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Der Wolf am Fenster

Über Elli H. Radinger

Elli H. Radinger, geb. 1951, absolvierte 1990 ein Ethologiepraktikum in Wolf Park und gründete gemeinsam mit Günther Bloch die »Gesellschaft zum Schutz der Wölfe«. Zahlreiche Publikationen zum Thema Wölfe. Einen Großteil des Jahres lebt und arbeitet die Wolfsexpertin im amerikanischen Yellowstone-Nationalpark in Wyoming.

Im Aufbau Taschenbuch liegt »Wolfsküsse« vor, bei Rütten & Loening »Minnesota Winter«. »Der Wolf am Fenster. Eine Weihnachtsgeschichte« erscheint im Oktober 2014.

Informationen zum Buch

Eine himmlische Rettungsaktion

Als Dan die geplante Verlobung mit Lindsay überraschend absagt, bricht für sie eine Welt zusammen. Verletzt und resigniert verlässt sie New York und flieht nach Montana. In einer Hütte mitten in der Wildnis ohne Strom, Telefon und Internet will sie Weihnachten verbringen und nachdenken. Doch dann begegnet sie in der Einöde einem verwundeten Wolf. Bei der dramatischen Rettungsaktion kommen sich Lindsay und der Ranger Brian näher, und Dans Verrat rückt in weite Ferne. Und dann ist da noch ein geheimnisvoller Unbekannter …

Eine charmante, magische Weihnachtsgeschichte.

Elli H. Radinger

Der Wolf am Fenster

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Eine Weihnachtsgeschichte

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Prolog

Im silbernen Licht des Mondes bewegten sich zwei Gestalten über das unberührte Schneefeld: ein Rabe und ein schwarzer Wolf. Der Rabe flatterte von Schneewehe zu Schneewehe, landete und schaute mit dunklen Augen zu, wie der Wolf an ihm vorüberzog. Dessen gleichmäßiger Gang wirbelte die Flocken auf, die wie Zucker auf der dünnen Eiskruste lagen, die sich in der Kälte der Nacht unter dem Schnee gebildet hatte. Sein Winterfell war dicht und voll und ließ ihn größer erscheinen, als er war. Der Rabe plusterte die Federn auf, um sich zu wärmen. Während er dem Wolf zusah, konnte er sein gleichmäßiges Atmen hören. Hier und da wurde die weiße Decke von einer einsamen Drehkiefer unterbrochen, die im Mondlicht einen langen Schatten warf, oder von der dunklen Narbe eines Baches.

Der Rabe hoffte, dass der Wolf auf der Jagd war und dass, wenn er Erfolg hatte, für ihn ein paar Reste übrig bleiben würden. Gelegentlich krächzte er Ermutigung und begann, in Erwartung einer baldigen Mahlzeit, einen hüpfenden, flatternden Tanz im Schnee.

Aber der Wolf war nicht auf der Jagd. Er suchte Hilfe. Als er den Fluss erreichte, senkte er den Kopf, um zu trinken. Mit seiner rosafarbenen Zunge nahm er das kühle Wasser auf und beobachtete gleichzeitig die Umgebung: den Himmel, die Bäume, das Land. Er lauschte dem Rauschen und Gurgeln des Flusses und zuckte zusammen, als der Rabe im Gebüsch neben ihm aufflatterte. Als er den Vogel bemerkte, entspannten sich seine Muskeln. Das Tier war sein ständiger Begleiter und folgte ihm überallhin. Wenn der Wolf Beute machte, profitierte der Rabe nebst seiner gefiederten Familie davon.

Langsam glitt der Wolf in den Strom, ungerührt von der Eiseskälte, die sein wasserdichtes Unterfell ohnehin nicht zu durchdringen vermochte. Die Strömung riss ihn mit sich und ließ ihn kurz untertauchen, bevor er Halt fand und sich zum anderen Ufer vorkämpfen konnte. Er kletterte die Böschung hinauf und schüttelte sich. Dabei flogen die Tropfen aus seinem dunklen Fell wie funkelnde Diamanten.

