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Der Zauber einer Sommernacht

1. KAPITEL

Herzogtum Verdon, Verdonia

Prinz Leonard Montgomerys Stimme klang fest und entschlossen. „Du schuldest mir noch etwas, Arnaud. Auch wenn es schon ein paar Jährchen her ist. Jetzt ist eine hervorragende Gelegenheit, die Sache zu begleichen.“

„Du träumst, Montgomery. Ich schulde dir, verdammt noch mal, überhaupt nichts“, gab Joc zurück. Auch wenn seine Stimme am anderen Ende der Telefonleitung von weit her jenseits des Atlantiks kam, tönte sie so klar aus dem Lautsprecher der Freisprechanlage, als würde Joc neben Leonards Schreibtisch stehen. „Ich weiß noch gut, wie übel deine Kumpane mir damals in Harvard mitgespielt haben, und du kannst froh sein, dass ich dir das nicht mit gleicher Münze heimgezahlt habe. Aber wenn du jetzt selbst von den alten Geschichten anfängst, kann ich mir das ja noch einmal überlegen.“

„Hast du unsere Abschlussfeier damals vergessen? Hattest du mir an dem Abend nicht etwas versprochen?“

Joc unterdrückte einen Fluch. „Da war ich nicht ganz bei mir.“

„Glaube ich dir gern. Trotzdem hast du es versprochen. Oder hat es ein Joc Arnaud nicht mehr nötig, sein Wort zu halten?“

Einen Augenblick lang herrschte Schweigen. Leonard fragte sich bereits, ob er zu weit gegangen war, da meldete sich Joc wieder: „Na schön, Montgomery. Nun sag schon, was du willst.“

Leonard war erleichtert. „Ich möchte dir ein Geschäft vorschlagen. Am kommenden Samstag veranstalte ich einen Wohltätigkeitsball. Du bist nicht zufällig hier in der Nähe?“

„Wenn du Paris als ‚in der Nähe‘ bezeichnest.“

„Immer noch näher als Dallas. Wohin soll ich dir die Einladung schicken?“

„Hierher in den Hauptsitz. Und schick mir zwei. Da ist noch jemand, der sicher auch gern auf dein Fest kommen würde.“

„Sie gehen gleich heute in die Post.“

„Du hast mir noch immer nicht gesagt, was du nun eigentlich von mir willst“, hakte Joc ungeduldig nach.

Leonard lächelte zufrieden. Er war auf dem richtigen Weg. Arnaud war neugierig geworden. „Nichts von Bedeutung. Ich möchte nur, dass du unser Land vor dem Ruin bewahrst.“

Juliana Rose wusste, dass sie zu spät kommen würde, viel zu spät. Und das war fatal. Gerade bei einer solchen Einladung war das nicht zu entschuldigen. Nun steckte sie im dicksten Verkehr in der City von Mount Roche, der Hauptstadt von Verdonia. Außer mit Blaulicht und Sirene war hier kein Durchkommen. Selbst wenn sich der Stau vor ihnen plötzlich in nichts auflösen würde und ihr Taxi es in zehn Minuten bis zum herzoglichen Schloss schaffte, rechnete sich Juliana aus, würde sie mit Sicherheit als Letzte eintreffen.

Sie schaute nach vorn durch die Windschutzscheibe. Am Ende der Straße auf einer Anhöhe war das Schloss des Prinzen zu sehen. Mit seinen zierlichen Türmchen und vergoldeten Verzierungen sah es genauso aus, wie man sich Schlösser im Märchen vorstellt. Kann für mich nicht auch einmal ein Märchen wahr werden? fragte sie sich. Aber sie verdrängte den Gedanken schnell wieder aus ihrem Kopf. Niemand wusste besser als sie, dass solche Träume Kindereien waren. „… und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute …“ Die Märchenprinzessinnen vielleicht, aber nicht sie.

