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Der Zauber einer Winternacht

1. KAPITEL

Zweimal setzte Gillian Baron vergeblich an, bevor sie sich endlich dazu durchringen konnte, tatsächlich an die Tür zu klopfen – und dann wäre Gillian am liebsten auf der Stelle davongerannt wie ein Kind, das einem Nachbarn einen Klingelstreich spielte.

Warum nur fiel es ihr so verflixt schwer, vor dieser Tür zu stehen, die direkt in ihre Vergangenheit führte?

Vielleicht ist er gar nicht zu Hause …

Sie wippte auf den Absätzen ihrer Schuhe und machte sich bereit.

Bereit wofür? Davonzurennen? Schon wieder wegzulaufen vor allem, was mein Leben einmal lebenswert gemacht hat?

Ja, es hatte eine Zeit gegeben, in der ihr Leben so vollkommen gewesen war wie nur irgend vorstellbar. Damals hatte sie noch den Schlüssel zu dieser Wohnung besessen – und den Schlüssel zum Herzen des Mannes, der hier lebte. Aber dann war alles unwiderruflich zu Bruch gegangen, auf schreckliche Weise, und seine Liebe hatte sich in Hass verwandelt.

Gillian begann sich zu entspannen. Glück gehabt, dachte sie. Die Begegnung, vor der sie sich so sehr gefürchtet hatte, blieb ihr offenbar erspart.

In Gedanken spielte sie bereits durch, was sie ihren Schwestern sagen würde, wenn sie sie fragten, warum sie nicht mit ihm gesprochen hatte: „Ich hab’s ja versucht, er war nicht da!“

Erleichtert seufzend wandte sie sich ab, um zu gehen – da näherten sich hinter der Tür Schritte. „Komme schon!“, rief eine Männerstimme.

Gillian erstarrte. Plötzlich überkamen die schmerzlichen Erinnerungen an das vergangene Glück sie. Der Gedanke, Bryce wieder in das Chaos ihres Lebens hineinziehen zu müssen, widerstrebte ihr zutiefst. Vor allem aber verabscheute sie ihre Verwundbarkeit und Schwäche. Warum nur musste das hier sein, ausgerechnet jetzt, nachdem sie sich endlich damit abgefunden hatte, allein zu bleiben?

Er würde ihr kaum glauben, dass sie nur wegen ihres Vaters gekommen war. Mit der für ihn typischen Arroganz würde er vielmehr davon ausgehen, dass ihr Aufkreuzen vor seiner Wohnungstür nur einem Zweck diente: ihn erneut zu umgarnen und sich in sein Leben zurückzudrängen. Gillian machte sich darauf gefasst, dass er ihr gleich die Tür vor der Nase zuschlug.

Bryce McFadden öffnete, nur mit einer verwaschenen Jeans bekleidet, und seine Pupillen weiteten sich. Einen Sekundenbruchteil lang meinte Gillian, so etwas wie einen Hauch von Zuneigung in seinen Augen zu entdecken, dann verfinsterte sich sein Blick.

„Hallo!“ Gillian zwang sich zu einem Lächeln. „Hab ich dich geweckt?“

So wie er vor ihr stand – unvollständig bekleidet, ungekämmt, unrasiert und offensichtlich verblüfft –, hoffte sie inständig, dass sie ihn wirklich nur geweckt und nicht bei etwas anderem gestört hatte.

Eigentlich sollte ihr das egal sein, aber ihre Nerven flatterten trotzdem. Da sie ihm nicht in die Augen sehen konnte, ließ sie den Blick nach unten schweifen, über seine nackte Brust bis zum Bund seiner nicht ganz geschlossenen Jeans. Verdammt, durchfuhr es sie, ich starre ihn ja an wie ein unreifer Teenager! Prompt wurde sie rot.

Bryce hatte sich offenbar schon von seiner Überraschung erholt. Er lehnte sich lässig gegen den Türrahmen und musterte Gillian ungeniert von oben bis unten. Oh, wie sie diesen besitzergreifenden Blick und seine Wirkung auf sie kannte!

Gillian rief sich energisch zur Ordnung. Trotz seiner Anziehungskraft durfte sie keine Sekunde lang vergessen, wie sehr er sie stets auf die Palme gebracht hatte. Niemals würde sie ihm vergeben, dass er sie im Stich gelassen hatte, als sie ihn am dringendsten gebraucht hatte.

