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Der Winterkönig

Prag, 23. Mai 1618

»Was ist das für ein Lärm?«, schrie Jaroslav Borsita Martinitz und schlug ärgerlich mit der Faust auf den Tisch.

Philipp Fabricius fuhr erschrocken zusammen und warf dabei mit dem Ärmel seines schwarzen Mantels fast das Tintenfass vor sich um. Es gelang ihm gerade noch rechtzeitig, das Gefäß festzuhalten, bevor es über die Kante fiel und den kostbaren Marmorfußboden der böhmischen Hofkanzlei in der Prager Burg verschmutzte. Er sah den königlichen Statthalter vorwurfsvoll an, den das allerdings nicht zu interessieren schien. Wie immer, wenn sich Martinitz durch irgendetwas gestört fühlte, drehte er nervös mit dem Zeigefinger an den fingerlangen Barthaaren.

»Bei diesem Krach kann man unmöglich arbeiten«, pflichtete Wilhelm Slavata, der oberste Landrichter, seinem Freund bei.

»Fabricius, geh und schau nach, was dort unten im Gange ist«, befahl Martinitz. Der Statthalter rutsche unruhig auf seinem Stuhl vor und fuhr sich mit der knochigen rechten Hand über den kahlen Schädel.

Philipp wusste, dass ihm nichts anderes übrig blieb, als der Aufforderung von Martinitz zu folgen. Trotz seiner für diese Jahreszeit viel zu dicken Kleidung fror der Sekretär der königlichen Statthalter entsetzlich. Pflichtbewusst war er den vier Statthaltern Martinitz, Slavata, Ladislaus von Sternberg und Diepold von Lobkowitz am Morgen nach der Kirche in das Amtszimmer gefolgt, obwohl er spürte, wie das Fieber seinen Körper gepackt hielt. Sein normalerweise lockiges, schwarzes Haar klebte ihm in klumpigen Strähnen am Kopf, und er sah alles um sich herum wie durch einen nebligen Schleier. Philipp betete darum, dass die heutige Sitzung ein schnelles Ende finden würde und er sich bald in seinem Bett verkriechen konnte, hatte aber die düstere Vorahnung, dass daraus nichts werden würde.

In diesem Moment flog die schwere Holztür der Ratsstube mit einem Knall auf und schlug krachend gegen die Wand. Sofort stürmte eine Horde wütender und bewaffneter Männer in den Raum. Sie sprang über die drei Besucherbänke vor den Statthaltern auf diese zu. Spätestens jetzt bereute Philipp es, an diesem Morgen nicht in seiner Kammer geblieben zu sein. Er hätte einen Verweis bekommen, wenn er nicht zum Dienst erschienen wäre, fürchtete aber, dass das was nun folgen würde, wesentlich schlimmer für ihn ausgehen konnte.

»Was fällt Euch ein, einfach so hier hereinzustürmen«, schrie Martinitz und sprang so heftig auf, dass er dabei mit seinem gewölbten Bauch fast den Tisch umstieß, an dem er saß.

»Das werdet Ihr gleich erfahren«, antwortete Matthias von Thurn. Wie ein Richter stand der grauhaarige Graf vor den königlichen Beamten und deutete mit dem Finger auf sie. »Ergreift sie und schafft sie nach draußen.«

Die vier Statthalter wollten ihre Waffen ziehen, wurden aber von der Menge regelrecht überrannt, bevor sie zu einer Gegenwehr fähig waren. Auch Philipp wurde gepackt und von den Männern aus dem Raum heraus in den breiten Flur gezogen, in dem normalerweise die Bittsteller warteten.

»Was hat das zu bedeuten?«, fragte Martinitz mit sich überschlagender Stimme.

»Ihr seid zu weit gegangen«, antwortete von Thurn. »Heute werdet Ihr für Eure Taten zur Rechenschaft gezogen. Die Zeit der Unterdrückung der protestantischen Stände ist nun vorbei.«

Philipp sah sich um und erkannte, dass die Eindringlinge überall standen. Von unten drängten sich weitere Männer über die Treppe nach oben. Fast alle hatten die Hände an ihren Waffen und waren bereit, diese sofort gegen die Statthalter einzusetzen, sollte es denn nötig sein. Eine Flucht war ausgeschlossen. Philipp hoffte, dass von Thurn ihn gehen lassen würde. Schließlich protokollierte er die Versammlungen der Statthalter lediglich und war nicht für ihre Taten verantwortlich. Dabei wusste er nur zu gut, dass die Horde ihre Revolte gegen die Hofkanzlei nicht ohne Grund durchführte.

Der Sekretär schaute zu Martinitz und Slavata. Beide Männer waren erbleicht. Von dem anfänglichen Selbstbewusstsein, mit dem sie sich gegen die Angreifer gestellt hatten, war nichts mehr übrig geblieben. Unruhig ließen sie ihre Blicke über die endlos erscheinende Gruppe der Eindringlinge schweifen. Ladislaus von Sternberg und Diepold von Lobkowitz hatten sich erst gar nicht gegen von Thurn und seine Mannen gewehrt und standen lethargisch im Flur, als ginge sie der Aufstand der Stände nichts an.

Graf von Thurn hob die Hände und brachte die wild durcheinander schreiende Menge so zum Schweigen. Er sprach mit lauter Stimme, so dass ihn jeder im Flur hören konnte: »Seit der Regentschaft von König Ferdinand werden die Rechte der protestantischen Stände in Böhmen mit Füßen getreten. Selbst vor der Zerstörung unserer Kirchen schreckten die Jesuiten nicht zurück. Dies war ein klarer Verstoß gegen den Majestätsbrief, der von Kaiser Rudolf II im Jahr 1609 ausgestellt und später von Kaiser Matthias bestätigt worden ist.«

Während die meisten Anwesenden die Worte ihres Rädelsführers nickend bestätigten, erschrak Philipp bis ins Mark. Er kannte das von Graf von Thurn angesprochene Dokument, in dem den böhmischen Landeseinwohnern eine freie Religionswahl und der Aufbau einer protestantischen Kirchenorganisation erlaubt wurde. Selbst der Bau von evangelischen Kirchen auf den königlichen Kammergütern war gestattet worden. Wenn sich die Statthalter von Prag nun tatsächlich offen gegen diesen Majestätsbrief gestellt haben sollten, würde ihr Leben keinen Pfifferling mehr wert sein. Philipp wusste nur zu gut, dass auch er dann kaum noch mit heiler Haut davonkommen konnte.

»Um unser Recht durchzusetzen, haben wir uns in einem Protestschreiben an Kaiser Matthias gewandt«, fuhr von Thurn fort. »Doch in Wien fand unser Anliegen kein Gehör. Im Gegenteil, dem protestantischen Adel wurde verboten, weitere Ständeversammlungen abzuhalten. Der Kaiser drohte uns sogar mit dem Verlust des Leibes und der Ehre, wenn wir seine Anordnung nicht befolgen. Es stellt sich uns nun die Frage, was Matthias dazu brachte, von seinem Weg abzuweichen und sich gegen den Majestätsbrief zu stellen, den er selbst bestätigt hat. Von den anwesenden Statthaltern wollen wir wissen, ob sie von dem kaiserlichen Schreiben gewusst haben oder gar dazu rieten und es approbierten.«

Der Flur schien sich während der Worte von Graf von Thurn weiter gefüllt zu haben. Die Männer standen dicht gedrängt und schoben sich gegenseitig immer weiter vor. Philipp hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Es roch nach Schweiß, und die Hitze im Flur schien mit jeder Sekunde zuzunehmen. Aus Angst davor, von der Menge totgetreten zu werden, sollte er zu Boden fallen, kämpfte der Sekretär verzweifelt gegen den drohenden Schwindel an.

Die Eindringlinge rückten noch enger zusammen. Alle wollten wissen, was die Statthalter nun zu ihrer Verteidigung vorbringen würden. Trotz seiner Schwäche war auch Philipp gespannt, ob es ihnen gelang, sich aus dieser bescheidenen Lage herauszuwinden. Von den Wachen der Burg war sicherlich keine Hilfe zu erwarten. Die Männer waren entweder von den Rebellen überwältigt worden oder geflohen.

»Wir sind dem Kaiser mit schwerem Eid verpflichtet und verbunden«, antwortete Martinitz sichtlich um Fassung bemüht. Weil er von seinen Widersachern an beiden Armen festgehalten wurde, war er kaum in der Lage sich zu rühren. »Wir dürfen nichts offenbaren, was die Statthalter im Namen des Königs in ihrem Kreis beraten.«

»Ihr irrt, wenn Ihr glaubt, dass wir unverrichteter Dinge wieder abziehen werden«, sagte von Thurn mit energischer Stimme. »Wir verlangen hier und heute eine Antwort. Gebt Ihr diese nicht, wird das von den protestantischen Ständen als Schuldeingeständnis gewertet werden.«

»Ich muss energisch protestieren und kann guten Gewissens sagen, dass wir weder zu diesem, dem Majestätsbrief zuwider laufenden Schreiben geraten, noch davon gewusst haben.«

Philipp sah Ladislaus von Sternberg überrascht an. Der stand zittrig zwischen den Rebellen und hielt den Gehstock, den er benötigte seit er vor zwei Jahren vom Pferd gefallen war und sich das Bein verdreht hatte, krampfhaft fest. Normalerweise wählte der Mann den Weg des geringsten Widerstandes. Sein Protest passte nicht zu dem Verhalten, das Philipp sonst von ihm kannte.

Der Sekretär betete, dass die adeligen Herren nun schnell zu einer Endscheidung kommen würden. Ihm selbst fiel es immer schwerer, sich auf den Beinen zu halten, obwohl auch er nach wie vor von zwei Männern gepackt wurde. Er hatte das Gefühl, dass der Lärm in der Burg sein Fieber noch steigerte und seinen Kopf früher oder später zum Bersten bringen würde.

»Herr Burggraf«, sprach von Thurn von Sternberg direkt an. »Wir wissen wohl, dass Ihr und Diepold von Lobkowitz fromme Herren seid und den protestantischen Ständen nicht schaden wolltet. Herr Slavata und Herr Martinitz sind die Feinde unserer Religion und wollen uns um den Majestätsbrief bringen.«

»Das ist eine Lüge«, protestierte Martinitz und versuchte, auf seinen Widersacher zuzugehen. Daran wurde er aber von den anderen Männern gehindert.

»Dann stimmt es nicht, dass Ihr beide schon bei der Sitzung des Landtages nicht anwesend wart, bei dem der Majestätsbrief entlassen wurde, und Ihr seitdem alles darauf verwendet, das Dokument außer Kraft zu setzen?«

Weder Martinitz noch Slavata antworteten auf diese Anschuldigungen. Philipp wusste nur zu gut, dass beide Statthalter immer wieder nach Möglichkeiten gesucht hatten, gegen die Protestanten vorzugehen. Er hatte dies selbst dokumentiert. Den Männern war es ein Dorn im Auge, dass der protestantische Teil der Bevölkerung in Prag immer mehr zunahm.

Die Tatsache, dass von Thurn gnädig mit von Sternberg und von Lobkowitz umging, ließ den Sekretär hoffen, ebenfalls aus dem Gebäude herauszukommen, ohne Schaden zu nehmen.

