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Líebesreíse ín 1001 Nacht

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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Der üppige Luxus des Al-Kabibi-Flughafens überwältigte Bethany geradezu. Erstaunt ließ sie den Blick über die endlosen, marmorglänzenden Fußböden, die riesigen Kristallleuchter und die Überfülle an Goldverzierungen schweifen.

“Ziemlich eindrucksvoll, stimmt’s?”, meinte Ed Lancaster, der gemeinsam mit Bethany in der sich nur langsam vorwärts bewegenden Schlange vor der Passkontrolle stand. “Und dabei gab’s vor fünf Jahren hier nichts weiter als ein paar Betonhütten und weit und breit nur Sanddünen! König Azmir ließ zwar das Öl fördern, häufte die Profite daraus jedoch bloß an. Seine Knauserigkeit erregte viel Unmut, und das nicht nur bei den Einheimischen, sondern auch bei den Fremdarbeitern. Die Arbeitsbedingungen waren früher ganz schön primitiv.”

Der amerikanische Geschäftsmann war beim Zwischenstopp in Dubai zugestiegen. Seitdem hatte er nicht einmal für eine halbe Minute zu reden aufgehört, doch Bethany war sogar recht dankbar für die Ablenkung gewesen. Denn hätte ihr Fachbereichsleiter an der Universität nicht darauf bestanden, dass sie ihre Forschungen ausgerechnet auf diesen Teil des Mittleren Ostens konzentrierte, hätte sie nichts auf der Welt dazu gebracht, auch nur einen Fuß in das Emirat von Datar zu setzen!

“Als König Azmir krank wurde, übernahm der Kronprinz Razul die Regierungsgeschäfte”, plauderte Ed munter weiter. Dass Bethany plötzlich erstarrte und blass wurde, entging ihm völlig. “Und der ist ein ganz anderes Kaliber. Die Modernisierung von fünfzig Jahren hat er in gerade mal fünf Jahren vollendet. Ein erstaunlicher Mann. Er hat die gesamte Gesellschaft Datars verändert …”

Bethanys schönes Gesicht unter der roten Lockenmähne war eisig geworden, und ihre grünen Augen hart.

Auf einmal wünschte sie, dass Ed den Mund hielt. Von Prinz Razul al Rashidai Harun wollte sie nichts hören.

“Und die Leute vergöttern ihn. Razul ist für sie eine Art Nationalheld. Sie nennen ihn Schwert der Wahrheit. Wenn man das Wort Demokratie erwähnt, werden sie sogar richtig böse”, meinte Ed. “Dann fangen sie an, davon zu erzählen, wie er sie während des Rebellenaufstands vor dem Bürgerkrieg bewahrt hat, wie er das Oberkommando über die Armee übernommen hat und so weiter und so fort. Sie haben sogar einen Film darüber gemacht, so stolz sind sie auf ihn …”

“Ja, vermutlich”, erwiderte Bethany, und ein stechend bitterer Schmerz durchzuckte sie.

“Allerdings”, seufzte Ed mit unverhohlener Bewunderung. “Obwohl diese Verehrung einem manchmal etwas auf die Nerven gehen kann, ist er doch ein Wahnsinnskerl! – Ach, übrigens …” Ed hielt einen Moment inne, um Atem zu schöpfen. “Wer holt Sie eigentlich ab?”

“Niemand”, murmelte Bethany, in der Hoffnung, dass der Monolog über Razul nun vorbei war.

Ed runzelte die Stirn. “Aber Sie reisen allein.”

Bethany unterdrückte ein Stöhnen. Ursprünglich hatte ein Forschungsassistent sie begleiten sollen. Doch wenige Minuten, ehe sie an Bord gehen sollten, war Simon über einen achtlos abgesetzten Aktenkoffer gestürzt, und zwar so schwer, dass er sich den Knöchel gebrochen hatte. Es war Bethany durchaus nicht wohl dabei gewesen, ihn der Obhut der Rettungssanitäter zu überlassen, aber die Arbeit ging natürlich vor.

“Weshalb sollte ich denn nicht allein reisen?”

“Wie, um alles in der Welt, haben Sie denn Ihr Visum bekommen?”, fragte Ed, der plötzlich sehr ernst dreinschaute.

“Auf dem üblichen Weg … Wieso? Was ist denn los?”

“Vielleicht ja gar nichts.” Mit einem seltsam unbehaglichen Ausdruck zuckte Ed die Achseln, wich Bethanys fragendem Blick dabei jedoch aus. “Möchten Sie, dass ich lieber bei Ihnen bleibe, falls es Probleme geben sollte?”

