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Der Weihnachtswunsch

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Vorwort
  7. Memo
  8. Erstes Kapitel
  9. Zweites Kapitel
  10. Drittes Kapitel
  11. Viertes Kapitel
  12. Fünftes Kapitel
  13. Sechstes Kapitel
  14. Siebtes Kapitel
  15. Achtes Kapitel
  16. Neuntes Kapitel
  17. Zehntes Kapitel
  18. Elftes Kapitel
  19. Zwölftes Kapitel
  20. Dreizehntes Kapitel
  21. Vierzehntes Kapitel
  22. Fünfzehntes Kapitel
  23. Sechzehntes Kapitel
  24. Siebzehntes Kapitel
  25. Achtzehntes Kapitel
  26. Neunzehntes Kapitel
  27. Zwanzigstes Kapitel
  28. Einundzwanzigstes Kapitel
  29. Zweiundzwanzigstes Kapitel
  30. Dreiundzwanzigstes Kapitel
  31. Vierundzwanzigstes Kapitel
  32. Fünfundzwanzigstes Kapitel
  33. Sechsundzwanzigstes Kapitel
  34. Siebenundzwanzigstes Kapitel
  35. Achtundzwanzigstes Kapitel
  36. Neunundzwanzigstes Kapitel
  37. Dreißigstes Kapitel
  38. Einunddreißigstes Kapitel
  39. Zweiunddreißigstes Kapitel
  40. Dreiunddreißigstes Kapitel
  41. Vierunddreißigstes Kapitel
  42. Fünfunddreißigstes Kapitel
  43. Sechsunddreißigstes Kapitel
  44. Siebenunddreißigstes Kapitel
  45. Achtunddreißigstes Kapitel
  46. Neununddreißigstes Kapitel
  47. Vierzigstes Kapitel
  48. Einundvierzigstes Kapitel
  49. Zweiundvierzigstes Kapitel
  50. Dreiundvierzigstes Kapitel
  51. Vierundvierzigstes Kapitel
  52. Fünfundvierzigstes Kapitel
  53. Sechsundvierzigstes Kapitel
  54. Nachwort
  55. Danksagung

Über den Autor

Richard Paul Evans ist der preisgekrönte Autor von bislang zwanzig Romanen, die in mehr als fünfundzwanzig Sprachen übersetzt und zum Teil fürs Fernsehen verfilmt wurden. Die THE-WALK-Reihe um den Reisenden Alan Christoffersen hat für Evans eine ganz besondere Bedeutung. Er lebt mit seiner Frau Keri und ihren fünf Kindern in Salt Lake City, Utah.

Richard Paul Evans

DER
WEIHNACHTS-
WUNSCH

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von
Anita Krätzer

Für meinen Freund Robert C. Gay

Vorwort

Liebe Leserinnen und Leser,

als ich in die siebte Klasse ging, stellte unsere Englischlehrerin Mrs Johnson uns die faszinierende – allerdings auch ein wenig makabre – Aufgabe, den eigenen Nachruf zu schreiben. Merkwürdigerweise erinnere ich mich nur noch an wenig von dem, was ich über mein Leben geschrieben habe, aber ich weiß noch, wie ich starb: als Sieger in der Endrunde beim Autorennen Daytona 500. Damals erwog ich noch nicht, das Schreiben zu meinem Beruf zu machen, eine Beschäftigung mit einer bemerkenswert niedrigen Quote von Arbeitsunfällen.

Was mich an Mrs Johnsons Aufgabe am meisten faszinierte, war die Möglichkeit, mich mit meinem eigenen Vermächtnis auseinanderzusetzen. Wie wollen wir anderen in Erinnerung bleiben? Diese Frage hat unsere Spezies von Anfang an bewegt, angefangen mit dem Bau der Pyramiden bis hin zu den Wolkenkratzern, die mit den Namen einzelner Personen verbunden sind.

Als ich diesen Roman begann, hatte ich zwei Ziele. Erstens wollte ich herausfinden, was geschehen könnte, wenn jemand seinen Nachruf vor seinem Tod liest und aus erster Hand erfährt, wie andere wirklich über ihn denken und welches Vermächtnis er hinterlässt.

Zweitens wollte ich eine Weihnachtsgeschichte über eine echte Erlösung schreiben. Es gehört in meiner Familie zur Tradition, dass wir um die Weihnachtszeit eine örtliche Aufführung von Charles Dickens’ Eine Weihnachtsgeschichte besuchen. Ich weiß nicht, wie oft ich sie schon gesehen habe (vielleicht ein Dutzend Mal), aber es rührt mich noch immer, den Wandel zu beobachten, den Ebenezer Scrooge vollzieht, wenn er sich von einem langweiligen Geizhals in einen reumütigen Mann von jugendlicher Spontaneität mit Liebe im Herzen verwandelt. Ich verlasse die Vorstellung stets mit einem Lächeln auf dem Gesicht und dem festen Vorsatz, ein besserer Mensch zu werden.