Sie ging heute auf ihren ersten großen Ball. Die Einladung war eine Anerkennung für ihre Arbeit, die sie für die „Arnaud’s Angels“ leistete. Aber alles schien sich an diesem Tag gegen sie verschworen zu haben. Tausenderlei Dinge hatten sie aufgehalten, und jetzt kam sie zu spät. War das nicht schon Beweis genug, dass sie für die Rolle der Märchenprinzessin nicht taugte? War es nicht ein absolutes Unding, erst nach ihrem Gastgeber, einem echten Prinzen, aufzutauchen? Vielleicht würde man sie gar nicht einlassen und ihr die Tür weisen, sodass sie nicht einmal auch nur einen Blick in den festlich geschmückten Saal werfen könnte. Wenn es so kommt, dann fahre ich eben wieder nach Hause, dachte sie schicksalsergeben. In ihrer Wohnung wartete jede Menge Arbeit auf sie, ein ganzer Aktenordner voller Fälle von Kindern, die auf die Hilfe von Arnaud’s Angels angewiesen waren.

Endlich bog das Taxi in die Seitenstraße ein, die in engen Kurven zum Schloss hinaufführte. Juliana musste sich beherrschen, nicht fortwährend an ihrem Haar oder an dem mit Perlen besetzten Oberteil ihres Seidenkleids zu zupfen, das ihr viel zu freizügig vorkam. Also zwang sie sich, die Hände brav im Schoß zu falten.

Das Taxi passierte das schmiedeeiserne Tor und fuhr auf eine eindrucksvolle Freitreppe zu. „Da wären wir, in der Höhle des Löwen“, bemerkte der Fahrer, als er hielt.

„Wie kommen Sie denn auf die ‚Höhle des Löwen‘?“, fragte Juliana erstaunt.

„Man nennt Prinz Leonard doch auch den ‚Löwen von Mount Roche‘.“

„Ach? Und sein Schloss nennen Sie dann ‚die Höhle des Löwen‘?“

„Vielleicht nicht gerade in seiner Gegenwart“, meinte der Taxifahrer lächelnd.

Juliana lachte und gab ihm, bevor sie ausstieg, ein großzügiges Trinkgeld. Obwohl es so spät war, nahm sie sich die Zeit, die Schönheit des Schlosses und seiner Umgebung in sich aufzunehmen, während sie die Stufen zum Portal hinaufging. Normalerweise vermied sie es, sich bei öffentlichen Anlässen zu zeigen. Aber hier war sie in Verdonia, weit weg von ihrer Heimat in den USA. Niemand kannte sie hier. Hier war sie nicht Ana Arnaud. Sie benutzte nur ihre beiden vollständigen Vornamen und ließ den Familiennamen einfach weg: Juliana Rose, Mitarbeiterin der Kinderhilfsorganisation Arnaud’s Angels und mehr nicht. Heute war ihr Abend. Sie konnte sich einmal so geben, wie sie war, brauchte sich nicht zu verstecken, konnte strahlen und wollte bewundernde Blicke genießen.

Livrierte Diener geleiteten sie durch breite Korridore. Niemandem fiel es ein, sie abzuweisen, aber wie sie befürchtet hatte, waren alle anderen Gäste längst im Ballsaal versammelt. Julianas Schritte in den hochhackigen Pumps hallten von den marmornen Wänden wider, und sie fühlte sich ein wenig wie Cinderella, nur musste sie nicht fürchten, dass sich ihr sündhaft teures Ballkleid, wenn es Mitternacht schlug, in Lumpen verwandelte.

Den Eingang zum Ballsaal bildeten zwei der Antike nachempfundene Säulen. Dort nahm sie der Zeremonienmeister in Empfang und wies ihr den Weg die breite, geschwungene Treppe hinunter zu der bereits feiernden Menge. Auf halbem Wege blieb sie stehen und ließ das Ganze auf sich wirken. Die festlich gekleideten Menschen standen in Gruppen, tranken und plauderten. Weiter hinten drängten sich die Paare auf einer großen Tanzfläche. Der Saal war reich mit Blumen geschmückt. Die hohen Fenster standen weit offen und ließen die milde Luft des Juniabends herein. Und dann sah sie ihn. Er stand am Fuß der Treppe, als erwartete er sie. Ihre Blicke trafen sich.

