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Der Visionist

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich
der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Die Handlung und Figuren dieses Romans sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

Wenn wir in den wunderbar ausgestatteten Sälen eines Museums stehen, vergessen wir manchmal, dass jedes Ausstellungsstück ein Überlebender ist, der Zeugnis ablegt für unzählige andere, ähnliche Kunstwerke, die verloren gingen. Diese epochale Ausstellung erinnert uns daran, dass jeder Überlebende mehr rettet als nur sich selbst; er ist Teil der Kultur, der Identität und der Geschichte, die nur darauf warten, wieder miteinander verknüpft zu werden.

Roberta Smith in der New York Times über die Ausstellung „Afghanistan: Verborgene Schätze aus dem Nationalmuseum, Kabul“

MEIN DANK GILT …

… allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bei MIRA Books, vor allem meiner wundervollen Lektorin Margaret O’Neill Marbury und Adam Wilson.

… Lisa Tucker und Douglas Clegg. Der Gedanke, ein Buch ohne sie zu schreiben, erscheint mir völlig unmöglich. Ich hoffe, das Unmögliche möge nie geschehen.

… Jerry Hooten. Falls sich in den Roman Fehler eingeschlichen haben, die mit Fragen von Gebäudesicherheit oder polizeilichen Ermittlungsmethoden zu tun haben, dann sind sie alle mir zuzuschreiben, nicht ihm.

… Susan O’Doherty, deren Hilfe mir so viel Zeit und Kummer und Nerven erspart.

… allen Leserinnen und Lesern, Buchhändlerinnen und Buchhändlern, Rezensentinnen und Rezensenten auf der ganzen Welt ein großes Dankeschön.

… meiner wunderbaren Familie. Und Doug.

1. KAPITEL

Aufgefordert, in aller Kürze den Begriff Kunst zu definieren, könnte ich ihn nur bezeichnen als die Reproduktion dessen, was unsere Sinne durch den Schleier der Seele von der Natur wahrnehmen.

– Edgar Allan Poe, „Marginalien“ –

Vor zwanzig Jahren

Wann immer er vor der Staffelei stand, spielte die Zeit ihm einen Streich. Er war hypnotisiert vom Rhythmus des Pinsels auf der Leinwand, davon, wie eine Farbe in die nächste floss, wie beide Töne einen dritten erzeugten und der dritte in den vierten überging. Sein ganzes Sein war nur noch auf das Bild gerichtet, alles Übrige verschwand aus seinem Bewusstsein. Wenn er so ins Malen eintauchte, dann vergaß er alle Pflichten. Er erschien nicht zu seinen Seminaren, er trank nichts mehr, aß nichts mehr, schaute nicht mehr auf die Uhr.

Und deshalb hetzte Lucian Glass an diesem Freitagabend um 17.25 Uhr die nach Urin stinkenden Treppen in den düsteren U-Bahnhof hinunter, obwohl er eigentlich schon längst im Geschäft von Mr Jacobs sein sollte, wo dessen Tochter Solange ihn erwartete. Sie wollten zusammen in eine Ausstellung eine Straße weiter gehen, im Metropolitan Museum of Art.

Die Jalousien waren unten, als Lucian beim Laden ankam. CLOSED las er auf dem Schild, das in der Tür baumelte; sie war allerdings offen, also trat er ein. Im Innern waren alle Lampen aus, doch dämmriges Licht fiel durch die Fenster. Er sah sofort, dass Solange nicht mehr hier war. Dicht an dicht gedrängt standen hier nur Dutzende von leeren Bilderrahmen, aus denen nur die hellgelb gestrichene Wand hervorblickte. Wie verlorene Seelen schienen sie auf jemanden zu warten, der endlich ihrer Existenz einen Sinn verlieh.

Er hastete nach hinten in die Werkstatt, wo der Geruch nach Klebstoff und Sägespänen stärker wurde. Auch die Stille nahm zu. Kein Ton war zu hören, nur seine eigene Stimme, die ihren Namen rief.

„Solange?“

Er blieb in der Tür stehen und schaute sich um. Auch hier standen nur leere Rahmen. Wo steckte sie nur? Hatte sie hier allein auf ihn gewartet? Lucian trat zu der Werkbank und fragte sich, ob es vielleicht noch ein Zimmer gab. Da sah er sie. Solange lag ausgestreckt auf dem Boden. Sie war so gegen einen großen, verschnörkelten Rahmen gefallen, als wäre sie das Meisterwerk, das er einrahmen sollte. Ihr Blut war auf die zerbrochenen goldenen Leisten gespritzt, ein Stillleben des Schreckens. Auf ihrem Gesicht und den Händen waren Schnitte, und eine Blutlache breitete sich unter ihr aus.

Lucian kniete sich neben sie, er berührte ihre Schulter. „Solange?“

Sie öffnete die Augen nicht, doch ihr Mund verzog sich zu einem kaum sichtbaren Lächeln.

Während er noch darüber nachdachte, was er zuerst tun sollte – ihr helfen oder die Polizei rufen –, öffnete sie die Augen, hob den Arm und berührte ihre Wange. Ihre Fingerspitzen waren rot vor Blut, als sie den Arm wieder senkte.

„Ein Schnitt?“, fragte sie, als hätte sie keine Ahnung, was passiert war.

Er nickte.

„Versprich mir“, flüsterte sie, „dass du mich so nie malen wirst …“ Solange hatte eine halbmondförmige Narbe auf der Stirn und überprüfte immer heimlich, ob ihre Ponyfransen sie auch verdeckten. Wenn sie sich selbst bei der unbewussten Geste erwischte, dann lachte sie über ihre eigne Eitelkeit. Jetzt geriet ihr das Lachen zu einem Stöhnen.

Ihre Lider flatterten, sie wurde wieder ohnmächtig, und Lucian legte ihren Kopf an seine Brust. Es war kein Herzschlag mehr zu hören. Er drückte seinen Mund auf ihre Lippen und versuchte, sie wiederzubeleben, wobei er sich verzweifelt bemühte, ihr Luft in die Lunge zu atmen wie die Leute in den Filmen, die er gesehen hatte. Wahrscheinlich machte er es vollkommen falsch.

Ihm war, als hätte ihre Hand sich bewegt, und für einen Moment durchströmte ihn Erleichterung, weil sie leben und wieder gesund werden würde. Doch dann wurde ihm klar, dass er nur seine eigene Spiegelung in dem glänzenden Rahmen gesehen hatte. Ihr Kopf lag wieder an seiner Brust, und er lauschte, aber es war alles still. Doch als er so dasaß, während das Blut aus ihrer Wunde in sein Brusthaar und das Hemd sickerte, spürte er einen kurzen, heftigen Windstoß.

Lucian war groß gewachsen, aber nicht besonders muskulös. Im Grunde war er nur ein magerer Junge, der ein Maler sein wollte. Er hatte keine Ahnung von Selbstverteidigung, er wusste nicht, wie er das Messer abwehren sollte, das auf ihn niederfuhr und durch sein Hemd in Fleisch und Muskeln drang. Einmal, zweimal … Das Messer stach auf ihn ein, bis er den Schmerz nicht mehr fühlte. Er selbst war zum Schmerz geworden, sein Körper in Todesangst erstarrt. Er strengte sich an, wollte alles mitkriegen – als ob das noch eine Rolle spielte. Mühsam versuchte er, sich wenigstens die Farben der Szene zu merken, die sich um ihn herum abspielte: die Hemdsärmel seines Angreifers waren ocker, Solanges Haut titanweiß … Er ließ sich treiben.

Als Nächstes hörte er weit entfernt undeutliche Stimmen. Lucian versuchte zu verstehen, was sie sagten.

„… sehr großer Blutverlust …“

„… mehrfache Stichverletzungen …“

Er bewegte sich fort von den Worten. Oder bewegten sie sich fort von ihm? Ließen die Leute ihn hier alleine liegen? Sahen Sie denn nicht, dass er verletzt war? Nein, sie gingen nicht weg … Sie hoben ihn hoch. Sie bewegten ihn. Kühle Luft strich über sein Gesicht. Verkehrslärm.

Die Stimmen wurden noch undeutlicher.

„Ich spüre keinen Puls mehr …“

„Er kippt uns weg … Schneller, macht schon! Wir verlieren ihn …“

Der Abstand zwischen ihm und den Stimmen wurde mit jeder Sekunde größer. Die Worte waren nur noch ein Flüstern, so weich wie eine Strähne von Solanges Haar.

„Wir schaffen es nicht mehr rechtzeitig … Er ist weg.“

„Herzstillstand 18.59 Uhr“, hörte Lucian noch einen Sanitäter zum anderen sagen. Danach bekam er nichts mehr mit. Eine Stille war in Lucian eingetreten, die ihn vollkommen erfüllte. Eine Stille, die ihm zu guter Letzt endlich die Schmerzen nahm.

2. KAPITEL

Gegenwart

Das Gebäude an der Ecke 40. Straße und Third Avenue bestand aus treppenförmig angeordneten, verglasten Kuben. Im fünfzehnten Stock, in einem Büro mit einer luxuriösen Ausstattung, die man in dem modernen Gebäude kaum erwarten würde, unterhielten sich drei Männer in einer Konferenzschaltung mit einem vierten über eine sichere Telefonleitung. Die Vorsichtsmaßnahme erwies sich als unnötig. Die Ständige Vertretung der Islamischen Republik Iran bei den Vereinten Nationen hatte die Räume angemietet, und vor dem Einzug hatten sie alle nicht tragenden Wände herausreißen lassen, damit sie die Büros gegen superempfindliche Mikrofone zum Abhören aus weiten Entfernungen sichern konnten. Vorsicht war die Mutter der Porzellankiste, vor allem, wenn man sich auf fremdem Boden befand.

Dichter Rauch hing über dem Tisch in dem fensterlosen Konferenzzimmer, und der Geruch von starkem Tabak nahm Ali Samimi fast die Luft. Er hasste den Gestank von kubanischen Zigarren. Aber er hatte hier nicht das Sagen und konnte sich deshalb nicht beschweren. Er hustete. Und hustete noch einmal. Prompt blies sein Boss eine Wolke in seine Richtung, obwohl er genau wusste, dass Ali Zigarrenrauch nicht vertrug. Typisch Farid Taghinia. Was für ein abgebrühter Riesenarsch von einem Hurensohn! Samimi musste fast grinsen beim bloßen Gedanken daran, wie die Amis fluchten.

