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Der Zauber der Dona Magdalena

1. KAPITEL

„Ihr seid ein Lügner, Sir, und ich fordere Euch auf, die Anschuldigungen zurückzunehmen, die Ihr soeben gegen mich erhoben habt!“ Ein bestürztes Schweigen legte sich nach diesen Worten von Lord Chevron über die kleine Schar der um ihn versammelten Höflinge.

Aller Augen richteten sich auf den Mann, der Lord Chevrons Zornesausbruch verursacht hatte. Er war höher gewachsen als die meisten der prächtig gekleideten Herren des königlichen Hofes, die gerade dabei waren, in dem sonnenbeschienen Garten des Palastes zu Whitehall einen Spaziergang zu machen, und sein Haar war ebenso schwarz wie seine augenblickliche Gemütsverfassung. Seine blauen Augen schienen an Härte einem Diamanten zu gleichen. Mit unbewegtem, wie aus Stein gemeißelten Gesicht betrachtete er seinen Gegner, den zu töten er sich offensichtlich vorgenommen hatte.

„Ich wiederhole meine Anklage“, entgegnete Nicholas Tregarron kalt und schneidend. „Ihr seid ein Schänder unschuldiger Mädchen und ein Mörder.“

Ein erregtes Murmeln machte sich unter den Zuschauern breit, die sich inzwischen zu einem Kreis um die beiden Widersacher geschlossen hatten. Die sich anbahnende Tragödie hatte sie in ihren Bann gezogen. Für jeden von ihnen war erkennbar, dass Tregarron die Absicht hatte, einen Zweikampf mit Chevron herbeizuführen. Das war ein äußerst kühnes Unterfangen, hier, im Palast Ihrer Majestät, und es brachte den heißblütigen Mann aus Cornwall in die Gefahr, vom Hofe verbannt zu werden, wenn die Sache Königin Elizabeth zu Ohren käme.

Furcht zeichnete sich auf Lord Chevrons hübschem, aber ausdruckslosen Gesicht ab, und er verfluchte insgeheim sein Pech, das ihn direkt in Tregarrons Arme geführt hatte. Er selbst wusste nur zu gut, was den Zuschauern allerdings unbekannt war, dass der Mann aus Cornwall schon seit Tagen versucht hatte, einen öffentlichen Zusammenstoß mit ihm zu provozieren. Nun hatte er endlich sein Ziel erreicht, und es gab kein Entkommen mehr. Er, Chevron, musste die Herausforderung annehmen, wenn er nicht als Feigling gelten wollte – gar nicht zu reden von den gemeinen Verbrechen der Vergewaltigung und des Mordes, deren Tregarron ihn beschuldigte.

Der bestickte Lederhandschuh in seiner Rechten zitterte leicht, während Lord Chevron langsam auf seinen Gegner zuging. Unmittelbar vor ihm blieb er einen Augenblick stehen und bemühte sich dabei, ein möglichst verächtliches Hohnlächeln zustande zu bringen, denn er wusste, dass jeder hier in der Runde sein Auftreten genau beobachtete. Er war bei Hofe nicht besonders beliebt, obwohl er einer alten und angesehenen Familie entstammte – nicht wie dieser Emporkömmling Tregarron, der nur deshalb in der Gunst der Königin stand, weil dieser seine tolldreisten Manieren gefielen! Ein Aufwallen von Empörung gab Chevron schließlich den Mut, seinen Herausforderer mit dem Handschuh ins Gesicht zu schlagen.

„Ihr werdet wohl so liebenswürdig sein und mir Eure Sekundanten benennen, Sir?“

„Aber gewiss, Sir.“ Ein eisiges Lächeln lag auf Tregarrons Lippen, ein Lächeln, das zugleich eine unbändige Befriedigung zum Ausdruck brachte und damit das Herz des Opfers vor Entsetzen erstarren ließ. „Sir Ralph Goodchild und Anton Barchester haben mir bereits ihre Unterstützung zugesagt.“

Bei der Nennung dieser Namen schwand Chevrons letzte Hoffnung auf eine friedliche Beilegung des Streites mithilfe der gegnerischen Sekundanten, denn diese Männer waren aus demselben Holz geschnitzt wie der Mann aus Cornwall. Wie Tregarron hatten sie ihre Stellung bei Hofe einzig und allein der Tatsache zu verdanken, dass sie junge, kühn blickende und wagemutige Strolche waren. Es ging das Gerücht um, dass alle drei mit einem Kaperbrief von Königin Elizabeth ausgestattet worden waren und jedes spanische Schiff angriffen, das so unglücklich war, ihre Route zu kreuzen. Gleich einer Meute blutgieriger Hunde jagten sie ihre Beute – und diesmal hatten sie ihn selbst als Opfer ausersehen! Chevron erbleichte, als er in die nicht weniger entschlossenen Gesichter der beiden Männer blickte, die in geringer Entfernung Aufstellung genommen hatten. Soeben war sein Todesurteil gesprochen worden – und er wusste das auch.

Mit letzter Kraft blieb Chevron Herr über sich, benannte ebenfalls seine Sekundanten, verneigte sich und ging davon. Krampfhaft versuchte er, das Kichern der Zuschauer hinter sich zu überhören, die sein gespielter Heldenmut offensichtlich nicht recht überzeugt hatte.

„Bei allen guten Geistern, Nick, du hast es geschafft!“ Anton Barchester schlug seinem Freund begeistert auf die Schulter. „Ich hätte nie gedacht, dass du diesen feigen Hund schließlich doch noch dazu bringen würdest!“

Als Nick sich den beiden Männern zuwandte, blitzte in seinen eiskalten blauen Augen Genugtuung auf. „Er hatte keine andere Wahl, wenn er jemals wieder sein Gesicht bei Hofe zeigen wollte. Zwar ist er ein Lump, aber etwas Stolz hat er doch auch. Im übrigen hätte ich die Hundepeitsche genommen, wenn er mich nicht zum Duell gefordert hätte, denn er verdient den Tod für das, was er Catherine und Jack angetan hat.“

Die beiden Männer nickten mit unerbittlichen Mienen. Als sie vor zehn Tagen von einer sehr erfolgreichen Kaperfahrt nach England zurückgekehrt waren, wartete eine schreckliche Nachricht auf sie. Erst im Frühjahr hatte Catherine, Tregarrons liebreizende junge Base, ihren Jugendgespielen Jack Harston geheiratet, einen Mann von edlem und bescheidenem Charakter. Das junge Paar hatte ein Haus bezogen, das Nick ihnen unweit von Tregarron Manor zur Verfügung stellte. Da Catherine die meiste Zeit ihres Lebens auf Tregarron Manor verbracht und die Pflichten einer Schlossherrin übernommen hatte, behielt sie auch nach ihrer Heirat weiterhin die Aufsicht über Nicks Anwesen, wenn dieser auf See war.

Als sie an einem Sommerabend auf dem Weg von Tregarron Manor zu ihrem Heim war, wurde sie von betrunkenen jungen Stutzern, die sich offensichtlich auf einer Zechtour befanden, bedrängt. Catherine setzte sich mutig zur Wehr, doch sie erhielt einen Schlag, der ihr nahezu das Bewusstsein raubte, und in diesem Zustand wurde sie mehrfach vergewaltigt. Als ihr Gatte sie nach Stunden im Wald entdeckte, war sie noch in der Lage, ihm den Namen eines der Unholde zu nennen, bevor sie in seinen Armen zusammenbrach. Noch in derselben Nacht verstarb sie an ihren Verletzungen, und am folgenden Morgen machte sich ihr sonst so sanftmütiger Gemahl auf, Catherines Tod zu rächen. Doch gegen Chevron war Jack Harston chancenlos, denn vor diesem Unglückstag hatte der junge Mann kaum einmal einen Degen in der Hand gehabt. Der Lord erledigte ihn ohne Gnade, und Jack fand seine letzte Ruhestätte neben seiner geliebten Frau auf dem Friedhof der kleinen Kirche, in der sie erst wenige Wochen zuvor ihr Ehegelübde abgelegt hatten.

