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Der Zauber einer Ballnacht

1. KAPITEL

Francesca Charming glaubte nicht an Märchen und Zauberkraft, auch wenn ihr Nachname etwas anderes vermuten ließ. Als sie das mächtige alte Schloss und die im Seewind flatternde violett-goldene Turmfahne erblickte, geriet ihre nüchterne Weltsicht jedoch ins Wanken.

Langsam ging sie über das Kopfsteinpflaster des riesigen Vorhofs und betrachtete staunend das majestätische Bauwerk. Das aus weißem Stein erbaute sechsgeschossige Schloss lag hoch oben auf einer Klippe, von der aus man einen fantastischen Blick auf den Atlantik hatte. Cremefarbene Marmorstufen führten zu einem massiven Eingangstor aus dunklem Holz. Zwischen den immergrünen Kletterpflanzen, die sich an der Mauer emporrankten, waren Hunderte von Fenstern zu sehen, und zwei weiße Türme ragten hoch hinauf in den strahlend blauen Himmel.

Die märchenhafte Szenerie und die Seeluft mit einem Hauch von Heidekraut, die zu Francesca herüberwehte, ließ sie vollkommen vergessen, warum sie eigentlich hierhergekommen war …

„Willkommen in Llandaron, Miss.“

Sie fuhr zusammen und wirbelte herum. Ein Gärtner trat hinter einer Reihe von Büschen hervor. Er hielt eine Heckenschere in der Hand und zwinkerte Francesca zu. „Zum ersten Mal hier, wie? Es raubt einem den Atem, nicht wahr?“

Der Zauber des Moments war verflogen, und Francesca kehrte in die Wirklichkeit zurück. Sie war nicht nach Llandaron gekommen, um in Kinderträumen zu schwelgen. Sie war in den kleinen Inselstaat gereist, um zu arbeiten – um das Geld zu verdienen, das endlich ihren lang gehegten Traum verwirklichen würde. Und Francescas Traum, ihr großes und einziges Ziel, war, in Los Angeles eine Tierklinik mit einer chirurgischen Abteilung zu eröffnen.

Sie verstärkte den Griff um ihre Arzttasche und sagte in ihrem geschäftsmäßigen Tonfall: „Ja, ich bin zum ersten Mal hier. Heute Morgen angekommen. Ich bin Frau Doktor Charming und suche die Ställe. Ist das der richtige Weg?“

Der Gärtner nickte. „Gehen Sie einfach am Schloss vorbei weiter, und Sie kommen direkt hin. Fragen Sie nach Charlie. Er weiß Bescheid und wird Ihnen alles zeigen.“

„Vielen Dank.“ Francesca setzte ihren Weg fort, wobei sie sich weiter umschaute und jede Einzelheit der traumhaften Umgebung begierig in sich aufnahm.

All die Bücher, die sie über Llandaron gelesen hatte, priesen die „üppige, wilde Schönheit“ der Insel an, die besonders im Frühling beeindruckend sein sollte. Aber diese Beschreibung wurde der Wirklichkeit nicht gerecht. Während Frannie, wie ihre Freunde sie nannten, durch einen großen gepflegten Garten ging, der sanft zu den Stallgebäuden hin abfiel, bewunderte sie die unglaublich grünen Wiesen in der Ferne. Hügel waren mit kleinen roten Blumen übersät, außerdem entdeckte Frannie Heidebüschel zwischen den Sträuchern und alten Bäumen.

Llandaron lag zwar nur zweihundert Kilometer von der südenglischen Küste entfernt, schien aber zu einer völlig anderen Welt zu gehören.

Frannie packte die Griffe ihrer schwarzen Tasche noch fester und hoffte, dass sie Selbstbewusstsein ausstrahlte, als sie das größte der hochmodernen Stallgebäude betrat. Die Pferde drehten nach ihr die Köpfe, sobald sie sich einer Box näherte. Frannie nahm sich die Zeit, jedem die Blesse zu tätscheln, bevor sie den langen Gang entlangschlenderte und nach Charlie, dem Stallburschen, Ausschau hielt.