In den nächsten Minuten wurden weitere Vorwürfe vorgebracht. Martinitz und Slavata versuchten vergeblich, sich zu verteidigen, gerieten aber immer mehr in die Zwickmühle. Weil mehrere Männer durcheinandersprachen und seine Kopfschmerzen immer unerträglicher wurden, konnte Philipp den Worten nicht mehr folgen. Er spürte, dass er dieser Tortur nicht mehr lange standhalten konnte. Wie auch immer die Entscheidung über seine Zukunft ausfallen mochte, er betete, dass diese rasch getroffen würde. Falls es tatsächlich Gottes Wille war, den jungen Sekretär mit gerade einmal zwanzig Jahren zu sich zu holen, sollte er ihm die Gnade eines schnellen Todes gewähren.

Plötzlich verschaffte sich Graf von Thurn mit lauter Stimme Gehör und riss damit auch Philipp aus seiner Lethargie. »Die Herren von Sternberg und von Lobkowitz sollen nun die Burg verlassen. Ihnen wird nichts geschehen. Keiner von uns wird Hand an sie legen. Die anderen beiden dagegen werden nun unseren Richtspruch erfahren.«

Zunächst rührten sich die beiden Angesprochenen nicht und starrten von Thurn überrascht an. Erst als sie von den Eindringlingen in Richtung Ausgang geschoben wurden, erkannten sie, dass es der Graf ernst meinte, und bahnten sich fluchtartig ihren Weg zur Treppe. Philipps Hoffnung, nun ebenfalls freigelassen zu werden, erfüllte sich nicht.

»Seht, liebe Herren, diese Zwei sind unsere größten Feinde. Sie wollen uns um den Majestätsbrief und die Freiheiten unserer Religion bringen. Glaubet gewiss, dass unsere Stände niemals mit unseren Weibern und Kindern in Frieden leben können, solange diese Herren im Lande verweilen. Wir würden unseres Lebens nicht sicher sein. Wenn wir sie weiter gewähren lassen, ist es um unsere Religion geschehen und wir alle hier werden an Leib, Ehre und Gut verdorben und verloren sein.«

Ein Raunen ging durch den Flur. Graf von Thurn stand in der Mitte des Raumes und genoss seinen Triumph sichtlich. Der Anführer der Rebellion wirkte auf Philipp wie ein Kriegsherr auf dem Schlachtfeld, der seine Männer aufhetzte, bevor er sie in den Kampf schickte.

»Derethalben deklarieren wir die beiden als Feinde und werden mit ernstlicher Strafe gegen sie verfahren.«

Philipp blickte in die entsetzten Gesichter der beiden Statthalter. Beide wussten nur zu gut, dass ihre letzte Stunde geschlagen hatte, sollte nicht noch ein Wunder geschehen. Während Slavata um seine Fassung rang, forderte Martinitz von den Eindringlingen, zu einem Beichtvater geführt zu werden, bevor das Urteil an ihm vollstreckt wurde.

»Wir werden Euch jetzt sicher nicht noch einem schelmischen Jesuiten zuführen«, entgegnete von Thurn und deutete zum Fenster. »Hinaus mit ihnen.«

In diesem Moment brach der Tumult los. Gleich fünf der anwesenden Ritter stürzten sich auf Martinitz und zogen ihn zum geöffneten Fenster. Philipp versuchte sich nach hinten zu drängen, wurde aber von seinen Widersachern festgehalten.

»Jesu, Sohn des lebendigen Gottes, erbarme dich meiner!«, schrie der Statthalter und versuchte sich gegen die übermächtigen Angreifer zu wehren.

Philipp sah voller Entsetzen zu, wie der Oberkörper von Martinitz durch das schmale Fenster geschoben wurde. Sofort machten sich drei Männer an seinen Beinen zu schaffen, hoben sie an und warfen den Statthalter hinaus.

»Jesus, Maria«, schrie Martinitz. Seinen Fall konnte aber nichts mehr aufhalten.

»Wir wollen sehen, ob ihm seine Maria helfen wird«, sagte von Thurn spöttisch.

Der Sekretär konnte nicht erkennen, was weiter mit Martinitz geschah. Die Männer standen so dicht an den Fenstern, dass es unmöglich war, einen Blick an ihnen vorbei zu werfen. Philipp war überzeugt, dass der Statthalter den Fall unmöglich überlebt haben konnte; immerhin lag das Fenster siebzehn Meter über dem Boden. Die aufgeregten Rufe der Protestanten belehrten ihn jedoch eines Besseren.

»Er bewegt sich noch«, rief einer der Männer und deutete nach unten.

Die Stimmung im Flur heizte sich noch weiter auf. Die Eindringlinge schrien wild durcheinander. Philipp bekam einen Schlag gegen den Kopf und nahm nun alles nur noch verschleierter wahr.

Wieder musste sich von Thurn mit energischer Stimme Gehör verschaffen. »Edle Herren, noch ist unsere Aufgabe hier nicht beendet«, rief er und zeigte auf Slavata. »Da habt ihr den anderen.«

Auch dem zweiten Statthalter blieb keine Möglichkeit zur Gegenwehr. Er klammerte sich verzweifelt mit den Händen am Fensterrahmen fest, musste aber loslassen, als ihm einer der Männer mit dem Kopf seines Dolches auf die Finger schlug.

Mit blankem Entsetzen spürte Philipp, wie nun auch er von den Eindringlingen gepackt und zum Fenster geschleift wurde. »Ich habe nichts mit den Taten der Statthalter zu schaffen«, rief er verzweifelt. »Ich bin nur der Sekretär.«

In ihrer Rage machten die Männer um Graf von Thurn jetzt aber keine Unterschiede mehr. Sie drückten Philipp durch das Fenster, und er würde genauso fallen wie die beiden Statthalter zuvor. Sein durch das Fieber geschwächter Körper ließ keine Gegenwehr zu. Er merkte, wie er den Halt verlor und sah, wie der Graben unter ihm immer näher kam. Ein Fenstersims stoppte seinen Fall. Philipp spürte einen stechenden Schmerz in der Hüfte. Dann rutschte er an der Mauer entlang in die Tiefe. Die unzähligen Schläge gegen Arme und Beine nahm der Sekretär kaum wahr. Innerlich hatte er bereits mit dem Leben abgeschlossen.

Der Aufprall in dem Graben vor dem Schloss erschütterte Philipps Körper. Er stieß mit dem linken Ellenbogen gegen einen Stein und schrie auf. Der Schmerz zog durch seinen gesamten Körper und schien keine Stelle auslassen zu wollen. Und doch – der Sekretär konnte es nicht fassen – hatte er den Sturz überlebt. Neben sich sah er, wie Martinitz versuchte, den scheinbar leblosen Körper von Slavata, dem das Blut aus einer Wunde an der Schläfe lief, aus dem Graben zu ziehen. Auch die Dienerschaft, welche die Burg beim Eintreffen der Rebellen verlassen haben musste, eilte den Statthaltern nun endlich zur Hilfe.

Plötzlich krachten Schüsse von oben. Philipp schaute zu dem Fenster und sah, wie sich die protestantischen Grafen und Ritter dort zusammendrängten und ihre Waffen nach unten richteten. Zu seinem Glück behinderten sie sich dabei aber gegenseitig und schafften es nicht, einen gezielten Schuss abzugeben. Er musste hier weg.

»Lauft in den Graben hinunter und macht der Sache ein Ende«, befahl von Thurn oben mit lauter Stimme.

Die protestantischen Eindringlinge waren aber zu weit von der Stelle entfernt, an der ihre drei Opfer auf den Boden geschlagen waren. Jetzt geriet es ihnen zum Nachteil, dass sie allesamt in die Burg gestürmt waren und jeder bei der Verhandlung gegen die Statthalter hatte dabei sein wollen.

»Geh nach Wien!«, befahl Martinitz seinem Sekretär. »Kaiser und König müssen erfahren, was heute hier geschehen ist.« Der Statthalter hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den Brustkorb und schien große Mühe beim Sprechen zu haben. Seine Worte wurden von keuchendem Atem begleitet und waren fast nicht zu verstehen.

»Ich kann Euch hier nicht alleine lassen«, entgegnete Philipp und sah seinen Herrn ängstlich an. Er selbst spürte stechende Schmerzen in den Ellenbogen und Knien, schien sich bei dem Sturz aber keine Brüche zugezogen zu haben.

»Das musst du aber. Wir haben noch genug Freunde in der Stadt, die uns helfen werden. Sorge dich nicht um Slavata und mich. Geh nach Wien. Dort wird man wissen, was zu tun ist, um diesem gottlosen Treiben ein Ende zu bereiten.«

Philipp sah, dass nun immer mehr königliche Soldaten und Diener auf den Graben zustürmten, um ihre Herren zu retten. Slavata wurde aufgehoben und von der Burg weggetragen. Zwei Männer stützten Martinitz, der mit dem rechten Fuß nicht auftreten konnte, und halfen ihm so bei der Flucht.

Überall um die Burg herum erklangen Schreie. Mittlerweile schien sich halb Prag am Ort des Geschehens versammelt zu haben. Wenn Philipp dem Befehl seines Statthalters nachkommen wollte, musste er den Tumult nutzen und versuchen, unbemerkt zu verschwinden.

Als er sich auf seinem linken Arm abstützte, gab dieser nach und der Sekretär fiel mit dem Gesicht in den Dreck. Die Schmerzen waren unerträglich. Benommen schaute er auf den zerrissenen und blutdurchtränkten Ärmel seiner Jacke. Am liebsten wäre er jetzt einfach im Graben liegen geblieben und hätte auf sein Ende gewartet. Nein! So wollte er nicht sterben.

Er mobilisierte seine letzten Kräfte, nahm seinen ganzen Mut zusammen und kroch aus dem Graben. Als Philipp merkte, dass sich niemand für ihn interessierte, humpelte er, so schnell es sein geschundener Körper zuließ, davon. Als er einige Minuten später die Moldau erreichte, kämpfte er gegen das Verlangen seines schmerzenden Körpers nach einer Pause an und überquerte hinkend den Fluss. Die Schreie an der Burg wurden leiser. Hinter sich konnte Philipp keinen Menschen sehen. Er war seinen Häschern also entwischt und für den Moment mit dem Leben davongekommen.

***

In seiner Kammer packte Philipp nur die nötigsten Dinge zusammen. Er wusste, dass man ihn hier zuerst suchen würde und musste die Stadt so schnell wie möglich verlassen. Die Schmerzen in seinem Körper wurden mit jedem Schritt stärker. Seine Kleidung war an Armen und Beinen zerrissen und voller Blut von zahlreichen Schürfwunden. Es gab nichts, was der Sekretär jetzt lieber tun würde, als sich einfach auf sein Bett fallenzulassen und zu schlafen. Aber er musste sich in Sicherheit bringen.

Weniger als fünf Minuten nachdem er das Haus, in dem er lebte, betreten hatte, verließ er es wieder. Die Zeit, sich wenigstens notdürftig zu reinigen und frische Kleidung anzulegen, nahm er sich nicht. Er ging zu einem Kutscher, von dem er wusste, dass er den Statthaltern treu ergeben war. Sie vereinbarten einen Treffpunkt, der etwa einen Kilometer von der Stadt entfernt war. Bis dahin musste sich Philipp alleine durchschlagen. Es war zu gefährlich, den Versuch zu unternehmen, in der Kutsche durch die Stadttore zu fahren.

Der Weg zum vereinbarten Treffpunkt brachte Philipp an den Rand der Verzweiflung. Er stand mehrfach kurz davor aufzugeben. Mit jedem Schritt zog ihm der Schmerz durch seine Beine hoch bis zur Brust. Das Wissen darum, wie viel davon abhing, dass er Wien so schnell wie möglich erreichte, verlieh ihm jedoch die Kraft, sein Ziel zu erreichen. Graf von Thurn durfte mit seiner schändlichen Tat nicht durchkommen.

