hüte zu entwerfen, aber da ihr klar war, dass sie heute Abend bei all dem Lärm nicht in der Lage wäre, sich zu konzentrieren, beschloss sie, nach unten zu gehen und nachzuschauen, was los war.

Weil Garth nichts davon hielt, wenn sich Frauen in seinem Pub aufhielten, konnte Belle nur zur Tür hineinspähen. Trotz ihres begrenzten Blickfelds sah sie, dass das Lokal gesteckt voll mit jungen Männern war, die alle lautstark etwas zu trinken verlangten. Am erstaunlichsten fand sie, dass anscheinend sämtliche Bevölkerungsschichten vertreten waren. Neben den typischen Büroangestellten der City mit ihren steifen Hüten, dunklen Anzügen und gestärkten weißen Hemden standen Arbeiter und Handwerker mit Schirmmützen und schmuddeligen Arbeitshosen, und zwischen diesen beiden Extremen schien es nahezu alle anderen Berufsgruppen nebst entsprechender Bekleidung zu geben. Jimmy und Garth hatten Mühe, mit dem Einschenken nachzukommen.

»Was um alles in der Welt ist da los?«, fragte sie Mog, die in der Küche Gläser spülte. »Dadrinnen müssen mindestens achtzig Männer sein. Was führt die heute Abend her?«

»Sie haben sich alle freiwillig gemeldet«, sagte Mog und schüttelte den Kopf, als könnte sie einen solchen Wahnsinn nicht fassen.

Vor zwei Wochen, am vierten August, waren die deutschen Truppen in Belgien einmarschiert, und daraufhin hatte England Deutschland den Krieg erklärt. Seither wurde über nichts anderes gesprochen. Die Zeitungen waren voll davon, an den Straßenecken standen Männer und diskutierten darüber, wie das alles ausgehen würde, und sogar die Frauen, die in Belles Laden kamen, sprachen über den Krieg. Einige von ihnen befürchteten, dass ihre Ehemänner oder Liebsten sich melden würden, während andere die Meinung vertraten, dass es die Pflicht jedes wehrfähigen Mannes sei, für sein Land zu kämpfen.

Belle wusste genauso gut wie alle anderen, dass die britische Armee klein war, aber es hieß, dass die Soldaten besser ausgebildet als im übrigen Europa waren. Sie hätte nie erwartet, dass normale Männer wie diese hier begeistert zu den Waffen stürmen würden.

»Was, alle?«, rief Belle und spähte wieder in den Schankraum. »Das sind ja nicht mal Männer! Die meisten sind ganz junge Burschen!«

Nun, da sie den Grund für das Getöse, die geröteten Wangen und leuchtenden Augen kannte, lief es ihr kalt über den Rücken. In einigen von ihnen hatte sie die Söhne, Brüder oder Ehemänner von Frauen erkannt, die sie kannte, und sie fragte sich, wie sie darauf reagieren würden, dass sich ihre männlichen Angehörigen gemeldet hatten.

»Anscheinend hat ein Soldat markige Reden geschwungen«, sagte Mog, als wäre das eine Erklärung für das impulsive Handeln der Männer. »Garth kam heute Nachmittag vorbei und sah, wie sie sich scharenweise meldeten. Er hatte selbst so ein Leuchten in den Augen, als er heimkam, doch zum Glück nehmen sie keinen, der über vierzig ist.«

Leise Furcht regte sich in Belle. »Jimmy wird sich doch nicht melden, oder?«

»Nicht wenn er bei klarem Verstand ist«, antwortete Mog und verzog das Gesicht, als wäre ihr die Vorstellung unerträglich. »Aber Männer sind komisch – wer weiß schon, was in ihren Köpfen vorgeht? Die meisten von ihnen sehnen sich nach ein bisschen Aufregung und Abenteuer. Hoffen wir also, dass es stimmt, was alle behaupten, und das Ganze bis Weihnachten vorbei ist.«

Garth stieß die Tür auf und rief Mog zu, sich mit den Gläsern zu beeilen, und bat sie außerdem, nach draußen zu kommen und beim Bedienen zu helfen. Er muss wirklich ganz schön unter Druck stehen, wenn er sein Vorurteil gegen Frauen hinter der Theke überwindet, dachte Belle bei sich, als sie wieder nach oben ging. Aber sowie sie im Wohnzimmer saß, meldete sich erneut die Sorge um Jimmy.

Bis heute hatte er die Ansicht vertreten, dass kriegerische Auseinandersetzungen etwas für Berufssoldaten waren, nicht für eine Horde hitzköpfiger Amateure. Doch was er auch sagen mochte, Belle hatte den Verdacht, dass der Druck von anderen Männern und eine Welle des Patriotismus ihn umstimmen könnten. Mog hatte vermutlich recht mit der Annahme, dass die meisten Rekruten nur auf ein Abenteuer aus waren, aber etliche von ihnen würden getötet oder verwundet werden, und einer davon könnte auch Jimmy sein.

Allein bei der Vorstellung, Jimmy zu verlieren, stiegen Belle Tränen in die Augen. Sie konnte und wollte nicht an ein Leben ohne ihn denken. Sie wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel und fragte sich, warum sie in den letzten Wochen so nah am Wasser gebaut war. Erst am Vortag war sie in Tränen ausgebrochen, als sie eine Schachtel mit Bändern von ihrem Lieferanten geöffnet und festgestellt hatte, dass er ihr vier Rollen rotes Band statt jeweils einer in Rot, Rosa, Blau und Gelb geschickt hatte.

Aber im Grunde war sie seit jenem Tag im Juni, als Etienne bei ihr im Laden erschienen war, nicht mehr sie selbst. Kurz nach seinem Besuch war es sehr warm geworden, und die Nachfrage nach Strohhüten war schlagartig gestiegen. Belle hatte zu diesem Zeitpunkt noch einige, die sie bereits aufgeputzt hatte, vorrätig, sodass es keinen Grund zur Panik gab, aber sie war trotzdem außer sich und beeilte sich, bei ihrem Zulieferer in Lewisham fast den gesamten Bestand aufzukaufen. Aber statt sich daranzumachen, die Hüte zu verzieren, ertappte sie sich dabei, gedankenverloren aus dem Ladenfenster zu starren. Tagsüber nickte sie immer wieder ein, um dann in der Nacht keinen Schlaf zu finden. Auch wenn sie den ganzen Tag Hunger hatte, war ihr der Appetit vergangen, wenn Mog abends das Essen auftischte. Auch um ihre Konzentrationsfähigkeit schien es geschehen zu sein; sie war offenbar nicht in der Lage, sich länger als eine halbe Stunde mit ein und derselben Sache zu beschäftigen.

Zuerst glaubte sie, der Grund dafür wäre, dass Etienne alte Erinnerungen wachgerufen hatte; es ließ sich nicht leugnen, dass sie häufig Tagträumen nachhing. Aber jetzt fragte sie sich, ob es vielleicht nur am Krieg lag. Es war schwer, nach vorn zu blicken, wenn man nicht wusste, was die Zukunft bringen würde. Doch waren tatsächlich der Krieg und die Ungewissheit die Ursache, dass sie ständig leicht reizbar, benommen und müde war? Sie hatte sich weder Mog noch Jimmy anvertraut, weil es nichts Handfestes zu beschreiben gab, und außerdem befürchtete sie, versehentlich Etienne zu erwähnen, wenn sie mit einem von beiden sprach.

Wohl war ihr nicht bei dem Gedanken, seinen Besuch zu verschweigen. War es denn nicht ganz normal, ihre Familie an der Freude über das Wiedersehen mit einem alten Freund teilhaben zu lassen? Aber in Wahrheit hatte sie natürlich Angst, etwas zu sagen, das Jimmy auf die Idee bringen könnte, dass ihre Gefühle für Etienne keineswegs rein freundschaftlicher Natur gewesen waren.

Eins stand fest, einen besseren Ehemann als Jimmy gab es nicht. Noch nie hatte er ihr ihre Vergangenheit vorgehalten, nicht einmal in einem Moment des Zorns oder der Eifersucht, und das konnten sicher nicht viele ehemalige Huren von ihrem Ehemann behaupten.

Aber Jimmy hatte ihr niemals einen Vorwurf gemacht. Er war gütig, ausgeglichen, rücksichtsvoll und würde einfach alles für sie tun. Doch was noch ungewöhnlicher war und was sie wirklich zu schätzen wusste, war, dass sie in ihrer Ehe eine Freiheit genoss wie kaum eine andere Frau. Jimmy mischte sich nie in ihre geschäftlichen Angelegenheiten ein, er war stolz, dass sie so gut zurechtkam, und falls sie einmal Schiffbruch erleiden sollte, würde er ihr helfen, das wusste sie. Und er vergötterte sie.

Selbst wenn Etienne ihr damals in Paris seine Liebe gestanden hätte und sie ihn statt Jimmy geheiratet hätte, wäre daraus nie die Art harmonischer Beziehung entstanden, die sie mit Jimmy verband, das sagte Belle ihr gesunder Menschenverstand. Noah hatte recht gehabt, als er sie auf der Heimreise nach England darauf hingewiesen hatte, dass Etienne ein gefährlicher Mann war. Natürlich würde er ihr niemals etwas antun, doch er war ein komplizierter, schwer zu durchschauender Mensch mit einer düsteren Vergangenheit.

Aber jetzt war er endgültig aus ihrem Leben verschwunden. Vielleicht kämpfte er schon gegen die Deutschen. Belle hoffte inständig, dass ihm nichts zustoßen würde.

»Einen Penny für deine Gedanken!«

Belle fuhr herum, als sie Mogs Stimme hörte. Sie war so sehr in ihre schuldbewussten Gedanken versunken gewesen, dass sie sie gar nicht ins Zimmer hatte kommen hören.