Der Wolf bewegte sich wie ein Schatten zwischen den Bäumen, manchmal blieb er stehen und lauschte. Seine Ohren zuckten, wann immer er das leise Winseln vernahm, das ihm hinterherwehte. Eilends lief er weiter. Jenseits des Flusses reichte ihm der Schnee bis zum Bauch. Um vorwärtszukommen, musste er mit jedem Schritt hochspringen. Wenn er die Nase emporreckte und die Luft tief einsog, konnte er noch schwach den Geruch seiner Gefährtin empfangen und den ihrer Angst, die größer war als seine. Die Wölfin hatte Schmerzen. Das sagten ihm alle Sinne. Sie brauchte Hilfe. Er hatte versucht, sie aus der eisernen Umklammerung zu befreien, die sie festhielt, aber es war ihm nicht gelungen. Gemeinsam hatten sie sich lange Zeit bemüht, die Eisenkette durchzubeißen, die unter Baumwurzeln und Buschwerk eingeklemmt war – vergeblich. Sie ließ sich auch nicht fortziehen. Viele Stunden hatte der Wolf neben seiner Gefährtin gelegen, ihre Wunde geleckt und sie mit dem eigenen Körper gewärmt. Einmal hatte er der Wölfin den Hinterlauf einer Hirschkuh gebracht, die sie beide am Tag zuvor getötet hatten. Aber sie wollte nichts fressen; sie wurde immer schwächer. Der Schnee um ihre Pfote färbte sich rot. Der Wolf begriff, dass er sie nicht allein befreien konnte. Er brauchte Hilfe.

Verzweifelt ließ er seine Gefährtin zurück und machte sich auf den Weg dorthin, wo er niemals mehr hatte hingehen wollen: zu den Menschen.

Seine Eltern hatten ihm beigebracht, einen großen Bogen um die streng riechenden Wesen zu machen, und die Erlebnisse im vergangenen Jahr hatten dies auf schreckliche Weise bestätigt. Als die Menschen mit den lauten, stinkenden Maschinen gekommen waren, hatte er seine Familie im Schnee sterben sehen. Nie wieder wollte er in ihrer Nähe sein. Fortan hatte er jede Begegnung mit ihnen vermieden. Und doch suchte er jetzt ihre Hilfe.

Mit weit vorgestreckter, witternder Nase schob er den Schnee vor sich her, als er sich geduckt an die Straße heranwagte. Die Spur, die er dort fand, war schnurgerade und der Schnee fest gepackt, nicht wie die Fährten der anderen Tiere, denen er oft gefolgt war. Sie konnte nur von der lauten Maschine stammen, die er am Nachmittag gehört hatte. Vorsichtig, den buschigen Schwanz tief unter den Bauch geklemmt, trat er in die Spur und witterte den leichten Benzingeruch, der noch in der Luft lag, auch wenn der Lärm längst verstummt war. Sein ganzer Körper signalisierte Gefahr. Jeder Muskel war angespannt, die Nacken- und Rückenhaare richteten sich auf. All seine Sinne waren hellwach, bereit zur Flucht. Aber die Sorge um seine Gefährtin war größer als die Angst. Er konzentrierte sich auf das, was vor ihm lag.

Der Rabe hatte offenbar begriffen, dass es für ihn heute kein frisches Futter geben würde, und sich schimpfend auf einen Baum zurückgezogen. Sein Krächzen war der einzige Laut in der Nacht, abgesehen von dem entfernten Wimmern, das dem Wolf in den Ohren nachhallte.

Als sich der Wald lichtete, sah er die Hütte. Aus dicken Baumstämmen gebaut, schmiegte sie sich tief in den Schnee. Der Wolf blieb stehen. Ein eigenartiges, warmes Leuchten schien von dem Häuschen auszugehen. Die Spur, der er gefolgt war, führte direkt zum Haus. Er verließ sie und sprang in den Schnee. Er hatte sein Ziel erreicht.

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Kapitel 1

Mit Tüten, Taschen und Paketen beladen eilte Lindsay Griffin durch das weihnachtlich geschmückte New York. Sie wich einem Mann im Nikolauskostüm aus, der ihr mit einem lauten »Ho-ho-ho« eine Spendendose vor die Nase hielt, und fischte nach dem iPhone, das in ihrer Handtasche klingelte. Sie zog es heraus und klemmte sich das Handy zwischen Schulter und Ohr, während sie gleichzeitig versuchte, die Pakete wieder aufzuheben, die auf den Bürgersteig gefallen waren, und die Einkaufstüte mit dem sündhaft teuren Abendkleid festzuhalten.

