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Der Wüstenprinz

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1. KAPITEL

Jenny stand vor dem Flughafen von Sumaru, wenige Meilen entfernt von der Hauptstadt Sumaras, mitten in der Wüste Sahara, und wartete. Die Hitze, die vom Straßenpflaster aufstieg, verursachte ihr Übelkeit. Solche Temperaturen hatte sie nie erlebt. Es war zum Ersticken.

Ein Mann in weißen Gewändern und dem traditionellen arabischen Kopftuch, der eine Aktentasche trug, war ihr gefolgt und musterte sie von oben bis unten. Jenny war groß, langbeinig und hatte fast hüftlanges blondes Haar, das sie angesichts der Hitze zu einem dicken Pferdeschwanz gebunden hatte. Ihre Beine waren nackt, ebenso wie die Arme. Und obwohl ihr blaues Sommerkleid dezent geschnitten war, mit dem Saum kurz über den Knien, gab der Mann ihr das Gefühl, völlig unbekleidet zu sein.

Mit ihren grünen Augen starrte Jenny giftig zurück. Es wirkte nicht.

Sie hätte sich über das Land informieren sollen, bevor sie herkam. Offensichtlich stieß sie hier auf Schritt und Tritt auf tausendjährige Sitten und Gebräuche. Andererseits wäre sie auch nicht hier, ginge es nicht um ihren Bruder Henry.

Henry.

Jenny hockte sich auf die Ecke ihres großen Koffers und wartete auf ein Taxi. Sie war ja so wütend auf Henry. Und so besorgt.

War es erst zwei Tage her, dass sie friedlich in ihrem renovierten Farmhaus in Wisconsin inmitten weiter Wiesen und nahe dem kleinen Waldsee gesessen hatte? Jenny wischte sich mit dem Handrücken die Schweißtropfen von der Stirn. Ihr gewohntes Leben kam ihr jetzt geradezu paradiesisch vor.

Sie vermeinte noch die Stimme ihrer Haushälterin zu hören, die von einem wichtigen Anruf berichtete – der Anruf, der Jenny an diesen gottverlassenen Ort am Rand der Wüste geführt hatte.

„Jen?“ Die Haushälterin hatte an die Tür des Arbeitszimmers geklopft. „Tut mir leid, dass ich stören muss, meine Liebe. Ich weiß, Sie arbeiten an Ihrem Buch, aber dies scheint dringend zu sein.“

Jenny O’Hara tippte den Satz zu Ende in den Computer. „Schon gut, Mrs Sherman.“ Sie drückte eine Taste am Telefon. „Ja?“, meinte sie zerstreut, den Blick auf den Bildschirm geheftet.

„Miss O’Hara?“, fragte eine ausländisch klingende Stimme.

„Ja.“

„Es geht um Ihren Bruder.“

Augenblicklich war Jenny bei der Sache. Henry war vor über einem Monat wegen einer Zeitschriftenreportage in den Mittleren Osten gereist. Vor zwei Wochen hatte er angerufen, um seinen Besuch in Wisconsin anzukündigen, aber er war bis jetzt nicht aufgetaucht.

Das war nicht sonderlich ungewöhnlich. Henry besaß einen ziemlich großzügigen Begriff von Zeit – im Grunde überhaupt keinen. Also hatte Jenny sich zunächst keine Sorgen gemacht.

Nach einer Woche wurde das anders. Jenny versuchte jedoch nicht, ihn aufzuspüren, denn das liebte Henry ganz und gar nicht. Jetzt waren zwei Wochen verstrichen. Jenny war ernsthaft beunruhigt und hatte bereits einige Leute angerufen – ohne Ergebnis.