„Darf ich reinkommen?“

„Bitte!“

Gillian trat ein und sah sich flüchtig die Einrichtung an. Ein großformatiger Fernseher, eine Ledergarnitur und ein paar Fitnessgeräte gaben der Wohnung einen Hauch von persönlicher Note. Trotzdem wirkte sie ausgesprochen spartanisch eingerichtet. Weder Bilder noch Fotos zierten die kahlen Wände.

Himmel, bist du blöd! Hast du wirklich geglaubt, hier würde ein Bild von dir stehen, nur weil du es nicht geschafft hast, dich von seinen Fotos zu trennen?

„Nette Wohnung.“ Betont unbekümmert schaute sie sich um.

Kein Weihnachtsbaum, aber immerhin ein geschmackvolles Adventsgesteck auf dem Couchtisch. Ganz unbemerkt würden die Feiertage also nicht an ihm vorübergehen. Das Gesteck wirkte in der eher kühl eingerichteten Wohnung irgendwie fehl am Platz, aber immerhin hatte er sich Mühe gegeben, dem nüchternen Schwarz-Weiß ein wenig Farbe entgegenzusetzen. Nichts an diesem Luxusapartment erinnerte an ihr einstiges gemütliches Zuhause mit blühenden Blumen auf den Fensterbänken, mit den echten Gemälden an den Wänden, antiken Möbeln, dem hellen kleinen Zimmer mit der Teddybären-Tapete …

Hör auf damit!

Zornig drängte sie die Erinnerungen zurück, die ungebeten auf sie einstürmten. Sie konnte es sich nicht leisten, sich von dem Anliegen ablenken zu lassen, das sie hierhergeführt hatte. Es fiel ihr auch so schon schwer genug, Haltung zu bewahren.

„Möchtest du eine Tasse Kaffee?“, fragte Bryce.

„Gern.“ Gillian lächelte schwach. Damit würde sie wenigstens ihre Hände beschäftigen, wenn sie einen Becher hielt.

Bryce half ihr aus dem schweren Wintermantel. Diese selbstverständliche Höflichkeitsgeste erschien Gillian vertraut und unwirklich zugleich. Draußen war es bitterkalt, und es schneite seit Stunden. Aber ihr war unangenehm heiß. Selbst in diesem so fremdartig und kalt eingerichteten Wohnzimmer reichte sein schwacher Duft aus, um ihr wieder bewusst zu machen, warum und wie sehr sie diesen Mann einst geliebt hatte.

Er verließ das Zimmer, und Gillian nutzte die Gelegenheit, um sich das wunderschöne Adventsgesteck näher anzusehen. Eine Grußkarte steckte darin. Bryce würde jeden Augenblick zurück sein, aber ihre Neugier war stärker als die Angst vor einer peinlichen Überraschung. Gillian nahm die Karte und las:

Ja, ja! Tausendmal ja!

In Liebe,

Vi

Wer zum Teufel war Vi?

Ganz kurz machte sich ein gehässiger Gedanke in Gillian breit: Das war gar kein Name, sondern das römische Zahlzeichen für sechs, und Bryce nummerierte seine Frauen mittlerweile durch. Aber natürlich war ihr klar, dass die wenigen Worte in erkennbar weiblicher Handschrift etwas anderes signalisierten – vielleicht die Annahme einer Wochenend-Einladung. Oder ging es um wesentlich mehr?

Der Gedanke, Bryce könnte einer Frau einen Heiratsantrag gemacht haben, traf sie wie eine eiskalte Dusche. Verflixt, schon wieder ging ihre Fantasie ihr durch! Sie durfte sich nicht so gehen lassen. Bei dieser Unterredung stand viel zu viel auf dem Spiel. Hastig steckte sie die Karte zurück. Gerade rechtzeitig, bevor Bryce mit dem Kaffee ins Zimmer trat. Gillians Hände zitterten, als sie ihre Tasse entgegennahm.

„Instant“, sagte er entschuldigend. „Kein Vergleich zu deinem Kaffee.“

„Danke.“ Sie setzte sich auf die Couch – und war erleichtert, dass Bryce den Sessel nahm, statt neben ihr Platz zu nehmen. So konnte sie wenigstens halbwegs entspannt mit ihm reden, ohne ständig vor zufälligen Berührungen Angst haben zu müssen.

