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Der Totenleser

Über Antonio Garrido

Antonio Garrido, Jahrgang 1963, ist Professor an der Polytechnischen Universität in Valencia. Sein erster Roman Das Pergament des Himmels wurde in 16 Sprachen übersetzt und war ein internationaler Bestseller.

Julika Brandestini, geboren 1980, studierte Kulturwissenschaften in Frankfurt/Oder, Almería und Macerata. Sie übersetzte u.a. Accabadora von Michela Murgia, wofür sie mit dem deutsch-italienischen Übersetzerpreis ausgezeichnet wurde. Sie lebt in Berlin.

Enno Petermann, 1964 in Berlin geboren, studierte Lateinamerikanistik und Germanistik. Er übersetzte u.a. Romane von Sérgio Sant'Anna, Sylvia Iparraguirre und Eduardo Belgrano Rawson. Heute lebt er in Potsdam.

Informationen zum Buch

Der chinesische Medicus China, um das Jahr 1200: Mitten in den turbulenten Zeiten der Song-Dynastie arbeitet sich der mittellose und verwaiste Song Ci mit Fleiß und Entschlossenheit vom Leichenbestatter zum besten Studenten der angesehenen Ming-Akademie hoch. Seine Gabe, die dunklen Geheimnisse aufzudecken, die sich hinter den Verletzungen der Toten verbergen, erregt Aufsehen – aber auch Missgunst. Ci wird denunziert und wegen seiner revolutionären Obduktionsmethoden von der Justiz verfolgt. Doch seine außergewöhnlichen Fähigkeiten sprechen sich herum, bis sie schließlich auch dem Kaiser Song Nin Zong zu Ohren kommen. Er lässt den »Totenleser« zu sich rufen und bittet ihn, eine Reihe grausamer Morde am Hof zu untersuchen, die seine Dynastie zu vernichten drohen. Song Ci willigt ein – nicht ahnend, zwischen welche Fronten er schon bald gerät, gegen welche Mauern aus Schweigen erstoßen und welchen Intrigen er begegnen wird. Als er sich leidenschaftlich in die kaiserliche Konkubine Blaue Iris verliebt, wird die Luft im Palast dünn für ihn. Wem kann er vertrauen, und wer wird ihn verraten? Ein atemberaubender Roman über den ersten Gerichtsmediziner der Geschichte, ausgezeichnet mit internationalen Preis des Historischen Romans von Zaragoza.

»Ein atemberaubendes Szenario, eine exzellente Recherche, verblüffende Details und eine Handlung, die packender nicht sein könnte.« Radio Onda Cero

Titel

Aus dem Spanischen
von Julika Brandestini und Enno Petermann

»Der von der Präfektur beauftragte Rechtsmediziner findet sich am Ort des Verbrechens innerhalb von vier Stunden nach Bekanntgabe ein.

Erfüllt er diese Aufgabe nicht, delegiert er seine Pflicht, bestimmt er die tödlichen Wunden nicht mit Sicherheit oder falsch, so wird er des mangelnden Sachverstandes für schuldig befunden und zu zwei Jahren Sklaverei verurteilt.«

Aus dem Strafrechtskodex der Song-Dynastie:

»Über die Pflichten der Richter«,Artikel Vier des Songxingtong.

Prolog

Im Jahr 1206, zu Zeiten der Song-Dynastie, in der ostchinesischen Provinz Fujian, auf den Ländereien der Subpräfektur Jianyang.

Shang wusste nicht, dass er sterben würde, bis er den Geschmack des Blutes wahrnahm, das aus seiner Kehle hervorquoll. Er stammelte etwas Unverständliches, während er versuchte, die Wunde mit den Händen zu verschließen, doch bevor er sie berührte, öffneten sich seine Augen weit, und die Beine gaben unter ihm nach wie die einer leblosen Marionette. Gerade wollte er den Namen seines Mörders aussprechen, als dieser ihm einen Lumpen in den Mund stopfte.

Während Shang im Schlick kniend sein Leben aushauchte, spürte er den lauwarmen Regen auf seiner Haut und sog den Geruch der nassen Erde ein, der ihn sein ganzes Leben begleitet hatte. Im nächsten Augenblick stürzte er mit blutverschmiertem Hemd in das Schlammloch, wo ihn seine Seele verließ.

Erster Teil

Abbildung

1

An diesem Morgen war Ci früh aufgestanden, um ein Zusammentreffen mit seinem Bruder Lu zu vermeiden. Die Augen fielen ihm ständig zu, doch auf dem Reisfeld würde er keine Müdigkeit zeigen dürfen.

Er setzte sich auf und rollte die Schlafmatte zusammen. Das Aroma des Tees, den seine Mutter jeden Morgen zubereitete, erfüllte das bescheidene Haus. Als er den großen Raum betrat, grüßte er sie mit einem Kopfnicken, sie antwortete ihm mit einem versteckten Lächeln, das er erwiderte. Er liebte die Mutter beinahe genauso sehr wie seine jüngste Schwester Mei Mei, deren Name ebendies bedeutete, ›kleine Schwester‹. Die beiden anderen Schwestern, Eins und Zwei, waren früh gestorben, an einer Familienkrankheit. Mei Mei war die Einzige, die noch lebte, und auch sie war krank.

Bevor er etwas aß, ging er hinüber zu dem kleinen Altar, den sie im Gedenken an seinen Großvater in der Nähe eines Fensters aufgestellt hatten. Er öffnete die Fensterläden und atmete tief ein. Draußen drangen die ersten schüchternen Sonnenstrahlen durch den Nebel. Der Wind schüttelte die Chrysanthemen, die im Krug für die Opfergaben standen, und blies Rauchspiralen ins Wohnzimmer, die von den Duftstäbchen aufstiegen. Ci schloss die Augen, um Fürbitte zu halten, doch in seinem Kopf formte sich nur ein einziger Gedanke: »Geister des Himmels, erlaubt uns, nach Lin’an zurückzukehren.«

Er erinnerte sich an die Zeit, als seine Großeltern noch lebten. Damals war das Dorf für ihn ein Paradies gewesen, und sein Bruder Lu ein Held, dem jedes Kind nacheiferte. Lu war wie der große Krieger in den Legenden, die sein Vater erzählte, stets bereit, ihn, den Jüngeren, zu verteidigen, wenn andere Kinder versuchten, ihm sein Stück Obst zu klauen, oder die unverschämten Burschen zu verjagen, die es auf seine Schwestern abgesehen hatten. Lu hatte Ci beigebracht, mit Händen und Füßen zu kämpfen, um seine Gegner zu besiegen, hatte ihn mit zum Fluss genommen, um zwischen den Booten zu planschen und Karpfen und Forellen zu fangen, die sie dann stolz nach Hause trugen. Und er hatte ihm gezeigt, wo die besten Verstecke waren, um heimlich die Nachbarinnen zu beobachten. Doch mit zunehmendem Alter wurde Lu eitel. Seit seinem fünfzehnten Geburtstag hörte er gar nicht mehr auf, mit seiner Kraft zu prahlen, und jede andere Gabe, die nicht zum Ziel hatte, als Gewinner aus einem Zweikampf hervorzugehen, schien ihm minderwertig. Er begann, Katzenjagden zu organisieren, um vor den Mädchen anzugeben, er betrank sich mit Reislikör, den er aus den Küchen stahl, und er brüstete sich, der Stärkste der Gruppe zu sein. Seine Eitelkeit ging so weit, dass er sogar den Spott der Mädchen als Schmeichelei interpretierte und nicht bemerkte, dass sie ihn in Wirklichkeit mieden. Allmählich wurde Ci der Angeberei seines Bruders müde und empfand für das große Idol seiner Kindheit mit der Zeit nur noch Gleichgültigkeit.

Allerdings hatte sich Lu mit seinem Verhalten nie in ernsthafte Schwierigkeiten gebracht, abgesehen von ein paar blauen Augen nach Raufereien und von der Geschichte mit dem Dorfbüffel, den er als Einsatz bei einem Schwimmwettkampf missbraucht hatte. Als der Vater ihm seine Absicht mitteilte, in die Hauptstadt Lin’an zu gehen, weigerte sich Lu rundheraus, ihn zu begleiten. Er war bereits sechzehn, er fühlte sich wohl auf dem Land und dachte nicht daran, das Dorf zu verlassen. Er sagte, im Dorf habe er alles, was er brauche: das Reisfeld, seine Gruppe von Kraftmeiern und zwei oder drei Prostituierte aus der Umgebung, die über seine Sprüche lachten. Obwohl sein Vater damit drohte, ihn zu verstoßen, ließ er sich nicht beirren. In jenem Jahr trennten sich die Wege von Lu und Ci. Lu blieb im Dorf, während die übrige Familie in die Hauptstadt zog, auf der Suche nach einer besseren Zukunft.

Die erste Zeit in Lin’an war schwer für Ci. Jeden Morgen stand er bei Sonnenaufgang auf, um nach seiner Schwester zu schauen, ihr Frühstück zu machen und sich um sie zu kümmern, bis seine Mutter vom Markt zurückkam. Dann schlang er schnell eine Tasse Reis hinunter und ging in die Schule. Dort blieb er bis mittags, dann eilte er in das Schlachthaus, in dem sein Vater arbeitete, um ihm für den Rest des Tages zur Hand zu gehen. Abends, wenn er die Küche geputzt und die Gebete für seine Vorfahren gesprochen hatte, paukte er die konfuzianischen Lehren, die er am nächsten Morgen in der Schule aufsagen musste. So ging es mehrere Monate lang, bis sein Vater einen Posten als Buchhalter in der Präfektur von Lin’an bekam. Er unterstand Richter Feng, einem der weisesten Justizbeamten der Hauptstadt.

Von da an wurde alles besser. Die Einkünfte der Familie stiegen, und anstatt im Schlachthaus zu arbeiten, konnte Ci sich vollkommen auf die Schule konzentrieren. Nach vier Jahren Oberschule bekam Ci, dank seiner außergewöhnlichen Begabung, eine Assistenzstelle im Referat von Richter Feng. Am Anfang wurden ihm einfache Büroarbeiten aufgetragen, aber die Hingabe und Sorgfalt, mit der Ci seine Aufgaben erledigte, blieben dem Richter nicht verborgen. Schon bald beschloss er, den siebzehnjährigen Jungen unter seine Fittiche zu nehmen.

Und Ci enttäuschte ihn nicht. Nach einigen Monaten befreite Feng ihn von Routineaufgaben, damit er dem Richter bei Befragungen von Verdächtigen half und beim Säubern und Präparieren der Leichen, deren Todesursache es festzustellen galt. Durch seine Geschicklichkeit erwies sich Ci binnen kürzester Zeit als unverzichtbare Stütze für den Richter, der nicht zögerte, ihm immer mehr Verantwortung zu übertragen. Schließlich zog er Ci auch für die Untersuchung von Verbrechen und Rechtstreitigkeiten zu Rate, was Ci erlaubte, die Grundsätze der Rechtssprechung kennenzulernen und sich zugleich ein Basiswissen in Anatomie anzueignen.

Während seines zweiten Universitätsjahres nahm Ci, ermutigt von Feng, an einem Präparationskurs der medizinischen Fakultät teil. Dem Richter zufolge waren die Beweise, die ein Verbrechen aufklären konnten, häufig in den Wunden verborgen, und um sie zu finden, musste man die Wunden kennen und genau untersuchen – nicht wie ein Richter, sondern wie ein Chirurg.

So ging es, bis Cis Großvater plötzlich erkrankte und eines Nachts starb. Nach der Beerdigung musste der Vater den Posten als Buchhalter und die Wohnung in Lin’an aufgeben, um die traditionelle Trauerzeit zu begehen. Ohne Arbeit und ohne Dach über dem Kopf kehrte die Familie – zu Cis großem Unglück – ins Dorf zurück.

Sein Bruder Lu hatte sich verändert. Er hatte Land gekauft, lebte inzwischen in einem neuen, großen Haus und beschäftigte mehrere Tagelöhner. Als sein Vater, gezwungen durch die Umstände, an seine Tür klopfte, nötigte Lu ihn zu einer Entschuldigung, bevor er seinen alten Herrn eintreten ließ und ihm ein kleines Zimmer anbot, anstatt ihm das eigene zu überlassen. Ci behandelte er zunächst mit der gewohnten Gleichgültigkeit, doch als er bemerkte, dass der jüngere Bruder nicht mehr spurte wie ein treues Hündchen, und dass sein ganzes Interesse den Büchern galt, begann er, all seinen Zorn auf Cis Rücken zu entladen. Nur auf dem Feld zeige sich der wahre Wert eines Mannes. Dort würden weder seine Texte noch seine Studien helfen, Reis oder Bauern herbeizuzaubern. Für Lu war sein kleiner Bruder nur ein zwanzigjähriger Nichtsnutz, den er ernähren musste – und das ließ er ihn spüren. Cis Leben verwandelte sich in eine einzige Serie von Erniedrigungen, was dazu führte, dass ihn mit seinem Dorf ein immer tieferer Hass verband.

Ein frischer Windstoß holte Ci in die Gegenwart zurück.

Lu war inzwischen aufgestanden, er saß neben der Mutter und schlürfte geräuschvoll seinen Tee. Als er Ci erblickte, spuckte er auf den Boden aus und setzte die Tasse mit Schwung auf dem Tisch ab. Ohne ein Wort zu sagen und ohne auf den Vater zu warten, griff er nach seinem Bündel und verließ grimmig das Haus.

»Er sollte mal lernen, sich zu benehmen«, murmelte Ci, während er den Tee aufwischte, den sein Bruder verschüttet hatte.

»Und du solltest lernen, ihn zu respektieren, schließlich leben wir in seinem Haus«, sagte seine Mutter, ohne den Blick vom Feuer abzuwenden. »Ein starkes Heim …«

Ja, ein starkes Heim war eines, in dem ein mutiger Vater, eine kluge Mutter, ein gehorsamer Sohn und ein zuvorkommender Bruder lebten. Das musste ihm niemand mehr vorbeten. Es reichte, dass Lu ihn jeden Morgen daran erinnerte.

Obwohl es eigentlich nicht seine Aufgabe war, breitete Ci die Bambusmatten aus und stellte die Schälchen auf den Tisch. Die Krankheit, die Mei Mei in der Brust saß, hatte sich verschlimmert, und es machte ihm nichts aus, seiner Schwester ihre Pflichten abzunehmen. Sorgsam achtete er darauf, dass die Anzahl der Schälchen eine gerade Ziffer ergab, den Ausguss der Teekanne richtete er zum Fenster hin aus, damit er auf keinen der Tischgenossen zeigte. In der Mitte platzierte er den Reiswein und den Milchbrei, daneben die Karpfenklößchen. Sein Blick fiel auf die rußgeschwärzte Kochstelle und das Waschbecken voller Sprünge. Dieser Ort glich eher einer alten Schmiede als einem behaglichen Heim, dachte Ci missmutig.

