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Der Wind trägt dein Lächeln

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. Vorwort
  6. TEIL 1
  7. KAPITEL 1
  8. KAPITEL 2
  9. KAPITEL 3
  10. KAPITEL 4
  11. KAPITEL 5
  12. KAPITEL 6
  13. KAPITEL 7
  14. KAPITEL 8
  1. TEIL 2
  2. KAPITEL 9
  3. KAPITEL 10
  4. KAPITEL 11
  5. KAPITEL 12
  6. KAPITEL 13
  7. KAPITEL 14
  8. KAPITEL 15
  9. KAPITEL 16
  10. KAPITEL 17
  11. KAPITEL 18
  12. KAPITEL 19
  13. KAPITEL 20
  14. KAPITEL 21
  15. KAPITEL 22
  16. KAPITEL 23
  17. KAPITEL 24
  18. KAPITEL 25
  19. KAPITEL 26
  20. KAPITEL 27
  21. KAPITEL 28
  22. KAPITEL 29
  23. KAPITEL 30
  1. Über die Autorin

Für meinen Vater, Geoffrey Arthur Sargent, der im Jahr 1980 gestorben ist - zu früh, um noch zu erleben, wie mein erstes Werk veröffentlicht wurde. Ihm zu Ehren habe ich seine geliebte Heimatstadt Rye als Ort der Handlung dieses Romans gewählt.

Und für meinen Onkel Bert Sargent, der bis zu seinem Tod im Jahre 2002 in Rye wohnte. Zu meinen besten Kindheitserinnerungen gehören die an die Ferien, die ich dort mit ihm, meiner Tante Dorothy und meinen Cousins verbracht habe.

Als Vorbereitung auf diesen Roman habe ich zu viele Bücher gelesen, um sie hier alle aufzuzählen. Die bemerkenswertesten davon waren Fighter Boys von Patrick Bishop; The London Blitz, A Fireman's Tale von Ceryl Demarne OBE; und London At War von Philip Ziegler. Besonders dankbar war ich Geoffrey Wellum DSO für sein anregendes Buch First Light, in dem er von seiner Zeit als Kampfpilot in der Luftschlacht um England erzählt. Und an William Third ein dickes Dankeschön dafür, dass er mir Informationen über Hastings und Winchelsea verschafft hat. Ein guter Freund ist er immer gewesen, und nun zeigt sich, dass er sich auch auf die Recherche versteht!

KAPITEL 1

Januar 1931

Als Adele die Euston Road erreichte, quälten sie vom Laufen heftige Seitenstiche. Sie sollte Pamela, ihre achtjährige Schwester, nach deren Klavierunterricht auf der anderen Seite der belebten Hauptstraße abholen und hatte sich verspätet. Es war dunkel, und wie gewöhnlich herrschte um sechs Uhr dichter Verkehr. Außerdem bildete der Schnee der vergangenen Tage inzwischen schwarze, eisige Klumpen in den Rinnsteinen, sodass die Straße noch schwerer zu überqueren war als sonst.

Adele Talbot war elfeinhalb - klein, dünn, blass - und wirkte in dem abgetragenen Tweedmantel für Erwachsene, der ihr viel zu groß war, ausgesprochen verloren. Die Wollsocken waren ihr bis auf die Knöchel heruntergerutscht, und eine Strickkapuze bedeckte ihr widerspenstiges braunes Haar. Aber trotz ihres zarten Alters stand ein sehr reifer Ausdruck der Sorge in ihren großen grünlich braunen Augen, während sie ungeduldig von einem Fuß auf den anderen sprang und auf eine Lücke im Verkehr wartete. Eigentlich hätte ihr Vater Pamela auf dem Heimweg von der Arbeit abholen sollen, aber er hatte es vergessen, und Adele befürchtete, dass ihre kleine Schwester es müde geworden war, auf ihn zu warten, und sich allein auf den Heimweg gemacht hatte.

Immer noch keuchend von der Anstrengung, entdeckte sie vom Straßenrand aus plötzlich zwischen den Autos ihre Schwester. Sie war nicht zu übersehen - das Licht der Straßenlaternen fiel auf ihr langes blondes Haar und ihren leuchtend roten Mantel. Zu Adeles Entsetzen war Pamela bereits an den Rand des Gehsteigs getreten, als hätte sie die Absicht, die Straße allein zu überqueren.

»Bleib da!«, schrie Adele ihr wild gestikulierend zu. »Warte auf mich!«

Mehrere Busse fuhren dicht hintereinander vorbei und versperrten Adele die Sicht, bis plötzlich das Unheil verkündende Quietschen von Bremsen erklang.

Das Herz im Hals, rannte Adele zwischen einem Bus und einem Lastwagen hindurch. Als sie die Straßenmitte erreichte, fand sie ihre schlimmsten Ängste bestätigt: Zwischen einem Auto und einem Taxi lag ihre kleine Schwester reglos auf dem Boden.

Adele schrie. Der gesamte Verkehr war plötzlich zum Erliegen gekommen, und Dampf stieg wie Rauch über den Motorhauben der Autos auf. Fußgänger blieben erschrocken stehen, und alle betrachteten sie das kleine Bündel auf der Straße.

»Pamela!«, rief sie, während sie hinüberrannte, und Entsetzen, Ungläubigkeit und absolutes Grauen schienen sie zu verschlingen.

Der Taxifahrer, ein hoch gewachsener Mann mit dickem Bauch, war aus seinem Wagen gestiegen und starrte jetzt auf das Kind zwischen seinen Vorderreifen hinab. »Sie ist einfach losgerannt!«, versicherte er und sah sich, um Bestätigung heischend, mit wildem Blick um. »Ich konnte nichts mehr tun.«

Schon hatte sich eine Traube von Menschen gebildet, und Adele hatte alle Mühe, sich zwischen ihnen hindurchzudrängeln. »Du darfst sie nicht anfassen, Schätzchen«, meinte jemand warnend, als sie endlich in der Mitte des Kreises angekommen war und sich neben Pamela hockte.

»Sie ist meine kleine Schwester«, stieß Adele hervor, und die Tränen strömten ihr über die vom Wind gepeitschten Wangen. »Sie sollte warten, bis sie abgeholt wird. Wird sie wieder gesund?«

Doch noch während Adele die Frage stellte, spürte sie, dass Pamela bereits tot war. Ihre blauen Augen standen weit offen, ihre Miene zeigte Erschrecken, aber sie rührte sich nicht, sie gab keinen Laut von sich und verzog nicht einmal vor Schmerz das Gesicht.

»Der Krankenwagen ist bereits unterwegs«, hörte Adele jemanden sagen, und ein Mann trat vor, fühlte Pamelas Puls und zog dann seinen Mantel aus, um ihn über ihr auszubreiten. Aber währenddessen schüttelte er leicht den Kopf. Das und die erschütterten Mienen der Menschen um sie herum bestätigten Adeles Ängste.

Sie wollte schreien, wollte auf den verantwortlichen Taxifahrer einschlagen. Aber gleichzeitig konnte sie nicht glauben, dass Pamelas Leben vorbei sein sollte. Alle liebten sie, sie war so witzig, sprühte nur so vor Leben, und sie war zu jung, um zu sterben.

Über ihre Schwester gebeugt, strich Adele ihr das Haar aus dem Gesicht und schluchzte ihren Kummer und ihr Entsetzen hinaus.

Eine Frau mit Pelzmütze schlang ihr den Arm um die Taille und zog sie weg. »Wo wohnst du, Kleines?«, fragte sie, während sie sie dicht an ihre Brust gedrückt hielt und sie tröstend hin und her wiegte. »Sind deine Mum und dein Dad zu Hause?«

Adele wusste nicht, was sie antwortete, denn sie nahm in diesem Augenblick nur das Kratzen des Mantels, den die Frau trug, auf ihrer Wange wahr und das Gefühl, sich gleich übergeben zu müssen.

Aber sie musste die Frage der Frau wohl beantwortet haben, bevor sie sich losriss, um sich am Straßenrand zu erbrechen, denn später, nach der Ankunft des Krankenwagens und der Polizei, hörte sie dieselbe Frau den Männern erklären, dass die Schwester des überfahrenen Kindes Adele Talbot heiße und in der Charlton Street Nummer siebenundvierzig wohne.

Doch bis dahin nahm Adele weder die Gesichter der Menschen um sich herum wahr noch das, was sie zu ihr sagten, ja, sie spürte nicht einmal den schneidend kalten Wind. Sie war sich nur ihres eigenen Schmerzes bewusst, sah nichts als den goldenen Widerschein der Straßenlaternen auf Pamelas blondem Haar und dass der Wind über die schwarze, nasse Straße wehte, und sie hörte nur lautes, ungeduldiges Hupen.

Euston gehörte Pamela und ihr. Für andere mochte es vielleicht nur eine schmutzige, gefährliche Durchgangsstation sein, die die Menschen auf dem Weg zu anderen, sichereren und hübscheren Vierteln Londons notgedrungen passieren mussten, aber für Adele war Euston stets so harmlos wie ein Park gewesen. Die Charlton Street lag direkt in der Mitte zwischen Euston und St. Pancras; die beiden Bahnhöfe waren für sie ihre persönlichen Theaterbühnen und die Passanten die Figuren in einem Schauspiel gewesen. Sie hatte Pamela dorthin mitgenommen, vor allem wenn es kalt oder nass gewesen war, und dann hatte sie zu Pamelas Begeisterung Geschichten über die Menschen erfunden, die sie dort sahen: Eine Frau in einem Pelzmantel, die neben einem Träger hertrippelte, der ihre großen Koffer schleppte, war eine Gräfin. Ein junges Paar, das sich leidenschaftlich küsste, war durchgebrannt. Manchmal sahen sie Kinder, die mit einem Namensschild am Mantel allein unterwegs waren, und Adele spann daraus eine fantastische Abenteuergeschichte, in der böse Stiefmütter, Burgen in Schottland und Schatztruhen voller Geld vorkamen.

Zu Hause herrschte immer eine bedrückende Atmosphäre. Ihre Mutter saß oft stundenlang in mürrischem Schweigen da und nahm die Anwesenheit ihrer Kinder oder ihres Mannes kaum zur Kenntnis. Sie war immer so gewesen, daher hatte Adele diesen Zustand einfach akzeptiert, aber sie hatte es auch gelernt, die Zeichen einer drohenden Gefahr zu deuten, die den Ausbrüchen wilder Wut vorangingen, und in solchen Fällen brachte sie Pamela und sich selbst so schnell wie möglich in Sicherheit. Diese Wutanfälle konnten furchtbar erschreckend sein, denn ihre Mutter warf dann mit allem um sich, was ihr in die Finger kam. Sie schrie Schimpfworte, und sehr häufig kam es vor, dass sie nach ihrer älteren Tochter schlug.

Adele versuchte, sich einzureden, dass die volle Wucht des mütterlichen Zorns sich nur deshalb stets auf sie richtete und nicht auf Pamela, weil sie die Ältere war. Aber tief im Innern wusste sie, dass sich ihre Mum deshalb so verhielt, weil sie sie aus irgendeinem Grund hasste.

Auch Pamela hatte das gespürt und stets versucht, sie dafür zu entschädigen. Wenn sie von ihrer Mutter Geld bekommen hatte, hatte sie es immer mit Adele geteilt. Als sie zu Weihnachten ihren neuen roten Mantel geschenkt bekommen hatte, hatte es ihr zu schaffen gemacht, dass Adele leer ausgegangen war. Auf ihre stille Weise hatte sie sich nach Kräften angestrengt, diese Dinge irgendwie auszugleichen. Mit ihrem sonnigen Lächeln, ihrer Großzügigkeit und ihrem Sinn für Humor hatte Pamela Adeles Leben erträglich gemacht.

Während sie nun hilflos weinend dastand und sich nach einem Erwachsenen sehnte, der sie in die Arme nahm und ihr versicherte, dass Pamela nicht tot sei, sondern lediglich bewusstlos, war Adele sich einer Tatsache nur allzu sicher: Wenn ihre Schwester wirklich für immer fortgegangen war, dann konnte sie selbst ebenso gut auch tot sein.

Während Pamela in einen Krankenwagen gehoben wurde, griff ein stämmiger junger Polizist nach Adeles Hand. Als die Männer das kleine Mädchen auf die Bahre legten, zogen sie ihr die Decke bis übers Gesicht - eine unausgesprochene Bestätigung der Tatsache, dass sie bereits tot war.

»Es tut mir sehr leid«, sagte der Polizist sanft, dann bückte er sich, sodass er auf gleicher Augenhöhe mit ihr war. »Ich bin Constable Mitchell«, fuhr er fort. »Der Sergeant und ich werden dich gleich nach Hause bringen. Wir müssen deiner Mum und deinem Dad von dem Unfall erzählen, und du wirst uns genau erzählen müssen, was passiert ist.«

Erst da bekam Adele Angst um sich selbst. Von dem Moment an, als sie das Quietschen der Autobremsen gehört hatte, hatten sich ihre Gedanken ausschließlich um Pamela gedreht. Alle Gefühle waren in diese eine Richtung gelaufen, und nichts anderes hatte für sie existiert als der kleine Körper ihrer Schwester auf dem Boden und die Erkenntnis dessen, was sie einander bedeutet hatten. Aber bei der Erwähnung ihrer Eltern ergriff Adele plötzlich eine schreckliche Furcht.

»Ich k-k-kann nicht nach Hause gehen«, platzte sie heraus und umklammerte erschrocken die Hand des Polizisten. »Sie werden sagen, es sei meine Schuld gewesen.«

»Natürlich werden sie nichts dergleichen sagen«, erwiderte Constable Mitchell ungläubig und rieb ihre kalten Finger zwischen seinen großen Händen. »Unfälle wie dieser können jeden Menschen treffen, und du bist selbst noch ein Kind.«

»Wenn ich bloß ein klein wenig schneller gewesen wäre!«, schluchzte sie. Sein freundliches, besorgtes Gesicht rief ihr nur umso deutlicher ins Gedächtnis, wie wenig sie ihren Eltern bedeutete. »Ich bin den ganzen Weg gerannt, aber als ich hier ankam, stand sie schon am Straßenrand.«

»Deine Mum und dein Dad werden das verstehen«, versicherte er und klopfte ihr tröstend auf die Schulter.

Dann fuhr der Krankenwagen davon, und die Menge begann, sich zu zerstreuen. Nur der Taxifahrer sprach noch mit den beiden Polizisten, während Adele wartete. Alles war so schnell in die Normalität zurückgekehrt, und die ersten Autos fuhren bereits genau über die Stelle, an der nur wenige Minuten zuvor Pamela gelegen hatte. Die Zuschauer zogen sich zurück, um in den Pub zu gehen, einen Bus abzuwarten oder die Abendzeitung zu kaufen. Für sie war das Ganze nur ein Zwischenfall, wenn auch vielleicht ein trauriger, aber sie würden es vergessen haben, noch bevor sie zu Hause ankamen.

Adele war von klein auf bewusst gewesen, dass Euston ein Ort ungeheurer Ungleichheit war. Der Bahnhof, dieses riesige, Ehrfurcht gebietende Gebäude, ragte über dem Viertel auf wie eine turmhohe Kathedrale, und Hunderte von Menschen arbeiteten dort. Wer wohlhabend genug war, um zu reisen, stützte sich auf die harte Arbeit der Armen, die dafür sorgten, dass die Reisenden eine bequeme und vergnügliche Fahrt hatten.

Die Eisenbahnarbeiter lebten in den schäbigen, schmutzigen Straßen rund um den Bahnhof. Ein Träger kannte die Abfahrtszeiten eines jeden Zuges und sämtliche Bahnhöfe und Haltepunkte auf der Strecke von London nach Edinburgh, und er machte jeden Tag den Rücken krumm, um schweres Gepäck zu schleppen. Dennoch würde er niemals einen der Orte besuchen, deren Namen ihm so mühelos über die Lippen gingen. Wenn es ihm irgendwann einmal gelang, mit seiner Frau und seinen Kindern für einen Tag an die Küste zu fahren, schätzte er sich schon glücklich. Gleichermaßen hatte das Zimmermädchen, das in den eleganten Hotels, in denen die Reisenden abstiegen, die Betten bezog, auf ihrem eigenen Bett wahrscheinlich keine Laken, geschweige denn ein Waschbecken oder ein richtiges Bad in ihrem Quartier.

Adele hatte so häufig beobachtet, wie Arm und Reich hier zusammentrafen. Eine elegante Dame in einem Fuchspelz kaufte einem heruntergekommenen alten Soldaten, dem ein Bein fehlte, Blumen ab. Ein Gentleman in einem funkelnden Auto bedeutete dem Liliputaner, der Zeitungen verkaufte, mit ungeduldiger Gebärde, ihm ein Exemplar herüberzubringen. Adele wusste, dass der Liliputaner in einem Brückenbogen unter der Eisenbahn lebte. Sie hatte den alten Soldaten seine Mütze lüften und seine Kunden anlächeln sehen, obwohl er bis auf die Knochen durchgefroren war und auf seinen Krücken schwankte. Wenn die Geschäftsleute ihre Büros verließen, um nach Hause in ihre grünen Vororte zurückzukehren, kamen die Armen hervor, um hinter ihnen sauber zu machen.

Und doch hatte Adele Pamela immer geschworen, dass das Schicksal für sie beide etwas Besseres bereithielt. Ihre Geschichten hatten sich darum gedreht, dass sie eines Tages in einem vornehmen Stadtteil Londons leben und all die Orte besuchen würden, die sie auf den Anzeigetafeln in den Bahnhöfen sahen. Aber während sie jetzt darauf wartete, nach Hause zu gehen, waren all diese Träume und Ziele zusammen mit ihrer Schwester für immer untergegangen.