Das ist es, was ich an diesem Fest gern mit Ihnen teilen möchte, liebe Leser: eine Weihnachtsgeschichte, die Ihre Feiertage, Ihr Zuhause und Ihre Herzen erwärmt.

Frohe Weihnachten!
Ihr Richard Paul Evans

Memo

An: James Kier

Von: Linda Nash

Betrifft: Die von Ihnen angeforderte Liste

Hier ist die von Ihnen angeforderte Liste. Die Reihenfolge der Namen ist willkürlich gewählt. Als Anlage ein Absatz über jede einzelne Person und ihre Beziehung zu Ihnen. Ich wünsche Ihnen bei Ihren Bemühungen alles Gute und hoffe, dass Sie erreichen, was Sie möchten.

Celeste Hatt
Eddie Grimes
Estelle und Karl Wyss
David Carnes
Gary Rossi

P.S. Frohe Weihnachten!

Erstes Kapitel

Samstag, drei Wochen vor Weihnachten

James Kier sah zwischen der Schlagzeile in der Zeitung und dem Foto von sich hin und her und wusste nicht recht, ob er lachen oder seinen Anwalt anrufen sollte. Es war das gleiche Bild, das die Tribune ein paar Jahre zuvor für ein Porträt von ihm auf der Titelseite des Wirtschaftsteils verwendet hatte. Beim Fototermin hatte er über einem schwarzen Seiden-T-Shirt einen silbergrauen Armani-Anzug mit Fischgrätmuster getragen, aus dessen Brusttasche strategisch geschickt ein ebenholzfarbenes Seidentuch hervorgelugt hatte. Das Schwarzweißfoto war mit Bedacht so geschossen worden, dass eine Gesichtshälfte ausgeleuchtet war, während die andere im Schatten lag. Der Fotograf, ein schwarz gekleideter junger Japaner mit einem Haarschopf in leuchtendem Pink, bevorzugte ein Bild in Schwarzweiß, weil er, in seinen Worten gesprochen, »auf einen Yin-Yang-Effekt aus« war, um Kiers »innere Komplexität vollständig erfassen zu können«. Der Fotograf war gut in seinem Metier. Kiers Gesichtsausdruck verriet schwindende Zuversicht.

Während die Fotografie die gleiche war, hätte sich die Schlagzeile von der früheren nicht krasser unterscheiden können. Nicht viele Menschen bekommen ihren eigenen Nachruf zu lesen.

Hiesiger Immobilienmogul stirbt bei Verkehrsunfall

James Kier, in Utah ansässiger Bauunternehmer, wurde für tot erklärt, nachdem sein Wagen an der I-80, Fahrtrichtung Süden, gegen einen Betonpfeiler geprallt war. Rettungskräfte arbeiteten über eine Stunde, um die Leiche des Mannes aus Salt Lake City aus dem Wrack zu bergen. Die Polizei vermutet, dass Kier einen Herzinfarkt erlitten hatte, bevor er von der Fahrbahn abkam.

Kier war Präsident der Kier Company, einer der größten Bauträgerfirmen des Westens. Er war als unerbittlicher, häufig rücksichtsloser Geschäftsmann bekannt. Einst sagte er: »Wenn Sie Freundschaften schließen wollen, treten Sie einem Buchklub bei. Wenn Sie Geld machen wollen, gehen Sie in die Wirtschaft. Nur Dummköpfe verwechseln diese beiden Bereiche.«

Kier hinterlässt einen Sohn, James Kier II., und seine Frau, Sara.

Weitere Informationen über James Kier finden Sie auf Seite 1 des Wirtschaftsteils.

Kier ließ die Zeitung sinken. Für das hier wird irgendein Idiot seinen Job verlieren, dachte er.

Er ahnte noch nicht, was dieser Artikel bewirken würde.

Zweites Kapitel

Celeste Hatt

Alleinerziehende Mutter, 29 Jahre alt. Sohn, Henry, 7 Monate alt. Hatt verlor ihr Zuhause, nachdem Sie sie überredet hatten, sich ein größeres Haus zu kaufen, als sie es sich leisten konnte, und sie ihre gesamten Ersparnisse in die Anzahlung gesteckt hatte. Sechs Monate später verkauften Sie Hatts Haus mit beträchtlichem Gewinn nach einer Zwangsversteigerung. Wo sich Ms Hatt derzeit aufhält, ist nicht bekannt.