Kurz darauf erschien hinkend sein Vater, sein Anblick versetzte Ci einen Stich. Wie alt er geworden war! Fast schien es, als sei seine Gesundheit gleichzeitig mit der von Mei Mei gewichen. Mit unsicheren Schritten und gesenktem Blick wankte der Alte an den Tisch, sein spärlicher Bart hing ihm in dünnen Fäden vom Kinn. Kaum ein Funken mehr des geschäftigen und gewissenhaften Beamten war zurückgeblieben, der Ci die Liebe zur Methodik und zur Genauigkeit weitergegeben hatte. Müde betrachtete der Vater seine groben und schwieligen Hände, die früher stets außerordentlich gepflegt gewesen waren. Sicher vermisste er die Tage, an denen er sie gebraucht hatte, um Justizakten zu studieren. Am Tisch ging er schwerfällig in die Knie, stützte sich dabei auf seinen Sohn und lud die anderen mit einer Geste ein, Platz zu nehmen. Ci folgte dem Wunsch des Familienoberhauptes, und die Mutter setzte sich an die Seite des Tisches, die der Küche am nächsten war. Die Frau schenkte Reiswein ein. Mei Mei gesellte sich nicht zu ihnen an den Tisch, zu matt war sie vom Fieber, wie schon die ganze Woche.

»Bist du heute zum Abendessen da?«, fragte die Mutter. »Nach so vielen Monaten wird es Richter Feng sicher freuen, dich wiederzusehen.«

Um nichts auf der Welt hätte Ci sich das Treffen mit Feng entgehen lassen. Ohne erkennbaren Grund hatte sein Vater offenbar beschlossen, die Trauerzeit vorzeitig zu beenden und nach Lin’an zurückzukehren – in der Hoffnung, dass Richter Feng ihn wieder einstellen würde? Er wusste nicht, ob Feng aus diesem Grund ins Dorf kam, aber das war es, was sie alle im Stillen herbeiwünschten.

»Lu hat mir aufgetragen, den Büffel hoch auf die neue Parzelle zu bringen, und dann wollte ich Kirschblüte besuchen, aber zum Essen bin ich wieder da.«

»Kaum zu glauben, dass du zwanzig Jahre alt bist. Dieses Mädchen verdreht dir vollkommen den Kopf«, sagte sein Vater. »Wenn du dich weiterhin so häufig mit ihr triffst, kannst du sie bald nicht mehr sehen.«

»Kirschblüte ist das einzig Gute, das dieses Dorf zu bieten hat. Außerdem darf ich daran erinnern, dass ihr selbst unsere Hochzeit vereinbart habt«, gab Ci zurück, während er den letzten Bissen herunterschluckte.

»Nimm die Süßigkeiten mit, dafür habe ich sie gemacht«, bot ihm die Mutter an.

Ci erhob sich und verstaute die Süßigkeiten in seinem Beutel. Bevor er hinausging, verabschiedete er sich von Mei Mei, die im Dämmerschlaf lag, küsste ihre heißen Wangen und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Das Mädchen blinzelte. Er zog die Süßigkeiten hervor und schob sie unter ihre Decke.

»Lass das die Mutter nicht sehen«, flüsterte er ihr ins Ohr. Sie lächelte stumm, zu schwach, um etwas zu erwidern.

* * *

Der Regen spornte Ci zur Eile an, während er durch den Schlick des Reisfeldes stapfte. Er zog das durchnässte Hemd aus, und seine Arme spannten sich, als er die Peitsche auf den Büffel hinabsausen ließ, der nur langsam vorankam, so als spürte er, dass auf diese Furche nur eine weitere folgen würde, und auf diese immer noch eine weitere.

Sein Bruder hatte ihm aufgetragen, einen Kanal auszuheben, um das neue Feld trockenzulegen, doch die Arbeit am Feldrain erwies sich als äußerst mühsam wegen der Steindämme, die die Felder voneinander trennten. Erschöpft ließ Ci seinen Blick über das überflutete Reisfeld wandern, es glich einem einzigen Schlammloch. Seufzend trieb er den Büffel an, sich weiter durch den Schlick zu arbeiten. Plötzlich blieb der Pflug stecken.

»Schon wieder eine Wurzel«, fluchte Ci.

Unbarmherzig prasselte der Regen auf Herr und Tier nieder. Ci versuchte, den Büffel rückwärts aus dem Schlamm zu bugsieren, doch der Pflug bewegte sich keinen Millimeter. Resigniert sah er auf.

»Ich habe keine Wahl.«

In vollem Bewusstsein des Schmerzes, den er dem Tier zufügte, riss er an dem Metallring, den es in der Nase trug, und zog gleichzeitig die Zügel an. Der Büffel machte einen Satz nach vorn, und der Pflug ließ ein knirschendes Geräusch vernehmen. In dem Augenblick wurde Ci klar, dass er erst die Wurzel hätte ausreißen müssen.

»Verdammt, wenn ich den Pflug kaputtgemacht habe, setzt es eine ordentliche Tracht Prügel von meinem Bruder.«

Er holte tief Luft und versenkte die Arme in den Schlamm, bis er die harten Wurzelstränge spürte. Energisch riss er daran, doch nach einigen vergeblichen Versuchen gab er auf und beschloss, das Sägemesser, das er in der Satteltasche mit sich führte, zu Hilfe zu nehmen. Er kniete sich wieder auf den Boden und begann, unter Wasser zu arbeiten. Er zog ein paar Stümpfe hervor, die er weit von sich schleuderte, und begann an den größeren herumzusägen. Als er mit dem dicksten beschäftigt war, spürte er ein Ziehen im Finger.

Bestimmt habe ich mich geschnitten, fuhr es ihm durch den Kopf. Obwohl er keinerlei Schmerz spürte, untersuchte er seinen Finger aufmerksam. Schuld war diese eigenartige Krankheit, mit der die Götter ihn seit seiner Geburt gestraft hatten, und die ihm an jenem Tag bewusst geworden war, als seine Mutter mit einem Topf in der Hand stolperte und ihn versehentlich mit kochend heißem Öl begoss. Er war damals erst vier Jahre alt gewesen, und er hatte nicht mehr gespürt als beim Waschen mit lauwarmem Wasser. Allein der Geruch von verbranntem Fleisch hatte ihm signalisiert, dass etwas Schlimmes geschehen sein musste. Sein Oberkörper und seine Arme sollten für immer von den Verbrennungen gezeichnet bleiben, seit dem Tag erinnerten die Narben ihn daran, dass sein Körper anders war als der der übrigen Kinder und dass er, obwohl er sich glücklich schätzte, keine Schmerzen zu empfinden, besonders darauf achten musste, sich keine Wunden zuzufügen. Da er weder Schläge spürte noch Schmerzen nach extremer physischer Anstrengung ihn anzufechten vermochten und er sich bis zum Umfallen ausbeuten konnte, übertrat er oft genug unbemerkt die Grenzen seines Körpers und wurde krank.

Er erschrak, als er seine Hand aus dem Wasser zog – sie war blutüberströmt. Der Schnitt musste sehr tief sein, alarmiert riss er ein Tuch aus der Satteltasche. Als er die Hand jedoch getrocknet hatte, entdeckte er nichts weiter als einen kleinen blauen Fleck.

Erstaunt, aber nicht beunruhigt machte er sich wieder an die Arbeit, dort, wo die Pflugschar sich verfangen hatte. Er bog die Wurzeln zur Seite, und dabei bemerkte er, wie sich das schlammige Wasser rot zu färben begann. Er lockerte das Geschirr, um die Pflugschar zu lösen, und trieb seinen Büffel zur Seite. Dann blieb er reglos stehen und beobachtete das Wasser. Sein Atem ging schneller. Der Regen trommelte auf das Reisfeld und erstickte jedes andere Geräusch. Hin und her gerissen zwischen Staunen und Furcht näherte er sich langsam dem kleinen Krater, den der Pflug an der Stelle gegraben hatte, wo er steckengeblieben war. Sein Magen zog sich zusammen, als er Luftbläschen aus dem Krater aufsteigen sah, die sich mit den Blasen vermischten, die der Regen auf der Wasseroberfläche bildete. Er war drauf und dran, kehrtzumachen, doch er beherrschte sich. Vorsichtig ging er in die Hocke und näherte sein Gesicht dem Wasser. Ein neuerlicher Schwall blutiger Blasen stieg auf. Plötzlich regte sich etwas unter der Wasseroberfläche. Unwillkürlich fuhr Ci zurück, doch als er sah, dass es sich nur um einen aufgeregten kleinen Karpfen handelte, atmete er erleichtert auf.

»Dummes Tier.«

Er wollte einen Schritt zurücktreten, doch er rutschte aus und fiel in einem Strudel aus Schlamm, Schmutz und Blut ins Wasser, mit dem Gesicht auf einen harten Knoten aus Wurzelsträngen. Erschreckt riss er die Augen auf – was er sah, ließ ihm den Atem stocken: Vor ihm im Gestrüpp trieb, mit einem Knebel im Mund, der abgetrennte Kopf eines Mannes.

Er zitterte am ganzen Leib und schrie, bis er heiser wurde, doch niemand kam ihm zur Hilfe. Erst nach einer Weile fiel ihm ein, dass die Parzelle seit einiger Zeit nicht bewirtschaftet wurde und dass sich die Bauern auf der anderen Seite des Berges konzentrierten. Er setzte sich einige Schritte vom Pflug entfernt auf den Boden und schaute sich um. Nichts. Niemand. Als das Zittern nachließ, überlegte er, ob er den Büffel alleine zurücklassen und hinunter ins Dorf gehen sollte, um Hilfe zu holen. Die andere Möglichkeit war, im Reisfeld darauf zu warten, dass sein Bruder wieder auftauchte. Keine der beiden Optionen überzeugte ihn wirklich, doch da Lu bald kommen musste, entschied er sich zu warten. An diesem Ort wimmelte es von Raubtieren, und ein ganzer Büffel war tausendmal mehr wert als ein verstümmelter menschlicher Kopf.

Während er wartete, befreite er die Pflugschar von den übrigen Wurzeln. Das Gerät schien keinen Schaden genommen zu haben, und mit etwas Glück würde Lu ihm nur den Verzug bei der Arbeit vorwerfen. Seufzend machte er sich wieder an seine Arbeit. Er versuchte, eine Melodie zu pfeifen, um sich ein wenig abzulenken, doch in seinem Inneren hallten die Worte seines Vaters wider: ›Probleme löst man nicht, indem man ihnen den Rücken kehrt.‹

Er pflügte zwei Schritte, bevor er den Büffel zum Stehen brachte, um an die Stelle seines schrecklichen Fundes zurückzukehren. Eine Zeitlang beobachtete er unentschlossen, wie der abgetrennte Kopf auf dem Wasser schaukelte. Dann wagte er, ihn genauer zu untersuchen. Die Wangen waren eingedrückt, als hätte jemand wütend darauf herumgetrampelt. Auf der blau verfärbten Haut entdeckte er zahlreiche kleine Bisswunden, die ihm die Karpfen zugefügt haben mussten. Die Augen waren weit aufgerissen, die Lider geschwollen. Aus dem halbgeöffneten Mund ragte der eigentümliche Lumpen, mit dem der Tote geknebelt worden war.

Es war grauenvoll. Ci schloss die Augen und übergab sich. Er hatte erkannt, wer der Tote war: Der abgeschlagene Kopf gehörte dem alten Shang. Dem Vater von Kirschblüte, dem Mädchen, das er liebte.

Als er sich wieder einigermaßen gefasst hatte, zwang er sich, den Toten noch einmal anzublicken: Die Gesichtszüge des alten Shang hatten sich zu einer grotesken Fratze verzogen. Vorsichtig zog Ci an dem Lappen, der sich immer weiter entfaltete und immer länger wurde. Als würde man ein Garnknäuel entwirren. Ci verstaute ihn in seinem Ärmel und versuchte, den Kiefer des Toten zu schließen, doch das Gelenk war ausgehakt und ließ sich nicht bewegen.

Mit zitternden Händen wusch er sich das Gesicht mit dem schlammigen Wasser. Er musste den Leichnam finden, und wenn er Tage damit zubringen würde, ihn zu suchen.

Er fand ihn schließlich am Mittag, nur wenige Li von der Stelle entfernt, an der der Büffel ins Straucheln geraten war. Den Rumpf schmückte noch die gelbe Schärpe über dem Kittel mit den fünf Knöpfen, die Shang als ehrenwerten Mann auszeichnete. Doch keine Spur von dem blauen Barett, das er immer getragen hatte.

Es war Ci unmöglich, weiterzuarbeiten. Er setzte sich auf das Steinmäuerchen, das die Parzelle begrenzte, und starrte eine Weile ins Leere. Dann kaute er lustlos auf einem trockenen Stück Reisbrot herum, das er kaum hinunterbekam. Immer wieder betrachtete er den enthaupteten Leichnam des ehrenhaften Shang, den jemand im Schlamm zurückgelassen hatte wie einen hingerichteten Kriminellen. Er fragte sich, welche seelenlose Kreatur einem so respektablen Menschen wie Shang das Leben genommen haben konnte. Shang, der die Seinen liebte, der Traditionen und Riten in Ehren hielt. Wie sollte er das bloß Kirschblüte beibringen?

* * *

Es war bereits Nachmittag, als sein Bruder Lu das Feld erreichte. Er kam in Begleitung von drei Tagelöhnern, die mit Setzlingen beladen waren. Das bedeutete, dass Lu es sich anders überlegt hatte und den Reis pflanzen wollte, ohne darauf zu warten, dass das Gelände trockengelegt war. Ci ließ den Büffel los und lief ihm entgegen. Als er bei ihm anlangte, verbeugte er sich zur Begrüßung.

»Bruder, du wirst nicht glauben, was passiert ist …« Ci schlug das Herz vor Aufregung bis zum Hals.

»Wie sollte ich es nicht glauben, wo ich es doch mit eigenen Augen sehe«, donnerte Lu und deutete auf das weitgehend ungepflügte Feld.

»Ich habe etwas gefunden, eine …«

Der Hieb gegen seine Stirn kam unerwartet, er fiel hintenüber in den Schlamm.

»Verdammter Nichtsnutz«, fauchte Lu wütend und spuckte aus.

Ci hob die Hand an seine Augenbraue, wo aus einer pochenden Wunde Blut quoll. Es war nicht das erste Mal, dass sein Bruder ihn schlug, aber Lu war der Ältere und die konfuzianischen Regeln verboten es Ci, sich zu wehren. Er konnte das Auge kaum öffnen, dennoch entschuldigte er sich.

»Tut mir leid, Bruder. Ich habe mich verspätet, weil …«

»Weil dem feinen Herrn Studenten der Mumm in den Knochen fehlt!«, unterbrach ihn Lu. »Weil der feine Herr Student denkt, dass der Reis sich von alleine pflanzt!« Er trat Ci unbarmherzig in die Seite. »Weil der feine Herr Student ja seinen Bruder Lu hat, der für ihn schuftet!« Ärgerlich klopfte Lu sich die Hosen ab, dann erst gestattete er Ci, sich zu erheben.