Sie umklammerte den Hörer. „Ist Henry etwas zugestoßen?“

„Er ist verschwunden. Wir können ihn nicht finden.“

„Wer ist wir? Wer sind Sie?“

„Oh, Verzeihung, ich bin von der amerikanischen Botschaft in Sumara.“

„Was wissen Sie von ihm?“

„Er war in der Stadt, im Hotel Metropole. Vor etwa fünf Tagen zog er dort aus und hinterließ keine neue Adresse.“

„Er wollte nach Wisconsin kommen.“

„Vielleicht trifft er demnächst ein.“

„Sir, er müsste längst hier sein. Schließlich reitet er nicht auf einem Kamel her. Haben Sie die Passagierlisten der Flugzeuge überprüft?“

„Selbstverständlich. Wir haben seinen Namen nicht entdeckt.“

„Dann ist er also noch in Sumaru!“

„Das bezweifeln wir. Niemand hat ihn gesehen. Er könnte mit dem Auto gefahren und von einer anderen Stadt abgeflogen sein.“

„Warum sollte er? Henry sagte mir, er käme direkt aus Sumaru.“

„Ihr Bruder ist Journalist, Miss O’Hara. Vielleicht war er hinter einer interessanten Story her. Sie sollten bei seinem Arbeitgeber nachfragen.“

Jenny fuhr sich mit den Händen durchs Haar. „In der Redaktion habe ich als Allererstes angerufen. Sie sagten, er sollte letzte Woche in New York erscheinen, und er tat es nicht.“

„Ich weiß nicht, was wir sonst noch für Sie tun können, Miss …“

„Aber …“

„Tut mir leid.“ Am anderen Ende der Leitung herrschte Stille.

Jenny legte auf und überlegte. Sie musste etwas unternehmen – doch was?

Da klingelte das Telefon wieder. Hastig nahm sie ab. „Hören Sie“, begann sie, denn sie dachte, es sei noch einmal der Mann von der Botschaft. „Sie können nicht einfach behaupten, dass mein Bruder verschwunden ist, und es dabei belassen!“

„Sind Sie Miss O’Hara? Miss Jennifer O’Hara?“ Das war eine ganz andere Stimme.

„Ja“, erwiderte Jenny verunsichert. „Und wer sind Sie?“

„Sagen wir, ein Freund Ihres Bruders.“

„Sie kennen Henry? Wissen Sie, wo er ist?“

„Ich weiß nur, er ist nicht da, wo er sein sollte.“

„Was meinen Sie damit?“

„Er ist nicht hinter einer Story her. Er ist verschollen.“

„Da sagen Sie mir nichts Neues.“ Erregt stand Jenny auf. „Ist Henry in Gefahr?“

„Die Antwort auf Ihre Fragen liegt in Sumaru. Kommen Sie her.“

„Und wenn ich mich weigere?“

„Dann könnte es sein, dass Sie Ihren Bruder nie wiedersehen.“

„Ist das eine Drohung? Haben Sie Henry entführt? Wollen Sie Geld? Ich habe einiges … nicht viel, aber …“

Der Mann hatte aufgelegt.

Jenny starrte den Apparat an. Dann begann sie, in ihren Schreibtischschubladen zu wühlen. Henry benutzte bei seinen Besuchen manchmal ihr Arbeitszimmer. Beim letzten Mal hatte er sein Adressbuch hier vergessen.

Sie fand es und schlug die Nummer von Henrys bestem Collegefreund Michael Hassan nach. Michael wohnte irgendwo in Sumaru, obwohl er eigentlich Ingenieur war und Aufträge rund um die Welt hatte. Henry hatte erwähnt, dass er Michael vielleicht besuchen würde, bevor er das Land verließ.