Selbst von ihrem erhöhten Platz aus war zu erkennen, wie ungewöhnlich groß er war. Der maßgeschneiderte schwarze Smoking betonte seine kräftigen Schultern und seinen breiten Brustkorb. Das volle, leicht gewellte dunkelblonde Haar trug er zurückgekämmt. Es war von helleren, sonnengebleichten blonden Strähnen durchzogen. Seine hohen Wangenknochen und das markante Kinn verrieten einen willensstarken, wenn nicht sogar eigenwilligen Charakter. Am meisten jedoch faszinierte sie sein Mund, der im Gegensatz zu den sonst eher strengen Zügen weicher wirkte, mit sinnlichen Lippen, die geradezu dazu geschaffen schienen, eine Frau zu verwöhnen. Julianas erster Eindruck war der von einem Vulkan, der unter einer trügerisch ruhigen Oberfläche schlummerte.

Das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht, als sie sich für einen langen Augenblick gegenseitig musterten. Tief aus ihrem Inneren stieg eine Wärme auf, die ihre Wangen zum Glühen brachte, ein Gefühl, das sie in den fünfundzwanzig Jahren ihres Lebens noch nie gehabt hatte. Juliana kannte wohl Geschichten von Frauen, die berichteten, dass sie bei der ersten Begegnung mit einem Mann wie vom Blitz getroffen waren. Aber geglaubt hatte sie das nie.

Bis zu diesem Moment.

Alles war so merkwürdig. Sie sah einem vollkommen fremden Mann ins Gesicht, und es kam ihr wie ein Wiedererkennen vor. Sie wusste genau, dass es nur eines Winkes von ihm bedurfte, um sie zu erobern und zu besitzen. Gleichzeitig meldete sich in ihr eine warnende Stimme.

Das Klügste wäre es jetzt, sagte die Stimme, auf der Stelle umzukehren und zu verschwinden, draußen ein Taxi zu nehmen, auf dem schnellsten Weg in die Wohnung zu fahren und sich dort einzuschließen. Aber dazu war es zu spät. Sie wollte auch nicht schon wieder die Flucht ergreifen. Ihr ganzes Leben lang hatte sie nichts anderes getan. Heute war ihr Abend. Juliana raffte ihren langen Chiffonrock und begann langsam die Treppe hinunterzugehen, dem ungewissen Ausgang eines Abenteuers entgegen.

Prinz Leonard Montgomery war wie hypnotisiert. Die Frau dort oben auf der Treppe muss eine Fata Morgana sein, war sein erster Gedanke. Starr wie eine Statue stand sie da, strahlend schön und mit einer hinreißenden Figur. Sie trug ein elegantes, mit Silber durchwirktes Ballkleid mit einem eng anliegenden, tief ausgeschnittenen Oberteil. Als sie sich dann doch bewegte und ein wenig mehr ins Licht trat, sah Leonard, dass ihr Haar, das er zunächst für brünett gehalten hatte, einen rötlichen Schimmer hatte, der ihn an den Verdonian Royal erinnerte, den edelsten der Amethysten aus den Minen von Verdonia, der für seine rötliche Färbung in der ganzen Welt berühmt war und einen nicht unerheblichen Teil des Reichtums des Landes ausmachte.

Sie ließ ihren Blick durch den Ballsaal schweifen. Plötzlich erschien ein Lächeln auf ihrem Gesicht, und schlagartig war der reservierte, fast unnahbare Eindruck, den die Unbekannte anfangs gemacht hatte, verschwunden.

Als sich dann ihre Blicke trafen, wurde es Leonard heiß und kalt. Direkt und unbefangen sah sie ihm ins Gesicht. Als könnte er diesen Blick spüren wie die intime Berührung der Hand einer Geliebten. Von dieser Sekunde an stand für ihn fest, dass er diese Frau haben musste. Wie, spielte keine Rolle – es war einfach so, auch wenn Leonard sich im selben Augenblick fragen musste, was aus seiner Selbstbeherrschung geworden war, die es seinen Gefühlen noch nie erlaubt hatte, die Oberhand zu gewinnen.