»Ich ha… be eine Lei… che gefunden«, stammelte Ci.

Lu zog erstaunt eine Augenbraue hoch. »Eine Leiche? Was meinst du damit?«

»Da drüben …«, sagte Ci leise.

Lu wandte sich zu der Stelle, an der sich bereits einige geschäftig pickende Krähen versammelt hatten. Grimmig zog er seinen Rohrstock hervor und ging hinüber, ohne weitere Erklärungen abzuwarten. Entsetzt beobachtete Ci, wie sein Bruder gegen den Kopf trat.

»Verdammt«, fluchte Lu lautstark. »Und du hast ihn hier gefunden?« Er packte den Kopf an den Haaren und hob ihn vom Boden auf. Angewidert streckte er ihn von sich. »Beim Barte des Konfuzius! Ist das nicht Shang? Wo ist der übrige Leichnam?«

»Dort … Neben dem Pflug«, sagte Ci matt.

Lu wandte sich an seine Tagelöhner. »Ihr zwei, schafft die Leiche fort von hier, na los, worauf wartet ihr noch! Und du, lad die Setzlinge ab und leg den Kopf in einen der Körbe. Verdammt seien die Götter! Wir kehren ins Dorf zurück.«

Ci ging hinüber zu dem Büffel, um ihm das Geschirr abzunehmen.

»Darf man erfahren, was zum Teufel du da machst?«, erkundigte sich Lu.

»Hast du nicht gesagt, dass wir ins Dorf …«

»Wir schon«, erklärte Lu barsch. »Du allerdings lässt dich dort erst wieder blicken, wenn du deine Arbeit getan hast. Verstanden?«

2

Den Rest des Nachmittags verbrachte Ci damit, den Gestank einzuatmen, den das schaukelnde Hinterteil des Büffels verströmte, während er darüber nachgrübelte, welches Verbrechen der alte Shang begangen haben mochte, um so zu enden. Soweit er wusste, hatte Shang zeit seines Lebens keine Feinde gehabt und war allseits respektiert gewesen. Das Schlimmste, das er sich hatte zuschulden kommen lassen, war, dass er zu viele Mädchen gezeugt hatte, weshalb er schuften musste wie ein Sklave, um für jede eine Mitgift zusammenzutragen, die sie attraktiv machte … Unvorstellbar, dass es ein Mörder auf Shang abgesehen haben könnte.

Als er aus seinen Grübeleien auftauchte, ging bereits die Sonne unter. Außer dem Pflügen hatte Lu ihm aufgetragen, den Berg aus schwarzem Schlamm zu verteilen, der am Feldrand aufgehäuft war. Missmutig verteilte er einige Schaufeln der Mischung aus menschlichen Exkrementen, Lehm, Asche und pflanzlichen Überresten, die sie üblicherweise als Dünger verwendeten, auf das Reisfeld. Was sich danach noch am Rand häufte, ebnete er ein, damit es aussah, als habe er seine Arbeit erledigt. Schließlich trieb er den Büffel rückwärts vom Feld, sprang auf den Rücken des schwerfälligen Tiers und kehrte ins Dorf zurück.

Auf dem Weg sann Ci über vergleichbare Mordfälle nach, die ihm während seiner Zeit in Lin’an begegnet waren. Er hatte Richter Feng bei der Untersuchung unzähliger Gewaltverbrechen assistiert, sogar brutale Ritualmorde von Sekten waren dabei gewesen, doch niemals war ihm ein derart grausam verstümmelter Körper untergekommen. Zum Glück befand sich der Richter zurzeit im Dorf, und Ci hatte keinen Zweifel, dass es ihm gelingen würde, den Verantwortlichen ausfindig zu machen.

Kirschblüte lebte mit ihrer Familie in einer Hütte, die sich kaum auf ihren wurmstichigen Holzpfeilern hielt. Als Ci sich dem Haus näherte, packte ihn die Angst. Er hatte sich einige Sätze zurechtgelegt, wie er das Vorgefallene berichten könnte, doch in diesem Augenblick überzeugte ihn keiner mehr recht. Es regnete in Strömen, doch er verharrte reglos vor der Tür. Zögernd hob er seinen zitternden Arm, ließ ihn jedoch gleich wieder sinken. Er biss sich verzweifelt auf die Unterlippe – was sollte er Kirschblüte bloß sagen? Schließlich nahm er seinen Mut zusammen und klopfte an. Die einzige Antwort, die aus dem Haus zu ihm drang, war Stille. Nach dem dritten Versuch musste er einsehen, dass niemand aufmachen würde. Niedergeschlagen gab er sein Vorhaben auf und kehrte nach Hause zurück.

Sein Vater empfing ihn mit Vorwürfen wegen der Verspätung, kaum dass er die Tür geöffnet hatte. Richter Feng war zum Abendessen gekommen, und sie warteten bereits seit einer Weile auf ihn. Beim Anblick des Gastes faltete Ci die Hände vor der Brust zusammen und verbeugte sich entschuldigend.

»Bei allen Dämonen!« Der Richter begrüßte seinen einstigen Schützling mit ehrlichem Erstaunen. »Was geben sie dir hier bloß zu essen? Letztes Jahr warst du noch ein Kind!«

Mit seinen zwanzig Jahren war Ci tatsächlich nicht mehr der schmächtige Junge, über den sich ganz Lin’an lustig machte. Die Feldarbeit hatte seinen Körper gestärkt, es war ein sehniger junger Mann aus ihm geworden. Ci lächelte schüchtern, dabei entblößte er eine perfekte Zahnreihe. Der alte Richter hatte sich kaum verändert. Sein ernstes, von feinen Falten überzogenes Gesicht war wie gewohnt von einem gepflegten grauen Bart umsäumt. Seinen Kopf krönte eine zweiflügelige Seidenkappe, die seinen Rang anzeigte.

»Ehrenwerter Richter Feng«, brachte Ci hervor. »Entschuldigt meine Verspätung, aber …«

»Mach dir keine Gedanken, mein Sohn«, sagte Feng. »Komm rein, du bist ja völlig durchnässt.«

Ci eilte in sein Zimmer und kam gleich darauf mit einem kleinen Päckchen zurück, das in ein edles rotes Papier eingeschlagen war. Seit einem Monat wartete er auf diesen Moment. Seit er wusste, dass Richter Feng sie nach so langer Zeit wieder einmal besuchen würde.Wie es Sitte war, lehnte Feng das Geschenk zunächst drei Mal ab, bevor er es schließlich annahm.

»Das wäre doch nicht nötig gewesen.« Der Richter betrachtete das Päckchen, ohne es auszuwickeln, denn sonst würde es bedeuten, dass er dem Inhalt mehr Bedeutung beimaß als der Geste des Schenkens an sich.

»Er ist gewachsen, das ja, aber wie Ihr seht, ist er genauso verantwortungslos wie immer«, sagte Cis Vater.

Ci zögerte. Die Regeln der Höflichkeit verboten, dass er den Gast mit Dingen belästigte, die nichts mit seinem Besuch zu tun hatten, doch vielleicht erlaubte ein Mordfall, sich ausnahmsweise über diese Regeln hinwegzusetzen. Er sagte sich, dass der Richter schon Verständnis haben würde.

»Verzeiht die Unhöflichkeit«, platzte es aus Ci heraus, »aber ich muss Euch etwas Schreckliches erzählen. Man hat Shang ermordet! Er wurde geköpft!«

Sein Vater betrachtete ihn ernst.

»Ja, dein Bruder Lu hat uns davon erzählt. Jetzt setz dich, wir essen. Wir wollen unseren Gast nicht länger warten lassen.«

Ci konnte nicht fassen, mit welcher Gelassenheit sein Vater und Feng das Geschehene zur Kenntnis nahmen. Shang war der beste Freund seines Vaters gewesen, und trotzdem saß er seelenruhig mit dem Richter beisammen und aß, als wäre nichts passiert. Ci versuchte es ihnen gleichzutun, doch wollte ihm das Mahl nicht schmecken. Das entging seinem Vater nicht.

»Wir können nichts mehr tun, Ci«, sagte er. »Lu hat Shangs Leichnam den Behörden übergeben, und seine Familie hält bei ihm Totenwache. Du weißt doch, dass Richter Feng in dieser Subpräfektur nicht zuständig ist, also können wir nur darauf warten, dass man einen Justizbeamten schickt, der den Fall untersucht.«

Das wusste Ci in der Tat, doch er wusste auch, dass der Mörder bis dahin über alle Berge sein konnte. Und was ihn am meisten irritierte, war die Ruhe seines Vaters. Feng schien seine Gedanken zu lesen.

»Ich habe mit den Angehörigen gesprochen«, sagte der Richter. »Morgen werde ich die Leiche untersuchen.«

Den übrigen Abend sprachen sie über andere Dinge, während der Regen wütend auf das Schieferdach trommelte. Im Sommer wurde die Gegend oft überraschend von Taifunen heimgesucht, und diesmal schien es Lu erwischt zu haben. Vollkommen durchnässt kam er nach Hause, nach Likör stinkend und mit trüben Augen. Beim Eintreten stolperte er ungeschickt, grüßte den Richter knapp mit einer unverständlichen Formel und verschwand direkt in sein Zimmer.

»Ich glaube, für mich ist es an der Zeit, aufzubrechen«, sagte Feng und strich sich über den Bart. »Ich hoffe, du denkst nach über das, was wir besprochen haben«, fügte er an den Vater gewandt hinzu. »Und was dich betrifft, Ci, wir sehen uns morgen zur Stunde des Drachens, beim Haus des Dorfvorstehers, wo ich wohne.«

Als sich die Tür hinter Richter Feng schloss, sah Ci seinen Vater forschend an. Sein Herz klopfte erwartungsvoll.

»Hat er zugestimmt? Hat er gesagt, wann wir zurückkommen können?«, wagte er schließlich zu fragen.

»Setz dich, mein Sohn. Noch eine Tasse Tee?«

Der Vater goss sich die Tasse bis obenhin voll, dann schenkte er seinem Sohn ein. Traurig sah er Ci erst an, dann senkte er den Blick.

»Es tut mir leid, Ci. Ich weiß, wie gerne du nach Lin’an zurück willst …« Geräuschvoll nahm er einen Schluck Tee. »Aber manchmal laufen die Dinge anders, als man sie plant.«

Ci ließ seine Tasse in der Luft schweben. »Das verstehe ich nicht! Ist etwas passiert? Hat Feng Euch den Posten nicht angeboten?«

»Doch. Das hat er gestern getan.« Der Vater nahm einen weiteren Schluck.

»Und?« Ungeduldig stand Ci auf.

»Setz dich, mein Sohn.«

»Aber Vater … Ihr habt es versprochen … Ihr habt gesagt …«

»Setz dich, bitte, habe ich gesagt!«

Ci musste schlucken, doch er gehorchte.

»Mein Sohn, es gibt Dinge, die du nicht verstehen kannst.«

Der Junge verstand nicht, was es da zu verstehen gab. Sollte er weiterhin jeden Tag die Verachtung seines Bruders Lu über sich ergehen lassen? Sollte er hinnehmen, dass seine Zukunft an der Universität von Lin’an zerstört wurde?

»Und was wird aus unseren Plänen, Vater? Und was wird aus unseren …«

Wie eine Sprungfeder schnellte der Vater vor und gab ihm eine Ohrfeige.

»Unsere Pläne? Seit wann hat ein Sohn Pläne?« Seine Augen funkelten zornig. »Wir werden hier bleiben, im Haus deines Bruders! Und zwar so lange, bis ich sterbe!«

Ci verstummte, und sein Vater zog sich zurück.

»Und Eure kranke Tochter Mei Mei?«, rief Ci ihm nach. Seine Wut ließ ihn kühn werden. »So wenig kümmert Euch, was aus ihr wird?«

Als er sich später auf das Bett legte, das er mit seiner Schwester teilte, spürte er sein Herz vor Verzweiflung pochen. Von dem Moment an, als sie wieder im Dorf angekommen waren, hatte er von der Rückkehr nach Lin’an geträumt. Wie jede Nacht schloss er die Augen, um sich in sein altes Leben zurückzuversetzen. Er dachte an die ehemaligen Kameraden und an die Wissenswettbewerbe, aus denen er oft als Sieger hervorgegangen war; an seine Professoren, die er wegen ihrer Disziplin und ihrer großen Bildung bewunderte. Er rief sich den Tag in Erinnerung, an dem Richter Feng ihn als Assistent für die Voruntersuchungen eingestellt hatte. Cis größter Wunsch bestand seither darin, so zu sein wie Feng, auch er wollte eines Tages die Kaiserliche Prüfung ablegen und einen Posten als Richter bekleiden – und sich nicht wie sein Vater nach vielen Jahren eifrigen Bemühens mit einer Anstellung als einfacher Beamter begnügen müssen.

Er fragte sich,warum sein Vater nicht zurückkehren wollte. Er hatte doch gesagt, Feng habe ihm den Posten angeboten, den er sich gewünscht hatte. Wieso hatte er dann über Nacht und ohne erkennbares Motiv radikal seine Meinung geändert? Konnte sein Großvater der Grund sein? Das glaubte er nicht. Die Asche des Verstorbenen konnte man mitnehmen, um auch in Lin’an weiter die familiären Riten für ihn zu vollziehen.

Mei Meis Husten ließ Ci hochfahren. Die kleine Schwester lag an seiner Seite im Halbschlaf, zitterte leicht und atmete schwer. Er streichelte ihr liebevoll übers Haar. Mei Mei hatte sich als widerstandsfähiger erwiesen als Erste und Zweite, denn sie war bereits sieben Jahre auf der Welt, doch genau wie ihre Schwestern würde sie wohl nicht über das zehnte Lebensjahr hinauskommen. Das war das Schicksal, das ihre Krankheit für sie bereithielt. Vielleicht hätte man in Lin’an die richtigen Heilmittel für sie zur Verfügung gehabt.

Er schloss die Augen und drehte sich auf die andere Seite. Er dachte an Kirschblüte, die er heiraten durfte, sobald er die staatlichen Prüfungen hinter sich gebracht hatte. Im Augenblick war sie sicher wegen ihres Vaters am Boden zerstört … Ob der schreckliche Tod von Shang ihre Hochzeitspläne in Frage stellte? Er schämte sich ein wenig, dass er solch egoistische Gedanken anstellte.

Seit dem unerwarteten Tod seines Großvaters waren sechs Monate vergangen … Er unterbrach seine Gedanken, da die Hitze nun doch begann, ihm zuzusetzen. Er stand auf, um sich zu entkleiden. In der Tasche seiner Jacke fand er wieder den blutigen Lumpen, von dem er den armen Shang befreit hatte. Er betrachtete ihn nachdenklich, dann legte er ihn neben sein Nachtlager. Durch das Fenster drang ein Stöhnen aus dem angrenzenden Haus, das Ci seinem Nachbarn Peng zuschrieb, einem kleinen Gauner, dem seit Tagen seine Backenzähne zu schaffen machten. Es war nun schon die zweite Nacht in Folge, in der er keine Ruhe fand.