Seitdem war nahezu ein Jahr vergangen, und Chevron hatte ohne Zweifel angenommen, dass er nunmehr vor Vergeltung sicher sein konnte. Doch jetzt wusste er wohl, dass das ein Irrtum gewesen war! Spöttisch verzog Nick den Mund, als er sich der angstvollen Miene des Schurken erinnerte. Wenigstens einen von Catherines Mördern würde die gerechte Strafe ereilen. Aber noch lebten zwei weitere …

„Ralph, ich möchte, dass du Chevron aufsuchst. Sage ihm, du könntest mich vielleicht überreden, ihn zu schonen, wenn er dir die Namen seiner Spießgesellen von damals mitteilt …“

„Du willst diesen Hund verschonen?“, rief Anton außer sich. „Wenn du nicht die Stirn dafür hast, dann werde ich es an deiner Stelle übernehmen.“

„Nur Geduld, mein hitzköpfiger junger Freund.“ In Nicks Augen blitzte für einen Augenblick Belustigung auf. „Möchtest du nicht auch, dass alle drei die gerechte Strafe trifft? Ralph soll doch nur versprechen, dass er versuchen wird, mich zu überreden … aber er wird natürlich keinen Erfolg damit haben.“ Er warf Sir Ralph einen kurzen Blick zu. „Ich bitte dich nicht gern um diesen Gefallen, Ralph, doch ich fürchte, dass Chevron dieses Geheimnis mit in sein Grab nehmen wird, wenn wir es ihm nicht vorher entreißen.“

Ralph nickte nachdenklich. Er pflegte langsam und bedächtig zu sprechen und war weniger als seine Freunde zu überstürzten Handlungen geneigt. Doch auch er hatte geschworen, dass Catherines Mörder ihre Bluttat mit dem Leben bezahlen sollten.

„Ich muss das wohl übernehmen“, sagte er schließlich, „denn du, Nick, kannst es nicht tun, und Anton würde mit seiner finsteren Miene von vorherein alles verderben. Kein Mann von Verstand würde ihm den Friendensstifter glauben.“

„Dir aber auch nicht, wenn sie dich genauer kennen würden!“, versetzte Anton mit einem wissenden Lächeln.

„Glücklicherweise kennt Chevron ihn aber nicht näher“, sagte Nick ungerührt. „Im übrigen glaube ich nicht, dass Seine Lordschaft der Anführer dieser Schurken war … er hat nicht den Mut dazu, sofern er nicht von anderen dazu aufgestachelt wird. Die beiden Spießgesellen müssen Fremde gewesen sein, sonst hätte Cathy sie erkannt … Mein Gott, ich wünschte, ich wäre bei ihr gewesen, als sie mich brauchte!“ Sein Gesicht verzog sich schmerzlich. „Sie war doch fast noch ein Kind.“

Ralph legte ihm seine große sonnengebräunte Hand auf die Schulter. „Niemand konnte ahnen, was geschehen würde, Nick. Mache dir keine Vorwürfe. Catherine würde das auch nicht wollen.“

„Sicherlich – aber was sie will, ist Vergeltung. Ich höre ihre Stimme bis in meine Träume. Sie ruft mir immer wieder zu, dass ich sie rächen soll.“

„Und das wirst du doch auch“, erwiderte Sir Ralph. „Chevron ist schon jetzt so gut wie tot.“

„Aber die beiden anderen entkommen ungestraft“, murmelte Nick voller Erbitterung. „Ich schwöre, dass ich nicht ruhen werde, bis sie …“ Die weiteren Worte erstarben ihm auf den Lippen, als er einen Mann zielbewusst auf sich zueilen sah. „Verdammt! Hier kommt jemand, dem ich gerade jetzt nicht begegnen möchte.“ Er wandte sich zum Gehen, wurde aber von einer lauten, kommandogewöhnten Stimme zurückgehalten.

„Halt, Tregarron! Ich muss mit Euch reden.“

„Sir, es warten andernorts dringende Geschäfte auf mich.“

„Ja, davon habe ich bereits gehört.“ Sir Francis Drake, der erfolgreiche Kaperkapitän und Vizeadmiral Ihrer Majestät, blickte Nick missbilligend an. „Hol Euch der Kuckuck, Narr der Ihr seid! Wisst Ihr überhaupt, was Ihr angerichtet habt? Ihre Majestät ist wütend. Sie hasst Streitigkeiten bei Hofe, und Chevron hat auch seine Anhänger. Hättet Ihr Euch nicht zumindest einen weniger öffentlichen Ort aussuchen können, um ihn zum Duell herauszufordern?“

„Gewiss doch … aber ich wollte ganz sicher gehen, und so …“

„Und so habt Ihr Euch entschlossen, unsere ganze Arbeit in Gefahr zu bringen, nicht wahr? Ihr wisst, dass wir Elizabeths Wohlwollen brauchen, wenn wir weiterhin die spanischen Schatzschiffe aufbringen wollen. Der Botschafter Spaniens, Graf Mendoza, wurde zwar des Landes verwiesen, weil er in das Komplott gegen den Thron verwickelt war, aber er konspiriert noch immer mit den Geusen, um den Tod von Königin Maria Stuart auf jedem nur möglichen Wege zu rächen. Auch der französische Botschafter beteiligt sich an diesem falschen Spiel, und die Königin wird unentwegt genötigt, etwas gegen jene verwünschten Piraten zu tun, wie man uns zu nennen pflegt.“

„Ihre Majestät sollte König Philipp von Spanien auffordern, seine Armada gegen uns auszusenden. Wir werden sie auf den Grund des Meeres schicken!“

„Kühne Worte, Tregarron!“ Sir Francis runzelte die Stirn. „Das beste wird sein, ihr wiederholt sie im Angesicht der Königin. Sie wünscht augenblicklich Eure Anwesenheit in ihren Gemächern.“

„Könntet Ihr nicht sagen, Ihr hättet mich nicht mehr rechtzeitig ausfindig machen können?“

„Um für diese Mitteilung dann mit einem Aufenthalt im Tower zu bezahlen? Offensichtlich habe ich mehr Respekt vor Ihrer Majestät als Ihr, Tregarron. Kommt Ihr nun mit, oder muss ich Euch erst in Arrest nehmen?“

„Nein.“ Nick lachte kurz auf. „Ich bin nämlich ebensowenig erpicht auf eine Unterbringung im Tower wie Ihr, Sir. Ich folge also Eurer Aufforderung und bin sicher, die Königin wird mir das Duell nicht verbieten, wenn sie den Grund dafür erfährt.“

„Nun, möglich wäre es schon.“ Francis Drakes strenge Miene entspannte sich etwas. „Ihr seid ein verwegener Bursche, und Elizabeth hatte schon immer eine Schwäche für diejenigen, die den Mut aufbringen, ihren Unwillen über sich ergehen zu lassen.“

„Das wisst Ihr selbst doch nur zu gut“, spöttelte Nick. „Also, dann lasst uns gehen, Sir. Wir dürfen Ihre Majestät nicht warten lassen …“

„Bist du endlich fertig, Magdalena?“ Die Miene des dunkelhaarigen Mädchens verdüsterte sich, als sie ihre Cousine in dem weißen Satingewand erblickte, das sie selbst ihr für den heutigen Tag ausgesucht hatte. Das Kleid war von einfachem Schnitt, und den einzigen Schmuck stellte eine dicke Perlenkette mit einem schweren silbernen Kreuz dar, die um Magdalenas schlanken Hals geschlungen war. Doch das junge Mädchen sah bezaubernd darin aus und brauchte in der Tat auch keine andere Zierde als die glänzende Fülle ihres rabenschwarzen Haares. „Vater wartet schon. Du könntest wirklich nun endlich bereit sein!“

„Ich bin schon eine ganze Weile fertig, Isabella, und habe nur noch auf dich gewartet. Ich konnte doch nicht gut ohne dich hinabgehen, nicht wahr?“

Isabella d’Ortega kniff die Augen zusammen vor Ärger. Sie war sich durchaus darüber im klaren, dass Magdalena sich korrekt verhalten hatte. Doch sie war unruhig und aufgeregt, und die beeindruckende Schönheit ihrer Cousine hatte ihr Blut in Wallung gebracht. Wenn nun Don Rodrigo Cortijo von Magdalena mehr beeindruckt sein würde als von ihr selbst? Heute Abend sollte sie zum ersten Male ihrem Verlobten gegenüberstehen, und wenn sie auch wusste, dass es Rodrigo kaum möglich sein würde, den Ehevertrag zu brechen, den er unterzeichnet hatte, ohne zuvor auch nur einen Blick auf seine künftige Braut zu werfen, legte sich Isabella dennoch die Angst wie ein Alp auf die Brust, wenn sie die Cousine betrachtete.