Einen Tag zuvor

Celeste Hatt durchforstete eine Kiste mit Kinderbüchern nach dem dünnsten Buch im Stapel. Es war eindeutig ein Abend für eine kurze Geschichte. Obwohl es noch nicht mal neun war, fühlte sie sich bereits erschöpft. Der Alltag einer alleinerziehenden Mutter schien nie einfacher zu werden. Tagsüber, wenn ihr Sohn Henry in der Schule war, arbeitete sie als Kassiererin bei Smith’s Food and Drug; außerdem an den Wochenenden abends als Serviererin im Blue Plate Grill, einem kleinen Lokal, das nur wenige Gehminuten von ihrer Wohnung entfernt lag. Zusätzlich zu ihren beiden Jobs baute sie fast jeden Abend noch in Heimarbeit Platinen für eine örtliche Elektronikfirma zusammen. In ihrer winzigen Küche stapelten sich bis zur Decke braune Pappkartons, die mit chinesischen Schriftzeichen bedruckt waren.

An den meisten Abenden sahen Henry und sie nach dem Essen, dem Abwasch und den Hausaufgaben ihres Sohnes noch fern, während sie die Platinenteile zusammensteckte. Der Vorgang war eher langweilig als technisch anspruchsvoll; eine Maschine wäre besser geeignet gewesen, diese Arbeit zu erledigen. Aber immerhin konnte Celeste so zusätzlich Geld verdienen. Zwei Dollar und fünfzig Cent pro Platine mal fünf pro Stunde brachten rund dreißig Dollar pro Abend.

Zwischen ihren Jobs, der Hausarbeit und der Versorgung eines lebhaften Siebenjährigen hatte Celeste nur die wenigen Minuten für sich allein, die zwischen Henrys Zubettgehen und dem Moment lagen, in dem ihr eigener Kopf auf das Kissen sank. Es heißt, die beste Art, den Tag zu verlängern, bestehe darin, der Nacht ein paar Stunden zu stehlen. Doch für jeden Diebstahl muss man einen Preis bezahlen, und der zeigte sich in den dunklen Ringen um Celestes Augen.

Sie zog ein Buch aus dem Stapel und nahm es mit in Henrys winziges Zimmer. Ihr Sohn lag bereits im Bett. Der Raum wurde von einer kleinen Lampe erleuchtet, die auf dem Boden stand.

»Hallo, Kumpel«, sagte sie. »Wie wär’s mit dem Grinch? Es ist bald Weihnachten.«

»Okay«, meinte er und stützte sich auf einen Ellenbogen.

Sie setzte sich auf die Bettkante und öffnete das Buch.

Henry strich sich eine vorwitzige Strähne seines seidigen Blondhaars aus dem Gesicht. »Mom, wie lange müssen wir hier noch wohnen?«

Sie sah vom Buch auf. »Das weiß ich nicht, Schatz. Noch eine Weile.«

»Wie lang ist eine Weile?«

»Ich wünschte, ich wüsste das.«

»Mir gefällt es hier nicht. Ich will wieder in unser Haus zurück.«

Celeste hatte drei Jahre lang geknausert, verzichtet und gespart, damit sie in ein eigenes Haus ziehen konnten. Aber schon fünf Monate später hatte sie es verloren und damit ihre gesamte Anzahlung. Jetzt wohnten sie in einer heruntergekommenen Doppelhaushälfte mit zwei Schlafzimmern an der stark befahrenen Durchgangsstraße 7th East. Inzwischen war Celeste klar, dass sie das Haus niemals hätte kaufen dürfen. Warum hatte sie bloß auf den Mann von der Baufirma gehört? Aber vielleicht war es passender zu fragen, warum sie das nicht hätte tun sollen. Er konnte so gut reden, klang so weise; wie ein Vater, der seiner Tochter einen väterlichen Rat erteilt. Seine Argumentation wirkte unwiderlegbar, denn er wählte Worte wie »Wohneigentum«, »persönliches Vermögen«, »steuerliche Absetzbarkeit« oder »finanzielle Sicherheit«, die eine eigene Überzeugungskraft besaßen. Verunsichert, wie sie war, fiel jedes dieser Worte bei ihr auf fruchtbaren Boden. Sie hatte ihm vertraut, dass er das Beste für sie wollte.