* * *

Bereits im Morgengrauen verließ Ci das Haus. Er hatte zugesagt, sich mit Feng bei der Residenz von Bao-Pao zu treffen – wo alle Regierungsbeamten wohnten, die das Dorf besuchten –, um ihm bei der Untersuchung der Leiche zur Hand zu gehen. Als er die Tür hinter sich zuzog, drang aus dem Nebenzimmer Lus lautes Schnarchen zu ihm. Wenn der Bruder aufwachte, wäre er schon fort, dachte Ci erleichtert.

Es hatte aufgehört zu regnen, doch die Hitze der Nacht ließ die Feuchtigkeit der Felder als Wasserdampf aufsteigen, und jeder Atemzug legte sich schwer auf seine Lungen. Mit schnellen Schritten durchmaß Ci das Labyrinth aus kleinen Gässchen, aus denen das Dorf bestand. Gleichförmige, rechteckige Hütten mit wurmzerfressenen Balken standen da wie unachtsam hingeworfene Dominosteine. Hie und da leuchtete eine Papierlaterne vor einer offenen Tür, der Duft von Tee lag in der Luft, während Ci wie ein geisterhafter Schatten vorüberzog. Das Dorf wirkte zu dieser Stunde noch recht verlassen, und kein anderes Geräusch war zu hören als das Jaulen der Hunde.

Als er die Residenz von Bao-Pao erreichte, war es taghell. Feng stand in der Vorhalle, bekleidet mit einer kohlschwarzen Robe aus Sackleinen und einem Hut in derselben Farbe. Sein Gesicht verriet keine Regung, doch seine Hände trommelten ungeduldig. Nach der vorschriftsmäßigen Verbeugung drückte Ci ihm seinen Dank aus.

»Ich werde nur einen kurzen Blick auf den Toten werfen können, also spar dir deine langen Worte«, sagte Feng. Als er Cis Enttäuschung bemerkte, fügte er freundlicher hinzu: »Ci, es ist nicht mein Amtsbereich … Aber es würde mich doch wundern, wenn sich die Sache nicht schnell aufklären ließe. In so einem kleinen Dorf den Schuldigen zu finden sollte nicht schwieriger sein, als einen Kieselstein aus dem Schuh zu schütteln.«

Ci folgte dem Richter bis zu einem angrenzenden Schuppen. Vor dem Eingang trafen sie auf einen schweigsamen Mann mit mongolischen Zügen, der sich als der persönliche Assistent von Feng herausstellte. Im Inneren wartete der Dorfvorsteher Bao-Pao, zusammen mit der Witwe und den männlichen Nachkommen des Verstorbenen. Als Ci den geschändeten Leichnam Shangs erblickte, krampfte sich sein Magen zusammen. Die Familie hatte den Toten auf einen Holzstuhl gesetzt: aufrecht und den Kopf mit einigen geflochtenen Schilfhalmen am Rumpf befestigt saß Shang da, ganz so, als sei er noch lebendig. Obwohl er gewaschen, parfümiert und bekleidet worden war, glich er einer blutüberströmten Vogelscheuche. Richter Feng bezeugte den Familienmitgliedern seinen Respekt, nahm sie einen Moment beiseite und bat sie um Erlaubnis, den Leichnam zu untersuchen. Nachdem der Erstgeborene es ihm gestattet hatte, trat Feng neben den Toten.

»Erinnerst du dich, was du tun musst?«, fragte er Ci.

Ci nickte eifrig. Er zog ein Blatt Papier aus der Tasche, seinen Tintenstein und seinen besten Pinsel. Dann kniete er sich neben den Leichnam auf den Boden. Feng fluchte leise darüber, dass sie den Leichnam gewaschen hatten, dann begann er mit der Arbeit.

»Zweiundzwanzigster Mond im Monat der Lotusblüte, Jahr zwei der Kaixi-Ära,Vierzehntes Regierungsjahr unseres geliebten Nin Zong, Sohn des Himmels und ehrenwerter Kaiser der Song-Dynastie. Mit ausdrücklicher Genehmigung der Angehörigen führe ich, Richter Feng, eine behelfsmäßige Voruntersuchung vor der offiziellen Untersuchung durch, die innerhalb von vier Stunden nach der Bekanntgabe des Richters erfolgen muss, den die Präfektur Jianningfu erwählt. Ich führe sie durch in Gegenwart von Li Cheng, dem ältesten Sohn des Toten, seiner Witwe Frau Li, den beiden anderen männlichen Nachkommen Ze und Xin sowie von Bao-Pao, dem Oberhaupt des Dorfes, und meinem Gehilfen Ci, der den Leichnam aufgefunden hat.«

Ci schrieb auf, was Feng diktierte, und wiederholte dabei jedes Wort laut. Feng fuhr fort.

»Der Tote mit Namen Li Shang, Sohn und Enkel von Li, der nach Aussage des Erstgeborenen zum Zeitpunkt seines Dahinscheidens achtundfünfzig Jahre zählte und von Beruf Buchhalter, Bauer und Schreiner war, wurde vorgestern Mittag zum letzten Mal gesehen, nachdem er seine Arbeit im Lagerhaus von Bao-Pao, in dem wir uns augenblicklich befinden, beendet hatte. Sein Sohn sagt aus, dass der Verstorbene keine weiteren Krankheiten hatte als die üblichen Beschwerden seines Alters und der Jahreszeiten und dass nichts über eventuelle Feinde bekannt sei.«

Feng schaute hinüber zum ältesten Sohn, der sich beeilte, die Angaben zu bestätigen, und dann zu Ci, als Aufforderung, das Geschriebene noch einmal vorzulesen.

»Aus Unkenntnis der Familienangehörigen ist der Körper gewaschen und bekleidet worden«, fuhr Feng mit tadelnder Stimme fort. »Sie selbst bezeugen, dass sie in dem Moment, als ihnen der Leichnam übergeben wurde, keine weiteren Verletzungen als den grausamen Schnitt erkennen konnten, der seinen Kopf vom Körper trennte und der zweifellos die Todesursache darstellt. Der Mund des Toten steht weit offen …« Feng versuchte vergeblich, ihn zu schließen. »… und das Kiefergelenk ist versteift.«

»Werdet Ihr ihn nicht entkleiden?«, wunderte sich Ci.

»Das ist nicht nötig.« Feng deutete auf den Schnitt in der Kehle und schaute fragend zu Ci.

»Doppelschnitt?«, vermutete der Junge.

»Ein Doppelschnitt … wie bei einem Schwein.«

Ci betrachtete die Wunde eingehend. Unter der Stelle, an der einmal der Adamsapfel gesessen hatte, war ein glatter horizontaler Schnitt zu erkennen – ein Schnitt, wie man ihn bei Schweinen ausführte, um sie ausbluten zu lassen.Von dort lief ein weiterer Schnitt einmal um den Hals, unregelmäßiger, wie von einer Schlachtersäge. Er wollte seine Beobachtung gerade formulieren, als Feng ihn bat, zu erzählen, wie und wo er die Leiche gefunden hatte. Ci gehorchte und berichtete alles so detailliert, wie es ihm in Erinnerung geblieben war. Als er geendet hatte, blickte Feng ihn ernst an.

»Und das alte Stück Stoff?«

Der Lumpen, natürlich! Wie hatte er den nur vergessen können!

»Du enttäuschst mich, Ci, ganz entgegen deiner Gewohnheit …« Der Richter schwieg einen Augenblick. »Wie du wissen solltest, ist der offene Mund weder Zeichen eines Hilferufs noch eines Schmerzensschreis, er hätte sich sonst durch die Muskelentspannung nach dem Tod geschlossen. Jemand muss ihm also vor oder unmittelbar nach seinem Tod irgendein Objekt in den Mund gesteckt haben, das dort verblieben ist, bis die Muskeln sich zusammenzogen. Was das Material des Objekts betrifft, tippe ich auf Leinen, zumindest deuten darauf die blutigen Textilreste hin, die noch zwischen seinen Zähnen hängen.«

Ci war betroffen. Noch vor einem halben Jahr wäre ihm ein solcher Fehler nicht unterlaufen,aber die fehlende Übung hatte ihn ungeschickt und langsam werden lassen. Er biss sich auf die Lippen und griff in seinen Ärmel.

»Ich hatte vor, ihn Euch zu geben«, entschuldigte er sich und reichte Feng das graue Stück Stoff.

Der Richter untersuchte es gründlich. Der Stoff ähnelte in Form und Größe den Kopftüchern der Kaiserlichen Beamten und wies zahlreiche Blutflecke auf. Zufrieden markierte Feng den Lappen als Beweisstück.

»Beende das Diktat und setze mein Siegel darunter. Dann fertige eine Abschrift für den zuständigen Richter an.«

Mit diesen Worten verabschiedete sich Feng und verließ den Schuppen. Es hatte wieder begonnen zu regnen. Ci beeilte sich, ihm zu folgen, er holte ihn am Eingang zu den Gemächern ein, die Bao-Pao ihm zur Verfügung gestellt hatte.

»Die Dokumente«, stammelte er.

»Leg sie da hin, auf den Tisch.«

»Richter Feng, ich …«

»Gräm dich nicht, Ci. In deinem Alter konnte ich noch nicht einmal einen Tod durch Erschießen von einem Tod durch Erhängen unterscheiden.«

Das tröstete Ci nur wenig, denn er wusste, dass es nicht stimmte. Er bewunderte den Scharfsinn dieses Mannes, seine Redlichkeit und sein Wissen. Von ihm hatte er alles gelernt, und er wünschte sich nichts sehnlicher als ihn weiter als Meister zu haben – doch wie sollte er das erreichen, wenn er in diesem Bauerndorf gefangen blieb?

Vorsichtig erkundigte sich Ci nach der Anstellung seines Vaters, doch der Richter winkte ab.

»Das ist eine Angelegenheit zwischen deinem Vater und mir.«

Unschlüssig wanderte Cis Blick umher. »Es ist nur, mein Vater … Gestern Abend habe ich mit ihm gesprochen, und er hat mir gesagt … Ich dachte, wir würden nach Lin’an zurückkehren, aber jetzt heißt es …«

Feng sah Ci an, der Junge kämpfte mit den Tränen. Er seufzte und legte seinem einstigen Schützling die Hand auf den Arm.

»Ci, ich weiß nicht, ob ich dir das sagen sollte …«

»Bitte, sagt es mir«, flehte Ci.

»In Ordnung, aber du musst mir versprechen, mit niemandem darüber zu reden.« Ci nickte eifrig, während Feng sich setzte, und tief Luft holte. »Ich habe diese Reise nur euretwegen unternommen. Dein Vater hatte mir vor einigen Monaten geschrieben und mir seine Absicht mitgeteilt, wieder auf seinen Posten zurückzukehren. Doch jetzt, nachdem er mich die ganze Reise hat machen lassen, will er nichts mehr davon wissen. Ich habe versucht, ihn zu überzeugen, ich habe ihm eine bequeme Arbeitsstelle und einen großzügigen Lohn versprochen, sogar ein eigenes Haus in der Stadt … Aber er hat abgelehnt – aus mir unerklärlichen Gründen.«

»Dann nehmt mich mit! Wenn Ihr zögert, weil ich den Lumpen vergessen habe, verspreche ich, dass ich hart arbeiten werde. Ich arbeite bis zum Umfallen, und ich werde Euch nie wieder enttäuschen! Ich …«

»Ehrlich gesagt, Ci, du bist nicht das Problem. Du weißt, wie sehr ich dich schätze. Du bist loyal, und ich würde mich freuen, dich wieder als Assistenten zu haben. Darum habe ich mit deinem Vater über dich und deine Zukunft gesprochen, aber ich bin gegen eine Mauer gelaufen. Ich weiß nicht, was mit ihm los ist, aber es war nichts zu machen. Es tut mir leid.«

»Ich … ich …« Ci wusste nicht, was er sagen sollte.

In der Ferne war ein Donnergrollen zu hören. Feng tätschelte ihm den Rücken.

»Ich hatte große Pläne für dich, Ci. Ich hatte dir sogar einen Platz an der Universität von Lin’an reserviert.«

»An der Universität von Lin’an?« Cis Augen weiteten sich. Es war sein großer Traum, an die Universität zurückzukehren.

»Hat dir dein Vater das nicht gesagt? Ich dachte, das hätte er dir erzählt.«

Mit einem Mal wich alle Farbe aus Cis Gesicht, ihm wurden die Knie weich, und er verstummte. Er fühlte sich betrogen, betrogen um seine Zukunft, betrogen von seinem eigenen Vater.

3

Richter Feng teilte Ci mit, dass er einige Nachbarn vernehmen würde, also trennten sich ihre Wege bis zum Nachmittag. Ci nutzte die Pause, um nach Hause zurückzukehren. Er wollte Kirschblüte besuchen, doch zuvor musste er seinen Vater um Erlaubnis bitten, dafür die Arbeit zu versäumen.

Nachdem er sein Schicksal in die Hand der Götter gelegt hatte, betrat er das Haus. Er überraschte seinen Vater dabei, wie er in einigen Dokumenten blätterte, die ihm bei Cis Anblick aus der Hand fielen. Rasch sammelte er sie wieder ein und verstaute sie in einer rotlackierten Kiste.

»Darf man erfahren, was du hier machst? Du solltest beim Pflügen sein!«, rief er. Er verschloss die Kiste und schob sie unter das Bett.

Ci erzählte ihm von seiner Absicht, Kirschblüte zu besuchen, doch der Vater zeigte sich nicht begeistert.

»Bei dir kommt immer das Vergnügen vor der Arbeit«, sagte er.

»Aber Vater …«

»Sie wird auch morgen noch da sein, glaub mir. Ich weiß nicht, warum ich auf deine Mutter gehört habe, dich mit einem Frauenzimmer zusammenzubringen, das mehr Unruhe stiftet als ein Wespennest.«

Ci schluckte.

»Ich bitte Euch, Vater. Nur einen Moment. Danach pflüge ich fertig und helfe Lu beim Mähen.«

»Danach, danach … Sogar der Büffel deines Bruders ist arbeitswilliger als du. Danach … Wann soll das sein, ›danach‹?«

»Warum sprecht Ihr so zu mir, Vater? Warum seid Ihr so ungerecht?«

Der Vater antwortete nicht.Wie alle wusste auch er nur zu gut, dass in den letzten sechs Monaten Ci es gewesen war und nicht Lu, der bei der Reisernte geschuftet hatte. Dass Ci sich um die Pflege der Setzlinge in den Gewächshäusern gekümmert hatte, dass seine Hände voller Schwielen waren vom Ernten, Dreschen, Sieben und Sortieren, dass er es gewesen war, der von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang gepflügt, planiert, umgepflanzt und gedüngt hatte und der sich im Schweiße seines Angesichts an den Pumpen abgemüht und die Säcke hinunter zum Fluss und zu den Booten getragen hatte. Alle in diesem verdammten Dorf wussten, dass er sich auf den Feldern abgearbeitet hatte, während Lu sich mit seinen Huren betrank.