Die Tatsache, dass Magdalena demnächst ihre offizielle Verlobung mit Don Sebastian de Valermo feiern würde, gab ihr dabei nur wenig Trost. Der Don war alt genug, um Magdalenas Vater zu sein, und Isabella hatte eigentlich erwartet, dass sich die Cousine mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln dieser Heirat widersetzen würde. Beide Ortegas, sowohl Vater als auch Tochter, hatten jedoch mit Überraschung zur Kenntnis nehmen müssen, dass Magdalena sich nicht einen Augenblick weigerte, und betrachteten ihre scheinbare Fügsamkeit mit Misstrauen.

Im allgemeinen pflegte Magdalena nicht so bescheiden aufzutreten. Schließlich war sie trotz ihrer zurückhaltenden Aufmachung, die bewusst gewählt worden war, um ihre weniger attraktive Cousine nicht in den Schatten zu stellen, eine reiche Erbin. Zwar stand ihr Vermögen noch in der Treuhandschaft ihres Oheims, doch das schmälerte Magdalenas Stellung keineswegs. Sie hätte auf einen jüngeren, anziehenderen Bräutigam bestehen können, aber anscheinend war sie mit der Wahl Don Sebastians durchaus zufrieden. Isabella konnte das einfach nicht begreifen. Rodrigo war jung und hübsch, und sie hatte sich sofort in ihn verliebt, als sie die Miniatur sah, die er ihr als Verlobungsgeschenk geschickt hatte. Seitdem schwebte sie ständig in Ängsten, dass irgendetwas die von ihr so heiß ersehnte Heirat noch verhindern könnte.

Als Magdalena den Argwohn in Isabellas Blick bemerkte, seufzte sie unhörbar. Sie hatte der Cousine gestattet, das Gewand für sie auszusuchen in der Hoffnung, sie dadurch zu überzeugen, dass sie keineswegs die Absicht hatte, ihr den Bräutigam abspenstig zu machen, doch es schien offensichtlich nutzlos gewesen zu sein. Isabella war schon immer missgünstig gewesen, und nichts würde das verändern können. Manchmal wünschte sich Magdalena, hässlich und arm zu sein. Vielleicht hätten sie und Isabella dann Freundinnen werden können. Aber es wäre wohl auch alles nicht so schwierig, wenn das Schicksal sie beide nicht gezwungen hätte, nunmehr unter einem Dach zu leben. Warum nur hatte der Vater, Don Manuel d’Ortega, auch darauf bestanden, noch eine letzte Fahrt nach Westindien, in die Neue Welt, zu unternehmen …

Tränen stiegen in Magdalenas Augen, als sie sich des Tages erinnerte, an dem die Nachricht vom Tode des Vaters eingetroffen war. Die Mutter war mit versteinertem Gesicht ohnmächtig zusammengebrochen und hatte dann noch ein paar Wochen in einer dämmrigen Welt dahinvegetiert, bis auch ihr Lebenslicht verlosch. Magdalena war elternlos zurückgeblieben, und ihr Oheim wurde zu ihrem Vormund bestimmt. Don José, seit Jahren verwitwet, hatte die Nichte leidlich entgegenkommend in sein Haus aufgenommen, doch Magdalena wusste, dass er wahrscheinlich nicht so großzügig gewesen wäre, wenn er dabei nicht das enorme Vermögen im Auge gehabt hätte, das jetzt ihr Erbteil war. Wie Isabella war er neidisch auf den Reichtum, den sein Bruder aus Westindien nach Spanien gebracht hatte. Von Zeit zu Zeit hatte Don Manuel die lange und gefährliche Seereise auf sich genommen und war jedes Mal mit den bis unters Deck mit Silber beladenen Schiffen zurückgekehrt. Verschiedentlich hatten Piraten seiner kleinen Flotte nachgestellt, doch er hatte sie stets abwehren können, bis zu jener letzten schicksalhaften Begegnung …

Seit Langem schon sagte sich Magdalena, dass es keinen Sinn hatte, sich über Vergangenes zu grämen. Sie bedauerte, dass Onkel und Cousine ihr den Reichtum neideten, doch ihr Stolz verbot es ihr, daran zu verzweifeln. Vor allem war sie stolz auf ihren Vater, den sie bewundert hatte, und auf ihre sanftmütige Mutter, ungeachtet der Tatsache, dass Doña Maria von Geburt aus Engländerin war. Magdalena hatte ihren wunderbaren Teint von Mary Fisher, der Tochter eines englischen Handelsherrn, geerbt. Zwar war ihre Haut nicht ganz so weiß wie die ihrer Mutter, doch das junge Mädchen war nichtsdestoweniger sorgsam darauf bedacht, sie vor den schädlichen Sonnenstrahlen zu schützen. Nie ging sie in den Garten, ohne sich mit einer Spitzenmantilla zu bedecken, und während des Sommers saß sie oft stundenlang in den schattigen Räumen des Hauses, obwohl sie viel lieber in den Olivenhainen hinter dem Landhaus des Oheims umhergestreift wäre. Aber man erwartete von ihr, dass sie sich zurückhaltend und damenhaft benahm, denn sie war die Tochter eines bedeutenden Mannes und würde in eine der besten spanischen Familien einheiraten.

Man hatte Magdalena dazu erzogen, sich in ihr Schicksal zu fügen, und daran lag es wohl auch, dass sie einer Heirat mit Don Sebastian de Valermo so bereitwillig ihr Einverständnis gab. Wenn er auch bedeutend älter war als sie, stellte er doch genau den Typ von Mann dar, den ihr Vater für sie ausgesucht haben würde. Seine Erziehung war tadellos, seine Manieren waren immer korrekt, und sein Reichtum war ihm auf dem Erbwege zugefallen. Darüber hinaus erwies er sich als ein freundlicher, besonnener Mensch, der ihr ein guter Gemahl sein würde, und so war Magdalena durchaus zufrieden mit der Aussicht, in nächster Zeit die Ehe mit ihm zu schließen. Don Sebastian würde sie wenig in Anspruch nehmen, und sie würde genügend Zeit haben, um ihre eigenen Wege zu gehen … Auf seinem Landsitz sollte heute Abend das Festbankett stattfinden – in dem Haus, das nun bald auch ihr Heim sein würde.

