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Der Ursprung des Bösen

BASTEI ENTERTAINMENT

Das Klingeln bohrte sich wie eine glühende Nadel in sein Bewusstsein.

Im Traum war er an einer sonnenbeschienenen Mauer entlanggelaufen. Es war eine strahlend weiße Wand, die weder Anfang noch Ende hatte, und er folgte seinem Schatten. Die Mauer war wie ein eigenes Universum, glatt, blendend, teilnahmslos …

Wieder klingelte es.

Er öffnete die Augen und warf einen Blick auf die Leuchtziffern des Weckers neben sich. Zwei Minuten nach vier. Mühsam stützte er sich auf einen Ellbogen und tastete nach dem Telefonhörer, griff aber ins Leere. Erst in diesem Moment fiel ihm ein, dass er sich im Ruheraum befand. Er suchte die Taschen seines Kittels ab, bis er das Handy fand. Die Nummer auf dem Display war ihm nicht bekannt. Er nahm das Gespräch an, ohne sich zu melden.

»Doktor Freire?«

Er antwortete nicht.

»Sie sind doch Doktor Mathias Freire, Psychiater im Bereitschaftsdienst, oder?«

Die Stimme schien von ganz weit her zu kommen. Immer noch war der Traum in seinem Kopf. Die Mauer, das weiße Licht, der Schatten …

»Das ist richtig«, antwortete er schließlich.

»Ich bin Doktor Fillon und habe heute Nacht Notdienst im Viertel Saint-Jean-Belcier.«

»Wieso rufen Sie mich unter dieser Nummer an?«

»Weil es die ist, die man mir gegeben hat. Störe ich gerade?«

Langsam gewöhnten sich Freires Augen an die Dunkelheit. Er erkannte die Leuchtplatte für Röntgenbilder, den Schreibtisch aus Metall und den doppelt verschlossenen Medikamentenschrank. Der Ruheraum war einfach nur sein Sprechzimmer. Er hatte das Licht gelöscht und auf dem Untersuchungstisch geschlafen.

»Was ist los?«, grunzte er und richtete sich auf.

»Ein merkwürdiger Vorfall am Bahnhof Saint-Jean. Gegen Mitternacht haben Wachleute einen Mann aufgefunden. Einen Penner, der sich in einem stillgelegten Bahnwärterhäuschen zwischen den Gleisen versteckt hatte.«

Die Stimme des Arztes klang angespannt. Freires Blick streifte den Wecker erneut. Fünf nach vier.

»Sie haben ihn zur Sanitätsstation gebracht und die nächstgelegene Polizeiwache kontaktiert. Die Bullen haben ihn mitgenommen und mich angerufen. Ich habe ihn auf der Wache untersucht.«

»Ist er verletzt?«

»Das nicht, aber er hat das Gedächtnis verloren. Und zwar vollständig. Ziemlich beeindruckend!«

Freire gähnte.

»Simuliert er vielleicht?«

»Sie sind der Spezialist. Aber ich glaube es eher nicht. Er scheint irgendwie ganz weit weg zu sein. Oder – wie soll ich sagen? – er schwimmt sozusagen im Nichts.«

»Ruft die Polizei auch noch bei mir an?«

»Nein, der Patient wird Ihnen gerade in einem Streifenwagen überstellt.«

»Na, herzlichen Dank«, grummelte Freire ironisch.

»Ich meine es ernst. Sie können ihm sicher helfen, da bin ich ganz sicher.«

»Haben Sie einen Untersuchungsbericht erstellt?«

»Der Patient bringt ihn mit. Viel Glück.«

Eilig legte der Arzt auf. Mathias Freire blieb reglos in der Dunkelheit stehen. Das Freizeichen bohrte sich in sein Trommelfell. Diese Nacht meinte es wirklich nicht gut mit ihm.

Schon gegen neun Uhr abends hatte der Zirkus angefangen. Auf der Station der zwangseingewiesenen Patienten hatte ein Neuzugang zunächst seinen Darm mitten ins Zimmer entleert, dann seine Exkremente verzehrt und dem herbeigeeilten Pfleger das Handgelenk gebrochen. Eine halbe Stunde später hatte sich eine Schizophrene auf einer anderen Station mit einem Stück Linoleum die Pulsadern durchgeschnitten. Freire kümmerte sich um die ersten Hilfsmaßnahmen und überstellte sie anschließend in die Universitätsklinik Pellegrin.

Gegen Mitternacht konnte er sich endlich hinlegen. Aber nur kurz. Eine Stunde später irrte ein Patient splitterfasernackt mit einer Plastiktrompete durch das Klinikgelände. Erst nach drei Spritzen gab er einigermaßen Ruhe. Anschließend mussten andere Patienten beschwichtigt werden, die er mit seinem Lärm geweckt hatte. Gleichzeitig bekam einer der Jungs auf der Station für Drogenabhängige einen epileptischen Anfall. Bis Freire bei ihm war, hatte der Kerl sich schon die Zunge durchgebissen, und das Blut sprudelte nur so aus seinem Mund. Man brauchte vier Männer, um seine Zuckungen unter Kontrolle zu bekommen. Im allgemeinen Durcheinander schaffte es der Mann trotz allem noch, sich Freires Handy zu schnappen. Der Psychiater musste warten, bis die Medikamente wirkten, ehe er die Finger des Kranken auseinanderbiegen und sein blutverschmiertes Telefon wieder an sich nehmen konnte.

Erst um halb vier fand er Zeit, sich wieder hinzulegen. Die Verschnaufpause hatte gerade einmal eine halbe Stunde gedauert, ehe dieser dämliche Anruf kam. Scheiße.

Reglos blieb er im Dunkeln sitzen. Immer noch tönte das Freizeichen durch den nächtlichen Raum.

Schließlich steckte er das Handy in die Tasche und stand auf. Wieder tauchte die weiße Mauer aus dem Traum vor seinen Augen auf. Eine Frauenstimme murmelte: »Feliz …« Es war das spanische Wort für »glücklich«. Wieso spanisch? Und wieso eine Frau? Hinter seinem linken Auge spürte er den vertrauten, stechenden Schmerz, der ihn bei jedem Aufwachen begleitete. Er rieb sich die Augen und trank einen Schluck Wasser direkt aus der Leitung.

Ohne Licht zu machen, tastete er sich zur Tür und öffnete sie mit seiner Chipkarte.

Er hatte sich in seinem Sprechzimmer eingeschlossen, weil der Medikamentenschrank behütet werden musste wie der Heilige Gral.

Fünf Minuten später betrat er die vor Nässe glänzende Auffahrt zu seiner Station. Seit dem Abend war Bordeaux in einen ungewöhnlich dichten, weißlichen Nebel gehüllt. Freire schlug den Kragen des Regenmantels hoch, den er über seinen Kittel gezogen hatte. Der Geruch des Meeres kribbelte in seiner Nase.

Freire schlenderte durch die Anlage. Man konnte kaum drei Meter weit sehen, doch er kannte das Gelände in- und auswendig. Niedrige, grau verputzte Pavillons mit gewölbten Dächern wechselten sich mit rechteckigen Rasenflächen ab. Natürlich hätte er auch einen Pfleger schicken können, doch er legte Wert darauf, seine »Kunden« selbst in Empfang zu nehmen.

Er überquerte den zentralen, von einigen Palmen gesäumten Innenhof. Normalerweise erfüllten ihn die von den Antillen importierten Bäume mit einem gewissen Optimismus, doch in dieser Nacht funktionierte es nicht. Die Dunstglocke aus Kälte und Feuchtigkeit war stärker. Freire erreichte das Eingangstor, grüßte den Wachmann mit einer Handbewegung und trat auf die Straße hinaus. Der Streifenwagen war bereits da. Stumm zeichnete das Blaulicht eine hektisch blinkende Spur in den Nebel.

Freire schloss die Augen. Der Schmerz pulsierte nach wie vor unter seinen Lidern, doch er maß ihm keine Bedeutung bei, weil er ihn für psychosomatisch hielt. Es war sein Beruf, psychische Erkrankungen zu versorgen, die den Körper in Mitleidenschaft zogen. Warum sollte sein eigener Organismus anders reagieren?

Als er die Augen wieder öffnete, stieg gerade ein Polizist aus dem Streifenwagen. Ein Mann in Zivil folgte ihm. Und jetzt verstand Freire auch, warum der Arzt am Telefon so irritiert gewirkt hatte. Der Patient, der sein Gedächtnis verloren hatte, erwies sich als wahrer Koloss. Er maß eins neunzig und würde gut und gern seine hundertdreißig Kilo auf die Waage bringen. Auf dem Kopf trug er einen echten texanischen Stetson, seine Füße steckten in Westernstiefeln aus Echsenleder. In seinem dunkelgrauen Mantel wirkte er unglaublich wuchtig. Er hatte eine Plastiktüte und einen prall mit Papieren gefüllten Umschlag bei sich.

Der Polizist wollte seinen Passagier begleiten, doch Freire machte ihm ein Zeichen, stehen zu bleiben. Langsam ging er auf den Cowboy zu. Der Schmerz hinter seinem Auge verstärkte sich mit jedem Schritt; ein Muskel im Augenwinkel begann zu zucken.

»Guten Abend«, grüßte er freundlich.

Der Mann antwortete nicht. Bewegungslos stand er im dunstigen Lichtkreis einer Laterne. Freire wandte sich an den Polizisten, der einsatzbereit mit der Hand in der Nähe des Pistolenhalfters wartete.

»Schon gut. Wir kommen klar.«

»Brauchen Sie keine Informationen über ihn?«

»Schicken Sie mir gleich morgen früh den amtlichen Bericht.«

Der Beamte nickte, drehte sich um und stieg in den Streifenwagen, der rasch vom Nebel verschluckt wurde.

Die beiden Männer standen einander nur durch ein paar Dunstfetzen getrennt gegenüber.

»Mein Name ist Mathias Freire«, stellte der Arzt sich schließlich vor. »Ich habe heute hier in der Klinik Nachtdienst.«

»Werden Sie sich um mich kümmern?«

Die tiefe Stimme klang wie erloschen. Freire konnte die unter dem Stetson verborgenen Züge des Mannes kaum erkennen. Der Patient schien einem der Riesen zu ähneln, wie man sie aus Zeichentrickfilmen kennt – Himmelfahrtsnase, breiter Mund, schweres Kinn.

»Wie fühlen Sie sich?«

»Ich brauche Hilfe.«

»Würden Sie mir bitte folgen?«

Der Mann bewegte sich nicht.

»Kommen Sie mit«, sagte Freire und streckte den Arm aus. »Wir werden Ihnen helfen.«

Der Mann wich reflexartig zurück und geriet dabei in den Lichtstrahl einer Laterne. Freire erkannte, dass er ihn richtig eingeschätzt hatte. Sein Gesicht wirkte gleichzeitig kindlich und unproportioniert. Er mochte etwa fünfzig Jahre alt sein; silberne Haarsträhnen quollen unter dem Hut hervor.

»Kommen Sie. Alles wird gut.«

Freire bemühte sich um seinen überzeugendsten Tonfall. Psychisch kranke Menschen besitzen oft eine besonders ausgeprägte Sensibilität und spüren sofort, wenn man sie zu manipulieren versucht. Es ist fast unmöglich, sie zu täuschen; man muss die Karten offen auf den Tisch legen.

Der Mann ohne Gedächtnis setzte sich langsam in Bewegung. Freire steckte die Hände in die Taschen, drehte sich um und schlenderte betont lässig auf die Klinik zu. Er musste sich zwingen, nicht über die Schulter zurückzublicken, doch er wollte seinem Patienten zeigen, dass er Vertrauen zu ihm hatte.

Sie erreichten das Hauptportal. Mathias atmete durch den Mund und sog die kalte, feuchte Luft ein. Er fühlte sich unendlich müde. Es lag wohl nicht nur am Schlafmangel – auch der trostlose Nebel war schuld. Und vor allem das Gefühl seiner Ohnmacht gegenüber den Geisteskrankheiten, die ihr Gesicht mit jedem Tag zu vervielfältigen schienen.

Wie würde dieser Neue sich verhalten? Was konnte er für ihn tun? Freire wusste nur zu genau, dass die Chance, mehr über die Vergangenheit dieses Patienten zu erfahren, ziemlich gering war. Und die Chance, ihn zu heilen, tendierte gegen null.

Aber so war nun einmal das Schicksal von Psychiatern: Man bemühte sich Tag für Tag aufs Neue, ein untergehendes Schiff mit einem Fingerhut leerzuschöpfen.

Es war neun Uhr morgens, als er in sein Auto stieg – einen zerbeulten Volvo Kombi, den er vor anderthalb Monaten bei seiner Ankunft in Bordeaux gebraucht gekauft hatte. Er hätte auch zu Fuß nach Hause gehen können, denn er wohnte nicht einmal einen Kilometer entfernt, doch er hatte sich angewöhnt, das alte Vehikel zu benutzen.

Die psychiatrische Klinik Pierre-Janet lag im Südwesten der Stadt, nicht weit von der Universitätsklinik Pellegrin entfernt. Freire wohnte im Viertel Fleming zwischen der Uniklinik und der Universität. Fleming war ein anonymes Neubauviertel mit endlosen Reihen identischer rosa Häuser, roten Ziegeldächern, gestutzten Hecken und kleinen Gärten.

Freire fuhr im Schritttempo durch den Nebel, der sich beharrlich hielt. Er konnte kaum etwas erkennen, doch die Stadt interessierte ihn ohnehin nicht. Man hatte ihm erklärt, Bordeaux sei eine Art kleines Paris, sehr ansehnlich und die Hauptstadt des Weins. Man hatte ihm überhaupt sehr viel erzählt, aber gesehen hatte er bisher nichts. Er fand Bordeaux spießig, hochnäsig und todlangweilig; ein unpersönliches Ballungsgebiet, wo man an jeder Straßenecke die miefige Atmosphäre einer herrschaftlichen Provinzvilla spürte.

Das andere Gesicht von Bordeaux, die legendäre gutbürgerliche Gesellschaft, hatte er bisher noch nicht kennengelernt. Viele seiner Kollegen in der Klinik fühlten sich zu den linken Parteien hingezogen, die seit jeher den bourgeoisen Traditionen den Kampf angesagt hatten. Aber genau diese Leute waren die ewigen Miesmacher, die gar nicht merkten, dass sie selbst einen wesentlichen Teil der von ihnen verabscheuten Klasse darstellten. Freire beschränkte den Kontakt zu ihnen auf die leichte Konversation beim Mittagessen – lustige Geschichten von Verrückten, die Gabeln verschluckten, Tiraden gegen das psychiatrische System in Frankreich, Pläne für den Urlaub und den Ruhestand.

Hätte Freire Anstalten gemacht, sich in die bessere Gesellschaft von Bordeaux einführen zu lassen, wäre er vermutlich kläglich gescheitert. Er litt nämlich unter einem maßgeblichen Handicap: Er trank keinen Wein. In der Gegend von Bordeaux findet man so etwas schlimmer, als blind, taub oder lahm zu sein. Natürlich machte ihm niemand Vorwürfe wegen dieses Mankos, doch seine Einsamkeit sprach für sich. Wer in Bordeaux keinen Wein trank, hatte keine Freunde. So einfach war das. Freire wurde nie privat angerufen und bekam weder Mails noch SMS. Seine Kommunikation beschränkte sich auf den beruflichen Austausch mit Kollegen und das Intranet der Klinik.

Trotz der langsamen Fahrweise war er schnell zu Hause.

Jedes Haus im Viertel trug den Namen eines Edelsteins. Topas. Diamant. Türkis. Die Namen waren die einzige Möglichkeit, die Häuser voneinander zu unterscheiden.

Freire wohnte im Haus Opal. Bei seiner Ankunft in Bordeaux hatte er geglaubt, er hätte sich für dieses Haus entschieden, weil es in der Nähe seines Arbeitsplatzes lag. Doch das stimmte nicht. Er hatte das Viertel ausgesucht, weil es neutral und unpersönlich war. Ein idealer Ort, um allem zu entfliehen, sich zu verbergen und in der Masse unterzutauchen.

Er war nach Bordeaux gekommen, um einen Schlussstrich unter seine Pariser Vergangenheit zu ziehen. Nie wieder würde und wollte er der Mann sein, der er früher gewesen war: ein renommierter, kultivierter, von Gleichgesinnten hofierter Arzt.

Er parkte wenige Meter von seinem Haus entfernt. Der Nebel war so dicht, dass die Stadtverwaltung sich entschlossen hatte, die Straßenlaternen auch am Tag nicht zu löschen.

Seine Garage benutzte Freire nie. Als er aus dem Auto stieg, hatte er den Eindruck, in einen Pool aus Milch einzutauchen. Milliarden winziger Tröpfchen schwebten in der Luft. Der Anblick erinnerte ihn an ein pointillistisches Gemälde.

Freire steckte die Hände in die Taschen seines Regenmantels und ging schneller. Trotz des hochgeklappten Kragens spürte er das eisige Prickeln des Nebels an seinem Hals. Er fühlte sich wie ein Privatdetektiv in einem alten Hollywoodstreifen: der einsame Held auf der Suche nach Licht.

Er öffnete das Gartentor, überquerte die wenigen Meter feucht glänzenden Rasens und steckte den Schlüssel ins Schloss.

Das Innere des Hauses war genauso austauschbar wie das Äußere. Die Aufteilung war immer gleich: Windfang, Wohnzimmer und Küche im Erdgeschoss, in der Etage darüber die Schlafzimmer. Alle Häuser waren mit den gleichen Materialien ausgestattet – Laminatböden, weiß verputzte Wände, furnierte Türen. Die Bewohner drückten ihre Individualität einzig durch das Mobiliar aus.

Freire zog seinen Mantel aus und ging in die Küche, ohne Licht zu machen. Die Originalität seiner Wohnung bestand darin, dass er keine oder fast keine Möbel besaß. Der einzige Schmuck hier waren ungeöffnete Umzugskartons, die an den Wänden aufgereiht standen. Freire wohnte in einer Musterwohnung.

Im Licht der Straßenlaternen brühte er sich einen Tee auf. An Schlaf war voraussichtlich nicht zu denken: Um 13.00 Uhr begann seine nächste Bereitschaft. Bis dahin würde er Krankenakten durcharbeiten. Wenn er schließlich gegen 22.00 Uhr Feierabend machen konnte, würde er sich vermutlich ohne Abendbrot hinter dem Fernseher verschanzen und dort auch den ganzen Sonntag verbringen. Nach einer hoffentlich gut durchgeschlafenen Nacht würde er am Montag seinen Dienst zu einer einigermaßen vernünftigen Uhrzeit wieder aufnehmen.

Er beobachtete die Teeblätter, die sich auf dem Boden der Glaskanne entfalteten, und sagte sich, dass er möglichst bald etwas ändern müsse. Nicht mehr ständig Bereitschaftsdienste übernehmen. Einen gewissen Rhythmus in sein Leben bringen. Sport treiben. Zu festen Zeiten essen. Aber auch diese Art von Überlegung gehörte zu seinem unübersichtlichen Tagesablauf, der sich ziellos immer wiederholte.

Er nahm das Sieb aus der Kanne und beobachtete, wie die braune Farbe sich verstärkte. Genauso sah es in seinem Kopf aus – seine Gedanken wurden immer düsterer. Es stimmt, dachte er, während er das Teesieb noch einmal eintauchte, ich habe mich in die psychischen Störungen anderer geflüchtet, um meine eigenen besser vergessen zu können.