“Nein, natürlich nicht. Ich wüsste auch überhaupt nicht, warum es ein Problem geben sollte”, gab Bethany trocken zurück.

Aber es gab tatsächlich Schwierigkeiten.

Ed war gerade mit einem Winken weitergegangen, als der Datari-Beamte Bethanys Visum überprüfte und fragte: “Mrs. Simon Tarrant?”

Bethany zog die Augenbrauen zusammen.

“Ihrem Visum zufolge reisen Sie in Begleitung eines Mannes. Wo ist er?”

“Er konnte den Flug leider nicht antreten”, erklärte sie gereizt.

“Sie reisen also allein, Dr. Morgan?”, meinte er, zweifelnd die Mundwinkel verzogen, so als traute er ihr diesen akademischen Grad nicht zu.

Dies überraschte Bethany nicht. Mädchen hatten in Datar erst vor Kurzem das Recht auf Ausbildung zugebilligt bekommen. Die Vorstellung einer hochgebildeten Frau war für einen durchschnittlichen Datari etwa ähnlich normal wie kleine grüne Männchen vom Mars.

“Spricht irgendetwas dagegen?”, wollte Bethany ärgerlich wissen, die Wangen hochrot, als sie zur Seite gezogen wurde und damit ins Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit geriet.

“Ihr Visum ist ungültig”, teilte ihr der Passbeamte mit und winkte zwei uniformierte Sicherheitswachen herbei, die bereits in ihre Richtung blickten. “Sie können nicht nach Datar einreisen. Mit dem nächstmöglichen Flug werden Sie nach England zurückgeschickt. Falls Sie kein Rückflugticket besitzen, werden wir großzügig die Kosten übernehmen.”

“Ungültig?”, wiederholte Bethany ungläubig.

“Erschlichen durch arglistige Täuschung.” Der Beamte unterzog sie einem Blick von äußerster Strenge, bevor er sich mit einem Wortschwall auf Arabisch an die beiden anderen Männer wandte.

“Arglistige Täuschung …?” Bethany konnte es nicht fassen, dass der Mann es wirklich ernst meinte.

“Die Flughafenpolizei wird Sie bis zu Ihrer Ausreise in Gewahrsam nehmen”, teilte er ihr mit.

Die Polizisten betrachteten sie bereits mit unverhüllter Neugier, und trotz der ihr drohenden Abschiebung vermochte Bethany ihre Empörung über deren unverschämte Musterung kaum zu zügeln.

“Sie machen einen schweren Fehler”, erklärte sie, wobei sie sich zu ihrer vollen Größe von einem Meter achtundsechzig aufrichtete. “Ich verlange, mit Ihrem Vorgesetzten zu sprechen! Mein Visum wurde vollkommen rechtmäßig von der Botschaft Datars in London ausgestellt …” Bethany brach ab, als sie merkte, dass ihr niemand auch nur das geringste Gehör schenkte und die Polizisten sich ihr mit alarmierender Entschlossenheit näherten.

Unvermittelt wurde Bethany von Panik ergriffen. Sie holte tief Luft und brachte die einzige Verteidigungswaffe zum Einsatz, die sie besaß: “Ich möchte, dass Sie wissen, dass ich eine enge persönliche Freundin Ihres Kronprinzen Razul bin!”

Der Beamte, der sich schon abgewandt hatte, fuhr herum und stand da wie versteinert.

“Wir sind uns während seines Studienaufenthaltes in England begegnet.” Bethanys Wangen glühten vor Zorn und zugleich vor Verlegenheit darüber, dass sie zu einer derart drastischen Hilfsmaßnahme hatte greifen müssen.

Sie warf den Kopf zurück, sodass das Lampenlicht auf ihren langen Locken glitzerte und ein feuriges Farbenspiel von Kupfer über Gold bis hin zu Tizianrot auslöste.

Mit offenem Mund starrte der Beamte sie an. Dann wich er einen Schritt zurück, das dunkle Gesicht plötzlich aschfarben, und ließ einen weiteren gutturalen, arabischen Redeschwall auf die beiden Polizisten los.

Ein schockierter Ausdruck, gefolgt von Erschrecken, huschte über deren Mienen. Auch sie wichen zurück.

“Sie sind die Eine”, flüsterte der Passbeamte geradezu.

“Die eine was?”, fragte Bethany, verblüfft über die Wirkung, die ihre Äußerung gezeitigt hatte.