„Kommst du endlich? Vater wird ungeduldig werden. Wir haben noch ein gehöriges Stück Weges vor uns.“

Isabellas verdrießliche Stimme unterbrach Magdalenas Gedankengang. Sie nickte kurz und unterdrückte den Wunsch nach einer unfreundlichen Erwiderung, die ihr auf der Zunge lag. Schließlich war die Verzögerung von Isabella selbst verursacht worden, da sie im letzten Augenblick noch die Entscheidung hinsichtlich ihrer Bekleidung am heutigen Abend umgestoßen hatte. Der schwere karminrote Samt, auf den schließlich ihre Wahl gefallen war, harmonierte nicht besonders gut mit ihrer leicht oliv getönten Haut, und Magdalena fragte sich vergebens, warum die Cousine wohl das Gewand aus heller pfirsichfarbener Seide, das eigens für das erste Treffen mit ihrem Verlobten angefertigt worden war, wieder abgelegt hatte. Lag der Grund vielleicht darin, dass sie selbst es zuvor aufrichtig bewundert hatte? Wohl kaum. So töricht konnte Isabella doch nicht sein!

Mit ernstem Gesicht folgte Isabella der Cousine durch den langen halbdunklen Korridor. Wenn Isabella sie wirklich so wenig mochte, wäre es wohl das beste, wenn die Hochzeit so bald wie möglich stattfände, denn danach würde es nur noch wenig Gelegenheiten für ein Zusammentreffen geben, mit Ausnahme der Begegnungen bei den großen Hofgesellschaften.

Isabella eilte beim Anblick ihres Vaters freudestrahlend die flachen Stufen der großen Haupttreppe hinab, und Magdalena verspürte bei diesem Anblick einen leichten Anflug von Neid. Don José liebte seine Tochter. Man sah es an dem herzlichen Lächeln, mit dem er sie willkommen hieß. Es war lange her, seitdem jemand Magdalena ebenso freudig begrüßt hatte, und sie vermisste auf einmal wieder schmerzlich die Liebe ihrer Eltern. Einen Augenblick lang erschien ihr der Kummer fast unerträglich, aber sie kämpfte tapfer dagegen an.

Angestrengt bemühte sie sich, ihrem Gesicht einen ruhigen, gelassenen Ausdruck zu geben und den Aufruhr in ihrem Innern damit zu verdecken. Sie ließ sich auch nicht davon beeindrucken, dass das Lächeln des Oheims erstarb, als er ihrer ansichtig wurde. Bald schon würde sie Don Sebastians Gemahlin sein, und dann würde sie das Recht haben, ihre Zeit träumend oder mit einer Stickerei beschäftigt in ihrem Boudoir zu verbringen, sicher vor der Welt und vor Isabellas Gehässigkeiten. Niemand würde sie mehr verletzen können. Sie hatte schon so viel Kummer ertragen müssen, dass es für ein ganzes Leben reichte, und niemals wieder würde sie um den Verlust eines lieben Menschen trauern müssen. Ihr Gemahl würde freundlich zu ihr sein, aber er würde sie nicht lieben, und sie selbst würde ihn ebenfalls nicht lieben … Diese Heirat war für Magdalena die einzig annehmbare Lösung, und sie war froh, dass ihr Oheim sie veranlasst hatte zuzustimmen. Es war leicht, einer Forderung nachzukommen, wenn sie so völlig mit den eigenen Wünschen übereinstimmte.

„Wenn du dich nicht beeilst, Magdalena, werden wir zu spät kommen“, sagte Don José ärgerlich. „Sollten wir nach Seiner Majestät eintreffen, wäre das eine schwere Beleidigung gegenüber dem König, und wir könnten überdies nicht mehr an der Festtafel Platz nehmen. König Philipp gibt das Bankett zu Ehren der englischen Gesandten, und du bist dazu eingeladen worden, weil du ihre Sprache beherrschst. Möglicherweise wird man dich sogar bitten, als Dolmetscher einzuspringen. Ich hoffe, du bist dir dieser Ehre bewusst?“

„Ich glaube nicht, dass man mich brauchen wird, Onkel. Seine Majestät war mit Mary Tudor verheiratet. Also muss er in der Lage sein, die englischen Gesandten ebenso gut zu verstehen wie ich. Und ich glaube, das gilt auch für einige seiner Minister.“

„Nun, das mag schon so sein, doch den beiden Abgesandten von Königin Elizabeth muss während ihres Aufenthaltes in Spanien jedwede Aufmerksamkeit zuteilwerden. Du wirst einen Platz neben ihnen zugewiesen bekommen und musst dich bemühen, sie gut zu unterhalten. König Philipp ist bestrebt, heute Abend eine angenehme Atmosphäre zu schaffen.“

„Don Sebastian sagte mir, dass Seine Majestät einen Krieg gegen England vorbereitet …“

„In der Tat.“ Don Josés unterbrach Magdalena unwirsch. „Aber wir sind noch nicht ausreichend vorbereitet, um in England einzufallen. Es wird noch Monate – vielleicht sogar Jahre – dauern, bevor wir genügend Schiffe für eine siegreiche Kriegsflotte haben. Zurzeit streitet man sich darüber, wer das Kommando übernehmen soll, und währenddem fahren die verfluchten englischen Hunde fort, uns auf See anzugreifen und unsere Kauffahrer zu versenken.“

„Und da erwartest du, dass ich liebenswürdig zu einem Engländer sein soll?“, fragte Magdalena in gefährlich ruhigem Ton. Ärger brannte in ihr, und sie musste sich sehr bemühen, ihn zurückzuhalten. „Hast du vergessen, dass einer von ihnen den Tod meines Vaters verschuldet hat?“

In Don Josés schlaffe Wangen stieg Röte empor. „Nein, das habe ich nicht vergessen. Aber du musst dennoch deine Pflicht tun. Seine Majestät hat es befohlen, und du musst gehorchen. Im übrigen sind diese Männer Höflinge und keine Piraten. Du kannst sicher sein, dass es keiner dieser Teufel wagen würde, einen Fuß auf spanischen Boden zu setzen. Sie würden sofort arretiert, von der Inquisition als Ketzer verurteilt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden.“

Magdalena betrachtete den Oheim nachdenklich. Sie konnte die Engländer nicht so sehr hassen wie viele ihrer Landsleute, denn ihre Mutter war aus England hierher gekommen. Aber sie hasste alle jene, die nicht viel besser waren als gemeine Mörder und die Weltmeere auf der Jagd nach Beute wie hungrige Wölfe durchstreiften. Einer von ihnen hatte ihren Vater in sein nasses Grab geschickt, und obwohl sie niemals seinen Namen erfahren würde, hasste sie ihn und seinesgleichen aus tiefster Seele und wünschte sich manches Mal, Rache an ihnen nehmen zu können. In solchen Augenblicken wurde ihr Schmerz unerträglich, und sie sehnte sich dann danach, sich in ihre eigene kleine Welt zurückziehen zu können. Nur wenn sie im Gebet vertieft in der dämmrigen Kapelle kniete, konnte sie ihren Kummer vergessen.

„Du hast recht, Oheim“, sagte Magdalena schließlich. „Ein solcher Mann würde nicht so töricht sein und sein Leben dadurch aufs Spiel setzen, dass er hierher in unser Land kommen würde. Im übrigen würde es Königin Elizabeth auch nicht wagen, König Philipp dadurch zu beleidigen, dass sie Piraten als Botschafter zu ihm schickt. Also gut, ich werde den Wünschen des Königs gehorsam sein und tun, was er von mir erwartet.“

„Das freut mich. Ich wusste doch, dass du deine Pflichten erkennst.“ Don José nickte Magdalena befriedigt zu. Er selbst nämlich hatte darauf hingewiesen, dass die unseligen verwandtschaftlichen Beziehungen seiner Nichte zu England für Spanien von Nutzen sein könnten, und hoffte nun insgeheim darauf, dass die Krone sich dafür erkenntlich zeigen würde. „Nun also, die Kutsche wartet, und wir sollten nicht länger säumen.“