Der Taxifahrer stieg in seinen Wagen, und einen Augenblick lang sah er Adele so an, als wollte er ihr etwas sagen. Aber vielleicht war er selbst zu erschüttert, um zu sprechen, und als die beiden Polizisten zu ihr zurückkamen, fuhr der Mann davon.

»Wir sollten jetzt aufbrechen«, meinte Constable Mitchell. Dann umfasste er mit festem Griff ihre Hand und führte sie zu dem Streifenwagen hinüber.

Adele hatte noch nie zuvor in einem Auto gesessen, aber auch das war nur eine weitere schmerzliche Erinnerung an Pamela. Sie hatten ein Lieblingsspiel gehabt: Sie stellten zwei Stühle hintereinander, die ein Auto darstellen sollten, und Pamela war immer die Fahrerin, während Adele die Beifahrerin war, die darüber entschied, wo sie hinfahren sollten.

Die Talbots bewohnten drei kleine Zimmer im oberen Stock eines Reihenhauses in der Charlton Street. Unter ihnen lebten die Mannings mit ihren vier Kindern und im Erdgeschoss die Pattersons mit drei Kindern.

Wie in den meisten Straßen in diesem Viertel führte die Eingangstür direkt auf den Gehsteig hinaus, aber anders als in den übrigen Häusern lebten dort nur drei Familien, und sie genossen den Luxus eines gemeinsamen Badezimmers im Innern des Hauses.

Wegen der Kälte war die Haustür verschlossen, und Adele schob die Hand durch den Briefkasten und zog den Schlüssel hervor. Bevor sie ihn benutzte, drehte sie sich noch einmal zu den Polizisten um. Der jüngere, der sich als Constable Mitchell vorgestellt und entschieden hatte, sie nach Hause zu bringen, blies sich auf die Finger, um sie zu wärmen. Der ältere Polizist, den Mitchell Sarge nannte, stand ein wenig abseits und blickte an der Mauer hinauf. Beide Männer wirkten ängstlich, und dieser Umstand verstärkte Adeles eigene Furcht noch.

Während sie die Treppen zum zweiten Obergeschoss hinaufstiegen, sah Adele das Haus, so wie die Polizisten es sehen mussten, und schämte sich. Es war so schmutzig und übel riechend, die Treppen waren aus rohem Holz, und die Tünche an den Wänden war so alt, dass man keinerlei Farbe mehr erkannte. Außerdem war es hier im Flur immer ziemlich laut; das Baby der Mannings schrie Zeter und Mordio, und die anderen Kinder versuchten, es zu übertönen.

Die Wohnungstür wurde aufgerissen, noch bevor sie sie erreichten, wahrscheinlich weil ihre Eltern die schweren Männerschritte auf der Treppe gehört hatten. Adeles Mutter, Rose, blickte auf sie herab, und ihr Gesicht verzerrte sich, als sie die uniformierten Männer und Adele sah. »Wo ist Pammy?«, platzte sie heraus. »Sagen Sie nicht, dass ihr etwas zugestoßen ist?«

Adele hatte ihre Mutter stets für schön gehalten, selbst wenn sie unglücklich und gemein gewesen war. Aber in diesem Augenblick, mit dem Licht aus dem Wohnzimmer hinter ihr, sah sie sie, wie sie wirklich war: keine goldhaarige Schönheit mit Wespentaille, sondern eine müde, verlebte Frau von dreißig Jahren mit erschlaffendem Körper, grauer Gesichtsfarbe und wild abstehendem Haar. Die Schürze, die sie über ihrem Rock und dem Pullover trug, war fleckig und zerrissen, und ihre braun karierten Pantoffeln hatten über den Zehen Löcher.

»Dürfen wir hereinkommen, Mrs. Talbot?«, fragte der Sergeant. »Es hat nämlich einen Unfall gegeben.«

Rose stieß einen furchtbaren, schrillen Schrei aus, der Adele vollkommen überraschte. Der Unterkiefer klappte ihr einfach herunter, und dann kam auch schon dieses Geräusch aus ihrem Mund, das so klang wie das Brausen eines Eisenbahnzuges.

Von einem Moment auf den anderen stand auch Dad in der Tür und verlangte zu wissen, was geschehen sei, und die ganze Zeit über standen Adele und die Polizisten auf der Treppe, und in den Stockwerken unter ihnen öffneten die Leute ihre Türen, um herauszufinden, was passiert war.

»Sie ist tot, nicht wahr?«, kreischte ihre Mutter und kniff die Augen zusammen, bis sie nur noch zwei Schlitze waren. »Wer hat das getan? Wie ist es passiert?«

Daraufhin drängten die Polizisten sich beinahe mit Gewalt in die Wohnung, und Constable Mitchell schob Adele vor sich her. Der Raum diente gleichzeitig als Küche und als Wohnzimmer. Es roch nach Gebratenem, vor dem Feuer hing Wäsche zum Trocknen, und der Tisch war fürs Abendessen gedeckt. Der Sergeant drückte Rose in einen Sessel, dann begann er sanft zu erklären, was geschehen war.

»Aber wo war Adele? Sie sollte sie abholen«, unterbrach ihn Rose und warf ihrer älteren Tochter einen hasserfüllten Blick zu. »Warum hat sie Pammy erlaubt, über die Straße zu laufen?«

Adele hatte damit gerechnet, dass man ihr die Schuld geben würde, einzig deshalb, weil es immer so war, ganz gleich, was passierte. Trotzdem hatte ein kleiner Teil von ihr sich an die Hoffnung geklammert, dass ein so schrecklicher Schicksalsschlag wie dieser das gewohnte Muster durchbrechen würde.

»Ich bin den ganzen Weg gerannt, aber als ich die Euston Road erreicht hatte, versuchte Pamela bereits, die Straße zu überqueren«, erzählte Adele verzweifelt, während ihr die Tränen übers Gesicht strömten. »›Bleib stehen!‹, habe ich ihr zugerufen, aber ich glaube nicht, dass sie mich gehört oder gesehen hat.«

»Und sie ist von einem Auto überfahren worden?«, fragte Rose und blickte zu dem Sergeant auf, während ihre Augen darum flehten, dass man ihr das Gegenteil sagen würde. »Und sie ist gestorben? Meine schöne kleine Pammy ist tot?«

Der Sergeant nickte und sah Jim Talbot Hilfe suchend an. Doch Adeles Vater saß, die Hände vors Gesicht geschlagen, in sich zusammengesunken in seinem Sessel.

»Mr. Talbot.« Der Sergeant legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Es tut uns sehr leid. Ein Krankenwagen war innerhalb weniger Minuten zur Stelle, aber es war zu spät.«

Adele beobachtete, wie ihr Dad die Hände sinken ließ. Er sah sie an, und für einen flüchtigen Augenblick dachte sie, er würde sie zu sich winken, um sie zu trösten. Aber stattdessen verzerrte er das Gesicht zu einer Grimasse des Zorns. »Zu spät«, brüllte er und deutete mit dem Finger auf sie. »Du bist zu spät gekommen, um Pammy abzuholen, und jetzt ist sie tot, weil du zu träge und zu faul warst, um dich zu beeilen.«

»Ich bitte Sie!«, erklärte der Sergeant tadelnd. »Es war nicht Adeles Schuld, sie konnte nicht wissen, dass Pamela versuchen würde, die Straße allein zu überqueren. Es war ein Unfall. Geben Sie ihr nicht die Schuld, sie ist selbst noch ein Kind, und sie steht unter Schock.«

Adele blieb an der Tür stehen, zu benommen und zu erschüttert, um sich auch nur einen Platz zu suchen. Sie spürte, dass sie hier nichts verloren hatte, wie eine Nachbarin, die gekommen war, um sich ein wenig Zucker auszuleihen, und dann nicht wieder gehen wollte.

Dieses Gefühl verstärkte sich noch, als die beiden Polizisten versuchten, ihre Eltern zu trösten und sie Rose und Jim nannten, als würden sie einander schon lange kennen. Constable Mitchell brühte eine Kanne Tee auf und füllte einige Tassen; der Sergeant nahm ein Foto von Pamela vom Kamin und bemerkte, was für ein hübsches Mädchen sie gewesen sei. Ihr Vater drückte ihre Mutter an sich, und beide Polizisten schnalzten mitfühlend mit der Zunge, während sie sich erzählen ließen, was für ein kluges Mädchen Pamela gewesen sei.

Aber niemand achtete mehr auf Adele, nicht nachdem der Sergeant ihr eine Tasse Tee gegeben hatte. Es war, als wäre sie plötzlich unsichtbar geworden.

Vielleicht hatte sie nur fünf oder zehn Minuten dort gestanden, aber ihr kam es vor wie eine Ewigkeit. Es fühlte sich so an, als verfolgte sie ein Theaterstück und wäre durch die Scheinwerfer vor den Blicken der Schauspieler verborgen. Sie konnte ihr Entsetzen und ihre Trauer sehen, hören und fühlen, aber die Schauspieler selbst nahmen nichts von ihrem eigenen Schmerz wahr.

Sie wünschte sich so sehr, dass jemand sie in die Arme nehmen und ihr sagen würde, es sei nicht ihre Schuld und man habe Pamela unzählige Male verboten, allein die Euston Road zu überqueren.

Nach einer Weile setzte Adele sich auf einen kleinen Hocker an der Tür und legte den Kopf auf die Knie. Die Erwachsenen saßen alle mit dem Rücken zu ihr, und obwohl sie wusste, dass das größtenteils an der Anordnung der Sessel lag, kam es ihr doch so vor, als geschähe es mit Absicht. Adele konnte zwar nur aus ganzem Herzen allem zustimmen, was ihre Eltern über ihre Schwester erzählten - ein jeder hatte sie gemocht, sie hatte zu den Besten in ihrer Klasse gehört und war ein unbeschwertes kleines Mädchen mit ganz besonderen Talenten gewesen -, aber ihr schien es, als wiesen ihre Eltern mit jedem Wort darauf hin, dass Pamelas ältere Schwester genau das Gegenteil von ihr war und dass sie es als ungerecht empfanden, dass ausgerechnet sie ihnen geblieben war.

Sie redeten und weinten immer weiter und weiter. Rose wurde bisweilen hysterisch, dann beruhigte sie sich wieder, um auf eine neuerliche Begebenheit zu sprechen zu kommen, bei der Pamela sich als etwas ganz Besonderes erwiesen hatte, worauf Jim dann seinerseits etwas aus Pamelas Leben beizusteuern wusste. Und zwischendurch erklangen immer wieder die ruhigen, beschwichtigenden Stimmen der beiden Polizisten. So jung und unerfahren Adele war, konnte sie spüren, dass die beiden Männer es geschickt verstanden, mit Trauer umzugehen, wobei sie gerade das richtige Maß an Interesse, Sorge und Mitgefühl an den Tag legten, während sie gleichzeitig allmählich versuchten, ihre Eltern zu dem Punkt zu führen, an dem sie den Tod ihrer Tochter akzeptieren konnten.

Obwohl es sie berührte, dass die Polizisten so viel Mitgefühl besaßen, wünschte sich ein kleiner Teil von ihr sehr, sie hätte es gewagt, ihnen zu erzählen, dass Jim Talbots Lieblingsworte gegenüber seinen beiden Töchtern stets »Halt den Mund, ja?« gewesen waren. Dass er derjenige war, der Pamela hatte abholen sollen und es vergessen hatte. Außerdem fragte sie sich, ob die Polizisten Rose gegenüber ebenso zartfühlend gewesen wären, hätten sie gewusst, dass diese Frau meistens zu übellaunig war, um morgens aus dem Bett zu kommen. Es war immer Adele gewesen, die Pamela das Frühstück zubereitet und sie zur Schule gebracht hatte.

»Sollen wir Sie jetzt zu Pamela fahren, damit Sie sie noch einmal sehen können?«, fragte der Sergeant einige Zeit später. Rose wurde noch immer von hilflosen Weinkrämpfen geschüttelt, aber nicht mehr auf die hysterische Art und Weise, mit der sie zuvor ihrer Trauer Ausdruck verliehen hatte. »Sie muss offiziell identifiziert werden, und es könnte Ihnen vielleicht helfen zu sehen, dass sie auf der Stelle tot war und dass der Unfall keine sichtbaren Verletzungen hinterlassen hat.«

Adele hatte die ganze Zeit über schweigend auf ihrem Hocker gesessen, verloren in ihrem Unglück, aber als sie diese Worte hörte, richtete sie sich jäh auf. »Darf ich auch mitkommen?«, fragte sie spontan.

Alle vier Erwachsenen wandten ihr das Gesicht zu. Die beiden Polizisten wirkten lediglich überrascht, sie hatten offenkundig vergessen, dass Adele noch im Raum war. Doch ihre Eltern schienen die Bitte ihrer Ältesten als einen Affront zu verstehen.

»Nun, du kleines Ungeheuer«, explodierte ihre Mutter und erhob sich, als wollte sie sie schlagen. »Das ist keine Volksbelustigung, unser Baby ist tot - deinetwegen.«

»Nun, nun, Rose«, sagte der Sergeant und trat zwischen Mutter und Tochter. »Adele hat das nicht so gemeint, davon bin ich überzeugt. Das Ganze hat auch sie sehr mitgenommen.«

Sergeant Mike Cotton wäre in diesem Moment lieber überall gewesen, nur nicht in der Charlton Street Nummer siebenundvierzig. In den über zwanzig Jahren Polizeiarbeit hatte er unzählige Male Menschen besucht, um ihnen die Nachricht zu überbringen, dass ein naher Verwandter gestorben sei, und es war immer eine quälende Pflicht gewesen. Aber wenn es um den Tod eines Kindes ging, war es eine grauenhafte Aufgabe, denn es gab keine Worte, die den Schmerz lindern konnten, nichts konnte rechtfertigen, dass ein gesundes Kind ohne Vorwarnung aus dem Leben gerissen wurde. Doch dies war einer der schlimmsten Fälle, die ihm je begegnet waren, denn in dem Augenblick, als Rose Talbot die Tür geöffnet und Adele sich nicht in ihre Arme gestürzt hatte, hatte er gewusst, dass bei dieser Familie etwas ganz im Argen lag.

Während all der Zeit, in der er erklärt hatte, wie es zu dem Unfall hatte kommen können, war er sich Adeles sehr bewusst gewesen, die noch immer in der Tür stand. Er hätte sie so gern zu sich gerufen, auf den Schoß genommen und sie getröstet, aber das wäre die Aufgabe des Vaters gewesen. Geradeso, wie es seine Aufgabe gewesen wäre, seine kleine Tochter an einem dunklen, kalten Januarabend abzuholen. Die Euston Road lag nicht in einem Viertel, in dem man irgendein kleines Mädchen allein lassen sollte. Abschaum jedweder Art trieb sich dort herum - Bettler, Prostituierte und ihre Zuhälter, Freier, Diebe, die Ausschau nach irgendjemandem hielten, den sie ausrauben konnten.

Mike musste zugeben, dass die Talbots eine kleine Spur über den meisten ihrer Nachbarn in dieser Straße standen. Er kannte Familien von acht oder zehn Personen, die sich in ein einziges Zimmer zwängten, wo das Überleben davon abhing, dass die Mutter listenreich und stark genug war, um ihrem Mann ein wenig Geld fürs Essen abzunehmen, bevor er seinen Lohn in den Pub trug. Er kannte andere Familien, die wie Tiere im Schmutz lebten, und wieder andere, in denen die Mütter ihre Kinder nachts auf die Straße schickten, während sie auf dem Rücken liegend das Geld verdienten, um sie ernähren zu können. Die Wohnung der Talbots mochte schäbig sein, aber sie war sauber und warm, und es waren Vorbereitungen für ein Abendessen getroffen worden. Jim Talbot hatte auch noch Arbeit, trotz der wirtschaftlichen Depression, die das Land langsam in ihren Würgegriff nahm.

Mike dachte, dass Rose Talbot mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aus Mittelklasseverhältnissen stammte: Sie sprach korrektes Englisch, selbst wenn es durchsetzt war mit Londoner Slang, und sie hatte ein kultiviertes Benehmen. Ihm war aufgefallen, dass sie trotz seiner schockierenden Nachricht eilig ihre Schürze ausgezogen hatte und sich mit den Fingern durch ihr unordentliches Haar gefahren war, als schämte sie sich, so unvorbereitet mit Besuchern konfrontiert worden zu sein. Ihr Rock und der Pullover kamen eindeutig von einem Marktstand, doch der gedämpfte Blauton unterstrich ihre schönen Augen und verlieh ihr eine überraschende Eleganz.

Jim dagegen stammte offenkundig aus der untersten Gesellschaftsschicht. Obwohl er hoch gewachsen und schlank war, hatte er jene gebeugte, unbeholfene Haltung, die den Abkömmlingen der Londoner Slums stets anzuhaften schien. Er sprach mit einem nasalen, beinahe weinerlichen Londoner Akzent, und mit seinen schlechten Zähnen, dem schütteren, sandfarbenen Haar und den wässrig blauen Augen wirkte er trotz seiner zweiunddreißig Jahre vor der Zeit gealtert. Außerdem war er kein besonders heller Kopf, denn als Mike ihn gefragt hatte, wie sicher sein Job sei, hatte er die Frage zunächst nicht verstanden. Warum hatte eine attraktive, kultivierte Frau wie Rose einen Mann wie Jim geheiratet?