„Bei der Zusammenarbeit mit den Briten, den Franzosen und den Österreichern gibt es keine Probleme. Nur bei den Amerikanern tauchen immer wieder Komplikationen auf. Ich habe dem Museum erlaubt, die Skulptur für die Eröffnung ihres neuen Flügels noch zu behalten. War das denn keine großzügige Geste? Haben sie denn unsere Dokumente nicht gesehen? Sie beweisen eindeutig, dass die Skulptur gestohlen ist. Warum zögern sie die Übergabe immer noch hinaus?“ Die Stimme von Hicham Nassir war sechstausend Meilen entfernt, doch selbst über diese Distanz war sein Unverständnis nicht zu überhören.

„Ich habe ihnen die Dokumente noch nicht gezeigt“, erklärte Vartan Reza, ein im Iran geborener amerikanischer Rechtsanwalt mit zerfurchten Gesichtszügen. Er war auf Kulturerbe-Fälle spezialisiert. Vor fast zwei Jahren hatte die Ständige Vertretung Reza mit der Rückforderung einer Skulptur beauftragt, die vor hundert Jahren angeblich illegal aus dem Iran ausgeführt worden war. Derzeit befand sich die Skulptur im Besitz des Metropolitan Museums of Art. Der Anwalt hatte den Fall erst angenommen, als Taghinia ihm mehr als ein großzügiges Honorar versprochen hatte. Auch die noch in Teheran lebenden Familienmitglieder Rezas würden gut versorgt werden.

Hätte Samimi auch nur ein bisschen Respekt vor Taghinia gehabt, dann wäre er beeindruckt gewesen von der cleveren Verhandlungsstrategie seines Bosses. Aber was als großzügiger Bonus daherkam, war eine kaum verhüllte Drohung. Und das machte Samimi nur noch nervöser.

„Sie haben ihnen die Dokumente nicht vorgelegt? Warum nicht?“ Taghinia saß am anderen Ende des Tisches. Er steckte sich die kubanische Zigarre in den Mund und saugte daran.

„Ich habe ein paar Fragen, was die Authentizität der Schriftstücke betrifft“, erklärte Reza. „Und ich möchte den Anwälten des Museums nichts übergeben, das uns nachher unprofessionell dastehen lässt und dem Fall schadet.“

Taghinia pflückte einen Tabakkrümel von seinen wulstigen Lippen, blinzelte mit seinen eidechsenbraunen Augen und begann, mit dem Fuß auf den Teppich zu klopfen. „Fragen?“ Klopf, klopf. „Solche Fragen zu diesem Zeitpunkt sind nicht erwünscht, Mr Reza.“ Klopf, klopf. „Unsere Regierung wird allmählich ungeduldig.“

„Das kann schon sein. Doch es ist nicht in Ihrem Interesse, wenn ich überstürzt vorgehe.“

Taghinia warf Samimi einen bösen Blick zu, als ob das Verhalten des Anwalts irgendwie Samimis Schuld wäre. Höfliche Umgangsformen und wirkliche Kooperation zwischen dem Iran und den USA gab es nur im kulturellen Bereich. Wenn diese Sache sich hinzog und zu einem internationalen Vorfall wurde, dann war bei den sowieso schon angespannten diplomatischen Beziehungen keinem Land gedient.

„Wussten Sie davon?“, schnauzte Taghinia ihn an.

„Es schert mich nicht, ob Samimi darüber informiert war oder nicht. Ich möchte wissen, was es an den Dokumenten auszusetzen gibt.“ Nassirs Stimme brachte die Aufmerksamkeit im Raum zurück zu der Lautsprecherbox, die mitten auf dem glänzenden Ebenholztisch stand.

„Ich halte sie für Fälschungen“, erwiderte Reza.

„Wie bitte?“ Taghinias Gesicht nahm eine rötliche Färbung an, was einen bevorstehenden Wutausbruch signalisierte, doch Samimi vermutete, dass sein Boss ein schlechtes Gewissen hatte.

„Das ist unmöglich!“, rief Nassir in Teheran. „Reza, hören Sie? Das ist unmöglich!“

So aufgebracht hatte Samimi den Kulturminister noch nie erlebt. Nassir hatte in Oxford Kunstgeschichte studiert und zwei Bücher über Islamische Kunst verfasst, die in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt worden waren. Jedes Exponat in den Museen des Irans sei ein Mitglied seiner Familie, hatte Nassir einmal gesagt, und es sei seine Aufgabe, sie alle für die Nachwelt zu bewahren.

„Die Teilungsvereinbarung, in der es um den Verbleib der Stücke geht und die in der Ausgrabung in Susa gefunden wurden, ist auf das Jahr 1885 datiert“, sagte Reza.

„Und?“, fragte Nassir.

„Das Papier, auf dem die Vereinbarung festgehalten wurde, ist erst 1910 hergestellt worden.“

„Das kann nicht sein!“

„Ich fürchte doch. Ich habe es von zwei Spezialisten überprüfen lassen.“

„Aber es gibt andere Quellen, die den Inhalt der Vereinbarung bestätigen!“, widersprach der Minister.

„Keine der anderen Quellen bezieht sich direkt auf die Skulptur, Mr Nassir. In den letzten achtzehn Monaten sind wir davon ausgegangen, dass die Dokumente echt sind. Unsere gesamte Argumentation stützt sich auf sie. Das ist ein ernst zu nehmender Rückschlag.“

Im Zentrum der iranischen Forderung stand eine etwa zweieinhalb Meter hohe Statue aus Gold und Elfenbein, die den griechischen Gott Hypnos darstellte, den Gott des Schlafes. Weder Samimi noch einer der anderen Männer, die an der Telefonkonferenz teilnahmen, hatten die Statue je gesehen. Die Kunsthistoriker waren sich einig, dass einige der schönsten chryselephantinen Skulpturen aus Delphi kamen. Die Stadt war Mitte des vierten Jahrhunderts vor Christus von den Phokern geplündert worden. Die Phoker hatten einige der Schätze verkauft, um ihre Truppen bezahlen zu können. Andere Stücke hatten sie eingeschmolzen und das Gold zu Münzen gemacht. Allgemein wurde angenommen, dass ein persischer Satrap oder König aus Susa den Hypnos erstand, als die Phoker in den Osten zogen, und die Statue einige Zeit später vergraben wurde. Vielleicht war sie während eines Überfalls versteckt worden, damit sie nicht wieder Plünderern in die Hände fiel, die es auf das viele Gold, das Elfenbein und die wertvollen Steine abgesehen hatten, mit denen die Skulptur verziert war. Oder sie war wieder gestohlen worden, und der Dieb hatte sie versteckt. Genau wusste man es nicht, aber die Statue hatte bis in die 1880er-Jahre quasi unversehrt in ihrem Versteck in der Erde überdauert.

„Was ist mit dem Vertrag?“, wollte Nassir wissen.

Samimi hatte Reza ebenfalls die Abschrift eines Vertrags übergeben, der auf den 12. April 1885 datiert war und Frankreich das alleinige Ausgrabungsrecht für die Gegend um Schusch gewährte, in der sich das antike Susa befand. „Der ist authentisch. Aber wir haben keinen Beweis dafür, wann Hypnos gefunden wurde. Wir können nur beweisen, wann er aus dem Land geschifft wurde, und deshalb nützt uns der Vertrag nichts.“

„Er wurde vor April gefunden. Der amerikanische Sammler hat Beutekunst gekauft“, betonte Taghinia nachdrücklich. Dabei drehte er den Kopf und warf Samimi wieder einen scharfen Blick zu, bevor er mehr giftigen Rauch in seine Richtung blies.

Niemand konnte Samimi ernsthaft die Schuld an dem aktuellen Fiasko geben. Nassir hatte die fraglichen Dokumente in einem Diplomatenkoffer in die USA bringen lassen. Aber Taghinia brauchte einen Sündenbock, und in den letzten anderthalb Jahren war Samimi für den Fall verantwortlich gewesen. Er wusste mehr über die Geschichte des Hypnos als alle anderen hier im Raum, mit Ausnahme von Reza.

Der amerikanische Sammler hatte die Skulptur 1888 erstanden und sie nach seinem Tod dem Metropolitan Museum of Art hinterlassen, zusammen mit dem Rest seiner umfangreichen Sammlung. Das New Yorker Museum steckte damals noch in den Kinderschuhen und war erst kürzlich von der 14. Straße hoch an die Ecke 81. Straße und Fifth Avenue gezogen. Bald waren die neuen Räumlichkeiten jedoch schon wieder zu klein geworden, und der damalige Direktor, General Luigi Palma di Cesnola, steckte alle ihm zur Verfügung stehenden Gelder in die Vergrößerung des Museums. Als Hypnos in den Besitz des Museums überging, sah Cesnola sofort, wie viel ihn die Restauration der Statue kosten würde. Er ließ sie in dem höhlenartigen Tunnel unterhalb des Central Parks einlagern, bis er wieder Geld hatte, um sich um die Skulptur zu kümmern. Im Jahr 1908 beschriftete ein junger Kurator die eingelagerte Statue falsch. Danach galt sie fast ein ganzes Jahrhundert lang als verschollen. Im Winter 2007 dann war wieder ein Kurator auf der Suche nach einer römischen Bronzeplastik und entdeckte stattdessen die falsch beschriftete Kiste. Ein paar Monate später gab das Met den Fund bekannt. Hypnos, so wurde verlautet, würde einer dringend nötigen Restaurierung unterzogen und dann in einer Sonderausstellung der Öffentlichkeit präsentiert. Bei ihrer Eröffnung im Jahr 2011 würde die geplante Ausstellung als Verbindungsstück zwischen der Sammlung für Griechische und Römische Kunst mit der neuen Sammlung für Islamische Kunst dienen.

Fünf Monate später hatte Vartan Reza dem Museum im Namen der iranischen Regierung ein offizielles Ersuchen um Rückgabe des Hypnos vorgelegt. Darin wurde behauptet, dass die Statue von einem französischen Archäologen illegal außer Landes geschmuggelt worden war.