Vor zwei Jahren – damals war er dreiundvierzig – hatte Mathias Freire den schwersten Verstoß gegen sein Berufsethos begangen, den man sich vorstellen konnte: Er hatte in der psychiatrischen Klinik von Villejuif mit einer Patientin geschlafen. Anne-Marie Straub war eine schizophrene und manisch-depressive junge Frau, deren Prognosen nicht darauf schließen ließen, dass sie die Klinik je wieder verlassen konnte. Wenn er über den Vorfall nachdachte, konnte Freire es noch immer nicht fassen. Er hatte das Tabu aller Tabus gebrochen.

Dabei war seine eigene Vorgeschichte alles andere als krank oder pervers. Auch wenn er Anne-Marie außerhalb der Klinik kennengelernt hätte, wäre er ihr Hals über Kopf verfallen. Er hätte das gleiche wilde, unüberlegte Verlangen gespürt, das ihn gleich beim ersten Anblick der jungen Frau in seinem Sprechzimmer überfiel. Weder Isolierzellen noch Medikamente oder die Schreie der anderen Patienten konnten seine Leidenschaft bremsen. Es war einfach Liebe auf den ersten Blick gewesen.

In Villejuif wohnte Freire am Rand des Klinikgeländes. Jede Nacht suchte er den Trakt auf, in dem Anne-Marie untergebracht war. Noch immer sah er jedes Detail vor sich: den Linoleumboden, die Türen mit den Gucklöchern, seine Chipkarte, die es ihm ermöglichte, jeden Bereich zu betreten. Als Schatten im Schatten wurde Mathias von seinem Verlangen geleitet. Oder eigentlich eher vorwärtskatapultiert. Jede Nacht durchquerte er den Saal, in dem Kunsttherapie angeboten wurde. Immer senkte er den Blick, um Anne-Maries Bilder nicht sehen zu müssen. Sie malte schwarze, verzerrte, obszöne Wunden auf rotem Untergrund. Manchmal zerschnitt sie auch die Leinwand mit dem Spachtel, wie Lucio Fontana. Wenn Mathias Anne-Maries Werke bei Tageslicht betrachtete, wusste er, dass die junge Frau eine der gefährlichsten Patientinnen der Klinik war. Bei Nacht aber wandte er den Blick ab und stahl sich in ihre Zelle.

Diese Nächte hatten ihn für immer gezeichnet. Leidenschaftliche Umarmungen hinter verschlossenen Türen. Geheimnisvolle, fesselnde, inspirierende Zärtlichkeiten. Verrückte, geflüsterte Worte. »Achte nicht auf sie, mein Liebling … Sie sind nicht böse …« Sie sprach von den Geistern, von denen sie sich in der Dunkelheit umgeben glaubte. Mathias antwortete nicht, sondern starrte in die Finsternis. Unglück, dachte er. Ich renne geradewegs in mein Unglück.

Eines Tages war er nach der Liebe eingeschlafen. Nur eine Stunde, vielleicht sogar weniger. Als er wach wurde – es musste gegen drei Uhr morgens gewesen sein –, baumelte Anne-Maries nackter Körper über dem Bett. Sie hatte sich erhängt. Mit seinem Gürtel.

In der ersten Sekunde hatte er nichts begriffen. Er glaubte, noch zu träumen, und bewunderte die Gestalt mit den schweren Brüsten, die ihn bereits wieder erregte. Doch dann explodierte die Panik in seinem Kopf. Ihm wurde entsetzlich klar, dass alles vorbei war. Für sie. Aber auch für ihn. Er kleidete sich an, ließ die Leiche am Fensterkreuz hängen, flüchtete durch die Flure, ging den Pflegern aus dem Weg und vergrub sich in seiner Wohnung wie eine Ratte in ihrem Loch.

Außer Atem und innerlich aufgewühlt spritzte er sich ein Beruhigungsmittel und verkroch sich mit über den Kopf gezogenem Laken in seinem Bett.

Als er zwölf Stunden später erwachte, hatte die Nachricht längst die Runde gemacht. Niemand wunderte sich, denn Anne-Marie hatte schon mehrfach versucht, ihrem Leben ein Ende zu setzen.

Allerdings stellte man Nachforschungen nach dem Männergürtel an. Seine Herkunft wurde nie geklärt. Mathias Freire wurde nie behelligt. Nicht einmal befragt. Anne-Marie Straub war schon länger als ein Jahr nicht mehr seine Patientin. Eine Familie besaß sie nicht. Niemand erhob Anklage; man legte den Fall zu den Akten.

Von diesem Tag an erledigte Freire seine Arbeit wie ein Automat und nahm abwechselnd Antidepressiva und Angstlöser, die ihn einigermaßen aufrecht hielten. Er hatte nicht die geringste Erinnerung an jene Zeit. Seine Sprechstunden hielt er wie ferngesteuert und stellte konfuse Diagnosen. Nachts träumte er nie. Eines Tages erhielt er das Angebot einer Klinik in Bordeaux. Er ergriff die Gelegenheit beim Schopf, setzte die Medikamente ab, packte seine Koffer und stieg in den Zug, ohne sich noch einmal umzuschauen.

Seit er in der Klinik in Bordeaux arbeitete, legte er eine neue Berufsauffassung an den Tag. Er vermied jedes persönliche Engagement. Seine Patienten waren für ihn keine Fälle mehr, sondern wie leere Felder eines Formulars, das er auszufüllen hatte: Schizophrenie, Depression, Hysterie, Zwangsstörungen, Paranoia, Autismus. Er untersuchte, verschrieb die entsprechende Behandlungsmethode und blieb auf Distanz. Man nahm ihn als kalt, abgehoben und roboterhaft wahr. Umso besser. Nie wieder würde er sich einem Patienten nähern. Und nie wieder würde er sein Ich in seine Arbeit einbringen.

Langsam kehrte er in die Gegenwart zurück. Er stand immer noch am Küchenfenster und blickte auf die leere, nebelverhangene Straße hinaus. Sein Tee war inzwischen so schwarz wie Kaffee. Draußen wurde es immer noch nicht richtig hell. Die Häuser hinter den Hecken sahen alle gleich aus. Hinter identischen Fenstern lagen immer gleich gepolte Menschen und schliefen. Es war Samstagmorgen, da blieb man lange im Bett.

Eine Kleinigkeit jedoch passte nicht.

Etwa fünfzig Meter entfernt stand ein schwarzes Geländefahrzeug mit eingeschalteten Scheinwerfern am Straßenrand.

Freire wischte die beschlagene Scheibe frei. In diesem Augenblick stiegen zwei Männer in schwarzen Mänteln aus dem Auto. Freire kniff die Augen zusammen. Die beiden waren im Nebel nur schwer zu erkennen, doch in Gestalt und Auftreten erinnerten sie ihn an FBI-Agenten in einem Film. Oder auch an die beiden witzigen Hauptfiguren aus Men in Black. Was mochten sie hier wollen?

Freire überlegte, ob es sich um Mitglieder einer von den Bewohnern des Viertels engagierten Privatmiliz handeln könnte, doch weder das Auto noch die Eleganz der Männer passten in dieses Bild. Inzwischen lehnten beide an der Motorhaube des Geländewagens. Der Nebel schien ihnen nichts auszumachen. Sie fixierten einen bestimmten Punkt. Erneut verspürte Mathias den Schmerz hinter seinem linken Auge.

Das, was die beiden Männer im Nebel beobachteten, war sein eigenes Haus. Und mit ziemlicher Sicherheit auch seine Gestalt, die sich am Fenster abzeichnete.

Gegen 13.00 Uhr kehrte Freire in die Klinik zurück. Er hatte eine Weile auf dem Sofa gedöst und sich dabei in Ermangelung einer Decke mit mehreren Patientenakten zugedeckt. Die Notaufnahme war menschenleer. Weder verzweifelte Patienten noch betrunkene Penner oder auch nur auf der Straße aufgegriffene Irre. Ein wahrer Glücksfall. Er begrüßte die Krankenschwestern. Man überreichte ihm seine Post und die Krankenblätter der Fälle vom Vortag, mit denen er sein Büro aufsuchte, das ihm auch als Sprechzimmer und Ruheraum diente.

Als Erstes nahm er sich den Bericht über den Mann vom Bahnhof Saint-Jean vor, der offenbar das Gedächtnis verloren hatte. Das Dokument war von einem gewissen Nicolas Pailhas erstellt worden, der auf der Polizeiwache an der Place des Capucins Dienst tat. Am Abend zuvor hatte Freire kein Aufnahmegespräch mehr mit dem Cowboy geführt. Er hatte ihn lediglich abgehorcht, ihm ein Schmerzmittel verabreicht und ihn zu Bett geschickt. Alles andere konnte man getrost verschieben.

Gleich die ersten Zeilen des Berichts weckten Freires Interesse.

Der Unbekannte war gegen Mitternacht von Bahnbeamten in einem ehemaligen Bahnwärterhäuschen neben dem Gleis 1 aufgefunden worden. Der Mann hatte das Schloss der Hütte aufgebrochen und sich drinnen versteckt. Als man ihn fragte, was er dort zu suchen habe, konnte er weder eine Antwort geben noch seinen Namen nennen. Außer seinem Stetson und seinen Stiefeln aus Echsenleder trug der Eindringling einen grauen Wollmantel, eine abgewetzte Samtjacke, ein Sweatshirt mit der Aufschrift »Champion« und durchlöcherte Jeans. Er hatte weder einen Ausweis noch irgendein anderes Dokument bei sich, mit dem man ihn hätte identifizieren können. Er schien unter Schock zu stehen, hatte Schwierigkeiten, sich auszudrücken, und verstand häufig die Fragen nicht, die man ihm stellte.

Viel beunruhigender aber waren die beiden Dinge, die aus der Hand zu geben er sich standhaft weigerte. Es handelte sich um einen fünfundvierzig Zentimeter langen verstellbaren Schraubenschlüssel – einen sogenannten Engländer – und ein Telefonbuch der Region Aquitaine aus dem Jahr 1996 mit einem Umfang von mehreren Tausend Dünndruckseiten. Sowohl der Engländer als auch das Telefonbuch waren blutbefleckt. Der Möchtegern-Texaner konnte nicht erklären, woher die beiden Dinge stammten, und wusste auch nichts über das Blut.

Die Eisenbahner hatten ihn zunächst zur Sanitätsstation des Bahnhofs gebracht, weil sie glaubten, er wäre verletzt. Trotz einer eingehenden Untersuchung konnte jedoch keinerlei Wunde festgestellt werden. Das Blut auf dem Engländer und dem Telefonbuch stammte nicht von ihm selbst. Man rief die Polizei. Pailhas und sein Team erschienen fünfzehn Minuten später. Sie nahmen den Unbekannten mit und brachten ihn zu dem Bereitschaftsarzt des Viertels – demjenigen, der Freire angerufen hatte.

Die Vernehmung auf der Wache ergab keine neuen Erkenntnisse. Man fotografierte den Mann, nahm seine Fingerabdrücke, und die Techniker von der Spurensicherung entnahmen ihm Speichel- und Haarproben, um seine DNA mit der nationalen Kartei zu vergleichen. Auf seinen Händen und unter den Nägeln fanden sich Staubspuren; auf das Resultat der Analyse wartete man noch. Natürlich waren der Engländer und das Telefonbuch als Beweismaterial konfisziert worden. Aber als Beweis wofür?

Freires Pager meldete sich. Er blickte auf die Uhr – es war drei. Der Trubel ging los. Die in die Ambulanz eingelieferten Kranken und die stationären Patienten ließen ihm nicht viel Zeit für andere Dinge. Hinweisen auf seinem Bildschirm entnahm er, dass es Probleme in der Isolierzelle West gab. Mit der Tasche in der Hand rannte er los. Der Weg durch den Park lag noch immer im dichten Nebel. Die Klinik bestand aus einem Dutzend Pavillons, die man entweder mit der Himmelsrichtung der Region Aquitaine bezeichnete, aus der die Patienten stammten, oder einem Krankheitsbild zugeordnet hatte: Drogenabhängigkeit, Sexualkriminalität, Autismus.

Der Pavillon West war der dritte auf der linken Seite. Freire stürzte in den Flur. Weiße Wände, beigefarbenes Linoleum, über Putz verlegte Rohre – jedes Gebäude sah gleich aus. Man wunderte sich nicht, dass manche Patienten sich verirrten, wenn sie in ihre Räume zurückkehren wollten.

»Was ist passiert?«

Der Pfleger grinste übellaunig.

»Scheiße, sehen Sie denn nicht, was hier los ist?«

Freire ging nicht auf seinen aggressiven Tonfall ein. Er warf einen Blick durch das Guckloch der Zelle. Eine nackte Frau, deren weißer Körper mit Kot und Urin beschmiert war, kauerte am Boden. Ihre Finger bluteten. Es war ihr gelungen, ganze Placken Farbe von den Wänden zu kratzen, die sie wütend zerkaute.

»Spritzen Sie ihr drei Einheiten Loxapac«, sagte Freire mit sachlicher Stimme.

Er kannte die Frau, konnte sich aber nicht an ihren Namen erinnern. Sie war Stammkundin in der Klinik und vermutlich am Morgen wieder einmal eingeliefert worden. Ihre Haut war so weiß wie Papier, ihre Züge spiegelten Angst wider. Ihr Körper bestand nur aus Haut und Knochen. Mit beiden Händen stopfte sie sich Farbbrocken in den Mund wie Cornflakes. Auf ihren Fingern war Blut, ebenso auf den Farbstücken und auf ihren Lippen.

»Vier Einheiten«, verbesserte sich Freire. »Nehmen Sie lieber gleich vier Einheiten.«

Er hatte schon lange aufgehört, sich Gedanken über die Ohnmacht der Psychiater zu machen. Für chronisch Kranke gab es nur eine Lösung – man pumpte sie mit Beruhigungsmitteln voll und wartete, bis der Anfall vorüber war. Das war zwar nicht viel, aber es half einigermaßen.

Auf dem Rückweg ging er bei dem ihm selbst unterstellten Pavillon Henri-Ey vorbei. Hier waren achtundzwanzig Patienten aus dem Osten der Region untergebracht. Schizophrene, Depressive, Paranoiker, aber auch ein paar weniger klare Fälle.

Am Empfang ließ er sich die Berichte über die Vorfälle des Vormittags aushändigen. Ein Weinkrampf. Rabatz in der Küche. Ein kleiner Junkie hatte irgendwo – niemand wusste, woher – ein Stück Schnur aufgetrieben und sich damit den Penis abgeschnürt. Alles Routinefälle.

Freire ging durch den Speisesaal, in dem es nach kaltem Tabak roch. Bei den Verrückten war das Rauchen noch gestattet. Er entriegelte eine weitere Tür. Der Geruch nach hochprozentigem Desinfektionsalkohol verriet die Krankenstation. Unterwegs begrüßte er ein paar Stammkunden. Da war zum Beispiel ein dicker Mann in weißem Anzug, der sich für den Klinikdirektor hielt. Ein anderer Mann mit afrikanischen Wurzeln ging immer auf haargenau dem gleichen Weg im Flur auf und ab. Wiederum ein anderer, ein Patient, dessen Augen tief in den Höhlen lagen, schaukelte ununterbrochen auf der Stelle wie ein Stehaufmännchen.

Auf der Krankenstation erkundigte sich Freire nach dem Mann ohne Gedächtnis. Der Pfleger blätterte im Register. Eine ruhige Nacht, ein ganz normaler Vormittag. Um zehn Uhr hatte man den Cowboy für ein neurobiologisches Gutachten in die Universitätsklinik gebracht, aber er hatte jede Art von Röntgenaufnahme strikt verweigert. An seinem Körper wurde keinerlei Verletzung gefunden; man ging daher von einer dissoziativen Amnesie aufgrund einer gefühlsmäßigen Traumatisierung aus. Das bedeutete, dass sich der Möchtegern-Texaner durch ein Erlebnis oder etwas, das er vielleicht nur mit angesehen hatte, plötzlich an nichts mehr erinnern konnte. Aber weshalb?

»Wo ist er jetzt? In seinem Zimmer?«

»Im Saal Camille Claudel.«

Es ist eine der Macken der modernen Psychiatrie, ihre Abteilungen, Wege und Dienste nach berühmten Geisteskranken zu benennen. Sogar der Wahnsinn hat seine Meister. Claudel war der Name des Kunsttherapiebereichs. Freire machte sich auf den Weg, passierte einige verschlossene Türen und erreichte schließlich die Räume, in denen die Patienten malen und bildhauern konnten oder mit Peddigrohr und Papier bastelten.

Er ging an Tischen vorbei, an denen getöpfert und gemalt wurde, und erreichte den Bereich der Flechtarbeiten. Mit konzentrierter Miene flochten Patienten hier Körbchen und Serviettenringe aus Peddigrohr. Biegsame Stängel vibrierten vor verbissenen, versteinerten Gesichtern. Fast wirkte es so, als ob die Pflanzenfasern ein bewegtes Eigenleben führten, während die Menschen Wurzeln geschlagen hatten.

Der Cowboy saß am Ende des Tisches. Selbst im Sitzen überragte er die anderen um gute zwanzig Zentimeter. Immer noch beschattete der Hut seine von tiefen Falten durchzogene Haut. Die großen blauen Augen leuchteten aus seinem ledrigen Gesicht.

Freire trat näher. Der Riese arbeitete an einem Korb in Form eines Schiffsrumpfs. Seine Hände waren schwielig. Die Hände eines Arbeiters oder eines Bauern, dachte der Psychiater.

»Guten Tag.«

Der Mann hob den Kopf. Er blinzelte sehr häufig, aber nicht hektisch. Sobald die Augen unter den Lidern hervorkamen, verblüfften sie durch ihre feuchte, perlmuttartige Klarheit.

»Hallo«, grüßte er zurück und hob den Hut mit der Zeigefingerspitze kurz an, wie es vielleicht ein Rodeoreiter getan hätte.

»Was soll das werden? Ein Schiff? Oder vielleicht ein baskischer Pelota-Handschuh?«

»Ich weiß noch nicht.«

»Kennen Sie das Baskenland?«

»Keine Ahnung.«

Freire zog sich einen Stuhl heran und setzte sich halb darauf.

Die klaren blauen Augen hefteten sich auf ihn.

»Bist du Spychiater?«

Freire fiel der Buchstabendreher sofort auf. Vielleicht ein Legastheniker. Auch das Duzen registrierte er, hielt es aber für ein eher positives Zeichen. Er entschloss sich, ebenfalls zum vertraulichen »Du« überzugehen.

»Mein Name ist Mathias Freire. Ich bin der Chef dieser Station. Gestern Abend habe ich dich hierherbringen lassen. Hast du gut geschlafen?«

»Ich habe immer den gleichen Traum.«

Der Mann flocht weiter. Der Dunst von Moor und feuchtem Schilf hing im Raum. Außer seinem großen Hut trug der Koloss ein T-Shirt und eine Hose aus den Beständen der Klinik. Seine riesigen, muskelbepackten Arme waren mit rötlich grauen Haaren bedeckt.

»Erzähl ihn mir.«

»Zuerst ist es immer sehr warm. Und dann wird alles weiß …«

»Wieso weiß?«

»Es ist die Sonne. Eine stechende Sonne, die alles zermalmt.«

»Weißt du, wo der Traum spielt?«

Der Cowboy zuckte die Schultern, ohne von seiner Arbeit aufzublicken. Sein Hantieren mit den langen Stängeln sah aus, als stricke er. Freire fand die Vorstellung komisch.