Der Kutscher erwartete ihn bereits, als Philipp schwer atmend bei dem Mann ankam. Völlig fertig stieg er in die Fahrgastzelle und ließ sich dort auf eine Bank fallen. Schlafen konnte der Sekretär aber auch jetzt nicht. Jeder Stein, über den die Räder der Kutsche holperten, versetzte seinem Körper einen schmerzenden Stich und zwang ihn dazu, sich aufzusetzen. Die Tortur endete erst, als eine gnädige Ohnmacht ihn von seiner Pein befreite.

Prag, 24. Mai 1618

»Ich kann noch immer nicht fassen, dass Ihr diesen furchtbaren Sturz überlebt habt«, sagte Polyxena von Lobkowitz und sah ihren Gast kopfschüttelnd an.

Trotz des Tumultes am gestrigen Tag war die Gräfin, wie immer wenn sie Besucher im Haus hatte, perfekt zurechtgemacht. Ihre braunen Haare waren streng nach hinten gekämmt und am Hinterkopf zu einem Knoten gebunden. Sie trug ein mit Blumen besticktes Kleid, dessen Kragen ihre Wangen zur Hälfte bedeckte.

Sie hatte die beiden Statthalter nach dem Anschlag in ihrem Palais aufgenommen und für die Pflege der Verletzten gesorgt. Nun saß sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Diepold von Lobkowitz und Jaroslav Borsita Martinitz im Speisesaal ihres Anwesens. An den Wänden des Raumes zeigten kostbare Porträts die lange Geschichte der Adelsfamilie und den Reichtum der von Lobkowitzes.

»Die allerseligste Jungfrau Maria hat uns mit ihrem Mantel in den Lüften gehalten und zur Erde getragen.« Martinitz hatte seinen geschwollenen Fuß zum Kühlen in einen Wassereimer gestellt. Ansonsten hatte er den Sturz wesentlich besser überstanden als sein Kollege und lediglich ein paar Kratzer im Gesicht und an den Händen.

»Wenn das so ist, muss das böhmische Volk von dieser Rettung erfahren«, erklärte Polyxena bestimmt. »Es ist wichtig, dass die Leute erkennen, dass der katholische Glaube der richtige ist und gottesfürchtige Menschen vor den protestantischen Rebellen geschützt werden.«

»Graf von Thurn und seine Mannen werden sich auch dadurch nicht aufhalten lassen«, gab Diepold von Lobkowitz zu bedenken.

»Kaiser und König werden den protestantischen Ständen diesen Frevel nicht durchgehen lassen«, entgegnete die Gräfin. »Sei du lieber froh, dass du vor tätlichen Angriffen bewahrt wurdest. Wien muss erfahren, was hier geschehen ist. Es müssen sofort Maßnahmen getroffen werden. Nicht auszudenken, was passiert, wenn die Rebellen ihre Macht in der Stadt erst einmal gefestigt haben.«

»Unser Sekretär ist auf dem Weg dorthin«, sagte Martinitz.

»Dann hoffen wir, dass er auch dort ankommt und der Kaiser die richtigen Schritte in die Wege leitet.«

Diepold von Lobkowitz nickte zustimmend. Martinitz wusste, dass er es nicht wagen würde, sich vor anderen Personen offen gegen sein Weib zu stellen. Er selbst akzeptierte den evangelischen Glauben durchaus neben den katholischen Werten. Vermutlich hatte ihn diese Tatsache davor bewahrt, ebenfalls aus dem Fenster geworfen zu werden. Für seine Gemahlin galt diese Einstellung aber genauso wenig wie für Martinitz und Slavata.

»Wie geht es unserem geschätzten Kollegen?«

»Er schläft noch und erholt sich von den Verletzungen«, antwortete die Gräfin. »Ihn hat es deutlich ärger getroffen als Euch.«

»Slavata hat sich an dem steinernen Gesims des untersten Fensters angestoßen und ist im Graben mit dem Kopf auf einen Stein gefallen. Ich bete zu Gott, dass er bald erwacht und eine schnelle Genesung erfährt.«

»Das hoffen wir alle«, sagte Diepold von Lobkowitz.

In der Tat hatte es Slavata von allen drei Opfern am schlimmsten erwischt. Martinitz selbst würde zwar noch ein paar Tage unter den Schmerzen leiden, im Vergleich zu seinem Amtskollegen ging es ihm aber den Umständen entsprechend gut.

»Was gedenkt Ihr nun zu unternehmen?«, fragte die Gräfin und sah Martinitz herausfordernd an. »Im Moment dürfte es zu gefährlich sein, Euch offen in den Straßen Prags blicken zu lassen.«

»Das ist es in der Tat«, gab Martinitz zu. »Wir müssen auf Hilfe aus Wien hoffen. Ansonsten sind wir mit unseren wenigen treu ergebenen Soldaten den protestantischen Ständen hoffnungslos unterlegen. Bis dahin bitte ich Euch, mir und dem Grafen Slavata weiterhin Eure Gastfreundschaft zu gewähren.«

»Die habt Ihr, solange es von Nöten ist«, antwortete Polyxena. »Graf von Thurn wird es nicht wagen, ohne meine Erlaubnis auch nur einen Fuß in mein Haus zu setzen. Hier seid Ihr sicher.«

»Dafür bin ich Euch sehr dankbar. Darüber hinaus werden wir noch eine Möglichkeit finden müssen, zu erfahren, was die protestantischen Stände unternehmen und was in der Burg vor sich geht.«

»Darum werde ich mich kümmern, Martinitz«, sagte Diepold von Lobkowitz. »Im Gegensatz zu Euch kann ich mich frei in der Stadt bewegen. Von Thurn kann unmöglich alle katholischen Adeligen aus dem Weg schaffen, und ich denke auch nicht, dass dies seine Absicht ist. Ferdinand ist der wahre Feind der Protestanten. Nach seiner Wahl zum König von Böhmen hat er klar gegen den evangelischen Glauben Stellung bezogen und den Majestätsbrief in Frage gestellt. Damit hat er die Stände gegen sich aufgebracht und die Rebellion provoziert.«

»Sei trotzdem vorsichtig«, sagte Polyxena. »Niemand kann sagen, wie die Prager Bürger auf den gestrigen Tag reagieren werden. Wenn die Stimmung hochkocht, ist niemand mehr sicher.«

»Mach dir um mich keine Gedanken. Unser Volk ist zu großen Teilen katholisch. Es werden längst nicht alle gutheißen, was in der Prager Burg geschehen ist.«

Martinitz sah Diepold von Lobkowitz nach, als dieser den Raum verließ. Er wusste, dass sich der Mann nicht so leicht in Gefahr begeben würde. Eher redete er Graf von Thurn nach dem Mund, als dass er seinen eigenen Wohlstand riskierte. Martinitz selbst war zur Untätigkeit gezwungen. Für ihn war der einzige sichere Platz das Anwesen der Gräfin von Lobkowitz. Die Tatsache, dass die ihm vermutlich die meiste Zeit über Gesellschaft leisten würde, um etwas Abwechslung in ihr ansonsten tristes Leben zu bekommen, machte es für Martinitz wesentlich leichter, seine derzeitige Lage zu ertragen. Auch wenn die Gräfin die Fünfzig bereits überschritten hatte, sah man ihr dieses Alter keineswegs an. Außerdem war Polyxena klug und ließ sich nicht so leicht etwas vormachen.

***

»Warum habt Ihr selbst nicht den Vorsitz übernommen?«, fragte Graf Wenzel Wilhelm von Ruppau, sah sein Gegenüber stirnrunzelnd an und wischte sich mit der Hand eine der wenigen schon lange ergrauten Haarsträhnen weg, die noch auf seinem Kopf wuchsen.

»Ihr seid für diese Aufgabe besser geeignet als ich«, antwortete Graf Matthias von Thurn. »Wir haben heute die Macht in dieser Stadt übernommen. Wenn wir diese behalten wollen, werden wir nicht umhin kommen, uns gegen einen Angriff der kaiserlichen Armee zu rüsten. Der wird früher oder später kommen.«

»Ihr wollt einen Krieg gegen das Kaiserreich führen?«

»Nicht, wenn es sich vermeiden lässt. König Ferdinand wird die gestrigen Ereignisse nicht ohne weiteres hinnehmen und den Kaiser davon überzeugen, unsere Rebellion niederzuschlagen. Darauf müssen wir uns vorbereiten. Daher sehe ich es als meine Aufgabe an, eine Armee aufzustellen und deren Oberbefehl zu übernehmen.«

»Ich sehe ein, dass dies notwendig ist«, sagte von Ruppau. »Dennoch erhoffe ich mir, zu einer friedlichen Lösung mit dem Kaiser zu gelangen.«

»Solange Ferdinand König von Böhmen ist, wird dies nicht gelingen.«

»Also wollt Ihr ihn absetzen?«

»Zunächst müssen wir Zeit gewinnen. Noch steht ein Großteil des katholischen Adels auf unserer Seite. Wir müssen unsere Macht stärken. Matthias wird nicht mehr ewig leben. Sollte Ferdinand dann zum neuen Kaiser gewählt werden, wird es einen Krieg in Böhmen geben.«

Die beiden Männer saßen allein im Sitzungssaal der Prager Burg, in dem tags zuvor noch die Statthalter ihre Arbeit verrichtet hatten, um die weiteren Schritte zu planen. Von Thurn war fest entschlossen, Ferdinand zuvorzukommen und wenn nötig, sogar mit einem Heer nach Wien zu ziehen. Mit ihrem Aufstand hatten sie eine Rebellion ausgelöst. Wenn sie jetzt kleinbeigaben, würde die Stellung der Protestanten in Böhmen noch schwächer werden, als sie es vorher gewesen war. Das durfte nicht geschehen.

Von Thurn wollte von Ruppau allerdings jetzt nicht zu viel von seinen Plänen mitteilen. Wichtig war es zunächst, Ordnung in die Regierung der Stadt zu bekommen. Alles Weitere würde er dem Vorsitzenden des neuen Direktoriums später erklären. Er hielt von Ruppau für einen intelligenten Mann, der sich darauf verstehen würde, die Geschicke des Landes in die Hand zu nehmen. Von Thurn durfte nicht riskieren, dass er vor der Größe seiner Aufgabe kniff und sich doch noch auf die Seite von König Ferdinand schlug. Dann wäre alles umsonst gewesen.

Im Sitzungssaal der Prager Burg hatten die Aufständischen in einer Versammlung ein Direktorium gewählt, in dem jeweils zehn Vertreter des Adels, der Ritter und der Bürger der Stadt ihren Platz fanden. Zum Vorsitzenden des Gremiums war Graf Wenzel Wilhelm von Ruppau gewählt worden. Damit waren die Statthalter des Königs abgesetzt.

»Ich erwarte regelmäßig Berichte über den Fortgang bei der Erstellung des Heeres«, sagte von Ruppau nach einer Weile.