Bei der letzten Box blieb sie wie angewurzelt stehen. Plötzlich wurden ihre Knie weich, und ihre Kehle fühlte sich mit einem Mal staubtrocken an.

Vor ihr stand ein halb nackter Mann, Frannie den Rücken zugewandt, beförderte er mit einer Forke Heubüschel in die angrenzende Box. Unwillkürlich ließ Frannie ihren Blick von seinen abgenutzten Arbeitsstiefeln aufwärts gleiten und betrachtete die verblichene Jeans, die kräftige, muskulöse Schenkel umspannte … Allmächtiger, dieser Mann hatte einen unglaublich knackigen Po – sexy!

Unwillkürlich befeuchtete Frannie sich die Lippen, während sie ihre Musterung fortsetzte. Er hatte eine schmale Taille und einen breiten, kraftvollen Rücken. Bei jeder seiner Bewegungen spielten die Muskeln unter seiner sonnengebräunten Haut.

Bewundernd seufzte Frannie auf, und zu ihrem Entsetzen drehte der Mann sich bei dem Laut um, merkte, wie sie ihn fasziniert ansah, und grinste.

„Hallo, da drüben.“ Sein Akzent verriet, dass er in Llandaron geboren war. Die Worte schienen wie geschmolzene Schokolade aus seinem sinnlichen Mund zu gleiten und hüllten ihre Sinne in eine wundervolle Wärme ein.

Frannie hatte große Mühe, ihre Stimme wiederzufinden. Normalerweise war sie von Männern nicht so leicht zu beeindrucken, aber dieser hünenhafte Traummann mit seinem schwarzen gewellten Haar, den perfekten Gesichtszügen und tiefblauen Augen war anders als alle Männer, die sie je gesehen hatte.

Ihr Blick glitt zu seiner leicht behaarten Brust und seinen Bauchmuskeln. Er hatte das, was die Mädels in ihrer Praxis ein „Sixpack“ nannten. Kein Wunder, dass ich mich bei dem Anblick kaum beherrschen kann, dachte Frannie und verspürte den starken Drang, seine herrlichen Muskeln zu berühren.

Unter Aufbietung ihrer vollen Willensstärke räusperte sie sich und schlug einen selbstsicheren Ton an. „Sie müssen Charlie sein.“

Er lehnte sich lässig an den Türrahmen, ohne Frannie aus den Augen zu lassen. „Ich muss?“

Weil sie sich nicht sicher war, ob das eher eine Frage oder eine Feststellung war, beschloss Frannie, seine Bemerkung einfach zu ignorieren. Dieser perfekt gebaute Mann brauchte nicht zu wissen, wie sehr er sie verunsicherte.

„Ich bin Francesca Charming – aber eigentlich nennt man mich Frannie.“

„Ah, jetzt weiß ich, wer Sie sind. Die Tierärztin aus Amerika.“

„Genau gesagt aus Kalifornien.“

Sein Blick schweifte langsam über sie, bevor der Fremde wie gebannt ihren Mund betrachtete. „Blond, sonnengebräunt, lange Beine und schöne Augen. Ein typisch kalifornisches Mädchen.“

Ihre beigefarbene Hose und die schlichte blaue Hemdbluse kamen Frannie plötzlich wie sündige schwarze Spitzenunterwäsche vor. Sie merkte, dass sie rot wurde, und ärgerte sich darüber. Herrje, sie kam schließlich aus der Großstadt. Sie wurde nicht rot, wenn ein Mann versuchte, mit ihr zu flirten. Normalerweise ließ Frannie Typen kalt abblitzen, die sich zu viel auf sich einbildeten. Natürlich hoffte sie dabei jedes Mal, dass die Kerle nicht bemerkten, dass ein Teil ihrer Selbstsicherheit und Gelassenheit nur gespielt war.

„Haben Sie genug gesehen?“, fragte sie, wobei sie ihr Kinn hob, was möglichst arrogant wirken sollte. „Oder soll ich mich vielleicht noch umdrehen?“

Er sah sie belustigt an. „Ich glaube, dasselbe könnte ich Sie auch fragen.“

Sie schluckte schwer. Wie wahr!