Nachdem sie dem Zeremonienmeister ihre Einladung überreicht hatte, ging Juliana weiter die Stufen hinunter, während er unten am Fuße der Treppe verharrte. Bevor sie die letzte Stufe nahm, zögerte sie, den Blick noch immer auf ihn gerichtet. Sie hatte braune Augen, eine Farbe wie dunkler Honig. Darin lagen eine Verlockung und eine kaum verhohlene Neugier, die seinen Jagdinstinkt weckten.

Mittlerweile waren die ersten Gäste auf die beiden aufmerksam geworden. Man stieß sich an und tauschte bedeutungsvolle Blicke. Heute waren die meisten ohnehin mit gespannter Erwartung aufs Schloss gekommen, denn es war der erste Ball, den das Königshaus nach dem Tod des Königs gab. Dieser Wohltätigkeitsball war von Leonards Vater eingeführt worden, und obwohl offiziell die Trauerzeit noch nicht vorbei war, hatte Leonard sich zu dem Fest entschlossen. Er war sich sicher, dass sein Vater es so gewollt hätte.

Die meisten der Anwesenden kannten sich, deshalb erregte das Auftauchen einer Fremden, noch dazu einer anziehenden jungen Frau, besonderes Interesse. Leonard war sich sicher, dass sämtliche unverheirateten Männer hier im Saal – und vermutlich auch einige der verheirateten – jetzt schon darauf brannten, ihre Bekanntschaft zu machen. Da ist es schon besser, den anderen zuvorzukommen, sagte sich der Prinz und ging ihr einen Schritt entgegen.

„Willkommen“, begrüßte er Juliana. „Ich habe Sie bereits erwartet.“

Juliana wich erschrocken zurück und sah ihn verwirrt an. „Kennen wir uns denn?“

„Nein, nicht dass ich wüsste“, antwortete Leonard und ärgerte sich dabei über seinen ziemlich plumpen Versuch, ein Gespräch zu beginnen. „Ich hoffe jedoch, das lässt sich ändern.“

„Tut mir leid. Meine Frage war sicherlich unangebracht. Aber ich war mir nicht sicher, ob wir uns nicht schon einmal begegnet sind.“

Ihr unverkennbarer Südstaatenakzent ließ Leonard aufhorchen. Er liebte diesen melodischen Klang, erst recht, wenn er aus einem so schönen Mund kam wie ihrem. „Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen“, sagte er. „Der Fehler liegt ganz bei mir. Ich habe es sehr ungeschickt angefangen. Bin offenbar ein bisschen aus der Übung.“

Juliana gefiel seine offene und unkomplizierte Art. Sie trat einen Schritt näher und sagte mit verschwörerisch gedämpfter Stimme: „Ich hatte schon Angst, man würde mich gar nicht einlassen, weil ich viel zu spät komme. Kennen Sie sich in diesen Protokollfragen aus? Muss ich jetzt zu irgendjemandem gehen und für meine Verspätung um Verzeihung bitten?“

Leonard war begeistert. Der Anfang war gemacht, und es schien noch besser zu laufen, als er gehofft hatte. „Sie meinen, beim Hausherrn, dem Prinzen, zum Beispiel?“

Sehr zu seinem Erstaunen wehrte sie ängstlich ab. „Nein, bloß das nicht. Ich bin nur gekommen, weil ich schon immer gern einmal auf einen großen Ball gehen wollte, und nichts weiter. Ich will mich niemandem aufdrängen, dem Prinzen schon gar nicht.“

Leonard fiel es nicht leicht, ein Lächeln zu unterdrücken. Wenn sie nicht eine gute Lügnerin war, wusste sie weder, mit wem sie es gerade zu tun hatte, noch gehörte sie zu denen, die darauf aus waren, sich im Glanz der Prominenz zu sonnen. Das waren allerbeste Voraussetzungen. Jetzt musste er nur noch, um sie nicht zu verschrecken, darauf achten, sie von all jenen fernzuhalten, die seine Identität verraten könnten.