„Ich komme mir vor wie in einer Gruft!“ Sir Ralph schauderte theatralisch und warf dabei seinem Gefährten einen amüsierten Blick zu. Nicholas Tregarron war wenigstens so prächtig gekleidet wie ein reicher spanischer Grundherr in weißem Satin mit glänzender Goldstickerei. Von seinem linken Ohr hing ein großer Diamant in Tropfenform herab. „Ich zerbreche mir den Kopf, warum die Leute hier den ganzen Tag das Sonnenlicht aussperren. Sie müssten doch eigentlich daran gewöhnt sein.“

„Du wärest der erste, der sich über die Hitze beklagte, wenn die Fensterläden tagsüber offen bleiben würden. Aber ich weiß, was du meinst. Es ist mir auch schon aufgefallen.“

Nick ließ seinen Blick über den geräumigen Wohnraum wandern, der ihnen für die Dauer ihres Aufenthaltes zugewiesen worden war. Die steinernen Wände waren bis in Schulterhöhe mit blaugrünen Fliesen verkleidet und die schweren, mit Schnitzereien verzierten Möbelstücke aus schwarzbraunem Holz gefertigt. Die schmalen Fenster wurden von kunstvoll gearbeiteten Eisengittern abgeschlossen, und der Fußboden bestand aus grauem Marmor. All dies schuf eine kühle, lautlose Atmosphäre, die ihn an das Innere einer Kirche erinnerte und Sehnsucht nach dem weichen englischen Eichenholz weckte und nach dem Duft von Bienenwachs und Lavendel. Mit einem leichten Lächeln hob er die Schultern.

„Nun, wir sind nicht zu unserem Vergnügen hier, Ralph, also höre auf, dich zu beklagen. Je früher wir unsere Mission erfüllt haben, desto eher können wir uns wieder auf den Heimweg machen.“

„Ich wäre ebenso gern in den Tower gegangen wie mit diesem Auftrag nach Spanien“, sagte Sir Ralph mit düsterer Miene.

„Und es wäre schließlich auch der Tower geworden, wenn ich den Auftrag abgelehnt hätte“, erwiderte Nick sarkastisch. „Ihre Majestät verbot das Duell und ließ Chevron ins Gefängnis werfen. Sie hat mir versprochen, dass man ihn dazu bringen wird, die Namen seiner Kumpane preiszugeben, bevor er vor Gericht gestellt wird.“

„Für den armen Teufel wäre es besser gewesen, wenn ihn die Spitze deines Degens durchbohrt hätte!“

„Nun ja, das glaube ich auch.“ Nick verzog grimmig das Antlitz, als er sich vor Augen hielt, mit welchen Methoden man Chevron zum Reden bringen würde, wenn er nicht freiwillig mit der Sprache herausrückte. „Ich wette, es gibt keine großen Unterschiede zwischen einer spanischen und einer englischen Folterkammer.“

Sir Ralph bemerkte das Aufblitzen in den Augen des Freundes und runzelte die Stirn. „Dein Vater … du hast es all die Jahre hindurch nicht verwinden können?“

„Er war ein gebrochener Mann, als die Inquisition ihn aus ihren Fängen ließ, und ich habe manchmal gedacht, es wäre besser für ihn gewesen, wenn sie ihn umgebracht hätten, Ralph. Stattdessen musste ich zusehen, wie er langsam, Stück für Stück, starb. Bei Gott, wenn ich jemals diese Teufel in die Hände bekommen würde …“

„Still, mein Freund! Bedenke, wo du dich befindest. Obwohl diese Wände sehr dick zu sein scheinen, kann es dennoch Ohren geben, dich sich dagegen pressen.“

„Da magst du recht haben. Und zudem sind wir ja hier, um den Frieden voranzubringen. Frieden!“ Nick gab ein raues Lachen von sich. „Elizabeth hat einen eigenartigen Sinn für Humor, nicht wahr? Ich frage mich, was sie getan hätte, wenn wir nicht bereit gewesen wären, diese Mission zu übernehmen.“

„Ich vermute, sie hätte uns hängen lassen und unsere Köpfe dem spanischen König zum Geschenk gemacht.“ In Sir Ralphs dunklen Augen glomm ein Funken Humor auf.

Nick lächelte. „Immerhin war sie klug genug, nicht auch Anton mitzuschicken. Er hätte sein Temperament nicht einmal lange genug zügeln können, um den Gastgeber höflich zu begrüßen, ganz zu schweigen von diesem verwünschten Bankett heute Abend.“

„Das uns zu Ehren gegeben wird“, erinnerte ihn Sir Ralph. „Wir sollten uns jetzt in Bewegung setzen, wenn wir nicht zu spät kommen wollen.“

„Ich wünschte mich ein paar Tausend Meilen weit fort von hier“, erwiderte Nick aus tiefstem Herzen. „Aber wir müssen dem Befehl Ihrer Majestät gehorchen, selbst wenn ich Gefahr laufe, an den Liebenswürdigkeiten, die ich von mir geben muss, anstatt meinen Degen ziehen zu dürfen, zu ersticken …“

Ralph schüttelte tadelnd den Kopf, und Nicks Ärger verschwand so schnell, wie er gekommen war. „Nun, dazu wird es später noch genug Gelegenheiten geben … wenn diese Komödie vorbei ist. Also nun kommt, Sir! Warum zögert Ihr noch?“

„Ich bewundere gerade deine Kleiderpracht“, spöttelte Sir Ralph. „Ist das wirklich derselbe Nick Tregarron, der jeden hartgesottenen Seebären in Angst und Schrecken versetzen kann?“ Er schüttelte sich vor Lachen über Nicks empörte Miene. „Friede, mein Freund! Ich konnte der Versuchung einfach nicht widerstehen, diesen Witz loszuwerden.“

„Du hast doch nicht etwa erwartet, dass ich Ihre Majestät durch meinen Aufzug in Verlegenheit bringe. Sollte ich vielleicht in ledernen Hosen kommen und in einem Wams voller Salzwasserflecke?“ Nick hob die Brauen. „Oder fürchtest du, ich steche dich aus?“

Da Sir Ralphs Kleidung zwar aus dem feinsten Material, aber von dunkler Farbe war, rief diese Frage lediglich ein mitleidiges Lächeln bei ihm hervor. Die beiden Männer waren einander zugetan wie Brüder, und ihre Freundschaftsbande wurden in der Hitze vieler Schlachten geschmiedet, in denen nur ihr Verstand und ihr Mut zwischen ihnen und dem sicheren Tod standen. Und dennoch war ihr gegenwärtiger Auftrag wohl der gefährlichste von allen. Sie wussten beide, dass sie sofort verhaftet und der Inquisition übergeben würden, wenn man ihre wahre Identität auch nur ahnte. Es war die reinste Tollheit gewesen, Elizabeths Herausforderung anzunehmen. Doch keiner der beiden Männer hatte eine Ablehnung auch nur in Erwägung gezogen.

Als ihr Vorschlag so prompt akzeptiert worden war, hatten Elizabeths Augen geglänzt. Sie war sich bewusst gewesen, was diese Männer riskierten, und ihre Kühnheit hatte sie entzückt.

„Wir sind sicher, dass Philipp von Spanien Unser Feind ist“, hatte sie gesagt. „Er möchte zwar, dass Wir etwas anderes denken, aber Uns ist bekannt, dass er immer nach Unserer Krone getrachtet hat. Da Wir jedoch nicht gewillt sind, sie mit ihm zu teilen, möchte er sie Uns entreißen. Geht zu ihm mit Höflichkeiten und Geschenken, Unsere tapferen Freunde. Redet vom Frieden, aber gebraucht eure Augen und euern lebhaften Verstand, der euch bis jetzt immer vor diesen Männern in Sicherheit gebracht hat. Wir wissen, Wir können Uns darauf verlassen, dass ihr Uns die Wahrheit mit zurückbringt. Ihr seid keine solche Narren, wie manch andere, die Uns dienen! Ihr lasst euch nicht umgarnen von falschem Lächeln und von honigsüßen Worten.“

Diesen Auftrag, der in Wirklichkeit ein Befehl war, konnten Nick und Sir Ralph nicht ablehnen, zumal die Königin auch noch Nicks Rachepläne durchkreuzt hatte. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als darauf zu vertrauen, dass Chevron nach den Gesetzen Englands bestraft werden würde. Das bedeutete, dass man ihn hängen und seinen am Galgen verrottenden Körper den Raben zum Fraß überlassen würde.