Jenny wählte und wartete. Ein Mann antwortete auf Arabisch. „Sprechen Sie Englisch?“

„Ja.“

„Ein Glück. Ich muss dringend Michael Hassan sprechen.“

„Tut mir leid, er ist momentan nicht zu sprechen.“

„Aber es ist wirklich wichtig. Sagen Sie ihm bitte, dass Henry O’Haras Schwester aus Amerika am Apparat ist, dann macht er vielleicht eine Ausnahme.“

„Ich darf leider keine Ausnahme machen.“

Jenny seufzte. So kam sie nicht weiter. „Kann ich eine Nachricht hinterlassen?“

„Wenn Sie möchten.“

„Sagen Sie Michael, dass Henry in Sumaru verschollen ist. Ich muss wissen, ob Michael meinen Bruder getroffen hat. Ich bin jederzeit erreichbar, Tag und Nacht.“ Sie gab dem Mann ihre Telefonnummer.

„Ich werde es ausrichten.“

„Vielen Dank.“

Anschließend rief Jenny noch alle möglichen Leute an, die etwas von Henrys Verbleib wissen könnten. Dann buchte sie einen Flug nach Sumaru.

Und nun war sie hier – eine Frau, die sehr zurückgezogen lebte und über die Erlebnisse anderer schrieb, eine Frau, die nie aus ihrer engeren Umgebung herausgekommen war.

Jetzt musste sie sich allein durchbeißen. Aber Henry würde das bitter büßen!

Peng-peng!

Jenny sprang auf und blickte sich um, woher das Knallen von Fehlzündungen kam. Mit gemischten Gefühlen betrachtete sie das verrostete, uralte Taxi, das geräuschvoll heranknatterte. Der Außenspiegel an der Beifahrerseite baumelte gefährlich an einem Draht. Und aus dem Auspuff drangen dunkle Wölkchen.

Der Wagen hielt, und heraus sprang ein energiegeladener Junge in westlicher Kleidung. „Sie fahren mit mir, Lady, okay?“

Jenny musterte den mageren schwarzhaarigen Burschen, der kaum älter als dreizehn sein konnte, sowie seine katastrophale Kutsche. „Ich fürchte, nein“, meinte sie zögernd.

„Doch, Sie müssen. Ich bin dran, also nehme ich Sie mit.“ Mit einem umwerfenden Lächeln griff er nach ihrem Gepäck.

Jenny legte abwehrend die Hand auf ihren Koffer. „Wie alt bist du?“

„Sechzehn.“

„Und seit wann?“

„Seit zwei Wochen. Ich hatte eine Riesenparty. Echt.“

Jenny lächelte unwillkürlich. „Gehört das Taxi dir?“

„Aber nein, meinem Onkel. Er ist heute krank, also habe ich übernommen.“

„Wie lange fährst du schon?“

„Seit heute früh.“

„Nein, ich meine, seit wann fährst du Auto?“

„Ach so, seit ich zehn bin. Mein Onkel hat es mir beigebracht. Er ist ein toller Typ.“

„Das kann ich mir vorstellen.“

„Also los jetzt.“

Widerstrebend ließ Jenny zu, dass der Junge ihr Gepäck in den Kofferraum lud, den er anschließend mit einem Strick zuschnürte.

Allmächtiger …

Sie wollte die Beifahrertür öffnen, doch der Knabe schob ihre Hand beiseite. „Das ist meine Sache.“

Die Tür quietschte laut, und Jenny kletterte ins Auto. Das Innere war genauso heruntergekommen wie das Äußere, aber sauber. Der Junge schloss die Tür, ging um die Haube herum und hüpfte auf den Fahrersitz. Mit einem breiten Lächeln erkundigte er sich: „Wohin soll es gehen?“

„Zum Hotel Metropole. Weißt du, wo das ist?“

„Jussuf weiß, wo alles ist“, erwiderte er stolz. „Ich bringe Sie ganz schnell hin.“

„Geschwindigkeit ist mir nicht wichtig. Ich möchte nur heil ankommen.“ Automatisch hielt Jenny sich am Türgriff fest.

„Kein Problem, Lady.“ Jussuf fädelte sich in den Verkehrsstrom ein. „Woher kommen Sie, Lady?“

„Aus Wisconsin.“

„Kenne ich nicht.“

„Das ist in der Nähe von Chicago“, erklärte Jenny, während sie aufmerksam den Verkehr verfolgte.