„Nun“, meinte er dann mit ernster Miene, „zufällig bin ich tatsächlich ein bisschen mit dem Protokoll vertraut. Sie haben zum Beispiel das Defilee zu Beginn versäumt, bei dem die Gäste dem Prinzen vorgestellt werden. Aber seien Sie froh. Eine langweilige Angelegenheit. Trotzdem ist Ihre Verspätung natürlich unverzeihlich. An Ihrer Stelle würde ich mich so schnell wie möglich unter die Paare auf der Tanzfläche mischen, damit es nicht auffällt, dass Sie gerade erst gekommen sind.“

Erschrocken riss Juliana die Augen auf. Dann bemerkte sie sein verschmitztes Lächeln, und ihre Miene hellte sich auf. Wieder war Leonard von diesem Lächeln hingerissen. „Sie können mir nicht zufällig einen Partner empfehlen?“, fragte sie scheinheilig.

Der Prinz tat, als sähe er sich angestrengt um, und schüttelte dann den Kopf. „Nein. Soweit ich es überblicke, ist niemand dabei, den ich Ihnen ernsthaft empfehlen kann. Aber um Sie vor der Kerkerstrafe für den unverzeihlichen Fauxpas Ihres Zuspätkommens zu bewahren, bin ich bereit, das zu übernehmen.“

Juliana hob spöttisch die Brauen. „Kerkerstrafe?“

„Ja, ja“, meinte Leonard eifrig. „Der Prinz hält sich nun einmal für den Löwen von Mount Roche. Ich persönlich finde ja auch, dass er gelegentlich übertreibt und sich zu ernst nimmt.“

Sie sah ihn von der Seite an. „Mit anderen Worten habe ich die Wahl, entweder mit Ihnen zu tanzen oder im Kerker zu landen, oder? Ich glaube, ich wähle den Kerker. Da bin ich sicherer.“

„Mag sein. Aber hier draußen ist es bestimmt amüsanter.“

„Überredet. Ich tanze mit Ihnen.“

Sie ergriff seine Hand. Und schon mit ihrer ersten Berührung schien die Zeit stillzustehen, als sei alles, die Menschen, die Stimmen, die Lichter um sie herum in weite Entfernung gerückt. Zart und geschmeidig fühlte sich ihre Hand in seiner an. Dass sie den leichten Druck seiner Hand erwiderte, nahm Leonard als ein Zeichen von Selbstvertrauen. Er konnte sich nicht vorstellen, sie jemals wieder loszulassen. Die Erwartung, ihr gleich beim Tanz noch näher zu kommen, ließ sein Herz schneller schlagen.

Auch Juliana fühlte ihr Herz heftiger klopfen. Als er sie auf der Tanzfläche an sich zog, öffnete sie kaum merklich die Lippen, und er spürte ihren Atem. Schon während sie die ersten Walzerschritte tanzten, herrschte zwischen ihnen perfekte Harmonie. In der Größe passten sie ausgezeichnet zueinander. Durch ihre hohen Absätze war Juliana nur einen halben Kopf kleiner als er. Federleicht folgte sie seinen Schritten, während er sie fest und sicher führte. So schwebten sie im Einklang mit der Musik über das Parkett, und auch als Leonard ein paar schwierigere Schrittfolgen einbaute, konnte sie ihnen mühelos folgen. Mit jeder Drehung steigerten sie sich wie in einen Rausch.

„Was ist das für ein Parfüm, das Sie tragen? Ich kenne es nicht“, fragte Leonard unvermittelt.

„Das können Sie auch nicht kennen“, antwortete sie. „Es ist ein persönliches Geschenk von …“ Schnell verschluckte sie den Rest des Satzes. „Eine spezielle Kreation.“

Er stutzte. Von wem hatte sie es? War es ein Geschenk von einem Verflossenen? Oder von ihrem derzeitigen Geliebten? Doch er schüttelte den Gedanken ab. Dass ihm solche Fragen in den Kopf kamen, war kein gutes Zeichen. Rasch suchte er nach einer Fortsetzung des Gesprächs. „Und welchen Namen haben Sie diesem Duft gegeben?“

Sie legte den Kopf leicht in den Nacken und sah ihn erstaunt an. „Welchen Namen?“

„Ja sicher. Sie müssen dem Parfüm doch einen Namen gegeben haben, wenn es eigens für Sie kreiert wurde.“

„So? Musste ich das?“ Juliana zuckte mit den Schultern. „Das ist mir überhaupt noch nicht in den Sinn gekommen.“

„Andere Frauen hätten das sofort getan.“ Andere Frauen hätten dem Duft mit Sicherheit ihren eigenen Namen gegeben, fügte Leonard in Gedanken hinzu.