Da ihnen keine andere Wahl blieb, ritten Nick und sein Gefährte noch in derselben Nacht nach Portsmouth, wo sie die „Tregarron Rose“ verproviantierten und mit der Morgenflut die Segel setzten. Eine ruhige Überfahrt brachte sie nach Cadiz, von wo aus sie sich zu Pferde nach Jerez aufmachten. Dort waren sie zu Gast bei einem reichen Kaufmann, der für seine edlen Weine Handelsverbindungen nach England geknüpft hatte und demzufolge sehr an einem friedlichen Verhältnis zwischen Spanien und England interessiert war. Der Mann war auf seine Art ehrlich, aber weder Nick noch Ralph vertrauten ihm wirklich. Ein Spanier blieb ein Spanier. Das Misstrauen gegenüber den Menschen auf der Iberischen Halbinsel war zu tief in ihnen verwurzelt.

Dennoch gelang es ihnen, ihre wahren Gefühle unter Kontrolle zu halten, als sie sich zu dritt zu dem Festbankett in dem Haus eines Landedelmannes aufmachten, der sein Grundstück als neutralen Boden für die anschließenden Gespräche in den kommenden Tagen zur Verfügung gestellt hatte. Don Sebastian de Valermo genoss selbst in England den Ruf eines Ehrenmannes, und da er persönlich die Sicherheit der Gesandten garantiert hatte, waren die beiden Engländer bereit gewesen, sich so weit von ihrem Schiff zu entfernen.

Der Don empfing sie in dem fliesenbelegten Hof seines Landhauses. Sein elegantes schwarzsamtenes Gewand unterstrich den Silberglanz seiner Haare und seines gepflegten Bartes.

„Willkommen in meinem Hause, Señores. Eure Anwesenheit ist mir eine Ehre“, sagte er mit einer höfischen Verneigung. „In Kürze wird auch Seine Majestät hier eintreffen. Wollt Ihr mir bitte folgen.“ Er wandte sich um und wies seinen Gästen den Weg.

Das Haus ist ja fast ein kleiner Palast, dachte Nick, als er seine Ausmaße wahrnahm. Der maurische Einfluss war deutlich erkennbar an den runden Bögen und den Kuppeldächern der Seitenflügel, die kleine versteckte Gärten umschlossen, in denen Springbrunnen in winzigen Teichen plätscherten und sich schmale Bäche zwischen Orangen- und Zitronenbüschen hindurchschlängelten, an denen eine Unmenge halb reifer Früchte hing. Das Haus selbst war kühl und schattig mit gefliesten Wänden und schmalen Fenstern. Der Don war ein kunstsinniger Mann und hatte seinen Landsitz angefüllt mit Produkten künstlerischen Schaffen aus allen Teilen der Welt. Kostbare Seide aus dem Fernen Osten umhüllte die kalten Marmorbögen. Persische Teppiche waren wie von ungefähr auf dem Fußboden verteilt, so als sollten sie den Reichtum ihres Besitzers belegen. Vielarmige Kandelaber, hohe verzierte Gefäße und Schilde mit dem Wappen der Valermo erglänzten in purem Silber.

„Überwältigend …“, murmelte Ralph. „Ein Jammer, dass wir nicht Hand an die Dinge legen können …“

Nick aber vernahm die Worte des Freundes kaum noch. Sie hatten soeben einen großen saalartigen Raum betreten, in dem bereits einige Personen offensichtlich zur Begrüßung der heutigen Ehrengäste versammelt waren. Eine junge Frau stand etwas abseits an einem der Fenster. Sie machte einen in sich gekehrten Eindruck, und ihre Augen schienen in eine Welt zu blicken, die nur für sie sichtbar war. Nick war tief beeindruckt von ihrer Schönheit und von der Trauer in ihrem Blick. Dann wandte sie sich zu ihm und sah ihn an …

Magdalena sah aus dem Fenster. Die Gärten sind bezaubernd, dachte sie und so friedlich an diesem warmen ruhevollen Abend. Sie konnte den Duft der Blüten wahrnehmen und den süßen Gesang der winzigen Vögel hören, die wie bunt glänzende Edelsteine durch die Zweige flatterten. Wie schön musste es sein, allein über die kiesbestreuten Wege spazieren zu dürfen, fernab von all diesen Leuten, an deren Gesellschaft ihr nichts lag.

Nachdem sie Isabellas Verlobten begrüßt hatte, war Magdalena in eine der Fensternischen getreten. Rodrigo sah hübsch aus mit seiner bronzefarbenen Haut, seinen dunklen, blitzenden Augen und seinem lockigen schwarzen Haar. Sie hatte Bewunderung in seiner Miene lesen können, als er sie ansah, mehr als schicklich war für einen Mann, der mit einer anderen verlobt war. Magdalena kannte diese bewundernden Blicke von anderen Männern und wusste, dass Rodrigo sie begehrte. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als sich vor ihm zurückzuziehen. Schönheit wie die ihre konnte ein Fluch sein … das hatte sie schon mehrfach verspürt und seitdem versucht, sie so gut wie möglich zu verhüllen.

Magdalena mochte es nicht, wenn Männer sie auf diese Weise ansahen, und sie tat alles, um nicht jenen Wesenszug der Männer anzusprechen, der ihr zuwider war. Eine schöne Frau sollte eine kostbare Zierde sein, die man umsorgen und verehren musste und nicht so unverschämt anstarren durfte. Es gab andere weibliche Wesen zur Befriedigung der niedrigen Triebe eines Mannes – das hatte Doña Maria sie gelehrt, und ihr eigenes beschütztes Dasein gab ihr keinen Grund, an der Richtigkeit dieser Behauptung zu zweifeln.

Als sie den Klang von Schritten vernahm, wandte sich Magdalena heimlich seufzend vom Fenster ab. Don Sebastian kehrte mit den englischen Gesandten zurück, und es war an der Zeit, dass sie ihren Pflichten nachkam. Ihr Blick wanderte von den überfeinerten, kultivierten Zügen ihres künftigen Gemahls zu dem hochgewachsenen Mann an seiner Seite, und einen fürchterlichen Augenblick lang schien ihr Herzschlag auszusetzen. Nie zuvor hatte sie einen solchen Mann gesehen!

Er schien arrogant und stolz zu sein, doch diese Eigenschaften waren Magdalena nicht fremd. Irgendetwas anderes, Unbestimmbares war um ihn – eine männliche Lebenskraft, ein tief verwurzeltes Bewusstsein der eigenen Stärke, die ihr noch nie begegnet waren. Es schien, als besäßen diese hellen blauen Augen die Macht, bis in ihre Seele zu blicken, und sie fühlte sich erschreckend wehrlos ihm gegenüber. Am liebsten wäre sie Hals über Kopf davongelaufen, ehe es zu spät war, doch das war natürlich unmöglich. Sie war Don Sebastians Braut und hatte sich so zu benehmen, wie man von ihr erwartete. Schon kam er mit seinem Gast lächelnd auf sie zu. Dieses Lächeln beschwichtigte ihre Angst etwas. Don Sebastian würde sie beschützen. In seiner Nähe war sie sicher.