Kaum wurde international über den Fall berichtet, stellte die griechische Regierung ein ähnliches Ersuchen. Darin wurde gefordert, die Statue Griechenland zurückzugeben, denn auch wenn sie im Nahen Osten entdeckt worden sei, war sie doch offensichtlich griechischen Ursprungs und gehörte deshalb zum nationalen Vermächtnis Griechenlands.

Es überraschte niemanden, dass die weltweit einzig erhaltene Skulptur im chryselephantinen Stil zu einem umstrittenen Kulturgut geworden war, doch das Metropolitan Museum of Art ließ sich erst gar nicht auf einen Rechtsstreit ein.

In einem in der New York Times veröffentlichten Gastkommentar schrieb der Museumsdirektor über das Thema Kulturerbe, an dem sich der Streit um den Hypnos entzündete:

Was hier verhandelt wird, entbehrt einer rechtlichen Grundlage. Frederick L. Lennox hat uns die Skulptur vermacht, doch er hat sie nicht als Beutekunst aufgekauft. Im 19. Jahrhundert war die Teilung ein gebräuchliches und vollkommen legitimes System. Die Statue war Objekt eines solchen Abkommens, in dem Persien im Tausch gegen einen Teil des Funds von der archäologischen Expertise der Ausgräber profitierte. Dies war damals keine illegale Vorgehensweise, und sie kann auch heute nicht als illegal angesehen werden.

Der Hypnos befindet sich seit hundertzwanzig Jahren im Met. Das Museum ist sein Zuhause, bei uns wird er nach höchsten restauratorischen Standards sicher verwahrt. In seinem Herkunftsland kann dies nicht immer gewährleistet werden. Wir werden ihn auch weiterhin schützen und für Ausstellungen vorbereiten, es sei denn, uns werden Dokumente vorgelegt, die unumstritten beweisen, dass er auf ungesetzlichem Weg in den Besitz von Mr Lennox gekommen war.

Auf der ganzen Welt waren Museen mit ähnlichen Fällen konfrontiert, und sie verfolgten genau, was in New York vor sich ging. Bei Vorwürfen von Beutekunst im Museumsbestand ergriffen die meisten selbst die Initiative und erforschten die Herkunft der Objekte, um beweisen zu können, dass diese sich zu Recht in ihrem Besitz befanden. Nicht so das Metropolitan Museum of Art. Der Direktor bestand darauf, dass die Beweispflicht beim Beschwerdeführer lag. Das Met, so seine Argumentation, sei keineswegs verpflichtet, einen Beweis dafür zu erbringen, dass der Hypnos dem Museum gehöre. Die Rechtmäßigkeit des Letzten Willens und des Testaments von Frederick L. Lennox waren überprüft worden, als sie vor über hundert Jahren aufgesetzt worden waren.

Im Gegenzug hatte sich Reza eine gerichtliche Anordnung besorgt, in der das Museum aufgefordert wurde, ihm Lennox’ Vermächtnis und alle anderen den Fall betreffenden Unterlagen zu übergeben. Dies hatte das Museum rundweg abgelehnt. Reza reichte daraufhin beim Bezirksstaatsanwalt von Manhattan eine Klage auf Akteneinsicht ein. Er wollte, so die Klageschrift, die Unterlagen des Metropolitan Museums of Art einsehen und die detaillierte Herkunftsgeschichte der Statue rekonstruieren, um zu beweisen, dass sie sich zu Unrecht im Besitz des Museums befand. In der Presse wurde der Staatsanwalt mit den Worten zitiert: „Jedes Museum ist dazu verpflichtet, Beutekunst an die Ursprungsländer rückzuführen. Nur so werden die Interessen der Öffentlichkeit gewahrt.“ Dennoch sprach er keine Disziplinarstrafe gegen das Met aus, sondern fügte hinzu: „Allerdings obliegt es den Vertretern des Irans, zuerst Dokumente vorzulegen, die beweisen, dass die Skulptur illegal ausgeführt wurde.“

Samimi kämpfte schon wieder mit einem Hustenanfall. Er hasste es, wenn sein Boss bemerkte, wie viel ihm der Zigarrenrauch ausmachte.

„Diese Sache zieht sich schon viel zu lange hin“, beschwerte sich Nassir. „Ich fürchte, weitere Verzögerungen können nicht mehr hingenommen werden.“

„Kulturerbe-Fälle lassen sich nicht schnell lösen“, erklärte Reza. „Bei derartigen Fällen zählt, was am Ende herauskommt. Wie lange es dauert, um ein Ergebnis zu erzielen, ist nebensächlich.“

„Aber können wir denn ein Ergebnis in unserem Sinne erwarten? Wir schlagen uns jetzt schon seit mehr als anderthalb Jahren mit diesen aufreibenden Verhandlungen herum – und haben nur erreicht, dass uns noch ein Land den Hypnos streitig macht. Am Ende tun wir hier die ganze Arbeit, nur damit die Griechen die Skulptur bekommen.“

„Die Statue stammt aus Griechenland, sie wurde dort erschaffen. Es war zu erwarten, dass die Griechen auch Ansprüche erheben, sobald die Nachricht von der Forderung des Irans …“

„Das hätten Sie voraussehen und unsere Forderung aus den Medien heraushalten müssen!“, unterbrach ihn Nassir. Auch das hatte er bis jetzt noch nie getan.

Samimi konzentrierte sich ganz auf Nassirs Angriff. Er ließ seinen Blick von dem Lautsprecher zu dem Anwalt wandern, dann schaute er rasch zu seinem Boss, der auf die brennende Asche an seiner Zigarrenspitze starrte.

„Wir sind in Amerika. Hier kann man nichts aus den Medien heraushalten“, entgegnete Reza.

„Ach wirklich? Heißt es nicht, Amerika sei das Land der unbegrenzten Möglichkeiten?“, fragte Nassir.

„Mr Nassir, wir streiten hier wegen etwas, das vor über einem Jahr passiert ist“, sagte der Anwalt. „Dabei haben wir im Moment ein viel schwerwiegenderes Problem und sollten uns lieber darum kümmern. Ich kann das Risiko nicht …“

„Danke, Mr Reza.“ Wieder unterbrach ihn Nassir. „Ich kümmere mich um diese gefälschten Dokumente und finde heraus, woher sie stammen. Und wo die echten stecken. Denn es existieren echte Dokumente, das versichere ich Ihnen. Jemand will uns bloßstellen. Bitte geben Sie die Dokumente an Samimi zurück. … Samimi, Sie sind da?“

„Ja, Minister.“ Er setzte sich hastig auf. Dabei hatten die Lautsprecher natürlich nicht plötzlich Augen bekommen; der Minister konnte ihn nicht sehen.

„Bringen Sie Mr Reza hinaus und kommen Sie dann wieder. Wir müssen noch einige andere Dinge besprechen, die nichts mit dem Hypnos zu tun haben.“

Reza stand auf und ging zur Tür, ohne auf Samimi zu warten. Er rannte ihm hinterher und begleitete den Anwalt bis zum Empfangsbereich. Besuchern war es nicht gestattet, unbeaufsichtigt durch die Büros zu gehen.

Zwei uniformierte Sicherheitsmänner standen in der Lobby und bewachten die Tür. Sie gaben den Weg sofort frei, und Reza und Samimi traten hinaus in den Gang, wo sich die Aufzüge befanden.

„Es hat Hunderte von Jahre gedauert, bis die Statue hier im Met gelandet ist. Ich hoffe, Sie können Ihrem Boss begreiflich machen, dass wir so eine alte Geschichte nicht innerhalb von wenigen Monaten aufklären können.“

„Ich rede mit ihm, Mr Reza. Zumindest versuchen kann ich es“, sagte Samimi und kam sich mit einem Mal klein vor, als er zu dem Anwalt hochblickte, der gut einen Kopf größer war als er. „Wir schätzen sehr, was Sie für uns tun. Selbst der Minister, auch wenn er Ihnen heute sicher ziemlich ungeduldig erschienen ist.“ Er drückte auf den Knopf am Aufzug.

„Er kam mir mehr als nur ziemlich ungeduldig vor.“

Seit Samimi Reza kannte, hatte er ihn noch nie so besorgt gesehen. Er setzte sein überzeugendstes Jungdiplomatenlächeln auf und versuchte, den Anwalt zu beruhigen. „Es ist nur der Schock. Erst der neue Museumsdirektor, der unserem Anliegen so ablehnend gegenübersteht. Und jetzt diese Sache.“ Er zuckte mit den Schultern. „An Tyler Weils Stelle würde ich mir zu meinem Dienstantritt bestimmt kein Debakel um Beutekunstvorwürfe wünschen.“

„Oder vielleicht würden Sie sich genau das wünschen. Ein überzeugender Auftritt, bei dem er eindeutig Position beziehen kann, ist vielleicht genau das, was Tyler Weil für seine Karriere noch braucht.“

„Ja, ich verstehe, was Sie meinen.“ So hatte Samimi die Sache noch nicht betrachtet.

Der Aufzug kam. Reza trat hinein, streckte aber die Hand aus und hielt die Tür offen. „Geben Sie mir Bescheid, sobald Sie Neuigkeiten haben“, sagte er.

Als der Aufzug sich schloss, fielen Samimi die auf Hochglanz polierten Schuhe des Anwalts ins Auge. Er blickte hinunter zu seinen eigenen glänzenden Schuhen. Er achtete immer sehr genau auf jedes Detail von Rezas Kleidung und Benehmen. Es war Teil eines selbst auferlegten Projekts, das er bei sich die Erziehung des Ali Samimi nannte. Es sollte ihm helfen, wie Reza ein richtiger Amerikaner zu werden, der sich in die Gesellschaft einfügte, trotz der dunklen Hautfarbe und des schwarzen Haars. Samimi war von Reza beeindruckt. Und er beneidete ihn: Reza war ein Bürger der USA, New York war seine Heimat. Reza musste sich keine Sorgen machen, ob er irgendwann zurück in den Iran verschifft wurde, aus der Laune eines Vorgesetzten heraus.

Langsam ging Samimi zurück zu dem verrauchten Raum, in dem die Konferenzschaltung noch immer im Gange war. Falls in seiner Abwesenheit etwas Wichtiges besprochen wurde, würde er es später herausfinden; Samimi schnitt das Gespräch mit. Er hoffte nur, dass sein Boss niemals von diesen geheimen Aufzeichnungen erfahren würde.