Aber wenn schon die Eltern schlecht zusammenpassten, bestand eine noch größere Ungleichheit in ihren Gefühlen, was ihre beiden Kinder betraf. Auf dem Sideboard standen mehrere Fotografien von Pamela, und an der Wand hing eine ihrer Zeichnungen, aber von Adele gab es nichts dergleichen. Mike war aufgefallen, dass Pamela einen guten, warmen Mantel und Fausthandschuhe getragen hatte, und sie war auf hübsche Weise rundlich gewesen. Adele dagegen war sehr dünn und blass, und ihr Mantel war ein altes, abgetragenes Stück, das offensichtlich früher einmal einer erwachsenen Frau gehört haben musste. Natürlich mochte es sich um den Mantel ihrer Mutter handeln, den sie sich rasch übergestreift hatte, um aus dem Haus zu laufen. Aber er glaubte es nicht, denn als er sich Adele jetzt unter einer hellen Lampe näher ansah, kam sie ihm unterernährt vor. Ihr ungebärdiges mausbraunes Haar war ohne jeden Glanz, und ihr marineblaues Sporthemd war, ebenso wie der Mantel, viel zu groß für sie.

Ihre äußere Erscheinung bedeutete wenig in einem Viertel, in dem Hunderte von Mädchen ihres Alters noch schäbiger gekleidet und noch schlechter ernährt waren. Dennoch war Mike sich ziemlich sicher, dass all die Mütter dieser Mädchen, selbst jene, die betrunkene Schlampen waren, es nicht fertiggebracht hätten, ein Kind zu ignorieren, das so offensichtlich ein wenig Trost und Zärtlichkeit brauchte.

Das Mädchen hatte soeben etwas mit angesehen, das selbst einem hartgesottenen Polizisten die Tränen in die Augen getrieben hätte, also konnte Rose, wie schwer dieser Schlag sie auch getroffen haben mochte, doch gewiss ihre eigenen Gefühle lange genug im Zaum halten, um sich ihrer älteren Tochter zuzuwenden?

Adele war erleichtert, als ihre Eltern endlich mit den Polizisten aufbrachen und ihr befahlen, zu Bett zu gehen. Aber sobald sie in das eiskalte Schlafzimmer trat und das Bett sah, das sie immer mit Pamela geteilt hatte, begann sie von Neuem zu weinen. Sie würde nie wieder den warmen kleinen Körper ihrer Schwester dicht an sich gekuschelt fühlen, die geflüsterten abendlichen Gespräche waren ihr für immer genommen, das Gekicher und all die kleinen Geständnisse. Mit Pamela war der einzige Mensch gestorben, dessen Zuneigung sie sich stets hatte gewiss sein können.

An die Zeit vor Pamelas Geburt hatte sie im Grunde keine Erinnerung. Das früheste Erlebnis, das ihr im Gedächtnis haften geblieben war, war ein Kinderwagen, der zu groß gewesen war, als dass sie ihn hätte vor sich herschieben können, und das Bettchen mit einem Baby darin, das ihr viel besser gefallen hatte als eine Puppe. Sie hatten damals anderswo gelebt, in einer Kellerwohnung, glaubte sie, aber sie konnte sich daran erinnern, wie sie in dieses Haus gezogen waren, denn Pamela hatte damals gerade das Laufen gelernt, und Adele hatte aufpassen müssen, dass ihre kleine Schwester nicht versuchte, die Treppe hinunterzukommen.

Während sie zitternd und weinend und mit eng an den Leib gezogenen Beinen dalag, fluteten die Erinnerungen zurück. Wie sie Pamela auf der Schaukel angestoßen hatte, wie sie ihr Bilder gemalt, ihr Geschichten erzählt und ihr beigebracht hatte, wie man auf der Straße Kästchen hüpfte.

Sie hatte immer gewusst, dass Mum und Dad Pamela lieber mochten als sie selbst. Sie lachten, wenn sie falsche Worte sagte, sie ließen sie in ihr Bett, sie bekam beim Essen größere Portionen. Pamela bekam kaum je einmal abgelegte Kleider und Schuhe, während Adele niemals neue bekommen hatte.

Pamelas Klavierstunden waren das Einzige, worum Adele sie je beneidet hatte. Alle anderen Ungerechtigkeiten hatte sie hingenommen, weil Pamela das Nesthäkchen der Familie war und weil sie sie ebenfalls liebte. Aber mit dem Klavier war das etwas anderes gewesen - Pamela hatte niemals auch nur das geringste Interesse daran gezeigt, ein Instrument zu erlernen. Sie wollte tanzen, reiten und schwimmen, aber Musik interessierte sie nicht. Adele liebte Musik, und obwohl sie es niemals gewagt hätte, direkt nach Unterrichtsstunden zu fragen, hatte sie doch ungezählte Male diesbezüglich kleine Bemerkungen fallen lassen.

Adele wusste nur allzu gut, dass England sich im Würgegriff einer Entwicklung befand, die man »Depression« nannte. Die Schlange von Männern, die nach Arbeit suchten, wurde von Woche zu Woche länger. Adele hatte die Eröffnung einer Suppenküche in King's Cross miterlebt und gesehen, wie Familien aus ihren Häusern geworfen wurden, weil sie die Miete nicht mehr bezahlen konnten. Ihr Vater mochte noch immer Arbeit haben, aber sie wusste, dass auch er seinen Job jederzeit verlieren konnte, daher hatte sie einen Luxus wie Klavierunterricht nicht wirklich erwartet.

Dann hatte ihre Mutter eines Tages aus heiterem Himmel erklärt, dass Pamela fortan jeden Dienstagnachmittag zu Mrs. Belling in Cartwright Gardens gehen werde, um Unterricht zu nehmen.

Adele wusste, dass ihre Mutter sich aus Gehässigkeit gegen sie dazu entschlossen hatte, denn welchen anderen Grund hätte es dafür geben sollen, wenn Pamela gar keinen Unterricht wollte? Erst vor zwei Wochen hatte Pamela Adele anvertraut, die Klavierstunden aus ganzem Herzen zu hassen. »Mrs. Belling hat gesagt, es sei sinnlos, mich zu unterrichten, wenn ich zu Hause kein Klavier habe, auf dem ich üben kann«, hatte Pammy hinzugefügt. Und jetzt war sie wegen dieser Unterrichtsstunden tot.

Einige Zeit später hörte Adele ihre Eltern zurückkommen. Sie konnte die Stimmen der beiden hören, auch wenn sie ihre Worte nicht verstand. Die Stimme ihrer Mutter schwankte zwischen einer Art schluchzendem Kummer und einem verbitterten Heulen. Die Stimme ihres Vaters war beständiger, ein wütendes, heiseres Schnarren, das hie und da durchsetzt war von einem dumpfen Aufprall, wenn er mit der Faust auf den Tisch schlug.

Vermutlich tranken die beiden, und das war noch Besorgnis erregender, denn der Alkohol führte im Allgemeinen dazu, dass sie miteinander stritten. Adele wollte aufstehen und zur Toilette gehen, aber sie wagte es nicht, denn dazu hätte sie durch das Wohnzimmer gehen müssen.

Sie fragte sich, ob man von ihr erwarten würde, dass sie am Morgen zur Schule ging. Die meisten Kinder, die sie kannten, wurden zu Hause gehalten, wenn es einen Todesfall in ihrer Familie gegeben hatte, doch andererseits war ihre Mutter nicht wie die Mütter anderer Mädchen.

Manchmal war Adele stolz auf diese Unterschiede, denn in vieler Hinsicht war Rose Talbot den übrigen Frauen überlegen. Sie legte Wert auf ihr Äußeres, und auf der Straße schrie und fluchte sie nicht wie so viele ihrer Nachbarinnen. Sie hielt die Wohnung sauber und ordentlich, und es gab jeden Abend ein warmes Essen, nicht Brot und Soße, wie so viele andere Kinder es in diesem Viertel vorgesetzt bekamen.

Aber Adele wäre Unordnung bei Weitem lieber gewesen, wenn ihre Mutter dadurch glücklich und liebevoll gewesen wäre, wie die meisten anderen Mütter es waren. Rose lachte nur selten, sie plauderte nicht einmal mit anderen, sie hatte niemals den Wunsch, irgendwohin zu gehen, nicht einmal im Sommer in den Regent's Park. Es war so, als zöge sie es vor, unglücklich zu sein, denn das war eine gute Methode, um allen anderen ebenfalls den Spaß zu verderben.

Irgendwann begriff Adele, dass sie zur Toilette gehen musste, oder sie würde ins Bett machen. Sehr leise öffnete sie die Tür und hoffte verzweifelt, sich einfach unbemerkt die Treppe hinunterschleichen zu können.

»Was willst du?«, fuhr Rose sie an.

Adele antwortete ihr und ging dann direkt zur Wohnungstür hinaus, bevor ein weiteres Wort sie zurückhalten konnte.

Da sie nur ihr Nachthemd trug und nackte Füße hatte, fror sie erbärmlich. In der Toilette stank es wieder, und der Geruch würgte sie in der Kehle. Mum stöhnte ständig darüber, dass Mrs. Manning sich niemals daran beteiligte, diesen Raum sauber zu halten - tatsächlich fand sie, dass die andere Frau doppelt so oft an die Reihe kommen sollte, da sie auch doppelt so viele Kinder hatte. Bei dem letzten Streit über dieses Thema hatte Mrs. Manning Mum Schläge angedroht. »Hochmütige Kuh«, hatte sie geschimpft. »Du glaubst wohl, deine eigene Scheiße stinkt nicht, was?«

Als Adele in die Wohnung zurückkehrte, zögerte sie. Ihre Eltern saßen in den Sesseln zu beiden Seiten des Feuers, beide mit einem Bierglas in Händen, und sie sahen so traurig aus, dass sie glaubte, etwas sagen zu müssen.

»Es tut mir schrecklich leid, dass ich nicht schneller dort sein konnte«, platzte sie heraus. »Ich bin wirklich den ganzen Weg gerannt.«

Ihr Vater blickte als Erster auf. »Es lässt sich nicht mehr ändern«, murmelte er unglücklich.

Einen flüchtigen Augenblick lang dachte Adele, sie hätten sich beide besonnen, aber das war ein böser Irrtum. Ohne jede Vorwarnung flog eine leere Bierflasche in ihre Richtung, traf sie an der Stirn und fiel dann zu Boden, wo sie auf dem Linoleum zersplitterte. »Geh mir aus den Augen, du kleines Miststück!«, kreischte ihre Mutter. »Ich habe dich nie gewollt, und jetzt hast du mein Baby getötet.«

KAPITEL 2

»Ich will sie nicht bei der Beerdigung dabeihaben«, fuhr Rose Talbot ihren Mann an.

Jim, der sich gerade die Schuhe putzte, blickte erschrocken auf. Er hatte damit gerechnet, dass Rose ihn vielleicht anschreien würde, weil er die Schuhe auf dem Tisch putzte, daher hatte er eine Zeitung darunter gelegt. Aber nicht einen Moment lang hatte er erwartet, dass sie keine zwei Stunden vor der Beerdigung etwas anderes finden würde, um sich aufzuregen.

»Warum?«, fragte Jim nervös. »Weil sie zu jung ist?« Seit Pamelas Tod hatte Rose ihn zunehmend nervös gemacht. Ihre Trauer verstand er - an den meisten Tagen wünschte er sich, er könne ebenfalls sterben und auf diese Weise den schrecklichen Schmerz abschütteln. Die Tatsache, dass sie bis zur Beerdigung zwei Wochen lang auf den Bericht eines Leichenbeschauers hatten warten müssen, hatte alles nur noch schlimmer gemacht und das Elend in die Länge gezogen, doch er verstand nicht, warum Rose Adele gegenüber einen so grimmigen Zorn an den Tag legte.

»Wenn du den Leuten erzählen willst, dass sie nicht dabei ist, weil sie noch zu jung ist, dann tu das«, gab Rose zurück und stolzierte mit vorgerecktem Kinn durch das Wohnzimmer. »Aber das ist nicht der wirkliche Grund. Ich will sie einfach nicht dabeihaben.«

»Hör mal«, begann Jim, weil er dachte, dass er stark sein und das Ganze im Keim ersticken müsse, bevor es außer Kontrolle geriet. »Pammy war ihre Schwester, deshalb sollte sie dort sein. Die Leute werden reden.«

Rose drehte sich um und bedachte ihn mit einem langen, kalten Blick. »Lass sie reden. Mir ist es egal«, erklärte sie trotzig.

Jim reagierte, wie er immer reagierte, wenn Rose schwierig war: Er ließ es dabei bewenden und putzte weiter seine Schuhe, bis sie glänzten wie Glas. Vielleicht sollte er stärker sein, aber er war sich nur allzu deutlich bewusst, dass Rose ihn nicht so liebte, wie er sie liebte, und er hatte Angst, ihr Missfallen zu erregen.

»Wenn es das ist, was du willst«, sagte er schwach, nachdem er eine Weile nachgedacht hatte.

Rose stürmte in ihr Schlafzimmer; wenn sie auch nur einen Augenblick länger in Jims Nähe blieb, fürchtete sie, auch mit ihren Gefühlen, was ihn betraf, herauszuplatzen. Sie riss sich wütend die Lockenwickler vom Kopf, und das, was sie sah, als sie nach ihrer Haarbürste griff und vor den Spiegel trat, fachte ihre Wut noch weiter an.

Alles an ihr war eingefallen, sowohl ihr Körper als auch ihr Gesicht. Vermutlich war sie in den Augen der meisten Menschen noch immer attraktiv, doch in ihren eigenen Augen war sie eine verwelkte Rose, die kurz davor stand, ihre Blütenblätter zu verlieren.

Sie legte die Hände auf beide Seiten ihres Gesichts und zog die Haut straff zurück. Sofort war ihr Kinn fester, die Linien um ihren Mund verschwanden, und Erinnerungen daran, wie sie früher einmal ausgesehen hatte, stiegen in ihr auf. Die Leute hatten sich den Kopf nach ihr verdreht, mit ihrer perfekten Figur, den vollen Lippen, dem schönen blonden Haar und der Porzellanhaut, und wenn sie eine gute Ehe mit einem wohlhabenden Mann eingegangen wäre, würde sie vielleicht noch immer so aussehen.

Aber das Schicksal hatte sich von Anfang an gegen sie verschworen. Alle geeigneten jungen Männer waren in den Krieg gezogen, als sie gerade einmal dreizehn Jahre alt gewesen war, und von den wenigen, die zurückgekommen waren, waren die meisten verlobt oder auf die gleiche Art und Weise beschädigt gewesen wie ihr Vater.

Dreißig war nicht allzu alt, doch es bestand jetzt keine Möglichkeit mehr, ihr Leben zu ändern, ebenso wenig wie sie ihre verblassende Schönheit festhalten konnte.

Sie hatte Jim aus Verzweiflung geheiratet, weil sie mit Adele schwanger gewesen war. Er war für sie eine vorübergehende Zuflucht gewesen, denn sie hatte geglaubt, nach der Geburt des Babys würde etwas Besseres auftauchen. Aber stattdessen war sie in einer Falle gelandet.

Es war bittere Ironie, dass sich ihre Einstellung zu ihrer Ehe für eine Weile geändert hatte, nachdem vier Jahre später Pamela gekommen war. Sie hatte sich nichts weniger gewünscht, als durch ein weiteres Kind belastet zu werden. Trotzdem hatte sie ihre kleine Tochter geliebt, seit sie sie das erste Mal im Arm gehalten hatte.

In einem dieser kitschigen Liebesromane, die sie als junges Mädchen mit solcher Begeisterung gelesen hatte, hätte sie in diesem Moment ihre wahre Liebe zu Jim entdecken müssen, aber das geschah im wirklichen Leben nicht. Sie schickte sich einfach darein, dass sie sich mit ihm abfinden musste. Doch solange sie Pamela gehabt hatte, die ihr so ähnlich war, hatte sie noch immer eine winzige Spur von Optimismus verspürt, dass hinter der nächsten Ecke etwas Gutes auf sie warte.

Aber ohne Pamela war alles sinnlos. Sie war wieder genau dort, wo sie angefangen hatte, mit Adele, dem Grund für ihr verpfuschtes Leben, und Jim, einem Mann, den sie nicht lieben, ja nicht einmal respektieren konnte.

Als Rose ins Zimmer kam, saß Adele auf ihrem Bett und versuchte, ihr einziges halbwegs anständiges Paar Socken zu flicken.

Wie hübsch sie aussieht!, dachte sie beim Eintritt ihrer Mutter und wollte schon eine Bemerkung diesbezüglich machen. Aber sie sagte nichts dergleichen, schließlich war dies kein passendes Kompliment für jemanden, der sich für eine Beerdigung angezogen hatte. Allerdings stand ihrer Mutter Schwarz sehr gut, und die Art, wie sich ihr blondes Haar um den kleinen schwarzen Schleierhut schmiegte, hatte etwas ausgesprochen Liebreizendes.

»Müssen wir schon gehen?«, fragte Adele stattdessen. »Ich bin gerade mit dieser Socke fertig geworden. Ich brauche sie nur noch anzuziehen.«

»Die Mühe kannst du dir sparen, du wirst nicht mitgehen«, erwiderte ihre Mutter scharf. »Kinder haben bei einer Beerdigung nichts zu suchen.«

Eine Welle der Erleichterung schlug über Adele zusammen. In den zwei Wochen seit Pamelas Tod hatte sie mit absolutem Grauen an die Beerdigung gedacht. Pamela hatte sich immer vor Friedhöfen gefürchtet, und Adele wusste, dass es ein unheimliches Gefühl sein würde zuzusehen, wie ihr Sarg in die Erde gesenkt wurde.

»Soll ich irgendetwas tun, während du mit Daddy fort bist?«, erbot sie sich. Sie wusste, dass es anschließend kein Essen irgendeiner Art geben würde, da weder ihre Mutter noch ihr Vater Verwandte erwarteten. Aber Adele hielt es für möglich, dass sie vielleicht einige Nachbarn mit nach Hause brachten.