„Ich bin aber nicht ‚andere Frauen‘.“

„Ja. Das stelle ich auch gerade fest. Wir haben uns noch gar nicht bekannt gemacht“, fuhr er nach einer kurzen Pause fort. „Wie heißen Sie?“

„Juliana Rose. Und wie darf ich Sie nennen? Prinz Charming?“

Er streifte sie mit einem prüfenden Blick. Wusste sie doch mehr, als sie vorgab? „Damit wären sicherlich einige hier im Saal ganz und gar nicht einverstanden“, erwiderte er vieldeutig.

„Wahrscheinlich all die armen Frauen, denen Sie bereits Ihre schaurigen Kerkergeschichten erzählt haben. Kann man sich eigentlich das Schloss einmal ansehen?“

„Heute nicht. Ich kann Ihnen aber die Gärten zeigen, wenn Sie möchten.“

„Ich dachte, Sie seien ein einflussreicher Mann, der überallhin Zutritt hat“, bemerkte Juliana mit leisem Spott.

Wieder sah Leonard sie prüfend an. „Wie kommen Sie darauf?“

„Intuition.“

„Oder wissen Sie doch, wer ich bin?“, fragte er jetzt etwas eindringlicher nach.

Juliana rückte ein wenig von ihm ab. Er merkte, wie plötzlich die Wärme ihres Körpers fehlte. „Müsste ich das wissen?“, fragte sie.

„Das würde mich jedenfalls nicht wundern. Unser Land ist von überschaubarer Größe. Die meisten hier kennen sich.“

„Aber ich komme nicht von hier.“

„Ich weiß. Sie kommen aus den USA. Das ist nicht schwer zu erraten, wenn man Sie sprechen hört. Aber Sie haben mir meine Frage noch nicht beantwortet.“

„Stimmt. Ja, ich komme wirklich aus den Staaten.“ Auch Juliana hielt es für klüger, seinen Fragen auszuweichen. Sie sahen einander an. Ihr beiderseitiges Versteckspiel hatte etwas von einem kindischen Wettstreit, wer von beiden den größeren Dickkopf hatte. Schließlich gab sie sich geschlagen und sagte mit einem Achselzucken: „Nein, ich weiß wirklich nicht, wer Sie sind. Vielleicht ist das auch ganz gut so. Wir haben uns getroffen, verbringen hier einen schönen Abend miteinander, und dann trennen sich unsere Wege.“

„Ist es das, was Sie von diesem Abend erwartet haben?“

„Nein. Erwartungen hatte ich überhaupt keine – außer der einen vielleicht, einmal einen Ball auf einem richtigen Schloss mitzuerleben.“

„Dann, denke ich, sollten Sie den Abend auch möglichst unbeschwert genießen. Und Sie waren wirklich noch nie auf einem Ball?“

„Nein“, entgegnete sie ein wenig kleinlaut. „Wenigstens noch nicht auf einem wie diesem.“

„Erstaunlich.“

„Erstaunlich? Wieso?“

„Weil Sie viel eher den Eindruck machen, als gehörten Sie hierher, als wäre das hier Ihre Welt.“

„Nein, so ist es nicht“, wehrte Juliana ab.

„Ich weiß nicht so recht. Sie tragen ein Modellkleid, teure Schuhe …“ Leonard merkte, dass seine Aufzählung sie in Verlegenheit brachte. „Soll ich fortfahren?“

„Wenn es sein muss.“

„Allein Ihr Auftreten, als Sie hier hereinkamen – stolz, selbstbewusst, wie eine Prinzessin. Sie bewegen sich in dieser Gesellschaft mit einer solchen Sicherheit, als wäre Ihnen das alles nicht fremd.“

„Das Kleid, die Schuhe, sogar die Einladung habe ich geschenkt bekommen, sonst wäre ich nicht hier. Normalerweise gehört all das nicht zu meinem Leben.“