Mit den Wölfen kannst du nur spielen, wenn du selbst ein Wolf bist. Das hatte sein Großvater ihm beigebracht. Und Samimi spielte mit den Wölfen, daran konnte es keinen Zweifel geben. Vom ersten Moment an hatte er gewusst, dass er Taghinia nicht trauen konnte. Taghinia mit seinen Blähungen und den Zähnen, die schon gelb waren von der Kettenraucherei. Ständig ließ er den jüngeren Samimi spüren, wer der Boss war, und demütigte ihn, wann immer sich eine Gelegenheit dazu bot. Auch schob Taghinia ihm immer mehr Arbeit zu, sodass Samimi inzwischen den Löwenanteil der Aufgaben absolvierte, für die eigentlich sein Boss zuständig war. Zusätzlich zu seiner eigenen Arbeit natürlich. Er hätte sich schon längst beschwert, wäre da nicht das Ziel, das er sich auf lange Sicht gesetzt hatte: Samimi wollte einen Weg finden, um in den USA zu bleiben.

Mit fünfunddreißig war er in New York angekommen, und zum ersten Mal in seinem Leben hatte ihn eine wahre Leidenschaft gepackt. Er liebte alles an dieser Stadt, die er zu seiner Wahlheimat erkoren hatte: die Restaurants, die kulturelle Szene, das Nachtleben, die Energie und das Tempo, die Architektur und besonders die Frauen. Samimi kam es vor, als hätte er früher nur existiert; jetzt fühlte er sich lebendig. Eine Beschwerde hätte nur seine Rückversetzung nach Teheran zur Folge. Deshalb ließ er sich das Verhalten dieses zweiundfünfzigjährigen Kerls gefallen, der neben seinen anderen unausstehlichen Eigenschaften auch noch vollkommen immun war gegenüber den Versuchungen Amerikas. Wie konnte das nur sein? Taghinia wohnte drei Straßen vom Büro entfernt und verließ den Stadtteil nur dann, wenn es unbedingt nötig war. Er brüstete sich geradezu damit, dass er noch nie im Central Park gewesen war und weder den nächtlichen Broadway noch die Upper East Side gesehen hatte. Von all den New Yorker Restaurants kannte er nur das persische Lokal zehn Blocks die Third Avenue hinauf, in dem er manchmal aß. Taghinia betonte oft, wie gerne er für sein Land sterben würde, und dass er hier in New York schon mit einem Fuß im Grab stand. Er hasste die Stadt für ihre Auswüchse und konzentrierte sich auf den Tag, wenn sein Heimatland wieder als eine führende Supermacht anerkannt war. Ruhen würde er erst, wenn der Islam wieder die Weltherrschaft innehatte, keinen Tag früher. Diesen letzten Spruch bekam Samimi fast täglich zu hören.

Ich nicht, dachte Samimi, als er den Konferenzraum wieder betrat. Ich nicht. Für seine Überzeugung zu sterben war gewiss ein hehres Ideal, aber für ihn kam es nicht infrage. Nicht, wenn es hier so viel gab, für das es sich zu leben lohnte. Laurie Yardley zum Beispiel. Sie hatte nackt im Bett gelegen, als er am Morgen ihr Apartment verließ. Mit einem unvergleichlich lasziven Gesichtsausdruck hatte sie all die schamlosen Dinge aufgelistet, die ihn am Abend erwarteten. Er setzte sich rasch, damit niemand mitbekam, was sich in seinem Schritt abzeichnete.

„Wenn wir es so laufen lassen wie bisher, kann der Schaden am Ende nur umso größer sein. Diese antiken Teppiche müssen ausgebessert werden, sobald sich die ersten Fäden lösen“, dröhnte Nassirs Stimme aus dem Lautsprecher. „Habe ich mich klar ausgedrückt? Die Sache muss jetzt erledigt werden!“ Samimi blickte hinunter auf seine polierten Schuhe auf dem prächtigen, in Saphirblau und Rubinrot gewobenen Teppich. Der Raum war mit noch fünf weiteren Perserteppichen von ähnlich hoher Qualität ausgestattet. Jeder war mehr wert als die meisten Menschen sogar hier in den USA in einem Jahr verdienten. Es war wirklich der reinste Hohn. Diese kostbaren Teppiche gehörten ins Museum, zumindest sollten sie an den Wänden hängen. Die Teppiche waren nicht reparaturbedürftig, auch wenn täglich etliche Gäste auf ihnen herumtrampelten und Taghinia ständig Zigarrenasche auf die dreihundert Jahre alten Meisterwerke fallen ließ. Sein Boss und der Minister sprachen in einem Code, in den Samimi zwar offiziell nicht eingeweiht war, den er aber schon vor Monaten geknackt hatte.

„Wir behalten die Sache im Auge“, nickte Taghinia.

„Es ist an der Zeit, dass Samimi die Verantwortung für die Teppiche übernimmt“, entschied der Minister.

Taghinia schaute zu Samimi hinüber, wobei er die dicken Augenbrauen hob, als sei er beeindruckt. „Wird gemacht, Minister.“

Samimi lief es kalt den Rücken hinunter.

„Samimi, sind Sie da?“

„Ja, Minister.“

„Ich zähle auf Sie.“

„Ja, Minister.“

„Taghinia wird Ihnen alles erklären.“

Panik stieg in Samimi hoch, und er riss sich zusammen. „Ja, Minister.“ Hoffentlich konnte Nassir nicht hören, wie trocken sein Mund geworden war.

Doch der Minister sagte nur „Ausgezeichnet“ und legte auf.

„Wenn sich die ersten Fäden lösen? Was meint er damit?“, fragte Samimi.

Taghinia wischte die Frage mit einer Handbewegung weg. „Hier geht’s nicht um Teppiche, du Idiot.“

„Das war ein Code?“ Samimi konnte nur hoffen, dass seine Schauspielerei überzeugend wirkte.

„Natürlich war das ein Code. Der Minister will, dass wir Hypnos nach Hause bringen.“

„Dafür haben wir Reza. Er arbeitet daran.“

„In diesem Land gibt es zu viel Bürokratie. Zu viele Regulierungskommissionen. Zu viele Ebenen, die mit einbezogen werden müssen. Wir können die Sache viel schneller erledigen, wenn wir diese Formalitäten umgehen. Also bringen wir die Statue selbst zurück in den Iran.“

„Wir können den Hypnos nicht illegal aus dem Met schaffen.“

„Ein paar unserer Männer arbeiten doch im Museum, oder nicht?“

„Nur zwei.“

„Was hindert uns daran, noch mehr Leute einzuschleusen? Bring noch fünf oder sechs im Museum unter!“

„Die beiden Männer waren für die Bewachung der Statue abkommandiert.“

Taghinia erwiderte nichts.

„Als zusätzliches Sicherheitspersonal, hast du gesagt“, drängte Samimi.

„Das sind sie auch. Aber das bedeutet nicht, dass sie nicht auch für andere Zwecke eingesetzt werden können.“

Darüber hatte Samimi nie auch nur ein Wort in den heimlichen Aufnahmen gehört. Was hatte er da nicht mitbekommen? Er kam sich dumm vor. Dann fiel ihm noch etwas ein, und ihm wurde übel. Zwei Mal in den letzten acht Monaten hatte Samimi der stellvertretenden Kuratorin der Abteilung für Islamische Kunst kleine Kunstobjekte überbracht. Angeblich waren es Schenkungen eines reichen Iraners, der nach Aussage Taghinias anonym bleiben wollte.

„Was ist mit den Objekten, die ich Deborah Mitchell übergeben habe … Gehört sie auch zu diesem Plan?“

„Eine Art Versicherung.“ Taghinia nickte.

„Sind Abhörwanzen in den Objekten?“

„Nein.“ Taghinia lachte. „Die Gegenstände selbst sind authentisch. Ich wollte, dass du jemanden aus dem Museum kennenlernst, der über die Sammlung Islamischer Kunst Bescheid weiß.“

Samimi schaute auf seine gespreizten Finger auf der Tischplatte. Da hatte er gedacht, er hätte seinen Boss überlistet, aber offenbar hatte er selbst doch ein paar wichtige Memos verpasst. „Das Met ist eine der sichersten Institutionen der Welt.“

„Soll heißen?“

„Diebstahl ist ein Ding der Unmöglichkeit.“

„Das klingt, als wärst du beeindruckt von dem Museum. Stimmt das? Diese Deborah Mitchell … bedeutet sie dir etwas?“

Seit dem ersten Tag, als Samimi die große Eingangshalle des Metropolitan Museums of Art betreten hatte, war er vollkommen fasziniert von all dem Marmor und Stein, der kühlen Luft, geschwängert vom Duft der riesigen Blumenarrangements in den Alkoven, der klassischen Beaux-Arts-Architektur und den endlosen Flügeln, die in immer weitere endlose Flügel führten, in denen die künstlerischen Errungenschaften einer großen Kultur nach der anderen zur Schau gestellt wurden. Es war schwer für ihn, Deborah nicht als Teil des Ortes zu sehen, an dem sie arbeitete. Er hatte viele Frauen in New York kennengelernt und fand etliche begehrenswert. Doch sie war die Einzige, mit der er nicht geflirtet hatte. Deborah gehörte einfach zum Metropolitan Museum of Art.

„Natürlich nicht, aber … Was du vorschlägst … das ist Wahnsinn, Farid! Dir ist klar, dass wir von einer zweieinhalb Meter großen Statue aus Marmor sprechen. Ich weiß, es ist ein sehr bedeutendes Artefakt, aber …“

„Stell dich nicht dümmer, als du bist! Hier geht es um viel mehr als nur ein Artefakt.“ Er zog an seiner Zigarre, und seine reptilienartigen Augen verengten sich. „Bei der Suche nach den Unterlagen für Reza ist unser Minister auf ein paar Dokumente gestoßen, die er weder dem Anwalt noch sonst jemandem gezeigt hat. Anscheinend ist der Hypnos eine Art okkultistischer Landkarte. Darin ist das Geheimnis verborgen, wie der Mensch seine eigenen inneren Kräfte nutzen und höhere Sphären des Bewusstseins erreichen kann. Visionen, Hellseherei, Voraussagen, außerkörperliche Erfahrungen – das alles wird dadurch möglich. Mit diesen Kräften genügt allein die Vorstellungskraft des Menschen, um die Realität zu verändern. Du brauchst dir nur vorzustellen, du würdest jemanden umbringen. Die Kraft deiner Fantasie besorgt den Rest.“

„Diesen Quatsch glaubst du nicht im Ernst!“

„Gibt es etwas Wertvolleres als Potenzial, Ali? Als eine Chance? Als ein Versprechen oder eine Drohung? Hypnos und seine Geheimnisse stehen uns von Rechts wegen zu. Wir wollen sie zurückhaben.“ Er schnippte ein überlanges Aschenstück in einen Kristallaschenbecher. „Koste es, was es wolle.“

3. KAPITEL

Die Tugenden, die wir im Laufe eines Lebens erwerben und die langsam in uns reifen, bilden die unsichtbaren Brücken, die unsere jetzige Existenz mit den anderen verbindet – Existenzen, an die sich nur der Geist entsinnt, denn Materie hat keine Erinnerung an Spirituelles.