Die Ohrfeige verblüffte sie mehr, als dass sie ihr wehtat. »Was habe ich denn gesagt?«, murmelte sie verwirrt.

»Dir ist das alles absolut gleichgültig, nicht wahr?«, schrie Rose. »Du kleines Miststück!«

»Es ist mir nicht gleichgültig. Ich habe sie genauso geliebt wie du«, gab Adele entrüstet zurück und begann zu weinen.

»Niemand hat sie so geliebt wie ich.« Rose beugte sich vor, sodass ihr Gesicht unmittelbar vor dem ihrer Tochter war, und ihre Augen waren so eisig wie das Wetter draußen. »Niemand! Bei Gott, ich wünschte, du wärst an ihrer Stelle gestorben. Seit du auf der Welt bist, bist du ein Stachel in meinem Fleisch.«

Ihre Mum musste wahnsinnig geworden sein, dass sie so etwas Schreckliches sagte - anders konnte es für Adele nicht sein. Aber so sehr Roses Bemerkung sie erschreckt hatte, konnte sie ihre Worte nicht hinnehmen, ohne sich zur Wehr zu setzen. »Warum hast du mich dann überhaupt bekommen?«, gab sie zurück.

»Gott weiß, dass ich mir alle Mühe gegeben habe, dich loszuwerden«, fauchte ihre Mutter, und ihre Augen glitzerten hasserfüllt. »Ich hätte dich irgendeinem wildfremden Menschen auf die Schwelle legen sollen.«

In diesem Moment wurde die Tür aufgerissen, und Jim kam herein. »Was ist hier los?«, wollte er wissen.

»Nur ein paar Wahrheiten, die längst fällig waren«, erwiderte Rose, während sie aus dem Raum stolzierte. Jim folgte ihr.

Adele saß lange Zeit wie betäubt auf ihrem Bett. Sie wollte glauben, dass ihre Mutter nach dem Verlust Pamelas lediglich an irgendeiner Art von Krankheit litt und ihre Worte nicht wirklich ernst gemeint hatte. Trotzdem sagten die Menschen solche Dinge nicht, nicht einmal im größten Schmerz, es sei denn, sie entsprachen der Wahrheit.

Adele saß noch immer so reglos wie eine Statue da, als sie hörte, dass ihre Eltern zu der Beerdigung aufbrachen. Sie verabschiedeten sich nicht von ihr, sondern gingen wortlos fort, als wäre sie ein Nichts. Adeles Zimmer lag im hinteren Teil des Hauses, sodass sie von dort aus keinen Blick auf die Straße hatte. Sie wartete, bis Jim und Rose den untersten Treppenabsatz erreicht hatten, ging ins Schlafzimmer ihrer Eltern, zog die geschlossenen Vorhänge einen Spaltbreit zurück und sah den Leichenwagen, der unten wartete.

Niemand in der Charlton Street besaß ein Auto, sodass es ein echtes Ereignis war, wenn eins in der Straße hielt, und alle Jungen kamen herbeigeeilt, um es zu betrachten, während die Erwachsenen darüber diskutierten, wem der Wagen gehören mochte und aus welchem Grund er in ihrem Viertel aufgetaucht war.

Leichenwagen riefen jedoch eine andere Art von Reaktion hervor, und das Verhalten der Menschen an diesem Tag war charakteristisch. Die Nachbarn, die an der Beerdigung teilnehmen würden, hatten sich zu einer kleinen Gruppe zusammengefunden und waren in ihren ordentlichen schwarzen Kleidern kaum zu erkennen.

Weiter unten in der Straße verfolgten die Frauen von ihren Haustüren aus das Geschehen. Die Männer, die vorbeikamen, nahmen ihre Hüte ab. Alle Kinder, die nicht in der Schule waren, hatte man entweder ins Haus gebracht oder veranlasst, in ehrfürchtigem Schweigen stillzustehen.

Während es tröstlich für Adele war zu denken, dass man ihrer Schwester den gleichen Respekt zollte wie einem Erwachsenen, war ihr die Vorstellung, dass Pamela in dem glänzenden Sarg lag, unerträglich. Pammy war stets so aus sich herausgegangen, war lebhaft und so redselig gewesen! Es gab kaum ein Haus in der Straße, das sie nicht irgendwann einmal betreten hatte - sie war neugierig gewesen, witzig und so liebenswert, dass selbst die verknöchertsten alten Leute ihrem Charme erlegen waren.

Trotzdem gab es nicht allzu viele Blumen. Die Nachbarn hatten zusammengelegt, um einen Kranz zu kaufen; Adele hatte ihn gesehen, als er am Morgen gebracht worden war. Es war nur ein kleiner Kranz, weil niemand viel Geld erübrigen konnte, und da Blumen im Januar rar waren, hatte der Kranz überwiegend aus immergrünen Pflanzen bestanden. Das Gesteck der Lehrer von Pamelas Schule war größer, wie ein gelbes Kissen, und Mrs. Belling, die Klavierlehrerin, hatte einen sehr hübschen Strauß geschickt.

Auch der Kranz von Mum und Dad war klein, doch zumindest hatten darin einige rosafarbene Rosen gesteckt. Er war sehr schön, und Adele hatte das Gefühl, dass er Pamela gefallen hätte.

Kurze Zeit später sah sie ihre Eltern, die jetzt hinter den Leichenwagen traten, und Mr. und Mrs. Patterson aus dem Erdgeschoss bedeuteten den anderen Nachbarn, sich ihnen anzuschließen.

Dann setzte der Leichenwagen sich langsam in Bewegung und kroch förmlich die Straße hinauf zur Kirche, während die Menschen, die ihm folgten, die Köpfe gesenkt hielten.

Dann gab es nichts mehr zu sehen, und Adele blieb nichts anderes übrig, als abermals über die schrecklichen Worte nachzudenken, die kurz zuvor gefallen waren, und sie begann von Neuem zu weinen. Hatte ihre Mutter wirklich in Betracht gezogen, sie auf einer Türschwelle auszusetzen? Aber gewiss liebten doch alle Mütter ihre Kinder?

Zwei Monate später, im März, trottete Adele müde von der Schule nach Hause. Jeder einzelne Tag seit Pamelas Tod war die pure Qual gewesen, aber als sie heute Netzball gespielt hatten, hatte Miss Swift, ihre Lehrerin, sie vor der ganzen Klasse gefragt, wie sie zu den Striemen auf ihren Beinen gekommen sei.

Adele hatte das Erste gesagt, was ihr eingefallen war: »Ich weiß es nicht.«

»Das ist ja lächerlich«, hatte Miss Swift erwidert, aber ihr wissender Blick hatte verraten, dass sie eine sehr genaue Vorstellung davon hatte, woher diese Striemen stammten.

In Wahrheit hatte Rose sie am Morgen des vergangenen Samstags mit dem Schüreisen geschlagen. Sie hatte danach gegriffen, als Adele vor dem Kamin gehockt hatte, um ein Feuer zu entfachen, und auf sie eingeschlagen, weil ihr Asche auf den Teppich gefallen war. An diesem Tag war Adele kaum in der Lage gewesen zu gehen. Aber am Montagmorgen war der Schmerz einigermaßen erträglich gewesen, und glücklicherweise war ihr Turnkleid lang genug, um die Striemen zu verbergen. Allerdings hatte sie nicht daran gedacht, dass man es zum Netzball auszog und in kurzen Hosen spielte.

Wenn Adele allein gewesen wäre, als Miss Swift sie nach ihren Verletzungen gefragt hatte, hätte sie der Lehrerin vielleicht die Wahrheit anvertrauen können, doch in Gegenwart all der anderen Mädchen war ihr das unmöglich gewesen. Viele von ihnen wohnten ebenfalls in der Charlton Street, und Adele wollte nicht, dass sie alle nach Hause liefen und ihren Müttern erzählten, Rose Talbot sei verrückt geworden.

Das war keine Übertreibung, das wusste Adele, weil ihr Vater genau das in letzter Zeit unzählige Male gesagt hatte. Rose hatte nicht nur sie geschlagen, sie schlug auch Jim, wenn sie betrunken war. Sie trank inzwischen ständig, und alles um sie herum brach auseinander. Sie kochte nicht mehr, kaufte keine Lebensmittel ein, hielt die Wohnung nicht mehr sauber und besorgte auch keine Wäsche mehr. Sie war nie da, wenn Adele zum Abendessen nach Hause kam, und wenn das Kind nachmittags von der Schule heimkehrte, schlief sie meist ihren Rausch aus.

Adele übernahm das Putzen, und ihr Vater schickte sie, wenn er von der Arbeit kam, für gewöhnlich aus dem Haus, um Fish and Chips zu kaufen. Wenn er sich darüber beklagte, dass es nichts zu essen gab, begann ihre Mutter entweder zu weinen, oder sie wurde bösartig, und häufig lief sie dann aus der Wohnung und ging in den Pub, und Jim folgte ihr, um sie wieder nach Hause zu holen.

Es war alles so schrecklich. Adele war mit den düsteren, wortlosen Launen ihrer Mutter aufgewachsen - sie waren ebenso sehr ein Teil ihres Lebens wie die Schule oder ihre Ausflüge in die öffentlichen Bäder, wo sie im Waschsalon die Wäsche wusch. Aber Rose war nicht länger schweigsam, sie schrie und fluchte, und häufig warf sie mit irgendwelchen Dingen um sich, und Jim war bald genauso schlimm.

Er war immer ein so stiller Mann gewesen, und wenn Rose ihn hatte beleidigen wollen, hatte sie ihn gern als Schwächling bezeichnet. Aber jetzt reizte Rose ihn bis aufs Blut und schalt ihn dumm und gewöhnlich, woraufhin er beinahe genauso boshaft wurde wie sie. Erst vor einigen Tagen hatte er mit einem Plätteisen nach ihr geschlagen.

Adele wusste sehr gut, dass ihr Vater ein wenig langsam war, er konnte nur die einfachsten Worte lesen, und man musste ihm alles sehr genau erklären, bevor er es verstand. Aber er konnte recht ordentlich rechnen, und er wurde zunehmend wütend über die Menge an Geld, die Rose für Alkohol ausgab. Adele hatte gehört, wie er ihrer Mutter erklärt hatte, dass sein Lohn gekürzt worden sei, weil sein Boss nicht mehr genug Aufträge hatte. »Ich werde meine Arbeit vielleicht ganz verlieren«, sagte er immer wieder, aber nicht einmal diese Drohung drang zu Rose durch.

Als Adele das Haus betrat, öffnete Mrs. Patterson ihre Tür, und ihr finsterer Blick und die Art, wie sie die Hände in die Hüften stemmte, ließen keinen Zweifel daran, dass sie wütend war.

»Deine Mum hat sich wieder mal danebenbenommen«, platzte sie heraus. »Ich kann das nicht mehr lange ertragen, ganz gleich, wie leid mir die Sache mit deiner Schwester tut.«

Mrs. Patterson war eine nette Frau. Sie hatte drei eigene Kinder, aber sie war stets ausgesprochen freundlich sowohl zu Adele als auch zu Pamela gewesen, und in der Vergangenheit hatte sie sie häufig zum Tee eingeladen, wenn ihre Mutter anderweitig Besorgungen hatte erledigen müssen. Sie war eine kleine, drahtige Frau mit pechschwarzem Haar, das sie sich wie eine Krone um den Kopf flocht. Adele und Pamela hatten sich oft gefragt, wie lang ihr Haar wohl sein mochte, wenn sie es offen ließ. Pamela war davon überzeugt gewesen, dass es ihr bis zu den Füßen reichen musste.

»Was hat sie getan?«

»Sie hat durchs Treppenhaus Ida Manning angeschrien.« Mrs. Patterson verdrehte die Augen und blickte zu der Wohnung über ihnen hinauf. »Angeblich hat Ida eine Tüte mit Lebensmitteln gestohlen, die sie im Flur hat stehen lassen. Deine Mum ist niemals auch nur in die Nähe eines Lebensmittelladens gekommen; der einzige Laden, in dem sie einkauft, ist der Schnapsladen.«

»Das tut mir leid«, antwortete Adele schwach. Sie wusste, dass Mrs. Patterson mit ihrer Weisheit am Ende sein musste, wenn sie sich bei ihr beschwerte. Normalerweise war sie immer so freundlich. Aber Adele wagte es nicht, länger stehen zu bleiben und mit ihr zu reden, denn ihre Mutter würde ihr bei lebendigem Leib die Haut abziehen, wenn sie sie dabei erwischte, wie sie mit den Nachbarn über sie sprach.

»›Tut mir leid‹ reicht nicht mehr. Das ist auch alles, was ich von deinem Dad noch zu hören bekomme«, entgegnete Mrs. Patterson und hob drohend den Zeigefinger. »Dieses Haus ist voller Kinder. Wir wollen keine Trunkenbolde hier haben, die Tag und Nacht herumschreien. Wir haben nach Pamelas Tod alle versucht, ihr zu helfen, doch bisher hat deine Mutter nur jeden vor den Kopf gestoßen, der ihr die Hand reichen wollte.«

»Ich kann nichts tun«, murmelte Adele und begann zu weinen. Sie glaubte, es nicht länger ertragen zu können. Ihr graute es davor, nach Hause zu gehen.

»Ach, Kind, weine nicht«, seufzte Mrs. Patterson, und die Härte, die zuvor in ihrer Stimme gelegen hatte, verschwand. Sie ging auf Adele zu und tätschelte ihr die Schulter. »Du bist ein braves Mädchen, du hast all das nicht verdient. Aber du musst mit deinem Dad reden. Wenn er nicht bald dafür sorgt, dass das aufhört, wird man euch alle aus dem Haus werfen.«

Adele war allein im Wohnzimmer, als ihr Vater später am Abend von der Arbeit zurückkam. »Wo ist sie?«, wollte er wissen.

»Sie ist vor ungefähr einer halben Stunde weggegangen«, berichtete Adele und begann abermals zu weinen. Als sie von der Schule nach Hause gekommen war, hatte ihre Mutter im Bett gelegen, und sie hatte sie für eine Weile in Ruhe gelassen. Später hatte sie ihr dann eine Tasse Tee ins Schlafzimmer gebracht und einen Schlag ins Gesicht bekommen, als sie sich erkundigt hatte, was es zum Essen gebe. »Es gibt nichts zu essen, aber vielleicht ist sie ja weggegangen, um etwas einzukaufen«, fügte sie hinzu.

Jim stieß einen tiefen Seufzer aus und ließ sich, ohne den Mantel auszuziehen, in einen Sessel sinken. »Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll«, bekannte er hilflos. »Du machst die Sache auch nicht besser, du regst sie nur auf.«

»Ich tue nichts, und ich spreche nicht einmal mit ihr«, gab Adele entrüstet zurück. »Es ist allein ihre Schuld.«

Sie hatte solchen Hunger, dass ihr übel war, und im Schrank lag nicht einmal ein Stück Brot. Obwohl sie sich inzwischen daran gewöhnt hatte, dass ihr Vater ihr die Schuld an allem gab, war sie diesmal nicht bereit, es zu akzeptieren.

Wütend erzählte sie ihm von dem Gespräch mit Mrs. Patterson. »Kannst du denn gar nichts tun, Dad?«, fragte sie flehentlich.

Sie hatte eine Ohrfeige erwartet, doch zu ihrer Überraschung blickte Jim lediglich bekümmert drein. »Sie hört nicht auf mich, egal, was ich auch sage«, gestand er und schüttelte langsam den Kopf. »Sie benimmt sich, als wäre ich der Grund für ihre Probleme.«

Das Ausmaß des Schmerzes und des Kummers in seiner Stimme erschütterte Adele. Er war nie wie die Väter in ihren Büchern gewesen, er benahm sich nicht wie das Familienoberhaupt, und meistens schlich er durch die Wohnung, als wäre er bloß ein Untermieter. Er redete nicht viel, zeigte nur selten seine Gefühle, und Adele wusste herzlich wenig über ihn, da er sie die meiste Zeit nicht einmal beachtete. Aber nach dem, was sie von anderen Männern wusste, war Jim Talbot kein schlechter Vater. Er mochte ungeschliffen sein und ein wenig langsam im Kopf, doch er gab nicht viel Geld für Schnaps oder Glücksspiele aus, und er ging jeden Tag zur Arbeit.

Aber Pamelas Tod und das riesige Loch, das sie in der Familie hinterlassen hatte, hatte Adeles Aufmerksamkeit mehr als je zuvor auf ihren Vater gelenkt. Die boshaften Bemerkungen, die ihre Mutter über ihn fallen ließ, wollte sie nicht wahrhaben, auch wenn die meisten dieser Dinge zutrafen. Es war schließlich nicht seine Schuld, dass er nicht einmal die einfachsten Probleme lösen konnte. Tatsächlich war er wie ein großes, starkes Kind, und daher verband sie ein gewisses Mitgefühl mit ihm, denn sie wusste, wie es war, ständig verspottet zu werden.

»Wie kannst du der Grund für ihre Probleme sein?«, protestierte sie.

»Keine Ahnung«, erwiderte er schulterzuckend. »Ich habe immer alles getan, was sie wollte. Aber sie ist tiefgründiger als die Themse. Ich weiß nicht, was in ihrem Kopf vorgeht.«

Als Rose gegen neun Uhr endlich nach Hause kam, lag Adele bereits im Bett. Sie und ihr Vater hatten sich zum Abendessen lediglich eine Tüte Pommes frites geteilt, da Jim kein Geld mehr übrig hatte. Adele hatte noch immer großen Hunger, und sie wusste, dass es ihrem Vater nicht besser gehen konnte. Das Bett war eine Möglichkeit, ihren Hunger zu vergessen und gleichzeitig dem Streit aus dem Weg zu gehen, den ihre Mutter unweigerlich vom Zaun brechen würde.