»Selbstverständlich«, antwortete von Thurn. »Schließlich seid Ihr der Regent dieser Stadt.«

***

»Was ist passiert?«, fragte Philipp Fabricius und schaute verwirrt in das Gesicht einer ihm unbekannten jungen Frau, die über ihn gebeugt stand. »Wo bin ich hier? Wer seid Ihr?«

»Ihr stellt viele Fragen auf einmal«, antwortete die Unbekannte tadelnd. »Ich bin Magdalena Lava. Ihr seid hier in Sicherheit. Mehr braucht Ihr im Moment nicht zu wissen.«

»Wie lange habe ich geschlafen?«

»Einen ganzen Tag. Es ist fast Abend.«

Philipp sah sich in dem Raum, in dem er untergebracht war, um. Neben dem Bett stand eine schlichte Holztruhe, ansonsten war das Zimmer leer, aber sehr sauber. Nur langsam kehrten seine Erinnerungen wieder zurück. Die schrecklichen Szenen, die sich in der Prager Burg abgespielt hatten, nahmen in seinem Geist Gestalt an. Plötzlich fiel ihm alles wieder ein. Der Anschlag auf die Statthalter und ihn selbst, seine Flucht aus der Stadt. Der Kutscher musste ihn in ein Gasthaus gebracht haben. Sicher hatte der Mann Angst gehabt, dass ihm sein Fahrgast unterwegs verstarb und hatte die Reise deshalb unterbrochen.

»Ich muss so schnell wie möglich weiter«, sagte er mit müder Stimme. Erst jetzt merkte er, wie ausgetrocknet sein Mund war. Obwohl er in einem Bett lag und man ihn dick zugedeckt hatte, fror er entsetzlich. Egal wie schwer ihm aber der weitere Weg nach Wien fallen würde, er durfte nicht hierbleiben.

»Ihr müsst zunächst wieder zu Kräften kommen«, entgegnete Magdalena mit entschlossener Stimme, die keinen Widerspruch duldete. »Ich werde Euch nicht aus diesem Zimmer herauslassen. Zumindest heute nicht.«

»Ich habe eine wichtige Nachricht, die so schnell wie möglich in Wien ankommen muss. Wenn mein Auftrag erfüllt ist, kann ich mich immer noch ausruhen.«

»Nein. Ihr werdet mindestens noch eine Nacht in diesem Bett bleiben. Tot werdet Ihr Eure Nachricht nicht übermitteln können.«

Ein Blick in die Augen der jungen Frau reichte Philipp aus, um zu erkennen, wie ernst es ihr mit ihren Worten war. Ihm fiel auf, wie schön Magdalena war. Sie hatte lange braune Haare und ihre ebenfalls braunen Augen schienen unergründlich zu sein. Er schätzte, dass sie etwa so alt war wie er selbst. Höchstens ein Jahr jünger.

Philipp sah Magdalena weiter an. Er spürte, dass er sich sehr leicht in das zarte Gesicht mit dem herzlichen Lächeln verlieben könnte, wusste aber auch, dass dafür nicht der richtige Zeitpunkt war. In Prag hatte er sich nie viel aus den jungen Frauen gemacht. Seine Karriere als Sekretär war immer das einzig Wichtige für ihn gewesen. Jetzt hatte er das Gefühl, einen Engel vor sich zu haben.

Er versuchte sich aufzusetzen, legte sich aber sofort wieder zurück auf das Kissen, als sein Körper an fast allen Stellen zu schmerzen begann.

»Seid Ihr immer noch der Meinung, dass Ihr heute weiterreisen wollt?«, fragte Magdalena und sah ihren Gast mitfühlend an.

»Es geht nicht darum, was ich will. Ich muss so schnell wie möglich nach Wien. Mein Name ist übrigens Philipp Fabricius.«

»Ich weiß. Das hat mir der Kutscher bereits gesagt.«

»Wo ist er?«

»Unten im Schankraum.«

»Könnt Ihr ihm sagen, dass er die Pferde einspannen soll?«

»Nein. Ihr werdet heute nicht mehr abreisen. Es wird bald dunkel und dann ist die Fahrt viel zu gefährlich. Wir leben in unsicheren Zeiten. Sicher wollt Ihr nicht mit irgendwelchen Wegelagerern darüber streiten, ob sie Euch weiterfahren lassen oder nicht. Schon gar nicht in Eurem Zustand. Ich werde Euch jetzt eine Suppe holen. Wenn Ihr nicht mehr im Bett liegt, wenn ich wiederkomme, binde ich Euch daran fest.«

Magdalena wartete Philipps Antwort nicht ab und verließ den Raum. Der Sekretär nutzte die Gelegenheit, seinen Körper näher zu untersuchen. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er bis auf ein paar Verbände völlig unbekleidet war. Er konnte nur hoffen, dass es der Kutscher gewesen war, der ihn ausgezogen hatte und nicht Magdalena. Danach fragen würde Philipp allerdings nicht, seine Lage war peinlich genug.

Trotz seiner beginnenden Kopfschmerzen und der immer noch großen Müdigkeit zwang sich Philipp dazu, wach zu bleiben. Ihm war klar, dass er höchstens eine Tagesreise von Prag entfernt war. Er war also noch lange nicht außer Gefahr. Magdalena musste ihm mehr über sich erzählen. Er wollte nicht befürchten müssen, dass sie ihn nach einem falschen Wort an einen protestantischen Adeligen verriet.

Die junge Frau kehrte schneller zurück, als Philipp erwartet hatte. In der Hand hielt sie eine Schale mit einer dampfenden Flüssigkeit.

»Ich habe Euch eine Hühnerbrühe warm gemacht.«

»Ich habe keinen Hunger.«

»Ihr müsst etwas essen, wenn Ihr wieder zu Kräften kommen wollt.«

»Kann ich bitte zunächst einen Becher Wasser bekommen?«

»Natürlich.«

Philipp setzte sich leicht auf, und Magdalena legte das Kissen so zurecht, dass er sich mit dem Kopf darauf abstützen konnte. Dann hielt sie ihm einen Becher mit Wasser an die Lippen.

»Danke«, sagte Philipp, nachdem er ein paar kleine Schlucke getrunken hatte. »Erzählt mir, wo ich hier bin.«

»Wir sind im Gasthaus meiner Eltern. Es liegt etwas abseits der Handelsroute, wird aber häufig von Reisenden besucht. Im Moment seid Ihr und Euer Kutscher die einzigen Gäste.«

»Warum seid Ihr noch hier?«

»Wie meint Ihr das?«

»Eine so hübsche Frau hat doch sicher zahlreiche Verehrer. Warum seid Ihr bei Euren Eltern geblieben?«

»Weil sie mich brauchen. Außerdem war bisher kein Mann hier, der es wert gewesen wäre, mit ihm fortzugehen. Ich bin katholisch erzogen und werde nicht mit dem erstbesten Kerl mitgehen, der mich umwirbt. Und jetzt wird gegessen.«

Philipp musste innerlich lächeln, als er sah, dass Magdalena leicht errötet war. Dabei hatte er sie mit seinen Fragen nicht kokettieren wollen. Er wusste jetzt aber, dass sie den richtigen Glauben hatte und ihn sicher nicht an die Protestanten verraten würde. Die Wirtstochter nahm einen Löffel mit Suppe und hielt ihn an seinen Mund. Die Brühe war warm, aber nicht zu heiß. Philipp spürte schnell, wie gut es ihm tat, etwas davon zu essen. Als die Schale zur Hälfte leer war, konnte er nicht mehr.

»Ihr müsst jetzt schlafen«, erklärte Magdalena bestimmt. »Ich werde zwischendurch immer wieder nach Euch schauen. Wenn das Fieber morgen verschwunden ist, könnt Ihr Eure Reise fortsetzen.«

***

»Den Kerl muss uns die Heilige Jungfrau Maria persönlich geschickt haben«, sagte Jakub Lava und rieb sich die schwieligen Hände.

»Wie kommst du darauf?«

»Er wird uns unsere Sorgen nehmen, mein Kind.«

Magdalena saß mit ihren Eltern in der Küche beim Essen. Es gab einen Gemüseeintopf mit einem Rest Hühnerfleisch vom Vortag. Die Einrichtung war karg. Die Familie hatte gerade das Nötigste, um sich mit ihrem Gasthof am Leben zu halten. Magdalenas Eltern standen die Sorgen ins Gesicht geschrieben. Die langen arbeitsreichen Jahre hatten sie gezeichnet. Johannas Haare waren ergraut, Jakub hatte schon lange keine mehr. In den letzten Wochen waren nur wenige Besucher gekommen. Überall im Reich war zu spüren, dass sich die Lage zwischen den Protestanten und dem böhmischen König zuspitzte. Die Familie wusste nicht genau, was am gestrigen Tag in Prag vorgefallen war. Der Kutscher, der am späten Abend mit seinem kranken Fahrgast bei ihnen angekommen war, hatte von einer Rebellion in der Stadt gesprochen.

»Die Zeiten sind schwer«, sprach Jakub weiter. Er stand auf, ging zu seiner Tochter und legte ihr die Hände auf die Schulter. »Die Leute sprechen von einem möglichen Krieg. Wir haben keine Ersparnisse mehr und werden das Gasthaus nicht behalten können, wenn niemand mehr zu uns kommt und für Essen und Unterkunft bezahlt. Unser Gast scheint eine wichtige Person zu sein. Sicher hat er genug Geld, um uns für unsere Mühen großzügig zu entlohnen.«

»Er sagt, dass er so schnell wie möglich nach Wien reisen muss«, sagte Magdalena. »Wir können ihn nicht lange gegen seinen Willen in unserem Haus festhalten.«

»Das habe ich auch nicht gesagt. Wenn er wirklich eine wichtige Botschaft für den Kaiser hat, dürfen wir seine Mission nicht in Gefahr bringen. Im Gegenteil: Wir müssen ihm helfen! Je schneller die Rebellion der Protestanten niedergeschlagen wird, umso eher kehrt der Friede in unser Reich zurück. Und damit auch die Besucher in unser Gasthaus.«

Magdalena sah ihren Vater nachdenklich an. Normalerweise sprach er nicht viel. Selten hatte sie ihn so lange reden hören. Dennoch verstand sie nicht, was genau sie tun sollten. Sie schaute zu ihrer Mutter, die ihrem Blick jedoch auswich. In diesem Moment wusste sie, dass ihre Eltern bereits eine Entscheidung getroffen hatten.

»Was soll ich tun?«

»Du fährst mit diesem Fabricius nach Wien und sorgst dafür, dass er unterwegs nicht stirbt.«

»Ihr schickt mich weg?« Magdalena sah ihren Vater entsetzt an. Warum wollte er, dass sie das Gasthaus verließ?

»Nein, mein Kind. Du sollst ja nicht in Wien bleiben. Der Sekretär aus Prag wird dich aber großzügig für diesen Dienst entlohnen. Vielleicht schaffen wir es mit dem Geld, unser Gasthaus zu behalten.«

»Was, wenn Fabricius nicht will, dass ich ihn begleite?«

»Es wird dir schon etwas einfallen, wie du ihn überzeugen kannst. Die Entscheidung ist gefallen. Ihr werdet morgen aufbrechen.«

***

Als Philipp am nächsten Morgen erwachte, fühlte er sich zwar deutlich besser, merkte aber, dass er immer noch Fieber hatte. Die Prellungen, die er sich bei dem Sturz aus dem Fenster zugezogen hatte, schmerzten nach wie vor bei jeder Bewegung. Am meisten machte ihm sein linker Ellenbogen zu schaffen. Noch immer konnte er den Arm kaum bewegen. Als er sich aufsetzte, spürte er leichten Schwindel, kämpfte aber dagegen an. Er musste seine Reise heute fortsetzen. Egal wie schwer ihm das auch fallen mochte.