»Ich gehe durch ein Dorf mit weißen Mauern. Ein spanisches Dorf. Vielleicht auch griechisch – ich habe keine Ahnung. Ich sehe meinen Schatten, der vor mir herläuft. Über die Mauern, über den Boden. Er ist sehr kurz, es muss also Mittag sein.«

Unbehaglich rutschte Freire auf seinem Stuhl hin und her. Ehe der Riese in die Klinik kam, hatte er exakt den gleichen Traum gehabt. Ein Warnsignal?

Zwar glaubte er nicht wirklich an C. G. Jungs Theorie des synchronistischen Prinzips, aber zumindest gefiel sie ihm. Das berühmte Beispiel des Traums vom goldenen Skarabäus fiel ihm ein: Eine Patientin berichtete Jung, dass sie von einem solchen Tier geträumt hatte, während gleichzeitig ein goldfarbener Rosenkäfer gegen die Scheibe des Behandlungszimmers flog.

»Und was passiert dann?«, erkundigte er sich.

»Plötzlich gibt es einen noch viel grelleren Blitz und eine Explosion, die aber keinen Lärm verursacht. Ich kann nichts mehr sehen, weil ich so geblendet bin.«

Rechts von ihnen lachte jemand laut auf. Freire fuhr zusammen. Ein kleiner Mann mit dem grotesken Gesicht eines Wasserspeiers kauerte unter dem Tisch und beobachtete sie. Antoine, genannt Toto. Ein harmloser Irrer.

»Versuche, dich weiter zu erinnern.«

»Ich renne davon. Laufe ziellos durch die weißen Straßen.«

»Ist das alles?«

»Schon. Oder nein. Als ich weglaufe, bewegt sich mein Schatten nicht mehr. Er bleibt auf der Mauer. Wie in Hiroshima.«

»Hiroshima?«

»Nach der Bombe zeichneten sich die Umrisse verbrannter Menschen wie Schatten auf den Mauern ab. Wusstest du das nicht?«

»Doch«, entgegnete Freire. Er erinnerte sich dieses Phänomens nur dunkel.

Sie verstummten. Der Mann ohne Gedächtnis flocht weiter. Plötzlich hob er den Kopf. Seine Augen funkelten im Schatten des Stetsons.

»Was hältst du davon, Doc? Was hat der Traum zu bedeuten?«

»Ich denke, es handelt sich um eine symbolische Verarbeitung deines Unfalls«, improvisierte Freire. »Der weiße Blitz könnte eine Metapher für deinen Gedächtnisverlust sein. Im Grunde hat der Schock, den du erlitten hast, deine Erinnerung mit einem großen weißen Blatt überdeckt.«

Psychiater-Geschwafel. Es klang zwar gut, aber er hatte es sich aus den Fingern gesogen. Allerdings waren einem geschädigten Gehirn schöne Worte und logische Konstrukte ziemlich egal.

»Da gibt es allerdings ein Problem«, murmelte der Koloss. »Diesen Traum träume ich schon sehr lang.«

»Nein, du hast nur diesen Eindruck. Es ist unwahrscheinlich, dass du dich deiner Träume vor dem Unfall erinnerst. Solche Dinge gehören zu deinen intimen, den persönlichen Erinnerungen, und genau die sind ja betroffen – verstehst du?«

»Hat man denn mehrere Arten von Erinnerung?«

»Es gibt so etwas wie eine kulturelle Erinnerung, die allgemeiner ist – wie zum Beispiel deine Erinnerung an Hiroshima –, und eine autobiografische Erinnerung, die dein Leben betrifft. Deinen Namen. Deine Familie. Deinen Beruf. Und eben auch deine Träume.«

Der Riese schüttelte langsam den Kopf.

»Ich weiß nicht, was aus mir werden soll. Mein Kopf ist wie leer gefegt.«

»Mach dir nichts draus. Alles ist noch irgendwo erhalten. Manchmal sind solche Amnesien nur von kurzer Dauer. Sollten sie aber länger anhalten, kennen wir Möglichkeiten, mit denen wir deine Erinnerung stimulieren können – bestimmte Tests und Übungen. Wir werden dein Gedächtnis schon wieder aufwecken.«

Der Unbekannte fixierte Freire mit seinen großen Augen, die jetzt ins Graue spielten.

»Du hast heute Morgen im Krankenhaus abgelehnt, dich röntgen zu lassen. Warum?«

»Ich mag das nicht.«

»Hast du so etwas denn schon einmal gemacht?«

Der Mann antwortete nicht, und Freire ließ es dabei bewenden.

»Kannst du dich vielleicht heute an ein paar Dinge von gestern erinnern?«

»Meinst du, warum ich in dieser Hütte auf dem Bahngelände war?«

»Zum Beispiel.«

»Leider nein.«

»Und der Engländer? Das Telefonbuch?«

Der Mann runzelte die Stirn.

»Sie waren voller Blut, richtig?«

»Ja, voller Blut. Wo kam es her?«

Freire hatte seiner Stimme Autorität verliehen. Das Gesicht des Riesen schien zunächst zu versteinern, dann zeichnete sich Verzweiflung darauf ab.

»Ich … Ich weiß es nicht.«

»Und dein Name? Dein Vorname? Wo kommst du her?«

Sofort bereute Freire die Fragen. Sie waren zu barsch und zu rasch gekommen. Die Angst des Mannes schien sich zu verstärken. Seine Lippen zitterten.

»Wärst du einverstanden, es mit Hypnose zu probieren?«, fügte Freire mit sanfterer Stimme hinzu.

»Jetzt gleich?«

»Nein, morgen. Heute solltest du dich noch ausruhen.«

»Hilft Hypnose?«

»Ich kann dir nichts versprechen. Aber zumindest können wir es versuchen …«

Der Pager an Freires Gürtel piepste. Er warf einen kurzen Blick auf das Display und stand auf.

»Ich muss leider gehen. Ein Notfall. Ich möchte dich bitten, noch einmal über meinen Vorschlag nachzudenken.«

Langsam entfaltete der Cowboy seine ein Meter neunzig und streckte Freire die Hand entgegen. Die Geste war freundlich gemeint, wirkte aber fast beängstigend.

»Nicht nötig, Doc. Ich mache es. Ich vertraue dir. Bis morgen.«

Ein Mann hatte sich in die Toiletten neben der Notaufnahme eingeschlossen und weigerte sich seit einer halben Stunde, wieder herauszukommen. Freire und ein Techniker mit Werkzeugkasten standen vor der Kabine. Nach mehreren vergeblichen Aufforderungen ließ Freire die Tür aufbrechen. Ein bestialischer Gestank schlug ihnen entgegen. Im Halbdunkel der Kabine kauerte ein Mann auf dem Boden neben der Toilettenschüssel, hielt seine Knie umschlungen und hatte den Kopf auf die Arme gelegt.

»Ich bin Psychiater«, sagte Freire und schob die Tür mit der Schulter zu. »Brauchen Sie Hilfe?«

»Hauen Sie ab.«

Freire kniete sich auf den Boden, wobei er den Urinpfützen auswich.

»Wie heißen Sie?«

Keine Antwort. Der Mann hielt immer noch den Kopf in den Armen verborgen.

»Kommen Sie mit in mein Büro«, sagte Freire und legte ihm eine Hand auf die Schulter.

»Ich habe doch gesagt, Sie sollen verschwinden.«

Der Mann hatte einen Sprachfehler. Er verschluckte manche Silben und speichelte übermäßig. Von der Berührung überrascht hatte er den Kopf gehoben. Im Zwielicht konnte Freire sein missgebildetes Gesicht erkennen. Es wirkte gleichzeitig ausgehöhlt und aufgedunsen und so asymmetrisch, als wäre es aus mehreren Stücken zusammengesetzt.

»Stehen Sie auf!«, befahl Freire.

Der Kerl reckte den Hals. Freires erster Eindruck bestätigte sich. Das Gesicht bestand aus einer Ansammlung von geschrumpftem Fleisch, straff gespannter Haut und glänzenden Striemen. Es war entsetzlich anzusehen.

»Vertrauen Sie mir«, sagte Freire. Er kämpfte gegen den Ekel an.

Mehr noch als an Verbrennungen erinnerten die Verheerungen dieses Gesichts an eine Lepraerkrankung. An eine Krankheit, die das Aussehen nach und nach verstümmelte.

Bei genauerem Hinsehen allerdings erkannte Freire, dass der Fall ganz anders lag: Das Narbengewebe war nicht echt. Der Mann hatte sein Gesicht mit einem synthetischen Klebstoff verunstaltet. Er hatte sich selbst entstellt, um Mitleid zu erregen und vielleicht eingewiesen zu werden. Münchhausen-Syndrom, dachte der Psychiater.

»Kommen Sie«, wiederholte er.

Schließlich stand der Mann auf. Freire öffnete die Tür und trat dankbar in Helligkeit und eine einigermaßen frische Luft hinaus. Sie verließen die Toiletten und damit die Kloake, nicht aber den Albtraum. Eine ganze Stunde lang unterhielt sich Freire mit dem Klebstoff-Mann und sah seine erste Annahme bestätigt: Der Besucher war zu allem bereit, um eingewiesen und therapiert zu werden. Doch zunächst überwies Freire ihn in die Universitätsklinik. Das Gesicht des Mannes musste dringend behandelt werden, denn der Klebstoff begann das Gewebe zu verätzen.

17.30 Uhr.

Freire ließ sich in der Notaufnahme ablösen und kehrte zurück auf seine eigene Station. Niemand war mehr da. Er setzte sich an seinen Schreibtisch, aß ein Sandwich und versuchte, sich von dem letzten Zwischenfall zu erholen. Auf der Universität hatte man die jungen Mediziner damit beruhigt, dass man sich an alles gewöhnen könne. Doch bei ihm hatte es nicht funktioniert. Im Gegenteil – es wurde immer schlimmer. Dank der ständigen Konfrontation mit Geisteskrankheiten war seine Sensibilität zu einer dünnen, ständig gereizten Membran geworden, die sich vielleicht sogar schon teilweise infiziert hatte.

18.00 Uhr.

Freire kehrte in die Notaufnahme zurück.

Es war ruhiger geworden. Lediglich einige Patienten warteten noch vor der Ambulanz. Er kannte sie fast alle. Nach anderthalb Monaten an dieser Klinik war er mit den Patienten vertraut, die in regelmäßigen Abständen wiederkamen. Es waren die Kranken, die in der Klinik behandelt wurden, irgendwann in stabilem Zustand nach Hause entlassen werden konnten, ihre Neuroleptika nicht mehr einnahmen und prompt einen Rückfall erlitten. »Da bin ich wieder, Herr Doktor.«

19.00 Uhr.

Er musste nur noch ein paar Stunden durchhalten. Die Müdigkeit hämmerte in seinen Augenhöhlen, als wollte sie seine Lider mit Gewalt schließen. Er dachte an den Mann ohne Gedächtnis. Den ganzen Tag lang war ihm der Patient nicht aus dem Kopf gegangen. Der Fall machte ihn neugierig. Er verschanzte sich in seinem Büro, suchte die Nummer der Polizeiwache an der Place des Capucins und fragte nach Nicolas Pailhas – dem Beamten, der den Fall aufgenommen hatte. Der Polizist hatte an diesem Samstag frei. Nachdem Freire seine Position erläutert hatte, gab man ihm die Handynummer des Kommissars.

Schon beim zweiten Läuten nahm Pailhas ab. Mathias stellte sich vor.

»Ja bitte?« Sein Gesprächspartner wirkte nicht gerade begeistert über die Störung am Wochenende.

»Ich wollte wissen, ob Sie in Ihren Ermittlungen weitergekommen sind.«

»Ich bin zu Hause bei meinen Kindern.«

»Aber Sie haben doch ein paar Anfragen losgeschickt. Sicher liegt Ihnen inzwischen die eine oder andere Antwort vor.«

»Ich wüsste nicht, was Sie das angeht.«

Freire zwang sich, ruhig zu bleiben.

»Ich bin für diesen Patienten verantwortlich, und es ist meine Aufgabe, ihn zu therapieren. Das bedeutet unter anderem, dass ich wissen muss, wer er ist, damit ich ihm helfen kann, sein Gedächtnis wiederzufinden. In diesem Fall sind wir Partner, verstehen Sie?«

»Nein.«

Freire änderte die Taktik.

»Ist in der Region jemand vermisst gemeldet?«

»Nein.«

»Haben Sie die Organisationen benachrichtigt, die sich um Obdachlose kümmern?«

»Ist alles in die Wege geleitet.«

»Haben Sie auch an die Bahnhöfe gedacht, die sich in der Nähe von Bordeaux befinden? Gab es in den Zügen vielleicht irgendwelche Zeugen?«

»Wir kümmern uns darum.«

»Haben Sie eine Suchanzeige mit einer kostenlosen Rufnummer ins Internet gestellt? Sie …«

»Wenn uns die Ideen ausgehen, rufen wir Sie an.«

Freire ging nicht auf den sarkastischen Tonfall ein.

»Was hat die Analyse des Blutes auf dem Werkzeug und dem Telefonbuch ergeben?«

»Null positiv. Es könnte also von ungefähr fünfzig Prozent der französischen Bevölkerung stammen.«

»Wurde in dieser Nacht irgendeine Gewalttat angezeigt?«

»Nein.«

»Was ist mit dem Telefonbuch? Wurde eine Seite oder ein Name markiert?«

»Könnte es sein, dass Sie sich für einen Bullen halten?«

Mathias biss die Zähne zusammen.

»Ich versuche doch nur, den Mann zu identifizieren. Noch einmal: Wir beide ziehen am gleichen Strang. Morgen werde ich es mit Hypnose versuchen. Wenn Sie also auch nur den kleinsten Hinweis oder irgendeine Information besitzen, die meine Fragen in eine bestimmte Richtung lenken können, dann sollten Sie sie mir jetzt geben.«

»Da gibt es nichts«, knurrte der Polizist. »Wie oft soll ich es Ihnen noch sagen?«

»Ich habe auf der Wache angerufen. Anscheinend arbeitet heute niemand an dem Fall.«

»Morgen früh bin ich wieder im Dienst«, sagte der Polizist übellaunig. »Der Fall gehört zu meinen vorrangigen Aufgaben.«

»Was haben Sie mit dem Werkzeug und dem Telefonbuch gemacht?«

»Wir haben ein Eilverfahren eingeleitet, um die entsprechende Erfassung zu beschleunigen.«

»Bitte das Ganze noch mal so, dass es auch ein Normalsterblicher versteht.«

Der Polizist lachte. Seine Stimmung besserte sich zusehends.

»Die Sachen sind bei der Spurensicherung. Montag bekommen wir die Resultate. War das jetzt besser?«

»Darf ich auf Sie zählen? Auch der kleinste Hinweis wäre mir wichtig.«

»Gut«, sagte Pailhas deutlich verbindlicher. »Aber die Sache funktioniert nur auf Gegenseitigkeit. Sollten Sie mit Ihrer Hypnose etwas herausfinden, rufen Sie mich an.«

Er machte eine kurze Pause und fügte dann hinzu:

»Es liegt in Ihrem eigenen Interesse.«

Mathias musste lächeln. Reflexartige Drohung. Eigentlich müsste jeder Bulle eine Psychoanalyse über sich ergehen lassen, damit man wüsste, warum er ausgerechnet diesen Beruf gewählt hat. Freire versprach, sich zu melden, und gab Pailhas seine Telefonnummer. Keiner der beiden glaubte an ein Feedback. Das Motto lautete: Jeder für sich, und möge der Bessere gewinnen.

Freire kehrte in die Notaufnahme zurück. Er musste nur noch zwei Stunden durchhalten und durfte dann vor dem üblichen Samstagabend-Chaos nach Hause gehen. Er kümmerte sich nacheinander um mehrere Patienten, verschrieb Antidepressiva und Anxiolytika und schickte die Leute wieder nach Hause.

22.00 Uhr.

Mathias begrüßte den Arzt, der ihn ablöste und sein Büro aufsuchte. Der Nebel hatte sich noch immer nicht aufgelöst. Im Gegenteil, mit Einbruch der Dunkelheit schien er sich verdichtet zu haben. Freire fiel auf, dass der dichte Dunst seinen ganzen Tag verdüstert hatte. Als wäre in der dampfigen Luft nichts wirklich real.

Er legte den Kittel ab, suchte seine Sachen zusammen und schlüpfte in den Regenmantel. Ehe er ging, wollte er noch einmal kurz bei dem Mann mit dem Stetson vorbeischauen. Er betrat die erste Etage seiner Station. Im Flur roch es nach Essen, Urin, Äther und Medikamenten. Er hörte das Schlurfen von Pantoffeln auf dem Linoleum, laufende Fernseher und das klackende Geräusch eines Aschenbechers.

Plötzlich sprang eine Frau auf Freire zu. Unwillkürlich zuckte er zurück, doch dann erkannte er sie. Jeder nannte sie nur Mistinguett; auch er hatte ihren wirklichen Namen vergessen. Sie war sechzig Jahre alt, von denen sie vierzig in der Anstalt verbracht hatte. Bösartig war sie nicht, aber ihr Äußeres sprach nicht unbedingt für sie. Weißes, wirres Haar. Graue Haut, schlaffe Züge. Ihre fiebrigen Augen glitzerten grausam. Sie klammerte sich an den Kragen von Freires Trenchcoat.

»Immer mit der Ruhe, Mistinguett«, sagte er und löste ihre klauenartigen Hände von seinem Revers. »Gehen Sie schlafen.«

Die Frau lachte höhnisch auf, ehe ihr Lachen sich in ein hasserfülltes Pfeifen und schließlich in ein verzweifeltes Keuchen verwandelte.

Freire griff nach ihrem Arm. Sie roch unangenehm nach einem Einreibemittel und abgestandenem Urin.

»Haben Sie Ihre Tabletten genommen?«

Wie oft am Tag wiederholte er diese Worte? Schon längst war es keine Frage mehr. Eher ein Gebet, eine Litanei, eine Beschwörung. Es gelang ihm, Mistinguett in ihr Zimmer zurückzubringen. Ehe sie noch irgendetwas sagen konnte, verschloss er die Tür.

Ihm fiel auf, dass er aus einem Reflex heraus nach seiner magnetischen Chipkarte gegriffen hatte, mit der er Alarm auslösen konnte. Man brauchte bloß damit über einen Heizkörper oder ein Stahlrohr zu streichen, dann kamen Pfleger in hellen Scharen angerannt. Mit einem unbehaglichen Gefühl steckte er die Karte wieder in die Tasche seines Kittels. Gab es eigentlich einen Unterschied zwischen seinem Job und dem eines Gefängniswärters?

Freire erreichte das Zimmer des Cowboys und klopfte vorsichtig. Niemand antwortete. Er drückte die Klinke und betrat das abgedunkelte Zimmer. Der Koloss lag unbeweglich auf seiner Pritsche. Der Stetson und die Stiefel waren neben dem Bett aufgereiht wie brave Haustiere.

Leise trat Freire neben ihn, um ihn nicht zu erschrecken.

»Ich heiße Mischell«, murmelte der Riese.

Jetzt war es Freire, der erschrak.

»Ich heiße Mischell«, wiederholte der Mann. »Ich habe ein oder zwei Stunden geschlafen, und das ist dabei herausgekommen.« Er wandte dem Psychiater den Kopf zu. »Nicht schlecht, oder?«

Mathias öffnete seine Aktentasche und wühlte nach einem Stift und einem Heft. Langsam gewöhnten seine Augen sich an den Halbschatten.