Wie erwartet begann die Auseinandersetzung, sobald Rose durch die Tür getreten war. Jim sagte etwas darüber, dass eine Tüte Pommes nicht genug für einen Mann sei, der zehn Stunden am Tag arbeitete. Und schon lagen sie sich wieder in den Haaren, dass die Fetzen flogen - Dad fluchend und kopflos, Mum höhnisch, weil er seine Zuflucht zu solchen Mitteln nehmen musste.

Eine Zeit lang nahm Adele kaum wahr, was gesprochen wurde; die meisten Dinge hatte sie schon unzählige Male gehört. Rose behauptete, für etwas Besseres bestimmt zu sein als ein Leben in Euston, und Jim antwortete hitzig, sein Möglichstes für sie zu tun.

Dann hörte Adele Jim plötzlich etwas sagen, bei dem sie unweigerlich die Ohren spitzte. »Ohne mich wärst du in dem verdammten Arbeitshaus gelandet.«

Mit einer Mischung aus Erschrecken und Überraschung richtete sich Adele plötzlich auf.

»Warum sonst hätte ich dich heiraten sollen?«, fuhr Rose ihn an. »Glaubst du, ich hätte jemanden wie dich auch nur in meine Nähe gelassen, wenn ich nicht verzweifelt gewesen wäre?«

Die Grausamkeit ihrer Mutter verschlug Adele den Atem.

»Aber ich habe dich geliebt«, erwiderte Jim, und seine Stimme brach beinahe, so verletzt war er.

»Wie kannst du jemanden lieben, den du gar nicht kennst?«, gab Rose zurück. »Du hast mir nie erlaubt, dir zu erzählen, wie es war, du wolltest mich einfach nur besitzen.«

»Ich habe damals nur getan, was recht und gut war«, sagte Jim entrüstet, und jetzt klang es so, als weinte er. »Du brauchtest einen Mann an deiner Seite, als das Baby unterwegs war.«

»Du nennst dich einen Mann?« Rose schnaubte verächtlich. »Ich hätte dich keines zweiten Blickes gewürdigt, wenn ich damals nicht schwanger gewesen wäre, und das hast du immer gewusst. Erzähl mir nicht, dir sei es um das Kind gegangen, du wolltest mich lediglich in dein Bett bekommen.«

Es folgte ein scharfes, klatschendes Geräusch, und Adele wusste, er hatte Rose geschlagen.

»Du verdammtes Miststück«, fuhr er sie an. »Wenn ich dir nicht geholfen hätte, wäre Adele ein Bastard gewesen und in irgendeinem Findlingsheim gelandet.«

Adele war so entsetzt, dass sie sich das Kissen über den Kopf zog, damit sie nichts mehr hören musste.

Babys wuchsen im Bauch einer Frau, ihre Ehemänner hatten sie dort hingelegt, das wusste Adele. Aber wenn sie nicht von Jim in Roses Bauch gelegt worden war, ließ das nur den Schluss zu, dass ihre Mutter eine Prostituierte gewesen war!

Adele war mit dem Wort »Prostituierte« oder seiner gebräuchlicheren Version »Prossie« aufgewachsen, weil es in King's Cross und Euston so viele davon gab. Trotzdem war sie bereits zehn Jahre alt gewesen, als sie herausgefunden hatte, was genau diese Frauen taten. Ein älteres Mädchen in der Schule hatte ihr erklärt, dass sie Geld dafür bekamen, Männer etwas zu gewähren, das Babys entstehen ließ. Das Mädchen hatte gesagt, Männer seien ganz verrückt darauf, Babys zu machen, aber da ihre Frauen keine Unmengen von Kindern wollten, gingen sie stattdessen zu Prostituierten.

Adele hatte sich immer gefragt, wo all die Babys blieben, da sie niemals eine dieser Frauen mit einem Kinderwagen sah. Jetzt konnte sie den Worten ihres Dads nur entnehmen, dass sie alle ins Findlingsheim kamen. Und er hatte Mum geheiratet, damit ihr, Adele, dieses Schicksal erspart blieb.

Sie war sich nicht sicher, ob sie sich glücklich schätzen sollte, diesem Schicksal entronnen zu sein, oder nicht. Da ihre Mutter behauptete, sie, Adele, habe ihr Leben zerstört, bedeutete das vielleicht, dass es ihr gefallen hatte, eine Prostituierte zu sein?

Jetzt waren ihre Eltern anscheinend ins Schlafzimmer gegangen, denn obwohl sie einander immer noch anschrien, konnte Adele nicht mehr verstehen, was sie sagten. Aber sie konnte die Mannings im Stockwerk unter ihnen mit einem Besenstiel an die Decke klopfen hören, weil die beiden so lärmten.

Dann kam plötzlich ein gewaltiger Knall aus der Küche. Es klang, als hätte einer der beiden sämtliche Töpfe gleichzeitig aus dem Regal geschleudert. Und über dem ganzen Getöse schrie Mum sich die Seele aus dem Leib.

Adele sprang instinktiv aus dem Bett und rannte ins Wohnzimmer. Aber statt mit ansehen zu müssen, dass Jim Rose schlug, wie sie erwartet hatte, kauerte ihr Vater in der Tür des Schlafzimmers, und Blut strömte ihm übers Gesicht. Die Töpfe waren offenkundig Roses Werk - sie lagen allesamt zusammen mit einigen Tellern auf dem Boden verteilt, und Rose hatte ein Tranchiermesser in der Hand.

Dies war etwas ganz anderes als die üblichen Streitereien, das wusste Adele sofort. Sie konnte Jims Angst sehen und echte Gefahr in der Luft spüren. Rose schrie noch immer wie eine Wahnsinnige, bebte vor Zorn und hatte bereits ausgeholt, um abermals auf Jim einzustechen.

»Hör auf!«, rief Adele.

Beim Klang ihrer Stimme fuhr Rose herum, und ihr Gesichtsausdruck war absolut beängstigend. Die Augen glänzten unnatürlich wie im Fieber, ihre Lippen waren erschlafft, und ihre Wangen hatten eine seltsam purpurne Färbung angenommen.

»Ich soll aufhören?«, schrie sie zurück und hob das Messer, als wollte sie auf jeden einstechen, der ihr in die Nähe kam. »Ich habe noch nicht einmal angefangen.«

»Irgendjemand wird die Polizei rufen«, flehte Adele angstvoll. »Man wird uns hinauswerfen.« Sie fragte sich, ob sie es wagen konnte, zur Tür zu rennen und die Wohnung zu verlassen.

»Glaubst du, das kümmert mich?«, fauchte Rose sie mit bebenden Nasenflügeln an. »Ich hasse diese Wohnung, ich hasse London, und ich hasse euch beide.«

Adele hatte ihre Mutter ungezählte Male wütend gesehen, und im Allgemeinen endeten solche Anfälle damit, dass sie sich plötzlich auf einen Stuhl warf und jämmerlich zu schluchzen begann. Aber diesmal war es anders; sie wirkte wild und grimmig entschlossen, beinahe so, als wäre sie von einem bösen Geist besessen. Adele war starr vor Entsetzen, denn ihr Instinkt sagte ihr, dass ihre Mutter wirklich gefährlich war.

»Du hast meine Pammy getötet«, schrie Rose mit zur Grimasse verzerrtem Gesicht ihren Zorn heraus. Die Schultern seltsam vorgebeugt, machte sie einen Satz auf Adele zu, das Tranchiermesser zum Angriff erhoben. »Sie war das Einzige, was ich geliebt habe, und du hast sie getötet.«

Adele war starr vor Angst. Sie wusste, sie musste weglaufen, wenn nicht nach unten, so doch zumindest zurück in ihr eigenes Zimmer, aber sie konnte nur das Glitzern des Messers sehen und die wie im Wahnsinn glänzenden Augen ihrer Mutter, und sie weinte, machte sich vor Schreck in die Hose.

»Du schmutziges kleines Miststück!«, kreischte Rose, packte mit einer Hand Adeles Haar und hob mit der anderen das Messer, um es ihr in den Leib zu rammen.

»Nein, Rose«, rief Jim und umklammerte von hinten ihr Handgelenk.

»Lass mich los«, befahl Rose, aber Jim schüttelte ihr Handgelenk so heftig, dass das Messer in ihren Fingern, das nur wenige Zentimeter von Adeles Wange entfernt war, zu zittern begann, obwohl Rose das Haar des Kindes noch immer mit festem Griff umfangen hielt.

Adele war davon überzeugt, dem Tod nahe zu sein. Sie konnte nicht fliehen, der Atem ihrer Mutter war heiß und übel riechend, und ihre Augen waren wild und irr. Sie schrie auf und versuchte gleichzeitig, Rose von sich zu stoßen. Im nächsten Moment spürte sie das Messer auf ihrer Wange, bevor es klirrend zu Boden fiel.

Jim rang mit Rose und versuchte verzweifelt, sie von Adele wegzuzerren, und als es ihm endlich gelang, riss Rose Adele mit letzter Kraft ein Büschel Haare aus.

»Verdammt noch mal, mach, dass du wegkommst«, brüllte Jim, der Rose die Arme hinter dem Rücken festhielt.

Adele versuchte, sich zu bewegen, aber sie stand mit dem Rücken zur Wand, und dann stieß ihre Mutter ihr plötzlich ein Knie in den Bauch. Als es Jim endlich gelang, Rose zu bändigen, fiel Adele zu Boden und krümmte sich vor Schmerz.

»Du hast mein Leben verpfuscht«, hörte sie ihre Mutter wie aus weiter Ferne schreien. »Wenn du nicht wärst, hätte ich ein gutes Leben haben können. Dein Vater war ein verlogener Bastard, und ich musste über elf Jahre mit deinem hässlichen Gesicht vor Augen leben, das mich jeden Tag aufs Neue an ihn erinnert hat.«

Jim versuchte noch immer, Rose von Adele wegzuzerren, als die Wohnungstür aufgerissen wurde und Stan Manning und Alf Patterson hereinkamen, seine beiden Nachbarn.

»Sie ist vollkommen wahnsinnig geworden«, rief Jim und versuchte, Rose festzuhalten, die sich spuckend und kratzend gegen ihn wehrte und wüste Beschimpfungen ausstieß. »Sie wollte das Kind umbringen. Helft mir, und dann muss einer von euch einen Arzt rufen.«

KAPITEL 3

Alf Patterson blieb nur gerade lange genug, um Jim und Stan zu helfen, Rose zu bändigen. Sie zwangen sie auf einen Stuhl, banden ihr die Hände hinter dem Rücken mit einem Schal zusammen und fesselten sie mit einem Lederriemen auf dem Stuhl. Dann lief Alf die Straße hinauf zum Haus des Arztes.

Alf war klein und untersetzt, und er hatte trotz seiner dreiunddreißig Jahre einen Bierbauch und eine beginnende Glatze, aber er war ein glücklicher Mensch. Er liebte seinen Job bei der Eisenbahn, er hatte ein anständiges Zuhause und die beste Frau und die besten Kinder, die ein Mann sich wünschen konnte.

Annie und er waren als frischgebackene Eheleute vor etwa acht Jahren in die Charlton Street Nummer siebenundvierzig eingezogen, und kurz darauf hatten die Talbots die Oberwohnung gemietet. Die beiden Paare waren nie das gewesen, was Alf Freunde genannt hätte. Jim und er luden einander auf einen Drink ein, wenn sie sich im Pub trafen, und Rose trank gelegentlich mit Annie eine Tasse Tee, aber das war alles - das Einzige, was sie gemeinsam hatten, waren ihre Kinder. Alfs Ältester, Tommy, war nur ein Jahr jünger als Pamela, und Adele hatte beide Kinder morgens zur Schule gebracht. Das war ihre Aufgabe gewesen, seit die beiden in den Kindergarten gingen und sie selbst noch die Grundschule nebenan besuchte.

Annie hatte Rose immer ziemlich eigenartig gefunden. Sie konnte an einem Tag herablassend oder boshaft sein und war am nächsten die Liebenswürdigkeit in Person, vor allem wenn sie etwas wollte. Wäre Adele nicht gewesen, für die Annie eine Schwäche hatte, hätte sie sich mit ihrer Mutter niemals abgegeben. Aber als Pamela ums Leben gekommen war, trafen Annies Bemühungen, zu trösten und zu helfen, nur auf eisige Abwehr. Sie machte sich Sorgen, weil Rose ständig betrunken war; sie hatte auch die Vermutung geäußert, dass Adele misshandelt würde, und Alf inständig gebeten, ein Wort mit Jim zu reden.

Annie sieht Gespenster, hatte Alf gedacht, schon bald wird Gras über die ganze Angelegenheit gewachsen sein. Aber im Lichte dessen, was er soeben mit angesehen hatte, waren Annies Sorgen offenkundig begründet. Rose Talbot war verrückt und gefährlich.

Als er die Ecke der Straße erreichte, in der Dr. Biggs lebte, hämmerte Alf laut an die Tür. Wenige Sekunden später stand der Arzt vor ihm, der bereits seinen Schlafanzug und einen roten Morgenmantel trug.

Er war ein kleiner, fast kahlköpfiger Mann, der für sein freundliches Wesen ebenso bekannt war wie für seine medizinischen Fähigkeiten. »Tut mir leid, Sie zu stören, Doc«, stieß Alf keuchend hervor. »Es geht um Rose Talbot aus der Wohnung über uns. Sie ist verrückt geworden. Sie hat Jim angegriffen und ist dann mit einem Messer auf ihr Kind losgegangen. Ich und Jim mussten sie fesseln, so außer sich war sie.«

Dr. Biggs brauchte ein oder zwei Sekunden, um zu begreifen, von wem Alf Patterson sprach. Dann fiel ihm wieder ein, dass die Talbots die Eltern waren, deren Kind vor einer Weile überfahren worden war. »Einen Moment, ich komme sofort mit Ihnen«, sagte er. »Geben Sie mir nur Zeit, mir etwas anzuziehen und meine Tasche zu holen.«

»Haben Sie irgendeine Ahnung, was Mrs. Talbots Verhalten ausgelöst haben könnte?«, fragte der Arzt, als sie wenige Minuten später gemeinsam in Richtung der Charlton Street eilten. Er kannte Alf und Annie Patterson gut, da er bei der Entbindung sämtlicher drei Kinder geholfen hatte. Außerdem hatte Annie ihm, bevor die beiden Jüngeren gekommen waren, die Praxis sauber gehalten.

»Keinen blassen Schimmer«, antwortete Alf. »Natürlich ist sie nicht mehr ganz bei Sinnen gewesen, seit ihre jüngere Tochter totgefahren worden ist. Wir haben viele Streitereien von oben mitbekommen. Aber Jim hat gesagt, sonst sei nichts passiert.«

Dr. Biggs kannte die Talbots kaum, doch er hatte Rose gleich nach der Beerdigung aufgesucht, um festzustellen, wie sie mit der Tragödie fertig wurde. Rose hatte ihn an der Tür abgefertigt und erklärt, es gehe ihr gut. Sie hatte allerdings nicht gut ausgesehen, sondern eher zu Tode erschöpft mit dunklen Schatten unter den Augen. Deshalb hatte er ihr nahegelegt, ihn in der Praxis aufzusuchen, aber sie war nicht gekommen. Er hatte sich den Talbots kaum aufdrängen können, indem er ihnen unaufgefordert einen weiteren Besuch abstattete.

Inzwischen hatte sich vor dem Haus Nummer siebenundvierzig eine ganze Gruppe von Menschen versammelt, die allesamt zu dem Licht im Fenster des obersten Geschosses aufblickten und auf die schrillen Schreie lauschten, die aus dem Raum kamen.

»Geht nach Hause, ihr alle«, forderte Dr. Biggs energisch. »Es gibt nichts zu sehen.«

»Was uns Sorgen macht, ist das, was wir hören, Doc«, gab einer der Männer zurück. »Es klingt so, als müsste sie eingesperrt werden.«

Dr. Biggs antwortete nicht, sondern ging ins Haus, wo er Annie Patterson kurz zunickte, die zusammen mit einer anderen Frau ängstlich am unteren Ende der Treppe stand. Der Lärm von oben war im Haus selbst viel lauter als draußen, und außer den Schreien konnte man noch hören, dass etwas Schweres über den Boden geschleift wurde.

»Sie bleiben hier bei Ihrer Frau«, wandte sich Biggs an Alf. »Ich werde Sie rufen, falls ich weitere Hilfe benötigen sollte.«

Die Szene, die Dr. Biggs beim Betreten der Wohnung vorfand, war zutiefst beängstigend. Rose war mit einem Lederriemen an einen Stuhl gefesselt worden, und die Augen traten ihr beinahe aus den Höhlen. Sie wiegte sich hin und her und bewegte den Stuhl scharrend über den Fußboden, während sie ihrem Mann Schmähungen entgegenschleuderte und sich verzweifelt bemühte, sich zu befreien. Jim Talbot versuchte vergeblich, sie zu besänftigen, und sein Gesicht war blutverschmiert.

Ein anderer Mann, den der Arzt nicht kannte, bei dem es sich aber offenkundig um einen weiteren Nachbarn handelte, kniete neben der Tochter und wischte ihr Blut vom Gesicht. Das Mädchen trug ein Nachthemd, und der Arzt konnte auf den ersten Blick sehen, dass es feucht von Urin und voller Blutspritzer war. Der gesamte Fußboden des Wohnzimmers war übersät von Töpfen, Pfannen und zerbrochenem Porzellan.