Wieder zuckte es um seine Mundwinkel. „Nun?“

„Was, nun?“

„Sie haben mir gerade ein Angebot gemacht, Frau Doktor Charming. Und es wäre nur fair, wenn Sie mir Ihren zeigten, nachdem Sie meinen so lange besichtigt haben.“

Ihre Pupillen weiteten sich. „Das habe ich nicht getan! Und … also, ich denk nicht dran, mich umzudrehen … ich habe nur … das war nicht ernst gemeint.“

Er lächelte, was ihr weiche Knie bescherte. „Dann vielleicht ein anderes Mal.“

„Ganz bestimmt nicht!“

Schnell sah sie weg und versuchte, sich an den Grund zu erinnern, warum sie nach Llandaron gekommen war. Ihr Blick schweifte durch das Büro zu ihrer Rechten. Endlich sah Frannie, was sie suchte. Unter einem der offen stehenden Fenster lag ein Wolfshund auf einer großen, weichen Decke. Er hatte einen dicken Bauch und samtig-braune Augen. Der in den Raum fallende Sonnenschein ließ das Fell des herrlichen Tiers glänzen.

Vor zehn Tagen hatte Frannie noch nie etwas von King Oliver oder seiner Wolfshündin gehört. Herrje, sie hatte kaum etwas von Llandaron gehört, bis ihrem Kollegen und Vielleicht-bald-Verlobten Dr. Dennis Cavanaugh ein Job auf der Insel angeboten wurde. Dennis’ hohes Ansehen bei den Berühmtheiten von Los Angeles verschaffte ihm dauernd Einladungen zu allen möglichen außergewöhnlichen und interessanten Orten. Aber dieses Mal musste er sich intensiv um den Mops eines gewissen Hollywoodstars kümmern, sodass er nicht reisen konnte.

Daher hatte er Frannie für den Job empfohlen. Angesichts der großzügigen Bezahlung und Frannies Bedürfnis nach ein wenig Freiraum hatte sie nicht lange überlegen müssen.

Jetzt blickte die werdende Hundemutter zu Frannie auf. Vielleicht fragte der Hund sich, wer sie war und was sie hier wollte. Frannie lächelte.

„Du bist eine wahre Schönheit“, sagte sie und ging die paar Schritte auf das Büro zu. Als sie das Gatter öffnen wollte, das den Stall von dem Büro trennte, spürte Frannie jedoch mit einem Mal eine große Hand auf ihrer. Ein Hitzestrom schoss durch ihren Körper.

„Erlauben Sie, Frau Doktor?“

Frannie atmete geräuschvoll ein und zog ihre Hand unter seiner fort.

„Hoffentlich hab ich Sie nicht verbrannt“, bemerkte er trocken, während er den Riegel hochschob und ihr die Pforte öffnete.

Sie schob sich schnell an ihm vorbei. „Es ist nichts passiert.“

Der Mann lachte leise. „Sind Sie sich sicher?“, murmelte er rau.

Frannie ignorierte seine Frage und eilte zu ihrer Patientin.

Vor Verlegenheit brannten ihr die Wangen. Warum hatte sie bloß so albern reagiert und sich dann auch noch zu so einer dämlichen Bemerkung hinreißen lassen? Frannie hätte ihm überhaupt nicht antworten sollen. Eigentlich sollte sie ihm jetzt sagen, dass er gehen konnte und dass sie von nun an allein zurechtkam. Aber Frannie wusste, dass die Hündin sich in der Nähe eines vertrauten Menschen wohler fühlen würde. Und die Gesundheit des Tieres war wichtiger als ihr lächerliches Herzklopfen.