»Das geht nicht. Es ist nicht mehr unser Haus.«

»Wieso nicht?«

»Wenn du die Hypothek nicht bezahlst, nimmt dir die Bank dein Haus weg.«

»Was ist eine Hypothek?«

»Das ist das Geld, das wir uns von der Bank geliehen haben.«

»Warum kriegst du nicht einfach mehr Geld?«

Celeste seufzte. »Das geht nicht so einfach, Schatz.«

Als sie das Buch wieder hob, fragte Henry: »Wieso musste Daddy nicht umziehen?«

Sie runzelte die Stirn. »Willst du nun, dass ich dir was vorlese oder nicht?«

»Okay.«

Sie begann zu lesen und bemühte sich, den Zorn zu unterdrücken, den Henrys letzte Frage in ihr ausgelöst hatte. Während sie darum kämpfte, sich und ihren Sohn durchzubringen, weigerte sich ihr Exmann Randy weiterhin, sie und ihren Sohn finanziell zu unterstützen. Verschlimmert wurde die Lage noch dadurch, dass Henry in der Schule Probleme hatte und seine Lehrer meinten, dass er eine Therapie brauche.

Natürlich hat er Probleme, dachte sie. Sein Vater hat ihn praktisch fallenlassen und ist in den vergangenen sechs Monaten nicht zu den vereinbarten Besuchsterminen erschienen.

Celeste fragte sich, wie Randy diesen wunderbaren kleinen Jungen so leicht aus seinem Leben streichen konnte. Das erste Mal, als ihr Exmann nicht zum Besuch erschien, hatte Henry fast eine Stunde lang mit gepacktem Koffer an der Tür gestanden. Als Celeste ihren Exmann schließlich telefonisch erreichte, behauptete er zunächst, dass ihm etwas dazwischengekommen sei. Schließlich gab er zu, dass er es einfach vergessen und andere Pläne gemacht hatte. Er erklärte ihr, Henry behindere ihn in seinem Lebensstil. Nachdem sie ihn gefragt hatte, ob er mit »Stil«

»Egoismus« oder »Dummheit« meine, legte er auf.

Henry unterbrach ihren Gedankengang erneut.

»Mom, wie wird uns der Weihnachtsmann denn in diesem Jahr finden?«

»Er wird uns finden. Aber erwarte nicht zu viel. Auch für den Weihnachtsmann sind die Zeiten hart.«

»Ich werde ihn nur bitten, dafür zu sorgen, dass die Bank uns unser Haus zurückgibt.«

»Das fällt in die Kategorie ›Zu viel‹.«

»Nicht für den Weihnachtsmann. Der kann Wunder vollbringen.«

Celeste seufzte. »Henry, wir müssen mal über den Weihnachtsmann sprechen.«

Er erstarrte. »Was?«

Sie blickte in seine erschrockenen Augen. »Es ist nicht weiter wichtig. Weißt du, ich bin ziemlich müde. Was hältst du davon, wenn wir den Rest der Geschichte heute Abend ausfallen lassen. Okay?«

»In Ordnung.«

Sie schloss das Buch und stand vom Bett auf. Henry griff nach ihrer Hand. Celeste sah zu ihm hinab.

»Mom, wolltest du mir sagen, dass es in Wirklichkeit gar keinen Weihnachtsmann gibt?«

»Warum denkst du das?«

»Ich weiß das bereits. Miss Covey hat es mir gesagt.«

Celeste spürte Ärger in sich aufsteigen. »Ach, hat sie das?«

Er nickte.

»Das tut mir leid, mein Schatz. Du hättest es von mir erfahren sollen.«

»Miss Covey hat gesagt, dass unsere Eltern uns anlügen.«

Celeste stieß einen missbilligenden Laut aus. »Ich glaube, ich muss mal mit Miss Covey reden.«

»Hast du gelogen?«

»Henry, der Weihnachtsmann steht für den Geist des Gebens. Und manchmal ist es gut, wenn man etwas hat, an das man glaubt. Ich wollte einfach, dass du jetzt etwas hast, an das du glauben kannst.«

»Woran glaubst du

Sie sah ihn einen Moment lang an und zwang sich dann zu einem Lächeln. »Ich glaube an dich.« Sie fuhr ihm mit den Fingern durch die Haare. »Und ich glaube, dass alles mit uns gut wird. Jetzt lass uns beten.«

Sie kniete neben seinem Bett nieder. »Kannst du heute Abend das Gebet sprechen?«

»Klar.« Henry schloss die Augen. »Lieber Gott …« Er hielt inne. Dann öffnete er ein Auge und flüsterte: »Mom?«