Atemlos und in dringendem Tonfall rief er irgendetwas in sein Funkgerät und zog dann ein Taschentuch hervor, um sich damit die Schweißtropfen von der Stirn zu wischen.

“Hier liegt ein furchtbares, ganz unverzeihliches Missverständnis vor, Dr. Morgan.”

“Wegen meines Visums?”

“Mit Ihrem Visum gibt es kein Problem. Bitte kommen Sie hier entlang”, drängte er, während er sich immer wieder aufs Neue entschuldigte.

Innerhalb weniger Minuten traf ein elegant gekleideter Mann mittleren Alters ein, der sich als Flughafendirektor Hussein bin Omar vorstellte. Dieser begann ebenfalls, hektische Entschuldigungen sowohl auf Englisch als auch auf Arabisch hervorzustoßen. Er lotste Bethany in ein geräumiges Büro, wo er sie bat zu warten, bis man ihr Gepäck geholt habe. Von seiner Unterwürfigkeit war sie peinlich berührt.

Bei ihrer Ankunft in Datar derartige Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, war das letzte, was Bethany gewollt hatte. Nervös wartete sie fünfzehn Minuten, bis der Flughafendirektor zurückkehrte und sie hinausbegleitete – zu einem roten Teppich, der vorher nicht dort gelegen hatte.

Es muss sich um eine Verwechslung handeln, dachte Bethany. Anders konnte sie sich die Sache nicht erklären. Was, in aller Welt, glaubt dieser Hussein bin Omar, wer ich bin? Oder berechtigt einen die Bekanntschaft mit dem Kronprinzen automatisch zu solch bevorzugter Behandlung?

Es war idiotisch gewesen, zu behaupten, sie sei eine Freundin Razuls. Vor allem weil es nicht stimmte. Gewaltsam unterdrückte Bethany die Erinnerung an ihre letzte, schmerzliche Begegnung mit ihm. Nur knapp war sie damals einer Katastrophe entgangen, davon war sie überzeugt.

Draußen auf dem sonnendurchglühten Pflaster stand eine ganze Reihe schmucker Polizisten in blitzenden Uniformen Spalier.

Bethany wurde blass und geriet in ihrem weiten beigen Baumwollhemd und der strapazierfähigen Hose ins Schwitzen. Der heimliche kleine Abstecher nach Datar war völlig außer Kontrolle geraten.

“Ihre Eskorte, Dr. Morgan.” Hussein bin Omar schnippte mit den Fingern, und einer der Polizisten sprang vor, um die Tür des bereitstehenden Polizeiwagens aufzureißen.

“Wie bitte?”, brachte Bethany schwach hervor, als eine junge Frau herbeigeeilt kam und ihr einen riesigen Blumenstrauß in die Hand drückte.

Damit nicht genug, wurden auch noch ihre Finger ergriffen und geküsst. Danach schien für einen Moment jedoch niemand mehr zu wissen, was nun zu tun sei.

Allahu … Gott ist groß!”, rief der Flughafendirektor dann plötzlich, und mehrere aufgeregte Männerstimmen fielen in seinen Ausruf mit ein.

Daraufhin ergab Bethany sich in ihre Lage und stieg rückwärts in den Polizeiwagen ein. Die sind ja alle verrückt, dachte sie, schalt sich aber sogleich für diesen Gedanken, der einer Ethnologin wie ihr schlecht anstand.

Als der Wagen sich unvermittelt in Bewegung setzte, und der Fahrer die Sirene einschaltete, bemühte Bethany sich darum, die Ruhe zu behalten, wenngleich ihr dies nicht so ohne Weiteres gelang, – vor allem, da ihnen auch noch zwei weitere Wagen folgten.

Wahrscheinlich soll dieser Aufstand dazu dienen, dass Hussein bin Omar sein Gesicht vor der königlichen Familie wahrt, sagte Bethany sich. Nur deshalb gewährte man ihr eine Polizeieskorte zum Hotel, das außerhalb der Stadt lag.

Ihr erschien all das reichlich übertrieben, aber schließlich war dies nicht England, sondern Datar, ein feudales Königreich mit einer Kultur, die erst kürzlich begonnen hatte, sich aus ihren mittelalterlichen Strukturen zu lösen.

Rasant überfuhr der Fahrer eine rote Ampel, und Bethany kniff erschrocken die Augen zu. Vorsichtig öffnete sie sie dann wieder und blickte hinaus auf die Stadt Al Kabibi, die viel zu schnell an ihnen vorbeiflog. Supermoderne Wolkenkratzer und Einkaufszentren ragten neben alten Moscheen mit ihren türkisfarbenen Kuppeln empor, Alt und Neu in friedlicher Koexistenz.