»Ist das dein Vorname?«

»Nein, mein Nachname.«

»Wie wird es geschrieben?«

»M.I.S.C.H.E.L.L.«

Freire schrieb es auf, ohne daran zu glauben. Die Erinnerung kam zu schnell. Zweifellos verzerrt oder einfach nur ausgedacht.

»Ist dir im Schlaf vielleicht noch etwas eingefallen?«

»Nein.«

»Hast du geträumt?«

»Ich glaube schon.«

»Wovon?«

»Immer das Gleiche, Doc. Das weiße Dorf. Die Explosion. Mein Schatten, der an der Mauer klebte …«

Er sprach mit schläfriger, belegter Stimme. Mathias schrieb mit. Traumbücher konsultieren. Legenden über Schatten überprüfen. Er wusste längst, womit er sich an diesem Abend beschäftigen würde. Als er den Kopf von seinen Aufzeichnungen hob, atmete der Mann ganz regelmäßig. Er war wieder eingeschlafen. Freire zog sich leise zurück. Immerhin ein ermutigendes Anzeichen. Die Hypnose morgen würde vielleicht einen gewissen Erfolg bringen.

Er verließ den Pavillon. Die Deckenbeleuchtung war ausgeschaltet worden – Schlafenszeit für die Patienten.

Draußen verhüllte der Nebel Palmen und Laternen im Hof wie mit großen Segeln eines Geisterschiffs. Freire musste an Christo denken, der den Pont-Neuf und den Berliner Reichstag verpackt hatte. Ihm kam eine merkwürdige Idee. Wenn es nun der nebelhafte Geist des Mannes ohne Gedächtnis war, der die Klinik und die ganze Stadt einhüllte? Bordeaux befand sich vielleicht unter der Dunstglocke dieses Reisenden im Nebel …

Auf dem Weg zum Parkplatz änderte Freire seine Absichten.

Er hatte weder Hunger noch die geringste Lust, nach Hause zu fahren.

Eigentlich konnte er ebenso gut jetzt gleich die ersten Informationen überprüfen.

Er kehrte in sein Büro zurück, setzte sich noch im Mantel vor seinen PC und rief die landesweite Zentralmeldestelle für verschreibungspflichtige Medikamente auf.

Der Name Mischell war nicht zu finden.

Freire benutzte dieses Programm so gut wie nie, daher wusste er nicht, ob die Meldestelle möglicherweise einem strengen Datenschutz unterlag.

Angesichts dieses Fehlschlags bekam er erst recht Lust weiterzuforschen. Der Mann mit dem Engländer hatte keine Papiere bei sich gehabt, als er auf dem Bahngelände aufgegriffen worden war. Seine Kleidung war abgetragen. Außerdem wies er Merkmale eines Lebens im Freien auf: Seine Haut war gebräunt, die Hände von der Sonne verbrannt.

Mathias griff zum Telefon und rief die örtliche Obdachlosenhilfe an, die rund um die Uhr besetzt war. Kein Mischell bekannt. Auch bei dem Rehabilitationszentrum und dem Sozialdienst, die beide über eine nächtliche Rufbereitschaft verfügten, wurde er nicht fündig. In keinem der Archive gab es einen Mischell.

Eine Suche in den Online-Telefonbüchern ergab das gleiche Resultat. Weder in der Region Aquitaine noch im benachbarten Midi-Pyrénées fand er den Namen Mischell. Doch das verwunderte ihn nicht. Er hatte bereits vermutet, dass der Mann, ohne sich dessen bewusst zu sein, seinen Namen verballhornte. Das kurze Aufblitzen von Erinnerungen konnte in diesem frühen Stadium noch nicht anders als unvollkommen sein.

Da kam Mathias eine neue Idee. Laut Polizeibericht stammte das Telefonbuch, das der Mann bei sich gehabt hatte, aus dem Jahr 1996.

Nach langem Suchen im Internet fand er ein Programm, das die Einsicht in alte Telefonbücher ermöglichte. Er wählte das Jahr 1996 und fahndete nach dem Namen Mischell. Doch alle Mühe war vergebens. In keinem der fünf Departements der Region Aquitaine tauchte der Name auf. Kam der Cowboy etwa von weiter her?

Freire rief Google auf und tippte einfach den Namen »Mischell« ein. Doch auch hier erhielt er nur ein mageres Ergebnis: unter anderem ein Profil auf MySpace.com, in dem ein gewisser Mischell eine Videomontage mit den Helden aus Akte X, Mulder und Scully, eingestellt hatte, die musikalischen Ergüsse einer Sängerin namens Tommi Mischell und die Seite einer Hellseherin, die Patricia Mischell hieß und in den USA im Bundesstaat Missouri beheimatet war. Die Suchmaschine legte ihm außerdem nahe, es mit der Schreibweise »Mitchell« zu probieren.

Mitternacht. Nun war es aber wirklich Zeit, nach Hause zu fahren. Mathias schaltete den Computer aus und suchte seine Unterlagen zusammen. Auf dem Weg zum Tor überlegte er, dass er vielleicht der Obdachlosenhilfe in Bordeaux und im Umland ein Foto des Cowboys zukommen lassen sollte. Am besten auch den medizinisch-psychologischen Zentren und den Einrichtungen für psychiatrische Teilzeitbetreuung. Er kannte sie alle und würde sie selbst aufsuchen, denn er war ziemlich sicher, dass sein Patient nicht zum ersten Mal unter psychischen Problemen litt.

Der Nebel zwang ihn zu Schrittgeschwindigkeit, und er brauchte fast eine Viertelstunde bis zu seinem Haus. Entlang der Gärten parkte eine ungewöhnlich große Zahl Autos: die üblichen Samstagabend-Einladungen. Da er keinen Parkplatz fand, stellte er sein Auto hundert Meter entfernt ab und tastete sich zu Fuß durch den weißlichen Dunst. Die Straße schien keine Konturen mehr zu haben, die Laternen schwebten im Nebel. Alles wirkte leicht und körperlos. Als Freire sich dieses Eindrucks bewusst wurde, stellte er fest, dass er sich verlaufen hatte. Er ging an den feucht beperlten Hecken und geparkten Autos entlang. Ab und zu stellte er sich auf die Zehenspitzen, um die Namen der einzelnen Häuser entziffern zu können.

Endlich entdeckte er die vertrauten Buchstaben: Opal.

Behutsam öffnete er das Gartentor. Sechs Schritte. Einmal den Schlüssel drehen. Mit einer gewissen Erleichterung schloss er die Tür hinter sich, trat in den Windfang, stellte seine Aktentasche ab, legte den Regenmantel auf einen der Kartons und ging in die Küche, ohne Licht zu machen. Die standardisierten Abläufe seines einsamen Lebens entsprachen dem Standardgrundriss seines Hauses.

Nur Minuten später stand er am Küchenfenster und ließ seinen Tee ziehen. Im Haus war es ganz still; trotzdem hatte er den Eindruck, immer noch die Geräuschkulisse der Klinik zu hören. Alle Psychiater kennen dieses Phänomen und nennen es die »Musik der Verrückten«. Verballhornte Sprache. Schlurfende Schritte. Krisen. Freires Kopf summte von diesen Geräuschen wie eine Meermuschel. Seine Patienten verließen ihn niemals ganz. Oder anders ausgedrückt: Er war es, der die Station Henri-Ey nie ganz verließ.

Plötzlich stutzte er.

Der Geländewagen vom Vortag tauchte aus dem Nebel auf. Langsam, sehr langsam fuhr er die Straße entlang und blieb vor Freires Haus stehen. Mathias spürte, dass sein Herzschlag sich beschleunigte. Die beiden Männer in Schwarz stiegen gleichzeitig aus und postierten sich vor seinem Fenster.

Freire versuchte zu schlucken, doch es ging nicht. Er beobachtete die Männer, ohne sich um ein Versteck zu bemühen. Beide maßen mindestens einen Meter achtzig und trugen unter ihren Mänteln hochgeschlossene dunkle Anzüge, deren Stoff im Licht der Straßenlaternen schimmerte. Dazu weiße Hemden und schwarze Krawatten. Beide wirkten in ihrer rigiden, aufrechten Haltung wie Absolventen eines militärischen Elitekollegs, doch gleichzeitig haftete ihnen auch etwas Gewalttätiges, Geheimnisvolles an.

Mathias stand wie versteinert. Fast erwartete er, dass sie gleich das Gartentor öffnen und an seiner Haustür klingeln würden. Aber nein – die beiden Männer rührten sich nicht vom Fleck. Sie blieben unter der Laterne stehen, ohne auch nur zu versuchen, sich zu verstecken. Ihre Gesichter passten ausgezeichnet zu ihrem Erscheinungsbild. Der erste hatte eine hohe Stirn, trug eine Schildpattbrille, und sein silbernes Haar war aus dem Gesicht gekämmt. Der andere wirkte noch grimmiger. Sein langer brauner Schopf wurde bereits schütter. Sein Gesichtsausdruck unter den dichten Augenbrauen war unstet.

Beide Gesichter zeigten regelmäßige Züge – zwei Playboys in den Vierzigern, die sich in ihren italienischen Maßanzügen wohlfühlten.

Wer waren sie? Und was wollten sie?

Der Schmerz in der linken Augenhöhle kehrte zurück. Freire schloss die Augen und massierte sich vorsichtig die Lider. Als er die Augen wieder öffnete, waren die beiden Gestalten verschwunden.

Anaïs Chatelet konnte es kaum fassen.
Was für ein verdammter Glücksfall!

Ein Bereitschaftsdienst am Samstagabend, und es gab tatsächlich eine Leiche. Ein waschechter Mord, einschließlich eines Rituals und diverser Verstümmelungen. Kaum hatte sie die Benachrichtigung erhalten, als sie sich auch schon in ihren Privatwagen setzte und an den Fundort der Leiche fuhr – den Bahnhof Saint-Jean. Unterwegs rief sie sich die Informationen ins Gedächtnis, die man ihr gegeben hatte. Ein junger Mann. Nackt. Keine sichtbaren Verletzungen, aber eine aberwitzige Inszenierung. Genaueres wusste sie noch nicht, doch das Ganze roch geradezu nach dem Werk eines Verrückten, nach Grausamkeit und Finsternis. Nicht einfach nur ein blöder Streit, der ausgeartet war, oder ein banaler Raubmord. Etwas richtig Ernsthaftes!

Als sie die Polizeiwagen sah, die mit eingeschaltetem Blaulicht im Nebel vor dem Bahnhof standen, und die Polizisten in ihren Regenmänteln, die wie glänzende Gespenster geschäftig umhereilten, begriff sie, dass es wirklich wahr war. Ihr erster Mord seit der Ernennung zur Hauptkommissarin. Sie würde ein Ermittlungsteam zusammenstellen, den Fall lösen, den Mörder einbuchten und auf den Titelseiten der Gazetten landen. Und das mit neunundzwanzig Jahren!

Sie stieg aus und atmete die feuchte Atmosphäre ein. Seit mittlerweile sechsunddreißig Stunden lag Bordeaux unter diesem weißlichen Nebel. Man hatte den Eindruck, sich in einem Sumpf samt seinen Ausdünstungen, seinem schuppigen Getier und seinen feuchten Gerüchen zu befinden. Dies fügte dem Ereignis eine zusätzliche Dimension hinzu: ein Mord im Nebel. Anaïs zitterte vor Erregung.

Ein Polizist von der Wache an der Place des Capucins kam auf sie zu.

Die Leiche war vom Führer einer Rangierlok entdeckt worden, der Zugteile zwischen dem Betriebshof und dem eigentlichen Bahnhof hin und her manövrierte. Der Mann hatte seinen Dienst gegen 23.00 Uhr angetreten und seinen Wagen auf dem Dienstparkplatz abgestellt. Seinen Arbeitsplatz erreichte er von dort aus durch einen seitlichen Verbindungsgang. Die Leiche lag in einer stillgelegten Reparaturgrube zwischen dem Gleis 1 und dem ehemaligen Bahnbetriebswerk. Natürlich hatte der Lokführer sofort die Bahnpolizei und den privaten Sicherheitsdienst benachrichtigt, der auf dem Bahngelände Dienst tat. Anschließend wurde die nächstgelegene Polizeiwache an der Place des Capucins verständigt.

Der weitere Verlauf war Anaïs bekannt. Um ein Uhr morgens hatte man den Oberstaatsanwalt aus dem Bett geholt, der seinerseits die Kriminalpolizei einschaltete. Und die Hauptkommissarin vom Dienst war sie. Die meisten anderen Polizisten waren mit Banalitäten beschäftigt, die der penetrante Nebel nach sich zog: Autounfälle, Plünderungen, Vermisstenanzeigen … Und so war es dazu gekommen, dass sie, Anaïs Chatelet, mit ihren zwei Jahren Berufserfahrung in Bordeaux das Sahnehäubchen dieser Nacht zugedacht bekam.

Gemeinsam mit dem Kollegen durchquerte sie die Bahnhofshalle. Ein Bahnbeamter reichte ihnen fluoreszierende Warnwesten. Während Anaïs mit den Klettverschlüssen herumhantierte, nahm sie sich eine Sekunde Zeit, die fast dreißig Meter hohe Stahlkonstruktion zu bewundern, die sich nach oben hin im Nebel verlor. Sie gingen den Bahnsteig entlang bis zu den äußeren Gleisen. Der Bahnbeamte redete ununterbrochen. So etwas habe man noch nie gesehen. Der gesamte Bahnverkehr sei auf Anordnung des Oberstaatsanwalts für zwei Stunden unterbrochen worden. Der Tote in der Grube sei eine Monstrosität. Alle seien völlig schockiert …

Anaïs hörte kaum zu. Sie spürte, wie die Feuchtigkeit ihren Nacken hinunterlief. Ihr wurde kalt. Im Dunst formten die sämtlich auf Rot stehenden Signale des Bahnhofs ein verschwommenes, blutiges Gebilde. Die elektrischen Oberleitungen trieften. Die nassen Gleise glitzerten, verloren sich aber bald in den wabernden Nebelschwaden.

Anaïs knickte auf den Schwellen und im Schotter um.

»Könnten Sie bitte auf den Boden leuchten?«

Der Bahnbeamte senkte den Lichtstrahl seiner Lampe und fuhr mit seinem Bericht fort. Anaïs schnappte ein paar technische Details auf. Die Gleise mit den geraden Nummern führten nach Paris, die mit den ungeraden Bezeichnungen hinunter in den Süden. Die Metallkonstruktionen auf den Dächern der Lokomotiven hießen »Stromabnehmer«. Zwar nützte ihr dieses Wissen im Augenblick gar nichts, trotzdem hatte sie den seltsamen Eindruck, sich auf diese Weise mit dem Verbrechen vertraut zu machen.

»Wir sind da.«

Die Projektoren der Spurensicherung sahen aus wie ferne, kalte Monde in der Nacht. Die Strahlen der Taschenlampen zeichneten weiße Lichtbänder in die Dunkelheit. In einiger Entfernung konnte man das Bahnbetriebswerk erahnen, in dem Lokomotiven und Draisinen unter einer silbrig feuchten Patina schimmerten. Auch Rangierloks, die Gegenstücke zu den Lotsenschiffen im Hafen, waren dort abgestellt. Die wuchtigen schwarzen Maschinen wirkten wie schweigsame Titanen.

Sie krochen unter den Absperrbändern hindurch und erreichten den Fundort der Leiche. Am Rand der Reparaturgrube standen die verchromten Stative der Projektoren. Techniker der Spurensicherung in weißen Overalls mit blauen Schriftzügen machten sich unten zu schaffen. Anaïs wunderte sich, dass sie bereits zur Stelle waren, denn das nächstgelegene Labor befand sich in Toulouse.

»Möchten Sie die Leiche sehen?«

Vor ihr stand ein Polizist in einer Regenjacke, über die er die Sicherheitsweste gezogen hatte. Mit entschlossener Miene nickte sie. Innerlich kämpfte sie gegen den Nebel, ihre Ungeduld und eine gewisse Erregung an. Auf der Universität hatte ein Juraprofessor sie eines Tages im Flur angehalten und ihr zugeflüstert: »Sie sind wie die Alice im Wunderland von Lewis Carroll. Ihre Aufgabe besteht darin, eine Welt zu finden, die Ihrer würdig ist.« Seither waren acht Jahre vergangen, und sie lief auf dem Weg zu einer Leiche zwischen Bahngleisen hindurch. Eine Welt, die Ihrer würdig ist …

Auf dem Grund der Grube, die etwa fünf Meter lang und zwei Meter breit war, herrschte das rege Treiben, das an Leichenfundorten üblich war, allerdings in einer gedrängten Version. Die Techniker benutzten ihre Ellbogen, um sich Platz zu schaffen, fotografierten, suchten jeden Millimeter des Bodens mit Speziallampen ab – Leuchten mit einem begrenzten Spektralbereich von Infrarot bis Ultraviolett – und versiegelten jedes noch so kleine Fundstück in besonderen Plastiktüten.

Schließlich entdeckte Anaïs im Gewimmel auch die Leiche. Es handelte sich um einen jungen Mann von etwa zwanzig Jahren. Er war nackt, sehr mager und fast am ganzen Körper tätowiert. Seine Knochen traten spitz hervor, und da, wo die Haut nicht mit Tattoos bedeckt war, schimmerte sie in einem fast phosphoreszierenden Weiß. Die Schienenstränge, die rechts und links an der Grube vorbeiführten, verliehen dem Ganzen eine Art Rahmen. Anaïs musste an ein Renaissancegemälde denken. Ein Märtyrer mit blassem Fleisch, der sich in schmerzlicher Haltung in der Tiefe einer Kirche krümmt.

Der wirkliche Schock jedoch war der Kopf.

Der Kopf war nicht menschlich, sondern gehörte zu einem Stier.

Mächtig, tiefschwarz und mindestens fünfzig Kilo schwer, war er am unteren Ende des Nackens abgetrennt worden.

Erst nach und nach wurde Anaïs klar, was sie da sah. Und es war kein Traum! Sie spürte, wie die Knie unter ihr nachgaben. Trotzdem bückte sie sich und musterte den Toten. Um nicht umzukippen, klammerte sie sich an ihre ersten Erkenntnisse. Es gab nur zwei Lösungen. Entweder hatte der Mörder sein Opfer geköpft und ihm stattdessen den Stierkopf auf die Schultern gesetzt, oder er hatte die Trophäe über den Schädel des jungen Mannes gestülpt.

In beiden Fällen lag das Symbol klar zutage: Man hatte den Minotaurus getötet. Einen modernen Minotaurus, verloren im Labyrinth der Gleise. Das Labyrinth.

»Kann ich hinuntersteigen?«

Jemand reichte ihr Überschuhe und eine Papierhaube. Sie stieg die Eisenleiter hinunter in die Grube. Die Männer von der Spurensicherung traten beiseite. Anaïs kauerte nieder und untersuchte das, was sie am meisten interessierte: den monströsen Stierkopf, der auf dem Körper eines Menschen saß.

Die zweite Möglichkeit stellte sich als die richtige heraus. Der Rinderkopf war mit voller Wucht über den Kopf des Opfers gestülpt worden. Der Schädel des jungen Mannes musste ziemlich zerquetscht sein.

»Ich glaube, er hat den Hals des Stiers von innen ausgehöhlt.«

Anaïs drehte sich zu der Stimme um, die sie angesprochen hatte. Michel Longo, der Gerichtsmediziner. Weil er wie alle anderen als Kapuzengespenst verkleidet war, hatte sie ihn nicht gleich erkannt.

»Seit wann ist er tot?«, fragte sie und erhob sich.