»Ja?«

»Ist Gott ein Schwindel, so wie der Weihnachtsmann?«

»Nein.«

Er schloss die Augen wieder. »Himmlischer Vater, danke für deine Segnungen. Bitte, hilf Mom, damit sie sich besser fühlt. Hilf uns, mehr Geld zu bekommen. Und bitte hilf uns, dass wir unser Haus zurückkriegen. Amen.«

»Amen«, sagte Celeste sanft. Sie beugte sich vor und küsste ihn auf die Stirn. »Ich hab dich lieb, mein Kleiner.«

»Ich hab dich auch lieb.«

Sie schaltete das Licht aus, schloss die Tür und ging in die Küche. Sie wünschte, sie könne wirklich glauben, was sie zu ihrem Sohn gesagt hatte: dass alles gut werden würde. Sie wünschte, etwas möge geschehen, das ihr diesen Glauben eingeben würde.

Durch das Fenster sah sie, dass draußen Schnee fiel. Sie schaltete das Radio an. »Santa Claus Is Comin’ to Town« wurde gespielt. Mitch Miller. Sie schaltete das Gerät wieder aus. Das Lied war zu festlich für ihre gegenwärtige Stimmung. Thanksgiving war gerade vorbei. Henry und sie hatten es mit Essen vor dem Fernseher gefeiert, das aus Truthahnscheiben und Kartoffelbrei bestand. Anschließend war sie zu ihrer Arbeit in dem Lokal gegangen. Wann würde ihr etwas Gutes widerfahren?

Sie erhitzte etwas Wasser in der Mikrowelle, warf einen Beutel mit Kamillentee hinein und fügte einen Teelöffel voll Honig hinzu. Dann ging sie zum Schaukelstuhl im Wohnzimmer, rührte den Tee um und setzte sich. Ein ständiger Strom von Autos brauste laut vorbei. Es war, als wohnten sie an einem quietschenden, hupenden Strom. Sie nahm einen Schluck Tee. Dann schlug sie die Hände vors Gesicht und brach in Tränen aus.

Drittes Kapitel

Derselbe Freitag

Saras Sohn öffnete leise die Tür und spähte in den abgedunkelten Raum, um zu sehen, ob sie noch schlief.

Aus der Dunkelheit kam ihre Stimme, schwach und mühsam. »Jimmy?«

»Ja, Mom.«

»Ist es Zeit?«

»Ja. Fast.«

Jimmys vollständiger Name war James Kier II., was für den Enkel eines einfachen Maurers seltsam klang. Sein Name hatte sich vom Augenblick seiner Geburt an entwickelt – von kleiner Jimmy zu Jim, zu J. J., zu Jim junior bis hin zu Jimmy, wie er seit dem Besuch der High School gerufen wurde. Jimmy trat ins Zimmer.

»Habe ich dich geweckt?«

»Nein, ich habe hier bloß noch ein wenig gelegen. Machst du bitte das Licht an?«

»Ja.« Jimmy betätigte den Schalter.

Seine Mutter trug ihr Flanellnachthemd. Sie hatte die Bettdecke bis zur Brust hochgezogen, und man sah ihren kahlen Kopf.

Bello, ein schwarzer Shih Tzu, hatte sich zwischen ihren Fußknöcheln zusammengerollt. Der Hund blickte hoch und warf sich auf den Rücken in der Hoffnung, dass ihm der Bauch gekrault würde.

»Jetzt nicht, Bello.« Sara suchte nach ihrer Mütze, fand sie und zog sie schnell über. »Entschuldige«, sagte sie verlegen. »Du solltest deine Mutter nicht kahlköpfig sehen müssen.«

Jimmy setzte sich neben sie aufs Bett. »Manche Frauen sehen schön aus mit einer Glatze. Du bist eine von ihnen.«

Sie lächelte. »Danke. Einige Männer sehen mit einer Glatze schön aus.«

»Und der Rest bescheuert.«

Sara lachte. »Bist du fertig?«

»Ja. Juliet wird in ein paar Minuten hier sein. Zumindest sollte sie das, sonst verpasse ich mein Flugzeug.«

»Ich kenne Mädchen, die sich nicht darüber beklagen würden.«

»Und ich kenne Professoren, die das durchaus tun würden.«

»Ich weiß. Komm, drück mich mal.« Sie zog ihn eng an sich und umarmte ihn, so fest sie konnte. »Es war so schön, dich hier zu haben. Ich vermisse dich, wenn du weg bist.«

»Ich vermisse dich auch, Mom.« Er streckte die Hand aus und streichelte das lange, seidige Fell des Hundes. »Und was ist mit Bello?«

»Er ist schrecklich«, meinte sie. »Ich kann ihn nicht ertragen. Er erzählt mir nichts.«