Durch das Fenster fielen die ersten Sonnenstrahlen, und Philipp konnte sich in dem Zimmer umsehen. Er erschrak, als sein Blick plötzlich auf Magdalena fiel, die neben seinem Bett auf einem Stuhl schlief. Hatte sie etwa die ganze Nacht bei ihm gesessen?

Die Wirtstochter schien zu bemerken, dass Philipp sie beobachtete, und öffnete die Augen.

»Geht es Euch besser?«

»Ein bisschen.« Philipp stellte die Beine auf den Boden und wollte aufstehen, als ihm einfiel, dass er unbekleidet war. Verlegen sah er Magdalena an. »Wo sind meine Sachen?«

»Sie waren völlig verdreckt. Meine Mutter hat sie gewaschen und die Löcher gestopft. Ich kann sie Euch holen.« Magdalena machte keine Anstalten aufzustehen und sah Philipp stattdessen skeptisch an. »Wollt Ihr heute wirklich aufbrechen? In Eurem Zustand werdet Ihr Wien nicht lebend erreichen.«

»Ich habe Euch doch gesagt, dass ich dringend dorthin muss. Ich habe eine sehr wichtige Nachricht für den Kaiser. In Prag gab es einen Aufstand und er muss so schnell wie möglich davon erfahren. Ich kann nicht länger bleiben.«

»Werdet Ihr später nach Prag zurückkehren?«

»Ich habe es vor.«

»Wie lange wird das dauern?«

»Ich weiß es nicht genau. Eine Woche vielleicht. Höchstens zehn Tage.«

»Dann werde ich Euch begleiten.«

»Ihr werdet was?« Philipp sah Magdalena überrascht an. Er hatte damit gerechnet, von ihr weitere Vorträge zu hören, dass er so krank nicht weiterreisen konnte, nicht aber mit diesem Vorschlag.

»Ihr müsst heute weiter. Das verstehe ich. Allein werdet Ihr Euer Ziel aber nicht erreichen.«

»Der Kutscher ist bei mir.«

»Er wird sich nicht um Euch kümmern können. Ihr habt die Wahl. Entweder bleibt Ihr hier, oder ich komme mit.«

»Das wollt Ihr wirklich tun?« Noch immer war Philipp von Magdalenas Vorschlag völlig überrascht. Auch wunderte er sich darüber, wie selbstsicher die junge Frau ihm gegenüber auftrat. Offensichtlich wusste sie genau, was sie wollte.

»Ja. Natürlich mache ich das nicht umsonst. Pro Tag, an dem wir unterwegs sind, zahlt Ihr meinem Vater einen Taler. Die ersten sieben bekommt er im Voraus.«

Ach daher weht der Wind, dachte Philipp und lächelte Magdalena an. »Wie kommt Ihr darauf, dass ich so viel Geld habe?«

»An Eurer Kleidung kann man erkennen, dass Ihr nicht arm seid. Auch wenn die Sachen in einem erbärmlichen Zustand sind, müssen sie einmal teuer gewesen sein. Wenn Ihr so ohne Weiteres beim Kaiser vorgelassen werdet, bekleidet Ihr sicher ein hohes Amt.«

Dumm ist sie nicht. Philipp musste zugeben, dass ihm der Gedanke, die weitere Reise gemeinsam mit Magdalena anzutreten, durchaus gefiel. »Was wird Euer Vater dazu sagen?«

»Er ist einverstanden. Wir brauchen das Geld.«

»Ihr habt also bereits mit ihm gesprochen.«

»Ja. Ich wusste, dass ich Euch nicht würde überzeugen können, noch eine weitere Nacht hierzubleiben.«

Wieder musste Philipp anerkennen, dass Magdalena sehr genau wusste, was sie wollte. Natürlich ging es ihrer Familie zunächst um die Bezahlung. Er konnte sich gut vorstellen, wie schwer es sein musste, mit den Einnahmen aus dem Wirtshaus zu leben. Es kamen sicher weniger Gäste hierher, als Magdalena zugegeben hatte. Den geforderten Preis konnte er bezahlen. Später würde er das Geld von Slavata oder Martinitz zurückverlangen.

»Könnt Ihr mir dann jetzt bitte meine Sachen holen?«

Magdalena musste lachen. Sofort verliebte sich Philipp in den Klang. Er würde alles daran setzen, die junge Frau während der nächsten Tage für sich zu gewinnen. Der Weg nach Wien war weit, und er war fest entschlossen, die Zeit zu nutzen.

Eine Stunde später saßen Philipp und Magdalena in der Küche. Die Wirtsleute hatten dem Sekretär noch ein reichhaltiges Frühstück aufgetischt, von dem er allerdings nicht viel essen konnte. Jakub Lava hatte sich von dem Sekretär die sieben Taler auszahlen lassen und ihn eindringlich gewarnt, gut auf seine Tochter aufzupassen. Philipp hatte dem Mann versichert, dass seiner Tochter nichts geschehen würde. Von Johanna Lava bekamen sie noch ein gut gefülltes Paket mit Reiseproviant. Dann stand der Abfahrt nichts mehr im Wege.

Wien, 27. Mai 1618

»Ich fühle mich geehrt, meine Arbeit als kaiserlicher Schreiber antreten zu dürfen«, sagte Anton Serger, als er von Wilhelm Zeidler im Kaiserhof empfangen wurde. Den ganzen Morgen über hatte er sich überlegt, wie er seinen neuen Meister begrüßen sollte und an diesem Satz gefeilt. Jetzt war er so nervös, dass er fast seinen eigenen Namen vergessen hätte.

»Das solltest du auch. Wir haben dich auserwählt, weil du die Universität als Bester deines Jahrganges abgeschlossen hast.«

»Ich habe hart dafür gearbeitet.«

»Natürlich hast du das. Nun beginnt die Zeit, in der du dich zu bewähren hast. Es gibt nicht Wenige, die für diese Anstellung im Kaiserhof töten würden. Vergiss die Zeit auf der Universität. Hier musst du beweisen, dass du dieser Aufgabe würdig bist.«

Anton schaute den alten Professor skeptisch an. Er hatte einen freundlicheren Empfang erwartet und nicht damit gerechnet, dass Zeidler seine Leistungen gleich in den ersten Minuten derartig in Frage stellen würde. Er hatte aber auch gehörigen Respekt vor diesem Mann, der eine hohe Stellung bekleidete und das Vertrauen des Kaisers genoss.

»Ich bin mir der Herausforderungen, die man hier an mich stellt, durchaus bewusst«, sagte er leicht säuerlich.

»Das bist du nicht. Vermutlich denkst du, dass dir nun die ganze Welt offen steht. Das ist aber nicht der Fall. Als Erstes wirst du lernen müssen, demütig zu sein. Ich fürchte, dass das die schwierigste Aufgabe für dich werden wird.«

Das fängt ja gut an, dachte Anton. Als Sohn einer Kaufmannsfamilie aus Wien war es ihm dank der Unterstützung seiner Eltern in den vergangenen Jahren möglich gewesen, sich voll auf sein Studium zu konzentrieren. Er hatte alles daran gesetzt, als Schreiber eine gute Anstellung zu finden und sein Glück kaum fassen können, als man ihn tatsächlich an den Kaiserhof rief. Jetzt war er noch nicht einmal im Gebäude und bekam schon erste Zweifel, ob sich hier wirklich ein Traum für ihn erfüllte. Er atmete tief durch und strich sich die langen dunkelblonden Haare aus dem Gesicht.

»Ich werde meine Aufgabe zu Eurer vollen Zufriedenheit ausführen.«

»Das werden wir sehen. Folge mir.«

Endlich führte Zeidler seinen neuen Helfer in den Palast. Anton wusste, dass der Alte für ihn die wichtigste Person war. Der Professor ging leicht gebeugt und musste sich auf einem Stock abstützen. Seine wenigen grauen Haare hingen in einzelnen Strähnen von seinem Kopf und sahen aus, als würden sie jeden Moment abfallen. Seine Haut war faltig und von dunklen Flecken übersät. Zeidler war alt. Sehr alt. Ewig würde er nicht mehr als erster Chronist am Kaiserhof tätig sein können. Diese Aufgabe wollte Anton von seinem neuen Meister übernehmen. Bis dahin konnte allerdings noch einige Zeit vergehen und er nahm sich vor, noch so viel wie möglich von dem Alten zu lernen.

»Dein Zimmer werden dir die Bediensteten später zeigen. Zunächst gehen wir in die Bibliothek. Dort wirst du in den nächsten Wochen den Großteil deiner Zeit verbringen. Ich hoffe, du bist das Vertrauen wert, welches man in dich setzt.«

Anton war es mehr als recht, dass er zunächst seinen Arbeitsplatz sehen sollte. Er war gespannt auf die Menge von Schriften und Büchern, die in der Bibliothek des Kaisers auf ihn wartete. Nach allem, was man sich auf der Universität erzählte, musste sie gewaltig sein.

Was er wenige Minuten später sah, übertraf seine Erwartungen bei Weitem. Der Raum, in den ihn Zeidler führte, erschien ihm riesig. Er war voller Regale, die bis an die Decke reichten und bis auf den letzten Platz gefüllt waren. Der Raum war so hoch, dass Anton die obersten Böden nicht einmal erreichen würde, wenn er seine doppelte Größe hätte. Mehrere Leitern ermöglichten es, an die Bücher und Schriftrollen, die dort lagen, zu gelangen.

»Ich bin beeindruckt«, sagte Anton staunend und ließ sich von Zeidler in einen Nebenraum führen, in dem es drei Schreibtische gab, die voller Bücher lagen.

»In den ersten Wochen deiner Ausbildung wirst du sehr viel lesen müssen«, erklärte Wilhelm Zeidler. »Ich gehe davon aus, dass du schreiben kannst und auch einiges über die derzeitige Politik im Land weißt. Dieses Wissen wirst du vertiefen. Du musst lernen, die Geschehnisse am Kaiserhof zusammenzufassen und in kurzen Chronikeinträgen festzuhalten. Dabei werde ich dir helfen.«

»Wie lange arbeitet Ihr schon für den Kaiser?«

»Ich bin seit fast vierzig Jahren am Kaiserhof und diente bereits drei Herren.«

Anton sah den Professor überrascht an. Er musste noch älter sein, als er es zunächst vermutet hatte. So spannend die Aufgabe als kaiserlicher Schreiber auch sein mochte, Anton vermutete, dass Zeidler ein sehr einsames Leben zwischen seinen Büchern verbracht hatte. Vielleicht erklärte dies seine verschrobene Art.

»Was ist meine erste Aufgabe?«, fragte Anton neugierig. Er brannte darauf, endlich mit seiner Arbeit zu beginnen und schwor sich, dass er alles daran setzen würde, Zeidler nicht zu enttäuschen. Das war er auch seinem Vater schuldig, der fast vor Stolz geplatzt wäre, als Anton ihm von seiner Anstellung am Kaiserhof berichtet hatte.

»Dein Tatendrang ehrt dich«, sagte Zeidler und lächelte zum ersten Mal, seitdem sich die beiden begegnet waren. »Wir werden an einer Sitzung von Kaiser Matthias, Ferdinand und den Beratern teilnehmen.«

»Wir dürfen bei den Amtsgeschäften des Kaisers zuhören?«

»Natürlich. Wie glaubst du, sollen wir sie sonst protokollieren?«

Anton spürte die Anspannung in seinem Körper. Er hatte nicht damit gerechnet, so schnell auf den Kaiser und seinen Beraterstab zu treffen. Zeidler führte seinen neuen Schüler durch die Gänge des Schlosses. Waren diese zunächst noch sehr schlicht gehalten, wurden sie immer prunkvoller, je näher sie sich den Räumlichkeiten des Kaisers näherten. Die Wände hingen voller bunt bestickter Teppiche und es standen viele alte Rüstungen auf dem Flur. Anton fand nicht die Zeit, sich die Portraits der letzten Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation anzusehen und beschloss, dies so schnell wie möglich nachzuholen. Seine Nervosität stieg ins Unermessliche, als Zeidler die schwere Holztür zum Sitzungsaal öffnete.