Im Grunde hatte sie wenig Bedenken, dass sie sich in die Haare kriegen könnten. Aber ihre unerwartet heftigen emotionalen Reaktionen auf diesen Mann erschreckten sie. Dass Vis kurzer Gruß es fertigbrachte, sie in rasende Eifersucht zu versetzen, war mehr als nur leicht beunruhigend.

Sie nippte an dem Kaffee und dachte, dass Bryce recht hatte. Die Brühe schmeckte grauenvoll. Urplötzlich überfiel Traurigkeit Gillian bei dem Gedanken, dass er Morgen für Morgen in dieser unpersönlichkalten Wohnung mit so einem scheußlichen Gebräu vorliebnahm. Er hatte es immer so genossen, den Tag mit einem frisch gemahlenen und aufgebrühten Kaffee zu beginnen.

Im Bett. Mit ihr.

Hart stellte sie ihre Tasse auf den Tisch. Bryce rieb sich das unrasierte Kinn. Prompt fiel Gillian wieder ein, wie sich die rauen Bartstoppeln angefühlt hatten.

Er schaute sie erwartungsvoll an. Small Talk lag ihm nicht, schon gar nicht, wenn etwas Wichtiges zu besprechen war, das wusste sie.

„Na schön“, sagte sie. „Wollen wir auf das unverbindliche Geplauder verzichten und gleich zum Thema kommen?“

„Das wäre wirklich sehr nett.“ Sein Sarkasmus war unüberhörbar.

Da Gillian ohnehin nicht wusste, wie sie ihm ihr Anliegen diplomatisch erklären sollte, fiel sie kurzerhand mit der Tür ins Haus: „Stella und Rose wollen Dad entmündigen lassen.“

Bryce sah Gillian vollkommen entgeistert an. Er presste die Lippen zusammen, und ein stahlharter Glanz trat in seine Augen. „Und was hab ich damit zu tun?“

Diese Frage hatte sie zwar nicht unbedingt erwartet, aber sie war natürlich berechtigt. Gillian konnte es ihm nicht verübeln, dass er nicht wieder in die quälenden Angelegenheiten ihrer Familie hineingezogen werden wollte.

„An sich ist das wirklich nicht dein Problem“, gab sie zu, „aber ich bin auch nicht freiwillig hier.“

„Ist irgendetwas passiert, das ich erfahren sollte?“

Bryce hatte ihrem Vater immer sehr nahegestanden, und Gillian wusste, dass sein Interesse echt war. Sie versuchte, die Situation zu erklären, ohne so schuldbewusst zu klingen, wie sie sich fühlte. In den letzten zwei Jahren war sie damit beschäftigt gewesen, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Das war alles andere als leicht gewesen.

Ihr Vater lebte mehrere Hundert Kilometer entfernt am anderen Ende des Staates Wyoming, und sie arbeitete sieben Tage die Woche fast rund um die Uhr. Ihr fehlte einfach die Zeit, sich mehr um ihn zu kümmern. Trotzdem hatte Gillian ständig ein schlechtes Gewissen dem Mann gegenüber, der sie nach dem Tod ihrer Mutter ganz allein großgezogen hatte.

„Stella sagt, er sei ein paarmal gestürzt. Außerdem soll er sein Geld ohne Sinn und Verstand zum Fenster rauswerfen. Meine Schwestern meinen, das sind eventuell erste Anzeichen von … Alzheimer.“

Dieses grässliche Wort! Es auszusprechen fiel ihr schon schwer genug. Gar darüber nachzudenken, was es im Einzelnen bedeutete, überforderte Gillian erst recht.

Ihr letzter Besuch, bei dem ihr Vater sich enttäuscht über ihre Trennung von Bryce geäußert hatte, lag schon Monate zurück. Seitdem hatten sie sich nicht mehr gesehen. Gillian konnte sich also nur auf das Wort ihrer Schwestern verlassen, was seine aktuelle geistige und körperliche Verfassung anging. Zwar mochte sie nicht glauben, dass eine von ihnen ihren Vater ins Pflegeheim stecken würde, nur um an sein Geld zu kommen, aber sie hatte schon die Befürchtung, dass die beiden die Situation zu schwarzsahen. Dummerweise waren sie entschlossen, die Entmündigung notfalls vor Gericht durchzusetzen.

Deshalb blieb Gillian gar nichts anderes übrig, als einzugreifen, bevor irreparabler Schaden entstand. Die Familie durfte nicht auseinanderbrechen. Nur deshalb war Gillian überhaupt zu Bryce gegangen.