Für Leonard stand fest, dass nur ein Mann dahinterstecken konnte. War sie die Geliebte eines reichen, mächtigen Mannes? Auszuschließen war es nicht. Mit ihrer Schönheit hätte sich gewiss jeder Mann gern geschmückt. Eine solche Frau an seiner Seite zu haben war ein Vergnügen. Leonard merkte, wie ihn der Gedanke, dass Juliana einem anderen gehören könnte, empfindlich störte. Es war wie ein Reflex, der urtümliche Instinkt, eifersüchtig über seine Beute zu wachen. Leonard ärgerte sich über sich selbst. Was ging es ihn an, mit wem sie ausging – oder ins Bett? In diesem Augenblick hielt er sie in den Armen. Und wenn er ein bisschen Glück hatte, konnte vielleicht an diesem Abend noch mehr daraus werden.

Der Tanz endete, und sie löste sich von ihm. „Erlauben Sie mir, ein wenig dazu beizutragen, dass dieser Ball so schön und aufregend wird, wie Sie es sich erhofft haben“, sagte er und bot ihr den Arm.

Er wollte sie auch weiterhin ganz nahe bei sich haben. Und unbewusst wollte er wohl allen anderen zeigen: Sie gehört mir. Über die Jahre hatte Prinz Leonard seine Umgebung dahin gebracht, dass jeder respektierte, wenn er nicht behelligt werden wollte. Es war lediglich ein Blick, und wer ihn kannte, verstand ihn sofort und hielt sich daran, vor allem natürlich seine Dienerschaft und seine engsten Vertrauten, die dann alles Störende von ihm fernhielten.

So geleitete er Juliana zum Büfett, das in einem an den Ballsaal grenzenden Vorraum aufgebaut war. Vor ihnen bildete sich spontan eine Gasse, die sie ungehindert durchschreiten konnten. Dort angekommen, nahm sich Leonard einen kleinen Teller, den das Familienwappen der Montgomerys schmückte, und tat einige der köstlichen Speisen auf, die der voll beladene Tisch bereithielt.

An einem Schokoladenbrunnen tauchte er eine Erdbeere in die süße Flüssigkeit und bot sie Juliana an. Sehr zu seinem Vergnügen zögerte sie nicht und biss mit halb geschlossenen Augen genüsslich hinein.

„Kommen Sie, wir ziehen uns ein wenig zurück, um diese Sachen in Ruhe zu uns zu nehmen“, schlug er vor. Darauf führte er sie an den gedeckten Tischen vorbei durch eine der offen stehenden Terrassentüren hinaus in den Garten. Die Kieswege waren dezent beleuchtet. Auch in Bäumen und Büschen waren Lichtquellen verborgen. Nach wenigen Metern bog Leonard scharf nach rechts in einen schmalen Seitenweg ein, dessen Abzweigung auf den ersten Blick nicht zu erkennen war.

„Sie kennen sich hier ja gut aus“, stellte Juliana fest.

„Ja, das eine oder andere Mal bin ich schon hier gewesen“, antwortete Leonard leichthin.

Der Weg mündete in eine Sackgasse, an deren Ende auf einem Rondell ein Gartenpavillon stand, an dessen kunstvollem Gitterwerk sich wilder Wein und Kletterrosen emporrankten. Große weiße Rosen verbreiteten einen betörenden Duft. Der Platz war wie geschaffen für ein romantisches Abenteuer. Leonard brach eine Rose, entfernte mit dem Daumen die Stacheln und steckte Juliana die Blume ins Haar. Dabei versäumte er es nicht, ihr mit dem Handrücken sacht die Wange zu streicheln. So fein und zart wie ihre Haut, dachte er, sind nicht einmal die Blütenblätter der Rose.

„Was hat Sie eigentlich nach Verdonia verschlagen?“, fragte er.

„Ist das so wichtig?“, erwiderte Juliana.

„Nein, überhaupt nicht. Im Augenblick ist nur eines wichtig.“

Er stellte den Teller beiseite. Ans Essen dachte jetzt keiner der beiden. Er ließ seine Hände ihre Arme hinaufgleiten und fuhr dann mit den Fingern in ihre Locken. Als er Juliana an sich zog, wehrte sie sich nicht, sondern sah ihn an.

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