Nachdem sie die luxuriösen weißen Villen am Stadtrand hinter sich gelassen hatten, führte die breite, staubige Piste durch eine trockene, ebene Wüstenlandschaft. Bethany beugte sich vor, um einen besseren Blick auf die riesigen, festungsartigen Steinmauern zu erhaschen, die sich vor ihnen aus dem Sand erhoben.

Der Fahrer sprach erregt in sein Funkgerät, während er gleichzeitig einen anderen Wagen überholte und dabei das Steuer kaum mit zwei Fingern festhielt.

Bethany, die nur noch auf der Kante ihres Sitzes hockte, schickte ein Stoßgebet gen Himmel. Dann, ohne jede Vorwarnung, bog der Wagen vor der Festung unvermittelt von der Straße ab und schoss durch mehrere große, türmchenbewehrte Tore. Eine Gruppe von Stammesleuten in langen weißen Gewändern stellte sich ihnen plötzlich in den Weg und legte ihre Gewehre an.

Der Fahrer trat so heftig auf die Bremse, dass Bethany ruckartig nach hinten geschleudert wurde. Sie hörte das Krachen der Gewehrschüsse und warf sich auf den Boden des Wagens, wo sie sich so klein wie möglich hinkauerte.

Der Wagen hielt an, doch Bethany, die sich ängstlich fragte, ob der Fahrer womöglich erschossen worden war, beschloss unten zu bleiben, zumindest so lange, bis keine Kugeln mehr flogen.

Die Wagentür wurde mit einem leisen Klicken geöffnet.

“Dr. Morgan?”, erkundigte sich eine sanfte, ausdruckslose Stimme in einwandfreiem Oxford-Englisch.

Bethany schaute auf und begegnete dem höflich fragenden Blick eines kleinen, adretten arabischen Herrn mit Spitzbart.

“Ich bin Mustafa …”

“Die Gewehre …”, stotterte sie.

“Oh, nur die Palastwache, die ein bisschen Pulver verschossen hat. Hat es Sie geängstigt? Bitte, nehmen Sie im Namen der Wache meine Entschuldigung dafür an.”

“Oh …” Verlegen errötend, stieg Bethany aus. Erst dann läuteten bei ihr die Alarmglocken. “Palastwache? Das hier ist nicht mein Hotel?”

“O nein, ganz und gar nicht, Dr. Morgan. Dies ist der königliche Palast.” Der Mann gestattete sich ein kleines, amüsiertes Lächeln. “Prinz Razul hat darum gebeten, Sie unverzüglich hierher bringen zu lassen.”

“Prinz Razul?”, fragte Bethany mühsam, doch Mustafa war bereits auf den bogenförmigen, vergoldeten Eingang des weitläufigen Gebäudes vorausgeeilt, offenbar in der Annahme, dass sie ihm folgen würde.

Der Flughafendirektor muss Razul von meiner Ankunft in Kenntnis gesetzt haben, dachte Bethany erschrocken. Aber sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, weshalb Razul verlangt hatte, dass sie in den Palast gebracht wurde. Nach der Art und Weise, wie sie sich vor zwei Jahren getrennt hatten, wollte er sie doch bestimmt nicht wiedersehen.

Ihr letztes Zusammentreffen hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass Razul zutiefst gekränkt davon gewesen war, dass Bethany nichts mit ihm hatte zu tun haben wollen. Obwohl sie sich bemüht hatte, in ihrer Ablehnung taktvoll zu sein, hatte Razul sie durch seine Reaktion so zornig gemacht, dass ihr Temperament mit ihr durchgegangen war.

Während sie dem älteren Herrn in eine riesige, hohe Halle mit schlanken Marmorsäulen folgte, fühlte Bethany sich wie betäubt, was durch die exotische Umgebung nur noch verstärkt wurde. Winzige Mosaiksteinchen fügten sich zu jahrhundertealten, komplizierten geometrischen Mustern in Grün, Ocker und Blassblau, mit denen die Wände und die Decke über und über bedeckt waren. Die Wirkung war atemberaubend.

Ein leises Geräusch ließ Bethany herumfahren.