„Es tut mir leid, das zu hören“, sagte Bryce. Sein Bedauern war offensichtlich ehrlich.

Am liebsten hätte sie in seinen Armen Trost gesucht, wie früher. Um sich abzulenken, betrachtete sie ihre Knie. Sofort fiel ihr eine winzige Laufmasche in den schwarzen Strümpfen ins Auge. Frustriert zupfte Gillian am Rocksaum, um den Schaden zu verstecken. Das passte nur zu gut zu ihrer derzeitigen psychischen Verfassung! Dabei hatte sie sich solche Mühe mit ihrer Kleidung gegeben, weil sie ihrem Exmann repräsentabel gegenübertreten wollte.

Reiß dich zusammen! Sie räusperte sich. „Dad hat uns beide zu seinen Vormündern bestimmt … für den Fall, dass er nicht mehr in der Lage ist, seine Angelegenheiten selbst zu regeln.“

Bryce starrte sie mit offenem Mund an. Seine Überraschung konnte nie und nimmer gespielt sein. Demnach irrten sich Stella und Rose mit ihrer Unterstellung, Bryce habe diese Regelung von langer Hand eingefädelt, weil er sie um ihr Erbe bringen wollte. Die erbitterten Streitereien während des quälenden Scheidungsprozesses hatten tiefe Gräben gerissen, die Gillian für unüberbrückbar hielt.

Als Bryce ihre Eröffnung endlich verdaut hatte, wurde ihm die Ironie der Lage bewusst. Ein zynisches Lächeln spielte um seine Lippen. „Verstehe. Deine Schwestern können den alten Mann nicht in die Klapsmühle abschieben, wenn wir nicht die Drecksarbeit für sie erledigen.“

Gillian wollte sich nicht schon wieder auf eine Diskussion über innerfamiliäre Beziehungen einlassen. Deshalb überging sie diesen Frontalangriff auf ihre Schwestern, statt sie wie sonst sofort in Schutz zu nehmen. „Von Klapsmühle kann keine Rede sein. Die beiden machen sich begründete Sorgen, die wir nicht einfach ignorieren können. Außerdem gibt es ein paar sehr schöne Seniorenheime in der Gegend.“

„Auch du, Brutus?“

Ausgerechnet Shakespeare! Der indirekte Vorwurf war einfach ungerecht. Gillian könnte ihrem Vater niemals in den Rücken fallen. Dennoch machte die Frage ihr bewusst, dass sie hilflos zwischen völlig verhärteten Fronten stand. Denn eins war klar: Bryce betrachtete die Pläne ihrer Schwestern als Dolchstoß in den Rücken ihres Vaters.

Würde er zwischen dem, was Rose und Stella taten, und dem, was sie anstrebte, unterscheiden können? Wichtiger noch: Konnte sie selbst einen Unterschied erkennen?

Entnervt strich Bryce sich durchs Haar. „Was genau willst du eigentlich von mir, Gill?“

Ihr Herz raste, als sie ihm direkt in die Augen schaute. Er wirkte so unversöhnlich. „Ich bitte dich, mit mir zur Ranch zu reisen. Dad weigert sich, von dort wegzuziehen, bevor er nicht die Chance hatte, mit uns beiden zu reden. Und meine Schwestern drohen, vor Gericht zu gehen, wenn er stur bleibt. Er hat versprochen, sich unserer gemeinsamen Entscheidung zu beugen. Ich will die Familie davor bewahren, völlig auseinanderzufallen. Einen anderen Weg sehe ich nicht.“

Bryce stieß einen verächtlichen Laut aus, ließ den Kopf gegen die Rückenlehne sinken und schloss die Augen. Dass er müde aussah, war keine Überraschung für Gillian. Er hatte schon immer zu viel gearbeitet. Sie bedauerte nur, ihn an einem Sonntagmorgen aus dem Schlaf gerissen zu haben. Aber es war die einzige Zeit, zu der sie damit hatte rechnen können, ihn zu Hause anzutreffen. So schwer es ihr auch gefallen war, ihn aufzusuchen – diese Angelegenheit hatte sie keinesfalls am Telefon besprechen wollen.