»Ganz genau kann ich es noch nicht sagen. Aber seit mindestens vierundzwanzig Stunden. Die Kälte und der Nebel machen die Sache allerdings komplizierter.«

»Glauben Sie, dass er schon die ganze Zeit hier liegt?«

Der Arzt zuckte die Schultern. Unter seiner Kapuze trug er eine Brille von Persol.

»Vielleicht hat der Mörder ihn auch heute Abend erst hier abgelegt. Wir wissen es nicht.«

Anaïs dachte an den Nebel, der seit vielen Stunden über der Stadt lag. In dieser Suppe hatte der Mörder tätig werden können, wann immer es ihm gefiel.

»Hallo!«

Anaïs hob den Kopf und schützte ihre Augen unter vorgehaltener Hand. Am Rand der Grube hob sich die Gestalt einer Frau gegen den weißen Lichthof der Projektoren ab. Selbst im Gegenlicht erkannte Anaïs sie. Es war Véronique Roy, die Stellvertreterin des Oberstaatsanwalts und eine Art Double von Anaïs. Eine höhere Tochter aus dem Großbürgertum von Bordeaux, knapp dreißig Jahre alt, die fast die gleiche Ausbildung genossen hatte wie Anaïs. Sie kannten sich von den teuren Privatschulen, hatten beide die Universität Montesquieu besucht und sich immer wieder mal auf den Toiletten der angesagtesten Discos der Stadt getroffen. Nie waren sie Freundinnen gewesen, aber einander auch nicht feindlich gesinnt. Inzwischen war es meistens die Arbeit, die sie zusammenführte. Einmal bei einem Mann, der sich erhängt hatte, einmal bei einer Frau, der das halbe Gesicht weggerissen worden war, weil ihr Mann eine Mikrowelle nach ihr geworfen hatte; das letzte Mal war es ein junges Mädchen mit durchschnittener Kehle gewesen. Alles keine Grundlagen für echte Freundschaft.

»Hallo«, murmelte Anaïs.

Die Vertreterin der Staatsanwaltschaft stand hoch über ihr am Rand der Grube und strahlte im Licht. Sie trug ein Lederblouson von Zadig & Voltaire, um das Anaïs schon seit einiger Zeit begehrlich herumschlich.

»Das ist ja grausig«, murmelte die Staatsanwältin, die den Blick nicht von der Leiche wenden konnte.

Anaïs war ihr dankbar für den dümmlichen Satz, der die Situation haargenau wiedergab. Sie war sicher, dass Véronique dasselbe empfand wie sie selbst – Entsetzen und Erregung gleichzeitig. Genau das hatten sie immer erhofft, aber auch gefürchtet: die Ermittlung in einem einzigartigen Mordfall mit einem wahnsinnigen Mörder. Alle jungen Frauen ihres Alters in diesem Metier träumten davon, wie Clarice Starling in Das Schweigen der Lämmer zu werden.

»Kannst du schon etwas über die Todesursache sagen?«, fragte Anaïs den Gerichtsmediziner.

Longo machte eine unbestimmte Geste.

»Er hat keine offenkundigen Verletzungen. Vielleicht wurde er mit dem Stierkopf erstickt. Oder erwürgt. Oder vergiftet. Wir müssen die Autopsie abwarten. Auch eine Überdosis kann ich nicht ganz ausschließen.«

»Wieso?«

Der Mediziner bückte sich und griff nach dem linken Arm des Opfers. Die Venen in der Armbeuge waren hart wie Holz und mit Narben, Verhärtungen und bläulichen Hämatomen übersät.

»Abhängig bis zum Anschlag. Der Junge war insgesamt in einem ziemlich schlechten Zustand – zu seinen Lebzeiten, meine ich. Verdreckt und unterernährt. An seinem Körper finden sich schlecht verheilte Wunden. Ich schätze, wir haben es hier mit einem Junkie von etwa zwanzig Jahren zu tun. Möglicherweise obdachlos. Vielleicht ein Aussteiger. Irgendetwas in dieser Art.«

Anaïs blickte den Polizisten an, der neben der Staatsanwältin stand.

»Wurden seine Kleider gefunden?«

»Weder Kleidung noch Ausweispapiere.«

Der Mann war also irgendwo anders getötet und dann hergebracht worden. War die Grube als Versteck gedacht, oder sollte die Leiche im Gegenteil zur Schau gestellt werden? Vermutlich war die zweite Vermutung die richtige. Die Grube schien bei dem Ritual des Mörders eine Rolle zu spielen.

Anaïs kletterte die Leiter hoch und warf einen letzten Blick auf die Leiche. Bedeckt mit Nebeltröpfchen wirkte sie wie eine Stahlskulptur. Die nach Öl und Metall riechende Grube bildete eine geradezu perfekte Grabstätte für dieses abstruse Mischwesen.

Oben angekommen streifte Anaïs die Überschuhe und die Papierhaube ab. Véronique Roy erging sich in offiziellen Floskeln.

»Hiermit beauftrage ich dich offiziell mit …«

»Schick mir den Papierkram ins Büro.«

Verärgert erkundigte sich die Staatsanwältin nach den Spuren, denen Anaïs nachgehen wolle. Anaïs zählte fast automatisch die Routineaufgaben auf. Gleichzeitig versuchte sie sich über das Profil des Mörders klar zu werden. Er kannte die Örtlichkeiten. Vermutlich auch die Rangierzeiten. Vielleicht war es ein Bahnbeamter. Oder jemand, der seine Tat sehr sorgfältig vorbereitet hatte.

Eine Vision verschlug ihr plötzlich den Atem. Der Mörder trug den Körper des Opfers in einer braunen Plastikhülle auf dem Rücken. Tief gebeugt ging er durch den Nebel. Sofort kamen ihr Bedenken. Die Leiche samt Tierkopf wog gut und gern hundert Kilo. Der Mörder musste also ein wahrer Koloss sein. Oder hatte er dem Jungen den Stierkopf erst an Ort und Stelle aufgesetzt? Dann aber hätte er zweimal von seinem Auto zur Grube gehen müssen. Und wo hatte er geparkt? Auf dem offiziellen Parkplatz?

»Bitte?«

»Ich wollte wissen, ob du dein Ermittlerteam schon zusammengestellt hast«, wiederholte Véronique Roy.

»Mein Team? Da kommt es gerade.«

Le Coz tappte mit vorsichtigen Schritten über den Schotter auf sie zu. Er trug die vorschriftsmäßige Sicherheitsweste. Die Staatsanwältin sah ihn erstaunt an. Sie hatte helle Augen unter fein geschwungenen Brauen. Anaïs musste zugeben, dass sie wirklich hübsch war.

»Das war ein Scherz«, lächelte sie. »Darf ich dir Kommissar Hervé Le Coz vorstellen? Er ist mein Stellvertreter und hat heute Nacht mit mir zusammen Bereitschaftsdienst. Mein restliches Team steht in einer Stunde.«

Unter der Sicherheitsweste trug Le Coz einen schwarzen Kaschmirmantel. In seinem ebenfalls pechschwarzen, mit Gel frisierten Haar glitzerten winzige Wassertröpfchen. Sein Atem stieg als Dunstwölkchen zwischen seinen sinnlichen Lippen empor. Sein ganzes Wesen verströmte eine verführerische Raffinesse, die bei Véronique Roy eine Art Verteidigungsreflex hervorrief, der sich als unmerkliche Erstarrung äußerte. Anaïs grinste. Ganz offensichtlich war Véronique Single, genau wie sie selbst. Jeder Kranke erkennt die Anzeichen seiner eigenen Krankheit problemlos auch bei anderen.

Kurz schilderte sie Le Coz die Situation, ehe sie in einen Befehlston verfiel. Dieses Mal jedoch meinte sie es ernst.

»Als Erstes muss das Opfer identifiziert werden, ehe wir uns seiner unmittelbaren Umgebung zuwenden.«

»Glaubst du, dass der Tote seinen Mörder gekannt hat?«, fragte Véronique Roy.

»Zunächst einmal glaube ich gar nichts. Als Erstes müssen wir in Erfahrung bringen, wer der Tote überhaupt ist. Danach gehen wir ganz systematisch vor – von seinen engeren Bekanntschaften zu den weiter entfernten. Erst die Freunde, die er schon seit seiner Kindheit hatte, dann die Leute, die er zufällig eines Abends getroffen hat.«

Anaïs wandte sich an den Kommissar:

»Ruf die anderen an. Wir müssen sämtliche Bänder der Videoüberwachung des Bahnhofs überprüfen, und zwar nicht nur die von den letzten vierundzwanzig Stunden.«

Sie wies auf den Parkplatz.

»Unser Kandidat ist sicher nicht durch die Schalterhalle gekommen, sondern vermutlich über den Personalparkplatz auf die Gleise gelangt. Du konzentrierst dich auf die entsprechenden Bänder. Schreib dir alle Autokennzeichen auf, suche nach den Haltern und stelle ihnen die entsprechenden Fragen. Besuche die Führungskräfte, die Angestellten und die Techniker des Bahnhofs. Sie sollen sich mal den Kopf zerbrechen – vielleicht fällt ihnen ja irgendetwas Verdächtiges ein.«

»Wann sollen wir anfangen?«

»Wir haben schon angefangen.«

»Aber es ist drei Uhr morgens.«

»Dann hol die Leute eben aus dem Bett. Das ehemalige Bahnbetriebswerk muss durchsucht werden, weil sich in solchen Gebäuden immer Tippelbrüder herumtreiben. Vielleicht haben sie etwas gesehen. Und was den Lokführer angeht …«

»Welchen Lokführer?«

»Der die Rangierlok gefahren und die Leiche entdeckt hat. Ich will seinen ausführlichen Vernehmungsbericht morgen früh auf dem Schreibtisch haben. In den nächsten Stunden wird jeder von uns, der abkömmlich ist, an der Überwachung des Geländes teilnehmen und sowohl Reisende als auch Stammkunden befragen.«

»Aber es ist Sonntag.«

»Willst du vielleicht bis Montag warten? Bitte die Schutzpolizei und meinetwegen auch die Verkehrspolizei um Mithilfe.«

Le Coz schrieb sich alles auf, ohne weiter darauf einzugehen. Sein Notizblock triefte vor Nässe.

»Jemand muss sich auch um den tierischen Aspekt kümmern.«

Le Coz blickte Anaïs an. Er verstand nicht, was sie meinte.

»Der Stierkopf kommt schließlich irgendwoher. Nimm Kontakt zu den Gendarmen aus dem Aquitaine, dem Departement Landes und dem Baskenland auf.«

»Warum so weit weg?«

»Weil es sich um einen Kampfstier handelt. Einen toro bravo

»Woher weißt du das?«

»Ich weiß es eben. Die nächstgelegenen Zuchten befinden sich in der Nähe von Mont-de-Marsan. Dann gehst du weiter in Richtung Dax.«

Le Coz schrieb immer noch und ärgerte sich über den nässenden Nebel, der seine Schrift verlaufen ließ.

»Dir ist hoffentlich klar, dass ich hier keinen Journalisten sehen will.«

»Wie willst du das denn anstellen?«, mischte sich die Staatsanwältin ein.

Da ihr die Kommunikation mit den Medien oblag, hatte sie insgeheim bereits über den Ablauf ihrer Pressekonferenz nachgedacht und auch schon überlegt, was sie zu diesem Termin anziehen sollte. Anaïs jedoch hatte ihre eigenen Vorstellungen.

»Wir warten erst einmal ab und sagen nichts. Mit ein bisschen Glück ist der Kerl tatsächlich ein Obdachloser.«

»Kapier ich nicht.«

»Dann vermisst ihn niemand, und wir können seinen Tod noch eine Zeitlang verschweigen. Sagen wir vierundzwanzig Stunden. Und selbst dann vergessen wir zunächst einmal die Sache mit dem Stierkopf. Wir erzählen etwas von einem Obdachlosen, der vermutlich an Unterkühlung gestorben ist. Punktum.«

»Und wenn er kein Assi ist?«

»Wir brauchen diese Frist, um in aller Ruhe arbeiten zu können.«

Le Coz verabschiedete sich mit einem Kopfnicken von den beiden Damen und verschwand im Nebel. Zu einem anderen Zeitpunkt und unter anderen Umständen hätte er sicher seinen Charme spielen lassen, aber er hatte begriffen, dass hier und jetzt Not am Mann war. In den kommenden Stunden würden sie alle auf Schlaf, Essen und Familienleben verzichten müssen; nur die Ermittlungen zählten.

Anaïs wandte sich an den Beamten der Schutzpolizei, der im Hintergrund geblieben war, aber genau zugehört hatte.

»Suchen Sie mir bitte den Einsatzleiter der Spurensicherung.«

»Glaubst du, es handelt sich um den Beginn einer Serie?«, fragte Véronique Roy leise.

Ihre Stimme verriet noch immer die gleiche zwiespältige Gemütsregung. Halb Lust, halb Ekel. Anaïs lächelte.

»Dazu kann ich noch nichts sagen, Süße. Wir müssen erst den Obduktionsbericht abwarten. Sobald wir wissen, wie der Mörder vorgegangen ist, können wir uns vielleicht ein Bild von ihm machen. Wir müssen natürlich auch in Erfahrung bringen, ob nicht irgendein Bekloppter kürzlich aus Cadillac ausgebüxt ist.«

Jeder in der Region kannte diesen Namen. Cadillac war eine Klinik für psychisch Kranke, wo gemeingefährliche Irre und Schwerverbrecher in Sicherungsverwahrung lebten – fast schon eine örtliche Sehenswürdigkeit zwischen den Weinbergen und der Düne von Pilat.

»Im Übrigen werde ich mir einmal die nationalen Datenbanken anschauen. Wir müssen wissen, ob es einen Mord dieser Art schon einmal hier im Aquitaine oder irgendwo anders in Frankreich gegeben hat.«

Anaïs saugte sich alles Mögliche aus den Fingern, um ihrer Rivalin zu imponieren. Die einzige nationale Datenbank in Frankreich, die sich mit Verbrechen beschäftigte, war ein von völlig unmotivierten Polizisten aktualisiertes Programm.

Plötzlich zerriss die Nebelwand vor ihnen. Zum Vorschein kam ein Techniker der Spurensicherung, der wie ein Astronaut im Schutzanzug aussah.

»Mein Name ist Abdellatif Dimoun«, stellte die Erscheinung sich vor und streifte die Kapuze ab. »Ich bin der Einsatzleiter der Spurensicherung in diesem Fall.«

»Sie kommen aus Toulouse?«

»Ja, von der Technischen Abteilung 31.«

»Wie konnten Sie so schnell hier sein?«

»Ein reiner Glücksfall, wenn ich mich so ausdrücken darf.«

Der Mann lächelte sie strahlend an. Dank seiner gebräunten Haut wirkte das Weiß seiner Zähne noch leuchtender. Er war etwa dreißig Jahre alt und wirkte auf Anaïs ungestüm und sehr erotisch.

»Wir waren aus einem anderen Grund bereits hier in Bordeaux. Wir untersuchen die Verseuchung des Industriegebiets von Lormont.«

Anaïs hatte davon gehört. Man verdächtigte einen ehemaligen Angestellten einer Chemiefabrik, aus Rache die Produktion sabotiert zu haben. Die Hauptkommissarin und die Staatsanwältin stellten sich nun ebenfalls vor. Der Techniker streifte die Handschuhe ab und schüttelte ihnen die Hand.

»Schon irgendwelche verwertbaren Spuren gefunden?«, erkundigte sich Anaïs in einem bewusst lässigen Tonfall.

»Leider nein. Alles ist klatschnass. Die Leiche dümpelt seit mindestens zehn Stunden sozusagen im eigenen Saft. Bisher war es uns unmöglich, auch nur die kleinste Papillarlinie sicherzustellen.«

»Die kleinste was?«, fragte die Staatsanwältin.

Höchst zufrieden, dass sie mit ihrem Wissen punkten konnte, drehte sich Anaïs zu Véronique Roy um.

»Er meint Fingerabdrücke.«

Véronique verzog das Gesicht.

»Wir haben auch weder organisches Material noch Körperflüssigkeiten gefunden«, fuhr Dimoun fort. »Kein Blut, kein Sperma, rein gar nichts. Aber durch diesen vermaledeiten Nebel … Nur eines wissen wir sicher: Die Grube ist nicht der Tatort. Der Mörder hat die Leiche hier nur entsorgt. Getötet wurde der Mann woanders.«

»Können Sie uns Ihre Ergebnisse bitte so schnell wie möglich zukommen lassen?«

»Na klar. Wir arbeiten mit einem Privatlabor hier in Bordeaux zusammen.«

»Sollte ich Rückfragen haben, rufe ich Sie an.«

»Kein Problem.«

Der Techniker schrieb seine Handynummer auf die Rückseite einer Visitenkarte.

»Ich gebe Ihnen auch meine Nummer«, sagte Anaïs und kritzelte sie auf eine Seite ihres Notizblocks. »Sie können mich zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen. Ich lebe allein.«

Verblüfft über diese plumpe Vertraulichkeit hob der Techniker die Augenbrauen. Anaïs spürte, wie sie errötete. Véronique Roy beobachtete sie mit spöttischer Miene. Der Schutzpolizist half Anaïs aus der Patsche.

»Dürfte ich Sie für einen Augenblick stören? Der Bahnhofsvorsteher möchte Sie sprechen. Es scheint wichtig zu sein.«

»Worum geht es?«

»Ich weiß es nicht genau. Offenbar hat die Bahnpolizei hier gestern einen ziemlich merkwürdigen Typ aufgegabelt. Hatte wohl das Gedächtnis verloren. Ich war leider nicht dabei.«

»Und wo wurde er gefunden?«

»Auf den Gleisen, nicht allzu weit von der Reparaturgrube entfernt.«

Anaïs verabschiedete sich von Roy und Dimoun, drückte dem Techniker ihre Handynummer in die Hand und folgte dem Polizisten über die Schienen. Dabei bemerkte sie drei Gestalten in weißen Overalls, die vom Parkplatz her zwischen den verlassenen Gebäuden des Bahnbetriebswerks auftauchten. Sie würden den Toten ins Leichenschauhaus bringen. Der Gabelstapler, der ihnen folgte, wurde gebraucht, um die Leiche samt dem enormen Tierkopf zu transportieren.

Anaïs, die hinter dem Polizisten herging, warf einen Blick über die Schulter zurück. Die Vertreterin der Staatsanwaltschaft und der Techniker von der Spurensicherung standen ein Stück von der Sicherheitsabsperrung entfernt und unterhielten sich angeregt. Sie hatten sich sogar eine Zigarette angesteckt. Véronique Roy gluckste wie ein Hühnchen. Wütend zurrte Anaïs das Palästinensertuch zusammen, das sie anstelle eines Schals trug. Hier zeigte sich wieder, was sie immer schon gedacht hatte. Ob mit Leiche oder ohne und solidarisch oder nicht, es war immer das gleiche Lied – der Wettbewerb, wer von ihnen beiden die Bessere war.

Im Stadtzentrum war der Nebel noch dichter. Weiße Schwaden lagen über dem Asphalt, waberten vor Hauswänden und drangen aus Kanaldeckeln. Man konnte kaum fünf Meter weit sehen. Doch das machte nichts. Anaïs hätte auch mit geschlossenen Augen zu ihrer Dienststelle zurückgefunden. Nach den etwas verwirrenden Aussagen des Bahnhofsvorstehers – man habe am Vorabend einen Cowboy ohne Gedächtnis auf dem Bahngelände ganz in der Nähe des Leichenfundortes entdeckt – hatte sie noch einige Anweisungen erteilt und sich anschließend in ihr Auto gesetzt.