Ein Kichern … ein Flüstern? Sie spähte nach oben und sah die geschnitzten Mishrabiyeh-Holzgitter, die der Galerie, die weit über ihr entlangführte, als Fassade dienten. Hinter der filigranen, aber dennoch vollkommen ihren Zweck erfüllenden Schranke erhaschte Bethany mit ihren Blicken eilige Bewegungen, einen flüchtigen Eindruck von schimmernden Farben, und dann ein Ausbruch mädchenhaften Gelächters, aufgeregtes Flüstern mehrerer weiblicher Stimmen, die rasch verstummten. Der Duft nach Moschusparfum wehte herab.

Ein kleines Fenster zur Außenwelt für den Harem? Bethany stand wie erstarrt da. In der Dissertation, mit der sie ihren Doktortitel erworben und die ihr die Assistentenstelle an einer nordenglischen Universität eingebracht hatte, hatte sie das Thema der Unterdrückung der Rechte der Frauen in der dritten Welt behandelt. Hier befand sie sich zwar nicht in der dritten Welt, doch die fast unbezähmbare Anziehung, die Razul auf sie ausgeübt hatte, war gänzlich gegen ihre Prinzipien gewesen. Und Bethanys Kollegen hatten sich königlich darüber amüsiert, dass Razul es ausgerechnet auf sie abgesehen hatte … ein arabischer Prinz, der zu Hause einen Harem von zweihundert Konkubinen besaß!

“Dr. Morgan!”, rief Mustafa bittend.

Bethany setzte ihren Weg fort. Am Ende der Halle standen zwei wild aussehende Beduinensoldaten vor einer phantastisch geschnitzten Doppeltür. Sie trugen Zeremonienschwerter, aber auch Gewehre. Auf ein Signal Mustafas hin öffneten sie die Türen zu einem großartigen Audienzraum. Mustafa selbst trat zurück und machte somit deutlich, dass er Bethany nicht weiter begleiten würde.

Auf der Stirnseite des Raumes flutete durch offene Türen das Sonnenlicht von einem hinteren Innenhof herein. Der Raum erschien dadurch dämmrig, was aber zugleich dessen reiche Ausstattung noch betonte.

Bethanys robuste Sandalen quietschten auf dem polierten Boden. Zögernd blieb Bethany stehen, ihr Herz wie wild hämmernd, als ihr Blick auf den erhöhten Podiumssitz voller Seidenkissen fiel, der jedoch leer war.

Dennoch nahm sie mit jedem ihrer Sinne die verwirrende Mischung aus Verlangen und Furcht wahr, die vor zwei Jahren ihre ruhige, wohlgeordnete Welt einige Wochen lang in ein erschreckendes Chaos gestürzt hatte.

“Dr. Livingstone, nehme ich an?”

Bethany fuhr herum. Beim Klang dieser gedehnten Stimme mit dem weichen Akzent überlief sie ein Schauer, und der Atem stockte ihr.

In etwa zehn Meter Entfernung, auf der Schwelle zu dem Innenhof, stand Razul al Rashidai, der Kronprinz von Datar.

“Das einzige, was zu deinem Outfit noch fehlt, ist ein Tropenhelm. Hast du gedacht, du kommst ins finsterste Afrika?”, meinte Razul mit leichtem Spott, sodass Bethany sich in ihrer Kleidung plötzlich albern vorkam.

Sie konnte die Augen nicht abwenden, als Razul mit katzenhafter Geschmeidigkeit auf sie zuging, – unglaublich gut aussehend und schrecklich exotisch. Mit seinen markanten Zügen, den hohen Wangenknochen und seiner gebräunten Haut hätte er geradewegs einem berberischen Wandbehang entsprungen sein können. Für einen Mann seiner Rasse war er sehr hochgewachsen. Bekleidet mit einem Gewand aus feinem cremefarbenen Leinen, die Kopfbedeckung mit einem doppelten, königlich goldenen iqal gebunden, sah Razul auf Bethany herab.

Langsam schlenderte er um sie herum, fast wie ein Raubtier, das seine Beute einkreiste. Ihr wurde der Mund trocken.

“So still”, sagte Razul, als er schließlich vor ihr innehielt. “Du bist schockiert … Der Barbar hat gelernt, richtiges Englisch zu sprechen …”

Bethany zuckte zusammen, und ihr wich alle Farbe aus den hektisch geröteten Wangen. “Bitte …”

“Und sogar, wie man euer feines westliches Besteck benutzt”, fuhr Razul gnadenlos fort.