„Doña Magdalena, welche Freude, Euch heute Abend hier zu sehen. Ihr besucht uns viel zu selten.“

Magdalena wurde der Gestalt in dem schwarzen Talar an ihrer Seite nur unbestimmt gewahr. Pater Ludovic war der Beichtvater von Don Sebastian, und sie mochte ihn nicht besonders leiden, denn sie fühlte sich in seiner Gegenwart immer merkwürdig bedrückt. Doch in diesem Augenblick schenkte sie ihm keinerlei Aufmerksamkeit. Es schien ihr, als brenne sie in den Feuern der Hölle und sei doch zu gleicher Zeit eiseskalt. Irgendetwas hatte Besitz von ihr ergriffen. Magdalena erschauerte und fürchtete, ohnmächtig zu werden, wenn sich diese hellen blauen Augen nicht sogleich von ihr abwandten.

Ein paar Schritte vor ihr blieb Don Sebastian stehen und wies mit einer würdevollen Handbewegung auf seine Gäste. „Magdalena, darf ich Euch Sir Ralph Goodchild und Señor Nicholas Tregarron vorstellen.“

Der ruhige, höfliche Ton ihres Bräutigams dämpfte Magdalenas Furcht, obwohl ihr Herz immer noch heftig schlug, als sie den beiden Männer anmutig ihre Hand entgegenstreckte. Der ältere Mann lächelte sie freundlich an, streifte ihre Fingerspitzen kaum mit dem Mund und verneigte sich ritterlich dabei, aber der andere … Der andere ergriff ihre Hand und zog sie an seine Lippen. Bei dieser Berührung erfüllte ein brennender Schmerz Magdalenas Körper, sodass sie beinahe aufgeschrien hätte. Nur die jahrelange Übung im schicklichen Benehmen ermöglichte es ihr, sich zu beherrschen.

„Doña Magdalena, ich bin entzückt, Eure Bekanntschaft zu machen. Ich fürchtete schon, dass der heutige Abend sehr lang werden würde. Doch nun glaube ich fast, dass er viel zu kurz sein wird.“

Dieses charmante Kompliment kam von Sir Ralph, und Magdalena war sich bewusst, dass sie darauf entsprechend zu antworten hatte. Doch der andere Mann ließ ihre Hand nicht los. Er blickte sie so eindringlich an, dass sie förmlich spürte, wie ihr die Röte in die Wangen stieg. Ihre Finger bebten unter seinem Griff, und nun schien auch er ihre Zwangslage zu erkennen.

„Verzeiht“, murmelte er und gab ihre Hand frei.

„Ich heiße Euch willkommen, Sir Ralph“, sagte Magdalena endlich und lächelte über das Erstaunen der Gäste wegen ihres perfekten Englisch. „Master … Master Tregarron, ich glaube, Ihr seid mein Tischnachbar.“

„Ich dachte mir doch gleich, dass dieser Teint englischen Ursprungs sein musste!“, rief Nick. „Ich habe Euch in ungehöriger Weise angestarrt, ich weiß … aber Ihr erinnert mich an jemanden, den ich einmal gekannt habe.“

„Meine Mutter war Engländerin“, erwiderte Magdalena, und ihre Angst verging beim Anblick des Schmerzes in Tregarrons Blick. Also war sie es nicht gewesen, die sein Interesse geweckt hatte, sondern nur ihre Ähnlichkeit mit einer Frau, die er gekannt … nein, die er wahrscheinlich geliebt hatte. Instinktiv wusste sie, dass er diese Frau sehr geliebt haben musste und dass irgendetwas geschehen war, das ihn sehr getroffen hatte. Das Wissen darum war plötzlich in ihrem Innern entstanden, so wie sie des Öfteren auf einmal Dinge erahnte, die niemals ausgesprochen worden waren. Es war eine Gabe, die sie von der Natur mitbekommen hatte … oder vielleicht auch ein Fluch. Denn es gab Zeiten, in denen sie lieber nichts hätte im Voraus wissen mögen. Auch damals, noch ehe die Nachricht vom Tod ihres Vaters eingetroffen war, hatte sie bereits gespürt, dass etwas geschehen würde. Und dasselbe war ihr eben jetzt widerfahren, da der Engländer sie so eindringlich angesehen hatte!

Der Klang von Hörnern holte Magdalenas Gedanken eilig in die Gegenwart zurück. Ein Schweigen legte sich über die kleine Gesellschaft. Seine Majestät war soeben eingetroffen. Sie versank in einen tiefen Knicks und hielt das Haupt gesenkt, bis der König und seine Minister vor ihnen standen. König Philipp begrüßte Don Sebastian und die englischen Gesandten und wandte sich dann an Magdalena, die sich aus der Verneigung wieder erhoben hatte.

„Doña Magdalena, Eure Gegenwart erfreut Uns sehr. Don Sebastian ist wahrlich zu beneiden. Wann können Wir die Einladung zu Eurer Hochzeit erwarten?“

Der König war prunkvoll gekleidet in schwarzen mit Diamanten und Perlen bestickten Brokat. Sein sorgfältig gestutzter Bart berührte fast die Halskrause aus Silberspitze, und am Zeigefinger seiner rechten Hand funkelte ein mächtiger Rubin. Doch Philipp von Spanien lächelte die junge Braut seines Gastgebers huldvoll an, und Magdalena verspürte plötzlich keinerlei Angst mehr vor ihm.

„Diese Frage muss Euch Don Sebastian beantworten, Majestät. Ich für meinen Teil erwarte das Glück, seine Gemahlin werden zu dürfen, höchst ungeduldig.“

Der König nickte beifällig. Don Sebastian hatte eine gute Wahl getroffen. Das Mädchen war schön und sittsam und besaß gute Manieren. Er bot der jungen Frau galant den Arm und setzte sich mit ihr an die Spitze des Zuges in den Bankettsaal, wo auf langen Tafeln silberne Teller standen und kostbare Kristallschüsseln mit auserlesenen Früchten und Konfekt.

Magdalena hatte ihre kühle, distanzierte Haltung wiedergewonnen und merkte nichts von den Augenpaaren, die ihr folgten. Sie fühlte sich behütet und sicher und ahnte nichts von der verborgenen Eifersucht, dem Misstrauen und dem heißen, brennenden Verlangen, die sie unwissentlich ausgelöst hatte. Als sie den Ehrenplatz zwischen dem König von Spanien und seinen englischen Gästen einnahm, konnte sie noch nicht voraussehen, dass die Tage ihrer Unschuld nunmehr gezählt waren und dass sie schon bald von einem schrecklichen Schicksal eingeholt werden würde, schlimmer als ein Angsttraum …

Nick beobachtete, wie das schöne Mädchen am Arm des spanischen Königs durch den Saal schritt. Als er in diese wunderbaren grünen Augen geblickt hatte, war ihm in ersten Augenblick die Erinnerung an Cathy gekommen. Doch die Ähnlichkeit war nur flüchtig und schwand wieder, als die Fremde begonnen hatte zu sprechen. Cathy hatte einem Kinde geglichen, lebensbejahend und voller Freude am Dasein. In diesem spanischen Mädchen jedoch war Kälte … und Furcht. Nick begriff nicht, warum sie Angst vor ihm hatte. Cathy hatte nie Angst gekannt. Doch sie war nun tot, und der brennende Schmerz darob in seinem Herzen schien nie schwinden zu wollen.