„Na, wie geht’s dir?“, fragte sie mit ihrer berufsmäßigen Ruhe, als sie sich neben der Hündin hinkniete. Frannies Unbehagen in der Nähe des Stallburschen verflüchtigte sich. Sie war bei ihrer Patientin, dafür war sie schließlich hergekommen. „Wie heißt du denn eigentlich, hmm?“

„Sie heißt ‚Grande Dame Glindaron‘.“ Plötzlich stand der Mann neben ihr und hockte sich ebenfalls auf den Boden. Die Jeans spannte an seinen muskulösen Oberschenkeln. Aus dem Augenwinkel sah Frannie, dass er sich inzwischen ein abgetragenes schwarzes T-Shirt angezogen hatte. „Aber wir nennen sie Glinda.“

„Glinda, aha.“ Frannie ließ die Hündin an ihrer Hand schnuppern. „Wie die gute Hexe?“

„Die gute Hexe?“, wiederholte er.

„Ja, wie die gute Hexe aus ‚Der Zauberer von Oz‘.“ Sie sah zu ihm hinüber. Der Ausdruck seiner Augen wirkte nur verständnislos. „Das ist ein Film.“

„Ach, so was kriegen wir hier nicht.“

Erstaunt musterte sie ihn. „Wie bitte?“

Das Lächeln, das er ihr zuwarf, wirkte beinah listig.

„Sehr witzig, Charlie“, bemerkte sie trocken.

Er sah einen Moment lang zu Boden, und sie war erleichtert – als hätte sie in der zu grellen Sonne einen schattigen Fleck gefunden. Und dennoch konnte Frannie ihren Blick nicht von ihm losreißen, weder von diesem verführerischen Mund noch von diesem atemberaubenden Körper. Diese unwiderstehliche Kombination hätte jede Frau in Versuchung geführt.

Frannie versuchte mit aller Macht, eine Erinnerung an Dennis heraufzubeschwören. Es wollte ihr einfach nicht gelingen. Die tiefblauen Augen des Mannes vor ihr waren machtvoll und durchdringend. Falls er eines Tages von seiner Arbeit im Stall genug haben sollte, konnte er garantiert als Hypnotiseur ein Vermögen verdienen.

„Eigentlich mögen die Llandaroner gute Filme“, sagte Charlie, während er Glinda hinter dem Ohr kraulte. „Und die königliche Familie auch. Ich habe gehört, dass der ‚Zauberer von Oz‘ der Lieblingsfilm des Königs sein soll.“

„Es ist gut zu wissen, dass Seine Majestät einen guten Geschmack hat. In Bezug auf Filme und auf Tiere.“ Frannie öffnete ihre Arzttasche und nahm sowohl ein Fieberthermometer als auch ein Stethoskop heraus. Nachdem sie Glinda Zeit gelassen hatte, sich an die fremde Stimme zu gewöhnen und zu entspannen, konnte Frannie nun mit der Arbeit beginnen. Und ab morgen würde sie den lästigen Stallburschen nicht mehr sehen müssen.

„Sorgen Sie normalerweise für Glinda?“, fragte sie so geschäftsmäßig wie möglich.

„Ich schaue regelmäßig nach ihr.“

„Dann würde ich Ihnen gern einige Fragen stellen, wenn ich darf.“

Er nickte. „Natürlich.“

„Frisst und trinkt sie ausreichend?“

„Sie trinkt viel. Fressen allerdings weniger.“

„Okay. Hatte sie in letzter Zeit Blutungen oder Durchfall? Oder hat sie erbrochen?“

„Nein.“

„Gut.“ Frannie rückte näher zu Glinda. „Könnten Sie sie vielleicht streicheln und ein wenig beruhigen, während ich sie untersuche?“

Er runzelte die Stirn. „Heißt das, dass ich Ihnen assistieren soll, Frau Doktor?“

„Ja … falls es Ihnen nichts ausmacht.“

„Warum sollte es mir etwas ausmachen?“

„Ich möchte Sie auf keinen Fall von Ihrer Arbeit abhalten“, erklärte sie streng.