„Ah, Chicago!“, rief Jussuf begeistert. „Al Capone! Peng-peng!“

„Ja, der alte Gauner ist zwar längst unter der Erde, aber peng-peng gilt noch immer.“ Bei diesen Worten feuerte der Auspuff eine weitere Fehlzündung ab.

„Was machen Sie hier?“, fragte Jussuf. „Urlaub?“

Jenny betrachtete die trockene, staubige graubraune Umgebung. „Urlaub? Hier? Wirklich nicht.“

„Warum sind Sie dann gekommen?“

„Ich suche meinen Bruder.“

„Macht er hier Urlaub?“

„Was hast du nur dauernd mit Urlaub? Nein, er hat an einer Reportage gearbeitet, und dann verschwand er.“

„Oh, das ist schlimm. Aber Sie wissen, für eine Frau allein ist es nicht gut hier.“ Kühn schnitt Jussuf einen anderen Wagen. Jenny schloss die Augen. „Vielleicht kann Jussuf Ihnen helfen.“

„Nein, danke. Ich habe einen Bekannten hier, den werde ich anrufen.“

„Ich kenne viel mehr Leute.“

„Das glaube ich gern, Jussuf.“

„Ich helfe Ihnen trotzdem.“

Jenny beließ es dabei. Sobald der Junge sie am Hotel abgesetzt hatte, würde er sie wahrscheinlich vergessen haben.

Sie blickte aus dem Fenster. Die vierspurige Schnellstraße war in erstklassigem Zustand. Rechts und links erstreckte sich Wüste, doch die Straße war gesäumt von Wohnhäusern und Geschäften. An den meisten Fronten hingen schwarze Tücher.

„Was bedeutet dieses Schwarz?“, fragte sie Jussuf.

„Das ist Trauerflor. Unser Oberscheich und sein ältester Sohn kamen vor einem Monat bei einem Flugzeugabsturz um.“

„Wie traurig. Wer wird jetzt Scheich?“

„Der jüngere Sohn ist es schon.“

„Ist das gut oder schlecht?“

„Das weiß man noch nicht. Manche finden, er war zu lange in Amerika. Er hält viel von westlichen Ideen.“ Er warf Jenny im Rückspiegel einen Blick zu. „Verzeihen Sie, aber Amerikaner sind bei uns nicht sehr beliebt. Dabei sind wir noch besonders tolerant, denn unsere geliebte Königin war Amerikanerin.“

„War?“

„Sie starb vor vielen Jahren.“

„Und jetzt ist der jüngere Sohn König?“

„Ja, seit dem Moment, als sein Vater und sein Bruder starben. Aber er wurde noch nicht offiziell gekrönt.“

„Verstehe.“ Vorsichtig erkundigte sich Jenny: „Du scheinst nichts gegen den Westen zu haben?“

„Ich liebe Amerika“, rief Jussuf. „Irgendwann gehe ich dahin. Ich werde ein Cowboy. Gibt es in Chicago Cowboys?“

„Keine echten.“

„Und wo sind die echten?“

„Ich denke, in Texas. Oder in Montana. Vielleicht auch in Wyoming.“

„Dann will ich dahin.“

„Hat deine Familie nichts dagegen?“

„Ich habe nur noch einen Onkel. Natürlich werde ich ihn vermissen, aber ich bin jetzt ein erwachsener Mann. Ich bestimme selbst über mein Leben.“

Jenny nickte. Sie näherten sich der Stadt Sumaru. Aus der Entfernung wirkte sie wie ein sandfarbenes Labyrinth mit ihren engen Gassen und glatten Mauern. Alle Formen waren rechtwinklig, es gab keine weichen Linien und kaum Farbtupfer.