Jimmy lachte. Dann schob er die Finger unter Bellos Halsband und kraulte dem Hund den Nacken. »Und wie fühlst du dich?«

»Ganz gut.«

Er blickte zweifelnd zu seiner Mutter auf. »Wirklich?«

»Ich bin vielleicht ein wenig benommen.«

»Du solltest weiterschlafen.«

»Ich muss aufstehen. Ich habe heute Morgen einen Termin.«

Jimmy runzelte die Brauen. »Was für einen Termin?«

Sie zögerte, weil sie wusste, dass die Antwort ihn verärgern würde. »Mit deinem Vater und den Anwälten.«

Jimmy reagierte, wie sie es erwartet hatte. »Du machst wohl Witze!«

»Es ist okay.«

»Was ist okay? Dass er dich aus dem Bett aufscheucht, nur weil es ihm gerade passt? Zum Teufel mit ihm! Du hattest gerade eine Chemo.«

»Ich habe dem Termin zugestimmt. Er sollte heute oder nächste Woche sein.« Sara atmete hörbar aus. »Ich muss es hinter mich bringen.«

»Ich weiß nicht, wieso du dich noch mit ihm abgibst. Er ist ein gefühlloser, egoistischer …«

»Jimmy, hör auf!« Saras Ton war schärfer, als sie es beabsichtigt hatte.

»Du weißt, dass er das ist.«

»Sprich nicht so über ihn. Er ist dein Vater.«

»Kein Richter könnte ihn davon überzeugen.« Er sah seine Mutter an und bereute, dass er sie aufgebracht hatte. »Es tut mir leid. Aber wegen dir, nicht wegen ihm.«

Sie legte ihre Hand auf seine. »Ich verstehe deine Wut, Jimmy, aber sie gefällt mir nicht. Wenn ich das hier nicht überstehe, wird er der einzige Elternteil sein, den du dann noch hast.«

»Mom, red doch nicht so. Du wirst es packen.«

»Natürlich werde ich das. Ich will nur, dass du darüber nachdenkst.«

»Ich begreife es bloß nicht, Mom. Warum bist du ihm gegenüber noch immer so loyal? Er hat dich verlassen, als du ihn am meisten brauchtest.«

Sara blickte ihren Sohn traurig an. »Das hat vermutlich etwas mit der Vergangenheit zu tun. Ich weiß, warum dein Vater so ist, wie er ist. Und ich glaube, dass in seinem Innersten noch immer ein guter Mensch steckt. Er hat sich derzeit nur verrannt.«

»Woher weißt du, dass er sich nicht endgültig verrannt hat?«

»Wir verrennen uns alle mal. Der Trick besteht darin zu glauben, dass wir es verdienen, auf den richtigen Weg zurückzufinden.«

Jimmy lächelte reumütig. »Also gut. Soll ich dich hinfahren?«

»Ich komm schon klar. Und du musst dein Flugzeug kriegen.« Zart strich sie über seine Hand. »Wie steht’s um deine Hochzeitspläne?«

»Gut, vermute ich. Juliet und ihre Mom hatten Probleme, für den Empfang Räumlichkeiten zu finden, die am Neujahrstag geöffnet sind. Alles Verfügbare ist zu teuer.«

»Ich wünschte, sie würden unser Hilfsangebot annehmen.«

»Ich weiß, aber ihre Eltern wollen nichts davon wissen. Aber Juliet kümmert sich so ziemlich um alles. Sie hat mich in den paar Tagen, die ich hier gewesen bin, völlig geschafft. Das Smokinggeschäft, Hochzeitsfotos, das Catering. Ich kann es kaum erwarten, dass der Urlaub vorbei ist, damit ich ein wenig zur Ruhe komme.«

Sara lachte. »Juliet ist ein reizendes Mädchen. Und es ist ein besonderer Tag für sie, an dem sie den perfekten Mann heiratet. So einen kriegt man nur einmal.« Sie drückte die Hand ihres Sohnes. »Wann kommst du wieder?«

»Meine letzte Abschlussprüfung ist am 19. Am selben Nachmittag breche ich auf.«

»Wir warten auf dich.«

In diesem Moment hupte ein Auto. »Das ist Juliet. Ich hol sie rein.«

»Nein, du beeilst dich besser. Du willst deinen Flieger doch nicht verpassen. Und Juliet möchte vermutlich jede noch verfügbare Sekunde mit dir zusammen sein.«

Jimmy stand grinsend auf, aber dann zögerte er. Er spürte, dass ihm seine Mutter nicht alles erzählt hatte. »Mom?«