»Mist!«, entfuhr es ihr dabei.

»Na, das ist aber eine Begrüßung«, klang es fröhlich vom anderen Ende der Leitung.

Der Spendennikolaus griff blitzschnell zu und verhinderte, dass die Tüte mit dem kostbaren Inhalt ebenfalls auf der Straße landete. Sie bedankte sich mit einem Kopfnicken und kramte fünf Dollar aus der Jackentasche, die sie in die Spendendose steckte. »Danke, Lindsay«, sagte der Weihnachtsmann zu ihr, »und frohe Weihnachten.«

»Ach, Dan. Entschuldige. Ich bin gerade ein wenig im Stress mit den Weihnachtseinkäufen und Besorgungen fürs Wochenende«, rief sie und stutzte.

Woher …? Hatte der Weihnachtsmann sie nicht eben mit ihrem Namen angesprochen? Sie drehte sich nach ihm um, aber er war verschwunden.

»Hör mal, Schatz. Können wir uns heute Abend beim Italiener treffen? Ich mache früher Schluss und möchte dich einladen. Ich muss etwas Wichtiges mit dir besprechen.«

»Prima. Dann brauche ich nicht zu kochen und kann noch das Geschenk für deine Eltern abholen.«

Lindsay wartete die Antwort gar nicht mehr ab und legte auf. Noch einmal schaute sie sich suchend um, aber sie sah nur dick eingepackte Menschen, die durch die Straßen eilten. Sie zuckte mit den Schultern. Bestimmt hatte sie sich getäuscht. Sie hob die Hand und pfiff auf zwei Fingern ein gelbes Taxi herbei. Verwunderte Blicke folgten ihr. Eine elegante, mit Tüten exklusiver Modelabels beladene Dame, die so gekonnt auf zwei Fingern pfiff, erlebte man selbst in New York nicht allzu oft. Ich habe es immer noch drauf, freute sie sich diebisch. Manche Dinge verlernt man nie. Auch als Reporterin beim Chronicle kam ihr manchmal zugute, was ihr Vater ihr als Kind beigebracht hatte. Ein schriller Pfiff erregte immer Aufmerksamkeit, sei es in einer Menge von Kollegen, die sich zum Interview um eine Berühmtheit drängen, oder jetzt, wenn sie ein Taxi brauchte. Sie öffnete die Autotür des vor ihr haltenden Wagens und warf ihre Einkäufe auf den Rücksitz.

»Metropolitan Opera«, rief sie dem Fahrer zu.

Zehn Minuten später waren sie vor dem imposanten Gebäude am Lincoln Center angekommen. Da hier striktes Parkverbot herrschte, bat sie den Taxifahrer, das Center so lange zu umkreisen, bis sie wieder draußen war. Sie ließ die Pakete im Wagen und stürmte in das Foyer des Opernhauses zum Ticketschalter. Dem Sicherheitsbeamten, der sie zurückdrängen wollte, hielt sie ihren Presseausweis vor die Nase. »New York Chronicle! Ich muss etwas abholen.« Der Wachmann trat einen Schritt zurück und machte Platz. Den Protest der Anstehenden ignorierend, rauschte sie an der Warteschlange vorbei zur Kasse, wo sie erneut den Ausweis zückte.

»Ich bin vom New York Chronicle. Für mich sind zwei Karten für die Silvestervorstellung hinterlegt worden.«

Mit einem missbilligenden Blick schob ihr der junge Mann hinter dem Schalter den Umschlag zu.

»Danke und frohe Weihnachten.« Lindsay versuchte, mit ihrem strahlendsten Lächeln den Unmut der Umstehenden zu besänftigen, eilte hinaus und sprang in ihr Taxi, das gerade die dritte Runde um den Block beendet hatte und am Bordstein hielt.

»Cobble Hill!« Aufatmend sank sie in den Sitz. Während sich der Wagen in den üblichen Feierabendstau einreihte und durch die Straßenschluchten von New York kroch, hakte sie auf ihrem iPhone die To-do-Liste ab. Sie hatte das Weihnachtsgeschenk für Michael und Terri gekauft, die Wohnung dekoriert und soeben ein neues Kleid für Heiligabend erworben. Lebensmittel musste sie zum Glück keine einkaufen. Heute würden sie beim Italiener essen, und Weihnachten verbrachten sie bei Dans Eltern Terri und Michael.