Die Ehe hatte bei Mog Wunder gewirkt. Während Belles Kindheit in Seven Dials war sie eine liebevolle, kleine graue Maus gewesen. Emsig hatte sie ihre Arbeit verrichtet, gekocht, geputzt und geflickt, immer in formlosen, dunklen Kleidern, das Haar straff aus dem Gesicht gekämmt. Obwohl sie und Annie, Belles leibliche Mutter, in einem Alter waren, hatte Mog stets viel älter gewirkt.

Jetzt waren ihre Kleider modisch und gut geschnitten und betonten ihre weibliche Figur. Mittlerweile mischten sich vielleicht ein paar graue Strähnen in ihr braunes Haar, aber sie trug es in einem lockeren Knoten mit ein paar losen Locken, die um ein Gesicht fielen, das vor Glück und von der frischen Luft strahlte. Sie mochte achtunddreißig sein, aber heute sah sie in ihrem rosa-schwarz gestreiften Kleid mit Biesenbesatz zehn Jahre jünger aus.

Mog hatte das Kleid selbst genäht, doch da sie eine begabte Schneiderin war, hätte es genauso gut aus dem teuren Modesalon auf der Tranquil Vale stammen können. Sie erzählte jedem, der fragte, dass sie vor ihrer Heirat mit Garth Haushälterin gewesen sei, und aufgrund ihrer guten Umgangsformen nahmen alle an, dass sie für eine adlige Familie gearbeitet hatte.

Niemand wäre je auf den Gedanken gekommen, dass sie ihr ganzes Erwachsenendasein als Dienstmädchen in einem Bordell verbracht hatte und mehr über dieses Gewerbe wusste als sämtliche weiblichen Bewohner von Blackheath zusammen.

»Du bist kilometerweit weg«, sagte sie und lächelte Belle liebevoll an. »Möchtest du darüber reden?«

Mog war für Belle ihr Leben lang wie eine Mutter gewesen, und sie war es, der Belle normalerweise alles anvertrauen konnte. Aber von Etienne durfte sie ihr nichts erzählen; Mog wäre entsetzt gewesen, wenn sie gewusst hätte, dass sie je an einen anderen Mann als Jimmy gedacht hatte.

»Meine Gedanken sind keinen Penny wert.« Belle seufzte. »Es ist bloß der Krieg, der Trubel unten in der Bar. All das macht mir Angst.«

Mog warf einen Blick auf den Hut, den Belle gerade zeichnete, und runzelte die Stirn, als ihr auffiel, dass er ganz anders aussah als Belles sonst so verspielte Entwürfe und sich eher für eine Beerdigung zu eignen schien. »Du siehst schon seit ein paar Wochen ein bisschen spitz aus«, bemerkte sie. »Bei dir ist doch wohl nichts Kleines unterwegs, oder?«

Belle blieb der Mund offen stehen, zum Teil, weil Mog einen Slangausdruck aus Seven Dials verwendete, vor allem jedoch, weil sie nie daran gedacht hatte, dass sie ein Baby bekommen könnte.

»Nein, natürlich nicht«, sagte sie. »Na ja, ich glaube es jedenfalls nicht. Das kann nicht sein! Oder doch?«

Mog schmunzelte. »Tja, wenn ich’s nicht besser wüsste, würde ich sagen, du weißt nicht, wie man Babys macht.«

Belle wurde rot und kicherte. Seit Mog mit Garth verheiratet war, erwähnte sie niemals Belles Zeit als Hure, und selbst wenn sie von den Jahren sprach, in denen sie selbst Haushälterin und Belle Zimmermädchen im Bordell von Belles Mutter gewesen waren, vermied sie tunlichst jede Anspielung auf das, was sich in diesem Haus abgespielt hatte. Umso überraschender wirkte jetzt ihre unverblümte Bemerkung.

»Daran hatte ich gar nicht gedacht«, gestand Belle.

»Na, dann denk jetzt dran!«, gab Mog zurück. »Mir ist aufgefallen, dass du gestern Abend ganz grün im Gesicht geworden bist, als ich die Ochsenzunge zubereitet habe. Konntest gar nicht schnell genug aus der Küche rauskommen.«

»Es hat einfach so komisch gerochen.«

»Kann schon sein, doch früher hat es dich nie gestört. Wann war deine letzte Monatsblutung?«

Belle dachte scharf nach. Sie erinnerte sich an eine kurze Blutung im Mai, während einer kurzen Hitzewelle, aber das war alles. Sie erzählte es Mog. »Das soll nicht heißen, dass ich keine mehr gehabt habe, ich kann mich bloß nicht erinnern«, fügte sie hinzu.

»Wenn das die letzte war, wärst du jetzt im dritten Monat«, sagte Mog und musterte Belle forschend. »Gibt es sonst noch Anzeichen?«

»Na ja, ich fühle mich irgendwie anders als sonst«, gab Belle zu. »Aber nicht krank oder so.«

»Schau nicht so verschreckt!«, munterte Mog sie auf. »Wenn du ein Baby bekommst, ist es ein Geschenk des Himmels, etwas, worüber man sich freuen sollte. Ich hoffe auch immer noch, doch vielleicht bin ich schon zu alt.«

Belle horchte auf. Nie war ihr der Gedanke gekommen, dass Mog sich ein Kind wünschte. Aber nach dem sehnsüchtigen Ausdruck in den Augen der Älteren zu schließen, hatte sie genau das erhofft, als sie Garth geheiratet hatte.

»Du bist nicht zu alt«, sagte Belle rasch. »Frauen können bis Mitte vierzig Kinder bekommen. Doch ich bin mir nicht sicher, ob für uns beide jetzt mit dem Krieg der richtige Zeitpunkt dafür ist.«

»Na, ich erwarte jedenfalls keins«, seufzte Mog. »Du jedoch vielleicht schon, und Krieg hin oder her, Zuwachs für die Familie wäre schön. Denk bloß, wie Jimmy sich freuen würde!«

»Sag ihm nichts!«, ermahnte Belle sie. »Ich glaube nicht, dass ich schwanger bin.«

Mog sah Belle mit der überlegenen Miene an, die sie immer aufsetzte, wenn sie meinte, es besser zu wissen. »Ich würde nicht im Traum dran denken, Jimmy etwas weiterzuerzählen, was wir unter vier Augen besprochen haben. So, ich glaube, ich gehe jetzt lieber wieder nach unten und spüle noch ein paar Gläser ab.«

Als Mog weg war, legte Belle eine Hand auf ihren Bauch. Er war so flach wie immer, doch es war schön, sich vorzustellen, dass in ihrem Inneren vielleicht ein winziges Baby heranwuchs. Damals in New Orleans und auch in Paris hätte ihr der Gedanke Angst gemacht, und sie hatte alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen, die sie kannte, um so etwas zu verhindern.

Auch die ersten Symptome einer Schwangerschaft waren ihr bekannt, weil die anderen Mädchen in New Orleans ständig darüber geredet hatten. Plötzliche Aversionen gegen bestimmte Gerüche waren ebenso an der Tagesordnung wie empfindliche Brüste und Morgenübelkeit. Aber ihre Brüste waren nicht empfindlich, und ihr war morgens auch nicht schlecht.

Ein Baby zu bekommen war der normale Lauf der Dinge, wenn man glücklich verheiratet war, doch aus irgendeinem Grund hatte Belle nicht damit gerechnet.

Sie griff nach ihrem Stift und fing wieder an zu zeichnen, aber sie war nicht recht bei der Sache, und als sie hörte, wie Garth unten zur letzten Runde läutete, war sie froh, dass der Abend fast vorbei war.

Es dauerte eine ganze Weile, bis Garth und Jimmy auch noch den letzten Gast hinauskomplimentiert hatten. Belle schaute aus dem Wohnzimmerfenster und beobachtete, wie die Männer auf wackeligen Beinen zu zweit oder dritt über die Straße wankten und einer von ihnen der Länge nach hinschlug. Sie hatte keine Ahnung, ob sie schon morgen auf dem Weg ins Ausbildungslager in Frankreich sein würden oder ob es länger dauern würde, alles zu regeln; aber der Gedanke, dass sie in wenigen Wochen Gewehre in den Händen halten würden, war beklemmend. Es waren Verkäufer, Büroangestellte, Maurer und Gärtner, die höchstens einmal an einer Schießbude auf dem Jahrmarkt in die Nähe einer Waffe gekommen waren. Belles Magen schnürte sich angstvoll zusammen, und sie hatte die dunkle Vorahnung, dass einige dieser Männer ihren nächsten Geburtstag nicht erleben würden.

Sie schüttelte die trüben Gedanken ab und ging nach unten, um zu helfen. Nach all dem Betrieb gab es bestimmt viel zu tun.

Eine halbe Stunde später waren Theke und Tische abgewischt, Stühle und Hocker daraufgestellt und die meisten Gläser abgewaschen und abgetrocknet. Mog sah erschöpft aus. Garth, der hinten im Hof den Boden mit einem Wasserschlauch abspritzte, schimpfte leise über das Erbrochene und die völlig verdreckte Toilette.

»Heute Abend haben wir mehr eingenommen als sonst in einer ganzen Woche«, sagte Jimmy, während er nach einem Tablett mit sauberen Gläsern griff und sie in das Regal unter der Theke einräumte. »Aber ich hoffe, dass wir nicht noch so einen Abend erleben.«

»Du wirst dich doch nicht melden, oder?«, fragte Belle ihn ängstlich.