***

»Ist das Wien?«, fragte Magdalena und sah aufgeregt aus dem Fenster der Kutsche.

»Ja«, bestätigte Philipp. »Wir haben unser Ziel fast erreicht.«

»Ich hätte nicht gedacht, dass die Stadt so groß ist.«

»Sie ist wunderschön. Nicht umsonst haben die Kaiser sie für ihren Hof ausgewählt.«

»Ich habe noch nie so viele Häuser auf einmal gesehen.«

Philipp lächelte seine Begleiterin an. In den letzten Tagen hatte sie ihm immer wieder erzählt, wie neugierig sie auf die Stadt war. In ihrem bisherigen Leben war sie nicht weit vom Gasthof ihrer Eltern weggekommen und kannte nur das nahegelegene Dorf und das Jesuitenkloster, das auf einem Hügel daneben errichtet worden war. Selbst Prag hatte sie niemals gesehen, obwohl es nur eine Tagesreise von ihrer Heimat entfernt lag.

Unterwegs hatte Philipp Magdalena damit aufgezogen, dass sie ihm eigentlich einen Teil der Reisekosten erstatten müsste. Dennoch bereute er es nicht, ihrem Vater das Geld gegeben zu haben, damit seine Tochter ihn nach Wien begleitete. Er wusste nicht, ob er sein Ziel ohne ihre Hilfe erreicht hätte. Gerade in den ersten zwei Tagen war er noch sehr vom Fieber geschwächt gewesen. Magdalena hatte ihn immer wieder gezwungen zu essen und zu trinken und dafür gesorgt, dass er sich mit Decken warmhielt, obwohl die Temperaturen im Freien bereits sommerlich warm waren.

Mittlerweile ging es Philipp deutlich besser. Die Prellungen an seinem Körper schmerzten noch immer, aber dies spürte er nur, wenn die Kutsche unsanft über einen Stein fuhr. Das Fieber war ebenfalls zurückgegangen. Dennoch freute er sich darauf, endlich wieder in einem Bett schlafen zu können. Um die verlorene Zeit aufzuholen, waren sie große Teile der vergangenen Nächte durchgefahren. Geschlafen hatten sie in der Kutsche und nur gehalten, damit Johann die Pferde versorgen konnte und diese sich ein paar Stunden ausruhen konnten. Unterwegs hatten sie die Tiere drei Mal gegen frische eingetauscht.

»Es wird dir in Wien gefallen. Man wird uns im Kaiserhof Unterkunft gewähren. Es wird uns an nichts fehlen.«

»Du glaubst also wirklich, dass wir im Schloss willkommen sein werden?«

»Daran musst du nicht zweifeln. Du weißt, dass ich wichtige Nachrichten für den Kaiser und König Ferdinand habe. Sie werden dankbar sein, wenn ich ihnen von den Vorfällen in Prag berichte.«

»Gilt das aber auch für mich?«

»Habe keine Sorge. Man wird dich gut behandeln. Genauso wie Johann.«

»Der Kutscher wird sicher in der Nähe der Pferde schlafen wollen.«

»Das wirst du nicht müssen«, antworte Philipp und musste lachen. Seit er Magdalena kannte, hatte er sie nie so unsicher erlebt. Der Anblick der Stadt hatte sie stärker beeindruckt, als der Sekretär erwartet hätte. Er hatte sich längst in seine Begleiterin verliebt. Allerdings war Magdalena bisher allen Bemühungen, die er um die junge Frau angestellt hatte, geschickt ausgewichen. Nach unzähligen Versuchen war es ihm aber zumindest gelungen, seine Begleiterin zur vertrauensvollen Anrede zu bewegen. Obwohl sie jetzt schon mehrere Tage gemeinsam unterwegs waren, konnte er noch immer nicht sagen, ob sie ihn nur des Geldes wegen begleitete.

»Wie lange werden wir in Wien bleiben?«

»Das kann ich dir noch nicht sagen. Ich weiß nicht, welche Aufgaben mir der Kaiser nach meinem Bericht geben wird, denke aber, dass er mich schnell wieder nach Prag zurückschicken wird.«

»Dann wirst du mir die Stadt nicht zeigen können?« Magdalena schaute Philipp sichtlich enttäuscht an.

»Ich war selbst erst einmal hier und kenne mich nicht sehr gut aus. Wir werden aber sicherlich die Zeit finden, Wien genauer zu betrachten.« Nur zu gerne würde Philipp die Gelegenheit für einen romantischen Spaziergang mit Magdalena nutzen. Er war fest entschlossen, weiter um sie zu werben. Er würde es nicht ertragen, wenn beide nach ihrer gemeinsamen Reise wieder getrennter Wege gehen würden. »Wenn du jetzt nach draußen schaust, siehst du das Schloss.«

Magdalena antworte nicht. Sie starrte wie gebannt aus dem Fenster. Philipp hätte viel darum gegeben, jetzt ihren Gesichtsausdruck sehen zu können. Im Moment konnte er sich aber leider nicht weiter um seine Begleiterin kümmern. Die Kutsche hielt auf einem Vorplatz vor dem Eingang des Schlosses an. Sofort kamen zwei Wachen auf sie zu, öffneten die Türen und forderten die Reisenden auf, auszusteigen.

»Ich muss so schnell wie möglich zum Kaiser«, erklärte Philipp mit fester Stimme.

***

Anton kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ehrfürchtig starrte er den Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation und Ferdinand, den König von Böhmen, an, die mit ihren jeweiligen Beratern an einem großen, ovalen Tisch saßen, der etwa zwanzig Personen Platz bot. Zeidler hatte ihm zu Beginn der Sitzung die einzelnen Namen der Anwesenden mitgeteilt. Alle hatte Anton sich jedoch nicht merken können.

Es fiel ihm schwer, sich auf die Gespräche der Adeligen zu konzentrieren und ruhig auf seinem Platz sitzen zu bleiben. Alles war neu und strömte unerwartet plötzlich auf den jungen Schreiber ein, der damit gerechnet hatte, den Großteil seiner Zeit in der Bibliothek zu verbringen. Wegen seiner Unruhe fing sich Anton tadelnde Blicke seines neuen Lehrmeisters ein. Zeidler, der es gewohnt war, an den Sitzungen teilzunehmen, hockte ruhig auf dem Stuhl und machte sich ab und an Notizen. Die beiden Schreiber saßen an einem kleinen Tisch, der nahe genug bei den Adeligen stand, damit sie alles hören konnten, aber weit genug von ihnen entfernt war, um sie nicht zu stören.

Plötzlich stürmte ein Mann der kaiserlichen Wache in den Saal und richtete sofort das Wort an die Adeligen, ohne dass man ihm dieses erteilt hatte. »Draußen steht ein Philipp Fabricius aus Prag, Eure Exzellenz. Er sagt, dass er Euch dringend sprechen muss.«

»Bringt ihn herein«, befahl Kaiser Matthias ungehalten. »Ich will hören, warum uns ein Bote bei unserer Versammlung stören will. Und gnade ihm Gott, wenn es nicht wichtig ist.«

Gespannt sah Anton zu, wie ein junger Mann in den Raum geführt wurde. Diesem ging es sichtlich schlecht. Er war blass und schien Probleme beim Gehen zu haben. Außerdem hielt er den linken Arm in einer gebeugten Stellung vor dem Körper. Seine Kleidung war schmutzig. So wie er aussah, musste er in aller Eile von Prag nach Wien gereist sein.

»Mein Name ist Philipp Fabricius«, sagte der Bote, nachdem er sich verbeugt hatte und zum Sprechen aufgefordert worden war. »Ich bin Sekretär der Statthalter in der Prager Burg. Vor vier Tagen ereignete sich dort Furchtbares. Unter der Führung von Graf Matthias von Thurn wagten die Protestanten einen Aufstand. Dabei wurden die Herren Slavata und Martinitz und außerdem ich selbst aus dem Fenster der böhmischen Hofkanzlei geworfen. Wir haben mit viel Glück und unter Gottes Schutz überlebt.«

»Das ist eine Rebellion«, brauste König Ferdinand auf und schlug mit der Faust auf den Tisch. Sein zusammengedrehter Schnauzbart zitterte dabei heftig über den sich vor Wut rötenden Wangen. »Das dürfen wir den Protestanten nicht durchgehen lassen. Wir müssen sofort einen Gegenschlag vorbereiten!«

»Noch wissen wir zu wenig«, mahnte Kardinal Klesl, der Bischof von Wien und Kanzler des Kaisers. »Wir dürfen uns kein vorschnelles Urteil bilden.«

»Berichte von Anfang an«, befahl der Kaiser und schnitt Ferdinand, der gerade gegen die Worte des Geistlichen aufbegehren wollte, mit einer herrischen Handbewegung das Wort ab.

Jetzt wird es interessant, dachte Anton. Er beobachtete, wie das Gesicht von König Ferdinand immer röter wurde. Sicherlich kochte er vor Wut. Immerhin richtete sich der Aufstand in erster Linie gegen seine Regentschaft. Würde er Matthias tatsächlich davon überzeugen können, einen Krieg gegen die protestantischen Stände zu führen?

Philipp Fabricius berichtete nun ausführlich von den Geschehnissen in der Prager Burg. Während der Kaiser eher einen gelangweilten Eindruck auf Anton machte, schien König Ferdinand seine Wut kaum noch im Zaum halten zu können. Unruhig drehte er abwechselnd an den Barthaaren an seinem Kinn und denen am Schnauzbart.

Auch den kaiserlichen Beratern war anzusehen, wie sehr sie die Worte des Sekretärs aus Prag beunruhigten. Dennoch wurde Fabricius von keinem der Anwesenden unterbrochen. Erst als er mit seinem Bericht zu Ende war, ergriff Kardinal Klesl das Wort.

»Das sind in der Tat schwerwiegende Anschuldigungen, die Ihr da gegen die protestantischen Stände erhebt.«

»Anschuldigungen?«, schrie König Ferdinand dazwischen. »Es ist doch offensichtlich, dass der Mann die Wahrheit spricht. Die Vorfälle haben tatsächlich stattgefunden. Wir müssen mit aller Entschlossenheit gegen diese Rebellion vorgehen!«

»Wir sollten den Aufstand nicht überbewerten«, entgegnete Klesl. »Die Herren in Prag werden sich schon wieder zusammenraufen.«

»Soll ich etwa zusehen, wie dieser Graf von Thurn die Regentschaft über mein Reich übernimmt?«, schrie Ferdinand aufgebracht.

»Habt Ihr vor, persönlich nach Prag zu reisen, um die Geschicke der Stadt wieder in die richtigen Bahnen zu lenken?«

»Ihr wisst genauso gut wie ich, dass mir dies im Moment nicht möglich ist«, beantwortete der König die Frage des Kardinals. »Meine Krönung in Ungarn steht kurz bevor. Ich kann jetzt nicht nach Prag reisen.«

»Wir werden die Stände zu Ruhe und Besonnenheit auffordern«, übernahm Kaiser Matthias das Wort. »Ich gedenke nicht, mit einer überzogenen Reaktion auf die Unruhen einen Krieg heraufzubeschwören.«

»Um den zu verhindern, ist es längst zu spät«, antwortete Ferdinand ärgerlich.