Als Bryce schließlich die Augen wieder öffnete, klang seine Stimme genauso müde, wie seine Gesichtszüge wirkten. „Um es kurz zu machen: Ich habe zurzeit eine ganze Menge um die Ohren. Wie wäre es, wenn ich diese Vormundschaft, oder was immer John mir da eingeräumt haben mag, einfach ausschlage? Dann könnt ihr drei Schwestern das Geld nach Belieben unter euch aufteilen.“

Gillian zuckte zusammen, als hätte er sie geschlagen.

„Das würdest du tun?“ Warum enttäuschte sie das so sehr? Schließlich bot er ihr exakt das an, was ihre Schwestern sich sehnlichst wünschten. Aber im Gegensatz zu den beiden, die vor Freude an die Decke springen würden, fühlte Gillian sich zutiefst unbehaglich. Nach Recht und Gesetz war das zwar ein gangbarer Weg, aber ihr Gewissen erklärte es rundheraus für falsch.

„Ich würde alles tun, um endlich für alle Zeit Ruhe vor der gesamten Familie Baron zu haben“, sagte Bryce. „Aber wenigstens von dir hätte ich so viel Anstand erwartet, dass du dir den Grund und Boden des alten Mannes erst unter den Nagel reißt, wenn er tot ist. Die Ranch ist sein Ein und Alles. Wenn ihr Zweifel an seiner Fähigkeit äußert, sie eigenständig zu bewirtschaften, werdet ihr ihm damit sehr, sehr wehtun.“

„Glaubst du wirklich, ich wüsste das nicht?“ Der Gedanke, den stärksten Mann, den sie kannte, für hilflos erklären zu lassen, erschreckte Gillian zutiefst.

„Dein Vater wird nicht gerade dankbar dafür sein, in ein Pflegeheim abgeschoben zu werden. Er wird dir das nie verzeihen.“

Gillian verschränkte die Arme vor der Brust und funkelte Bryce wütend an. „Was immer du auch von mir denken magst: Ich fühle mich dabei kein bisschen wohler als du. Wenn wir bei unserem Besuch auf der Ranch gemeinsam zu dem Schluss kommen, dass er sehr wohl noch für sich selbst sorgen kann, ist die Angelegenheit für mich erledigt. Dann können wir uns beide wieder unserem Alltag zuwenden, ohne irgendetwas bereuen zu müssen.“

Bryce lachte abschätzig auf.

Gillian fürchtete, ihr Mut könne sie gleich verlassen. Deshalb fuhr sie hastig fort: „Ich weiß, es ist viel verlangt, aber Dad betrachtet dich als einen Freund. Er vertraut dir. Genauso wie ich – trotz unserer Differenzen. Welchen Rat du auch immer geben wirst, wir werden ihn zu schätzen wissen. Davon abgesehen kannst du dich nicht einfach aus der Verantwortung stehlen, ob du willst oder nicht. Soweit ich das verstanden habe, kannst du die Vormundschaft nur mit meinem Einverständnis ausschlagen. Und das bekommst du nicht, solange wir nicht beide persönlich mit meinem Vater gesprochen und uns vor Ort ein Bild der Lage gemacht haben. Sollten meine Schwestern ihre Drohung wahr machen und vor Gericht gehen, kann sich die Angelegenheit über Jahre hinziehen. Wenn du allerdings tust, worum ich dich bitte, bist du mich sehr schnell endgültig los.“

Ein hässlicher harter Unterton stahl sich in ihre Stimme, als sie hinzufügte: „Vi würde das ganz sicher zu schätzen wissen.“

Er war sichtlich überrascht, dass sie den Namen kannte, stimmte ihr aber ohne Zögern zu: „Oh ja, das würde sie, zumal wir heiraten wollen.“

Gillian drückte es fast die Luft ab, aber es gelang ihr, sich nichts anmerken zu lassen. Diese Neuigkeit traf sie wie ein unerwartet harter Schlag.

„Gratuliere“, erwiderte sie und zwang sich zu lächeln. „Du hast es verdient, glücklich zu werden.“ Sie hielt inne, bevor sie leise sagte: „Ganz ehrlich.“ Dabei hoffte sie nur eins: dass ihre Worte nicht so mitleidheischend und verbittert klangen, wie es ihr vorkam. In gewisser Weise meinte Gillian es durchaus ernst, aber es tat trotzdem furchtbar weh. „Ich verspreche dir: Das ist die letzte Bitte, die ich jemals an dich stelle.“

Bryce bedachte sie mit einem eisigen Blick: „Du weißt vermutlich nicht mehr, um welchen Gefallen ich dich zuletzt gebeten habe?“

Gillian sah ihn verständnislos an und zuckte die Achseln. „Hilf mir auf die Sprünge.“

„Ich hatte dich angefleht, dich nicht von mir scheiden zu lassen.“

2. KAPITEL

„Das kann man wohl kaum als einen Gefallen bezeichnen“, stellte Gillian zornig klar.