Er lachte, hielt inne und tätschelte ihre Wange. »Was – und dich, das hübscheste Mädchen in London, allein lassen? Natürlich nicht, jedenfalls nicht, bevor es zu Zwangsrekrutierungen kommt. Und das ist eher unwahrscheinlich. Wer soll sich denn in England um alles kümmern, wenn jeder unter vierzig nach Frankreich geschickt wird?«

»Alte Knacker wie ich«, rief Garth aus dem Hof. »Und wenn ich noch einmal so einen Saustall sauber machen muss, gebe ich ein falsches Alter an und melde mich freiwillig.«

Jimmy schlief an diesem Abend fast im selben Moment ein, in dem er ins Bett fiel, aber wie immer hatte er einen Arm um Belle gelegt und schmiegte sich an ihren Rücken. Sie lag in der Dunkelheit wach da, lauschte seinen leisen Atemzügen und schob seine Hand auf ihren Bauch. Mittlerweile hatte sie den Schock über Mogs Vermutung überwunden, und als sie jetzt so behaglich im Bett lag, war die Vorstellung, Jimmy und sie könnten ein Baby bekommen, sehr schön. Sie sah schon vor sich, wie Mog und Garth das Kleine verwöhnten und als liebende »Großeltern« immer bereit waren, sich um das Baby zu kümmern. Und Jimmy würde einen großartigen Vater abgeben; er war liebevoll, geduldig und hatte ein unglaublich gutes Herz.

Aber würde sie eine gute Mutter sein? Da sie keine jüngeren Geschwister hatte, wusste sie nichts über Babys, bisher hatte sie nicht einmal eins im Arm gehalten. Sie kannte sie nur vom Sehen, von den Frauen in Seven Dials, die ihre Babys, in Umschlagtücher gewickelt, in den Armen hielten. Hier in Blackheath hatten viele Mütter Kindermädchen, die ihre Schützlinge im Kinderwagen spazieren fuhren.

Würde sie ihren Laden weiterführen können? Obwohl ihr der Gedanke, ihn aufzugeben, gar nicht behagte, hatte sie nicht vor, dem Beispiel ihrer Mutter zu folgen und das Kind Mog zu überlassen.

Belle hatte gehofft, sie und ihre Mutter würden einander näherkommen, nachdem Annie ihr geholfen hatte, das Geld für den Hutsalon aufzutreiben, aber das war nicht passiert. Wenn Belle ihre Mutter nicht ein Mal im Monat besuchen würde, bestünde überhaupt kein Kontakt mehr zwischen ihnen.

Annie führte immer noch die Pension in King’s Cross, die sie erworben hatte, als ihr Haus in Jake’s Court abgebrannt war, und kam sehr gut zurecht. Angesichts ihrer eleganten Kleidung und vornehmen Manieren wäre nie jemand auf die Idee gekommen, dass sie früher einmal Besitzerin eines Bordells gewesen war. Belle hatte den Verdacht, dass sie auch die Tatsache, eine Tochter zu haben, geheim hielt und vermutlich nicht besonders entzückt über die Aussicht wäre, Großmutter zu werden.

Belle strich über ihren Bauch und gelobte sich insgeheim, ihrem Kind all die Liebe und Zuwendung zu geben, die sie selbst von ihrer Mutter nie bekommen hatte.

KAPITEL 3

Belle fächelte sich mit einer Zeitung Luft zu. Im Laden war es so heiß, dass sie das Gefühl hatte, demnächst zu schmelzen. Nicht zum ersten Mal in der drückenden Hitze der letzten Tage fragte sie sich, warum Frauen eigentlich so viele Kleidungsstücke anziehen mussten.

Sie trug ein Leibchen, ein Unterkleid, lange Unterhosen und Strümpfe, darüber einen Unterrock aus etlichen Metern Stoff und schließlich ein eng anliegendes, langärmeliges Kleid mit Stehkragen. Alle Kleidungsstücke klebten ihr feucht am Leib, und ihr taten die Füße weh, weil sie von der Hitze angeschwollen waren. Aber wahrscheinlich war sie immer noch besser dran als die meisten Frauen, die sich verpflichtet fühlten, ein Fischbeinkorsett zu tragen.

Es war vier Uhr nachmittags, und seit zehn Uhr morgens hatte keine Kundin mehr ihr Geschäft betreten. Früher am Tag waren etliche Leute vorbeigekommen, die auf dem Weg in die Heide waren. Die meisten Damen hatten Sonnenschirmchen getragen. Belle ärgerte sich ein wenig. Wenn sie daran gedacht hätte, einige in ihr Sortiment aufzunehmen, hätte sie heute vielleicht ein bisschen mehr Umsatz machen können.

Doch jetzt war es für einen Freitag ungewöhnlich ruhig, vielleicht so etwas wie die Ruhe vor dem Sturm, weil heute Abend auf der Heide der Jahrmarkt eröffnet wurde. Im letzten Jahr hatte Belle sich schrecklich darauf gefreut; Jimmy war am Samstagabend mit ihr hingegangen, und sie hatten sich auf den Schiffschaukeln, dem Karussell und der Riesenrutsche großartig amüsiert und waren mit Jimmys Gewinnen, einem Goldfisch und einer Kokosnuss, heimgekehrt. Aber dieses Jahr hielt sich ihre Begeisterung in Grenzen, auch wenn es das letzte Augustwochenende und vielleicht das Ende des Sommers war. Das Gras auf der Heide war wegen der anhaltenden Trockenheit staubig und verdorrt, und in diesem Jahr würde es noch mehr Gedränge geben, weil jeder fest entschlossen war, Spaß zu haben, solange er noch konnte, und jeden Gedanken an den Krieg zu verdrängen.

Seit jenem turbulenten Abend, an dem sich so viele junge Männer freiwillig gemeldet hatten, wurde nicht mehr so viel über den Krieg geredet, dafür aber umso mehr über die Reichen gemurrt, die Nahrungsmittel hamsterten. In manchen Gegenden hatten sie ganze Läden leer gekauft, und es hieß, dass damit die Preise in die Höhe getrieben wurden. Aber Belle hatte mehr Hüte als sonst verkauft, weil viele Liebespaare schnell noch heiraten wollten.

Sie wünschte, Jimmy und sie könnten morgen an die See fahren. Es musste himmlisch sein, eine kühle Brise zu spüren und dem Gestank der Gullys zu entkommen, der ihr regelmäßig Übelkeit bereitete. Aber der Jahrmarkt würde zusätzlich Kundschaft für die Schenke bringen, und Jimmy konnte unmöglich Garth und Mog die ganze Arbeit überlassen.

In der Hoffnung auf ein wenig kühlere Luft stellte Belle sich in die offene Ladentür, lehnte sich an den Türrahmen und überlegte, ob sie Jimmy heute Abend von dem Baby erzählen sollte. Vor zwei Tagen war sie endlich zu Dr. Towle auf der Lee Park gegangen, und er hatte bestätigt, dass sie tatsächlich ungefähr in der vierzehnten Woche schwanger war. Sowie Mog diese Möglichkeit angedeutet hatte, waren prompt die typischen Symptome aufgetreten. Als Erstes verursachten ihr manche Gerüche Übelkeit, und sie hörte auf, Tee zu trinken. Doch inzwischen waren ihre Brüste empfindlich und voller, und ihr Unterrock spannte um die Taille.

Bisher wusste nur Mog Bescheid, die es noch nicht für angebracht hielt, Garth und Jimmy zu informieren. Belle fand das ausgesprochen albern. Was wäre natürlicher, als ihrem Mann mitzuteilen, dass er einen Sohn oder eine Tochter bekommen würde? Aber ihr war bereits aufgefallen, dass die Frauen hier in der Gegend nie über Schwangerschaften sprachen, und weil sie Angst hatte, einen gesellschaftlichen Fauxpas zu begehen, schwieg auch Belle.

Ein junges Pärchen schlenderte die Straße herauf. Das Mädchen, das vermutlich jünger als Belle war, war klein und zierlich und trug ein blassrosa Rüschenkleid und einen Strohhut. Sie hing am Arm eines Mannes, der ein paar Jahre älter war als sie und mit seinem korrekten dunklen Anzug und dem steifen Kragen wie ein Bankangestellter wirkte. Das Mädchen blickte zu ihm auf, während er sprach, und lauschte andächtig. Da sie viel zu jung schien, um verheiratet zu sein, war es ungewöhnlich, dass niemand bei ihnen war, um dem Anstand Genüge zu leisten. Belle fand es insgeheim absurd, dass ein junges Pärchen nicht einmal spazieren gehen konnte, ohne für Klatsch zu sorgen, doch so ging es hier nun einmal zu.

Als Mog und sie nach Blackheath gezogen waren, hatten sie sich all diesen eigenartigen Anstandsregeln und Zwängen beugen müssen, um sich anzupassen und Gerede zu vermeiden. Belle spielte mit, aber insgeheim fühlte sie sich ihrer Umgebung ein klein wenig überlegen, weil sie so viel mehr über Männer und das Leben im Allgemeinen wusste als all die gezierten Damen, für die sie Hüte anfertigte.

Nun, da sie Mutter werden sollte, war sie ein bisschen bedrückt und verunsichert wegen ihrer einschlägigen Erfahrungen. Wie sollte sie einer Tochter beibringen, keusch und züchtig zu sein, ihrem Mann zu gehorchen und sich an sämtliche Regeln der Etikette zu halten, um in guter Gesellschaft bestehen zu können, wenn Belle selbst all das nicht getan hatte?

Sie sah dem jungen Pärchen nach, bis die beiden um eine Ecke bogen, schaute dann nach links und spielte mit dem Gedanken, den Laden zu schließen, weil die Straße jetzt menschenleer war. Weiter unten flimmerte die Luft so stark in der Hitze, dass sie fast wie eine Wasserfläche aussah. Belle fragte sich, ob das eine Fata Morgana war, denn sie hatte gehört, dass Leute in der Wüste oft Wasser vor sich sahen, das in Wirklichkeit gar nicht da war.

Plötzlich wurde sie von einem gellenden Schrei und dem Rumpeln von Wagenrädern aus ihren Tagträumen gerissen.

Als sie nach rechts schaute, sah sie, wie eine kleine, von zwei braunen Pferden gezogene Kutsche von dem Fahrer abrupt gestoppt wurde. Eine Frau lag direkt vor den Hufen der Rösser auf dem Boden. Der Fahrer musste ziemlich schnell unterwegs gewesen sein, und offenbar war ihm die Frau direkt in den Weg gelaufen.

Während Belle sich in Bewegung setzte, um zu helfen, kletterte der Fahrer vom Kutschbock.