»Ihr wisst, dass sich der Kaiserhof die Kosten nicht leisten kann«, hielt Kaiser Matthias energisch dagegen.

»Die eingezogenen Güter der Rebellen werden die Unkosten für den Krieg reichlich kompensieren und der Schrecken der Hinrichtung wird die Stände zum Gehorsam bringen.« Ferdinand machte keinen Hehl daraus, dass er nicht damit einverstanden war, den Ständen in Prag ihre Rebellion ungestraft durchgehen zu lassen. Schließlich war er der König von Böhmen. Der Aufstand richtete sich damit vor allem gegen ihn.

»Die Entscheidung ist gefallen«, sagte der Kaiser. »Gebt dem Sekretär eine Unterkunft. Versorgt ihn mit Speis und Trank. Er und seine Begleiter sollen sich von der Reise erholen, bevor sie wieder in ihre Heimat zurückkehren. Ich werde ein Schreiben an die Herren in Prag verfassen. Ein Bote wird noch heute dorthin aufbrechen.«

Als Philipp Fabricius den Saal verließ, nahm sich Anton vor, unbedingt noch mit ihm zu sprechen, bevor der Sekretär aus Wien abreiste. Es konnte kein Fehler sein, wenn er den Kontakt mit seinem Kollegen aus Prag pflegte. Eine innere Stimme sagte ihm, dass er dem jungen Mann noch öfters begegnen würde.

Nach dem Ende der Besprechung war Ferdinand der Erste, der aufstand und mit entschlossenen Schritten den Saal verließ. Ein Blick in sein Gesicht reichte Anton aus, um zu wissen, dass er den getroffenen Entscheidungen nicht im Geringsten zustimmte. Als König von Böhmen war er es, der von den Vorfällen in Prag am direktesten betroffen war. Als nur noch Matthias, Wilhelm und Anton im Raum anwesend waren, rief der Kaiser die beiden Schreiber zu sich.

***

»Das ist also dein neuer Schüler«, stellte Kaiser Matthias fest, nachdem Zeidler und Anton an seinem Beratungstisch Platz genommen hatten.

»So ist es, Eure Majestät. Er kommt direkt von der Universität und hat dort als Bester seines Jahrgangs abgeschlossen.«

Anton musste innerlich lächeln. Hatte ihn der Professor jetzt tatsächlich vor dem Kaiser gelobt? Das passte nicht zu den Worten, die er selbst sich einige Stunden zuvor von dem Alten hatte anhören müssen.

»Ich heiße dich in meinem Schloss willkommen, junger Freund. Halte dich stets an die Anweisungen deines Meisters und du kannst es als kaiserlicher Schreiber weit bringen.«

»Ich werde mein Bestes geben, Eure Exzellenz«, antwortete Anton verlegen. Er hätte nicht erwartet, vom Kaiser so direkt angesprochen zu werden. Es würde wohl noch einige Tage dauern, bis er sich daran gewöhnte, regelmäßig mit den höchstgestellten Persönlichkeiten des Reiches zu verkehren.

»Du kannst gleich damit beginnen«, sagte der Kaiser in freundlichem Ton. »Ich werde dir nun ein Schreiben an die Stände in Prag diktieren.«

Anton spürte Zeidlers Hand auf seiner Schulter. Er schaute seinen Lehrmeister an, der ihm aufmunternd zunickte.

»Liebe Getreue«, begann der Kaiser sein Diktat und Anton schrieb die Worte eifrig mit. »Es ist uns zu Ohren gekommen, was sich am Mittwoch nach der Kreuzwoche, am 23. Tag des Monats Mai in unserem Prager Schloss und der königlichen Residenz zugetragen hat. Die böhmische Kanzlei, in der höchste Sicherheit und Respekt herrschen sollten, wurde zum Austragungsort eines Streites, den es unbedingt niederzulegen gilt. Ich versichere, dass sowohl der Kaiserhof in Wien als auch der böhmische König den Majestätsbrief ehren und nicht beabsichtigen, den dort getroffenen Regelungen zuwiderzuhandeln. Ich ermahne die Stände in Prag, sich zum Wohle des Volkes friedlich zu verhalten und freundlich miteinander umzugehen.«

»Hast du alles notiert?«, fragte Zeidler und Anton antwortete mit einem Nicken.

»Schreib den Brief, versehe ihn mit dem kaiserlichen Siegel und überreiche ihn dem Boten.«

Zeidler gab Anton das Zeichen zum Aufstehen. Mit seiner letzten Anweisung hatte Matthias die beiden Schreiber entlassen. Die ungleichen Männer standen auf und verließen den Sitzungssaal.

Heidelberg, 02. Juni 1618

»Wir erwarten ein weiteres Kind.«

Friedrich blieb stehen und hielt seine Gemahlin Elizabeth vorsichtig am Arm fest. »Wann?«

»Ich denke, es wird schon im Herbst soweit sein.«

»Damit machst du mich zum glücklichsten Menschen in der Stadt.« Friedrich sah seiner Gemahlin strahlend in ihre dunkelbraunen Augen und strich ihr zärtlich eine ihrer lockigen Strähnen von der Schulter.

»Bist du das nicht schon?«, gab Elizabeth lachend zurück.

»Ich bin es immer, wenn wir zusammen sind.«

Friedrich nahm seine Gemahlin in den Arm und sie küssten sich innig. Mit dem vierjährigen Heinrich Friedrich und dem im Vorjahr geborenen Karl Ludwig, hatte die Ehe der beiden bereits zwei Söhne hervorgebracht. Der pfälzische Kurfürst war überglücklich, dass er jetzt bereits zum dritten Mal Vater werden sollte. Genau wie Elizabeth würde er im kommenden Jahr fünfundzwanzig werden. Sie konnten noch viele gemeinsame Kinder bekommen.

»Lass uns noch ein Stück gehen«, bat Elizabeth ihren Gatten und löste sich aus seiner Umarmung. Sie hakte sich bei ihm unter, und sie schritten langsam über den mit weißem Kies überzogenen Weg, der sie zwischen der blühenden Blumenpracht hindurchführte. Zu Ehren seiner Gemahlin hatte Friedrich neben dem Schloss den prächtigsten Garten angelegt, den man im ganzen Reich finden konnte. Auch wenn die Arbeiten des Baumeisters Salomon de Caus, den Friedrich eigens wegen dieser Anlage nach Heidelberg geholt hatte, noch nicht fertig waren, war der Garten bereits jetzt doppelt so groß wie die Fläche des gesamten Schlosses. Auf den vier Terrassen waren Statuen, Pflanzen, Blumen und Bäume in den unterschiedlichsten Farben und Größen perfekt aufeinander abgestimmt.

Die zahlreichen Gäste des Kurfürsten bewunderten die Anlage und lobten Friedrich ob seines Geschmacks. Um Elizabeth einen Ort zu bieten, an dem sie immer allein sein konnte, hatte Friedrich ihr an der Westseite des Schlosses noch einen kleineren Garten angelegt. Als einziger Eingang diente ein prächtiges Tor, welches der Kurfürst in nur einer einzigen Nacht hatte bauen lassen, um seine Gemahlin zu ihrem 19. Geburtstag zu überraschen.

Friedrich und Elizabeth genossen die gemeinsame Zeit in ihrem Garten, durch den sie fast täglich einen Spaziergang unternahmen. Gerade in der jetzigen Jahreszeit, wo alles in blühender Pracht stand, konnte die Kurfürstin nicht genug davon bekommen. Es war jetzt fünf Jahre her, dass Elizabeth nach ihrer Hochzeit von London nach Heidelberg gekommen war. In der Zwischenzeit hatte Friedrich alles unternommen, um das Schloss nach ihren Wünschen umbauen zu lassen.

Als Tochter vom englischen König Jakob I und Anna von Dänemark war Elizabeth einen hohen Lebensstandard gewohnt. Diesen wollte Friedrich seiner Gemahlin auch in der neuen Heimat bieten. Zunächst war der Londoner Adel gegen die Heirat gewesen, weil sie der Meinung waren, dass ein Kurfürst kein standesgemäßer Ehemann für eine Königstochter war. Als sie den jungen Mann aber kennengelernt hatten und ihnen die Strukturen des deutschen Adels erläutert wurden, hatten sie ihre Meinung geändert.

Plötzlich wurde die Zweisamkeit der beiden unterbrochen. Ein Bediensteter kam eiligen Schrittes zu ihnen und verbeugte sich kurz vor seinem Kurfürstenpaar, das gerade im Schatten zwischen den Apfel- und Kirschbäumen entlangschritt. »Der Fürst von Anhalt ist soeben angekommen und wünscht Euch zu sprechen.«

»Was ist passiert?«, fragte Elizabeth auf Englisch.

Obwohl sie schon so lange in Heidelberg war, weigerte sie sich strikt die deutsche Sprache zu lernen und zu sprechen. Friedrich vermutete zwar, dass sie mittlerweile vieles von dem verstand, was gesprochen wurde, ließ ihr aber ihren Willen. Er selbst beherrschte die Muttersprache seiner Gemahlin fließend. Es war ihm ganz recht, dass die Bediensteten nicht viel von den Gesprächen zwischen ihm und Elisabeth verstanden.

»Ich muss mich mit dem Rat treffen«, antwortete Friedrich, der den Rest des Tages lieber mit seiner Gemahlin verbracht hätte. »Soll ich dich noch in deine Gemächer begleiten?«

»Das ist nicht nötig. Ich werde noch ein wenig die Luft hier draußen genießen. Es ist so ein herrlicher Tag. Ich verbringe ohnehin viel zu viel Zeit im Schloss.«

***

»Es gab einen Aufstand in Böhmen«, begrüßte Fürst Christian von Anhalt, der von Amberg aus die Geschicke der Oberpfalz leitete, seinen Herrn, als dieser die Sitzung des Rates erreichte.

»Was ist passiert?«

»Im Prager Schloss ist es zu dem Aufstand gekommen. Die protestantischen Stände haben gegen die katholischen Statthalter rebelliert und drei der Herren aus dem Fenster geworfen. Danach bildeten sie ein eigenes Direktorium, welches die Macht in Böhmen übernommen hat.«

Friedrich sah seinen Berater überrascht an. »Ich wusste, dass es in Böhmen brodelt, hätte aber nie gedacht, dass von Thurn und seine Getreuen so weit gehen würden.«

»Letztlich blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich gegen die Unterdrückung zu wehren.«

»Das könnte zu einem Krieg führen«, erklärte Friedrich. »König Ferdinand wird sich das nicht gefallen lassen.«

»Solange der Kaiser versucht, die Herren in Prag zu beruhigen, kann Ferdinand nichts unternehmen«, entgegnete von Anhalt.

»Wie sollen wir uns verhalten?«, wandte sich Friedrich an seine Berater. Die Nachricht aus Prag war für den Kurfürsten ein Schock. Nachdem die protestantische Union nach einem Streit mit dem Speyerer Bischof die Festungswerke in Udenheim zerstört hatte, konnte die Rebellion das Verhältnis mit der katholischen Liga ernsthaft gefährden. Friedrich vermutete, dass Christian von Anhalt fordern würde, man müsse die Protestanten in Böhmen unterstützen. Wenn er sein eigenes Kurfürstentum nicht in einen Krieg führen wollte, durfte er sich aber nicht offen auf die Seite der Rebellion schlagen, auch wenn er die Schuld für den Konflikt bei den Jesuiten und der spanischen Partei am Wiener Hof sah.