Über den Cours Victor Hugo fuhr sie in Richtung der Kathedrale Saint-André. Die anfängliche Erregung wich einer gewissen Skepsis. Hatte sie alles richtig gemacht? Würde man ihr den Fall überlassen? In einigen Stunden würde die Nachricht die Honoratioren der Stadt erreichen. Präfekt, Bürgermeister und Stadtverordnete würden ihren obersten Vorgesetzten, Kriminaloberrat Jean-Pierre Deversat, anrufen. Eine Leiche mit einem Stierkopf – das brachte Unordnung in die Hauptstadt des Weins. Und alle wären sich darin einig, dass die Ermittlungen so rasch wie möglich zum Abschluss gebracht werden müssten. Natürlich käme die Frage auf, welcher Kriminalbeamte mit der Untersuchung betraut war, und man würde sich Gedanken über Alter, Erfahrung und Geschlecht machen. Aber vor allem über den Namen. Und den Skandal, der mit diesem Namen verbunden war. Mit dem Namen von Anaïs’ Vater. Diese Geschichte kennzeichnete Anaïs wie ein Muttermal – sie war unauslöschlich mit ihr verbunden.

Würde Deversat sie decken? Eher nicht. Er kannte sie kaum. Er wusste von ihr nur das, was alle anderen auch wussten: dass sie eine überqualifizierte, herausragende, ehrgeizige Polizistin war. Für eine ausgewachsene Ermittlung jedoch machten diese Qualitäten keinen Sinn. Hier ging nichts über die Erfahrung eines alten Hasen. Anaïs tröstete sich damit, dass ihr die gesetzliche Frist noch ein wenig Zeit ließ. Und außerdem war sie im Dienst gewesen, als der Tote gefunden wurde.

Ihr blieben acht Tage, in denen sie ohne Ermittlungsrichter und Rechtshilfeersuchen handeln konnte. Sie konnte fragen, wen sie wollte, herumschnüffeln, wo sie wollte, und sie konnte nach eigenem Gutdünken sowohl Mitarbeiter als auch das benötigte Material anfordern. Doch wenn sie ehrlich war, hatte sie gewaltigen Schiss davor. War sie tatsächlich fähig, eine solche Macht richtig zu nutzen?

Sie schaltete zurück und bog nach rechts in den Cours Pasteur ab. Das Bild des Einsatzleiters der Spurensicherung tauchte vor ihr auf und verwirrte sie. Der Araber mit dem verführerischen Lächeln. Sie dachte an ihren Schnitzer. Dass sie aber auch so versessen darauf gewesen war, ihm ihre Handynummer zu überlassen! So ein Blödsinn! Ob sie sich lächerlich gemacht hatte? Nur allzu deutlich klang ihr noch Véroniques Glucksen bei ihrem Aufbruch im Ohr. Es war Antwort genug.

Vor der roten Ampel, die wie ein Feuerball im Dunst strahlte, wurde sie zunächst langsamer, dann aber überquerte sie die Kreuzung, ohne auf Grün zu warten. Sie hatte ihr Blaulicht auf das Autodach gesetzt, das wie ein stummes blaues Fanal in der düsteren Nebelsuppe blinkte.

Anaïs versuchte sich auf die Ermittlung zu konzentrieren, brachte es aber nicht fertig. Wut stieg in ihr auf. Wut auf sich selbst. Warum warf sie sich immer wieder irgendwelchen Typen an den Hals? Immer wieder diese Entzugserscheinungen, immer wieder dieser Wunsch, Begierden zu wecken … Wieso nur war sie derart süchtig nach Liebe? Ihre Einsamkeit war zu einer Krankheit geworden. Zu einer Überempfindlichkeit gegenüber Gefühlen.

Wenn sie auf der Straße ein Liebespaar sah, verspürte sie einen Kloß in der Kehle. Wenn sich Liebende in einem Film küssten, kamen ihr die Tränen. Wenn jemand aus ihrer Bekanntschaft heiratete, nahm sie eine Lexomil ein. Sie ertrug es einfach nicht zuzuschauen, wenn andere sich liebten. Ihr Herz war zu einer Art Abszess geworden, der auf den geringsten Reiz reagierte. Natürlich kannte Anaïs den Namen dieser Krankheit längst. Sie wusste, dass sie unter einer Neurose litt und eigentlich einen Psychiater konsultieren musste. Seit ihrer Teenagerzeit jedoch war sie durch die Hände unzähliger Psychiater gegangen. Ohne das geringste Resultat.

Sie parkte ihren Golf neben der Kathedrale, legte die Arme auf das Lenkrad und brach in hemmungsloses Schluchzen aus. Minutenlang ließ sie ihren Tränen freien Lauf, ehe sie eine Art schmerzliche Erleichterung verspürte. Sie wischte sich die Augen, schnäuzte sich und versuchte auf andere Gedanken zu kommen. Keinesfalls konnte sie in diesem Zustand auf ihrer Dienststelle ankommen. Dort erwartete man einen Chef, keine Heulsuse.

Sie schaltete den Funk ab, nahm eine Lexomil ein, griff nach ihrem iPod und setzte die Kopfhörer auf, um ein wenig Musik zu hören, während sie darauf wartete, dass der Angstlöser wirkte. Rise von Gabrielle. Ein melancholischer Song aus dem Jahr 1999, der auf einer Melodie von Bob Dylan basierte. Während die Chemie langsam den Kampf gegen die Angst gewann, beschwor das Lied Erinnerungen herauf.

Anaïs hatte nicht immer diese instabile Neigung zu Nervosität und Depression gezeigt. Irgendwann war sie ein sehr anziehendes und entschlossenes junges Mädchen gewesen, das seine gesellschaftliche Stellung, seine Beliebtheit und seine Zukunft sicher vor Augen hatte. Mit ihrem Vater, einem Önologen, der sich der Wertschätzung der größten und bekanntesten Weingüter erfreute, bewohnte sie ein hübsches Landgut im Médoc. Sie war ausgesprochen gut in der Schule und absolvierte das Gymnasium ohne Zwischenfälle. Nach dem Abitur begann sie, Jura zu studieren, um nach bestandenem Examen noch einen Studiengang in Önologie dranzuhängen und sich auf rechtliche Fragen im Zusammenhang mit Weinbau zu spezialisieren. Ihr Leben war völlig geradlinig verlaufen.

Bis zum Alter von zwanzig Jahren hatte Anaïs sich immer den geltenden Regeln gefügt, kleine Ausnahmen inbegriffen. Aber schließlich war man ja jung. Es gab steife Rallyes, wo die Söhne und Töchter der besseren Gesellschaft von Bordeaux sich kennenlernten, aber auch Abende, an denen man sich gemeinsam mit Spitzenweinen betrank, die man sich ganz einfach aus der familieneigenen Kellerei besorgte. Natürlich schlug man sich auch ab und zu die Nächte in Clubs um die Ohren – aber selbstverständlich nur im VIP-Bereich und mit Promis wie den Fußballern von Girondin Bordeaux.

Die Generation, der Anaïs angehörte, glänzte nicht gerade durch unkonventionelle Verhaltensweisen. Wer sich nicht betrank, befand sich auf dem Cola-Trip und umgekehrt. Wertvorstellungen und Hoffnungen waren so flach wie ein Dancefloor. Kein einziges der Muttersöhnchen in ihrer Umgebung hatte den Ehrgeiz, selbst Geld zu verdienen, denn schließlich besaß man ja längst welches. Manchmal dachte Anaïs, dass sie gern arm gewesen wäre, eine Nutte vielleicht, die den reichen Bubis ohne Gewissensbisse die Scheine aus den Taschen geleiert hätte. Aber eigentlich unterschied sie sich in nichts von ihren Altersgenossen. Sie folgte den Vorgaben, die ihr Vater festgelegt hatte.

Anaïs’ Mutter war eine waschechte Chilenin gewesen. Wenige Monate nach der Entbindung in Santiago hatte sich bei ihr eine mentale Störung gezeigt. Jean-Claude Chatelet arbeitete damals an der Entwicklung der Carmenere, einer Rebsorte, die in Frankreich selten geworden war, am Fuß der Anden aber ausgezeichnet gedieh. Um seiner Frau die bestmögliche Pflege zukommen zu lassen, hatte der Weinwissenschaftler beschlossen, nach Bordeaux zurückzukehren, wo er mit Leichtigkeit sofort wieder Arbeit fand.

In Anaïs’ Leben waren die geistesgestörte Mutter und die wöchentlichen Besuche in der Klinik in Tauriac, wo sie untergebracht war, die einzigen dunklen Punkte. Sie selbst erinnerte sich kaum noch an diese Zeit – nur daran, dass sie im Park Butterblumen pflückte, während ihr Vater mit einer schweigsamen Frau spazieren ging, die ihre Tochter nicht einmal erkannte. Die Frau starb, als Anaïs acht Jahre alt war, ohne je ihre geistige Klarheit wiederzuerlangen.

Danach wurde die Harmonie durch nichts mehr getrübt. Neben seiner beruflichen Arbeit widmete Anaïs’ Vater sich hingebungsvoll der Erziehung seiner geliebten Tochter, die im Gegenzug alles tat, um seine Erwartungen zu erfüllen. In gewisser Weise lebten sie wie ein Paar, doch Anaïs konnte sich weder an frustrierende Erfahrungen noch an ungute oder beängstigende Vorfälle erinnern. Ihr Vater wollte nur, dass sie glücklich war, und sie kannte kein anderes Glück als jenes, das den herrschenden Normen entsprach. Sie war Klassenbeste und heimste Preise in Reitwettbewerben ein.

Doch dann kam 2002, das Jahr des Skandals.

Anaïs war einundzwanzig, und mit einem Mal veränderte sich ihre Welt. Zeitungsartikel erschienen, Gerüchte kursierten, kritische Blicke waren an der Tagesordnung. Man beobachtete sie. Man stellte ihr Fragen. Doch sie konnte nicht antworten. Es war ihr tatsächlich physisch nicht möglich, denn sie verlor ihre Stimme. Drei Monate lang konnte sie nicht ein Wort sprechen, laut dem Urteil ihrer Ärzte eine rein psychosomatische Störung.

Als erste Maßnahme verließ sie das Landgut ihres Vaters. Sie verbrannte ihre Kleider und verabschiedete sich von ihrem Pferd, einem Geschenk ihres Vaters. Wäre es ihr irgend möglich gewesen, hätte sie das Tier sogar erschossen. Sie wandte sich von allen Freunden ab und zeigte ihrer behüteten Jugend den Stinkefinger. Nie wieder wollte sie sich Konventionen beugen und vor allem nie wieder Kontakt zu ihrem Vater aufnehmen.

2003 legte sie ihr juristisches Staatsexamen ab. Sie begann, Kampfsportarten wie Krav Maga und Kickboxen zu trainieren, und wurde Sportschützin. Sie hatte sich zum Ziel gesetzt, zur Polizei zu gehen, sich ganz der Wahrheitsfindung zu widmen und die Jahre der Lügen auszumerzen, die ihr Leben, ihre Seele und ihr Blut seit ihrer Geburt beschmutzt hatten.

2004 bewarb sie sich an der Polizeischule in Cannes-Écluse. Die Ausbildung dauerte achtzehn Monate und umfasste Verfahrensabläufe, Verhörmethoden und Sozialkunde. Als Jahrgangsbeste konnte sie sich das Dezernat aussuchen, wo sie eingesetzt werden wollte. Sie entschied sich zunächst für eine ganz normale Wache in Orléans, um das Metier des Streifenpolizisten kennenzulernen. Anschließend ließ sie sich nach Bordeaux versetzen – in die Stadt, wo der Skandal ausgebrochen und ihr Name in den Schmutz gezogen worden war. Niemand verstand ihren Entschluss.

Dabei lag die Lösung auf der Hand.

Sie wollte ihren Peinigern beweisen, dass sie sich nicht vor ihnen fürchtete.

Und ihm – vor allem ihm – wollte sie zeigen, dass sie sich auf die Seite der Wahrheit und Gerechtigkeit geschlagen hatte.

Auch äußerlich hatte Anaïs sich verändert. Sie trug die Haare jetzt kurz geschnitten und kleidete sich ausschließlich in Jeans, Arbeitshosen und Lederblousons. Ihr zierlicher Körper war der einer Athletin – muskulös und drahtig. Ihre Sprechweise, ihre Wortwahl und ihre Intonation hatten sich verhärtet. Trotz aller Anstrengung jedoch blieb sie ein hübsches junges Mädchen mit sehr weißer, fast kristallklarer Haut und großen, erstaunt dreinblickenden Augen, das geradewegs einem Märchen entstiegen schien.

Umso besser.

Wer würde schon einer Kriminalkommissarin misstrauen, die wie eine Puppe aussah?

Was ihr Liebesleben anging, so hatte sie sich seit ihrer Rückkehr nach Bordeaux in eine anscheinend ausweglose Suche gestürzt. Obwohl sie sich den Anschein einer kleinen Draufgängerin gab, sehnte sie sich nach einer starken Schulter zum Anlehnen und einem muskulösen Körper, der sie wärmen konnte. Doch auch nach zwei Jahren war sie noch nicht fündig geworden. Zu Zeiten des schicken Clubbings war sie eine kühle Verführerin gewesen, doch die Masche der unerreichbaren »Jewish Princess« zog heutzutage keinen Mann mehr in ihren Bann. Und wenn sich doch einmal ein Kandidat in ihren Netzen verfing, konnte sie ihn nicht halten.

Lag es an ihrem Auftreten? An ihren Neurosen, die sie trotz aller Eloquenz nicht ganz verbergen konnte? Ihren allzu nervösen Bewegungen? Ihrem fortwährenden Blinzeln? Oder an ihrem Job, vor dem viele Menschen Angst hatten? Sobald sie sich diese Fragen stellte, zuckte sie mit den Schultern. Jetzt war es ohnehin zu spät, sich noch einmal zu ändern. Sie hatte ihre Weiblichkeit verloren wie andere Frauen ihre Jungfräulichkeit – ohne Aussicht auf Wiederherstellung.

Inzwischen versuchte sie ihr Glück im Internet auf Meetic.

Seit drei Monaten gab sie sich mit beschissenen Verabredungen, langweiligen Unterhaltungen und unglaublichen Spinnern ab, doch die Resultate waren nach wie vor gleich null und eigentlich immer demütigend. Aus jedem Versuch kam sie ein wenig verbrauchter heraus; die Grausamkeit der Männer war doch allzu niederschmetternd. Sie suchte nach Freunden, aber sie traf nur potenzielle Feinde. Sie suchte nach der großen Liebe, geriet aber nur an Widerlinge.

Anaïs hob den Kopf. Ihre Tränen waren getrocknet. Inzwischen hörte sie Right where it belongs von den Nine Inch Nails. Die Wasserspeier der Kathedrale schienen sie durch den Nebel hindurch zu beobachten. Die steinernen Fratzen erinnerten sie wieder an die hinter ihren Computerbildschirmen versteckten Männer, die ihr auflauerten, um sie mit ihren Lügen zu verführen. Medizinstudenten, die in Wirklichkeit bei einem Pizzaservice arbeiteten. Unternehmer, die von Arbeitslosenunterstützung lebten. Singles auf der Suche nach einer verwandten Seele, deren Ehefrau gerade das dritte Kind erwartete.

Fratzen.

Teufel.

Verräter.

Anaïs drehte den Zündschlüssel. Die Lexomil hatte ihre Wirkung entfaltet. Endlich kehrte die Wut zurück, und mit der Wut auch der Hass. Beides waren Gefühle, die sie besser stimulierten als jedes Medikament.

Als sie schließlich losfuhr, wanderten ihre Gedanken zurück zu dem einschneidenden Ereignis dieser Nacht. Ein Mensch hatte einen anderen Menschen getötet und ihm einen Stierkopf auf den Schädel gesetzt. Plötzlich fühlte sie sich mit ihren Kleinmädchensorgen lächerlich. Verrückt, an solche Dinge zu denken, während ein Mörder frei in Bordeaux herumlief.

Mit zusammengepressten Zähnen fuhr sie weiter in die Rue François de Sourdis. Wenigstens dieses Mal war die nächtliche Bereitschaft nicht umsonst gewesen.

Sie hatte eine Leiche.

Und das war immerhin besser als ein lebendiger Spinner.

Gestern hast du mir erzählt, du heißt Mischell.«
»Richtig. Pascal Mischell.«

Freire schrieb sich den Vornamen auf. Ob er nun stimmte oder nicht – es war ein neuer Aspekt. Es war sehr einfach gewesen, den Cowboy in Hypnose zu versetzen. Sein Gedächtnisverlust machte es ihm leicht, sich von der Außenwelt zu lösen. Außerdem spielte noch ein anderer Faktor eine wichtige Rolle: Der Mann hatte Vertrauen zu seinem Psychiater. Ohne Vertrauen ist es unmöglich, sich zu entspannen, ohne Entspannung aber funktioniert keine Hypnose.

»Weißt du, wo du wohnst?«

»Nein.«

»Denk nach.«

Der Koloss hielt sich sehr gerade auf seinem Stuhl. Seine Hände lagen auf seinen Oberschenkeln, und er trug seinen unvermeidlichen Hut. Freire hatte sich entschieden, die Sitzung in seinem Büro durchzuführen, wo er an einem Sonntagmorgen vermutlich am ungestörtesten bleiben würde. Er hatte die Rollläden heruntergelassen und die Tür abgesperrt. Dämmerlicht und Ruhe.

Es war neun Uhr morgens.

»Ich glaube … Ja, das Dorf heißt Audenge.«

»Wo liegt es?«

»In der Nähe von Arcachon.«

Freire schrieb mit.

»Was machst du beruflich?«

Mischell antwortete nicht sofort. Seine Stirn unter dem Stetson legte sich in nachdenkliche Falten.

»Ich sehe Ziegelsteine.«

»Steine zum Bauen?«

»Ja. Ich nehme sie in die Hand und setze sie.«

Mit geschlossenen Augen stellte er die Bewegung dar wie ein Blinder. Freire dachte an die Staubpartikel, die man unter seinen Fingernägeln gefunden hatte. Ziegelstaub.

»Arbeitest du auf dem Bau?«

»Ich bin Maurer.«

»Wo arbeitest du?«

»Ich bin … Ich glaube, im Augenblick arbeite ich auf einer Baustelle bei Cap-Ferret.«

Freire schrieb jedes Wort mit. Er hielt die Aussagen seines Patienten nicht unbedingt für wahr. Es war durchaus möglich, dass sich die Wirklichkeit in Mischells Erinnerung veränderte oder sogar völlig umgestaltete. Die Informationen waren eher Hinweise, die der Suche eine Richtung gaben. Jedem einzelnen würde er nachgehen müssen.

Mit gezücktem Stift wartete er. Nicht noch mehr Fragen stellen. Die Atmosphäre des Büros wirken lassen. Auch er selbst wurde allmählich schläfrig. Der Riese schwieg.

»Weißt du noch, wie dein Chef heißt?«, fragte Mathias schließlich.

»Thibaudier.«

»Kannst du mir das buchstabieren?«

Mischell kam der Bitte ohne Zögern nach.

»Und sonst erinnerst du dich an nichts?«

Der Cowboy dachte kurz nach, ehe er sagte:

»Die Düne. Von der Baustelle aus sieht man die Düne von Pilat.«

Jede Antwort trug zur Vervollständigung des Bildes bei.

»Bist du verheiratet?«

Wieder legte der Mann eine Pause ein.