»Sie ist vom Bürgersteig getreten, ohne nach links oder rechts zu schauen. Ich hätte sie glatt überfahren können«, keuchte er, das Gesicht aschfahl vor Schreck.

»Zum Glück konnten Sie noch rechtzeitig anhalten«, sagte Belle und kniete sich neben die Frau.

Der Hut war ihr vom Kopf gefallen, und blondes Haar fiel über ihr Gesicht. Belle strich die Haare vorsichtig zurück, weil sie halb und halb befürchtete, einer der Hufe könnte die Frau getroffen und ihr eine schwere Verletzung zugefügt haben. Aber es war kein Blut zu sehen, nur eine Schramme auf der Stirn, die vom Straßenpflaster zu stammen schien. Ob sie gestolpert war und durch den Sturz das Bewusstsein verloren hatte oder einfach ohnmächtig geworden war, wusste Belle nicht, da sie den Unfall nicht gesehen hatte. Die Frau war jung, vielleicht Anfang zwanzig, und trug ein elegantes hellblaues Kleid.

»Können Sie mich hören?«, fragte Belle, während sie die Bewusstlose von oben bis unten musterte und nach etwaigen Anzeichen für weitere Verletzungen Ausschau hielt.

Die Lider der Frau flatterten und hoben sich dann. »Was ist passiert?«, murmelte sie.

»Ich glaube, Sie sind in Ohnmacht gefallen, aber zum Glück sind Sie nicht von der Kutsche überrollt worden«, sagte Belle. »Können Sie Ihre Arme und Beine bewegen?«

Die Frau, die eindeutig unter Schock stand, starrte Belle mit leerem Blick an.

Belle wandte sich zu dem Kutscher um, einem kleinen, untersetzten Mann in grüner Livree. Er rang die Hände und schien völlig außer sich zu sein. »Haben Sie sie tatsächlich erwischt?«

»Ich weiß es nicht«, antwortete er. »Sie ist einfach vom Bürgersteig runter, und als ich sie anschrie, ist sie umgekippt wie ein Stein. Ich habe die Zügel so scharf angezogen, dass es ein Wunder ist, dass sich die Pferde nicht aufgebäumt haben. Vielleicht hat ein Huf sie getroffen; ich war so nah dran, dass ich nicht an den Pferden vorbeischauen konnte. Doch es war nicht meine Schuld.«

»Nein, natürlich nicht«, sagte Belle und zog das Kleid der Frau nach unten, um ihre Beine zu bedecken. »Es ist nirgendwo Blut zu sehen, und sie wirkt eher benommen als verletzt. Ich glaube, sie ist in Ohnmacht gefallen.«

Mittlerweile hatte sich eine kleine Menschenmenge um sie versammelt, Belle wusste, dass man Verletzte nicht bewegen sollte, doch sie konnte die Frau nicht einfach auf der Straße liegen lassen. Ihr Blick fiel auf einen großen dunkelhaarigen Mann, und sie winkte ihn zu sich. »Können Sie mir vielleicht helfen, sie in meinen Laden zu bringen?«, bat sie. »Von dort kann ich einen Arzt anrufen.«

»Mir fehlt nichts«, sagte die Frau mit bebender Stimme. »Wenn Sie mir bitte nur aufhelfen könnten.«

Der große Mann trat vor, bückte sich und hob die Frau auf, als wäre sie leicht wie eine Feder. Belle nahm den blauen Hut, der auf der Straße lag, und zeigte auf ihr Geschäft.

»Sie sehen auch ziemlich mitgenommen aus«, wandte sie sich an den Kutscher. »Wollen Sie nicht mitkommen, damit ich Ihnen einen Tee aufbrühen kann?«

»Sehr freundlich, Miss«, erwiderte er. »Aber ich muss die Herrin abholen.«

Belle hatte im Lauf der Zeit die Erfahrung gemacht, dass Dienstboten sich oft davor fürchteten, das Missfallen ihrer Herrschaft zu erregen. »Ganz wie Sie meinen«, sagte sie. »Ich denke, die junge Dame wird sich wieder erholen. Ich werde mich um sie kümmern.«

Der große Mann setzte die Frau gerade auf einem Sessel ab, als Belle ins Geschäft trat. Sie dankte ihm, bevor er ging, und wandte sich dann der verletzten Frau zu. »Ich bin Belle Reilly«, sagte sie. »Können Sie mir sagen, wie Sie heißen?«

»Miranda Forbes-Alton«, erwiderte die andere und ließ sich in den Sessel zurücksinken. Sie war sehr blass, und in der Wunde auf ihrer Stirn befand sich sehr viel Schmutz.

Der Name Forbes-Alton kam Belle irgendwie bekannt vor, aber ihr fiel nicht ein, wo sie ihn schon einmal gehört hatte. »Schön, Miss Forbes-Alton«, sagte sie fest. »Ich schließe jetzt den Laden und reinige dann die Wunde an Ihrer Stirn.«

Belle befürchtete, dass die Frau so sehr unter Schock stand, dass ihr möglicherweise schlecht wurde, und dafür brauchten sie kein Publikum. Sie schloss nicht nur die Tür, sondern zog auch das Rollo herunter.

Zuerst gab sie der Frau ein Glas Wasser und wartete einen Moment, um zu sehen, ob sie sich übergeben musste. Dann holte Belle eine Schale Wasser und ein sauberes Tuch, um ihr die Stirn zu waschen.

»Mir war schrecklich heiß, als ich die Straße hinaufging«, sagte Miss Forbes-Alton, als Belle begann, behutsam die Wunde zu reinigen. »Ich dachte noch, dass ich unbedingt einen Schluck Wasser brauche, doch dann kann ich mich an nichts mehr erinnern. Warum habe ich auf der Straße gelegen?«

»Ich glaube, Sie sind ohnmächtig geworden«, antwortete Belle. »Ist Ihnen das schon einmal passiert?«

»Nicht seit meiner Schulzeit«, sagte sie und zuckte zusammen, als Belle ein kleines Steinchen aus der Wunde entfernte. »Damals ist es ein paar Mal vorgekommen, wenn wir vor dem Frühstück zur Kommunion gehen mussten. Hat mich der Wagen erwischt?«

»Nein, ich glaube nicht«, erwiderte Belle. »Tun Ihnen die Arme oder Beine weh?«

Miss Forbes-Alton fuhr mit einer Hand über ihre Beine. »Nein, nur mein Kopf.«

»Sie haben Glück gehabt, dass der Fahrer noch rechtzeitig anhalten konnte. Er hat gesagt, Sie seien auf die Straße gegangen und direkt vor ihm umgekippt. Es hätte schlimm ausgehen können, wenn eines der Pferde Sie getroffen hätte.«

Sowie die Wunde gereinigt war, ging Belle ins Hinterzimmer und setzte den Kessel auf, um Tee aufzubrühen. Während sie darauf wartete, dass das Wasser kochte, spähte sie zur Tür hinaus und sah sich die Frau näher an. Obwohl sie ziemlich benommen wirkte, ließ sich an ihrer Stimme, ihrem Auftreten und ihrer Kleidung leicht erkennen, dass sie der Oberschicht angehörte. Ihre zierlichen cremefarbenen Schuhe allein mussten mehr gekostet haben als der teuerste Hut in Belles Laden, und ihr hellblaues Kleid war aus echter Seide.

»Ich habe Ihr Geschäft schon immer bewundert«, rief Miss Forbes-Alton, deren Stimme zu Belles Überraschung schon viel kräftiger klang. Sie hatte die etwas knappe Sprechweise, die für ihre Gesellschaftsschicht typisch war. »Jemand hat meiner Mutter erzählt, dass Sie Französin sind, aber das stimmt nicht, oder?«

»Nein, doch ich habe mein Handwerk in Paris gelernt«, rief Belle zurück. »Leben Sie in der Nähe?«

»Ja, im Paragon«, sagte sie. »Mama hat am Tag Ihrer Eröffnung einen Hut bei Ihnen gekauft. Es ist ihr Lieblingshut, violetter Samt mit Veilchen verziert.«

Auf einmal wusste Belle, warum der Nachname Forbes-Alton vertraut klang. Es war der Name einer ausgesprochen hochnäsigen Frau, die darauf bestanden hatte, dass man ihr den Hut, den sie gekauft hatte, nach Hause lieferte. Nur weil es ihr erster Tag gewesen war, hatte Belle sich darauf eingelassen, und als sie am Abend zu der angegebenen Adresse gegangen war, hatte der Butler ihr den Hut abgenommen, ohne sich auch nur mit einem Wort für ihre Mühe zu bedanken.

Das Haus war prachtvoll gewesen, aber das galt für den gesamten Paragon, eine halbmondförmige Anlage dreigeschossiger georgianischer Häuser, die durch Kolonnadengänge miteinander verbunden waren. Es war vermutlich die beste Adresse in ganz Blackheath.

»Ich erinnere mich an Ihre Mutter«, sagte Belle. »Ich habe den Hut bei Ihnen daheim abgeliefert. Sie wird sich Sorgen um Sie machen, Miss. Soll ich jemanden anrufen, der Sie abholen und nach Hause bringen kann?«

Belle hatte das Telefon erst vor wenigen Wochen im Laden installieren lassen. Die Besitzerin des Modesalons ein paar Türen weiter hatte ihr dringend geraten, sich einen Apparat zuzulegen, da reiche Frauen gern Termine vereinbarten, um Kleider und Hüte möglichst dann zu kaufen, wenn sie die einzigen Kundinnen im Laden waren. Bis dahin hatte Belle das Telefon für neumodischen Schnickschnack gehalten, der sich bei normalen Bürgern nie durchsetzen würde. Aber da sie darauf erpicht war, wohlhabendere Kundschaft anzulocken, hatte sie beschlossen, es auf einen Versuch ankommen zu lassen. Seit der Installierung des Apparats hatte sie mehrere Anfragen bekommen, und außerdem war es angenehm, Material für die Hüte einfach telefonisch zu bestellen, statt zu den verschiedenen Warenhäusern zu fahren. Jetzt neigte sie zu der Ansicht, dass in einigen Jahren alle Geschäfte und viele private Haushalte einen Anschluss haben würden.