– Honoré de Balzac, „Seraphita“ –

Der schlaksige Mann schlenderte mit unbekümmerten Schritten die enge Wiener Gasse entlang. Er wirkte völlig sorglos, ganz so, als kenne er Schicksalsschläge oder Krankheit nur aus den Erzählungen anderer. Die Steinplatten unter seinen Füßen schienen nur für ihn die Gasse zu pflastern, und er schritt aus, als lägen die Häuser im strahlenden Sonnenschein. Dabei war es mitten in der Nacht, es war windig, und ein kalter Platzregen kam herunter, mit dem man im April, aber bestimmt nicht im Mai rechnete.

Er war erst seit sechs Tagen in der Stadt, doch hatte er schon genug gesehen, um eine Abneigung gegen Wien zu entwickeln. Müde fühlte die Stadt sich an, als lägen ihre Geheimnisse wie schwere Bürden auf den Schultern ihrer Bewohner. Bürden, die sich nicht abschütteln ließen und die sie kaum mehr tragen konnten.

Vielleicht aber mochte er Wien auch nicht, weil er selbst hier versagt hatte.

Er war hierhergereist, um Dr. Malachai Samuels festzunehmen. Laut der Anklage hatte der im letzten Jahr antike Steine von einer archäologischen Grabungsstätte in Rom gestohlen. Samuels war eine Koryphäe auf dem Gebiet der Reinkarnationstherapie und ein Hobbyzauberer. Er hatte alle Beweise verschwinden lassen, und bisher war es weder Interpol noch dem FBI gelungen, ihn irgendwie mit dem Verbrechen in Verbindung zu bringen. Und dann war der Agent in Wien in ein bizarres Ereignis im berühmtesten Konzertsaal der Stadt, dem „Musikverein“, verwickelt worden: Gemeinsam mit fast tausend anderen Zuhörern hatte er bei einer Aufführung von Beethovens Eroica eine Halluzination erlebt. Bis jetzt hatte niemand wirklich erklären können, was geschehen war. Musik konnte erregend sein, sicher, und Musik konnte einen Zuhörer in einen Zustand außergewöhnlicher Entspannung versetzen. Doch konnte sie auch Menschen in eine hyperreale Fantasiewelt in einer anderen Zeit und an einen anderen Ort katapultieren? Sie in ein anderes Leben eintauchen lassen, das vorbei und vergessen gewesen war?

Sowohl in der amerikanischen wie der internationalen Presse wurde immer noch das Gerücht wiedergegeben, eine Anomalie im Ultraschallbereich hätte den Vorfall ausgelöst, der als eine durch Massenhypnose ausgelöste Regression in die Vergangenheit gedeutet wurde. Der Agent war Realist, deshalb hoffte er, die Behörden würden bei ihren Tests der Luft in dem Konzertsaal Hinweise auf einen biochemischen Angriff finden. Eine solch eindeutige Erklärung wäre ihm am liebsten. Er weigerte sich, zu akzeptieren, dass das, was er während des Konzerts erlebt hatte, wirklich die Erinnerung eines Menschen gewesen sein sollte, der vor hundert Jahren gelebt hatte. Diese Geschichte, in der Menschen aus der Gegenwart in einer imaginierten Vergangenheit auftauchten, musste sich sein Unterbewusstsein ausgedacht haben. Es gab Hunderte von Schmerzmitteln, die Wahnvorstellungen und Halluzinationen auslösten. Als er jünger war, hatten seine Ärzte ihm etliche davon verschrieben. Wenn man unter Drogen stand, war alles möglich.

Ein Mann mittleren Alters mit einem Einkaufsnetz in der Hand und einem weinroten Schirm unterm Arm eilte an ihm vorbei. Er warf dem Agenten nur einen kurzen Blick zu. Gut so. Der Agent hatte seine Kleidung mit Bedacht gewählt, und er verhielt sich so, dass niemand auf den Gedanken kommen könnte, er hätte etwas mit der Polizei zu tun. Das schwarze Hemd, Jeans und die Lederjacke, die längeren Haare – zuletzt hatte er ungefähr so während seiner Studentenzeit ausgesehen. Nur waren die Klamotten heute teurer.

Vor dem Haus mit der Nummer 122 blieb er stehen. Ein Schild an dem schlichten Gebäude verriet, dass hier die „Toller Archäologiegesellschaft“ untergebracht war. Er klingelte. Wenige Augenblicke später wurde er in eine kleine Lobby eingelassen, wo eine etwa fünfzigjährige Frau auf ihn wartete. Dr. Erika Aldermann trug ein formloses, altmodisches Kleid, das ziemlich verknittert war. Sie begrüßte ihn in steifem Ton, dann öffnete sie eine zweite Tür, die er von der Straße aus nicht hatte sehen können, und führte ihn tiefer in das Gebäude.

Er hatte Dr. Erika Aldermann gestern beim Begräbnis des Mannes kennengelernt, wegen dem Malachai Samuels nach Wien gereist war. Ihre Trauer hatte sich so echt angefühlt, dass der Agent sie nicht nach den Ereignissen der letzten Tage hatte fragen wollen. Das Begräbnis war dafür weder der geeignete Ort noch der richtige Zeitpunkt. Und was konnte er überhaupt noch von ihr in Erfahrung bringen? Samuels war von dem Moment an, als er in Wien angekommen war, observiert worden. Zwar war er drei Mal hier gewesen, doch gab es keinen Hinweis, dass er etwas mit dem Tod seines Kollegen zu tun haben könnte. Es hatte den Agenten überrascht, als Dr. Aldermann ihn nach der Begräbnisfeier ansprach. Ihre Stimme war rau, als hätte sie über viele Stunden heftig geweint. Flüsternd bat sie den Agenten, vor seiner Rückkehr in die USA noch einmal vorbeizukommen. Sie hätte etwas, das sie ihm zeigen wolle.

Er folgte ihr und trat durch einen Torbogen. In den Fries über ihm waren Buchstaben gehauen, die die wahre Bedeutung des Geheimbunds verrieten. Im Gegensatz zum unauffälligen Äußeren des Gebäudes eröffneten sich nun extravagant ausgestattete Innenräume seinem Blick. Während Dr.  Aldermann ihn ins Allerheiligste geleitete, sagte sie einige Worte zum Hintergrund. „Die Gesellschaft für Erinnerungsforschung wurde im Jahr 1809 gegründet. Ziel war das Studium der Werke des österreichischen Orientalisten Joseph von Hammer-Purgstall. Er gehört zu den Männern, die im späten 18. Jahrhundert hauptsächlich für die Verbreitung morgenländischer Lehren in Europa verantwortlich waren. Sind Sie mit diesen Fakten vertraut?“

„Ich bin bei meinen Reisevorbereitungen über einige Informationen über die Gesellschaft der Memoristen gestolpert. Ich bin keineswegs ein Experte.“

„Bei der Beerdigung haben Sie gesagt, dass Sie für das FBI arbeiten. Aber Sie haben nicht erwähnt, dass Sie für Kunstraub zuständig sind.“

„Nein, das habe ich nicht.“ Es überraschte ihn nicht, dass sie es herausgefunden hatte. Sein Name und sein Zuständigkeitsbereich waren in etlichen Artikeln über den Vorfall in dem Konzertsaal gefallen. Im Art Crime Team, kurz ACT, arbeiteten nur elf FBI-Agenten. Sie alle bemühten sich, sowohl ihre echten als auch ihre verdeckt operierenden Identitäten aus den Medien herauszuhalten. Nur ein veröffentlichtes Foto konnte auffliegen lassen, was in jahrelanger Arbeit aufgebaut worden war.

„Erzählen Sie mir, wie Ihr Team normalerweise vorgeht.“

„Wir ermitteln bei Diebstahl von Kunstgegenständen, die entweder aus Museen oder auch aus privaten Sammlungen gestohlen wurden. Und wir sind zuständig für Auktionsbetrug und Kommissionsbetrug bei Geschäften zwischen Galerien und Kunsthändlern. Bei internationalen Anfragen werden wir oft auch hinzugezogen, wenn es um Kunstwerke geht, die im Ausland gestohlen wurden. Oder bei Artefakten, die aus Plünderungen von archäologischen Grabungen stammen.“

„Und was genau hat Sie nach Wien gebracht?“

„Das darf ich nicht sagen.“

Sie nickte nur und begann übergangslos, die Architektur des Gebäudes zu beschreiben. „Alles, was Sie hier sehen, ist original so, wie es ursprünglich gebaut und eingerichtet wurde. Wir haben natürlich Renovierungen vorgenommen, aber alles wurde im Originalzustand belassen.“

Sie kamen an Säulen vorbei, die den Sitzungssaal wie Wachtposten säumten. Ein Wandgemälde, der altägyptische Mythos von Isis und Osiris, zog sich über sämtliche Wände. Der Boden war mit einem Teppich in strahlenden Schmucksteinfarben bedeckt. Über ihnen tat sich eine kuppelförmige Decke auf, kobaltblau wie der Nachthimmel. Kleine Spiegel, die das Licht von unten reflektierten, glitzerten wie echte Sterne. Überall standen schimmernde Kultgegenstände und spirituelle Artefakte herum. Es waren so viele, dass er sie nicht alle erfassen konnte.

Aldermann stellte ihn keinem der Mitglieder des Bundes vor, doch alle schauten neugierig oder auch argwöhnisch zu ihnen herüber.