Die Passanten waren in weite Gewänder gehüllt, manche Frauen trugen Lasten auf dem Kopf und bewegten sich mit der Grazie von Tänzerinnen. Die meisten waren tief verschleiert, doch einige Männer und Jungen waren westlich gekleidet wie Jussuf. Was für eine andersartige Welt.

„Da ist das Hotel“, verkündete Jussuf stolz. „Ich habe Sie richtig hergebracht, nicht?“

Das Metropole lag an einer breiten Straße. Ein Mann in Livree öffnete Jennys Tür, aber als er Jussuf das Gepäck abnehmen wollte, protestierte der Junge. „Nein, das trage ich.“

Der Mann hob die Augenbrauen, sagte aber nichts.

Jussuf schleppte die Koffer durch die große elegante Halle zum Empfang. Jenny reichte dem Portier ihren Pass und wandte sich dann an Jussuf.

„Was bin ich dir schuldig?“

Er nannte einen Betrag in Dirim, den sie schnell umrechnete: zwölf Dollar. Umständlich zählte sie die Scheine ab und legte noch ein Trinkgeld drauf.

Jussuf nahm das Geld, lehnte jedoch das Trinkgeld ab. „Sie zahlen nur die Fahrt, Lady.“

„Wirklich?“

„Aber ja. Ich stehe Ihnen zu Diensten, aber ich will kein Geld dafür. Es macht mir einfach Spaß.“

Der Portier gab Jenny Pass und Kreditkarte zurück und ließ sie unterschreiben.

„Sind Nachrichten für mich da?“, fragte sie.

„Moment.“ Er sah im Computer nach. „Nein, nichts.“

„Sind Sie sicher? Auch keine Post?“

„Tut mir leid.“

„Wenn sich ein Michael Hassan meldet, geben Sie mir bitte sofort Bescheid.“

„Selbstverständlich.“

Jenny seufzte. Michael müsste ihre Hilferufe längst erhalten haben. „Ist es weit bis zur amerikanischen Botschaft?“

„Überhaupt nicht.“ Der Mann wies zur Tür. „Vor dem Hotel links, nach etwa tausend Metern sind Sie an der Botschaft.“

„Danke.“ Jenny nahm den Schlüssel entgegen. Jussuf schnappte sich sofort die Koffer. Sie lächelte. „Das ist wirklich nicht deine Aufgabe, Jussuf. Du solltest lieber dein Taxi bewegen.“

Jussuf schüttelte entschieden den Kopf. „Nein, Lady, ich bringe Sie aufs Zimmer.“

Auf dem Weg zum Lift rempelte ein Mann Jenny an, sodass ihre Handtasche zu Boden fiel und der Inhalt sich auf den Teppich ergoss.

„Tut mir furchtbar leid“, sagte der Mann. Er beugte sich herunter und half ihr, die verstreuten Sachen einzusammeln.

„Schon gut.“

Ihre Blicke trafen sich. Seine Augen waren samtbraun, und er berührte ihre Hand in einer für einen Fremden seltsam vertraulichen Weise.

Verblüfft sah Jenny ihn an. Irgendwie kam er ihr vertraut vor. „Verzeihung, aber kennen wir uns nicht?“

„Sollte das nicht mein Spruch sein?“

Jenny wurde rot. „So habe ich das nicht gemeint …“

Der Mann nahm sie bei der Hand und zog sie hoch. „Ich weiß, wie Sie es gemeint haben“, sagte er. „Ist alles okay?“

„Ja, danke.“

Er ließ ihre Hand los, verneigte sich und ging.

Jenny starrte ihm nach. Er war westlich gekleidet, aber sie vermutete, dass er sonst arabische Gewänder trug.

„Kommen Sie, Lady“, vernahm sie Jussuf vom Lift her.