„Genauso wenig wie deine Bitte“, entgegnete Bryce. „Eins muss man dir lassen, mein Schatz: Du hast echt Nerven, nach all der Zeit einfach hier aufzukreuzen, als wäre nichts gewesen. Wie ein kleines Mädchen, das sich verlaufen hat und auf mein Mitleid zählt.“

„Mitleid und du – das sind zwei verschiedene Welten!“

Sie funkelten einander zornig an. Erst nach scheinbar endlosen Sekunden gelang es Gillian, sich wieder zu fangen.

„Ich hatte gehofft, dass du deine persönlichen Animositäten mir gegenüber hintanstellen könntest. Schließlich geht es um Dad, und ich weiß zufällig, dass du ihn höher achtest als deinen Vater. Er vertraut dir. Er vertraut dir so sehr, dass er seine Zukunft in deine Hände legt – obwohl du nicht mehr zur Familie gehörst.“

Dass ihr Vater Bryce in diese Entscheidung mit einbezog, irritierte sie zwar. Aber es brachte sie nicht in Rage wie ihre Schwestern. Was auch immer die beiden Bryce unterstellen mochten, Gillian wusste: Für dieses peinliche Treffen zwischen seiner jüngsten Tochter und ihrem Exmann, den er liebte wie einen Sohn, war einzig und allein John Baron verantwortlich und niemand sonst. Sie hoffte nur, dass er nicht mit ihnen spielte. Wenn sich jemals herausstellen sollte, dass er sich nur hilflos gab, damit sie sich mit Bryce versöhnte, dann gnade ihm Gott!

Sofort fühlte sie sich schuldig. Eine gute Tochter wäre nie auf diesen Gedanken gekommen. Schließlich hatte sein Hausarzt bescheinigt, dass ihr Vater krank war und jede Unterstützung brauchte, die sie ihm geben konnte.

Um Bryce doch noch umzustimmen, versuchte sie es nun mit einer philosophischen Frage: „Könnten wir uns eventuell darauf einigen, dass Menschen, die alles tun, um einander aus dem Weg zu gehen, manchmal vom Schicksal zusammengeführt werden?“

„Ich glaube nicht.“

Sie seufzte entnervt. Musste sie wirklich erst an sein überstarkes Pflichtgefühl appellieren? Anders konnte sie ihn offenbar nicht dazu bringen, sie über die Festtage auf die Ranch zu begleiten. Sie wusste, wie schwer Bryce der erzwungene Bruch mit ihrem Vater getroffen hatte. Was sie von ihm verlangte, war wirklich nicht fair.

Es würde Wunden aufreißen, die gerade erst verheilt waren. Noch übler wäre es, wenn es tatsächlich so schlimm um ihren Vater stand, wie ihre Schwestern behaupteten. Sie konnte sich nichts Furchtbareres vorstellen, als mitansehen zu müssen, wie diese Krankheit einen geliebten Menschen Stück für Stück zerstörte.

„Ich gebe zu: Ich würde John nur ungern auf Gedeih und Verderb den beiden Hexen ausliefern“, unterbrach Bryce ihre Gedanken. „Es überrascht mich nicht, dass sie nicht länger auf seine Großzügigkeit angewiesen sein wollen. Sicher glauben sie, es sei ihr gutes Recht, ihr Erbe zu retten, bevor er es für so unwichtige Dinge wie sein Lebenswerk, die Ranch, verschleudert.“

Gillian kochte innerlich, ging aber trotzdem nicht auf die Beleidigung ihrer Schwestern ein.

Als Bryce weitersprach, glitt ein boshaftes Lächeln über seine Züge: „So könnte ich ihnen wenigstens ein ganz kleines bisschen von dem heimzahlen, was sie mir über die Jahre angetan haben. Wie sie wohl zurechtkämen, wenn sie plötzlich keinen Penny mehr von ihrem Vater erhielten?“

Keine Frage, er hatte Stella und Rose bis heute nicht verziehen, dass sie Gillian zur Scheidung gedrängt hatten und ihm damit in den Rücken ...

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