„Die Gründungsväter der Gesellschaft waren besonders an Reinkarnation interessiert“, erzählte Aldermann weiter. „Vom Glauben an Wiedergeburt ist in den erst vor Kurzem entdeckten hinduistischen Shruti-Schriften die Rede, in den Lehren der jüdischen Kabbala, den Mysterienschulen des alten Ägypten, bei den griechischen Philosophen und in der christlichen Lehre vor dem fünften Jahrhundert nach Christus. Und hier ist unsere Bibliothek“, sagte sie mit perfektem Timing, als sie die Türschwelle zum nächsten Raum erreichten.

Dieser Saal war kleiner als die repräsentativen Räume, wie bei ihnen gab es auch hier keine Fenster. Im Licht der Wandleuchter erkannte er, dass an allen vier Wänden Regale standen, vollgestopft mit Büchern, die einen leicht muffigen Geruch verbreiteten.

Dr. Aldermann zog die Tür hinter ihnen zu und verschloss sie dann mit einem Schlüssel, der an einer goldenen Kette um ihren Hals hing. Es klickte zweimal. Sie drückte sogar die Klinke, offensichtlich um sicherzugehen, dass die Tür wirklich abgeschlossen war. Der FBI-Agent fragte sich, ob ihre Paranoia wirklich berechtigt war oder eine Überreaktion auf die Ereignisse der letzten Tage.

„Bitte setzen Sie sich!“ Sie zeigte auf eine Gruppe von Ledersesseln. „Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“

„Gerne ein stilles Wasser.“

Die aufwendig geschnitzte Bar stand voller Kristallkaraffen und schweren Gläsern, die im weichen Licht glitzerten. Dr. Aldermann füllte ein hohes Glas mit Wasser und schenkte sich selbst einen Fingerbreit von einer goldenen Flüssigkeit ein. „Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie so spät noch vorbeigekommen sind.“ Sie ließ sich ihm gegenüber nieder. „Ich habe gerade den Vorsitz der Gesellschaft übernommen. Es stehen etliche wichtige Dinge an, mit denen ich mich recht schnell befassen muss.“

Er nickte und wartete, dass sie weitersprach. Dass er selbst ebenfalls mit ihr hatte reden wollen, sagte er nicht. Sein Anliegen konnte warten.

Sie zog ein Päckchen Zigaretten aus der Tasche, klopfte sich eine heraus und bot sie dann ihm an. In Wien rauchten so viele Menschen, dass er ernsthaft übers Wiederanfangen nachdachte. „Ich habe aufgehört“, sagte er. „Aber darf ich Ihnen …“ Er griff sich nun seinerseits in die Tasche.

Sie hielt ihre Zigarette an die ruhige orange Flamme seines Feuerzeugs. „Sie haben aufgehört und haben trotzdem Feuer dabei?“

„Ich möchte mir beweisen, dass ich auch das Nicht-Rauchen unter Kontrolle habe, und nicht andersherum.“

Sie lächelte.

„Nun … Wie kann ich Ihnen helfen, Dr. Aldermann?“

„Ich höre, die USA sind der größte Umschlagplatz für gestohlene Kunst. Stimmt das?“

„Einer der großen Umschlagplätze, ja.“

Die Kombination von einem weitgehend nicht regulierten Markt, sehr vielen potenziellen Käufern, die alle unbedingt ein Geschäft machen wollten, und fast ebenso vielen skrupellosen Verkäufern hatte eine globale Industrie geschaffen, die jährlich vier bis sechs Milliarden Dollar einspielte. Damit wurde alles finanziert – von Terrorismus bis Drogen.

„Seit der Terrorattacke vom 11. September sind Kunstverbrechen das weltweit drittgrößte Verbrechen nach illegalen Drogen- und Waffengeschäften“, erklärte er ihr. „Kunsthändler, Sammler und wissenschaftliche Gutachter, die es nicht ganz so genau nehmen, unterstützen heute faktisch die Terroristen. Eine unserer Aufgaben im ACT ist es, die Kunstwelt auf diese Zusammenhänge aufmerksam zu machen, aber …“

Er hatte ihr keinen Vortrag halten wollen. Doch die Anzahl der Verbrechen im Kunstbereich nahm mit solch alarmierender Geschwindigkeit zu – eben weil die Leute nicht erkannten, dass zwischen dem Abbau und der Verschiffung von antiken Kulturgütern und der Finanzierung von Terroristen eine Verbindung bestand.

Wenn mehr Menschen Bescheid wüssten, wäre das zumindest ein erster Schritt. Den letzten großen Artikel in der New York Times zu dem Thema hatte Matthew Bogdanos geschrieben, ein Marine-Colonel im aktiven Dienst. Er hatte beschrieben, wie die Marines bei einem Angriff auf Terroristen im Irak in unterirdischen Bunkern automatische Waffen, ein Munitionsarsenal, Skimasken, Nachtsichtbrillen und ein geheimes Lager mit kostbaren Artefakten wie Vasen, Siegeln und Statuen gefunden hatten. In den letzten zehn Jahren war man bei der Verfolgung von Terroristen immer öfter auf Beutekunst gestoßen. Antiquitäten waren so wertvoll wie Drogen und in vielen Fällen leichter zu transportieren und zu verkaufen.

„Es heißt, Sie haben eine sehr hohe Erfolgsquote, was das Aufspüren von gestohlener Kunst betrifft.“ Dr. Aldermann drückte ihre Zigarette aus. „Sie gelten als einer der Besten in dem Feld.“ Sie brach ab und nippte an ihrem Drink, als müsse sie sich stärken, bevor sie weiterredete. „Deshalb würde ich Sie gerne mit einer Suche beauftragen.“

„Das ehrt mich. Aber ich habe schon einen Job.“

„Das ist mir bewusst. Ich möchte auch nicht, dass Sie Ihren Job aufgeben. Ihre Verbindung zum FBI und Ihre enge Zusammenarbeit mit Interpol sind die eigentlichen Gründe, warum ich Ihnen dieses Angebot mache.“

„Ich weiß Ihr Angebot wirklich zu schätzen, aber ich nehme keine Aufträge auf eigene Faust an.“

„Vielleicht könnten Sie dann, wenn sich unsere Ziele überschneiden sollten, Ihren Job so ausführen, dass es für mich leichter wird, meinen Job zu tun?“

„Das hört sich schon machbarer an.“

Sie beugte sich vor und sagte mit gedämpfter Stimme: „Im Besitz der Gesellschaft befindet sich schon seit einigen Hundert Jahren ein kleines antikes Buch aus Kupfer, das sich auf circa 2000 vor Christus datieren lässt.“

Er sah, dass sie in seinen Gesichtszügen nach einer Reaktion auf ihre Worte suchte. Als nichts kam, redete sie weiter. „Unser Historiker ist vor Kurzem zum Schluss gekommen, dass es eine Liste von Hilfsmitteln zur Tiefenmeditation enthält. Mit ihnen können Menschen Zugang zu den Erinnerungen aus ihren früheren Leben finden.“

„Meinen Sie eine Liste von Erinnerungswerkzeugen?“ Er achtete darauf, dass seine Stimme ruhig blieb, obwohl er sie am liebsten gedrängt hätte, ihm mehr zu erzählen. Seit achtzehn Monaten arbeitete er am Fall Malachai Samuels; der Fall hatte das FBI schon Hunderttausende von Dollar gekostet.

„Ja, genau das nehmen wir an. Bis vor zwei Jahren gab es niemanden, der sagen konnte, in welcher Sprache das Buch geschrieben war, geschweige denn jemanden, der es hätte übersetzen können. Doch dann stieß unser Historiker auf einen Artikel über einen Archäologen namens Harshul Parva. Dieser Archäologe hatte den Schlüssel zur Harappa entdeckt, einer Sprache, die im Indus-Tal gesprochen wurde. Es existieren eine ganze Reihe von handschriftlichen Quellen aus der Epoche, in der Harappa voll entwickelt war, ungefähr von 2600 bis 1900 vor Christus. Doch anscheinend nie irgendwelche Durchbrüche, um die Sprache zu knacken.“

„Hat Parva die Liste für Sie übersetzt?“

„Nein. Unser Historiker lässt die Liste niemanden sehen. Aber Parva konnte ihm trotzdem weiterhelfen.“

„Und ist die Liste korrekt übersetzt worden?“

„Das kann ich nicht sagen.“ Aldermann nippte wieder an ihrem Drink. „Aber nur einmal angenommen, die Übersetzung stimmt – wenn Sie wüssten, was auf dieser Liste steht, und wenn dann eines der genannten Objekte auf den Kunstmarkt kommt, dann könnten Sie es identifizieren und uns wissen lassen, dass es aufgetaucht ist. Oder nicht?“

„Haben Sie die Liste?“

Wieder bemerkte er, dass Aldermann ihn scharf ansah, als könne sie an seinen Zügen ablesen, wie groß sein Interesse war. Zu lernen, wie man seine Gefühle verbarg, gehörte zur Ausbildung beim FBI. Die Frau, mit der er zuletzt zusammenlebte, hatte sich beschwert, dass er diese Lektion nur allzu gut gelernt habe. In seinen Augen spiegele sich nichts wider, außen den Lampen im Zimmer, hatte Gilly einmal gemeint. Du zwinkerst nicht mal, genau wie eine Katze, hatte sie gesagt. Aber keine echte Katze, eher wie diese kleine Jadestatue aus dem Museum. Kalt, präzise, perfekt – und doch nur eine Nachbildung. Ihre Worte hatten ihn verletzt. Denn was sie sagte, stimmte. Zumindest befürchtete er, dass es so war.

„Ich habe gestern Abend nach der Beerdigung gemerkt, dass das Büchlein nicht mehr im Tresor war“, sagte Aldermann. „Ich hoffe nur, unser Historiker hat es heimlich an sich genommen und irgendwo versteckt, wo es noch sicherer ist. Und er meldet sich bald und sagt uns wo.“

„Falls es wirklich gestohlen wurde, dann hätte ich gerne eine detaillierte Beschreibung, damit ich es bei Interpol aufnehmen kann. Oder haben Sie schon eine Anzeige gemacht?“

Sie schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Und ich bin noch im Besitz der Übersetzung der Liste. Sie befand sich nicht im Tresor. Würden Sie sie gerne sehen?“ Es wurde totenstill wie in einem Grab, als Aldermann ihren ledernen Terminkalender aufschlug. Sie nahm ein einzelnes Stück Papier heraus, das sie auf den Tisch legte und es dann mit der Hand festhielt, als wolle sie verhindern, dass es weggeblasen wurde. Kein Lüftchen regte sich in der fensterlosen Bibliothek.