»Sagen Sie bitte Miranda zu mir. Und, nein, Sie brauchen niemanden anzurufen. In ein, zwei Minuten wird es mir schon besser gehen.«

Belle goss den Tee auf, gab eine Extraportion Zucker in Mirandas Tasse und bestand darauf, dass sie ein paar Biskuits aß. Mirandas Gesicht war immer noch sehr blass, doch Belle war bereits aufgefallen, dass die meisten Frauen ihrer Schicht extrem weißhäutig waren.

»Ich lasse Sie nicht allein nach Hause gehen«, sagte sie, während sie Miranda den Tee reichte. »Ich begleite Sie, und ich werde Ihrer Mutter empfehlen, einen Arzt kommen zu lassen. Ich weiß, dass es heute sehr heiß ist, aber deshalb sollten Sie nicht gleich in Ohnmacht fallen.«

Mirandas Augen weiteten sich vor Entsetzen. »Nein! Ich brauche keine Begleitung oder einen Arzt«, protestierte sie.

Belle schöpfte sofort Verdacht. Die meisten Menschen wären froh gewesen, Hilfe zu bekommen, nachdem sie einen Unfall erlitten hatten, der leicht tödlich hätte enden können. Und wenn Mirandas Mutter nicht einmal imstande war, eine Hutschachtel nach Hause zu tragen, hatte sie wohl kaum eine Tochter großgezogen, die auf Unabhängigkeit bestand.

»Könnte es sein, dass Sie heute etwas unternommen haben, wovon Ihre Familie nichts erfahren soll?«, fragte sie beiläufig.

»Sie sind sehr direkt, fast schon unhöflich«, gab Miranda zurück und rümpfte die schmale aristokratische Nase. »Ich weiß es zu schätzen, dass Sie mir geholfen haben, aber ich glaube, das gibt Ihnen nicht das Recht, mich auszufragen.«

Belle zuckte mit den Schultern. Anscheinend war Miranda genauso hochnäsig wie ihre Mutter und vermutlich in der Überzeugung aufgewachsen, dass Leute, die im Handel tätig waren, vor der Oberschicht in die Knie gehen sollten. »Ich finde, jede Frau sollte einer anderen freundschaftlich raten können, wenn sie das Gefühl hat, dass diese andere ein Problem hat. Die Tatsache, dass Sie so die Stacheln aufstellen, legt die Vermutung nahe, dass Sie genau wissen, warum Sie ohnmächtig geworden sind, und Angst haben, Ihre Mutter könnte darauf bestehen, einen Arzt kommen zu lassen, wenn ich Sie nach Hause bringe.«

Es war reine Spekulation, doch als Belle sah, was für ein erschrockenes Gesicht Miranda machte, wusste sie, sie hatte ins Schwarze getroffen.

Vielleicht lag es einfach daran, dass ihr selbst in letzter Zeit auch oft schwindlig war. Ein paar Mal hatte sie sogar befürchtet, in Ohnmacht zu fallen. Und Miranda trug keinen Ehering, nicht einmal einen Verlobungsring. Ging es bei ihr um diese Art Schwierigkeiten?

Belle war sich durchaus bewusst, dass sie Miranda möglicherweise schwer beleidigt hatte und sich damit eine Menge Ärger eingehandelt haben könnte, doch es entsprach nicht ihrer Natur, wegzuschauen, wenn ihr Instinkt ihr sagte, dass jemand Hilfe brauchte. Sie ging zu Miranda und kniete sich neben den Sessel. »Erwarten Sie ein Baby?«, fragte sie leise. »Sie können mir gern sagen, dass ich mich gefälligst um meine eigenen Angelegenheiten kümmern soll, aber falls ich recht habe, brauchen Sie jemanden, dem Sie sich anvertrauen können. Und mir können Sie vertrauen, ich werde es keiner Seele erzählen.«

Miranda brauchte nicht zu antworten. Tränen traten ihr in die Augen, und sie verbarg das Gesicht in den Händen. Von ihrem Hochmut war nichts geblieben.

Belle empfand tiefes Mitleid mit dem Mädchen. Sie kannte die Oberschicht gut genug, um zu wissen, dass ein uneheliches Kind einen furchtbaren Skandal hervorrufen würde.

»Können Sie nicht ganz schnell heiraten?«, schlug sie vor und nahm Miranda tröstend in die Arme.

»Er ist schon verheiratet«, schluchzte Miranda. »Das wusste ich damals, als es passiert ist, nicht. Und jetzt ist es auch egal, weil ich heute bei einer Frau war, die sich darum gekümmert hat.«

Belle drehte sich der Magen um. Eines der Mädchen bei Martha in New Orleans war zu einer Frau gegangen, die sich um die unerwünschte Schwangerschaft »gekümmert« hatte. Belle wusste, was das bedeutete.

»Heute? Hat die Frau eine Spülung mit Seifenwasser gemacht?«

Miranda nickte. »Ich dachte, es würde bei ihr weggehen, aber sie hat mir gesagt, es sei erst in ein paar Stunden so weit, und mir geraten, nach Hause zu gehen. Als ich die Steigung vom Bahnhof hinaufgegangen bin, wurde mir schwindlig, und das Nächste, was ich weiß, ist, dass Sie da waren.«

Belle spürte, dass Miranda unwissend genug war, um zu denken, ein Schwangerschaftsabbruch ginge schnell und schmerzlos vonstatten. Offensichtlich hatte die Frau, die die Abtreibung vorgenommen hatte, sie nicht über den weiteren Verlauf aufgeklärt, weil sie befürchtet hatte, ihr Honorar einzubüßen.

»Wie geht es Ihnen jetzt?«, fragte Belle und legte eine Hand auf Mirandas Bauch.

»Ich spüre einen dumpfen Schmerz.«

Belle holte tief Luft. Sie wusste, dass es am vernünftigsten wäre, Miranda nach Hause zu schicken; schließlich ging sie das Mädchen nichts an. Aber sie bezweifelte, dass Miranda auch nur die geringste Ahnung hatte, dass sie starke Schmerzen haben und wahrscheinlich viel Blut verlieren würde. Ob sie das daheim in ihrem Schlafzimmer aushalten würde, ohne zu schreien, war mehr als fraglich. Und in einem Haus voller Dienstboten und noch dazu mit einer herrschsüchtigen Mutter würde ihr Geheimnis bald ans Licht kommen, und sie wäre ruiniert.

Belle konnte die Vorstellung nicht ertragen, eine Frau in einer solchen Notlage sich selbst zu überlassen. »Haben Sie vielleicht eine Freundin, bei der Sie übernachten könnten?«

Miranda machte ein verwirrtes Gesicht. »Warum sollte ich das tun?«

Belle seufzte. Wie konnte jemand nur so dumm sein? »Weil Sie möglicherweise Hilfe brauchen werden. Was Ihnen bevorsteht, wird nicht ganz angenehm sein.«

Mirandas wasserblaue Augen weiteten sich vor Schreck. »Dann gibt es niemanden, zu dem ich gehen könnte! Alle wären außer sich! Was soll ich bloß tun? Sie machen mir Angst!«

Belle nahm Mirandas Hand und musterte sie eingehend. Sie war nicht wirklich hübsch, dafür waren ihre Lippen zu schmal und ihre Nase zu spitz, doch sie wirkte trotzdem anziehend, selbst mit den vom Weinen geröteten Augen. Belle dachte an all die Schwierigkeiten zurück, die sie selbst hatte bewältigen müssen. Sie war fast immer ohne Hilfe damit fertiggeworden und aus diesen Erfahrungen gestärkt hervorgegangen. Aber sie brachte es nicht übers Herz, das Leben dieses Mädchens zu zerstören, indem sie es nach Hause schickte. Sie hatte das Gefühl, dass Mirandas Mutter genau der Typ Frau war, der die Tochter verstoßen würde, wenn sie ihr Schande machte.

»Sie können hierbleiben«, sagte sie impulsiv.

»Hier?« Der Vorschlag schien Miranda zu überraschen. Hilflos sah sie sich im Laden um.

»Nicht hier im Verkaufsraum«, beeilte sich Belle zu erklären. »Im Hinterzimmer, meinte ich. Ich kann es Ihnen dort ganz behaglich machen. Es gibt fließend Wasser und gleich draußen im Hof eine Toilette. Und ich bleibe bei Ihnen und kümmere mich um Sie. Aber Sie müssen zu Hause anrufen und sich mit irgendeiner Ausrede entschuldigen.«

»Das würden Sie für mich tun?« Wieder füllten sich Mirandas Augen mit Tränen. »Sie kennen mich doch gar nicht! Außerdem sind Sie verheiratet. Wird Ihr Ehemann Sie nicht zu Hause erwarten?«

Belle wusste, dass Jimmy entsetzt wäre, wenn er wüsste, was sie vorhatte, aber sie hatte nicht die Absicht, es ihm zu erzählen, jedenfalls nicht, bevor die Sache ausgestanden war. Sie wollte mit Mog sprechen und sich von ihr beraten lassen.

»Ich will ganz offen sein. Gern biete ich es Ihnen nicht an«, gestand Belle. »Doch ich könnte es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, Sie jetzt nach Hause zu schicken, wo niemand für Sie da ist. Ihr Ruf wäre zerstört, wenn diese Sache herauskäme. Wie Sie wissen, kenne ich Ihre Mutter. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie besonders freundlich reagieren würde.«

»Warum tun Sie das für mich?«

»Sagen wir einfach, dass ich auch schlechte Zeiten erlebt habe. So, wo könnten Sie heute angeblich über Nacht sein?«

»Nun, ich habe meiner Mutter am Morgen erzählt, dass ich eine Freundin besuchen will, die in Belgravia wohnt. Ich übernachte manchmal bei ihr.«

»Da ist das Telefon.« Belle zeigte auf den Apparat.