»Ja, Schatz?«

»Es fällt mir schwer, dich allein zu lassen. Ich habe das Gefühl, dass das nicht richtig ist.«

»Unsinn, ich mache Fortschritte. Und ich bekomme sehr viel Unterstützung und die beste Betreuung. Geh einfach, beende dein College und komm dann wieder. Ich laufe nicht weg.«

Er blickte seine Mutter einen Moment lang an und zwang sich zu lächeln. »Das solltest du auch nicht.«

»Versprochen.« Saras Augen füllten sich mit Tränen. »Tschüs, mein Lieber! Viel Glück bei deinen Abschlussprüfungen.«

»Tschüs, Mom!« Jimmy beugte sich vor und küsste sie auf die Stirn, bevor er das Zimmer verließ.

Sara wartete, bis sie hörte, wie die Vordertür zuschlug, dann schwang sie die Beine über die Bettkante, umklammerte den Bettpfosten und stand auf. Sie besaß weniger Kraft, als sie ihre Umgebung wissen ließ. Sie merkte, dass sie mit jedem Tag schwächer und langsamer wurde wie eine ablaufende Uhr.

Während sie sich zur Dusche vortastete, dachte sie an die bevorstehende Hochzeit. Sie hätte sich gern stärker an den Vorbereitungen beteiligt, aber sie besaß nicht die nötige Kraft dafür. Die Wahrheit war, dass sie wusste, dass sie vielleicht nicht mehr lange genug da sein würde, um sie noch zu erleben. Zwar klammerte sich Jimmy noch immer an die Hoffnung, dass sie wieder gesund werden würde, aber nur, weil er nicht wusste, wie krank sie wirklich war. Nur sie selbst und ihr Arzt wussten, wie weit ihr Krebs fortgeschritten war, denn sie wollte diese Bürde ihrem Kind nicht auflasten. Sie hatte ihrem Sohn nie gesagt, dass die Behandlungen, denen sie sich unterzog, sie nicht zu heilen vermochten, sondern lediglich ihre Schmerzen lindern und ihr Leben verlängern sollten.

Wenn sie noch genug Zeit herausschlagen könnte, würde sie ihr letztes Ziel erreichen und die Hochzeit ihres einzigen Kindes miterleben.

Danach wird es aus sein mit ihnen, sagte sie sich, und es ist egal, was dann aus mir wird.

Zumindest redete Sara sich das ein.

Viertes Kapitel

Juliet stieg genau in dem Moment aus dem Auto, als Jimmy aus dem Haus trat. Er zog seinen Koffer hinter sich her. »Guten Morgen, du attraktiver Mann.«

Jimmy lächelte, als sie auf ihn zugelaufen kam. Seine Verlobte trug einen weißen Wollmantel, und ihr kurzes blondes Haar war zum größten Teil von einer hellroten Wollmütze bedeckt. »Hallo, Baby.«

Auf halbem Wege erreichte sie ihn. Sie umarmten und küssten einander.

»Das bringt mich um«, meinte Juliet. »Ich kann es nicht glauben, dass ich mich schon wieder von dir verabschieden muss.«

»Es ist das letzte Mal«, erwiderte Jimmy. »Bald wirst du mich nicht mehr los.«

Sie blickte ihm in die Augen. »Versprochen?«

»Versprochen.« Jimmy küsste sie erneut. »Wir sollten uns lieber beeilen.« Er warf seinen Koffer hinten in ihren Wagen. »Willst du, dass ich fahre?«

»Yes, Sir.«

Jimmy hielt ihr die Tür auf, bevor er den Wagen umrundete und sich ans Steuer setzte.

»Es tut mir leid, dass ich so spät dran bin«, sagte sie. »Dads Auto ist nicht angesprungen, und er hatte es hinter meinem geparkt.«

»Wir werden es rechtzeitig schaffen. Was war denn los mit seinem Wagen?«

»Schwache Batterie oder sonst was. Es ist alt.«

Sie verließen die Auffahrt. An der ersten Abbiegung fragte Juliet: »Wie geht’s deiner Mom heute Morgen?«

Jimmy schüttelte den Kopf. »Das hängt davon ab, ob man sich an das hält, was sie sagt, oder daran, wie sie aussieht. Soweit ich es beurteilen kann, hat sich ihr Zustand überhaupt nicht gebessert.«

»Die Chemo ist eine große Belastung. Es wird dauern. Aber sie ist eine starke Frau.«

»Das stimmt.«

»Ich werde nach ihr sehen, während du weg bist. Ich frage mich, ob ich sie nicht diese Woche zum Essen einladen sollte.«