»Wir sollten versuchen, zwischen dem Kaiser und Prag zu vermitteln«, sagte einer der Berater.

»Die Kurpfalz muss sich offen zur protestantischen Union bekennen«, entgegnete von Anhalt energisch. »Damit haben wir die Möglichkeit, gegen die Unterdrückung durch die katholische Liga vorzugehen.«

»Mit dem Majestätsbrief hat sich der Kaiser verpflichtet, die Religionsfreiheit in seinem Reich zu schützen«, entgegnete der Berater.

»Hält er sich aber daran?«, gab ein Zweiter zu bedenken.

»Wenn nicht, ist es die Aufgabe der Kurpfalz, ihn an sein Versprechen zu erinnern und ihn zur Einhaltung des Majestätsbriefes zu ermahnen.«

»Genau dies werden wir tun«, erklärte Friedrich entschlossen und wandte sich an von Anhalt. »Ich weiß, dass Ihr gegenteiliger Auffassung seid. Solange sich ein Krieg aber verhindern lässt, werde ich alles in meiner Macht Stehende tun, um zu einer friedlichen Lösung des Konfliktes beizutragen. Ich muss auch an die Menschen in der Kurpfalz denken.« Und an meine eigene Familie, fügte Friedrich in Gedanken hinzu.

Wien, 04. Juni 1618

Als Philipp am Morgen erwachte, fühlte er sich zum ersten Mal seit den schrecklichen Ereignissen in Prag ausgeschlafen. Er sah zum Fenster und stellte fest, dass der Tag bereits weit vorangeschritten sein musste. Die Sonne stand hoch am Himmel und schickte ihre Strahlen ins Zimmer des Sekretärs.

Nachdem er seinen Bericht vor dem Kaiser und seinem Beraterstab abgeben hatte, war Philipp am Ende seiner Kräfte gewesen. Die ersten beiden Tage schlief er fast durchgehend und stand nur auf, um die Mahlzeiten zu sich zu nehmen, die ihm von einer Küchenmagd gebracht wurden. Von ihr erfuhr er auch, dass Magdalena bei den Bediensteten untergebracht worden war und es ihr gut ging. Seine Bitte, man möge die junge Frau zu ihm bringen, wurde allerdings nicht erfüllt. Der Hofarzt, der ihn zweimal am Tag besuchte, riet ihm eindringlich, dass er sich ausruhen müsse, damit er wieder zu Kräften kam.

Philipp setzte sich im Bett auf. Sein Fieber war verschwunden und auch die Blessuren des Sturzes waren so weit verheilt, dass sie ihn kaum mehr störten. Lediglich der Ellenbogen schmerzte noch, wenn er seinen Arm gerade ausstreckte. Er beschloss, sein Zimmer an diesem Tag zu verlassen. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis ihn der Kaiser zurück nach Prag schickte. Bis dahin wollte er noch ein bisschen Zeit mit Magdalena verbringen und mit ihr die Stadt erkunden.

Von diesem Entschluss beseelt, stand Philipp auf und trat ans Fenster. Im Hof vor dem Schloss konnte er ein paar Landsknechte beobachten, die im Gleichschritt vorbeigingen. Er vermutete, dass der Kaiser seine Armee verstärken wollte, um gerüstet zu sein, falls sich der Böhmische Aufstand ausweitete. Matthias schien von der Nachricht aus Prag zwar nicht besonders beeindruckt gewesen zu sein, dennoch durfte er die Vorkommnisse nicht zu sehr auf die leichte Schulter nehmen. Auch würde Ferdinand alles daransetzen, den Kaiser davon zu überzeugen, dass man mit aller Gewalt gegen die Rebellen vorgehen musste.

Philipp hörte ein Klopfen an der Tür und drehte sich um. »Herein!«

Der Hofarzt betrat den Raum und sah seinen Patienten streng an. »Wie ich sehe, geht es Euch besser.«

»Ja. Ich habe lange genug im Bett gelegen.«

»Das freut mich zu hören. Dennoch muss ich Euch bitten, zumindest noch einen Tag in Eurem Zimmer zu bleiben und auszuruhen.«

»Warum soll ich hierbleiben?«, entgegnete Philipp genervt.

»Ihr hattet gestern noch Fieber. Ihr müsst wieder vollständig bei Kräften sein, wenn Ihr den langen Rückweg nach Prag antreten wollt.«

»Darf ich wenigstens einen Spaziergang im Schlossgarten machen? Frische Luft kann sicher nicht schaden.«

»Dagegen spricht tatsächlich nichts. Aber übertreibt es nicht.«

»Das werde ich nicht.« Philipp war fest entschlossen, den Spaziergang gemeinsam mit Magdalena zu unternehmen. Sicher würde bald die Küchenmagd kommen und sein Essen bringen. Sie musste seiner Reisebegleiterin ausrichten, dass er sie vor dem Schloss treffen wollte.

»Ich werde dem Kaiser ausrichten, dass Ihr soweit genesen seid, Eure Reise morgen anzutreten. Er wird veranlassen, dass alle Vorbereitungen dafür getroffen werden.«

»Ich danke Euch.« Der Gedanke, Wien am nächsten Tag bereits wieder verlassen zu müssen, gefiel Philipp nicht. Wenn es aber des Kaisers Wunsch war, dass der Sekretär so schnell wie möglich nach Prag zurückkehrte, würde er diesen erfüllen.

Kurz nachdem der Hofarzt Philipps Zimmer verlassen hatte, kam die Küchenmagd. Zunächst sträubte sie sich dagegen, seine Bitte zu erfüllen. Als er ihr aber versicherte, dass er ohnehin am nächsten Tag abreisen würde und ihm der Arzt erlaubt hatte, das Schloss zu verlassen, versprach sie, Magdalena seine Botschaft auszurichten.

Als Philipp gerade seine inzwischen gereinigte Kleidung angezogen hatte, klopfte es erneut an der Tür.

***

In der ersten Woche im kaiserlichen Schloss blieb Anton kaum die Zeit, sich an seiner neuen Arbeitsstätte umzusehen. Nach dem spannenden ersten Tag hatte der junge Schreiber den Großteil seiner Zeit in der Bibliothek verbracht und versucht, alles zu lesen, was ihm sein Lehrmeister vorlegte. Zeidler ließ seinen Schüler dabei nicht eine Sekunde aus dem Auge. Er konnte keinen Schritt tun, ohne dass der Alte ihn beobachtete.

Wilhelm Zeidler übertrug seinem Schützling allerdings auch Aufgaben, die Anton mit Stolz erfüllten. Er durfte seinen ersten Chronikbeitrag schreiben, den er von seinem Meister diktiert bekam. Hierin protokollierte er die Ereignisse in Böhmen und die Ankunft von Graf von Buquoy, der in Brüssel für die Spanier tätig gewesen und jetzt nach Wien beordert worden war, um seine Stelle als kaiserlicher Feldmarschall anzutreten.

Noch immer hatte Anton den Wunsch, mit dem jungen Sekretär aus Prag zu sprechen. Wenn Zeidler ihn allerdings weiterhin derartig unter Beobachtung hielt, war Philipp sicher abgereist, bevor er selbst auch nur in dessen Nähe gelangen konnte. Am dritten Tag hielt Anton es schließlich nicht mehr aus und bat Zeidler darum, dem Sekretär einen Besuch abstatten zu dürfen. Er erklärte seinem Lehrmeister, dass es nicht schaden könne, wenn man die Kontakte zu den Schreibern in anderen Residenzstädten aufrechterhielt. Dem hatte Zeidler schließlich schmunzelnd nachgegeben.

Nun stand Anton vor der Tür des Gastes aus Prag und war überrascht, als ihm sofort nach seinem ersten Klopfen geöffnet wurde. Der Sekretär der böhmischen Statthalter stand im Mantel vor ihm und schien sein Zimmer gerade verlassen zu wollen.

»Wie ich sehe, komme ich ungelegen«, sagte Anton entschuldigend.

»Ich wollte gerade zu einem Spaziergang aufbrechen, habe aber noch ein paar Minuten Zeit«, antwortete Philipp. »Ihr seid einer der Schreiber, die dabei waren, als ich dem Kaiser Bericht erstattete.«

»Ja. Das war an meinem ersten Tag hier im Schloss. Seither hat mir mein Lehrmeister keine freie Minute gelassen. Sonst hätte ich Euch früher besucht. Mein Name ist Anton.«

»Ich bin Philipp«, antwortete der Sekretär aus Prag und reichte seinem Wiener Kollegen die Hand. »Ihr habt eine aussichtsreiche Laufbahn vor Euch.«

»Das wünsche ich mir sehr. Ihr dagegen habt diesen Erfolg bereits.«

»Es ist kein erstrebenswertes Ziel, aus dem Fenster geworfen zu werden und in die Tiefe zu stürzen.«

»Das meinte ich nicht«, sagte Anton. »Ihr seid aber doch immerhin der erste Schreiber der böhmischen Statthalter.«

»Ich weiß nicht, ob ich das noch bin«, antwortete Philipp. »In meiner Heimat hat sich in den letzten zwei Wochen viel verändert. Es ist zu bezweifeln, dass man mich meine Arbeit in der Kanzlei wieder aufnehmen lässt.«

»Und dennoch wollt Ihr zurück nach Prag?«

»Was bleibt mir anderes übrig? Wenn mich der Kaiser zurückschickt, werde ich mich nicht dagegen wehren. Ich breche morgen auf.«

Anton sah seinen Kollegen bedauernd an. »Es ist schade, dass Ihr nicht noch länger hier in Wien bleiben könnt. Wir hätten uns sicher viel zu erzählen.«

»Vielleicht treffen wir uns bald wieder«, entgegnete Philipp und lächelte seinen Besucher an.

»Das würde mich freuen«, sagte Anton und meinte dies genau, wie er es sagte. Philipp war ihm auf Anhieb sympathisch und er bedauerte, dass ihm in seiner Heimat derart schreckliche Dinge widerfahren waren.

»Wenn Ihr möchtet, könnt Ihr mich bis zum Ausgang begleiten. Dann könnt Ihr mir von der Bibliothek des Schlosses erzählen, die sicherlich imposant ist.«

»Ich könnte sie Euch zeigen.«

»Das würde mich in der Tat sehr interessieren. Leider muss ich Euer Angebot aber ablehnen. Meine Begleiterin erwartet mich vor dem Schloss. Ich habe sie seit meiner Ankunft in Wien nicht mehr gesehen und möchte sie nicht warten lassen.«

»Das verstehe ich sehr gut«, antwortete Anton enttäuscht. Er ärgerte sich darüber, dass er Zeidler nicht früher gebeten hatte, den Sekretär aus Prag besuchen zu dürfen.

Auf dem Weg zum Ausgang berichtete Philipp, wie es ihm auf der Fahrt nach Prag ergangen war und Anton erzählte von seinen ersten Tagen als kaiserlicher Schreiber. Sie verabredeten, am nächsten Morgen gemeinsam zu frühstücken und verabschiedeten sich, als sie sahen, dass Magdalena Philipp bereits in der Empfangshalle des Schlosses erwartete.

***

»Wie ist es dir in den letzten Tagen ergangen?«, fragte Philipp besorgt, als er mit Magdalena gemeinsam in den prächtigen Schlossgarten trat.

»Man hat mich gut behandelt. Du musst dir keine Gedanken machen.«

»D

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