„Bin schon da. Weißt du, wer das war?“

Jussuf zuckte die Schultern. „Den habe ich noch nie gesehen. Warum?“

„Weil er mir bekannt vorkam.“

Die Tür des Lifts glitt zu, sie fuhren zum dritten Stock hinauf. Jussuf nahm Jenny den Zimmerschlüssel ab und ging voran, um ihr die Tür zu öffnen.

Während er das Gepäck absetzte, fragte er: „Ist dieser Michael Hassan ein Sumaruaner?“

„Ja.“

„Wo wohnt er? Ich bringe Sie gern hin.“

„Ich habe seine Adresse nicht, nur die Telefonnummer. Er hat in Amerika studiert und war mit meinem Bruder befreundet. Sie hielten seitdem Kontakt. Deshalb glaube ich auch, dass er mir helfen könnte.“

„Soll Jussuf nach ihm suchen?“

„Nein, danke. Ich habe seinem Sekretär gesagt, dass ich komme. Er wird sich bestimmt bald melden.“ Jenny hatte allerdings gehofft, dass Michael sie am Flughafen abholen würde. Sie hatte dem Sekretär ihre Ankunftszeit mitgeteilt.

„Ich suche ihn trotzdem und sorge dafür, dass er Sie anruft.“

„Du bist ein liebenswürdiger Mensch, Jussuf.“

„Klar doch.“

„Danke für alles. Vielleicht sehen wir uns noch einmal, bevor ich wieder abreise.“

„Wenn Sie etwas brauchen, fragen Sie nur nach Jussuf. Hier kennt mich jeder.“

Nachdenklich sah Jenny ihn an. „Warum machst du dir soviel Mühe mit mir?“

„Sie sind eine nette Lady. Ich mag Sie, also helfe ich Ihnen. Rufen Sie mich, wenn Sie mich brauchen?“

„Ja, okay.“

„Gut.“ Er schenkte ihr ein strahlendes Lächeln und schloss die Tür hinter sich.

Jenny sah sich im Hotelzimmer um. Sie fühlte sich hilflos und verloren. In diesem Raum hatte Henry gewohnt, bevor er von der Bildfläche verschwunden war.

Ob man ihn entführt hatte? Was hatte jener mysteriöse Anruf bei ihr in Wisconsin zu bedeuten? Sie hatte verzweifelt auf einen Rückruf gewartet, aber nichts kam. Keine Lösegeldforderungen. Nur diese Aufforderung, dass sie selbst nach Sumaru kommen sollte.

Jetzt war sie da. Was nun? Würde sich der Anrufer wieder melden? Oder sollte sie von sich aus etwas unternehmen?

Jenny hatte kaum Anhaltspunkte. Henry hatte das Hotel verlassen, sichtlich freiwillig. Er war in eine dunkle Limousine gestiegen, zu jemandem, den er offenbar kannte, und war seitdem verschollen. Und niemand schien sich deswegen Sorgen zu machen, selbst der Chefredakteur der Zeitschrift nicht. So etwas kam dauernd vor.

Jenny kämpfte gegen die aufsteigende Panik an. Henry war ihr einziger Angehöriger. Sie vergötterte ihn. Er war in ihrem Haus in Wisconsin daheim, wo er Stille und Raum zum Nachdenken und Schreiben fand. Ansonsten besaß er nur eine Zweizimmerwohnung in New York, wo er hin und wieder abstieg. Diese Wohnung hatte Jenny vor ihrem Abflug natürlich gründlich durchsucht, ohne einen Hinweis auf seinen Verbleib zu finden.

Was sie im Moment am meisten verärgerte, war Michael Hassans Schweigen. Wieder und wieder hatte sie ihn angerufen – den angeblich besten Freund ihres Bruders. Er hatte nur einmal zurückgerufen, als Jenny in New York gewesen war, und Mrs Sherman mitgeteilt, Jenny möchte doch bitte zu Hause bleiben. Er würde nachforschen und sich dann melden.

Das war alles. Michael hatte sich nicht mehr gemeldet.