„Von meiner Arbeit?“

Sie zeigte zum Stall. „Die Boxen reinigen, die Pferde füttern und so weiter.“

„Ach so, ja, natürlich. Meine Arbeit.“ Seine blauen Augen funkelten. „Ich denke, ich kann ein paar Minuten erübrigen.“

Tief in Frannies Innerem regte sich ein Gefühl – ein so ungewohntes Gefühl, dass sie einen Moment lang verwirrt war. Hastig schüttelte sie es ab und fasste sich wieder. „Na gut, aber ich möchte nicht, dass Sie Probleme mit Ihrem Boss bekommen. Sagen Sie es mir also, wenn ich zu viel von Ihrer Zeit beanspruche.“

„Das ist sehr rücksichtsvoll von Ihnen, aber Sie brauchen sich keine Gedanken zu machen“, antwortete er und klang beinah amüsiert. „Mein Arbeitgeber und ich haben ein sehr gutes Verhältnis.“

Nachdem Frannie Glindas Temperatur gemessen hatte, horchte sie ihr Herz und ihre Lungen ab, bevor sie die Herztöne der Welpen überprüfte. Frannie nahm sich viel Zeit mit der glücklicherweise außergewöhnlich gesunden Wolfshündin. Und währenddessen war sie froh, für eine Weile Ruhe vor dem sexy Stallburschen zu haben. Sie hatte sich noch nie in ihrem Leben so stark zu einem Mann hingezogen gefühlt. Nicht einmal zu Dennis.

„Bei Wolfshunden können Schwangerschaften sehr risikoreich sein“, sagte der Mann, als Frannie ihr Stethoskop abnahm und begann, Glindas Augen und Ohren zu untersuchen. „Ich habe gehört, dass Sie auf diesem Gebiet Spezialistin sind.“

„Das Gerücht ist wahr.“

„Gibt es noch andere Gerüchte?“ Er beugte sich näher zu Glinda, als Frannie die Schnauze der Hündin öffnete und sich ihre Zähne ansah.

„Klar, eine ganze Menge.“ Sie versuchte, sich locker zu geben, während sie sich verzweifelt bemühte, den wundervollen Duft des Mannes zu ignorieren. Es war eine berauschende Mischung aus Wildleder und Mann. „Aber es sind alles Lügen.“

„Trotzdem hätte ich nichts dagegen, sie zu hören.“

Sie presste nachdenklich die Lippen aufeinander. „Ich glaube nicht, dass diese Gerüchte passende Themen für die braven, unschuldigen Untertanen von Llandaron sein würden.“

Die Botschaft, die sie in seinem Blick las, war eindeutig: Dieser Mann war weder brav noch unschuldig.

Als ob sie das nicht bereits geahnt hätte.

„Wie gefällt Ihnen Llandaron, Frau Doktor?“, fragte er, und ihre Gesichter berührten sich beinah.

„Ich bin erst seit einigen Stunden hier, aber was ich bisher gesehen habe, ist …“ Plötzlich stockte ihr der Atem, weil sein Blick zu ihrem Mund glitt.

„Eindrucksvoll?“, fragte er, und der Klang seiner melodischen Baritonstimme hüllte Frannie ein wie Seide.

„Ja“, antwortete sie in einem rauchigen Flüsterton, den sie von Filmschauspielerinnen kannte, aber noch nie aus ihrem Mund gehört hatte.

Was passiert hier bloß?, dachte sie verwirrt, als ein Windstoß durch das offene Fenster strömte. Die Luft schmeckte salzig.

Was zum Teufel war mit ihr los? Vielleicht hätte sie in Los Angeles bei Dennis bleiben und den Job jemand anderem überlassen sollen …

Frannie vertrieb diesen irrationalen Gedanken. Sie fühlte sich einfach zu diesem Mann hingezogen, na und? So was passierte nun mal, das war nicht zu ändern. Und ihre Arbeit würde sie deswegen nicht schlechter machen.