Bei dem Gedanken an das Fest wurden Lindsays Knie weich. Dan wollte sie seinen Eltern vorstellen. Bisher hatte er nur sehr wenig von ihnen erzählt. Dans Vater Michael Newman, der berühmte Anwalt, war regelmäßig in den Medien präsent. Sie hatte ihn erst einmal kurz getroffen, als sie ihren Freund im Büro abholte. Dan arbeitete in der Kanzlei seines Vaters und sollte später Partner werden. Daniel – er bestand darauf, »offiziell« so genannt zu werden – hatte sich auf Banken- und Insolvenzrecht spezialisiert, so wie schon seit Vater und sein Großvater, weil dies »das Geschäft der Zukunft« sei. Das Büro von Newman & Son erstreckte sich über die komplette oberste Etage eines Bürohochhauses in Manhattan. Auch Lindsays Arbeitsplatz befand sich in diesem Gebäude, allerdings sehr viel weiter unten. Eigentlich war es nur ein Schreibtisch im Großraumbüro des Chronicle, denn fast alle freiberuflichen Mitarbeiter arbeiteten von zu Hause aus. Lindsay war für die zeitlosen Storys zuständig. Sie schrieb kleine Geschichten aus dem Alltag der New Yorker. Zwar hatte sie ein gutes Gespür für Menschen, wie der Chefredakteur ihr bescheinigte, aber die großen Reportagen blieben den festangestellten Journalisten vorbehalten. Sehr selten bekam sie auch einmal einen festen Auftrag. Das rettete sie dann wieder für eine Weile vor allzu hohen Schulden. So hatte sie im Allgemeinen zwar wenig Geld, dafür aber viel freie Zeit, was ihr nur recht war. Sie nutzte jede Minute, um am Manuskript ihres ersten Buches zu arbeiten. Vor einem Jahr war sie mit einem Literaturagenten, den sie für ihre Zeitung interviewt hatte, ins Gespräch gekommen und hatte ihm von ihrer Buchidee erzählt, einem historischen Liebesroman über eine Karawane der Frauen von Neu England nach Kalifornien im 19. Jahrhundert. Er fand das Thema interessant und hatte ihr versprochen, sich das fertige Manuskript einmal anzuschauen. Ihr Traum, als freie Schriftstellerin zu leben, schien ein Stück näher gerückt. Aber seit sie mit Dan zusammen war, blieb ihr nur noch wenig freie Zeit.

Lindsay hatte den jungen Anwalt auf dem Weg zur Redaktion kennengelernt. Er drängte sich in den Fahrstuhl, als sich die Tür gerade schloss. Freundlich lächelnd nickte er ihr zu, steckte eine Chipkarte in den Schlitz über den Aufzugknöpfen und drückte auf die Sechsundfünfzig. Statt im achten Stock auf der Etage des Chronicle zu halten, schaltete der Aufzug in den Expressmodus und schoss direkt in das Büro von Newman & Son.

»Hey«, protestierte Lindsay. »Ich wollte aussteigen!«

»Oh. Tut mir leid. Ich war in Gedanken«, sagte ihr Gegenüber. Sein Mund verzog sich zu einem Grinsen, als er sie von Kopf bis Fuß musterte.

»Blau wie ein Gebirgssee in der Mittagssonne.« Diesen Spruch hatte sie einmal irgendwo gelesen und schrecklich kitschig gefunden. Wow, so etwas gibt es tatsächlich, dachte sie nun, als sie in die Augen des Mannes blickte, und vergaß dabei völlig, worüber sie sich soeben geärgert hatte.

»Ich hoffe, ich kann es wiedergutmachen. Cappuccino im Diner um die Ecke? Mittagspause?«

Dumme Kuh, schalt sie sich selbst, während sie stumm nickte.

»Wohin wollten Sie?«

»Achter Stock.«

Die Aufzugtür öffnete sich. Bevor er ausstieg, benützte er noch einmal die Chipkarte und drückte auf den Knopf für das achte Stockwerk.