„Ich habe die Existenz von Erinnerungswerkzeugen immer für eine Legende gehalten. Nicht einmal einem New Yorker Kollegen habe ich geglaubt, einem hoch angesehenen Reinkarnationsexperten, der behauptete, er hätte eines gefunden“, sagte sie. „Aber diese Liste hat mich überzeugt. Wenn Sie uns helfen, diese Objekte zu finden, ist mir und der Gesellschaft dafür kein Preis zu hoch.“

„Haben Sie dieses Papier noch jemandem gezeigt?“ Ihrem New Yorker Kollegen zum Beispiel, dem hoch angesehenen Reinkarnationsexperten, lag ihm auf der Zunge, aber er verkniff sich die Frage.

„Nein, niemandem. Der einzig lebende Mensch, der überhaupt von der Existenz dieser Liste weiß, sitzt im Gefängnis und wird so schnell nicht wieder herauskommen. Da bin ich mir ziemlich sicher.“

„Dr. Aldermann, wenn die Objekte auf dieser Liste sich im Besitz der Gesellschaft befanden und gestohlen wurden, dann sollten sowohl das FBI als auch Interpol darüber informiert werden.“

„Sie wurden nicht gestohlen. Soweit mir bekannt ist, sind sie noch nirgends gefunden worden. Zumindest die meisten davon.“

Dem Agenten ging durch den Kopf, wie extrem wichtig diese Liste für seine Ermittlungen sein konnte. Entweder kehrte er unverrichteter Dinge nach New York zurück, oder er hatte endlich Erfolg. Es hing davon ab, was auf diesem Papier stand. Er bewegte die Finger auf den Tisch zu. „Darf ich es mir anschauen?“

Das Papier war schlicht, normales Schreibpaper. Die Punkte waren durchnummeriert und von Hand mit blauer Tinte in Englisch und Deutsch niedergeschrieben. Er begann zu le sen.

  1. Topf mit wohlriechendem Wachs
  2. Reflexionskugeln
  3. Hologrammball
  4. Knochenflöte

Er konnte nicht weiterlesen, weil fast zeitgleich zwei Dinge passierten, von denen er später nicht sagen konnte, was zuerst geschehen war: Ein leichter Windstoß blies durch den Raum, und Dr. Aldermann schnappte vor Schreck nach Luft. Automatisch ließ er das Papier fallen und griff nach seiner Waffe. Doch seine Finger hatten das feste Metall kaum berührt, als ein harter Schlag seinen Hinterkopf traf.

Sofort durchfuhr ihn ein harscher Schmerz. Er war scharf, beißend und blendete alle anderen Eindrücke aus. Dem Agent wurde schwarz vor Augen, dann flammte titanweiße Helligkeit vor ihm auf. Er atmete in den Schmerz hinein, während er krampfhaft überlegte, wie jemand in die Bibliothek hatte eindringen können. Dr. Aldermann hatte die Tür von innen verschlossen, das hatte er genau gesehen.

Ein zweiter Schlag folgte, Sekunden auf den ersten. Vor langer Zeit hatte er einmal solch einen Schmerz erlebt, und daran erinnerte er sich, als der dritte Schlag seinen Kopf traf. Wie aus weiter Ferne hörte er ein Stöhnen, doch er begriff nicht mehr, dass der Laut von seinen eigenen Lippen kam. Bevor er das Bewusstsein verlor, dachte Special Agent Lucian Glass noch, dass es ihm nicht wirklich etwas ausmachte, wenn er nun starb. Nur wollte er dieses Mal auch tot bleiben.

4. KAPITEL

Der Junge war erst sechzehn Jahre alt. Dennoch war sein Blick vollkommen ruhig und gefasst, als er sich über den gefallenen Soldaten beugte. Der Mann wand sich, er stöhnte und heulte wie ein Feigling. Auf dem Schlachtfeld war alles still, überall lagen Leichen. Man hätte meinen können, die beiden wären die letzten Überlebenden. Allerdings lebte der Junge nicht – nicht so, wie der Soldat noch lebte.

Die Untoten sind nicht lebendig. Nicht wirklich.

„Bitte“, bettelte der Soldat. „Ich habe doch nur meine Befehle befolgt.“

Das war die falsche Antwort. Der Blick in den Augen des blassen Jungen ließ keinen Zweifel daran. „Das alles …“ Er deutete mit der Hand auf die Zerstörung um sie herum. „Und du hast nicht einmal an die Sache geglaubt, für die du gekämpft hast?“

Der verwundete Soldat starrte stumm zu ihm hoch.

„Wenigstens hättest du als Held sterben können“, sagte der Junge mit einem fast wehmütigen Ton in der Stimme.

„Es gibt keine Helden mehr.“ Der blutüberströmte Kämpfer gab ein verächtliches Knurren von sich.

Der Ausdruck im Gesicht des Jungen gab eine Antwort, die ein Versprechen enthielt. „Es wird wieder welche geben. Wir brauchen neue Helden“, flüsterte er. Und dann wandte sich der Zombie ab und schritt hinein in die einbrechende Dunkelheit.

Einige Sekunden lang herrschte vollkommene Stille.

„Das war’s! Die letzte Szene ist im Kasten!“ Die tiefe Stimme von Darius Shabaz dröhnte durchs Studio. Sein französischer Akzent war nicht zu überhören. „Bravo!“

Die Schauspieler hörten auf, ihre Rollen zu spielen, die Beleuchter schalteten die Scheinwerfer aus, und das Set wurde wieder zweidimensional und langweilig. Der Regisseur schaute immer noch auf die Szene. Der kurze Moment des Übergangs von der Fantasie zurück in die Realität versetzte ihn immer in eine melancholische Stimmung.

Shabaz ging durchs Studio und bedankte sich bei den Schauspielern und der Crew für ihre harte Arbeit. Er lud alle zur Abschlussparty später am Abend ein.

„Brillante Arbeit, Mitch. Danke noch mal, vielen Dank“, sagte Shabaz, als er neben seinem Kameramann stand.

„Es ist deine Vision, Darius. Ich würde sagen, wir haben wieder mal einen Volltreffer gelandet.“

Mit seinen ein Meter fünfundneunzig, bei knapp achtzig Kilo Körpergewicht, überragte Shabaz fast alle Anwesenden, und er bewegte sich viel schneller als alle Übrigen. Wie immer ging eine mitreißende Energie von ihm aus. Sie warte immer schon auf den Donner, wenn Shabaz an ihr vorbeiblitzte, hatte ihn eine seiner Assistentinnen einmal nicht ganz im Witz beschrieben.

Es dauerte knapp eine Stunde, bis er mit allen gesprochen hatte. Der Tag war lang gewesen – sie hatten früh um sechs mit Außendrehs angefangen, um das Morgenlicht zu erwischen – aber Shabaz war nicht müde. Mit seinen dreiundfünfzig Jahren joggte er fünfundzwanzig Kilometer in der Woche und stemmte Gewichte im Fitnessclub. Er trank nicht und war ein Ernährungsfanatiker. Ein paar silberne Strähnen in seinem dichten schwarzen Haar waren der einzige äußerliche Hinweis auf sein Alter. Shabaz war dazu erzogen worden, den Körper mehr als alles andere zu achten. „Wir sind alles, was wir besitzen“, hatte sein Großvater immer zu ihm gesagt.

Draußen vor dem Studio ging die Sonne unter und tauchte die Orangenwäldchen, die sich kilometerweit in alle Richtungen erstreckten, in ein warmes Licht. Er warf einen Blick auf seine Uhr. In zwanzig Minuten würde sein Fahrer aus Santa Barbara zurückkommen. Ihm blieb gerade noch Zeit für seinen täglichen Spaziergang nach Drehende. Zügig schritt er auf das Tor des Studiogeländes zu.

Shabaz war mit siebzehn nach Amerika gekommen, um Film zu studieren. Seine französische Staatsbürgerschaft hatte er zwar behalten, doch er war nie mehr nach Hause zurückgekehrt. Mit zweiundzwanzig arbeitete er schon als Regisseur, und im Alter von dreißig Jahren drehte er den finanziell erfolgreichsten Horrorfilm aller Zeiten. Fünf Jahre später gründete er seine eigene Produktionsfirma. Er spezialisierte sich auf Fantasyfilme, in denen die Toten zurück ins Leben kamen – als Vampire, Zombies und Mumien – doch immer aus einem hehren Grund.

Bei den Kritikern galt er als B-Movie-Regisseur mit messianischen Wahnvorstellungen, aber Filmliebhaber ignorierten die schlechten Besprechungen. Mund-zu-Mund-Propaganda reichte aus, und sogar im tiefsten Winter standen die Leute Schlange, wenn ein neuer Film von Shabaz anlief. Es wurde oft bemerkt, dass die Fans seine Filme lieber im Kino sahen, anstatt sie sich auszuleihen. Seine grausig-großartigen Visionen zeigten ihre volle Wirkung erst recht auf der großen Leinwand, doch nicht nur deshalb füllten die Leute die Kinosäle. Es war ein berauschendes kollektives Erlebnis, die Filme mit anderen zu sehen, die genauso in ihren Bann geschlagen wurden wie man selbst.

Shabaz ging durch die Pforte und spazierte einmal um das Gelände. Es gab hier vier Tonbühnen, ein Kino, ein Schnittstudio, einen Fitnessclub für die Mitarbeiter, einen Ganztagskindergarten, eine Arztpraxis, eine Kantine und ein Dutzend Bungalows. Der beauftragte Architekt hatte vor allem naturbelassenes Holz und Stein verwendet, und die Bauten wirkten alle, als wären sie direkt aus der Erde gewachsen. Sie fügten sich nahtlos in die Landschaft mit den Orangen- und Eukalyptusbäumen ein.