„Llandaron ist sehr eindrucksvoll“, sagte der Mann und riss sie aus ihren selbstkritischen Gedanken. „Die Bewohner sind stolz auf ihr Land – auf seine unberührte Schönheit und die Friedfertigkeit seiner Bewohner.“

„Sie haben allen Grund, stolz zu sein. Es ist wirklich atemberaubend schön hier.“ Frannie wandte sich wieder Glinda zu und streichelte ihr drahtiges graues Fell, um das Vertrauen des Tiers zu gewinnen. „Haben Sie schon immer hier gelebt?“

„In Llandaron oder hier im Schloss?“

„Beides.“

„Ja und ja.“

„Dann haben Sie als Kind sicher einige Annehmlichkeiten genossen, wie?“, fragte sie lachend. „Ihre Eltern haben hier gearbeitet, und Sie haben die Nachfolge angetreten, nicht?“

„Ja. Man könnte es einen Familienbetrieb nennen.“

Frannie konnte nicht anders, sie musste ihn einfach ansehen. „Das klingt beinahe bitter.“

„Man kann sich nicht immer aussuchen, was man im Leben tun möchte, Frau Doktor.“

„Ach, das ist doch Unsinn“, widersprach sie entschieden.

Leise lachte er in sich hinein. „Finden Sie?“

„Ja!“ Glinda legte ihren Kopf auf Frannies Knie und schloss die Augen. „Wir haben das Glück, unsere Entscheidungen selbst treffen zu können. Das ist eine einmalige Chance. Andere über uns bestimmen zu lassen, das halte ich für die reinste Vergeudung.“

„Vergeudung von Zeit?“

„Von Leben.“ Wenn Frannie einmal über ein Thema wie dieses zu sprechen begann, war sie nicht mehr zu bremsen. „Mein Vater hat immer gesagt: ‚Das Leben ist ein Geschenk.‘“

Frannies Herz schmerzte bei dem Gedanken an ihren Vater. Er war nun schon fast sechzehn Jahre nicht mehr da. Er war gestorben und hatte sie mit einer Nicht-Familie allein gelassen, deren Mitglieder auch jetzt kaum zu wissen schienen, wer sie war. Frannie war nur ihre Liebe zu ihrem Dad geblieben.

Der Mann neben ihr musterte sie prüfend. „Was ist mit den Kindern des Königs, Frau Doktor? Für die steht die Pflicht an erster Stelle. Der Luxus der Entscheidungsfreiheit existiert nicht für sie.“

„Wieso denn nicht? Sie haben sich eben für die Pflichterfüllung entschieden.“ So wie Frannie sich für den lieben und verlässlichen Dennis entschieden hatte, statt sich an einen jener glatten Schwätzer zu halten, die nur eines wollten. Diese Sorte von Mann machte nämlich die nächste Eroberung, sobald er bekommen hatte, was er wollte. Nein, für Frannie gab es weder Märchen noch Märchenprinzen auf der Welt. Männer, die so aussahen, hielt sie vielmehr für Wölfe in Armanianzügen. Zum Glück war sie nur ein einziges Mal auf das verführerische Gerede eines dieser zahllosen Wölfe hereingefallen.

Kopfschüttelnd richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf Glinda, befühlte den Bauch der Hündin und ertastete die Kleinen, die dort heranwuchsen. „Es ist komisch, wie die Leute die Mitglieder von Königshäusern romantisieren – den feudalen Lebensstil, die Partys und Bälle, die schönen Prinzen und Prinzessinnen und das alles. Anscheinend brauchen die meisten Menschen Märchen.“

„Und Sie tun das nicht?“

„Nein. Nicht mal als Kind habe ich von einem stattlichen Prinzen aus einem Märchen geträumt, wie es so viele kleine Mädchen tun.“

„Und was haben Sie stattdessen getan?“

„Ich hab mich um die verletzten Tiere gekümmert, die sich in unseren Garten verirrt hatten.“

„Und ich wette, Sie haben alle geheilt“, sagte er in scherzhaftem Ton.

„Die meisten, ja. Aber es gab auch einige Dinge, die ich nicht beeinflussen konnte.“ Wie etwa die grausamen Spiele ihrer Stiefbrüder, die ihre kostbaren Tiere versteckt hatten, bis Frannie geweint und um die Freilassung ihrer Schützlinge gefleht hatte.