Er verfluchte sein Gewissen, das ihm gebot, seinem Vater zu gehorchen, und ging seine Sichel und seinen Beutel holen. Er fand die Hülle, aber die Sichel war verschwunden.

»Nimm meine, Lu hat deine mitgenommen«, erklärte der Vater.

Ci widersprach nicht. Er steckte sie in seinen Sack und machte sich auf zum Feld.

Ci prügelte den Büffel, bis er schrie, doch Ci kannte an diesem Tag keine Gnade. Er klammerte sich am Pflug fest, um ihn so tief wie möglich in den Boden zu drücken, während sich aus einem Sturmhimmel ein unendlicher Regenschleier auf das Feld ergoss. Auf jede Furche folgte eine Serie von Verwünschungen, Mühen und Hieben. Ci spürte die Kühle des Regens nicht, der immer dichter fiel. Erst als es donnerte, hielt der Junge einen Moment inne. Der Himmel war so schwarz wie der Schlamm, in dem er stand. Das Grollen wurde immer bedrohlicher, und auf jeden Donnerschlag folgte ein Blitz. Und noch einer. Der Büffel machte einen ängstlichen Satz nach vorn, doch der Pflug blieb in der Furche stecken, und das Tier stürzte. Ci versuchte, den verzweifelt strampelnden Büffel zum Aufstehen zu bewegen, doch es gelang ihm nicht. Er ließ die Zügel los und versetzte ihm einige Hiebe, doch das Tier hob nur den schweren Kopf. Da entdeckte Ci, dass es einen offenen Bruch am Hinterbein hatte.

»Oh, ihr Götter, was habe ich getan, um euch zu erzürnen?«

Er zog einen Apfel aus seinem Beutel und hielt ihn dem Büffel unter die Schnauze, doch der wehrte ihn mit den Hörnern ab und stöhnte schmerzvoll. Als er sich wieder beruhigt hatte, drückte Ci seinen Kopf seitlich auf die Erde. Er schaute dem Tier in die panisch aufgerissenen Augen und redete ihm gut zu. Die Nüstern weiteten sich und zogen sich wieder zusammen wie ein Blasebalg. Seufzend streichelte Ci dem Tier die Schnauze, ihm war klar, dass dieser Büffel nicht mehr aufstehen würde.

Plötzlich spürte er, wie jemand ihn an den Schultern packte. Als er sich umdrehte, erblickte er den wutschnaubenden Lu, der einen Stock über dem Kopf schwenkte.

»Du verdammter Nichtsnutz, ist das dein Dank für meine Mühe?«

Ci versuchte den Stock abzuwehren, der im nächsten Moment auf ihn niedersauste. Ein Brennen breitete sich auf seinem Gesicht aus.

»Steh auf, Elender.« Lu schlug erneut zu. »Ich werde dir den Verstand schon einprügeln.«

Ci versuchte aufzustehen, da packte Lu ihn an den Haaren und schleifte ihn durch den Schlamm, bis unter das Geschirr.

»Weißt du, wie teuer ein Büffel ist? Nein? Dann wirst du es jetzt zu spüren kriegen.«

Er ließ den jüngeren Bruder los und trat ihn in die Seite, immer wieder.

»Hör auf !«, schrie Ci.

»Es ekelt dich an, auf dem Feld zu arbeiten, was? Du kannst es nicht aushalten, dass unser Vater mich bevorzugt …« Lu versuchte, das Geschirr an ihm festzumachen.

»Vater würde dich niemals bevorzugen, nicht mal, wenn du ihm die Stiefel lecktest«, gab Ci zurück.

»Wenn ich mit dir fertig bin, wirst du mir die Stiefel lecken.«

Ci funkelte seinen Bruder wütend an. Wie es die Regeln vorschrieben, hatte er ihm nie etwas entgegengesetzt, doch jetzt war der Moment gekommen, ihm zu zeigen, dass er nicht sein Sklave war. Er rappelte sich auf die Beine und schlug Lu mit aller Kraft in den Magen. Damit hatte Lu nicht gerechnet, überrascht taumelte er unter dem Schlag. Doch dann holte er gleich zum Gegenschlag aus – Ci fiel zu Boden. Lu war schwerer und größer als Ci, das Einzige, in dem er den jüngeren Bruder nicht übertraf, war der Hass, der mit einem Mal in Ci brodelte. Lu begann auf ihn einzutreten, doch Ci spürte keinen Schmerz. Seine Schläfen pochten, sein ganzer Körper brannte, Regen wusch ihm das Blut aus dem Gesicht. Er glaubte zu hören, wie sein Bruder ihn als Aussätzigen beschimpfte, dann wurde ihm schwarz vor Augen, und er verlor das Bewusstsein.

* * *

Feng betrachtete nachdenklich den toten Shang, als Ci auftauchte. Der Junge sah aus wie ein Gespenst, das sich nur mit Mühe auf den Beinen halten konnte.

»Bei allen Göttern, Ci! Was ist denn mit dir passiert?« Entsetzt streckte der Richter seine Arme aus und half seinem Schützling, sich auf eine Matte zu legen. Ci konnte ein Auge kaum öffnen, auf der Wange klaffte eine Wunde.

»Man hat dich gezeichnet wie ein Maultier«, bemerkte Feng, während er Cis Brust freilegte. Er erschrak, als er das Hämatom auf dem Brustkorb sah. Die Rippen schienen jedoch nicht gebrochen. »War das Lu?«

Ci verneinte, nur mehr halb bei Bewusstsein.

»Lüg nicht. Dieser verdammte Mistkerl! Dein Vater hat gut daran getan, ihn auf dem Land zurückzulassen.«

Der Richter entkleidete Ci vollständig und inspizierte die übrigen Verletzungen. Er seufzte erleichtert, als er feststellte, dass der Puls seines Schützlings regelmäßig war, trotzdem schickte er seinen Assistenten nach dem örtlichen Heiler. Kurze Zeit später tauchte ein zahnloser Alter auf, der Kräuter und einige Medizinfläschchen bei sich trug. Das Männlein untersuchte Ci eingehend, rieb ihn mit Salben ein und flößte ihm einen Trank ein. Als er mit seiner Behandlung fertig war, zog er Ci trockene Kleidung an und verordnete absolute Ruhe für den Patienten.

Nach einer Weile kam Ci wieder zu sich. Mühsam richtete er sich auf und schaute sich im Halbdunkel um. Mit einem leichten Schaudern stellte er fest, dass er den Raum mit dem toten Shang teilte. Draußen regnete es, doch die Hitze hatte ihr Zersetzungswerk an dem Leichnam bereits begonnen – der Gestank, der von dem Toten ausging, war unerträglich, und ein Schwarm Fliegen kreiste geschäftig über dem getrockneten Blut an Shangs Kehle.

»Wie geht es dem Auge?«, fragte Feng.

Ci fuhr zusammen. Er hatte Fengs Gegenwart nicht gespürt, der nur einige Handbreit von ihm entfernt auf dem Boden saß.

»Ich weiß nicht. Ich spüre nichts.«

»Es scheint, als würdest du es gut überstehen. Du hast keine Brüche und …« Ein naher Donnerschlag unterbrach die Worte des Richters. »Bei der Großen Mauer! Die Götter des Himmels sind wirklich wütend!«

»Auf mich sind sie das schon lange«, klagte Ci.

Feng half ihm auf die Beine, während der Donner erneut durch den Raum grollte.

»Bald wird Shangs Familie mit den Alten des Dorfes eintreffen. Ich habe sie zusammengerufen, um ihnen die Ergebnisse meiner Untersuchungen mitzuteilen.«

»Richter Feng, ich kann nicht in diesem Dorf bleiben. Bitte, nehmt mich mit nach Lin’an.«

»Ci, verlange nichts Unmögliches von mir. Du musst deinem Vater gehorchen und …«

»Aber mein Bruder wird mich umbringen …«

Die Ankunft der Angehörigen Shangs ließ Ci verstummen. Auf den Schultern trugen sie einen mit Zeichnungen geschmückten Holzsarg. Der Vater führte die Prozession an, ein alter Mann, am Boden zerstört über den Verlust seines Sohnes, der doch ihn nach seinem Tod hätte in Ehren halten sollen. Dem Alten folgten die übrigen Verwandten und einige Nachbarn. Sie stellten den Sarg neben dem Leichnam ab und stimmten einen Klagegesang an. Als sie geendet hatten, postierten sie sich zu den Füßen des Verstorbenen, anscheinend unberührt von dem Gestank, den er verströmte.

Feng begrüßte sie, und jeder Einzelne verneigte sich. Der Richter räusperte sich und verscheuchte die Fliegen, die um Shangs Kehle kreisten, doch die Insekten kehrten immer wieder zu ihrem Festgelage zurück, sobald der Mann aufhörte zu wedeln. Schließlich ordnete Feng an, dass die Wunde mit einem Tuch abgedeckt werden solle. Dann nahm er in dem Sessel Platz, den sein mongolischer Assistent hinter einem schwarzlackierten Tisch für ihn bereitgestellt hatte.

»Verehrte Mitbürger, wie ihr bereits wisst, wird an diesem Nachmittag der Richter eintreffen, den die Präfektur von Jianningfu schickt. Trotzdem und in Übereinstimmung mit den Wünschen der Familie wurde ich gebeten, erste Untersuchungen in dem Fall anzustellen. Ich werde mir die protokollarischen Formalitäten daher sparen und direkt zur Sache kommen.«

Ci hielt sich ein wenig im Hintergrund und lauschte den Worten des Richters. Er bewunderte Fengs Wissen und die Weisheit, mit der er es einsetzte.

»Wie allgemein bekannt ist«, fuhr Feng fort, »hatte Shang keine Feinde, und trotzdem wurde er brutal ermordet. Was kann das Motiv sein? Für mich handelt es sich, ohne Zweifel, um einen Raubmord. Seine Witwe, eine als ehrenwert und gesetzestreu geachtete Frau, bestätigt, dass der Verstorbene im Augenblick seines Verschwindens dreitausend Qian bei sich hatte, aufgefädelt auf eine Kordel, die er am Gürtel trug. Der junge Ci, der uns bereits heute Morgen eine Kostprobe seines Scharfsinns gegeben hat, indem er die Schnitte am Hals des Ermordeten identifizierte, sagt aus, dass Shang, als er ihn fand, kein Geld bei sich trug.« Feng stand auf und verschränkte die Arme, während er vor den Bauern auf und ab ging, die seinem Blick auswichen. »Ci, von dessen Ehrlichkeit ich überzeugt bin, und der nach meiner Weisung arbeitet, war auch derjenige, der den Stoff, mit dem der Tote offenbar geknebelt worden war, sicherstellte. Ich habe den Lumpen als Beweisstück klassifiziert und nummeriert.« Er zog den Stoff aus einem Kästchen und entfaltete ihn vor den Augen der Anwesenden.

»Gerechtigkeit für meinen Mann!«, rief die Witwe zwischen erstickten Schluchzern.

Feng nickte stumm. Nach einem kurzen Schweigen setzte er seine Ausführungen fort.

»Auf den ersten Blick mag es den Anschein haben, als handle es sich um ein gewöhnliches blutbeflecktes Leintuch … Aber wenn wir die Flecke eingehender betrachten, bemerken wir, dass alle einem auffälligen runden Muster folgen.«

Die Anwesenden begannen darüber zu tuscheln, was diese Entdeckung wohl zu bedeuten hatte. Auch Ci stellte sich diese Frage, doch bevor er eine Antwort darauf fand, sprach Feng weiter.

»Ich möchte euch nun den Weg zu den Schlüssen darlegen, die ich gezogen habe.« Er rief seinen Assistenten herbei. »Ren!« Der junge Mongole trat vor, in den Händen hielt er ein Küchenmesser, eine Sichel, ein Gefäß mit gefärbtem Wasser und zwei Tücher. Er beugte sich vor und stellte die Objekte vor Feng ab. Der Richter nahm das Küchenmesser zur Hand und tauchte es in das gefärbte Wasser, um es dann mit einem der Tücher zu trocknen. Dasselbe wiederholte er mit der Sichel. Dann präsentierte er das Ergebnis.

Ci beobachtete die Demonstration aufmerksam. Die Spuren, die das Messer auf dem Tuch hinterlassen hatte, unterschieden sich deutlich von den Flecken, die nun beim Trocknen der Sichel entstanden und deren Muster sich als identisch mit dem auf dem blutigen Lumpen erwies. Die Waffe musste also eine Sichel gewesen sein.

»Aus diesem Grund«, erläuterte Feng, »habe ich meinen Assistenten beauftragt, alle Sicheln des Dorfes zu konfiszieren, eine Aufgabe, die er unter Mithilfe der Männer von Bao-Pao den Vormittag über fleißig erledigt hat. Ren!«

Der Assistent schleifte eine Kiste voller Sicheln und Sägen herbei, während Feng an den Leichnam herantrat.

»Der Kopf wurde mit einer Schlachtersäge vom Rumpf getrennt, einer Säge, die Bao-Paos Männer auf der Parzelle gefunden haben, wo man Shang ermordet hat.« Er zog eine Säge aus der Kiste und legte sie auf den Boden. »Doch der tödliche Schnitt ist mit einem anderen Werkzeug ausgeführt worden … Zweifellos mit einer Sichel wie dieser.«

Ein Raunen ging durch die andächtige Stille.

»Die Sichel weist keine besonderen Merkmale auf«, sprach Feng weiter. »Ein gewöhnliches Gerät aus Eisen mit Holzgriff. Doch glücklicherweise ist in jeden Griff der Name des Besitzers eingraviert. Wenn wir also die Sichel identifizieren, mit der Shang getötet wurde, haben wir auch den Schuldigen.« Feng gab Ren ein Zeichen.

Der Assistent öffnete die Tür des Schuppens, davor wartete eine Gruppe von Bauern, die von Bao-Paos Männern festgesetzt worden waren. Ren forderte sie auf, einzutreten. Feng fragte Ci, ob er sich in der Lage fühle, ihm ein wenig zu helfen. Der Junge nickte eifrig und erhob sich mühsam, während Feng ihm seine Instruktionen ins Ohr flüsterte. Dann nahm er ein Heft und einen Pinsel zur Hand und folgte dem Richter zu der Kiste mit den Sicheln. Feng begutachtete die Werkzeuge eingehend, legte eine Klinge nach der anderen auf die Blutspuren des Lumpens, hielt sie gegen das Licht. Dabei diktierte er Ci seine Beobachtungen, und wie Feng es ihm aufgetragen hatte, tat der so, als ob er geschäftig mitschriebe.

Ci fragte sich, was Feng mit diesem Vorgehen bezweckte. Solange eine der Sicheln nicht zufällig eine einzigartige Zahnung aufwies, konnte daraus schwerlich eine beweiskräftige Information gewonnen werden. Doch plötzlich begriff er, dass Feng eine Finte anwendete. Da das Strafgesetzbuch kategorisch die Verurteilung eines Angeklagten ohne vorheriges Geständnis verbot, und der Richter offenbar keine Beweise hatte, versuchte er nun den Schuldigen einzuschüchtern.