»Sie würde sich sehr darüber freuen.«

Juliets Gesicht erstrahlte. »Oh, ich habe tolle Neuigkeiten. Mom und ich haben einen Ort gefunden.«

Jimmy sah sie fragend an. »Einen Ort für was?«

»Na, du stellst Fragen! Einen Ort für unsere Hochzeitsfeier, Dummkopf.«

»Das ist super, Jules. Wo?«

»Es sind bezaubernde Räumlichkeiten. Sie sind etwas teurer, als wir gehofft hatten, aber Mom hat gefragt, ob sie den Preis nicht ein wenig senken könnten, und sie sagten, dass sie uns möglicherweise etwas entgegenkommen können, weil es der Neujahrstag ist. Ich kann nicht glauben, dass das machbar ist. Es ist das schönste Lokal, das wir uns angesehen haben. Er ist einfach perfekt.«

Jimmy war glücklich, sie so aufgeregt zu sehen. »Das erleichtert mich sehr. Erzähl mir davon.«

»Es liegt in Sandy und hat einen unglaublichen Ausblick auf die Berge. Es erinnert ein bisschen an ein Gewächshaus. Beispielsweise stehen überall Brunnen und Pflanzen herum wie in einem Labyrinth, und du kannst dich darin regelrecht verlaufen. Ich glaube, es war mal ein Blumenladen.«

Jimmy runzelte die Stirn. »Es ist nicht Le Jardin, oder?«

»Du kennst das Lokal?«

»Das wird nicht gehen.«

Juliets Lächeln verschwand. »Was meinst du damit? Es ist perfekt. Und es ist machbar.«

»Es gehört meinem Vater.«

Sie sah ihn prüfend an. »Ist das nicht noch besser?«

»Nein.«

»Jimmy, das verstehe ich nicht.«

»Erstens und vor allem würde das bedeuten, dass wir ihn einladen müssten.«

Juliet war noch verwirrter. »Du lädst deinen Vater nicht zu unserer Hochzeit ein?«

»Nein. Ich will ihn nicht dabeihaben. Du wirst eine andere Lokalität finden müssen.«

»Punktum?«

»Le Jardin kommt nicht in Frage.«

»Mom und ich haben wochenlang nach einem Ort gesucht. Es ist die einzige Möglichkeit.«

»Nein, das ist es nicht. Wir können den Ballsaal im Grand America mieten, wie ich ursprünglich vorgeschlagen habe.«

»Und woher nehmen wir das Geld dafür?«

»Wir werden es bezahlen.«

Sie wandte sich von ihm ab. »Ich werde dieses Gespräch nicht noch einmal führen.«

»Ich glaube, dass sollten wir aber.«

»Hast du eine Vorstellung davon, in welche Verlegenheit das meine Eltern bringen würde? Für dich ist es einfach, mit dem Geld um dich zu werfen. Aber meine Eltern haben jahrelang für diesen Tag gespart.«

»Ein Grund mehr, warum meine Familie das bezahlen sollte.«

»Du verstehst nicht, worum es geht.«

»Da hast du Recht, das tue ich nicht. Deine Eltern sind …« Er stockte.

»Meine Eltern sind was? Dumm?«

»Stolz.«

»Sie haben auch allen Grund, stolz zu sein. Sie haben hart gearbeitet, um mir alles zu geben, was sie konnten. Das musst du ihnen lassen.«

»Das will ich ja.«

»Was du willst, spielt keine Rolle, sondern was du tust. Du hast keine Ahnung, wie es ist, wenn man kein Geld hat.« Juliet lehnte sich weinend gegen die Tür.

Als sie den Airport von Salt Lake City erreichten, atmete Jimmy tief aus. »Jules, es tut mir leid.« Er streckte die Hand aus und berührte ihren Oberschenkel. »Es tut mir wirklich leid.«

Ohne ihn anzuschauen, nahm sie seine Hand.

Er fuhr zum ersten Terminal und parkte zwischen zwei Wagen am Bordsteig ein. Dann beugte er sich zu ihr hinüber. »Komm, verabschieden wir uns nicht auf diese Weise.«

Juliet wischte sich über die Augen. »Gut.« Sie legte den Kopf auf seine Schulter. »Es ist nicht nur der Empfang. Ich weiß, dass dein Vater nicht für dich da war, aber ihn von der Hochzeit auszuschließen ist falsch. Ich fürchte, dass du das eines Tages bereuen wirst.«

Jimmy drückte sie an sich, antwortete jedoch nicht.

»Ich will nur, dass du glücklich bist.«

»Ich verspreche, darüber nachzudenken«, erklärte er. Sie küssten einander.

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