Hatte er wirklich geglaubt, sie würde tatenlos herumsitzen? Er war nicht am Flughafen erschienen, er hatte keine Nachricht im Hotel hinterlassen. Ein schöner Freund, dieser Michael.

Henry war zwar unzuverlässig, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Dieser Grad war jetzt eindeutig überschritten. Dass er nicht angerufen hatte, bedeutete nur eines: Er konnte nicht. Tränen stiegen Jenny in die Augen. Wenn ihm etwas zugestoßen war …

Sie wischte sich über die Augen und riss sich zusammen. Michael Hassan musste ihr einfach helfen. Selbst wenn sie den Mann in die Ecke drängen und dazu zwingen musste. Michael Hassan ahnte nicht, wozu sie fähig war, wenn es um ihren Henry ging. Da verstand sie keinen Spaß.

Jenny atmete tief durch. Michael Hassan, ha.

Doch zunächst gab es andere Dinge zu tun. Die Hotelverwaltung hatte ihr eine Liste von Henrys Telefonaten übergeben. Da waren einige Anrufe an seine Redaktion, einer an sie, zwei an Michael und verschiedene Ortsgespräche, drei davon an dieselbe Nummer.

Jenny sah zur Uhr. Sie wollte vor Dienstschluss die Botschaft besuchen. Als sie aus dem klimatisierten Hotel trat, traf die Hitze sie wie ein Hammer. Sie musste stehen bleiben. Wie konnten Menschen dieses Klima bloß ertragen?

Sofort schob sie den Gedanken beiseite. Die anderen ertrugen es offensichtlich, also sollte sie sich besser auch daran gewöhnen. Sie achtete nicht auf die Blicke der üppig gewandeten Frauen und Männer, die sie in ihrem leichten Sommerkleid anstarrten. Auch den Mann in blauen Gewändern, der sie verfolgte, bemerkte sie nicht.

Als Jenny durch das schmiedeeiserne Gitter der Botschaft schritt, bezog der Mann Posten vor der Tür.

Sie wies ihren Pass vor und ging über den marmornen Flur zum Empfang.

„Ich bin Jennifer O’Hara. Ich habe einen Termin bei Mr Clayton Turner.“

„Tut mir leid, Miss O’Hara, aber Mr Turner ist ins Wochenende gegangen.“

„Das kann nicht sein“, sagte Jenny. „Er wusste, dass ich komme. Wir haben vor zwei Tagen miteinander telefoniert. Er sagte mir, er wäre heute Nachmittag zu sprechen.“

„Leider, Miss O’Hara, ist etwas dazwischengekommen.“

Jenny strich sich aufgeregt über die Stirn. „Kann ich sonst jemanden sprechen? Mein Bruder ist vermisst und …“

„Ich weiß“, sagte die Empfangsdame. „Mr Turner ist mit der Sache befasst. Wenn Sie mir Ihre Telefonnummer hinterlassen, ruft er Sie Montag früh an.“

„Erst am Montag? Bis dahin kann alles Mögliche passieren!“

„Tut mir leid“, sagte die Frau mitfühlend.

Jenny seufzte resigniert. So kam sie nicht weiter. „Bitten Sie Mr Turner, dass er mich gleich Montag früh im Hotel Metropole anruft, ja?“

„Auf jeden Fall.“

„Danke.“

Nach diesem Rückschlag mochte Jenny nicht in ihr einsames Hotelzimmer zurückkehren. Ziellos wanderte sie durch die Stadt, betrachtete gedankenlos Auslagen und bemerkte noch immer nicht ihren heimlichen Verfolger.

Unter anderen Umständen hätte sie das Abenteuer genossen. Es bot erstklassiges Material für ihre Romane. Jenny kam wenig herum, und schon gar nicht in so exotische Länder.

Doch im Augenblick trübten die Sorgen ihren Blick für alle Schönheiten.

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