Dr. Biggs begriff sofort, dass dies kein gewöhnlicher häuslicher Zwischenfall war. Rose würde sich nicht bei einer Tasse Tee und einem freundlichen Gespräch beruhigen lassen. Tatsächlich vermutete er, dass sowohl ihr Mann als auch ihre Tochter in Gefahr waren, wenn sie hierblieb. Er hatte nur die eine Möglichkeit, die Frau sofort ruhigzustellen und in eine Nervenklinik einweisen zu lassen, bevor sie anderen oder sich selbst weiteren Schaden zufügen konnte.

»Nun, worum geht es hier, Mrs. Talbot?«, fragte er besänftigend, als er auf sie zutrat.

»Zum Teufel mit Ihnen«, schrie sie ihn an, und ihre Augen glänzten noch immer wie im Wahn. Trotz der Bemühungen ihres Mannes, sie festzuhalten, schaukelte sie immer heftiger mit dem Stuhl. »Verschwindet aus meiner Wohnung, ihr alle!«

Es folgte eine Reihe von Obszönitäten, und ihre Stimme klang so schrill und wahnsinnig, dass der Arzt zusammenzuckte.

»Warum ist sie bloß so geworden?«, fragte Jim jämmerlich. »Ich hab ihr nie was getan.«

»Der Tod Ihrer Tochter scheint zu einem Nervenzusammenbruch geführt zu haben«, erklärte Dr. Biggs energisch, dann öffnete er seine Tasche und holte eine Phiole mit einem Betäubungsmittel und eine Spritze hervor. »Hat sie sich schon früher eigenartig benommen?«, fragte er, während er die Spritze aufzog.

Jim nickte. »Sie ist schon seit Wochen seltsam. Nichts, was ich gesagt habe, war ihr recht. Sie hat getrunken und randaliert.«

Falls Jim die Absicht gehabt hatte, dem noch etwas hinzuzufügen, machte Rose seinen Erklärungsversuchen ein jähes Ende. »Du verfluchter Bastard, du schleimiger, nichtsnutziger Wurm«, schrie sie aus Leibeskräften. »Ohne dich wäre ich nicht in diesem Zustand.«

»Ich bitte Sie, Mrs. Talbot«, meinte Dr. Biggs ruhig, die aufgezogene Spritze in der Hand. »Sie sind einfach überreizt, und ich werde Ihnen jetzt etwas geben, um Sie zu beruhigen.« Er drehte sich zu dem Nachbarn um, der sich um das Mädchen gekümmert hatte und der jetzt mit erschrockener Miene dastand. »Wenn Sie Jim bitte helfen würden, sie festzuhalten.«

Rose wand und krümmte sich mit ungeheurer Kraft auf ihrem Stuhl, aber Jim und Stan gelang es, sie so lange festzuhalten, bis der Arzt ihr die Spritze verabreicht hatte.

»Es wird nur ein paar Sekunden dauern, bevor das Medikament wirkt«, erklärte der Arzt, als er die Nadel aus ihrem Arm zog. »Ich werde gleich hinausgehen und schnell mit dem Hospital telefonieren, damit sie dort alles Notwendige vorbereiten, aber zuerst werde ich mich um das Kind kümmern.«

»Bastard!«, zischte Rose. »Wagen Sie es nicht, mich ins Irrenhaus zu schicken! Sie ist es! Sie trägt die Schuld an meinem Zustand!«

Es dauerte nicht einmal eine Minute, bis Rose aufhörte, sich zu wehren und ihr Kreischen zu einem bloßen Krächzen wurde, während der Arzt sich vor das Mädchen hinkniete, um es zu untersuchen. Adele war bei Bewusstsein und schien lediglich zu benommen zu sein, um sprechen zu können, und sie hatte eine Schnittwunde im Gesicht, die wahrscheinlich von demselben Messer stammte, mit dem Rose auf ihren Mann losgegangen war. Aber es war keine tiefe Wunde, kaum mehr als ein böser Kratzer. Als er sie fragte, ob sie noch weitere Verletzungen habe, legte sie eine Hand auf ihren Bauch.

»Helfen Sie mir, sie in ihr Zimmer zu tragen«, sagte er zu Jim, der wachsam beobachtete, wie der Kopf seiner Frau ihr auf die Brust sackte.

»Die Mühe können Sie sich sparen«, gab er zurück. »Sie kann nicht hierbleiben, wenn ihre Mutter ins Hospital kommt.«

»Ich muss sie untersuchen«, erwiderte Dr. Biggs kurz angebunden. Vermutlich dachte Jim, dass ein Kind ihres Alters nicht allein in der Wohnung bleiben könne, während er mit seiner Frau ins Krankenhaus ging. »Und es ist nicht nötig, dass Sie Ihre Frau begleiten. Sofern die Verletzungen Ihrer Tochter keiner Behandlung bedürfen, kann sie hier bei Ihnen bleiben.«

»Sie ist nicht meine Tochter«, erklärte Jim, und seine Stimme war so kalt, als redete er über einen streunenden Hund. »Und ob sie verletzt ist oder nicht - ich will, dass sie noch heute Abend hier wegkommt.«

Dr. Biggs rühmte sich für gewöhnlich, dass nichts ihn schockieren konnte, aber diese Bemerkung machte ihn sprachlos. »Wir werden später darüber reden«, erklärte er barsch. »Doch in der Zwischenzeit habe ich nicht die Absicht, ein Kind auf einem kalten, harten Boden zu untersuchen. Also wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie mir mit ihr helfen würden. Sobald ich sie in ihr Zimmer gebracht habe, kann ich um Hilfe für Ihre Frau telefonieren.«

Als er Adele in ihr Zimmer getragen hatte, nannte sie ihm ihren Namen und berichtete, dass ihre Mutter mit einem Messer auf sie losgegangen sei und ihr in den Magen getreten habe. Der Arzt hob ihr Nachthemd an und sah eine rote Schwiele, die ihre Aussage bekräftigte; außerdem fielen ihm mehrere alte Prellungen an ihrem Körper und ihren Beinen auf, die darauf schließen ließen, dass sie schon zuvor geschlagen worden war. Sie stand zwar unter Schock, doch es waren keine Knochen gebrochen, und der Kratzer im Gesicht brauchte nicht genäht zu werden, sodass man sie nicht ins Krankenhaus bringen musste.

»Ich muss jetzt gehen und wegen deiner Mutter telefonieren«, erklärte er, während er ihr aus ihrem nassen Nachthemd half und sie mit einer Decke zudeckte. »Du bleibst einfach hier liegen, und ich komme bald noch einmal zu dir herein, um nach dir zu sehen.«

Rose Talbot war so stark betäubt, dass sie keinerlei Widerstand leistete, als die beiden Sanitäter sie auf einer Trage zum Krankenwagen hinuntertrugen. Dr. Biggs war bei ihrer Ankunft gerade erst von seinem Telefongespräch zurückgekehrt, daher hatte er noch keine Zeit gehabt, sich um Jim Talbots Gesichtsverletzung zu kümmern oder noch einmal mit ihm und Adele zu sprechen. Gleich nachdem der Krankenwagen abgefahren war, ging der Arzt zurück ins Haus und sah, dass Annie Patterson ihn mit ängstlicher Miene im Treppenhaus erwartete.

»Wird sie wieder gesund?«, fragte sie. »Kann ich irgendetwas tun, um Jim oder Adele zu helfen?«

»Mrs. Talbot wird wahrscheinlich ein Weilchen im Krankenhaus bleiben«, antwortete der Arzt vorsichtig. Er wusste, dass Annie Patterson eine gute Frau war, die nicht zu Klatsch und Tratsch neigte, trotzdem konnte er sich nicht dazu überwinden, ihr zu erzählen, dass er Rose Talbot in die Nervenklinik eingewiesen hatte. »Es scheint jedoch dort oben ein weiteres Problem zu geben, und es ist möglich, dass Adele dort nicht wird bleiben können. Wären Sie bereit, das Mädchen, wenn nötig, heute Nacht bei sich unterzubringen?«

»Selbstverständlich«, versicherte Annie, ohne zu zögern. »Das arme Ding, ein junges Mädchen wie sie sollte solche Dinge nicht sehen und hören müssen. Bringen Sie sie herunter, wenn es nötig ist. Sie wird leider mit der Couch vorliebnehmen müssen, und sie sollte besser auch einige Decken mitbringen. Aber sie ist uns mehr als willkommen.«

»Sie sind eine gute Frau«, erwiderte Dr. Biggs mit einem Lächeln. »Die Kleine hat es bitter nötig, ein wenig bemuttert zu werden, denn ich vermute, dass sie in letzter Zeit nicht allzu viel Mutterliebe erfahren hat.«

Inzwischen saß Jim allein am Küchentisch, starrte ins Leere und schien die Töpfe und das Geschirr auf dem Boden gar nicht wahrzunehmen. Als Dr. Biggs eintrat, blickte er nicht einmal auf.

»Also schön, lassen Sie mal Ihre Verletzungen sehen, Jim«, meinte der Arzt, der mit Bedacht einen freundlichen Tonfall angeschlagen hatte. Er goss etwas heißes Wasser aus dem Kessel in ein Becken, nahm einige Schwämme aus seiner Tasche und säuberte die Wange des Mannes. »Es ist glücklicherweise nur eine Fleischwunde, die nicht genäht zu werden braucht«, erklärte er kurz darauf. Er legte einen Tupfer auf die Wunde und befestigte ihn mit Klebepflaster, dann setzte er sich an den Tisch und sah Jim streng an.

»Und wenn Sie mir nun bitte erklären würden, was hier vorgeht?«

»Da gibt es nicht viel zu erzählen«, antwortete Jim verdrossen. »Rose ist seit dem Tod unserer Pammy nicht mehr sie selbst. Es ist jeden Tag schlimmer geworden mit ihrer Trinkerei und allem. Sie haben ja gesehen, wie sie ist, vollkommen übergeschnappt.«

»Der Tod eines Kindes ist genug, um jede Mutter aus der Bahn zu werfen«, entgegnete Dr. Biggs tadelnd. »Sie hätten mich rufen sollen, lange bevor es so weit kommen konnte.«

»Ich kann mir keine Ärzte leisten«, erwiderte Jim. »Man hat mir den Lohn gekürzt. Außerdem hätte Rose Sie nicht in ihre Nähe gelassen.«

»Warum gibt sie Adele die Schuld an dem Unglück?«, fragte der Arzt.

»Weil sie auch die Schuld daran trägt. Wenn sie sich etwas beeilt hätte, um unsere Pammy abzuholen, wäre sie nicht überfahren worden.«

»Sie können die Schuld an einem Autounfall doch keinem anderen Kind geben«, rief Dr. Biggs entsetzt. »Adele wird sich wahrscheinlich ohnehin immer schuldig fühlen, so etwas ist ganz normal nach einem Unfall, aber die Schuldzuweisung sollte nicht von ihrer Mutter und ihrem Vater kommen.«

»Ich hab Ihnen doch gesagt, sie ist nicht mein Kind«, versetzte Jim gereizt. »Und jetzt ist mein kleines Mädchen ihretwegen tot. Und Rose hat den Verstand verloren. Sie hätten mal hören sollen, was sie mir alles vorgeworfen hat! Ich halte das einfach nicht mehr aus. All die Jahre hab ich mein Bestes gegeben für Rose und das Kind, und das ist jetzt der Dank dafür. Deshalb will ich mit allen beiden nichts mehr zu tun haben. Sie können dieses Mädchen gleich wegbringen.«

Die Einstellung des Mannes Adele gegenüber entsetzte Biggs, obwohl er gleichzeitig vermutete, dass Rose Jim bis aufs Blut gepeinigt hatte, vielleicht seit dem Tag, an dem sein eigenes Kind gestorben war. Der Mann stand unter Schock, und morgen würde er die Dinge vielleicht anders sehen. Außerdem war Adele im Zimmer nebenan und hörte wahrscheinlich alles mit, was gesprochen wurde, daher hielt der Arzt es für die beste Lösung, Annie Pattersons Angebot für die kommende Nacht anzunehmen.

»Ich werde Adele fürs Erste fortbringen«, erklärte Dr. Biggs scharf. »Nicht um Ihre Gefühle zu schonen, Mr. Talbot, sondern weil das Mädchen ebenfalls einen Schock erlitten hat und ein wenig liebevolle Fürsorge braucht. Ich werde morgen noch einmal herkommen, um mit Ihnen zu reden. Ich hoffe, dass Sie sich bis dahin beruhigt und sich daran erinnert haben werden, dass Sie durch Ihre Heirat mit Rose die gesetzliche und moralische Verantwortung für ihr Kind übernommen haben.«

»Morgen muss ich wieder zur Arbeit«, wandte Jim ein.

»Dann werde ich um sieben Uhr abends kommen«, erwiderte Dr. Biggs energisch. »Ich schlage vor, dass Sie bis dahin ein wenig Zeit darauf verwenden, über die Bedürfnisse des Kindes nachzudenken statt über Ihre eigenen.«

Als der Arzt das Mädchen nach unten brachte, ließ Annie Patterson Adele all die Fürsorge angedeihen, zu der Jim Talbot nicht fähig war. »Du armer Schatz«, sagte sie und zog das Kind fest an sich. »Es tut mir leid, dass ich kein richtiges Gästebett habe, aber ein kleines Ding wie du sollte auf der Couch eigentlich zurechtkommen.«

Das einzige saubere Nachthemd, das Dr. Biggs hatte finden können, hatte offenkundig der verstorbenen Schwester gehört. Es reichte Adele kaum bis zu den Knien, und mit der Decke um die Schultern und dem Pflaster im Gesicht sah sie zum Gotterbarmen aus.

»Das ist sehr nett von Ihnen, Annie«, sagte er, während er eine Decke und ein Kissen auf das Sofa legte. »Es ist nur eine vorübergehende Maßnahme. Morgen Abend werde ich noch einmal mit Mr. Talbot reden, wenn er ein wenig ruhiger geworden ist.«

Adele hatte kein Wort gesprochen, nicht einmal um Fragen nach ihrer Mutter oder ihrem eigenen zukünftigen Schicksal zu stellen. Vielleicht lag es daran, dass das Kind nicht wirklich wahrgenommen hatte, was dort oben geschehen war, zumindest hoffte Biggs das.

Aber kurz bevor er aufbrechen wollte, zerplatzte diese Hoffnung, denn Adele geriet plötzlich in Aufruhr. »Ich kann nicht bei Dad bleiben, nie mehr«, platzte sie heraus. »Er mag mich nicht. Genauso wenig wie meine Mum.«

»Das ist Unsinn«, erklärte Annie Patterson energisch. »Deine Mum ist krank, und dein Dad weiß nicht, wo ihm der Kopf steht.«

Adele blickte hilflos zwischen der Nachbarin und dem Arzt hin und her. Sie konnte einfach nicht glauben, dass ihre Mutter versucht hatte, sie zu töten. Oder dass sie all diese schrecklichen Dinge wirklich gesagt hatte.

Doch so jung sie war, wusste sie eins: Ihre Mutter hatte heute Abend ihre wahren Gefühle für sie offenbart. Es war so, als hätte man eine Flasche Milch vergossen: Man konnte die Milch aufwischen, aber man bekam sie nicht wieder zurück in die Flasche.

Sie wusste jetzt mit absoluter Sicherheit, dass die vielen Ohrfeigen, die Bosheit und die grausamen Worte in der Vergangenheit allesamt Zeichen für den Hass waren, den ihre Mutter gegen sie gefasst hatte und der die Frau beherrschte. Heute Abend war dieser Hass einfach nur übergekocht.

Sie verstand nicht, wie sie allein durch ihre Geburt das Leben ihrer Mutter ruiniert haben konnte, aber sie bezweifelte, irgendetwas tun oder sagen zu können, das die Gefühle ihrer Mutter für sie ändern würde. Gleichermaßen spürte sie, dass weder der Arzt noch Mrs. Patterson heute Abend in der Stimmung für weitere Gespräche waren. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als zu tun, was die beiden wollten, sich auf die Couch zu legen und zu schlafen. Wenn sie sich geweigert oder um etwas anderes gebeten hätte, hätte sie damit auch noch die Nachbarin und den Arzt gegen sich aufgebracht.

»Es tut mir leid, dass ich Ihnen zur Last falle«, murmelte sie schwach, während sie von einem Erwachsenen zum anderen blickte. »Ich werde alles tun, was Sie sagen.«

»Braves Mädchen.« Mrs. Patterson lächelte und strich ihr liebevoll über die Wange. »Am Morgen wird alles anders aussehen, warte nur ab. Und da morgen Samstag ist, kannst du sogar ausschlafen.«

Eine Stunde später war Adele immer noch wach, trotz der heißen Schokolade, die Mrs. Patterson ihr zubereitet hatte, und der Wärmflasche auf ihrem schmerzenden Bauch. Mondlicht fiel durch das Fenster über dem Spülbecken und zeichnete die Umrisse der Stühle am Tisch nach. Die Couch, auf der sie lag, war im Grunde mehr eine gepolsterte Bank, die mit braunem, rissigem Kunstleder bezogen und sehr hart war. Sie stand hinter dem Tisch und wurde als zusätzliche Sitzgelegenheit benutzt.

Die Wohnung der Pattersons war die größte im Haus, wenn auch ein wenig dunkel. Zwischen der Küche und dem vorderen Schlafzimmer, in dem Mr. und Mrs. Patterson mit der einjährigen Lily schliefen, waren große Doppeltüren angebracht. Von der Küche aus führte ein Flur in das Zimmer, das sich der vierjährige Michael und sein drei Jahre älterer Bruder Tommy teilten, und durch eine weitere Tür gelangte man in den Hinterhof.