Belle ging ins Hinterzimmer, während Miranda sich vom Amt verbinden ließ. Hoffentlich konnte Mrs. Forbes-Alton nicht feststellen, dass der Anruf nicht aus Belgravia, sondern aus Blackheath kam!

Das Hinterzimmer war genauso breit wie das Geschäft, aber nicht so lang, und eine Tür am hinteren Ende führte in einen kleinen Hof, in dem sich die Toilette befand. Auf der linken Seite des Zimmers standen Regale mit Schachteln voller Verzierungen, Stoffe und Filzrollen, davor Belles Arbeitstisch mit dem Dampfkessel und verschiedenen Hutformen. Rechts von der Tür befanden sich Spüle, Gaskocher und ein kleiner Ofen, den sie an kalten Tagen in Betrieb nahm. Wenn sie den Tisch, der dort stand, zur Werkbank trug, blieb auf dem Boden Platz genug für eine Art Bettstatt.

Zum Glück hatte sie ein paar alte Kissen hergebracht, die noch aus Seven Dials stammten, um sie neu zu beziehen, und eine alte Staubdecke vom Streichen des Ladens war auch noch da.

Sie konnte Miranda ins Telefon sprechen hören. Es klang, als wäre ihre Mutter nicht zu Hause. Miranda schien einem der Dienstboten eine Nachricht aufzutragen. Weil es schrecklich heiß war, öffnete Belle die Hintertür und zog den Perlenvorhang zu, der die Fliegen fernhielt, bevor sie die Kissen auf den Boden legte und darüber die Staubdecke ausbreitete.

»Mama und Papa sind ausgegangen und kommen erst spät am Abend zurück«, rief Miranda ihr zu. Als Belle sich umdrehte, sah sie, dass das Mädchen in der Tür stand und ängstlich das improvisierte Lager auf dem Fußboden betrachtete. »Zum Glück, denn Mama hätte mich wahrscheinlich endlos mit Fragen gelöchert.«

»Sehr gut. Jetzt muss ich Sie leider kurz allein lassen und nach Hause laufen«, sagte Belle. Sie sah Miranda an, dass sie nun Angst hatte, da sie wusste, dass alles anders als erwartet ablaufen würde. Aber Belle blieb nichts anderes übrig, als sie im Geschäft zu lassen. Sie musste nach Hause und sich eine Ausrede ausdenken, warum sie über Nacht wegbleiben würde. Außerdem brauchte sie saubere Laken, Handtücher und ein paar andere Utensilien.

»Keine Angst, ich bleibe nicht lang fort! Wollen Sie nicht Ihr Kleid und Ihr Korsett ablegen? Dann haben Sie es viel bequemer, und ich kann Ihnen eines meiner Nachthemden mitbringen.«

Belle trat zur Hintertür hinaus auf die schmale Gasse hinter der Häuserzeile. »Ich werde auf demselben Weg zurückkommen«, rief sie Miranda noch zu. Auf dem Heimweg machte sie sich im Geist eine Liste der Dinge, die sie brauchen würde, und überlegte sich, was sie Jimmy erzählen sollte.

Das Glück war auf ihrer Seite. Mog, die allein in der Küche war und einen Kuchen backte, berichtete, dass Jimmy und Garth nach Lewisham gefahren waren, um neue Stühle für das Gasthaus zu bestellen.

Da Belle es einfach nicht fertigbrachte, Mog zu belügen, platzte sie mit der Wahrheit heraus.

»Ich weiß, was du sagen willst«, schloss sie. »Ich hätte sie nach Hause schicken und mich nicht einmischen sollen, aber das kann ich nicht, Mog.«

Die Ältere machte ein bestürztes Gesicht und sagte einen Moment lang gar nichts. Belle konnte die widerstreitenden Gefühle, die in ihr kämpften, förmlich sehen.

Schließlich hob sie hilflos die Hände, als schien sie zu dem Schluss gekommen zu sein, dass Belle tatsächlich keine andere Wahl gehabt hatte, als dem Mädchen zu helfen. »Ich glaube, ich hätte ihr denselben Vorschlag gemacht. Aber so etwas kann ins Auge gehen, Belle. Ich habe von Frauen gehört, die daran gestorben sind. Versprichst du mir, sofort einen Arzt zu rufen, wenn irgendetwas passiert, wenn sie zum Beispiel Fieber bekommt?«

»Natürlich«, antwortete Belle. Sie hatte sich schon eine Ausrede für einen derartigen Notfall ausgedacht: Der Unfall mit der Kutsche hatte bei Miranda eine Fehlgeburt ausgelöst, und sie, Belle, hatte sie lieber im Laden behalten, statt sie nach Hause zu schicken.

Es war typisch für Mog, keine Zeit mit Vorhaltungen zu verschwenden. Sie lief schnell nach oben, um ein Laken, einen Stapel Handtücher, eine Decke und ein paar saubere Stoffstreifen für die Blutungen zu holen. Im Handumdrehen war sie wieder unten, noch bevor Belle ihr hastig zubereitetes Sandwich aufgegessen hatte.

Mog brachte auch Medizin in einer braunen Flasche mit. »Gib ihr davon alle drei bis vier Stunden ein, zwei Teelöffel! Es hilft bei Schmerzen und wirkt fiebersenkend«, erklärte sie. »Jimmy werde ich sagen, dass du über Nacht bei Lisette bleibst, weil Noah weg ist und sie sich einsam fühlt. Er wird sich nichts dabei denken, immerhin erwartet sie ein Kind. Aber du musst es später mit Lisette absprechen, damit sie nicht die Katze aus dem Sack lässt.«

Belle rannte nach oben, um ein paar Sachen zu holen, und als sie zurückkam, packte Mog bereits eine kleine Reisetasche und verstaute in einer anderen einen Topf Suppe zum Aufwärmen, Apfelkuchen und eine kleine Flasche Brandy.

»Nur ein paar Happen, falls ihr Hunger bekommt«, sagte sie, nahm Belle die Sachen ab und packte sie ein. »Und warme Milch mit einem Schuss Brandy hilft ihr vielleicht, nachher wieder auf die Beine zu kommen.«

Belle nahm Mog in die Arme und drückte sie an sich. »Du bist so ein Schatz«, murmelte sie. »Danke, dass du nicht böse auf mich bist!«

Mog trat zurück, hielt jedoch Belles Arme fest und sah sie direkt an. »Wie könnte ich dir böse sein, weil du ein gutes Herz hast?«, erwiderte sie. »Ich komme morgen früh, bevor die Männer wach sind, auf einen Sprung vorbei, bloß um nachzuschauen, wie es dem Mädchen geht. Achte darauf, dass alles sauber ist, und setz Wasser auf, damit du sie untenherum waschen kannst! Vielleicht geht es ihr schlecht, wenn es so weit ist. Lass dich davon nicht allzu sehr schrecken! Aber wenn sie das Bewusstsein oder sehr schnell viel Blut verliert, rufst du sofort einen Arzt, egal, was sie sagt!«

Belle wurde klar, dass Mog schon anderen Mädchen in Fällen wie diesem beigestanden hatte, eine weitere Seite ihrer Vergangenheit, die sie nie erwähnt hatte.

»Das mache ich«, versprach sie. Plötzlich war ihr ziemlich mulmig zumute.

Mog umarmte sie noch einmal. »In Gedanken bin ich bei dir. Und jetzt geh, bevor Jimmy zurückkommt!«

Miranda saß neben der offenen Hintertür auf einem Stuhl, als Belle sich mit ihren zwei sperrigen Taschen durch das Tor zwängte. Sie war immer noch vollständig bekleidet, und ihr Gesicht war aschfahl vor Angst.

»Es ist so heiß«, jammerte sie. »Und mir tut der Bauch weh.«

»Das ist ein gutes Zeichen«, sagte Belle forsch. »Das bedeutet, dass es allmählich losgeht. Warum haben Sie Ihr Kleid noch an?«

»Ich komme nicht an die Knöpfe heran«, antwortete Miranda. »Zu Hause haben wir eine Zofe, die mir beim An- und Auskleiden hilft.«

»Hier gibt es leider keine Zofe«, erwiderte Belle und stellte die Taschen ab. Dann drehte sie Miranda um und knöpfte ihr Kleid auf. Das Korsett war so eng geschnürt, dass es ein Wunder war, dass Miranda überhaupt Luft bekam. Belle löste rasch die Schnüre. »Ziehen Sie auch alles andere aus!«, sagte sie und kramte in der Reisetasche nach dem Nachthemd, das sie mitgebracht hatte.

Miranda drehte sich um, als sie aus Unterkleid und Hemd schlüpfte, und Belle zuckte beim Anblick der roten Druckstellen leicht zusammen, die das Korsett auf dem nackten Rücken und um die Taille des Mädchens hinterlassen hatte. Sie zog Miranda das frische Nachthemd über den Kopf und wies sie an, auch Strümpfe und Unterhose auszuziehen.

»Ich wärme nachher etwas Wasser auf, damit Sie sich gründlich waschen können«, erklärte sie. »Aber jetzt setzen Sie sich erst einmal hin, während ich mich um Ihr Bett kümmere.«

Gegen neun Uhr abends war es wesentlich kühler. Miranda lag auf dem frisch bezogenen Bett, und Belle hatte sich einen der Sessel aus dem Laden geholt. Miranda hatte ein bisschen Suppe und Brot gegessen und wirkte etwas ruhiger, und im Licht der Lampe, die über Belles Arbeitstisch hing, wirkte das Hinterzimmer freundlich und anheimelnd.