Shabaz’ Spaziergang endete an der südwestlichen Ecke des Geländes, bei Bungalow Nr. 6, der an der Seite eines kleinen Teiches lag. Hier befand sich sein Büro, das mit einem privaten Vorführraum und einer Wohnung ausgestattet war, falls er auf dem Gelände übernachten wollte. In der Auffahrt parkte sein olivfarbener Range Rover. Der Fahrer lehnte gegen den Wagen und genehmigte sich eine Zigarette.

„Hi, Mr Shabaz“, begrüßte er ihn. Er berührte kurz sein Basecap mit dem Aufdruck Shabaz Films und dem auffallenden smaragdgrünen Blitz.

„Wie viel haben sie uns diesmal abgeknöpft, Mike?“

„Nicht allzu viel. Auf das meiste war noch Garantie, nur nicht auf die neuen Reifen. Die haben ein paar Hundert Dollar mehr gekostet, aber sie halten angeblich fünfundsiebzigtausend Meilen – nicht nur die zwanzigtausend, die wir aus den letzten rausgeholt haben.“

„Was so viel heißt wie: Nach fünfundvierzigtausend Meilen sind die auch runter?“

„Wenn wir Glück haben.“ Der Fahrer grinste. „Brauchen Sie mich heute Abend noch?“

Shabaz schüttelte den Kopf. „Nein, ich arbeite heute noch. Entweder fahre ich dann selbst später nach Hause, oder ich übernachte hier. Bis morgen.“

Der Fahrer legte zum Abschied wieder die Hand an sein Basecap und ging hinüber zum Parkplatz, während Shabaz seinen neuen Wagen inspizierte. Zumindest musste es so für einen Beobachter aussehen. Doch in Wirklichkeit versicherte Shabaz sich, dass niemand in der Nähe war und ihn beobachten konnte. Auch wenn nichts Verdächtiges dabei war – wenn ein Mann ein Paket aus seinem Wagen holte, verzichtete er doch lieber auf Publikum.

Er betrat den Bungalow, grüßte den diensthabenden Wachmann und ging direkt in den Vorführraum. Shabaz schloss hinter sich ab, dann schritt er an den zwölf Kinosesseln aus schwarzem Leder vorbei den Gang entlang. Boden und Wände waren mit Auslegeware bedeckt. Der Teppich war mit feinen Quadraten in unterschiedlichen Grautönen gemustert. In dem schwachen Licht war nicht zu erkennen, dass eines der Quadrate in Wirklichkeit eine Tür war.

Der Raum auf der anderen Seite war ebenfalls mit quadratischen Modulen ausgekleidet, doch hier bestanden sie aus einer Betonmischung mit Zusätzen, die für höchste Zerstörungsresistenz entwickelt worden war. Die Platten hatten einen Durchmesser von nur knapp neun Zentimetern, doch waren sie zehnmal so bruchsicher wie ein fünfzig Zentimeter dicker Block aus normalem Zement. Darüber hinaus waren sie brandsicher und wasserabweisend. Nur eine richtiggehende Nuklearattacke konnte sie sprengen.

In dem Raum befanden sich drei identische Tresorräume, die alle mit denselben Spezifikationen gebaut worden waren: zweihundertdreißig Quadratmeter Fläche und erdbebensicher – zumindest soweit das architektonisch möglich war. Shabaz hatte den Architekten in dem Glauben gelassen, dass in diesem wie in den anderen beiden Tresorräumen Filmnegative aufbewahrt wurden. Seit ihrer Fertigstellung hatte niemand außer ihm jemals diese Räume betreten. Was sie bargen, war sein Geheimnis.

Heute Abend beschäftigte sich Shabaz nicht mit einem der kostbaren Objekte, die auf den Regalen standen. Seine Aufmerksamkeit war ganz auf die Staffeleien gerichtet, die in einem Halbkreis in der Mitte des Raums standen. Auf vier der fünf Staffeleien standen Gemälde. Für Shabaz’ Kennerblick gehörten diese vier Kunstwerke jeweils zum Besten aus dem Œuvre jedes der vier Künstler, die sie geschaffen hatten.

Strand von Scheveningen bei stürmischem Wetter von Vincent Van Gogh war ein graugrün windverwehtes Bild, eine aufgewühlte, emotionale Reaktion des Künstlers auf einen wolkenverhangenen, rauen Tag in dem Badeort bei Den Haag. Ein paar wenige Male hatte Shabaz es gewagt, die dick auf die Leinwand aufgetragene Farbe mit den Fingerspitzen zu berühren. Van Gogh war dafür bekannt, dass er im Freien malte. Es war deshalb nicht verwunderlich, dass der Regisseur echte Sandkörnchen in der Farbe gefunden hatte.

Der Strand von Pourville von Claude Monet war im Gegensatz zu dem gewalttätigen Van Gogh direkt friedvoll. Das Bild besaß eine ungeheure Farbenfülle. Beim Betrachten bekam Shabaz immer ein Gefühl, als würde er salzige Seeluft einatmen. Der lavendelblaue Himmel, das grüne Meer und der Sandstrand waren mit leichtem Pinselstrich gemalt, doch der Gesamteindruck transportierte mehr, als eine Fotografie hätte vermitteln können.

Gustav Klimts Damenbildnis war ein atmosphärisches, rätselhaftes Bild. In den mandelförmigen Augen der dunkelhaarigen Frau lag Sehnsucht, eine gewisse Launenhaftigkeit umspielte ihre vollen Lippen. Der tief grünblaue Hintergrund deutete einen Wald an, und in dem gelben Kleid hätte sie eine wundervolle Wildblume sein können, auf die der Maler unerwartet gestoßen war.

Das vierte Gemälde war das kleinste, ein Miniatur-Juwel. Der Renoir maß nur dreißig auf sechsunddreißig Zentimeter, aber der Strauß rosafarbener Rosen war von ungemein lebensechter Brillanz und Farbenpracht. Mehr als einmal hatte sich Shabaz schon täuschen lassen und gemeint, ihren Duft in dem Tresorraum direkt riechen zu können.

Nun hielt er ein fünftes Gemälde unterm Arm, das seinen Platz auf der noch verbleibenden Staffelei einnehmen würde.

Vorsichtig riss Shabaz das Pergamentpapier auf und wickelte das Bild aus mehreren Lagen Luftpolsterfolie. Schließlich legte er eine Explosion an Farben frei. Er hob das Gemälde so sorgsam hoch, als hielte er Schmetterlingsflügel in Händen, und platzierte es auf der leeren Staffelei.

Dann trat er einen Schritt zurück. Zum ersten Mal erfasste er Blick auf St. Tropez, das Meisterwerk von Matisse, in seiner Gesamtheit.

Die überschwänglichen Pinselstriche wirkten aus der Nähe direkt primitiv, doch wenn man sie nur aus ein, zwei Meter Entfernung anschaute, formten sie eine lichtdurchflutete Szene am Strand. Es war strahlender und lauter als der Monet – in diesem Gemälde gab es mehr Lebensfreude, es war weniger in der Kontemplation befangen. Vielleicht war es wirklich das Beste der fünf.

Shabaz’ Hände zitterten, ihm war leicht unwohl. Zwei Jahre und sechs Millionen Dollar hatte es ihn gekostet, um diese besondere Auswahl an Gemälden hier zusammenzubringen. Der erste Schritt seines Plans war endlich vollbracht. Sein Blick glitt von einem Meisterwerk zum nächsten. Welches sollte er nehmen? Vielleicht den Renoir? Vielleicht war ein Stillleben am wenigsten einschüchternd?

Es war nicht das Geld, das ihm Sorgen bereitete, sondern das, was er jetzt tun musste. Sicher waren die Summen nicht vernachlässigenswert, aber er hatte für alle Bilder zusammen weniger bezahlt, als jedes Einzelne wert war. Es war nicht einfach, einen Käufer für gestohlene Kunstwerke zu finden. Keines erzielte auch nur annähernd den offiziellen Marktpreis. Der Renoir war acht Millionen wert, doch er hatte nur eine gezahlt. Mit einer legalen Herkunft hätte der Matisse fünfunddreißig Millionen gebracht, aber er hatte nur zweieinhalb auf den Tisch gelegt.

Welchen also? Welchen sollte er nehmen? Der Van Gogh war das Wertvollste der fünf Gemälde. Den würde er ihnen vor die Nase halten wie eine Karotte. Den Klimt würde er am ehesten verschmerzen können.

Schon seit einem Monat lag eine Einkaufstüte von Williams-Sonoma in einer Ecke des Tresorraums. Darin befand sich ein einziger Gegenstand, ein Shun Kaji, ein Schälmesser, das er für 134,95 Dollar in bar erstanden hatte. Es war so weit. Sollte er den Monet nehmen – oder den Matisse?

Shabaz trat zu dem Monet, dann zu dem Matisse. In den nächsten neunzig Sekunden schritt er langsam immer wieder von einem zum anderen Gemälde.

Schließlich traf er eine Entscheidung. Die Messerspitze war nur noch wenige Zentimeter von der Leinwand entfernt, da bemerkte Shabaz, wie sich die ruhigen Blau- und Grüntöne auf der Klinge spiegelten. Wie um alles in der Welt konnte er das tun? Sogar die Reflexion des Bildes war ein Meisterwerk.

5. KAPITEL

Er sah alle diese Gestalten und Gesichter in tausend Beziehungen zueinander, jede war ein Sterbenwollen, ein leidenschaftlich schmerzliches Bekenntnis der Vergänglichkeit, und keine starb doch, jede verwandelte sich nur, wurde stets neu geboren, bekam stets ein neues Gesicht, ohne dass doch zwischen einem und dem anderen Gesicht Zeit gelegen wäre …

– Hermann Hesse, „Siddhartha“ –

Lucian riss das Blatt Papier vom Block. Es war noch nicht auf dem Boden bei all den anderen zerknüllten Zeichnungen gelandet, da bewegte er den Stift schon über ein neues Blatt, elegant und sicher, mit präzisen, unaufwendigen Bewegungen. Ein menschliches Gesicht entstand, das aus dem Papier zu ihm hochsah. In den Augen der Frau lag Todesangst. In weniger als fünfzehn Minuten hatte er die Fremde zum Leben erweckt, und obwohl das Porträt überdurchschnittlich gut war, genügte es seinen Ansprüchen nicht. Wieder riss er das Papier ab und begann von Neuem zu zeichnen.

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