»Ich glaube nicht … Ich habe eine Freundin.«

»Wie heißt sie?«

»Hélène. Hélène Auffert.«

Nachdem er sich auch diesen Namen hatte buchstabieren lassen, schaltete Freire einen Gang höher.

»Was macht sie?«

»Sie ist Angestellte im Rathaus.«

»Im Rathaus deines Dorfes? Im Rathaus von Audenge?«

Mischell fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Sie zitterte.

»Ich … Ich weiß nicht mehr.«

Freire zog es vor, die Sitzung zu beenden. Am nächsten Tag würde er es noch einmal versuchen. Man musste den Rhythmus der Erinnerung respektieren, die sich nach und nach ihren Weg ans Licht bahnte.

Mit wenigen Worten holte er Mischell aus seinem hypnotischen Zustand und öffnete die Läden. Strahlendes Sonnenlicht blendete ihn und verursachte ihm erneute Schmerzen in der Augenhöhle. Der Nebel war endlich verschwunden; eine klare Wintersonne, weiß und kalt wie ein Schneeball, lag über der Stadt. Freire sah darin ein gutes Vorzeichen für seine Arbeit mit dem Mann ohne Gedächtnis.

»Wie fühlst du dich?«

Der Cowboy rührte sich nicht. Er trug eine Tuchjacke in der gleichen Farbe wie seine Hose. Die Kleidung war Eigentum der Klinik und sah wie ein Mittelding zwischen Pyjama und Sträflingsanzug aus. Freire schüttelte den Kopf. Er war gegen Anstaltskleidung bei den Patienten.

»Gut«, sagte Mischell.

»Erinnerst du dich an unser Gespräch?«

»Nur sehr ungenau. Habe ich irgendetwas Wichtiges gesagt?«

Der Psychiater antwortete sehr vorsichtig. Er verwendete die üblichen Formulierungen, ließ seinen Patienten jedoch über die von ihm selbst gegebenen Informationen im Unklaren. Die wollte er zunächst eine nach der anderen überprüfen.

Freire setzte sich an seinen Schreibtisch und blickte Mischell gerade in die Augen. Nach einigen beruhigenden Worten fragte er den Cowboy, wie er geschlafen habe.

»Ich habe wieder dasselbe geträumt.«

»Von der Sonne?«

»Von der Sonne und dem Schatten.«

Wovon hatte er selbst geträumt? Nach dem Zwischenfall mit den Männern in Schwarz waren ihm sofort die Augen zugefallen, und er hatte die ganze Nacht hindurch geschlafen wie ein Stein. Und zwar vollständig angezogen auf dem Sofa im Wohnzimmer. Allmählich schien er zu einer Art Clochard zu werden.

Er stand auf und ging um den noch immer sitzenden Riesen herum.

»Hast du versucht, dich an die Nacht im Bahnhof zu erinnern?«

»Versucht schon, aber da kommt nichts.«

Freire ging jetzt hinter dem Rücken des Mannes auf und ab. Als ihm klar wurde, dass seine Schritte etwas Drohendes, Bedrückendes hatten – wie ein Polizist, der einen Sträfling verhört –, näherte er sich seinem Patienten von rechts.

»Nicht einmal ein kleines Detail?«

»Nichts.«

»Und der Engländer? Das Telefonbuch?«

Nervöse Ticks zuckten über Mischells Gesicht.

»Nichts. Darüber weiß ich gar nichts.«

Der Psychiater setzte sich wieder an seinen Schreibtisch. Dieses Mal hatte er eine Art Widerstand bei dem Mann gespürt. Er schien Angst zu haben. Angst, sich zu erinnern. Freire lächelte ihm freundschaftlich zu, sozusagen als Zeichen, dass es vorbei war und dass er sich beruhigen könne. Das Erinnerungsvermögen des Cowboys war wie ein zerknülltes Blatt Papier, das schnell zerreißen konnte, wenn man sich zu sehr bemühte, es glatt zu streichen.

»Für heute machen wir Schluss.«

»Nein. Ich möchte dir noch von meinem Vater erzählen.«

Die Erinnerungsmaschinerie hatte sich in Bewegung gesetzt. Mit oder ohne Hypnose. Freire griff nach seinem Notizblock.

»Ich höre dir zu.«

»Er ist gestorben. Vor zwei Jahren. Er war Maurer, genau wie ich. Habe ich dir gesagt, dass ich Maurer bin?«

»Hast du.«

»Ich hatte ihn sehr lieb.«

»Wo hat er gewohnt?«

»In Marsac. In der Nähe von Arcachon.«

»Und deine Mutter?«

Der Mann antwortete nicht sofort und wandte den Kopf ab. Seine Augen schienen die Antwort im gleißend kalten Licht des Fensters zu suchen.

»Sie hatte eine kleine Bar mit Zigarettenverkauf in der Hauptstraße von Marsac«, erklärte er schließlich. »Sie ist letztes Jahr ebenfalls gestorben. Kurz nach meinem Vater.«

»Kannst du dich an die Umstände erinnern?«

»Nein.«

»Hast du Geschwister?«

»Ich …« Mischell zögerte. »Ich weiß es nicht mehr.«

Freire stand auf. Nun war es wirklich an der Zeit, die Sitzung zu beenden. Er rief einen Pfleger und gab ihm ein Beruhigungsmittel für Mischell mit. Ruhe war jetzt das Allerwichtigste.

Als er wieder allein war, blickte er auf die Uhr. Fast zehn. Seine Bereitschaft begann um eins. Zwar hätte er Zeit genug gehabt, nach Hause zu fahren, aber wozu? Stattdessen entschloss er sich, auf seiner Station nach dem Rechten zu sehen. Anschließend würde er Pascal Mischells Informationen überprüfen.

Als er auf den Flur hinaustrat, kam ihm eine Erkenntnis.

Er war dabei, sein ganzes Leben auf die Klinik zu konzentrieren. Sie bot ihm Sicherheit. Genau wie seinen Patienten.

Ich habe alles Menschenmögliche versucht, um den Kopf wieder einigermaßen ansehnlich hinzukriegen.«

»Das sehe ich.«

Es war zehn Uhr morgens. Anaïs Chatelet hatte nur zwei Stunden geschlafen – auf der Couch in ihrem Büro. Sie klemmte den Telefonhörer zwischen Ohr und Schulter und betrachtete das, was vom Gesicht des Mordopfers vom Bahnhof Saint-Jean übriggeblieben war. Zermalmte Nase. Gebrochene Augenbrauenbögen. Das rechte Auge eingedrückt und in der Achse verschoben. Zerschundene Lippen, die abgebrochene Zähne entblößten. Ein Gesicht wie eine zusammengestoppelte, asymmetrische Maske.

Longo, der Gerichtsmediziner, hatte ihr das Foto eben erst geschickt – es sollte zur Identifikation des Opfers verwendet werden – und gleich danach angerufen.

»Die Brüche der Gesichtsknochen wurden zweifelsfrei durch den Stierkopf verursacht. Der Täter hat den Hals des Kadavers ausgehöhlt, bis zum Gehirn geleert und das Ding dann wie eine Kappe über den Kopf des Opfers gezwängt. Die Verletzungen im Gesicht des Jungen stammen von den Wirbelknochen und den übriggebliebenen Muskeln und Gewebeteilen.«

Der Junge. Das war das richtige Wort. Das Opfer war höchstens zwanzig Jahre alt. Rabenschwarz gefärbtes, unregelmäßig stufig geschnittenes Haar. Vermutlich ein Goth. Ein landesweiter Abgleich seiner Fingerabdrücke hatte kein Resultat ergeben. Der Junge war nie im Gefängnis gewesen und auch nie vorübergehend verhaftet worden. Was die DNA-Proben anging, so würde die Überprüfung noch eine Weile dauern.

»Ist er an diesen Verletzungen gestorben?«

»Nein, er war schon tot.«

»Todesursache?«

»Mein Gefühl hat mich nicht getrogen: eine Überdosis. Die Analysen liegen mir bereits vor. Unser Freund hatte fast zwei Gramm Heroin im Blut.«

»Und du bist ganz sicher, dass er daran gestorben ist?«

»Eine solche Dosis hält kein Mensch aus. Zumal es sich um fast reines Heroin gehandelt hat. Außerdem hat er keine anderen Verletzungen.«

Anaïs, die mitgeschrieben hatte, hielt inne.

»Was nennst du ›fast rein‹?«

»Sagen wir mal: ein Reinheitsgrad von ungefähr achtzig Prozent.«

In der Welt der Drogen kannte Anaïs sich aus. Ihr Wissen stammte aus ihrer Zeit in Orléans, das als Hauptumschlagplatz für alle Arten von Drogen in Île-de-France galt. Ihr war bekannt, dass derart reines Heroin niemals verkauft wurde – schon gar nicht in Bordeaux.

»Hat die Analyse noch irgendetwas anderes ergeben?«

»Was meinst du? Vielleicht Name und Adresse des Dealers?«

Anaïs ging nicht auf diese Stichelei ein.

»Eins ist jedenfalls sicher«, fuhr Longo fort, »unser Opfer war ein Junkie. Seine Arme habe ich dir ja schon gezeigt, und auch auf den Händen hat er Einstiche. Die Nasenlöcher konnte ich wegen des Zustandes seiner Knochen und Knorpel nicht untersuchen, aber ich glaube, mehr Bestätigung brauchen wir gar nicht. Der Junge kannte sich mit Heroin aus. Nie im Leben hätte er sich diesen Schuss gesetzt, wenn er gewusst hätte, was drin war.«

Eine Überdosis ist immer ein Unfall. Zwar flirten Drogensüchtige ständig mit dem Tod, doch ihr Überlebensinstinkt hindert sie daran, die Grenze bewusst zu überschreiten. Jemand musste dem Opfer den Stoff also verkauft oder gegeben haben, ohne auf die Risiken hinzuweisen.

»Der Junge ist erstickt«, fuhr der Gerichtsmediziner fort. »Er zeigt die typischen Anzeichen einer Atemdepression.«

»Nämlich?«

»Seine Pupillen sind durch das Heroin und den Sauerstoffmangel verengt. Außerdem habe ich rötlichen Schaum in der Mundhöhle gefunden. Bronchialsekret, das er herausgewürgt hat, als er keine Luft mehr bekam. Und das Herz war fast bis zum Platzen aufgebläht.«

»Kannst du schon etwas zum Todeszeitpunkt sagen?«

»Er ist nicht gestern Nacht, sondern in der Nacht davor gestorben. Die genaue Zeit weiß ich nicht.«

»Und wieso in der Nacht?«

»Wieso nicht?«

Anaïs dachte an den Nebel, der vierundzwanzig Stunden zuvor begonnen und den ganzen Tag lang angedauert hatte. Der Mörder hätte jederzeit tätig werden können, doch die Leiche bei Nacht zu transportieren war aus seiner Sicht wahrscheinlich die sicherere Variante. Der Film von Alain Resnais fiel ihr ein, Nacht und Nebel, einer der erschreckendsten Dokumentarfilme über deutsche Konzentrationslager. Diese Tore, gebaut, um nur einmal durchschritten zu werden. Jedes Mal, wenn sie den Film anschaute – also relativ oft –, musste sie an ihren Vater denken.

»Mir ist noch etwas ziemlich Merkwürdiges aufgefallen«, fügte Longo hinzu.

»Und das wäre?«

»Ich habe den Eindruck, dass ihm Blut fehlt. Der Leichnam ist ungewöhnlich blass. Daraufhin habe ich die Augenschleimhaut, die Lippen und die Fingernägel genauer untersucht. Überall das gleiche Bild: Blutarmut.«

»Hast du nicht eben gesagt, dass er keine Verletzungsspuren aufweist?«

»Richtig. Trotzdem glaube ich, dass sein Mörder ihm ein oder zwei Liter frisches Blut abgezapft hat. Unter seinen Einstichen könnten einige von dem goldenen Schuss als auch von einer medizinisch korrekten Blutabnahme stammen.«

»Die noch zu seinen Lebzeiten stattgefunden hätte?«

»Auf jeden Fall. Einem Toten kann man kein Blut abnehmen.«

Anaïs notierte das Detail. Ein Vampir?

»Sonst noch Auffälligkeiten an der Leiche?«

»Alte, zum Teil schlecht verheilte Wunden. Beim Röntgen habe ich Spuren von Knochenbrüchen festgestellt, die noch aus seiner Kinderzeit stammen müssen. Ich habe dir ja schon gesagt: Der Kerl war bestimmt ein Tippelbruder. Als Kind wurde er vermutlich geprügelt und ist später auf die schiefe Bahn geraten.«

Anaïs dachte an den viel zu mageren, mit Tattoos bedeckten Körper und konnte Longo nur beipflichten. Auch noch etwas anderes sprach für diese Hypothese: Der Junge war nicht als vermisst gemeldet. Entweder stammte er aus einer anderen Gegend, oder niemand vermisste ihn.

»Hast du irgendwelche Anhaltspunkte für diese Folgerung?«

»Mehrere. Zunächst war der Junge ausgesprochen schmutzig.«

»Das sagtest du bereits am Fundort.«

»Ich meine damit eine Art Dauerdreck. Um die Haut einigermaßen sauber zu bekommen, mussten wir mit einer Chlorlauge arbeiten. Außerdem waren seine Hände sehr rau. Seine rote Gesichtshaut spricht für ein Leben unter freiem Himmel. Flöhe, Läuse und Filzläuse hatte der Knabe übrigens auch. So viele, dass es fast schien, als ob die Leiche sich auf dem Seziertisch noch bewegte.«

Anaïs wusste nicht recht, ob sie über Longos Art von Humor lachen sollte. Sie stellte ihn sich im Obduktionsraum unter den OP-Lampen vor, wie er mit dem Diktafon in der Hand um die Leiche herumging. Longo war ein früh ergrauter, unauffälliger, unergründlicher Mittfünfziger.

»Innen bot sich das gleiche Bild«, fuhr er fort. »Die Leber stand kurz vor der Zirrhose. Schlimm für einen so jungen Kerl.«

»Meinst du, er war auch Alkoholiker?«

»Ich glaube eher, dass er sich eine Hepatitis C eingefangen hatte. Aber das werden wir anhand der Analysen noch feststellen. Und mit Sicherheit finden wir noch weitere chronische Krankheiten. So, wie es aussieht, wäre der Junge nicht älter als vierzig geworden.«

Anaïs zog bereits Rückschlüsse auf den Mörder. Einer, der Penner umbringt. Ein Killer mit Hang zu Ritualen, der es auf den Abschaum der Gesellschaft abgesehen hat. Sie spürte, wie es in ihren Gliedern kribbelte. Sie war zu voreilig. Nichts wies darauf hin, dass es sich um einen Wiederholungstäter handelte. Trotzdem war sie sich fast sicher: Falls der Minotaurus sein erstes Opfer war, dann blieb er sicher nicht das letzte.

»Gibt es Hinweise auf ein Sexualverbrechen? Wurde der Junge vergewaltigt?«

»Nichts. Weder Spermaspuren noch Analverletzungen.«

»Was kann man über seine letzten Lebensstunden vor dem Mord sagen?«

»Er hat gegessen, und zwar Krabbensurimi und Frühlingsrollen mit Hähnchenfleisch. Auch ein paar Hamburgerreste waren im Magen. Im Prinzip alles durcheinander. Vermutlich ernährte er sich von Abfällen. Eins ist aber sicher: Seine letzte Mahlzeit hat er gebührend begossen. Er hatte 2,4 Promille im Blut. Vor seinem goldenen Schuss war er sturzbesoffen.«

Anaïs versuchte sich eine Mahlzeit zu zweit vorzustellen. Mörder und Opfer schlugen sich den Bauch voll und tranken jede Menge Bier, ehe sie zu den ernsteren Dingen übergingen – zur Injektion des Heroins. Nein. Sie probierte eine andere Variante. Der Mörder hatte den jungen Mann nach seinem Festmahl getroffen und ihn überzeugt, sich »mit dem besten Heroin der Welt einen absolut geilen Schuss zu setzen« …

»Kannst du mir etwas über den Mörder sagen?«, fragte sie.

»Nicht viel. Er hat dem Jungen keine offensichtliche Verletzung zugefügt, sondern ihm nur diesen Riesenschädel auf den Kopf gedrückt. Meines Erachtens ein ganz eiskalter Killer, der sehr methodisch vorgeht. Er widmet sich seinem Wahn mit unerbittlicher Konsequenz.«

»Wie kommst du auf ›methodisch‹?«

»Mir ist da eine Kleinigkeit aufgefallen. Der Junge hatte winzige Löcher auf den Nasenflügeln, in den Mundwinkeln, über dem rechten Schlüsselbein und auf beiden Seiten des Nabels.«

»Und was war das?«

»Die Stellen, an denen er gepierct war. Der Mörder hat die Piercings entfernt. Ich habe keine Ahnung, was das zu bedeuten hat, aber der Killer wollte offenbar kein Metall an seinem Opfer sehen. Noch einmal: Ich halte ihn für einen Psychopathen. Eiskalt wie eine Hundeschnauze.«

»Kannst du dir vorstellen, wie er vorgegangen ist?«

»Du kennst doch die Vorschriften. Der Gerichtsmediziner darf keine Hypothese aufstellen.«

Anaïs seufzte. Sie wusste genau, dass Longo darauf brannte, ihr seine Folgerungen mitzuteilen.

»Vor mir brauchst du nicht die Diva zu geben.«

Der Arzt atmete tief durch.

»Also, meiner Meinung nach hat sich die Sache vorgestern so abgespielt. Gegen Abend hat der Mörder sich seinem Opfer genähert. Entweder hatte er sich den Jungen schon vorher ausgesucht, oder er ist ihm erst zu diesem Zeitpunkt aufgefallen – in einer Kneipe, einem besetzten Haus oder einfach auf der Straße. Jedenfalls wusste er, dass sein Opfer ein Junkie war. Wahrscheinlich hat er ihm einen total abgefahrenen Schuss versprochen, ihn an einen ruhigen Ort geführt und die tödliche Dosis vorbereitet. Kurz davor oder unmittelbar danach hat er ihm Blut abgenommen. Wenn ich genau darüber nachdenke, muss es eigentlich vorher gewesen sein, wenn er nicht gerade scharf auf drogengesättigtes Hämoglobin war. Aber wir wissen ja nicht, was er damit anfangen wollte …«

In Gedanken fügte Anaïs noch einen weiteren Umstand hinzu. Das Opfer musste seinen Mörder gekannt haben. Selbst bei Entzugserscheinungen lässt sich ein Abhängiger keinen Schuss von einem Fremden andrehen. Der Minotaurus hatte Vertrauen zu seinem Schlächter. Dealer überprüfen. Und die Kumpels, mit denen er in seinen letzten Lebenstagen zu tun hatte.

Im Übrigen war Anaïs überzeugt, dass man dem Jungen den Stoff geschenkt hatte. Das Opfer verfügte nicht über die Mittel, sich Heroin im Marktwert von über hunderfünfzig Euro pro Gramm zu leisten.

»Vielen Dank, Michel. Wann bekomme ich deinen Bericht?«

»Morgen Vormittag.«

»Wie bitte?«

»Heute ist Sonntag. Ich habe die ganze Nacht mit dieser Leiche verbracht und hoffe, du hast nichts dagegen, wenn ich jetzt erst einmal gemütlich mit meinen Kindern frühstücke.«

Anaïs betrachtete das zusammengeflickte Gesicht des Opfers. Sie würde den Sonntag in Gesellschaft dieses Monsters verbringen, das aussah, als wäre es einem Horrorfilm entstiegen, und vermutlich Penner und Dealer verhören. Tränen stiegen ihr in die Augen. Leg auf.