„Sie ist sehr schön“, sagte Ralph leise neben ihm. „Hast du diese Augen gesehen?“

„Viel zu schön“, murmelte Nick. „Es dürfte sich für die spanischen Hidalgos empfehlen, ihre Gemahlinnen hinter Schloss und Riegel zu bringen.“

„Was meinst du damit?“, fragte Ralph verwundert, doch dann bemerkte auch er die Blicke, die einige der anwesenden Männer auf die schöne junge Frau warfen, und nickte. „Begehrlichkeit ist eine garstige Sache, insbesondere von seinesgleichen.“

Nick setzte eine grimmige Miene auf. „Der junge Edelmann dort drüben ist offensichtlich verliebt, aber ich glaube nicht, dass ihr von ihm Gefahr droht … aber der andere …“

Ralph runzelte die Stirn über Nicks zorniges Knurren. „Wahrscheinlich trägt er ein Bußgewand seiner Sünden wegen. Nun, die Sicherheit des Mädchens ist ja nicht deine Angelegenheit – und die heiligen Gelübde werden den Mann schon daran hindern, seinen Gelüsten nachzugeben.“

„Ich hasse diese scheinheiligen Heuchler, die sich unter dem Priesterornat verstecken. Er würde uns ohne Bedenken auf den Scheiterhaufen schicken um des Glaubens willen und wirft zugleich lüsterne Blicke auf ein unschuldiges junges Mädchen!“

Nicks Gesicht war bleich vor Zorn, und er tastete unwillkürlich nach dem Degen an seiner Seite. Hass auf die Inquisition und auf die schwarzberockten Patres, die ihr dienten, brannte wie Feuer in ihm. Die leichte Ähnlichkeit der jungen Spanierin mit Cathy hatte ihn aus dem Gleichgewicht gebracht, und er verspürte den Wunsch, jenen Mann umzubringen, der es wagte, sie mit solch unverhülltem Verlangen zu betrachten. Doña Magdalena war nicht seine liebreizende kleine Cousine, aber sie war unschuldig und anmutig … und er fühlte, dass sie Schutz brauchte.

„Gemach, mein Freund!“ Ralphs ruhige Stimme dämpfte die Wallung seines Blutes. „Gedenke des Auftrages, der uns hierher geführt hat.“

Nick holte tief Atem. Ralph hatte recht. Man konnte nicht jeden Mann umbringen, der ein Mädchen begehrlich ansah. Zum Teufel, er selbst hatte seinen Anteil an Frauen im Bett gehabt. Aber sie waren alle von selbst bereit dazu gewesen und freiwillig zu ihm gekommen. An diesem Kerl in der schwarzen Soutane aber, der bewegungslos an der Seite stand, während die Gäste ihre Plätze an der Tafel einnahmen, war etwas, das ihm die Kehle zuschnürte. Nach außen spielte er den demütigen, ehrsamen Mann der Kirche, aber einen Herzschlag lang hatte sein Blick die Schlange enthüllt, die in ihm nistete. Nick konnte sich nicht erklären, warum er das sichere Gefühl hatte, dass der jungen Spanierin Gefahr von ihm drohte. Doch wie Ralph schon sagte, es ging ihn nichts an …

Trotz ihrer englischen Mutter war das Mädchen Spanierin bis ins Innerste. Sie war kühl, stolz und bereit, einen Mann zu heiraten, der beinahe ihr Großvater sein konnte. Sie würde es ihm, Nick, kaum danken, wenn er so töricht wäre, sie zu warnen. Und im übrigen würden sie in ein paar Tagen bereits wieder auf dem Heimweg nach England sein …

Magdalena erhob sich von ihrem Betstuhl. Die Andacht hatte ihr neue Kraft gegeben. Eine schlaflose Nacht lag hinter ihr, und nun, nachdem sie ihr Herz dem Einzigen geöffnet hatte, dem sie alles bekennen konnte, fühlte sie sich wohler. Sie war gewiss, dass Gott immer bereit war, auf ihre Gebete zu hören, auch wenn sie es nicht über sich bringen konnte, bei Pater Ludovic die Beichte abzulegen. Der Gedanke, dass er fest damit rechnete, wenn sie erst Don Sebastians Gemahlin war, bedrückte sie etwas. Sie konnte nicht einsehen, warum sie ihre geheimsten Gedanken mit einem Beichtvater teilen sollte, wenn doch Gott jederzeit ihre Gebete entgegennahm. Einmal hatte sie versucht, Pater Ludovic diese Überlegungen nahezubringen, doch er war sofort außer sich gewesen.

„Das sind die Wege eines Ketzers“, hatte er mit glühenden Augen ausgerufen. „Sie kommen vom Teufel. Vertreibt sie aus Euerm Kopf, ehe Satan Besitz von Euch ergreift.“

Ständig warnte der Priester sie vor den Gefahren der Sünde, aber Magdalena war zu stolz und selbstbewusst und zu frei in ihren Gedanken, und so wehrte sie sich hartnäckig gegen seine aufgenötigte geistliche Führung.

Als Magdalena den Pater am Eingang zur Kapelle erblickte, seufzte sie leise. Sie hatte gehofft, nach dem Bankett in das Haus ihres Oheims zurückkehren zu können, aber Don Sebastian hatte darauf bestanden, dass sich seine Gäste noch einige Tage in seinem Landsitz aufhielten. Rodrigo war ein entfernter Verwandter von ihm, und aus diesem Grunde hatte er auch das Zusammentreffen mit Isabella unter seinem Dach in die Wege geleitet. Jeder wäre verärgert gewesen, wenn Magdalena auf ihrer Abreise bestanden hätte, und so bewohnte sie jetzt die kostbar ausgestattete Zimmerflucht, die bald ihr Heim sein würde. Die Kapelle verband diese Räume mit den Gärten, und sie musste sie zwangsläufig durchqueren, wenn sie die übrigen Gäste treffen wollte, die außerhalb des Hauses auf sie warteten.

„Ihr habt gebetet, Doña Magdalena.“ Die Worte des Priesters klangen beinahe wie ein Vorwurf. „Ich hatte gehofft, Ihr würdet mich rufen lassen.“

„Ich hatte nichts zu beichten“, erwiderte Magdalena kühl. Warum nur beunruhigte sie die Nähe dieses Mannes so sehr? „Wenn ich das Bedürfnis dazu verspüre, werde ich nach Euch schicken.“

Pater Ludovic kniff die Augen zusammen. „Ihr solltet die Beichte nicht so vernachlässigen, Doña Magdalena. Absolution kann nur von einem Priester gegeben werden.“

„Und warum?“ In Magdalenas Augen blitzte der Ärger auf. Wie konnte Pater Ludovic es wagen, sich in ihre ganz persönliche Welt zu drängen? „Ich fühle mich Gott näher, wenn ich zu ihm bete. Warum sollte ich Euch meine Gedanken mitteilen? Nur Gott kann meine Sünden über richten …“

Der Priester bekreuzigte sich. „Wisst Ihr gar nicht, wie tief Ihr bereits in der Sünde verstrickt seid, Doña Magdalena. Eure Worte lästern Gott und …“

„Nur, weil ich mich nicht Euern bigotten Vorstellungen beuge? Wer hat Euch denn zum Schiedsrichter zwischen mir und Gott ernannt? Ich glaube, er hört genauso bereitwillig auf mich wie auf Euch als Mittelsperson.“ Magdalena warf stolz den Kopf zurück. „Und nun entschuldigt mich, denn ich werde erwartet. Ich darf unsere Freunde nicht verärgern.“

Sie eilte an dem Pater vorüber, und die Röcke ihres langen, schweren Gewandes raschelten über den gefliesten Fußboden. Als sie aus der Tür der Kapelle trat, sah sie Rodrigo neben dem Springbrunnen stehen und lief eilig auf ihn zu, ohne auf die zornigen Blicke zu achten, die ihr folgten.

„Ich wurde aufgehalten“, rief sie schon von Weitem, denn sie war froh, dem Priester aus den Augen zu kommen. „Habt Ihr schon lange gewartet?“

Rodrigos Miene hellte sich auf, als er Magdalena erblickte. Er kam auf sie zu, nahm ihre Hand und küsste sie auf die Wange. „Magdalena“, sagte er. „Ihr habt mein Billett erhalten und seid gekommen …“

„Euer Billett?“ Magdalena hob die Brauen. „Nein, ich dachte … Isabella, mein Oheim … Sollten wir heute Morgen nicht miteinander eine Erfrischung im Rosengarten einnehmen?“

„Ihr habt also meinen Brief nicht erhalten?“ Für einen Augenblick malte sich Enttäuschung in Rodrigos Miene.

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