Feng beendete seine vorgeblichen Untersuchungen und gab vor, Cis nicht existierende Notizen zu lesen. Langsam drehte er sich zu den Bauern um und strich sich nachdenklich durch den Bart.

»Ich sage es nur einmal!«, rief er über das Wüten des Sturms hinweg. »Die Blutflecke, die auf diesem Lumpen gefunden wurden, entlarven den Schuldigen eindeutig. Die Spuren können nur von einer einzigen Sichel stammen, auf deren Griff, wie ihr wisst, ein Name eingraviert ist.« Er musterte die ängstlichen Gesichter der Arbeiter. »Ich weiß, dass ihr alle die Strafe für ein so abscheuliches Verbrechen kennt. Was ihr jedoch nicht wisst, ist Folgendes: Wenn der Schuldige jetzt nicht gesteht, wird seine Hinrichtung auf der Stelle durchgeführt, und zwar durch Lingchi«, donnerte er.

Die Bauern schwiegen entsetzt, in ihren Gesichtern spiegelte sich nackte Angst. Auch Ci sah verstört zu dem Richter hinüber. Lingchi, der Tod durch tausend Schnitte, war die blutigste Strafe, die man sich vorstellen konnte. Der Verurteilte wurde entkleidet, an einen Pfahl gefesselt, und dann wurden seine Gliedmaßen langsam in Stücke geschnitten, als wollte man Filets daraus machen, und vor ihm ausgebreitet. Man hielt den armen Teufel so lange wie möglich am Leben, bis man ihm schließlich eines der lebenswichtigen Organe herausnahm.

Feng trat dicht vor die Bauern und musterte jeden Einzelnen mit durchdringendem Blick. »Da ich in dieser Subpräfektur nicht der zuständige Richter bin, werde ich dem Schuldigen eine einmalige Möglichkeit einräumen.« Er blieb vor einem jungen Kerl stehen, der leise wimmerte. »In meiner übergroßen Güte werde ich gegenüber dem Schuldigen Barmherzigkeit walten lassen, die er selbst mit Shang nicht hatte. Ich gebe ihm die Möglichkeit, ein Quäntchen Ehre zurückzuerlangen, indem er sein Verbrechen gesteht, bevor er angeklagt wird. Nur so kann er der Schmach und der schlimmsten Todesart von allen entgehen.«

Der Regen trommelte aufs Dach. Kein weiterer Laut war zu hören. Wie ein Tiger auf der Jagd, in höchster Anspannung und äußerst wachsam schritt Feng die Reihe der Bauern ab. Die Männer schwitzten, die Kleidung klebte ihnen auf der Haut.

»Zeig dich, Elender! Es ist deine letzte Chance!«, zischte der Richter. Doch niemand rührte sich.

Feng ballte die Fäuste, ging entschlossen auf Ci zu, riss ihm das Blatt mit den Aufzeichnungen aus der Hand und tat so, als studierte er sie noch einmal. Dann wanderte sein Blick wieder zu den Bauern. Ci fürchtete, dass Feng jeden Augenblick enttarnt werden würde. Umso mehr wunderte er sich über die Bestimmtheit, mit der er vorging.

»Verdammte Blutsauger«, zischte der Richter und verscheuchte den Schwarm Fliegen, der über der Schlachtersäge schwirrte.

»Blutsauger …«, wiederholte er gedankenvoll. Auf einmal schien er eine Eingebung zu haben. Hastig wedelte er die übrigen Insekten hinüber zu den Sicheln und beobachtete triumphierend, dass es eine Klinge gab, die alle Fliegen besonders zu interessieren schien. Die Sichel schien sauber und nichts Außergewöhnliches an sich zu haben. Feng nahm sie in die Hand und hielt sie dicht unter eine Funzel. Das Werkzeug war nur nachlässig geputzt worden, es waren immer noch Reste von Blut darauf zu erkennen. Dann leuchtete der Richter auf den Griff, der den Besitzer verriet. Als er die Inschrift las, zuckte er unwillkürlich zusammen. Das Werkzeug, das in seinen Händen lag, gehörte Cis Bruder Lu.

4

Vorsichtig betastete Ci die Wunde auf seiner Wange. Vielleicht war sie nicht schlimmer als andere, die er sich während der Arbeit auf dem Reisfeld zugezogen hatte, doch würde sie für immer Spuren hinterlassen. Er trat von dem Bronzespiegel zurück und senkte den Kopf.

»Mach dir nichts draus, Junge. Die Wunde wird vernarben, und du wirst sie mit Stolz zur Schau tragen«, tröstete ihn Richter Feng.

»Was geschieht mit ihm?«, fragte Ci tonlos.

»Du meinst, mit deinem Bruder? Du solltest froh sein, dieses Ungeheuer los zu sein«, sagte Feng und deutete auf die Reisküchlein, die man ihm gerade in seine Gemächer gebracht hatte. »Bitte, bediene dich.«

Ci lehnte ab.

»Werden sie ihn hinrichten?«

»Beim Gott der Berge, Ci, es würde mich nicht verwundern. Du hast selbst gesehen, wie er den Toten zugerichtet hat.«

»Er ist mein Bruder …«

»Und ein Mörder.« Feng seufzte. »Ci, ich weiß tatsächlich nicht, wie der zuständige Richter in diesem Fall urteilen wird. Ich gehe aber davon aus, dass er ein vernünftiger Mann ist. Ich werde ihn gern um Milde bitten, wenn dies dein Wunsch ist.«

Ci nickte hoffnungsvoll.

»Ihr wart großartig«, bemerkte er dann. »Die Fliegen auf der Klinge … das getrocknete Blut … Nie im Leben wäre ich darauf gekommen!«

»Es war eine spontane Eingebung. Als ich die Fliegen wegscheuchte, setzten sich alle auf eine ganz bestimmte Sichel. Da wurde mir klar, dass ihr Flug nicht vom Zufall gelenkt war, sondern dass sie sich auf diese Klinge setzen, weil noch Reste trockenen Blutes daran klebten, und dass es sich um die Sichel handeln musste, die dem Mörder gehörte.«

»Darf ich meinen Bruder besuchen?«, fragte Ci leise.

Feng überlegte. »Ich denke schon. Allerdings muss es uns zunächst gelingen, ihn zu fassen …«

Ci verließ die Gemächer des Richters und lief ziellos durch die kleinen Gassen, ohne darauf zu achten, dass alle Fenster sich schlossen, wenn er vorüberging. Ihm fiel auf, dass einige Nachbarn seinen Gruß nicht erwiderten, und als er den Weg Richtung Fluss einschlug, rief man ihm Beleidigungen hinterher. Die vom Regen aufgeweichten Wege waren ein Spiegel seiner Seele, er fühlte sich leer und hoffnungslos. Missmutig blickte er auf die Überreste einiger vom Wind abgedeckter Dächer, auf die terrassenförmigen Reisfelder, die sich die Berghänge hinaufzogen, auf die Barkassen der Schiffer, die verlassen auf dem Fluss vor sich hin schaukelten. Er hasste dieses Dorf. Und er hasste seinen Vater – dafür, dass er ihn betrogen hatte. Er hasste seinen Bruder für seine Brutalität und seine Einfältigkeit, er hasste die Nachbarn, die ihm durch die Wände ihrer Häuser hinterherspionierten, und er hasste den Regen, der ihn Tag für Tag innerlich und äußerlich durchweichte. Er hasste die seltsame Krankheit, die seinen Körper mit Brandwunden überzogen hatte, und sogar seine Schwestern hasste er, dafür, dass sie gestorben waren und ihn alleine mit der kleinen Mei Mei zurückgelassen hatten. Doch vor allem hasste er sich selbst. Denn wenn es etwas Unwürdigeres gab als Grausamkeit und Mord, wenn es ein Verhalten gab, das nach den konfuzianischen Regeln als schändlich und verachtenswert galt, dann war es wohl der Verrat an der eigenen Familie. Und nichts anderes hatte er getan, indem er unwillkürlich zur Verhaftung seines Bruders beigetragen hatte.

Der Regen wurde stärker. Ci drückte sich unter den niedrigen Vordächern an den Häuserfassaden entlang, und als er um eine Ecke bog, stieß er beinahe mit einem Menschenzug zusammen, der von einem Kuli angeführt wurde, der auf sein Tamburin eindrosch wie ein Verrückter. Ihm folgte ein zweiter, der ein Schild vor sich her trug, auf dem stand: »Hüter der Weisheit – Richter von Jianningfu«. Dahinter schleppten acht Träger eine geschlossene Sänfte, die mit einer feinen Jalousie verhängt war. Das Ende des Zuges bildeten vier schwerbeladene Sklaven, die das persönliche Hab und Gut des Richters von Jianningfu transportierten. Ci verneigte sich respektvoll und blickte dem Pulk mit einem mulmigen Gefühl nach. Doch dann vergaß er für einen Moment seinen Kummer und folgte dem Zug entschlossen bis zum Anwesen von Bao-Pao. Dort postierte er sich an einem der Fenster, um beobachten zu können, was im Innern vor sich ging.

Der Dorfvorsteher empfing den Hüter des Gesetzes devot und ehrfürchtig, als handelte es sich um den Kaiser höchstpersönlich. In der Zwischenzeit trugen die Bediensteten von Bao-Pao das Gepäck ins Haus. Der Dorfvorsteher trieb sie ungeduldig an, indem er in die Hände klatschte, und informierte seinen Gast über die neuesten Vorgänge und die Anwesenheit Fengs im Dorf.

»Ihr sagt, dass dieser Lu bisher nicht gefasst wurde?«, hörte Ci den Richter aus Jianningfu fragen.

»Das verdammte Unwetter macht es den Hunden schwer, Witterung aufzunehmen, aber wir werden ihn bald finden. Seid Ihr hungrig?«

»Natürlich!« Der dicke Mann ließ sich auf dem kleinen Schemel am Kopf des Tisches nieder. »Sagt, ist der Angeklagte nicht der Sohn des Staatsbeamten?«

»Lu? Ja, in der Tat. Euer Gedächtnis ist nach wie vor phänomenal.«

Bao-Pao war gerade dabei, seinem Gast Tee nachzuschenken, als Feng den Saal betrat.

»Man hat mich eben erst informiert«, entschuldigte sich Feng mit einer Verbeugung. Als der Hüter der Weisheit bemerkte, dass er nach Alter und Rang unter Feng stand, erhob er sich, um ihm seinen Platz anzubieten. Doch Feng lehnte ab, nahm neben Bao-Pao Platz und begann, die Ergebnisse seiner letzten Untersuchungen darzulegen.

»Vorzüglich. Diese Karpfen sind wirklich vorzüglich«, unterbrach ihn der Hüter der Weisheit schmatzend.

Feng hob die Augenbraue. »Wie gesagt, die Angelegenheit ist heikel. Der Beschuldigte ist der Sohn eines ehemaligen Mitarbeiters von mir, und unglücklicherweise war es dessen Bruder, der den Leichnam entdeckte.«

»Das hat Bao-Pao mir erzählt«, bestätigte der Hüter. »Was für ein dummer Junge.« Ungeniert schob er sich einen weiteren Bissen in den Mund.

Ci wusste schon jetzt, dass er diesen gefräßigen Dickwanst niemals mögen würde.

»Wie dem auch sei, ich habe einen detaillierten Bericht vorbereitet, den Ihr vermutlich vor Eurer Inspektion studieren wollt«, sagte Feng.

»Wie bitte? Ah, ja. Wenn er so detailliert ist, warum dann überhaupt eine zweite Untersuchung, noch dazu wenn man so köstliche Speisen vor sich hat?« Er lachte dümmlich.

Feng erkundigte sich, ob man Ci befragen wolle, doch der Hüter winkte bloß ab. Nach einer Weile hörte er endlich auf, zu kauen, und sah Feng an.

»Lassen wir die Bürokratie beiseite und verhaften diesen Bastard.«

Noch vor dem Abend hatte ein Schnüfflertrupp von Bao-Paos Männern Lu auf einem Berg im Wuyi-Gebirge ausfindig gemacht, auf dem Weg nach Wuyishan. Der Gesuchte trug dreitausend Qian an seinem Gürtel bei sich und er wehrte sich wie ein in die Enge getriebenes Tier gegen seine Häscher. Als sie ihn endlich in ihrer Gewalt hatten, war er bereits halb tot.

* * *

Die Verhandlung sollte am selben Tag nach Sonnenuntergang stattfinden. Diese Nachricht wurde Ci und seiner Familie übermittelt, als Ci gerade versuchte, seinem Vater zu erklären, was geschehen war.

»So etwas würde Lu niemals tun!«, schluchzte der Vater. »Und du, wie konntest du dabei helfen, ihn anzuklagen?«

»Aber Vater, ich wusste doch nicht, dass Lu …« Ci senkte den Kopf. »Feng wird uns helfen. Er hat mir versprochen, dass …«

Doch der Vater war untröstlich. Wortlos nahm er Mei Mei auf den Arm und verließ zusammen mit seiner Frau das Haus.

Ci folgte ihnen traurig in einem gewissen Abstand. Er war erstaunt über die Dringlichkeit der Einberufung. Vor jedem Mordprozess mussten nacheinander zwei Untersuchungen durch verschiedene Richter angestellt werden, doch wie es schien, hatte der Hüter der Weisheit es eilig, in seine Präfektur zurückzukehren.

Das Erste, das Ci in den Blick fiel, als er den Saal erreichte, der für die Anhörung vorbereitet worden war, war die Gerichtsstandarte der Präfektur. Davor flankierten zwei Seidenlaternen ein Pult und einen leeren Sessel.

Sie mussten nicht lange warten, bis Lu eintraf. Er erschien, eskortiert von Bao-Paos Männern, mit Fuß- und Handfesseln und in ein schweres Holzjoch gespannt, was ihm das Aussehen eines geprügelten Esels verlieh und demonstrierte, dass es sich um einen gefährlichen Kriminellen handelte. Kurz darauf betrat auch der Hüter der Weisheit den Raum, bekleidet mit einer schwarzen Robe und der zweiflügeligen Kappe, die ihn als Richter auswies.

Der beisitzende Beamte verlas die Anklageschrift gegen Lu.

»Wenn der Kläger einverstanden ist, signiere er das Verlesene«, sagte der Hüter.

Der älteste Sohn des Verstorbenen kniete zum Zeichen seiner Ergebenheit nieder und schlug mit der Stirn auf den Boden, darauf reichte ihm der Gerichtsdiener die Anklageschrift zur Signatur. Der Mann befeuchtete einen Finger am Tintenstein und drückte einen roten Fingerabdruck oben auf das Papier. Der Gerichtsdiener bestätigte die Authentizität des Abdrucks mit seiner Unterschrift. Dann reichte er das Dokument dem Hüter.