Frannie verbannte diese Gedanken an die Vergangenheit und lächelte. „Sagen wir einfach, dass ich die Dinge nie durch einen rosa Schleier gesehen habe.“

„Wie sehen Sie denn die Dinge, Francesca?“

„Frannie“, berichtigte sie ihn. „Und ich sehe die Dinge am liebsten durch eine Infrarotbrille. Ich will alle Details sehen, die klare Wirklichkeit. Ich will mich nicht von irgendwelchen Fantasien beeinflussen und täuschen lassen.“

„Aber Fantasien können sehr beglückend sein, wissen Sie.“

Bei seinem Blick wurde ihr unwillkürlich heiß. Als sie aufsah, entdeckte Frannie einen leidenschaftlichen Glanz in seinen Augen. Leidenschaft und Intelligenz. „Vielleicht für kurze Zeit“, sagte sie.

Er lächelte flüchtig. „Und Sie wollen keine flüchtigen Abenteuer?“

Ausweichend sah sie zum Fenster, dann betrachtete sie Glinda, bevor sie angestrengt ihre Arzttasche musterte. „Reden wir immer noch über meine Ansichten vom Leben?“

„Wie alt sind Sie, Francesca?“

„Achtundzwanzig.“

„Für eine so junge Frau sind Sie sehr weise, wissen Sie.“

Sein Kompliment machte sie verlegen. „Ich habe nur eine eigene Meinung, das ist alles“, erwiderte sie geringschätzig.

„Sehr fortschrittlich.“

„Finden Sie?“

Bisher hatte er sein Lächeln verbergen können, jetzt nicht mehr. „Ja, das finde ich.“

„Verzeihen Sie, Eure Hoheit.“

Frannie sah zur Tür, wo ein älterer Mann in Arbeitskleidung stand.

„Guten Morgen, Charlie“, begrüßte der Mann, der immer noch neben ihr hockte, den älteren und klang nun wesentlich förmlicher als eben noch.

Frannies Herz schien einen Schlag lang auszusetzen.

Charlie machte eine tiefe Verbeugung. „Guten Morgen, Eure Hoheit. Seine Königliche Hoheit ist aus der Stadt zurück und wünscht Sie zu sprechen.“

„Danke, Charlie. Sie können gehen.“

Kaum war der echte Charlie gegangen, wirbelte Frannie zu dem Mann herum, den sie für den Stallburschen gehalten hatte. Zu dem Mann, den sie von Kopf bis Fuß gemustert hatte, mit dem sie geplaudert und den sie über die wichtigen Dinge im Leben belehrt hatte.

Aus zusammengekniffenen Augen fixierte sie ihn. „Eure Hoheit?“

„Ich hatte bisher keine Gelegenheit, mich richtig vorzustellen.“ Er neigte den Kopf, ohne sie aus den Augen zu lassen. Sein Blick spiegelte nicht nur grenzenlose Belustigung. „Prinz Maxim Stephan Henry Thorne.“

2. KAPITEL

Maxim beobachtete, wie die bernsteinfarbenen Augen der amerikanischen Schönheit ein tiefes Dunkelbraun annahmen. Wieder einmal verfluchte er das Abkommen, das er vor fast einem Jahr mit seinem Vater geschlossen hatte. Warum zum Teufel sollte er irgendeine humorlose Adlige heiraten, wenn es Frauen wie diese gab?

Noch nie in seinem Leben war er einer Frau mit solch einem Scharfsinn begegnet. Und er bewunderte, wie entschieden diese Tierärztin ihre Ansichten vertrat. Normalerweise fand er diese Eigenschaften nicht sehr reizvoll, aber bei ihr …

Er ließ seinen Blick über sie gleiten. Sie saß da und machte einen eher mürrischen Eindruck. Sie war sichtlich verärgert über das, was er ihr gerade offenbart hatte. Ein Streifen Sonnenlicht beleuchtete ihre erstaunlich schönen Gesichtszüge. Hohe Wangenknochen betonten ihr herzförmiges Gesicht, sie hatte eine makellos gerade Nase.

Auch ohne sie zu berühren, wusste er, dass sie eine seidenweiche Haut hatte. Das Haar fiel ihr in schimmernden blonden Wellen auf die trotzig gestrafften Schultern.

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