Was sollte jetzt aus ihr werden? Sie hatte gehört, was ihr Vater zu dem Arzt gesagt hatte, und sie war sich ziemlich sicher, dass er es ernst meinte. Soweit sie wusste, waren Waisenhäuser für kleine Kinder und Babys bestimmt; sie hatte noch nie gehört, dass ein Kind von fast zwölf Jahren dort untergebracht wurde. Aber bevor sie vierzehn war, konnte sie sich keine Arbeit suchen, um sich selbst zu ernähren.

Sie musste schließlich doch eingeschlafen sein, denn sie schreckte abrupt auf, als sie Mrs. Patterson den Kessel aufsetzen hörte.

»Tut mir leid, dass ich dich geweckt habe, Schätzchen«, meinte sie gut gelaunt. »Hast du gut geschlafen?« Sie trat vor die Couch und strich Adele das Haar aus der Stirn.

Mrs. Patterson trug ihr schwarzes Haar jetzt offen, und es war so lang, dass es ihr bis zur Taille reichte. Sie hatte einen Morgenmantel übergestreift, der so fadenscheinig war, dass es so aussah, als würde er im nächsten Moment auseinanderfallen.

»Ja, vielen Dank«, antwortete Adele. Ihr Bauch tat noch immer ein wenig weh, und ihr Gesicht fühlte sich wund an, aber davon abgesehen war alles in Ordnung mit ihr.

»Mein Alf geht jetzt zur Arbeit«, erklärte Mrs. Patterson. »Du kuschelst dich noch ein Weilchen zusammen, und wenn ich Lily ihre Flasche gegeben habe, brühe ich dir eine Tasse Tee auf. Dann können wir auch ein wenig miteinander plaudern.«

Adele blieb sehr lange, wo sie war, und gab vor zu schlafen, während sie in Wahrheit die Pattersons beobachtete. Sie sah, wie Mrs. Patterson ihren Mann zum Abschied küsste und ihm seine Sandwiches gab. Wie sie ihre kleine Tochter fütterte und sie dann in der Küchenspüle badete. Lilys nasse Windel stank, aber es war schön zu hören, wie sie im Wasser planschte. Dann standen Michael und Tommy auf, und ihre Mutter bereitete ihnen Tee und Toast zu.

Die alltäglichen Abläufe der Familie verströmten eine Behaglichkeit, wie Adele selbst sie niemals kennengelernt hatte. Mrs. Patterson tätschelte ihren Kindern liebevoll die Köpfe, sie küsste sie sogar ohne jeden Anlass auf die Wange, und sie beantwortete die Fragen der Jungen auf eine ruhige, gelassene Art. Adele hingegen war es gewohnt, dass ihre Mutter sie anfauchte.

»Wie wäre es jetzt mit einer Tasse Tee?«, fragte Mrs. Patterson, als die Jungen in ihre Zimmer verschwunden waren, um sich anzuziehen. Klein-Lily wurde auf den Boden gesetzt, um mit einigen Holzklötzen zu spielen, und sie krabbelte vergnügt durch den Raum.

Adele stand vorsichtig auf, wobei ihr deutlich bewusst war, dass Pamelas Nachthemd viel zu kurz für sie war; außerdem hatte sie vergessen, Kleider zum Wechseln mitzunehmen.

Mrs. Patterson musste ihre Gedanken gelesen haben. »Wir werden später nach oben gehen und einige deiner Sachen holen. Ich habe gehört, dass dein Dad vor einer Weile das Haus verlassen hat. Das ist ein gutes Zeichen, zumindest sitzt er nicht da und grübelt.«

»Ich glaube nicht, dass er seine Meinung ändern wird, was mich betrifft«, meinte Adele. »Es ist nämlich so, er ist gar nicht mein Dad. Das hat Mum gestern Abend gesagt.«

Mrs. Patterson stemmte die Hände in die Hüften und machte ein strenges Gesicht. »Nach allem, was ich gehört habe, hat sie eine Menge Dummheiten von sich gegeben, aber sie konnte einfach nicht anders, Kleines. Sie war außer sich.«

»Es muss wahr sein, denn Dad hat dem Arzt das Gleiche erzählt«, antwortete Adele kleinlaut und ließ beschämt den Kopf hängen. »Mum hat in letzter Zeit viele gemeine Dinge gesagt. Sie hat auch gesagt, sie habe versucht, mich loszuwerden, und ich sei der einzige Grund, warum sie Dad geheiratet hat. Gestern Abend wollte sie mich sogar töten.«

Mrs. Patterson verfiel in Schweigen, und Adele wusste, dass ihr darauf einfach nichts mehr einfiel.

»Jetzt komme ich wahrscheinlich in ein Waisenhaus, nicht wahr?«, fragte Adele, nachdem sie einige Minuten lang beobachtet hatte, wie die Frau sich damit beschäftigte, Tee zu kochen. »Eine andere Möglichkeit gibt es nicht.«

Im nächsten Moment fand sie sich in einer innigen Umarmung wieder. »Du armer Schatz«, rief Mrs. Patterson und drückte sie an ihre füllige Brust, die nach Baby und Toast roch. »Das ist eine schreckliche Angelegenheit, aber wenn deine Mum im Krankenhaus ein wenig Ruhe hatte, wird bestimmt alles besser werden.«

Adele gefiel die Umarmung, sie gab ihr das Gefühl, geborgen und erwünscht zu sein, etwas, das sie im Grunde nie gekannt hatte. Trotzdem meinte sie, dieser freundlichen Frau erklären zu müssen, wie genau Rose Talbot zu ihrer älteren Tochter stand.

»Ich glaube nicht, dass sie mich haben will, nicht einmal wenn es ihr wieder besser geht«, begann sie. Sie brauchte einige Zeit, um zu erklären, wie furchtbar das Leben seit Pamelas Tod wirklich gewesen war und dass ihre Mutter ihr gegenüber schon zuvor nur Gleichgültigkeit gekannt hatte. »Sie verstehen also«, beendete sie ihre Darstellung, »ich sollte gar nicht erst hoffen, dass alles wieder gut wird, wenn es meiner Mum besser geht.«

Der Tag kam Adele unendlich lang vor. Mrs. Patterson fand, dass es doch keine so gute Idee sei, in die Wohnung hinaufzugehen und einige Kleider zu holen, daher gab sie Adele eine Art Kittelkleid von sich selbst. Es war rot-weiß kariert und beinahe so breit wie lang, aber wenn man es mit einem Gürtel zusammenhielt, sah es nicht viel anders aus als ein Morgenrock. Adele versuchte, sich von den Gedanken an ihre Zukunft abzulenken, indem sie sich in der Wohnung nützlich machte, aber ihr schmerzender Leib erinnerte sie immer wieder an die schrecklichen Ereignisse des Vortages. Als sie in Mrs. Pattersons Schlafzimmerspiegel einen flüchtigen Blick auf sich selbst erhaschte, begann sie von Neuem zu weinen, denn ihr Auge verfärbte sich allmählich schwarz, und die Wunde auf ihrer Wange sah grauenhaft aus.

Schließlich war es sieben Uhr, und Dr. Biggs erschien, doch Jim war noch immer nicht nach Hause gekommen.

»Er ist sicher in den Pub gegangen«, gestand Adele.

Dr. Biggs seufzte und sah Mrs. Patterson an, in deren Gesicht die Art von Ausdruck stand, die besagte: Damit habe ich gerechnet. Sie bedeutete dem Arzt, sie in das vordere Schlafzimmer zu begleiten, bevor sie energisch die Tür hinter ihnen schloss.

»Unser Dad geht auch in den Pub«, meinte Tommy und blickte von den Schnurrbärten auf, die er Menschen in alten Zeitschriften ins Gesicht zeichnete.

Adele kannte die Patterson-Jungen von Geburt an und mochte sie sehr, obwohl sie eigenartig aussahen mit ihren bleichen Gesichtern, dem zu Berge stehenden schwarzen Haar und den stets verschorften Knien. Da sie Tommy immer zusammen mit Pamela in die Schule gebracht hatte, kannte sie ihn am besten - er war frech, laut und manchmal ein wenig grob, aber auch sehr liebenswert. Er hatte heute sein Möglichstes getan, um sie zum Lachen zu bringen; selbst seine Bemerkung, dass sein Dad ebenfalls in den Pub gehe, war darauf berechnet, ihr Unbehagen zu zerstreuen. Aber Adele konnte nicht darauf eingehen, denn sie spitzte die Ohren, um zu hören, worüber Mrs. Patterson und der Arzt sprachen.

In der Zwischenzeit bemühten sich beide Erwachsene, ihre Stimmen zu senken.

»Ich werde den Behörden Bericht erstatten müssen«, sagte der Arzt bekümmert. »Ich vermute, dass Jim nicht die Absicht hat, sich um Adele zu kümmern, und wir können die Angelegenheit nicht ewig hinauszögern. Hat sie irgendwelche anderen Verwandten? Großeltern, Tanten oder Onkel?«

»Jim hat irgendwo oben im Norden eine Schwester«, antwortete Annie. »Aber er sieht sie nie. Und wenn Rose noch Verwandte hat, dann haben sie sich jedenfalls niemals hier blicken lassen.«

»Keine Eltern?«, hakte der Arzt nach.

»Ich glaube nicht«, erwiderte Mrs. Patterson. »Rose ist in Sussex groß geworden, direkt am Meer, das ist alles, was ich weiß.«

»Ich werde Jim danach fragen, wenn ich ihn zu fassen bekomme«, murmelte der Arzt. »Falls ihre Eltern noch leben, werden sie vielleicht aushelfen.«

»Ich hoffe es. Es ist mir schrecklich zu denken, dass dieses liebe Mädchen in ein Waisenhaus geschickt werden soll«, meinte Annie Patterson, und ihre Stimme klang brüchig, als weinte sie.

»Ich werde Jim einige Zeilen schreiben, und Adele kann den Brief oben irgendwohin legen, während sie sich etwas zum Anziehen holt.«

»Ich bezweifle, dass er überhaupt lesen kann«, wandte Annie verächtlich ein. »Er ist nicht besonders helle, Sie verstehen.«

»Ich weiß«, pflichtete Dr. Biggs ihr bei. Seine Frau hatte ihn am vergangenen Abend darüber in Kenntnis gesetzt. Sie hörte immer, was in ihrem Viertel geredet wurde. Nach dem, was man ihr erzählt hatte, waren die Talbots zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in Somers Town eine ausgesprochen berüchtigte Familie gewesen; die Jungen waren allesamt Schurken und Schläger, die Mädchen Flittchen und die Eltern noch schlimmer. Jim war das jüngste von acht Kindern und weithin bekannt dafür, zurückgeblieben zu sein. 1917, als er achtzehn Jahre alt gewesen war, war er der Armee beigetreten, und da er nicht zurückkam, hatte man vermutet, dass er in Frankreich ums Leben gekommen sein müsse wie mindestens drei seiner Brüder auch. Seine Eltern und die beiden jüngeren Schwestern, die noch zu Hause lebten, starben 1919 während der Grippeepidemie.

Als Jim Talbot vier Jahre später wieder in Somers Town auftauchte, waren die Leute allgemein überrascht. Nicht nur deshalb, weil er den Krieg überlebt hatte, dem so viele junge Männer zum Opfer gefallen waren, sondern weil er überdies mit einer hübschen, kultivierten Ehefrau und einer vier Jahre alten Tochter heimkehrte. Noch mehr staunten die Leute, als es ihm gelang, eine Arbeit auf einem Holzplatz auf Dauer zu halten, und sie herausfanden, dass seine Frau im Gegensatz zu seiner Mutter und seinen Schwestern kultiviert war.

Im Lichte dessen, was Dr. Biggs am vergangenen Abend erfahren hatte, erschien es wahrscheinlich, dass Rose Talbot Jim nur als letzte Zuflucht geheiratet hatte, weil sie mit dem Kind eines anderen Mannes schwanger gewesen war. Wahrscheinlich hatten die Jahre des Zusammenlebens mit einem Mann, den sie nicht liebte, und in beträchtlich ärmlicheren Verhältnissen, als sie es gewohnt gewesen war, den ungeheuren Groll verursacht, den sie gegen Adele empfand.

Dr. Biggs konnte nicht viel Mitgefühl mit Rose aufbringen, die kein Recht hatte, einem unschuldigen Kind die Verantwortung für ihre Fehler und ihr Unglück zu geben. Jim jedoch tat ihm durchaus ein wenig leid, wegen all der Dinge, die ihm von Geburt an widerfahren waren. Zweifellos hatte er sich heute mit seinen Arbeitskollegen beraten, und sie hatten ihn alle ermutigt, Adele zu verstoßen. Vielleicht glaubte er auch, dies sei eine Möglichkeit, Rose zu zeigen, dass er es müde war, ihr Versorger und Fußabtreter zu sein.

»Ich werde auf jeden Fall einen kurzen Brief schreiben«, erklärte er. »Und morgen früh komme ich wieder und versuche, Jim persönlich zu erwischen.«

Adele ging mit äußerstem Widerstreben die Treppe hinauf, den Brief von Dr. Biggs in der Hand. Sie hatte Angst davor, die Wohnung zu betreten, denn das würde sie nur wieder an ihre Mutter und das Messer erinnern. Da ihr Dad nicht zurückgekommen war, um mit Dr. Biggs zu sprechen, bestand kein Zweifel mehr daran, dass ihr weiteres Schicksal ihm gleichgültig war. Sie wünschte, sie sei gestorben und nicht Pamela.

Als sie die Wohnungstür öffnete und das Licht anknipste, wurde Adele übel. Die Töpfe und die zerbrochenen Teller lagen noch immer auf dem Boden, und neben dem Messer hatte sich ein Blutfleck auf dem Tischtuch ausgebreitet. Außerdem roch es abscheulich nach Alkohol, Zigaretten und dem Schweiß und den Socken ihres Dads. Am liebsten wäre sie gleich fortgerannt, um nie wieder hierher zurückzukehren, aber sie nahm allen Mut zusammen, ging in ihr Zimmer und holte ihre Sachen.

Sie brauchte nicht viel mitzunehmen, nur ihren besten Sonntagsrock und den dazugehörigen Pullover, eine saubere Strickjacke, eine Schulbluse, einen Schlüpfer und ein Paar Socken, ihre Schuhe und das Turnkleid. Sie wollte ihre Sachen gerade in ihren Ranzen packen, als ihr einfiel, dass auf dem Schrank im Schlafzimmer ihrer Eltern ein kleiner Koffer lag.

Das Zimmer der beiden stank noch schlimmer als das Wohnzimmer, und das Bett war nicht gemacht. Auf den Kissen fanden sich weitere Blutflecken, vermutlich von der Schnittwunde auf der Wange ihres Dads. Einen Moment lang blieb sie vor dem Ankleidetisch stehen und betrachtete sich im Spiegel.

Sie sah schrecklich aus, fand sie, und es war kein Wunder, dass niemand sie haben wollte. Noch bevor sie sich das blaue Auge und die Wunde auf der Wange eingefangen hatte, war sie nicht hübsch gewesen. Sie hatte glanzloses, widerspenstiges hellbraunes Haar und blasse gelbliche Haut, und nicht einmal ihre Augen hatten eine richtige Farbe

wie Braun oder Blau, sondern waren grünlich - wie Kanalwasser, hatte Mum einmal gesagt.

Es war kein Wunder, dass ihre Mum wütend darüber war, dass ihre hübsche Tochter hatte sterben müssen und ihre reizlose noch lebte.

Schließlich zog Adele den Schlafzimmerstuhl vor den Schrank und kletterte hinauf, um an den Koffer heranzukommen, und als sie ihn herunternahm, sah sie, dass er mit einer dicken Staubschicht bedeckt war. Sie legte ihn auf das Bett und wischte ihn mit dem Saum der Tagesdecke ab.

In dem Koffer befand sich nichts als einige alte Briefe, aber als sie sie zusammenschob, um sie in die Schublade der Ankleidekommode zu legen, fiel ihr plötzlich wieder ein, dass der Arzt gefragt hatte, ob sie irgendwelche Verwandten habe.

Sie blätterte die Briefe durch, aber sie stammten anscheinend alle von derselben Person und waren an ihren Vater adressiert. Sie öffnete einen der Umschläge und sah, dass das Schreiben von seiner Schwester in Manchester kam. Enttäuscht legte sie sie zusammen, doch als einige der Umschläge zu Boden fielen und sie sich bückte, um sie aufzuheben, bemerkte sie, dass einer eine vollkommen andere Handschrift trug und an Miss Rose Harris adressiert war, wie ihre Mutter vor ihrer Hochzeit geheißen hatte.

Der Umschlag war vom Alter vergilbt, und er war nicht einmal an diese Adresse geschickt worden. Aber als sie ihn ansah, erinnerte sie sich mit einem Mal an Mrs. Pattersons Worte kurz zuvor: »Ich glaube, sie ist in Sussex aufgewachsen, direkt am Meer.«

Dieser Brief war an das Curlew Cottage in Winchelsea Beach nahe Rye, Sussex adressiert.

Da ihre Mutter ihre Eltern niemals erwähnt hatte, vermutete Adele, dass sie tot sein mussten, aber sie war trotzdem neugierig zu erfahren, von wem dieser Brief stammte, und nahm ihn aus dem Umschlag. Er kam von jemandem in Tunbridge Wells in Kent und trug das Datum vom achten Juli 1915.

Liebe Rose,

ich habe mich so darüber gefreut, nach all dieser Zeit wieder von dir zu hören. Ich habe dich schrecklich vermisst, nachdem du fortgegangen warst, und alle Mädchen fragen mich immer wieder, ob ich irgendetwas von dir gehört hätte. Ich nehme an, es ist ein wenig langweilig, auf dem Land zu leben, aber andererseits ist es jetzt, da die Leute nur über den Krieg reden können, überall langweilig. Viele Mädchen in der Schule haben ihre Väter und Brüder verloren, und ich bin so dankbar dafür, dass mein Vater nicht fortmusste und dass ich keine Brüder habe, die alt genug für den Krieg sind. Ich hoffe, deinem Vater wird nichts Schlimmes zustoßen.