»Entschuldigung.« Sein Lächeln wurde von den verspiegelten Wänden des Lifts zurückgeworfen und schien ihn zu erhellen. Mit einem »Bis später« stieg er aus. Leise schloss sich die Tür, und sie lehnte sich mit weichen Knien an die Wand, als sie ohne Zwischenstopp in die Räume der Zeitung katapultiert wurde. Nach diesem ersten Treffen und dem gemeinsamen Cappuccino in der Mittagspause war sie hoffnungslos verliebt.

Geschickt wich der Fahrer den Staus aus, überquerte den East River über die Brooklyn Bridge und gelangte auf kürzestem Weg durch Downtown Brooklyn nach Cobble Hill. Ihr Trinkgeld fiel entsprechend großzügig aus, als sie vor dem Mietshaus ausstieg, in dem sich ihr kleines Apartment befand.

»Hola, Lindsay«, rief ihr der spanische Gemüsehändler neben dem Eingang zu und drückte ihr eine Tüte Orangen in die Hand. »Feliz Navidad.«

»Gracias, Fernando. Feliz Navidad«, antwortete sie und lächelte. Das mochte sie so an diesem Stadtteil. Jeder kannte jeden, man war eine große Familie. Sie liebte ihre kleine Wohnung, über die sich Dan stets lustig machte. »Künstlerviertel« nannte er Cobble Hill abschätzig. Die Gegend war ihm nicht elegant genug. Dass sie beide dennoch hier wohnten, war ein Kompromiss, den er Lindsay zuliebe eingegangen war. Er selbst hatte sich in der Anwaltskanzlei eine Schlafmöglichkeit mit Dusche eingerichtet, weil er oft bis tief in die Nacht arbeitete und dann im Büro schlafen konnte. Seine Hauptwohnung besaß er in einem Nebenflügel des Anwesens seiner Eltern auf der Upper East Side von New York, einem der teuersten Viertel der Stadt, wenn nicht sogar des Landes. Lindsay hatte ihn dort noch nie besucht. Sie kannte weder seine Wohnung, noch hatte er sie je offiziell seinen Eltern vorgestellt. Gab es einmal eine solche Gelegenheit, war immer etwas dazwischengekommen, oder es hatte aus verschiedenen Gründen nicht gepasst. So verbrachten sie und Dan ihre gemeinsame Freizeit meist in ihrem Apartment.

Voll bepackt mit den Weihnachtseinkäufen, klemmte sich Lindsay noch die Tüte Orangen unter den Arm und schloss mit der freien Hand die Haustür auf. Mit dem Fuß stieß sie die Tür hinter sich zu und sprang die ausgetretenen Treppen zum dritten Stock hinauf. Sie drehte den Schlüssel nacheinander in den beiden Sicherheitsschlössern an der Wohnungstür und tippte nach dem Öffnen sofort den Code für die Alarmanlage ein, die sich direkt neben dem Eingang befand. Einmal hatte sie es vergessen und kurze Zeit später bewaffneten Sicherheitsleuten gegenübergestanden. Sie mochte es nicht, in einem »Hochsicherheitstrakt«, wie sie ihr Apartment nannte, eingesperrt zu sein, sah aber die Notwendigkeit ein, mit der sich die wohlhabenden New Yorker abzufinden schienen.

Auch dadurch fühlte sich Lindsay in ihrer Abneigung gegen Großstädte bestärkt. Sie war auf dem Land groß geworden und liebte dieses Leben. Dort blieben die Haustüren immer unverschlossen. Ihre Eltern hatten am Stadtrand von Doylestown, Pennsylvania, eine Bäckerei gehabt. Als vor zehn Jahren der Betrieb durch einen technischen Defekt abbrannte und ihre Eltern in dem Feuer umkamen, war Lindsay nach New York gezogen in der Hoffnung, die Ablenkungen in der Stadt würden ihr helfen, über den Schmerz hinwegzukommen. Zunächst lebte sie in Queens in einer Wohngemeinschaft mit Louis und André. Das schwule Pärchen aus Frankreich hatte sie in einem Café kennengelernt und war mit ihnen ins Gespräch gekommen. Sie mochte die zwei, ihre Weltoffenheit und die Wärme, mit denen sie jedem begegneten. Als Lindsay erfuhr, dass die beiden einen Mitbewohner suchten, war sie nur zu gern bereit, in die WG zu ziehen. Sie richtete sich ein kleines Zimmer mit billigen Möbeln ein, die sie bunt anstrich, und teilte sich Bad und Küche mit den stets gutgelaunten Franzosen. Die wiederum verwöhnten sie mit köstlichen Gerichten aus ihrer Heimat. Abends, wenn Freunde zum Essen kamen, quetschten sich alle um den Esstisch, der fast die ganze Küche ausfüllte, und diskutierten über Gott und die Welt. Die Gesellschaft und das bunte Treiben in ihrem Viertel gaben Lindsay manche Anregung für ihre Artikel. Das Geld, das sie als freie Mitarbeiterin beim Chronicle verdiente, reichte aus, um ihr WG-Zimmer zu bezahlen. Sie hatte eine schnelle Internetverbindung und konnte von zu Hause aus arbeiten. Dann hatte sie Dan getroffen, der ihr gemütliches Leben innerhalb kürzester Zeit auf den Kopf gestellt hatte.