»Zu Ehren unseres mächtigen Kaisers Nin Zong, Erbe des Himmlischen Reiches, und in seinem verehrten und gelobten Namen erkläre ich – sein bescheidener Diener, Hüter der Weisheit aus der Präfektur Jianningfu und Vorsitzender dieses Gerichts – nach dem Vortrag der Anklagepunkte, die den niederträchtigen Kriminellen Song Lu als Mörder seines Mitbürgers Li Shang belasten, den er ausraubte, tötete, schändete und köpfte, sowie nach den Gesetzen unseres tausendjährigen Strafgesetzbuches, des Songxingtong, alle Schlussfolgerungen für bewiesen, die sich aus dem Bericht des ehrenwerten Richters Feng ergeben. Nachdem dies feststeht, übergebe ich das Wort an den Beschuldigten und gebe ihm die Gelegenheit zum Schuldeingeständnis.«

Der Gerichtsdiener stieß Lu so grob an, dass er mit den Knien auf dem Boden aufschlug. Lus Augen lagen tief in den Höhlen, und er sah den Hüter verständnislos an.

»Ich … habe diesen Mann nicht umgebracht«, stammelte er schließlich.

Ci biss sich auf die Lippe. Seinem Bruder fehlten mehrere Zähne, er glich einem geprügelten Hund.

»Überleg dir gut, was du sagst«, warnte der Hüter Lu. »Meine Männer sind sehr geschickt mit den verschiedenen Instrumenten …«

Lu schien die Drohung nicht zu verstehen. Ci vermutete, dass er betrunken war. Eine der Wachen zwang ihn, den Boden zu küssen.

Der Hüter der Weisheit seufzte gekünstelt und hob an, Fengs Notizen vorzulesen. Als er geendet hatte, sah er Lu forschend an.

»Der Angeklagte hat gewisse Rechte. Noch ist seine Schuldigkeit nicht vollständig nachgewiesen. Geben wir ihm also die Möglichkeit zu sprechen. Sag mir, Lu, wo befandest du dich im vorletzten Mond zwischen Sonnenaufgang und Mittag?«

Lu antwortete nicht, also wiederholte der Hüter seine Frage, lauter und sichtlich irritiert.

»Ich habe gearbeitet«, antwortet Lu schließlich.

»Gearbeitet? Wo?«

»Ich weiß nicht. Auf dem Feld«, stammelte er wenig überzeugend.

»Zwei deiner Bauern sagen aber etwas anderes. Es sieht so aus, als wärst du an diesem Morgen nicht auf dem Reisfeld erschienen.«

Lu schaute ihn verständnislos an. Er hatte Mühe, aufrecht stehen zu bleiben.

»Auch wenn du dich nicht erinnerst – Lao, der Wirt, mit dem du die Nacht zuvor bis in die frühen Morgenstunden getrunken hattest, hat es nicht vergessen. Er sagt, ihr habt gewürfelt, du hast dich betrunken und viel Geld verloren«, fuhr der Hüter fort.

»Das ist unmöglich. Ich habe noch nie viel Geld besessen«, erwiderte Lu mit aufflammendem Trotz.

»Er sagt, du habest alles verloren.«

»So ist das eben, wenn man würfelt.«

»Trotzdem hing an deinem Gürtel eine Kordel mit dreitausend Qian, als du gefasst wurdest.« Der Hüter der Weisheit sah ihn streng an. »Erlaube mir, deine Erinnerung ein wenig aufzufrischen. Heute Nachmittag, als du nach dem Mord auf der Flucht warst …«

»Ich war nicht auf der Flucht …«, unterbrach Lu den Hüter wagemutig. »Ich war auf dem Weg zum Markt in Wuyishan. Ich wollte einen neuen Büffel kaufen, weil mein nichtsnutziger Bruder …«, er deutete auf Ci, »weil der da dem einzigen, den ich hatte, das Bein gebrochen hat.«

»Mit dreitausend Qian? Genug der Lügen! Jeder weiß, dass ein Büffel vierzigtausend kostet!«, rief Feng scharf dazwischen.

»Ich wollte nur eine erste Rate bezahlen«, verteidigte sich Lu.

»Klar, mit dem geraubten Geld. Du hast gerade selbst gesagt, dass du alles verloren hattest, was du besaßest, und dein eigener Vater bestätigt, dass du verschuldet bist.«

»Diese dreitausend Qian habe ich von einem Kerl gewonnen, nachdem ich die Taverne verlassen hatte.«

»Ah. Und wer war das? Ich vermute, dass diese Person das bezeugen kann?«

»Nein … ich weiß nicht … ich hatte ihn nie zuvor gesehen. Ein Betrunkener, der anbot, zu spielen, und dann verlor. Er war es auch, der mir erzählt hat, dass in Wuyishan günstig Büffel verkauft werden.Was sollte ich denn tun? Ihm den Gewinn zurückgeben?«

Richter Feng trat vor den Tisch, der als Podest diente, und bat den Hüter der Weisheit um Erlaubnis, zu sprechen. Er ging hinüber zu Lu und band die Kordel mit den Münzen los, die noch immer an seinem Gürtel hing, um sie dem Sohn des Verstorbenen zu zeigen.

»Die gehörte meinem Vater«, bestätigte der Sohn mit Blick auf die Kordel. Da sich die Räuber üblicherweise mit der kompletten Schnur aus dem Staub machten, hatte sich unter den Bauern die Gewohnheit verbreitet, die Kordeln, auf denen die Münzen aufgezogen waren, individuell zu kennzeichnen, um sie im Falle eines Raubes identifizieren zu können. Der Hüter nickte Feng zu und ging noch einmal seine Unterlagen durch.

»Sag, Lu, erkennst du diese Sichel?« Er gab einen Wink, damit der Gerichtsdiener sie ihm reichte.

Der Gefangene betrachtete sie ohne erkennbare Regung.

»Ist das deine?«, beharrte der Hüter.

Lu nickte.

»Wie es in dem Bericht heißt«, fuhr der Justizbeamte fort, »bringt Richter Feng diese Sichel unzweifelhaft mit dem Mord in Verbindung, und obwohl diese Tatsache und das Geld bereits ausreichende Beweise wären, um dich zu verurteilen, schreibt das Gesetz vor, dass ich dich zum Geständnis bringen muss.«

»Ich sage Euch noch einmal …« Lu stockte und starrte ins Leere.

»Verdammt noch mal, Lu«, brach es aus dem Hüter heraus, als Lu nichts weiter vernehmen ließ. »Aus Respekt vor deinem Vater habe ich dich noch nicht foltern lassen, aber wenn du dich weiterhin so aufführst, sehe ich mich gezwungen … Ich verliere allmählich die Geduld!«

Lu lachte wie ein Schwachsinniger. Ein Bambusstock sauste auf ihn nieder. Der Hüter winkte zwei Gerichtsdiener zu sich, die den Angeklagten dann in eine Ecke schleiften.

»Was machen sie mit ihm?«, erkundigte sich Ci ängstlich bei Feng.

»Der Maske des Schmerzes wird er kaum widerstehen.«

5

Ci zitterte am ganzen Leib, als der beisitzende Beamte mit einer unheimlichen Holzmaske wieder im Anhörungssaal erschien. Auf ein Zeichen hielten zwei Diener Lu fest, der sich wehrte wie ein Tier, als sie ihm die Maske aufsetzten und dann mit Lederriemen festzurren wollten. Lu schrie und strampelte wie ein Irrer. Einige Frauen versteckten sich furchtsam hinter ihren Männern, doch als es schließlich ruhig wurde und Lu nunmehr mit grässlicher Fratze auf seinen Platz zurückkehrte, klatschten auch sie.

»Gestehe!«, herrschte der Hüter der Weisheit den Angeklagten an. Als die Antwort ausblieb, bohrte er Lu einen Stock in den Mund. »Gestehe, und du kannst wieder Reis kauen.«

»Nehmt mir dieses verdammte Ding ab, ihr Affen!«

Der Hüter der Weisheit nickte dem Gerichtsdiener grimmig zu, der sich sogleich anschickte, die Maske enger um Lus Kopf zu spannen. Lu brüllte vor Schmerz, während sich die Metallverstärkungen der Maske mit jeder Umdrehung tiefer in seine Schläfen gruben.

Ci rang um Atem. Wenn Lu nicht sofort gestand, würden sie sein Gehirn zerquetschen wie eine Nuss im Mörser.

»Jetzt leg schon ein Geständnis ab, Bruder«, flüsterte er verzweifelt.

Doch Lu schwieg eisern, nur seine Schmerzensschreie wurden immer lauter. Ci hielt sich die Ohren zu.

»Bitte, gestehe!«, stammelte er, als er sah, wie ein Rinnsal Blut die Stirn des Bruders hinablief.

Der Gerichtsdiener zog noch fester an den Lederriemen der Maske, ein knirschendes Geräusch und gleich darauf ein unmenschliches Geheul erfüllten den Raum. Ci schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, sah er, dass Lu zusammenbrach.

Sofort befahl der Hüter der Weisheit den Gerichtsdienern, die Maske zu lockern und die Folter zu stoppen.

»Ich ge… stehe«, keuchte Lu.

Sogleich stürzte sich der Sohn des Ermordeten auf Lu und trat auf ihn ein wie auf einen Hund. Lu stöhnte, ihm fehlte die Kraft, zu schreien oder gar sich zu rühren. Die Gerichtsdiener eilten herbei, um den Rasenden von Lu fortzuzerren, dann richteten sie Lu auf und setzten seinen Fingerabdruck unter das Schuldgeständnis.

Schließlich verkündete der Hüter der Weisheit das Urteil.

»Im Namen des allmächtigen Sohnes des Himmels erkläre ich Song Lu zum geständigen Mörder des ehrenwerten Li Shang. In Anbetracht der Brutalität des Verbrechens ordne ich nach den ehrenwerten Regeln des Songxingtong den Tod Song Lus durch Enthauptung an.«

Der Hüter der Weisheit stempelte mit Rot das Urteil und beauftragte die Gerichtsdiener, den Verurteilten in den Lagerraum des Dorfvorstehers zu bringen und streng zu bewachen. Der Prozess war beendet. Ci versuchte, mit seinem Bruder zu sprechen, doch die Wachen verboten es ihm.

Als er aus dem Gebäude heraustrat, sah er seinen Vater auf allen vieren vor den Angehörigen Shangs sitzen und um Vergebung betteln, doch die Waisen schubsten ihn zur Seite wie einen Aussätzigen. Ci wollte seinem Vater aufhelfen, doch der alte Mann wehrte die Geste ab. Als er sich schließlich selbst hochgerappelt hatte, klopfte er sich den Staub aus der Kleidung und ging wortlos davon. Ci ließ sich niedergeschlagen zu Boden sinken, noch nie hatte er sich einsamer und verlassener gefühlt, begleitet nur von Bitterkeit.

Es verging eine Weile, bis Kirschblüte sich ihm vorsichtig näherte. Das Mädchen hatte sein Gesicht unter einer Kapuze verborgen, um sich für einen Augenblick von ihrer Familie zu entfernen.

»Verzweifle nicht«, flüsterte sie. »Früher oder später wird meine Familie einsehen, dass ihr anderen nicht seid wie Lu.«

»Lu hat uns entehrt«, sagte Ci.

»Auf allen Feldern gibt es Plagen. Jetzt muss ich gehen. Bete zu den Göttern für uns.« Traurig lächelnd strich sie ihm über das Haar und verschwand.

Auf eine Art, die er selbst nicht recht verstand, fühlte Ci sich seinem Bruder gegenüber schuldig. Vielleicht, weil Lu ihn in seiner Kindheit immer beschützt hatte, vielleicht, weil er trotz seiner Grobheit immer hart für die Familie gearbeitet hatte. Angesichts dieser Tragödie verblassten in diesem Augenblick die unzähligen Male, die Lu ihn beschimpft und misshandelt hatte. Lu war sein älterer Bruder, und die konfuzianische Lehre lehrte, den älteren Bruder zu respektieren und ihm zu gehorchen.

* * *

Bei Sonnenaufgang regnete und gewitterte es immer noch. Es war alles wie am Tag zuvor, abgesehen von Lus Abwesenheit.

Ci hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. Rasch zog er sich an und machte sich auf den Weg zu Feng. Er musste herausfinden, was mit seinem Bruder nun geschehen würde. Ob es eine Möglichkeit gab, das Urteil anzufechten?

Er traf Feng bei den Ställen an, wo er mit seinem mongolischen Diener das Gepäck für die Abreise vorbereitete. Als er Ci sah, legte er alles aus der Hand und ging auf ihn zu. Er sagte, dass sie über Land nach Nanchang reisen würden, wo sie eine der Reisschaluppen besteigen wollten, die in RichtungYangtse fuhr. Er musste in einer dringenden Mission zur nördlichen Grenze, die ihn mehrere Monate lang beschäftigen würde.

»Aber Ihr könnt uns doch nicht so zurücklassen, kurz vor der Hinrichtung meines Bruders.«

Feng legte ihm väterlich den Arm um die Schulter und erklärte ihm, dass in Fällen der Todesstrafe das Hohe Kaiserliche Gericht in Lin’an das Urteil bestätigen musste, was bedeutete, dass Lu in ein Staatsgefängnis verlegt wurde, bis das endgültige Urteil gesprochen war.

»Und das wird nicht vor dem nächsten Herbst geschehen«, schloss er.

»Das ist alles? Und was ist mit einer Anfechtung des Urteils? Wir könnten eine Wiederaufnahme des Falls fordern. Ihr seid der beste Richter und …«, bettelte Ci.

»Ehrlich gesagt, Ci, hier ist nicht mehr viel zu tun. Der Hüter der Weisheit hat in dieser Angelegenheit die volle Befugnis, und ich würde seine Ehre verletzen, wenn ich mich einmischte.«

Er reichte seinem Diener einen Packen, dann wandte er sich seufzend wieder an Ci.

»Ich kann höchstens versuchen zu empfehlen, dass man deinen Bruder nach Sichuan im Westen des Landes verlegt. Ich kenne den Vorsteher, der die Salzminen leitet, und durch ihn weiß ich, dass man dort die Verurteilten, die fleißig arbeiten, länger am Leben lässt.«

»Richter Feng … Es gibt keine Beweise«, rief Ci flehend. »Kein normaler Mensch würde für dreitausend Qian töten …«

»Du sagst es selbst: Kein normaler Mensch …« Feng schüttelte den Kopf. »Versuche nicht, eine rationale Erklärung für das Verhalten eines jähzornigen Betrunkenen zu finden, denn das wird dir nicht gelingen.«

Ci senkte den Kopf. »Werdet Ihr mit dem Hüter sprechen?«

»Ich habe dir gesagt, dass ich es versuchen werde.«

»Ich … weiß nicht, wie ich Euch danken soll.« Ci ließ sich vor dem Richter auf die Knie sinken.