Zwingt deine Mutter dich auch, Socken und Schals zu stricken? Meine tut es. Ich kann keine graue Wolle mehr sehen. Heute Nachmittag haben wir Tennis gespielt, und Muriel Stepford meinte, sie wolle versuchen, Krankenschwester zu werden. Angeblich tun ihr all diese verwundeten Soldaten so leid, aber wir anderen glauben, dass sie Angst hat, sitzen zu bleiben, weil es hier nur noch so wenige Männer ihres Alters gibt.

Schreib mir bald, und erzähl mir, was du den ganzen Tag über so treibst. Haltet ihr wirklich Hühner und baut Gemüse an, oder war das ein Scherz? Ich kann mir nicht vorstellen, dass du dir die Hände schmutzig machst.

Herzliche Grüße,

Alice

Adele las den Brief drei Mal. Er faszinierte sie, weil er ihr einen winzigen Blick auf die Vergangenheit ihrer Mutter gestattete, von der sie überhaupt nichts wusste. War diese Alice eine gute Freundin gewesen? Waren ihre Mutter und ihre Eltern wegen des Krieges aus Tunbrigde Wells fortgezogen? War es möglich, dass ihre Großeltern immer noch in Curlew Cottage lebten?

Der Brief war vor sechzehn Jahren geschrieben worden, vier Jahre vor ihrer Geburt, aber da sie nicht genau wusste, wie alt ihre Mutter war, konnte sie das Alter ihrer Großeltern nicht einmal erahnen.

Aber sie hatte den Arzt sagen hören, dass er Jim nach etwaigen Verwandten fragen wolle, daher legte sie den Brief zu den übrigen und packte ihre Sachen in den Koffer. Dann verließ sie die Wohnung und zog die Tür hinter sich zu.

Als am nächsten Morgen die Kirchenglocken zum Gottesdienst riefen, kam Dr. Biggs zurück. Er blieb für kurze Zeit bei den Pattersons, fragte Adele nach ihrem Befinden und meinte, er habe sich mit dem Krankenhaus in Verbindung gesetzt, in das man ihre Mutter gebracht hatte, und sie sei bereits deutlich ruhiger geworden.

»Was glauben Sie, wie lange man sie dort behalten wird?«, fragte Mrs. Patterson.

»Das kann ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen«, erwiderte Dr. Biggs vorsichtig. »Und jetzt werde ich nach oben gehen und mit Mr. Talbot reden.«

Der Arzt blieb nicht allzu lange bei ihrem Vater, und als er wieder herunterkam, wirkte er verärgert und erregt.

»Geh mit den Jungen hinaus in den Hof«, bat Mrs. Patterson und schob Adele in Richtung Tür.

Adele verließ den Raum, ging jedoch nicht sofort hinaus. Sie zog lediglich die Tür zum Wohnzimmer hinter sich zu und blieb davor stehen. Sie wollte wissen, was ihr Vater gesagt hatte, das den Arzt so aufgebracht hatte.

Sie brauchte nicht lange zu warten. Der Arzt explodierte förmlich. »Dieser Mann ist so vernagelt, ich hätte ebenso gut gegen die Wand sprechen können«, schimpfte er. »Er beharrt darauf, dass Adele nicht sein Kind sei. Er hat erzählt, dass er ihre Mutter kennengelernt habe, als sie schwanger war, und das könne er auch beweisen, da er sich bis zu diesem Zeitpunkt in Frankreich aufgehalten habe.«

»Aber er hat Rose geheiratet, und deshalb muss er auch für Adele verantwortlich sein, wer immer ihr richtiger Vater war, oder?«, fragte Mrs. Patterson.

»Theoretisch ja. Aber Sie kennen den Ausdruck: ›Man kann ein Pferd zum Wasser führen, aber man kann es nicht dazu zwingen zu trinken‹«, antwortete Dr. Biggs. »Wie kann ich ein so junges Mädchen in den Händen eines Mannes belassen, der so voller Zorn und Bosheit ist? Wer weiß, was da alles passieren könnte.«

»Was sollen wir dann jetzt unternehmen?«, hakte Mrs. Patterson nach.

»Ich werde die Fürsorge verständigen müssen. Eine andere Lösung gibt es nicht, Annie. Rose ist psychisch krank, und ich kann nicht einmal sagen, ob sie je wieder gesund werden wird. Außerdem ist es langfristig vielleicht sogar das Beste - ich vermute, dass das Kind seit vielen Jahren sehr schlecht behandelt worden ist. Wenn ich Adele jetzt von hier forthole, wird sie wahrscheinlich besser dran sein.«

»Haben Sie Jim gefragt, ob es noch Großeltern gibt?«

»Ja, aber er konnte nichts über sie berichten. Soviel er weiß, hat Rose sich mit ihrer Mutter überworfen, lange bevor er sie kennenlernte, und sie hat seither keinen Kontakt mehr zu ihr gehabt.«

An dieser Stelle begann Lily laut zu weinen und übertönte die weitere Unterhaltung der Erwachsenen. Adele wartete ängstlich darauf, dass Lily sich wieder beruhigte, aber das kleine Mädchen schrie nur immer lauter, und sie konnte kein Wort mehr verstehen.

Kurze Zeit später ging Adele zurück ins Wohnzimmer. Dr. Biggs lächelte sie an. »Ich habe gerade Mrs. Patterson erzählt, dass es meiner Meinung nach das Beste wäre, wenn du für ein paar Tage nicht zur Schule gehst, bis dein Auge wieder besser ist«, erklärte er. »Du möchtest doch sicher nicht, dass man dir deswegen Fragen stellt, nicht wahr?«

Adele blickte zwischen ihm und Mrs. Patterson hin und her und spürte, dass die beiden irgendetwas ausgeheckt hatten. Sie fragte sich, warum Erwachsene Kindern Unehrlichkeit vorwarfen, während sie selbst doch ständig logen.

KAPITEL 4

Während Adele am nächsten Morgen ihren Porridge aß, band Mrs. Patterson Tommy die Krawatte.

»Es wird höchste Zeit, dass ein großer Junge wie du lernt, das selbst zu machen«, meinte sie und versetzte ihm einen spielerischen Knuff.

»Ich hab's gern, wenn du mir die Krawatte bindest«, gab Tommy zurück und streckte die Hand aus, um seine Mutter unter dem Kinn zu kitzeln, was sie zum Lachen brachte.

Der liebevolle Austausch schnürte Adele die Kehle zu. Während der letzten beiden Tage hatte sie viele Zärtlichkeiten dieser Art zwischen den Mitgliedern der Familie Patterson gesehen, und eine jede hatte sie schmerzlich daran erinnert, selbst niemals solche Zärtlichkeiten erfahren zu haben, weder von ihrem Vater noch von ihrer Mutter. Sie war zu dem Schluss gekommen, dass die Schuld bei ihr zu suchen sein müsse, denn die beiden hatten es schließlich geschafft, Pamela liebevoll zu behandeln.

»Bringt Adele mich zur Schule?«, fragte Tommy, sobald seine Krawatte gebunden war.

»Natürlich nicht«, erwiderte Mrs. Patterson und blickte zu Adele hinüber, die immer noch am Tisch saß. Adele hatte nach Pamelas Tod aufgehört, morgens mit Tommy zur Schule zu gehen. »Warum sollte sie dich noch begleiten? Du bist jetzt ein großer Junge.«

Tommy sah Adele flehentlich an. »Bitte!«

»Adele geht es noch nicht wieder richtig gut«, sagte seine Mutter energisch. »Sie braucht Ruhe.«

»Nein, brauche ich nicht«, erklärte Adele und stand auf. Es rührte sie, dass Tommy sie bei sich haben wollte. »Ich bringe ihn gern hin.«

Mrs. Patterson zögerte.

»Bitte! Ich würde gern ein wenig aus dem Haus gehen«, bat Adele.

»Also schön«, stimmte Mrs. Patterson schließlich zu. »Aber komm anschließend gleich wieder zurück; du brauchst Ruhe, hat der Arzt gesagt.«

Adele hatte nicht bedacht, dass der Schulweg mit Tommy so lebhafte Erinnerungen an Pamela in ihr aufsteigen lassen würde. Tommy benahm sich genau wie immer, in der einen Sekunde hüpfte er auf einem Fuß den Rinnstein hinunter, in der nächsten sprang er auf das Pflaster, um dann mit ausgestreckten Armen neben ihr herzulaufen und so zu tun, als wäre er ein Flugzeug. Pamela hatte dann stets Adeles Hand gehalten und sich darüber beschwert, dass Tommy sie alle blamierte. Adele vermisste diese kleine Hand in ihrer, ebenso wie den verärgerten Ausdruck auf dem Gesicht ihrer Schwester und die Art, wie sie in Gekicher ausbrach, wenn Tommy ihr Grimassen schnitt.

Die Grundschule war ein großes, altes, rußgeschwärztes Gebäude mit drei Geschossen. Die Räume des Kindergartens lagen auf der einen Seite, die Klassen für die jüngeren Schüler auf der anderen, und es gab getrennte Eingänge und Spielplätze.

»Ich seh dich dann zum Abendessen«, sagte Tommy, bevor er durch die Tore lief.

Adele blieb einen Moment lang stehen und beobachtete ihn durch das Geländer, während er in einem Gedränge kleiner Jungen verschwand. Die Mädchen hatten sich auf der anderen Seite des Spielplatzes versammelt, und für einen flüchtigen Augenblick hielt sie automatisch Ausschau nach Pamela.

Aus Angst vor derartigen Erinnerungen an ihre Schwester hatte sie Tommy nach Pamelas Tod nicht mehr zur Schule gebracht. Obwohl es sich sehr eigenartig anfühlte, wieder hier zu sein und den gleichen ohrenbetäubenden Lärm von zweihundert oder mehr Kindern zu hören, die alle durcheinanderschrien, hatte es auch etwas seltsam Tröstliches. Während sie die Jungen bei ihren spielerischen Raufereien beobachtete und die Mädchen, wie sie Händchen haltend umherhüpften, gewann Adele plötzlich eine Ahnung davon, dass das Leben trotz Pamelas Tod irgendwie weiterging.

Sie erinnerte sich noch gut an den ersten Schultag ihrer kleinen Schwester. Pamela hatte große Angst gehabt.

»Ist es wahr, dass die größeren Kinder die Neuen mit dem Gesicht in die Toilettenschüsseln drücken?«, hatte sie bang gefragt.

Adele hatte ihr felsenfest versichert, das sei lediglich eine dumme Geschichte, um neuen Kindern Angst einzujagen. »Außerdem bin ich ja in einer höheren Klasse und werde dafür sorgen, dass dir niemand etwas Böses tut.«.

Adele war stolz darauf gewesen, eine so hübsche Schwester zu haben. Selbst als Pamela ihre beiden Schneidezähne verloren hatte, war sie immer noch niedlicher gewesen als jedes andere Mädchen in ihrer Klasse. Sie konnte sie jetzt direkt vor sich sehen, wie sie auf dem Spielplatz Kästchen hüpfte und ihre adretten blonden Zöpfe bei jedem Sprung auf- und abwippten. Einige der Mädchen in Adeles Klasse wollten nichts von ihren jüngeren Geschwistern wissen, aber nicht so Adele - sie hatte sich förmlich überschlagen, um mit Pamela anzugeben.

Als Adele im vergangenen September auf die weiterführende Schule gekommen war, hatte Pamela ihr tröstend gesagt, als sie zusammen die Straße hinuntergegangen waren: »Wenn du willst, komme ich mit dir. Du brauchst keine Angst zu haben. Ich werde all den großen Mädchen erzählen, dass sie nett zu dir sein müssen, genau wie du es für mich getan hast.«

Adele hatte gelacht, denn es war komisch, dass eine kleine Achtjährige glaubte, sie könne große Mädchen herumkommandieren. Aber Pamelas Sorge um sie hatte ihr ein wenig von ihrer Angst vor der neuen Schule genommen.

Jetzt blieb sie noch ein Weilchen stehen, beobachtete die Kinder beim Spielen und fragte sich, ob heute wohl jemand kommen mochte, der sie fortholte. Obwohl sie einerseits wünschte, es möge endlich passieren, weil das das Ende der Furcht und einen neuen Anfang bedeutete, hatte sie andererseits furchtbare Angst. Am ehesten glichen ihre Gefühle denen, die sie an dem Tag empfunden hatte, als sie zum ersten Mal auf die weiterführende Schule gegangen war. Aber damals hatte sie zumindest andere Kinder aus der Grundschule gekannt. Viele von ihnen lebten nur wenige Häuser entfernt. Doch wo immer man sie jetzt hinbringen mochte, würden alle Menschen Fremde für sie sein.

»Werden sie mich heute holen kommen?«, platzte Adele plötzlich heraus, während sie Mrs. Patterson half, einige Kleider auf die Wäscheleine im Hof zu hängen. Nachdem sie Tommy zur Schule gebracht hatte, hatten sie zusammen eine Tasse Tee getrunken, und ihr war aufgefallen, dass Annie einfach nicht stillsitzen konnte und alle paar Minuten von ihrem Stuhl aufsprang, um irgendetwas aufzuräumen. Dieses Verhalten hatte in Adele die Ahnung geweckt, dass irgendetwas im Gange sein musste.

Einen Moment lang huschte ein verräterischer Ausdruck über das Gesicht der Frau, und Adele wusste, dass sie im Begriff stand, sie anzulügen.

»Ich weiß, dass jemand kommen wird«, sagte sie und sah Adele durchdringend an. »Ich weiß nur nicht, ob es heute passieren wird.«

Annie Patterson hatte Adele immer gemocht, gleich vom ersten Tag an, als die Talbots ins Haus eingezogen waren. Es hatte damals heftig geregnet, und Jim und Rose hatten ihre liebe Not gehabt, ihre Sachen nach oben zu bringen. Pamela - damals ein neugeborenes Baby - hatte sich die Seele aus dem Leib geschrien. Annie hatte sich erboten, auf beide Kinder aufzupassen, während die Talbots sich einrichteten. Sie hatte erst kurz zuvor entdeckt, dass sie selbst schwanger war, daher interessierte sie sich sehr für kleine Kinder.

Selbst mit ihren vier Jahren war Adele schon ein komisches kleines Ding gewesen und hatte ein verdächtig gutes Betragen an den Tag gelegt, das auf unheimliche Weise beinahe erwachsen wirkte. »Mummy wird immer sehr müde«, erzählte sie, kurz nachdem Annie das Baby aus dem Kinderwagen genommen hatte, um es zu beruhigen. »Ich schaukle ganz oft den Kinderwagen für sie, aber das gefällt der kleinen Pammy nicht besonders gut, sie möchte, dass Mummy mit ihr kuschelt.«

»Und was hältst du von deiner neuen kleinen Schwester?«, hatte Annie gefragt.

»Sie ist nett, wenn sie nicht weint«, hatte Adele nachdenklich erwidert. »Wenn sie laufen lernt, werde ich die ganze Zeit mit ihr rausgehen, und Mummy kann sich ein wenig ausruhen.«

Und genauso war es dann auch gekommen. Mit sechs Jahren hatte Adele ihre kleine Schwester bereits in einem Kinderwagen die Straße hinuntergeschoben. Annie hatte sie damals häufig durchs Fenster beobachtet und sich gefragt, wie eine Mutter einem so kleinen Kind ein Baby anvertrauen konnte. Obwohl die meisten anderen Familien in der Straße tatsächlich ihre älteren Kinder als Kindermädchen für die jüngeren benutzten, war Rose Annie zu wohlerzogen erschienen, um so unvorsichtig zu sein.

Aber Annie begriff schon bald, dass Adele etwas an sich hatte, das Vertrauen weckte. Als Annie mit Michael schwanger gewesen war, hatte sie Tommy nur allzu gern mit Adele und Pamela in den Park geschickt, sodass sie die Füße hatte hochlegen können. Sie hatte sich immer gefreut, wenn das Mädchen gekommen war, um Tommy zu besuchen, da sie ihm vorlas, mit ihm spielte und ihn ganz allgemein unterhielt. Sie war eine richtige kleine Mutti gewesen und sehr intelligent.

Im Laufe der Jahre hatte Annie Adele viele Male mit blauen Flecken gesehen, aber da sie so ein braves Kind war, war ihr nie der Gedanke gekommen, dass ihre Mutter sie schlagen könnte. Erst vor zwei oder drei Jahren hatte Annie Verdacht geschöpft. Ihr fiel auf, dass Pamelas Kleider immer viel hübscher waren als die ihrer älteren Schwester. Pammy wirkte zudem wohlgenährt und gesund, ganz anders die spindeldürre Adele, die zudem beinahe ständig erkältet war. Sie hatte auch beobachtet, dass Rose Pamelas Hand hielt, wenn sie die Straße hinuntergingen - mit Adele hingegen ging Rose niemals irgendwohin. Nicht ein einziges Mal in acht Jahren hatte sie gesehen, dass Rose ihre ältere Tochter geküsst, an sich gedrückt oder ihr auch nur liebevoll den Kopf getätschelt hätte. Pamela hingegen hatte all diese Zärtlichkeiten von ihrer Mum erfahren.

Jetzt schämte Annie sich ihrer selbst. Sie hatte Adele nicht nur im Stich gelassen, indem sie sich vor langer Zeit nicht von ihren Instinkten hatte leiten lassen; sie ließ sie auch jetzt wieder im Stich, indem sie zusammen mit Dr. Biggs geplant hatte, das Mädchen von der Fürsorge fortholen zu lassen.

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