Unmittelbar nach ihrem gemeinsamen Mittagessen begann er, um sie zu werben. Er schickte Blumen, führte sie zum Essen aus und besuchte mit ihr Galerien, Konzerte und die Oper. Dan zeigte ihr New York, wie sie es bisher nicht kannte. Lindsay war überwältigt und geschmeichelt von seinen Einfällen. Eines Tages rief er sie in der Redaktion des Chronicle an.

»Schau mal aus dem Fenster!«

Vor dem Hochhaus wartete eine weiße Pferdekutsche, die über und über mit roten Rosen geschmückt war. In ihr saß Dan und winkte ihr zu.

»Komm runter! Wir machen einen Ausflug.«

Die Kollegen drängten sich an den Fenstern, als Dan Lindsay galant in die Kutsche half. Sie fuhren in den Central Park. An einer abgelegenen Stelle ließ er die Kutsche anhalten und führte Lindsay durch den Wald auf eine Lichtung, in deren Hintergrund sich Belvedere Castle erhob. Aus dem mitgebrachten Picknickkorb zog er eine Decke und breitete sie auf dem Rasen aus. Darauf verteilte er Gläser und Geschirr. Der Kutscher brachte eine Kühlbox mit den Köstlichkeiten eines New Yorker Gourmet-Caterers: Pastete, italienische Salami, Baguette, verschiedene Sorten Käse, Oliven und Mixed Pickles. Als sie wieder allein waren, öffnete Dan eine Flasche Champagner und goss ihnen beiden ein. Lächelnd sagte er: »Du liebst doch die Natur. Und wir beide mögen gutes Essen. Da hab ich mir gedacht, ich könnte beides verbinden«, und stieß mit ihr an.

»Das hier ist für dich.« Er zeigte auf die Skyline von New York vor ihnen.

Lindsay war überwältigt. So romantisch hatte noch kein Mann um sie geworben.

Nach dem Nachtisch mit Brownies und Kaffee lehnte sich Lindsay an Dan und seufzte tief.

»So hab ich die Stadt noch nie gesehen. Danke für den wunderschönen Ausflug.«

Mit diesem Picknick hatte Dan ihr Herz endgültig gewonnen. Er war der Richtige. Da war sie sich ganz sicher.

Lindsay schloss die Wohnungstür hinter sich zu, zog die Jacke aus und ging ins winzige Schlafzimmer, wo sie die Einkäufe aufs Bett warf und ihre Schuhe in die Ecke kickte. Barfuß lief sie über den warmen Parkettfußboden in die kleine Studioküche und schaltete die Espressomaschine ein. Der teure Kaffeeautomat war ein Geschenk von Dan, der gern starken Espresso trank. Während der Cappuccino mit leisem Brummen in die Tasse rann, zog sie den Umschlag mit den Opernkarten aus der Handtasche. Dass sie für die lange ausverkaufte Silvestervorstellung von »Die Fledermaus« in der Met noch zwei Karten bekommen hatte, verdankte sie dem Leiter des Kulturressorts vom Chronicle und seinen guten Beziehungen zum Direktor des Opernhauses. Dennoch hatten die sündhaft teuren Karten fast ihr gesamtes Monatseinkommen verschlungen. Aber das Weihnachts- und Willkommensgeschenk für Dans Eltern war es ihr wert gewesen.

Sie trat an das bodentiefe Altbaufenster und schaute hinunter auf die Straße, während sie den heißen Cappuccino in kleinen Schlucken trank.

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