»Du bist beinahe wie ein Sohn für mich, Ci.« Feng zog ihn wieder auf die Füße. »Der Sohn, den der Gott der Fruchtbarkeit mir verwehrt hat … Die Kleinlichen dürsten nach Besitz, Geld oder Vermögen, dabei ist der größte Reichtum der, den eine Nachkommenschaft dir schenkt, die dich im Alter pflegt und im Jenseits ehrt.« Ein Donnergrollen unterbrach seine Rede. »Verdammtes Gewitter! Das war ganz schön dicht … Jetzt muss ich mich auf den Weg machen. Grüß deinen Vater von mir.« Feng fasste Ci bei den Schultern. »In ein paar Monaten, wenn ich nach Lin’an zurückkehre, kümmere ich mich um die Revision.«

»Danke, ehrenwerter Feng«, sagte Ci leise, ging erneut in die Knie und berührte mit der Stirn den Boden, um seine Bitterkeit zu verbergen. Als er wieder aufblickte, war der Richter verschwunden.

* * *

Ci versuchte, mit seinem Vater zu sprechen, doch es gelang ihm nicht. Der Mann hatte sich in sein Zimmer zurückgezogen und die Tür von innen verriegelt. Die Mutter bat Ci, den Vater nicht zu belästigen. Im Übrigen sei Lu ein erwachsener Mann, und alles, was sie für ihn zu tun versuchten, würde seine Schmach nur vergrößern. Ci nickte stumm. Er musste sich also allein um die Angelegenheit kümmern.

Mittags bat er um eine Audienz beim Hüter der Weisheit, er wollte erfahren, ob Fengs Bemühungen Früchte getragen hatten. Der Justizbeamte empfing Ci überaus freundlich und bot ihm etwas zu essen an.

»Feng hat nur Gutes von dir erzählt. Eine Schande, das mit deinem Bruder … Sag mir, was ich für dich tun kann.«

Seine Freundlichkeit hörte nicht auf, Ci zu erstaunen.

»Richter Feng sagte mir, dass er mit Euch über die Minen von Sichuan sprechen wollte«, gab Ci zur Antwort, nachdem er sich verbeugt hatte. »Er sagte, Ihr könntet meinen Bruder dorthin schicken.«

»Ach ja, die Minen …« Der Hüter der Weisheit tat sich an einem Stück Kuchen gütlich und fuhr laut schmatzend fort: »Schau, mein Junge, im Altertum waren viele Gesetze überflüssig, denn es reichten fünf Beobachtungen: Man betrachtete die Vorfahren, das Minenspiel und die Gestik, hörte auf die Atmung und lauschte den Worten des Angeklagten. Nichts weiter war nötig, um eine schwarze Seele zu erkennen.« Er nahm einen weiteren Bissen. »Aber heute stehen die Dinge anders. Heute kann ein Richter die Vorfälle nicht mehr … sagen wir, mit derselben Leichtfertigkeit interpretieren«, sagte er. »Verstehst du, was ich sagen will?«

Ci nickte, obwohl er nichts verstand. Der Hüter fuhr fort.

»Du möchtest also, dass Lu in die Minen von Sichuan verlegt wird …« Er wischte sich die Hände an einem Tuch ab und stand auf, um ein Dokument zu holen. »Mal sehen … ah, hier ist es. Es ist tatsächlich so, dass unter bestimmten Umständen die Todesstrafe in eine Verbannung umgewandelt werden kann, wenn ein Angehöriger als Gegenleistung die nötige Summe aufbringt.«

Ci spitzte die Ohren.

»Leider gibt es im Fall deines Bruders keinen Zweifel. Lu hat sich des schlimmsten aller Verbrechen schuldig gemacht.« Der dicke Mann hielt einen Moment inne, um seinen nachfolgenden Worten Gewicht zu verleihen. »Und du solltest dankbar sein, dass ich die Enthauptung Shangs im Verfahren nicht als Teil irgendeiner familiären Magie betrachtet habe, denn dann würde nicht nur Lu den Tod der tausend Schnitte sterben, sondern auch du und deine Familie, ihr würdet lebenslänglich von hier verbannt.«

Ci wurde flau im Magen. In der Tat besagte das Gesetz, dass die Angehörigen des Schuldigen, auch wenn sie des Verbrechens selbst unschuldig waren, mit dem Verbrecher doch dieselbe böswillige Natur teilten und in die Verbannung geschickt werden durften. Doch warum kam der Hüter der Weisheit darauf zu sprechen, was bezweckte er damit?

Als der Justizbeamte Cis Verwunderung bemerkte, wurde er deutlicher.

»Bao-Pao hat mir erzählt, dass deine Familie Ländereien besitzt. Ländereien, für die er deinem Vater einst eine faire Summe geboten hat.«

»Das ist richtig«, stammelte Ci.

»Und Feng sagte mir, dass es unter diesen Umständen besser wäre, wenn ich mit dir redete statt mit deinem Vater.« Er erhob sich und kontrollierte, ob die Tür gut verschlossen war. Dann kam er zurück an den Tisch und setzte sich.

»Entschuldigt, aber ich verstehe nicht …«

»Sieh mal, Ci, es geht darum, dass wir uns vielleicht über die Summe einig werden könnten, die deinen Bruder vor der Folter rettet.«

* * *

Ci verbrachte den Rest des Nachmittags damit, über den Vorschlag des Hüters der Weisheit nachzudenken. Vierhunderttausend Qian schienen ihm eine maßlos hohe Summe, doch gleichzeitig vollkommen nichtig, wenn sie dazu diente, das Leben seines Bruders zu retten. Als er zu Hause ankam, überraschte er seinen Vater beim Studieren von Dokumenten. Der Alte hustete linkisch und stopfte sie schnell in die rote Truhe. Dann drehte er sich zu Ci um.

»Nun störst du mich schon zum zweiten Mal. Beim dritten Mal wird es dir leid tun.«

»Ihr habt ein Strafgesetzbuch, nicht wahr?« Der Vater antwortete nicht auf das, was er für eine Ungezogenheit hielt, doch Ci fuhr fort: »Ich muss dort etwas nachsehen.Vielleicht kann ich Lu helfen.«

»Wer hat das gesagt? War das Feng, der Schuft? Beim Großen Buddha, vergiss deinen Bruder, der hat uns wahrhaft genug Ärger gemacht.«

Die harten Worte seines Vaters irritierten Ci.

»Wer es mir gesagt hat, ist nebensächlich. Das Wichtige ist, dass unsere Ersparnisse Lu retten könnten.«

»Unsere Ersparnisse? Seit wann hast du Ersparnisse? Vergiss deinen Bruder und halte dich fern von Feng.«

»Aber Vater … Der Hüter der Weisheit hat mir versichert, dass, wenn wir ihm vierhunderttausend Qian geben …«

»Schlag dir das aus dem Kopf ! Weißt du, wie viel wir haben? In sechs Jahren als Buchhalter habe ich nicht einmal hunderttausend verdient. Die Hälfte habe ich dafür ausgegeben, uns zu unterhalten, und die andere Hälfte für dich. Von heute an sind wir auf uns gestellt, also spar dir deine Energie für die Feldarbeit auf, denn da wirst du sie ab sofort brauchen.« Er bückte sich und deckte die Truhe mit einem Tuch ab.

»Vater, an diesem Verbrechen gibt es etwas, das ich nicht verstehe. Ich muss herausfinden, was tatsächlich geschehen ist.«

Der Alte hob drohend die Hand gegen Ci. Was, um Himmels willen, war in seinen Vater gefahren? Auf unerklärliche Weise hatte er sich vom ehrenhaften Familienoberhaupt in einen grauhaarigen Alten verwandelt, der in diesem Augenblick zitternd vor Wut und mit zusammengekniffenen Lippen vor ihm stand und ihn offenbar schlagen wollte. Ci wandte sich fassungslos ab und verließ das Haus. Er würde später selbst nach dem Strafgesetzbuch suchen.

Ci lief durch den Regen, bis er das Haus der Familie von Kirschblüte erreichte. Davor stand ein kleiner Totenaltar, den der Regen in einen Haufen umgefallener Kerzen und zerpflückter Blumen verwandelt hatte. Er stellte alles auf und schlich um die Eingangstür herum zu dem Zimmer, in dem seine Verlobte zu ruhen pflegte. Dort schützte das Vordach ihn vor dem Regen. Wie üblich klopfte er mit einem Kieselstein an einen der Holzbalken und wartete auf ihre Antwort. Es schien ihm wie eine Ewigkeit, bis schließlich ein leises Geräusch verriet, dass sich das Mädchen auf der anderen Seite befand.

Sie konnten nur selten miteinander sprechen, die strengen Regeln der Verlobungszeit machten es beinahe unmöglich. Alle Ereignisse und Feste, zu denen sie sich sehen durften, waren festgelegt, doch von Zeit zu Zeit gelang es ihnen, eine zufällige Begegnung auf dem Markt zu arrangieren. Dann berührten sich ihre Hände kurz unter dem Fischstand, oder sie warfen sich Blicke zu, um sich ihrer Zuneigung zu versichern.

Er verzehrte sich nach ihr. Oft schwelgte er in der Vorstellung, sanft über ihre weiße Haut zu streichen, über ihr rundes Gesicht und ihre wohlgeformten Hüften. Er träumte von ihren Füßen, die immer verhüllt waren und die er sich klein und grazil vorstellte wie die seiner Schwester Mei Mei. Füße, die Kirschblütes Mutter ihr von klein auf eingebunden hatte, damit sie aussahen wie die Füße der Frauen von hoher Abstammung.

Das Trommeln des Regens riss ihn aus seinen Phantasien zurück in eine Nacht, in der nicht einmal die Hunde draußen schliefen. Es regnete, als hätten die Götter die Staudämme des Himmels eingerissen, und nur das sporadische Aufleuchten von Blitzen am Horizont durchbrach die Dunkelheit. Trotzdem rührte er sich nicht. Er wurde lieber nass wie eine Ratte, als dass er nach Hause zurückkehrte und sich erneut der unverständlichen Raserei seines verblendeten Vaters aussetzte. Er wusste nicht, was er tun sollte. Durch die Ritzen der Balken flüsterte er Kirschblüte zu, dass er sie liebte, und sie klopfte einmal zur Antwort. Konnten sie auch nicht sprechen, da sie womöglich ihre Familie weckten, so spürte er doch wenigstens ihre Nähe. Er kauerte sich gegen die Wand und richtete sich ein, die Nacht unter dem Vordach zu verbringen, geschützt vor dem Wüten des Unwetters. Bevor er einschlief, dachte er an seine Unterhaltung mit dem Hüter der Weisheit. Er durchschaute den schändlichen Egoismus, der sich hinter dem Vorschlag des Hüters verbarg – und dennoch schien ihm der Handel die einzige Möglichkeit, Lu vor dem grausamen Tod der tausend Schnitte zu bewahren.

6

Ci schlief wie ein Stein unter Kirschblütes Fenster, bis ein furchtbarer Knall ihn hochfahren ließ. Benommen rieb er sich die Augen und versuchte zu begreifen, was geschehen war. Dann hörte er lautes Geschrei und lenkte seinen Blick in die Richtung, aus der es kam. Sein Herz setzte einen Schlag aus. Am nördlichen Rand des Dorfes stieg eine breite Rauchsäule auf, genau dort, wo das Haus seiner Familie stand. Von Furcht getrieben, schloss er sich dem Strom von Dorfbewohnern an, die aus ihren Häusern krochen wie Mäuse aus ihren Löchern. Dann rannte er wie ein Verzweifelter los, schob die Schaulustigen beiseite, rannte immer schneller, und mit jedem Schritt wuchs seine Angst.

Schwer legten sich die Rauchschwaden auf seine Lunge, als er sich dem Haus näherte. Wehklagende Menschen irrten umher, er stieß mit einem blutüberströmten Jungen zusammen, dessen Augen vor Schreck geweitet waren. Es war sein Nachbar Chun. Als er ihn an den Armen fassen und fragen wollte, was geschehen war, brach der Junge zusammen. Verstört sah Ci sich nach Hilfe um, doch als er sich über Chun beugte, wusste er, dass jede Hilfe zu spät kommen würde – der Junge war tot.

Ci kämpfte sich durch den Haufen aus Schutt und Holzbalken, die den Lehmboden der Straße übersäten. Chuns Haus war vollkommen zerstört. Fassunglos starrte er auf das Nachbargrundstück. Dort, wo einmal das Haus seiner Familie gestanden hatte, lagen nur noch die Trümmer des Infernos, das hier gewütet hatte. Ein Friedhof aus Steinen, glühenden Balken und eingestürzten Wänden bot sich ihm dar. Ein scharfer Geruch durchdrang alles, Panik schnürte ihm die Luft ab – wer unter diesen Trümmern begraben war, lag bereits in seinem eigenen Grab.

Unwillkürlich stürzte er sich auf den Haufen aus Dachbalken und kaputtem Hausrat, der sich vor ihm auftürmte, und während er blindlings Steine und Holz beiseite warf und über die eingestürzten Mauern kletterte, rief er immer wieder die Namen seiner Eltern und seiner Schwester.

»Barmherzige Götter, tut mir das nicht an! Tut mir das nicht an!«

Wie ein Irrer schaufelte er die Überbleibsel seines Zuhauses von hier nach dort, seine Fingernägel brachen im Lehm und an Pfeilern, er verletzte sich an scharfen Ziegelsteinen und glühendem Holz, doch das klopfende Herz in seiner Brust ließ ihm keine Pause zum Nachdenken. Plötzlich entdeckte er zwei Hände neben den seinen. Er schrie auf, doch dann sah er durch den dichten Rauch, dass jemand an seiner Seite im Schutt wühlte. Mehrere Nachbarn waren damit beschäftigt, die Ruine zu durchwühlen wie Grabräuber.

Schließlich hob er mit letzter Kraft einen Balken an und ließ ihn sogleich entsetzt wieder fallen: Zerquetscht unter dem Schutt lagen die fürchterlich zugerichteten Leichen seiner Eltern. Ci verlor den Halt und schlug irgendwo mit dem Kopf auf. Plötzlich war nichts mehr als Rauch und Dunkelheit um ihn.

* * *

Als Ci wieder zu sich kam, begriff er nicht gleich, wo er sich befand, warum er mitten auf der Straße zwischen lauter Unbekannten auf dem Boden lag. Seine Kehle war trocken, er musste etwas trinken. Als er versuchte, sich aufzurichten, hielt ein Nachbar ihn zurück. Da erst bemerkte er, dass jemand seine Tagelöhner-Lumpen gegen frische weiße Wäsche ausgetauscht hatte: die Farbe des Todes und der Trauer. Was war geschehen? In seinem Kopf wirbelten Traum und Realität durcheinander.

»Was … was ist passiert?«, brachte er mühsam hervor.

»Du bist gestürzt und mit dem Kopf aufgeschlagen«, gab der Nachbar knapp zurück.

»Und hier … Was ist hier geschehen?«

»Das wissen wir nicht. Wahrscheinlich war es ein Blitzschlag.«

»Ein Blitzschlag?«

Allmählich kehrte Cis Erinnerung zurück. Ein lauter Knall hallte in seinem Kopf wider, derselbe, der ihn in der Nacht zuvor aufgeweckt hatte. Verzweifelt schaute er sich um.

»Das kann nicht wahr sein«, schluchzte er. »Das ist alles nur ein böser Traum.«

M

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