»Erzählen Sie mir etwas über den Mann!«, bat Belle. Sie konnte sehen, dass jetzt in regelmäßigen Abständen Wehen kamen, aber laut Miranda waren sie einstweilen nicht schlimmer als die Krämpfe während ihrer Monatsblutungen. »Ist er ein Bekannter Ihrer Familie?«

Miranda hatte ihr schon erzählt, dass sie eins von vier Kindern war: Sie hatte zwei ältere Brüder, die beide verheiratet waren und selbst Familie hatten, und eine jüngere Schwester namens Amy, die zwanzig Jahre alt und mit einem Anwalt verlobt war. Miranda war dreiundzwanzig.

Als Belle sich früher am Abend erkundigt hatte, womit ihr Vater seinen Lebensunterhalt verdiene, hatte Miranda ein überraschtes Gesicht gemacht. »Lebensunterhalt?«, wiederholte sie. »Ihm gehört ein Besitz in Sussex. Haben Sie das gemeint?«

Woraus Belle schloss, dass Mr. Forbes-Alton sein Vermögen geerbt hatte und sich darauf beschränkte, ein Auge auf die Leute zu haben, die auf seinem Landsitz arbeiteten und ihm genug Geld einbrachten, um in London ein großes Haus zu führen. Miranda hatte erzählt, dass sie erst vor Kurzem aus Sussex zurückgekommen seien, wo sie sich einen Monat aufgehalten hatten, und dass sie in Panik geraten sei, als ihre Mutter hatte länger bleiben wollen. Schließlich war Miranda klar gewesen, dass sie so schnell wie möglich die Abtreibung vornehmen lassen musste.

»Nein, meine Familie kennt ihn nicht«, sagte sie. »Ich bin ihm im Frühling im Greenwich Park begegnet. Ich war allein spazieren und bin auf einer schlammigen Stelle ausgerutscht. Er half mir auf, und da ich mir den Knöchel verstaucht hatte, bot er an, mich nach Hause zu bringen. Er war so charmant, witzig, interessant und liebenswürdig! Meine Eltern versuchen schon seit Jahren, mich unter die Haube zu bringen, aber die Herren, die sie für passend halten, sind immer so ernst und langweilig!«

»Und ich könnte mir vorstellen, dass Sie nicht unbegleitet hätten spazieren gehen sollen?«, warf Belle ein.

Miranda lächelte schwach. »Nein. Mama wäre furchtbar böse geworden, wenn sie es gewusst hätte. Und ich konnte Frank nicht vorschlagen, mir einen Besuch abzustatten, weil wir nicht durch Freunde oder Verwandte miteinander bekannt gemacht worden waren. Deshalb mussten wir uns von Anfang an immer heimlich treffen.«

Belle hatte den Verdacht, dass Frank ein richtiger Mistkerl war. Er hatte Miranda skrupellos ausgenutzt. Da er gewusst hatte, dass es ihr nicht möglich war, ihn in ihr Elternhaus einzuladen, hatte er ihr alles Mögliche über sich selbst vorlügen können, ohne befürchten zu müssen, dass die Wahrheit ans Licht kam.

»Was hat er Ihnen von sich erzählt?«, wollte sie wissen.

»Nicht sehr viel. Was gab es schon zu erzählen? Ein Herr von Stand mit Privateinkommen.« Sie zuckte mit den Schultern. »Er war gut gekleidet und hat gesagt, dass er in Westminster lebt.«

»Wo sind Sie mit ihm hingegangen?«

»Meistens waren wir spazieren, vor allem in Greenwich, weil ich nicht riskieren wollte, in Blackheath mit ihm gesehen zu werden. Manchmal sind wir den Fluss hinaufgefahren und irgendwo essen gegangen. Ich konnte mich nur einmal in der Woche mit ihm treffen, sonst wäre es aufgefallen.«

»Ich meine, wo hat er Sie verführt?«, fragte Belle.

Miranda wurde rot. »In einem Zimmer in Greenwich.«

Belle schüttelte den Kopf. »Ist Ihnen das nicht seltsam vorgekommen? Er hatte Ihnen doch erzählt, dass er in Westminster wohnt.«

»Er sagte, seine Dienstboten könnten reden«, erwiderte sie. »Ich war so verliebt, dass ich mit ihm überall hingegangen wäre.«

»Und wann hat er Ihnen gestanden, dass er verheiratet ist?«

»Als ich ihm eröffnet habe, vielleicht schwanger zu sein.« Wieder füllten sich ihre Augen mit Tränen. »Ich war überzeugt, er würde mich trösten und möglichst bald heiraten. Aber er sah mich nicht mal an. Wir waren in einer Teestube, und er schaute einfach aus dem Fenster und meinte: ›Dann hast du ein Problem.‹ Er sagte nicht einmal: ›Wir haben ein Problem‹! Als wir die Teestube verließen, warf er mir vor, doch die ganze Zeit gewusst zu haben, dass er verheiratet ist.«

»Wie abgefeimt, es so darzustellen, als wäre es Ihre Schuld!«, rief Belle. »So ein Schuft!«

Miranda seufzte und verzog das Gesicht, als wieder eine Wehe kam. »Wir haben unsere nächsten Treffen immer im Voraus vereinbart. Und als er sagte, dass wir uns in der kommenden Woche zur üblichen Zeit im Greenwich Park im Rosengarten treffen würden, hoffte ich, er würde sich in der Zwischenzeit etwas überlegen und eine Lösung finden. Beim Naval College in Greenwich küsste er mich zum Abschied genauso zärtlich wie immer. Aber das war das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe.«

»Und Sie hatten vermutlich keine Möglichkeit, Kontakt zu ihm aufzunehmen?«

Miranda schüttelte den Kopf. »Ich hatte keine Adresse von ihm, nur ein paar Anekdoten über Leute, die wahrscheinlich reine Erfindung gewesen waren. Als ich in die Teestube in Greenwich ging, in der wir so oft waren, und das Mädchen hinter der Theke fragte, ob sie ihn gesehen habe, sagte sie: ›Er war immer nur mit Ihnen hier.‹ Was hätte ich sonst noch unternehmen können? Ich war schon bei dem Haus gewesen, wo wir ein paar Mal gewesen waren und das angeblich einem Freund von ihm gehörte. Doch als ich dort jemanden ansprach, wurde mir klar, dass es eine Pension ist, in der man stundenweise Zimmer mieten kann.«

Belle nahm Mirandas Hand und drückte sie. Die Erkenntnis, wie eine Hure behandelt worden zu sein, ohne bezahlt zu werden, musste furchtbar demütigend gewesen sein.

»Wenn diese Nacht überstanden ist, müssen Sie das alles hinter sich lassen«, sagte sie sanft. »Wir haben fast alle in unserer Vergangenheit Dinge getan, für die wir uns schämen. Aber alles, was Sie sich vorzuwerfen haben, ist, dass Sie zu leichtgläubig waren. Dieser Mann, der vorgegeben hat, Sie zu lieben, ist der Schuldige.«

»Das ist das Schlimmste daran«, erwiderte Miranda. »Ich habe ihn wirklich geliebt und alles riskiert, um mit ihm zusammen zu sein. Wie kann jemand so etwas einem anderen Menschen antun?«

»Ich glaube, manche Leute kommen einfach schon böse zur Welt«, antwortete Belle. »Ich würde sagen, dass er ein gewohnheitsmäßiger Schürzenjäger ist, doch wenigstens hat er nicht versucht, Ihnen Geld abzuknöpfen.«

Miranda machte ein beschämtes Gesicht. »Ich habe ihm fünfzig Pfund gegeben«, gestand sie. »Zwei Wochen, bevor ich ihm gesagt habe, dass ich vielleicht ein Baby bekomme. Er hatte mir von einem Stück Land außerhalb Londons erzählt, idealer Baugrund, meinte er. Er hat mir sogar Skizzen von kleinen Häusern gezeigt, genau richtig für junge Ehepaare, die sich ein preiswertes Haus auf dem Land wünschen und zur Arbeit in die Stadt fahren können.«

Belle ahnte, was folgen würde. »Er hat vermutlich behauptet, dass sein Geld fest angelegt ist und er Bargeld braucht, um sich das Land zu sichern?«

»Woher wissen Sie das?«, fragte Miranda überrascht.

»Instinkt«, erklärte Belle. »Und Sie haben Ihre Ersparnisse geopfert?«

»Er wollte hundert Pfund, doch so viel hatte ich nicht«, sagte sie. »Er versprach mir, das Geld sofort zurückzuzahlen, wenn er ein paar Aktien verkauft hätte.«

Belle schnürte sich vor Zorn der Magen zusammen. Wie konnte jemand nur so tief sinken? »Ich sage das nur ungern, Miranda, aber ich fürchte, Sie müssen sich der Tatsache stellen, dass er es von Anfang an auf Ihr Geld abgesehen hatte. Seine gute Kleidung, seine Manieren und sogar der Ort, wo Sie ihn kennengelernt haben – das alles deutet darauf hin, dass er bewusst ein Opfer für seine Betrügereien gesucht hat. Er ist eindeutig ein Mann, der von günstigen Gelegenheiten lebt.«

»Aber verheiratet war er, meinen Sie?«

Sie stellte die Frage so hoffnungsvoll, dass Belle sie beinahe ausgelacht hätte. Der Verlust ihres Geldes und die Tatsache, dass er zu dem vereinbarten letzten Treffen nicht erschienen war, reichten nicht aus, um Miranda von der Durchtriebenheit dieses Mannes zu überzeugen. Sie wollte immer noch glauben, dass er sie nur deshalb im Stich gelassen hatte, weil er verheiratet war.

»Falls es so ist, dann mit einer Frau, die genauso leichtgläubig ist wie Sie«, gab Belle zurück. »Aber es ist eher wahrscheinlich, dass es rund um London eine ganze Reihe von Frauen gibt, die ihn anhimmeln, seinen Lebensunterhalt finanzieren und sich einbilden, seine einzige wahre Liebe zu sein.«

Belle hatte öfter gehört, wie sich Jimmy und Garth über derartige Männer unterhielten, die sie früher in Seven Dials gekannt hatten und die davon lebten, Frauen Geld abzuluchsen. Mog behauptete steif und fest, dass solche Gauner und Betrüger so lange durchkommen würden, bis die Frauen endlich aufwachten, das Wahlrecht bekamen und sich für ein Gesellschaftssystem einsetzten, das nicht ausschließlich von Männern beherrscht wurde.