Sie senkte den Kopf. Glaubte er wirklich, dass ihr diese Lappalien irgendetwas ausgemacht hatten? Im Gegenteil, sie hatte mit ihm mitgefühlt, als er mit all seinem wilden Stolz darum gekämpft hatte, sich in eine Welt einzufügen, zu der sein misstrauischer alter Vater ihm jeglichen Zugang versagt hatte, bis zu einem Alter, in dem der Lernprozess umso schwieriger zu vollziehen gewesen war.

“Aber eine Lektion, die du ihn hast lehren wollen, hat der Barbar nicht gelernt”, murmelte Razul leise. “Ich hatte sie nicht nötig, denn ich kenne die Frauen. Ich habe die Frauen schon immer gekannt. Ich habe dich nicht umworben, weil ich in meiner primitiven, chauvinistischen Arroganz geglaubt hätte, ich sei unwiderstehlich. Sondern deshalb, weil in deinen Augen eine eindeutige Aufforderung zu lesen war …”

“Nein!”, stieß Bethany abwehrend hervor.

“Sehnsucht … Verlangen … Begehren”, fuhr er so weich fort, dass sich ihr die Nackenhaare sträubten. “Diese vollen roten Lippen sagten nein, aber diese smaragdgrünen Augen flehten darum, dass ich beharrlich bleiben sollte. Habe ich Ihrem Ego geschmeichelt, Dr. Morgan? Hat es Sie erregt, den Lockvogel zu spielen?”

Bethany war wie gelähmt, dass Razul offenbar jedes Wort, das sie ihm an den Kopf geworfen hatte, behalten hatte.

“Wenn du glaubst, ich hätte mich irreführend verhalten, dann war das völlig unabsichtlich, das versichere ich dir”, erwiderte sie angespannt, den Blick zu Boden gerichtet.

Ein erdrückendes Schweigen trat ein.

“Kann ich jetzt gehen?”, flüsterte Bethany schließlich.

“Schau mich an …”

“Nein …”

“Sieh mich an!”, brauste Razul auf.

Ihre Augen trafen sich mit den seinen, die goldfarben waren wie die eines Tigers. Auf einmal fühlte Bethany sich schwindelig und orientierungslos. Die elektrisierende sexuelle Spannung, die zwischen ihnen herrschte, riss all ihre Verteidigungsmauern nieder, und ihre blassen Wangen waren von heißer Röte übergossen.

Razul bedachte sie mit einem wissenden Lächeln, während er seine goldfarbenen Augen über ihre Gestalt gleiten ließ und dabei an jeder ihrer üppigen Rundungen hängen blieb, die unter Bethanys lose geschnittener Kleidung sichtbar waren. Dann, ohne jede Vorwarnung, trat er einen Schritt zurück und klatschte in die Hände. Es klang wie ein Pistolenschuss.

“Jetzt werden wir Tee trinken und uns unterhalten”, verkündete Razul in dem einfachen Befehlston dessen, der hier das Sagen hatte.

Bethany verschränkte die Arme vor der Brust. “Ich glaube nicht, dass …”

Drei Diener erschienen wie aus dem Nichts. Einer von ihnen trug ein Tablett, auf dem die Tassen standen, der zweite eine Teekanne, und der dritte brachte einen niedrigen Tisch mit einem Ebenholzgestell und einer Messingplatte.

“Earl Grey … extra für dich”, teilte Razul Bethany mit, der auf das Podium stieg und sich dort in von Natur aus angeborener Würde auf den Kissen niederließ.

Wenig begeistert folgte Bethany seinem Beispiel und nahm ebenfalls auf dem prachtvollen Teppich und den dort verstreuten Kissen Platz.

“Am Flughafen gab es ein kleines Missverständnis wegen meines Visums … Andernfalls hätte ich deinen Namen überhaupt nicht erwähnt”, sagte sie.

Die feine Porzellantasse, die sie rasch an sich nahm, um sich irgendwie zu beschäftigen, klirrte verräterisch auf dem Unterteller. Eilig nippte Bethany an dem heißen, duftenden Tee.

“Dein Visum war ungültig.”

“Wie bitte?” Erstaunt, diese unsinnige Behauptung noch einmal zu hören, blickte sie auf.

“Junge Frauen bekommen nur nach strengen Richtlinien ein Visum. Entweder, wenn sie hier eine Datari-Familie besuchen, einen legalen Arbeitsvertrag vorweisen können oder in Begleitung eines Verwandten beziehungsweise eines männlichen Kollegen reisen”, zählte Razul gleichmütig auf. “In deinem Visum stand, dass du einen Begleiter haben würdest. Aber du bist allein angekommen.

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