»Dann schick mir wenigstens schon mal die Fotos von der Leiche.«

»Und der Kopf? Was soll ich damit machen?«

»Welcher Kopf?«

»Der von dem Stier. Wer bekommt ihn?«

»Schreib mir bitte einen Vorabbericht darüber, wie der Mörder ihn abgetrennt und ausgehöhlt hat.«

»Tiere sind nicht mein Aufgabenbereich«, entgegnete Longo abschätzig. »Da müssen wir einen Tierarzt fragen. Oder meinetwegen die Berufsschule für Metzger in Paris.«

»Dann such dir eben einen Tierarzt«, schnauzte Anaïs. »Der Kopf ist ein Teil deiner Leiche und gehört in deinen Bericht.«

»Heute? Am Sonntag? Das kann Stunden dauern!«

Anaïs wusste, dass der Traum des Mediziners vom gemütlichen Familienfrühstück gerade zerplatzt war. Nicht ohne eine gewisse Grausamkeit erwiderte sie:

»Lass dir etwas einfallen. Wir sitzen schließlich alle im gleichen Boot.«

Anaïs bestellte Le Coz und die anderen Mitglieder ihres Teams in ihr Büro. Während sie wartete, blickte sie sich um. Der ihr zugeteilte Raum war recht groß und lag im ersten Stock des Kommissariats. Ein Fenster, das bis zum Boden reichte, öffnete sich auf die Rue François de Sourdis, ein zweites ging auf den Flur hinaus. Das nach innen liegende Fenster hatte ein Rollo, mit dem sie sich bei Bedarf vor neugierigen Blicken schützen konnte. Doch Anaïs ließ es niemals hinunter. Sie genoss es, dem regen Treiben im Kommissariat zuzuschauen.

Im Augenblick herrschte eine geradezu außergewöhnliche Ruhe. Die Ruhe eines Sonntagmorgens. Das Einzige, was Anaïs hören konnte, waren die leisen Geräusche aus dem Erdgeschoss, wo gerade die Zecher der vergangenen Nacht aus den Ausnüchterungszellen entlassen wurden. Auf Anordnung der Staatsanwaltschaft durften auch diejenigen nach Hause gehen, die in der Nacht vorläufig festgenommen worden waren: Fahrer ohne Führerschein, Jugendliche, die man mit ein paar Gramm Shit oder Koks aufgegriffen hatte, und Diskothekenschläger. Die Ernte eines Samstagabends, die sich im Aquarium drängte.

Anaïs warf einen Blick in ihre Mails. Longo hatte ihr seine Fotos im PDF-Format bereits übermittelt. Sie schickte die Dateien zum Drucker und ging in den Flur zum Kaffeeautomaten. Bei ihrer Rückkehr wartete ein ganzer Stapel makabrer Bilder auf sie.

Aufmerksam betrachtete sie die Tattoos des Opfers. Ein keltisches Kreuz, ein Maori-Bild, eine Schlange mit einer Krone aus Rosen: Der Junge hatte keinen besonders kreativen Geschmack. Das letzte Bild zeigte den Stierkopf, der auf dem Obduktionstisch ausgestellt war wie in der Auslage eines Metzgerladens. Eigentlich fehlten nur die Petersiliensträuße in der Nase. Anaïs wusste nicht, ob Longo sich wieder einmal nur einen Scherz erlaubt hatte oder ob er provozieren wollte. Trotzdem freute sie sich über das Bild, das sie als untrüglichen Beweis für die Wahnhaftigkeit des Mörders ansah. Der Kopf wirkte wie ein animalisches Symbol für seinen gestörten Geist und seine Gewaltbereitschaft.

Das Tier hatte große Nüstern, weit geschwungene Hörner und ein glänzend schwarzes Fell. Die Augen wirkten wie aus dunklem Lack und glänzten noch immer, obwohl das Tier schon lange tot war und stundenlang in der Kälte der Reparaturgrube gelegen hatte.

Anaïs legte die Bilder zur Seite und trank einige Schluck Kaffee. Ihr Magen rumorte. Wie lange hatte sie schon nichts mehr gegessen? Stunden? Tage? Den verbliebenen Teil der letzten Nacht hatte sie damit verbracht, Gefängnisse und psychiatrische Kliniken anzurufen. Sie suchte nach einem kürzlich entlassenen Geistesgestörten, der entweder einen Hang zu griechischer Mythologie hatte oder irgendwann einmal als Tierschänder aufgefallen war. Leider hatte sie nur ein paar verschlafene Wärter erreicht und würde es später noch einmal probieren müssen.

Anschließend hatte sie Kontakt zu der Behörde aufgenommen, bei der alle in Frankreich begangenen Straftaten dokumentiert werden. Doch auch hier war das Ergebnis gleich null. An einem Sonntag um fünf Uhr morgens war buchstäblich niemand zu sprechen.

Also hatte sie im Internet noch einmal den Mythos um den Minotaurus nachgelesen. Sie kannte ihn zwar in groben Zügen, hatte aber längst nicht mehr alle Details im Kopf.

Alles fing mit der Geschichte von Minos, dem Vater des Ungetüms, an. Minos war ein Sohn der Sterblichen Europa und des Göttervaters Zeus. Er wurde vom König von Kreta an Kindes statt angenommen und folgte ihm auf den Thron der Insel. Um seine Verbindung zu den Göttern zu beweisen, bat Minos den Meeresgott Poseidon, ihm einen schönen Stier zu schicken. Poseidon war einverstanden, allerdings unter der Bedingung, dass ihm der Stier anschließend geopfert würde. Minos hielt sein Versprechen nicht, denn der Stier, der dem Meer entstieg, war so schön, dass er ihn behalten wollte. Poseidon wurde wütend und löste in Minos’ Gemahlin Pasiphae das Verlangen aus, sich mit dem Stier zu vereinen. Sie gebar ein Ungeheuer mit einem Stierkopf und dem Körper eines Menschen: den Minotaurus. Um den illegitimen Sohn zu verstecken, ließ Minos von Daidalos ein Labyrinth bauen, in dem er das Ungeheuer einschloss. Als Tribut für einen verlorenen Krieg mussten die Athener alle neun Jahre sieben Jungfrauen und Jünglinge zum Verzehr für den Minotaurus liefern, bis der Königssohn Theseus sie davon befreite. Mit Hilfe einer Tochter des Minos namens Ariadne drang er in das Labyrinth ein, tötete den Minotaurus und fand mit Hilfe eines Fadens wieder aus dem Labyrinth heraus.

Bei der Lektüre fiel Anaïs etwas auf: Das Opfer erinnerte nicht nur an das Ungeheuer aus der griechischen Mythologie, sondern auch an seine Opfer – die jungen Menschen, die ihm geopfert wurden. Der junge Mann mit dem von einem Stierkopf zerquetschten Gesicht war symbolisch vom Minotaurus getötet worden.

Sie setzte sich an ihren Schreibtisch, streckte sich und wandte sich von der Mythologie – der Theorie – wieder konkreteren Problemen zu. Fast reines Heroin mit einem Reinheitsgrad von achtzig Prozent. Das war eine ganz besondere Spur. Erinnerungen meldeten sich. Als sie sich nach Orléans beworben und festgestellt hatte, dass ihr Haupteinsatzgebiet die Drogenkriminalität war, beschloss sie einen kleinen Selbstversuch. Sie nahm eine Woche Urlaub, schloss ihren Dienstausweis und ihre Waffe in eine Schublade ein und fuhr in die Niederlande.

In den Außenbezirken von Amsterdam traf sie sich mit Dealern, die leere Wohnungen vermieteten, in denen lediglich ein niedriger Glastisch stand, auf dem man sich bequem eine Line legen konnte. Vor ihren Augen hatte sie zum ersten Mal geschnupft und sie anschließend gebeten, ihr hundert Gramm des in Plastik eingesiegelten Stoffs zu verkaufen. Mit dem Päckchen ging sie zur Toilette und stopfte es sich tief in den After, so, wie es alle machten, die zurück nach Frankreich fuhren.

Auch sie war so gereist und hatte dabei das Gift in den Tiefen ihres Körpers gespürt. Danach fühlte sie sich ihrem Job im wahrsten Sinn des Wortes körperlich verbunden. Nicht sie drang in das Milieu ein – es war das Milieu, das in sie eingedrungen war. Sie hatte niemanden verhaftet, weil sie im Ausland keine Befugnis dazu hatte. Aber sie hatte genauso gelebt wie die Junkies und diese Entscheidung bewusst getroffen. Seither übte sie ihren Beruf immer auf diese Weise aus. Involviert bis zum Letzten. Ohne ein anderes, ein privates Leben.

Es klopfte.

Vier Kollegen betraten ihr Büro. Da war Le Coz, wie aus dem Ei gepellt und mit Krawatte, als wäre er auf dem Weg zur Kirche. Amar, der von allen nur Jaffar gerufen wurde, war das genaue Gegenstück: unrasiert, wirres Haar und gekleidet wie ein Penner. Conante sah mit seinem Blazer und seiner beginnenden Glatze derart unauffällig aus, dass es fast schon ein Markenzeichen darstellte. Zakraoui, genannt Zak, wirkte mit seinem kleinen Hut eigentlich wie ein trauriger Clown, wäre da nicht die Narbe im Mundwinkel gewesen – sein berühmtes tunesisches Lächeln –, die seinem Gesicht etwas Beängstigendes verlieh. Ihre vier Musketiere. Einer für alle, alle für sie …

Anaïs verteilte Kopien vom Porträt des Toten und wartete auf Reaktionen. Le Coz verzog das Gesicht. Jaffar lächelte. Conante nickte dümmlich. Zak befingerte misstrauisch den Rand seines Hutes. Anaïs erklärte ihre Strategie. Da man den Mörder nicht identifizieren konnte, würde man zunächst versuchen, etwas über die Leiche zu erfahren.

»Mit dem Ding hier?«, fragte Jaffar und schwenkte den Abzug.

Sie berichtete von ihrem Gespräch mit dem Gerichtsmediziner. Der goldene Schuss. Die außergewöhnliche Reinheit des Stoffs. Die Vermutung, dass es sich bei dem Opfer um einen Obdachlosen handelte. Die Fakten begrenzten die Bandbreite der Spurensuche.

»Jaffar, du kümmerst dich um die Penner. Wir kennen doch die entsprechenden Viertel, oder?«

»Da gibt es einige.«

»Nach seinem Alter und Aussehen zu schließen gehörte unser Klient eher zu einer Randgruppe. Ein durchgeknallter Partytyp, der wahrscheinlich auf allen möglichen Raves und Musikfestivals zu finden war.«

»Gut, dann konzentrieren wir uns auf den Cours Victor Hugo, die Rue Sainte-Catherine, die Place du Général Sarrail, die Place Gambetta und die Place Saint-Projet.«

»Nicht zu vergessen der Bahnhof. Der ist am wichtigsten.«

Jaffar nickte.

»Wenn du überall gewesen bist, gehst du zu den Kirchen, an die Geldautomaten und in die besetzten Häuser und zeigst das Bild allen Bettlern, Punks und Pennern, deren du habhaft werden kannst. Statte auch den Obdachlosenasylen, Krankenhäusern und der Fürsorge einen Besuch ab. Allen, die sich um solche Leute kümmern.«

Jaffar kratzte sich den Bart und betrachtete das zerstörte Gesicht auf dem Foto. Er war vierzig Jahre alt und selbst nicht allzu weit vom Status eines Obdachlosen entfernt. Nach seiner Scheidung hatte er sich hartnäckig geweigert, seiner Frau Unterhalt zu zahlen. Seither war ihm ein Familienrichter auf den Fersen, und er floh von einer winzigen Absteige in die nächste. Er trank, er prügelte sich und verwettete sein Geld beim Pferderennen und beim Poker. Man munkelte sogar, dass er sich gegen Monatsende von einem Mädchen aushalten ließ, das für ihn in der Rue des Étables auf den Strich ging. Er war nicht gerade der beste Umgang, aber unersetzlich, wenn es darum ging, die sozialen Abgründe der Stadt zu durchforsten.

»Du«, sagte Anaïs zu Le Coz, »kümmerst dich um die Dealer.«

»Und wo finde ich die?«

»Frag Zak. Wenn weißes Heroin auf dem Markt ist, dürfte das nicht unbemerkt geblieben sein.«

»Ist Heroin nicht immer weiß?«

Le Coz, in allen Verfahrensfragen unschlagbar, hatte wenig Ahnung auf diesem Gebiet.

»Heroin ist niemals weiß, sondern eher bräunlich. Junkies kaufen ihren Hongkong Rocker als Pulver oder gepresst. Das Zeug enthält etwa zehn bis dreißig Prozent Heroin. Der Stoff, mit dem unser Klient umgebracht wurde, hat einen Reinheitsgrad von achtzig Prozent – also nicht gerade Allerweltsdope.«

Le Coz schrieb sich alles auf wie ein folgsamer Schüler.

»Du solltest die Gendarmerie anrufen. Die haben alle möglichen Akten darüber und verfügen über Namen und Adressen.«

»Das könnte ins Auge gehen.«

»Nein, die Zuständigkeitsstreitigkeiten innerhalb der Polizei sind beigelegt. Wenn du ihnen erklärst, worum es geht, werden sie dir helfen. Wende dich auch ans Gefängnis und überprüfe die Typen, die wegen Rauschgiftvergehen einsitzen.«

»Ja, aber wenn sie doch schon im Gefängnis sind …«

»Die wissen Bescheid, glaub mir. Und zeige immer das Foto.«

Le Coz notierte alles mit seinem funkelnden Montblanc-Füller. Er hatte eine hübsch gebräunte Haut, die gebogenen Wimpern einer Frau, einen sehr schlanken Hals und gegeltes Haar. Als Anaïs ihn so betrachtete, schick gestylt wie ein Stummfilmstar, überlegte sie, ob es eine gute Idee war, ihn ins offene Messer laufen zu lassen.

»Wende dich auch an die Apotheken«, schlug sie vor. »Junkies sind ihre beste Kundschaft.«

»Heute ist Sonntag.«

»Dann fang mit den Bereitschaftsdiensten an. Die Adressen der anderen findest du dort.«

Anaïs wandte sich an Conante. Seine Augen waren gerötet, weil er die Nacht damit verbracht hatte, die Überwachungsvideos aus dem Bahnhof zu überprüfen.

»Hast du irgendetwas feststellen können?«

»Absolut nichts. Außerdem befindet sich die Reparaturgrube in einem toten Winkel.«

»Und der Parkplatz?«

»Auch nichts Auffälliges. Ich habe zwei Praktikanten aus dem Bett geholt, um die Kennzeichen zu überprüfen und die Autobesitzer vorzuladen, die in den letzten achtundvierzig Stunden dort geparkt haben.«

»Was ist mit den Befragungen der Anwohner? Dem Bahnpersonal? Und den Pennern, die in den verlassenen Häusern der Umgebung schlafen?«

»Wir bleiben am Ball. Die Schutzpolizei hilft uns. Aber bisher haben wir noch keine Ergebnisse.«

Natürlich erwartete Anaïs keine Wunder.

»Geh noch einmal hin und nimm das Foto mit. Zeig es den Leuten vom Sicherheitsdienst, der Bahnpolizei und den Pennern, die in der Nähe herumlungern. Unser Freund hat sich vielleicht auch dort herumgetrieben.«

Conante nickte in den hochgeschlagenen Kragen seines Blazers. Anaïs wandte sich an Zak, einen echten Gauner, ehemaligen Junkie und früheren Autodieb, der zur Polizei gekommen war, wie andere in die Fremdenlegion eintreten. Man schließt mit der Vergangenheit ab und fängt wieder bei null an. Sie hatte ihn beauftragt, die Spur des getöteten Stiers zu verfolgen.

An die Wand gelehnt und mit den Händen in den Hosentaschen, begann er mit eintöniger Stimme zu sprechen.

»Ich habe damit angefangen, die Züchter aus den Betten zu holen. Allein in der näheren Umgebung von Bordeaux gibt es zehn Stierzuchten. Wenn wir auch noch die Camargue und die Alpilles in die Suche einbeziehen, kommen wir bestimmt auf vierzig. Aber bisher bin ich noch nicht fündig geworden.«

»Hast du dich auch schon um die Tierärzte gekümmert?«

Zakraoui zwinkerte ihr zu, doch daran störte Anaïs sich nicht.

»Gleich nach dem Aufstehen, Chefin.«

»Schlachthöfe? Großmetzgereien?«

»Bin dabei.«

Er stieß sich von der Wand ab.

»Eine Frage, Chefin. Reine Neugier.«

»Schieß los.«

»Woher willst du wissen, dass es der Kopf eines Kampfstiers ist?«

»Mein Vater war ganz wild auf corridas. Ich habe sozusagen meine Kindheit in Stierkampfarenen verbracht. Die Hörner der toros bravos sehen ganz anders aus als die von normalen Rindern. Es gibt auch noch andere Unterschiede, aber ich werde hier jetzt keinen Kurs abhalten.«

Anaïs war sehr zufrieden mit sich. Sie hatte es fertiggebracht, ihren Vater zu erwähnen, ohne die geringste Gefühlsregung zu zeigen. Ihre Stimme hatte weder gezittert noch sich überschlagen. Trotzdem gab sie sich keiner Illusion hin: Ihre Souveränität heute Morgen kam vom Adrenalin und von der Aufregung.

»Wir reden die ganze Zeit nur von unserem Opfer«, mischte Jaffar sich ein. »Aber was ist mit dem Mörder? Wen genau suchen wir eigentlich?«

»Einen kalten, grausamen Menschen, der andere zu manipulieren versucht.«

»Dann kann ich nur hoffen, dass meine Ex ein gutes Alibi hat«, grinste er und schüttelte den Kopf.

Die anderen lachten.

»Schluss mit dem Blödsinn«, schimpfte Anaïs. »Angesichts der Inszenierung können wir Totschlag oder Mord aus Leidenschaft von vornherein ausschließen. Der Kerl hat nichts dem Zufall überlassen und jedes Detail vorbereitet. Auch ein Rachemotiv kommt meiner Ansicht nach nicht infrage. Was bleibt, ist eigentlich nur Wahnsinn. Kalter, unerbittlicher Wahnsinn mit einem deutlichen Hang zu griechischer Mythologie.«

Sie stand auf. Die Besprechung war beendet – jetzt ging es an die Arbeit. Die drei Kommissare wandten sich zur Tür.

Auf der Schwelle wandte sich Le Coz noch einmal zu Anaïs um.

»Beinahe hätte ich es vergessen: Wir wissen jetzt, wo der Mann mit der Amnesie ist, der im Bahnhof aufgegriffen wurde.«

»Nämlich?«

»Gar nicht weit von hier. In der Klinik Pierre-Janet. Bei den Irren.«

Nachdem er in seiner Abteilung Visite gemacht und sich um die Notfälle gekümmert hatte, setzte sich Mathias Freire mittags vor seinen Computer und begann, die von Pascal Mischell gelieferten Informationen zu überprüfen.

Wie schon am Vortag durchforstete er zunächst das Telefonbuch. In Audenge bei Arcachon gab es keinen Pascal Mischell. Auch in der medizinischen Datenbank existierte der Name nicht – weder im Aquitaine noch im restlichen Frankreich. Er rief die Krankenhausverwaltung an und bat den Wochenenddienst, den Namen zu recherchieren. Aber auch bei der Sozialversicherung kannte man keinen Pascal Mischell.

Freire legte auf. Draußen im Park fand ein Boule-Wettbewerb statt.

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