»Wie sind Sie an die Adresse der Frau gekommen, die Ihnen ›geholfen‹ hat?«, fragte Belle, die sich nicht vorstellen konnte, wie ein Mädchen mit Mirandas familiärem Hintergrund mit einer solchen Person in Kontakt getreten sein könnte.

»Eine Frau in dem Haus in Greenwich hat sie mir gegeben«, antwortete Miranda. »Ich fing an zu weinen, als der Mann, der diese Absteige führte, mich anschnauzte und sagte, Frank nicht zu kennen. Die Frau kam mir nachgelaufen und fragte mich, ob sie mir helfen könnte. Ich war so durcheinander, und sie war so nett zu mir, dass ich ihr von dem Baby erzählt habe, und dann hat sie mir die Adresse in Bermondsey gegeben.«

Belle nickte. Vermutlich eine Hure, dachte sie, und zwar eine, die ein gutes Herz hatte.

»Der Ort, wo sie mich hingeschickt hat, war ganz fürchterlich«, vertraute Miranda ihr an. »So etwas habe ich noch nie gesehen. Überall liefen zerlumpte, schmutzige Kinder herum, die Türen und Fenster an den Häusern waren kaputt, und es war so dreckig, dass ich am liebsten kehrtgemacht hätte. Aber das war ausgeschlossen.«

Belle konnte es sich lebhaft vorstellen: eine verkommene, überfüllte Mietskaserne wie die, die sie aus Seven Dials kannte. »Sie waren sehr tapfer. Und wenn Sie das überstanden haben, werden Sie auch alles andere überstehen. Wie geht es Ihnen jetzt?«

»Ich glaube, ich verliere gerade Blut.« Miranda wurde feuerrot, weil sie einen so intimen Umstand erwähnen musste.

»Legen Sie sich hin und lassen Sie mich mal schauen!«, sagte Belle. »Nur keine falsche Scham! Sie haben nichts, was ich nicht auch habe. Betrachten Sie mich einfach als Krankenschwester!«

Miranda blutete leicht, doch was aus ihr herausfloss, war vor allem die Seifenlauge, mit der die Frau die Spülung vorgenommen hatte. Eins der Mädchen in New Orleans hatte Belle erzählt, dass bei dieser Methode das Ende des Muttermundes gedehnt und dann Seifenlauge hineingepumpt wurde, die wie ein Reizmittel wirkte und zu einer Fehlgeburt führte. Wie man es anstellte, den Muttermund zu dehnen, wollte Belle sich gar nicht erst vorstellen.

Belle wusch Miranda und schob einen sauberen Stoffstreifen unter sie. Sie hatte das Gefühl, dass es jetzt nicht mehr lange dauern würde, und gab ihr eine Dosis der Medizin, die Mog beigesteuert hatte.

Es war fast ein Uhr morgens, als Mirandas Wehen wirklich schlimm wurden. Belle spürte, wie stark sie waren, weil Mirandas Stirn schweißnass und ihr Gesicht schmerzverzerrt war. Aber sie schrie nicht, sondern klammerte sich bloß an Belles Hand.

Um halb drei war Belle selbst völlig erledigt. Sie fragte sich, wie ein Mensch solche furchtbaren Qualen aushalten konnte. »Sie sind sehr tapfer«, lobte sie Miranda und wusch ihr das Gesicht mit kaltem Wasser ab. Die junge Frau krümmte sich jetzt vor Schmerzen und biss sich auf die Lippen, um nicht laut zu schreien.

Als sie zu würgen anfing, langte Belle hastig nach einer Schüssel und hielt sie ihr hin. Mit der freien Hand schlug sie das Leintuch zurück. Auf dem Laken war ein Schwall frisches Blut zu sehen, und als Miranda sich erneut übergeben musste, rutschte etwas auf den Stoffstreifen, dass, wie kleine Stückchen Leber aussah. Belle, die wusste, was das bedeutete, hätte sich beinahe selbst übergeben.

»War es das?«, keuchte Miranda.

Belle raffte die blutigen Tücher zusammen und schob frische unter Miranda. Sie wollte nicht näher hinsehen, hatte jedoch das Gefühl, sich dazu zwingen zu müssen, bevor sie alles in den Müllkübel warf. Da war etwas Kleines, Blasses, das an eine Kaulquappe erinnerte, und das Wissen, dass es Mirandas Baby war, brachte sie zum Weinen. Noch deprimierender war der Gedanke, dass sie selbst ein Baby erwartete, das erwünscht war und nur Liebe erfahren würde, während dieser arme, kleine Wurm nicht hatte leben dürfen.

»Ja, das war es«, brachte Belle heraus. »Sind die Wehen jetzt vorbei?«

»Ja, nun tut es nur noch weh«, murmelte Miranda gepresst. »Was hätte ich ohne Sie bloß gemacht?«

Belle hoffte, etwas so Grauenhaftes nie wieder sehen zu müssen, und wenn sie hundert Jahre alt werden würde. Insgeheim verfluchte sie Frank und wünschte, er könnte sehen, was er mit seiner Habgier und Gemeinheit angerichtet hatte, und würde deshalb zur Rechenschaft gezogen werden.

Sie wusch Miranda gründlich ab und deckte sie zu. »Wenn Sie das nächste Mal einen jungen Mann kennenlernen, bringen Sie ihn zu mir, damit ich ihn genau unter die Lupe nehmen kann«, sagte sie leise und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. »Und jetzt mache ich Ihnen heiße Milch mit einem Schuss Brandy. Danach können Sie schlafen.«

KAPITEL 4

Kurz nach sechs Uhr morgens schlüpfte Mog durch die Hintertür in den Hof. Es war ein herrlicher Morgen, der einen weiteren heißen Tag ankündigte. Die Vögel zwitscherten, und normalerweise hätte sie daran gedacht, wie glücklich sie sich schätzen konnte, aus Seven Dials herausgekommen und einen liebevollen, tüchtigen Mann gefunden zu haben.

Aber vor lauter Sorge um Belle hatte sie in der Nacht kaum ein Auge zugetan.

Obwohl sie in der Zeit, als sie in Annies Bordell gearbeitet hatte, sechs oder sieben Mädchen in der gleichen Notlage beigestanden hatte, in der sich Miranda befand, war es ihr nie leichtgefallen. Es war eine schlimme, eine schändliche Sache, und noch schlimmer für Belle, weil sie selbst schwanger war.

Mog wünschte von ganzem Herzen, es gebe eine Alternative für unverheiratete Frauen, die in diese Lage gerieten. Aber wenn sie sich nicht auf eine Abtreibung einließen und weder bei ihrer Familie noch bei dem Vater des Kindes Unterstützung fanden, landeten sie in den meisten Fällen auf der Straße und konnten höchstens auf Aufnahme in ein Armenhaus hoffen. Wenn ihr Baby nicht wegen nachlässiger Betreuung schon bei der Geburt starb, kam es ins Waisenhaus oder zu einem Bauern, der es als einträgliches Geschäft betrachtete, ein Kind großzuziehen, und keine Zeit an Zuwendung verschwendete.

Doch heute war Mogs Hauptsorge, dass Belle in ernsthafte Schwierigkeiten kommen würde, falls letzte Nacht etwas schiefgegangen war. Vielleicht urteilten die Gerichte nachsichtig, wenn eine Frau einer Prostituierten in einer derartigen Notlage beistand, aber es sah mit Sicherheit anders aus, wenn es um eine junge Dame aus gutem Hause ging.

Es kam vor, dass Frauen an diesen barbarischen Abtreibungen starben, wenn nicht direkt, dann später an den Folgen einer Infektion. Belle hatte sich zwar nicht des Vergehens schuldig gemacht, die Abtreibung zu unterstützen und gutzuheißen, doch wenn das Mädchen starb, würde ihre Familie irgendjemandem die Schuld geben, und Belle wäre der ideale Sündenbock.

Alles war ruhig, und die Hintertür stand einen Spalt offen, um frische Luft hereinzulassen. Mog stieß sie ein Stück weiter auf und spähte hinein. Belle lag in ihrem Hemd auf dem Fußboden und schlief tief und fest. Ihr Haar war zerzaust, und sie hatte einen Arm unter den Kopf geschoben. Die blonde junge Frau in dem behelfsmäßigen Bett schlief ebenfalls. Sie trug ein altes, spitzenbesetztes Baumwollnachthemd, das Mog für Belle genäht hatte. Ihre Gesichtsfarbe war gut, weder zu blass noch fiebrig oder gerötet.

Mog fiel ein Stein vom Herzen. Nirgendwo war Blut oder irgendetwas anderes zu sehen, das darauf hingewiesen hätte, dass in diesem Raum etwas Ungewöhnliches passiert war. Draußen auf dem Hof stand ein zugedeckter Eimer, und sie konnte sich vorstellen, dass sich sämtliche Beweise darin befanden.

Trotz ihrer Erleichterung, dass alles gut gegangen war, spähte Mog erneut zu dem blonden Mädchen, das ihr irgendwie bekannt vorkam, und stellte bestürzt fest, dass es die Tochter von Mrs. Forbes-Alton war. Bis vor Kurzem hatte alles, was sie über diese Frau wusste, auf reinem Klatsch beruht: dass sie eingebildet war und gern ihre Nase in die Angelegenheiten anderer Leute steckte. Inzwischen hatte Mog sie bei einem Treffen kennengelernt, bei dem eine Gruppe von Frauen nützliche Dinge für die Soldaten an der Front stricken wollte. Mrs. Forbes-Alton war mit ihren zwei Töchtern dort gewesen, und Mog erinnerte sich deshalb so gut an die beiden, weil sie sich sichtlich unwohl gefühlt hatten, als ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Der Zauber eines frühen Morgens" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen